FilmWelt: Lucky # Slevin

Manchmal hat man auch … naja… Glück: Von „Lucky # Slevin“ (2006) hatte ich bis Kurzem trotz beachtlichen Star-Aufgebots noch nie etwas gehört. Dass ich mir diesen sehr unterhaltsamen Film dennoch angesehen habe, war dem eigentlich ärgerlichen Phänomen geschuldet, dass Streaming-Dienste ihr Angebot laufend ändern.

Gesamteindruck: 6/7


Temporeich, unterhaltsam, überraschend.

Amazon Prime Video hat eine eigene Kategorie für Filme und Serien, die „nur noch kurze Zeit“ in der Flatrate enthalten sind. Dass der Streaming-Dienst seine Abonnent:innen darauf hinweist, ist eine gute Sache (dass stetig Filme aus dem Angebot fliegen und dann, wenn überhaupt, nur noch gegen Aufpreis erhältlich sind, ist hingegen ein echtes Ärgernis), nimmt sie einem doch die oft unmögliche Entscheidung ab, was man sich als Nächstes ansehen soll. Oder man entdeckt überhaupt erst dadurch Perlen, die man bis dahin gar nicht auf dem Schirm hatte. Genau so erging es mir mit vorliegendem Werk von Regisseur Paul McGuigan, das ich mir kurz vor seinem (zwischenzeitlichem?) Verschwinden aus der Amazon’schen Flatrate angesehen habe.

Worum geht’s?
Slevin Kelevra hat nicht nur einen unmöglichen Namen, sondern ist scheinbar auch ein außerordentlicher Pechvogel: Eigentlich will er nur einen Kumpel in New York besuchen, doch kaum im Big Apple angekommen, wird ihm bei einem Überfall die Nase eingeschlagen. Und das ist nur der Anfang, denn sein Freund Nick ist verschwunden. Bald stellt sich heraus, dass das wohl mit undurchsichtigen Geschäften zu tun hat, in die er verwickelt war. Und dass Nick ausgesprochen unangenehmen Leuten eine Menge Geld schuldet, muss Slevin am eigenen Leib erfahren, als er von deren Handlangern in die Mangel genommen wird. Doch zum Glück gibt es noch Nachbarin Lindsey, die sich in den Kopf gesetzt hat, gemeinsam mit Slevin das Verschwinden von Nick aufzuklären…

Nominell hätte „Lucky # Slevin“ eigentlich ein großer Hit sein müssen, schließlich kommt es nicht jeden Tag vor, dass sich Morgan Freeman, Sir Ben Kingsley, Bruce Willis und Lucy Liu am Set die Klinke in die Hand geben treffen. Umso erstaunlicher, dass kein Verleih den Film anno 2006 in die deutschsprachigen Kinos bringen wollte. Warum das so war, erschließt sich mir nicht – vielleicht war die anfängliche Sperrigkeit (der Aufbau erinnert ja ein wenig an „Pulp Fiction“ (1994) von Kult-Regisseur Quentin Tarantino, abschreckend)? Wie dem auch sei, Paul McGuigan musste hinnehmen, dass „Lucky # Slevin“ in unseren Breiten 2007 direkt auf DVD erschienen ist.

Ein nicht ganz so bekannter Hauptdarsteller.

Führt man sich die Starparade von „Lucky # Slevin“ vor Augen, stellt sich zwangsläufig die Frage, welche dieser Legenden denn nun die Hauptrolle spielt. Die etwas überraschende Antwort: Niemand, denn die Titelfigur wird von Josh Hartnett verkörpert. Der US-Amerikaner war damals zwar gut gebucht und hatte mit „40 Tage und 40 Nächte“ 2001 seinen Durchbruch gehabt – seine Karriere war insgesamt aber ein ständiges Auf und Ab (was sich bis heute nicht geändert hat). Interessant also, dass der Regisseur ausgerechnet ihm die tragende Rolle zugetraut hat – andererseits hatte McGuigan einige Jahre zuvor bereits in „Sehnsüchtig“ (2004) auf Hartnett gesetzt.

