FilmWelt: Veras Mantel

In den Abgründen einschlägiger Streaming-Portal finden sich neben haufenweise obskurer B- und C-Ware gelegentlich recht gutklassige Indie-Produktionen. Eine solche ist auch „Veras Mantel“ (2018), ein Film, den ich unlängst zufällig beim Durchforsten des Prime Video-Angebots von Amazon gefunden habe. Fast hätte ich die deutsche Produktion trotz interessanter Inhaltsangabe dennoch nie gesehen – zu durchwachsen schienen mir die Kritiken. Letztlich habe ich es nach einigem Hin und Her aber doch gewagt.

Gesamteindruck: 5/7


Ein anderes Leben.

Um es gleich vorweg zu nehmen: Ich habe es nicht bereut, gut 110 Minuten meines Lebens mit „Veras Mantel“ verbracht zu haben. Das bedeutet allerdings weder, dass es sich dabei um ein unentdecktes Meisterwerk handelt, noch dass dieser Film für ein breites Publikum geeignet ist. Ich weiß: Letzteres klingt verdächtig nach elitärem Gehabe, ist im Prinzip aber nur Ausdruck meines Unverständnisses für die meines Erachtens zu niedrigen Wertungen. Damit will ich wiederum nicht sagen, dass die Kritiker:innen unrecht hätten – es könnte aber schon sein, dass manche von ihnen mit falschen Vorstellungen an den Film des österreichischen Regisseurs Ronald Unterberger herangegangen sind.

Worum geht’s?
Schriftstellerin Vera Godin leidet an einer besonders schlimmen Form von Agoraphobie: Es ist ihr völlig unmöglich, das eigene Haus zu verlassen. Als ein mysteriöser Fan beginnt, die erfolgreiche Autorin zu stalken, alarmiert sie nach einigem Hin & Her die Polizei, die prompt einen Wachposten vor der Haustür abstellt. Im ersten Moment scheint sich die Situation dadurch zu entspannen, doch schon bald geschehen weitere, noch unheimlichere Dinge…

Im Wesentlichen lässt sich „Veras Mantel“ als Mystery-Thriller klassifizieren. Die Idee eines fanatischen Bewunderers, der dem Objekt seiner Begierde bedrohlich nahe kommt, ist per se natürlich nicht sonderlich originell. Ronald Unterberger, der das Drehbuch selbst verfasst hat, arbeitet allerdings auch mit übernatürlichen Elementen, was seinen Beitrag vage in Richtung „The Sixth Sense“ (1999) oder „The Others“ (2001) verschiebt, deren Klasse er aber nicht erreicht. Wobei man durchaus sagen kann, dass die unheimlichen Szenen von „Veras Mantel“, speziell was die Auftritte der „anderen Frau“ betrifft, tatsächlich furchteinflößend sind und einer Hollywood-Produktion kaum nachstehen.

Vom Publikum verkannt?

Dass dieser Film dennoch nicht über den Status eines Geheimtipps hinauskommt, liegt meines Erachtens vor allem an zwei Faktoren. Erstens ist „Veras Mantel“ auf allen Ebenen sehr ruhig: Es gibt kaum Filmmusik zu hören, die Ausstattung ist insgesamt sehr kühl und minimalistisch, die Szenenwechsel sparsam; generell wirkt alles sehr zweckmäßig und so, als solle nichts von der Hauptfigur und deren Zustand ablenken. Der zweite Faktor sind die Dialoge: „Veras Mantel“ steht in dieser Hinsicht in der Tradition vieler deutschsprachiger Produktionen, deren Sprache mehr an die des Theaters erinnert und relativ wenig mit dem zu tun hat, was man in der Regel aus dem Medium Film kennt. Und so ist es eben auch hier, wobei ich vermute, dass der Regisseur sein Werk mit Absicht so theaterhaft inszeniert hat, während es z. B. in „Tribes of Europa“ wie ein schusseliges Versehen wirkt.

