MusikWelt: Threshold

HammerFall


Nur ein Jahr nach„Chapter V: Unbent, Unbowed, Unbroken“ (2005) veröffentlichten HammerFall mit „Threshold“ ihr 6. Album. Wie zu erwarten, ist der stilistische Unterschied bei zwei so schnell nacheinander unters Volk gebrachten Longplayern marginal – was bei den Schweden aber ohnehin nichts Neues ist. Und doch schwächelt „Threshold“ an allen Ecken und Enden und ist sogar seinem mediokren Vorgänger noch unterlegen.

Gesamteindruck: 1/7


Die Luft ist raus.

Objektiv kann man eigentlich nicht sagen, dass HammerFall hier wesentlich anders zu Werke gehen als man es von ihnen kennt und, je nach Façon, liebt oder hasst: Hochmelodisch, mal im Midtempo, mal flotter, technisch blitzsauber gespielt – fast alle Attribute sind da. Es gibt sogar Verbesserungen zu vermelden: Der Gesang von Joacim Cans, oft als kraftlos und abwechslungsarm kritisiert, tönt so variabel wie selten zuvor aus den Boxen. Und auch die Produktion von Charlie Bauerfeind ist top, klingt viel knackiger als auf dem laschen „Chapter V“ und auch besser als auf den auf Hochglanz polierten Platten davor. Dass gleichzeitig den Riffs mehr Raum gegeben wurde, ist dem Mix zu verdanken, der ebenfalls zum guten Gesamtbild in Sachen Akustik beiträgt.

„Threshold“ schwächelt – mehr noch als „Chapter V“ – ganz massiv beim Songwriting. Doch während jenes Album mit einem lupenreinen Hit („Blood Bound“) und zwei passablen Nummern („The Templar Flame“, „Take the Black“) zumindest einigermaßen Schadensbegrenzung betreiben konnte, tue ich mir bei „Threshold“ schon schwer, überhaupt einen Anspieltipp zu nennen. Die Songs fließen auch diversen Durchgängen ineinander, Wiedererkennungswert ist so gut wie keiner vorhanden. Oder kann sich irgendjemand erinnern, wie z.B. „Natural High“ klingt? Ich jedenfalls nicht – und das gilt für praktisch jeden Track auf dem Album. Gut, von zweien könnte ich zumindest die Namen nennen: „Threshold“ (weil sich ja meist ein Titeltrack auf HammerFall-Alben findet) und „Howlin‘ with the ‚Pac“ wegen seiner dezent bescheuerten Schreibweise. Der Rest fällt unter „ferner liefen…“.

Desaströses Gesamtbild.

Ich möchte jetzt auch gar nicht zu viele Worte über die einzelnen Songs auf „Threshold“ verlieren. Ihnen allen ist aus meiner Sicht gemein, dass ihnen diese spezielle HammerFall-Atmosphäre fehlt. Wie soll man das bezeichnen? Ich denke, es ist ein gewisser Helden-Pathos, eine Art heroisches Gefühl, das die alten Hymnen ausgezeichnet hat; die Lust, einfach die Faust in die Luft zu recken und mitzugröhlen. Denn HammerFall hatten bei aller Schlichtheit ihrer Musik (und trotz ihrer Fantasy-Texte, die man mögen kann oder auch nicht) immer ein sicheres Händchen für Singalongs, die die Stimmung heben. Dabei ist es merkwürdig: „Threshold“ ist auf keinen Fall anstrengend oder schwer hörbar, speziell die Refrains sind einmal mehr melodisch und leicht zu konsumieren. Aber sie wollen sich einfach nicht so im Ohr festsetzen, wie das auf älteren Alben des einstigen Flaggschiffs des melodischen Power Metal der Fall war. Und: HammerFall-Alben musste man ohnehin nie konzentriert hören, um sie sich zu erschließen – das ging immer wie von selbst, egal, was man nebenbei gemacht hat. Bei „Threshold“ haut das überhaupt nicht hin, was jetzt nicht das Problem wäre, wenn man sich die Platte wenigstens mit Geduld erarbeiten könnte. Aber auch das klappt nicht – ich habe beide Hör-Varianten probiert und doch ist mir nicht viel im Gedächtnis geblieben, außer das Gefühl, dass hier irrsinnig viel Potenzial da gewesen wäre, das nicht genutzt werden konnte.

Dabei möchte ich es jetzt auch belassen, vielleicht noch anmerken, dass es hier und da eine gute oder sogar sehr gute Idee gibt (z.B. der schöne Rhythmus von „Carved in Stone“), die aber entweder direkt zunichte gemacht wird (z.B. der Refrain von „Carved in Stone“) oder nicht zu Ende gedacht ist. Letztlich ist es leider so, dass das Gros der vorliegenden Songs (die sich im Aufbau zu allem Überfluss ab der Halbzeit auch noch zu wiederholen beginnen) nicht mal eine dieser Ideen hat, sondern einfach am Hörer vorbeirauscht. Nein, nicht „rauscht“, dafür ist das Material letztlich viel zu lahm und lässt jeden Schwung alter HammerFall-Herrlichkeit vermissen. Das ist stellenweise mehr Rock als Metal, muss man leider sagen. Folgerichtig war „Threshold“ damals das letzte Album der Templer aus Göteborg, das ich mir tatsächlich angehört habe – später habe ich das nur mehr mit einzelnen Songs getan. Die Luft war ganz einfach raus.

Ich habe lange überlegt, welche Wertung angebracht ist – 1 oder 2 Punkte? Für die 2 Punkte spräche, dass es immerhin nicht weh tut, diese Platte zu hören. Und auch die technische Leistung aller Beteiligten weiß ich durchaus zu schätzen. Andererseits: Darf man bei einer Band wie HammerFall nicht erwarten, dass die Produktion stimmt und die Herrschaften ihre Instrumente beherrschen? Abgesehen davon nutzt das alles so oder so nichts, wenn das Album insgesamt keinen einzigen (!) Song bietet, an den man sich 2 Minuten nach dem Hören noch erinnert. Und heute, 2019, kann ich guten Gewissens konstatieren: Ich habe „Threshold“ in den 13 Jahren, die zwischen seinem Erscheinen und dem Verfassen dieser Zeilen liegen, kein einziges Mal aufgelegt (für das Schreiben der Rezension natürlich schon). Vermisst habe ich nichts und ich weiß, dass das Album jetzt wieder im Regal verschwinden und dort verstauben wird. Von daher: Keine Chance auf eine bessere Wertung.


Track – Titel – Länge – Wertung

metal-archives.com

  1. Threshold – 4:43 – 3/7
  2. The Fire Burns Forever – 3:20 – 3/7
  3. Rebel Inside – 5:32 – 3/7
  4. Natural High – 4:13 – 2/7
  5. Dark Wings, Dark Words – 5:01 – 3/7
  6. Howlin‘ with the ‚Pac – 4:04 – 2/7
  7. Shadow Empire – 5:13 – 2/7
  8. Carved in Stone – 6:10 – 3/7
  9. Reign of the Hammer – 2:48 – 3/7
  10. Genocide – 4:41 – 2/7
  11. Titan – 4:24 – 2/7

Gesamteindruck: 1/7 


HammerFall auf “Threshold” (2006):

  • Joacim Cans – Vocals
  • Oscar Dronjak – Rhythm Guitar, Keyboard, Backing Vocals
  • Stefan Elmgren – Lead Guitar, Keyboard, Backing Vocals
  • Magnus Rosén – Bass
  • Anders Johannson – Drums

Anspieltipp: Threshold

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MusikWelt: Chapter V: Unbent, Unbowed, Unbroken

HammerFall


Das 4. Album von HammerFall, „Crimson Thunder“ (2002), wurde vielerorts kritisiert, weil sich die Schweden einmal mehr auf ihre bewährte Formel verließen, die ihnen geradezu unfassbaren kommerziellen Erfolg beschert hatte. Musikalische Weiterentwicklung, so die Kritiker, fand höchstens in Nuancen statt, was man dem Quintett aus Göteborg meiner Ansicht nach jedoch nicht verdenken kann (ich selbst fand „Crimson Thunder“ übrigens sehr gut). Dann erschien 2005 der Nachfolger „Chapter V: Unbent, Unbowed, Unbroken“, eine Platte, der man das Bemühen, es den Nörglern zu zeigen, deutlich anhörte. Leider gelang das nur bedingt. Noch schlimmer ist in der Retrospektive aber, dass dieses Album am Anfang den Niedergangs einer der wichtigsten Bands der Jahrtausendwende einleitete.

