FilmWelt: Die Maske des Roten Todes

Geschichten von Edgar Allan Poe (1809-1849) eignen sich meines Erachtens nur bedingt für einen abendfüllenden Spielfilm: Einerseits besteht sein Werk großteils aus Kurzgeschichten, Essays und Gedichten, deren Inhalt sich kaum auf eine adäquate Laufzeit strecken lässt. Andererseits arbeitet Poe stilistisch vorwiegend mit Andeutungen, bei ihm ist der Horror selten plakativ, sondern spielt sich eher im Kopf der Leser:innen ab. Für das Medium Film sind das keine idealen Voraussetzungen, was sich leider auch an vorliegender Umsetzung aus dem Jahr 1964 zeigt.

Gesamteindruck: 3/7


Eine frühe Pandemie.

Regisseur und Filmproduzent Roger Corman (geb. 1956) ist vorwiegend als Schöpfer unzähliger Low-Budget-Horrorfilme bekannt. Man sollte sich von dieser wenig schmeichelhaft klingenden Zuschreibung jedoch nicht täuschen lassen: Die Kritik ist sich weitgehend einig, dass ein Gutteil der Corman’schen Filmographie von überraschend hoher Qualität ist. Man sollte vor allem aber nicht vergessen, dass sich das Improvisationstalent als Entdecker von späteren Hollywood-Größen wie Martin Scorsese, James Cameron, Jack Nicholson u. v. a. hervorgetan hat. Unter Cormans Regie entstanden zwischen 1960 und 1964 nicht weniger als sieben (!) filmische Adaptionen, die auf Werken von E. A. Poe basieren. „Die Maske des Roten Todes“ der vorletzte Versuch des Filmemachers, den sanften Horror im Bewegtbild zu inszenieren.

Worum geht’s?
Italien im 11. Jahrhundert: Prinz Prospero herrscht mit harter Hand über seine Untertanen. Obwohl das Volk Hunger leidet, beabsichtigt der sadistische Adelige, ein dekadentes Fest für Freunde und Bekannte zu geben. Davon hält ihn auch die als „der Rote Tod“ bekannte Seuche nicht ab, die das Land heimsucht. Prospero und seine Gäste wähnen sich hinter den Burgmauern sicher vor der Krankheit und feiern was das Zeug hält. Doch die Sicherheit ist trügerisch…

„Die Maske des Roten Todes“, geschrieben 1842, hat in der mir vorliegenden Fassung knapp 8 Seiten, ist also in 15 bis 30 Minuten gelesen. Vorliegender Film hat hingegen die klassische Laufzeit von rund 90 Minuten – dass das schwer zusammengeht, mag auch dem Regisseur klar gewesen sein. Vermutlich hat er deshalb zusätzlich die mit 12 Seiten etwas längere Geschichte „Hopp-Frosch“ (1849 und damit kurz vor Poes Tod erschienen) mit „Die Maske des Roten Todes“ in seine Adaption aufgenommen. Meiner Ansicht nach ist es dem Regisseur sogar sehr gut gelungen, beides zusammenzufügen: Wer die Vorlage(n) nicht kennt, wird den Trick kaum bemerken. Kurz zur Erklärung: Die Hauptgeschichte ist „Die Maske des Roten Todes“, weswegen der Filmtitel auch gut passt. Aus „Hopp-Frosch“ stammen jene Szenen, die mit dem von Skip Martin gespielten „Zwerg“ zu tun haben.

Ein Film seiner Zeit.

Die Inszenierung lässt keinen Zweifel aufkommen, dass dieses Werk ein Kind seiner Zeit ist. So sind beispielsweise die Kostüme farbenprächtig und pompös, erinnern stark an Oper und Theater, vielleicht auch an die Ritter- und Mantel & Degenfilme jener Zeit. Mit dem, was man aus modernen Filmen kennt, haben sie – ähnlich wie die übrige Ausstattung und auch die Kulissen – relativ wenig gemein. Nicht zuletzt gemahnt auch die Art und Weise, wie im Film gesprochen und mit Mimik und Gestik gearbeitet wird, vor allem an eine Theaterbühne. Das sagt freilich wenig über die grundsätzliche Qualität von „Die Maske des Roten Todes“ aus, erwähnt möchte ich es aber haben, weil es den heutigen Sehgewohnheiten kaum noch entspricht.

Gelingt es, sich an die speziellen Äußerlichkeiten zu gewöhnen, sieht man eine immerhin passable Poe-Verfilmung. Manche sagen sogar, dass „Die Maske des Roten Todes“ einer der besten Versuche sei, sich der Literatur des Meisters mittels Bewegtbild zu nähern. Zumindest aber soll es Cormans beste Adaption sein – ob dem wirklich so ist, kann ich derzeit leider nicht beurteilen. Sollte es jedoch stimmen, dürfte es wahrlich nicht viele brauchbare Adaptionen Poe’schen Materials geben (ein Schicksal, dass sich der Autor mit seinem Nachfolger im Geiste, H. P. Lovecraft, teilt), denn auch „Die Maske des Roten Todes“ ist weit von einer filmischen Offenbarung entfernt.

Wie viel soll man zeigen?

Das Grundproblem habe ich eingangs angedeutet: „Die Maske des Roten Todes“ muss auf eine andere Art Grusel beim Publikum erzeugen, als es die Romanvorlage tut. Denn die setzt – wie jede Geschichte von Poe – nicht auf blutige Schockeffekte, sondern wird erst dann unheimlich, wenn die Fantasie der Leser:innen anspringt. Dort, im Kopf des Publikums, findet bei Poe der Horror statt – er ist also vor allem eine Interpretation der Leser:innen und steht kaum jemals schwarz auf weiß im Text. Auf diese Weise kann ein Film jedoch nicht arbeiten, im Gegenteil: Er muss den Horror anschaulich machen, um ähnliche Gefühle auszulösen. Und so sieht man im Film die Interpretation dessen, was die Geschichten von E. A. Poe in der Vorstellung von Richard Corman erzeugt haben, umgesetzt mit den relativ bescheidenen Mitteln des B-Filmemachers und ohne nennenswerte Special Effects. Dass das sonderlich unheimlich ist, kann man beim besten Willen nicht sagen; ob es 1964 als Horror durchgehen konnte, weiß ich nicht, ist aus heutiger Sicht auch überhaupt nicht mehr nachvollziehbar.

Was meines Erachtens bei heutiger Sichtung erschwerend hinzu kommt: Es dauert sehr lange, bis „Die Maske des Roten Todes“ in die Gänge kommt. Ja, anfangs gibt es mit dem ersten Dorfbewohner, der an der Seuche stirbt, einen kleinen Schocker – danach zieht es sich aber hin, bis der Film in der zweiten Hälfte, vielleicht sogar erst im letzten Drittel, ordentlich an Spannung gewinnt. Bis dahin passiert nicht viel, was bei guten Dialogen vielleicht weniger schlimm wäre. So meint man hieran zu erkennen, vor welch schwierige Aufgabe die Vorlage den Regisseur gestellt hat: Er musste selbst Dialoge für einen abendfüllenden Film erfinden, durfte dabei aber nicht zu weit von der Tonalität der Poe’schen Geschichten abweichen. Nur, bei allem Respekt: Einem E. A. Poe kann weder Roger Corman noch seine Drehbuchschreiber qualitativ das Wasser reichen. Müssen sie in der Regel auch überhaupt nicht, ihr Metier ist ja ein völlig anderes. Und dennoch: Wer Poe kennt und sich einen solchen Film ansieht, wird es nicht schaffen, ihn losgelöst von der Vorlage zu betrachten. Und selbst wenn, bleibt „Die Maske des Roten Todes“ ein zwar farbenfroh und theaterhaft inszeniertes, letztlich aber ziemlich durchschnittliches Werk der Filmgeschichte. Dem Schöpfer der Vorlage wird der Film so gut wie gar nicht nicht gerecht, was natürlich schade ist – aber irgendwo auch zu erwarten war.

Abschließend noch ein Wort zum Ensemble: Bekanntester Mann am Platz ist selbstredend Vincent Price, seines Zeichens Inbegriff des Horror-Mimen und häufiger Star in Filmen von Roger Corman (speziell auch in den Poe-Adaptionen der 1960er). Der US-Schauspieler macht seine Sache gut, Bäume reißt er meines Erachtens aber keine aus. Ihm zur Seite steht ein mir weitgehend unbekannter Cast aus britischen Darsteller:innen, denen im Allgemeinen wohl weder vor noch nach „Die Maske des Roten Todes“ eine große Karriere beschieden war. Das soll nicht despektierlich klingen, denn die Performance der Damen und Herren bietet wenig Anlass zur Kritik, aber als Meister:innen ihres Faches tun sie sich auch nicht gerade hervor.

Fazit: Wer wissen möchte, wie eine Leinwandadaption von Gruselgeschichten, die eigentlich nicht verfilmbar sind, aussehen kann, darf hier ein Auge riskieren. Einen unheimlichen oder gar hervorragend gelungenen Film darf man sich allerdings nicht erwarten. Als kultiger B-Film geht „Die Maske des Roten Todes“ für mein Dafürhalten auch nur bedingt durch, dafür er fachlich zu kompetent umgesetzt; man merkt, dass es Roger Corman hier tatsächlich ernst gemeint hat und es ihm wichtig gewesen ist, das Werk des Autors mit Respekt zu behandeln und nicht zu verhunzen. Zumindest das ist ihm meines Erachtens gelungen, denn eine Parodie oder eine unfreiwillige Komödie hat er nicht geschaffen (auch wenn der ursprüngliche Titel des deutschen Verleihs, das unsägliche „Satanas – Das Schloß der blutigen Bestie“, genau darauf hindeutet).

Gesamteindruck: 3/7


Originaltitel: The Masque of the Red Death.
Regie:
Roger Corman
Drehbuch: Charles Beaumont, R. Wright Campbell
Jahr: 1964
Land: Großbritannien, USA
Laufzeit: ca. 90 Minuten
Besetzung (Auswahl): Vincent Price, Hazel Court, Jane Asher, Nigel Green, David Weston, Skip Martin



FilmWelt: Meander

„Meander“ (2020, Subtitel: „Survival Instinct“) setzt auf eine Prämisse, die man aus Filmen wie „Cube“ (1997), „Saw“ (2004) und Co kennt: Ein Entführungsopfer erwacht in einer unbekannten, verstörenden und mit tödlichen Fallen gespickten Umgebung. Und wie in den bekannten Vorbildern geht es auch in dieser französischen Indie-Produktion darum, aus dem Gefängnis zu entkommen und gleichzeitig eine Antwort auf die Frage „warum bin ich hier?“ zu finden.

Gesamteindruck: 4/7


Verschlungene Gänge.

Abseits der unerfreulichen Situation, in der sich die Hauptfigur in „Meander“ befindet, ist vorliegendes Werk sehr ähnlich inszeniert und vor allem auch ausgestattet wie „Cube“: Die minimalistische Umgebung wirkt metallisch-kalt, vage futuristisch und ist mit Fallen versehen, die Kenner:innen sehr bekannt vorkommen dürften (z. B. Säure und Feuer). Und: Wie im kanadischen Referenzwerk von 1997 müssen auch hier Codes entschlüsselt werden, die offenbar die Navigation durch das Labyrinth ermöglichen. So weit, so ähnlich – was „Meander“ hingegen von seinen Genregenossen unterscheidet und wie gut mir der Film überhaupt gefallen hat, möchte ich im Folgenden herausarbeiten.

Worum geht’s?
Lisa macht das, was man tunlichst vermeiden sollte: Sie lässt sich von einem Fremden im Auto mitnehmen. Bereits nach wenigen Minuten entpuppt sich ihre Mitfahrgelegenheit Adam tatsächlich als Bösewicht und schlägt sie k. o. Als sie wieder zu sich kommt, befindet sie sich in einem kleinen Raum, der nur einer von vielen zu sein scheint, die über ein labyrinthisches Tunnelsystem miteinander verbunden sind. Dass der Fluchtweg durch die engen Gänge führen muss, scheint klar zu sein – doch leider lauern dort tödliche Fallen, wie Lisa schnell feststellen muss…

Der augenfälligste Unterschied zwischen „Cube“ und „Meander“ liegt meines Erachtens darin, dass es in vorliegendem Werk nur eine Haupt- und eine Nebenfigur gibt, sich also kein Ensemble durch tödliche und sadistische Fallen kämpft. Daher vielleicht gleich ein Wort zu den Darsteller:innen: Die unglückliche Anhalterin Lisa wird von Gaia Weiss verkörpert, der ich für ihre Performance ein dickes Lob aussprechen muss. Aufgrund des Settings ist sie weitgehend gezwungen, ihre Arbeit im Sitzen und Liegen zu verrichten, was per se schon eine schwierige Situation ist. Dass sie aber trotz dieser Umstände in der Lage ist, über Körpersprache und Mimik die volle Bandbreite an Emotionen (von Verzweiflung über Trauer bis hin zu Wut und Entschlossenheit) abzuliefern – und das sehr überzeugend – ist aller Ehren wert. In diesem Zusammenhang sei auch erwähnt, dass das Drehbuch die Figur glücklicherweise nicht zu einer Superheldin macht, sondern sie bis zum Schluss verletzlich und emotional instabil charakterisiert. Das scheint sowohl der Schauspielerin als auch dem von ihr verkörperten Charakter sehr gut zu Gesicht zu stehen.

