FilmWelt: The Tomorrow War

Obwohl inhaltlich ganz anders gelagert, hat mich „The Tomorrow War“ (2021) ähnlich konsterniert hinterlassen wie unlängst „The Midnight Sky“ (2020). Alle Zutaten sprechen für einen Film, den ich mögen müsste – und doch bleibt nach dem Ansehen eine ganz eigene Form der Ernüchterung zurück: Das Gefühl, dass eine große Chance vertan wurde und ich einen Film gesehen habe, der so viel besser hätte sein können, nein: müssen!

Gesamteindruck: 3/7


Zurück aus der Zukunft.

Es mag schon sein, dass meine Ansprüche zu hoch sind: „The Tomorrow War“ will vermutlich nichts anderes sein, als ein flotter, unterhaltsamer Action-Reißer. Ist er auch, zumindest in Teilen. Gleichzeitig bringt er aber eine gewisse Ernsthaftigkeit mit, die Hoffnung nach etwas weckt, das über die oberflächliche Alien-Hatz hinausgeht. Diese selbst geschürte Erwartung erfüllt er jedoch nicht, sodass die Enttäuschung umso größer ist – zumindest bei mir. Und ich glaube nicht, dass ich damit in der Minderheit bin, wenn ich mir die Kritiken so ansehe.

Worum geht’s?
2022 erscheint aus dem Nichts eine Gruppe von Soldat:innen und weiß Schreckliches zu berichten: In wenigen Jahren wird die Erde von Außerirdischen angegriffen, gegen die kein Kraut gewachsen scheint. Glücklicherweise konnte man eine Zeitmaschine bauen, mit deren Hilfe die dezimierten Streitkräfte der Zukunft mit Rekrut:innen aus der Gegenwart aufgefüllt werden können. Die Ausfallsquote ist allerdings gewaltig, sodass immer mehr Bürger:innen zwangsrekrutiert und in den zunehmend hoffnungslosen Kampf geschickt werden. Unter ihnen auch James „Dan“ Foster, Veteran des Irakkrieges und Wissenschaftler. Gemeinsam mit einer Gruppe von mehr oder weniger Freiwilligen bleibt ihm nichts anderes übrig als ebenfalls den Zeitsprung zu wagen…

Die Prämisse von „The Tomorrow War“ mag im ersten Moment recht frisch klingen. Im Verlauf des Films zeigt sich jedoch schnell, dass sich Regisseur Chris McKay und Drehbuchautor Zach Dean munter bei anderen, mitunter sehr bekannten Werken bedient haben. Vor allem drei Filme dürften beim Genuss vorliegenden Werkes umgehend vor dem geistigen Auge der geneigten Zuseher:innenschaft auftauchen: „Independence Day“ (1996), „Starship Troopers“ (1997) und „Edge of Tomorrow“ (2014). Wie diese drei setzt auch „The Tomorrow War“ vorwiegend auf militärische Action im Kampf gegen eine zahlenmäßig weit überlegene und äußerst aggressive Rasse von Außerirdischen, die so gar nichts mit E.T. oder Mr. Spock zu tun haben. Der im Filmtitel betonte Zeitreise-Aspekt wird dabei schnell zur Nebensache, sodass wir es auch hier letzten Endes „nur“ mit dem Versuch zu tun haben, die bösen Aliens in ihre Schranken zu weisen.

Der mangelnden Eigenständigkeit würde ich übrigens gar nicht primär die Schuld am schwachen Gesamteindruck geben. Wobei es schon hineinspielt, dass einem die Vorbilder dermaßen ins Gesicht springen und man dadurch – bewusst oder unbewusst – ständig Vergleiche zieht. Dabei stellt man dann fest, dass „The Tomorrow War“ dort witzig sein will, wo „Starship Troopers“ zynisch ist, dort vage bleibt, wo „Edge of Tomorrow“ clever ist und dort langweilt, wo „Independence Day“ Gefühle weckt. Ich weiß, diese Aufzählung war jetzt nicht vollständig und genau; ich glaube aber, sie schafft ein gutes Gefühl dafür, was „The Tomorrow War“ meines Erachtens fehlt.