Gesamteindruck: 3/7


Ein erstes Anzeichen von Schwäche.

HammerFall waren schon immer dann am besten, wenn sie möglichst einfach und leicht konsumierbar sind. Und wenn sie aufspielen, als gäbe es kein Morgen. Seit dem legendären Debüt „Glory to the Brave“ (1997) sind es die grandiosen, unwiderstehlichen Ohrwürmer, die diese Band auszeichnen. Den stärksten und erfolgreichsten Songs der Schweden ist vor allem eines gemeinsam: Ein epischer, alles überstrahlender Refrain, getragen von einer hymnenhaften Melodie. Fehlt ein solcher, ist der Rest meist nicht der Rede wert. Der Grad, auf dem das funktioniert, ist sehr schmal, konnte von der Band bis zu „Chapter V: Unbent, Unbowed, Unbroken“ aber mit fast schon traumwandlerischer Sicherheit gemeistert werden.

Auf vorliegendem Longplayer kann man – im Gegensatz zu einigen späteren Releases – den Unterschied zwischen Mega-Hit und Rohrkrepierer sogar sehr deutlich sehen bzw. hören. Die Referenz, das einzige Stück auf dem Album, das voll und ganz alten HammerFall-Spirit atmet, ist Track 2, „Blood Bound“. Bei dieser Nummer passt alles zu- und ineinander und ist so, wie man es als Fan hören möchte: Einfaches aber wirkungsvolles Riffing, ein starker Refrain, ein schönes Solo, die richtige Länge, guter Gesang; kurz: ein unterhaltsames und energetisches Stück Musik. Hätte so auch auf jedem der vorhergehenden Alben eine tolle Figur gemacht und ist neben der (guten) Ballade „Never, Ever“ der einzige Song auf „Chapter V“, an den ich mich auch nach Jahren des Nichthörens der Platte erinnern konnte.

„Blood Bound“ und der Rest.

Demgegenüber steht zunächst die Eröffnungsnummer „Secrets“. Dieser Song soll vermutlich einen komplexeren Kompositionsansatz repräsentieren, zeigt mit seiner Zerfahrenheit aber gnadenlos die Schwächen der Göteborger in Sachen Songwriting auf. Dabei geht es ganz gut los: Das Intro passt, die Strophe geht in Ordnung. Aber was passiert dann? Der Refrain wird unpassend mit Doublebass-Geballer unterlegt, was noch in Ordnung wäre, wenn der Song nicht immer wieder so merkwürdig unterbrochen würde. Das nimmt dem Stück jegliche Energie und verhindert das Zustandekommen eines „Flows“, der die relativ lange Gesamtdauer von über 6 Minuten anhält. All das ist zwar keine Vollkatastrophe, aber so richtig Lust auf das Album macht die Nummer halt auch nicht. Übrigens habe ich das Gefühl, Helloween hätten sich bei ihrer 2015er-Single „Battle’s Won“ ein bisschen an „Secrets“ orientiert, aber das nur am Rande.

Das zweite Beispiel für einen misslungenen Versuch, facettenreicher zu werden, ist das finale „Knights of the 21st Century“. Dieser Track, mithin der erste Versuch von HammerFall, auf der Langstrecke zu punkten, ist in meinen Ohren praktisch ein Totalausfall. Und das trotz des Gastauftrittes eines gewissen Cronos (Venom). Zunächst dauert es gut und gerne 3 Minuten, bis der Song wirklich losgeht – viel zu lang, um den Zuhörer, der von HammerFall ganz andere Kost gewohnt ist, bei der Stange zu halten. Der Einstieg bietet dann nettes Riffing, allerdings im verschleppten Midtempo, was auch nicht dazu beiträgt, den geneigten Fan aufzuwecken. Ich verstehe sogar, was die Schweden wollten – extrem episch sollte es werden, wie auch an den Chören zu erkennen ist. Nur haut das leider hinten und vorne nicht hin, weil das Songwriting einfach viel zu zäh ist. Flott wird es erst bei 7 Minuten – zu spät für mich (auch wenn der Galopp-Rhythmus dann sehr gut umgesetzt ist). Übrigens ist die Überlänge ohnehin Makulatur: Nicht nur, dass es spät richtig losgeht, eigentlich ist auch nach 10 Minuten „schon“ Schluss. Bei ca. 12:05 erfolgt zwar nochmal ein von Cronos rausgewürgtes „Oaaaargh! Hell fucking yeah!“, dazwischen herrscht aber gähnende Leere. 7 Minuten dauert „Knights of the 21st Century“ also ungefähr. Sorry Leute, das ist mal so gar nix – ich werde diesen Song sicher nicht noch einmal freiwillig hören. Und damit hätten wir den Bogen vom Anfang zum Ende von „Chapter V“ gespannt. Dazwischen liegen die erwähnten „Blood Bound“ und „Never, Ever“, das übrigens nach einer stark verbesserten Version von „Always Will Be“ klingt.

Jetzt noch ein paar Worte zu den übrigen 6 Songs: Am besten machen es die Göteborger mit „The Templar Flame“, das einen starken Einschlag von „A Touch of Evil“ (Judas Priest auf „Painkiller“, 1991) aufweist. Hier funktioniert es tatsächlich, etwas Abwechslung in die übliche HammerFall-Chose zu bringen. Daumen hoch dafür! Dann gibt es noch „Take the Black“, das zumindest ein wenig nach alten Großtaten klingt. Schade, dass der Refrain, der am Ende einmal zu oft wiederholt wird, nicht etwas zwingender ist. Die restlichen Nummern sind Kategorie „geht so“ oder „einmal gehört, gleich wieder vergessen“. Störend sind für mich vor allem Gesang und Songaufbau von „Fury of the Wild“, das sehr deutlich zeigt, dass HammerFall eben nicht Judas Priest sind. Gefällt mir überhaupt nicht, wie der eigentlich von mir geschätzte Joacim Cans hier versucht, seine Stimme in Rob Halford-Höhen zu schrauben. Und was soll der Refrain mit der Stimmüberlagerung und der Unterbrechung? Ich verstehe nicht, wem so etwas gefallen soll… Ansonsten sei noch erwähnt, dass beim wiederholten Hören von „Chapter V“ vorwiegend hängen bleibt, dass sage und schreibe 4 von 10 Songs („Blood Bound“, „Hammer of Justice“, „Born to Rule“ und „The Templar Flame“) gefühlt mit dem selben Riff beginnen. Das ist dann aber schon ein bisschen zu viel des Guten, oder, Herr Dronjak? Davon abgesehen gibt es zu den weiteren Songs nicht viel zu sagen – hier ein gutes Solo, dort ein passabler Mitsing-Part – viel mehr ist es einfach nicht.

