FilmWelt: Split

Der unlängst von mir hier auf WeltenDing behandelte Horrorfilm „The Visit“ (2015) war vielen Kritikern zufolge die Rückkehr von Regisseur M. Night Shyalaman (u. a. „The Sixth Sense“, „Unbreakable“) zu alter Stärke. Ganz so großartig fand ich jenen Film zwar nicht, aber er war zumindest solide. Ähnliches würde ich auch dem ein Jahr später erschienen „Split“ attestieren.

Gesamteindruck: 4/7


Wir sind viele.

Wie bei den meisten seiner Filme zeichnet der US-Regisseur mit indischen Wurzeln auch bei „Split“ sowohl für Regie als auch Drehbuch verantwortlich. Der geneigte Kenner Shyalaman’scher Filmkunst weiß also ungefähr, was ihn erwartet: Ein Thriller mit düsterer Grundstimmung, ein paar Horror-Elementen und dem einen oder anderen Twist, der für offene Münder sorgt.

Worum geht’s?
Nach einer Geburtstagsparty werden drei Teenager von einem Mann betäubt und entführt. Sie kommen in einem Kellerraum zu sich und stellen bald fest, dass ihr Entführer unter einer dissoziativen Identitätsstörung leidet: Sie haben es also nicht mit einer, sondern einer ganzen Reihe von Persönlichkeiten zu tun. Was ihnen zunächst Angst einjagt, entpuppt sich schließlich als Chance, zu entkommen – denn nicht alle Identitäten sind ihnen feindlich gesinnt

Wie so oft bei Shyalaman ist „Split“ eine Genre-technisch Achterbahnfahrt: Der Film täuscht zunächst eine Mischung aus Teenie-Slasher und Torture Porn an, geht dann in Richtung Psychodrama, nur um gegen Ende mit übernatürlichen Elementen aufzuwarten, die den bis dahin sehr realistisch wirkenden Aufbau ad absurdum führen. Diesen Balance-Akt meistert der Regisseur recht gut, sodass sich Fans seiner Filme mit Sicherheit gut von ihm bedient fühlt. Ich selbst bin nicht ganz so überzeugt, wobei ich vorausschicken möchte, dass „Split“ alles andere als ein schwaches Werk ist.

Die Idee, die dem Film zugrunde liegt, ist gut – wobei man auch klar sagen muss, dass die dissoziative Identitätsstörung (DIS), an der der Protagonist leidet, auch schon in anderen Werken thematisiert wurde (noch häufiger übrigens die ähnlich gelagerte Schizophrenie). Ein wenig Bauchweh hat man bei solchen Dingen natürlich immer, stellen die entsprechenden Filme doch Menschen, die an derartigen Störungen leiden, gerne mal als Verbrecher dar, was die Realität nicht widerspiegelt. Diese Diskussion könnte man freilich über viele filmisch verarbeitete Themen führen, was ich aber hier und jetzt definitiv nicht tun möchte. Klar erwähnt sei jedenfalls, dass „Split“ vor allem am Ende deutlich macht, dass es ein Werk der Fiktion ist und nur am Rande mit der realen DIS zu tun hat.

Ein starker Darsteller.

Den Großteil seiner Faszination zieht „Split“ meiner Ansicht nach aus der starken Leistung von Hauptdarsteller James McAvoy. Den Schotten kennt ein breites Publikum wohl vor allem als die junge Version des eigentlich von Sir Patrick Stewart gespielten Professor X aus diversen X-Men“-Filmen. McAvoy gelingt es sehr gut, die verschiedenen Persönlichkeiten, die sich seiner Figur bemächtigt haben, zu verkörpern – jede davon, die im Film zu sehen ist, hat ihre eigene, sehr spezielle Note, was neben dem Drehbuch vor allem der Leistung des Schauspielers zu verdanken ist. Im Vergleich dazu bleiben die Nebenrollen leider relativ blass. Am besten gefallen hat mir die Rolle der Therapeutin, die sich von ihrem Patienten so weit einlullen lässt, dass sie jede Vorsicht vergisst (gespielt von der eher selten in Hollywood-Produktionen zu sehende Betty Buckley), der Rest des Ensembles (bzw. der von ihnen gespielten Charaktere) fällt eher unter „ferner liefen“. Vor allem die drei gefangenen Mädels habe ich als reinstes Klischee empfunden (ja, alle drei!).

Dass der Film vor allem von seiner Hauptfigur lebt, bedeutet in diesem Fall leider nichts Gutes für Drehbuch und Handlung. Ganz so schlimm, wie das im ersten Moment klingt, ist es natürlich nicht – ein besseres Prädikat als „solide“ würde ich „Split“ jedoch nicht verpassen wollen. Dabei sehe ich, wie so oft, nicht den einen, großen Fehler, sondern es ist eher die Summe an Kleinigkeiten, die den Gesamteindruck nach unten ziehen. Ein Beispiel sind die Dialoge, die zwischen gut (wenn der Protagonistin von seiner Therapeutin befragt wird oder wenn sein kindliches Ich mit einer seiner Gefangenen verhandelt) und belanglos schwanken. Ähnlich ist es mit dem Drehbuch: Man hat das Gefühl, dass der Regisseur sich nicht entscheiden konnte, welches Tempo er seinem Film verpassen wollte. Die Diskrepanz zwischen ruhigem Aufbau und der unvermittelt schnellen Action im letzten Abschnitt hat mich jedenfalls etwas ratlos zurückgelassen.

Verlässt sich sehr auf den letzten Twist.

Was die Handlung betrifft, kann ich die ganz großen Lobeshymnen ehrlich gesagt nicht nachvollziehen. Ab und an kommt schon Spannung auf, weil man aber relativ früh im Film erfährt, worunter die Hauptfigur leidet, ist zumindest in dieser Hinsicht kein Aufreger dabei. Meist geht es also um die Versuche seiner drei Opfer sich zu befreien – entweder selbst oder indem sie sich seiner Persönlichkeiten bedienen, die ihnen zum Teil gewogen sind. Ersteres ist, mit Verlaub, ziemlich langweiliges Standardprogramm. Die Verhandlungen mit den anderen Identitäten sind hingegen ganz gut gelungen – so richtig befriedigend empfand ich sie aber nicht, hatte eher das Gefühl, dass in dieser Hinsicht deutlich mehr möglich gewesen wäre. Schade eigentlich: Im Allgemeinen hat man bei „Split“ fast durchgehend den Eindruck, dass der Film nicht mit ganzer Konsequenz zu Ende gedacht wird. Alles wirkt so, als hätten gute Ideen etwas mehr Zeit zum Reifen benötigt.

Letzten Endes haben mir zwei Szenen so gut gefallen, dass „Split“ bei mir trotz allem noch eine passable Wertung bekommt: Einmal findet eines der Mädchen eine Aufzeichnung, in der sich verschiedene Persönlichkeiten des Protagonisten zu Wort melden – das ist spannend und zeigt, dass das Potenzial deutlich höher gewesen wäre. Der zweite Wohlfühlfaktor ist natürlich der finale Twist, auf den sich der ganze Film sehr stark zu verlassen scheint. Und ja, es stimmt, der allerletzte Take schlägt wirklich ein wie eine Bombe (zumindest bei denen, die einen bestimmten, älteren Film von M. Night Shyalaman kennen). Zwar meine ich, irgendwo im Hinterkopf eine kleine Stimme gehört zu haben, die mir weismachen wollte, dass bewusste Szene ein wenig aufgesetzt wirkt (als hätte man gewusst, dass der Film ohne sie vielleicht nicht so lang in Erinnerung bleiben würde), aber dieses Stimmchen kann man auch gut ignorieren.

Fazit: Vier Punkte für einen Film, der gut und solide ist, sein Potenzial für mein Gefühl aber zu keinem Zeitpunkt so richtig abrufen kann. Die Fantasy-Elemente im letzten Drittel muss man erst einmal verdauen, aber in Anbetracht des letzten Twists machen sie schon Sinn. Ohne den wären sie hingegen vollkommen fehl am Platze gewesen, was mir als Zuseher übrigens die ganze Zeit im Kopf herumgespukt ist und vielleicht auch minimalen Einfluss auf die Gesamtwertung hat.

Gesamteindruck: 4/7


Originaltitel: Split.
Regie:
M. Night Shyamalan
Drehbuch: M. Night Shyamalan
Jahr: 2016
Land: USA
Laufzeit: ca. 120 Minuten
Besetzung (Auswahl): James McAvoy, Anya Taylor-Joy, Betty Buckley, Haley Lu Richardson, Jessica Sula, Bruce Willis



FilmWelt: Das Werwolfspiel

Manche Rezensenten scheinen mit einer falschen Vorstellung an diesen Film heranzugehen: Das titelgebende Werwolfspiel existiert wirklich – dabei handelt es sich, genau wie im Film dargestellt, um ein Rollen-/Gesellschaftsspiel, in dem Mitspieler identifiziert werden müssen, die die Rolle eines Werwolfs zugelost bekommen haben. Es gibt also keinen Grund, enttäuscht zu sein, wenn in „Das Werwolfspiel“ niemandem bei Vollmond Haare und lange Zähne wachsen.

Gesamteindruck: 2/7


Die Werwölfe vom Wienerwald.

Wenn man noch nie etwas von vorliegendem Streifen gehört hat, ist das nicht verwunderlich. „Das Werwolfspiel“ ist eine Low Budget-Produktion aus Österreich, für Regie und Drehbuch zeichnet Johanna Rieger verantwortlich, die auch eine der Hauptrollen spielt. Dass ich selbst – durchaus mit einer Affinität zu Indie-Kram ausgestattet – überhaupt darauf aufmerksam geworden bin, hat vor allem mit dem eingangs erwähnten Spiel zu tun: Ich bin gelegentlicher Teilnehmer bei einer Online-Variante, habe auf der Suche nach neuen Spielerrunden gegoogelt und irgendwo in den Untiefen der Suchmaschinenergebnisse war vorliegender Film vertreten. Anders hätte ich ihn wohl nie entdeckt – er ist zum Zeitpunkt dieser Rezension im Prime-Abo von Amazon enthalten, dort aber so gut versteckt, dass wohl nicht allzu viele User zufällig darüber stolpern dürften.

Worum geht’s?
In einem abgelegenen Haus im Wald treffen sich einige ehemalige Schulkameraden erstmals nach vielen Jahren wieder. Geplant ist eine Partie des Rollenspiels „Die Werwölfe von Düsterwald“. Schon nach wenigen Minuten reißen alte Gräben wieder auf – und Realität und Spiel beginnen sich zusehends zu vermischen…

Wer „Das Werwolfspiel“ allen Widrigkeiten zum Trotz findet, sieht einen Film, der sehr speziell ist, so viel kann man zumindest festhalten. Zunächst das Positive: Die Idee, ein eigentlich harmloses Gesellschaftsspiel in eine Art Slasher zu verwandeln, in dem die Beteiligten nach und nach auch in der Realität dezimiert werden, ist gut. Vielleicht sogar einzigartig – zumindest fällt mir aus dem Stegreif kein Film ein, der dieses Thema hat. Dass dahinter eine Art Rache-Geschichte steckt, ist zwar vorhersehbar, aber durchaus legitim und damit keineswegs negativ. Ein zweiter Pluspunkt ist die musikalische Untermalung, die ausgezeichnet zu Idee und Schauplatz passt (letzterer ist übrigens ebenfalls gut gewählt und für den Film adaptiert).