Neben Weiss ist im Endeffekt nur ein weiterer Schauspieler mit nennenswerter Screentime im Einsatz: Der Finne Peter Franzén spielt den Antagonisten Adam. Allzu viel ist dazu nicht zu sagen, beschränkt sich seine Rolle im Großen und Ganzen doch darauf, sein Opfer durch enge Tunnel zu verfolgen. Dialoge gibt es kaum, sodass die Chemie zwischen den beiden vor allem über das körperliche Spiel zustande kommen muss. Daran finde ich wenig auszusetzen – besser so, als von schlecht geschriebenen Gesprächen eingeschläfert zu werden. Dennoch wäre etwas Interaktion, die über ein paar Tritte und ständiges Wegrennen hinausgeht, schön gewesen.

Bevor wir zum Inhalt kommen, kurz zur Optik: Generell finde ich, dass „Meander“ sehr gut aussieht. Die Umgebung ist mal klinisch sauber, dann wieder dreckig und abgefuckt; garniert ist das Ganze mit glaubwürdigen Effekten, die immer mal wieder ordentliches Ekelpotenzial haben. Lobend hervorheben möchte ich außerdem die Kameraarbeit, bei der man wohl davon ausgehen kann, dass sie unter ähnlich schwierigen Bedingungen stattgefunden haben muss, wie sie die Hauptfigur durchlebt. Aber auch, wenn dem nicht so gewesen sein sollte: Chapeau an die Kamera-Crew, denn „Meander“ sieht aus Sicht des Publikums rechtschaffen eng und klaustrophobisch aus. Wenn für’s Filmen ausreichend Platz vorhanden gewesen ist, sieht man das dem Endprodukt jedenfalls nicht an, was ein Zeichen für das handwerkliche Geschick aller Beteiligten ist.

Erzählung ist nicht Fisch, nicht Fleisch.

Ich möchte den Vergleich mit „Cube“ eigentlich nicht überstrapazieren, an dieser Stelle muss ich aber doch noch einmal darauf zurückgreifen: Einer der ganz großen Vorzüge des Werks von Regisseur Vincenzo Natali war – neben der schlichten Eleganz – seine reduzierte Story. Heißt: Der Film war auch deshalb so speziell, weil an keiner Stelle klar gesagt oder gar gezeigt wurde, was der titelgebende Würfel eigentlich ist, welchen Sinn er hat und wer dahinter steckt. Eine Auflösung der Situation gibt es bis zum Schluss nicht, was im ersten Moment geradezu unerträglich und so in der Filmgeschichte bis dahin auch mehr oder minder beispiellos gewesen ist.

Bei „Meander“ ist das etwas anders, denn hier gibt es ein „Draußen“, dass wir auch gleich zu Beginn des Films zu Gesicht bekommen. Und hier gibt es auch eine Hintergrundgeschichte zu den Charakteren. Kann man so machen, zumal die erste Hälfte der Laufzeit, vielleicht sogar etwas länger, weitgehend unklar bleibt, wozu das Labyrinth eigentlich dient. Konsequent durchgezogen wird das allerdings nicht, denn im weiteren Verlauf wird man von „Meander“ schon darauf hingestoßen, wer oder was für die Situation verantwortlich sein könnte. Das mag die Neugier im Gegensatz zum fast komplett offenen „Cube“ zwar stärker befriedigen, einen richtigen Gefallen tut sich Regisseur Mathieu Turi damit meines Erachtens aber nicht. Denn wie so oft ist das Grauen weit weniger schlimm, wenn man es zu Gesicht bekommt. Hier führt das auch dazu, dass der Film im weiteren Verlauf mehr von Action und Ekel lebt, als von der vorher aufgebauten, verstörenden Szenerie. Schade, vielleicht aber auch verständlich – denn hätte der Regisseur das anders gemacht, müsste man zu Recht von einer „Cube“-Kopie sprechen.

So oder so muss man letzten Endes leider konstatieren, dass „Meander“ mit seinen eigenen Erklärungen nicht richtig zurande kommt. Die Story will tiefgründig wirken, scheint mir aber fast als Alibi für die Situation als solche zu fungieren. Zum Ende hin läuft sie dann komplett aus dem Ruder, sodass man erst Recht nicht weiß, was genau passiert und was davon zu halten ist. Dass das alles nicht so richtig funktioniert, liegt meiner Meinung nach daran, dass sich Turi nicht entscheiden konnte, ob sein Film von Andeutungen leben oder doch ausformuliert sein soll. So macht er leider keines von beiden richtig, was dazu führt, dass „Meander“ am Ende weder Fisch noch Fleisch ist.

Schade – denn wie gesagt ist die Situation als solche schon bedrückend und angsteinflößend. Als Schlusspunkt wäre halt eine bessere (oder besser gar keine) Auflösung angesagt gewesen. Dann hätte es auch für eine höhere Wertung gereicht.

Gesamteindruck: 4/7


Originaltitel: Méandre.
Regie:
Mathieu Turi
Drehbuch: Mathieu Turi
Jahr: 2020
Land: Frankreich
Laufzeit: ca. 90 Minuten
Besetzung (Auswahl): Gaia Weiss, Peter Franzén



MusikWelt: The Savage Poetry

Edguy


Lösen wir mal etwaige Verwirrungen auf: „Savage Poetry“ (1995) war das in Eigenregie veröffentlichte Debüt-Album von Edguy, auf dem die teils noch minderjährigen Musiker bereits angedeutet hatten, wozu sie fähig waren. Ohne eine Plattenfirma fehlten jedoch die Möglichkeiten für eine professionelle Aufnahme, weswegen die Platte später neu eingespielt und anno 2000 als „The Savage Poetry“ über AFM veröffentlicht wurde. Alles klar soweit? 😉

Gesamteindruck: 5/7


Wilde Poeten.

Die Vermutung liegt nahe, dass der Sound nicht der einzige Grund für die Neuaufnahme gewesen sein dürfte. Denn wer „Savage Poetry“ von 1995 auflegt, kommt bei allem Songwriting-Talent nicht umhin, festzustellen, dass die Fähigkeiten an den Instrumenten und beim Gesang zumindest ausbaufähig waren. Ich nehme an, das wird für die Entscheidung, das Album neu einzuspielen, eine ebenso große Rolle gespielt haben wie der wenig ansprechende Mix. Kurios übrigens: Die Kombination aus Cover und Band-Logo der 1995er-Version wäre ohne weiteres Black Metal-tauglich gewesen. Irgendwie passend, wie sich damit der Kreis zum rauen Soundbild zu schließen scheint.

Wie jung und unerfahren Edguy waren, als sie vorliegende Songs eingespielt waren, hört man den Originalaufnahmen von 1995 deutlich an. Auf vorliegendem Album ist das anders: Nur der zweite Track, „Misguiding Your Life“, wirkt nach wie vor, als hätten die Musiker nicht richtig gewusst, was sie damit anstellen sollten. Der Song klingt nicht rund, im Refrain hakt es – und die Nummer kommt als Ganzes ein bisschen wie „leider haben wir es nicht besser hinbekommen, aber irgendwie mussten wir die Spielzeit halt voll bekommen“ rüber. Ein wenig gilt das in meinen Ohren auch für den Chorus des Rausschmeißers „Power and Majesty“, der ansonsten aber tadellos aus den Boxen kommt und einen schönen Schlusspunkt für „The Savage Poetry“ bildet.

An den übrigen Tracks finde ich wenig auszusetzen, sieht man davon ab, dass sie für Edguy-Verhältnisse relativ schnörkellos daherkommen. Das muss ja nichts Schlechtes sein, ich persönlich bevorzuge allerdings die symphonischeren Sachen, mit denen ich die Band in den 1990ern kennengelernt habe. Folgerichtig ist „Key to My Fate“ für mich der mit Abstand beste Song auf „The Savage Poetry“ und eine Nummer, die ich mir bis heute immer wieder anhören kann. Und das sogar mit einer gewissen Portion Wehmut, denn ein Track wie dieser ist Edguy nach „Mandrake“ (2001) leider nicht mehr gelungen. Ebenfalls im Haben zu verbuchen und sehr gut geschrieben: Der Opener „Hallowed“ und die schöne Ballade „Roses to No One“. Jeder dieser Songs hätte problemlos seinen Platz auf Alben wie „Theater of Salvation“ (1999) oder „Mandrake“ gefunden. Der Rest vom Schützenfest ist, wie angedeutet, relativ schnörkellos. Mit „Eyes of the Tyrant“ gibt es eine überlange Nummer, die ganz gut geschrieben ist, ansonsten ist alles eher unauffällig.

Aus der Zeit gefallen?

Retrospektiv wirkt „The Savage Poetry“ in der Chronologie der Edguy-Veröffentlichungen ein wenig aus der Zeit gefallen. Meiner Ansicht nach hätte das Album, so wie es in dieser Fassung klingt, entweder an Stelle des Debüts stehen können (denn bereits das Zweitwerk „Kingdom of Madness“, 1997, hatte eine ähnlich saubere Produktion), es hätte aber auch gut irgendwo zwischen „Mandrake“ (2001) und „Hellfire Club“ (2004) gepasst. Klingt im ersten Moment paradox, hat aber damit zu tun, dass „Hellfire Club“ meiner Ansicht nach eine Zäsur für den Sound von Edguy war. Mit diesem Album hatten die Hessen begonnen, sich vom Power Metal auf den Spuren von Helloween und HammerFall zu lösen und zaghafte Schritte Richtung Hard Rock zu unternehmen. Es tut hier nichts zur Sache, ob ich persönlich diese Entwicklung gut heiße – erwähnen möchte ich sie trotzdem, weil mir scheint, dass sie eine Art Rückbesinnung auf das ist, was Edguy bereits 10 Jahre zuvor auf „Savage Poetry“ gemacht haben.

Und so schließt sich auch dieser Kreis: „The Savage Poetry“ bietet die Edguy-Grandezza der 1990er, die mit „Mandrake“ (2001) leider ihr Ende fand, nimmt gleichzeitig aber auch vorweg, wohin sich die Band spätestens mit „Rocket Ride“ (2006) zu entwickeln begann. Interessant – wenngleich das 2000 natürlich noch überhaupt nicht absehbar war. Vergleicht man „The Savage Poetry“ übrigens mit Edguy-Alben nach 2006, muss man zugeben, dass vorliegendes Werk ihr mit Abstand bester Versuch in Sachen Hard Rock war. Das ist natürlich starker Tobak – und auch ein bisschen traurig, sowohl für die Band als auch für mich als Fan.

Ein abschließendes Urteil über die Notwendigkeit dieser Neuaufnahme maße ich mir nicht an, möchte aber doch festhalten, dass „The Savage Poetry“ dem Original in technischer Hinsicht deutlich überlegen ist. Neben dem nun professionellen Sound merkt man dem Album aber auch die nunmehr perfekte Beherrschung der Instrumente an. Geändert wurden außerdem ein paar Details im Songwriting, sodass man „The Savage Poetry“ praktisch nicht mehr anhört, dass die darauf zu hörenden Ideen bereits Anfang der 1990er entstanden sind. Wer nun denkt, dass eine solche Verbesserung selbstverständlich sei, möge sich an den sinnbefreiten Versuch von Manowar, ihren 1988er Meilenstein „Kings of Metal“ neu zu vertonen, erinnern.