Talentierte Musiker, schwaches Songwriting.

Damit ist es amtlich: „Chapter V: Unbent, Unbowed, Unbroken“ war zum Zeitpunkt seines Erscheinens das mit Abstand schwächste Album von HammerFall. Daran gibt es leider nichts zu beschönigen – auch nicht, wenn man daran denkt, dass die Releases der Tempelritter aus Göteborg in den folgenden Jahren nicht wesentlich besser werden sollten. Ich möchte aber auch nicht unerwähnt lassen, dass das nicht an den technischen Fähigkeiten der Musiker liegt. Joacim Cans hat das Singen nicht verlernt, die Gitarristen spielen blitzsauber und scheinen technisch sehr beschlagen zu sein. Überhaupt haben HammerFall tatsächlich fast immer sehr gute Gitarrensolos zu bieten, was im krassen Gegensatz zum simplen Riffing steht. Bass und Schlagzeug sind wie üblich von der einfachsten Sorte, was mich aber nicht so sehr stört. Das Problem ist, dass die Schweden aus diesen Komponenten so wenig machen, wie noch nie zuvor in ihrer Karriere. Da hilft auch die gute Produktion (wie üblich sogar etwas zu gut!) nichts – das Songwriting ist schlicht und einfach öde. Vielleicht liegt es auch am weitgehend fehlenden Tempo? Ich kann es wirklich nicht genau sagen, Fakt ist, dass das gewisse Etwas einfach abgeht. Leider.


Track – Titel – Länge – Wertung

metal-archives.com

  1. Secrets – 6:06 – 3/7
  2. Blood Bound – 3:49 – 6/7
  3. Fury of the Wild – 4:44 – 2/7
  4. Hammer of Justice – 4:38 – 4/7
  5. Never, Ever – 4:06 – 5/7
  6. Born to Rule – 4:08 – 3/7
  7. The Templar Flame – 3:41 – 6/7
  8. Imperial – 2:30 – 4/7
  9. Take the Black – 4:47 – 5/7
  10. Knights of the 21st Century – 12:19 – 1/7

Gesamteindruck: 3/7 


HammerFall auf “Chapter V: Unbent, Unbowed, Unbroken” (2005):

  • Joacim Cans – Vocals
  • Oscar Dronjak – Rhythm, Lead & Acoustic Guitars, Keyboard, Backing Vocals
  • Stefan Elmgren – Lead, Rhythm & Acoustic Guitars
  • Magnus Rosén – Bass
  • Anders Johannson – Drums

Anspieltipp: Blood Bound

MusikWelt: Crimson Thunder

HammerFall


Man kann es ruhig vorweg nehmen: „Crimson Thunder“ (2002) erfindet das Rad natürlich nicht neu. Muss auch nicht sein – aber sogar im von HammerFall gewählten, eng gesteckten Rahmen ist das Album erstaunlich vorhersehbar. Für viele Power Metaller mag das Grund genug sein, die Platte zu verdammen – ich selbst sehe das weniger kritisch, denn die Hits, die man von den Schweden erwartet, sind da. Und das nicht besser oder schlechter als auf den Alben davor.

Gesamteindruck: 6/7


Mehr vom Gleichen.

Wenn man „Crimson Thunder“ auflegt und die ersten Takte des schnellen Openers „Riders of the Storm“ hört, fühlt man sich a) sofort heimisch und b) ein bisschen erleichtert, wenn man an den Vorgänger „Renegade“ (2000) zurückdenkt. Denn dort waren die (guten) Gitarrenriffs produktionstechnisch ein wenig in den Hintergrund gerückt worden, was man als Metal-Fan nicht goutieren kann. So oder so: „Riders of the Storm“ ist definitiv eine großartige Eröffnung im Stile des Titeltracks von „Legacy of Kings“; das Verhältnis zwischen Riffs, Melodie und einem großen Refrain passt einfach perfekt. Mindestens ebenso großartig sind die schnellen „On the Edge of Honour“ und „Trailblazers“ (mein persönliches Highlight auf der Platte) sowie „Hero’s Return“. Viel besser kann man es eigentlich nicht machen. Klar ist das alles ein wenig (ha ha…) cheesy, voll auf Eingängigkeit getrimmt und kommt ohne Ecken und Kanten daher – aber manchmal braucht man das einfach. Und HammerFall zeigen sich hier tatsächlich einmal mehr als Meister im Schreiben von hochmelodiösen Ohrwürmern, die man mitunter tagelang nicht mehr los wird.

Diesen vier wirklich großartigen Songs stehen zwei weitere kaum nach: Das Accept-lastige „The Unforgiving Blade“ und die Pflicht-Ballade „Dreams Come True“, die nach dem schwächeren „Always Will Be“ vom Vorgänger-Album wieder ein gutklassiger Vertreter ihrer Zunft ist. Interessanterweise gefallen mir diesmal auch beide Cover-Versionen, die auf dem Album vertreten sind recht gut (wobei man die Frage stellen kann, ob es wirklich hätten zwei sein müssen). „Rising Force“ von Meister Malmsteen passt für HammerFall natürlich wie die Faust aufs Auge, während ich von „Angel of Mercy“ von Chastain das Original gar nicht kannte. Die Version von HammerFall finde ich jedenfalls gut, auch, weil dieser Song einigermaßen düster und damit untypisch für die Schweden klingt.

Nur kleine Unsicherheiten.

Ein paar schwächere Momente sehe ich dann aber doch auch auf „Crimson Thunder“. Da wäre zum einen das vollkommen verzichtbare Instrumental „Lore of the Arcane“, das wie eine (schlechte) Keyboard-Übung klingt. Ein zweites Instrumental, „In Memoriam“, macht es besser, kommt mir letztlich aber fast wie eine Nummer vor, zu der den Schweden einfach kein Text eingefallen ist. Und dann gibt es noch zwei „richtige“ Songs, bei denen ich mir auch nicht ganz sicher bin: Der Titeltrack bringt zwar Abwechslung, weil er im epischen Midtempo angesiedelt ist, man fragt sich aber, wozu dieses Stück gut ist, wenn es „Templars of Steel“ bereits zwei Jahre vor „Crimson Thunder“ gab. Denn hier sind die Ähnlichkeiten dann so offensichtlich, dass ich nicht ganz darüber hinweg sehen mag. Dabei ginge der Song an sich ja durchaus in Ordnung, aber dieses Selbstplagiat ist mir dann doch eine Schippe zu viel.

Die zweite Unsicherheit ist für mich persönlich ausgerechnet der größte Hit, den HammerFall jemals produziert haben: „Hearts on Fire“. Ist das nun gut oder kann das weg? Viel anders als der Rest der schnellen, eingängigen Nummern ist der Song ja nicht. Er ist allerdings noch viel spürbarer auf Radiotauglichkeit getrimmt als jede andere Nummer im Backkatalog der Schweden. Noch dazu ist der Text hier auch noch einmal eine Spur platter (ja, das ist möglich, man reime einfach „Fire“ und „Desire“). Und – auch nicht wegzudiskutieren – „Hearts on Fire“ wurde bereits 2002 unglaublich oft gespielt. Heute, 17 Jahre später, ist die Nummer endgültig totgenudelt, finde ich. Wie beim Titeltrack gilt auch hier: Ein Totalausfall ist der Song nicht, aber sozusagen ein Opfer der Umstände.

Nicht leicht einzuordnen.

