SerienWelt: Star Trek: Picard – Staffel 2

„Bleibt nur die Hoffnung auf Staffel 2“ – mit diesem Satz endete meine Besprechung zur ersten Staffel von „Star Trek: Picard“ (2020). Nun, zwei Jahre später macht sich Ernüchterung breit: Die Fortsetzung der Serie um eine der beliebtesten Figuren aus dem Star Trek-Universum ist eine einzige Enttäuschung. Erneut haben wir es mit 10 Episoden zu tun, die kaum Trek-Feeling vermitteln, schlimmer noch: Der Serie gelingt es zu keinem Zeitpunkt, ihre eigene Existenz in dieser Form zu rechtfertigen. Denn das, was wir hier zu sehen bekommen, ist erneut Stoff, für den früher eine Doppelfolge „The Next Generation“ locker ausgereicht hätte. Exakt das habe ich schon über Staffel 1 geschrieben – traurig, dass es immer noch gilt.

Gesamteindruck: 2/7


Die Borg, Zeitreisen… und Q.

Es ist nun einige Wochen her, dass das mit „Farewell“ höchst kreativ betitelte Staffelfinale über meinen Bildschirm geflimmert ist. Diese Zeit wollte ich mir bis zum Niederschreiben meiner Meinung geben, um halbwegs reflektiert an die Sache herangehen zu können. Wenn man aus folgendem Text also Unverständnis, Frust und Ärger herausliest, hat das nichts mit einer Kurzschlussreaktion zu tun; im Gegenteil, ich habe lange darüber nachgedacht, ob ich der Serie und den dafür Verantwortlichen vielleicht Unrecht tue. Um es jedoch gleich vorweg zu nehmen: Das Zuwarten und Sinnieren hat keine Besserung gebracht, Staffel 2 von „Star Trek: Picard“ (im Folgenden reicht es wohl, nur „Picard“ zu schreiben) hat mich enttäuscht und mir jegliche Illusion genommen, dass die Serie noch zu retten ist.

Inhalt in Kurzfassung
Seinen Ruhestand zu genießen, ist Jean-Luc Picard nicht vergönnt: Eine Weltraum-Anomalie sendet ein Signal aus, in dem um einen Beitritt zur Föderation gebeten wird – und diese Nachricht richtet sich an den ehemaligen Captain der USS Enterprise persönlich. Vor Ort zeigt sich, dass es offenbar ausgerechnet die Borg sind, die verhandeln wollen, was freilich nicht ohne Konflikt abgeht. Und als ob das für den alternden Diplomaten nicht genug wäre, mischt sich auch noch sein Erzfeind Q ein und verändert die Zeitlinie auf unerfreuliche Art und Weise. Für Picard und seine erneut hastig versammelten Freunde bedeutet das: Ab in die Vergangenheit und im Jahr 2024 alles versuchen, den entstandenen Schaden zu beheben…

Eigentlich widerstrebt es mir, erneut einen ellenlangen Rant loszulassen. Andererseits muss es einfach raus, denn „Star Trek“ nimmt seit jeher einen besonderen Platz in meinem Herzen ein. Wie also diesen Text beginnen, ohne sofort loszuschimpfen? Vielleicht mit ein paar Fakten: „Picard“ besteht, wie es sich für eine moderne Serie gehört, aus aufeinander aufbauenden Episoden, in diesem Fall sind es zehn Stück. Der Vorteil liegt auf der Hand: Die alten „Star Trek“-Serien setzten nach jeder ihrer in sich geschlossenen Folgen fast alles auf Null zurück. Das ermöglichte zwar einen jederzeitigen und leichten Einstieg, umgekehrt war eine grundlegende Weiterentwicklung der Charaktere kaum möglich. Grundsätzlich weiß ich den modernen Zugang, der das isolierte Ansehen einzelner Episoden ausschließt, durchaus zu schätzen, ermöglicht er doch ganz andere Entwicklungen und Handlungsbögen. Vor allem, seit man dank Streaming unabhängig von TV-Ausstrahlungen geworden ist und nicht mehr tagelang auf die neueste Episode warten muss, sehe ich hier gelegentlich sogar Vorteile gegenüber dem Film, der ja doch auf eine gewisse Laufzeit beschränkt ist. Aber das nur am Rande.

