SpielWelt: Brothers: A Tale of Two Sons


„Brothers: A Tale of Two Sons“ (2013) ist in verschiedener Hinsicht ein besonderes Spiel: Einerseits wartet es mit einer schön erzählten Geschichte, toller Atmosphäre und wunderschöner Grafik auf, andererseits geht es in Sachen Bedienung für PC-Maßstäbe völlig neue und ungewohnte Wege. Letzteres ist, so viel sei vorab verraten, ein echter Hemmschuh für all jene, denen abseits von Maus, Tastatur und Joystick kein Eingabegerät an den USB-Port kommt. Zu dieser Gruppe gehöre auch ich – und damit ist schon erklärt, wieso dieses Werk von Starbreeze Studios bei mir nicht so hoch punktet, wie man nach Lektüre diverser Tests erwarten könnte.

Gesamteindruck: 4/7


Rettungsmission.

Starbreeze Studios? Klingelt es bei diesem Namen? Bei mir war das nicht der Fall – und auch der Blick auf die nicht sonderlich umfangreiche Spielografie hat mich mit den Schultern zucken lassen. „Enclave“ (2002) ist mir gerade noch ein Begriff und dass es zwei „Riddick“-Spiele (2004 und 2009) gab, habe ich zumindest vage wahrgenommen – nicht aber welche Software-Schmiede dafür verantwortlich war. Es mag sogar sein, dass „Brothers: A Tale of Two Sons“ (im Folgenden werde ich das mit „Brothers“ abkürzen) das bekannteste Spiel der Schweden ist. Jedenfalls hatte ich es, gefühlt seit Ewigkeiten, auf meiner Liste der Titel, die ich unbedingt mal antesten wollte. Nun, fast zehn Jahre nach der Veröffentlichung, bin ich endlich dazu gekommen.

Darum geht’s:
Die Brüder Naia und Naiee leben in einer fantastischen Welt, in der es niemanden wundert, wenn ihm plötzlich ein Troll oder ein anderes Fabelwesen gegenüber steht. Als der Vater der beiden eines Tages erkrankt, bringen sie ihn zum örtlichen Heiler, der nur eine Möglichkeit sieht, den Sterbenden zu retten: Er braucht das „Wasser des Lebens“. Dessen Quelle ist weit vom Dorf entfernt – und so machen sich Naia und Naiee auf, um das geheimnisvolle Nass zu besorgen und ihren alten Herrn zu retten…

Kurz zu meinem persönlichen Hintergrund, der, so hoffe ich, mein Hauptproblem mit „Brothers“ erklären könnte: In Sachen Videospiele wurde ich Anfang der 1990er auf dem Amiga sozialisiert, bald darauf folgte der Umstieg auf den PC. Konsolen jeglicher Couleur konnte ich hingegen nie viel abgewinnen; einigermaßen intensiv genutzt wurde nur der GameBoy. Davon abgesehen hatten lediglich die erste PlayStation und die Wii von Nintendo kurze Gastspiele in meinem Wohnzimmer, ohne sich jedoch durchsetzen zu können. Bedenkt man dann noch, dass Rollenspiele, Adventures und Strategie seit Jahrzehnten meine bevorzugten Genres sind, kann man vielleicht nachvollziehen, wieso ich mich mit Eingabegeräten abseits von Joystick, Maus und Tastatur eher unwohl fühle.

Entsprechend schwierig empfand ich die Steuerung von „Brothers“, die nicht nur 100%ig auf ein Gamepad abgestimmt, sondern deren Besonderheiten sogar integraler Bestandteil der Spielerfahrung sind. Dass ich mir das Spiel trotz meiner Abneigung gegen Konsolen-Controller zugelegt habe, liegt an einem Versäumnis meinerseits: Mir war überhaupt nicht bewusst, dass das Gamepad inzwischen auch in der PC-Community so weit angekommen sein dürfte, dass es diverse Magazine nicht erwähnenswert fanden, ausdrücklich auf die spezielle Steuerung von „Brothers“ hinzuweisen. Hätten sie das getan, hätte ich wohl einen großen Bogen um ein Spiel gemacht; dass ich mich nicht mehr darüber geärgert habe, liegt übrigens vor allem daran, dass ich das Spiel kostenlos bekommen habe, aber das nur am Rande.

Zwei Helden, zwei Daumen.

