FilmWelt: Die Wand

„Die Wand“ (2012) ist der späte Versuch einer Verfilmung des gleichnamigen Romans der 1970 verstorbenen Schriftstellerin Marlen Haushofer. Sie hatte diese Geschichte bereits 1963 geschrieben – für mich durchaus überraschend, denn ich hatte beim Ansehen des Films häufig das Gefühl, eine Replik auf unsere modernen Zeiten zu Gesicht zu bekommen: Was passiert, wenn man uns aus unserer ständigen Erreichbarkeit und dem geradezu grotesken Hamsterrad, in dem sich viele von uns heute befinden, komplett herausreißen würde?

Gesamteindruck: 5/7


Allein in den Bergen.

Eingangs möchte ich direkt anmerken, dass ich den Roman „Die Wand“ bis dato nicht gelesen habe. Das werde ich zwar sicher noch nachholen; allerdings bedeutet das auch, dass ich mich im Folgenden nur auf die Verfilmung durch Julian Pölsler, der auch für das Drehbuch verantwortlich zeichnet, beziehe. Zu lesen ist übrigens, dass der Roman lange als unverfilmbar galt. Wie gut Pölsler die Tonalität des Vorbildes getroffen hat, entzieht sich aus genannten Gründen zwar meiner Kenntnis, ich habe aber das Gefühl, dass es sich hierbei durchaus um eine werkstreue Umsetzung handeln könnte. Denn „Die Wand“ atmet schon sehr deutlich den Geist einer bedächtigen und philosophisch anmutenden Geschichte.

Worum geht’s?
Eine Frau, deren Name und Beruf nie genannt wird, möchte mit einem befreundeten Paar einige Tage in einer Jagdhütte verbringen. Doch schon nach der ersten Nacht merkt die Protagonistin, dass etwas nicht stimmt: Ihre Reisegefährten sind augenscheinlich nicht von einem Spaziergang ins nahegelegene Dorf zurückgekehrt. Gemeinsam mit Jagdhund „Luchs“ macht sie sich auf die Suche nach ihren Freunden – nur um festzustellen, dass der Weg abrupt an einer unsichtbaren, undurchdringlichen Wand endet. Dieses merkwürdige, offenkundig unzerstörbare Gebilde scheint die Hütte in weitem Umkreis vollkommen von der Außenwelt isolieren, ein Ausweg ist nicht zu finden…

Inhaltsangabe und Setting geben es schon vor: Die Besetzung der Hauptrolle ist in „Die Wand“ von zentraler Bedeutung. Der Fokus liegt also voll und ganz auf der deutschen Schauspielerin Martina Gedeck, die diese schwierige Aufgabe meiner Ansicht nach sehr gut löst. Wobei ich nicht verhehlen möchte, dass ich trotz starker Leistung gewisse Probleme mit der von ihr dargestellten Figur habe, was aber eher dem Drehbuch (oder eher der Vorlage?) geschuldet sein dürfte. Dass die Protagonistin ein völlig unbeschriebenes Blatt ist, wir weder Namen noch Profession, ja, nicht einmal das Verhältnis zu ihren Reisegefährt:innen, erfahren, macht eine Einordnung des Gesehenen – und auch eine Identifikation – schwierig. Ich hatte ferner den Eindruck, dass sich auch die Gedeck selbst schwer damit getan haben könnte, eine derart vage und ungreifbare Person lebendig rüberzubringen. Nur so ist mir das sehr distanzierte und kühle Auftreten erklärlich – es sei denn, ich wiederhole mich, das Buch ist ähnlich nüchtern verfasst. Akte der Emotion und der Verzweiflung gibt es zwar gelegentlich, sie wirken aber nie so authentisch wie die Abgeklärtheit, mit der die einsame Heldin meistens auftritt. Neben Martina Gedeck gibt es in fast 2 ½ Stunden Film übrigens nur fünf weitere Personen zu sehen, von denen wiederum nur zwei (das befreundete Pärchen) überhaupt Text haben und länger als ein paar Sekunden zu sehen sind.

Was, zumindest mir, zudem sehr stark, fast schon unangenehm, aufgefallen ist: Die teils fehlende Logik im Verhalten (mag sein, dass das im Buch ebenfalls so ist, dann will ich nichts gesagt haben – aber der Film sollte für sich genommen schon auch Sinn machen). So versucht die Protagonistin zwei Dinge zu keinem Zeitpunkt, die ich eigentlich erwartet hätte (und von denen ich einfach mal behaupte, dass ich sie an ihrer Stelle probiert hätte): Sie unternimmt erstens keine Wanderung entlang der Wand, um herauszufinden, ob sie tatsächlich komplett eingeschlossen bzw. wie groß ihr Gefängnis wirklich ist (zugegeben, das dürfte im Gebirge sehr mühsam und teils unmöglich sein). Und zweitens versucht sie sich zu keinem Zeitpunkt, unter der Wand durchzugraben oder auch mal im See zu schwimmen, um festzustellen, ob das Hindernis über bzw. unter Wasser überhaupt besteht. Auch hätte mich interessiert, wie der Wechsel der Jahreszeiten, der innerhalb der Wand ganz normal von Statten geht, außerhalb der Zone aussieht – immerhin gibt es dort zwei „versteinerte“ Personen in Sommerkleidung, ich hätte zu gerne gesehen, was mit denen im Winter passiert.