Licht bei den Nebenrollen…

Die inhaltliche Auseinandersetzung mit „Picard“ möchte ich mit einem uneingeschränkt positiven Punkt beginnen: John de Lancie kehrt in seiner Paraderolle als nahezu allmächtiger Q, seines Zeichens einer der wichtigsten und am besten geschriebenen Star Trek-Antagonisten, zurück. Ein echter Lichtblick! Und auch wenn seine Auftritte viel zu selten und sehr kurz sind, scheint er doch alle anderen an die Wand zu spielen, was an und für sich schon Bände spricht…

Apropos Nebendarsteller:innen und positive Anmerkungen: Auch Brent Spiner, der zweite Veteran, der sogar eine etwas größere Rolle spielt und immer ein Garant für gute Unterhaltung ist, ist als Pluspunkt zu verbuchen. In dieser Staffel spielt er zwar ganz und gar keinen Sympathieträger, dennoch macht er seinen Job einmal mehr sehr gut. Wobei ich an dieser Stelle eines anmerken muss (auch wenn das kein echter Kritikpunkt ist): Es ist nicht mehr feierlich, wie berechenbar Spiner eingesetzt wird. Im Wesentlichen gibt man seinen Star Trek-Rollen einfach irgendeinen Vornamen und stellt ihn dann als Vor-, Nachfahre oder sonst irgendeinen Verwandten von Dr. Noonien Soong (Schöpfer des von Spiner in „The Next Generation“ verkörperten Androiden Data) vor. So auch hier, wobei es in diesem Zusammenhang zu einem der wenigen Querverweise kommt, die ich wirklich zu schätzen wusste: Von Adam Soong scheint es durch die Eugenischen Kriege eine direkte Linie zu Arik Soong zu geben, der seinerseits in mehreren Episoden von „Star Trek: Enterprise“ als Genetiker auftritt. Das fand und finde ich schön gelöst, auch wenn sich dadurch die Frage aufdrängt, wieso Mitglieder der Familie Soong offenbar über Jahrhunderte immer wieder ungehindert an umstrittenen oder sogar verbotenen Projekten arbeiten konnten. Aber sei’s drum, diesen Faden haben die Showrunner für mein Dafürhalten sehr gut aufgegriffen (zumindest wenn man ignoriert, dass die Eugenischen Kriege laut Kanon eigentlich in den 1990ern hätten stattfinden müssen, man sich also fragen darf, wieso die Erde des Jahre 2024 in „Picard“ genau unserer Gegenwart entspricht).

…Schatten beim Haupt-Cast.

Zum Rest des Casts habe ich leider kaum positive Anmerkungen – und damit sind wir dann auch schon mittendrin in den Problemen, die ich mit der Serie habe. Patrick Stewart führt die Hauptrolle (die zwischendurch auch mal zum Nebencharakter wird) ungefähr so fort, wie man es aus Staffel 1 kennt. Heißt: Man tut sich weiterhin schwer, diesen Picard mit jenem aus „The Next Generation“ und den nachfolgenden Spielfilmen zusammenzubringen. Ob das am britischen Schauspieler liegt – oder doch am Drehbuch? Ich wage es nicht zu beurteilen, gebe aber zu bedenken, dass Stewart ab und an leider tatsächlich so wirkt, als würde er lieber etwas Anderes machen. Das gilt aus meiner Sicht aber für den gesamten Cast, vor allem Jeri Ryan (Seven of Nine) meint man durchgehend anzumerken, dass sie keine große Lust auf die Serie hatte, wobei ich auch hier die Frage aufwerfen möchte, ob das Problem nicht eher die Rolle ist, die ihr das Drehbuch vorgibt.

