FilmWelt: Funny Games

Ich überlege gerade, warum es so schwer fällt, eine Rezension zu diesem Film zu schreiben. Ist er intellektuell so herausfordernd, dass er sich einer Analyse meinerseits verschließt? Fehlt es an Handlung, an Spannung oder an schauspielerischer Leistung? Ist die Botschaft nicht klar? Ich bin mir ehrlich gesagt nicht sicher; wie ich mir auch nicht sicher bin, ob das, was ich unten über den Film und wie er mir gefallen hat schreibe, überhaupt Sinn ergibt. Merkwürdig.

Gesamteindruck: 4/7


Gewalt um ihrer selbst Willen.

Beim Ansehen von „Funny Games“, einem Film des nicht gerade zimperlichen österreichischen Regisseurs Michael Haneke, beschleicht den Zuschauer ein merkwürdiges Gefühl: Einerseits gibt es Anleihen aus „Uhrwerk Orange“, z.B. die weiße Kleidung der Bösewichte oder die Gewalt, die scheinbar völlig grundlos und unaufhaltsam über die Opfer hereinbricht. Andererseits geht „Funny Games“ das groteske Szenario ab, das Stanley Kubricks gefeierte Satire u.a. auszeichnet, aber auch etwas „weicher“ macht. „Funny Games“ ist nämlich so gestaltet, dass a) man die ganze Zeit den Eindruck hat, selbst in eine solche Situation geraten zu können und b) Haneke das Publikum sozusagen als (Mit-)Ursache der Gewalt einbindet. Ein interessanter Ansatz – der meines Erachtens aber nicht konsequent genug verfolgt wurde.

Inhalt in Kurzfassung
Der Urlaub einer dreiköpfigen Familie an einem See wird jäh gestört, als zwei junge Männer mit zunächst außerordentlich höflichen Umgangsformen auftauchen. Schnell zeigt sich, dass die Besucher nicht mehr freiwillig gehen wollen und sich auch nicht vertreiben lassen.

„Funny Games“ polarisiert. Das ist bei einem Haneke-Film nicht ungewöhnlich und war offenbar auch schon bei seiner Premiere in Cannes so. Doch warum eigentlich? Aus heutiger Sicht ist das gar nicht so leicht nachzuvollziehen. Klar: Es gibt kein Happy End, die Situation, in der Regisseur seine Figuren bringt, ist ausweglos, eine Erklärung für das, was ihnen widerfährt, gibt es nicht. All das erzeugt natürlich ein äußerst ungutes Gefühl und macht „Funny Games“ für den normalen Filmkonsumenten sehr unbequem. Eine klare Linie, ob der Film nun ein Meisterwerk oder doch eher billige Provokation ist, lässt sich nur sehr unbefriedigend ziehen, wie ich finde.

Rein auf die Handlung bezogen ist „Funny Games“ meiner Meinung nach ein solider Film. Die Situation, in den eigenen vier Wänden als Geisel genommen zu werden und nichts dagegen tun zu können ist gut erzählt und löst die gewünschte Angst beim Zuseher aus. Dass die Antagonisten nicht sagen, was sie wollen, es sich weder um eine Lösegeld-Erpressung noch um einen Raubüberfall handelt, dass es auch keine Psychoanalyse gibt, in der eine schwierige Kindheit o.ä. für ihre Taten verantwortlich gemacht wird – all das empfinde ich als sehr unkonventionell und spannend, weil „anders“. Auf dieser Ebene funktioniert „Funny Games“ zumindest bei mir uneingschränkt gut – und das bis zum Schluss. Kritisieren könnte man allenfalls Kleinigkeiten, z. B. wirkt die Sprache im Gegensatz zum allgemeinen Habitus der Hauptpersonen arg gekünstelt. Etwas weniger Hochdeutsch und etwas mehr Dialekt hätten an dieser Stelle Wunder gewirkt.

Interessant – und eigentlich gegen die These der reinen Provokation sprechend – ist, dass die Gewalt, von der der Film geprägt ist, kaum zu sehen ist. Jedenfalls nicht so, wie man sich das vorstellt. Und das hat nicht nur damit zu tun, dass sich die Zeiten geändert haben („Funny Games“ feierte ja vor über 20 Jahren seine Premiere). Auch damals gab es wesentlich explizitere Darstellungen als Haneke sie seinem Publikum zumutet. Allerdings ist das, was abseits der Kamera passiert, was nur zu hören ist (z.B. Schmerzensschreie, Weinen usw.) schon sehr starker Tobak und trägt letztlich mehr zum Flair der Brutalität bei als man meinen könnte.

Zweite Ebene überzeugt nicht ganz.

Doch „Funny Games“ spielt auch noch auf einer zweiten Ebene. Zu diesem Zweck wird die berühmte „4. Wand“ immer wieder durchbrochen, der Zuseher direkt angesprochen – so bieten die Antagonisten dem Publikum beispielsweise Wetten an, wer als nächstes stirbt. Diese Idee finde ich grundsätzlich gut, an der Umsetzung hapert es für mein Dafürhalten aber. Denn die Ansprache des Zuschauers fällt dermaßen leger und „nebenbei“ aus, dass dieser Aspekt des Films fast untergeht. Noch dazu zeigt sich an dieser Stelle, dass das Mitleid, das man mit der gepeinigten Familie empfindet, gar nicht so groß ist, wie Haneke es sich vermutlich gewünscht hat. „Schuld“ an diesem Umstand könnte sein, dass einer der beiden Bösewichte, der von Arno Frisch gespielte Paul, dem restlichen Ensemble in Sachen Charisma deutlich überlegen ist. Dieses Ungleichgewicht stört das eigentlich genau festgelegte Gut-Böse-Schema, wie ich finde.

Fazit: Zu sagen, der Film würde unterhalten, wäre wohl nicht angebracht und auch nicht das, was Michael Haneke erreichen wollte. Im Endeffekt hat mir „Funny Games“ gefallen. Das liegt aber vor allem an der guten Machart seiner konventionellen Ebene. Der intellektuelle Aspekt, der Versuch, den Zuseher für das, was auf dem Schirm passiert, quasi haftbar zu machen, hat sich mir hingegen nicht so richtig erschlossen. Daher: Gute 4 von 7 Punkten.

Gesamteindruck: 4/7


Originaltitel: Funny Games
Regie:
Michael Haneke
Jahr: 1997
Land: Österreich
Laufzeit: 104 Minuten
Besetzung (Auswahl): Susanne Lothar, Ulrich Mühe, Arno Frisch, Frank Giering, Stefan Clapczynski



 

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FilmWelt: A Quiet Place

Sieht man sich „A Quiet Place“ zum ersten Mal an, ist man überrascht: Ein Film, der scheinbar ohne Worte auskommt – kann das überhaupt gut gehen? Es kann, wie Regisseur John Krasinski zeigt. Allerdings, und das ist schade, wird das Konzept nicht bis ganz zum Schluss durchgezogen. Dennoch: „A Quiet Place“ unterhält und ist über weite Strecken erfrischend anders.

Gesamteindruck: 5/7


Pssst!

„A Quiet Place“ ist einer dieser seltenen Fälle, in denen es tatsächlich gelingt, einem alt-ehrwürdigen Genre einen neuen Aspekt hinzuzufügen. Dass man auf der Flucht vor Monstern leise sein muss, ist bekannt – in diesem Film ist die absolute Lautlosigkeit aber ein vollwertiges Stilelement. Die Figuren agieren in völliger Stille, flüstern nicht einmal miteinander, sondern verständigen sich über Handzeichen. Sie tappen barfuß durch die Szenerie und sind so ruhig, dass es den Zuschauer regelrecht in den Ohren schmerzt. Man muss den Schauspielern gratulieren, die es schaffen, ihren Charakteren ganz ohne Sprache Leben einzuhauchen.

