FilmWelt: 1922

Im Vorfeld dieser Rezension habe ich mir angesehen, welche und wie viele Filme eigentlich auf Werken von Stephen King beruhen. Der Umfang dieser Liste ist an sich schon beeindruckend, geradezu unfassbar ist aber, dass es seit mittlerweile vier Jahrzehnten (!) kaum ein Jahr gibt, in dem nicht Geschichte des Meisters in irgendeiner Form auf Zelluloid gebannt wurde. Etwaige „Leerstände“ werden in der Regel durch umgebende Jahre locker wettgemacht; so gab es z. B. 2018 keine King-Verfilmung, dafür sind 2017 und 2019 nicht weniger als drei Serien und acht (!!) Filme erschienen. Darunter auch die von Publikum und Kritik weitgehend wohlwollend aufgenommene Netflix-Produktion „1922“.

Gesamteindruck: 5/7


Du sollst nicht töten.

Bei Verfilmungen von Romanen und Geschichten des US-Schriftstellers weiß man nie, was einen erwartet. Auf Vorlagen, die aus seiner Feder stammen, basieren einerseits so grandiose Filme wie „Shining“ (1980), „Die Verurteilten“ (1994, gilt gemeinhin als einer der besten Filme aller Zeiten) und „The Green Mile“ (1999). Andererseits gibt es jede Menge zu Recht in Vergessenheit geratene Machwerke wie „Werwolf von Tarker Mills“ (1983) oder „Der Rasenmäher Mann“ (1992). Und dann gibt es noch eine ganze Reihe von Umsetzungen, die – auf unterschiedlichstem Niveau und mal mehr, mal weniger werktreu – zwischen diesen Polen liegen. Dort würde ich auch das auf der gleichnamigen Novelle (2010 in der Sammlung „Zwischen Nacht und Dunkel“ erschienen) basierende „1922“ aus dem Jahr 2017 einordnen: Kein Meisterwerk aber eine grundsolide King-Verfilmung.

Worum geht’s?
Wilfred und Arlette James leben gemeinsam mit ihrem Sohn Henry als Farmer im US-Bundesstaat Nebraska. Das bescheidene Einkommen reicht gerade so, um die Familie über Wasser zu halten. Mit diesem entbehrungsreichen Leben gibt sich Arlette nicht mehr zufrieden – sie beschwört daher ihren Mann, das Land zu verkaufen und in die Stadt zu ziehen. Davon will Wilfred, dem das Leben auf seinem eigenen Land gefällt, nichts hören. So reift in ihm schließlich der Entschluss heran, seine Frau, die ihm mit Scheidung und Entziehung des gemeinsamen Sohnes droht, zu beseitigen…

Das zentrale Thema von „1922“ findet sich in verschiedensten Ausführungen und Nuancen immer wieder bei Stephen King: Das Unvermögen, zwischenmenschliche Probleme zu lösen und die Frage nach dem Umgang mit der eigenen Schuld. Manchmal verklausuliert der Autor derartige Fragestellungen stark, „1922“ ist allerdings vergleichsweise gradlinig: Die Ehefrau spurt nicht, will sich gar scheiden lassen und den Stammhalter gleich mitnehmen. Ein Mord ist die Folge; was aus heutiger Sicht absurd und eigentlich undenkbar erscheint. Und doch passiert das so oder so ähnlich praktisch täglich. 100 Jahre nach jenem Jahr 1922 und, wohlgemerkt, nicht nur in Nebraska, wo es „eben so ist, „wenn eine Frau verschwindet – das geht nur sie und den Ehemann etwas an“, wie im Film zynisch angemerkt wird. Die Schuldgefühle, die beim Täter relativ bald aufkommen, manifestieren sich bald nach dem – übrigens sehr explizit und realistisch dargestellten Mord – in übernatürlichen Phänomenen, die die Hauptfigur in den Wahnsinn zu treiben drohen. Auch das ist nicht untypisch für Stephen King.

Ein starkes Drehbuch.

Ein Innovationswunder ist „1922“ also nicht. Dass der Film trotzdem zu den besseren seiner Zunft gehört, hängt demnach mit anderen Faktoren zusammen, die nicht zwangsweise mit der Handlung zu tun haben.. Einer davon ist Hauptdarsteller Thomas Jane: Er verkörpert den hartgesottenen Farmer ausgesprochen realistisch. Auch, weil er in seiner verschlossenen und wortkargen Art nicht komplett unmenschlich wirkt, sondern immer einen Funken Emotion, vor allem Liebe zu seinem Sohn, im Hintergrund erahnen lässt. Eine wirklich großartige Leistung, die den Film über die gesamte Laufzeit und in verschiedenen Stadien des geistigen Verfalls hinweg, trägt.

