BuchWelt: „Southern Reach Trilogie“ – Zusammenfassende Bewertung

Jeff VanderMeer


Für den Auftaktroman zur „Southern Reach Trilogie“, „Auslöschung“, räumte Autor Jeff VanderMeer 2014 die Hugo- und den Shirley Jackson-Awards für die beste Novelle ab. Die Trilogie als Ganzes wurde 2015 für den World Fantasy Award und 2016 für den Kurd-Laßwitz-Preis nominiert. Für jedes der drei „Southern Reach“-Bücher gibt es eine Vielzahl an positiven Rezensionen und viel Lob von Schriftsteller-Kollegen, darunter z.B. auch Stephen King. Warum gibt es hier also nur zwei Punkte für eine Trilogie, die in der Öffentlichkeit derart positiv aufgenommen wurde?

Gesamteindruck: 2/7


Anstrengend, frustrierend und unbefriedigend.

In der „Southern Reach Trilogie“ geht es um Themen, die man so ähnlich aus anderen Werken kennt. So erinnert zB. Area X, ein durch einen unbekannten Vorgang kontaminiertes Gebiet, an die Zone der Strugatzki-Brüder, während die gnadenlose Offenlegung der Grenzen unserer Wissenschaft an „Solaris“ von Stanislaw Lem denken lässt. Und auch die Art der Erzählung kommt dem erfahrenen Leser bekannt vor – so denkt man stellenweise sehr intensiv an H.P. Lovecraft, dazwischen gibt es viel Stephen King und ab und an ein bisschen Michael Crichton. Das alles zusammen sollte eigentlich ein gutes Gesamtwerk ergeben.

Leider ist dem meines Erachtens überhaupt nicht so. Im Gegenteil, trotz des geringen Umfanges (insgesamt rund 1.000 Seiten, annähernd gleichmäßig verteilt auf die drei Bücher) gestaltet sich die Lektüre sehr zäh. Vor allem der Abschlussband, „Akzeptanz“, hat es diesbezüglich in sich und zieht die Gesamtwertung noch einmal deutlich nach unten. Doch warum ist das so? Ich konnte dafür folgende Gründe ausmachen:

  • Klappentext verspricht etwas Anderes: Natürlich kann und sollte man ein Buch nicht nach seinem Äußeren – zu dem letztlich auch der Klappentext gehört – beurteilen. Und doch ist es so, dass genau an dieser Stelle Erwartungen geweckt und Vorfreude geschürt werden. Im Falle der vorliegenden Trilogie ist es so, dass die Klappentexte zwar inhaltlich einigermaßen zutreffen (zumindest bei Teil 1 und 2), gleichzeitig aber nur einen minimalen Ausschnitt dessen wiedergeben, was in den Büchern tatsächlich passiert. Ob dieses Problem, das wohl eher beim Verlag als beim Autor anzusiedeln ist, irgendwie befriedigend zu lösen gewesen wäre, weiß ich nicht – Fakt ist jedoch, dass genau daraus ein Teil meiner persönlichen Enttäuschung resultiert.
  • Stilistische Inkonsistenz: Verschiedene Perspektiven auf eine Geschichte sind grundsätzlich zu begrüßen. In der „Southern Reach Trilogie“ entsteht genau daraus allerdings ein Problem: Mit den Perspektiven ändert sich der Schreibstil. „Auslöschung“ ist in der Ich-Form geschrieben, „Autorität“ aus Sicht eines Erzählers und „Akzeptanz“ eine Mischung aus zweiter („Du-Form“) und dritter Person. Vor allem in „Akzeptanz“ wird das zum Problem und macht das Werk sehr schwer lesbar und extrem zäh.
  • Inhaltliche Zerfahrenheit: Hauptanlass zur Kritik ist die inhaltliche Zerfahrenheit. Im Wesentlichen bedeutet das, dass die Idee gut ist, die Umsetzung nicht. Die Story ist sehr dünn und will entsprechend erst einmal ausgemacht werden. Die Romane zeigen ja durchaus eine Entwicklung der Charaktere auf (die zum Zeitpunkt der Handlung bereits abgeschlossen ist). Es geht im Prinzip nur darum, wie die Personen zu dem wurden, was sie sind. Area X? Interessiert nur am Rande; findet zwar immer wieder Erwähnung, wird aber nicht vorangetrieben.
  • Geringer Erkenntnisgewinn: Letztlich muss man sich nach der Lektüre fragen, was das Ganze eigentlich soll. Die einzige Erkenntnis scheint zu sein, dass die Wissenschaft durchaus an ihre Grenzen stoßen kann. Keine neue Idee, das wurde schon in vielen anderen Büchern auf lesenswertere Weise diskutiert. Es stellt sich auch die Frage, wozu die relativ mühselige und aufwändige Charakterentwicklung – abgesehen von reinem Selbstzweck – letztlich dient. Denn dass z.B. „Control“ so ist, wie er ist, spielt für den Ausgang der Geschichte nur eine sehr marginale Rolle. Das alles wäre nur dann sinnvoll, wenn das Ziel gewesen wäre, mehr oder weniger normale Menschen in eine unmögliche Situation zu bringen und sie genau so reagieren zu lassen, wie wir es wohl alle täten – nämlich gar nicht. Zumindest nicht im Sinne des Versuchs, eine Erklärung für Area X zu finden. Nun mag es Leser geben, die genau auf so einen Ansatz gewartet haben. Ich gehöre definitiv nicht dazu.

Somit ist klar, dass es für die Trilogie keine bessere Wertung geben kann. Ich wollte die drei Bücher wirklich mögen, aber allein die Qual, „Akzeptanz“ wirklich zu Ende zu lesen, hat bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen. Zwei Punkte gibt es, weil Band 1 und 2 durchaus ihre Momente haben. Das ist aber auch schon alles, was ich positiv über die „Southern Reach Trilogie“ sagen kann.