Inhalt in Kurzfassung
Irgendwo in Amerika lebt eine Familie einen post-apokalyptischen Alptraum. Die Menschheit wurde mehr oder weniger ausgerottet und auch die wenigen Überlebenden befinden sich ständig in großer Gefahr. Die einzige Chance, den monströsen Jägern zu entkommen, ist völlige Lautlosigkeit, denn jedes noch so kleine Geräusch kann ein Todesurteil sein.

Die Grundannahme des Films führt nicht nur schauspielerisch zu einer unorthodoxen Herangehensweise. Auch optisch und akustisch ist „A Quiet Place“ grundlegend anders. So ist die Unterstützung durch einen Score eher marginal, wenngleich der Soundtrack nicht ganz wegfällt. Dafür kommt den Soundeffekten umso größere Bedeutung zu. Das ist so ungewohnt, dass allein dadurch ein mulmiges Gefühl beim Zuseher entsteht. Verstärkt wird diese Grundstimmung durch die Kameraarbeit, die in Zusammenhang mit der fehlenden Akustik ein fast schon klaustrophobisches Gefühl erzeugt – interessanterweise ohne, dass der Film in geschlossenen Räumen spielt. Daran kann man zumindest ansatzweise erkennen, wie angewiesen wir Menschen auf unseren vollständigen Sinnesapparat sind.

Gelungen ist auch das Drehbuch, das sich mehr auf die handelnden Personen als auf das Umfeld konzentriert. In diesem Fall bedeutet das, dass man als Zuseher nicht weiß, wie die Menschheit überhaupt in diese ausweglose Lage geraten ist. Eine außerirdische Invasion? Mutationen? Der Film hält sich sehr bedeckt, was die großen Zusammenhänge betrifft und liefert nur ein paar Schnipsel, aus denen man sich mehr oder weniger zusammenreimen kann, was passiert sein könnte. Das ist eine Herangehensweise, die ein wenig an „Cloverfield“ erinnert. In Verbindung mit dem nicht vorhandenen Humor trägt auch dieses Nicht-Wissen viel zum Nervenkitzel von „A Quiet Place“ bei.

Intensitätskurve flacht zum Schluss hin ab.

Leider ist aber nicht alles Gold, was glänzt. Die intensive Stimmung, die ich oben beschrieben habe, trifft vorwiegend auf die erste Hälfte von „A Quiet Place“ zu. Den Mut, dieses Konzept bis zum Ende durchzuziehen, hatte Regisseur John Krasinski (der neben seiner Real-Life-Ehefrau Emily Blunt auch in einer der Hauptrollen zu sehen ist) dann doch nicht. Im weiteren Verlauf wird der Film dann immer „lauter“. Das beginnt damit, dass man eine Möglichkeit findet, Personen doch miteinander sprechen zu lassen. Das wurde zwar einigermaßen logisch gelöst, wirkt in meinen Augen aber wie ein Mittel zum Zweck, weil man es dem Publikum nicht zumuten wollte, bis zum Schluss quasi nur mit Gebärdensprache auszukommen. Allein das nimmt den Film bereits einiges vom Zauber, den er am Anfang entwickelt. Noch mehr wird das ursprüngliche Konzept durch die musikalische Untermalung verwässert, die sich von anfangs kaum wahrnehmbar im Verlauf des Films zu dramatisch-bombastisch steigert. Das passt zwar zum Inhalt, bei dem sich die Schlagzahl und die Action ebenfalls erhöhen – nimmt „A Quiet Place“ gleichzeitig aber auch viel von seiner Besonderheit.

Denn eines darf man auch nicht übersehen: „A Quiet Place“ unterscheidet sich in der Handlung nicht maßgeblich von einem handelsüblichen Endzeit- oder Zombiefilm. Es ist letztlich nur die Inszenierung, die den Streifen von seiner Konkurrenz abhebt. Wird diese verdünnt, wie es in der zweiten Hälfte des Films passiert, wird „A Quiet Place“ zu einer handwerklich gut gemachten aber sehr konventionellen Darstellung der Postapokalypse. Schade, mit etwas mehr Konsequenz hätte es eine höhere Wertung geben können.

Gesamteindruck: 5/7


Originaltitel: A Quiet Place
Regie:
John Krasinski
Jahr: 2018
Land: USA
Laufzeit: 90 Minuten
Besetzung (Auswahl): Emily Blunt, John Krasinski, Noah Jupe, Millicent Simmonds, Cade Woodward, Leon Russom



 

FilmWelt: Lords of Chaos

Anfang der 1990er, also vor rund 30 Jahren, hat eine Gruppe junger Männer Norwegen in Angst und Schrecken versetzt. Satanismus, Brandstiftung und sogar Mord – die Rebellion, die unter dem Banner des Black Metal nicht nur die Musikwelt erzittern lassen sollte, schreckte vor keinem Extrem zurück. Drei Figuren waren prägend für jene Zeit: Øystein „Euronymus“ Aarseth, Per „Dead“ Ohlin und Kristian „Varg“ Vikernes. „Lords of Chaos“ (2019), entstanden unter der Regie des Schweden Jonas Åkerlund, erzählt ihre Geschichte.

Gesamteindruck: 5/7


Eine skandinavische Tragödie.

„Lords of Chaos“ ist die Verfilmung des gleichnamigen Sachbuches von 1998. In jenem Werk arbeiteten die Autoren Michael Moynihan und Didrik Søderlind jene Ereignisse auf, die zur Etablierung eines neuen musikalischen Genres führten, das so extrem war, wie nichts davor oder danach. Dennoch wäre der norwegische Black Metal wohl nie über versiffte Kellerräume in Oslo oder Bergen hinausgekommen – wären da nicht seine brutalen und blutigen Begleiterscheinungen gewesen. Denn es sollte nicht lange dauern, bis die dunkle Ideologie in höchst reale Taten umschlug, die bis heute ihresgleichen suchen.

Inhalt in Kurzfassung
Oslo, Mitte der 1980er Jahre: Der junge Gitarrist Øystein „Euronymus“ Aarseth gründet mit Freunden die Band Mayhem und „erfindet“ dabei gleich ein neues musikalisches Genre: True Norwegian Black Metal, eine extreme Form des Heavy Metal, ausgelegt auf düstere Atmosphäre, größtmögliche Aggression und Auflehnung gegen sämtliche musiktheoretische – und auch gesellschaftlich-religiöse – Konventionen. Zunächst lärmt man noch unter Ausschluss der Öffentlichkeit vor sich hin. Eine Art Durchbruch gelingt erst, als sich der schwedische Sänger Per Yngve Ohlin, besser bekannt unter seinem Pseudonym Dead, dazu gesellt. Dessen späteren Selbstmord nutzt Euronymus für Promotion-Zwecke – ein Tabubruch, dem viele weitere folgen sollen. Als schließlich der Bergener Kristian „Varg“ Vikernes, seines Zeichens einziges Mitglied von Burzum, in das Leben von Euronymus tritt, geraten die Dinge vollständig außer Kontrolle.

