FilmWelt: Alexandra’s Project

Eine Warnung vorweg: Wer sich „Alexandra’s Project“ (2003) ansieht, darf keinen auf Hochglanz polierten Film erwarten. Im Gegenteil, das Wort „Projekt“ im Titel wirkt im Nachhinein fast wie ein Hinweis auf die Indie-Anmutung des Werkes, das dadurch aber gleichzeitig eine ganz eigene, selten gesehene Atmosphäre erhält. Für ein breites Publikum scheint mir die australische Produktion jedoch weder optisch oder akustisch, noch inhaltlich geeignet.

Gesamteindruck: 5/7


„Schluss machen“ per Video.

Die Handlung von „Alexandra’s Project“ ist über weite Strecken sehr geradlinig (erst gegen Ende gibt es einen Twist). Im Verbund mit der sehr reduzierten Technik bedeutet das, dass der Film praktisch komplett von seiner Prämisse und vor allem von überzeugenden und glaubwürdigen Darsteller:innen getragen werden muss. Das gelingt ihm meines Erachtens gut, wobei man klipp und klar sagen muss, dass ein Film kaum weiter von einer massentauglichen Präsentation entfernt sein könnte. Ob das stört oder nicht, liegt letzten Endes am persönlichen Geschmack; wer etwas mit ungewöhnlichem und reduzierten Programmkino anfangen kann, sollte jedenfalls einen Blick riskieren.

Worum geht’s?
Auf den ersten Blick scheinen Steve und Alexandra eine ganz normale Beziehung zu führen: Er geht täglich zur Arbeit in sein Büro, sie schmeißt den Haushalt und kümmert sich um die zwei Kinder. Doch unter der Oberfläche brodelt es. Steve ahnt davon nichts – und ist zunächst hoch erfreut, als er an seinem Geburtstag ins verlassene Zuhause kommt und als Überraschung ein Video vorfindet, auf dem er seine Frau auf eine Weise zu sehen bekommt, wie er sie noch nicht kannte. Doch bald werden die Aufnahmen bedrohlich und immer düsterer…

Regisseur Rolf de Heer hat einen sehr reduzierten Film geschaffen: Im Wesentlichen kommt er mit einem männlichen und einer weiblichen Hauptdarsteller:in aus, die fast die gesamte Laufzeit über in einem einzigen Raum agieren. Übrigens kaum jemals miteinander, zumindest nicht so, wie man sich das gemeinhin vorstellt (etwas mehr dazu weiter unten). Dieser Minimalismus setzt sich in der Technik fort: Die Kameraarbeit beschränkt sich auf relativ wenige Einstellungen, das Bild ist generell weit von High Definition entfernt und erinnert qualitativ und auch in Bezug auf die Perspektiven an Filme aus den 1970ern. Das gilt in verstärktem Maße auch für den Ton, der roh und unbearbeitet klingt, so, als wäre kein professionelles Equipment zum Einsatz gekommen. Anmerkung am Rande: Ich habe „Alexandra’s Project“ in der deutschen Synchronisation gesehen, ob das Werk auch im Original so eigentümlich klingt, kann ich nicht beurteilen.

Unklare Verhältnisse.

Inhaltlich nimmt sich die australische Low-Budget-Produktion dem Problem einer lieb- und freudlosen Ehe an. Gewisse Andeutungen lassen außerdem, wenn auch vage, auf seelische, vielleicht sogar körperliche Gewalt schließen. So scheint es zumindest zu sein – denn eigentlich bekommen wir als Zuseher:innen keine schwierige Ehe zu sehen, zumindest nicht live: In „Alexandra’s Project“ berichtet die Titelfigur ihrem Mann mittels Videobotschaft, wie es ihr in der Ehe geht. Ob das die Wahrheit ist oder nicht, lässt sich für das Publikum nicht abschließend beurteilen, denn es gibt im Film keine Interaktion zwischen den Eheleuten. Heißt: Wie Protagonist Steve ist man dazu verdammt, die Erzählung von Alexandra am Bildschirm zu verfolgen, ohne Möglichkeit, einzugreifen oder nachzufragen. An gewissen Reaktionen des Ehemannes meint man zwar zu erkennen, dass die Vorwürfe seiner Frau nicht gänzlich erfunden sind – einen Beweis dafür bleibt der Film jedoch schuldig. Zumal die Videoaufnahmen mit der Zeit immer verstörender werden und zeigen, dass die Ehefrau auch kein stilles Wässerchen ist – oder zu sein scheint. Klare Position für eine der beiden Figuren wird meines Erachtens bis zum Schluss nicht bezogen.

Doch auch, wenn die Handlung von „Alexandra’s Project“ an sich nicht kompliziert ist, ist es mir letzten Endes nicht gelungen, zu entschlüsseln, was genau der Regisseur mit diesem Film aussagen wollte. Und: Ich bin mir ganz und gar nicht sicher, ob mir diese Herangehensweise an das Thema gefällt oder nicht. Was ich aber ungeachtet dessen zu Protokoll geben kann: „Alexandra’s Project“ hat eine spannende Prämisse und setzt diese höchst unkonventionell um. Das allein reicht mir, um den Film als „sehenswert“ abzuheften und ihn mit 5 von 7 Punkten relativ hoch zu bewerten.

Ich betone allerdings nochmals, dass man schon einiges an Geduld und vor allem die Vorliebe für eine sehr spezielle, fast ein wenig altertümlich anmutende Ästhetik mitbringen muss, damit man überhaupt in die Verlegenheit kommt, sich über den Inhalt Gedanken zu machen. Wer es soweit schafft, kann dann in Ruhe darüber nachdenken, was der Regisseur mit diesem außergewöhnlichen Film erreichen wollte.

Gesamteindruck: 5/7


Originaltitel: Alexandra’s Project.
Regie:
Rolf de Heer
Drehbuch: Rolf de Heer
Jahr: 2003
Land: Australien
Laufzeit: ca. 100 Minuten
Besetzung (Auswahl): Gary Sweet, Helen Buday, Bogdan Koca, Samantha Knigge, Jack Christie



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