Bei den Überlegungen zur Gesamtwertung von „Crimson Thunder“ war ich ein wenig zwiegespalten. Ja, die einzelnen Songs sind gut, aber die Höchstnote wollte ich dann doch nicht zücken. Denn eines ist auch klar: HammerFall gehen mit diesem Album so sehr auf Nummer sicher, verlassen sich so sehr auf ausgetretene Pfade, dass es fast schon unverschämt ist. Leider (oder zum Glück) sind einzelne Nummern derartige Ohrwürmer, dass man den Schweden für ihre Faulheit nicht einmal richtig böse sein kann.


Track – Titel – Länge – Wertung

metal-archives.com

  1. Riders of the Storm – 4:34 – 7/7
  2. Hearts on Fire – 3:51 – 4/7
  3. On the Edge of Honour – 4:50 – 7/7
  4. Crimson Thunder – 5:05 – 4/7
  5. Lore of the Arcane – 1:27 – 2/7
  6. Trailblazers – 4:39 – 7/7
  7. Dreams Come True – 4:03 – 6/7
  8. Angel of Mercy [Chastain-Cover] – 5:38 – 6/7
  9. The Unforgiving Blade – 3:40 – 6/7
  10. In Memoriam – 4:22 – 5/7
  11. Hero’s Return – 5:23 – 7/7
  12. Rising Force [Yngwie J. Malmsteen-Cover] – 4:31 – 5/7

Gesamteindruck: 6/7 


HammerFall auf “Crimson Thunder” (2002):

  • Joacim Cans – Vocals
  • Oscar Dronjak – Guitar, Keyboard, Backing Vocals
  • Stefan Elmgren – Guitar, Keyboard, Backing Vocals
  • Magnus Rosén – Bass
  • Anders Johannson – Drums

Anspieltipp: Trailblazers

MusikWelt: Renegade

HammerFall


HammerFall aus Schweden sind so gut in ihre Karriere gestartet, wie man es selten erlebt. Gleich dem Debüt „Glory to the Brave“ (1997) wurde bescheinigt, den wahren Metal in einer Zeit der Orientierungslosigkeit gerettet zu haben. Eine Nummer kleiner ging es wohl nicht… Umso schöner, dass das Werk tatsächlich gut war. Entsprechend hoch lag die Latte für den Zweitling „Legacy of Kings“ (1998), mit dem die Truppe ihre Leistung nicht nur bestätigen, sondern sogar nochmals übertreffen konnte. Dass auch Album Nummer 3, „Renegade“ (2000), reüssieren kann, ist ob der Qualität der Vorgänger nicht selbstverständlich – und doch schaffen es die Templer, das hohe Niveau zu halten.

Gesamteindruck: 7/7


Schwedische Hit-Fabrik.

Vorweg: Ja, diese Art von Musik ist immer cheesy. Sie ist einfach, sie tut nicht weh und es gibt kaum so etwas wie musikalische Tiefe. Das ist umgekehrt aber auch genau das, was man hören will, wenn man HammerFall & Co. auflegt. Und ja, die Schweden agieren mehr oder weniger formelhaft und Überraschungen sind Mangelware. Macht aber nichts, solange die Qualität stimmt und es schlicht und einfach Spaß macht, ein Album zu hören. Ein bisschen was von „guilty pleasure“ haben derartige Bands zwar immer, aber auch das kann mal ganz schön sein.

Nun aber zu „Renegade“, das im Gegensatz zu seinen Vorgängern nicht mit einer Highspeed-Nummer beginnt. „Templars of Steel“ ist im hymnischen Midtempo á lá „At the End oft he Rainbow“ auf „Legacy of Kings“ angesiedelt und verfügt über einen schönen, epischen Refrain. Ein sehr guter Track, aber irgendwie merkwürdig als Opener – ich hätte mir an dieser Stelle schon etwas Flotteres gewünscht. Sei’s drum, das folgende „Keep the Flame Burning“ erinnert mit seiner Kombination aus Bridge und Refrain an Helloween und zieht das Tempo an. Anhand dieses Songs kann man auch erkennen, auf welch schmalem HammerFall häufig wandern: Die Schweden leben vorwiegend von starken Refrains. Fehlt ein solcher, ist der Song mehr oder weniger für die Tonne. „Keep the Flame Burning“ ist für mein Gefühl hart an der Grenze, bleibt aber gerade noch im diesseitigen Bereich – man hat jedoch ständig das merkwürdige Gefühl, dass nicht viel gefehlt hätte und der Song wäre ein Rohrkrepierer geworden. Ja, ich weiß, „hätte, wäre…“. Ist zum Glück anders gekommen, ich wollte es aber einmal angemerkt haben – auch, weil ich weiß, dass diese Grenzerfahrung auf vielen späteren Alben von HammerFall katastrophal in die andere Richtung umschlagen sollte, wenn man sich nicht scheinbar mühelos einen zwingenden Chorus aus dem Handgelenk schütteln kann.

In Richtung Helloween schielt neben „Keep the Flame Burning“ auch „Living in Victory“, das deutlich von der deren Spätphase (mit Andi Deris am Mikro) inspiriert ist. Gefällt mir weit besser als vieles, das die Hamburger Veteranen um das Jahr 2000 herum zustande gebracht haben. Zwischen diesen beiden Nummern steht der Titeltrack, ein flotter Rocker, den man bedenkenlos auf Dauerrotation hören kann. Erwähnenswert auch, dass HammerFall hier thematisch mal Richtung Wilder Westen schielen (ähnlich wie es ihre lyrischen Vorbilder Manowar bereits 1996 mit „Outlaw“ auf „Louder Than Hell“ getan haben). Gut sind auch „The Way of the Warrior“, „Destined for Glory“ und „A Legend Reborn“ – alle drei Nummern leiden aber hinten hinaus ein wenig an gefühlt ewigen Wiederholungen des Refrains. Hier wird auch deutlich, was Kritiker der Band mit „generisch“ meinen: Keine dieser Nummern strotzt vor Kreativität, im Gegenteil, die Schweden nutzen hier die von ihnen gefundene Hit-Formel voll und ganz aus. Mir gefällt das, ich kann aber auch verstehen, wenn es dem einen oder anderen zu poppig wird.

Kaum ein Haar in der Suppe.

Was gibt es sonst noch? Der wohl schnellste Song auf „Renegade“, „The Champion“, bei dem mir der Refrain trotz seiner Eingängigkeit nicht ganz so gut gefällt und ein verzichtbares Instrumental („Raise the Hammer“). Und natürlich „Always Will Be“. Ich gebe es zu: Ich stehe (gelegentlich) auf Heavy Metal-Balladen. Und auch HammerFall haben diesbezüglich ein oder zwei Nummern in petto, die das Prädikat „empfehlenswert“ verdienen, wenn man mit einem gewissen Kitsch-Faktor leben kann. Auf „Renegade“ hört der unvermeidliche Ohrenschmeichler eben auf den Namen „Always Will Be“ und ist gar nicht übel für uns Metal-Romantiker. Zumindest bis man zum Ende hin den ohnehin recht süßlichen Text auch noch mit „Nah-nah-ha…“-Geträller kombiniert. Sorry, das ist dann eindeutig zu viel des Guten.