Bevor sich der geneigte Black Metal-Fan – oder jeder andere, an der Thematik interessierte Zuseher – „Lords of Chaos“ ansieht, sollte er sich über folgendes bewusst sein: Der Film ist im Gegensatz zum Buch, auf dem er basiert, keine Dokumentation. Wohl ist er eine filmische Biographie, vor allem über Euronymus, er ist und bleibt aber ein Spielfilm. Heißt: Schauspieler verkörpern die Protagonisten, es gibt keinerlei weiterführende Erklärungen und reale Persönlichkeiten kommen nicht zu Wort. Entsprechend gibt es im Film Szenen zu sehen, für die es in Wirklichkeit keine Augenzeugen gab und von denen man nur mutmaßen kann, ob sie sich tatsächlich so zugetragen haben. Das ist aus meiner Sicht kein grundsätzliches Problem, sorgt aber dafür, dass man den Film nicht ganz so ernst nehmen sollte, wie man vielleicht gehofft hatte.

Grundsätzlich ist die Konstellation, die zum Aufstieg und Fall der ersten Black Metal-Band der 2. Generation, Mayhem, geführt hat, sehr komplex. Verständlich also, dass sich der Regisseur (seines Zeichens Anfang der 1980er als ehemaliger Drummer von Bathory übrigens Mitglied der 1. Black Metal-Generation) für „Lords of Chaos“ auf einen Gesichtspunkt konzentrieren wollte. Als Hauptprotagonisten hat Jonas Åkerlund daher Euronymus (überraschend gut gespielt von Rory „Ich bin der Bruder von Macauly“ Culkin) herausgegriffen, den er vor allem als musikalischen Impulsgeber der Szene betrachtet. Diese Simplifizierung finde ich durchaus in Ordnung – dass „Lords of Chaos“ ein umfassender und jeden Teilaspekt betrachtender Film wird, hätte ich ohnehin nicht erwartet. Abgesehen davon ist die Konzentration auf Mayhem und Burzum bei nahezu vollständiger Ausblendung anderer Protagonisten ein Vorwurf, den sich bereits das Buch gefallen lassen musste.

Allgemein ist der Blick, den Jonas Åkerlund auf dieses Stück Musikgeschichte wirft, ist unterhaltsamer, als man erwarten könnte. Vorwiegend liegt das wohl daran, dass der Regisseur keine Identifikationsfiguren bieten wollte. Euronymus ist zwar nicht ganz unsympathisch, neigt aber sehr stark zu Opportunismus, was nun keine erstrebenswerte Eigenschaft ist. Liest man ältere Aussagen von ehemaligen Weggefährten, scheint diese Charakterisierung durchaus zutreffend zu sein. Varg wird vom für mein Gefühl etwas zu stattlichen Emory Cohen hingegen als jemand dargestellt, der sogar in diesem Kreis aus Außenseitern zunächst wenig Akzeptanz findet. Ihm, der als einziger der drei Hauptprotagonisten jene Zeit überlebt hat und der weder damals noch heute als angenehmer Zeitgenosse gelten dürfte, schreibt der Regisseur eine leicht tollpatschiges, naives Verhalten zu, das sich später immer mehr ins Radikale verkehrt. Sein musikalisches Genie, mit dem man sich eventuell identifizieren könnte, ist lediglich eine Randbemerkung, sodass wir es bei ihm nicht einmal mit einem kauzigen Anti-Helden, sondern einfach mit einem fehlgeleiteten, nicht gerade hellen Typen zu tun haben. All das sorgt für den einen oder anderen Lacher, bei dem man sich als Kenner der Geschichte zwar irgendwie unwohl fühlt, der einige Szenen aber eben auch nicht ganz so verbissen macht, wie sie die Protagonisten damals wohl erlebt haben.

Trve Norwegian Black Metal – Achtung, Spoiler!

Der Film deckt – so jedenfalls meine Wahrnehmung – einen Zeitraum von ungefähr 1986 bis 1993 ab. Grob kann er in vier Teile gegliedert werden. Der erste Part stellt stark verknappt die Hauptfigur Euronymus und seine Motivation vor. Aufgegriffen wird die „Erfindung“ des Black Metal-Riffs und die ersten rebellischen Gehversuche einer Bande von Außenseitern, die freilich noch vergleichsweise harmlos und kaum von der Punk-Bewegung unterscheidbar ausfallen. All das funktioniert sehr gut und jeder, der in seiner Jugend gerne gefeiert und ab und an nicht ganz brav war, wird sich im einen oder anderen Moment wiederfinden.

Im 2. Teil lernen wir mit Dead (dargestellt von Jack Kilmer) den Protagonisten kennen, der jene geisterhafte, düstere Atmosphäre in den Black Metal bringt, die wir bis heute kennen – und auch der Film nimmt damit eine Wendung in Richtung Wahnsinn und wird zunehmend blutig. Das allgemeine Verhalten des schwedischen Sängers, seine Obsession für den Tod – sowohl auf als auch abseits der Bühne – und sein Selbstmord (1991, er wurde nur 22 Jahre alt) sind für den Zuseher schwer zu ertragen, zumal kaum Details ausgespart werden. Das ist der intensivste Teil von „Lords of Chaos“, der für mein Gefühl voller Respekt vor einem jungen Mann ist, der dringend Hilfe gebraucht hätte. Ob seinen Freunden das in diesem Ausmaß bekannt war, bleibt offen, ihre Aussagen lassen aber darauf schließen, dass sie Dead mehr als nur ein bisschen seltsam fanden. Der blutige Selbstmord stellt gleichzeitig eine Zäsur dar – an dieser Stelle wenden sich die ersten Freunde von Euronymus ab, der den Tod seines Freundes direkt nutzt, um Aufmerksamkeit für Mayhem zu generieren. Kurzer Exkurs: In Wirklichkeit dürfte all das sogar noch über den im Film gezeigten Ausstieg von Bassist Jørn „Necrobutcher“ Stubberud hinausgegangen sein und auch andere Leute aus der Szene verurteilten Euronymus für sein Verhalten gegenüber Dead – sowohl vor als auch noch dessen Selbstmord.

Auftritt Varg – Achtung, Spoiler!

Der 3. Abschnitt des Films zeigt, wie die finstere Ideologie des Black Metal – ausgehend von Euronymus‘ berüchtigtem Plattenladen „Helvete“ – in Taten gipfelte, an die man sich tatsächlich bis heute erinnert und die jene Jahre nach wie vor wie einen Mythos erscheinen lassen, der sich selbst am Leben erhält. Kristian „Varg“ Vikernes tritt hier in das Leben von Euronymus – zunächst noch musikalisch über sein Ein-Mann-Projekt Burzum, das im Film aber eine Randnotiz bleibt. Der Bergener, vorerst noch skeptisch betrachtet, holt sich bei Euronymus Inspiration, belässt es aber nicht dabei. Als die erste Stabkirche (Fantoft im Juni 1992) brennt, ist er im „Inneren Zirkel“ angekommen und freundet sich immer mehr mit dem Mayhem-Gitarristen an. An dieser Stelle wird der Film ambivalent in seiner Tonalität – fast hat man das Gefühl, der Regisseur hätte nicht recht gewusst, wie er mit Varg (der 2009 aus der Haft entlassen wurde), umgehen sollte. Es ist, als hätte Åkerlund Bedenken gehabt, das Publikum würde sich mit einem verurteilten Verbrecher identifizieren. Ob das damit zu tun hat, dass Varg aus Sicht des Regisseurs für die Kommerzialisierung des Genres verantwortlich war oder ob er ihm insgeheim recht gibt, das aber nicht „zugeben“ möchte, ist mir nicht klar.