Mehr kann ich aber leider nicht im Haben verbuchen. Im Gegenteil, „Das Werwolfspiel“ hat mit grundlegenden Schwierigkeiten zu kämpfen. Am leichtesten ist noch über die Tonprobleme hinwegzusehen, die speziell am Anfang des Filmes verhindern, dass man die eröffnenden Dialoge versteht. Interessanterweise macht sich diese Problematik, die ich auf das angespannte Budget zurückführe, nur beim Ton, nicht aber in der Optik bemerkbar. Gravierender und für den schwachen Gesamteindruck ausschlaggebend sind aber ohnehin andere Probleme – die aus meiner Sicht gröbsten betreffen Handlung und Drehbuch, Charaktere sowie die Darsteller.

Grundsätzliche Schwierigkeiten.

Beginnen wir vielleicht mit den Darstellern. Mir ist natürlich klar, dass ein Film wie „Das Werwolfspiel“ gewisse Grenzen hat, was die Besetzung betrifft. Ich möchte den Schauspielern (von denen mir übrigens kein einziger bekannt vorher bekannt war) auch überhaupt nicht zu nahe treten, aber das, was hier geboten wird, tut dem Film wahrlich keinen Gefallen. Das beginnt bei unbeholfen wirkenden Bewegungsabläufen und findet in der über weite Strecken unnatürlichen Sprechweise seinen Höhepunkt. Die Darsteller scheinen immer wieder zu vergessen, dass sie vor einer Fernsehkamera stehen – und nicht auf einer Theaterbühne. Nicht alle, wohlgemerkt, aber im Großen und Ganzen ist „Das Werwolfspiel“ völlig übertrieben gespielt und intoniert, was den Film unfreiwillig komisch macht. Beides ist bei deutschsprachigen (also nicht synchronisierten) Serien der jüngeren Vergangenheit übrigens immer mal wieder ein Kritikpunkt (jüngst z. B. bei „Tribes of Europa“), aber so eklatant ist es mir noch nie untergekommen. Zur Ehrenrettung der Mimen sei gesagt, dass ich vermute, dass sie auch mit den eher angerissenen als ausführlich gezeichneten Charakteren zu kämpfen hatten. Die Figuren sind so angelegt, dass man als Zuschauer schon eine gewisse Tiefe hineininterpretieren könnte – ein Vergnügen ist das in diesem Falle aber nicht, wenn ich ganz ehrlich sein soll. Zu vieles bleibt angedeutet und zweideutig, allerdings nicht auf eine gute Art.

Leider können Handlung und Drehbuch diese Probleme nicht kaschieren. Im Gegenteil – „Das Werwolfspiel“ wirkt, als hätte die Regisseurin nicht gewusst, was sie mit ihrer guten Idee machen soll – eine Geschichte ist höchstens in Andeutungen vorhanden. Und selbst die sind verwirrend und in sich nicht schlüssig, sodass der Film zu keinem Zeitpunkt richtig in flow kommt. Ich habe mir jedenfalls sehr schwer getan, die Hintergründe zu durchschauen. Nun kann man sagen, dass das auch in großen Produktionen ab und an so ist, oft auch mit Absicht, weil der Weg sozusagen das Ziel ist. Wenn das hier die Absicht gewesen sein sollte, ist das leider völlig misslungen und der Film wirkt zerfahren bzw. nicht zu Ende gedacht. Ein bisschen mag das sogar mit dem dilettantisch anmutenden Schnitt zu tun haben, der eine Abgrenzung gewisser Szenen nicht sauber hinbekommt. Und: Wie der „Werwolf“ es letztlich schafft, seine Morde zu begehen, bleibt ein ebenso großes Rätsel wie das Wieso. Die Puzzleteile fügen sich am Ende einfach nicht befriedigend zusammen.

Gerade letzteres ist meines Erachtens das größte Manko von „Das Werwolfspiel„. Ich habe ja mehrfach das schmale Budget angesprochen – die Einschränkungen und Abstriche, die das mit sich bringt, sind mir zwar nicht im Detail bekannt, mir ist aber klar, dass daraus mannigfaltige Schwierigkeiten entstehen. Dennoch gibt es – auch für Zuseher, die grundsätzlich zu schätzen wissen, dass es Filme wie diesen gibt – eine gewisse Grenze für die Qualität (die ist gerade im Independent-Bereich übrigens meist inhaltlicher und kaum jemals technischer Natur). „Das Werwolfspiel“ hangelt sich an diesem Bereich (eigentlich ist es ja keine scharfe Grenze) entlang, hat neben der Idee durchaus seine Momente und ist zwischendurch immer mal wieder spannend. Leider fehlt am Schluss der so wichtige Moment der Erkenntnis, der alle anderen Probleme, die ich genannt habe, vergessen machen würde. Weil der letzte Twist nicht (oder nicht gut) kommt, summieren sich die großen und kleinen Mängel soweit, dass ich beim besten Willen nicht mehr als 2 von 7 Punkten geben kann.

Wer jeden österreichischen Film gesehen haben muss, kann natürlich einen Blick riskieren – alle anderen, egal ob Fans der „Werwölfe von Düsterwald“ oder nicht, sollten es sich zweimal überlegen, bevor sie hier 1 1/2 Stunden ihres Lebens investieren.

Gesamteindruck: 2/7


Originaltitel: Das Werwolfspiel.
Regie:
Johanna Rieger
Drehbuch: Johanna Rieger
Jahr: 2013
Land: Österreich
Laufzeit: ca. 95 Minuten
Besetzung (Auswahl): Johanna Rieger, Anton Frisch, Markus Zett, Stefanie Frischeis, Rita Hatzmann



FilmWelt: Under the Skin

In der deutschsprachigen Fassung trägt „Under the Skin“ den Subtitel „Tödliche Verführung“. Die Intention scheint klar: Hauptdarstellerin Scarlett Johansson ist zweifellos verführerisch, was sich definitiv besser für die Promotion eignet als der vergleichsweise schwierige Inhalt des Werks. Dennoch – oder gerade deshalb – empfinde ich den deutschen Titel als völlig unpassend, unterstellt er der namenlosen Protagonistin doch eine Intention, die in diesem Sinne gar nicht im Film vorkommt.

Gesamteindruck: 4/7


„Akte X“ für die Kunstgalerie.

„Under the Skin“ ist nicht zu verwechseln mit dem französischen Film „In My Skin“ (2002), den ich unlängst hier auf WeltenDing behandelt habe. Wobei es trotz höchst unterschiedlichen Inhalts tatsächlich Gemeinsamkeiten gibt, wenn man es genau betrachtet: In beiden Werken spielt eine rätselhafte Frau die Hauptrolle, der Anteil an Nacktszenen ist ähnlich hoch (und ähnlich unaufdringlich bzw. künstlerisch in der Darstellung), die Handlung ist hüben wie drüben kaum zu erahnen – und bei beiden Filmen dürfte die Machart einer breiteren kommerziellen Verwertbarkeit entgegenstehen. Wobei letzteres bei vorliegendem Werk aufgrund der bekannten Hauptdarstellerin deutlich einfacher gewesen sein dürfte.

Worum geht’s?
Eine dunkelhaarige und namenlose Schönheit ist in ihrem Lieferwagen in Glasgow und Umgebung unterwegs. Dabei spricht sie wahllos Männer an und versucht, sie zum Mitfahren zu überreden. Lässt sich ein Unglücklicher darauf ein, bringt sie ihn in ein heruntergekommenes Haus, das er nie mehr verlässt…

Es ist mir nicht leicht gefallen, die Handlung von „Under the Skin“ zusammenzufassen. Und im ersten Moment mag das, was in meiner sehr kurzen Inhaltsangabe steht (viel mehr passiert wirklich nicht!), auch tatsächlich nach der eingangs kritisierten „Tödliche Verführung“ klingen. Dem ist aber nur bei oberflächlicher Betrachtung so; in Wirklichkeit ist das namenlose Wesen nicht von (Mord-)Lust oder ähnlichen Begierden getrieben, sondern scheint einzig und allein seinem Instinkt (oder seiner Programmierung?) zu folgen. Platz für positive oder negative Gefühle gibt es dabei nicht. Darum wäre es meiner Meinung nach ausreichend gewesen, den Film auch im deutschsprachigen Verleih entweder nur „Under the Skin“ oder eben „Unter der Haut“ zu nennen, weil das den Kern der Sache deutlich besser trifft – dreht sich das Werk doch um die Frage, was sich unter dem optisch so verführerischen Äußeren verbirgt.

Ähnlich schwierig wie die Beschreibung der Handlung ist die Frage nach dem Genre zu beantworten. Am ehesten würde ich „Under the Skin“ als Mischung aus Science Fiction, Mystery und Horror bezeichnen; ich denke, etwas gestrafft hätte der Film auch eine gute „Akte X“-Folge abgeben können. Zumindest was Handlung und Inhalt angeht – ein ganz anderes Thema ist die technische Ausführung: „Under the Skin“ ist eine Mischung aus traditioneller Kameraarbeit und einem weit größeren Anteil an Szenen, die teilweise mit Hand- und versteckten Kameras gedreht wurden, was für einen ganz eigenen Touch sorgt. Mit einer klassischen Mockumentary oder einem Found Footage-Film haben wir es aber nicht zu tun, denn es gibt keine Protagonisten, die die Kameras bedienen. Ich denke, dass Regisseur Jonathan Glazer mit seiner Herangehensweise ein Gefühl von Unmittelbarkeit und Spontanität erzeugen wollte. Das ist ihm meines Erachtens gut gelungen, die Atmosphäre (auch in Verbindung mit dem Soundtrack, der an Horrorfilme der 1960er und 70er Jahre erinnert) ist sehr speziell und mir fällt auf Anhieb kein Film mit einer ähnlichen Stimmung ein.

Im Haben ist schließlich auch die Leistung von Scarlett Johansson zu verbuchen, deren Marvel-Karriere zu jener Zeit bereits gestartet war. „Under the Skin“ wird komplett von ihrer intensiven Darstellung einer mysteriösen Figur getragen. Bemerkenswert auch der Wandel, den die Protagonistin im Laufe des Films erfährt: Anfangs noch völlig emotionslos und gerade deshalb so beunruhigend und verstörend, wird sie im Laufe der Handlung zusehends zerbrechlicher und schafft es schließlich sogar, echte Sympathien beim Zuseher zu wecken. Dass die US-Schauspielerin das dermaßen gut hinbekommt, liegt zwar auch am Drehbuch – dennoch muss man den Hut vor ihrer Leistung ziehen, „Under the Skin“ war mit Sicherheit kein einfacher Film für sie.

Handlung glänzt durch Abwesenheit.

Dass ich trotz der genannten Punkte nicht ganz überzeugt bin, liegt an der Handlung. Beziehungsweise an der fast völligen Abwesenheit einer solchen. Vielleicht war die Entwicklungszeit – Wikipedia nennt hier zehn (!) Jahre – dann doch etwas zu lang und die Drehbuchautoren Jonathan Glazer und Walter Campbell haben sich verzettelt? Ich kenne die Vorlage nicht („Under the Skin“ soll auf einem gleichnamigen Roman aus dem Jahr 2000 basieren, dessen Inhaltsangabe aber zeigt, dass sich der Film nur sehr lose daran orientiert), es würde mich aber wundern, wenn das Buch auch dermaßen handlungsarm wäre.