Gesamteindruck: 5/7 


NoTitelLängeNote
1Hallowed6:146/7
2Misguiding Your Life4:054/7
3Key to My Fate4:347/7
4Sands of Time4:405/7
5Sacred Hell5:384/7
6Eyes of the Tyrant10:015/7
7Frozen Candle7:155/7
8Roses to No One5:436/7
9Power and Majesty4:535/7
53:03

Edguy auf “The Savage Poetry” (2000, AFM Records):

  • Tobias Sammet − Vocals, Keyboards
  • Jens Ludwig − Guitars
  • Dirk Sauer − Guitars
  • Tobias Exxel − Bass
  • Felix Bohnke − Drums
Bild von: metal-archives.com

Anspieltipp 1: Key to My Fate
Anspieltipp 2: Roses to No One

FilmWelt: Iron Sky: The Coming Race

„Iron Sky“ (2012) war Independent-Streifen, den ich überraschend gelungen gefunden habe: Die wahnwitzige und absurde Story hat sicher nicht jeden Geschmack getroffen, war gleichzeitig aber auch unterhaltsam und originell. Finanziell wird sich das Abenteuer – so nehme ich an – ebenfalls gelohnt haben; naheliegend also, dass ein Nachfolger her musste. Im Nachhinein betrachtet wäre es freilich besser gewesen, sich mit dem Achtungserfolg von 2012 zufrieden zu geben. Doch der Reihe nach…

Gesamteindruck: 1/7


Sie sind wieder da.

„Iron Sky: The Coming Race“ (2019) feierte sieben (!) Jahre nach „Iron Sky“ seine Premiere. Dabei wurde bereits 2012, also wirklich zeitnah, mit den Vorbereitungsarbeiten begonnen. Bald darauf konnte auch die (Teil-)Finanzierung sichergestellt werden (erneut per Crowdfunding), allerdings musste das Budget während der Produktion mehrmals erhöht werden, was für erhebliche Verzögerungen sorgte. Im Endeffekt schlug der Film dann mit Kosten von rund 17 Millionen Dollar zu Buche (10 Millionen mehr als noch Teil 1), der Löwenanteil dürfte für die Special Effects draufgegangen sein. Was für Hollywood-Verhältnisse nach Peanuts klingt, macht „The Coming Race“ zur bis dato teuersten finnischen Produktion überhaupt.

Worum geht’s?
30 Jahre, nachdem ein Atomkrieg die Erde unbewohnbar gemacht hat, fristen die letzten Reste der Menschheit ihr Dasein in der ehemaligen Nazi-Basis auf der Rückseite des Mondes. In der langsam zerfallenden Station macht sich Verzweiflung breit – bis sich plötzlich ein Raumschiff mit Flüchtlingen von der Erde nähert. Unter anderem an Bord: Der totgeglaubte Mondführer Kortzfleisch, der enthüllt, dass die Erde hohl ist und eine Zivilisation von außerirdischen Reptiloiden beherbergt, die Zugang zur mächtigen, unerschöpflichen und unsterblich machenden Vril-Energie besitzen…

Es ist ja wirklich nicht so, dass „The Coming Race“ eine tiefgründige Story erzählen würde. Das ändert allerdings nichts daran, dass ich nicht so richtig verstanden habe, was uns Regisseur Timo Vuorensola mit seinem Film sagen möchte. Und das, obwohl ich grundsätzlich an Verschwörungserzählungen interessiert bin und mir einbilde, ein einigermaßen fundiertes Laienwissen dazu zu haben: Reichsflugscheiben, Hohlerde und Reptiloiden – all das war und ist mir ein Begriff. Vom Roman „Das kommende Geschlecht“ (Edward Bulwer-Lytton, 1871, eng.: „The Coming Race“) hatte ich vor der Recherche zu dieser Rezension hingegen noch nie gehört. Ebenso wenig von den darin vorkommenden Vril-Ya mit ihren mysteriösen Kräften, was zur Folge hatte, dass ich mir nicht erklären konnte, was der Titel des Films überhaupt zu bedeuten hat (zumal das auch aus der Handlung nicht klar wird, wenn mich nicht alles täuscht). Man lernt freilich nie aus, ein wenig unglücklich scheint mir dieser recht obskure Mythos als Prämisse für einen Unterhaltungsfilm dennoch zu sein.

Katastrophale Fortsetzung.

Vielleicht liegt es ja daran, dass ich mir dermaßen schwer getan habe, Zugang zum zweiten Film aus dem „Iron Sky“-Universum zu finden. Letztlich bin ich gescheitert, denn mir war die Geschichte, wie sie hier erzählt wird, von Anfang an zu unlogisch, bruchstückhaft und verworren, um eine Identifikation zu ermöglichen. Das steht in krassem Gegensatz zu Teil 1, der für mein Gefühl durchaus logisch und sinnvoll war (innerhalb seiner eigenen Absurdität natürlich). Die Geschichte von „The Coming Race“ wirkt hingegen wie eine lahme, höchst oberflächliche und austauschbare Entschuldigung, um einen schnellen und seichten Actionfilm in einem von „Iron Sky“ relativ gut etablierten Setting zu produzieren. Ob das wirklich so geplant war? Ich wage es zu bezweifeln, zu gravierend scheint mir der qualitative Unterschied zwischen den beiden Filmen zu sein.

Doch auch wenn ich vielleicht zu viel Tiefgang von einem Film erwartet habe, der nicht mehr sein will, als eine unterhaltsame und leicht groteske Action-Komödie, finde ich „The Coming Race“ katastrophal schlecht. Neben der Problematik, dass der Film ein Bündel an Verschwörungstheorien zur Grundlage nimmt, ohne diese zu erklären oder gar kritisch zu hinterfragen, strotzt er nur so vor Ungereimtheiten. Spannung kommt maximal im ersten Drittel auf, danach gibt es eine bloße Aneinanderreihung simpler Action-Szenen inklusive lieblos hingeschluderter Popkultur-Referenzen (u. a. das Wagenrennen aus „Ben Hur“, das Gemälde „Das letzte Abendmahl“ von Leonardo Da Vinci, ein bisschen „2001: Odyssee im Weltraum“ hier, ein wenig „Ancient Aliens“ da). Alles schön und gut, die Verantwortlichen haben es halt schlicht nicht hinbekommen, zwischen diesen Anspielungen eine interessante und mitreißende Geschichte zu erzählen.

Film ohne Charakter.

Oder gute Charaktere zu schreiben – denn das ist ein weiteres Problem von „The Coming Race“: Es gibt hier schlicht keine Figur, mit der man sich als Zuseher:in auch nur annähernd identifizieren kann. Am ehesten noch mit dem etwas tumben aber liebenswerten Soldaten Malcolm, der Rest der Truppe ist völlig beliebig. Das beginnt bei der Hauptfigur Obianaju Washington, genannt „Obi“ (wer ist bloß auf diese Idee gekommen?), die als Look- und Act-alike von Michael Burnham („Star Trek: Discovery“) rüberkommt. Und zwar so sehr, dass ich nachsehen musste, ob wir es hier mit der gleichen Schauspielerin zu tun haben (dem ist nicht so, Obi wird gespielt von der mir völlig unbekannten Lara Rossi).

Ihr zur Seite steht der klischeehafte, russische Pilot, dargestellt von Vladimir Burlakov: Ein tollpatschiges Improvisationstalent, das zu viel quasselt, das Herz aber am rechten Fleck hat. Aus jedem Dialog, aus jeder Szene mit ihm schreit der Film heraus, dass man den guten Sasha doch bitte, bitte mögen muss, genau wie Obi (natürlich!) lernt, ihn zu mögen und zu lieben. Das klappt aber nicht, zumindest bei mir nicht – er ist zu flach, zu sehr Abziehbild, um auch nur annähernd Identifikationsmöglichkeiten zu bieten. Das war übrigens eines der besonders irritierenden Erlebnisse bei der Sichtung von „The Coming Race“: Da ist dieser Typ, man weiß genau, man soll mit ihm mit fiebern und ihn sympathisch finden, selten wurde man von einem Drehbuch so darauf hingestoßen – und doch schafft man es nicht, rutscht sprichwörtlich immer wieder an diesem glatten Charakter ab.

Der Mangel an starken Held:innenfiguren wäre weniger schlimm, wenn der Film über interessante Antagonisten verfügen würde. Udo Kier als Mondführer Wolfgang Kortzfleisch wurde wohl vor allem aus der Versenkung geholt, um leichter an Teil 1 anknüpfen zu können. Der Haken: Ihm kann man nichts so richtig übelnehmen, was zu gleichen Teilen am Drehbuch und an der sanften Darstellung durch Kier liegen mag. Die übrigen Bösewichte befinden sich in der Hohlerde – und sind völlig nichtssagend. Merkwürdig erscheint mir, dass man ausgerechnet dem 2011 verstorbenen Apple-Gründer und langjährigen -CEO Steve Jobs eine relativ große Antagonisten-Rolle zugesteht bzw. dessen Unternehmenskultur relativ prominent aufgreift. Damit konnte ich als jemand, der noch im Leben eine iPhone hatte, überhaupt nichts anfangen. Nicht, dass ich nicht verstanden hätte, dass die Sekte des „Jobismus“ die quasi-religiöse Verehrung dieser Firma aufs Korn nimmt; ich fand es allerdings mäßig witzig, was auch hier am fehlenden Tiefgang liegen mag.

Interessanterweise stellt der Film übrigens die US-Präsidentin als Hauptschurkin dar – und nicht den ebenfalls von Udo Kier gespielten Adolf Hitler. Der bekommt am Ende natürlich auch sein Fett weg, aber bei mir hat dieser Auftritt einen faden Beigeschmack hinterlassen. Ich vermute, das hat damit zu tun, dass der „Iron Sky“-Hitler weder als richtig böse noch als völliger Trottel dargestellt wird, sondern als einer von vielen Antagonisten. Dabei ist Darstellung von Nationalsozialisten als Reptiloiden schon per se nicht ganz unproblematisch, erzeugt sie doch das ungute Gefühl, einer Relativierung: Instinktiv möchte man natürlich auch den hier präsentierten Hitler hassen, allerdings ist seine Rolle so nichtssagend geschrieben, dass er einem quasi egal ist. Das erzeugt im Nachgang eine Stimmung, die mir überhaupt nicht gefallen hat (ich gehe aber mal davon aus, dass das keine böse Absicht des Regisseurs war und eher meiner persönlichen Einstellung entspringt).

Schwach auf allen Ebenen.

Fast schon nicht mehr ins Gewicht fällt nach diesen Punkten, dass nicht einmal die finalen Kämpfe überzeugend oder gar spannend sind. Weder Hitler noch Kortzfleisch sterben einen auf irgendeine Weise herausragenden Tod. Das kann man schon so machen, um dem jedoch Sinn zu geben, hätte halt der Rest des Films deutlich stärker sein müssen. Im Übrigen ist „The Coming Race“ auch alles andere als gut gespielt. Das konnte man zwar auch über „Iron Sky“ sagen; allerdings ist das, was 2012 noch als weiterer Aspekt des B-Movie-Charmes durchgehen konnte, in der Fortsetzung völlig überzogen. Will sagen: „Iron Sky“ wirkte, als wäre das Schauspiel tatsächlich etwas unbeholfen, während man in „The Coming Race“ das Gefühl hat, dass hier mit Gewalt versucht wurde, eine ähnlich unbedarfte Atmosphäre zu schaffen. Das gelingt den Darsteller:innen und dem Regisseur allerdings nicht, sodass man sich ob der hölzernen Darbietung immer wieder peinlich berührt abwenden möchte.

Das Fazit folgt sogleich, zwei positive Aspekte von „The Coming Race“ möchte ich der Vollständigkeit halber aber auch erwähnen: Erstens verfügt der Film wie schon sein Vorgänger über eine herausragende Optik. Speziell die Mondbasis in ihrem halb verfallenen Zustand wurde großartig umgesetzt und lässt echte Endzeit-Stimmung aufkommen. Generell sind die Effekte stark, die Kosten dafür dürften aber hauptverantwortlich für das Überziehen des Budgets gewesen sein (was ich nicht ganz verstehe, denn so viel anders als das vergleichsweise günstige „Iron Sky“ sieht die Fortsetzung auch wieder nicht aus). Ein zweiter Pluspunkt ist die an sich völlig unverbrauchte Thematik. Die Hohlerde war beispielsweise in jüngerer Vergangenheit im „MonsterVerse“-Franchise ein Thema, insgesamt fühlen sich die Theorien, die die beiden „Iron Sky“-Filme streifen, sehr frisch und unverbraucht an. Umso bitterer, wie wenig vorliegendes Werk aus diesem Alleinstellungsmerkmal macht.

Fazit: 1,5 Stunden Quatsch.