Die übrigen Darsteller:innen haben – im Vergleich zu den Genannten – bis auf „Picard“, Staffel 1, ja keine große Star Trek-Vergangenheit, mit der man sie in Verbindung bringen musste. Leider gibt es dennoch auch hier ein Problem: Niemand, den/die man bereits aus den ersten zehn Folgen kannte hat groß an Sympathiewerten gewonnen. Heißt: Santiago Cabrera gibt erneut den bemüht coolen Chris Rios, mit dem man wohl eine Art Han Solo schaffen wollte, was überhaupt nicht funktioniert; wie er vom Schmuggler in nur einem Jahr zu einem Captain der Sternenflotte aufsteigen konnte, steht in den Sternen. Michelle Hurd bleibt als Raffi Musiker eine unsäglich unsympathische Rolle, auf die man als Zuseher:in meines Erachtens generell hätte verzichten können. Alison Pill gibt weiterhin ihren weinerlich-verpeilten Gegenpart, mit dem eine Identifikation ebenfalls schwer fällt. In Hinblick auf die Nebenrollen ist eigentlich nur Annie Wershing als Borg-Königin erwähnenswert – sie hatte diese Rolle bereits im Finale der Serie „Star Trek: Voyager“ gespielt und macht ihre Sache ganz gut. Aber auch hier haben wir ein Problem mit dem Drehbuch, dass mit diversen losen Fäden und fehlender Logik innerhalb des Star Trek-Franchise gerade bezüglich jener Antagonistin mehr Fragen aufwirft, als es beantwortet. Der übrige Cast ist, soviel sei noch erwähnt, weder im positiven noch im negativen Sinn besonders auffällig.

Keine Binge Gefahr.

Wie oben angedeutet, könnte man einigen Schauspieler:innen durchaus vorwerfen, dass sie nicht gerade inspiriert oder inspirierend agieren. Die Schuld dafür würde ich im Endeffekt aber doch eher bei der Charakterzeichnung und im Drehbuch suchen. Zu ersterem habe ich bereits das eine oder andere geschrieben, noch einmal hervorheben möchte ich, dass eine Weiterentwicklung der Figuren nach Staffel 1 nicht passiert ist (das betrifft übrigens auch die Hauptfigur). Doch selbst wenn man akzeptiert, dass die Figuren nun mal so sind, wie sie sind, ist es ein echtes Problem, dass jegliche Sympathieträger:innen fehlen. Ich frage mich, ob es jenen, die nicht mit den alten Serien und Filmen sozialisiert wurden auch so geht – oder ob sie mit den Charakteren, die uns die „Picard“-Showrunner vorsetzen, tatsächlich warm werden. Ich kann es mir ehrlich gesagt kaum vorstellen, aber wer weiß.

Vielleicht liegt es auch daran: „Picard“ will – ähnlich wie schon „Star Trek: Discovery“ – eine Art Drama sein. Dafür gibt es im modernen Serien-Dschungel ja eine Menge gelungener Beispiele, von „Game of Thrones“ über „Battlestar Galactica“ und „Snowpiercer“ bis hin zu „The Walking Dead“. Was die genannten Serien aus meiner Sicht (bei all ihrer Unterschiedlichkeit und Folgen-/Staffel-weise durchaus schwankender Qualität) auszeichnet: Nach praktisch jeder Episode will man unbedingt wissen, wie es weitergeht – genau dieses Gefühl führt letztlich zum sogenannten Binge Watching. Im ersten Moment ist man versucht, das an den ausgesprochen geschickt platzierten Cliffhangern festzumachen, die am Ende jeder Folge stehen. Die hat „Picard“ zwar auch – und doch hat sich bei mir in zehn Folgen kein einziges Mal (!) die unbändige Lust eingestellt, direkt weiterzuschauen. Ich habe es zwar getan, aber das kam eher einer lästigen Pflichtübung als dem Befriedigen einer Sucht (im positiven Sinne) gleich.

Spannung? Mangelware!

Die Frage, woran das liegt, lässt sich anhand mehrere Aspekte beantworten, von denen neben den fehlenden Identifikationsfiguren der Mangel an Qualität in Handlung und Drehbuch am schwersten wiegt. Im Endeffekt ist es so: Weder der übergreifende Handlungsbogen nebst wenig überzeugender Auflösung, noch das, was in einzelnen Episoden passiert, ist geeignet, Star Trek-Feeling aufkommen zu lassen.

