FilmWelt: Iron Sky: The Coming Race

„Iron Sky“ (2012) war Independent-Streifen, den ich überraschend gelungen gefunden habe: Die wahnwitzige und absurde Story hat sicher nicht jeden Geschmack getroffen, war gleichzeitig aber auch unterhaltsam und originell. Finanziell wird sich das Abenteuer – so nehme ich an – ebenfalls gelohnt haben; naheliegend also, dass ein Nachfolger her musste. Im Nachhinein betrachtet wäre es freilich besser gewesen, sich mit dem Achtungserfolg von 2012 zufrieden zu geben. Doch der Reihe nach…

Gesamteindruck: 1/7


Sie sind wieder da.

„Iron Sky: The Coming Race“ (2019) feierte sieben (!) Jahre nach „Iron Sky“ seine Premiere. Dabei wurde bereits 2012, also wirklich zeitnah, mit den Vorbereitungsarbeiten begonnen. Bald darauf konnte auch die (Teil-)Finanzierung sichergestellt werden (erneut per Crowdfunding), allerdings musste das Budget während der Produktion mehrmals erhöht werden, was für erhebliche Verzögerungen sorgte. Im Endeffekt schlug der Film dann mit Kosten von rund 17 Millionen Dollar zu Buche (10 Millionen mehr als noch Teil 1), der Löwenanteil dürfte für die Special Effects draufgegangen sein. Was für Hollywood-Verhältnisse nach Peanuts klingt, macht „The Coming Race“ zur bis dato teuersten finnischen Produktion überhaupt.

Worum geht’s?
30 Jahre, nachdem ein Atomkrieg die Erde unbewohnbar gemacht hat, fristen die letzten Reste der Menschheit ihr Dasein in der ehemaligen Nazi-Basis auf der Rückseite des Mondes. In der langsam zerfallenden Station macht sich Verzweiflung breit – bis sich plötzlich ein Raumschiff mit Flüchtlingen von der Erde nähert. Unter anderem an Bord: Der totgeglaubte Mondführer Kortzfleisch, der enthüllt, dass die Erde hohl ist und eine Zivilisation von außerirdischen Reptiloiden beherbergt, die Zugang zur mächtigen, unerschöpflichen und unsterblich machenden Vril-Energie besitzen…

Es ist ja wirklich nicht so, dass „The Coming Race“ eine tiefgründige Story erzählen würde. Das ändert allerdings nichts daran, dass ich nicht so richtig verstanden habe, was uns Regisseur Timo Vuorensola mit seinem Film sagen möchte. Und das, obwohl ich grundsätzlich an Verschwörungserzählungen interessiert bin und mir einbilde, ein einigermaßen fundiertes Laienwissen dazu zu haben: Reichsflugscheiben, Hohlerde und Reptiloiden – all das war und ist mir ein Begriff. Vom Roman „Das kommende Geschlecht“ (Edward Bulwer-Lytton, 1871, eng.: „The Coming Race“) hatte ich vor der Recherche zu dieser Rezension hingegen noch nie gehört. Ebenso wenig von den darin vorkommenden Vril-Ya mit ihren mysteriösen Kräften, was zur Folge hatte, dass ich mir nicht erklären konnte, was der Titel des Films überhaupt zu bedeuten hat (zumal das auch aus der Handlung nicht klar wird, wenn mich nicht alles täuscht). Man lernt freilich nie aus, ein wenig unglücklich scheint mir dieser recht obskure Mythos als Prämisse für einen Unterhaltungsfilm dennoch zu sein.

Katastrophale Fortsetzung.

Vielleicht liegt es ja daran, dass ich mir dermaßen schwer getan habe, Zugang zum zweiten Film aus dem „Iron Sky“-Universum zu finden. Letztlich bin ich gescheitert, denn mir war die Geschichte, wie sie hier erzählt wird, von Anfang an zu unlogisch, bruchstückhaft und verworren, um eine Identifikation zu ermöglichen. Das steht in krassem Gegensatz zu Teil 1, der für mein Gefühl durchaus logisch und sinnvoll war (innerhalb seiner eigenen Absurdität natürlich). Die Geschichte von „The Coming Race“ wirkt hingegen wie eine lahme, höchst oberflächliche und austauschbare Entschuldigung, um einen schnellen und seichten Actionfilm in einem von „Iron Sky“ relativ gut etablierten Setting zu produzieren. Ob das wirklich so geplant war? Ich wage es zu bezweifeln, zu gravierend scheint mir der qualitative Unterschied zwischen den beiden Filmen zu sein.