Mindestens 30 Minuten zu lang.

Was noch gut gelungen ist, ist der Einstieg: Ohne viel Brimborium werden der Protagonist und seine Verhältnisse vorgestellt, die Zeitreisenden treffen schnell ein und auch der durchaus beeindruckende Blick in die post-apokalyptische Zukunft lässt nicht lange auf sich warten. Dort wird munter gekämpft (wie üblich scheinen die Aliens zunächst unbesiegbar, später fallen sie immer leichter den Waffen der Menschen zum Opfer) und alles nimmt seinen zwar sehr erwartbaren, aber doch einigermaßen unterhaltsamen Lauf. Hier sei auch noch angemerkt, dass der Humor, den Hauptdarsteller Chris Pratt speziell in der ersten Stunde oder so mit seiner Mimik einbringt, durchaus gelungen ist.

Ist dieser Teil des Films, ich schätze, er nimmt ungefähr ein Drittel der 140 Minuten Laufzeit ein, vorbei, wird es zäh. Einerseits weil es dann laufend mehr vom Gleichen gibt, d. h. die anfangs noch frischen Kämpfe mit den Whitespikes ermüden zusehends. Andererseits muss der Film dann – natürlich! – eine problematische Beziehung des Helden thematisieren. Der gesamte damit zusammenhängende Ablauf ist gleichzeitig vorhersehbar und übertrieben melodramatisch (mit einer starken Schlagseite zum Pathos). Diese beiden Punkte sorgen im Verbund dafür, dass „The Tomorrow War“ mindestens (!) eine halbe Stunde zu lang ist; die Überlänge, die inhaltlich überhaupt nicht gerechtfertigt ist, nimmt dem Film praktisch die gesamte Wucht. Mit ein paar Tagen Abstand beginnen meine Erinnerung tatsächlich stark zu verblassen, mit einer Ausnahme: Der Zeitsprung in die Zukunft, der bereits in der Eröffnungssequenz angeteasert wird, ist aus meiner Sicht die mit Abstand stärkste Szene des gesamten Werkes. Der gesamte Rest ist zwar gefällig, zum Teil aber auch austauschbar und nichtssagend.

Tiefgang: Angedeutet, aber nicht geliefert.

Es gibt noch zwei inhaltlichen Entscheidungen, die ich erwähnen möchte, weil ich mich bereits beim Ansehen gewundert, im Nachhinein sogar darüber geärgert habe. Ich habe eingangs angedeutet, dass „The Tomorrow War“ bei aller Leichtigkeit ab und an sehr ernst sein kann, denn der Film reißt zumindest an zwei Stellen Themen an, deren tiefergehende Behandlung lohnend gewesen wäre. So hätte ich für meinen Teil jedenfalls gern mehr über die Implikationen und Paradoxien der Zeitreise erfahren – vor allem fand ich das Konzept der „Flöße“, die, fix miteinander verbunden, sozusagen auf dem Fluss der Zeit vorantreiben, eine schöne Metapher und ein sehr eigenständiges Konzept. Leider werden alle Fragen dazu – und auch zur Technik der Zeitmaschine per se – völlig ausgeblendet. Der Film macht in dieser Hinsicht überhaupt nichts aus seiner Prämisse und ist generell um keine Auflösung der Logikprobleme bemüht, die sich Genre-typisch zwangsläufig ergeben.