Ich fasse zusammen: „Iron Sky: The Coming Race“ ist völliger Quatsch, dessen 1,5 Stunden Laufzeit einem mangels Handlung wie 30 Minuten vorkommen (wenigstens etwas…). Anfangs möchte man über gewisse Fehler und Ungereimtheiten noch hinwegsehen, relativ bald merkt man aber, dass der Film wirklich so schwach ist. Es gibt keine Spannung, keine Identifikation mit den Charakteren und auch das Schauspiel, das in Teil 1 über weite Strecken in Ordnung war, ist hier nicht der Rede wert. Und: Der Film beinhaltet keinerlei Kritik an den von ihm dargestellten Mythen, es sei denn, man sieht das Verlachen der Verschwörungsgläubigen per se als Form der Kritik. Kann man natürlich machen, blöderweise verfügt „The Coming Race“ aber weder über nachhaltigen noch über unmittelbaren Humor. Oder es ist nicht mein Geschmack, was natürlich auch sein kann. Keine Ahnung.

Meine Vermutung zu den genannten Problemen: Die lange Produktionszeit hat dem Drehbuch massiv geschadet, weil dadurch der Fokus verlorengegangen ist. Und/oder kurz vor der Veröffentlichung gab es soviel Druck auf die Verantwortlichen, dass eine vernünftige Nachbearbeitung nicht mehr möglich war. Anders kann ich mir das alles nicht erklären. Daher abschließend die gar nicht so ketzerische Frage: Wozu gibt es diesen Film überhaupt? Ich weiß es wirklich nicht. Gelohnt haben dürfte es sich jedenfalls nicht: Mittlerweile mussten sowohl die Produktionsfirma des Films als auch die des „Iron Sky Universe“-Franchise Konkurs anmelden. Und daran trägt die Qualität von „The Coming Race“ wohl ein gerüttelt Maß an Mitschuld, wage ich zu behaupten.

Gesamteindruck: 1/7


Originaltitel: Iron Sky: The Coming Race.
Regie:
Timo Vuorensola
Drehbuch: Dalan Musson
Jahr: 2019
Land: Finnland, Belgien, Deutschland
Laufzeit: ca. 95 Minuten
Besetzung (Auswahl): Lara Rossi, Vladimir Burlakov, Kit Dale, Udo Kier, Julia Dietze, Tom Green



SpielWelt: Penumbra: Black Plague


„Penumbra: Black Plague“ (2008) ist der zweite Teil einer ursprünglich als Trilogie geplanten Reihe von Survival Horror-Adventures. Gleich vorweg möchte ich allerdings zu bedenken geben, dass dieses Spiel noch kürzer ist als sein auch schon sehr kompakter Vorgänger „Penumbra: Overture“ (2007). Nimmt das Expansion-Pack zu „Black Plague“ (2008 als „Penumbra: Requiem“ veröffentlicht) dazu, ergibt das alles in allem keine 20 Stunden Umfang, was in der Regel eher einem einzigen Spiel entspricht.

Gesamteindruck: 4/7


Flüstern in der Tiefe.

Das Spiel, das später zu „Penumbra: Overture“ werden sollte, wurde von der schwedischen Firma Frictional Games ursprünglich als Grafik-Demo entwickelt. In spielfertigem Zustand fand ich Teil 1 der Survival Horror-Reihe zwar nicht übel, zu einem richtig guten Titel fehlte allerdings ein gehöriges Stück. Zum absoluten Pflichtprogramm gehört der Nachfolger „Black Plague“ leider auch nicht unbedingt, immerhin haben es die die Designer aber geschafft, einige Schwächen seines Vorgängers auszumerzen. Wir haben es hier also mit dem klar besseren Spiel zu tun.

Darum geht’s:
Direkt nach den Ereignissen von „Penumbra: Overture“ erwacht Protagonist Philip auf einer versifften Matratze in einem verschlossenen Raum – und hört als erstes, wie in einem angrenzenden Zimmer offenbar ein Mord passiert. Bald stellt sich heraus, dass die unterirdische Forschungsstation, in der man sich befindet, von einem unheimlichen Virus verseucht scheint. Praktisch alle ehemaligen Bewohner sind mittlerweile tot oder zu gefährlichen Mutanten geworden. Nun gilt es, herauszufinden, was diese unerfreulichen Ereignisse ausgelöst hat – und wo der eigene Vater ist, dessen Brief Philip ja überhaupt erst in diese Lage gebracht hat…

Die Handlung von „Black Plague“ führt die Geschichte, die „Overture“ begonnen hat und die so abrupt mit einem Schlag auf den Hinterkopf endete, nahtlos fort. Wer also wissen möchte, was es mit den Ereignissen im entlegenen Norden Grönlands auf sich hat, kommt um die Fortsetzung nicht herum. Deren Ende funktioniert übrigens tatsächlich als Schlusspunkt, wäre aber auch geeignet gewesen, um einen weiteren Titel anzuflanschen. In diesem Zusammenhang haben Frictional Games also alles richtig gemacht und den für viele Spieler:innen fast unverzeihlichen Frust eines komplett offenen Endes vermieden.

Doch was ist eigentlich die Story und wie wird sie erzählt? Ein großer Kritikpunkt an „Overture“ waren ja die ellenlangen Briefe, aus denen man sich eine teils sehr verworrene Geschichte über eine geheimnisvolle Mine/unterirdische Forschungseinrichtung zusammenklauben musste. Das war mühsam, teilweise unglaubwürdig (was die Damen und Herren Wissenschaflter:innen alles in Schriftform festgehalten haben, geht auf keine Kuhaut) und unergiebig (wenn man nicht jedes Dokument gefunden und/oder genau gelesen hat). „Black Plague“ führt die Story deutlich leichtfüßiger und moderner fort: Zwar gibt es immer noch den einen oder anderen Brief, aufgelockert wird das Ganze aber durch (seltenen) Kontakt mit einer überlebenden Forscherin(inklusive Sprachausgabe). Außerdem gibt es nun Computerterminals, in deren Dateien ab und an ebenfalls ein Teil der Geschichte erzählt wird, was zwar auch mit Lesen verbunden, aber dennoch eine nette Abwechslung ist.

Alles in allem wirkt „Black Plague“ dadurch angenehm gestrafft. Dass das keine Einbildung ist, zeigt der eingangs schon angedeutete Blick auf die Spielzeit: War ich mit „Overture“ in rund 7 ½ Stunden durch, brauchte ich für „Black Plague“ ziemlich exakt eine Stunde weniger. Eine Enttäuschung? Naja, vielleicht, wenn man 50 Euro pro Spiel gezahlt hat (ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie hoch der Preis zur Veröffentlichung war). Zum Zeitpunkt dieser Rezension gibt es die „Penumbra Collection“ jedoch um 8,99 Euro bei GOG.com – ein Sümmchen, für das man sich die Spiele schon mal ansehen kann. Unabhängig vom Preis-/Leistungsverhältnis möchte ich im Übrigen anmerken, dass ich weder „Overture“ noch „Black Plague“ als „zu kurz“ empfunden habe. Die Story gibt meines Erachtens nicht mehr her bzw. ist sie nicht so toll erzählt, dass man das Gefühl hat, man könne gar nicht genug davon kriegen. So gesehen passt die kurze Spielzeit wieder ganz gut – aber das ist natürlich eine sehr subjektive Einschätzung.

Verbesserungen allenthalben.

Auch abseits der vergnüglicheren Erzählform wartet „Black Plague“ mit Verbesserungen auf. Als erstes sticht naturgemäß die Generalüberholung in Sachen Grafik und Sound hervor: „Black Plague“ ist schöner und abwechslungsreicher als „Overture“, ohne dessen unheimliche Düsterkeit verloren zu haben. Auch in dieser Hinsicht scheint eine Straffung die Maxime gewesen zu sein, denn das Spiel wirkt nicht mehr so leer und die Gänge sind nicht mehr verschwenderisch breit, ohne dass ein spielmechanischer Sinn dahinter zu entdecken wäre. Akustisch wartet „Black Plague“ mit mehr und besser eingesetzter Musik sowie häufigerer Sprachausgabe auf.

Was die Bedienung betrifft, scheinen Frictional Games gemerkt zu haben, dass die spezielle „Penumbra“-Steuerung (mehr dazu in der Rezension zu „Overture“) nicht für Kämpfe geeignet ist. Zwar schleichen auch in „Black Plague“ einzelne Gegner durch die Gänge, sämtliche Waffen wurden jedoch aus dem Spiel entfernt, sodass man gezwungen ist, sich entweder zu verstecken oder – wenn man dennoch entdeckt wurde – die Beine in die Hand zu nehmen. Gut gelöst, würde ich sagen, war doch das Kämpfen neben einigen Geschicklichkeitspassagen der größte Pferdefuß an „Overture“.

Ansonsten hat sich spielmechanisch nicht viel geändert: Wir haben es hier immer noch mit einem Adventure aus der Egoperspektive zu tun, lösen also verschiedene Verschiebe- und Physikrätsel, legen mal diesen Schalter um oder reparieren jene Leitung. Das Repertoire an Problemstellungen wurde leicht erhöht, überbordende Neuerungen sind aber nicht zu vermelden. Insgesamt scheint mir der Frustrationsgrad deutlich niedriger zu sein, was vielleicht auch erklärt, warum ich für „Black Plague“ weniger Zeit gebraucht habe als für seinen Vorgänger: Ich habe an keiner Stelle gefühlte 20 Versuche benötigt wie beispielsweise im berühmt-berüchtigten „Dampfrätsel“ von „Overture“.

Was fehlt.

Alles, was ich bisher geschrieben habe, steht „Penumbra: Black Plague“ gut zu Gesicht. Noch nicht erwähnt habe ich außerdem, dass die allgemeine Atmosphäre stimmt: Wie schon „Overture“ ist auch sein Nachfolger angemessen düster und gruselig. Wer den Hauch von Verfall schätzt, der die weitgehend menschenleere Einrichtung umgibt, wird seine Freude an vielen Räumen und ihren Details haben. Etwas höher als in „Overture“ ist weiters der Anteil an Szenen, die das Nervenkostüm flattern lassen, weil man meint, etwas gehört zu haben. Angenehmer Grusel, der sich durch das Entfernen der Kämpfe sogar deutlich anders anfühlt als im Vorgänger – wobei ich nicht verhehlen möchte, dass auch „Black Plague“ weit davon entfernt ist, das unheimlichste Spiel aller Zeiten zu sein.

Das ist allerdings nicht der einzige Grund, wieso es nicht zu einer besseren Wertung reicht. Meiner Ansicht nach können die gelungene Atmosphäre und Präsentation nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Story weder originell noch packend erzählt ist. Das, was im fernen Grönland vor sich geht, ist Stoff, der für eine durchschnittliche „Akte X“-Folge reichen würde (und ich meine sogar, dass dort tatsächlich bereits sehr ähnliche Geschichten erzählt wurden), für rund 20 Stunden Computerspiel jedoch nicht wirklich. Vor allem ist die Handlung relativ zerfahren, weil zwischendurch Adventure-Einlagen zu lösen sind. Und genau das ist das meiner Ansicht nach größte Problem der „Penumbra“-Reihe: Adventure und Erzählung gehen hier nicht Hand in Hand sondern unterbrechen sich immer wieder gegenseitig. Ich weiß nun nicht genau, warum mich das hier mehr stört, als in anderen Spielen – Fakt ist aber, dass mir das Vergnügen an beiden Bestandteilen dadurch verleidet wurde.

Fazit: „Penumbra: Black Plague“ sieht gut aus, fühlt sich atmosphärisch gut an, leidet aber an Schwierigkeiten beim Game Design. So, als hätten die Entwickler nicht gewusst, ob sie den Schwerpunkt auf das Abenteuer oder die Erzählung legen sollten. Mit dem Ergebnis, das beides eher halbherzig gelungen ist. Und auch wenn das nicht heißen soll, dass „Black Plague“ ein wirklich schlechtes Spiel ist, ist das bedauerlich – denn ich glaube, es hätte mit etwas Tuning deutlich besser sein können.

Gesamteindruck: 4/7


Genre: Survival Horror / Adventure
Entwickler:
Frictional Games
Publisher: Paradox Interactive
Jahr:
2008
Gespielt auf: PC


Screenshots aus „Penumbra: Black Plague“ – Copyright beim Entwickler!

FilmWelt: ARQ

An diese Stelle hätte ich im Wesentlichen den Text kopieren können, den ich in meiner Rezension zu „TAU“ (2018) als Einleitung geschrieben habe. Denn auch „ARQ“ (2016) ist so ein Werk, das mir beim gelangweilten Durchsehen meiner Netflix-Empfehlungen offenbar stark genug aufgefallen ist, um es meiner Watchlist hinzuzufügen. So etwas passiert bei mir ja recht schnell und hat zur Folge, dass jene Liste (und ihre Pendants bei anderen Diensten) zum Bersten gefüllt und damit alles andere als eine Entscheidungshilfe ist. Noch schlimmer: Trotz chronischen Zeitmangels zwingt mich die Liste sozusagen, Filme anzusehen, bei denen schon zu erahnen ist, dass sie unter „das war wohl nix“ fallen würden. „ARQ“ ist allerdings eine löbliche Ausnahme von dieser Regel.