Einzelwertungen:

  1. Southern Reach Trilogie 1: Auslöschung: 3/7
  2. Southern Reach Trilogie 2: Autorität: 3/7
  3. Southern Reach Trilogie 3: Akzeptanz: 1/7

Gesamteindruck: 2/7


Autor: Jeff VanderMeer
Umfang: 3 Bände, ca. 1.000 Seiten
Originaltitel:
 Southern Reach Trilogy.
Gelesene Sprache: Deutsch


 

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BuchWelt: Akzeptanz

Jeff VanderMeer


„Akzeptanz“ ist Buch 3 der „Southern Reach Trilogie“, geschrieben vom US-amerikanischen Autor Jeff VanderMeer. Auf WeltenDing werden nach und nach Rezensionen zu allen 3 Bänden veröffentlicht, abschließend gibt es eine Gesamtbewertung der Trilogie. Wer eine Kaufempfehlung möchte, sollte also bis dahin warten.

Gesamteindruck: 1/7


Bankrotterklärung einer Serie.

„Akzeptanz“ ist im Licht der Gesamtentwicklung der „Southern Reach Trilogie“ ein merkwürdig passender Titel. Denn spätestens, wenn man diesen dritten und finalen Band der Reihe liest, sollte man akzeptiert haben, dass die Trilogie so ist, wie sie eben ist. „Akzeptanz“ ist allerdings noch einmal extremer als seine Vorgänger. Die waren bereits zerfahren und ließen einen roten Faden nur erahnen. Das Finale setzt noch einen drauf und ist – soweit lehne ich mich einfach mal aus dem Fenster – für normale Lesegewohnheiten kaum noch erträglich – oder verstehe ich das alles nur nicht? So oder so, sowohl unterhaltsam als auch tiefsinnig gehen meines Erachtens anders.

Inhalt in Kurzfassung
Area X ist ein Landstrich, auf dem merkwürdige Dinge vorgehen und der sich seit Jahren jeglicher Erforschung widersetzt. Expeditionen wurden hineingeschickt und kehrten nicht zurück. Oder sie kehrten zurück, konnten aber nichts zur Lösung des Rätsels beitragen. Die Fragen sind dabei immer die gleichen: Was ist Area X? Wodurch ist Area X entstanden? Was geht dort vor sich? In „Akzeptanz“ trifft sich eine Reihe bereits bekannter Protagonisten innerhalb der Zone, um endlich die Geheimnisse zu lösen.

Der tatsächliche Inhalt, den ich hier in Kurzform versucht habe, wiederzugeben, weicht sehr stark vom Klappentext ab, in dem eine neue Expedition á lá „Auslöschung“ suggeriert wird. Man muss sich an dieser Stelle fragen, warum das so ist – es sei denn, es wäre ein letzter Versuch, auch mit „Akzeptanz“ noch Leser zu gewinnen, die vielleicht nur dieses Buch im Regal sehen und sich dann gleich die ganze Trilogie kaufen. Wie auch immer: Der erfahrene „Southern Reach“-Leser weiß, was auf ihn zukommt. Die interessante Prämisse von Area X, die leider komplett von pseudo-philosophischem Geschwafel überdeckt wird. Klingt hart? Mag sein, aber leider ist es genau das, was ich beim Lesen von „Akzeptanz“ empfunden habe, mehr noch als bei seinen Vorgängern.

Rein stilistisch gibt es eine große Neuerung: War „Auslöschung“ noch komplett aus Sicht einer einzigen Person geschrieben und behandelte in „Autorität“ ein anonymer Erzähler sozusagen die Gegenseite, ist „Akzeptanz“ eine krude Mischung daraus. Das Buch greift die Protagonisten, die bisher in der Trilogie vorgestellt wurden (Ghostbird, Control, die Direktorin) heraus und widmet ihnen abwechselnd Kapitel. Als neue Person kommt der Leuchtturmwärter, der bisher nur am Rande Erwähnung fand, hinzu.

Unglaublich zähe Lektüre.

Es gibt dabei durchaus wichtige und interessante Zusammenhänge, die offenbart werden. Das kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass „Akzeptanz“ so zerfleddert und fragmentiert wirkt, dass „Autorität“ dagegen wie ein Ausbund an schriftstellerischer Kunst erscheint. Das hat meiner Meinung nach zwei Gründe: Erstens sind die Einzelkapitel in „Akzeptanz“ von höchst unterschiedlicher Güte. Mal passiert tatsächlich etwas Essenzielles und wird auch gut erzählt, dann wieder langweilt Autor Jeff VanderMeer mit Betrachtungen, bei denen man das Gefühl hat, dass sie Wort für Wort aus Band 1 und/oder 2 kopiert wurden (wo sie auch schon genervt haben). Zweitens ist der Schreibstil der Kapitel sehr unterschiedlich. Ich weiß nicht, ob manche Kritiker das als künstlerisch wertvoll ansehen – ich finde es schlicht und einfach misslungen, vor allem die in der Du-Form geschriebenen Teile der Direktorin sind eine Zumutung.

Abgesehen von diesen Unzulänglichkeiten gelingt es dem Autor nicht, die Trilogie befriedigend abzuschließen. Ja, Erkenntnisgewinn ist in „Akzeptanz“ vorhanden. Allerdings so versteckt und verklausuliert, dass sich nur wenige Leser die Mühe machen werden, überhaupt so lange durchzuhalten. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass das Ende offen ist, das ist allerdings bei anderen Büchern ebenso der Fall und per se kein Beinbruch. Im Falle von „Akzeptanz“ wirkt es aber so, als hätte VanderMeer selber nicht gewusst, wohin er will, als hätte er keinerlei Idee gehabt, wie er die von ihm geschaffene Welt erklären kann. Das mag aus Sicht der Protagonisten tatsächlich so sein – einen Leser kann es aber nicht zufriedenstellen, auch weil die kleinen Puzzlesteine fehlen, die vielleicht die Fantasie anregen würden.

Somit ist „Akzeptanz“ eine noch schwierigere Angelegenheit als seine Vorgänger. Ich würde sogar soweit gehen, dieses Buch als Bankrotterklärung einer Reihe, in der von Anfang an der Wurm drin war, zu bezeichnen. Sehr schade, aber die sich wie Kaugummi ziehende Lektüre von „Akzeptanz“ ist in meinen Augen tatsächlich Zeitverschwendung.