Der 4. und letzte Part von „Lords of Chaos“ thematisiert schließlich die wachsenden Spannungen zwischen Varg und Euronymus, die im – vermutlich – bekannten Ende kulminieren. Dieser finale Abschnitt hat die eine oder andere Länge. Das ist auch der Teil der Geschichte, über den ich persönlich am wenigsten informiert bin (vom Finale abgesehen). In „Lords of Chaos“ werden Euronymus zum Schluss hin die Geister, die er rief, zunehmend unheimlich. Ob aus Reue oder weil ihm Varg den Rang als Anführer abzulaufen droht, wird nicht aufgelöst, es entsteht allerdings der Eindruck von letzterem. Ob es wirklich so passiert ist? Ich weiß es nicht.

Ein paar Haare in der Suppe.

Wie man sieht, bietet die Geschichte um Mayhem tatsächlich Stoff für eine griechische Tragödie. Unglaublich eigentlich, dass sich das alles im Großen und Ganzen genauso abgespielt hat. Mit dem Drehbuch, den Darstellern und, Überraschung, auch den meisten Dialogen kann man zufrieden sein. Dass ein bisschen ausgeschmückt wurde, sollte nicht allzu sehr stören (genannt seien hier die Alpträume Euronymus‘ nach dem Tod von Dead – ob er die wirklich hatte, weiß wohl niemand).

Tatsächlich gestört haben mich – auch in Bewusstsein, dass der Film die Geschichte an manchen stellen zurechtbiegt – an „Lords of Chaos“ eigentlich nur zwei Dinge. Einerseits geht er meiner Ansicht nach zu wenig auf die Musik selbst ein. Dadurch entsteht der Eindruck, diese wäre ganz generell nur eine Nebensache gewesen, was meines Erachtens so einfach nicht stimmt. Ja, die Verbrechen im Umfeld waren das relevantere Ereignis und auch die zwischenmenschlichen Beziehungen sind wichtig. Dennoch wäre es schön und für Außenstehende vielleicht sogar essenziell gewesen, ein bisschen mehr Wert auf den Soundtrack zu legen. Wobei zu vernehmen ist, dass diverse Musiker etwas dagegen hatten und deshalb die Rechte fehlten. Schade eigentlich, Black Metal ist zwar tatsächlich mehr als nur Musik, aber eben auch Musik. Abgesehen davon übernimmt der Film einen Punkt, den ich bereits am Buch kritisiert habe: Es geht daraus überhaupt nicht hervor, dass diese Musikrichtung trotz aller Katastrophen, die sich vor 30 Jahren ereignet haben, nach wie vor besteht. Sogar Mayhem sind als Band noch aktiv und haben mit Necrobutcher und Jan Axel „Hellhammer“ Blomberg zwei Zeitzeugen an Bord.

Der zweite Kritikpunkt – und hier gehe ich schon sehr ins Detail – betrifft die Szene, in der Bård „Faust“ Eithun (Drummer bei Emperor, hier gespielt von Valter Skarsgård) einen Homosexuellen in einem Park in Lillehammer ersticht. Abgesehen davon, dass es im Film so aussieht, als würde die gesamte Handlung in wenigen Tagen und vorwiegend in Oslo spielen, wird die filmische Darstellung dieser Tat nicht gerecht. Im Gegenteil, sie lässt den Eindruck entstehen, Faust wäre von seinem Opfer bedrängt und auf unterdrückte sexuelle Tendenzen seinerseits angesprochen worden. In Wirklichkeit – so steht es jedenfalls in „Lords of Chaos“ – wollte Faust (2003 aus der Haft entlassen) einfach „nur“ wissen, wie es wohl wäre, einen Menschen zu ermorden. Diese Umdeutung der Ereignisse kann ich weder nachvollziehen noch gutheißen – war der Mord doch per se schon schlimm genug. Einen Grund dafür zu „erfinden“ halte ich für höchst problematisch. Sollte der Regisseur hierfür andere Quellen bzw. Einblicke gehabt haben, fällt dieser Kritikpunkt selbstverständlich weg.

Fazit: Mir hat der Film tatsächlich gut gefallen, auch wenn ich weiß, dass man nicht alles darin gezeigte für bare Münze nehmen darf. Besonders gelungen: Die Einbindung von Szenen, die zeigen, wie die eine oder andere berühmte Fotografie entstanden ist (bzw. entstanden sein könnte). Das verstärkt das Gefühl von Authentizität (ich weiß, ich weiß…). Aber: Wer „Lords of Chaos“ gelesen oder sich über andere Kanäle über die damaligen Ereignisse informiert hat, wird durch den Film ohnehin wenig neue Einblicke gewinnen. Die Lücken, die der Regisseur lässt bzw. lassen musste, um die gut zwei Stunden dramaturgisch sinnvoll zu gestalten, können von jedem Kenner der Materie aus dem Gedächtnis gefüllt werden – oder sind nicht zu füllen, weil tatsächlich niemand etwas darüber sagen kann. Wer noch nicht Bescheid weiß, erhält hingegen ein verkürztes, dafür aber auch ohne Vorkenntnisse relativ leicht verständliches Bild über den Anfang und das Ende einer in gewissen Kreisen immer noch sehr einflussreichen und extremen Persönlichkeit.

Gesamteindruck: 5/7


Originaltitel: Lords of Chaos
Regie:
Jonas Åkerlund
Jahr: 2018
Land: UK, Schweden
Laufzeit: 118 Minuten
Besetzung (Auswahl): Rory Culkin, Emory Cohen, Jack Kilmer, Sky Ferreira, Valter Skarsgård, Anthony De La Torre, Jonathan Barnwell



 

FilmWelt: Heavy Trip

Finnland ist in Sachen Film ja nicht unbedingt für internationale Großproduktionen bekannt, sieht man mal vom Überraschungserfolg „Iron Sky“ (2012) ab. Daran wird „Heavy Trip“ (2018) vermutlich nicht viel ändern – zu zielgruppenspezifisch dürfte die Komödie aus dem Land der Tausend Seen sein. Dabei haben die Regisseure Juuso Laatio und Jukka Vidgren eine liebevolle Hommage an ein Genre, das sich in weiten Teilen immer noch hartnäckig weigert, erwachsen zu werden, geschaffen. Und das ist ihnen so gut gelungen, dass nicht nur Heavy Metal-Fans ein Auge riskieren sollten.

Gesamteindruck: 6/7


Kuuuuuusaaamooo!

Heavy Metal besteht als Subkultur mittlerweile seit gut 40 Jahren. Vieles hat sich in dieser Zeit geändert – und doch sind die Grundzüge der einst so rebellischen Jugendbewegung nach wie vor da. Ja, heute ist die Musikrichtung abwechslungsreicher und letztlich beliebter als je zuvor, was längst einen Grad an Professionalisierung nach sich gezogen hat, der früher undenkbar gewesen wäre. Gleich geblieben ist hingegen, dass die beste und ehrlichste Musik weiterhin ihren Ursprung weiterhin in elterlichen Garagen und improvisierten Proberäumen hat – allen Casting-Shows und ähnlichen Massenphänomenen zum Trotz. Und immer noch werden Metalheads in ihrer Jugend oft als Außenseiter belächelt, immer noch sind diejenigen, die Pop und Schlager machen, die in fast allen Belangen Erfolgreicheren.

