FilmWelt: The Crucifixion

„The Crucifixion“ soll auf einer wahren Begebenheit beruhen: In Rumänien kam 2005 eine psychisch kranke Nonne bei einem Exorzismus ums Leben. Der durchführende Priester und mehrere beteiligte Ordensschwestern wurden daraufhin zu relativ milden Freiheitsstrafen verurteilt. Der Fall selbst blieb teilweise mysteriös, die genaue Todesursache ist nach wie vor unklar. In der abgelegenen Gegend, in der sich diese Ereignisse zutrugen, glauben viele Menschen noch heute, dass das Opfer nicht krank war sondern tatsächlich unter Besessenheit durch einen Dämon gelitten hatte – und dass der Exorzist lediglich sein Bestes getan hatte, der jungen Frau zu helfen.

Gesamteindruck: 3/7


In allen Belangen Durchschnitt.

Die Wertungen, die „The Crucifixion“ bis dato erhalten hat, sprechen eigentlich Bände: 5/10 bei IMDb, 8% bei Rotten Tomatoes, um nur zwei zu nennen. Der englische Wikipedia-Eintrag zum Film wies mit Stand 8. Jänner 2019 gar eine Wertung von 0% (!), basierend auf 5 Reviews bei Rotten Tomatoes aus. Im deutschsprachigen Raum scheint der Film deutlich besser wegzukommen, zumindest, wenn man Amazon als Referenz nimmt (aktuell 3,6/5 Sternen für die Blu-ray bzw. 3,4/5 Sternen bei Prime Video). Ich habe mir den Film auf Amazon Prime Video angesehen und hatte vorher keine Ahnung von den schwachen internationalen Kritiken. Um es vorweg zu nehmen: „The Crucifixion“ ist bei weitem kein Meisterwerk, von einer Vollkatastrophe wie vor allem das Tomatometer suggeriert, ist er aber ein gutes Stück entfernt.

Inhalt in Kurzfassung
Als eine investigative US-Journalistin erfährt, dass in Rumänien ein Priester und mehrere Nonnen nach einem missglückten Exorzismus wegen Mordes angeklagt wurden, wittert sie eine große Story. Sie reist in die rumänische Provinz, um mehr über die Ereignisse zu erfahren, die zum Tod einer jungen Ordensschwester geführt haben. Vor Ort wird schnell deutlich, dass im entlegenen Osten Europas der Konflikt zwischen Religion und Rationalität noch nicht entschieden ist. Und je länger die Recherchen dauern, desto weiter scheint das Pendel in Richtung Spiritualität auszuschlagen.

Leider hat „The Crucifixion“ mit einigen gravierenden Schwächen zu kämpfen. Zunächst wäre da der fehlende Newswert (um einen Begriff aus der Medienbranche zu verwenden): Wie so ein Exorzismus – zumindest im Film – abläuft, wissen wir seit „Der Exorzist“ (1973): Vom Priester ständig wiederholte Verse aus dem Handbuch, darunter die Frage nach dem Namen des Dämons, Weihwasser, Kruzifixe usw. Oder die Zeichen der vermeintlichen Besessenheit: Unmögliche Verrenkungen, gerne auch freies Schweben, das Sprechen in fremden Zungen usw. Und auch die Frage, ob die „Besessene“ wirklich von einem Dämon beherrscht wird oder „nur“ geisteskrank ist – all das kennt man zur Genüge. Leider weicht „The Crucifixion“ keinen Millimeter von den ausgetretenen Pfaden ab, sodass man stets weiß, was einen erwartet. Nun könnte man annehmen, dass der Weg sozusagen das Ziel ist und uns „The Crucifixion“ auf andere Weise neue Einsichten bringt. Dem ist nicht so – auch die Recherchen der Protagonisten folgen Schema F. Heißt: Zunächst will niemand mit ihr reden, dann aber doch. Zunächst ist sie nicht gewillt, an Übernatürliches zu glauben, muss es schließlich aber doch tun bzw. am eigenen Leib erfahren. Abgesehen davon, dass ein solcher Aufbau typisch für einen derartigen Film ist, wird er in „The Crucifixion“ eher bieder umgesetzt, was der Spannung zusätzlich abträglich ist.

Als ob all das nicht schlimm genug wäre, krankt der Film krankt an weiteren Ecken. Ein Problem ist die innere Logik, die meines Erachtens stellenweise fehlt (oder sie ist vorhanden und ich war nicht aufmerksam genug, was auch nicht unbedingt für den Film spricht). Das beginnt bereits mit der Prämisse, dass sich eine Journalistin aus New York beweisen möchte, indem sie zu einem solchen Fall irgendwo im tiefsten Rumänien recherchiert. Dass die Protagonistin selbst ihre Probleme mit der Religion hat, wird zwar angedeutet – das reicht mir persönlich aber nicht für diesen Trip aus. Identifizieren kann man sich mit ihr ohnehin schwer – das liegt aber nicht an der passablen Leistung von Sophie Cookson, sondern daran, dass die Figur praktisch gar nicht eingeführt wird. Die Nebendarsteller sind hingegen durchweg in Ordnung, leiden aber auch unter Mängeln im Drehbuch – z.B.: Wieso können sich die einfachen Dorfbewohner, Priester und Nonnen mit der Protagonistin in fließendem Englisch unterhalten?

Größter Lichtblick: Die Atmosphäre.

Auch wenn das alles jetzt sehr negativ klingt, gibt es doch Punkte, die für „The Crucifixion“ sprechen. Am auffälligsten ist die gute Kamera-Arbeit bzw. die perfekte Auswahl der Schauplätze. Das rumänische Hinterland wirkt düster und gleichzeitig wunderschön, die Gegend, in der gedreht wurde, sieht authentisch nach Scheideweg zwischen 19. und 21. Jahrhundert aus. So stellt man sich ein Dorf im heutigen Rumänien tatsächlich vor. Außerdem voll im Grünen Bereich: die Special Effects und die unaufdringliche, musikalische Untermalung. Und sogar die Schauspieler sind – wie erwähnt – großteils in Ordnung und machen ihre Sache gut.

Letztlich ist es die düstere Gesamtatmosphäre, die den Film vor einer noch schlechteren Wertung bewahrt. Die Bilder sind in Verbindung mit der einen oder anderen intensiven Szene tatsächlich sehr gut komponiert. Und auch wenn ich diverse Schwächen des Films aufgezählt habe, ist er bei weitem nicht das, was man kompletten Müll nennen würde. Dafür sind Machart, Schauspieler und letztlich auch Dreh- und Dialogbuch einfach zu professionell. Das größte Problem ist meines Erachtens, dass „The Crucifixion“ a) den Balanceakt zwischen Realität und Mystery nicht schafft und b) nichts präsentiert, das nicht so oder so ähnlich in vielen anderen Produktionen zu sehen war.