Im Wesentlichen beobachten wir die Protagonistin, wie sie mehrfach Männer in ihr Haus bringt, wo sie in einer merkwürdigen Flüssigkeit zu versinken scheinen. Diese Szenen – und vorher der Versuch, ein Opfer zu finden – laufen immer ähnlich ab, wodurch das Gefühl eines künstlich in die Länge gezogenen Films entsteht. Ich habe oben ja „Akte X“ erwähnt und bleibe dabei: Die Handlung von „Under the Skin“ hätte man in einer Folge jener Serie deutlich gestrafft unterbringen können (den künstlerischen Ansatz zugegebenermaßen nicht). Neben den Längen, die eben daraus entstehen, gibt es ein weiteres Problem: Der Film erklärt – nichts. Weder erfahren wir, was die Protagonistin ist, noch, was es mit dem Motorradfahrer auf sich hat, der offenbar hinter ihr aufräumt – oder wieso sie plötzlich an ihrer Mission zu zweifeln beginnt. Ja, nicht mal, ob sie überhaupt eine „Mission“ hat, wird klar.

Nicht falsch verstehen: Ich kann grundsätzlich schon was mit Filmen anfangen, die dem Publikum ein breites Feld an Interpretationsmöglichkeiten bieten. Darum fand ich „In My Skin“ (kein Verschreiber!) gar nicht so schlecht, wie es viele Bewertungen suggerieren würden. Was mir als Zuschauer aber in „Under the Skin“ abverlangt wird, ist dann doch etwas zu viel des Guten. Fast schon paradox ist, dass der Film tatsächlich nachwirkt: Seine Atmosphäre ist so eigenartig, dass man sich immer wieder dabei ertappt, Scarlett Johannson im eigenen Kopfkino zu beobachten. Aber bei mir war es wirklich nur dieser künstlerische Aspekt, der mich tatsächlich beeindruckt hat. In Hinblick auf die Handlung habe ich mich hingegen mehrfach gefragt, ob die Verantwortlichen vielleicht selbst keine Ahnung hatten, welche Geschichte sie erzählen wollten. Kurz: „Under the Skin“ lässt den Zuseher völlig allein, es gibt praktisch nichts, an dem man sich festhalten oder entlangtasten kann.

Schwer zu bewerten.

Wie soll man das nun bewerten? Nun, ich kann die Begeisterung jener Kritiker verstehen, die den künstlerischen Aspekt loben. Wer sich auf eine sehr spezielle Reise begeben möchte und massentauglichere Sehgewohnheiten ablegen kann, wird mit diesem unkonventionellen Film wohl seine Freude haben (ein wenig Science Fiction-Affinität muss man aber schon mitbringen, denke ich). Auch, dass die von Jonathan Glazer geschaffene Atmosphäre, also die Kombination aus Bild, Ton und Schauspiel, länger nachwirkt, als man bei einem so handlungsarmen Werk meinen könnte, würde ich definitiv positiv bewerten.

Auf der anderen Seite ist „Under the Skin“ kein isoliertes Nischenprodukt. Klar, ein Hollywood-Blockbuster ist es nicht, aber wir haben es dennoch mit einem Film zu tun, der auch auf ein Publikum außerhalb der, ich nenne sie mal so, Kunstszene trifft. Für ein solches ist er meines Erachtens nur bedingt geeignet – muss er auch nicht sein, dennoch kann und darf man ihn auch diesem Blickwinkel beurteilen. Ich selbst sitze in dieser Hinsicht ein wenig zwischen den Stühlen: Ich weiß die Atmosphäre, die „Under the Skin“ umgibt, durchaus zu schätzen. Aber, es tut mir leid, Freunde der hohen Kunst, ich kann einfach nicht ganz aus meiner Haut (höhö…) heraus: Ein Film soll auch unterhalten, auf welche Weise auch immer. Dieser hier tut das nur bedingt.

Fazit: Vier von sieben möglichen Punkten für einen Film, der so einzig- und eigenartig ist, wie kaum ein zweiter. In manchen Gemütslagen würd ich wohl 6/7 geben, in manchen nur 2/7. Das sagt eh schon alles – oder nichts?

Gesamteindruck: 4/7


Originaltitel: Under the Skin.
Regie:
Jonathan Glazer
Drehbuch: Jonathan Glazer, Walter Campbell
Jahr: 2013
Land: Großbritannien
Laufzeit: ca. 105 Minuten
Besetzung (Auswahl): Scarlett Johansson, Joe Szula, Kryštof Hádek, Adam Pearson, Dave Acton, Michael Moreland



FilmWelt: The Phoenix Tapes ’97

Found Footage-Filme gibt es mittlerweile ja in allen möglichen Formen und Qualitäten, alles losgetreten von „The Blair Witch Project“ (1999). Im Gegensatz zu jenem Klassiker basiert „The Phoenix Tapes ’97“ auf einem Ereignis, das im Jahre 1997 tatsächlich im US-Bundesstaat Arizona stattgefunden hat.

Gesamteindruck: 2/7


Was wird hier vertuscht?

„The Phoenix Tapes ’97“ unterscheidet sich aber nicht nur durch das Aufgreifen eines historisch belegten Vorfalls von anderen Filmen seiner Gattung. Zusätzlich wurden Elemente eingebaut, die dem Werk den Anschein einer Dokumentation geben: Der Vater eines der betroffenen Männer wurde „interviewt“ und macht düstere Andeutung über gewisse Vertuschungsaktionen der US-Regierung. Dieses Material weist deutlich höhere Bildqualität auf, als der Rest des Films, sodass der Eindruck entsteht, das Interview wäre lange nach den „gefundenen“ Videobändern aufgenommen worden. Ein geschickter Schachzug, der das ohnehin schon sehr große Gefühl, hier authentisches Material zu sehen, noch erhöht.

Worum geht’s?
März 1997: Ein entspannter Wochenendausflug verwandelt sich in einen Horrortrip, als sich vier Freunde mit ihrem Wohnmobil irgendwo in Arizona verfahren. Nachts werden die Männer zunächst von unheimlichen Geräuschen und merkwürdigen Lichtern am Himmel wachgehalten. Glauben sie zunächst noch an einen Meteoriten, stellt sich bald heraus, dass sie nicht mehr allein in dieser Gegend sind. Das Material, das sie mit ihren Handkameras aufgenommen haben, wurde irgendwann gefunden. Die vier Männer blieben verschwunden…

Gewisse Fragen stellen sich bei jedem Film, beispielsweise wie gut er unterhält, ob die Story stimmig ist oder ob die Schauspieler eine ansprechende Leistung bieten. Das ist auch im Found Footage-Genre so, allerdings hat diese Gattung einen weiteren Anspruch zu erfüllen: Sie muss immer authentisch wirken und darf nie einen professionellen Eindruck erwecken (freilich gibt es innerhalb dieser Konvention dennoch mehr oder minder professionelle bzw. professionell wirkende Ansätze). Eben jene (vermeintliche) Authentizität machte „The Blair Witch Project“ damals so erfolgreich: Unterstützt von einer überaus geschickt aufgesetzten Kampagne wirkte alles daran dermaßen realistisch, dass man sich legitim fragen konnte, ob der Film wahrhaftig das Verschwinden von drei jungen Leuten dokumentiert. Natürlich gibt es dazu auch Gegenbeispiele; eines davon ist „Cloverfield“ (2008), das sich zwar technisch nahezu perfekt der Found Footage-Technik bedient, dabei aber nie Zweifel an seiner Fiktionalität aufkommen lässt. Wenn wir nun annehmen, dass das auf Pseudo-Authentizität bedachte „The Blair Witch Project“ und das Unterhaltungsprodukt „Cloverfield“ zwei gegensätzliche Positionen im Spektrum der Found Footage-Produktionen einnehmen, würde ich „The Phoenix Tapes ’97“ definitiv in der Nähe von Ersterem ansiedeln. Genau genommen legt vorliegendes Werk den Authentizitäts-Faktor sogar noch eine Stufe höher und dürfte der plausibelste Vertreter seines Genres sein, den ich bis zum Zeitpunkt dieser Rezension gesehen habe.

Authentischer geht es kaum…

Diese kühne Aussage mache ich an zwei Faktoren fest: Erstens gab es im März 1997 in der Nähe von Phoenix im US-Bundesstaat Arizona tatsächlich ein mysteriöses Ereignis, bei dem tausende Augenzeugen eine Anzahl von Lichtern am Nachthimmel gesehen haben. Worum es sich dabei handelte, ist bis heute nicht vollständig geklärt. Fakt ist jedoch, dass die damals ungewöhnlich breite Berichterstattung, aber auch spätere Sendungen wie „Ancient Aliens“ dafür gesorgt haben bzw. immer noch dafür sorgen, dass der Vorfall im kollektiven Gedächtnis verankert bleibt. Und auch fiktionale Werke, darunter einige Filme, geben dem Thema immer wieder neue Nahrung. Allein dadurch entsteht schon ein Gefühl von Authentizität.

Der zweite Faktor betrifft den Film selbst. Dem hilft paradoxerweise zunächst, dass er im Großen und Ganzen vollkommen unbeachtet geblieben ist und auch von keinem großen Verleih übernommen wurde (derzeit ist er übrigens kostenlos im Prime-Abo von Amazon zu sehen, wo ich ihn aber auch eher zufällig entdeckt habe). Das mag dem Budget nicht gerade zuträglich gewesen sein, sorgt aber für eine zusätzliche Portion Glaubwürdigkeit, weil es den Eindruck erweckt, hier hätte gar niemand versucht, einen Unterhaltungsfilm zu produzieren. Am Rande passt dazu auch, dass „The Phoenix Tapes ’97“ über keinerlei Credits verfügt. Das bedeutet, dass man nicht so richtig weiß, wer die Personen sind, die man beim Herumstolpern im Unterholz beobachtet. All das zusammen lässt den Zuschauer jedenfalls immer mal wieder überlegen, ob sich das, was man zu sehen bekommt, vielleicht wirklich genau so zugetragen hat.

…unterhaltsamer aber schon.

Es gibt eigentlich sogar noch einen dritten Punkt, der die scheinbare Authentizität erhöht – bei dem bin ich allerdings sehr zwiegespalten: „The Phoenix Tapes ’97“ wurde mit Handkameras, die genau in jene Zeit passen, aufgenommen (zumindest erweckt das Material genau diesen Eindruck). Klingt im ersten Moment gut, ist in Wirklichkeit aber problematisch: „The Blair Witch Project“ ist grundsätzlich ähnlich gefilmt, die Aufnahmen sind allerdings von deutlich höherer Qualität hinsichtlich Bild, Ton und Schnitt. Anders ausgedrückt: Wer den 1999er Klassiker aufgrund seiner Anmutung schwer zu konsumieren fand, braucht sich die Phoenix Tapes gar nicht erst anzusehen. Die Bilder sind extrem verwackelt, oft unscharf, speziell die Nachtaufnahmen sind so grobkörnig, dass eigentlich kaum etwas zu erkennen ist. Der Ton ist schwankend, was noch zu verschmerzen wäre, allerdings sind die vier Herren akustisch teilweise nicht zu verstehen (eine Synchronisation gibt es meines Wissens übrigens nicht, aber notfalls helfen die ab und an unfreiwillig komischen Untertitel ganz gut weiter). Ein Schnitt im eigentlichen Sinne ist nicht vorhanden, was problematisch ist, weil dadurch einige Szenen Längen haben.