Inhalt in Kurzfassung
In einem kleinen Dorf, irgendwo im ländlichen Finnland, proben vier Freunde seit fast 20 Jahren als namenlose Band. Zu einem Auftritt haben es die sympathischen Außenseiter in all der Zeit nie gebracht. Als der Zufall den Manager eines norwegischen Festivals in ihre Gegend führt, spielen sie ihm eine Demokassette zu, in der Hoffnung, so entdeckt zu werden. Schnell macht im Dorf das Gerücht die Runde, die kurzerhand Impaled Rektum (!) benannte Band stünde kurz vor einem großen Auftritt – und schon werden aus den Außenseitern gefeierte Helden. Dass der Weg an die Spitze nicht so einfach ist, müssen die vier allerdings schneller feststellen als ihnen lieb ist.

Wer sich als Regisseur einer in sich geschlossenen Kultur wie dem Heavy Metal nähern möchte, muss vorsichtig sein. Der größte Teil des Zielpublikums ist innerhalb der Szene zu finden und schätzt es gar nicht, mit einer plumpen Persiflage konfrontiert zu werden. Glücklicherweise machen die Regisseure Juuso Laatio und Jukka Vidgren in ihrem ersten abendfüllenden Spielfilm alles richtig. Sie schaffen es, die Besonderheiten und liebenswerten Schrullen so gut einzufangen, dass man sich als Metalhead zu keinem Zeitpunkt verarscht fühlt. Da gibt es den Typen, der jeden Songtitel der vergangenen 30 Jahre auswendig kennt, da gibt es die absonderlichsten Genre-Bezeichnungen, da gibt es die typischen Outfits, das Corpsepaint und den ständigen Konflikt mit den Normalos. Ja, all das ist teilweise überzeichnet. Und doch ist es so, dass sich jeder, der sich jemals – und sei es auch nur kurz – in der Szene bewegt hat, sich in dem einen oder anderen Aspekt von „Heavy Trip“ wiederfinden wird. Übrigens: Laatio und Vidgren haben sich vor „Heavy Trip“ mit Musikvideos, z.B. für die finnische Melodic Death Metal-Band Kalmah, einen Namen gemacht; sie sind also nicht ganz unbeleckt, was das Thema betrifft – und das merkt man auch sehr deutlich.

Fast durchgehend brillant.

Dass in einem solchen Film der Soundtrack eine wichtige Rolle spielt, sollte nicht überraschen. Neben diversen Metal- und Rock-Klassikern, die im Hintergrund gespielt werden, wurde der Score von Lauri Porra komponiert, seines Zeichens Bassist der finnischen Power Metaller Stratovarius. Die beeindruckendste Nummer im Film ist eine Cover-Version des Amorphis-Gassenhauers „Kuusamo“. Sollte man in der Variante von Impaled Rektum definitiv gehört haben.

Gedreht wurde großteils in einem Dörfchen im Nordosten Finnlands, entsprechend authentisch sieht die Gegend aus. Generell sind die Bilder, die man in „Heavy Trip“ zu sehen bekommt, dem starken Soundtrack zumindest ebenbürtig, fangen sie doch perfekt den starken Kontrast zwischen der wunderschönen skandinavischen Natur und der Trostlosigkeit des Dorfes irgendwo im Nirgendwo ein. Zur Auswahl der Darsteller kann man ebenfalls nur gratulieren. Jede einzelne Rolle wurde gut besetzt und die weitgehend unbekannten, finnischen Mimen machen ihre Sache ausgezeichnet. Man lacht, bangt und hofft mit den Helden, man hasst die Bösewichte (ganz klassisch: der Dorfpolizist und ein Schnulzensänger) – kurz: Man nimmt jeder Figur ihre Rolle ab.

Dass die Schauspieler überzeugen ist natürlich auch dem Drehbuch zu verdanken, das erstaunlich konventionell daherkommt. Aber auch, wenn Überraschungen fehlen und es manchmal arg vorhersehbar wird, gibt es hier nicht viel zu meckern – die Handlung setzt auf solide Komödien-Kost mit Road Movie- und Coming-of-Age-Anleihen. Der Humorfaktor ist sehr hoch, ich habe das Gefühl, durchgehend gelacht zu haben. Damit man wirklich jeden Gag mitnehmen kann, ist es an dieser Stelle allerdings von Vorteil, wenn man zumindest ein bisschen bewandert ist, was Szene und Musik angeht.

Kleinere Längen.

Nach so viel Lob muss aber auch ein bisschen Kritik erlaubt sein. Dass der Film zum Teil sehr vorhersehbar ist, habe ich erwähnt. Dementsprechend zündet auch nicht jede Idee, auf manche Situation wird man gefühlt minutenlang vorbereitet. Lustig sind die Gags freilich trotzdem, aber an einigen Stellen hätte man sich doch etwas mehr Einfallsreichtum gewünscht. Zweiter Kritikpunkt ist die eine oder andere Szene, die den Eindruck erweckt, der Film hätte künstlich auf über 90 Minuten gestreckt werden sollen. Gerade zum Schluss hin wird das eigentlich angenehme, sehr flotte Erzähltempo etwas gedrosselt. Zwar ist das Finale dann wieder recht rasant, doch die angezogene Handbremse im letzten Viertel hinterlässt im Nachgang einen etwas bittereren Geschmack als der Film verdient hat.

Dennoch: „Heavy Trip“ ist ein sehr gelungener Film, dem man jedem Heavy Metal-Fan, aber auch jedem anderen, der auch nur ein bisschen Sympathie für die Szene mitbringt, bedenkenlos empfehlen kann.

Gesamteindruck: 6/7


Originaltitel: Hevi Reissu
Regie: Juuso Laatio, Jukka Vidgren
Jahr: 2018
Land: Finnland, Norwegen
Laufzeit: 91 Minuten
Besetzung (Auswahl): Johannes Holopainen, Samuli Jaskio, Max Ovaska, Antti Heikkinen, Minka Kuustonen, Ville Tiihonen, Chike Ohanwe



 

FilmWelt: Shutter Island

„Shutter Island“ (2010) ist die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Dennis Lehane (2003). Ein Blick auf die am Film beteiligten Personen lässt Großes hoffen: Regie führte der legendäre Martin Scorsese, die Hauptrolle übernahm Oscar-Preisträger Leonardo DiCaprio. Und auch die Nebendarsteller Ben Kingsley, Max von Sydow und Mark Ruffalo sind hoch angesehen und dürfen diverse Awards ihr Eigen nennen. Allein: Trotz geballter Starpower konnte mich „Shutter Island“ nicht voll und ganz überzeugen.

Gesamteindruck: 4/7


Kommt nicht richtig in Fahrt.

Martin Scorsese zieht alle Register der Filmkunst, um die Irrenanstalt auf der Insel so düster und abweisend wie möglich zu präsentieren. Geistig und körperlich deformierte Patienten, ständig schlechtes Wetter und die passende Geräuschkulisse zeichnen ein trostloses Bild einer abgelegenen Irrenanstalt. Damit schlägt „Shutter Island“ den Zuseher sofort in den Bann – der allerdings nicht bis zum Schluss aufrecht erhalten werden kann. Übrigens: Ich habe die Romanvorlage nicht gelesen – sollte ich vielleicht nachholen, denn ich kann jetzt natürlich nicht sagen, ob meine Probleme mit dem Film von der Vorlage herrühren. Grundsätzlich liest sich die Handlung jedenfalls interessant, es liegt also nicht an der Story, dass ich nicht ganz zufrieden bin.