Mit der Rahmenhandlung, die die zehn Episoden zusammenhalten soll, habe ich vor allem zwei Probleme: Einerseits wirkt sie uninspiriert und aufgesetzt – fast ist es, als hätte man sich unglaublich schwer getan, überhaupt eine solche Geschichte zu finden, aber es musste halt sein, weil man das eben so macht. Dabei ist man andererseits direkt einem folgenschweren Irrtum erlegen, indem man meinte, es würde sozusagen automatisch Komplexität und Tiefgang bringen, möglichst viele Trek-Themen (Zeitreise-Paradoxon, die Borg, Q, Picards Kindheit (!) und vermeintlichen Fan-Service) zusammenzuschmeißen. Das Ergebnis: Sogar ich als ausgewiesener Trekkie hatte große Probleme, den einzelnen Storylines folgen zu können. Das sollte man aber nicht mit Tiefgang verwechseln, denn dafür hätte es eine stimmigere Auflösung der Handlungsfäden gebraucht. Die erfolgt aber nicht oder nur holprig und ist voller Logikprobleme, was in einem Universum, das u. a. auch von (pseudo-)wissenschaftlichen Erklärungen lebt, fatal ist. An dieser Stelle muss man hoffen, dass einige offene Fragen (z. B. wie es denn nun mit der Borg-Königin weitergehen soll, ohne den eigenen Kanon zu gefährden) in der dritten und letzten Staffel beantwortet werden. Ob ich das noch miterleben werde, nachdem mich bereits die ersten 20 Folgen der Serie so enttäuscht haben? Ja, davon gehe ich, unverbesserlich wie ich bin, aus.

Mindestens ebenso schwer wie die hanebüchene Rahmenhandlung lasten die fehlende Spannung und das schwache Drehbuch der Einzelepisoden auf „Picard“. Klar, es gibt gewisse Qualitätsunterschiede in Hinblick auf die Folgen (eindeutiger Tiefpunkt: Folge 9, „Hide and Seek“), bedauerlicherweise ist das Gesamtniveau als solches jedoch erschreckend niedrig. Einerseits hat das damit zu tun, dass die Showrunner offenbar Spannung mit Action verwechselt oder gleich gesetzt haben: „Picard“ greift immer wieder auf Schläger- und Schießerein zurück, etwas, das es in „Star Trek“ zwar auch in der Vergangenheit schon häufiger gab, das hier jedoch erstmals den Eindruck erweckt, durchgehend (!) reiner Selbstzweck zu sein. Und das hat meiner Ansicht nach nicht mehr viel mit der ursprünglichen „Star Trek“-Vision zu tun. Oder, um es anders zu sagen: Die Action hat sich in früheren Serien und Filmen meist einem anderen Zweck untergeordnet, in „Picard“ fehlt dieser interne Unterbau bzw. wirkt er lieblos hingeschludert. Ein Beispiel ist die genannte Folge „Hide & Seek“: Der Borg-Königin ist es gelungen, eine Anzahl an Menschen zu assimilieren, die als Drohnen freilich wenig Sinn für Friedensverhandlungen haben. Nun wurde – wie immer, wenn es um Zeitreisen geht – in den Folgen zuvor mehrmals deutlich gemacht, dass jede noch so kleine Einmischung zu einer Katastrophe führen kann, was die Zeitlinie betrifft. In „Hide & Seek“ sind diese Bedenken plötzlich vom Tisch, unsere Superheld:innen schnetzeln sich durch die Cyborgs als gäbe es kein Morgen (was übrigens auch die einst so gefürchteten Borg ziemlich blöd aussehen lässt). Ob einer der dabei Getöteten vielleicht eine wichtige Rolle für die Zukunft der Erde hätte spielen können, interessiert nicht, es wird noch nicht einmal der Versuch unternommen, die Situation ohne Blutvergießen zu lösen. Und das soll noch „Star Trek“ sein? C’mon…

Guinan (!) und Wesley (!!).

Ein Punkt, den ich ganz am Rande noch erwähnen möchte, weil er angesichts der geschilderten Probleme keine große Rolle mehr spielt: Das Fan-Service von „Picard“ empfand ich als ziemlich dümmlich. Guinan (gespielt von Whoopi Goldberg bzw. in der 2024-er Variante von Ito Aghayere) erschien mir schon in „The Next Generation“ wie ein Fremdkörper, entsprechend kann man sich meine Begeisterung über dieses Wiedersehen vorstellen, das – unabhängig vom Charakter – auch überhaupt nicht in den bisherigen Kanon passt. Nicht mal ansatzweise.