Gesamteindruck: 5/7


Und täglich grüßt… der Tod.

Die Ähnlichkeit zwischen „TAU“ und „ARQ“ beschränkt sich übrigens nicht nur auf den in Versalien geschriebenen 3-Buchstaben-Titel. Beide Filme sind von Netflix produziert und spielen in einem einzigen Haus und drehen sich um ein klassisches Science Fiction-Phänomen: „TAU“ ist mit der Frage nach dem Wesen künstlicher Intelligenz näher an unserer Zeit, „ARQ“ nimmt sich mit der Zeitreise einem Thema an, das (noch?) keine Entsprechung in der Gegenwart hat. Mehr Gemeinsamkeiten gibt es allerdings nicht – sieht man davon ab, dass beide Filme andeutungsweise in einer dystopischen Zukunft zu spielen scheinen, was aber weder hüben noch drüben erschöpfend behandelt wird.

Worum geht’s?
Nur Sekunden, nachdem Renton aufgewacht ist, stürmen bewaffnete Männer sein Schlafzimmer, reißen ihn aus dem Bett und zerren ihn durch die Tür. Als sich der Überraschte zu wehren beginnt, stürzt er, bricht sich das Genick und… erwacht wieder in seinem Bett. Bevor er der neben ihm liegenden Hannah auseinandersetzen kann, was passiert ist – oder ob es nur ein Traum war – passiert es erneut: Bewaffnete dringen gewaltsam ins Schlafzimmer ein und nehmen ihn mit… wieder kommt Renton ums Leben, wieder erwacht er in seinem Bett und langsam dämmert ihm, dass diese merkwürdigen Ereignisse mit dem ARQ, einer von ihm erfundenen Maschine, zu tun haben könnten…

Die Suche nach möglichen Vorbildern für „ARQ“ fällt leicht: Hier ist z. B. ganz viel von „Und täglich grüßt das Murmeltier“ drin – oder, wenn man es etwas ernsthafter haben möchte, von der „Star Trek – The Next Generation“-Folge „Déjà Vu“. Die kam übrigens 1992, also noch ein Jahr vor der denkwürdigen Komödie mit Bill Murray, was zwar nichts mit „ARQ“ zu tun hat, mir bis vor wenigen Minuten aber überhaupt nicht bewusst war. Interessant. Zu genannten Werken könnte man ferner, um eine etwas neuere Variante zu nennen, „Edge of Tomorrow“ (2014) hinzufügen.

Es geht hier also, wie unschwer zu erkennen sein sollte, um das die Zeitschleife, eine spezielle Form der Zeitreise. Im Wesentlichen dreht sich alles darum, dass die Protagonist:innen in scheinbar endloser Wiederholung die immer gleiche Sequenz von Ereignissen durchleben. Dass sich die Charaktere entweder sofort oder nach und nach an vorangegangene Schleifen erinnern können und dieses Wissen nutzen, um die Ereignisse zu manipulieren, macht einen Teil der Faszination dieser Prämisse aus. Ziel ist es in der Regel, den Teufelskreis zu durchbrechen, was entweder gelingt, indem sich die Protagonist:innen selbst hinterfragen und zu einem besseren Individuum werden („Und täglich grüßt das Murmeltier“), indem sie eine Katastrophe verhindern („Déjà Vu“) oder eine andere, oft technische Lösung finden, indem sie z. B. die Zeitmaschine vernichten und damit die Welt wieder gerade rücken. Letzteres ist meines Erachtens das, was in „ARQ“ versucht wird, wobei der Film in dieser Hinsicht eher vage bleibt – aber dazu weiter unten mehr.

Was vorliegenden Titel von den mir bekannten Beiträgen zur Zeitschleifen-Problematik unterscheidet, hat vor allem mit der Perspektive zu tun, die ich so noch nicht häufig (oder gar nicht) gesehen habe: Regisseur und Drehbuchautor Tony Elliot („ARQ“ ist der erste Langfilm des Serien-Spezialisten) gestaltet den Blickwinkel variabel. Das heißt, dass wir in der einen oder anderen Iteration zu sehen bekommen, was die Antagonisten machen, denen im Laufe der Handlung ebenfalls bewusst wird, sie immer wieder die gleichen Ereignisse erleben. Daraus ergeben sich trotz des naturgemäß repetitiven Charakters von „ARQ“ sehr interessante Differenzen in der gleichen Geschichte, was mir ungemein gut gefallen hat und eine erfrischende Neuerung in einem im Laufe der Jahre recht häufig beackerten Feld darstellt.

Ein starkes Drehbuch.

Aber auch abseits dieses Alleinstellungsmerkmals ist „ARQ“ stark, denn das Drehbuch hält jede Menge Twists parat, die nicht in jedem Fall mit der Zeitschleife zu tun haben, sondern vor allem in den Charakteren liegen. Ohne zu viel zu verraten: Das anfangs simpel wirkende Schema von Gut und Böse verschwimmt im Laufe der Handlung zusehends, was dem Film ein zusätzliches Spannungselement verleiht; man weiß nie so richtig, was einen in der nächsten Schleife erwartet. Das hätte ich so nicht erwartet, weil „ARQ“ ja eigentlich so aufgebaut ist, dass man meint, es ginge „nur“ darum, aus dieser Situation zu entkommen. Das ist aber nur ein Aspekt der Handlung, während sich der Rest in Thriller-Manier mit Täuschung und Verrat beschäftigt, was den Film letztlich doch recht deutlich von seinen Genregenossen abhebt.

Was mir außerdem sehr gut gefällt, ist die Art und Weise, wie der Film seine eigene Story konstruiert bzw. im Laufe der Schleifen re-konstruiert. Das wirkt auf mich sehr durchdacht und so, als hätte der Regisseur ganz genau gewusst, was er da tut. Dafür nimmt er anfangs sogar Frustmomente im Kauf – denn während z. B. „Und täglich grüßt das Murmeltier“ Story und Charaktere von Beginn an klar umreißt, erschließen sich die Gegebenheiten bei „ARQ“ schrittweise und nicht zwingend chronologisch. Heißt: In den ersten zwei, drei Szenen versteht man teilweise überhaupt nicht, worum es geht und wer die Figuren auf dem Schirm eigentlich sind. Eine mutige Entscheidung, die sich im Endeffekt aber lohnt, weil es durchaus befriedigend ist, wie die Puzzleteile nach und nach an ihren Platz fallen.

Was bei den Pluspunkten auch nicht unerwähnt bleiben sollte: „ARQ“ wurde zwar von Netflix produziert, das Budget war aber vergleichsweise gering. Der Großteil des Films spielt in einem einzigen Haus; dort fällt der budgetäre Aspekt nicht allzu sehr ins Gewicht, sieht man von (sehr seltenen) Splatter-Szenen ab, die etwas billig wirken (per se aber ganz gut zum Film passen). Gegen Ende hin geht es auch mal nach draußen, wo man zu Gesicht bekommt, was bis dahin nur in Dialogen angedeutet wurde: „ARQ“ spielt nach einer nicht näher genannten, weltweiten Katastrophe. Klar, dass die Machart des Films die Spannung, wie das Draußen wohl aussehen würde, in schwindelerregende Höhen treibt. Was man dann zu sehen bekommt, ist eher unspektakulär, ich denke aber, dass die Optik für die Mittel, die für diesen Film aufgewendet wurden, vollkommen in in Ordnung ist. Abgesehen davon ist hier die Handlung ohnehin wichtiger.

Ein paar Erklärungen zu wenig.

Ein bis dato unerkanntes Meisterwerk ist „ARQ“ trotz der genannten Vorzüge allerdings nicht. Dass Hauptdarsteller Robbie Amell mehr an einen Action-Helden als an einen genialen Wissenschaftler erinnert, ist zwar kein Beinbruch, stört die Atmosphäre aber tatsächlich ein wenig (seine Ex-Freundin Hannah wird hingegen sehr passend von Rachael Taylor verkörpert). Was mich hingegen wirklich gewurmt hat: „ARQ“ unternimmt nicht einmal den Versuch, zu erklären, wie die Zeitschleife eigentlich funktioniert. Man bekommt zwar ein recht billig aussehendes, merkwürdiges Gerät zu Gesicht, das wohl eine Art Perpetuum mobile sein soll, was es damit aber auf sich hat, muss man sich selbst zusammenreimen.

Ich verstehe schon, dass das nicht der Fokus der Handlung ist – ein wenig mehr „Fleisch“ hätte dem Film an dieser Stelle aber nicht geschadet. Hinzu kommen gewisse logische Ungereimtheiten – so laufen beispielsweise Uhren mit Fortdauer des Films sichtbar schneller, was meines Erachtens aber nicht von den Charakteren bemerkt werden dürfte, wenn die sich weiterhin in normaler Geschwindigkeit durch den Raum bewegen. Kleinlich? Mag sein, aber dadurch, dass es hier – im Gegensatz zu „Und täglich grüßt das Murmeltier“ – eine eindeutige, technische Komponente gibt, die den Zeitsprung auslöst, hätte ich mir dazu auch eine gewisse Pseudo-Wissenschaftlichkeit gewünscht.

Einen Punkt möchte ich noch ansprechen, bevor ich zum Fazit komme: Den Schluss von „ARQ“ fand ich enttäuschend. Um es deutlich zu sagen: Es wirkt, als hätte schlicht und ergreifend niemand eine Idee gehabt, wie man die Story vernünftig zu Ende führen soll. Ein Happy End war angesichts des allgemeinen Tenors wohl zu Recht keine Option, sodass man sich für eine zweitschlechteste Alternative entschieden hat: Das Ende ist offen, es geht also alles wieder von vorne los – ob das nun besser oder schlechter als die auf unterschiedliche Weisen aufgelösten Zeitschleifen anderer Werke ist, sei dahingestellt; meinen Geschmack hat es jedenfalls nicht getroffen, weil es sich merklich nach einer Verlegenheitsoption anfühlt.

Fazit: Sehenswert.

Ich würde „ARQ“ trotz der genannten Schwächen allen empfehlen, die eine Vorliebe für das Konzept der Zeitreise und ihrer Konsequenzen haben. Wie sehr die fehlende Wissenschaftlichkeit fehlt, hängt meines Erachtens stark vom persönlichen Geschmack ab. Ich gebe jedoch zu bedenken, dass mir selbst solche Dinge in der Regel sehr wichtig sind, ich „ARQ“ aber trotz ihrer Abwesenheit als spannend und unterhaltsam empfunden habe. Wer nicht so viel Wert darauf legt, alles möglichst lückenlos erklärt zu bekommen, wird an dieser Stelle ohnehin keine Probleme mit dem Film haben und erlebt einen spannenden Thriller, in dem nichts so ist, wie es anfangs scheint. Das dürfte sogar funktionieren, wenn man mit der Zeitschleifen-Thematik nicht warm wird, weil der Regisseur es meines Erachtens völlig unabhängig davon schafft, eine interessante und überraschende Geschichte zu erzählen.

Größter Wermutstropfen ist das Finale. Das ist eigentlich sogar recht konsequent, dennoch hinterlässt es das Publikum eher ratlos, weil das Gefühl dominiert, alles, was die Charaktere zuvor erlitten haben, wäre sinnlos gewesen. Ob das in diesem Ausmaß gewollt war, wage ich nicht zu beurteilen. So oder so: „ARQ“ ist definitiv sehenswert und hätte mit einem etwas … naja… „besseren“ Finale (was auch immer das heißen mag) mindestens einen Punkt mehr bekommen. Aber auch so sollten Science Fiction-Fans unbedingt einen Blick riskieren – es lohnt sich.

Gesamteindruck: 5/7


Originaltitel: ARQ.
Regie:
Tony Elliott
Drehbuch: Tony Elliott
Jahr: 2016
Land: USA, Kanada
Laufzeit: ca. 90 Minuten
Besetzung (Auswahl): Robbie Amell, Rachael Taylor, Shaun Benson, Gray Powell, Adam Butcher



FilmWelt: TAU

„TAU“ (2018) gehört zu jener Sorte Filme, die man nach einem beiläufigen Blick auf die Inhaltsangabe auf die Watchlist gibt. Dort setzt er dann – gemeinsam mit hundert ähnlichen Werken – sprichwörtlichen Staub an, bis man sich irgendwann doch zu einer Sichtung aufrafft und oft genug eine Enttäuschung erlebt. Inwiefern das in vorliegendem Fall zutrifft, versuche ich im Folgenden herauszuarbeiten.