PS: Das hier könnte übrigens ein Fall für den Kollegen von Filmschrott sein. Dessen ehrliche Meinung zu diesem Film würde mich mehr interessieren als das, was auf Rotten Tomatoes & Co steht.

Gesamteindruck: 3/7


Originaltitel: The Crucifixion
Regie: Xavier Gens
Jahr: 2017
Land: USA, UK, Rumänien
Laufzeit: 90 Minuten
Besetzung (Auswahl): Sophie Cookson, Brittany Ashworth, Corneliu Ulici, Ada Lupu



 

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FilmWelt: Der Hauptmann

Der Gedanke, dass Kleider Leute machen, ist nicht neu und hat seinen fixen Platz in Kunst, Literatur und Film; gerne wird der Hochstapler dabei als liebenswerter Tölpel dargestellt. „Der Hauptmann“ ist hingegen eine durchwegs verstörende Variante dieses Themas. Das wäre auch der Fall, wenn die Handlung fiktiv wäre – dass der Film allerdings auf Ereignissen basiert, die tatsächlich so stattgefunden haben, sorgt für ein besonders beklemmendes Gefühl. Wie genau das filmische Porträt eines Kriegsverbrechers den tatsächlichen Begebenheiten entspricht, wage ich nicht zu beurteilen – ein sehenswerter Film ist unter der Regie von Robert Schwentke in jedem Fall entstanden. 

Gesamteindruck: 7/7


Kleider machen Leute.

Die meisten heute lebenden Menschen stellen sich die Zeit des Nationalsozialismus so vor, wie man sie aus zahlreichen Film- und Fotodokumenten kennt: Schwarz-Weiß. An dieser ganz speziellen Sichtweise auf das dunkelste Kapitel in der Geschichte Europas ändern auch nach-kolorierte Dokumentationen und eine Vielzahl an Kriegsfilmen in Farbe nichts. Genau dieses kollektive Bild einer schwarz-weißen Epoche macht sich „Der Hauptmann“ zu Nutze. Übrigens ist das nicht der erste Film, der so gedreht wurde – man denke z.B. an „Schindler’s Liste“, der durch den Wegfall der gewohnten Farben ebenfalls eine ordentliche Schippe an Düsterkeit gewinnt.

Inhalt in Kurzfassung
Deutschland, Anfang April 1945: Der Gefreite Willi Herold, ein Deserteur, findet hinter der Front in einer Feldkiste die Uniform eines Offiziers. Er nutzt diese Gelegenheit, um sich neu einzukleiden und stellt schnell fest, dass Uniform und forsches, selbstbewusstes Auftreten tatsächlich reichen, um als Hauptmann durchzugehen. In weiterer Folge gelingt es ihm, eine Anzahl an versprengten Soldaten um sich zu scharen und ohne jemals Marschbefehl oder Soldbuch vorweisen zu müssen, der Feldgendarmerie zu entgehen. Schließlich übernimmt der vermeintliche Hauptmann sogar das Kommando über ein Gefangenenlager und nutzt seine neue Stellung gnadenlos aus.

Ironie des Schicksals: Der Fahnenflüchtige Willi Herold wird dank einer zufällig gefundenen Uniform zum Hochstapler, der sich schließlich zum Richter und Vollstrecker aufschwingt und seinerseits die Beseitigung von Deserteuren befiehlt, oft auch selbst erledigt. Das alles ohne, dass der junge Mann jemals einen Befehl dazu erhalten hätte, sondern offenbar nur deshalb, weil er es kann. Was macht den Reiz einer solchen Geschichte aus?

Einerseits ist da die Realität des Gezeigten. „Der Hauptmann“ ist echt, so – oder zumindest so ähnlich – ist es 1945 passiert. Es ist also nicht möglich, den unbequemen Fragen, die der Film aufwirft, zu entkommen, weil es eben keine Fantasie ist, die da auf den Zuschauer hereinprasselt. Es gab in der Endphase des 2. Weltkrieges tatsächlich einen 21-jährigen (!) Soldaten, der – vermutlich desillusioniert und verängstigt – von seiner Einheit getrennt wurde, eine Uniform anzog und der damit einhergehenden Macht unterlag. Ob Willi Herold erst durch die Offiziersuniform zum gewissenlosen Mörder wurde oder diese Anlagen schon vorher (als Gefreiter oder vielleicht noch früher) in sich trug, ist ein Thema, über das man automatisch nachdenkt, wenn man den Film gesehen hat.

Andererseits reicht der Film weit über die Frage nach Moral und Anstand der Person Willi Herold hinaus. Als Zuseher sieht man sich ständig mit der Überlegung konfrontiert, wie man selber handeln würde. Die Uniform verspricht Macht – und gewährt sie in jenem System auch. Und zwar so sehr, dass alle Grenzen, Gesetze und Normen, die es sogar in dieser finsteren Zeit gab, aufgehoben werden und der Träger der Uniform tatsächlich tun und lassen kann, was er will. Dass das eine Versuchung ist, werden die Wenigsten bestreiten können, es bleibt zu hoffen, dass man seine Macht besser eingesetzt hätte, als der vermeintliche Hauptmann es getan hat. Das gilt übrigens auch für die Männer, die er um sich schart und die zum Teil zu ahnen scheinen, dass es mit der unbeschränkten Vollmacht, verliehen vom „Führer“ höchstpersönlich, nicht so weit her ist. Wer hätte es an deren Stelle wohl gewagt, sich den Befehlen offen zu widersetzen? Unbequeme Fragen, fürwahr. Darum ertappt man sich wohl häufiger dabei, Willi Herold als „Kind seiner Zeit“ abzutun und damit praktisch zu entschuldigen, als es dem reflektierten Zuseher lieb sein kann. Denn gerade der Beginn des Films zeigt den späteren Henker vom Emsland als normalen, verängstigten, jungen Mann, mit dem sich jeder Kriegsgegner gut identifizieren kann.

Sauber inszeniert.

„Der Hauptmann“ bietet also einige moralisch-philosophische Denksportaufgaben. Angesichts dessen gerät fast ein wenig in den Hintergrund, dass der Film handwerklich sehr gut gemacht und inszeniert ist. Das Schwarz-Weiß funktioniert ausgezeichnet, ist zum Einen geeignet, die trostlose Endzeit-Stimmung im kurz vor dem Zusammenbruch stehenden deutschen Reich einzufangen, bedient zum Anderen unser kollektives Geschichtsbild (siehe oben) und sorgt drittens dafür, dass man als Zuseher auf andere Dinge achtet als auf leuchtend rotes Filmblut. Der Wahnsinn, der auf der Leinwand dargestellt wird, verstärkt sich durch die Geräuschkulisse des Krieges, industriell anmutender Musik und den Schlagern aus jener Zeit. All das verbindet sich zu einem Strudel aus Gewalt und Irrsinn, der den Zuseher ab und an mitten ins Geschehen zu reißen scheint.