Zum Glück deutlich weniger Screentime (es ist nur ein Kurzauftritt) gibt es für Wil Wheaton. Ja, richtig gelesen, man entblödet sich nicht, Wesley Crusher aus dem Nichts (in das er in „The Next Generation“ verschwand) auftauchen und zum Glück auch wieder verschwinden zu lassen. Ich sage es ganz ehrlich: Dieses Gastspiel hat mich laut und höhnisch auflachen lassen. Viel Gespür scheinen die Verantwortlichen eindeutig nicht für das Franchise zu haben – oder haben sie wirklich gedacht, ausgerechnet diese Figur würde für unbändige Freude bei alten Fans sorgen?

Bevor ich in weitere Tiraden verfalle, möchte ich aber auch noch einen positiven Gastauftritt erwähnen: Kirk Thatcher. Wer das ist? Nun, im Film „Star Trek IV: Zurück in die Gegenwart“ (1986) sitzt ein Punk in einem Bus und hört ohrenbetäubende Musik, was zu einer legendären Szene führt. Diese wurde für „Picard“ erneut aufgegriffen – und zwar ausnahmsweise mit so viel Liebe zum Detail und mit so viel Fingerspitzengefühl, dass ich es kaum glauben konnte. Es geht also doch.

Fazit: Muss man sich nicht antun.

Viel mehr möchte ich jetzt nicht mehr schreiben – ich glaube, es ist auch so klar geworden, dass ich „Picard“ für eine ziemliche Katastrophe halte. Am schlimmsten finde ich persönlich das völlige Fehlen des Gefühls, hier etwas Großes erlebt zu haben. Oder auch nur etwas in sich Stimmiges und für die weitere Entwicklung des „Star Trek“-Universum Relevantes.

Gerade letzteres hinterlässt mich in gewisser Hinsicht eher traurig als wütend: Ich sehe nicht, wie mich „Star Trek“ weiterhin begeistern soll, wenn „Picard“ und – in geringerem Ausmaß – „Discovery“ ein Blick in die Zukunft des Franchise sind. Die zum Zeitpunkt dieser Rezension jüngste Serie, „Strange New Worlds“, habe ich übrigens noch nicht gesehen – davon hört man aber nur Gutes, sodass ich wider besseres Wissen doch wieder sehr angefixt bin. Mit der Qualität von „Picard“ hat das alles aber nichts zu tun – da sehe ich mir dann tatsächlich lieber „Lower Decks“ oder sogar „The Orville“ an, die zwar ausgewiesene Comedy-Serien sind, es aber mit ursprünglichem „Star Trek“-Flair tatsächlich wesentlich besser schaffen, mich bei der Stange zu halten.

Gesamteindruck: 2/7


Originaltitel: Star Trek: Picard
Idee:
Akiva Goldsman, Terry Matalas u. a.
Land: USA
Jahr: 2022
Episoden: 10 á ca. 45 Minuten
Gesehen auf: Amazon Prime
Haupt-Besetzung (Auswahl): Patrick Stewart, Alison Pill, Michelle Hurd, Santiago Cabrera, Orla Brady



SpielWelt: Star Wolves


Etwas mehr als 40 Stunden habe ich mit „Star Wolves“ verbracht. Solche Angaben sind ja eine merkwürdige Sache, weil sie oft genug von der Zeit abweichen, die man sich gefühlt mit einem Spiel beschäftigt hat. Beispielsweise frage ich mich, wo die über 350 Stunden geblieben sind, die ich mit „Fallout: New Vegas“ verbracht habe, während es andere Fälle gibt, in denen sich 10 Stunden wie 100 angefühlt haben. Im Falle von „Star Wolves“ ist es hingegen noch einmal anders: Ich habe umgerechnet ziemlich genau eine Arbeitswoche für einen Durchgang gebraucht – und genau so hat es sich auch angefühlt. Ist das nun ein gutes oder ein schlechtes Zeichen? Wir werden sehen…

Gesamteindruck: 3/7


Wölfe im Weltraum.