Gesamteindruck: 2/7


Mensch und Maschine gegen Mensch.

Es ist kein neues Terrain, auf das sich Regisseur Federico D’Alessandro und Drehbuchautorin Noga Landau mit „TAU“ begeben. Moment, wer? Gute Frage, ich musste auch erst recherchieren… In aller Kürze: Der Name D’Alessandro ist (im Gegensatz zu Landau) zumindest mit großen Produktionen assoziiert. So hat unser Mann beispielsweise an Filmen wie „I Am Legend“ (2007), „Bird Box“ (2018) und einer stattlichen Zahl von Blockbustern aus dem Marvel-Universum mitgewirkt. Allerdings, und das ist die Crux und mithin der Grund, wieso mir der Name nicht geläufig war: D’Alessandro ist kein gelernter Regisseur, sondern in der Regel für das „storyboard“ verantwortlich, also für die grobe, visuelle Konzeption von Filmszenen. Eine wichtige Aufgabe, allerdings keine, die mit den Herausforderungen, denen sich ein Regisseur stellen muss, vergleichbar ist. Das schon mal zur Orientierung und Einordnung dessen, was ich in weiterer Folge über „TAU“ zu sagen habe.

Worum geht’s?
Julia, eine Kleinkriminelle, die sich mit Diebstählen und Hehlerei über Wasser hält, wird entführt und findet sich unversehens in einem futuristischen Haus wieder. Dessen Eigentümer Alex braucht Versuchskaninchen für ein nicht näher genanntes Projekt, das irgend etwas mit der Entwicklung künstlicher Intelligenz zu tun hat. In Abwesenheit ihres Entführers soll Julia, beaufsichtigt vom intelligenten und mit Emotionen ausgestatteten Computer TAU, verschiedene Aufgaben und Tests bestehen. Zunächst bleibt ihr nichts übrig, als sich zu fügen – bis sie eine Möglichkeit findet, das Vertrauen der Maschinenintelligenz zu gewinnen und sich mit ihm gegen Alex zu verbünden…

Auf dem Papier klingt die Prämisse von „TAU“ nicht schlecht, stellt sie doch die Frage nach dem Wesen von Intelligenz und der Bedeutung von Emotionen für Mensch und Maschine. Dieses Thema ist ein Klassiker der Science Fiction und angesichts jüngster Entwicklungen so aktuell wie nie zuvor in der Geschichte. So gesehen ist es auch kein Wunder, dass „TAU“ inhaltlich an Werke wie „2001: Odyssee Im Weltraum“ (1968), dessen Hommage „Dark Star“ (1974) und die eine oder andere Folge diverser Science Fiction-Serien (z. B. „Computer M5“ aus „Raumschiff Enterprise“) erinnert. In jüngerer Zeit stellten beispielsweise „Ex Machina“ (2015) oder, allerdings erst nach „TAU“, „I Am Mother“ (2019) ähnliche Themen zur Diskussion.

Diese Referenzen weisen darauf hin, was „TAU“ anhand seiner Prämisse hätte sein können. Leider – und damit nehme ich das Fazit vorweg – hinterlässt der Film im Gegensatz zu seinen vermeintlichen Vorbildern keinen bleibenden Eindruck. Er stellt zwar indirekt, also aus der Handlung heraus, wichtige Fragen, eine tiefschürfende Beantwortung, die uns neue Erkenntnisse bringen könnte, bleibt er jedoch schuldig. Letzten Endes muss man sogar konstatieren, dass es schwierig ist, eine Aussage über den Sinn dieses Films zu treffen. Ein ziemlich vernichtendes Urteil, das ich in weiterer Folge zu erklären versuche.

Thema verfehlt.

„TAU“ enttäuscht auf mehreren Ebenen. So wirkt der Film beispielsweise auf mich, als hätte der Regisseur zwei Ideen gehabt: Einerseits sollte es um die Psychologie einer Entführung gehen, andererseits musste „irgendwas mit künstlicher Intelligenz“ rein; letzteres vielleicht als Reminiszenz an genannte Klassiker oder um brennende Fragen unserer Zeit zu diskutieren – ich weiß es nicht. Diese beiden Gedanken miteinander zu verbinden ist jedenfalls nicht so weit hergeholt und eine legitime Herangehensweise, die aber leider maximal im Aufbau des Films halbwegs funktioniert. Nach der Einführung der Grundidee und der ersten Vorstellung der Charaktere geht „TAU“ relativ schnell die Luft aus.

Ein Grund dafür ist, dass die Verantwortlichen sich offenbar nicht sicher waren, auf welche Weise sie die Gefahren überhaupt thematisieren sollen, die der Menschheit drohen könnten, wenn Maschinen intelligent und emotional werden. Mit anderen Worten: Die Frage nach dem Umgang mit künstlicher Intelligenz wirkt fast schon vorgeschoben und wie eine Art Anhängsel zur eigentlich favorisierten Entführungsgeschichte, die sich im Laufe des Films zu einer Art Romanze entwickelt.

Denn genau das passiert: Julia wird entführt, zeigt sich in Gefangenschaft zunächst widerspenstig, besinnt sich dann aber darauf, das Vertrauen ihrer Peiniger zu gewinnen, um so zu entkommen. Mit dem Einen gelingt ihr das nicht, zum Anderen kann sie schließlich tatsächlich eine Beziehung aufbauen. Das wiederum löst Streit unter den Schurken aus – was zu einem Finale führt, das ähnlich vorhersehbar ist, wie der eben beschriebene Rest. Einzige Besonderheit: Einer der Gegenspieler ist kein Mensch, sondern ein Computer – und ausgerechnet der lässt sich zu emotionalem Handeln hinreißen, während sein menschlicher Schöpfer kalt wie eine Maschine agiert. Theoretisch mag das nach einem interessanten Setting klingen, in Wirklichkeit ist es aber eine Themenverfehlung, weil der Film für mein Dafürhalten etwas Anderes verspricht.

Doch auch, wenn ich die Intention von „TAU“ fehlinterpretiert hätte, hat der Film mit ganz grundsätzlichen Schwächen zu kämpfen. So kommt das Drehbuch recht spannungsarm, teils unlogisch und auch lückenhaft daher: Was ist beispielsweise der Zweck der Experimente von Alex? Wie ist es möglich, „Schmerz“ bei einem Computer auszulösen? Warum kann eine allmächtige KI, die schreit, wenn man ihr „weh“ tut, zwar Geheimnisse für sich behalten, aber keine Türen öffnen? Überhaupt wirkt das Verhalten des Computers TAU häufig unglaubwürdig, auch dann, wenn man ihm eine Intelligenz unterstellt, die über das hinausgeht, was aktuelle Rechner leisten können. Nichts von alledem wird sinnvoll erläutert, sodass auch in dieser Hinsicht definitiv ein schaler Nachgeschmack bleibt. Auch wenn ich mich wiederhole: Es wirkt, als wäre das, was später zur künstlichen Intelligenz TAU werden sollte, ursprünglich für einen menschlichen Charakter geschrieben gewesen, der sich erst sträubt und schließlich nach und nach von seinem eigentlichen Opfer einlullen lässt.

Lustlose Darsteller:innen.

„TAU“ wird im Wesentlichen von drei Figuren bestimmt: Julia, gespielt von Maika Monroe, Antagonist Alex, den Ed Skrein darstellt – und, irgendwo zwischen diesen beiden Polen, der Computer TAU, gesprochen vom großartigen Gary Oldman. Ich würde das, abgesehen vielleicht von Skrein, eine durchaus passable Besetzung nennen, die der Regisseur allerdings nicht zu nutzen vermag. Einerseits, weil es ihm offenbar nicht gelungen ist, seine Schauspieler:innen richtig zur Arbeit zu motivieren: Weder Monroe noch Skrein legen meines Erachtens irgendeine Form von Leidenschaft in ihre Darbietung. Wer nun argumentiert, dass speziell der Bösewicht kalt und unnahbar sein muss, hat grundsätzlich schon recht – nur löst das fast schon gelangweilt wirkende Spiel von Ed Skrein keinerlei Emotionen bei mir aus. Weder finde ich ihn auch nur ansatzweise sympathisch, noch ist er einer dieser Schurken, die so gemein sind, dass man sie einfach hassen muss. Er ist schlicht und einfach nichtssagend, genau wie sein weiblicher Konterpart. Gary Oldman kann das auch nicht rausreißen, im Gegenteil: Durch die sanfte Emotionalität, die er – bzw. sein Synchronsprecher, das Original kenne ich nicht – in die Stimme von TAU legt, geht der KI völlig die berechnende Kälte einer Maschine ab, die in ähnlichen Filmen immer unbewusst mitschwingt. Ein bedrohlicher Computer ist TAU jedenfalls nicht, was wiederum an der Glaubwürdigkeit des gesamten Films rüttelt.

Doch auch, wenn die Schauspieler:innen recht lustlos agieren, würde ich ihnen nicht die Schuld an der mageren Wertung für „TAU“ geben. Viel gravierender sind – neben genannten inhaltlichen Schwächen – die für sie geschriebenen Dialoge, die sich nahtlos in die Oberflächlichkeit des Gesamwerks einreihen. Die Gespräche zwischen TAU und Julia sind anfangs noch halbwegs interessant und bieten auch eine gewisse Spannung (schafft sie es, den Computer auf ihre Seite zu ziehen?). Im Laufe der Handlung verflachen sie jedoch zusehends, wiederholen sich und sind kaum geeignet, das Interesse aufrecht zu erhalten. Eine wichtige Aussage vermag ich darin – wie auch im restlichen Film – kaum zu finden. Der Vollständigkeit halber sei abschließend erwähnt, dass das gelegentliche Geplänkel zwischen Alex und Julia bestenfalls Standard ist, den man, wie den Großteil der Handlung, aus praktisch jeder Entführungsgeschichte kennt.

Was bleibt als Fazit? Zunächst einmal mehr die Erkenntnis, dass Netflix-Produktionen oft stark fotografiert und sehr stylisch sind (so auch dieses Werk), über gute Effekte verfügen und sich in der Besetzung nicht vor anderen Titeln verstecken müssen. Gleichzeitig sind sie inhaltlich oft deutlich schwächer, als man erwarten würde – und das ist eben auch bei „TAU“ der Fall. Wenn man es ganz genau nimmt, macht der Film aus seiner Prämisse praktisch nichts, denn, brutal gesagt: Es hätte für die Handlung so gut wie nichts geändert, wenn statt einer künstlichen Intelligenz zwei menschliche Entführer am Werk gewesen wären. Heißt: Der Film „TAU“ hätte mit geringfügigen Änderungen auch ohne den Computer TAU funktioniert. Und das ist eigentlich ein verheerendes Zeugnis, dass sich letztlich auch in der Wertung niederschlagen muss.

Gesamteindruck: 2/7


Originaltitel: TAU.
Regie:
Federico D’Alessandro
Drehbuch: Noga Landau
Jahr: 2018
Land: USA
Laufzeit: ca. 100 Minuten
Besetzung (Auswahl): Maika Monroe, Ed Skrein, Gary Oldman



FilmWelt: Nerve

„Nerve“ (2016) ist eine Adaption eines gleichnamigen Romans, der 2012 veröffentlicht wurde. Die Idee, die dahinter steckt ist zwar nicht völlig neu: Bereits 1997 hatte „The Game“, u. a. mit Michael Douglas und Sean Penn, eine ähnliche Prämisse. „Nerve“ adaptiert diesen Stoff sehr clever und passt ihn so an, dass er den seit einigen Jahren herrschenden Trend zur Exposition in den Sozialen Medien voll und ganz trifft. Dazu passt auch die optische, technische und schauspielerische Umsetzung, die vor allem auf Action und Tempo setzt, in der aber trotz aller Leichtigkeit die Warnung vor gewissen Zuständen unserer Zeit ebenfalls Platz findet.

Gesamteindruck: 5/7


Die Zeit, in der wir leben.

Dass es in jüngerer Zeit verstärkt Tendenzen gibt, das komplexe Themengeflecht im Umfeld der Sozialen Medien filmisch zu thematisieren ist nicht verwunderlich: Kaum ein Bereich bestimmt das Leben junger und nicht mehr ganz so junger Menschen aktuell in diesem Ausmaß. Und: Es mag durchaus schöne Seiten diese Phänomens geben – für mein Gefühl überwiegen aber die Probleme, die daraus entstehen. Das scheinen u. a. auch viele Medienschaffende so zu sehen, wie man an Beiträgen wie „CAM“ (2018), „Follow Me“ (2020) und – vor allem – diversen Folgen von „Black Mirror“ (2011-2019) deutlich erkennen kann.

