BuchWelt: The Stars My Destination

Alfred Bester


Dass es selten gut ausgeht, wenn man sein Leben einzig und allein darauf ausrichtet, Rache für (vermeintlich) erlittenes Unrecht zu nehmen, weiß man aus verschiedenen Geschichten. „Moby-Dick“ (Herman Melville, 1851) wäre ein Beispiel dafür. Und auch in „The Stars My Destination“ von Alfred Bester erleben wir einen Protagonisten, der nur dafür lebt, seine Peiniger aufzuspüren und sich an ihnen zu rächen. 

Gesamteindruck: 6/7


Die Rache des Tigers.

Vorbild für „The Stars My Destination“ (ursprünglich als „Tiger! Tiger!“ veröffentlicht, auf Deutsch meist „Die Rache des Kosmonauten“, später ebenfalls „Tiger! Tiger!“, mittlerweile „Der brennende Mann“) war allerdings nicht Melvilles berühmte Jagd nach dem Weißen Wal sondern ein noch älteres Werk: „Der Graf von Monte Christo“ (Alexandre Dumas, 1844). Ein reales Vorbild für den im Weltraum schiffbrüchigen Gulliver Foyle existierte übrigens auch: Angeblich las Bester in der Zeitung von einem Matrosen, der im 2. Weltkrieg monatelang auf einem Floß trieb und von vorbeifahrenden Schiffen (aus Angst vor lauernden U-Booten) ignoriert wurde.

Inhalt in Kurzfassung
Das 24. Jahrhundert: Einem Zufall ist es zu verdanken, dass die Menschheit das „Jaunten“, eine Form von Teleportation, als neues Fortbewegungsmittel entdeckt hat. Freilich hilft das Gulliver „Gully“ Foyle nicht viel: Der einfache Maschinist treibt als letzter Überlebender auf dem havarierten Raumschiff „Nomad“ hilflos durchs All, außerhalb jeder Möglichkeit zu jaunten. Nach sechs Monaten erbärmlichen Dahinvegetierens wähnt er sich jedoch gerettet, als plötzlich das Schwesterschiff der „Nomad“ auftaucht. Doch die „Vorga“ reagiert nicht auf die Notsignale, nähert sich erst und dreht dann doch ab. Dieses Ereignis weckt Foyle aus seiner Lethargie, bringt ihn dazu, alles dafür zu tun, sich selbst zu helfen, um irgendwann schreckliche Rache an jenen nehmen zu können, die ihn im Stich gelassen haben.

Um das Fazit vorweg zu nehmen: Ich habe „The Stars My Destination“ mit Genuss gelesen und wundere mich, dass dieses Werk heute nicht bekannter ist. Der Stoff würde sich meines Erachtens auch gut für eine dieser modernen Streaming-Serien eignen, aber das nur am Rande. Alfred Bester schafft es jedenfalls ausgezeichnet, die Erzählung über den „Graf von Monte Christo“ in ein Science Fiction-Setting zu transferieren, das – wie man heute weiß – zum Vorbild für viele andere Zukunftsromane wurde. Übrigens: Das Buch ist keineswegs schlecht gealtert, im Gegenteil, viel anders wäre der Inhalt wohl nicht ausgefallen, wenn es heute statt 1956 (!) verfasst worden wäre. So oder so: Die Geschichte über den zurückgelassenen Astronauten, den sein brennender Wunsch nach Rache zu ungeahnten körperlichen und geistigen Leistungen antreibt, ist sehr spannend geschrieben. Es gibt einige Höhepunkte, die tatsächlich den Puls des Lesers beschleunigen. Gegen Ende hin wird die Story (und auch der Stil) etwas … hmmm … psychedelisch, was mir nicht ganz so zusagt, aber insgesamt ist die Handlung durchwegs fesselnd.

Der Anti-Held.

Das liegt mitunter auch daran, dass Bester mit Gulliver Foyle eine Figur geschaffen hat, die so gar nicht den üblichen Helden-Klischees in der Science Fiction entspricht. Der Protagonist ist genau genommen sogar die Anti-These zu jedem Helden – er ist egoistisch, überheblich, kaltblütig und schreckt auch vor nicht Gewalt zurück, die sogar die wenigen ihm einigermaßen freundlich gesinnten Charaktere zu spüren bekommen. Dabei hat man anfangs noch Mitleid mit dem im Weltall im Stich gelassenen Foyle, sobald der sich aber entschließt, nur noch für die Befriedigung seiner Rachegelüste zu leben, hat er nichts mehr Sympathisches an sich.

Mit einer derart negativ angelegten Hauptfigur hätte ich in einem Roman aus den 1950ern ehrlich gesagt nicht gerechnet. Umso beeindruckter war ich, dass man trotz dieser Art der Darstellung kaum dazu kommt, das Buch aus der Hand zu legen. Denn: Alfred Bester versteht es, die Entwicklung seines Protagonisten trotz aller Abneigung stets verständlich nachzuzeichnen. Interessant, weil sich der Autor kaum in psychologischen Beschreibungen ergeht – es ist vielmehr die Welt in der Foyle agiert, es sind die äußeren Umstände, die glaubwürdig machen, wie sich ein Mensch in dieses Monster verwandeln kann. An dieser Stelle sei erwähnt, dass der Rest der Charaktere bei weitem nicht so lebendig wirkt, aber immerhin seinen Zweck erfüllt.

Starkes Setting.

Dass „The Stars My Destination“ wie aus einem Guss wirkt, ist auch der sehr glaubwürdigen Welt geschuldet, in der Alfred Bester seine Figuren platziert hat. Diese Vision des 24. Jahrhundert enthält viele jener Aspekte, die man in teilweise oder zur Gänze auch in späteren Dystopien findet – ein Zeichen für den enormen Einfluss, den Besters Werk auf das Genre hatte und immer noch hat. Gesellschaftliche und ökonomische Spannungen, die die Menschheit an den Rand eines neuen Weltkrieges (nein, eines solaren Krieges) führen, Mega-Konzerne, die mächtiger als Regierungen sind und irrsinnige Profite mit zweifelhaften Geschäften machen, Modifizierungen des menschlichen Körpers, um besser, stärker, schneller zu sein – all das nimmt Alfred Bester in diesem Roman vorweg.

Die Kombination aus spannender Geschichte, interessanter Hauptfigur und glaubwürdiger Welt sowie die insgesamt sehr düster angelegte Vision der Zukunft macht „The Stars My Destination“ zu einem ausgezeichneten Science Fiction-Roman. Einziger Grund für einen kleinen Punkteabzug ist für mich das etwas merkwürdige Ende, das wohl den geistigen Zustand von Gulliver Foyle widerspiegeln soll. Diese Art von psychologischer Beschreibung gehört meiner Meinung nach nicht zu den Stärken von Alfred Bester. Ansonsten finde ich hier aber tatsächlich kein Haar in der Suppe. Klare Kaufempfehlung!

Gesamteindruck: 6/7

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Autor: Alfred Bester
Originaltitel: Tiger! Tiger!
Erstveröffentlichung: 1956
Umfang: ca. 230 Seiten
Gelesene Sprache: Englisch
Gelesene Version: E-Book

BuchWelt: Das Orakel vom Berge

Philip K. Dick


„Was wäre, wenn…“ ist ein reizvolles Spiel. So auch in der Variante von Philip K. Dick, der mit dem 2. Weltkrieg eines der einschneidenden Ereignisse der Geschichte auf eine Art und Weise enden lässt, die ein mulmiges Gefühl hinterlässt… 

Gesamteindruck: 6/7


Was wäre, wenn…

Eines der bekanntesten Werke des US-amerikanischen Science Fiction-Autors Philip K. Dick ist „Das Orakel vom Berge“ aus dem Jahre 1962. Noch nie davon gehört? Nun, vielleicht klingelt es ja bei der Original-Bezeichnung: „The Man in the High Castle“. Nicht zuletzt dank der gleichnamigen Serie aus den Amazon Studios, die es von 2015 bis 2019 auf vier Staffeln brachte und auf dem Buch basiert, sollte dieser Titel deutlich mehr Menschen ein Begriff sein. Freilich unterscheidet sich die Serie teils gravierend von den Schilderungen des Buches – aber das soll uns in dieser Rezension nur am Rande tangieren.