Misst man HammerFall an der Hit-Dichte – und das ist glaube ich durchaus legitim – ist „Renegade“ ein ähnlich großartiges Album wie sein Vorgänger. Die Spielfreude ist da, die Singalongs sind da und musikalisch ist das alles ohnehin blitzsauber. Einziges Haar in der Suppe (neben den genannten etwas schwächeren Songs): Eine gewisse Formelhaftigkeit und – für mich schwerwiegender – der Mix, der die Gitarren trotz extrem glatter Produktion zu sehr in den Hintergrund stellt. Die Riffs wären da, allerdings hört man sie oft nicht. Schade, aber auch kein Beinbruch. Daher auch die Höchstwertung für „Renegade“.

metal-archives.com


Track – Titel – Länge – Wertung

  1. Templars of Steel – 5:24 – 7/7
  2. Keep the Flame Burning – 4:40 – 6/7
  3. Renegade – 4:21 – 7/7
  4. Living in Victory – 5:40 – 7/7
  5. Always Will Be – 4:49 – 4/7
  6. The Way of the Warrior – 4:07 – 6/7
  7. Destined for Glory – 5:10 – 6/7
  8. The Champion – 4:57 – 5/7
  9. Raise the Hammer – 3:22 – 3/7
  10. A Legend Reborn – 5:11 – 6/7

Gesamteindruck: 7/7 


HammerFall auf “Renegade” (2000):

  • Joacim Cans – Vocals
  • Oscar Dronjak – Guitar, Backing Vocals
  • Stefan Elmgren – Guitar, Backing Vocals
  • Magnus Rosén – Bass
  • Anders Johannson – Drums

Anspieltipp: Renegade

MusikWelt: Viktoria

Marduk


„Viktoria“ (2018) ist nach „Panzer Division Marduk“ (1998) und „Frontschwein“ (2015) das dritte Marduk-Werk zum Thema Krieg. Während sein 1998er-Vorgänger wie ständiges Sperrfeuer aus allen Rohren klang, unterlegt von scheppernden Panzerketten, hat man für das 2015er-Album eher das Gefühl der Hoffnungslosigkeit des Infanteristen im Trommelfeuer vertont. Auf „Viktoria“ regiert hingegen der Blitzkrieg, was sich nicht nur an der extrem kurzen Spielzeit von knapp 33 Minuten festmachen lässt. 

Gesamteindruck: 4/7


Solider Blitzkrieg.

Man sieht es bereits am Cover, das verdächtig nach dem Konterfei eines Wehrmachtssoldaten aussieht und in den Farben schwarz, weiß, rot gehalten ist: Marduk machen mit „Viktoria“ nahtlos weiter, wo sie drei Jahre zuvor mit „Frontschwein“ aufgehört haben. Krieg, Provokation und nochmal Krieg dominieren zum zweiten Mal in Folge eine Platte der Norrköpinger. Eine Kopie seines direkten Vorgängers ist das 2018er-Album jedoch nicht. Ich muss allerdings konstatieren, dass „Viktoria“ nach mehreren sehr starken Releases davor eine kleine Ernüchterung ist. Ja, alles, was Marduk hier auffahren ist solide, ist geprägt von der alten Schule und klingt so, wie man es sich von den Schweden erwartet. Aber so richtig will der Funke nicht überspringen. Ein bisschen kommt es einem vor, als ob man hier Songs aus den „Frontschwein“-Sessions hören würde, die es nicht auf jenes Album geschafft haben. Das klingt hart, Fakt ist aber, dass mir kaum ein Track von „Viktoria“ so richtig und nachhaltig im Gedächtnis geblieben ist.

Am ehesten ist das noch beim Opener „Werwolf“ der Fall. Hier besingen die um keine Provokation verlegenen Schweden (auch das ist eine Leistung nach so vielen Jahrzehnten im Geschäft) die NS-Freischärler-Organisation gleichen Namens, die in der Endphase des 2. Weltkrieges hinter den feindlichen Linien operieren sollte. Thematisch ist das nun nicht sonderlich überraschend, wohl aber musikalisch: Der Song zeichnet sich durch eine ungewohnt punkige, relativ leichtfüßige Attitüde aus. Das allein hebt ihn stark vom übrigen Material auf „Viktoria“ ab; überhaupt gibt es in der Diskografie von Marduk wenig Ähnliches zu hören. So richtig überzeugend ist die Nummer leider trotzdem nicht – sie geht zwar gut ins Ohr, lässt aber beide Grundpfeiler des Marduk’schen Schaffens (Brutalität und/oder Atmosphäre) vermissen.

Nicht schlecht, aber…

Zumindest drei Tracks ragen aus dem dicht gepackten Material auf „Viktoria“ hervor: „Narva“, das im zweiten Drittel mit einer grandiosen Gitarrenmelodie ausgestattet ist. Dann der Titeltrack, der schnell und langsam kombiniert und bei dem der Bass sehr prominent zum Einsatz kommt. Meine Lieblingsnummer auf dem Album ist allerdings „The Last Fallen“, das ich als schlau komponiertes und auf Dramatik bedachtes Stück Black Metal empfinde.

Der Rest des Albums ist routiniert, schnörkellos und ohne große Aha-Erlebnisse dargebracht. Es gibt wie üblich schnelleres und langsameres Liedgut zu hören. In die erste Kategorie fallen „June 44“, das entfernt an den Sodom-Gassenhauer „Sodomy and Lust“ erinnernde „Equestrian Bloodlust“ und „The Devil’s Song“, allesamt Black Metal aus dem Lehrbuch, inklusive Blastbeats, flirrendem Riffing, räudigen Vocals und einer generell sehr angriffslustigen Stimmung. Ich könnte jetzt auch nicht so richtig festmachen, warum diese Songs schlechter sein sollen, als ähnliche Nummern aus dem Backkatalog von Marduk. Und doch klingen die Tracks irgendwie verkrampft, wollen nicht richtig zünden und krallen sich nicht recht im Gehörgang fest. Die eine oder andere Idee darin zwar schon, als Ganzes bleibt aber kaum etwas hängen.

Im Gegensatz zu vielen anderen Marduk-Veröffentlichungen schwächeln auf „Viktoria“ leider auch die langsameren Nummern. Zwei sind es an der Zahl: „Tiger I“, das sich entsprechend seinem Titel aus den Boxen walzt. Gar nicht schlecht, aber irgendwie hat man in diesem doomigen Bereich schon viel bessere Songs von den routinierten Schweden gehört. Vom Rausschmeißer „Silent Night“ ist bei mir hingegen auch nach zig Durchgängen nicht viel hängengeblieben. Gerade in Verbindung mit dem davor platzierten, ebenfalls schwachen „The Devil’s Song“, hinterlässt das am Ende einen ziemlich schalen Nachgeschmack, der sich – wenn man nicht aufpasst – auf das gesamte Album zu übertragen droht. Und das würde „Viktoria“ nun auch nicht gerecht werden.

Fazit: „Viktoria“ ist bei weitem kein schlechtes Album. Allerdings habe ich das Gefühl, dass Marduk ein bisschen müde und angestrengt klingen. Ganz generell bestärkt mich „Viktoria“ jedenfalls in der Ansicht, dass den Schweden die morbide, düstere Atmosphäre viel besser zu Gesicht steht, die ihre Platten umgibt, die nicht den Krieg zum Thema haben.


Track – Titel – Länge – Wertung

metal-archives.com

  1. Werwolf – 2:02 – 4/7
  2. June 44 – 3:49 – 5/7
  3. Equestrian Bloodlust – 2:51 – 5/7
  4. Tiger I – 4:12 – 6/7
  5. Narva – 4:31 – 5/7
  6. The Last Fallen – 4:25 – 6/7
  7. Viktoria – 3:06 – 6/7
  8. The Devil’s Song – 3:46 – 3/7
  9. Silent Night – 4:12 – 2/7

Gesamteindruck: 4/7 


Marduk auf “Viktoria” (2018):

  • D. „Mortuus“ Rostén – Vocals
  • M. Håkansson – Guitar
  • M. „Devo“ Andersson – Bass
  • F. Widigs – Drums

Anspieltipp: The Last Fallen

MusikWelt: Legacy of Kings

HammerFall


Das zweite Album der schwedischen Power Metal-Institution HammerFall ist meiner Ansicht nach dem Debüt „Glory to the Brave“ (1997) nicht nur ebenbürtig, sondern überlegen. Der Grund ist relativ einfach: „Glory to the Brave“ hatte drei ganz große Nummern am Start, die das Album geprägt haben. Der Rest war zwar nicht übel, mit „The Dragon Lies Bleeding“, „HammerFall“ und „Glory to the Brave“ konnte aber kein weiterer Track ansatzweise mithalten. Im Gegensatz dazu bietet „Legacy of Kings“ das ausgereiftere, wesentlich konstantere Songwriting und ist damit auf Albumlänge klar stärker. Und die Hits sind natürlich auch vorhanden.