Wer sich an die sehr nüchterne Ausstattung und die teils recht schwierigen Dialoge nicht gewöhnen kann oder will, wird – so meine Vermutung – eher nicht in der Lage sein, die sehr spezielle Atmosphäre des Films zu schätzen. Dabei empfinde ich gerade die als eine so große Stärke, dass sie mich als Zuseher auch über die etwas wirre Story hinwegsehen lassen kann. Denn der starke Kontrast zwischen der Agoraphobie der Hauptfigur, die das rettende „Draußen“ einfach nicht erreichen kann und dem Gefühl der Klaustrophobie, die der in einem einzigen Haus gedrehte Film beim Publikum auszulösen vermag, ist meines Erachtens eine sehr starke Leistung des Regisseurs.

Die Handlung selbst ist vor allem anfangs, genau genommen aber bis zum Schluss, schwer zu interpretieren. Das Finale versucht zwar, die Fäden zusammenzuführen und ein Aha-Erlebnis bzw. einen Twist zu generieren, wie man es aus den weiter oben erwähnten Hollywood-Streifen kennt. Leider muss man sich in der Praxis deutlich zu viel selbst zusammenreimen, hier lässt der Regisseur das Publikum ein wenig im Regen stehen. Denn das Ende ist bei einfachem Ansehen des Films meiner Meinung nach schwer bis überhaupt nicht zu entschlüsseln, was neben den genannten Punkten ebenfalls für negative Stimmung bei einigen Rezensent:innen gesorgt haben mag. Und auch ich, der ich „Veras Mantel“ über weite Strecken für gelungen halte, war zum Schluss eher ratlos und, ja, auch enttäuscht.

Eine Frage der Erwartungen.

Abschließend ein Wort zu den Schauspieler:innen: An deren Performance finde ich grundsätzlich wenig auszusetzen, vor allem Hauptdarstellerin Lea Faßbender macht einen grandiosen Job und trägt den Film praktisch im Alleingang. Ihr gelingt es hervorragend, den zunehmenden Verfall und die Isolation ihrer Figur nachzuzeichnen. Lobend erwähnen möchte ich außerdem Nico Josef Zitek, der Erik, den Ehemann der Hauptfigur spielt und dem es für mein Dafürhalten gut gelingt, die Schwierigkeiten einer solch unsymmetrischen Beziehung herauszuarbeiten. Wenig zu sagen hat Karoline Fritz alias „die andere Frau“, ich habe aber bereits weiter oben erwähnt, dass ihre Darstellung überaus unheimlich ist, was ebenfalls positiv hervorzuheben ist.

Wie man sieht, konnte ich „Veras Mantel“ durchaus einiges abgewinnen. Eine uneingeschränkte Empfehlung möchte ich aber dennoch nicht aussprechen – zu experimentell, zu speziell ist dieser Film. Ich würde allen, die überlegen, ihn anzusehen, den Rat geben, sich vorher zumindest ansatzweise über Hintergrund und Machart zu informieren. So sollte es möglich sein, abzuwägen, ob „Veras Mantel“ dem eigenen Geschmack entspricht. Wer das nicht tut, könnte möglicherweise eine Enttäuschung erleben, weil das einer dieser Fälle ist, in dem die Inhaltsangabe einen völlig falschen Eindruck vermittelt. Denn obwohl sie sachlich natürlich richtig ist, gibt sie keinerlei Aufschluss über die Eigenheiten, die diesen Film auszeichnen.

Gesamteindruck: 5/7


Originaltitel: Veras Mantel.
Regie:
Ronald Unterberger
Drehbuch: Ronald Unterberger
Jahr: 2018
Land: Deutschland
Laufzeit: ca. 110 Minuten
Besetzung (Auswahl): Lea Faßbender, Nico Josef Zitek, Karoline Fritz, Charlotte Ullrich, Leif Evers



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