FilmWelt: I Am Mother

Das Setting von „I Am Mother“ (2019) hat mich von der ersten Sekunde an gepackt: Ein mit futuristischer Technik ausgestatteter, steril wirkender Bunker, eine mit sanfter Frauenstimme sprechende künstliche Intelligenz, die Unklarheit darüber, was mit den Menschen passiert ist und wie die Außenwelt wohl aussehen mag – all das schürt unbändige Vorfreude auf den US-amerikanisch-australischen Film.

Gesamteindruck: 4/7


Mutter und Tochter.

Ich konnte es im ersten Moment kaum glauben: „I Am Mother“ ist tatsächlich das Debüt (!) des australischen Regisseurs Grant Sputore, ein Mann, der zum Zeitpunkt dieser Rezension im Dezember 2021 immer noch keinen eigenen Eintrag in der Wikipedia hat; auch nicht in der englischsprachigen, wohlgemerkt. Das hätte ich so nicht gedacht, denn vorliegendes Werk ist speziell in Sachen Atmosphäre hervorragend gelungen. Leider hat der Film aber auch erhebliche Schwächen, die würde ich aber eher auf das Drehbuch als auf die Regieleistung zurückführen. Doch ich greife vor…

Worum geht’s?
Die Menschheit hat sich wieder einmal selbst ausgelöscht – klugerweise wurde aber vorgebaut: In einer Art Bunker wurden zehntausende Embryonen eingelagert, die zu einem späteren Zeitpunkt eine neue Zivilisation auf der Erde begründen sollen. Ein humanoider Roboter, genannt „Mutter“, hat die Aufgabe, in der Sicherheit des Bunkers zunächst einzelnes Kind aus dieser menschlichen Reserve, folgerichtig als „Tochter“ bezeichnet, großzuziehen. „Tochter“ wird dabei stets im Glauben gelassen, die Außenwelt wäre unbewohnbar – was so lange funktioniert, bis sich eine Frau in die Luftschleuse verirrt. Das Mädchen lässt die Fremde wider besseres Wissen eintreten – und ab diesem Zeitpunkt ist ihre Welt nicht mehr die Gleiche…

Die Prämisse von „I Am Mother“ erinnert mich gleich an mehrere Endzeit-Geschichten: Den hermetisch abgeriegelten Bunker kennt man aus den „Fallout“-Computerspielen, die Maschinenintelligenz und ihre Ziele wirken wie eine Mischung aus „Matrix“ (1999) und „Terminator“ (1984) – und dass die Menschheit mehr oder weniger komplett per Krieg, Krankheit oder Naturkatastrophe (so klar wird das in „I Am Mother“ nicht gesagt) vernichtet wurde, ist auch nicht gerade ein Alleinstellungsmerkmal. Paradoxerweise fühlt sich das Setting trotz dieser allseits bekannten Versatzstücke unverbrauchter an, als es das eigentlich sollte. Dass speziell die Atmosphäre von „I Am Mother“ stimmt, hat zunächst einmal massiv mit der Technik zu tun, die – zumindest, solange wir uns im Bunker befinden – voll und ganz überzeugt: Sound, Bild, Special Effects, Ausstattung, Kostüme und Kulissen lassen keinerlei Wünsche offen.

Plus und Minus bei Darsteller:innen.

Mit den Darsteller:innen bin ich hingegen nicht ganz zufrieden, wobei hier die oben angedeuteten Schwächen im Drehbuch hineinspielen mögen. Jedenfalls haben mich zwei von drei Charakteren, „Tochter“ und „Frau“ (im Film gibt es keine Namen, was ebenfalls zur interessanten Atmosphäre beiträgt) in letzter Konsequenz nicht überzeugt: Tochter ist so naiv und unschuldig, wie man es erwarten würde, allerdings war mir der Charakter letzten Endes zu bieder. Wir haben es hier immerhin mit einem Teenager zu tun, der noch nie einen anderen Menschen zu Gesicht bekommen hat, sieht man von alten TV-Programmen ab – und der von einer künstlichen Intelligenz erzogen wird, einem Roboter, der nicht annähernd menschlich aussieht. Unter diesen Umständen hätte ich mir eine etwas speziellere Hauptfigur erhofft, was nicht heißen soll, dass Clara Rugaard, unterstützt durch ihr blutjunges Aussehen, ihre Rolle nicht gut spielen würde.