Gesamteindruck: 7/7


Grandioses Zweitwerk.

Nur ein Jahr nach „Glory to the Brave“ wollten HammerFall es richtig wissen und zeigen, dass der große Erfolg, der nach bis heute gültiger Lehre den wahren Metal wieder auf die Überholspur gebracht hat, kein Zufall war. Ob die Schweden tatsächlich die Retter der Szene waren kann man in Frage stellen (meine Meinung dazu steht in meiner Rezension zu „Glory to the Brave“) – unabhängig davon halte ich „Legacy of Kings“ jedenfalls für ein großartiges Album, das den ohnehin schon starken Vorgänger in den Schatten stellt. Die Nachhaltigkeit dieses Werks zeigt sich auch darin, dass ich es heute noch regelmäßig höre, obwohl sich mein Musikgeschmack seit 1998 mehrfach und zum Teil radikal geändert hat.

Bereits der eröffnende Doppelschlag „Heeding The Call“ und „Legacy Of Kings“ macht keine Gefangenen und setzt genau das musikalisch um, worauf man sich bereits beim Betrachten des Albumcovers eingestellt hat: Hochmelodiöser, druckvoll und klar dargebotener Heavy Metal mit pathetischen Texten, die keinerlei ernstzunehmende Aussage beinhalten; nicht, dass es jemand, der diese Art von Musik mag, anders haben will. Garniert ist alles mit fetten Chören und vielen Mitsing-Teilen. Auf dieses saustarke Eröffnungsduo folgt als dritter Song das nur unwesentlich schwächere „Let The Hammer Fall“: Ähnlich eingängig wie die Lieder davor und wiederum mit Mitsing-Part und grandiosem Gitarrensolo ausgestattet haben wir es hier mit der zweiten Band-Hymne nach „HammerFall“ (auf „Glory to the Brave“) zu tun. Ebenfalls stark ist das Helloween-lastige „Dreamland“ mit seinem Kinderlied-Refrain, der sofort ins Ohr geht und dort auch hängenbleibt.

Dass HammerFall nicht nur Vollgas können, haben sie mit dem Titelstück von „Glory to the Brave“ bewiesen (eine Nummer, die übrigens bis heute der wohl am besten komponierte Song der Schweden überhaupt ist). Auf „Legacy of Kings“ gibt es drei langsamere Stücke, die allesamt zu begeistern wissen. Da wäre zunächst das großartige „At the End of the Rainbow“, das im Midtempo angesiedelt ist. Dieser Track zeigt deutlich, dass die einfachsten Ideen oft die besten sind – eine coole Basslinie, stoische Drums, ein paar schöne Riffs und ein Text, der zum Mitsingen einlädt – was will man mehr? „Remember Yesterday“ ist hingegen eine Halbballade, die ebenfalls sehr angenehm zu hören, eventuell aber um eine Minute zu lang ausgefallen ist. Und dann gibt es zum Abschluss des Album noch die reinrassige Ballade „The Fallen One“. Klavierbegleitung inklusive, kommt das Lied erstaunlich gut und gar nicht so klebrig aus den Boxen, wie man annehmen könnte. Dürfte auch jene überzeugen, die, wie ich, solchen Stücken sonst eher kritisch gegenüber stehen. Aus meiner Sicht ist das sogar die bis heute beste Ballade von HammerFall.

Zweite Albumhälfte lässt etwas nach.

Gibt es also gar nichts an „Legacy of Kings“ auszusetzen? Naja, fast nichts. Die Tracks 7 bis 9 sind tatsächlich etwas schwächer als der Rest des Albums. „Back to Back“ geht als Cover (Pretty Maids) in Ordnung, vor allem das Wahnsinns-Solo kann sich hören lassen – was aber kein Verdienst von HammerFall ist. Ob auf einem Album mit 10 Songs zwingend ein Cover stehen muss, ist ohnehin eine andere Frage – umgekehrt stört es aber auch nicht, zumal „Back to Back“ ein besserer Vertreter seiner Zunft ist. „Stronger Than All“ schielt hingegen eher nach Hamburg, die leider etwas kraftlosen Helden-Chöre sorgen aber dafür, dass es keine Verwechslung mit den Kürbisköpfen gibt. Kein schlechter Song, aber auch kein Highlight in der Diskografie. Einziger „echter“ musikalischer Kritikpunkt an „Legacy of Kings“ ist in meinen Ohren aber „Warriors Of Faith“. Eine mittelprächtige Highspeed-Nummer ist, die man so oder so ähnlich schon oft gehört hat (auch von anderen Bands) und der einfach das gewisse Etwas fehlt. HammerFall leben im Wesentlichen von zwingenden Refrains – und einen solchen hat dieser Song nicht, was ihn wenig durchdacht – oder wahlweise als Füller, um eine angemessene Spielzeit zu erreichen – wirken lässt. Trotz sehr gutem Riffing, wohlgemerkt.

Das ist allerdings Kritik auf hohem Niveau, sodass ich dennoch die Höchstwertung zücke. Denn unter den 10 Tracks auf „Legacy of Kings“ befinden sich vier Volltreffer und drei Songs, die ihnen kaum nachstehen. Bleiben drei, die zwar nicht ganz so stark, aber weit von einem Totalausfall entfernt sind. Viel besser kann man es insgesamt eigentlich kaum machen.


Track – Titel – Länge – Wertung

metal-archives.com

  1. Heeding the Call – 4:30 – 7/7
  2. Legacy of Kings – 4:13 – 7/7
  3. Let the Hammer Fall – 4:14 – 6/7
  4. Dreamland – 5:40 – 6/7
  5. Remember Yesterday – 5:05 – 6/7
  6. At the End of the Rainbow – 4:04 – 7/7
  7. Back to Back [Pretty Maids-Cover] – 3:37 – 5/7
  8. Stronger Than All – 4:27 – 5/7
  9. Warriors of Faith – 4:43 – 4/7
  10. The Fallen One – 4:23 – 7/7

Gesamteindruck: 7/7 


HammerFall auf “Legacy of Kings” (1998):

  • Joacim Cans – Vocals
  • Oscar Dronjak – Guitar, Backing Vocals
  • Stefan Elmgren – Guitar
  • Magnus Rosén – Bass
  • Patrick Räfling – Drums

Anspieltipp: Legacy of Kings

FilmWelt: Lords of Chaos

Anfang der 1990er, also vor rund 30 Jahren, hat eine Gruppe junger Männer Norwegen in Angst und Schrecken versetzt. Satanismus, Brandstiftung und sogar Mord – die Rebellion, die unter dem Banner des Black Metal nicht nur die Musikwelt erzittern lassen sollte, schreckte vor keinem Extrem zurück. Drei Figuren waren prägend für jene Zeit: Øystein „Euronymus“ Aarseth, Per „Dead“ Ohlin und Kristian „Varg“ Vikernes. „Lords of Chaos“ (2019), entstanden unter der Regie des Schweden Jonas Åkerlund, erzählt ihre Geschichte.