Inhalt in Kurzfassung
Die frühen 1960er Jahre: Die Achsenmächte, allen voran das nationalsozialistische Deutschland und das Kaiserreich Japan, haben den 2. Weltkrieg 1947 nach langem Ringen für sich entschieden. Die USA sind ein besetztes und geteiltes Land – der Westen gehört den Japanern, der Osten den Deutschen, dazwischen gibt es eine neutrale Pufferzone. In dieser alternativen Realität leben und arbeiten verschiedene Protagonisten, deren Schicksal mehr oder weniger stark miteinander verbunden ist.

Das Ergebnis des 2. Weltkrieges, das in „Das Orakel vom Berge“ beschrieben wird, ist eine bedrückende, aber auch sehr starke Fiktion – und muss es zu der Zeit, als der Roman geschrieben wurde, noch mehr gewesen sein; immerhin lag das Kriegsende damals noch keine 20 Jahre zurück. Freilich zeigt die moderne Forschung, dass ein Sieg der Achsenmächte auch bei für sie günstigstem Kriegsverlauf kaum zu realisieren gewesen wäre, zu überlegen waren die alliierten Ressourcen an Mensch, Material und Wirtschaftskraft. Wie es dennoch zu diesem verheerenden Ausgang des bisher größten und schrecklichsten Waffengangs der Menschheitsgeschichte hätte kommen können, wird in „Das Orakel vom Berge“ allerdings ohnehin nur in Andeutungen abgehandelt, darunter z. B. eine Reihe von „schwachen US-Präsidenten„, die ihr Land in die Isolation führten.

Erzählerische Dichte.

Inhalt des Buches ist weniger die Frage, wie es überhaupt soweit kommen konnte, wobei es der Autor durch verschiedene Anspielungen und immer wieder eingestreute Passagen versteht, dem Leser sozusagen Brocken hinzuwerfen, aus denen er sich mit Hilfe der Charaktere die Geschichte ganz von selbst konstruieren kann. Dennoch: „Das Orakel vom Berge“ behandelt in erster Linie die Lebensumstände für Sieger und Besiegte im Alltag und bleibt dabei vorwiegend im japanisch besetzten San Francisco bzw. in der neutralen Pufferzone. So erfährt man beispielsweise, dass die Japaner weit gnädigere Herren sind als ihre Verbündeten (die sich ihrerseits wiederum den Japanern überlegen fühlen). Und doch haben sich viele Aspekte der fernöstlichen Kultur in den amerikanischen Alltag geschlichen, was sich beispielsweise im ständigen Verbeugen und im Versuch, stets die wahren Gefühle zu verbergen, zeigt – und was zu langsam aber sicher aufkeimendem Widerstand im amerikanischen Volk führt.

An dieser Ebene des Buches könnte ich jetzt keinerlei Kritik üben, im Gegenteil: All das ist sehr gut gelungen und dargestellt und schafft das Gefühl unglaublicher Tiefe. Es ist geradezu unbegreiflich, wie erzählerisch dicht Philip K. Dick trotz – oder vielleicht gerade wegen? – des relativ geringen Umfanges unterwegs ist.  Man sieht direkt vor sich, wie San Francisco unter japanischer Herrschaft aussehen könnte – und das auf sehr realistische Art und Weise. Das betrifft übrigens auch die durch und durch interessanten und vor allem glaubwürdigen Charaktere. Es gibt hier keine Helden und Schurken, sondern nur Menschen mit verschiedenen Facetten. Eine ganz feine Klinge, die der Autor diesbezüglich führt, das gilt sowohl für die Figuren selbst als auch für deren Handlungen.

Von Heuschrecken und Widerständlern.

Interessant ist, dass „Das Orakel vom Berge“ trotz des relativ geringen Umfangs auf mehreren Ebenen funktioniert. Oben beschrieben habe ich die reizvolle Idee der alternativen Realität und wie das Leben darin aussehen könnte. All das ist für sich schon eine sehr gelungener Roman. Wer aber tiefer gehen möchte, kann sich gemeinsam mit dem Autor auf philosophischer Ebene mit der Frage nach der Wirklichkeit beschäftigen. An dieser Stelle muss ich zugeben, dass mir das teilweise schon fast zu komplex war und ich nicht ganz durchschaut habe, wie der Ansatz genau lautet. Klar ist, dass es mehrfach Anspielungen in diese Richtung gibt – beispielsweise beim Gespräch zweier Figuren über den Wert echter und gefälschter Antiquitäten, der diesen Gegenständen nur durch die emotionale Bindung des Käufers zugewiesen wird. Ob das Objekt echt ist oder nicht, spielt keine Rolle – zumindest solange nicht, wie es der Interessent nicht weiß.

Und dann gibt es da noch das „Buch im Buch“, genannt „Die Plage der Heuschrecke“ (in der Serie handelt es sich dabei übrigens um Filmrollen). Dieses Werk zeigt, wie eine andere Realität aussehen könnte und erzählt wiederum eine Geschichte, in der Deutschland und Japan den Krieg verlieren, wobei die geschilderten Ereignisse nicht denen entsprechen, die wir kennen. Die Frage, wie Hawthorne Abendsen, Autor des „Heuschreckenbuches“ (im Original: „The Grasshopper Lies Heavy“), sein Werk geschrieben hat, bleibt teilweise unbeantwortet, während das Buch selbst ein weiterer Aspekt ist, der zeigt, wie Unwirkliches die Wirklichkeit beeinflussen kann. Denn dieses Buch, verboten bei den Nazis, viel gelesen bei den Japanern, ist durch sein Aufzeigen einer anderen Möglichkeit, wie der Krieg hätte ausgehen können, wichtig für die Widerstandsbewegung und gibt den Menschen Hoffnung.

Der Leser ist gefordert.

Es wäre jetzt zu komplex, auf alle Details einzugehen – und ich bin mir auch nicht ganz sicher, alles zu 100% verstanden zu haben. Gesagt sei aber, dass Philip K. Dick all diese Elemente zu einer interessanten, lesenswerten, nachdenklichen und – ja, auch unterhaltsamen, Geschichte verquickt. Man muss natürlich ein wenig aufpassen, was man erwartet. Denn gerade in dem Punkt, der die Aufklärung bringen könnte, die man sich als Leser erhofft, hält sich der Autor bedeckt. So ist bis zum Schluss nicht klar, ob „Das Orakel vom Berge“ auch in sich in einer alternativen Realität spielt; zumindest bleibt den Charakteren verborgen, ob es so ist. Ein paar Hinweise gibt es, aber so richtig wird nicht offenbart, ob z. B. das „Heuschreckenbuch“ reine Fiktion oder ein Tatsachenbericht aus einem anderen Universum ist. Im Endeffekt überlässt es Philip K. Dick dem Leser, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Er hat eine ansprechende „was wäre, wenn“-Geschichte geschrieben, alles, was darüber hinausgeht, ist ein Bonus, der den, der dazu gewillt ist, zur Gehirnakrobatik anregt. Mitdenken ist also erlaubt, Pflicht ist es aber nicht (zumindest nicht im philosophischen Ausmaß), um das Buch gut zu finden.

Und jetzt entschuldigt mich bitte, ich glaube, ich brauche einen zweiten Versuch, ich habe das Gefühl, dass mir einiges entgangen ist…

Gesamteindruck: 6/7

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Autor: Philip K. Dick
Originaltitel: The Man in the High Castle.
Erstveröffentlichung: 1962
Umfang: ca. 200 Seiten
Gelesene Sprache: Englisch
Gelesene Version: Taschenbuch

BuchWelt: Die Mauern des Universums

Paul Melko


„Die Mauern des Universums“ basiert auf den Annahmen der „Viele-Welten-Interpretation“ aus der Quantenmechanik. Im Wesentlichen geht diese Theorie von der Existenz unendlich vieler Parallel-Universen aus, die sich mal mehr, mal weniger von unserem unterscheiden. Ein Ansatz, der in der Science Fiction seit vielen Jahren immer wieder gerne verwendet wird. Die Frage ist also, ob US-Autor Paul Melko dem Thema neue Impulse hinzufügen kann.