Moment, die Steuerung soll„integraler Bestandteil der Spielerfahrung“ sein? Richtig gelesen: Ein Alleinstellungsmerkmal von „Brothers“ ist, dass man die zwei Helden simultan steuert. Das funktioniert mittels Gamepad – so vermute ich – relativ intuitiv: Mit dem linken und rechten Daumen lenkt man die Figuren per Stick, die Zeigefinger bedienen die jeweilige Aktionstaste. Diese recht simple Methode wird zur Qual, wenn man kein Pad hat. Mausunterstützung gibt es nicht, freie Tastenwahl auch nicht. Heißt: Einen Bruder lenkt man mit den Pfeiltasten, den anderen mit WASD, während die Daumen für die Aktionstasten (rechte Strg- bzw. Space-Taste) reserviert sind.

Während man beim Spiel mittels Pad also zwei Finger pro Figur braucht, sind es auf dem Keyboard vier. Und das zieht ungewohnte Probleme nach sich, die eigentlich einfache Rätsel und Aktionen fast schon unlösbar machen – physisch, weil man sich die Finger verrenkt und technisch, weil viele Keyboards das gleichzeitige Drücken von mehr als drei Tasten gar nicht zulassen bzw. als gültigen Input erkennen. Beides zusammen erschwert beispielsweise die diagonale Bewegung enorm. Hinzu kommt ein Koordinationsproblem: Es war mir schier unmöglich, beide Figuren fließend, d. h. ohne irgendwo hängenzubleiben, durch die Welt zu steuern. Ständig musste ich stehen bleiben und den einen Bruder nach links, den anderen nach rechts bewegen, damit sie sich am Bildschirm über der „richtigen“ Hand befanden. Die Kameraführung verkompliziert diese Problematik noch, denn auch sie ist mit mitunter schnellen Wechseln der Perspektive voll auf eine Gamepad-Steuerung ausgelegt.

Kein Kinderspiel.

Inhaltlich würde ich „Brothers“ als eine Art storygetriebenes Adventure beschreiben. Die Geschichte von den zwei Brüdern, die ausziehen, ihren Vater zu retten, ist zwar nicht allzu innovativ, sie wird aber deutlich emotionaler erzählt, als man im ersten Moment glauben möchte. Dabei sollte man sich auch nicht von der relativ knuffigen Grafik täuschen lassen: Ein Spiel für Kinder ist „Brothers“ nicht, dafür ist die Story dann doch zu traurig und dramatisch; abgesehen davon werden die Bilder im weiteren Verlauf durchaus verstörend und zum Teil auch ziemlich blutig.

Größte Stärke von „Brothers“ ist meines Erachtens aber weniger die Rahmenhandlung, sondern eher die Art und Weise, wie sie sich entspinnt und den Spieler/die Spielerin durch eine erstaunliche und abwechslungsreiche Welt führt. In der gibt es gehörig Platz für Mythologie: Ein Flug mit einer Art Greif fehlt beispielsweise ebenso wenig wie ein tiefes Bergwerk, in dem Trolle schuften. Hier vielleicht noch einmal ein Wort zur Grafik: Der zeichentrickhafte Look beschränkt sich weitgehend auf die Charaktere – die Welt, in der sie sich bewegen, wirkt weit realistischer. Und ist vor allem wunderschön: Ab und an findet man im Spiel eine Sitzbank, die man auch benutzen kann. Das treibt die Handlung zwar nicht voran, dennoch hält man immer wieder inne, einfach, um die Aussicht zu genießen!

Einfache Rätsel.

Um im Spiel und in der Handlung voranzukommen, sind verschiedene Rätsel zu lösen. Die sind allerdings so einfach, dass LucasArts- und Sierra-Veteranen müde lächeln werden – wobei man sagen muss, dass das nicht nur in „Brothers“ so ist, sondern Adventures heute kaum noch die alten Herausforderungen bieten. In dieser Hinsicht hat mich das Spiel z. B. stark an „The Wolf Among Us“ (ebenfalls 2013 erschienen) erinnert, dessen Rätsel auch kaum der Rede wert waren. Die Besonderheit von „Brothers“ ist – man wird es sich denken können – dass Hindernisse nur im Zusammenspiel der Protagonisten zu überwinden sind. Generell haben die Herausforderungen immer mit Bewegung zu tun, klassische Inventarrätsel o. ä. sucht man vergeblich.