Gesamteindruck: 5/7


Eine skandinavische Tragödie.

„Lords of Chaos“ ist die Verfilmung des gleichnamigen Sachbuches von 1998. In jenem Werk arbeiteten die Autoren Michael Moynihan und Didrik Søderlind jene Ereignisse auf, die zur Etablierung eines neuen musikalischen Genres führten, das so extrem war, wie nichts davor oder danach. Dennoch wäre der norwegische Black Metal wohl nie über versiffte Kellerräume in Oslo oder Bergen hinausgekommen – wären da nicht seine brutalen und blutigen Begleiterscheinungen gewesen. Denn es sollte nicht lange dauern, bis die dunkle Ideologie in höchst reale Taten umschlug, die bis heute ihresgleichen suchen.

Inhalt in Kurzfassung
Oslo, Mitte der 1980er Jahre: Der junge Gitarrist Øystein „Euronymus“ Aarseth gründet mit Freunden die Band Mayhem und „erfindet“ dabei gleich ein neues musikalisches Genre: True Norwegian Black Metal, eine extreme Form des Heavy Metal, ausgelegt auf düstere Atmosphäre, größtmögliche Aggression und Auflehnung gegen sämtliche musiktheoretische – und auch gesellschaftlich-religiöse – Konventionen. Zunächst lärmt man noch unter Ausschluss der Öffentlichkeit vor sich hin. Eine Art Durchbruch gelingt erst, als sich der schwedische Sänger Per Yngve Ohlin, besser bekannt unter seinem Pseudonym Dead, dazu gesellt. Dessen späteren Selbstmord nutzt Euronymus für Promotion-Zwecke – ein Tabubruch, dem viele weitere folgen sollen. Als schließlich der Bergener Kristian „Varg“ Vikernes, seines Zeichens einziges Mitglied von Burzum, in das Leben von Euronymus tritt, geraten die Dinge vollständig außer Kontrolle.

Bevor sich der geneigte Black Metal-Fan – oder jeder andere, an der Thematik interessierte Zuseher – „Lords of Chaos“ ansieht, sollte er sich über folgendes bewusst sein: Der Film ist im Gegensatz zum Buch, auf dem er basiert, keine Dokumentation. Wohl ist er eine filmische Biographie, vor allem über Euronymus, er ist und bleibt aber ein Spielfilm. Heißt: Schauspieler verkörpern die Protagonisten, es gibt keinerlei weiterführende Erklärungen und reale Persönlichkeiten kommen nicht zu Wort. Entsprechend gibt es im Film Szenen zu sehen, für die es in Wirklichkeit keine Augenzeugen gab und von denen man nur mutmaßen kann, ob sie sich tatsächlich so zugetragen haben. Das ist aus meiner Sicht kein grundsätzliches Problem, sorgt aber dafür, dass man den Film nicht ganz so ernst nehmen sollte, wie man vielleicht gehofft hatte.

Grundsätzlich ist die Konstellation, die zum Aufstieg und Fall der ersten Black Metal-Band der 2. Generation, Mayhem, geführt hat, sehr komplex. Verständlich also, dass sich der Regisseur (seines Zeichens Anfang der 1980er als ehemaliger Drummer von Bathory übrigens Mitglied der 1. Black Metal-Generation) für „Lords of Chaos“ auf einen Gesichtspunkt konzentrieren wollte. Als Hauptprotagonisten hat Jonas Åkerlund daher Euronymus (überraschend gut gespielt von Rory „Ich bin der Bruder von Macauly“ Culkin) herausgegriffen, den er vor allem als musikalischen Impulsgeber der Szene betrachtet. Diese Simplifizierung finde ich durchaus in Ordnung – dass „Lords of Chaos“ ein umfassender und jeden Teilaspekt betrachtender Film wird, hätte ich ohnehin nicht erwartet. Abgesehen davon ist die Konzentration auf Mayhem und Burzum bei nahezu vollständiger Ausblendung anderer Protagonisten ein Vorwurf, den sich bereits das Buch gefallen lassen musste.

Allgemein ist der Blick, den Jonas Åkerlund auf dieses Stück Musikgeschichte wirft, ist unterhaltsamer, als man erwarten könnte. Vorwiegend liegt das wohl daran, dass der Regisseur keine Identifikationsfiguren bieten wollte. Euronymus ist zwar nicht ganz unsympathisch, neigt aber sehr stark zu Opportunismus, was nun keine erstrebenswerte Eigenschaft ist. Liest man ältere Aussagen von ehemaligen Weggefährten, scheint diese Charakterisierung durchaus zutreffend zu sein. Varg wird vom für mein Gefühl etwas zu stattlichen Emory Cohen hingegen als jemand dargestellt, der sogar in diesem Kreis aus Außenseitern zunächst wenig Akzeptanz findet. Ihm, der als einziger der drei Hauptprotagonisten jene Zeit überlebt hat und der weder damals noch heute als angenehmer Zeitgenosse gelten dürfte, schreibt der Regisseur eine leicht tollpatschiges, naives Verhalten zu, das sich später immer mehr ins Radikale verkehrt. Sein musikalisches Genie, mit dem man sich eventuell identifizieren könnte, ist lediglich eine Randbemerkung, sodass wir es bei ihm nicht einmal mit einem kauzigen Anti-Helden, sondern einfach mit einem fehlgeleiteten, nicht gerade hellen Typen zu tun haben. All das sorgt für den einen oder anderen Lacher, bei dem man sich als Kenner der Geschichte zwar irgendwie unwohl fühlt, der einige Szenen aber eben auch nicht ganz so verbissen macht, wie sie die Protagonisten damals wohl erlebt haben.

Trve Norwegian Black Metal – Achtung, Spoiler!

Der Film deckt – so jedenfalls meine Wahrnehmung – einen Zeitraum von ungefähr 1986 bis 1993 ab. Grob kann er in vier Teile gegliedert werden. Der erste Part stellt stark verknappt die Hauptfigur Euronymus und seine Motivation vor. Aufgegriffen wird die „Erfindung“ des Black Metal-Riffs und die ersten rebellischen Gehversuche einer Bande von Außenseitern, die freilich noch vergleichsweise harmlos und kaum von der Punk-Bewegung unterscheidbar ausfallen. All das funktioniert sehr gut und jeder, der in seiner Jugend gerne gefeiert und ab und an nicht ganz brav war, wird sich im einen oder anderen Moment wiederfinden.

Im 2. Teil lernen wir mit Dead (dargestellt von Jack Kilmer) den Protagonisten kennen, der jene geisterhafte, düstere Atmosphäre in den Black Metal bringt, die wir bis heute kennen – und auch der Film nimmt damit eine Wendung in Richtung Wahnsinn und wird zunehmend blutig. Das allgemeine Verhalten des schwedischen Sängers, seine Obsession für den Tod – sowohl auf als auch abseits der Bühne – und sein Selbstmord (1991, er wurde nur 22 Jahre alt) sind für den Zuseher schwer zu ertragen, zumal kaum Details ausgespart werden. Das ist der intensivste Teil von „Lords of Chaos“, der für mein Gefühl voller Respekt vor einem jungen Mann ist, der dringend Hilfe gebraucht hätte. Ob seinen Freunden das in diesem Ausmaß bekannt war, bleibt offen, ihre Aussagen lassen aber darauf schließen, dass sie Dead mehr als nur ein bisschen seltsam fanden. Der blutige Selbstmord stellt gleichzeitig eine Zäsur dar – an dieser Stelle wenden sich die ersten Freunde von Euronymus ab, der den Tod seines Freundes direkt nutzt, um Aufmerksamkeit für Mayhem zu generieren. Kurzer Exkurs: In Wirklichkeit dürfte all das sogar noch über den im Film gezeigten Ausstieg von Bassist Jørn „Necrobutcher“ Stubberud hinausgegangen sein und auch andere Leute aus der Szene verurteilten Euronymus für sein Verhalten gegenüber Dead – sowohl vor als auch noch dessen Selbstmord.

