FilmWelt: Meander

„Meander“ (2020, Subtitel: „Survival Instinct“) setzt auf eine Prämisse, die man aus Filmen wie „Cube“ (1997), „Saw“ (2004) und Co kennt: Ein Entführungsopfer erwacht in einer unbekannten, verstörenden und mit tödlichen Fallen gespickten Umgebung. Und wie in den bekannten Vorbildern geht es auch in dieser französischen Indie-Produktion darum, aus dem Gefängnis zu entkommen und gleichzeitig eine Antwort auf die Frage „warum bin ich hier?“ zu finden.

Gesamteindruck: 4/7


Verschlungene Gänge.

Abseits der unerfreulichen Situation, in der sich die Hauptfigur in „Meander“ befindet, ist vorliegendes Werk sehr ähnlich inszeniert und vor allem auch ausgestattet wie „Cube“: Die minimalistische Umgebung wirkt metallisch-kalt, vage futuristisch und ist mit Fallen versehen, die Kenner:innen sehr bekannt vorkommen dürften (z. B. Säure und Feuer). Und: Wie im kanadischen Referenzwerk von 1997 müssen auch hier Codes entschlüsselt werden, die offenbar die Navigation durch das Labyrinth ermöglichen. So weit, so ähnlich – was „Meander“ hingegen von seinen Genregenossen unterscheidet und wie gut mir der Film überhaupt gefallen hat, möchte ich im Folgenden herausarbeiten.

Worum geht’s?
Lisa macht das, was man tunlichst vermeiden sollte: Sie lässt sich von einem Fremden im Auto mitnehmen. Bereits nach wenigen Minuten entpuppt sich ihre Mitfahrgelegenheit Adam tatsächlich als Bösewicht und schlägt sie k. o. Als sie wieder zu sich kommt, befindet sie sich in einem kleinen Raum, der nur einer von vielen zu sein scheint, die über ein labyrinthisches Tunnelsystem miteinander verbunden sind. Dass der Fluchtweg durch die engen Gänge führen muss, scheint klar zu sein – doch leider lauern dort tödliche Fallen, wie Lisa schnell feststellen muss…

Der augenfälligste Unterschied zwischen „Cube“ und „Meander“ liegt meines Erachtens darin, dass es in vorliegendem Werk nur eine Haupt- und eine Nebenfigur gibt, sich also kein Ensemble durch tödliche und sadistische Fallen kämpft. Daher vielleicht gleich ein Wort zu den Darsteller:innen: Die unglückliche Anhalterin Lisa wird von Gaia Weiss verkörpert, der ich für ihre Performance ein dickes Lob aussprechen muss. Aufgrund des Settings ist sie weitgehend gezwungen, ihre Arbeit im Sitzen und Liegen zu verrichten, was per se schon eine schwierige Situation ist. Dass sie aber trotz dieser Umstände in der Lage ist, über Körpersprache und Mimik die volle Bandbreite an Emotionen (von Verzweiflung über Trauer bis hin zu Wut und Entschlossenheit) abzuliefern – und das sehr überzeugend – ist aller Ehren wert. In diesem Zusammenhang sei auch erwähnt, dass das Drehbuch die Figur glücklicherweise nicht zu einer Superheldin macht, sondern sie bis zum Schluss verletzlich und emotional instabil charakterisiert. Das scheint sowohl der Schauspielerin als auch dem von ihr verkörperten Charakter sehr gut zu Gesicht zu stehen.

Neben Weiss ist im Endeffekt nur ein weiterer Schauspieler mit nennenswerter Screentime im Einsatz: Der Finne Peter Franzén spielt den Antagonisten Adam. Allzu viel ist dazu nicht zu sagen, beschränkt sich seine Rolle im Großen und Ganzen doch darauf, sein Opfer durch enge Tunnel zu verfolgen. Dialoge gibt es kaum, sodass die Chemie zwischen den beiden vor allem über das körperliche Spiel zustande kommen muss. Daran finde ich wenig auszusetzen – besser so, als von schlecht geschriebenen Gesprächen eingeschläfert zu werden. Dennoch wäre etwas Interaktion, die über ein paar Tritte und ständiges Wegrennen hinausgeht, schön gewesen.