Freilich kann das Erlebnis „Star Wolves“ nicht ganz katastrophal gewesen sein, sonst hätte ich a) nicht so lange durchgehalten bzw. sogar durchgespielt und hätten sich b) die Stunden bis dahin deutlich stärker in die Länge gezogen, als ich es in Erinnerung habe. Umgekehrt will ich aber auch nicht verhehlen, dass die Zeit nicht gerade wie im Fluge vergangen ist. Letzteres spricht klar dagegen, dass wir es hier mit einem hoch spannenden oder gar epischen Spiel zu tun haben. Die Wahrheit wird demnach – auch wenn das nach einem Klischee klingt – wie so oft in der Mitte liegen.

Darum geht’s:
In ferner Zukunft hat sich die Menschheit in Form eines interstellaren Imperiums ins Weltall ausgebreitet. Dieses mächtige Reich gerät in Gefahr, als es auf eine außerirdische Rasse trifft, die den Terranern in Sachen Aggressivität kaum nachsteht. Sich gegen die Aliens zu verteidigen ist allerdings schwierig, denn das Imperium weit von einem geeinten Kaiserreich entfernt. Mächtige Gesellschaften haben großen Einfluss und schätzen es gar nicht, wenn sie beim Erwirtschaften ihrer Profite gestört werden. In diesem Spannungsfeld operiert die Söldnergruppe „Star Wolves“, die sich von Jenen anheuern lässt, die am besten bezahlen…

Kurz zu den Eckdaten: „Star Wolves“ kam 2005 in die europäischen Regale und stammt vom russischen Entwickler X-bow Software. Diese Firma gibt es längst nicht mehr und sie hat – abgesehen von vorliegendem Spiel und dessen Nachfolger „Star Wolves 2“ (2006) – praktisch keine Veröffentlichungen vorzuweisen. Es gibt mit „Star Wolves 3: Civil War“ (2009) übrigens einen weiteren Teil der Serie, der wurde allerdings von einem anderen Studio programmiert. Im Endeffekt dürfte aber ohnehin die gesamte Reihe bei weiten Teilen der Spieler:innenschaft in Vergessenheit geraten sein. Verwunderlich ist das meines Erachtens nicht, zu durchschnittlich ist das Erlebnis in praktisch allen Belangen.

Genremix.

„Star Wolves“ ist ein an sich durchaus interessanter Mix aus (pausierbarer) Echtzeit-Taktik mit kleineren Rollenspiel-Elementen und einem rudimentären Wirtschaftsteil: Man übernimmt das Kommando über die Einheit „Star Wolves“, die aus einem schwer bewaffneten und gepanzerten Mutterschiff (mit dem sinnigen Namen „Star Wolf“) besteht. Selbst tritt man dabei neben dem Posten als Kommandant als Pilot eines kleinen Jägers in Erscheinung, der von eben jenem Schiff aus startet, um feindliche Einheiten zu bekämpfen. Unterstützung erhält man von bis zu fünf Söldner:innen, deren individuelle Fähigkeiten im Laufe der Kampagne Rollenspiel-typisch mittels gewonnener Erfahrungspunkte ausgebaut werden.

Die Kämpfe laufen in Echtzeit ab und finden immer im Weltraum statt; auf das Geschehen blickt man mittels frei dreh- und schwenkbarer Außenkamera, eine Cockpit-Perspektive gibt es nicht. Im Gefecht kann jederzeit pausiert werden, was auch bitter notwendig ist, weil man jeden Jäger sowie das Mutterschiff steuert bzw. steuern kann (eine Zusammenfassung in Schwadronen ist glücklicherweise auch möglich). Die Steuerung erfolgt indirekt, heißt, man weist seinen Schiffen eine Aufgabe (z. B. den Angriff auf einen bestimmten Gegner) zu, diese wird dann so lange automatisch ausgeführt, bis man einen neuen Job vergibt oder das Ziel zerstört ist.

