FilmWelt: The Batman

Ich meine, irgendwo gelesen zu haben, dass „The Batman“ (2022) mit (oder trotz) seiner Laufzeit von 3 Stunden wie ein überlanger Vorspann wirkt. Stimmt, irgendwie. Und doch ist der erneute Reboot, ausgerechnet mit dem als romantischen Vampir bekannt gewordenen Robert Pattinson in der Hauptrolle, deutlich besser, als diese Zuschreibung nahe legt. Warum das so ist und was die zweifellos vorhandenen Schwächen des Films sind, versuche ich im Folgenden herauszuarbeiten.

Gesamteindruck: 5/7


Gotham noir.

Bevor wir zum Film kommen, sei mir eine Frage gestattet: Was soll das mit diesen ständigen Remakes, Reboots, Sequels und Prequels eigentlich? Für mein Gefühl hat die Wiederverwertung bekannten Stoffs in den vergangenen 10 Jahren (ich schreibe diesen Text im April 2022) geradezu groteske Ausmaße angenommen. Als Freund halbwegs konsistenter und kanonischer Geschichten kann man das eigentlich nicht gut heißen – wobei ich gleichzeitig konstatieren muss, dass das in diesem Fall die einzig vernünftige Herangehensweise an das früh gescheiterte DC Extended Universe sein dürfte. Am besten ist also, man vergisst Gedanken wie Wie verhält sich dieser Batman zu jenem aus „Justice League“? Wie zum Joker von 2019? und betrachtet jeden dieser Filme vollkommen für sich.

Worum geht’s?
Gotham City ist ein von Korruption und mafiösen Strukturen durchsetzter Moloch. Weite Teile der Polizei stehen auf der Lohnliste brutaler Gangster, die dadurch praktisch freie Hand in der Stadt haben. Die wenigen Beamten, die nicht käuflich sind, haben hingegen keine Chance, dem Verbrechen Herr zu werden. Es gibt allerdings einen Mann, der versucht, für Ruhe und Ordnung zu sorgen – indem er als maskierter Rächer allein und außerhalb des Gesetzes gegen die Schurken antritt. Viel scheint sein Kampf nicht zu bringen – bis er eines Nachts eher zufällig beginnt, die größeren Zusammenhänge zu erkennen…

Zur Einordnung dieses Werkes, das den Auftakt einer weiteren Reihe über den Dunklen Ritter bilden soll, muss man kurz auf bisherige Filme zu diesem Thema referenzieren: Meiner Ansicht nach steht dieser „The Batman“ in der Tradition der Filme von Tim Burton („Batman“, 1989 und „Batmans Rückkehr“, 1992), in denen Michael Keaton die Titelrolle inne hatte. Denn im Gegensatz zur Nolan’schen „The Dark Knight“-Trilogie (2005-2012, mit Christian Bale) lernen wir die Fledermaus diesmal als fertigen Rächer kennen. Über seine Jugend erfahren wir kaum etwas, das über Andeutungen hinausgeht, wie er zu seiner Ausrüstung gekommen ist und zu kämpfen gelernt hat, wird bestenfalls angerissen. Der (Anti-)Held ist hier ein gegebener Faktor in Gotham City – ganz so, wie er es in den alten Filmen und Serien war.

Und doch unterscheidet sich unser Mann von seinen frühen Inkarnationen – denn noch nie war Batman derart düster und ernst, wie ihn Matt Reeves inszeniert hat. Das hat wohl auch damit zu tun, dass die Zeiten, in denen ein Held ohne Persönlichkeit, vor allem aber ohne Tragik, auskommen musste, längst passé sind. Das war bereits an Nolans Filmen deutlich zu erkennen, „The Batman“ setzt noch zwei drauf: Einerseits suchen Regenmenge und Finsternis in Gotham City ihresgleichen, andererseits ist das Herz der Titelfigur so düster wie die Stadt selbst. „The Batman“ ist völlig humorlos, mehr noch als Christopher Nolan es seiner Trilogie zugestanden hat, die immerhin ein paar witzige One-Liner von Heath Ledger zu bieten hatte. Hier kann ich mich hingegen an keinen Moment erinnern, in dem sich der Hauptdarsteller auch nur der Anflug eines Lächelns abringt. Das betrifft übrigens auch die anderen Figuren: Wenn mal gelacht wird, dann wahlweise bitter oder verrückt, nie jedoch humorvoll.