Gesamteindruck: 3/7


Wie man einen Flipper baut.

Wer sich Mitte der 1990er für Science Fiction-Serien interessiert hat, wird die Story von „Die Mauern des Universums“ nach wenigen Sekunden verorten können: „Sliders – Das Tor in eine fremde Dimension“ (1995-2000) erzählt eine sehr ähnliche Geschichte; teilweise bedient sich Paul Melko sogar identischer Begrifflichkeiten (z.B. „Prime“). Ob man sich daran stört, ist freilich Geschmacksache – ich persönlich hatte kein grundsätzliches Problem damit. Im Gegenteil, bietet diese spezielle Form von „alternativer Realität“ doch zahllose Möglichkeiten für „was-wäre-wenn“-Spielchen.

Inhalt in Kurzfassung
Der junge John Rayburn staunt nicht schlecht, als er plötzlich sich selbst gegenüber steht. Sein anderes Ich entpuppt sich als Reisender zwischen Parallel-Universen und nach einigem Hin und Her lässt John sich überreden, auch einmal einen Wechsel in eine andere Welt zu versuchen. Als er merkt, dass er hereingelegt wurde, ist es zu spät und die Rückkehr in sein Heimat-Universum schient unmöglich.

Meiner Ansicht nach krankt „Die Mauern des Universums“ nicht an der auf den ersten Blick recht ausgetretenen Story. Letztlich ist das Buch jedoch die Weiterentwicklung einer Kurzgeschichte, was man vor allem im langen Mittelteil deutlich merkt. Dabei geht es gut los: Der Held springt von einem Universum ins andere, trifft mal auf menschenleere Welten, die von gefährlichen Lebewesen bevölkert sind, nur um im nächsten Moment an einem Ort zu sein, der sich kaum von der ihm bekannten Realität unterscheidet. All das ist flott, durchwegs spannend und fantasievoll geschildert. Auch die Versuche, sich das Wissen anzueignen, das defekte Sprunggerät zu reparieren, sind ein schöner, wenn auch etwas inkonsequent umgesetzter Aspekt der Geschichte. Und dass Paul Melko in einem zweiten Handlungsstrang versucht, die Situation des Doppelgängers zu beschreiben, der sich im alten Leben des Protagonisten eingenistet hat, ist ebenfalls eine gute Idee.

Verliert im Mittelteil an Momentum.

Doch irgendwann geht dem Buch dann doch die Luft aus. Irgendwann? Nein, eigentlich ist die Grenze recht genau definiert: Unser Held wird in einem Universum sesshaft und verliert dort zunehmend das ursprüngliche Ziel aus den Augen, irgendwann in seine Heimat zurückzukehren. Das scheint mir fast symptomatisch für den Autor zu sein, der – so jedenfalls mein Gefühl – immer mehr den Fokus auf die Grundprämisse des Buches verliert. Denn an dieser Stelle des Romans ist dem Leser längst klar, dass die Unterschiede zwischen den Universen eine Möglichkeit darstellen, zu Geld zu kommen. Finde ich per se einen interessanten Ansatz – doch leider beginnt Paul Melko zunehmend, sich in Details und Problemen der Konstruktion und Vermarktung eines Flipper-Automaten (denn den gibt es im Universum, für das sich der Held letztlich entschieden hat, nicht) zu verstricken. Im Nachhinein betrachtet scheinen genau das die Seiten zu sein, die der Autor gebraucht hat, um seine ursprüngliche Kurzgeschichte auf Roman-Umfang zu strecken. Sehr ähnlich ist es im Übrigen mit dem Handlungsstrang, der dem zweiten John Rayburn folgt und dessen Probleme als Ehemann und Vater beschreibt – ebenfalls aller Ehren wert, aber kaum essenziell für die eigentliche Geschichte.

Stilistisch finde ich an „Die Mauern des Universums“ übrigens wenig auszusetzen – umso bitterer, dass der Inhalt trotz vieler guter Ideen nicht überzeugen kann. Das Problem ist, dass sich Paul Melko viel zu stark auf aus meiner Sicht eher nebensächliche Details konzentriert. Es hätte doch einige lohnendere Anknüpfungspunkte gegeben; z.B. hätte ich zu gerne erfahren, wer denn nun wirklich Verbrecher in andere Welten verbannt und wie das überhaupt funktioniert. Letztlich ist es so, dass der Autor für mein Dafürhalten bei den falschen Dingen ins Detail geht (siehe „Flipper“), während er durchwegs interessante Ideen entweder im Sande verlaufen lässt oder vollkommen unbefriedigend auflöst. Vor allem der Schluss lässt viele Fragen offen und wirkt generell überhastet und wenig durchdacht. Schade, das Potenzial für eine höhere Wertung wäre durchaus da gewesen.

HartliebsBücher

Gesamteindruck: 3/7


Autor: Paul Melko
Originaltitel: The Walls of the Universe.
Erstveröffentlichung: 2009
Umfang: ca. 510 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Taschenbuch

BuchWelt: Heeresbericht

Edlef Köppen


Von den von mir bis dato zum Thema 1. Weltkrieg gelesenen Romanen ist „Heeresbericht“ von Edlef Köppen der wohl Unbekannteste. Zu Unrecht – tatsächlich denke ich, dass dieses Buch zwei deutschsprachige Referenzwerke übertrifft: „Im Westen nichts Neues“ (1929, Erich Maria Remarque) und „In Stahlgewittern“ (Erstfassung 1920, Ernst Jünger). Dabei dürfte die geringere Bekanntheit von Köppens Werk vor allem dem mehr oder weniger zeitgleichen Erscheinen von u. a. „Im Westen nichts Neues“ geschuldet sein, das bereits damals zum Bestseller wurde, was es ähnlich gelagerten Romanen schwer machte, überhaupt wahrgenommen zu werden.

Gesamteindruck: 7/7


Vom Soldaten zum Pazifisten.

Freilich änderte auch die verhältnismäßig kleinere Auflage von „Heeresbericht“ nichts daran, dass auch dieses Werk der Bücherverbrennung der Nationalsozialisten zum Opfer fiel. Daran zeigt sich schon, dass der Inhalt des Buches keineswegs geeignet war, erneute Kriegsbegeisterung in Deutschland zu schüren; ganz im Gegensatz zum abenteuerlich-unkritischen „In Stahlgewittern“.

Inhalt in Kurzfassung
Student Adolf Reisiger meldet sich 1914 freiwillig zum Kriegseinsatz. Als Artillerist kämpft er im Westen, wird später an die Ostfront verlegt und kehrt schließlich – mittlerweile zum Leutnant der Reserve befördert – mit seinem Regiment an die Westfront zurück. Anfänglich noch mit Begeisterung in den Weltkrieg gezogen, hinterfragt Reisinger mehr und mehr den Sinn dieses Konflikts. Schließlich weigert er sich, an weiteren Kämpfen teilzunehmen und erlebt das Ende des Krieges im Irrenhaus.

Auf den ersten Blick entspricht der „Heeresbericht“, dessen fiktive Handlung stark autobiografische Züge trägt, dem, was Ernst Jünger in seinem Buch beschreibt: Protagonist Adolf Reisiger meldet sich 1914 freiwillig und dient sich im Laufe der Zeit vom einfachen Soldaten zum Offizier hoch (wobei ihm das eher „passiert“, wenn man es genau nimmt), wird mehrfach verwundet, wird ausgezeichnet und überlebt den Krieg. Er sieht wie seine Kameraden verwundet werden und/oder sterben, immer wieder muss er sich mit neuen Leuten arrangieren, die als Ersatz in seine Batterie kommen.

Eine Art Entwicklungsroman.