Doch auch wenn ich vielleicht zu viel Tiefgang von einem Film erwartet habe, der nicht mehr sein will, als eine unterhaltsame und leicht groteske Action-Komödie, finde ich „The Coming Race“ katastrophal schlecht. Neben der Problematik, dass der Film ein Bündel an Verschwörungstheorien zur Grundlage nimmt, ohne diese zu erklären oder gar kritisch zu hinterfragen, strotzt er nur so vor Ungereimtheiten. Spannung kommt maximal im ersten Drittel auf, danach gibt es eine bloße Aneinanderreihung simpler Action-Szenen inklusive lieblos hingeschluderter Popkultur-Referenzen (u. a. das Wagenrennen aus „Ben Hur“, das Gemälde „Das letzte Abendmahl“ von Leonardo Da Vinci, ein bisschen „2001: Odyssee im Weltraum“ hier, ein wenig „Ancient Aliens“ da). Alles schön und gut, die Verantwortlichen haben es halt schlicht nicht hinbekommen, zwischen diesen Anspielungen eine interessante und mitreißende Geschichte zu erzählen.

Film ohne Charakter.

Oder gute Charaktere zu schreiben – denn das ist ein weiteres Problem von „The Coming Race“: Es gibt hier schlicht keine Figur, mit der man sich als Zuseher:in auch nur annähernd identifizieren kann. Am ehesten noch mit dem etwas tumben aber liebenswerten Soldaten Malcolm, der Rest der Truppe ist völlig beliebig. Das beginnt bei der Hauptfigur Obianaju Washington, genannt „Obi“ (wer ist bloß auf diese Idee gekommen?), die als Look- und Act-alike von Michael Burnham („Star Trek: Discovery“) rüberkommt. Und zwar so sehr, dass ich nachsehen musste, ob wir es hier mit der gleichen Schauspielerin zu tun haben (dem ist nicht so, Obi wird gespielt von der mir völlig unbekannten Lara Rossi).

Ihr zur Seite steht der klischeehafte, russische Pilot, dargestellt von Vladimir Burlakov: Ein tollpatschiges Improvisationstalent, das zu viel quasselt, das Herz aber am rechten Fleck hat. Aus jedem Dialog, aus jeder Szene mit ihm schreit der Film heraus, dass man den guten Sasha doch bitte, bitte mögen muss, genau wie Obi (natürlich!) lernt, ihn zu mögen und zu lieben. Das klappt aber nicht, zumindest bei mir nicht – er ist zu flach, zu sehr Abziehbild, um auch nur annähernd Identifikationsmöglichkeiten zu bieten. Das war übrigens eines der besonders irritierenden Erlebnisse bei der Sichtung von „The Coming Race“: Da ist dieser Typ, man weiß genau, man soll mit ihm mit fiebern und ihn sympathisch finden, selten wurde man von einem Drehbuch so darauf hingestoßen – und doch schafft man es nicht, rutscht sprichwörtlich immer wieder an diesem glatten Charakter ab.

Der Mangel an starken Held:innenfiguren wäre weniger schlimm, wenn der Film über interessante Antagonisten verfügen würde. Udo Kier als Mondführer Wolfgang Kortzfleisch wurde wohl vor allem aus der Versenkung geholt, um leichter an Teil 1 anknüpfen zu können. Der Haken: Ihm kann man nichts so richtig übelnehmen, was zu gleichen Teilen am Drehbuch und an der sanften Darstellung durch Kier liegen mag. Die übrigen Bösewichte befinden sich in der Hohlerde – und sind völlig nichtssagend. Merkwürdig erscheint mir, dass man ausgerechnet dem 2011 verstorbenen Apple-Gründer und langjährigen -CEO Steve Jobs eine relativ große Antagonisten-Rolle zugesteht bzw. dessen Unternehmenskultur relativ prominent aufgreift. Damit konnte ich als jemand, der noch im Leben eine iPhone hatte, überhaupt nichts anfangen. Nicht, dass ich nicht verstanden hätte, dass die Sekte des „Jobismus“ die quasi-religiöse Verehrung dieser Firma aufs Korn nimmt; ich fand es allerdings mäßig witzig, was auch hier am fehlenden Tiefgang liegen mag.

Interessanterweise stellt der Film übrigens die US-Präsidentin als Hauptschurkin dar – und nicht den ebenfalls von Udo Kier gespielten Adolf Hitler. Der bekommt am Ende natürlich auch sein Fett weg, aber bei mir hat dieser Auftritt einen faden Beigeschmack hinterlassen. Ich vermute, das hat damit zu tun, dass der „Iron Sky“-Hitler weder als richtig böse noch als völliger Trottel dargestellt wird, sondern als einer von vielen Antagonisten. Dabei ist Darstellung von Nationalsozialisten als Reptiloiden schon per se nicht ganz unproblematisch, erzeugt sie doch das ungute Gefühl, einer Relativierung: Instinktiv möchte man natürlich auch den hier präsentierten Hitler hassen, allerdings ist seine Rolle so nichtssagend geschrieben, dass er einem quasi egal ist. Das erzeugt im Nachgang eine Stimmung, die mir überhaupt nicht gefallen hat (ich gehe aber mal davon aus, dass das keine böse Absicht des Regisseurs war und eher meiner persönlichen Einstellung entspringt).