Leider bekommt sie im Verlauf des Films mit der von außen in den Bunker kommenden Frau (gespielt von Oscar-Preisträgerin Hilary Swank, der einzige bekannte Name der gesamten Produktion) auch keinen Gegenpart, der so richtig passt. Diese Figur soll, so vermute ich, feindselig, abweisend und misstrauisch wirken, was nicht ganz so gelingt, wie beabsichtigt. Zumindest aus meiner Sicht – mir ist es die ganze Zeit so vorgekommen, als wäre der Charakter vor allem deshalb so schwierig, weil man es nicht geschafft hat, ihn richtig und vollständig auszuarbeiten. Die Konsequenz: Ich hatte zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, dass die Chemie zwischen den beiden stimmt, dass sich diese so unterschiedlichen Figuren ergänzen würden, wie sie es mutmaßlich hätten tun sollen. Interessanterweise auch dann nicht, als sie sich im Film irgendwie doch zusammengerauft haben. Bemerkenswert übrigens auch, dass ich das nicht nur zwischen den Charakteren auf dem Bildschirm so empfunden habe, sondern auch zwischen ihren Darstellerinnen.

Übrigens hat in „I Am Mother“ ein einziger Mann eine größere Rolle: Luke Hawker bewegt sich als „Mutter“, damit als Figur mit der meisten Screentime nach „Tochter“, durch die Szenen; die Stimme des Roboters stammt allerdings von der australischen Schauspielerin Rose Byrne (auf Deutsch von Laura Maire sehr passend synchronisiert). Meines Erachtens machen beide ihre Sache großartig und erschaffen einen Charakter, bei dem man sich schwer tut, zu entscheiden, ob man ihn mögen oder fürchten sollte – ganz so, wie man es sich von einer künstlichen Intelligenz, die auf die Simulation von Gefühlen programmiert ist, erwarten würde. Das ist mit Abstand die interessanteste und am besten funktionierende Figur in „I Am Mother“.

Gute Ausgangslage leider kaum genutzt.

Mein größtes Problem ist letzten Endes, dass die Verantwortlichen aus einem hervorragenden Setting nebst grandioser Atmosphäre zu wenig machen – und damit sind wir wieder beim Drehbuch bzw. überhaupt bei der Handlung angekommen. Dass die Grundprämisse kaum erklärt wird, hat mich im ersten Moment nicht gestört; allerdings ergibt sich daraus und aus dem Aufbau des Films eine Erwartungshaltung, die kaum erfüllt wird. Heißt: Man ertappt sich fast durchgehend dabei, auf einen Aha-Moment zu warten, auf die eine Szene, in der die einzelnen Puzzlesteine endlich zu einem Gesamtbild zusammenfallen. Das passiert leider nicht, selbst ganz zum Schluss laufen die Fäden nur semi-befriedigend zusammen.

Man hofft vor allem dann auf den großen Augenblick, wenn Tochter endlich den Bunker verlässt (dass das passieren muss, ist aufgrund der Prämisse ohnehin klar). Wenn es dann soweit ist, macht sich leider Ernüchterung breit, die nichts mit den enttäuschenden CGI-Effekten der Außenwelt zu tun hat: Der Film ergeht sich in nebulösen und relativ hanebüchenen Erklärungen, denen man zwar einigermaßen folgen kann, die aber nicht so richtig zum vorher erzeugten Gefühl, hier etwas Großes zu sehen, passen wollen. Tiefgründig geht definitiv anders, sodass man am Ende konsterniert zurückbleibt – und auch ein bisschen verärgert, weil die solide Ausgangsbasis nicht für ein beeindruckendes Finale, das vielleicht sogar zum längeren Nachdenken angeregt hätte, genutzt wurde. Es ist, als hätten Regisseur und Drehbuchautor zwischendurch vergessen, welche Geschichte sie eigentlich erzählen wollten.

Fazit: „I Am Mother“ ist am Ende nicht Fisch und nicht Fleisch, der Film reißt Themen an, reflektiert sie aber nicht gut – und hallt damit letzten Endes so viel weniger nach als man sich das nach der ersten halben Stunde erhofft und erwartet hätte. Sehr schade, mit stärkerer Fokussierung wäre hier deutlich mehr drin gewesen.

Gesamteindruck: 4/7


Originaltitel: I Am Mother.
Regie:
Grant Sputore
Drehbuch: Michael Lloyd Green
Jahr: 2019
Land: Australien, USA
Laufzeit: ca. 115 Minuten
Besetzung (Auswahl): Clara Rugaard, Luke Hawker, Rose Byrne, Hilary Swank



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2 Gedanken zu “FilmWelt: I Am Mother

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