Inhalt in Kurzfassung
Auf Shutter Island befindet sich das Ashecliffe Hospital für geistig abnorme Rechtsbrecher. Dort untersuchen die US-Marshals Edward „Teddy“ Daniels und Chuck Aule im Jahre 1954 das spurlose Verschwinden einer Patientin. Im Zuge der Nachforschungen wird in Kriegsveteran Daniels der Verdacht immer größer, dass auf der Insel Menschenversuche durchgeführt werden – ähnlich, wie er es bei seiner Teilnahme an der Befreiung des KZ Dachau gesehen hat. Ausgelöst durch dieses Trauma leidet er immer stärker unter Wahnvorstellungen und Alpträumen und es fällt im zunehmend schwer, Wirklichkeit und Halluzinationen zu unterscheiden.

Klingt ja durchaus spannend. Und deshalb beginnen wir auch mit den guten Nachrichten: Leonardo DiCaprio spielt seine Rolle einmal mehr sehr gut. Man nimmt ihm den von Kopfschmerzen und Alpträumen gepeinigten Ermittler zu jeder Zeit ab. Großartige Leistung eines Schauspielers, bei dem die Zunahme an Erfahrung tatsächlich auch mit immer besseren Auftritten einhergeht. Wer hätte diese Entwicklung 1997 erwartet, als sich der junge Mann auf der Titanic einschiffte und auf höchst kitschige Weise mit ihr unterging? Ich jedenfalls nicht.

In „Shutter Island“ neben Leonardo DiCaprio zu bestehen fällt dem restlichen Cast folgerichtig relativ schwer. Wobei es verfehlt wäre, den Kollegen Mängel bei der Schauspielerei zu unterstellen; ich denke, dass jeder, der in diesem Film mitspielt, sein Handwerk ausgezeichnet beherrscht. Leider wird das nicht so deutlich, wie ich es mir gewünscht hätte, was aber nicht an den Akteuren, sondern an ihren Rollen bzw. dem Drehbuch liegen dürfte. Dazu ist aber auch zu sagen, dass es die letzte Wendung des Films mit sich bringt, dass die Nebenbesetzung so agiert wie sie es tut – wenn das Absicht war, ist das schon wieder eine grandiose Herangehensweise.

Ebenfalls positiv: Weite Teile des Films erinnern sehr angenehm an einen klassischen Film noir – die Detektivarbeit, die Trenchcoats und Hüte der Marshals, der ständige Regen. Diese Verbeugung von Scorsese vor einem Kapitel Filmgeschichte wirkt zu jeder Zeit authentisch und respektvoll. Sehr gut gemacht!

Kein schlechter Film, aber…

Und überhaupt: „Shutter Island“ ist keineswegs ein schlechter Film. Dazu ist der Regisseur zu gut, die Darsteller zu routiniert, die Geschichte zu gefällig. Vielleicht liegt es auch nur an meinen eigenen Erwartungen, vielleicht fehlt mir letztlich das Verständnis für die Zitate, in denen sich der Film bewegt. Wie auch immer, mich hat „Shutter Island“ trotz der genannten Stärken leicht enttäuscht zurückgelassen.

Ein Problem ist die Grundprämisse der Story: Eine Kindermörderin verschwindet spurlos aus ihrer Zelle, die von außen verschlossen war. Das Ganze auf einer Insel, die sie nicht verlassen haben kann. Um sie zu suchen, werden die US-Marshals angefordert. Ich weiß nicht, warum, aber ich hatte von Anfang an mit der Glaubwürdigkeit dieser Geschichte zu kämpfen. Auch wenn ich retrospektiv natürlich weiß, dass nicht alles so ist, wie es in „Shutter Island“ anfangs scheint, kommt es mir fast vor, als würde hier ein kleiner, aber wichtiger Baustein fehlen. Die Frage nach dem „Warum“ wird zum Schluss zwar irgendwie beantwortet, das nutzt nur nicht viel, wenn der ganze Aufbau nicht so richtig überzeugt. Ich verstehe sogar, was Martin Scorsese hier bewerkstelligen wollte – irgendwie. Aber das ändert leider nichts daran, dass ich das Gefühl habe, dass viel Potential verschenkt wurde.

Davon abgesehen entwickelt sich die Handlung zunächst gut. Der Schauplatz wird gut, die Hauptperson zufriedenstellend vorgestellt. Leider wird die Geschichte selbst schnell viel vorhersehbarer als man erwarten würde. Am Ende gibt es den dann zwar großen Plot-Twist, der bei mir aber fast wirkungslos verpufft, weil er wahrlich keine Überraschung ist. Ob das so gemacht wurde, weil der Weg das Ziel ist? Wenn dem so wäre, fehlt es diesem Weg an Substanz.

Und so entwickelt sich „Shutter Island“ zu einem meist spannenden Thriller mit kleineren Längen, über die man aber hinwegsehen kann. Zeitweise verwirrt der Film, soll er natürlich auch. Dennoch ist das größte Manko, dass die Story nicht so richtig in Fahrt kommt. Die Art, wie der Film aufgebaut ist, verlangt für mein Dafürhalten nach etwas mehr Spannung. Oder nach „Belohnungen“ für den Zuseher, z.B. in Form von Puzzleteilen, die plötzlich zueinander passen. All das fehlt „Shutter Island“ ein wenig. Klar, zum Schluss fällt fast alles an seinen Platz, aber der Weg dorthin ist zäher, als er sein müsste.

Schade eigentlich, denn Leonardo DiCaprio spielt sich wirklich die Seele aus dem Leib, wenn man so will. Aber es bleibt mir nichts anderes übrig, als zu sagen: Mir hat „Shutter Island“ nicht so gut gefallen, wie ich nach dem Trailer und diversen Lobeshymnen gedacht hätte.

Gesamteindruck: 4/7


Originaltitel: Shutter Island
Regie: Martin Scorsese
Jahr: 2010
Land: USA
Laufzeit: 138 Minuten
Besetzung (Auswahl): Leonardo DiCaprio, Mark Ruffalo, Ben Kingsley, Max von Sydow, Emily Mortimer, Patricia Clarkson, Elias Koteas



 

FilmWelt: The Crucifixion

„The Crucifixion“ soll auf einer wahren Begebenheit beruhen: In Rumänien kam 2005 eine psychisch kranke Nonne bei einem Exorzismus ums Leben. Der durchführende Priester und mehrere beteiligte Ordensschwestern wurden daraufhin zu relativ milden Freiheitsstrafen verurteilt. Der Fall selbst blieb teilweise mysteriös, die genaue Todesursache ist nach wie vor unklar. In der abgelegenen Gegend, in der sich diese Ereignisse zutrugen, glauben viele Menschen noch heute, dass das Opfer nicht krank war sondern tatsächlich unter Besessenheit durch einen Dämon gelitten hatte – und dass der Exorzist lediglich sein Bestes getan hatte, der jungen Frau zu helfen.

Gesamteindruck: 3/7


In allen Belangen Durchschnitt.

Die Wertungen, die „The Crucifixion“ bis dato erhalten hat, sprechen eigentlich Bände: 5/10 bei IMDb, 8% bei Rotten Tomatoes, um nur zwei zu nennen. Der englische Wikipedia-Eintrag zum Film wies mit Stand 8. Jänner 2019 gar eine Wertung von 0% (!), basierend auf 5 Reviews bei Rotten Tomatoes aus. Im deutschsprachigen Raum scheint der Film deutlich besser wegzukommen, zumindest, wenn man Amazon als Referenz nimmt (aktuell 3,6/5 Sternen für die Blu-ray bzw. 3,4/5 Sternen bei Prime Video). Ich habe mir den Film auf Amazon Prime Video angesehen und hatte vorher keine Ahnung von den schwachen internationalen Kritiken. Um es vorweg zu nehmen: „The Crucifixion“ ist bei weitem kein Meisterwerk, von einer Vollkatastrophe wie vor allem das Tomatometer suggeriert, ist er aber ein gutes Stück entfernt.