Auf diese Weise arbeitet man sich durch einen in der Regel vorgegebenen Baum an Missionen, bei denen es sich meist um klassische Suchen & Zerstören-Aufgaben handelt, gelegentlich aufgelockert durch Eskort-Aufträge o. ä. Immerhin ändern sich ab und an die Ziele während einer Mission, was zumindest etwas Abwechslung in das Geschehen bringt. Dazwischen gilt es, die Fähigkeiten seiner „Star Wolves“ zu verbessern und, auf wirtschaftlicher Ebene, für den Nachschub an Waffen und Jägern zu sorgen. Dazu verwendet man Geld, das man entweder als Sold für erfüllte Missionen oder durch den Verkauf von auf dem Schlachtfeld gesammelter Beute erhält.

All das klingt spannend und komplex? Ist es auch – aber leider nur bis zu einem gewissen Grad; richtigen Tiefgang oder einen hohen Wiederspielwert darf man sich von „Star Wolves“ nicht erwarten. Und leider machen auch eine Reihe von Designentscheidungen das Spiel trotz guter Ansätze zu einem zwiespältigen Vergnügen.

Nicht zu Ende gedacht.

Beginnen wir mit der Technik: „Star Wolves“ hat mit einer bestenfalls gewöhnungsbedürftigen Steuerung zu kämpfen. Die eigenen Schiffe mittels Mausklick in einer pseudo 3D-Umgebung (die Höhe spielt – im Gegensatz zu Breite und Tiefe – praktisch keine Rolle) zu bewegen, ist eine Qual: So gut wie nie fliegen die Raumer dorthin, wo man sie haben möchte. Erträglich wird das Ganze nur, wenn man einen Wegpunkt, ein feindliches Schiff oder sonst ein definiertes Ziel automatisiert ansteuern lässt – denn dann übernimmt der Computer die Wegfindung. Aber auch ohne diesen Aspekt wirkt das Interface von „Star Wolves“ reichlich hausbacken, umständlich und wenig intuitiv, was meines Erachtens nur zum Teil mit dem Alter des Titels zu erklären ist. Vor allem am Marktplatz fällt das auf: Herauszufinden, ob das gewünschte Waffensystem nun besser oder schlechter als die bereits installierte Variante ist, ist nur eines von vielen Beispielen an mangelhaftem UI-Design.

Wer sich mit solchen Dingen arrangieren kann, bekommt ein Spiel, das meines Erachtens an kaum einer Stelle zu Ende gedacht ist. Einige Beispiele: Das Spielprinzip mit den unterschiedlichen Persönlichkeiten, die man in den Kampf schickt, erinnert entfernt an die „Jagged Alliance“-Reihe von Sir-Tech. Das klingt im ersten Moment gut, schnell stellt sich aber heraus, dass die „Star Wolves“-Söldner:innen wenig interessant geschrieben sind bzw. man gar keine richtige Beziehung zu ihnen aufbaut, weil sie nur über rudimentäre Persönlichkeiten verfügen. Das Spiels geht auch nicht soweit, dass man sich z. B. aus einem Pool an Pilot:innen mit unterschiedlichen Fähigkeiten (und Gehaltsvorstellungen) bedienen kann; die Zusammensetzung des Teams wird vom Spielverlauf automatisch vorgegeben, Platz für Kreativität gibt es keinen, sieht man von der Möglichkeit ab, gewisse Fähigkeiten auszubauen.

Ein anderer Punkt, der den Spielspaß deutlich reduziert, sind die immer ähnlich ablaufenden Missionen. Zwar hat sich X-bow bemüht, eine Handlung zu stricken, die mitunter überraschende Wendungen nimmt; das ändert aber nichts an der Spielmechanik, die stets darauf hinausläuft, eine Übermacht an Feinden zu bezwingen. In Hinblick auf die Geschichte, die „Star Wolves“ erzählt, ist es übrigens kein Zufall, dass ich das Wort „bemüht“ …ähem… bemühen muss: Die Handlung ist nicht das Gelbe vom Ei; im Endeffekt bin ich nicht so richtig mitgekommen, worum es überhaupt geht. Was aber noch schlimmer ist: Es war mir eigentlich völlig egal, ich wollte nur meine Missionen fliegen, um mächtigere Pilot:innen zu bekommen, die die folgenden Aufgaben noch leichter bewältigen sollten. Dazu passt auch, dass der Wiederspielwert gegen Null tendiert; das nicht nur wegen des immer ähnlichen Ablaufs der Missionen, sondern auch weil deren Reihenfolge fast immer fix vorgegeben ist (auch hier sei auf „Jagged Alliance“ verwiesen, das die Entscheidung, welcher Sektor als nächstes erobert werden soll, völlig der Person vor dem Bildschirm überlasst).