All das kommt Lesern von „In Stahlgewittern“ bekannt vor. Und doch ist es ganz anders, denn Köppen lässt seinen Protagonisten tatsächlich eine Entwicklung durchmachen, die dem von Anfang bis Ende schneidigen und nahezu perfekten Soldaten Ernst Jünger meiner Ansicht nach völlig abgeht. Denn Adolf Reisiger (bzw. Edlef Köppen selbst) ist als junger Kanonier naiv, fragt sich zum Beispiel, wo denn der Krieg sei und was die Front eigentlich ist (als Artillerist war man ja Kilometer hinter den Gräben der Infanterie stationiert und bekam kaum jemals einen Feind zu sehen). Mit Fortdauer des Krieges beginnt Reisiger mehr und mehr zu zweifeln – nicht nur an der Obrigkeit, sondern vor allem auch an sich selbst. Und das endet auch mit seiner Beförderung zum Leutnant der Reserve nicht, im Gegenteil, als solcher ist es seine Pflicht, Menschen in den Tod zu schicken, womit er schwer fertig wird. Der „Heeresbericht“ ist damit eindeutig ein Statement gegen den Krieg und kombiniert die Stärken von „Im Westen nichts Neues“ mit der militärisch detaillierteren Ausgestaltung und sprachlichen Leichtigkeit von „In Stahlgewittern“.

Neben dem Lob für eine eindringliche, realistische und wirkungsvolle Schilderung scheinen mir zwei Dinge erwähnenswert: Einerseits sind in den „Heeresbericht“ durchgängig historische Auszüge aus echten Heeresberichten, Tagesbefehlen, Zeitungsausschnitten usw. eingearbeitet. Dadurch werden u. a. Differenzen in der Wahrnehmung der Frontsoldaten und dem, was in der zensierten Presse erscheint, kritisch beleuchtet. Zweiter Punkt, der hervorzuheben ist: Es ist hochinteressant, einmal nicht die übliche Perspektive des Infanteristen zu verfolgen. Reisiger ist Artillerist, das Geschehen findet also nur am Rande in den Schützengräben statt, spielt sich vielmehr weit dahinter ab. Freilich war es auch dort alles andere als angenehm, stand man doch häufig mit den gegnerischen Kanonen im mörderischen Fernduell. Für den an die Leiden der Infanterie gewöhnten Leser ist das durchaus bemerkenswert, weil dadurch ein gänzlich anderes Gefühl und eine andere Atmosphäre erzeugt werden. Immerhin sieht der Artillerist kaum jemals seinen Feind, nicht mal, ob die Geschosse überhaupt treffen, ist in der Regel zu erkennen. Man schießt und tötet blind, sozusagen anonym, was aber den Soldaten nicht von seinen Schuldgefühlen zu befreien vermag.

Kaufempfehlung.

Stilistisch ist Edlef Köppen sehr sauber unterwegs. „Heeresbericht“ liest sich angenehm und deutlich flüssiger als das stellenweise etwas schwerfällige „Im Westen nichts Neues“. Ich halte den Bestseller von Remarque zwar auch für ein Meisterwerk, im direkten Vergleich offenbaren sich dann aber doch einige sprachliche Schwächen. Für mein Dafürhalten ist Köppen stilistisch übrigens auch Ernst Jünger überlegen, hat ihm gegenüber außerdem den Vorteil (wenn man das als Vorteil sehen will), sich mit diesem Buch eindeutig gegen den Krieg zu positionieren. Zu alledem kommt noch die genannte Einarbeitung von zeitgenössischen Dokumenten, die sich perfekt in das Gesamtwerk einfügen. Damit ist „Heeresbericht“ für mich tatsächlich einer der besten, wenn nichts sogar der beste Roman zum 1. Weltkrieg. Klare Kaufempfehlung!

Gesamteindruck: 7/7


Autor: Edlef Köppen
Originaltitel: Heeresbericht.
Erstveröffentlichung: 1930
Umfang: ca. 315 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: E-Book

BuchWelt: In Stahlgewittern

Ernst Jünger


„In Stahlgewittern“ ist, im Gegensatz zu „Im Westen nichts Neues“ (1929, Erich Maria Remarque), ein bis heute durchaus umstrittenes Werk. Ein Grund dafür mag sein, dass das Buch ein Bericht ist, der zwar anschaulich das Geschehen an der Westfront des 1. Weltkrieges schildert, dabei aber stets nüchtern und distanziert bleibt. Der Krieg wird von Autor Ernst Jünger nicht kritisch hinterfragt, sondern als Naturereignis, eben wie ein Gewitter, hingenommen.

Gesamteindruck: 5/7


Der Krieg als Naturgewalt.

Inhaltlich schildert Ernst Jünger in den „Stahlgewittern“ durchaus ähnliche Situationen und Erlebnisse, wie sie auch Erich Maria Remarque in „Im Westen nichts Neues“ erzählt. Hier wie dort kommt der Protagonist als junger Kriegsfreiwilliger an die Front, erlebt die ganze Dramatik von Stellungskrieg, Artillerieüberfall, Nahkampf, Chaos und Tod. Damit sind die Gemeinsamkeiten jedoch erschöpft. Denn während Remarques Paul Bäumer immer tiefer in den Strudel aus Gewalt und Verzweiflung gezogen wird und das auch sehr deutlich erkennen lässt, macht Ernst Jünger Karriere: Vom Kriegsfreiwilligen zum Offizier und Zugsführer. Dieser Unterschied wäre – ebenso wie die militärisch viel exakteren Beschreibungen – natürlich Makulatur, wenn sich „In Stahlgewittern“ nicht auch völlig anders lesen würden.

Inhalt in Kurzfassung
Kurz nach Ausbruch des 1. Weltkrieges meldet sich Ernst Jünger nach dem Notabitur als Kriegsfreiwilliger. Nach seiner ersten Verwundung schlägt er die Offizierslaufbahn ein und kämpft – immer wieder unterbrochen durch Verwundungen – als Leutnant, Zugs- und Stoßtruppführer an der Westfront. Ab dem dritten Kriegsjahr wird sein Regiment vorwiegend an Brennpunkten der Front eingesetzt. Seine Erlebnisse hält Jünger in Form eines Tagebuchs fest, an dem er in Ruhestellung, teilweise aber sogar während kurzer Gefechtspausen schreibt.

Zunächst: „In Stahlgewittern“ entstand aus den Tagebuchaufzeichnungen von Ernst Jünger. Das zeigt sich beim Lesen und am Aufbau sehr deutlich, ein Roman mit durchgehender Handlung ist das Buch nur im weitesten Sinne. Schwer zu lesen ist es aber dennoch nicht, ganz im Gegenteil.

Nun aber zum Inhalt; wie der Titel es andeutet, scheint der Krieg für Jünger eine Art Naturereignis, das über den Menschen hereinbricht, gewesen zu sein. Er hinterfragt kaum sein eigenes Tun und das seiner Vorgesetzten – nur an ganz wenigen Stellen schimmert ein wenig Zweifel durch. Ferner schildert der Autor zwar die Grausamkeit des Krieges, der ein Kamerad nach dem anderen zum Opfer fällt, bleibt dabei aber sehr distanziert. Ja, es gibt auch hier die schrecklichen Verwundungen, den Dreck, die erbärmlichen hygienischen Zustände, die immer wieder aufkommende Langeweile und den allgegenwärtigen Tod. Doch all das nimmt Jünger als gegeben und unveränderbar hin, ohne daran zu verzweifeln oder es gar zu kritisieren. Im Gegenteil, der junge Mann scheint ein echter Draufgänger gewesen zu sein; immer wieder ging er, offenbar um der Langeweile zu entkommen, als Freiwilliger auf gefährliche Erkundungs- und Stoßtruppmissionen, bei denen er des Öfteren auch diverse Kameraden gefallen, verwundet oder gefangen zurücklassen musste. Elfmal wurde Jünger verwundet, was ihm aber offenbar nicht sonderlich beeindruckt hat. Der Mann muss ein echter Hasardeur gewesen sein, beschreibt er doch immer wieder, wie lästig ihm beispielsweise trotz diverser Verletzungen sein Stahlhelm war und wie gern er auch im Feuer nur mit einer Mütze unterwegs war.