Die Handlung ist bei einer filmischen Biografie ohnehin vorgegeben. Einige Freiheiten wird sich der Regisseur sicher genommen haben, wirklich störend ist das nicht. Maximal die Szene, in der der Hochstapler nach seiner ersten Gefangennahme und dem Verhör entkommt, mutet merkwürdig an. Auch, dass nicht erzählt wird, wie Willi Herold 1946 den Tod fand, fand ich ein wenig unglücklich (er wurde übrigens von der britischen Militärregierung hingerichtet). Abgesehen davon finde ich am Gesamtpaket nichts auszusetzen. Noch ein Wort zu den Darstellern: Sie alle machen ihre Sache sehr gut. Vor allem der junge Schweizer Max Hubacher kann in der Hauptrolle glänzen und vermag ein sehr mulmiges Gefühl beim Zuseher auszulösen. Erwähnenswert auch der einzige moralische Kontrapart im Film, personifiziert durch Milan Peschel, der als Gefreiter Freytag gleichzeitig der erste ist, der sich Herold anschließt, später aber als einziger Bedenken hat. Freilich hindert das auch ihn letztlich nicht daran, sich an den Verbrechen zu beteiligen, die der „Hauptmann“ befiehlt.

Als persönliche Randnotiz sei angemerkt, dass ich es erstaunlich finde, wie es Herold in dem von schwerfälliger und überbordender Bürokratie gekennzeichneten NS-Staat gelungen ist, unerkannt zu bleiben. Auch, wenn es nicht lange währte, ist doch bemerkenswert, wieviel Unheil er in dieser Zeit anrichten konnte, ohne, dass es einen wie auch immer gearteten Befehl dazu gegeben hat. Einerseits zeugt das vermutlich von unglaublichem Charisma, andererseits hatte er es wohl nicht allzu schwer, Erfüllungsgehilfen zu finden, die ihn gewissenlos bei seinem Tun unterstützt haben. Was davon bedenklicher ist, kann man kaum beurteilen – fest steht jedoch, dass Willi Herold gemordet hat, weil er a) die Gelegenheit hatte und b) es von sich aus tun wollte. Denn einen Befehl dazu hatte er nie.

Fazit: Volle Punktezahl für ein rundum gelungenes Porträt und einen stimmungsvoll-düsteren Film, der keine Längen aufweist. Sowohl inhaltlich als auch handwerklich hat sich Regisseur Robert Schwentke hiermit ein Denkmal gesetzt.

Gesamteindruck: 7/7


Originaltitel: Der Hauptmann
Regie: Robert Schwentke
Jahr: 2017
Land: GER, FRA, POL
Laufzeit: 119 Minuten
Besetzung (Auswahl): Max Hubacher, Milan Peschel, Frederick Lau, Waldemar Kobus, Alexander Fehling



 

FilmWelt: The Road

Romanverfilmungen sind ja immer so eine Sache – meist ist das Ergebnis irgendwo zwischen Katastrophe und „geht so“ einzuordnen. Umso lobenswerter, wenn es dann doch mal gelingt, das Buch einigermaßen werkstreu auf die Leinwand zu bringen. „The Road“ ist einer dieser relativ seltenen Fälle, in denen genau das gelungen ist.

Gesamteindruck: 6/7


Gute Romanverfilmung.

Wer das gleichnamige Buch von Cormac McCarthy (deutsch: „Die Straße“, 2006) gelesen hat, weiß um die Schwierigkeiten, die eine Verfilmung dieses Stoffes mit sich bringen muss: Im Roman wird kaum gesprochen, die wenigen Dialoge sind kurz, teilweise redundant und kaum das, was man in irgendeiner Weise unterhaltsam nennen kann. Im Buch funktioniert das – dafür sorgt der ganz eigene, sehr knappe Stil des Autors, der damit eine intensiv-verstörende Dystopie zu erschaffen vermag, die in Sachen Trostlosigkeit ihresgleichen sucht.

Inhalt in Kurzfassung
Eine unbekannte Katastrophe hat Amerika verwüstet. Die wenigen Menschen, die es noch gibt, kämpfen in einer verottenden Welt um ihr Überleben. Werte wie Moral und Anstand zählen nicht mehr, Raub, Mord und Kannibalismus haben sich breitgemacht. Mitten in diesem post-apokalyptischen Alptraum sind ein Mann und sein Sohn unterwegs. Ihre wenigen Habseligkeiten liegen in einem Einkaufswagen, den sie eine Straße entlang schieben, immer auf der Suche nach Nahrung und einem Unterschlupf. Dabei versuchen sie, ihre Menschlichkeit zu bewahren, was in dieser feindseligen Welt jeden Tag schwerer zu werden scheint.

Eine dermaßen minimalistische Vorlage stellt natürlich ganz besondere Herausforderungen an die Schauspieler. Fündig wurde der australische Regisseur John Hillcoat (eher bekannt für seine Musikvideos, u.a. für Depeche Mode und Nick Cave) bei Viggo Mortensen (u.a. „Herr der Ringe“) und Kodi Smit-McPhee (u.a. „Let Me In“). Beide machen ihre Sache gut, speziell Mortensen wächst meiner Meinung nach über sich hinaus. Smit-McPhee leidet hingegen ein wenig an der hoffnungslos-romantischen Naivität, die zu seiner Rolle gehört – dafür ist der Australier meines Erachtens einfach zu alt, sodass Glaubwürdigkeit verloren geht.

Das liegt aber auch am Drehbuch, das die Gefühlsduselei, die im Buch wesentlich hintergründiger ausgefallen ist, stärker in den Fokus rückt. Klar, Vater und Sohn sind emotional aneinander gebunden. Was im Roman aber einigermaßen natürlich wirkt, scheint zum Teil übertrieben, wenn man es in bewegten Bildern vor sich sieht. Aus irgendeinem Grund irritiert das mehr, als das es Gefühle weckt. Hinzu kommt, dass man sich beim Lesen des Buches kaum die Frage stellt, wieso der Junge sich so schwer tut, das zu machen und zu lernen, was für das Überleben notwendig ist. Im Film hingegen ist seine Uneinsichtigkeit – wohl aufgrund des höheren Alters des Darstellers – gelegentlich kaum zu ertragen. Um es salopp auszudrücken: Leider funktioniert die Unschuldsnummer nicht so gut wie erhofft.

Starke Atmosphäre.

