FilmWelt: TAU

„TAU“ (2018) gehört zu jener Sorte Filme, die man nach einem beiläufigen Blick auf die Inhaltsangabe auf die Watchlist gibt. Dort setzt er dann – gemeinsam mit hundert ähnlichen Werken – sprichwörtlichen Staub an, bis man sich irgendwann doch zu einer Sichtung aufrafft und oft genug eine Enttäuschung erlebt. Inwiefern das in vorliegendem Fall zutrifft, versuche ich im Folgenden herauszuarbeiten.

Gesamteindruck: 2/7


Mensch und Maschine gegen Mensch.

Es ist kein neues Terrain, auf das sich Regisseur Federico D’Alessandro und Drehbuchautorin Noga Landau mit „TAU“ begeben. Moment, wer? Gute Frage, ich musste auch erst recherchieren… In aller Kürze: Der Name D’Alessandro ist (im Gegensatz zu Landau) zumindest mit großen Produktionen assoziiert. So hat unser Mann beispielsweise an Filmen wie „I Am Legend“ (2007), „Bird Box“ (2018) und einer stattlichen Zahl von Blockbustern aus dem Marvel-Universum mitgewirkt. Allerdings, und das ist die Crux und mithin der Grund, wieso mir der Name nicht geläufig war: D’Alessandro ist kein gelernter Regisseur, sondern in der Regel für das „storyboard“ verantwortlich, also für die grobe, visuelle Konzeption von Filmszenen. Eine wichtige Aufgabe, allerdings keine, die mit den Herausforderungen, denen sich ein Regisseur stellen muss, vergleichbar ist. Das schon mal zur Orientierung und Einordnung dessen, was ich in weiterer Folge über „TAU“ zu sagen habe.

Worum geht’s?
Julia, eine Kleinkriminelle, die sich mit Diebstählen und Hehlerei über Wasser hält, wird entführt und findet sich unversehens in einem futuristischen Haus wieder. Dessen Eigentümer Alex braucht Versuchskaninchen für ein nicht näher genanntes Projekt, das irgend etwas mit der Entwicklung künstlicher Intelligenz zu tun hat. In Abwesenheit ihres Entführers soll Julia, beaufsichtigt vom intelligenten und mit Emotionen ausgestatteten Computer TAU, verschiedene Aufgaben und Tests bestehen. Zunächst bleibt ihr nichts übrig, als sich zu fügen – bis sie eine Möglichkeit findet, das Vertrauen der Maschinenintelligenz zu gewinnen und sich mit ihm gegen Alex zu verbünden…

Auf dem Papier klingt die Prämisse von „TAU“ nicht schlecht, stellt sie doch die Frage nach dem Wesen von Intelligenz und der Bedeutung von Emotionen für Mensch und Maschine. Dieses Thema ist ein Klassiker der Science Fiction und angesichts jüngster Entwicklungen so aktuell wie nie zuvor in der Geschichte. So gesehen ist es auch kein Wunder, dass „TAU“ inhaltlich an Werke wie „2001: Odyssee Im Weltraum“ (1968), dessen Hommage „Dark Star“ (1974) und die eine oder andere Folge diverser Science Fiction-Serien (z. B. „Computer M5“ aus „Raumschiff Enterprise“) erinnert. In jüngerer Zeit stellten beispielsweise „Ex Machina“ (2015) oder, allerdings erst nach „TAU“, „I Am Mother“ (2019) ähnliche Themen zur Diskussion.

Diese Referenzen weisen darauf hin, was „TAU“ anhand seiner Prämisse hätte sein können. Leider – und damit nehme ich das Fazit vorweg – hinterlässt der Film im Gegensatz zu seinen vermeintlichen Vorbildern keinen bleibenden Eindruck. Er stellt zwar indirekt, also aus der Handlung heraus, wichtige Fragen, eine tiefschürfende Beantwortung, die uns neue Erkenntnisse bringen könnte, bleibt er jedoch schuldig. Letzten Endes muss man sogar konstatieren, dass es schwierig ist, eine Aussage über den Sinn dieses Films zu treffen. Ein ziemlich vernichtendes Urteil, das ich in weiterer Folge zu erklären versuche.