Keine nationalistischen Anwandlungen.

All das mag dem einen oder anderen Leser reichen, um Jüngers Werk zu verdammen. Mir persönlich nicht, weil ich überzeugt bin, dass es im und nach dem Krieg nicht nur die Remarques, sondern eben auch die Jüngers, die stoisch alles ertragen haben, ohne daran zu zerbrechen, gegeben haben muss. Das mag einem nicht gefallen, weil es auf den ersten Blick kaum geeignet sein ist, nachhaltig aus dem Geschehenen zu lernen – dennoch muss auch diese Sichtweise möglich sein. Zugute halten kann man Jünger auch, dass die Nüchternheit seines Berichtes für beide Seiten der Medaille gilt. So gibt es bei ihm kaum eine Stelle, an der er von Gefühlen wie Zorn oder gar Hass gegenüber den feindlichen Soldaten schreibt; und auch patriotisch-nationalistische Anwandlungen sucht man im Text vergeblich. Jünger kämpft für mein Dafürhalten weniger aus Pflichtgefühl, sondern fast schon um des Kampfes Willen; auch um zu Überleben, aber vorwiegend hat man das Gefühl, dass ihn tatsächlich die Abenteuerlust antreibt. Man kann ihm auch vorwerfen, dass er im Felde viel zu leichtfertig unterwegs war, was vielleicht sogar Menschenleben gekostet hat. Dass er das aus irgendwelchen ach-so-hehren Motiven wie Vaterlandsliebe getan hat, vermag ich aber nicht zu erkennen. Dass er überhaupt überlebt hat, scheint im Übrigen vor allem einer geradezu unglaublich Portion Glück geschuldet zu sein.

Letztlich empfinde ich die Werke z. B. von Erich Maria Remarque, Henri Barbusse oder Edlef Köppen als wichtiger, weil sie meiner Meinung nach dem Krieg genau jenes abenteuerliche Element nehmen, das ihn für uns, die wir nie unter Waffen gestanden haben, in manchen Zeiten verlockend zu machen scheint. Wenn man nur die „Stahlgewitter“ kennt, ist der Schritt zum Gedanken, dass ein Krieg ja gar nicht so schlimm wäre, nicht weit. Denn Jünger schreibt gut, er schreibt leicht lesbar, er schreibt unterhaltsam – und genauso wirkt der Krieg dann auch bei ihm: Letztlich ein einziges großes Abenteuer, bei dem es zwar den einen oder anderen Toten zu beklagen gibt, was aber eher irritiert als traumatisiert. Umso wichtiger ist meines Erachtens eine entsprechend reflektierte Lektüre dieses Buches.

Gesamteindruck: 5/7


Autor: Ernst Jünger
Originaltitel: In Stahlgewittern.
Erstveröffentlichung: 1920
Umfang: ca. 280 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: E-Book

BuchWelt: Der Weg zurück

Erich Maria Remarque


„Der Weg zurück“ ist die Fortsetzung von „Im Westen nichts Neues“. Erfolgsautor Erich Maria Remarque beschreibt darin – wiederum quasi-autobiografisch – den Versuch der ehemaligen Soldaten, nach Kriegsende im Zivilleben Fuß zu fassen.

Gesamteindruck: 6/7


Traumatisierte Heimkehrer.

Der 1. Weltkrieg war nicht nur zwischen 1914 und 1918 ein allseitiges und umfassendes Desaster. Der bis dahin größte Konflikt der Menschheitsgeschichte hatte auch tiefgreifende Folgen für Europa und die ganze Welt. Während in Sachbüchern neben Ursachen und Verlauf vor allem politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Nachwehen diskutiert werden, ist das Erlebnis des Einzelnen großteils der Romanliteratur vorbehalten. Meist konzentrieren sich die Autoren darin eher auf das Geschehen direkt an der Front – so auch Erich Maria Remarque in seinem Bestseller „Im Westen nichts Neues“. Ein Aspekt, den der Autor dort anlässlich der Episode um einen Heimaturlaub des Protagonisten andeutet, findet hingegen weniger Beachtung in der Literatur: Am Ende des Krieges wurden Millionen ehemalige Soldaten ins Zivilleben entlassen – meist völlig auf sich gestellt, oft traumatisiert und mit einer Gesellschaft konfrontiert, die sich grundlegend verändert hatte.

Inhalt in Kurzfassung
Herbst 1918: Der 1. Weltkrieg ist zu Ende, die überlebenden Soldaten kehren in ihre Heimat zurück. Dort müssen sie schnell feststellen, dass sie keineswegs als Helden gefeiert oder auch nur als verdiente Veteranen begrüßt werden. Noch dazu hat sich niemand darüber Gedanken gemacht, ob und wie die teils schwer traumatisierten Männer überhaupt in ein normales Leben zurückfinden sollen.

Inhaltlich ist „Der Weg zurück“ lose mit „Im Westen nichts Neues“ verbunden. Der Ich-Erzähler, Ernst Birkholz, scheint in der Kompanie von Paul Bäumer, dem Protagonisten von „Im Westen nichts Neues“ gewesen zu sein. Denn eben dieser und einige andere Soldaten, die man aus dem Vorgänger kennt, werden namentlich erwähnt; als einziger überlebt hat übrigens der Soldat Tjaden, der hier eine Nebenrolle spielt.

Remarque, der nach dem Krieg selbst mit Depressionen zu kämpfen hatte, arbeitet in „Der Weg zurück“ sehr gut heraus, dass das Drama 1918 keineswegs vorüber war. Die ehemaligen Frontsoldaten begegnen episodenhaft verschiedensten Problemen, die sich über sämtliche Lebensbereiche erstrecken. Das beginnt beim durch Gesichtsverletzungen entstellten Kommilitonen, der sich fragt, ob sein Berufswunsch (Lehrer) noch erreichbar ist, reicht über die offene Feindseligkeit ehemaliger Kameraden, die sich der Revolution angeschlossen haben, bis hin zu den Eltern, die einfach nicht verstehen können, was mit ihren Söhnen im Krieg passiert ist. Zu diesen äußeren Faktoren kommen dann noch innere Zerissenheit und posttraumatische Störungen (ein Begriff, den es damals freilich noch nicht gab), sodass sich insgesamt ein sehr trostloses Bild für die Heimkehrer ergibt. Absurde Situationen wie der Diebstahl und die Schlachtung des Hahnes des Nachbarn (ganz im Sinne des „Requirierens“ an der Front), der ehemalige Bursche, der in der Zivilgesellschaft im Stand deutlich über seinem damaligen Leutnant steht, der nach wie vor schneidige Offizier, der das Feuer auf ehemalige Kameraden, die im Verdacht stehen, Revolutionäre zu sein, eröffnen lässt usw. werden geschildert.

Einblicke in die Psyche.

Alles in allem ist dem Erich Maria Remarque mit „Der Weg zurück“ ein eindringliches Buch mit deutlich anderem Fokus als „Im Westen nichts Neues“ gelungen. Der Autor zeichnet ein Bild, das anhand relativ detaillierter Charaktere schonungslos die Folgen des Krieges aufzeigt – ganz im Gegenteil zur eher atmosphärische Schilderung des Geschehens im Vorgänger. Ich empfinde „Im Westen nichts Neues“ letztlich dennoch um eine Spur stärker, weil geradliniger. In „Der Weg zurück“ bemüht sich der Autor verstärkt darum, das, was in der Psyche der Charaktere passiert, zu beschreiben. Der Versuch ist aller Ehren wert und stellenweise auch sehr intensiv, etwa, wenn sich ein Offizier und Kamerad des Protagonisten zurück an die ehemalige Front begibt und dort (in seinem Kopf) erneut die Schrecken des Grabenkrieges durchlebt. Allerdings muss man auch konstatieren, dass diese Darstellung, eine Art innerer Monolog, nicht ganz die Stärke von Remarque ist und teilweise etwas langatmig ausfällt. Dennoch gelingt es ihm hier ganz gut, das Gefühl von Drama und Trauma in Metaphern zu fassen.