Bevor wir zum Inhalt kommen, kurz zur Optik: Generell finde ich, dass „Meander“ sehr gut aussieht. Die Umgebung ist mal klinisch sauber, dann wieder dreckig und abgefuckt; garniert ist das Ganze mit glaubwürdigen Effekten, die immer mal wieder ordentliches Ekelpotenzial haben. Lobend hervorheben möchte ich außerdem die Kameraarbeit, bei der man wohl davon ausgehen kann, dass sie unter ähnlich schwierigen Bedingungen stattgefunden haben muss, wie sie die Hauptfigur durchlebt. Aber auch, wenn dem nicht so gewesen sein sollte: Chapeau an die Kamera-Crew, denn „Meander“ sieht aus Sicht des Publikums rechtschaffen eng und klaustrophobisch aus. Wenn für’s Filmen ausreichend Platz vorhanden gewesen ist, sieht man das dem Endprodukt jedenfalls nicht an, was ein Zeichen für das handwerkliche Geschick aller Beteiligten ist.

Erzählung ist nicht Fisch, nicht Fleisch.

Ich möchte den Vergleich mit „Cube“ eigentlich nicht überstrapazieren, an dieser Stelle muss ich aber doch noch einmal darauf zurückgreifen: Einer der ganz großen Vorzüge des Werks von Regisseur Vincenzo Natali war – neben der schlichten Eleganz – seine reduzierte Story. Heißt: Der Film war auch deshalb so speziell, weil an keiner Stelle klar gesagt oder gar gezeigt wurde, was der titelgebende Würfel eigentlich ist, welchen Sinn er hat und wer dahinter steckt. Eine Auflösung der Situation gibt es bis zum Schluss nicht, was im ersten Moment geradezu unerträglich und so in der Filmgeschichte bis dahin auch mehr oder minder beispiellos gewesen ist.

Bei „Meander“ ist das etwas anders, denn hier gibt es ein „Draußen“, dass wir auch gleich zu Beginn des Films zu Gesicht bekommen. Und hier gibt es auch eine Hintergrundgeschichte zu den Charakteren. Kann man so machen, zumal die erste Hälfte der Laufzeit, vielleicht sogar etwas länger, weitgehend unklar bleibt, wozu das Labyrinth eigentlich dient. Konsequent durchgezogen wird das allerdings nicht, denn im weiteren Verlauf wird man von „Meander“ schon darauf hingestoßen, wer oder was für die Situation verantwortlich sein könnte. Das mag die Neugier im Gegensatz zum fast komplett offenen „Cube“ zwar stärker befriedigen, einen richtigen Gefallen tut sich Regisseur Mathieu Turi damit meines Erachtens aber nicht. Denn wie so oft ist das Grauen weit weniger schlimm, wenn man es zu Gesicht bekommt. Hier führt das auch dazu, dass der Film im weiteren Verlauf mehr von Action und Ekel lebt, als von der vorher aufgebauten, verstörenden Szenerie. Schade, vielleicht aber auch verständlich – denn hätte der Regisseur das anders gemacht, müsste man zu Recht von einer „Cube“-Kopie sprechen.

So oder so muss man letzten Endes leider konstatieren, dass „Meander“ mit seinen eigenen Erklärungen nicht richtig zurande kommt. Die Story will tiefgründig wirken, scheint mir aber fast als Alibi für die Situation als solche zu fungieren. Zum Ende hin läuft sie dann komplett aus dem Ruder, sodass man erst Recht nicht weiß, was genau passiert und was davon zu halten ist. Dass das alles nicht so richtig funktioniert, liegt meiner Meinung nach daran, dass sich Turi nicht entscheiden konnte, ob sein Film von Andeutungen leben oder doch ausformuliert sein soll. So macht er leider keines von beiden richtig, was dazu führt, dass „Meander“ am Ende weder Fisch noch Fleisch ist.

Schade – denn wie gesagt ist die Situation als solche schon bedrückend und angsteinflößend. Als Schlusspunkt wäre halt eine bessere (oder besser gar keine) Auflösung angesagt gewesen. Dann hätte es auch für eine höhere Wertung gereicht.

Gesamteindruck: 4/7


Originaltitel: Méandre.
Regie:
Mathieu Turi
Drehbuch: Mathieu Turi
Jahr: 2020
Land: Frankreich
Laufzeit: ca. 90 Minuten
Besetzung (Auswahl): Gaia Weiss, Peter Franzén



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Ein Gedanke zu “FilmWelt: Meander

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