Wie gesagt: All das macht den Film sowohl technisch als auch atmosphärisch sehr plausibel, trägt aber mindestens ebenso viel dazu bei, das „The Phoenix Tapes ’97“ – ganz im Gegensatz zu „The Blair Witch Project“ und vielen seiner Nachfolger – relativ anstrengend ist. Neben den genannten Punkten liegt das auch daran, dass man eine Story oder ein Drehbuch nicht mal so richtig erahnen kann. Im Gegenteil, der Film erinnert ungut daran, was passiert, wenn man mit seinen Freunden auf Urlaub fährt und immer mal wieder die Kamera einschaltet bzw. das dabei entstandene und unbearbeitete Material Bekannten zeigt, die nicht dabei waren. Haben die meisten wohl schon erlebt – und sich fürchterlich dabei gelangweilt. Die vier Protagonisten (auch die mögen authentisch sein, weil man sie aber nicht persönlich kennt und sie nicht charakterisiert werden, sind sie komplett austauschbar) machen ihre Scherze, die man als Außenstehender großteils nicht kapiert, sie wandern, sie laufen davon usw. Da ziehen sich die für einen solchen Film eigentlich vorbildlichen 67 Minuten teilweise kurios in die Länge.

Abschließend sei erwähnt, dass man gegen Ende hin tatsächlich Aliens zu sehen bekommt. Spätestens da ist dann natürlich Schluss mit der Authentizität und auch dem Letzten wird klar, dass „The Phoenix Tapes ’97“ ein Werk der Fiktion und keine Dokumentation ist. Ganz hat Regisseur/Produzent/Darsteller Turner Clay (seines Zeichens wohl eine Art Spezialist für Found Footage) das Muster also doch nicht durchgehalten.

Fazit: Ein Punkt für die technisch wirklich großartige hergestellte Authentizität, ein zweiter für die brauchbare Atmosphäre, die immer mal wieder unheimlich durchblitzt. Mehr ist aus meiner Sicht aber nicht drin; wer auf Found Footage und/oder UFOs steht, kann aber mal einen Blick riskieren. Alle anderen seien gewarnt: Über weite Strecken ist „The Phoenix Tapes ’97“ weder unheimlich noch sonst irgendwie gehaltvoll.

Gesamteindruck: 2/7


Originaltitel: The Phoenix Tapes ’97.
Regie:
Turner Clay
Drehbuch: Turner Clay
Jahr: 2016
Land: USA
Laufzeit: ca. 65 Minuten
Besetzung (Auswahl): Turner Clay



FilmWelt: Pfad der Gewalt

In den 1980er Jahren war der Western ein seit vielen Jahren totes Genre. Mag sein, dass „Pfad der Gewalt“ (1987) deshalb nicht für die große Kinoleinwand sondern direkt fürs Fernsehen produziert wurde. Dabei haben wir es hier sowohl qualitativ als auch inhaltlich mit einem durchaus passablen Film zu tun, der zwar ein sehr konventionelles Wild-West-Abenteuer erzählt, dabei aber die romantisch-idealisierten Klischees seiner (Vor-)Vorgänger weitgehend vermeidet.

Gesamteindruck: 4/7


Ein Raubein mit Charme.

Wer nach dem englischen Titel „The Quick and the Dead“ sucht, sei gewarnt: „Pfad der Gewalt“ ist der chronologisch dritte Film, der diesen Titel trägt, allerdings der erste Western. Ein weiterer, der inhaltlich nichts mit vorliegendem Streifen zu tun hat, folgte 1995 (deutsch: „Schneller als der Tod“, ein Film von Sam Raimi mit großem Staraufgebot). Dass man den richtigen „The Quick and the Dead“ ausgesucht hat, erkennt man übrigens leicht am markanten Gesicht auf dem Cover, das auch von diversen Streaming-Diensten als Vorschaubild verwendet wird: Sam Elliot, schnauzbärtiger Held vieler Filme (vorwiegend aus dem Western-Genre, einem breiteren Publikum vielleicht auch als Der Fremde aus „The Big Lebowski“, 1998, bekannt) spielt hier die Hauptrolle.

Worum geht’s?
In Wyoming ist in den 1870er Jahren noch wenig von Recht und Ordnung, die an der Ostküste von Nordamerika bereits eingekehrt sind, zu bemerken. Ausgerechnet hier möchte sich Duncan McKaskel, ehemaliger Soldat und mittlerweile Pazifist, mit seiner Familie ansiedeln. Als er sich mit einer Bande von Gesetzlosen anlegt, bekommt er unerwartet Hilfe vom raubeinigen und im Westen erfahrenen Con Vallian, der allerdings auch ein Auge auf die schöne Frau des Siedlers geworfen hat…

Bevor wir auf den Inhalt eingehen ist vielleicht eine kurze Einordnung des Genres angebracht. Grundsätzlich kann man „Pfad der Gewalt“ ruhigen Gewissens als Spätwestern abheften – immerhin lag die Hochzeit der klassischen Western in den 1950ern. Andererseits ist die große Zeit der Spätwestern meinem Verständnis nach auch eher in den 1960er bis 70er Jahren zu finden, als derartige Filme deutlich regelmäßiger produziert wurden, als in späteren Jahrzehnten. Insofern würde ich die Genrebeiträge ab den 1980ern eher als einzelne Western sehen, die zwar ebenfalls „spät“ erschienen sind, aber nicht wirklich im Zusammenhang mit klassischen Spätwestern stehen. Zumindest zeitlich – betrachtet man das Subgenre des Spätwesterns hingegen inhaltlich, also in Bezug auf Motive und Charaktere, setzen praktisch alle moderneren Produktionen diese Tradition (und nicht den klassischen Western der 1950er, den heute wohl auch niemand mehr sehen möchte) fort. Kompliziert? Mag sein, aber „Pfad der Gewalt“ ist auf der erste Western, den ich mir seit vielen Jahren bewusst angesehen habe, sodass ich es als lohnend empfunden habe, mich für diese Rezension zunächst ein wenig mit diesem alt-ehrwürdigen Genre auseinanderzusetzen.

So viel zur grauen Theorie – in der Praxis ist „Pfad der Gewalt“ eine recht eigenwillige Mischung: Einerseits ist der Film erdig, nüchtern und vollkommen humorlos, andererseits hat er mit dem Versprechen einer sorgenfreien Zukunft im Gelobten Land (wenn man nur gemeinsam alle Probleme überwindet) auch Ansätze einer idealisierten Wild-West-Romantik. Übrigens ist der Streifen auch nicht allzu hart in der expliziten Gewaltdarstellung (ein bisschen Blut gibt es freilich schon zu sehen), was auch mit dem Status als Fernsehproduktion zu tun haben könnte. All das rückt ihn für meine Begriffe tatsächlich in die Nähe seiner Vorgänger aus den 1970er Jahren, was ihn dann doch wieder zu einem klassischen Vertreter des Spätwesterns macht.

Kein Innovationspreis.

Zu sehen bekommt man selbstverständlich ein paar zünftige Schießereien, die allerdings so gemacht sind, dass man keine Lust verspürt, darin verwickelt zu sein. Abgesehen davon lebt der Film – wie fast alle Klassiker des Genres – massiv von seinen beeindruckenden und wunderbar fotografierten Landschaften. Und auch die Charaktere bzw. speziell deren Zusammenspiel können überzeugen. Zumindest weitgehend – der undurchschaubare Con Vallian ist hervorragend besetzt und gespielt, aber auch Tom Conti weiß als Siedler, der kämpfen könnte, aber nicht zur Waffe greifen mag, zu überzeugen. Kate Capshaw spielt hingegen die für den Western, egal ob früh oder spät, übliche (und vermutlich auch ziemlich realistische) Frauenrolle: Sie sieht hübsch aus, hat ansonsten nicht viel zu sagen, lernt natürlich das Schießen und fühlt sich zum harten Schurken mit dem guten Herzen hingezogen. An dieser Stelle sei auch noch erwähnt, dass die oft wichtige Rolle des Bösewichts nicht sonderlich gut geschrieben ist: Matt Clark spielt den „Doc“ Shabbitt sehr unauffällig, was ich ihm nicht unbedingt anlasten möchte. Ich schätze, dass es eher am Drehbuch liegt, dass das kein Bandit ist, bei dem man die Angst seiner Gegner nachvollziehen kann. Über diese Schwächen kann man aber, so ging es mir zumindest, recht gut hinwegsehen, weil das Augenmerkt klar auf der Beziehung der „Guten“ untereinander liegt.

Letzten Endes ist „Pfad der Gewalt“ nicht mehr und nicht weniger als ein typisches Wild-West-Abenteuer. Das Motiv vom friedliebenden Farmer, der (schuldlos) von Banditen bedrängt wird, macht, so viel ist auch mir als Laie klar, den Film zu keinem Anwärter auf einen Innovationspreis. Dass ein mysteriöser und im westlichen Grenzgebiet erfahrener Fremder den naiv wirkenden Siedlern zu Hilfe eilt, kommt mir auch nicht gerade wie eine bahnbrechende Idee vor. Dennoch liegt es mir fern, dem Werk jeglichen Unterhaltungswert abzusprechen. Im Gegenteil, in ihrer nüchternen Darbietung empfinde ich die Story als durchaus gelungen. Im Endeffekt ist es sogar sehr spannend, auf welche Weise sich die anfangs noch Unterlegenen ihrer Häscher entledigen. Gefühlsmäßig hätte das alles aber schon noch ein bisschen besser ausgearbeitet sein können, dann hätte ich sogar noch einen Punkt mehr springen lassen. Davon abgesehen thematisiert der Film übrigens kaum etwas, das über seine vordergründige Handlung hinausgeht, weder im Guten noch im Schlechten. Wem das – und die nicht überbordende Cowboy-Action – reicht, der wird sich bestens bedient fühlen. Unterm Strich bleibt damit ein Western, der zwar kein Meisterwerk, aber doch sehr solide, spannend und – zumindest einmal – durchaus sehenswert ist.

Gesamteindruck: 4/7


Originaltitel: The Quick and the Dead.
Regie:
Robert Day
Drehbuch: James Lee Barrett
Jahr: 1987
Land: USA
Laufzeit: ca. 90 Minuten
Besetzung (Auswahl): Sam Elliott, Tom Conti, Kate Capshaw, Matt Clark, Kenny Morrison, Patrick Kilpatrick



FilmWelt: In My Skin

Als Fan des gepflegten Horrors ist man ja einiges gewohnt. Was aber in „In My Skin“ aus dem Jahr 2002 auf den Zuschauer zukommt, ist schon verdammt harter Tobak. Dabei gibt es hier weder Monster noch Geister oder sonstige übernatürliche Phänomene – wahrscheinlich ist genau das der Grund, wieso ich mehrmals überlegt habe, ob ich die 90 Minuten Laufzeit wirklich durchdrücken will.