Gesamteindruck: 6/7


Autor: Erich Maria Remarque
Originaltitel: Der Weg zurück.
Erstveröffentlichung: 1931
Umfang: ca. 275 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: E-Book

BuchWelt: „Southern Reach Trilogie“ – Zusammenfassende Bewertung

Jeff VanderMeer


Für den Auftaktroman zur „Southern Reach Trilogie“, „Auslöschung“, räumte Autor Jeff VanderMeer 2014 die Hugo- und den Shirley Jackson-Awards für die beste Novelle ab. Die Trilogie als Ganzes wurde 2015 für den World Fantasy Award und 2016 für den Kurd-Laßwitz-Preis nominiert. Für jedes der drei „Southern Reach“-Bücher gibt es eine Vielzahl an positiven Rezensionen und viel Lob von Schriftsteller-Kollegen, darunter z.B. auch Stephen King. Warum gibt es hier also nur zwei Punkte für eine Trilogie, die in der Öffentlichkeit derart positiv aufgenommen wurde?

Gesamteindruck: 2/7


Anstrengend, frustrierend und unbefriedigend.

In der „Southern Reach Trilogie“ geht es um Themen, die man so ähnlich aus anderen Werken kennt. So erinnert zB. Area X, ein durch einen unbekannten Vorgang kontaminiertes Gebiet, an die Zone der Strugatzki-Brüder, während die gnadenlose Offenlegung der Grenzen unserer Wissenschaft an „Solaris“ von Stanislaw Lem denken lässt. Und auch die Art der Erzählung kommt dem erfahrenen Leser bekannt vor – so denkt man stellenweise sehr intensiv an H.P. Lovecraft, dazwischen gibt es viel Stephen King und ab und an ein bisschen Michael Crichton. Das alles zusammen sollte eigentlich ein gutes Gesamtwerk ergeben.

Leider ist dem meines Erachtens überhaupt nicht so. Im Gegenteil, trotz des geringen Umfanges (insgesamt rund 1.000 Seiten, annähernd gleichmäßig verteilt auf die drei Bücher) gestaltet sich die Lektüre sehr zäh. Vor allem der Abschlussband, „Akzeptanz“, hat es diesbezüglich in sich und zieht die Gesamtwertung noch einmal deutlich nach unten. Doch warum ist das so? Ich konnte dafür folgende Gründe ausmachen:

  • Klappentext verspricht etwas Anderes: Natürlich kann und sollte man ein Buch nicht nach seinem Äußeren – zu dem letztlich auch der Klappentext gehört – beurteilen. Und doch ist es so, dass genau an dieser Stelle Erwartungen geweckt und Vorfreude geschürt werden. Im Falle der vorliegenden Trilogie ist es so, dass die Klappentexte zwar inhaltlich einigermaßen zutreffen (zumindest bei Teil 1 und 2), gleichzeitig aber nur einen minimalen Ausschnitt dessen wiedergeben, was in den Büchern tatsächlich passiert. Ob dieses Problem, das wohl eher beim Verlag als beim Autor anzusiedeln ist, irgendwie befriedigend zu lösen gewesen wäre, weiß ich nicht – Fakt ist jedoch, dass genau daraus ein Teil meiner persönlichen Enttäuschung resultiert.
  • Stilistische Inkonsistenz: Verschiedene Perspektiven auf eine Geschichte sind grundsätzlich zu begrüßen. In der „Southern Reach Trilogie“ entsteht genau daraus allerdings ein Problem: Mit den Perspektiven ändert sich der Schreibstil. „Auslöschung“ ist in der Ich-Form geschrieben, „Autorität“ aus Sicht eines Erzählers und „Akzeptanz“ eine Mischung aus zweiter („Du-Form“) und dritter Person. Vor allem in „Akzeptanz“ wird das zum Problem und macht das Werk sehr schwer lesbar und extrem zäh.
  • Inhaltliche Zerfahrenheit: Hauptanlass zur Kritik ist die inhaltliche Zerfahrenheit. Im Wesentlichen bedeutet das, dass die Idee gut ist, die Umsetzung nicht. Die Story ist sehr dünn und will entsprechend erst einmal ausgemacht werden. Die Romane zeigen ja durchaus eine Entwicklung der Charaktere auf (die zum Zeitpunkt der Handlung bereits abgeschlossen ist). Es geht im Prinzip nur darum, wie die Personen zu dem wurden, was sie sind. Area X? Interessiert nur am Rande; findet zwar immer wieder Erwähnung, wird aber nicht vorangetrieben.
  • Geringer Erkenntnisgewinn: Letztlich muss man sich nach der Lektüre fragen, was das Ganze eigentlich soll. Die einzige Erkenntnis scheint zu sein, dass die Wissenschaft durchaus an ihre Grenzen stoßen kann. Keine neue Idee, das wurde schon in vielen anderen Büchern auf lesenswertere Weise diskutiert. Es stellt sich auch die Frage, wozu die relativ mühselige und aufwändige Charakterentwicklung – abgesehen von reinem Selbstzweck – letztlich dient. Denn dass z.B. „Control“ so ist, wie er ist, spielt für den Ausgang der Geschichte nur eine sehr marginale Rolle. Das alles wäre nur dann sinnvoll, wenn das Ziel gewesen wäre, mehr oder weniger normale Menschen in eine unmögliche Situation zu bringen und sie genau so reagieren zu lassen, wie wir es wohl alle täten – nämlich gar nicht. Zumindest nicht im Sinne des Versuchs, eine Erklärung für Area X zu finden. Nun mag es Leser geben, die genau auf so einen Ansatz gewartet haben. Ich gehöre definitiv nicht dazu.

Somit ist klar, dass es für die Trilogie keine bessere Wertung geben kann. Ich wollte die drei Bücher wirklich mögen, aber allein die Qual, „Akzeptanz“ wirklich zu Ende zu lesen, hat bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen. Zwei Punkte gibt es, weil Band 1 und 2 durchaus ihre Momente haben. Das ist aber auch schon alles, was ich positiv über die „Southern Reach Trilogie“ sagen kann.

Einzelwertungen:

  1. Southern Reach Trilogie 1: Auslöschung: 3/7
  2. Southern Reach Trilogie 2: Autorität: 3/7
  3. Southern Reach Trilogie 3: Akzeptanz: 1/7

Gesamteindruck: 2/7


Autor: Jeff VanderMeer
Umfang: 3 Bände, ca. 1.000 Seiten
Originaltitel:
 Southern Reach Trilogy.
Gelesene Sprache: Deutsch


 

BuchWelt: Akzeptanz

Jeff VanderMeer


„Akzeptanz“ ist Buch 3 der „Southern Reach Trilogie“, geschrieben vom US-amerikanischen Autor Jeff VanderMeer. Auf WeltenDing werden nach und nach Rezensionen zu allen 3 Bänden veröffentlicht, abschließend gibt es eine Gesamtbewertung der Trilogie. Wer eine Kaufempfehlung möchte, sollte also bis dahin warten.

Gesamteindruck: 1/7


Bankrotterklärung einer Serie.

„Akzeptanz“ ist im Licht der Gesamtentwicklung der „Southern Reach Trilogie“ ein merkwürdig passender Titel. Denn spätestens, wenn man diesen dritten und finalen Band der Reihe liest, sollte man akzeptiert haben, dass die Trilogie so ist, wie sie eben ist. „Akzeptanz“ ist allerdings noch einmal extremer als seine Vorgänger. Die waren bereits zerfahren und ließen einen roten Faden nur erahnen. Das Finale setzt noch einen drauf und ist – soweit lehne ich mich einfach mal aus dem Fenster – für normale Lesegewohnheiten kaum noch erträglich – oder verstehe ich das alles nur nicht? So oder so, sowohl unterhaltsam als auch tiefsinnig gehen meines Erachtens anders.