Starke Naturbilder.

Dass man überhaupt in Versuchung gerät, über vermeintlichen Lücken nachzudenken, hat einen Grund: „Die Wand“ verfügt erwartungsgemäß über außerordentlich starke Bilder. Vor allem die Natur (gedreht wurde im oberösterreichischen Dachsteinmassiv) wurde von der Kamera auf beeindruckende Art und Weise eingefangen; nicht nur im Großen, sondern auch in unmittelbarer Umgebung des Schauplatzes. Hier möchte ich vor allem die Unnahbarkeit des Waldes hervorheben, die, auch unter Zuhilfenahme einer entsprechenden Geräuschkulisse, so eindringlich eingefangen wurde, dass man das unbehagliche Gefühl der modernen Städterin gegenüber der wilden Natur zu spüren glaubt. Einerseits großartig gemacht, andererseits kostet der Film manche Außenaufnahmen, die sich mit der Zeit auch zu ähneln beginnen, viel zu sehr aus. Will sagen: Sobald man sich daran sattgesehen hat, beginnen die Gedanken zu wandern und man hofft, dass sich die Protagonistin mal wieder der Wand nähert und man ein Stück zur Lösung des Puzzles erhält.

Letzteres passiert übrigens nicht, so viel darf ich wohl verraten. Der Film führt nirgendwo hin, er hat weder ein gutes, noch ein schlechtes Ende, sondern läuft einfach still und leise aus. Ich denke, dass das der Vorlage geschuldet sein dürfte – die Protagonistin, die ja auch Ich-Erzählerin ist, schreibt den Teil ihrer Geschichte, den wir im Film zu sehen bekommen, auf ein paar Blättern Papier nieder, die sie in der Hütte findet. Als ihr die ausgehen, endet die Handlung (und das Buch, nehme ich wenigstens an). Nun haben offene Ende ja was für sich, nur ist es in vorliegendem Fall so, dass man komplett in der Luft hängt – weder wird die Wand als solche thematisiert (die ist eben einfach da), noch das spätere Schicksal der tragischen Heldin. Ob und wie gut man mit diesen Dingen leben kann, hängt wohl vom persönlichen Geschmack ab, mir persönlich war das letzten Endes doch ein bisschen zu unkonkret, um mir wirklich zu gefallen.

Blendet man das offene Ende und die Nicht-Erklärung der Wand aus, der Film eigentlich ganz klassischer Stoff: Wie weiland Robinson Crusoe ist die Protagonistin von jetzt auf gleich von allen Annehmlichkeiten der Zivilisation abgeschnitten und muss lernen, mit für sie vollkommen neuen Mitteln für ihr Überleben zu sorgen. Die physischen und psychischen Implikationen, die das mit sich bringt, reißt der Film aber nur an, grundsätzlich scheint mir eher die Nichtigkeit des Menschen gegenüber der Macht der Natur das Thema zu sein. Und natürlich die Einsamkeit – wobei „Die Wand“ dem Gedanken, zurück zur Natur zu gehen, durchaus auch eine positive Note verleiht.

Fazit: Auch wenn obiger Text vielleicht ein bisschen negativ klingt, hat mir „Die Wand“ über weite Strecken sehr gut gefallen. Es gibt ein paar Längen, die sind allerdings zu verschmerzen. Und letztlich ist sogar die kühle Distanziertheit der Protagonistin keine schlechte Sache – sie ist eine Art Neutrum, mit dem sich vermutlich ein größerer Teil des Publikums wirklich identifizieren kann, als mit einem völlig überzeichneten Hollywood-Helden.

Gesamteindruck: 5/7


Originaltitel: Die Wand.
Regie:
Julian Pölsler
Drehbuch: Julian Pölsler
Jahr: 2012
Land: Österreich, Deutschland
Laufzeit: ca. 110 Minuten
Besetzung (Auswahl): Martina Gedeck, Karlheinz Hackl, Ulrike Beimpold, Julia Gschnitzer, Hans-Michael Rehberg



Werbung

Ein Gedanke zu “FilmWelt: Die Wand

  1. Pingback: Filme A-Z | Weltending.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..