Gesamteindruck: 5/7


Appetit auf Selbstzerstörung.

Dem französischen Film haftet im Allgemeinen ein gewisser Nimbus von hoher Kunst an, die wenig bis gar nichts mit dem Mainstream-Kino zu tun hat (Ausnahmen bestätigen freilich die Regel, kommt ja z. B. auch Louis de Funès aus Frankreich). Ich konnte mir also schon denken, dass „In My Skin“ nichts sein würde, das normale (=kommerziell verwertbare) Sehgewohnheiten bedient. Und doch war ich überrascht, mit welcher Härte mich der Film getroffen hat.

Worum geht’s?
Bei einer Party zieht sich Esther an einem Metallstück eine tiefe Schnittwunde am Bein zu. Obwohl die Verletzung heftig blutet, bemerkt sie sie zunächst nicht und verspürt auch keinerlei Schmerzen, was sowohl den behandelnden Arzt als auch ihren Freund wundert. In den folgenden Tagen beginnen Esthers Gedanken immer häufiger um die Wunde zu kreisen – und gleichzeitig wächst das Verlangen, sich neue Verletzungen zuzufügen…

Aufmerksam geworden bin ich auf „In My Skin“ völlig zufällig: In einem Internetforum suchte ein User für eine Seminararbeit (?) Filme, die den „verletzten Leib“ zum Thema haben. Unter anderem wurde dort vorliegendes Werk genannt, dessen Inhaltsangabe mein Interesse geweckt hat. Lange war der Film dann auf meiner Watchlist, irgendwie hatte ich aber nie die Muse (oder den Mut?), ihn mir tatsächlich anzusehen. Verfügbar ist er derzeit auf Amazon Prime, ein Aufpreis ist nicht zu zahlen, von daher riskiert man nichts, wenn man mal reinschaut. Außer vielleicht seine geistige Gesundheit…

„In My Skin“ ist ein extremer Film, was die Darstellung von selbstverletzendem Verhalten angeht. Die Protagonistin, gespielt von Marina de Van, die auch für Regie und Drehbuch verantwortlich zeichnet, kennt tatsächlich keine Gnade mit sich selbst. Wenn sie ihre Extremitäten meist wenig subtil mit einem Messer bearbeitet, ist das aus meiner Sicht deutlich schlimmer als alles, was man aus dem wahrlich nicht zimperlichen Torture Porn-Genre (z. B. „Hostel“, 2005) kennt. Dabei ist in „In My Skin“ häufig nicht einmal „alles“ zu sehen, einiges passiert auch außerhalb des Kameraobjektivs. Ob es nun schlimmer ist, das Grauen zu sehen oder nur zu erahnen, ist jedem selbst überlassen – ich empfand jedenfalls beides als höchst unangenehm, auch aufgrund der begleitenden Geräuschkulisse und der Länge der entsprechenden Szenen.

Kein bequemer Film.

Für einen unbeschwerten Fernsehabend auf der Couch würde ich mir „In My Skin“ jedenfalls nicht aussuchen. Das liegt neben dem hohen Blut- und Splatter-Faktor vor allem auch am Drehbuch, das nicht unbedingt zu den zugänglichsten seiner Art zählt. Die Handlung selbst ist dabei ziemlich dünn, vermutlich, weil die Regisseurin einen Film schaffen wollte, dessen Bilder für sich sprechen. Ich denke, dass ihr das großteils durchaus gelungen ist: Wir sehen hier den zunehmenden Verfall einer jungen Frau, die sich auf sehr typische Weise in einer freilich eher speziellen Sucht verliert. Ob und wie viel von der persönlichen Geschichte der Filmemacherin in diesem Werk steckt, wage ich nicht zu beurteilen – aber die Art und Weise, wie sie hier vor (und wohl auch hinter) der Kamera agiert, lässt zumindest darauf schließen, dass Esther einiges von Marina de Van hat.

Dass der Film abseits der Hauptfigur über lediglich angerissene Charaktere verfügt, ist hin und wieder als Kritik zu lesen. Mich hat das nicht gestört, ich habe es eher als erstaunlich empfunden, wie effektiv „In My Skin“ in dieser Hinsicht ist: Es reicht ein Minimum an Screentime, um die paar Nebenrollen, die es gibt, präzise einordnen zu können. Das mag nicht jedermann’s Sache sein – mir gefällt es jedoch, wenn man es mit Andeutungen schafft, eine erzählerische Tiefe zu generieren, die eigentlich gar nicht da (bzw. zu sehen) ist. Hierfür ist „In My Skin“ meiner Meinung nach fast schon ein Paradebeispiel. Besonders im Gedächtnis geblieben ist mir hier die Szene eines Geschäftsessens: Wie die vier Protagonist:innen sich hier geben, der stetig dahinfließende Dialog, die merkwürdigen Gefühle, die sich dabei in der Hauptfigur manifestieren – all das ist meines Erachtens eine stark komponierte Situation, die zeigt, dass die Regisseurin sehr genau wusste, was sie zeigen wollte. Wer übrigens in einer Werbeagentur arbeitet, wird sich ganz besonders damit identifizieren können…

Nicht für jeden geeignet.

So viel Lob – und trotzdem bewerte ich „Under My Skin“ nicht so stark, wie man meinen möchte. Wie das geht? Nun, einerseits ist mir die Akustik des Films zu zurückhaltend; vor allem von der Musik hätte ich mir deutlich mehr Intensität erhofft. Andererseits verfügt „In My Skin“ über ein Finale, das mir zu abgehoben und wenig befriedigend erscheint. Dabei spreche ich nicht davon, dass man am Ende nicht erfährt, was es mit der Verletzung und/oder der Protagonistin im Allgemeinen auf sich hat. Dass sich die Zuseher:innen damit selbst auseinandersetzen können, sollen und müssen, finde ich durchaus legitim. Im Allgemeinen wäre das sogar ein Pluspunkt, in diesem Fall gibt uns Marina de Van meines Erachtens aber zu wenig „Fleisch“ (höhö…), um aus dem merkwürdigen Finale schlau zu werden.

Bis dorthin finde ich den Film jedenfalls gelungen, ich verstehe aber sehr gut, dass „In My Skin“ nichts für ein breites Publikum ist. Und das nicht nur, weil wir es hier mit einer merkwürdigen Kombination aus bedächtigen Bildern und grausigem Splatter zu tun haben. Und auch nicht, weil die Handlung denkbar einfach und dünn ist. Beides spielt natürlich hinein – aber vor allem aus pragmatischen Gründen sollten sich besonders zartbesaitete Gemüter von „In My Skin“ fernhalten. Die Stimmung, die der Film verbreitet, ist in höchstem Maße verstörend und negativ. Das muss man jedenfalls wissen – wer damit klar kommt, sollte sich definitiv daran versuchen. Ich selbst habe es jedenfalls nicht bereut.

Gesamteindruck: 5/7


Originaltitel: Dans ma peau.
Regie:
Marine de Van
Drehbuch: Marine de Van
Jahr: 2002
Land: Frankreich
Laufzeit: ca. 90 Minuten
Besetzung (Auswahl): Marine de Van, Laurent Lucas, Léa Drucker, Thibault de Montalembert, Bernard Alane



MusikWelt: Theater of Salvation

Edguy


Mit „Vain Glory Opera“ (1998) schafften Edguy, bis dahin eher Geheimtipp und/oder Regionalgröße, auch international den Durchbruch. Dafür sorgten geradlinige, sehr eingängige Power Metal-Hymnen mit einem Schuss Dramatik und, ja, auch jener Portion Kitsch, den die Fans damals einfach liebten und für den man den Bands bis heute nicht so richtig böse sein mag. Nur ein Jahr später legten die Fuldaer dann mit „Theater of Salvation“ das nächste Album vor. Manche sagen, es wäre das Beste, das sie bis heute hinbekommen haben; eine Ansicht, die nicht von ungefähr kommt.

Gesamteindruck: 7/7


Nach der Oper ins Theater.

Streitet man sich in der Hochkultur eigentlich darüber, ob das Theater oder die Oper die wichtigere, dramatischere oder sonst wie überlegene Kunstform ist? Ich weiß es nicht… Im Falle von Edguy kann ich hingegen berichten, dass „Theater of Salvation“ seinen Vorgänger „Vain Glory Opera“ in Sachen Dramatik übertrifft. Das Songwriting ist deutlich ausgereifter und komplexer, zum Teil hört man hier genau jene Ideen heraus, die zwei Jahre später auf „The Metal Opera“ von Avantasia endgültig aus dem Bandgefüge von Edguy herausgelöst werden sollten. Namentlich betrifft das neben dem Intro vor allem die abschließenden Tracks „The Unbeliever“ und „Theater of Salvation“, die klingen, als wären sie für das spätere Herzensprojekt von Tobias Sammet geschrieben worden. Nicht nur wegen der Texte und des neo-klassizistischen Songwritings, sondern auch und vor allem, weil man das Gefühl hat, der Edguy-Boss hätte diese Nummern im Hinblick auf die Intonierung mit zusätzlichen Stimmen komponiert (was ja ein Markenzeichen von Avantasia ist). In der Rückschau kommt es mir regelrecht merkwürdig vor, dass sich speziell beim Titeltrack niemand das Mikro mit Sammet teilt (und dass das damals niemandem aufgefallen sein soll). 😉

So oder so: „Theater of Salvation“ ist einer der am besten komponierten Langstrecken-Songs, den es von Edguy zu hören gibt (er wäre übrigens auch bei Avantasia ganz weit vorn dabei – und damit lasse ich es nun endgültig gut sein, was diese Vergleiche betrifft). Grandios, welche Epik und Dramatik Sammet für diese Nummer in Noten gegossen hat – übrigens komplett im Alleingang. Die Chöre, die Dynamik, die Instrumentierung (die trotz allem Bombast immer noch ihren Heavy Metal-Charme hat), die Lyrics – all das zusammen ergibt eine schlichtweg fantastische Achterbahnfahrt über 14 Minuten.

Abgesehen von diesem großen Moment, der zeigt, was für ein Ausnahmetalent Tobias Sammet als Sänger, vor allem aber als Komponist ist, stehen auf „Theater of Salvation“ gleich mehrere meiner All-time Favorites von Edguy: „Babylon“ ist meiner Ansicht nach bis heute eine der besten Power Metal-Nummern, die es gibt. Für mich ist das ein Song, der, vielleicht neben „The Dragon Lies Bleeding“ (HammerFall), wie kein anderer das positive Gefühl und die allgemeine Aufbruchsstimmung in der Szene Ende der 1990er repräsentiert. In leicht geringerem Ausmaß gilt Ähnliches für „The Headless Game“ und „Wake Up the King“, die eine bestens aufgelegte Band zeigen und mittlerweile zu Recht als Klassiker gelten.