(c) Knaur

Gesamteindruck: 1/7


Autor: Jeff VanderMeer
Originaltitel: Acceptance – Southern Reach Trilogy 3.
Erstveröffentlichung: 2014
Umfang: ca. 340 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Taschenbuch

BuchWelt: Autorität

Jeff VanderMeer


„Autorität“ ist Buch 2 der „Southern Reach Trilogie“, geschrieben vom US-amerikanischen Autor Jeff VanderMeer. Auf WeltenDing werden nach und nach Rezensionen zu allen 3 Bänden veröffentlicht, abschließend gibt es eine Gesamtbewertung der Trilogie. Wer eine Kaufempfehlung möchte, sollte also bis dahin warten.

Gesamteindruck: 3/7


Lahmer Blick hinter die Kulissen.

Die Lektüre von „Auslöschung“, des ersten Bandes der „Southern Reach Trilogie“, hinterließ mich als Leser einigermaßen ratlos. Zu vieles blieb offen und vage – und das nicht auf angenehme, die Fantasie anregende Weise – letztlich fehlte schlicht das Gefühl, dass „etwas Großes“ im Verborgenen lauern würde. Es ist also  wenig überraschend, dass ich mir vom zweiten Band, „Autorität“, zumindest ein wenig Aufklärung erhofft habe. Doch so einfach macht es Autor Jeff VanderMeer seinen Lesern nicht. Im Gegenteil, nur sehr wenige der losen Enden werden überhaupt aufgegriffen.

Inhalt in Kurzfassung
Die Regierungsbehörde Southern Reach versucht seit Jahren, das als Area X bekannte Gebiet, das durch ein unbekanntes Ereignis von einer unsichtbaren Grenze umschlossen wurde, zu erforschen. Nennenswerte Erfolge sind nicht zu verzeichnen, es bleibt trotz großem Einsatz an Menschen und Material ein Geheimnis, was im Inneren des Areals vor sich geht. In dieser Situation übernimmt ein ehemaliger Agent die Leitung der Behörde – er soll herausfinden, warum es keine Ergebnisse gibt und was bei der 12. und bislang letzten Expedition nach Area X schief gelaufen ist

Wenn man sich die Seitenzahl der einzelnen Bücher der Trilogie ansieht, wundert man sich, dass es überhaupt drei Bände gibt. Der Gesamtumfang hätte auch in einer längeren Erzählung leicht Platz gefunden. Erst wenn man nach Band 1 zu Band 2 greift, merkt man, warum das wohl keine Option war. Denn „Autorität“ unterscheidet sich inhaltlich und stilistisch gravierend von seinem Vorgänger.

Erkenntnisgewinn? Kaum vorhanden.

Am überraschendsten an „Autorität“ dürfte für die meisten Leser der Wechsel der Perspektive sein, der so aus dem Klappentext auch nicht hervorgeht. Anstatt weiter in das Innere von Area X einzutauchen und neue Erkenntnisse zu gewinnen, halten sich die Protagonisten meist in vermeintlich sicherer Entfernung auf. Ort der Handlung ist das Hauptquartier von Southern Reach, die Hauptperson ist der neue Direktor dieser Regierungsbehörde. Area X selbst erlebt der Leser im krassen Gegensatz zu „Auslöschung“ nur aus zweiter Hand – aus Videoschnipseln, Fotos und fragmentierten Berichten, die die Hauptfigur durchforstet, um sich in den neuen Job einzuarbeiten. Das Problem daran: Der Leser hat weiterhin kaum Erkenntnisgewinn. Es ist eher so, als hätte Autor Jeff VanderMeer versucht, den zermürbenden Alltag in einer von frustrierten Mitarbeitern dominierten Behörde zu dokumentieren. Das ist stellenweise sogar unterhaltsamer, als man annehmen möchte, hat letztlich aber kaum Relevanz.

Der Perspektivenwechsel ist übrigens doppelter Natur: Während in „Auslöschung“ die Biologin als Ich-Erzählerin auftritt und alles Erlebte sorgsam dokumentiert, beobachten wir den Direktor in „Autorität“ von außen, also aus der Sicht eines unpersönlichen Erzählers. Wobei dieser nicht wirklich allwissend ist, weil er sich einzig und allein auf „Control“ und dessen Schwierigkeiten fokussiert und man als Leser auch nur das hört und sieht, was ihm widerfährt. Wieso es dafür ein Ausbrechen aus der Ich-Perspektive gebraucht hat, erschließt sich mir nicht. A pro pos „Control“: Es ist meines Erachtens ein interessanter Ansatz, in „Autorität“ im Gegensatz zu „Auslöschung“ nicht nur Berufsbezeichnungen für die Figuren zu verwenden. So hat der Direktor einen normalen Namen, der er allerdings zugunsten seines alias kaum jemals genannt wird. Alle anderen Figuren tragen ebenfalls ganz gewöhnliche Namen. Das unterscheidet das Buch schon sehr stark von seinem Vorgänger und nimmt ihm etwas von dessen Alleinstellungsmerkmal.

Letztlich krankt „Autorität“ trotz anderer Grundvoraussetzungen an ähnlichen Problemen wie „Auslöschung“: Der Autor ergeht sich seitenlang in Beschreibungen des Gemütszustandes seiner Hauptfigur oder in Gründen, warum die Erforschung von Area X nicht vorankommt. Die Ränkespiele und Intrigen im Hintergrund mögen teilweise interessant sein – hat man die Lektüre beendet, fragt man sich dennoch nach dem Sinn des Ganzen. Denn eine Relevanz für die Haupthandlung sehe ich großteils nicht. Und genau deshalb ist „Autorität“ im Endeffekt ebenso unbefriedigend wie sein Vorgänger. Aufklärung gibt es in homöopathischen Dosen – zu wenig, um diesem Buch eine bessere Wertung zu geben.

(c) Knaur

Gesamteindruck: 3/7


Autor: Jeff VanderMeer
Originaltitel: Authority- Southern Reach Trilogy 2
Erstveröffentlichung: 2014
Umfang: ca. 370 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Taschenbuch

BuchWelt: Auslöschung

Jeff VanderMeer


„Auslöschung“ ist Buch 1 der „Southern Reach Trilogie“, geschrieben vom US-amerikanischen Autor Jeff VanderMeer. Auf WeltenDing werden nach und nach Rezensionen zu allen 3 Bänden veröffentlicht, abschließend gibt es eine Gesamtbewertung der Trilogie. Wer eine Kaufempfehlung möchte, sollte also bis dahin warten.