Inhalt in Kurzfassung
Area X ist ein Landstrich, auf dem merkwürdige Dinge vorgehen und der sich seit Jahren jeglicher Erforschung widersetzt. Expeditionen wurden hineingeschickt und kehrten nicht zurück. Oder sie kehrten zurück, konnten aber nichts zur Lösung des Rätsels beitragen. Die Fragen sind dabei immer die gleichen: Was ist Area X? Wodurch ist Area X entstanden? Was geht dort vor sich? In „Akzeptanz“ trifft sich eine Reihe bereits bekannter Protagonisten innerhalb der Zone, um endlich die Geheimnisse zu lösen.

Der tatsächliche Inhalt, den ich hier in Kurzform versucht habe, wiederzugeben, weicht sehr stark vom Klappentext ab, in dem eine neue Expedition á lá „Auslöschung“ suggeriert wird. Man muss sich an dieser Stelle fragen, warum das so ist – es sei denn, es wäre ein letzter Versuch, auch mit „Akzeptanz“ noch Leser zu gewinnen, die vielleicht nur dieses Buch im Regal sehen und sich dann gleich die ganze Trilogie kaufen. Wie auch immer: Der erfahrene „Southern Reach“-Leser weiß, was auf ihn zukommt. Die interessante Prämisse von Area X, die leider komplett von pseudo-philosophischem Geschwafel überdeckt wird. Klingt hart? Mag sein, aber leider ist es genau das, was ich beim Lesen von „Akzeptanz“ empfunden habe, mehr noch als bei seinen Vorgängern.

Rein stilistisch gibt es eine große Neuerung: War „Auslöschung“ noch komplett aus Sicht einer einzigen Person geschrieben und behandelte in „Autorität“ ein anonymer Erzähler sozusagen die Gegenseite, ist „Akzeptanz“ eine krude Mischung daraus. Das Buch greift die Protagonisten, die bisher in der Trilogie vorgestellt wurden (Ghostbird, Control, die Direktorin) heraus und widmet ihnen abwechselnd Kapitel. Als neue Person kommt der Leuchtturmwärter, der bisher nur am Rande Erwähnung fand, hinzu.

Unglaublich zähe Lektüre.

Es gibt dabei durchaus wichtige und interessante Zusammenhänge, die offenbart werden. Das kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass „Akzeptanz“ so zerfleddert und fragmentiert wirkt, dass „Autorität“ dagegen wie ein Ausbund an schriftstellerischer Kunst erscheint. Das hat meiner Meinung nach zwei Gründe: Erstens sind die Einzelkapitel in „Akzeptanz“ von höchst unterschiedlicher Güte. Mal passiert tatsächlich etwas Essenzielles und wird auch gut erzählt, dann wieder langweilt Autor Jeff VanderMeer mit Betrachtungen, bei denen man das Gefühl hat, dass sie Wort für Wort aus Band 1 und/oder 2 kopiert wurden (wo sie auch schon genervt haben). Zweitens ist der Schreibstil der Kapitel sehr unterschiedlich. Ich weiß nicht, ob manche Kritiker das als künstlerisch wertvoll ansehen – ich finde es schlicht und einfach misslungen, vor allem die in der Du-Form geschriebenen Teile der Direktorin sind eine Zumutung.

Abgesehen von diesen Unzulänglichkeiten gelingt es dem Autor nicht, die Trilogie befriedigend abzuschließen. Ja, Erkenntnisgewinn ist in „Akzeptanz“ vorhanden. Allerdings so versteckt und verklausuliert, dass sich nur wenige Leser die Mühe machen werden, überhaupt so lange durchzuhalten. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass das Ende offen ist, das ist allerdings bei anderen Büchern ebenso der Fall und per se kein Beinbruch. Im Falle von „Akzeptanz“ wirkt es aber so, als hätte VanderMeer selber nicht gewusst, wohin er will, als hätte er keinerlei Idee gehabt, wie er die von ihm geschaffene Welt erklären kann. Das mag aus Sicht der Protagonisten tatsächlich so sein – einen Leser kann es aber nicht zufriedenstellen, auch weil die kleinen Puzzlesteine fehlen, die vielleicht die Fantasie anregen würden.

Somit ist „Akzeptanz“ eine noch schwierigere Angelegenheit als seine Vorgänger. Ich würde sogar soweit gehen, dieses Buch als Bankrotterklärung einer Reihe, in der von Anfang an der Wurm drin war, zu bezeichnen. Sehr schade, aber die sich wie Kaugummi ziehende Lektüre von „Akzeptanz“ ist in meinen Augen tatsächlich Zeitverschwendung.

(c) Knaur

Gesamteindruck: 1/7


Autor: Jeff VanderMeer
Originaltitel: Acceptance – Southern Reach Trilogy 3.
Erstveröffentlichung: 2014
Umfang: ca. 340 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Taschenbuch

BuchWelt: Autorität

Jeff VanderMeer


„Autorität“ ist Buch 2 der „Southern Reach Trilogie“, geschrieben vom US-amerikanischen Autor Jeff VanderMeer. Auf WeltenDing werden nach und nach Rezensionen zu allen 3 Bänden veröffentlicht, abschließend gibt es eine Gesamtbewertung der Trilogie. Wer eine Kaufempfehlung möchte, sollte also bis dahin warten.

Gesamteindruck: 3/7


Lahmer Blick hinter die Kulissen.

Die Lektüre von „Auslöschung“, des ersten Bandes der „Southern Reach Trilogie“, hinterließ mich als Leser einigermaßen ratlos. Zu vieles blieb offen und vage – und das nicht auf angenehme, die Fantasie anregende Weise – letztlich fehlte schlicht das Gefühl, dass „etwas Großes“ im Verborgenen lauern würde. Es ist also  wenig überraschend, dass ich mir vom zweiten Band, „Autorität“, zumindest ein wenig Aufklärung erhofft habe. Doch so einfach macht es Autor Jeff VanderMeer seinen Lesern nicht. Im Gegenteil, nur sehr wenige der losen Enden werden überhaupt aufgegriffen.

Inhalt in Kurzfassung
Die Regierungsbehörde Southern Reach versucht seit Jahren, das als Area X bekannte Gebiet, das durch ein unbekanntes Ereignis von einer unsichtbaren Grenze umschlossen wurde, zu erforschen. Nennenswerte Erfolge sind nicht zu verzeichnen, es bleibt trotz großem Einsatz an Menschen und Material ein Geheimnis, was im Inneren des Areals vor sich geht. In dieser Situation übernimmt ein ehemaliger Agent die Leitung der Behörde – er soll herausfinden, warum es keine Ergebnisse gibt und was bei der 12. und bislang letzten Expedition nach Area X schief gelaufen ist

Wenn man sich die Seitenzahl der einzelnen Bücher der Trilogie ansieht, wundert man sich, dass es überhaupt drei Bände gibt. Der Gesamtumfang hätte auch in einer längeren Erzählung leicht Platz gefunden. Erst wenn man nach Band 1 zu Band 2 greift, merkt man, warum das wohl keine Option war. Denn „Autorität“ unterscheidet sich inhaltlich und stilistisch gravierend von seinem Vorgänger.

Erkenntnisgewinn? Kaum vorhanden.

Am überraschendsten an „Autorität“ dürfte für die meisten Leser der Wechsel der Perspektive sein, der so aus dem Klappentext auch nicht hervorgeht. Anstatt weiter in das Innere von Area X einzutauchen und neue Erkenntnisse zu gewinnen, halten sich die Protagonisten meist in vermeintlich sicherer Entfernung auf. Ort der Handlung ist das Hauptquartier von Southern Reach, die Hauptperson ist der neue Direktor dieser Regierungsbehörde. Area X selbst erlebt der Leser im krassen Gegensatz zu „Auslöschung“ nur aus zweiter Hand – aus Videoschnipseln, Fotos und fragmentierten Berichten, die die Hauptfigur durchforstet, um sich in den neuen Job einzuarbeiten. Das Problem daran: Der Leser hat weiterhin kaum Erkenntnisgewinn. Es ist eher so, als hätte Autor Jeff VanderMeer versucht, den zermürbenden Alltag in einer von frustrierten Mitarbeitern dominierten Behörde zu dokumentieren. Das ist stellenweise sogar unterhaltsamer, als man annehmen möchte, hat letztlich aber kaum Relevanz.