Diese Probleme in der Darstellung des Sohnes sind allerdings alles, was ich an „The Road“ auszusetzen habe. Alles andere macht der Film richtig – das beginnt bei den starken Bildern, die den erbärmlichen Zustand der Überlebenden sowie die immer weiter verfallende Infrastruktur und Landschaft perfekt einfangen. Für mein Gefühl ist das ein so realistischer Ausblick auf die Post-Apokalypse, wie man ihn selten zu sehen bekommt. Jeder einzelne Gegenstand, den Vater und Sohn besitzen ist unendlich wertvoll, entsprechend schlimm ist jeder Verlust – auch für den Zuseher. Und erleben die beiden etwas Gutes, wie das Auffinden von gebunkerten Lebensmitteln, kommt echte Freude auf. Das Drehbuch passt ebenfalls und setzt auf den richtigen Mix aus ruhigen Momenten und Spannung, garniert mit ein paar Action-Sequenzen. Ganz so still wie das Buch ist der Film allerdings nicht, was ein bisschen schade ist – dafür hat dem Regisseur dann wohl doch der Mut gefehlt (was auch am Einsatz von Off-Text zu erkennen ist, der eigentlich gar nicht notwendig gewesen wäre).

Bleiben Soundtrack und Bilder. Die Musik wurde von Warren Ellis und Altmeister Nick Cave komponiert. Die schwermütigen Klavier-Melodien passen hervorragend zur Grundstimmung und verstärken die düstere Atmosphäre. Manchem mag das aufdringlich erscheinen, ich empfinde den Soundtrack hingegen als grandiose Ergänzung. Und auch optisch macht der Film sehr viel her: Gefilmt wurde praktisch nur bei schlechtem Wetter an entsprechend verlassenen und kargen Plätzen, darunter ein niedergebrannter Freizeitpark. Farbflecken gibt es so gut wie keine, teils wurde in der digitalen Nachbearbeitung entsprechende Trostlosigkeit erzeugt. Das in starkem Kontrast zu den Rückblenden, die in satten Farben gestaltet sind und damit den Unterschied zwischen Prä- und Post-Apokalypse herausstreichen.

Fazit: Trotz kleinerer Unzulänglichkeiten finde ich diesen Film sehr gelungen. Dass die absolute Unschuld des Jungen noch stärker herausgestrichen wird als im Buch, ist zu verschmerzen. Das ist aus meiner Sicht aber der einzige Punkt, an dem sich wirklich stören könnte – ging mir schon beim Buch so und ist hier nicht anders. Wäre dieser Faktor nicht ganz so prominent und der Darsteller des Sohnes ein wenig jünger, hätte es sogar für die Höchstwertung gereicht. Aber auch so bekommt man mit „The Road“ eine intelligente und atmosphärische Umsetzung eines großartigen Romans.

Gesamteindruck: 6/7


Originaltitel: The Road
Regie: John Hillcoat
Jahr: 2009
Land: USA
Laufzeit: 112 Minuten
Besetzung (Auswahl): Viggo Mortensen, Kodi Smit-McPhee, Robert Duvall, Guy Pearce, Charlize Theron, Molly Parker



 

FilmWelt: Solo: A Star Wars Story

Als klar wurde, dass der Star Wars-Rechteinhaber Disney auf eine andere, wesentlich schnellere Veröffentlichungspolitik setzen würde, als man es bisher gewohnt war, habe ich mich zunächst gefreut. Keine gefühlt endlose Warterei auf den nächsten Film mehr, sondern jedes Jahr neuer Stoff – das schien eine gute Idee zu sein, weil das von George Lucas geschaffene Universum mehr als genug hergibt, um zahllose Geschichten zu erzählen. Leider zeigt sich am 2018er „Solo: A Star Wars Stoy“ (kurz: „Solo“), dass es vielleicht doch nicht so gut ist, von Film zu Film zu hetzen.

Gesamteindruck: 4/7


Schmuggler, Pilot und Wookie-Zähmer.

„Solo“ ist der zweite Film aus der Reihe der „A Star Wars Story“-Ableger, die außerhalb der Episoden der Hauptreihe existieren. Gleichzeitig ist „Solo“ der dritte Star Wars-Film, der innerhalb von drei Jahren veröffentlicht wurde (2015: Episode VII: Das Erwachen der Macht, 2016: Rogue One, 2017: Episode VIII: Die letzten Jedi). Dazu sei auch noch gesagt, dass zwischen „Die letzten Jedi“ und „Solo“ kein Jahr, sondern nur rund fünf Monate liegen. Masse statt Klasse also?

Inhalt in Kurzfassung
Auch wenn das Imperium mit eiserner Hand über die Galaxis herrscht, haben Schmuggler und Verbrechersyndikate Hochkonjunktur. Einer der Gesetzlosen, die am Rande der Gesellschaft stehen und jede sich bietende Gelegenheit nutzen, ist Han Solo. Der Film erzählt, wie aus dem jungen Dieb einer der besten Piloten und Schmuggler des Universums wird – und, wie er dabei zu seinem legendären Raumschiff kommt und seinen langjährigen Freund und Copiloten Chewbacca trifft.

Fangen wir mit dem Positiven an: Der Film ist handwerklich sehr gut gemacht, keine Frage. Der Sound stimmt und die Effekte passen. Die Optik ist (fast) typisch, mir persönlich wirken wiederum einige Design-Elemente zu „neu“ bzw. zu glatt poliert. Im Haben sind – selbstverständlich – auch diverse Anspielungen und Momente zu verbuchen, die auf zukünftige Entwicklungen verweisen und so den Fans der Ursprungs-Trilogie als „Anker“ dienen.

Besetzungstechnisch bin ich dann schon weniger zufrieden. Zumindest hat man mit Donald Glover einen Goldgriff getan, er verkörpert den jungen Lando Calrissian tatsächlich so, dass man an Billy Dee Williams (Episoden V und VI) denkt. Alden Ehrenreich als Han Solo kann da für meinen Geschmack nicht mithalten. Den kann ich einfach nicht mit der von Harrison Ford so markant gespielten Rolle in Verbindung bringen. Nun sind das natürlich große Fußstapfen, die zu füllen wären – dass das nicht ganz funktioniert, kann man aber auch nicht Ehrenreich allein vorwerfen, es ist schon auch das Drehbuch, das ihn unter Wert verkauft.