Inhalt in Kurzfassung
Als eine investigative US-Journalistin erfährt, dass in Rumänien ein Priester und mehrere Nonnen nach einem missglückten Exorzismus wegen Mordes angeklagt wurden, wittert sie eine große Story. Sie reist in die rumänische Provinz, um mehr über die Ereignisse zu erfahren, die zum Tod einer jungen Ordensschwester geführt haben. Vor Ort wird schnell deutlich, dass im entlegenen Osten Europas der Konflikt zwischen Religion und Rationalität noch nicht entschieden ist. Und je länger die Recherchen dauern, desto weiter scheint das Pendel in Richtung Spiritualität auszuschlagen.

Leider hat „The Crucifixion“ mit einigen gravierenden Schwächen zu kämpfen. Zunächst wäre da der fehlende Newswert (um einen Begriff aus der Medienbranche zu verwenden): Wie so ein Exorzismus – zumindest im Film – abläuft, wissen wir seit „Der Exorzist“ (1973): Vom Priester ständig wiederholte Verse aus dem Handbuch, darunter die Frage nach dem Namen des Dämons, Weihwasser, Kruzifixe usw. Oder die Zeichen der vermeintlichen Besessenheit: Unmögliche Verrenkungen, gerne auch freies Schweben, das Sprechen in fremden Zungen usw. Und auch die Frage, ob die „Besessene“ wirklich von einem Dämon beherrscht wird oder „nur“ geisteskrank ist – all das kennt man zur Genüge. Leider weicht „The Crucifixion“ keinen Millimeter von den ausgetretenen Pfaden ab, sodass man stets weiß, was einen erwartet. Nun könnte man annehmen, dass der Weg sozusagen das Ziel ist und uns „The Crucifixion“ auf andere Weise neue Einsichten bringt. Dem ist nicht so – auch die Recherchen der Protagonisten folgen Schema F. Heißt: Zunächst will niemand mit ihr reden, dann aber doch. Zunächst ist sie nicht gewillt, an Übernatürliches zu glauben, muss es schließlich aber doch tun bzw. am eigenen Leib erfahren. Abgesehen davon, dass ein solcher Aufbau typisch für einen derartigen Film ist, wird er in „The Crucifixion“ eher bieder umgesetzt, was der Spannung zusätzlich abträglich ist.

Als ob all das nicht schlimm genug wäre, krankt der Film krankt an weiteren Ecken. Ein Problem ist die innere Logik, die meines Erachtens stellenweise fehlt (oder sie ist vorhanden und ich war nicht aufmerksam genug, was auch nicht unbedingt für den Film spricht). Das beginnt bereits mit der Prämisse, dass sich eine Journalistin aus New York beweisen möchte, indem sie zu einem solchen Fall irgendwo im tiefsten Rumänien recherchiert. Dass die Protagonistin selbst ihre Probleme mit der Religion hat, wird zwar angedeutet – das reicht mir persönlich aber nicht für diesen Trip aus. Identifizieren kann man sich mit ihr ohnehin schwer – das liegt aber nicht an der passablen Leistung von Sophie Cookson, sondern daran, dass die Figur praktisch gar nicht eingeführt wird. Die Nebendarsteller sind hingegen durchweg in Ordnung, leiden aber auch unter Mängeln im Drehbuch – z.B.: Wieso können sich die einfachen Dorfbewohner, Priester und Nonnen mit der Protagonistin in fließendem Englisch unterhalten?

Größter Lichtblick: Die Atmosphäre.

Auch wenn das alles jetzt sehr negativ klingt, gibt es doch Punkte, die für „The Crucifixion“ sprechen. Am auffälligsten ist die gute Kamera-Arbeit bzw. die perfekte Auswahl der Schauplätze. Das rumänische Hinterland wirkt düster und gleichzeitig wunderschön, die Gegend, in der gedreht wurde, sieht authentisch nach Scheideweg zwischen 19. und 21. Jahrhundert aus. So stellt man sich ein Dorf im heutigen Rumänien tatsächlich vor. Außerdem voll im Grünen Bereich: die Special Effects und die unaufdringliche, musikalische Untermalung. Und sogar die Schauspieler sind – wie erwähnt – großteils in Ordnung und machen ihre Sache gut.

Letztlich ist es die düstere Gesamtatmosphäre, die den Film vor einer noch schlechteren Wertung bewahrt. Die Bilder sind in Verbindung mit der einen oder anderen intensiven Szene tatsächlich sehr gut komponiert. Und auch wenn ich diverse Schwächen des Films aufgezählt habe, ist er bei weitem nicht das, was man kompletten Müll nennen würde. Dafür sind Machart, Schauspieler und letztlich auch Dreh- und Dialogbuch einfach zu professionell. Das größte Problem ist meines Erachtens, dass „The Crucifixion“ a) den Balanceakt zwischen Realität und Mystery nicht schafft und b) nichts präsentiert, das nicht so oder so ähnlich in vielen anderen Produktionen zu sehen war.

PS: Das hier könnte übrigens ein Fall für den Kollegen von Filmschrott sein. Dessen ehrliche Meinung zu diesem Film würde mich mehr interessieren als das, was auf Rotten Tomatoes & Co steht.

Gesamteindruck: 3/7


Originaltitel: The Crucifixion
Regie: Xavier Gens
Jahr: 2017
Land: USA, UK, Rumänien
Laufzeit: 90 Minuten
Besetzung (Auswahl): Sophie Cookson, Brittany Ashworth, Corneliu Ulici, Ada Lupu



 

FilmWelt: Der Hauptmann

Der Gedanke, dass Kleider Leute machen, ist nicht neu und hat seinen fixen Platz in Kunst, Literatur und Film; gerne wird der Hochstapler dabei als liebenswerter Tölpel dargestellt. „Der Hauptmann“ ist hingegen eine durchwegs verstörende Variante dieses Themas. Das wäre auch der Fall, wenn die Handlung fiktiv wäre – dass der Film allerdings auf Ereignissen basiert, die tatsächlich so stattgefunden haben, sorgt für ein besonders beklemmendes Gefühl. Wie genau das filmische Porträt eines Kriegsverbrechers den tatsächlichen Begebenheiten entspricht, wage ich nicht zu beurteilen – ein sehenswerter Film ist unter der Regie von Robert Schwentke in jedem Fall entstanden. 

Gesamteindruck: 7/7


Kleider machen Leute.

Die meisten heute lebenden Menschen stellen sich die Zeit des Nationalsozialismus so vor, wie man sie aus zahlreichen Film- und Fotodokumenten kennt: Schwarz-Weiß. An dieser ganz speziellen Sichtweise auf das dunkelste Kapitel in der Geschichte Europas ändern auch nach-kolorierte Dokumentationen und eine Vielzahl an Kriegsfilmen in Farbe nichts. Genau dieses kollektive Bild einer schwarz-weißen Epoche macht sich „Der Hauptmann“ zu Nutze. Übrigens ist das nicht der erste Film, der so gedreht wurde – man denke z.B. an „Schindler’s Liste“, der durch den Wegfall der gewohnten Farben ebenfalls eine ordentliche Schippe an Düsterkeit gewinnt.