Ein dritter Faktor, der mich massiv gestört hat (auch wenn er vergleichsweise vernachlässigbar sein mag): Ich kann mich ad hoc an kein Spiel erinnern, das über eine dermaßen schwache Vertonung verfügt wie „Star Wolves“. Ich weiß nun nicht, ob das mit der Übertragung aus dem Russischen zu tun hat; Fakt ist jedoch, dass die Sprecher:innen nicht professionell klingen, weder in Hinblick auf die Stimmen an sich, noch was die schauderhafte Betonung betrifft. Eine Kleinigkeit? Mag sein, allerdings wird damit einiges an Atmosphäre zunichte gemacht, auch wenn glücklicherweise nicht allzu viel gesprochen wird. Ironie des Schicksals: Speziell die eigene Repräsentanz im Spiel ist stimmlich nicht ansatzweise zur Identifikation geeignet, im Gegenteil, man klingt – mit Verlaub – wie ein absoluter Vollidiot.

Trotz aller Mängel keine völlige Katastrophe.

Wieso das Spiel trotz seiner Schwächen Spaß bringt, ist schnell erklärt: Die grundlegende Mechanik, die die eigenen Held:innen nach und nach immer mächtiger werden lässt sowie das ständige Einsammeln von Beute, die wiederum ordentlich Geld in die Kassen spült, funktioniert. Und auch, wenn man dann seine liebevoll gehegten Pilot:innen in ihren nach eigenem Gutdünken ausgerüsteten Maschinen in die Schlacht schickt, kommt zunächst Freude auf. Ein Teil davon ist im Übrigen dem Tüfteln an der richtigen Taktik geschuldet, mit der die zahlenmäßig überlegenen Gegnerscharen in die Schranken zu weisen sind. Zusammengenommen sorgt das für ein überraschend befriedigendes Spielgefühl (zumindest für das einmalige Durchspielen), wobei man durchaus sagen könnte, dass das auch als ungute Reminiszenz an gewisse casual games am Handy lesbar ist.

Viele Spiele mit einem so wilden Mix wie ihn „Star Wolves“ bietet, habe ich jedenfalls noch nicht gespielt – Setting, Mechaniken und Idee haben mich am ehesten an „EVE Online“ (2003) erinnert. Dabei ist gerade dieser Vergleich problematisch, weil man innerhalb von Sekunden merkt, wie einfach das russische Spiel in Wirklichkeit gestrickt ist. Vielleicht ist auch genau das das Problem: Wer, wie ich, den Online-Dauerbrenner von CCP Games zuerst gespielt hat, kann an „Star Wolves“ eigentlich keine überbordende Freude mehr empfinden; es ist im Prinzip genau das gleiche Spiel, allerdings mit weniger von allem.

Umgekehrt wird sogar ein Schuh daraus: Ja, „EVE Online“ erschlägt (nicht nur) anfangs mit seiner Komplexität; „Star Wolves“ ist dagegen viel zu einfach gestrickt. Ein Mittelding aus diesen beiden wäre genau das Richtige für mich. Ich bin gespannt, wann ich auf meiner Reise durch die Welt der Computerspiele auf eines solches Teil stoßen werde. Im Zweifelsfall bin ich aber tatsächlich eher der Komplexität zugeneigt – wer das anders sieht, kann zur Gesamtwertung noch ein Pünktchen addieren.

Gesamteindruck: 3/7


Genre: Echtzeit-Taktik
Entwickler:
X-bow Software
Publisher: 1C Company
Jahr:
2005 (EU)
Gespielt auf: PC


Screenshots aus „Star Wolves“ – Copyright beim Entwickler!