Nicht falsch verstehen: Batman ist per se ein düsterer Held. Aber dieser Film erreicht eine Trostlosigkeit und eine Stimmung, die ich mir im Superhelden-Genre so nicht hätte vorstellen können. Dazu tragen verschiedene Faktoren bei: „The Batman“ spielt praktisch nur nachts, in Gotham City regnet es, wie erwähnt, fast immer in Strömen, generell wirkt die Stadt wie in Lethargie und Angst versunken. Und auch der Soundtrack sollte nicht vergessen werden, weil er die Atmosphäre noch verstärkt. Es gibt aber eine Sache, die ganz besonders aufs Gemüt schlägt: Die Darstellung des Mannes, der sich die Nächte als Rächer im Fledermauskostüm um die Ohren schlägt. Bruce Wayne ist hier eine Figur, die ihrem alter ego in Sachen Bitterkeit in nichts nachsteht. Seinen Reichtum, der ihm überhaupt erst die Möglichkeit gibt, auf Verbrecherjagd zu gehen, sieht man ihm – im Gegensatz zu seinen bisherigen Inkarnationen – überhaupt nicht an. Überhaupt scheint im das Geld völlig egal zu sein, er wagt sich auch als Bruce Wayne kaum in die Öffentlichkeit – und nicht einmal die bisher immer so unerschütterliche Beziehung zu seinem Butler/väterlichen Freund Alfred Pennyworth, gespielt von Andy Serkis (!), ist frei von Problemen.

Die erwähnten Punkte machen „The Batman“ nicht gerade zu einem leicht verdaulichen Werk. Dennoch hat mir die Atmosphäre des Films ausgesprochen gut gefallen, weil dadurch einem altbekannten Thema tatsächlich noch einmal eigenständiges Leben eingehaucht wird. An dieser Stelle sei noch eine Sache erwähnt, die vielleicht nicht jedem Publikum schmeckt: Der Film ist sehr „trocken“, vor allem was seine Figuren betrifft. Heißt: Sieht man von einem Fledermauskostüm ab, sind alle Charaktere wahnsinnig realistisch und haben nichts vom bunten und absurden Comic-Look früherer Werke. Das ist hochinteressant und rückt den Film in eine ganz andere Richtung, als man es bei diesem doch sehr plakativen Titel erwarten würde (gleiches galt meines Erachtens schon für „Joker“).

Charaktere und Story überzeugen nicht voll.