Gesamteindruck: 3/7


Wenig Spannung.

„Auslöschung“ erschien 2014 als Auftakt-Roman der „Southern Reach Trilogie“ und wurde unter anderem mit dem prestigeträchtigen Nebula Award ausgezeichnet. 2018 wurde das Buch unter gleichem Namen von Alex Garland verfilmt. All das klingt nach Qualität und auch der Klappentext weckt sofort Interesse. Was Autor Jeff VanderMeer letztlich abliefert, lässt beim Rezensenten jedoch höchst zwiespältige Gefühle und einige Fragezeichen zurück.

Inhalt in Kurzfassung
Area X ist ein Landstrich, der vor vielen Jahren durch ein unbekanntes Ereignis von einer unsichtbaren Grenze umschlossen wurde. Was genau im militärisch abgeriegelten Gebiet vor sich geht, ist auch für die zuständige Behörde Southern Reach nach wie vor ein Rätsel. Alle Expeditionen, die „hinein“ geschickt wurden, kehrten entweder gar nicht oder merkwürdig verändert zurück und konnten nichts zur Lösung des Geheimnisses beitragen. Weil sich das Gebiet aber auszudehnen scheint, müssen immer neue Freiwillige gefunden werden, die die Grenze überschreiten um Informationen zu beschaffen. Das ist auch der Auftrag der 12. Expedition, die aus vier Frauen besteht: Eine Psychologin, eine Vermesserin, eine Anthropologin und eine Biologin versuchen, das Unbegreifliche zu verstehen. Dabei geraten sie schnell selbst in den Bann von Area X.

Diese Inhaltsangabe wird jedem bekannt vorkommen, der „Picknick am Wegesrand“ gelesen hat. Die Zone, die sich jedem Verständnis entzieht, die gefahrvollen Expeditionen, die merkwürdigen Veränderungen – all das wurde von Arkadi und Boris Strugatzki bereits 1971 thematisiert. Stilistisch erinnert der aus Sicht der Biologin in der Ich-Form geschriebene Roman hingegen eher an die Werke von H.P. Lovecraft, von dem auch der eher unterschwellig verpackte Horror inspiriert sein dürfte. Schließlich sollte man bei den Einflüssen auch das Schaffen von Stanisław Lem, speziell „Solaris“, in dem die Grenzen der Wissenschaft ähnlich anschaulich aufgezeigt werden, nicht vergessen. All das ist selbstverständlich kein Grund für die mittelprächtige Bewertung – man darf sich ruhig bei den Besten bedienen, vor allem, wenn man es wie Jeff VanderMeer auf durchaus angemessene Art macht.

Erwartungen nicht erfüllt.

Wie so oft scheint das Problem eher bei den Erwartungen des Lesers zu liegen. Die Geschichte über ein von der Natur zurückerobertes Gebiet, in dem allerlei Unheimliches und Rätselhaftes passiert, ist gut gelungen und spannend umgesetzt – auch wenn eine Lösung freilich ausbleibt, so viel sei verraten. Allerdings ist „Auslöschung“ auch nur der Auftakt einer Trilogie, sodass erschöpfende Erklärungen gar nicht zu erwarten sind. Letztlich macht die Handlung, die man aufgrund der Inhaltsangabe erwartet, jedoch maximal die Hälfte der rund 240 Seiten aus. Der Rest ist eher eine Art Entwicklungsroman, in dem versucht wird, die Beweggründe der Hauptperson, sich der Expedition anzuschließen, zu erörtern. Grob gesagt wird die Hintergrundgeschichte dieser Figur in jedem zweiten Kapitel behandelt, immer abwechselnd zu den Ereignissen in Area X.

Diese Herangehensweise macht die Lektüre zerfahren und teilweise zäh. Denn so gerne man erfahren möchte, was das Geheimnis von Area X ist und so schnell sich die Abenteuer, die das Team dort erlebt, meist lesen, so zäh sind die Episoden, die sich mit dem Leben der Ich-Erzählerin beschäftigen. Ich möchte nicht sagen, dass alles davon schlecht ist, kann aber auch nicht verhehlen, dass weite Teile ihrer Geschichte schlicht langweilen. Ist man mit dem Buch durch, fragt man sich automatisch, ob die oft extrem detaillierten Beschreibungen des Vorlebens der Protagonistin überhaupt notwendig gewesen wären – für den Ausgang der Geschichte spielen sie keine Rolle, was für einen schalen Nachgeschmack sorgt.

Leider konnte ich auch mit dem sachlich-nüchternen Stil von „Auslöschung“ relativ wenig anfangen. Im Gegenteil, dadurch gestaltete sich die Lektüre für mich großteils sogar noch zäher. Im Endeffekt habe ich damit für die rund 240 Seiten länger gebraucht, als man erwarten kann. Und das ist nie ein gutes Zeichen.

(c) Knaur

Gesamteindruck: 3/7


Autor: Jeff VanderMeer
Originaltitel: Annihilation – Southern Reach Trilogy 1.
Erstveröffentlichung: 2014
Umfang: ca. 240 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Taschenbuch

BuchWelt: The Revenant – Der Totgeglaubte

Michael Punke


Der ausgezeichnete Film „The Revenant – Der Rückkehrer“ (2016, Hauptrolle: Leonardo DiCaprio) animierte mich, das (fast) gleichnamige Buch von Michael Punke zu lesen – schließlich basiert der Film auf eben jenem Werk. Leider kann die literarische Vorlage nicht ganz mit dem mithalten, was Regisseur Alejandro Gonzáles Iñárritu auf die Leinwand gezaubert hat.

Gesamteindruck: 4/7


Kurz und geradlinig.