Etwas mehr Zeit brauchen die Nummern nach der Halbzeit. Speziell gilt das für „Holy Shadows“, das bei mir in den Jahrzehnten, seit „Theater of Salvation“ erschienen ist, immer ein Schattendasein geführt hat – bis zu den aktuellen Re-Listenings für diese Rezension. Da hat es plötzlich geklickt und seither finde ich den Song sehr stark. „Falling Down“ und „Arrows Fly“ sind hingegen nett anzuhören, aber nichts, was über das hinausgeht, das man im Lehrbuch über das Schreiben einer ganz klassischen Power Metal-Nummer lesen kann. Wobei dazu gesagt werden muss, dass Edguy zumindest ein wenig an eben jenem Buch mitgeschrieben haben. Dennoch, mit den restlichen Krachern können diese beiden Tracks nicht ganz mithalten.

Balladeske Momente.

Noch nicht erwähnt habe ich die zwei Balladen, die auf dem Album zu finden sind. Richtig gelesen, es sind gleich zwei Songs aus einer Disziplin, die immer mal wieder belächelt wird. Tobias Sammet dürfte von seinem balladesken Talent bis heute voll und ganz überzeugt sein, was ich nicht in Frage zu stellen wage. Als Fan seiner frühen Arbeiten kann ich zumindest sagen, dass ich nicht immer mit seinen langsamen Ohrenschmeichlern einverstanden war und bin. Und so ist es auch auf „Theater of Salvation“: „Another Time“ ist eine klassische Piano-Ballade, kommt ohne Metal-Instrumentierung aus – und ist ein ziemlicher Schmachtfetzen. Ab und an mag man in der Stimmung dafür sein, aber mir persönlich ist das einfach zu viel des Guten. Nett anzuhören: Ja. Essenziell: Nein.

Ganz anders „Land of the Miracle“, das man im Gegensatz dazu aber eher unter dem Begriff „Power Ballade“ einordnen sollte, denn hier gibt es Gitarrenriffs und ein Solo. Unabhängig davon: Ich weiß, ich habe jetzt schon einige Male Phrasen wie „das Beste“ u. ä. verwendet, dennoch bleibt es mir nicht erspart… „Land of the Miracle“ gehört aus meiner Sicht zu den besten Vertretern seiner Zunft. Wenn mir jemand sagen würde, ich solle die besten 10 Metal-Balladen der Welt notieren (zum Glück hat mich noch nie jemand gefragt, da wären sehr harte Entscheidungen zu treffen), würde ich „Land of the Miracle“ zumindest einen Platz unter meinen Top 3 zutrauen. Der Text ist gut (klar ist er cheesy, das darf er in dieser Disziplin aber schon auch sein, finde ich), vor allem aber ist die Nummer einfach dermaßen geil komponiert, dass mir die Superlative ausgehen. Die ruhige Einleitung mit Klavier, dann die stoischen Riffs, die doppelläufigen Gitarrenleads, der bombastische Refrain sowie der sich dramatisch steigernde Verlauf, der mit einem hörenswerten Kanon und einem A-Capella-Chorus im Finale seinen Höhepunkt findet – das alles und, am wichtigsten, wie diese Elemente ineinander greifen und verwoben sind, führt zu meiner kaum zu bändigenden Begeisterung. Keine Ahnung, was Tobias Sammet diesen Geistesblitz beschert hat, aber hier hat er sich wirklich selbst übertroffen.

Damit kann ich auch für „Theater of Salvation“ nur die Höchstwertung zücken. Das Album unterhält von vorne bis hinten irrsinnig gut. Das war auch schon bei „Vain Glory Opera“ so, diesmal ist die Sache aber ein wenig anders. Denn im Gegensatz zu seinem Vorgänger, der mit schneller und einfacher Zugänglichkeit für gute Laune sorgt, gibt es auf vorliegender Platte auch einiges zu entdecken, was die Halbwertszeit deutlich erhöht. Wenn man unbedingt ein Haar in der Suppe finden möchte, wären das wohl die manchmal allzu ausufernden Wiederholungen der Refrains (z. B. in am Ende von „Babylon“). Weil die aber sehr gut geschrieben sind, hält sich der Ärger darüber in Grenzen – zu Abnutzungserscheinungen kann es aber mitunter schon führen.

Sehr, sehr schön gemacht, Edguy!

Gesamteindruck: 7/7 


NoTitelLängeNote
1The Healing Vision1:115/7
2Babylon6:107/7
3The Headless Game5:316/7
4Land of the Miracle6:327/7
5Wake Up the King5:437/7
6Falling Down4:365/7
7Arrows Fly5:036/7
8Holy Shadows4:317/7
9Another Time4:074/7
10The Unbeliever5:476/7
11Theater of Salvation14:107/7
1:03:21

Edguy auf “Theater of Salvation” (1999):

  • Tobias Sammet − Vocals, Keyboards
  • Jens Ludwig − Guitars, Backing Vocals
  • Dirk Sauer − Guitars, Backing Vocals
  • Tobias Exxel − Bass
  • Felix Bohnke − Drums
Bild von: metal-archives.com

Anspieltipp 1: Babylon
Anspieltipp 2: Theater of Salvation
Anspieltipp 3: Land of the Miracle

FilmWelt: Godzilla vs. Kong

„Godzilla vs. Kong“ ist der vierte Film aus dem mittlerweile als „MonsterVerse“ bekannten Franchise und markiert – wie anhand des Titels leicht zu erraten ist – das Aufeinandertreffen der zwei wohl bekanntesten Kreaturen der Filmgeschichte. Auf dieses epische Gefecht wurde seit dem Start der Reihe (2014) hingearbeitet. Und eigentlich hätte vorliegender Blockbuster schon 2020 in die Kinos kommen sollen, aufgrund der Covid-19-Pandemie mussten sich die Fans allerdings ein ganzes Jahr gedulden, bis es im Sommer 2021 endlich soweit war.

Gesamteindruck: 3/7


Kampf der Giganten.

Wenn man diesen Film bewerten will, läuft im Endeffekt alles auf eine Frage hinaus: Was erwartet man sich von einem Streifen, der „Godzilla vs. Kong“ heißt? Die kurze Antwort: Genau das, was der Titel verspricht, nämlich zünftige Monster-Action mit einem epochalen Ausmaß an Zerstörung. Das bietet der Film auch, womit diese Rezension eigentlich schon wieder zu Ende sein könnte. Wer also tatsächlich nur sehen möchte, wie sich Affe und Echse den Schädel einschlagen, kann zu obiger Wertung gerne ein oder zwei Punkte addieren und braucht nicht unbedingt weiterzulesen. Wer aber wissen möchte, wieso mein Gesamteindruck trotz bravouröser Erfüllung des Produktversprechens nicht so rosig ausfällt, muss sich ein paar Minuten Zeit nehmen.

Worum geht’s?
Skull Island, Heimat des Riesengorillas King Kong, wurde durch den Monarch-Konzern in ein völlig von der Außenwelt abgeschirmtes Habitat verwandelt, das dem stetig wachsenden Primaten langsam zu eng wird. Im Gegensatz dazu streift die riesige Echse Godzilla frei durch die Weltmeere und ist immer noch gefeierter Held der Menschheit. Bis sich das Ungetüm plötzlich entschließt, an Land zu gehen und eine Forschungseinrichtung der High Tech-Firma Apex Cybernetics dem zu Erdboden gleichzumachen. Jenes Unternehmen würde zu gern eine mächtige Energiequelle in die Hände bekommen, die in der Heimat der Monster, der Hohlerde, vermutet wird. Um dorthin zu gelangen, wird wiederum die Hilfe von King Kong benötigt, den man prompt aus seinem Habitat holt, um ihn zum Eingang ins Erdinnere zu bringen. Das erweckt die Aufmerksamkeit von Godzilla, der keineswegs vorhat, seine Stellung als König der Monster kampflos aufzugeben…

„Lasst sie kämpfen“ hat ein kluger Mann (Ken Watanabe alias Dr. Ishiro Serizawa in „Godzilla“, 2014) einst gesagt. Besser könnte man nicht beschreiben, wo die Stärken und Schwächen von „Godzilla vs. Kong“ meines Erachtens liegen. Zunächst das Gute: Sie kämpfen. Und das auf durchaus sehenswerte Weise, denn die Spezialeffekte sind wirklich vom Feinsten. Zwei große Kämpfe der Titelfiguren gibt es im Film, beide unterscheiden sich stark genug, um nicht langweilig zu werden – und vor allem sind beide ausgezeichnet choreographiert (wenn man das bei computergenerierten Ungeheuern überhaupt so nennen kann). Die Zerstörungen, die dabei angerichtet werden, sind entsprechend ihren Ausmaßen natürlich verheerend, was für Freunde des gepflegten Katastrophenfilms ein wahrer Augenschmaus ist. Begleitet wird das brutale Treiben von einer ohrenbetäubenden Soundkulisse, an der es wenig bis nichts auszusetzen gibt. Im Übrigen steht es dem Film gut zu Gesicht, Kong als Außenseiter, aber auch schlaueren der beiden Rivalen zu stilisieren, während Godzilla schlicht seinen Instinkten zu folgen scheint. Das hat schon ein bisschen was von einem Kampf Mensch gegen unbändige Natur, eine Darstellung, die im ersten Moment sehr klischeehaft scheint, aber eigentlich dennoch ganz gut passt. Alles in allem: Daumen hoch, selten in der Filmgeschichte hat ein so epochaler Kampf die in ihn gesetzten Erwartungen dermaßen gut erfüllt.

Kurz zum Hintergrund: „Godzilla vs. Kong“ ist nicht das erste Aufeinandertreffen der wohl ikonischsten Monster der Filmgeschichte. Bereits 1962 ließ der legendäre „Godzilla“-Schöpfer Ishirō Honda die gigantischen Kreaturen in „Die Rückkehr des King Kong“ gegeneinander kämpfen. Dass es seither zu keinem derartigen Gipfeltreffen mehr gekommen ist, mag im ersten Moment seltsam erscheinen. Der Wille war da, vor allem aus Japan – es scheiterte aber letztlich immer an der dafür notwendigen Verleihung der Rechte. Jahrzehnte später scheint dieses Problem aus der Welt geschafft, was eben den Start der amerikanischen MonsterVerse-Reihe mit „Godzilla“ (2014) ermöglichte, während in Japan mit dem (sehr starken) „Shin Godzilla“ 2016 ein eigener Reboot gestartet wurde (ob es damit weitergeht ist zum Zeitpunkt dieser Rezension unklar, allerdings wäre es theoretisch möglich, denn ein entsprechender Vertrag mit den amerikanischen „Godzilla“-Machern Legendary Entertainment, der genau das ausschloss, endete mit „Godzilla vs. Kong“).

Was mich alles stört.

Woran hapert es also, wenn der Film das, was man von ihm erwartet, geradezu perfekt macht? Nun, „Lasst sie kämpfen“ ist eine Medaille mit zwei Seiten: Man sollte nämlich auch erklären, warum (bzw. worum) gekämpft wird. Tut man das nicht, hat man so etwas wie „Celebrity Deathmatch“ (die ganz alten werden sich erinnern…), was nett ist, aber nicht für einen abendfüllenden Blockbuster reicht. Ein Mindestmaß an interessanter Story und Charakteren wäre dafür zumindest wünschenswert. Das war übrigens schon bei den alten „Godzilla“-Filmen aus Japan so, die immer dann besonders gut waren, wenn sie auf eine Botschaft und/oder halbwegs kantige (menschliche) Figuren setzten. „Godzilla vs. Kong“ lebt hingegen, wie schon seine Vorgänger, praktisch nur vom Spaß an der Freud‘. Das bisschen Botschaft (die Unkontrollierbarkeit der Natur), das der Film zu vermitteln versucht, ist kaum der Rede wert.