Freilich wäre das ohne ein starkes Drehbuch nicht möglich – und hier hat Zak Hilditch, der auch für die Regie verantwortlich zeichnet, hervorragende Arbeit geleistet: Nach der üblichen Vorstellung der Charaktere, über denen von Anfang an eine kaum greifbare Düsterkeit zu brüten scheint, folgt relativ bald der blutige Höhepunkt. In den letzten zwei Dritteln des Films arbeitet Hilditch dann heraus, was ein solches Verbrechen auch mit dem Täter machen kann. Es ist faszinierend, dessen langsamen, aber unaufhaltsamen Abstieg in den Wahnsinn zu beobachten. Interessant auch, dass der Charakter kaum einen Anflug von Mitgefühl beim Zuseher zulässt – Wilfred James ist, gelegentlichen Anflügen von Sanftmut zum Trotz, ein brutaler Kerl, der es verdient, von seiner eigenen Tat eingeholt zu werden.

Außerdem im Haben zu verbuchen: Die Kameraarbeit, denn der Film ist außergewöhnlich gut fotografiert und zeigt wunderbar den Kontrast zwischen der weiten, sanften Landschaft und den harschen Charakteren, die sie bewohnen.

Nebenhandlung als kleiner Stolperstein.

Dass „1922“ trotz dieser guten Ansätze nicht voll punkten kann, liegt an der Nebenhandlung. Die dreht sich um Henry James, der, seines Vaters überdrüssig, selbst mit großer Schuld beladen und zu allem Überfluss auch noch schwer verliebt, im Laufe des Films irgendwann das Weite sucht. Freilich ohne Geld, sodass er sich gemeinsam mit seiner großen Liebe als eine Art „Bonnie & Clyde“ im Westentaschenformat als Bankräuber über Wasser hält. Diese Story, die wohl bewusst mit einem gewissen Augenzwinkern gedreht wurde, unterhält einigermaßen, greift aber meines Erachtens nicht zufriedenstellend mit dem der Haupthandlung ineinander. Dadurch entsteht das Gefühl, der Nebenstrang wäre vor allem dazu da, die Spielzeit zu verlängern. Das ist zwar kein Beinbruch, ein wenig zieht es die Qualität aber doch nach unten, wie ich finde.

Sehr solide King-Verfilmung.

Ich kenne die literarische Vorlage für „1922“ nicht. Mir war daher auch nicht klar, dass es sich dabei um keinen vollwertigen Roman, sondern eine Novelle handelt. Nach dem Abspann des Films hatte ich interessanterweise direkt das Gefühl, die filmische Umsetzung einer eher kurzen Geschichte gesehen zu haben; genau genommen war mein Eindruck, dass Zak Hilditch ein echtes Kunststück vollbracht hat: Dem Australier ist es gelungen, ein Erzähltempo zu finden, das sowohl der Novelle als auch dem Medium Film in Sachen Laufzeit haarscharf gerecht wird. Was ich damit meine: Bei Buchumsetzungen hat man häufig das Gefühl, dass gewisse Inhalte entweder aus zeitlichen oder aus dramaturgischen Gründen weggelassen (seltener: dazu erfunden) werden. „1922“ ist einer jener seltenen Fälle, in denen die Handlung offenbar genau ausreicht, um 1 ¾ Stunden Film zu füllen (unabhängig davon, was ich oben zur Nebenhandlung geschrieben habe). Mir ist natürlich bewusst, dass Kenner:innen der Novelle das eventuell anders sehen – dennoch hatte ich für meinen Teil den Eindruck, dass „1922“ in Sachen Tempo und Umfang selten gut gelungen ist.

Alles in allem würde ich daher sagen, dass gute 5 Punkte für dieses sehr solide Werk angemessen sind – und damit ist „1922“ definitiv unter den besten King-Verfilmungen einzureihen.

Gesamteindruck: 5/7


Originaltitel: 1922.
Regie:
Zak Hilditch
Drehbuch: Zak Hilditch
Jahr: 2017
Land: USA
Laufzeit: ca. 100 Minuten
Besetzung (Auswahl): Thomas Jane, Molly Parker, Dylan Schmid, Brian d’Arcy James, Kaitlyn Bernard



Werbung

Ein Gedanke zu “FilmWelt: 1922

  1. Pingback: Filme A-Z | Weltending.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..