Worum geht’s?
„Nerve“ ist ein illegales Spiel für moderne Gladiator:innen: Wer sich als „Player“ anmeldet und die gestellten Herausforderungen annimmt, kann damit Geld verdienen und zum gefeierten Internet-Star werden. Denn die Bewältigung der Challenges wird einem voyeuristischen Publikum, den „Watchern“, direkt auf ihr Smartphone oder Tablet geliefert. Der Haken: Neben vermeintlich leichten und harmlosen Aufgaben nimmt man immer wieder auch an kriminellen, riskanten, oft sogar lebensgefährlichen Handlungen teil, um die sensationslüsternen Watcher bei der Stange zu halten. Und: Ist man einmal als Player dabei, gibt es kaum noch ein Zurück, wie auch Mauerblümchen Vee auf der Suche nach Geld und Anerkennung feststellen muss…

Die Story von „Nerve“ mag für ältere Semester unglaublich klingen. Wer aber auch nur ein bisschen verfolgt, was sich heute im Netz tut, wird sich eher fragen, ob die Handlung wirklich frei erfunden ist. Denn 2014 gab es beispielsweise die „Ice Bucket Challenge“, die anschaulich zeigte, wie Menschen dazu gebracht werden, vor einem Millionenpublikum eine Handlung durchzuführen, die in früheren Zeiten maximal der engste Freundeskreis beobachtet hätte. Immerhin ging es dabei aber um einen guten Zweck und (hoffentlich) ist dabei auch niemand zu Schaden gekommen. Anders bei der um 2018 erstmals in größerem Stil aufgetauchten „Tide Pod Challenge“: Bei diesem wohl am ehesten als Mutprobe zu bezeichnenden Internet-Phänomen nahmen (vorwiegend) Jugendliche vor laufender Kamera Waschmittel-Pods zu sich – was für den einen oder die andere mit einem Besuch im Krankenhaus geendet haben dürfte.

Diese zwei Beispiele zeigen, dass man „Nerve“ beim besten Willen nicht unterstellen kann, eine unglaubwürdige Geschichte zu erzählen. Im Gegenteil: Man wundert sich, dass das hier vorgestellte, freilich höchst fragwürdige, Geschäftsmodell bis dato nicht existiert. Oder gibt es so etwas wie „Nerve“ vielleicht schon irgendwo in den Abgründen des Internets – und wir wissen es nur (noch) nicht? Ich würde es zumindest nicht ausschließen wollen…

Inhaltlich braucht „Nerve“ rund 30 Minuten, um seine Charaktere einzuführen. Das gelingt auf relativ spielerische Art und sollte eigentlich den Großteil des Publikums (nicht nur die Influencer und YouTuber) ansprechen. Durchaus launig und unterhaltsam werden die Rollen vorgestellt, wobei es im Wesentlichen nur drei halbwegs detailliert gezeichnete Figuren gibt. Nach den ersten Challenges, die den Zuseher:innen (und auch den Charakteren) ein Gefühl für das Spiel geben, wird aus locker-flockiger Unterhaltung plötzlich bitterer Ernst. Ab hier gewinnt der Film deutlich an Spannung und Tiefgang – zumindest so lange er sich um die in meiner Vorstellung eigentlich zentrale Frage „Wie weit würdest du gehen?“ dreht. Das dürfte den Verantwortlichen dann aber, vermutlich der Vorlage geschuldet, ein bisschen zu wenig gewesen sein, sodass zum Schluss nicht nur der Ausbruch aus dem Spiel, sondern auch dessen Zerstörung zum Thema wird, was der Glaubwürdigkeit meines Erachtens schadet.

Kein tolles Finale.

Überhaupt möchte ich eben jenes Finale an dieser Stelle kritisieren: Eine ausgesprochen moralisierende Rede ist offenbar das Mittel der Wahl, um nicht die Macher:innen des Spiels, sondern dessen voyeuristische Zuseher:innen in die Pflicht zu nehmen. Die Intention mag nobel sein – ich persönlich halte das aber für keine gute Idee, allein schon, weil es dafür notwendig ist, die „Watcher“ an einem Ort zu versammeln, was die bis dahin geltenden Konventionen des Films konterkariert. Ohne Live-Publikum, das auch physisch anwesend ist, wäre eine derartige Rede aber nicht denkbar und schon gar nicht wirkungsvoll, sodass man um diesen Kniff wohl nicht herumgekommen ist.

Dabei wäre der Schluss per se sogar gut geschrieben: Das Spiel endet erst dann, wenn wirklich jemandem etwas passiert. Nur bleibt es dabei nicht – im Gegenteil, „Nerve“ hat ein richtiges happy end, was den Film tatsächlich einen Punkt in der Gesamtwertung kostet. Auch, weil er, um das überhaupt umzusetzen ebenfalls eine weitere fragwürdige Entscheidung in Sachen Glaubwürdigkeit treffen muss, indem er ein paar Nerds dieses hochprofessionell organisierte Spiel hacken lässt, ohne auch nur ansatzweise zu erklären, wie das überhaupt funktionieren soll. Schade – denn das wirkt deutlich einfallsloser, als ich es mir nach dem bis dahin Gesehenen erhofft hätte.

Technisch sehr stark.

Abschließend noch ein Wort zur technischen Seite: Für mein Gefühl schaffen die Regisseure Henry Joost und Ariel Schulman es praktisch perfekt, die Prämisse des Films jederzeit sichtbar zu halten. Alles an „Nerve“ wirkt zeitgemäß und modern: Von Anfang an stechen optische Spielereien wie eingeblendete Emojis, Chatfenster, bunte Wegweiser, verwackelte, durchs Smartphone gefilmte Szenen, aber auch die Kameraführung per se sowie der schnelle Schnitt hervor. Gemeinsam mit dem poppigen Soundtrack und den teils schnell gesprochenen Dialogen fühlt man sich zeitweise tatsächlich eher wie jemand, der/die die Kandidat:innen durch sein Smartphone bei ihren Challenges beobachtet. Genau das dürfte auch das Ziel gewesen sein, weil es dem realen Publikum den Eindruck vermittelt, in der moralisch höchst fragwürdigen Position des „Watchers“ zu sein. Das funktioniert grundsätzlich gut, wobei man nicht unerwähnt lassen sollte, dass „Nerve“ kein komplett mit Handkameras gedrehter Film ist, sondern schon auch traditionelle Szenen bietet. Ich denke aber, dass den Regisseuren hier eine sehr starke Mischung gelungen ist.

Erwähnenswert am Ende: Den Soundtrack habe ich oben als poppig beschrieben. Das ist an und für sich schon Geschmackssache – in „Nerve“ kommt hinzu, dass die Musik teilweise alles zuzukleistern scheint, was manche (also ich…) schon als störend empfinden könnten. Ähnliches gilt für die Dialoge, die dem Thema zwar angemessen sind, die man aber erst einmal verkraften muss.

Hauptkritikpunkt ist und bleibt allerdings das ziemlich süßliche Finale, mit dem ich so gar nichts anfangen konnte und das meines Erachtens ohne Not und eigentlich auch überhaupt nicht angebracht gewisse „alles halb so schlimm“-Vibes zu versprühen scheint. Schade drum, ohne dieses Ende hätte es eine höhere Punktezahl geben können – ein unterhaltsamer Film zu einem hochaktuellen Thema ist „Nerve“ aber allemal.

Gesamteindruck: 5/7


Originaltitel: Nerve.
Regie:
Henry Joost, Ariel Schulman
Drehbuch: Jessica Sharzer
Jahr: 2016
Land: USA
Laufzeit: ca. 95 Minuten
Besetzung (Auswahl): Emma Roberts, Dave Franco, Juliette Lewis, Emily Meade, Miles Heizer



FilmWelt: Road to Perdition

20 Jahre (!) hat es gedauert, bis ich das vielfach Oscar-nominierte „Road to Perdition“ (2002) erstmals gesehen habe – es hat sich einfach nie ergeben. Weil heute der Zugang zu Filmen dank Streaming so einfach ist, wie nie zuvor in der Geschichte, war die Zeit nun aber endgültig reif, diese Lücke in meinem Lebenslauf als Filmliebhaber zu schließen.

Gesamteindruck: 5/7


Der Killer und sein Sohn.

Im Vorfeld war ich der Meinung, „Road to Perdition“ wäre ein klassischer Mafiafilm in der Tradition von „Der Pate“ (1972), „Scarface“ (1983) & Co. Für das erste Drittel, vielleicht die erste Hälfte, der Laufzeit trifft das durchaus zu, später ändert sich dieser Eindruck, was an unterschiedlichen Details festzumachen ist. Dass der Film auf einer 1998 erstmals erschienen Graphic Novel gleichen Namens beruht, habe ich allerdings erst im Zuge der Recherche zu dieser Rezension festgestellt. Relevant für das Verständnis von „Road to Perdition“ ist diese Information zwar nicht, sie erklärt meines Erachtens jedoch die eine oder andere Eigenheit des Films und seiner Charaktere.

Worum geht’s?
Mike Sullivan führt ein Doppelleben: Zu Hause ist er treusorgender Ehemann und liebevoller Vater, beruflich erledigt er die Drecksarbeit für Mafiaboss John Rooney und schreckt dabei auch vor Mord nicht zurück. Bei einem seiner Aufträge wird Sullivans Sohn Michael jr., der sich unbemerkt im Kofferraum versteckt hat, Zeuge der brutalen Methoden der Gangster. Mitwisser kann das Syndikat freilich nicht gebrauchen, was Mike dazu zwingt, mit seinem Sohn die Flucht zu ergreifen. Gemeinsam durchqueren die beiden das Amerika der 1930er Jahre, immer bemüht, ihren Häschern einen Schritt voraus zu sein…

In Sachen Starpower steht „Road to Perdition“ den großartigsten Gangsterfilmen Geschichte kaum nach: Tom Hanks, Paul Newman († 2008, hier in seiner letzten Kinorolle) und der damals noch nicht allzu bekannte Daniel Craig sind ebenso am Start wie Jude Law, Jennifer Jason Leigh, der spätere Serienheld Tyler Hoechlin sowie der von mir sehr geschätzte Stanley Tucci. Mit einem solchen Aufgebot kann grundsätzlich nicht viel schief gehen – allerdings erscheint mir die Besetzung mancher Rollen recht unkonventionell: So muss man sich an einen ziemlich weinerlichen Daniel Craig gewöhnen, während Jude Law als eiskalter Auftragskiller auch nicht gerade eine seiner üblichen Rollen spielt. Und: Tom Hanks gibt hier den nettesten Verbrecher seit Kevin Costner in „Perfect World“. Überhaupt hat mich „Road to Perdition“ in Sachen Story und Charakterentwicklung stark an jene Clint Eastwood-Produktion von 1993 erinnert, das aber nur als Randnotiz.

In der Retrospektive wirken speziell Craig und Law so, als würden sie eine Rolle spielen, die eigentlich zum jeweils anderen passt. Tom Hanks ist hier ebenfalls ungewöhnlich unterwegs, er zeigt aber auch, wie wandlungsfähig er als Schauspieler war und ist. An dieser Stelle möchte ich dennoch anmerken, dass Hanks so ruhig, nachdenklich und introvertiert agiert, dass es schwerfällt, in ihm den kompromisslosen „Enforcer“ zu sehen, den er eigentlich spielt. Im Endeffekt ist das ein ähnlicher Grenzgang, wie wir ihn fast 10 Jahre zuvor im oben erwähnten „Perfect World“ erlebt haben – und wie Kevin Costner (zumindest sagt das meine leicht verblasste Erinnerung) schafft es Tom Hanks glücklicherweise, stets diesseits jener imaginären Grenze der Glaubwürdigkeit zu bleiben.