Der Perspektivenwechsel ist übrigens doppelter Natur: Während in „Auslöschung“ die Biologin als Ich-Erzählerin auftritt und alles Erlebte sorgsam dokumentiert, beobachten wir den Direktor in „Autorität“ von außen, also aus der Sicht eines unpersönlichen Erzählers. Wobei dieser nicht wirklich allwissend ist, weil er sich einzig und allein auf „Control“ und dessen Schwierigkeiten fokussiert und man als Leser auch nur das hört und sieht, was ihm widerfährt. Wieso es dafür ein Ausbrechen aus der Ich-Perspektive gebraucht hat, erschließt sich mir nicht. A pro pos „Control“: Es ist meines Erachtens ein interessanter Ansatz, in „Autorität“ im Gegensatz zu „Auslöschung“ nicht nur Berufsbezeichnungen für die Figuren zu verwenden. So hat der Direktor einen normalen Namen, der er allerdings zugunsten seines alias kaum jemals genannt wird. Alle anderen Figuren tragen ebenfalls ganz gewöhnliche Namen. Das unterscheidet das Buch schon sehr stark von seinem Vorgänger und nimmt ihm etwas von dessen Alleinstellungsmerkmal.

Letztlich krankt „Autorität“ trotz anderer Grundvoraussetzungen an ähnlichen Problemen wie „Auslöschung“: Der Autor ergeht sich seitenlang in Beschreibungen des Gemütszustandes seiner Hauptfigur oder in Gründen, warum die Erforschung von Area X nicht vorankommt. Die Ränkespiele und Intrigen im Hintergrund mögen teilweise interessant sein – hat man die Lektüre beendet, fragt man sich dennoch nach dem Sinn des Ganzen. Denn eine Relevanz für die Haupthandlung sehe ich großteils nicht. Und genau deshalb ist „Autorität“ im Endeffekt ebenso unbefriedigend wie sein Vorgänger. Aufklärung gibt es in homöopathischen Dosen – zu wenig, um diesem Buch eine bessere Wertung zu geben.

(c) Knaur

Gesamteindruck: 3/7


Autor: Jeff VanderMeer
Originaltitel: Authority- Southern Reach Trilogy 2
Erstveröffentlichung: 2014
Umfang: ca. 370 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Taschenbuch

BuchWelt: Auslöschung

Jeff VanderMeer


„Auslöschung“ ist Buch 1 der „Southern Reach Trilogie“, geschrieben vom US-amerikanischen Autor Jeff VanderMeer. Auf WeltenDing werden nach und nach Rezensionen zu allen 3 Bänden veröffentlicht, abschließend gibt es eine Gesamtbewertung der Trilogie. Wer eine Kaufempfehlung möchte, sollte also bis dahin warten.

Gesamteindruck: 3/7


Wenig Spannung.

„Auslöschung“ erschien 2014 als Auftakt-Roman der „Southern Reach Trilogie“ und wurde unter anderem mit dem prestigeträchtigen Nebula Award ausgezeichnet. 2018 wurde das Buch unter gleichem Namen von Alex Garland verfilmt. All das klingt nach Qualität und auch der Klappentext weckt sofort Interesse. Was Autor Jeff VanderMeer letztlich abliefert, lässt beim Rezensenten jedoch höchst zwiespältige Gefühle und einige Fragezeichen zurück.

Inhalt in Kurzfassung
Area X ist ein Landstrich, der vor vielen Jahren durch ein unbekanntes Ereignis von einer unsichtbaren Grenze umschlossen wurde. Was genau im militärisch abgeriegelten Gebiet vor sich geht, ist auch für die zuständige Behörde Southern Reach nach wie vor ein Rätsel. Alle Expeditionen, die „hinein“ geschickt wurden, kehrten entweder gar nicht oder merkwürdig verändert zurück und konnten nichts zur Lösung des Geheimnisses beitragen. Weil sich das Gebiet aber auszudehnen scheint, müssen immer neue Freiwillige gefunden werden, die die Grenze überschreiten um Informationen zu beschaffen. Das ist auch der Auftrag der 12. Expedition, die aus vier Frauen besteht: Eine Psychologin, eine Vermesserin, eine Anthropologin und eine Biologin versuchen, das Unbegreifliche zu verstehen. Dabei geraten sie schnell selbst in den Bann von Area X.

Diese Inhaltsangabe wird jedem bekannt vorkommen, der „Picknick am Wegesrand“ gelesen hat. Die Zone, die sich jedem Verständnis entzieht, die gefahrvollen Expeditionen, die merkwürdigen Veränderungen – all das wurde von Arkadi und Boris Strugatzki bereits 1971 thematisiert. Stilistisch erinnert der aus Sicht der Biologin in der Ich-Form geschriebene Roman hingegen eher an die Werke von H.P. Lovecraft, von dem auch der eher unterschwellig verpackte Horror inspiriert sein dürfte. Schließlich sollte man bei den Einflüssen auch das Schaffen von Stanisław Lem, speziell „Solaris“, in dem die Grenzen der Wissenschaft ähnlich anschaulich aufgezeigt werden, nicht vergessen. All das ist selbstverständlich kein Grund für die mittelprächtige Bewertung – man darf sich ruhig bei den Besten bedienen, vor allem, wenn man es wie Jeff VanderMeer auf durchaus angemessene Art macht.

Erwartungen nicht erfüllt.

Wie so oft scheint das Problem eher bei den Erwartungen des Lesers zu liegen. Die Geschichte über ein von der Natur zurückerobertes Gebiet, in dem allerlei Unheimliches und Rätselhaftes passiert, ist gut gelungen und spannend umgesetzt – auch wenn eine Lösung freilich ausbleibt, so viel sei verraten. Allerdings ist „Auslöschung“ auch nur der Auftakt einer Trilogie, sodass erschöpfende Erklärungen gar nicht zu erwarten sind. Letztlich macht die Handlung, die man aufgrund der Inhaltsangabe erwartet, jedoch maximal die Hälfte der rund 240 Seiten aus. Der Rest ist eher eine Art Entwicklungsroman, in dem versucht wird, die Beweggründe der Hauptperson, sich der Expedition anzuschließen, zu erörtern. Grob gesagt wird die Hintergrundgeschichte dieser Figur in jedem zweiten Kapitel behandelt, immer abwechselnd zu den Ereignissen in Area X.

Diese Herangehensweise macht die Lektüre zerfahren und teilweise zäh. Denn so gerne man erfahren möchte, was das Geheimnis von Area X ist und so schnell sich die Abenteuer, die das Team dort erlebt, meist lesen, so zäh sind die Episoden, die sich mit dem Leben der Ich-Erzählerin beschäftigen. Ich möchte nicht sagen, dass alles davon schlecht ist, kann aber auch nicht verhehlen, dass weite Teile ihrer Geschichte schlicht langweilen. Ist man mit dem Buch durch, fragt man sich automatisch, ob die oft extrem detaillierten Beschreibungen des Vorlebens der Protagonistin überhaupt notwendig gewesen wären – für den Ausgang der Geschichte spielen sie keine Rolle, was für einen schalen Nachgeschmack sorgt.

Leider konnte ich auch mit dem sachlich-nüchternen Stil von „Auslöschung“ relativ wenig anfangen. Im Gegenteil, dadurch gestaltete sich die Lektüre für mich großteils sogar noch zäher. Im Endeffekt habe ich damit für die rund 240 Seiten länger gebraucht, als man erwarten kann. Und das ist nie ein gutes Zeichen.

(c) Knaur

Gesamteindruck: 3/7


Autor: Jeff VanderMeer
Originaltitel: Annihilation – Southern Reach Trilogy 1.
Erstveröffentlichung: 2014
Umfang: ca. 240 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Taschenbuch