FilmWelt: Nerve

„Nerve“ (2016) ist eine Adaption eines gleichnamigen Romans, der 2012 veröffentlicht wurde. Die Idee, die dahinter steckt ist zwar nicht völlig neu: Bereits 1997 hatte „The Game“, u. a. mit Michael Douglas und Sean Penn, eine ähnliche Prämisse. „Nerve“ adaptiert diesen Stoff sehr clever und passt ihn so an, dass er den seit einigen Jahren herrschenden Trend zur Exposition in den Sozialen Medien voll und ganz trifft. Dazu passt auch die optische, technische und schauspielerische Umsetzung, die vor allem auf Action und Tempo setzt, in der aber trotz aller Leichtigkeit die Warnung vor gewissen Zuständen unserer Zeit ebenfalls Platz findet.

Gesamteindruck: 5/7


Die Zeit, in der wir leben.

Dass es in jüngerer Zeit verstärkt Tendenzen gibt, das komplexe Themengeflecht im Umfeld der Sozialen Medien filmisch zu thematisieren ist nicht verwunderlich: Kaum ein Bereich bestimmt das Leben junger und nicht mehr ganz so junger Menschen aktuell in diesem Ausmaß. Und: Es mag durchaus schöne Seiten diese Phänomens geben – für mein Gefühl überwiegen aber die Probleme, die daraus entstehen. Das scheinen u. a. auch viele Medienschaffende so zu sehen, wie man an Beiträgen wie „CAM“ (2018), „Follow Me“ (2020) und – vor allem – diversen Folgen von „Black Mirror“ (2011-2019) deutlich erkennen kann.

Worum geht’s?
„Nerve“ ist ein illegales Spiel für moderne Gladiator:innen: Wer sich als „Player“ anmeldet und die gestellten Herausforderungen annimmt, kann damit Geld verdienen und zum gefeierten Internet-Star werden. Denn die Bewältigung der Challenges wird einem voyeuristischen Publikum, den „Watchern“, direkt auf ihr Smartphone oder Tablet geliefert. Der Haken: Neben vermeintlich leichten und harmlosen Aufgaben nimmt man immer wieder auch an kriminellen, riskanten, oft sogar lebensgefährlichen Handlungen teil, um die sensationslüsternen Watcher bei der Stange zu halten. Und: Ist man einmal als Player dabei, gibt es kaum noch ein Zurück, wie auch Mauerblümchen Vee auf der Suche nach Geld und Anerkennung feststellen muss…

Die Story von „Nerve“ mag für ältere Semester unglaublich klingen. Wer aber auch nur ein bisschen verfolgt, was sich heute im Netz tut, wird sich eher fragen, ob die Handlung wirklich frei erfunden ist. Denn 2014 gab es beispielsweise die „Ice Bucket Challenge“, die anschaulich zeigte, wie Menschen dazu gebracht werden, vor einem Millionenpublikum eine Handlung durchzuführen, die in früheren Zeiten maximal der engste Freundeskreis beobachtet hätte. Immerhin ging es dabei aber um einen guten Zweck und (hoffentlich) ist dabei auch niemand zu Schaden gekommen. Anders bei der um 2018 erstmals in größerem Stil aufgetauchten „Tide Pod Challenge“: Bei diesem wohl am ehesten als Mutprobe zu bezeichnenden Internet-Phänomen nahmen (vorwiegend) Jugendliche vor laufender Kamera Waschmittel-Pods zu sich – was für den einen oder die andere mit einem Besuch im Krankenhaus geendet haben dürfte.

Diese zwei Beispiele zeigen, dass man „Nerve“ beim besten Willen nicht unterstellen kann, eine unglaubwürdige Geschichte zu erzählen. Im Gegenteil: Man wundert sich, dass das hier vorgestellte, freilich höchst fragwürdige, Geschäftsmodell bis dato nicht existiert. Oder gibt es so etwas wie „Nerve“ vielleicht schon irgendwo in den Abgründen des Internets – und wir wissen es nur (noch) nicht? Ich würde es zumindest nicht ausschließen wollen…

Inhaltlich braucht „Nerve“ rund 30 Minuten, um seine Charaktere einzuführen. Das gelingt auf relativ spielerische Art und sollte eigentlich den Großteil des Publikums (nicht nur die Influencer und YouTuber) ansprechen. Durchaus launig und unterhaltsam werden die Rollen vorgestellt, wobei es im Wesentlichen nur drei halbwegs detailliert gezeichnete Figuren gibt. Nach den ersten Challenges, die den Zuseher:innen (und auch den Charakteren) ein Gefühl für das Spiel geben, wird aus locker-flockiger Unterhaltung plötzlich bitterer Ernst. Ab hier gewinnt der Film deutlich an Spannung und Tiefgang – zumindest so lange er sich um die in meiner Vorstellung eigentlich zentrale Frage „Wie weit würdest du gehen?“ dreht. Das dürfte den Verantwortlichen dann aber, vermutlich der Vorlage geschuldet, ein bisschen zu wenig gewesen sein, sodass zum Schluss nicht nur der Ausbruch aus dem Spiel, sondern auch dessen Zerstörung zum Thema wird, was der Glaubwürdigkeit meines Erachtens schadet.