Gleiches gilt für die menschlichen Charaktere, die bereits in „Godzilla II: King of the Monsters“ (2019) zur austauschbaren Staffage geworden sind. Daran ändert dieses Sequel trotz krampfhafter Bemühungen, das Problem ab und an mal mit Humor zu übertünchen, nichts. Ob man das den Schauspielern anlasten kann, ist fraglich; man merkt einfach an allen Ecken und Enden, dass das Drehbuch auf eine epische Schlacht ausgelegt ist. Der ganze Rest wirkt auf mich wie eine höchst lästige, aber leider notwendige Pflicht. Nur so lässt sich aus meiner Sicht der hanebüchene Unsinn erklären, den die Autoren Eric Pearson und Max Borenstein als „Story“ gemeinsam mit Regisseur Adam Wingard über das Publikum hereinbrechen lassen. Ich selbst habe „Godzilla vs. Kong“ übrigens im Kino gesehen, was in zweifacher Hinsicht ein Erlebnis war: Einerseits wirkt der Schlagabtausch der kolossalen Viecher auf der großen Leinwand in 3D und mit entsprechendem Sound unglaublich intensiv. Andererseits gab es immer wieder spontanes Gelächter von den Rängen, wenn ein besonders an den Haaren herbeigezogener Einfall über die Leinwand flimmerte.

Ich weiß, ich weiß: Bei solchen Filmen sollte es eigentlich heißen Augen und Ohren auf, Hirn aus. Nur wollte mir das in diesem Fall so gar nicht gelingen, weil ich einfach nicht verstehen kann, dass man dermaßen viele Dummheiten darin unterbringen musste. Ein Beispiel ist die wohl blödeste Idee des vorangegangenen Films, die ich in meiner entsprechenden Rezension auch als solche gewürdigt habe: Die Hohlerde, die man nicht nur erneut aufgreifen, sondern gleich als absolutes Schlüsselelement platzieren musste (wenigstens ist die Darstellung derselben durchaus gelungen, wenngleich man sich fragt, woher dort das Licht kommt – aber ich schweife ab). Oder: Was soll das mit dem Schädel von Ghidora, dem Antagonisten aus „Godzilla II: King of the Monsters“, der zur telepathischen (!) Steuerung eines Roboters dient? „Seine Hälse waren so lang, dass seine Köpfe telepathisch miteinander kommuniziert haben“… ja, genau. Gaaanz großartiger Twist. Nicht.

Neben solchen Lächerlichkeiten gibt es auch ein paar kleinere Fragezeichen – darunter Probleme wie die ständig wechselnde Größe der monströsen Protagonisten (mal passen beide auf einen Flugzeugträger, dann sind sie wieder so hoch wie ein Wolkenkratzer), den scheinbar aus dem Nichts entwickelten technischen Möglichkeiten (die aber nicht ausreichen, um einen Titanen ernsthaft zu verletzen), die „U-Bahn“ von Florida nach Hongkong (!) oder die Tatsache, dass ein paar jugendliche Podcast-Hörer sich problemlos und ohne erwischt zu werden in einem Hochsicherheitstrakt bewegen können.

Spannung? Fehlt leider (auch).

Man sieht schon: Mir hat das ganze Drumherum nicht gefallen. Dazu stehe ich. Das soll im Übrigen nicht heißen, dass jeder der dutzenden japanischen „Godzilla“-Streifen eine Offenbarung war, denn das ist beileibe nicht so. Ich finde es aber sehr schade, in welche Richtung sich dieses Filmuniversum nach den wirklich guten „Godzilla“ (2014) und „Kong: Skull Island“ (2017) bewegt hat. Vielleicht ist das MonsterVerse selbst sogar der Grund dafür: Es mag von Anfang an als Produkt, als Franchise wie man das heute so schön nennt, konzipiert worden sein; dennoch finde ich, dass in den zwei Auftaktfilmen eine Menge Herzblut steckte. Das ist mit „Godzilla 2“ verloren gegangen und wurde wohl endgültig Ideen untergeordnet, die den größten kommerziellen Erfolg versprechen. Dazu kommt, dass man sich mit dem MonsterVerse selbst ein bisschen in die Ecke manövriert hat: Alles muss zusammenhängen und eine halbwegs kongruente Story erzählen, was aber scheinbar nur noch über möglichst haarsträubend konstruierte Prämissen gelingt – eben weil die Zeit zu fehlen scheint, vernünftig darüber nachzudenken, was die Titanen wirklich bedeuten könnten. Überflüssig zu erwähnen, dass mir diese Herangehensweise nicht zusagt. Denn eigentlich würde mir eine zusammenhängende Reihe gut gefallen – aber bitte nicht so, sondern zumindest ein bisschen realistischer und mit wenigstens ein oder zwei memorablen (menschlichen) Charakteren. Es ist fast schon gemein, wie das MonsterVerse eine tiefgründige Welt anteasert – und nichts daraus macht.

Im Übrigen ist der Film nur bis zu einem gewissen Grad spannend. Schuld daran sind neben dem sub-optimalen Drehbuch vor allem zwei Faktoren: Die Titanen wirken allesamt praktisch unkaputtbar. Egal, was ihnen passiert, sie tragen so gut wie nie auch nur einen Kratzer davon, was nicht gerade dazu beiträgt, dass man wirklich mitfiebert bzw. jemals meint, das ein Kampf tödlich ausgehen könnte (was im Finale passiert ist übrigens recht früh vorhersehbar).

Zweiter Grund ist die vollkommen oberflächliche Art, wie in den zwei jüngsten MonsterVerse-Filmen mit Menschen umgegangen wird. Damit meine ich nicht den angesprochenen eklatanten Mangel an Charakteren, sondern spreche von einer generellen Problematik: Speziell Godzilla ist ein echter Zerstörer; denkt man darüber nach, was die Echse in „ihren“ drei MonsterVerse-Auftritten für Verheerungen angerichtet hat, fragt man sich, wie der Bursche von den Figuren im Film überhaupt bewundert werden kann. Das müssen jedes Mal zigtausende Tote gewesen sein, die auf sein Konto gehen, was man aber nie zu sehen bekommt. In „Godzilla 2“ wird dieses Thema zumindest angedeutet, daraus gemacht wird aber nichts – und in „Godzilla vs. Kong“ spielt es überhaupt keine Rolle mehr. Schon klar, die Titanen sind die Stars der Filme – aber als Zuseher identifiziert man sich schon auch mit den winzigen Menschlein, die von ihnen in Massen zerschmettert werden. Weil es aber keinen nennenswerten menschlichen Charaktere gibt, ist das fast egal – wahrscheinlich thematisiert es der Film genau deshalb auch nicht, obwohl es meines Erachtens deutlich mehr Drama und Spannung bringen würde. Aber hey, was weiß ich schon. 😉

Empfehlung: Hirn aus. Und zwar komplett.

Was unterm Strich bleibt, ist ein Film, dessen Kampfszenen unterhalten und begeistern, der abgesehen davon aber nichts zu bieten hat, das auch nur ansatzweise intelligent wäre. Im Gegenteil, wenn man es genau nimmt, ist „Godzilla vs. Kong“ eine Beleidigung für den Intellekt jedes Zuschauers. Nicht, weil die Vorstellung gigantischer Kreaturen, die gegeneinander kämpfen, per se dumm ist – nein, nur, weil alles, was der Film dazwischen erzählt, eine Aneinanderreihung von Peinlichkeiten ist. Man hätte wohl besser versucht, sie tatsächlich einfach kämpfen gelassen – womit wir wieder beim „Celebrity Deathmatch“ wären – statt krampfhaft an einem Universum festzuhalten, das kläglich daran scheitert, den Eindruck von Tiefe zu simulieren. Oder man hätte sich Zeit nehmen sollen, die Zusammenhänge in sich stimmig und halbwegs glaubhaft zu erklären. So ist „Godzilla vs. Kong“ eine merkwürdige Mischung aus verkrampft und beeindruckend. Und damit kann ich nur eine Empfehlung wiederholen: Augen und Ohren auf, Hirn (komplett) aus! Wenn man das schafft, mag der Film wirklich sehr unterhaltsam sein. Mir ist es leider (?) nicht gelungen.

Drei Punkte für die Monster-Action. Und zwar nur dafür.

Gesamteindruck: 3/7


Originaltitel: Godzilla vs. Kong.
Regie:
Adam Wingard
Drehbuch: Max Borenstein, Eric Pearson
Jahr: 2021
Land: USA
Laufzeit: ca. 115 Minuten
Besetzung (Auswahl): Alexander Skarsgård, Mille Bobby Brown, Rebbeca Hall, Brian Tyree Henry, Kaylee Hottle



FilmWelt: Being John Malkovich

Es ist kaum zu glauben: Obwohl anno 1999 in meiner Umgebung sehr häufig und nur im positiven Sinne über „Being John Malkovich“ gesprochen wurde, habe ich es erst über 20 Jahre später geschafft, mir diesen mittlerweile zum Kult avancierten Film erstmals anzusehen. Und ich bin mir sicher: Meinem damaligen Ich hätte diese Groteske ganz ausgezeichnet gefallen. Aber auch aus heutiger Sicht hat eine der verrücktesten Ideen, die jemals im Mainstream-Kino gezeigt wurden, nichts von ihrem Charme eingebüßt.

Gesamteindruck: 6/7


„Treffen wir uns in Malkovich.“

Ich muss zugeben, dass es mir schwerfällt, eine Rezension zu „Being John Malkovich“ zu schreiben. Allein schon die Zuordnung zu einem Genre ist nicht eindeutig zu treffen: Über weite Strecken ist der Film ausgesprochen witzig (und das nicht immer nur auf intelligente Art), eine Komödie im eigentlichen Sinne ist er aber nicht. Hinzu kommen eine Reihe tragischer, philosophischer, aber auch romantischer Momente, garniert mit Satire und ein wenig Mystery. Im ersten Moment klingt das nach einem ziemlich wilden Mix; ist es auch, interessanterweise greifen die Elemente jedoch ausgezeichnet ineinander, sodass letztlich alles wie aus einem Guss wirkt.

Worum geht’s?
Der abgehalfterte Puppenspieler Craig Schwartz hat keine Wahl: Er braucht einen richtigen Job und beginnt als Aktensortierer im 7 ½ (!) Stock eines Bürogebäudes in New York. Dort bemerkt er eines Tages eine kleine, versteckte Tür, hinter der sich ein dunkler Gang verbirgt, der wiederum direkt in den Kopf von John Malkovich führt. 15 Minuten lang kann man auf diese Weise den Schauspieler durch dessen eigene Augen beobachten. Eine sensationelle Entdeckung, an deren kommerzielle Ausbeutung sich Schwartz und seine Flamme Maxine bald machen

Ich hätte gerne die Gesichter gesehen, als Drehbuchautor Charlie Kaufman mit dieser Story bei Produzenten und Regisseuren vorsprach. Vor allem aber die Reaktion eines gewissen John Malkovich auf das Drehbuch muss sehenswert gewesen sein, war der US-Schauspieler bis dahin doch vorwiegend für ernste Rollen bekannt. Dass er tatsächlich angenommen hat und sich selbst spielt, ist schon bemerkenswert; andererseits war und ist Malkovich einer der wandlungsfähigsten Darsteller überhaupt, von daher könnte ich mir vorstellen, dass er dieses Experiment als hochinteressante Herausforderung gesehen haben mag. Wie dem auch sei – der Meister hat zugesagt, was den Film, der trotz seines Namens vielleicht auch ohne ihn genauso gedreht worden wäre, ordentlich Schub nach vorne gebracht hat.