Thema verfehlt.

„TAU“ enttäuscht auf mehreren Ebenen. So wirkt der Film beispielsweise auf mich, als hätte der Regisseur zwei Ideen gehabt: Einerseits sollte es um die Psychologie einer Entführung gehen, andererseits musste „irgendwas mit künstlicher Intelligenz“ rein; letzteres vielleicht als Reminiszenz an genannte Klassiker oder um brennende Fragen unserer Zeit zu diskutieren – ich weiß es nicht. Diese beiden Gedanken miteinander zu verbinden ist jedenfalls nicht so weit hergeholt und eine legitime Herangehensweise, die aber leider maximal im Aufbau des Films halbwegs funktioniert. Nach der Einführung der Grundidee und der ersten Vorstellung der Charaktere geht „TAU“ relativ schnell die Luft aus.

Ein Grund dafür ist, dass die Verantwortlichen sich offenbar nicht sicher waren, auf welche Weise sie die Gefahren überhaupt thematisieren sollen, die der Menschheit drohen könnten, wenn Maschinen intelligent und emotional werden. Mit anderen Worten: Die Frage nach dem Umgang mit künstlicher Intelligenz wirkt fast schon vorgeschoben und wie eine Art Anhängsel zur eigentlich favorisierten Entführungsgeschichte, die sich im Laufe des Films zu einer Art Romanze entwickelt.

Denn genau das passiert: Julia wird entführt, zeigt sich in Gefangenschaft zunächst widerspenstig, besinnt sich dann aber darauf, das Vertrauen ihrer Peiniger zu gewinnen, um so zu entkommen. Mit dem Einen gelingt ihr das nicht, zum Anderen kann sie schließlich tatsächlich eine Beziehung aufbauen. Das wiederum löst Streit unter den Schurken aus – was zu einem Finale führt, das ähnlich vorhersehbar ist, wie der eben beschriebene Rest. Einzige Besonderheit: Einer der Gegenspieler ist kein Mensch, sondern ein Computer – und ausgerechnet der lässt sich zu emotionalem Handeln hinreißen, während sein menschlicher Schöpfer kalt wie eine Maschine agiert. Theoretisch mag das nach einem interessanten Setting klingen, in Wirklichkeit ist es aber eine Themenverfehlung, weil der Film für mein Dafürhalten etwas Anderes verspricht.

Doch auch, wenn ich die Intention von „TAU“ fehlinterpretiert hätte, hat der Film mit ganz grundsätzlichen Schwächen zu kämpfen. So kommt das Drehbuch recht spannungsarm, teils unlogisch und auch lückenhaft daher: Was ist beispielsweise der Zweck der Experimente von Alex? Wie ist es möglich, „Schmerz“ bei einem Computer auszulösen? Warum kann eine allmächtige KI, die schreit, wenn man ihr „weh“ tut, zwar Geheimnisse für sich behalten, aber keine Türen öffnen? Überhaupt wirkt das Verhalten des Computers TAU häufig unglaubwürdig, auch dann, wenn man ihm eine Intelligenz unterstellt, die über das hinausgeht, was aktuelle Rechner leisten können. Nichts von alledem wird sinnvoll erläutert, sodass auch in dieser Hinsicht definitiv ein schaler Nachgeschmack bleibt. Auch wenn ich mich wiederhole: Es wirkt, als wäre das, was später zur künstlichen Intelligenz TAU werden sollte, ursprünglich für einen menschlichen Charakter geschrieben gewesen, der sich erst sträubt und schließlich nach und nach von seinem eigentlichen Opfer einlullen lässt.

Lustlose Darsteller:innen.