Wen haben wir sonst noch? Emilia Clarke, bekannt aus der Serie „Game of Thrones“ (in „Solo“ allerdings – wie im wirklichen Leben – nicht blond und daher erst auf den 2. Blick zu erkennen) spielt das schmückende, weibliche Beiwerk – und kommt über dieses Klischee tatsächlich nicht hinaus. Ganz anders Woody Harrelson, den ich als undurchschaubaren, mal gut, mal böse agierenden Schurken überraschend und erfrischend empfinde. Leider hat auch er, ähnlich wie Alden Ehrenreich, mit einer Rolle zu kämpfen, die zwar Tiefe andeutet, im Endeffekt aber nicht über eben diese Andeutung hinaus kommt. Ebenso der Oberschurke Dryden Vos (gespielt von Paul Bettany) der mit seinem Narbengesicht wohl Gefährlichkeit ausstrahlen soll – davon aber weit entfernt ist, sodass er nicht mehr als ein Abziehbild eines typischen Star Wars-Bösewicht darstellt. Richtig Angst muss man vor ihm nicht haben. Bleiben Joonas „Chewbacca“ Suotamo und Phoebe „L3-37“ Waller-Bridge, die zwar größere Rollen haben, aber aufgrund der verkörperten Figuren eine Sonderstellung einnehmen, die kaum eine Beurteilung der schauspielerischen Leistung zulässt.

Bleibt inhaltlich viel zu flach.

Das größte Problem an „Solo“ ist – leider – wie schon bei „Das Erwachen der Macht“ der Inhalt. In diesem Zusammenhang könnte man bei den Dingen, die an „Solo“ stören, den einen oder anderen Einzelaspekt nennen – so z.B. dass es relativ am Anfang gleich mit einer handelsüblichen Verfolgungsjagd losgeht, die mir viel zu lang dauert und die man so ähnlich schon aus praktisch jedem Star Wars-Film kennt. Nervte mich hier ganz besonders. Es macht aber meiner Meinung nach gar nicht so viel Sinn, auf solche Details einzugehen, die einen per se guten Film vielleicht ein wenig schwächen mögen, aber normalerweise kein Beinbruch sind. Ausklammern muss man auch dabei die generelle Problematik, dass ein Prequel wenig Überraschungen hinsichtlich des Ausganges bieten kann – weiß man doch genau, wer zum Schluss überleben muss.

Unabhängig von alledem gibt es Logiklöcher und, noch störender, ungelöste Handlungsfäden (die wohl auf eine Fortsetzung hindeuten). Pläne scheitern hier relativ häufig, sodass man sich immer wieder fragt, wozu die teils sehr aufwändige Inszenierung dient. Ganz generell ist die Story flach und vorhersehbar, die Dialoge zum Teil schon witzig, insgesamt aber doch eher fad. Und: Es ist klar, dass sich dieser Film um den Hauptprotagonisten drehen muss – aber das mittelmäßige Drehbuch und die Leistung von Aldo Ehrenreich können das Ganze einfach nicht tragen. Das hätte nur durch einen starken Bösewicht/Gegenspieler kompensiert werden können, den es aber nicht gibt. Durch dessen Fehlen haben wir es mit lauter flachen Figuren zu tun, maximal der genannte Woody Harrelson (Was für einen unspektakuläreren Namen hat seine Rolle Tobias Beckett überhaupt?) ist einigermaßen interessant.

Ohne Droiden geht es nicht.

Ich persönlich hätte auch auf den gesamten Handlungsstrang um L3 verzichten können – das passt für mich nicht rein, macht zum Schluss Lando Calrissian sogar ein bisschen lächerlich und wirkt wie der plumpe Versuch, zwanghaft eine tragende Rolle für einen Roboter zu finden. Dass dadurch witzige Momente entstehen bestreite ich nicht – ich hätte aber z.B. lieber Solos Weg bei der Pilotenausbildung verfolgt, das hätte mir – zumindest in meiner Fantasie – mehr geholfen, eine tiefere Bindung zum Helden aufzubauen. Oder den Weg von Chewbacca in die Sklaverei. Keine Ahnung – so vieles wäre möglich gewesen und fehlt einfach.

Fazit: „Solo“ hat durchaus seine Momente und weiß zum Teil zu unterhalten. Gleichzeitig lässt er mich aber an meinem eigenen Geschmack zweifeln. Oder, anders gesagt: Er gibt mir erneut das Rätsel auf, was ein aktueller Film eigentlich haben muss, um uneingeschränkt zu gefallen. Das gilt ganz allgemein, weil ich im Kino in letzter Zeit immer wieder enttäuscht werde, speziell aber eben auch für Star Wars. Mit „Episode VII“ erging es mir genau wie mit „Solo“, „Episode VIII“ fand ich wesentlich stärker als diese beiden, am besten war meiner Meinung nach aber „Rogue One“. Wieso ist das so? Ich kann es einfach nicht festmachen, dabei wollte ich sowohl „Episode VII“ als auch „Solo“ unbedingt mögen. Vielleicht zu sehr? Zu hohe Erwartungen? Ich weiß es nicht.

Und so würde ich Solo im bisherigen Star Wars-Film-Kanon einordnen:

Episode I – Die Dunkle Bedrohung 3/7
Episode II – Angriff der Klongkrieger 2/7
Episode III – Die Rache der Sith 5/7
Episode IV – Eine neue Hoffnung 6/7
Episode V – Das Imperium schlägt zurück 7/7
Episode VI – Die Rückkehr der Jedi-Ritter 7/7
Episode VII – Das Erwachen der Macht 4/7
Episode VIII – Die letzten Jedi 5/7
Rogue One 6/7

Gesamteindruck: 4/7


Originaltitel: Star Wars: The Last Jedi
Regie: Ron Howard
Jahr: 2018
Land: USA
Laufzeit: 135 Minuten
Besetzung (Auswahl): Alden Ehrenreich, Woody Harrelson, Donal Glover, Emilia Clarke, Joonas Suotamo, Thandie Newton



 

FilmWelt: Godzilla (1954)

Oft belächelt als billiger schwarz-weiß-Film, in dem ein Typ im Gummikostüm Papp-Hochhäuser zum Einsturz bringt, ist der originale „Godzilla“ von 1954 heute zu Recht ein Klassiker. Das ist auch einer Neufassung zu verdanken, die Szenen beinhaltet, die für die internationalen Versionen herausgeschnitten wurden. Denn so macht der Film wesentlich mehr Sinn und zeigt ein differenziertes Bild, das nicht mehr so viel mit der dumpfen Monster-Action zu tun hat, die dem westlichen Publikum damals suggeriert wurde.

Gesamteindruck: 6/7


Unerwartet düster und ernst.

Als Godzilla 1954 auf der Leinwand erschien, hätte wohl niemand gerechnet, dass das Monster mit dem charakteristischen Urschrei die Herzen der Zuschauer im Sturm erobern würde. Heute, 2018, gibt es mehr als 30 Filme mit der riesigen Echse, die bis auf aktuell zwei US-Adaptionen samt und sonders aus Japan stammen. Eine unglaubliche Erfolgsgeschichte, wenn man bedenkt, mit welchen Mitteln die Filme jahrzehntelang produziert wurden.