Der Film „The Revenant“ zeigt die brutale, unnachgiebige Natur im nördlichen Amerika des 19. Jahrhunderts. Allein beim Zusehen meint man, die Kälte, die Schmerzen und die Einsamkeit der Rocky Mountains, die der tragische Held empfinden muss, am eigenen Leib zu erfahren. Das ist – wie sich bei der Lektüre der literarischen Vorlage schnell herausstellt – vor allem den beeindruckenden Kamera-Aufnahmen zu verdanken. Wir haben es hier also mit einem jener seltenen Fälle zu tun, in denen die filmische Umsetzung ihr Vorbild tatsächlich übertrifft. Das hätte ich so, vor allem auch in diesem deutlichen Ausmaß, nicht erwartet.

Inhalt in Kurzfassung
1823 steht der Trapper Hugh Glass im Dienste der Rocky Mountain Fur Company. Als er von einem Grizzly attackiert und schwer verwundet wird, beschließen seine Kameraden, ihn zum Sterben zurückzulassen. Zwei Männer sollen bis zum Ende bei ihm bleiben und ihn schließlich beerdigen. Dazu kommt es jedoch nicht, denn die zwei Freiwilligen berauben den Sterbenden seiner Ausrüstung und machen sich aus dem Staub. Glass tut ihnen jedoch nicht den Gefallen, zu sterben, sondern erweist sich als unglaublich zäh. Er macht sich allein und zu Fuß auf den Rückweg, um Rache für das erlittene Unrecht zu nehmen.  

Die Geschichte um Hugh Glass basiert auf wahren Begebenheiten, wie ich schon in meiner Rezension zum Film herausgestellt habe. Zwischen filmischer und literarischer Umsetzung gibt es einige Unterschiede – die Vermutung liegt nahe, dass das Buch den realen Ereignissen näher kommt. Deutlich wird das unter anderem daran, dass der historische Hugh Glass der Quellenlage zufolge keinen Sohn hatte, was im krassen Gegensatz zu der im Film dargestellten Situation steht. Die entsprechenden Flashbacks, die den Film immer wieder in die Länge ziehen, sind einer der größten Kritikpunkte und fehlen im Buch glücklicherweise völlig. Hier bleiben tatsächlich nur zwei Mann beim verletzten Glass zurück, was Berichten zufolge der Wirklichkeit entspricht.

Unabhängig von solchen Feinheiten erzählen Buch und Film allerdings die gleiche Geschichte. Leider ist das Buch dermaßen nüchtern gehalten, dass der Funke nicht so recht überspringen will. Interessant auch, dass trotz des relativ geringen Umfangs von rund 270 Seiten die Lektüre gegen Ende hin immer länger zu werden scheint. Die Jagd von Glass auf seine untreuen Kameraden verfolgt man zunächst noch mit Spannung, im weiteren Verlauf wird sie aber immer ermüdender. Es ist fast, als hätte Autor Michael Punke sich nicht getraut, zu sehr von der überlieferten Legende abzuweichen. Und die ist nun einmal äußerst lückenhaft und vage gehalten, sodass es eigentlich wenig zu erzählen gibt. So ist es auch nicht verwunderlich, dass das (stark vom Film abweichende) Ende kaum zu befriedigen weiß, vermutlich aber eher der Wirklichkeit entspricht.

Nüchterne Erzählweise bringt Abzüge.

Im Nachhinein kann man natürlich schwer sagen, wie sehr der vorherige Genuss des Films die Lektüre beeinflusst hat. Die Story ist an und für sich ja identisch, dem Buch fehlt allerdings der epische Charakter, den der Film aus seinen beeindruckenden Landschaftsaufnahmen zieht. Nun ist ein Buch in solchen Dingen natürlich auf die Vorstellungskraft des Lesers angewiesen; in diesem speziellen Fall ist es aber so, dass das Werk lediglich aus dem sehr geradlinigen Handlungsfaden besteht. Auf Beschreibungen der ungezähmten Natur, die den Film mit all ihrer Gewalt und Schönheit beherrscht, verzichtet der Autor nahezu komplett. Das macht die Lektüre insgesamt überraschend nüchtern, wenn man den Film kennt. Dass die Handlung kurz und geradlinig ist, war mir von vornherein klar – dass sie aber dermaßen „nackt“ serviert wird, finde ich dann doch sehr enttäuschend. Ob ich das ohne den Film anders empfunden hätte? Glaube ich eigentlich nicht, im Gegenteil, ich fürchte sogar, dass mich das Buch dann tatsächlich über weite Strecken gelangweilt hätte und eine noch schwächere Wertung die Folge gewesen wäre. Dass dem nicht so ist, hat meines Erachtens vor allem damit zu tun, dass der Film mir Gesichter und Landschaften serviert hat, die im Buch leider (!) nicht in dieser Ausprägung auftauchen.

Gesamteindruck: 4/7


Autor: Michael Punke
Originaltitel: The Revenant: A Novel of Revenge.
Erstveröffentlichung: 2002
Umfang: ca. 270 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: eBook


 

BuchWelt: Der Krake

China Miéville


„Der Krake“ ist das erste Werk von China Miéville, das ich gelesen habe. Dass gleich meine Premiere so schwierig zu bewerten sein würde, hätte ich nicht gedacht. Denn rein vom Klappentext her klingen sowohl dieses als auch seine anderen Werke durchaus nach Stoff, den ich gerne lese. Und auch während und nach der Lektüre wollte ich dieses Buch unbedingt mögen. Es schien mir unverzeihlich, dass ich damit nicht warm werden konnte. Und doch muss ich so ehrlich sein und sagen: „Der Krake“ hat mir über weite Strecken nicht gefallen.

Gesamteindruck: 3/7


(Zu) abgefahren.

Das Problem, das ich mit „Der Krake“ habe, ist nicht die Story an sich. Die besteht aus einer guten, nicht alltäglichen Idee, eingebettet in eine Welt, die der unseren entspricht, letztlich aber doch ganz anders funktioniert. Die Mär von Zauberern, Hexen, Engeln und anderen merkwürdigen Wesen, die unbemerkt unter uns leben, ist guter Stoff, den ich persönlich bisher vor allem von Sergej Lukianenko (die „Wächter“-Serie) oder Neil Gaiman („American Gods“) kannte. „Der Krake“ haut mit seinen verschiedenen Kulten, mit Göttern und Magie in eine sehr ähnliche Kerbe. Leider schafft es China Miéville jedoch nicht, aus diesen Zutaten eine durchgehend fesselnde Geschichte zu basteln. Im Gegenteil, mehrere Probleme haben mir die Lektüre länger werden lassen, als es die gar nicht so umfangreiche Haupthandlung vermuten lässt.