Wer spielt sonst noch mit? Jennifer Jason Leigh gibt in einer relativ kleinen Rolle eine unauffällige Ehefrau in diesem extrem männlich dominierten Film. Paul Newman ist hingegen ein starker Schurke – einerseits verleiht der Schauspieler seinem Charakter so gar nichts vom Typ „lieber Opa“, sondern umgibt ihn mit einer Aura von kalter Brutalität. Andererseits arbeitet der Altstar im Zusammenspiel mit Hanks gut die spezielle, Vater-Sohn-artige Beziehung zwischen beiden heraus, die den von Craig gespielten leiblichen Sohn zu einer sehr tragischen Figur macht. So gesehen passt dessen Auftritt wiederum ganz gut. Lediglich Jude Law wirkt bis zum Schluss relativ isoliert und fügt sich nicht so richtig ins Gesamtbild ein (was ich aber nicht dem Schauspieler, sondern dem Drehbuch zuschreiben würde). Das mag auch an der Optik seiner Rolle liegen: Mit langen Fingernägeln, schütterem Haar, gelblichen Zähnen, entsprechend geschminkt und gemessenen Bewegungen wirkt er wie der Tod persönlich, mithin wohl eine der stärkeren Reminiszenzen an das Comic-Vorbild, an das ansonsten vor allem gewisse Überzeichnungen, vor allem in Action-Szenen, angelehnt sein dürften.

Vorzüglich gemacht.

Was beim Ansehen von „Road to Perdition“ auch anno 2022 direkt auffällt: Der Film ist nicht nur stark besetzt, sondern vor allem gut ausgestattet und inszeniert. Speziell das über weite Strecken trostlos verregnete Bühnenbild mit vielen Anleihen aus dem Film noir weiß zu überzeugen. Hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang das eindrucksvolle Finale im strömenden Regen – viel besser hätte man das meines Erachtens nicht gestalten können; ähnliches gilt für die immer wieder faszinierenden Bilder von uniformen Menschenmengen mit Mantel und Hut. Dass „Road to Perdition“ so gut aussieht, ist neben den Regiekünsten natürlich auch und vor allem der Kameraarbeit zu verdanken, für die es den einzigen Oscar (bei 6 Nominierungen) gab. Seinen Oscar (insgesamt war es sein dritter) konnte Kameramann Conrad L. Hall allerdings nicht mehr persönlich entgegennehmen – er war wenige Wochen vor der Verleihung an Krebs verstorben.

Road to Familie.

Wenn Inszenierung, Ausstattung und Besetzung so stark sind, wo liegen dann die Schwächen von „Road to Perdition“? Für mein Dafürhalten sind es Drehbuch und Handlung, die nicht ganz mit dem beeindruckenden Rest mithalten können. Die Story selbst ist eine Mischung aus Thriller und Road Movie, wobei letzteres klar überwiegt, was man schon am Titel des Films erkennen kann. Auf der Straße lernen sich Vater und Sohn erst richtig kennen, was zwar keine große Überraschung, aber immerhin ganz gut gelungen ist. In manchen Momenten ist das Zusammenspiel von Hanks und Hoechlin großartig, oft kam es mir aber auch etwas hölzern und schwerfällig vor, was eventuell auch dem Drehbuch geschuldet sein könnte. Ich weiß nicht, wie es anderen Zuschauer:innen gegangen ist, ich hatte letzten Endes aber tatsächlich ein paar Schwierigkeiten, eine richtige Beziehung zu den Protagonisten aufzubauen.

In Sachen Drehbuch habe ich „Road to Perdition“ über weite Strecken als gut geschrieben erlebt. Es gibt hier allerdings eine Diskrepanz, die mich etwas gestört hat: Während die erste Hälfte des Films hart, brutal und düster rüberkommt, scheint es, dass Sam Mendes bzw. Drehbuchautor David Self ihr Werk im weiteren Verlauf mit ein wenig Humor auflockern wollten. Nicht falsch verstehen: „Road to Perdition“ ist zu keinem Zeitpunkt eine Komödie und es gibt ohnehin nicht viele derartige Szenen. Dennoch oder gerade deshalb ist mir der Abschnitt, in denen sich Vater und Sohn als Komplizen, die Geld von Al Capone (!) stehlen, über Wasser halten, als unpassend launig in Erinnerung geblieben.

Fazit: Es kommt nicht von ungefähr, dass 5 der 6 Oscar-Nominierungen für „Road to Perdition“ in „technischen“ Kategorien zu verzeichnen waren (Kamera, Szenenbild, Musik, Ton, Tonschnitt und, als einzige Ausnahme, die Nominierung als bester Nebendarsteller für Paul Newman). Wie mehrfach beschrieben sind das lauter Kategorien, in denen der Film vorbehaltlos glänzen kann. Er ist – und auch das habe ich angedeutet – inhaltlich ebenfalls gelungen und durchaus unterhaltsam; Schauspieler:innen, Charaktere und Inszenierung stimmen ebenfalls. Dennoch fehlt für mich das allerletzte Quäntchen, das ein wahres Meisterwerk auszeichnet. Anders gesagt: Die Teile fügen sich weitgehend nahtlos zusammen. Größer als ihre Summe will mir „Road to Perdition“ allerdings leider nicht erscheinen.

Gesamteindruck: 5/7


Originaltitel: Road to Perdition.
Regie:
Sam Mendes
Drehbuch: David Self
Jahr: 2002
Land: USA
Laufzeit: ca. 120 Minuten
Besetzung (Auswahl): Tom Hanks, Paul Newman, Jude Law, Daniel Craig, Tyler Hoechlin, Jason Tucci



FilmWelt: Veras Mantel

In den Abgründen einschlägiger Streaming-Portal finden sich neben haufenweise obskurer B- und C-Ware gelegentlich recht gutklassige Indie-Produktionen. Eine solche ist auch „Veras Mantel“ (2018), ein Film, den ich unlängst zufällig beim Durchforsten des Prime Video-Angebots von Amazon gefunden habe. Fast hätte ich die deutsche Produktion trotz interessanter Inhaltsangabe dennoch nie gesehen – zu durchwachsen schienen mir die Kritiken. Letztlich habe ich es nach einigem Hin und Her aber doch gewagt.

Gesamteindruck: 5/7


Ein anderes Leben.

Um es gleich vorweg zu nehmen: Ich habe es nicht bereut, gut 110 Minuten meines Lebens mit „Veras Mantel“ verbracht zu haben. Das bedeutet allerdings weder, dass es sich dabei um ein unentdecktes Meisterwerk handelt, noch dass dieser Film für ein breites Publikum geeignet ist. Ich weiß: Letzteres klingt verdächtig nach elitärem Gehabe, ist im Prinzip aber nur Ausdruck meines Unverständnisses für die meines Erachtens zu niedrigen Wertungen. Damit will ich wiederum nicht sagen, dass die Kritiker:innen unrecht hätten – es könnte aber schon sein, dass manche von ihnen mit falschen Vorstellungen an den Film des österreichischen Regisseurs Ronald Unterberger herangegangen sind.

Worum geht’s?
Schriftstellerin Vera Godin leidet an einer besonders schlimmen Form von Agoraphobie: Es ist ihr völlig unmöglich, das eigene Haus zu verlassen. Als ein mysteriöser Fan beginnt, die erfolgreiche Autorin zu stalken, alarmiert sie nach einigem Hin & Her die Polizei, die prompt einen Wachposten vor der Haustür abstellt. Im ersten Moment scheint sich die Situation dadurch zu entspannen, doch schon bald geschehen weitere, noch unheimlichere Dinge…

Im Wesentlichen lässt sich „Veras Mantel“ als Mystery-Thriller klassifizieren. Die Idee eines fanatischen Bewunderers, der dem Objekt seiner Begierde bedrohlich nahe kommt, ist per se natürlich nicht sonderlich originell. Ronald Unterberger, der das Drehbuch selbst verfasst hat, arbeitet allerdings auch mit übernatürlichen Elementen, was seinen Beitrag vage in Richtung „The Sixth Sense“ (1999) oder „The Others“ (2001) verschiebt, deren Klasse er aber nicht erreicht. Wobei man durchaus sagen kann, dass die unheimlichen Szenen von „Veras Mantel“, speziell was die Auftritte der „anderen Frau“ betrifft, tatsächlich furchteinflößend sind und einer Hollywood-Produktion kaum nachstehen.

Vom Publikum verkannt?

Dass dieser Film dennoch nicht über den Status eines Geheimtipps hinauskommt, liegt meines Erachtens vor allem an zwei Faktoren. Erstens ist „Veras Mantel“ auf allen Ebenen sehr ruhig: Es gibt kaum Filmmusik zu hören, die Ausstattung ist insgesamt sehr kühl und minimalistisch, die Szenenwechsel sparsam; generell wirkt alles sehr zweckmäßig und so, als solle nichts von der Hauptfigur und deren Zustand ablenken. Der zweite Faktor sind die Dialoge: „Veras Mantel“ steht in dieser Hinsicht in der Tradition vieler deutschsprachiger Produktionen, deren Sprache mehr an die des Theaters erinnert und relativ wenig mit dem zu tun hat, was man in der Regel aus dem Medium Film kennt. Und so ist es eben auch hier, wobei ich vermute, dass der Regisseur sein Werk mit Absicht so theaterhaft inszeniert hat, während es z. B. in „Tribes of Europa“ wie ein schusseliges Versehen wirkt.

Wer sich an die sehr nüchterne Ausstattung und die teils recht schwierigen Dialoge nicht gewöhnen kann oder will, wird – so meine Vermutung – eher nicht in der Lage sein, die sehr spezielle Atmosphäre des Films zu schätzen. Dabei empfinde ich gerade die als eine so große Stärke, dass sie mich als Zuseher auch über die etwas wirre Story hinwegsehen lassen kann. Denn der starke Kontrast zwischen der Agoraphobie der Hauptfigur, die das rettende „Draußen“ einfach nicht erreichen kann und dem Gefühl der Klaustrophobie, die der in einem einzigen Haus gedrehte Film beim Publikum auszulösen vermag, ist meines Erachtens eine sehr starke Leistung des Regisseurs.

Die Handlung selbst ist vor allem anfangs, genau genommen aber bis zum Schluss, schwer zu interpretieren. Das Finale versucht zwar, die Fäden zusammenzuführen und ein Aha-Erlebnis bzw. einen Twist zu generieren, wie man es aus den weiter oben erwähnten Hollywood-Streifen kennt. Leider muss man sich in der Praxis deutlich zu viel selbst zusammenreimen, hier lässt der Regisseur das Publikum ein wenig im Regen stehen. Denn das Ende ist bei einfachem Ansehen des Films meiner Meinung nach schwer bis überhaupt nicht zu entschlüsseln, was neben den genannten Punkten ebenfalls für negative Stimmung bei einigen Rezensent:innen gesorgt haben mag. Und auch ich, der ich „Veras Mantel“ über weite Strecken für gelungen halte, war zum Schluss eher ratlos und, ja, auch enttäuscht.

Eine Frage der Erwartungen.

Abschließend ein Wort zu den Schauspieler:innen: An deren Performance finde ich grundsätzlich wenig auszusetzen, vor allem Hauptdarstellerin Lea Faßbender macht einen grandiosen Job und trägt den Film praktisch im Alleingang. Ihr gelingt es hervorragend, den zunehmenden Verfall und die Isolation ihrer Figur nachzuzeichnen. Lobend erwähnen möchte ich außerdem Nico Josef Zitek, der Erik, den Ehemann der Hauptfigur spielt und dem es für mein Dafürhalten gut gelingt, die Schwierigkeiten einer solch unsymmetrischen Beziehung herauszuarbeiten. Wenig zu sagen hat Karoline Fritz alias „die andere Frau“, ich habe aber bereits weiter oben erwähnt, dass ihre Darstellung überaus unheimlich ist, was ebenfalls positiv hervorzuheben ist.

Wie man sieht, konnte ich „Veras Mantel“ durchaus einiges abgewinnen. Eine uneingeschränkte Empfehlung möchte ich aber dennoch nicht aussprechen – zu experimentell, zu speziell ist dieser Film. Ich würde allen, die überlegen, ihn anzusehen, den Rat geben, sich vorher zumindest ansatzweise über Hintergrund und Machart zu informieren. So sollte es möglich sein, abzuwägen, ob „Veras Mantel“ dem eigenen Geschmack entspricht. Wer das nicht tut, könnte möglicherweise eine Enttäuschung erleben, weil das einer dieser Fälle ist, in dem die Inhaltsangabe einen völlig falschen Eindruck vermittelt. Denn obwohl sie sachlich natürlich richtig ist, gibt sie keinerlei Aufschluss über die Eigenheiten, die diesen Film auszeichnen.

Gesamteindruck: 5/7


Originaltitel: Veras Mantel.
Regie:
Ronald Unterberger
Drehbuch: Ronald Unterberger
Jahr: 2018
Land: Deutschland
Laufzeit: ca. 110 Minuten
Besetzung (Auswahl): Lea Faßbender, Nico Josef Zitek, Karoline Fritz, Charlotte Ullrich, Leif Evers