Inhalt in Kurzfassung
Deutschland, Anfang April 1945: Der Gefreite Willi Herold, ein Deserteur, findet hinter der Front in einer Feldkiste die Uniform eines Offiziers. Er nutzt diese Gelegenheit, um sich neu einzukleiden und stellt schnell fest, dass Uniform und forsches, selbstbewusstes Auftreten tatsächlich reichen, um als Hauptmann durchzugehen. In weiterer Folge gelingt es ihm, eine Anzahl an versprengten Soldaten um sich zu scharen und ohne jemals Marschbefehl oder Soldbuch vorweisen zu müssen, der Feldgendarmerie zu entgehen. Schließlich übernimmt der vermeintliche Hauptmann sogar das Kommando über ein Gefangenenlager und nutzt seine neue Stellung gnadenlos aus.

Ironie des Schicksals: Der Fahnenflüchtige Willi Herold wird dank einer zufällig gefundenen Uniform zum Hochstapler, der sich schließlich zum Richter und Vollstrecker aufschwingt und seinerseits die Beseitigung von Deserteuren befiehlt, oft auch selbst erledigt. Das alles ohne, dass der junge Mann jemals einen Befehl dazu erhalten hätte, sondern offenbar nur deshalb, weil er es kann. Was macht den Reiz einer solchen Geschichte aus?

Einerseits ist da die Realität des Gezeigten. „Der Hauptmann“ ist echt, so – oder zumindest so ähnlich – ist es 1945 passiert. Es ist also nicht möglich, den unbequemen Fragen, die der Film aufwirft, zu entkommen, weil es eben keine Fantasie ist, die da auf den Zuschauer hereinprasselt. Es gab in der Endphase des 2. Weltkrieges tatsächlich einen 21-jährigen (!) Soldaten, der – vermutlich desillusioniert und verängstigt – von seiner Einheit getrennt wurde, eine Uniform anzog und der damit einhergehenden Macht unterlag. Ob Willi Herold erst durch die Offiziersuniform zum gewissenlosen Mörder wurde oder diese Anlagen schon vorher (als Gefreiter oder vielleicht noch früher) in sich trug, ist ein Thema, über das man automatisch nachdenkt, wenn man den Film gesehen hat.

Andererseits reicht der Film weit über die Frage nach Moral und Anstand der Person Willi Herold hinaus. Als Zuseher sieht man sich ständig mit der Überlegung konfrontiert, wie man selber handeln würde. Die Uniform verspricht Macht – und gewährt sie in jenem System auch. Und zwar so sehr, dass alle Grenzen, Gesetze und Normen, die es sogar in dieser finsteren Zeit gab, aufgehoben werden und der Träger der Uniform tatsächlich tun und lassen kann, was er will. Dass das eine Versuchung ist, werden die Wenigsten bestreiten können, es bleibt zu hoffen, dass man seine Macht besser eingesetzt hätte, als der vermeintliche Hauptmann es getan hat. Das gilt übrigens auch für die Männer, die er um sich schart und die zum Teil zu ahnen scheinen, dass es mit der unbeschränkten Vollmacht, verliehen vom „Führer“ höchstpersönlich, nicht so weit her ist. Wer hätte es an deren Stelle wohl gewagt, sich den Befehlen offen zu widersetzen? Unbequeme Fragen, fürwahr. Darum ertappt man sich wohl häufiger dabei, Willi Herold als „Kind seiner Zeit“ abzutun und damit praktisch zu entschuldigen, als es dem reflektierten Zuseher lieb sein kann. Denn gerade der Beginn des Films zeigt den späteren Henker vom Emsland als normalen, verängstigten, jungen Mann, mit dem sich jeder Kriegsgegner gut identifizieren kann.

Sauber inszeniert.

„Der Hauptmann“ bietet also einige moralisch-philosophische Denksportaufgaben. Angesichts dessen gerät fast ein wenig in den Hintergrund, dass der Film handwerklich sehr gut gemacht und inszeniert ist. Das Schwarz-Weiß funktioniert ausgezeichnet, ist zum Einen geeignet, die trostlose Endzeit-Stimmung im kurz vor dem Zusammenbruch stehenden deutschen Reich einzufangen, bedient zum Anderen unser kollektives Geschichtsbild (siehe oben) und sorgt drittens dafür, dass man als Zuseher auf andere Dinge achtet als auf leuchtend rotes Filmblut. Der Wahnsinn, der auf der Leinwand dargestellt wird, verstärkt sich durch die Geräuschkulisse des Krieges, industriell anmutender Musik und den Schlagern aus jener Zeit. All das verbindet sich zu einem Strudel aus Gewalt und Irrsinn, der den Zuseher ab und an mitten ins Geschehen zu reißen scheint.

Die Handlung ist bei einer filmischen Biografie ohnehin vorgegeben. Einige Freiheiten wird sich der Regisseur sicher genommen haben, wirklich störend ist das nicht. Maximal die Szene, in der der Hochstapler nach seiner ersten Gefangennahme und dem Verhör entkommt, mutet merkwürdig an. Auch, dass nicht erzählt wird, wie Willi Herold 1946 den Tod fand, fand ich ein wenig unglücklich (er wurde übrigens von der britischen Militärregierung hingerichtet). Abgesehen davon finde ich am Gesamtpaket nichts auszusetzen. Noch ein Wort zu den Darstellern: Sie alle machen ihre Sache sehr gut. Vor allem der junge Schweizer Max Hubacher kann in der Hauptrolle glänzen und vermag ein sehr mulmiges Gefühl beim Zuseher auszulösen. Erwähnenswert auch der einzige moralische Kontrapart im Film, personifiziert durch Milan Peschel, der als Gefreiter Freytag gleichzeitig der erste ist, der sich Herold anschließt, später aber als einziger Bedenken hat. Freilich hindert das auch ihn letztlich nicht daran, sich an den Verbrechen zu beteiligen, die der „Hauptmann“ befiehlt.

Als persönliche Randnotiz sei angemerkt, dass ich es erstaunlich finde, wie es Herold in dem von schwerfälliger und überbordender Bürokratie gekennzeichneten NS-Staat gelungen ist, unerkannt zu bleiben. Auch, wenn es nicht lange währte, ist doch bemerkenswert, wieviel Unheil er in dieser Zeit anrichten konnte, ohne, dass es einen wie auch immer gearteten Befehl dazu gegeben hat. Einerseits zeugt das vermutlich von unglaublichem Charisma, andererseits hatte er es wohl nicht allzu schwer, Erfüllungsgehilfen zu finden, die ihn gewissenlos bei seinem Tun unterstützt haben. Was davon bedenklicher ist, kann man kaum beurteilen – fest steht jedoch, dass Willi Herold gemordet hat, weil er a) die Gelegenheit hatte und b) es von sich aus tun wollte. Denn einen Befehl dazu hatte er nie.

Fazit: Volle Punktezahl für ein rundum gelungenes Porträt und einen stimmungsvoll-düsteren Film, der keine Längen aufweist. Sowohl inhaltlich als auch handwerklich hat sich Regisseur Robert Schwentke hiermit ein Denkmal gesetzt.

Gesamteindruck: 7/7


Originaltitel: Der Hauptmann
Regie: Robert Schwentke
Jahr: 2017
Land: GER, FRA, POL
Laufzeit: 119 Minuten
Besetzung (Auswahl): Max Hubacher, Milan Peschel, Frederick Lau, Waldemar Kobus, Alexander Fehling