Wie auch immer: Josh Hartnett macht seine Sache in „Lucky # Slevin“ für mein Dafürhalten mehr als ordentlich. Tatsächlich verkörpert er den vermeintlich naiven und vom Pech verfolgten Slevin Kelevra auf höchst sympathische und authentische Weise. Überhaupt muss man allen Darsteller:innen einen großartigen Job attestieren: Bruce Willis orientiert sich in seiner Rolle als kaltblütiger Killer stark an seiner eigenen Performance in „Der Schakal“ (1997), Morgan Freeman und Ben Kingsley erinnern an eine brutale Version von Walter Matthau und Jack Lemmon („Ein verrücktes Paar“, 1993), wobei ihnen das Kunststück gelingt, das ohne viel gemeinsame Spielzeit hinzubekommen. Und Lucy Liu gibt als neugierige Nachbarin, die zunächst Detektivin spielen will und mit der es dann auch romantische Verstrickungen gibt, ebenfalls keinen Grund zur Beschwerde (sieht man davon ab, dass die einzige größere Frauenrolle vergleichsweise blass geschrieben wurde).

Überzeugt auf (fast) allen Ebenen.

Damit Schauspieler:innen überhaupt glänzen können, braucht es aber auch ein gutes Drehbuch, passende Dialoge – und natürlich die entsprechende Regie. Zu ersterem ist zu sagen, dass „Lucky # Slevin“ sehr interessant geschrieben ist: Der Film beginnt sozusagen mittendrin, stellt seine Protagonist:innen kaum vor, wechselt immer wieder die Zeitebene. Anfangs ist das noch ziemlich verwirrend – im Laufe der knapp 2 Stunden fallen die Puzzleteile aber nach und nach an ihren Platz. Im ersten Moment mag das wirklich ein wenig nach „Pulp Fiction“ klingen, das scheint mir aber eher ein vages Gefühl zu sein, das beim Publikum entsteht; tatsächlich ist „Lucky # Slevin“ bei weitem nicht so episodenhaft und auf den ersten Blick unstrukturiert, wie der Tarantino’sche Meilenstein es war.

Dass man dennoch immer wieder an jenes Werk denkt, hat auch mit der Story zu tun, die ebenfalls von konkurrierenden Gangstern und Auftragsmördern handelt. Schwierig ist übrigens die Einordnung in ein Genre: „Lucky # Slevin“ ist gleichzeitig Gangsterfilm und Thriller, hat Action, ein wenig Romantik – und Humor, der aber wenig mit Slapstick-Comedy zu tun hat. Wahrscheinlich ist es genau diese wilde Kombination, die den Film so erfrischend macht – anders kann ich mir kaum erklären, wieso ich mich dermaßen gut unterhalten gefühlt habe. Eine starke Leistung des Regisseurs übrigens, der diese Teile so stimmig und vor allem auch intelligent zu einem Ganzen verquickt hat.

Dialoge nicht immer Top.

Einen Kritikpunkt möchte ich abschließend aber doch äußern: Weite Teile der Dialoge sind treffsicher und/oder witzig – man hört den Charakteren meist einfach gerne zu. Allerdings will „Lucky # Sleven“ gelegentlich klüger sein, als es in Wirklichkeit ist. Vor allem die gelegentlich ziemlich langen Monologe von Morgan Freeman und Ben Kingsley klingen zum Teil, als hätte man mit aller Gewalt philosophisch klingendes, pseudo-intellektuelles und bedeutungsvolles Geschwätz einbauen müssen. Oder sind das irgendwelche pop-kulturellen Referenzen, die ich nicht verstanden habe bzw. die in der Synchronisation verloren gegangen sind? Ich weiß es nicht – aber im Endeffekt ist das ohnehin nur ein kleiner Wermutstropfen für einen ansonsten rundum gelungenen Film.

Übrigens: Der Twist, mit dem man gegen Ende endlich erfährt, was es mit Slevin Kelevra auf sich hat und wieso die Dinge so geschehen sind, wie sie eben geschehen sind, ist für mein Dafürhalten einer der besten der jüngeren Filmgeschichte. Also unbedingt ungespoilert anschauen!

Gesamteindruck: 6/7


Originaltitel: Lucky Number Slevin.
Regie:
Paul McGuigan
Drehbuch: Jason Smilovic
Jahr: 2006
Land: Deutschland, USA, Kanada, UK
Laufzeit: ca. 110 Minuten
Besetzung (Auswahl): Josh Hartnett, Bruce Willis, Lucy Liu, Morgan Freeman, Ben Kingsley, Stanley Tucci



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Ein Gedanke zu “FilmWelt: Lucky # Slevin

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