Inhalt in Kurzfassung
Vor einer Insel im japanischen Meer sinken aus unbekanntem Grund mehrere Schiffe. Schließlich wird als Ursache der Havarien ein riesiges, Saurier-ähnliches Monster, von den Inselbewohnern „der Godzilla“ genannt, ausgemacht. Alle Versuche, den Giganten, der Kurs auf Tokio nimmt, aufzuhalten, scheitern und die Stadt wird von Godzilla in Schutt und Asche gelegt. Die machtlosen Militärs müssen das Schicksal Japans schließlich in die Hände eines Wissenschaftlers legen, der eine Möglichkeit gefunden hat, dem Monster beizukommen. Dabei gerät er allerdings selbst in eine moralische Zwickmühle.

Ich habe den 1954er „Godzilla“ bis vor wenigen Tagen tatsächlich kein einziges Mal gesehen, die schwarz-weiß-Bilder haben mich immer abgeschreckt. Und auch das Wissen um die teilweise naiven Effekte und merkwürdigen Dialoge späterer Godzilla-Filme war nicht hilfreich – ich konnte mir nicht vorstellen, dass ein bald 65 Jahre alter Film besser sein könnte als so mancher seiner Nachfolger. Glücklicherweise habe ich mich nun doch entschlossen, diese Lücke in meiner Filmographie endlich zu schließen. Denn: „Godzilla“ ist tatsächlich ein kraftvoller, düsterer und exzellent gemachter Film.

Zunächst ein paar Worte zur Optik: Es ist ja bekannt, dass das Monster von einem Schauspieler in einem Ganzkörperkostüm dargestellt wurde (der 2017 verstorbene Haruo Nakajima verkörperte Godzilla bis 1972). Stilistisch ist das schon ein krasser Unterschied zum thematisch ähnlich gelagerten King Kong, der mit seiner Stop-Motion-Technologie bereits 1933 die Ära der Spezialeffekte eingeläutet hatte. Interessanterweise stört diese Tatsache den Filmgenuss wesentlich weniger, als man annehmen könnte. Im Gegenteil, Godzilla sieht gar nicht so unecht aus – vielleicht gerade weil der Film in schwarz-weiß gehalten wurde. Und auch die angerichteten Verwüstungen, die das Markenzeichen aller Godzilla-Filme sind, sehen dank detaillierter und liebevoller Modelle weniger naiv aus als es heute mit der fortgeschrittenen Computertechnologie oft gelingen will.

Gnadenloser Kampf ohne jeglichen Humor.

Was den Film von seinen Nachfolgern abhebt, hat allerdings nicht so viel mit der Optik zu tun. Es ist vielmehr die düstere Grundstimmung, die „Godzilla“ auszeichnet. Das beginnt bereits mit dem Verhalten des Ungeheuers: Godzilla hatte 1954 noch nichts von einem heldenhaften Beschützer der Menschheit, der sich gerne auch mit anderen Monstern zusammentut, um Japan oder sogar die Welt zu retten. Im Gegenteil, das Monster ist gnadenlos, zerstört nicht nur Tokio sondern tötet dabei auch unzählige Menschen. Diese Kollateralschäden werden auch durchaus plakativ dargestellt, was ich in einem Monsterfilm aus den 1950er Jahren so nicht erwartet hätte.

Damit wird auch deutlich, was heute kaum mehr jemandem bewusst ist: Godzilla ist einerseits natürlich ein Unterhaltungsfilm, andererseits aber auch eine starke Allegorie auf die Schrecken der Atombombenabwürfe auf Japan im Rahmen des 2. Weltkrieges. Das kommt in den Dialogen immer wieder heraus und zeigt sich auch in der Machtlosigkeit der Menschen gegenüber dem Monster, das mit ungeheurer Gewalt über sie hereinbricht. Entsprechend humorlos und ernst ist der Film auch – ebenfalls ein krasser Unterschied zum Großteil der Folgeproduktionen. Dass Godzilla am Ende nur mit einer Waffe aufgehalten werden kann, die zur Massenvernichtung geeignet wäre, sorgt zum Schluss noch einmal für einen ganz speziellen Twist in Hinblick auf das traurige Schicksal von Hiroshima und Nagasaki.

Alles in allem ist der originale „Godzilla“ für mein Dafürhalten ein sehr guter Film. Einer, den man als Fan des Monsters sowieso gesehen haben muss, der aber auch für Filmhistoriker interessant sein dürfte. Und auch für Menschen, die entweder einfach unterhalten werden wollen (denn auch das tut der Film) oder sich gerne absurd verpackte Allegorien auf reale Ereignisse ansehen. Gerade letzteres ist ein irrwitziger Zugang, für den den Machern von „Godzilla“ aller Respekt gebührt.

Gesamteindruck: 6/7


Originaltitel: ゴジラ (Gojira)
Regie: Ishirō Honda
Jahr: 1954
Land: Japan
Laufzeit: 96 Minuten
Besetzung (Auswahl): Akira Takarada, Momoko Kōchi, Akihiko Hirata, Takashi Shimura, Haruo Nakajima



 

FilmWelt: Europa Report

Die Frage nach außerirdischem Leben hat in Literatur und Film eine lange Tradition. Doch während „Star Trek“ & Co. eine Galaxie voller mehr oder weniger humanoider Spezies zeigen, wird ein anderer Aspekt seltener betrachtet: Extraterrestrische Lebensformen in unserem Sonnensystem. Dass das überhaupt möglich sein könnte, ist eine relativ junge Erkenntnis, derer sich der amerikanische Film „Europa Report“ im Stile einer Dokumentation annimmt.

Gesamteindruck: 5/7


Wir sind nicht allein.

Als einer der aussichtsreichsten Kandidaten für Leben in unserer unmittelbaren Nähe gilt Europa, seines Zeichens viertgrößter Trabant des Gasriesen Jupiter. Unter der Eiskruste des Mondes verbirgt sich nach aktuellem Stand der Forschung vermutlich ein Ozean aus flüssigem Wasser – mithin eine Grundvoraussetzung für Leben, wie wir es kennen. Nachdem auf der Erde bereits Organismen nachgewiesen wurden, die unter ähnlich extremen Bedingungen existieren können, wie sie auf Europa herrschen, scheint das tatsächlich eine der besten Chancen zu sein, etwas Lebendiges in unserer kosmischen Umgebung zu finden. Dass bereits unbemannte Missionen geplant sind, die auf dem Eismond landen sollen, beflügelt die Fantasie ungemein – und genau das macht sich „Europa Report“ zu Nutze.