Inhalt in Kurzfassung
Die Hauptattraktion in einem Londoner Museum ist ein Riesenkalmar, der präpariert in Formalin in einem großen Glasbehälter schwimmt. Als das Exponat auf unerklärliche Weise verschwindet, gerät Kurator und Durchschnittstyp Billy Harrow in einen Strudel bizarrer Ereignisse. Die Suche nach dem riesigen Tintenfisch führt ihn zu einem mysteriösen Kult, der den Kalmar als Gott verehrt. Doch damit nicht genug, der Held wider Willen erfährt nach und nach, dass es in „seiner“ Stadt von mysteriösen Sekten und Kulten wimmelt und dass Zauberei und Magie nicht nur existieren, sondern durchaus gefährlich sein können.  

„Der Krake“ bzw. sein Autor ist ein Vertreter des „New Weird“, einer relativ neuen Literaturströmung, die vor allem in der Science Fiction eingeordnet werden könnte, würde sie sich nicht vor allem durch Aufweichung von Genre-Grenzen auszeichnen. In diesem Fall haben wir es mit einer Mischung aus (Urban) Fantasy, Science Fiction, Thriller und Krimi zu tun, garniert mit britisch-trockenem Humor. Klingt gut? Mag sein, letztlich muss man aber konstatieren, dass sich das Buch – zumindest stellenweise – genauso zerfahren liest, wie man nach dieser Beschreibung befürchtet. Die Handlung folgt zwar einem roten Faden; der verschwindet allerdings immer wieder im Wust der (mal besseren, mal schlechteren) Ideen. Bei vielen im positiven Sinne absurden Einfällen hat man das Gefühl, dass China Miéville geradezu gezwungen war, sie mit aller Gewalt in der Geschichte unterzubringen. Die Handlung bringen sie allerdings nicht wirklich voran. Entsprechend ist das Lesevergnügen einem ständigen Auf und Ab unterworfen.

Gute Ideen allein reichen nicht.

Das wirkt sich vor allem aufgrund der Länge des Buches nahezu katastrophal aus. Der angesprochene rote Faden mag brauchbar sein, ist aber so dünn, dass er auch auf halb so vielen Seiten locker hätte erzählt werden können. Dazwischen gibt es ein Stückwerk aus Ideen, die wie reiner Selbstzweck wirken. So werden die Figuren zwar von einem skurrilen Schauplatz zum nächsten geführt, entwickeln sich dabei praktisch aber nicht weiter. Und auch der Story bleibt kaum Zeit und kein Raum, interessant vorangetrieben zu werden.  Das macht die Lektüre insgesamt zäh und anstrengend, es dauert immer wieder lange Absätze, bis man (inhaltlich) wieder ein Stückchen vorankommt. Hat man es dann irgendwann geschafft, die 740 Seiten zu bewältigen, bleibt man einigermaßen konsterniert zurück. Die Auflösung, soweit man von einer solchen überhaupt sprechen kann, hat mich persönlich jedenfalls mehr verwirrt als befriedigt. Ein Buch wie „Der Krake“ muss zwar annähernd so skurril enden, wie die darin vorgestellten Ideen sind; das heißt aber nicht, dass der Schluss kaum verständlich daherkommen muss.

Ein Wort noch zu den Charakteren: Möglichkeiten zur Identifikation bestehen kaum. Auch, weil relativ viele Figuren durch die bizarren Szenen gehetzt werden. Näher beschrieben wird kaum jemand. So muss man sich damit abfinden, beispielsweise nicht zu erfahren, was es mit den Erzbösewichten Goss & Subby wirklich auf sich hat, wer „das Tattoo“ vor seiner Verbannung war oder wer Grisamentum eigentlich ist. Auch die extrem passive Hauptfigur Billy Harrow bleibt flach und ist kein Sympathieträger, mit dem man mitfiebern kann. Am ehesten schaffen es noch der alt-ägyptische Gewerkschaftsboss (!) Wati , die derbe Polizistin Collingswood und Dane, seines Zeichens Agent des Kraken-Kultes, den Leser für sich zu gewinnen. Das ist allerdings ein schwacher Trost, wenn man bedenkt, wie viele Charaktere im Buch eigentlich vorkommen.

Es ist bei Übersetzungen natürlich immer schwierig zu beurteilen, wie groß der Anteil des Autors am Nichtgefallen des Buches überhaupt ist. Das sei der Fairness halber erwähnt, denn vom immer wieder gepriesenen, ganz besonderen Stil China Miévilles konnte ich in diesem Buch nicht allzu viel entdecken. Im Gegenteil: Eine Neigung zu telegrammhaft abgehackten Sätzen ist das, was ein relativ früher Dämpfer für das Lesevergnügen war – auch weil man den merkwürdigen Gedankengängen stellenweise kaum folgen kann. Das ist zwar nicht der Grund für die schwache Gesamtwertung, es ist allerdings ein Puzzlestein, der dazu beiträgt.

Alles in allem ist „Der Krake“ weit davon entfernt, das schlechteste Buch aller Zeiten zu sein. Nichtsdestotrotz wirkt der Roman zum Teil, als wäre er noch in Manuskript-Form veröffentlicht worden. Eine grundlegende Überarbeitung der Handlung und eine Straffung des Drumherums hätten dem Werk meines Erachtens gut getan. So muss es für großzügige drei Punkte reichen, vor allem weil der Autor durch kreativen Einfallsreichtum glänzt. Hätte er es nur geschafft, die Hälfte seiner abstrusen Ideen mit der Geschichte, die er eigentlich erzählen will, schlüssig zu verbinden, wäre viel mehr möglich gewesen. Wie es aber nun einmal ist, glaube ich kaum, dass ich dieses Buch noch einmal zur Hand nehmen werde und würde das auch Liebhabern von kruden Genre-Mixturen nur sehr bedingt empfehlen.