Beispielsweise muss an einer Stelle ein Baum umgesägt werden, was bedeutet, dass ein Bruder die Säge links anpackt, der andere rechts und man dann mit mehr oder minder schwungvollen Bewegungen, also möglichst rhythmischer Tastenklopferei zu Werke geht. Hieran erkennt man gut, worauf es den Designern angekommen ist: In anderen Spielen würde es reichen, mit der Maus auf Säge und Baum zu klicken, damit der Charakter die Aktion ausführt; in „Brothers“ muss man selbst sägen (was mich schier zum Wahnsinn getrieben hat, weil es über die Tastatur dermaßen hakt und dadurch Minuten dauert). Es ist also weniger wichtig, zu erkennen, wie der Baum zu fällen ist (das Spiel lässt hier ohnehin keine Zweifel aufkommen), sondern ihn mit den richtigen Aktionen aktiv zu Fall zu bringen. Der Schwerpunkt ist also ein deutlich anderer als in konventionellen Adventures.

Ausgezeichnetes Storytelling ohne Worte.

Dass „Brothers“ trotz seiner lächerlich einfachen Herausforderungen ein gutes Spiel ist und zu unterhalten weiß, liegt daran, wie es seine Geschichte erzählt. Genau genommen sind es vor allem die kleinen Geschichten und Stationen auf dem Weg, die zu gefallen wissen und teilweise ganz schön emotional sind. Erstaunlich ist aber vor allem, wie es dem Spiel gelingt, seine Story komplett ohne Worte zu erzählen: Die Brüder sprechen zwar hörbar miteinander und mit NPCs, das passiert allerdings in einem unverständlichen Kauderwelsch. Untertitel gibt es keine – und doch versteht man alles und hat keine Mühe, der Geschichte zu folgen. Klar, die ist nicht sonderlich komplex, wichtiger scheint mir aber, dass es die Programmierer:innen geschafft haben, dass ihre Figuren der Person vor dem Bildschirm mittels Mimik und Gestik stets nachvollziehbar mitteilen, was gerade passiert oder was man als nächstes tun soll. Und das ist schon sehr großartig gemacht und eine Eigenschaft von „Brothers“, die ich absolut zu schätzen weiß.

Fazit: Wer sich überlegt, „Brothers“ zu spielen, sollte unbedingt über die Anschaffung eines Gamepads nachdenken. Das Spielen ist zwar auch ohne ein solches Gerät möglich, man merkt aber an allen Ecken und Enden, dass die Programmierer das nicht vorgesehen haben. Das ist umso wichtiger zu wissen, weil die Bewegung in „Brothers“ keine Nebensache, sondern integraler Bestandteil des Spielprinzips ist – zwar nicht in einem so großen Ausmaß wie bei „Tomb Raider“ & Co., dennoch ist es so, dass man praktisch durchgehend durch die Welt läuft und kaum jemals anhält. Das sollte man bedenken, bevor man meint, dass das bisschen Herumgelaufe eigentlich kein Problem darstellen kann.

Und noch eines sei potenziellen Interessent:innen mit auf den Weg gegeben: Ja, „Brothers“ ist so schön, dass man mit staunenden, weit aufgerissenen Augen durch die Welt läuft. An vielen Stellen wünscht man sich außerdem, deutlich mehr über die Orte, die man besucht, zu erfahren. Leider passiert das nicht, das ganze Spiel ist eine Andeutung und hinterlässt nicht mehr als die Ahnung einer Welt mit reichhaltiger Geschichte und Tiefe. Möglichkeiten, die zu erforschen, gibt es nicht: „Brothers“ ist ein (Action-)Adventure und kein Rollenspiel, es bleibt vage und bietet weder alternative Lösungsmöglichkeiten noch verschiedene Enden, auch ein Abweichen von den relativ eng gesetzten Pfaden ist ausgeschlossen. Der Wiederspielwert geht damit gegen Null sobald man sich an den schönen Bildern sattgesehen hat. Leider ist das Vergnügen auch ziemlich kurz, ich habe rund 5 1/2 Stunden gebraucht, was ich für etwas dünn bei einem Vollpreistitel halte.

Dennoch hat mich das Spiel gut unterhalten und länger in mir nachgewirkt, als ich ursprünglich gedacht hätte. Und das ist doch aller Ehren wert, oder? 4 Punkte von mir, wer mit Gamepad spielt, wird mindestens einen dazu addieren können. Alle anderen sollten das Spiel eher dann kaufen, wenn es mal wieder irgendwo im Angebot ist oder vielleicht sogar verschenkt wird.

Gesamteindruck: 4/7


Genre: Adventure
Entwickler:
Starbreeze Studios
Publisher: 505 Games
Jahr:
2013
Gespielt auf: PC


Screenshots aus „Brothers: A Tale of Two Sons“ – Copyright beim Entwickler!

2 Gedanken zu “SpielWelt: Brothers: A Tale of Two Sons

  1. Pingback: Spiele A-Z | Weltending.
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