Inhalt in Kurzfassung
Mit „Europa One“ ist es einem privaten Raumfahrtunternehmen gelungen, eine bemannte Forschungsmission zum Jupiter-Mond Europa zu entsenden. Der Auftrag der internationalen Crew: Auf dem Trabanten landen und nach Spuren von Leben, das unter dem Eispanzer Europas vermutet wird, zu suchen. Doch bereits auf der langen Reise ergeben sich ernste Schwierigkeiten, die nicht nur mit dem Zusammenleben der Besatzung auf engstem Raum zu tun haben. Ein Sonnensturm beschädigt das Raumschiff, die Kommunikation  mit der Erde fällt aus. Dennoch setzt die Crew ihre Mission fort.

Die Story mag sich simpel lesen und sie ist es im Prinzip auch: Ein sechsköpfige Besatzung bricht in einem Raumschiff auf, um zu erforschen, ob „da draußen“ tatsächlich etwas ist. Mehr ist es nicht und viel mehr passiert in „Europa Report“ auch nicht. Und doch schafft es der Film auf intelligente Weise, Spannung zu generieren und den Zuseher bei der Stange zu halten. Das mag vielleicht auch mit dem realistischen Eindruck zu tun haben, den „Europa Report“ ausstrahlt: Die gesamte Technik wirkt keineswegs futuristisch, sondern genau so, als könnte eine ähnliche Mission bereits heute gestartet werden. Mit Science Fiction hat der Film in letzter Konsequenz kaum etwas zu tun, er ist vielmehr so nahe an unserem Stand der Technik, dass man ihn von einer echten Dokumentation kaum unterscheiden kann.

Der Weg ist das Ziel.

„Europa Report“ ist grob in drei Teile gegliedert. Zunächst werden dem Zuseher Nachrichtensendungen und Interviews präsentiert, die über die Mission informieren. Danach geht es direkt in das Filmmaterial, das von Europa One zur Erde übermittelt wurde. Der Clou: Überall im und am Raumschiff gibt es Kameras, die das Geschehen und die Crew rund um die Uhr einfangen, später kommen Helm-, Hand- und Anzugkameras dazu. Mit diesen Bildern, die man so ähnlich aus verschiedensten Found-Footage-Filmen kennt, wird die Geschichte um den Forschungsflug der „Europa One“ rekonstruiert. Den dritten und letzten Teil machen die Ereignisse auf Europa selbst aus, ebenfalls von den Astronauten selbst gefilmt. All das gibt „Europa Report“ genau den realistischen Anstrich, der mit der üblichen Außenperspektive nicht möglich gewesen wäre.

Grundsätzlich ist fast alles an „Europa Report“ gelungen. Die Schauspieler machen ihre Sache gut, die Story überzeugt in ihrer Einfachheit, Bild und Ton sind zweckmäßig und unterstreichen die gewünschte Atmosphäre im Raumschiff und auf dem Mond. Einzig die finale Szene, in der man endlich das zu sehen bekommt, was die Raumfahrer auf Europa entdeckt haben, fand ich übertrieben – das nimmt dem Film einiges von der zuvor aufgebauten Realitätsnähe. Nun ist es ja nicht so, dass es nicht genau so sein könnte, wie es in „Europa Report“ dargestellt wird – aber so ganz will das alles nicht zusammenpassen.

Unabhängig davon ist in diesem Film tatsächlich der Weg das Ziel. Alles, was vor dem Finale, eigentlich sogar vor der mehr oder weniger letzten Szene passiert, ist durchgängig spannend und gut erzählt. Durch die Kameraführung fühlt man sich mitten ins Geschehen versetzt, was ein hautnahes Miterleben aller Vorgänge ermöglicht. Gleiches gilt für die Identifikation mit den Figuren, die einem relativ schnell vertraut werden. Durch die vermittelte Nähe fällt es in letzter Konsequenz auch kaum auf, dass es eigentlich keine ausgearbeiteten Charaktere sind. Das würde ich in den meisten Fällen tatsächlich als großen Schwachpunkt anprangern – in „Europa Report“ stört es merkwürdigerweise kaum.

Das Maximum herausgeholt.

Glaubt man dem Wikipedia-Eintrag, ist „Europa Report“ mit einem für US-Verhältnisse sehr kleinem Budget ausgekommen (unter 10 Millionen $). Wenn dem tatsächlich so sein sollte, zeigt der Film, dass Qualität keine Frage des Geldes sein muss. Und damit meine ich nicht nur die inhaltliche Qualität sondern auch Ausstattung und Optik. Denn abgesehen von wenigen Ausnahmen (der Sonnensturm hat mir nicht sonderlich gefallen und passt auch nicht wirklich ins Gesamtkonzept) sieht „Europa Report“ schon sehr gut und vor allem realistisch aus. Das kann man in Zeiten des CGI-Overkills gar nicht genug betonen. Besonders beeindruckend sind die Szenen, die direkt auf Europa spielen und von denen man sich tatsächlich auf eine völlig fremde Welt versetzt fühlt. Das ist schon eine Meisterleistung, die hier mit relativ geringen Mitteln vollbracht wurde.

„Europa Report“ ist meines Erachtens ein echter Geheimtipp. Ein Film, den jeder, der auch nur das mindeste Interesse an der Erforschung des Weltraums hat, gesehen haben sollte. Und auch Science Fiction-Fans werden auf ihre Kosten kommen – zumindest dann, wenn sie einen auf einen allzu futuristischen Anstrich und viel Action verzichten können. Eine rundum gelungene Produktion, die zeigt, dass man nicht nur mit Budget, sondern auch mit Herz gute Filme machen kann.

Gesamteindruck: 5/7


Originaltitel: Europa Report
Regie: Sebastián Cordero
Jahr: 2013
Land: USA
Laufzeit: 90 Minuten
Besetzung (Auswahl): Embeth Davidtz, Sharlto Copley, Michael Nyqvist, Christian Camargo, Karolina Wydra, Dan Fogler, Daniel Wu, Anamaria Marinca



 

FilmWelt: Auslöschung

Es ist fast schon ein schlechtes Omen: Mit „The Cloverfield Paradox“ und „The Ritual“ musste ich zwei Filme, die ohne den Umweg über das Kino auf Netflix veröffentlicht wurden, eine schlechte Bewertung geben. „Auslöschung“ ist der Dritte im Bunde der direkt auf dem Streaming-Dienst veröffentlichten Filme, der auf WeltenDing besprochen wird. Und ja, auch hier hätte ich mir wesentlich mehr erwartet, als letztlich abgeliefert wurde.

Gesamteindruck: 4/7


Streckenweise zu langatmig.