Kein tolles Finale.

Überhaupt möchte ich eben jenes Finale an dieser Stelle kritisieren: Eine ausgesprochen moralisierende Rede ist offenbar das Mittel der Wahl, um nicht die Macher:innen des Spiels, sondern dessen voyeuristische Zuseher:innen in die Pflicht zu nehmen. Die Intention mag nobel sein – ich persönlich halte das aber für keine gute Idee, allein schon, weil es dafür notwendig ist, die „Watcher“ an einem Ort zu versammeln, was die bis dahin geltenden Konventionen des Films konterkariert. Ohne Live-Publikum, das auch physisch anwesend ist, wäre eine derartige Rede aber nicht denkbar und schon gar nicht wirkungsvoll, sodass man um diesen Kniff wohl nicht herumgekommen ist.

Dabei wäre der Schluss per se sogar gut geschrieben: Das Spiel endet erst dann, wenn wirklich jemandem etwas passiert. Nur bleibt es dabei nicht – im Gegenteil, „Nerve“ hat ein richtiges happy end, was den Film tatsächlich einen Punkt in der Gesamtwertung kostet. Auch, weil er, um das überhaupt umzusetzen ebenfalls eine weitere fragwürdige Entscheidung in Sachen Glaubwürdigkeit treffen muss, indem er ein paar Nerds dieses hochprofessionell organisierte Spiel hacken lässt, ohne auch nur ansatzweise zu erklären, wie das überhaupt funktionieren soll. Schade – denn das wirkt deutlich einfallsloser, als ich es mir nach dem bis dahin Gesehenen erhofft hätte.

Technisch sehr stark.

Abschließend noch ein Wort zur technischen Seite: Für mein Gefühl schaffen die Regisseure Henry Joost und Ariel Schulman es praktisch perfekt, die Prämisse des Films jederzeit sichtbar zu halten. Alles an „Nerve“ wirkt zeitgemäß und modern: Von Anfang an stechen optische Spielereien wie eingeblendete Emojis, Chatfenster, bunte Wegweiser, verwackelte, durchs Smartphone gefilmte Szenen, aber auch die Kameraführung per se sowie der schnelle Schnitt hervor. Gemeinsam mit dem poppigen Soundtrack und den teils schnell gesprochenen Dialogen fühlt man sich zeitweise tatsächlich eher wie jemand, der/die die Kandidat:innen durch sein Smartphone bei ihren Challenges beobachtet. Genau das dürfte auch das Ziel gewesen sein, weil es dem realen Publikum den Eindruck vermittelt, in der moralisch höchst fragwürdigen Position des „Watchers“ zu sein. Das funktioniert grundsätzlich gut, wobei man nicht unerwähnt lassen sollte, dass „Nerve“ kein komplett mit Handkameras gedrehter Film ist, sondern schon auch traditionelle Szenen bietet. Ich denke aber, dass den Regisseuren hier eine sehr starke Mischung gelungen ist.

Erwähnenswert am Ende: Den Soundtrack habe ich oben als poppig beschrieben. Das ist an und für sich schon Geschmackssache – in „Nerve“ kommt hinzu, dass die Musik teilweise alles zuzukleistern scheint, was manche (also ich…) schon als störend empfinden könnten. Ähnliches gilt für die Dialoge, die dem Thema zwar angemessen sind, die man aber erst einmal verkraften muss.

Hauptkritikpunkt ist und bleibt allerdings das ziemlich süßliche Finale, mit dem ich so gar nichts anfangen konnte und das meines Erachtens ohne Not und eigentlich auch überhaupt nicht angebracht gewisse „alles halb so schlimm“-Vibes zu versprühen scheint. Schade drum, ohne dieses Ende hätte es eine höhere Punktezahl geben können – ein unterhaltsamer Film zu einem hochaktuellen Thema ist „Nerve“ aber allemal.

Gesamteindruck: 5/7


Originaltitel: Nerve.
Regie:
Henry Joost, Ariel Schulman
Drehbuch: Jessica Sharzer
Jahr: 2016
Land: USA
Laufzeit: ca. 95 Minuten
Besetzung (Auswahl): Emma Roberts, Dave Franco, Juliette Lewis, Emily Meade, Miles Heizer



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