Gesamteindruck: 3/7


Autor: China Miéville
Originaltitel: Kraken.
Erstveröffentlichung: 2010
Umfang: ca. 740 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Taschenbuch


 

BuchWelt: Beren und Lúthien

J.R.R. Tolkien


J.R.R. Tolkien war schon zu Lebzeiten mit „Der kleine Hobbit“ (1937) und „Der Herr der Ringe“ (1954/55) großer Erfolg beschieden. Durch die Verfilmungen von Peter Jackson zu Beginn des 21. Jahrhunderts gab es noch einmal einen Popularitätsschub für den 1973 verstorbenen Autor. Dass die genannten Bücher keineswegs exemplarisch für Tolkiens Schaffen und nicht sein Hauptwerk sind, interessiert dabei kaum. Entsprechend zwiegespalten sind dann auch die Reaktionen zum „Silmarillion“ (postum 1977), zum „Buch der verschollenen Geschichten“ (postum 1983-1996) und eben auch zu „Beren und Lúthien“ (postum 2017), auch wenn die darin erzählten Geschichten wesentlich wichtiger für Tolkien selbst waren.

Gesamteindruck: 4/7


Erreicht das selbst gesteckte Ziel nicht.

Nach dem Tod von John Ronald Reuel Tolkien (1973) sah sich dessen Sohn Christopher einer wahrhaft epischen Aufgabe gegenüber. Sein Vater hatte eine gigantische Menge an Geschichten und Fragmenten in verschiedenen Stadien der Fertigstellung hinterlassen. Daraus hätte, so der Plan des Autors, irgendwann sein Opus Magnum, „Das Silmarillion“, entstehen sollen. Dazu kam es aufgrund seines Todes nicht mehr. Seinem Sohn fiel die Arbeit zu, das Rohmaterial, das teilweise bis zu 50 Jahre alt war, in eine zur Veröffentlichung geeignete Form zu bringen. Christopher Tolkien, selbst Professor für englische Sprache in Oxford, ging bei dieser Aufgabe unglaublich akribisch und in geradezu fanatischer Detailarbeit vor. Bestes Beispiel dafür war bis dato „Das Buch der verschollenen Geschichten“ in zwölf Bänden (ab 1983, auf Deutsch erschienen sind nur Band I und II). 2017 legt der mittlerweile selbst schon hochbetagte Sohn des legendären Schriftstellers als Herausgeber sein – wie er selbst im Vorwort andeutet – voraussichtlich letztes Werk aus dem Nachlass seines Vaters vor. Und hier zeigt sich noch einmal die ganze Gelehrtheit des Sohnes, der aus einer eigentlich recht kurzen Geschichte alles herausholt, was es dazu zu sagen geben dürfte.

Inhalt in Kurzfassung
„Die Geschichte von Beren und Lúthien“ ist eine zentrale Erzählung Tolkiens. Darin geht es – natürlich – um das größte aller Themen: Die Liebe. Neben der namensgebenden Geschichte, die nicht sehr umfangreich ist und nur einen geringen Teil dieses Buches ausmacht, versucht sich Herausgeber Christopher Tolkien an einer Darstellung der Genese eben dieser Erzählung. Und, was vielleicht noch wichtiger ist, er versucht sie erstmals ohne zu sehr auf ihren komplexen Kontext einzugehen, wiederzugeben.

Für eine umfassende Bewertung eines solchen Werkes muss man etwas weiter ausholen. Der Autor und Sprachwissenschaftler J.R.R. Tolkien hat, was die Wahrnehmung seines Werkes in der Öffentlichkeit betrifft, zwei Gesichter. Einerseits gibt es die zwei allseits bekannten Bestseller „Der kleine Hobbit“ und „Der Herr der Ringe“. Gut lesbar, toll geschrieben und zu Recht bei Millionen von Lesern außergewöhnlich beliebt. Andererseits – und wesentlich weniger beachtet – gibt es das, was Tolkien selbst signifikant wichtiger war als seine bereits zu seinen Lebzeiten erfolgreicheren Bücher. Die Erzählungen „aus den frühesten Tagen“, eine Sammlung von Sagen, beginnend mit einer vollkommen eigenständigen Schöpfungsmythologie, die im „Silmarillion“ zusammengefasst sind und auf das sich die Helden in „Der Herr der Ringe“ immer wieder beziehen. Dieses Buch galt schon vor 40 Jahren als „schwierig“ und entspricht heute vermutlich noch viel weniger den Lesegewohnheiten der Masse.

Wohl aber gibt es im „Silmarillion“ (genauer gesagt: in J.R.R. Tolkiens Nachlass aus unvollendeten Geschichten und Fragmenten) einzelne Erzählungen, die man auch einem breiteren Publikum präsentieren kann, wenn es gelänge, sie aus dem größeren Zusammenhang herauszulösen und dennoch verständlich zu halten. Der Versuch, genau das zu tun, ist Christopher Tolkien mit „Die Kinder Húrins“ gut gelungen. Allerdings war dort die Ausgangslage mit einer längeren und vollständigeren Erzählung einfacher. Mit „Beren und Lúthien“, mithin eine der wichtigsten Geschichten aus der Feder des älteren Tolkien, hatte sein Sohn offenbar größere Schwierigkeiten. Worin diese Probleme lagen und wie er diese letztlich so gut es ihm möglich war gelöst hat, macht einen großen Teil dieses Buches aus.

Schwierige Bewertung.

Doch wie soll man so etwas bewerten? Ich denke, grundsätzlich macht das Buch genau das was es soll und ist so geworden, wie Christopher Tolkien es wollte. Wer „Das Buch der verschollenen Geschichten“ kennt, weiß genau, was das bedeutet: Seitenlange Ausführungen des Herausgebers, in denen er detailliert wiedergibt, wie er die einzelnen Fragmente zusammengefügt hat, was sein Vater wann geschrieben hat und wie er das im Nachlass vorgefundene Material interpretiert. Für jeden, der ein gewisses Interesse an Literaturwissenschaft hat und sich im Detail für die Entstehung von Tolkiens Universum interessiert, ist das durchaus interessant.