Auftritt Varg – Achtung, Spoiler!

Der 3. Abschnitt des Films zeigt, wie die finstere Ideologie des Black Metal – ausgehend von Euronymus‘ berüchtigtem Plattenladen „Helvete“ – in Taten gipfelte, an die man sich tatsächlich bis heute erinnert und die jene Jahre nach wie vor wie einen Mythos erscheinen lassen, der sich selbst am Leben erhält. Kristian „Varg“ Vikernes tritt hier in das Leben von Euronymus – zunächst noch musikalisch über sein Ein-Mann-Projekt Burzum, das im Film aber eine Randnotiz bleibt. Der Bergener, vorerst noch skeptisch betrachtet, holt sich bei Euronymus Inspiration, belässt es aber nicht dabei. Als die erste Stabkirche (Fantoft im Juni 1992) brennt, ist er im „Inneren Zirkel“ angekommen und freundet sich immer mehr mit dem Mayhem-Gitarristen an. An dieser Stelle wird der Film ambivalent in seiner Tonalität – fast hat man das Gefühl, der Regisseur hätte nicht recht gewusst, wie er mit Varg (der 2009 aus der Haft entlassen wurde), umgehen sollte. Es ist, als hätte Åkerlund Bedenken gehabt, das Publikum würde sich mit einem verurteilten Verbrecher identifizieren. Ob das damit zu tun hat, dass Varg aus Sicht des Regisseurs für die Kommerzialisierung des Genres verantwortlich war oder ob er ihm insgeheim recht gibt, das aber nicht „zugeben“ möchte, ist mir nicht klar.

Der 4. und letzte Part von „Lords of Chaos“ thematisiert schließlich die wachsenden Spannungen zwischen Varg und Euronymus, die im – vermutlich – bekannten Ende kulminieren. Dieser finale Abschnitt hat die eine oder andere Länge. Das ist auch der Teil der Geschichte, über den ich persönlich am wenigsten informiert bin (vom Finale abgesehen). In „Lords of Chaos“ werden Euronymus zum Schluss hin die Geister, die er rief, zunehmend unheimlich. Ob aus Reue oder weil ihm Varg den Rang als Anführer abzulaufen droht, wird nicht aufgelöst, es entsteht allerdings der Eindruck von letzterem. Ob es wirklich so passiert ist? Ich weiß es nicht.

Ein paar Haare in der Suppe.

Wie man sieht, bietet die Geschichte um Mayhem tatsächlich Stoff für eine griechische Tragödie. Unglaublich eigentlich, dass sich das alles im Großen und Ganzen genauso abgespielt hat. Mit dem Drehbuch, den Darstellern und, Überraschung, auch den meisten Dialogen kann man zufrieden sein. Dass ein bisschen ausgeschmückt wurde, sollte nicht allzu sehr stören (genannt seien hier die Alpträume Euronymus‘ nach dem Tod von Dead – ob er die wirklich hatte, weiß wohl niemand).

Tatsächlich gestört haben mich – auch in Bewusstsein, dass der Film die Geschichte an manchen stellen zurechtbiegt – an „Lords of Chaos“ eigentlich nur zwei Dinge. Einerseits geht er meiner Ansicht nach zu wenig auf die Musik selbst ein. Dadurch entsteht der Eindruck, diese wäre ganz generell nur eine Nebensache gewesen, was meines Erachtens so einfach nicht stimmt. Ja, die Verbrechen im Umfeld waren das relevantere Ereignis und auch die zwischenmenschlichen Beziehungen sind wichtig. Dennoch wäre es schön und für Außenstehende vielleicht sogar essenziell gewesen, ein bisschen mehr Wert auf den Soundtrack zu legen. Wobei zu vernehmen ist, dass diverse Musiker etwas dagegen hatten und deshalb die Rechte fehlten. Schade eigentlich, Black Metal ist zwar tatsächlich mehr als nur Musik, aber eben auch Musik. Abgesehen davon übernimmt der Film einen Punkt, den ich bereits am Buch kritisiert habe: Es geht daraus überhaupt nicht hervor, dass diese Musikrichtung trotz aller Katastrophen, die sich vor 30 Jahren ereignet haben, nach wie vor besteht. Sogar Mayhem sind als Band noch aktiv und haben mit Necrobutcher und Jan Axel „Hellhammer“ Blomberg zwei Zeitzeugen an Bord.

Der zweite Kritikpunkt – und hier gehe ich schon sehr ins Detail – betrifft die Szene, in der Bård „Faust“ Eithun (Drummer bei Emperor, hier gespielt von Valter Skarsgård) einen Homosexuellen in einem Park in Lillehammer ersticht. Abgesehen davon, dass es im Film so aussieht, als würde die gesamte Handlung in wenigen Tagen und vorwiegend in Oslo spielen, wird die filmische Darstellung dieser Tat nicht gerecht. Im Gegenteil, sie lässt den Eindruck entstehen, Faust wäre von seinem Opfer bedrängt und auf unterdrückte sexuelle Tendenzen seinerseits angesprochen worden. In Wirklichkeit – so steht es jedenfalls in „Lords of Chaos“ – wollte Faust (2003 aus der Haft entlassen) einfach „nur“ wissen, wie es wohl wäre, einen Menschen zu ermorden. Diese Umdeutung der Ereignisse kann ich weder nachvollziehen noch gutheißen – war der Mord doch per se schon schlimm genug. Einen Grund dafür zu „erfinden“ halte ich für höchst problematisch. Sollte der Regisseur hierfür andere Quellen bzw. Einblicke gehabt haben, fällt dieser Kritikpunkt selbstverständlich weg.

Fazit: Mir hat der Film tatsächlich gut gefallen, auch wenn ich weiß, dass man nicht alles darin gezeigte für bare Münze nehmen darf. Besonders gelungen: Die Einbindung von Szenen, die zeigen, wie die eine oder andere berühmte Fotografie entstanden ist (bzw. entstanden sein könnte). Das verstärkt das Gefühl von Authentizität (ich weiß, ich weiß…). Aber: Wer „Lords of Chaos“ gelesen oder sich über andere Kanäle über die damaligen Ereignisse informiert hat, wird durch den Film ohnehin wenig neue Einblicke gewinnen. Die Lücken, die der Regisseur lässt bzw. lassen musste, um die gut zwei Stunden dramaturgisch sinnvoll zu gestalten, können von jedem Kenner der Materie aus dem Gedächtnis gefüllt werden – oder sind nicht zu füllen, weil tatsächlich niemand etwas darüber sagen kann. Wer noch nicht Bescheid weiß, erhält hingegen ein verkürztes, dafür aber auch ohne Vorkenntnisse relativ leicht verständliches Bild über den Anfang und das Ende einer in gewissen Kreisen immer noch sehr einflussreichen und extremen Persönlichkeit.

Gesamteindruck: 5/7


Originaltitel: Lords of Chaos
Regie:
Jonas Åkerlund
Jahr: 2018
Land: UK, Schweden
Laufzeit: 118 Minuten
Besetzung (Auswahl): Rory Culkin, Emory Cohen, Jack Kilmer, Sky Ferreira, Valter Skarsgård, Anthony De La Torre, Jonathan Barnwell