Was ist Identität – und andere Fragen.

Inhaltlich lässt „Being John Malkovich“ meiner Meinung nach diverse Lesarten zu. Speziell die Bedeutung von Identität ist ein Thema, das in der auf den ersten Blick so skurrilen Geschichte auf sehr komplexe Weise behandelt wird. Ich persönlich verstehe den Film übrigens vor allem als eine Version von „Kleider machen Leute“: Der talentierte, aber völlig unbekannte Puppenspieler kommt erst zu Erfolgen im Job und in der Liebe, als er durch schieren Zufall den Körper (und Namen) eines berühmten Schauspielers übernehmen kann. Bei näherer Betrachtung eine ausgesprochen traurige Geschichte, die zeigt, dass oft nur zählt, wie man heißt – und nicht, was man kann.

Aber auch, wenn man keine Lust hat, „Being John Malkovich“ hoch philosophisch zu betrachten, sollte man dem Film eine Chance geben. Er ist spannend, witzig und hat nur kleine Längen (die letztlich die 7-Sterne-Wertung verhindern). Vor allem aber sind die Schauspieler bestens aufgelegt. Allen voran natürlich John Malkovich, der hier zwei Rollen spielt: Zunächst eine Version seiner selbst, den leicht verschrobenen, etwas abgehobenen aber dennoch sympathischen Schauspieler (ich frage mich ja, wie viel vom echten John Malkovich darin steckt). Und dann noch den von einem mittellosen und unglücklich verliebten Puppenspieler „besessenen“ Malkovich, der natürlich völlig anders agieren muss. Und als ob das alles nicht genug wäre, gibt es noch eine besonders absurde Szene, in der John Malkovich (also dessen alter ego im Film) selbst die Pforte benutzt. Was er in seinem eigenen Kopf erlebt setzt der Groteske wirklich die Krone auf, auch wenn die Szene nur wenige Minuten dauert. Nicht zum ersten Mal fragt man sich, was Malkovich (also der Reale) gedacht hat, als er diese Stelle im Drehbuch gelesen hat. Vielleicht „Malkovich?“ „Malkovich!“.

Angemerkt sei an dieser Stelle, dass auch die kaum zu erkennende Cameron Diaz und John Cusack als liebenswerter Verlierer, der sich mehr und mehr zum Egomanen entwickelt, ihre Sache ausgezeichnet machen. Mit Catherine Keener alias Maxine Lund bin ich hingegen nicht so richtig warm geworden, was wohl auch mit ihrer ziemlich unsympathisch angelegten Rolle zu tun hat. Aber sei’s drum, insgesamt wurden die Darsteller bestens ausgewählt. Gleiches gilt für den passend schrägen Soundtrack.

Fazit: Trotz hohen Skurrilitätsfaktors würde ich jedem empfehlen, sich „Being John Malkovich“ anzusehen. Das ist tatsächlich einmal ein Film, der das Prädikat „Kult“ verdient hat. Er ist witzig, er ist traurig, er regt zum Nachdenken an – und er ist auch spannend. Nur eines ist er definitiv nicht: Stangenware. Etwas wie das hier hat man vorher und naher nur ganz selten zu sehen bekommen. Daumen hoch für alle Beteiligten!

Gesamteindruck: 6/7


Originaltitel: Being John Malkovich.
Regie:
Spike Jonze
Drehbuch: Charlie Kaufman
Jahr: 1999
Land: USA
Laufzeit: ca. 110 Minuten
Besetzung (Auswahl): John Cusack, Cameron Diaz, Catherine Keener, John Malkovich, Orson Bean, Ned Bellamy



FilmWelt: The Visit

Schon merkwürdig: Wenn man den Wikipedia-Eintrag und die eine oder andere Rezension zu „The Visit“ (2015) liest, könnte man meinen, dass man es hier mit einem kleinen Meisterwerk zu tun hat. Und nicht nur das, es ist auch immer wieder vom Humor des Films die Rede, teilweise wird das Genre neben „Horror“ gar mit „Komödie“ angegeben. Mich lassen diese Zuschreibungen ehrlich gesagt etwas ratlos zurück.

Gesamteindruck: 4/7


Besuch (bei) der alten Dame.

„The Visit“ ist das Baby von M. Night Shyalaman, der nicht nur für Regie und Drehbuch verantwortlich zeichnet, sondern das Budget (angeblich um die 5 Millionen Dollar) aus eigener Tasche finanziert hat. Der Film gilt gemeinhin als eine Art Comeback des US-Regisseurs, der 1999 mit „The Sixth Sense“ einen Überraschungserfolg gefeiert hatte, an den er in den folgenden Jahren nicht mehr anknüpfen konnte.

Worum geht’s?
Die 15-jährige Rebecca und ihr 13-jähriger Bruder Tyler kennen ihre Großeltern nicht. Ihre alleinerziehende Mutter hatte den Kontakt noch vor der Geburt der Geschwister abgebrochen. Doch nun wollen die beiden eine Woche mit ihren Großeltern verbringen, um der Mutter ein wenig Zweisamkeit mit ihrem neuen Freund zu gönnen. Zwei Kameras sind im Gepäck, um dieses wichtige Ereignis dokumentarisch festzuhalten. Zunächst geht auch alles glatt – doch bald stellen die Kinder fest, dass die Großeltern offenbar dunkle Geheimnisse verbergen

Dass ich in der Inhaltsangabe die Kameras erwähnt habe, kommt nicht von ungefähr: „The Visit“ ist durchgehend im Mockumentary-Stil gedreht, der Zuschauer verfolgt das Geschehen also aus der Perspektive der Protagonisten. An dieser Stelle bekommt der gelernte „Blair Witch Project“-Fan häufig Bauchschmerzen, zu gekünstelt wirkt diese Erzählform häufig. Glücklicherweise verstehen es Regisseur und Darsteller in diesem Fall, die Kameras wie einen normalen Teil der Kulisse wirken zu lassen. Dabei wird glücklicherweise nicht so getan, als wären die Kameras nicht da (eine Falle in die der eine oder andere Found Footage-Film schon mal tappt); sie sind vielmehr Mittel zum Zweck und dienen, eben durch ihre auffällig-unauffällige Präsenz auf ganz spezielle Weise der Charakterisierung einzelner Figuren. Unglaubwürdige „Ausreden“ für das ständige Filmen werden in „The Visit“ jedenfalls nicht gesucht, was ich dem Regisseur hoch anrechne. Im Übrigen hat mich der Stil tatsächlich überrascht, im Trailer war das gar nicht so offensichtlich zu erkennen. Zum Glück ist die Umsetzung gut geworden, das hätte auch leicht nach hinten losgehen können.

Noch ein Wort zu den Darstellern: Die mir persönlich völlig unbekannten Mimen machen ihre Sache gut – was im Rahmen einer Mockumentary nicht selbstverständlich ist, zu sehr unterscheidet sich das Agieren in einem solchen Film von dem, was auf Schauspielschulen gelehrt wird. Die Figuren in „The Visit“ wirken jedenfalls wie normale Menschen, die etwas unbeholfen vor einer Kamera agieren – und nicht wie Schauspieler, die eben solche Normalos spielen. Speziell Olivia DeJonge (Rebecca) möchte ich hier hervorheben. Mir gefällt es ausgezeichnet, wie die junge Darstellerin ihrer Figur Leben und Tiefe verleiht. Interessanterweise nervt es auch nicht, dass die zwei Helden sehr jung sind. Das hat man definitiv schon anders erlebt – lediglich mit den Rap-Ambitionen von Tyler (insgesamt stark gespielt von Ed Oxenboluld) bin ich überhaupt nicht warm geworden.

Vermurkstes Finale.

Nach so viel Lob fragt man sich zurecht, was ich überhaupt an „The Visit“ auszusetzen habe – immerhin ist der Film handwerklich gut gemacht und stark gespielt. Leider gleicht das andere Schwächen, die sich Shyalaman erlaubt, nicht aus. So bleibt die Spannung zwar fast die gesamte Laufzeit über auf zumindest akzeptablen Niveau und sogar der Aha-Moment kurz vor Schluss geht in Ordnung. Im eigentlichen Finale ist aus meiner Sicht die Luft dann jedoch so sehr raus, dass damit das Potenzial, das „The Visit“ die ganze Zeit über andeutet, verpufft. Überhaupt ist die Story, die der Regisseur und Drehbuchautor erzählt, relativ konventionell. Sie lebt vor allem von der speziellen Perspektive und dem einen oder anderen Jumpscare Hat man sich daran sattgesehen, muss man konstatieren, dass sich „The Visit“ zeitenweise ganz schön hinzieht.

Was ich, wie eingangs erwähnt, nicht nachvollziehen kann, sind Aussagen, die „The Visit“ einen deutlichen (!) Hang zur Komödie bescheinigen. Ich musste ehrlich gesagt zu keinem Zeitpunkt richtig loslachen. Es gibt ein paar Szenen, in denen man ein wenig schmunzelt, aber das reicht mir persönlich nicht, um den Film in die Schublade „Horrorkomödie“ zu stecken. Oder verstehe ich den Humor einfach nicht bzw. habe ich alles, was ich gesehen habe, zu ernst genommen? Aber selbst wenn dem so ist, zeigt das meiner Ansicht nach nur, dass „The Visit“ als Komödie nicht funktioniert, falls der Film überhaupt jemals als solche gedacht war; daher sage ich es nochmal in aller Deutlichkeit: Für mich ist vorliegender Streifen ein ganz klassischer Horrorfilm, der definitiv unterhält, jedoch auf keinen Fall eine Komödie ist.

Fazit: Wie in der Einleitung dieser Rezension angedeutet, verstehe ich nicht so richtig, wieso einige zeitgenössische Kritiker dermaßen überschwänglich auf „The Visit“ reagiert haben. Kann es sein, dass man dafür die Filmografie und/oder den persönlichen Werdegang von Shyalaman besser kennen muss, als ich es tue? Wenn dem so ist: Schade, aber ich bin der Meinung, dass ein guter Film auch ohne die Biografie seines Regisseurs für den Zuschauer funktionieren muss. Womit ich nicht sagen will, dass „The Visit“ nicht funktioniert; meiner Ansicht haben wir es hier jedoch „nur“ mit einem sehr soliden, aber keineswegs überragenden Horrorfilm zu tun.

Gesamteindruck: 4/7


Originaltitel: The Visit.
Regie:
M. Night Shyamalan
Drehbuch: M. Night Shyamalan
Jahr: 2015
Land: USA
Laufzeit: ca. 95 Minuten
Besetzung (Auswahl): Olivia DeJonge, Ed Oxenbould, Kathryn Hahn, Deanna Dunagan, Peter McRobbie