Der zweite Aspekt, der angeteasert, dann aber bestenfalls oberflächlich gestreift wird, ist die Psyche: Der Großteil der Menschen, die ohne große Ausbildung in die Schlacht geworfen werden, sind Zivilist:innen ohne militärische Erfahrung. Der Krieg selbst wird durchaus brutal dargestellt, die Verluste sind hoch, es kommen aber auch immer ein paar Überlebende zurück, die meist körperlich und/oder geistig unter den Folgen ihres Einsatzes leiden. In einer Szene wird sogar eine Therapiesitzung für traumatisierte Veteran:innen gezeigt (und auch dem Hauptcharakter bekommt der Krieg psychisch nicht gut). Diesen Themenkomplex greift der Film grundsätzlich mit starken Bildern auf, er schafft es tatsächlich, das Trauma glaubhaft und einfühlsam darzustellen, soweit man das als Außenstehende:r beurteilen kann. Leider nimmt das gefühlte fünf Minuten der Gesamtlaufzeit ein, danach formiert man sich neu und wird endgültig zur Superheld:innen-Truppe, die einem Ende entgegen sprintet, dass man auch ohne Kristallkugel lange vorher erahnen kann. So, als wäre nichts gewesen – und das hat mich wirklich gewurmt.

Weniger (oder anders) wäre mehr gewesen.

Nicht falsch verstehen: Ein Action-Film, wie „The Tomorrow War“ vorrangig einer ist, braucht die genannten Aspekte eigentlich nicht, um zu funktionieren. Es wäre meiner Ansicht nach jedoch besser gewesen, komplett darauf zu verzichten, statt Tiefgang, denn es überhaupt nicht gibt, anzudeuten. Denn, nochmal: Zeitreise-Problematik und Kriegstrauma werden so gut und glaubhaft dargestellt, wie man es selten in einem Film sieht, der einen völlig anderen Fokus hat. Dass das nach wenigen Sekunden vorbei ist, hat bei mir ein überwältigendes Gefühl der Enttäuschung hinterlassen. Mag sein, dass ich mich hier zu sehr auf Details kapriziere, dennoch ist das das, was mir emotional am deutlichsten von „The Tomorrow War“ in Erinnerung geblieben ist. Das – und der Eindruck, der Regisseur hätte es vielleicht gern anders gemacht und auch gekonnt, aber man hat ihn nicht gelassen.

Alles in allem halte ich „The Tomorrow War“ für einen passablen Actionstreifen mit ein, zwei nachdenklichen Passagen, die aber nicht mehr als Staffage sind. Unabhängig davon leidet er unter einigen melodramatischen Szenen und einer viel zu langen Laufzeit, sodass man letzten Endes sagen muss, dass er auch als gewollt (?) seichtes Popcorn-Kino nicht richtig funktioniert. Einmal kann man ihn sich schon ansehen – für multiple Durchgänge (ich weiß gar nicht, wie oft ich z. B. „Starship Troopers“ gesehen habe!) reicht es meiner Ansicht nach bei weitem nicht.

Gesamteindruck: 3/7


Originaltitel: The Tomorrow War.
Regie:
Chris McKay
Drehbuch: Zach Dean
Jahr: 2021
Land: USA
Laufzeit: ca. 140 Minuten
Besetzung (Auswahl): Chris Pratt, Yvonne Strahovski, Betty Gilpin, J. K. Simmons, Sam Richardson



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4 Gedanken zu “FilmWelt: The Tomorrow War

  1. Pingback: Filme A-Z | Weltending.
    • Ich weiß nicht… das ist „Independence Day“ auch. Vielleicht liegt es auch wirklich an mir – aber irgend etwas passt an „The Tomorrow War“ für mich nicht, ich habe mich zwischendurch gelangweilt und hatte immer das Gefühl, dass der Film einfach zu lang dauert. Das habe ich bei gutem Popcorn-Kino das ruhig auch seicht sein kann, einfach nicht. Was sein kann und mir gerade erst einfällt: Vielleicht ist es wirklich Popcorn-KINO und es ist ein Problem und tut dem Film nicht gut, wenn man ihn daheim auf der Couch sieht. Hmm… das könnte sogar eine Erklärung sein.

      • Möglich, dass er auf der Leinwand völlig anders rüber kommt. Ich hab ihn auch nur im TV gesehen. Fand ihn eben ganz gut, wenn man ihn nicht hinterfragt. Kann man schauen, muss man nicht. 🙂

        ID4 war ein ein cooler Film. Der hat auch beim dritten Mal schauen noch gut funktioniert. Tomorrow War schau ich bestimmt kein zweites Mal. 😉

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