Hier muss nun allerdings ein großes „Aber“ folgen, denn: Ganz gelingt es Christopher Tolkien freilich nicht, „Beren und Luthien“ für sich stehen zu lassen. Immer wieder muss er auf Versatzstücke aus „Silmarillion“, „Verschollene Geschichten“ und andere Dokumente zurückgreifen, um wichtige Elemente der Erzählung zu erklären. Ein Beispiel: In der Geschichte von „Beren und Lúthien“ spielt ein Silmaril eine wichtige Rolle. Man kann nun keinesfalls voraussetzen – und das tut Tolkien auch nicht – dass jeder Leser anno 2017 weiß, was es mit diesem Edelstein auf sich hat und wieso so viel Aufhebens darum gemacht wird. Das werden nur diejenigen wissen, die z.B. „Das Silmarillion“ gelesen haben. Und so muss sich Christopher Tolkien damit behelfen, Passagen aus anderen Texten wiederzugeben, um Zusammenhänge in der gebotenen Kürze zu erklären. Das macht er nicht in seinen eigenen Worten, sondern mit den Worten seines Vaters, die entweder schon veröffentlicht sind oder in irgendwelchen Notizblöcken stehen. Erschwerend kommt hinzu, dass dies teilweise in Prosa, über weite Strecken aber auch in Form von Stabreimen passiert.

Klingt zerfahren? Ist es auch, weil es genau dem zuwider läuft, was der Herausgeber eigentlich erreichen wollte. Die Geschichte, die er erzählen will, sollte verständlich und leicht lesbar, sprich: auch etwas für die Masse sein. Das trifft zwar für den Teil zu, der durchgehend erzählt wird (eine Version, die dem entspricht, was in den „Verschollenen Geschichten“ steht), jedoch unvollendet ist. Abgesehen von diesen ca. 30 Seiten gibt es viele Einschübe und Erklärungen seitens Christopher Tolkien. Hinzu kommt, dass Teile der Geschichte, die sich nach dem zusammenhängenden Teil zutragen, vom älteren Tolkien auch wesentlich, teilweise Jahre, später geschrieben wurden. Das bedeutet: Andere Namen, andere Orte, ein deutlich anderer Stil.

Leichte Lesbarkeit? Fehlanzeige.

Entsprechend gemischt muss das Fazit ausfallen. Selbst als einigermaßen an der literaturwissenschaftlichen Komponente interessierter Leser (siehe meine Bewertung zum „Buch der verschollenen Geschichten“) muss man konstatieren, dass die Ausführungen in „Beren und Lúthien“ teilweise langatmig ausgefallen sind – speziell, weil die Geschichte an sich eigentlich recht kurz ist. Noch dazu sind sie für Kenner der Materie zum Teil redundant, zumindest kann man sich dieses Eindrucks nicht erwehren. Positiv daran könnte sein, dass es damit gelingen mag, auch jüngere Personen, die sich für die literarische Entstehung von Tolkiens Werk interessieren, für die diesbezüglichen Versuche Christopher Tolkiens zu begeistern. Dass es sich dabei um eine große Zahl von Lesern handelt, wage ich zu bezweifeln.

„Beren und Lúthien“ als Geschichte ist hingegen – lässt man die zerfahrene Darstellung außen vor – ein Treffer. Man muss natürlich den altertümlichen Stil mögen, der Tolkiens „Erzählungen aus den ältesten Tagen“ innewohnt. Es darf auch nicht stören, dass man sich mit einer Vielzahl an Namen und Orten herumschlagen muss (dafür gibt es im Anhang eine Übersicht). Wenn das gelingt, liest man tatsächlich eine sehr schöne, dramatische Geschichte, die von Liebe handelt, die über den Tod hinausgeht. Es ist tatsächlich mehr als eine bloße Erzählung, handelt es sich dabei, wie aus verschiedenen Dokumenten hervorgeht, doch um die romantisierte Geschichte der Beziehung von J.R.R. Tolkien und seiner Frau Edith (daher sind auf deren Grabsteinen in Oxford neben ihren wirklichen Namen auch Beren und Lúthien zu lesen). Im Haben muss man übrigens auch die als „Farbtafeln“ bezeichneten Illustrationen von Alan Lee verbuchen. Die sind tatsächlich ausgesprochen sehenswert – das aber nur als Randbemerkung.

Insgesamt kann es aus meiner Sicht damit keine bessere Bewertung als 4 Punkte geben. Wer „Das Buch der Verschollenen Geschichten“ für das Non-Plus-Ultra hält, kann gerne 2 Punkte hinzufügen. Wer hingegen nur „Der Herr der Ringe“ kennt und mag und wem „Das Silmarillion“ schon zu hoch ist, der wird auch hiermit nichts anfangen können.

Von falschen Erwartungen.

Zum letzten Satz noch eine Schlussbemerkung: Im Falle von „Beren und Lúthien“ zeigt sich deutlich, wie schwierig es geworden ist, den Lesern das zu geben, was sie erwarten. Ob es mit dem Marketing des Verlages zu tun hat, weiß ich nicht – aber offenbar haben potentielle Leser den Eindruck gewonnen, es handle sich hierbei um ein Werk in dem Tolkien-Stil, der den Autor berühmt gemacht hat. Dass dem nicht so ist, dürfte vielen erst beim Blick ins Buch klar geworden sein. An einer Vielzahl von schlechten Bewertungen, die auf vollkommen falschen Erwartungen beruhen, mangelt es daher nicht. Ob Christopher Tolkien sich dieser Problematik überhaupt bewusst war, als er dieses Projekt in Angriff genommen hat, weiß ich nicht – ich gehe aber nicht davon aus, dass er von dieser Resonanz auf den Abschluss seines Lebenswerkes begeistert sein wird. Eben auch, weil es sich dabei um die Geschichte seiner Eltern und damit eine echte Herzensangelegenheit handelt. Aber das mag nur mein persönlicher Eindruck sein.

Gesamteindruck: 4/7


Autor: J.R.R. Tolkien
Originaltitel: The Tale of Beren and Lúthien.
Erstveröffentlichung: 2017 (postum)
Umfang: ca. 300 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Hardcover