„TAU“ wird im Wesentlichen von drei Figuren bestimmt: Julia, gespielt von Maika Monroe, Antagonist Alex, den Ed Skrein darstellt – und, irgendwo zwischen diesen beiden Polen, der Computer TAU, gesprochen vom großartigen Gary Oldman. Ich würde das, abgesehen vielleicht von Skrein, eine durchaus passable Besetzung nennen, die der Regisseur allerdings nicht zu nutzen vermag. Einerseits, weil es ihm offenbar nicht gelungen ist, seine Schauspieler:innen richtig zur Arbeit zu motivieren: Weder Monroe noch Skrein legen meines Erachtens irgendeine Form von Leidenschaft in ihre Darbietung. Wer nun argumentiert, dass speziell der Bösewicht kalt und unnahbar sein muss, hat grundsätzlich schon recht – nur löst das fast schon gelangweilt wirkende Spiel von Ed Skrein keinerlei Emotionen bei mir aus. Weder finde ich ihn auch nur ansatzweise sympathisch, noch ist er einer dieser Schurken, die so gemein sind, dass man sie einfach hassen muss. Er ist schlicht und einfach nichtssagend, genau wie sein weiblicher Konterpart. Gary Oldman kann das auch nicht rausreißen, im Gegenteil: Durch die sanfte Emotionalität, die er – bzw. sein Synchronsprecher, das Original kenne ich nicht – in die Stimme von TAU legt, geht der KI völlig die berechnende Kälte einer Maschine ab, die in ähnlichen Filmen immer unbewusst mitschwingt. Ein bedrohlicher Computer ist TAU jedenfalls nicht, was wiederum an der Glaubwürdigkeit des gesamten Films rüttelt.

Doch auch, wenn die Schauspieler:innen recht lustlos agieren, würde ich ihnen nicht die Schuld an der mageren Wertung für „TAU“ geben. Viel gravierender sind – neben genannten inhaltlichen Schwächen – die für sie geschriebenen Dialoge, die sich nahtlos in die Oberflächlichkeit des Gesamwerks einreihen. Die Gespräche zwischen TAU und Julia sind anfangs noch halbwegs interessant und bieten auch eine gewisse Spannung (schafft sie es, den Computer auf ihre Seite zu ziehen?). Im Laufe der Handlung verflachen sie jedoch zusehends, wiederholen sich und sind kaum geeignet, das Interesse aufrecht zu erhalten. Eine wichtige Aussage vermag ich darin – wie auch im restlichen Film – kaum zu finden. Der Vollständigkeit halber sei abschließend erwähnt, dass das gelegentliche Geplänkel zwischen Alex und Julia bestenfalls Standard ist, den man, wie den Großteil der Handlung, aus praktisch jeder Entführungsgeschichte kennt.

Was bleibt als Fazit? Zunächst einmal mehr die Erkenntnis, dass Netflix-Produktionen oft stark fotografiert und sehr stylisch sind (so auch dieses Werk), über gute Effekte verfügen und sich in der Besetzung nicht vor anderen Titeln verstecken müssen. Gleichzeitig sind sie inhaltlich oft deutlich schwächer, als man erwarten würde – und das ist eben auch bei „TAU“ der Fall. Wenn man es ganz genau nimmt, macht der Film aus seiner Prämisse praktisch nichts, denn, brutal gesagt: Es hätte für die Handlung so gut wie nichts geändert, wenn statt einer künstlichen Intelligenz zwei menschliche Entführer am Werk gewesen wären. Heißt: Der Film „TAU“ hätte mit geringfügigen Änderungen auch ohne den Computer TAU funktioniert. Und das ist eigentlich ein verheerendes Zeugnis, dass sich letztlich auch in der Wertung niederschlagen muss.

Gesamteindruck: 2/7


Originaltitel: TAU.
Regie:
Federico D’Alessandro
Drehbuch: Noga Landau
Jahr: 2018
Land: USA
Laufzeit: ca. 100 Minuten
Besetzung (Auswahl): Maika Monroe, Ed Skrein, Gary Oldman



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