Allerdings – ich habe es ja eingangs angedeutet – heißt all das nicht, dass „The Batman“ ohne Schwächen daherkommt. Zwei Dinge fallen besonders ins Auge: Erstens fand ich abgesehen von der Titelfigur keinen Charakter sonderlich überzeugend, am ehesten konnte noch Jeffrey Wright als ehrenwerter Polizist Jim Gordon punkten. Beim Rest des Casts hatte ich das Gefühl, dass die Rollen hinter Batman und dem quasi-Bösewicht, der Gotham City selbst ist, zurückstehen mussten. Mit Zoë Kravitz ist zwar eine grundsätzlich gute Besetzung der Catwoman gelungen, andererseits hat mich dieser Charakter fast gar nicht berührt – zu sehr auf Action getrimmt und mit zu wenig Tiefgang kommt mir die Katzenfrau hier daher. Schade auch, dass die Schurken nicht punkten können – was aber wohl schwer war, wenn Batman selbst ein dermaßen ambivalenter Charakter ist wie hier. Paul Dano spielt den Hauptantagonisten Riddler und hat das Problem, dass er bis zum Ende sein Gesicht nicht zeigen darf. Der Gedanke war wohl, das durch die üblichen Rätsel und die verrückte-bedrohliche Stimme zu kompensieren. Während letzteres passabel geglückt ist, fand ich die Rätsel, immerhin die Stärke dieses vermeintlichen Bösewichts, viel zu unspektakulär und langweilig. Im Finale kann Dano dann zwar einigermaßen zeigen, was in ihm steckt, das entschädigt aber nicht für die Stunden davor. Die zwei anderen Schurken im Bund sind übrigens ein Mafia-Boss, der letzten Endes jedem Klischee entspricht – und der Pinguin, ebenfalls ein Mafioso, bei dem ich mir auch deutlich mehr Tiefgang gewünscht hätte. Mal sehen, ob in weiteren Filmen noch etwas dazu kommt – denn eigentlich haben wir hier mit Riddler, Catwoman, Pinguin und – ganz als letzten Auftritt – den Joker, die gesamte Herrlichkeit der wichtigsten Batman-Antagonisten versammelt.

Der zweite Kritikpunkt ist die Handlung, die – gelinde gesagt – ziemlich dünn und belanglos ist. Dass mir die erzählte Geschichte nicht so recht gefallen will, passiert mir bei den Superhelden-Filmen der vergangenen Jahre relativ häufig. Im Falle von „The Batman“ ist es nicht anders: Unsere Lieblingsfledermaus legt sich mit einigen Schurken an, meist im durchaus gut inszenierten und choreografierten Faustkampf. Ansonsten beklagt man die Schlechtheit der Welt und versucht, dagegen vorzugehen. Die Polizisten sind korrupt, die Bösewichte gemein, der Riddler spricht in Rätseln usw. Ich weiß ehrlich gesagt nicht so recht, was ich dazu sagen soll: All das ist durchaus solide, aber im Endeffekt wenig spektakulär oder gar tiefgründig.

Fazit: Trotz allem ansehen!

Paradoxerweise kann ich mich an kaum einen Film, zumal mit einer solchen Mammutspielzeit, erinnern, an dem mich die zwar solide, aber kaum nennenswerte Handlung (gleiches gilt für das Gros der Charaktere) so wenig gestört hat. „The Batman“ hat seine Stärken woanders: In den atmosphärischen Bildern und in der nachdenklich-griesgrämigen Hauptfigur. Beides ist dermaßen stark umgesetzt, dass ich dem Film trotz der genannten Schwächen eine hohe Wertung gebe – denn eines ist nicht wegzudiskutieren: „The Batman“ hat mich mit seiner Wucht über die volle Laufzeit gefesselt und nie richtig gelangweilt. Dass habe ich auch daran gemerkt, dass mir erst nach Verlassen des Kinos aufgefallen ist, dass mir der Film ja gar keine so beeindruckende Geschichte erzählt hat. Er endet ja auch nicht mit einem Sieg für den Helden – sondern einfach mittendrin, was den eingangs erwähnten Eindruck eines überlangen Vorspanns noch verstärkt.

Nun, ich bin tatsächlich etwas sprachlos, wenn ich meine Kritikpunkte mit untenstehender Wertung vergleiche. Und doch: Jede:r der/die mit dem dunklen Ritter etwas anfangen kann, sollte sich „The Batman“ unbedingt ansehen. Dermaßen film noir war Batman noch nie – und jetzt bin ich wirklich gespannt auf die Fortsetzung.

Gesamteindruck: 5/7


Originaltitel: The Batman.
Regie:
Matt Reeves
Drehbuch: Matt Reeves, Peter Craig
Jahr: 2022
Land: USA
Laufzeit: ca. 180 Minuten
Besetzung (Auswahl): Robert Pattinson, Zoë Kravitz, Jeffrey Wright, Paul Dano, Colin Farrell, Andy Serkis



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