Schwach auf allen Ebenen.

Fast schon nicht mehr ins Gewicht fällt nach diesen Punkten, dass nicht einmal die finalen Kämpfe überzeugend oder gar spannend sind. Weder Hitler noch Kortzfleisch sterben einen auf irgendeine Weise herausragenden Tod. Das kann man schon so machen, um dem jedoch Sinn zu geben, hätte halt der Rest des Films deutlich stärker sein müssen. Im Übrigen ist „The Coming Race“ auch alles andere als gut gespielt. Das konnte man zwar auch über „Iron Sky“ sagen; allerdings ist das, was 2012 noch als weiterer Aspekt des B-Movie-Charmes durchgehen konnte, in der Fortsetzung völlig überzogen. Will sagen: „Iron Sky“ wirkte, als wäre das Schauspiel tatsächlich etwas unbeholfen, während man in „The Coming Race“ das Gefühl hat, dass hier mit Gewalt versucht wurde, eine ähnlich unbedarfte Atmosphäre zu schaffen. Das gelingt den Darsteller:innen und dem Regisseur allerdings nicht, sodass man sich ob der hölzernen Darbietung immer wieder peinlich berührt abwenden möchte.

Das Fazit folgt sogleich, zwei positive Aspekte von „The Coming Race“ möchte ich der Vollständigkeit halber aber auch erwähnen: Erstens verfügt der Film wie schon sein Vorgänger über eine herausragende Optik. Speziell die Mondbasis in ihrem halb verfallenen Zustand wurde großartig umgesetzt und lässt echte Endzeit-Stimmung aufkommen. Generell sind die Effekte stark, die Kosten dafür dürften aber hauptverantwortlich für das Überziehen des Budgets gewesen sein (was ich nicht ganz verstehe, denn so viel anders als das vergleichsweise günstige „Iron Sky“ sieht die Fortsetzung auch wieder nicht aus). Ein zweiter Pluspunkt ist die an sich völlig unverbrauchte Thematik. Die Hohlerde war beispielsweise in jüngerer Vergangenheit im „MonsterVerse“-Franchise ein Thema, insgesamt fühlen sich die Theorien, die die beiden „Iron Sky“-Filme streifen, sehr frisch und unverbraucht an. Umso bitterer, wie wenig vorliegendes Werk aus diesem Alleinstellungsmerkmal macht.

Fazit: 1,5 Stunden Quatsch.

Ich fasse zusammen: „Iron Sky: The Coming Race“ ist völliger Quatsch, dessen 1,5 Stunden Laufzeit einem mangels Handlung wie 30 Minuten vorkommen (wenigstens etwas…). Anfangs möchte man über gewisse Fehler und Ungereimtheiten noch hinwegsehen, relativ bald merkt man aber, dass der Film wirklich so schwach ist. Es gibt keine Spannung, keine Identifikation mit den Charakteren und auch das Schauspiel, das in Teil 1 über weite Strecken in Ordnung war, ist hier nicht der Rede wert. Und: Der Film beinhaltet keinerlei Kritik an den von ihm dargestellten Mythen, es sei denn, man sieht das Verlachen der Verschwörungsgläubigen per se als Form der Kritik. Kann man natürlich machen, blöderweise verfügt „The Coming Race“ aber weder über nachhaltigen noch über unmittelbaren Humor. Oder es ist nicht mein Geschmack, was natürlich auch sein kann. Keine Ahnung.

Meine Vermutung zu den genannten Problemen: Die lange Produktionszeit hat dem Drehbuch massiv geschadet, weil dadurch der Fokus verlorengegangen ist. Und/oder kurz vor der Veröffentlichung gab es soviel Druck auf die Verantwortlichen, dass eine vernünftige Nachbearbeitung nicht mehr möglich war. Anders kann ich mir das alles nicht erklären. Daher abschließend die gar nicht so ketzerische Frage: Wozu gibt es diesen Film überhaupt? Ich weiß es wirklich nicht. Gelohnt haben dürfte es sich jedenfalls nicht: Mittlerweile mussten sowohl die Produktionsfirma des Films als auch die des „Iron Sky Universe“-Franchise Konkurs anmelden. Und daran trägt die Qualität von „The Coming Race“ wohl ein gerüttelt Maß an Mitschuld, wage ich zu behaupten.

Gesamteindruck: 1/7


Originaltitel: Iron Sky: The Coming Race.
Regie:
Timo Vuorensola
Drehbuch: Dalan Musson
Jahr: 2019
Land: Finnland, Belgien, Deutschland
Laufzeit: ca. 95 Minuten
Besetzung (Auswahl): Lara Rossi, Vladimir Burlakov, Kit Dale, Udo Kier, Julia Dietze, Tom Green



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