„Auslöschung“, entstanden unter der Regie von Alex Garland (u.a. „28 Days Later“, „Dredd“), basiert auf dem gleichnamigen Auftakt der „Southern Reach-Trilogie“ von Jeff VanderMeer aus dem Jahr 2014. Wir haben es also mit der Verfilmung eines sehr jungen Stoffs zu tun. Vorausschickend und für alle Kenner des Buches sei erwähnt, dass die Verbindung zwischen Buch und Film relativ lose ist. Die Unterschiede sind meines Erachtens nur teilweise dramaturgischen Gründen geschuldet (so hat im Buch im Gegensatz zum Film z.B. keine Figur einen Namen, die Berufsbezeichnungen reichen dem Autor aus). Die Geschichte selbst ist ähnlich, die Abweichungen in den Details jedoch stellenweise so signifikant, dass man kaum noch von einer „richtigen“ Adaption sprechen mag.

Inhalt in Kurzfassung
Ein Phänomen, genannt „der Schimmer“, liegt seit einigen Jahren wie ein Schild über einem nicht näher bezeichneten Landstrich. Bisher wurden elf Expeditionen in das innere des Gebietes geschickt, um zu erkunden, was jenseits der Grenze passiert. Jede davon war ein Fehlschlag – die Teilnehmer verschwanden spurlos, begingen Selbstmord oder kehrten unheilbar krank zurück und starben bald darauf. In „Auslöschung“ macht sich die zwölfte Expedition, ein reines Frauen-Team, auf den Weg in den Schimmer. Der Auftrag: Erforschung der Tier- und Pflanzenwelt und Aufdeckung der Ursache für die Entstehung des Gebietes. 

Die Prämisse von „Auslöschung“ ist durchaus interessant, auch wenn die Idee schon recht dreist von „Picknick am Wegesrand“ der Strugatzki-Brüder abgekupfert ist. Dafür kann der Film natürlich nichts, die Schuld, wenn man so will, liegt beim Autor der Buchvorlage. Wie dem auch sei, die Geschichte, die „Auslöschung“ erzählt, macht definitiv neugierig. Das Mysterium, das den Schimmer umgibt, wird gut aufgebaut, wozu auch die tolle Optik des Films beiträgt. Allein, wie sich die Welt außer- und innerhalb der Grenze unterscheidet, wurde exzellent umgesetzt und verleiht dem Film etwas von „Alice im Wunderland“.

Holpriger Aufbau…

Leider dauert es viel zu lang, bis der Zuseher zu sehen bekommt, was er dank des exzellenten Trailers erwartet. Nicht falsch verstehen: Ein behutsamer Aufbau muss nicht schlecht sein. „Auslöschung“ geht in diesem Zusammenhang zunächst auf Nummer sicher und unterscheidet sich in der Charakterentwicklung kaum von anderen Filmen. Heißt: Die Hauptdarstellerin wird in verschiedenen Facetten vorgestellt, gerne auch mit Rückblenden. Dabei hält sich der Film einigermaßen an die literarische Vorlage, allerdings wird ihm gerade das zum Verhängnis. Denn die Durchschnittlichkeit und das fehlende Charisma der Biologin sind schon im Buch alles andere als ein Highlight. Im Film, der naturgemäß straffen muss, geht der Figur jegliche Identifikationsmöglichkeit ab. Daran ändert auch die Starbesetzung mit Natalie Portman nicht viel, wenngleich sie durch ihre Leistung einiges wettmachen kann.

Das nutzt natürlich nichts, wenn das Drehbuch den Funken einfach nicht überspringen lässt. Der Regisseur ergeht sich den ganzen Film über in relativ langen Szenen, in denen kaum gesprochen wird. Das soll wohl bedeutungsschwer sein, langweilt letztlich aber gerade im ersten Drittel über weite Strecken.

Abgesehen von dieser Schwerfälligkeit schafft man auch nur mit Müh‘ und Not ein wenig Interesse an der Hauptfigur. Der Rest des Casts ist Beiwerk, was bedeutet, dass man von Anfang an weiß, wer überleben wird und wie der Film ausgeht – und das nicht nur, weil man ohnehin gleich in den ersten Szenen gespoilert wird. Diese Herangehensweise ist an und für sich in Ordnung, setzt aber voraus, dass im restlichen Film die Spannung z.B. durch gruppendynamische Prozesse aufrecht erhalten wird. Die gibt es in „Auslöschung“ praktisch gar nicht – oder sie sind so banal, dass sie den langsamen Aufbau wie Hohn wirken lassen.

Dennoch wird der Film im Hauptteil besser und nimmt, beginnend mit dem Betreten des Schimmers, an Fahrt auf. Das liegt zum einen daran, dass es die eine oder andere Action-Szene zu sehen gibt, zum anderen beginnen die Figuren tatsächlich, so miteinander zu agieren, wie man sich das erhofft. Diese Kombination führt gemeinsam mit den Dingen, die die Gruppe im Schimmer findet und die mehr Fragen aufwerfen, als sie beantworten, zu einem gutklassigen Mittelteil. Man rätselt mit, man erschreckt sich, man ist begierig darauf, dass das Geheimnis gelüftet wird. Und vor allem ist man von der fantasievollen Optik begeistert.

…langatmiges Finale.

Leider kann das Finale wiederum nicht punkten. Kenner des Buches, das sehr offen endet und keinerlei Erklärungen bietet, wissen um diese Problematik. Nun ist es aber so, dass der Film sogar mehr zu erklären versucht. Das misslingt letztlich, sodass das Ende weder Fisch noch Fleisch ist. Noch dazu ist die Schlüssel-Sequenz extrem langatmig geraten und sorgt für mein Dafürhalten für einen negativen Schlusspunkt. Das hätte so nicht sein müssen, ich verstehe nicht, was da im Kopf von Alex Garland vorgegangen ist. Vielleicht wollte er ein Ende á lá „2001 – Odyssee im Weltraum“ generieren? Schon bei jenem filmischen Meisterwerk ist das bei mir nicht so richtig angekommen, bei „Auslöschung“ ist es ein einziges Ärgernis, wenn sich Natalie Portman im mehr oder minder synchronisierten Paartanz durchs Bild quält.

Aber vielleicht verstehe ich das alles nur nicht? War nicht ein Grund, wieso man den Film dem hiesigen Kinopublikum nicht zumuten wollte, dass er „zu intellektuell“ wäre? Wenn dem so ist, bin ich wohl tatsächlich nicht verkopft genug, um Handlung und Drehbuch von „Auslöschung“ schätzen zu können. Sehr wohl punkten kann der Film bei mir hingegen mit optischer Qualität und in Teilen auch mit düsterer Atmosphäre. Das allein reicht mir aber nicht für eine bessere Bewertung.

Gesamteindruck: 4/7


Originaltitel: Annihilation
Regie: Alex Garland
Jahr: 2018
Land: USA, UK
Laufzeit: 115 Minuten
Besetzung (Auswahl): Natalie Portman, Jennifer Jason Leigh, Gina Rodriguez, Tuva Novotny, Tessa Thompson, Oscar Isaac