FilmWelt: See No Evil 2

Wer sich für Wrestling interessiert, kennt Glenn Jacobs als Kane, den jüngeren Bruder des legendären Undertaker. Der Charakter, den Jacobs bei World Wrestling Entertainment (WWE) spielt, ist folgerichtig eher auf der düsteren Seite und passt damit hervorragend zu dessen Rolle in „See No Evil“ (2006) bzw. vorliegender Fortsetzung aus dem Jahre 2014. Und ja, der 2,13-Meter-Mann (Kampfgewicht: 145 kg) macht seine Sache in beiden Filmen durchaus ordentlich. Leider lässt „See No Evil 2“ an anderen Stellen gehörig aus, sodass man auch als Fan von Kane keine allzu hohe Wertung zücken kann – auch wenn es weit Schlechteres im Slasher-/Splatter-Genre zu sehen gibt. 

Gesamteindruck: 3/7


Geht so.

„See No Evil 2“ wurde, wie schon sein Vorgänger, von den WWE Studios produziert. Den Sprung auf die große Leinwand schaffte der Film im Gegensatz zu Teil 1 jedoch nie, er wurde stattdessen als Video on Demand veröffentlicht. Nicht mal eine Blu-ray-Variante hat es in den Handel geschafft. Meist ist es ja ein untrügliches Warnsignal, wenn offenbar kein Verleih gefunden werden kann, der einen Film ins Kino bringen möchte.

Inhalt in Kurzfassung
Jacob Goodnight ist wieder da. Der wahnsinnige Serienmörder erwacht, nachdem er für tot gehalten wurde, in einem gerichtsmedizinischen Institut. Dort macht sich der Hüne umgehend auf die Jagd nach neuen Opfern, denn im weitläufigen Gebäude ist nicht nur das Personal der Nachtschicht anwesend: Ein paar junge Leute haben beschlossen, dort eine Geburtstagsparty zu feiern, weil ihre Freundin, die im Institut arbeitet, nicht weg kann. Es ist also alles angerichtet für Jacob Goodnight

ACHTUNG: Spoiler zu Teil 1!

Bereiten wir mal den Mantel des Schweigens über die Tatsache, dass Jacob Goodnight am Ende von „See No Evil“ in einer Orgie aus schlechten bis peinlichen Effekten stirbt – eine Fortsetzung war ursprünglich offenbar nicht geplant. Dass es dann acht (!) Jahre später doch noch dazu gekommen ist, wird wohl finanzielle Gründe gehabt haben, obwohl ich mir nicht vorstellen kann, dass die Fan-Community zu diesem Franchise besonders groß ist. So oder so: Wer Wert auf Logik legt und sich daher mit einer Rückkehr des geistesgestörten Hünen nicht anfreunden kann, sollte „See No Evil 2“ besser gar nicht erst einschalten. Denn wie es überhaupt zu dieser Auferstehung kommen kann, wird nicht mal ansatzweise erklärt. Vielleicht hat Jacob Goodnight doch übernatürliche Fähigkeiten – in Teil 1 war davon zwar nichts zu sehen, aber das, was er in Teil 2 zeitweise überlebt, spricht ein wenig dafür.

Jeder, der mit diesem riesigen plot hole (übrigens nicht das Einzige!) leben kann, bekommt zumindest einen geradlinigen Slasher ohne große Überraschungen. Bedeutet: „See No Evil 2“ ist wesentlich schnörkelloser als sein Vorgänger. Es braucht keine großen Erklärungen mehr, warum der Bösewicht so ist, wie er ist – das wurde in Teil 1 erörtert, daher müssen ein paar kleinere Rückblenden ausreichen. Befreit von diesem Ballast kann sich der Film voll und ganz darauf konzentrieren, die wie üblich strunzdummen Twens zu dezimieren. An dieser Stelle sei mir eine Frage erlaubt: Wann ist es eigentlich dazu gekommen, dass man nicht mehr mit den Opfern mitfiebert und -leidet, sondern hofft, dass der Mörder sie alle erwischt? Muss irgendwann Ende der 1990er gewesen sein, als „Scream“ und „Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast“ eine regelrechte Schwemme ähnlicher Filme nach sich gezogen haben, in denen die potenziellen Mordopfer gefühlt immer blöder agierten. Oder geht es in Zusammenhang mit „See No Evil“ nur mir so, weil ich Kane als Wrestler immer sehr gern gesehen habe und er für mich der heimliche Held des Films ist? Nichts Genaues weiß man nicht…

Nur nicht zu genau hinsehen.

Weil man sich ja grundsätzlich denken kann, wie ein solcher Film abläuft, muss er seine Spannung in der Regel entweder aus doch immer mal wieder vorkommenden Wendungen ziehen – oder aus kreativen Mordmethoden. „See No Evil 2“ hat letztlich wenig beidem, so ehrlich muss man sein. Der Streifen lebt von seinem semi-kultigen Antagonisten und vor allem von der düsteren Optik. Heißt: Wenn Jacob Goodnight seine Opfer verfolgt, wenn die sich in Panik verstecken und er sie sucht, ist das durchaus unterhaltsam. Apropos „unterhaltsam“: Lustig ist „See No Evil 2“ zu keinem Zeitpunkt, im Gegenteil, der Film ist überraschend humorlos, was ihm ebenfalls recht gut zu Gesicht steht. Wer nicht wesentlich mehr erwartet, ist mit „See No Evil 2“ also einigermaßen gut bedient: Die Morde sind recht gut in Szene gesetzt, Szenario und Bösewicht wirken bedrohlich.

Sieht man jedoch genauer hin, gibt es leider einiges auszusetzen. In der Riege der Figuren gibt es eigentlich nur zwei Sympathieträger: Danielle Harris gibt eine gefällige und ihm Rahmen eines solchen Films auch akzeptabel gespielte weibliche Hauptrolle. Und auch Kaj-Erik Eriksen als schüchterner Pathologe mit zarten Gefühlen für seine Kollegin ist angenehm unaufdringlich. Der Rest des Casts (abgesehen natürlich von Kane) ist hingegen durchschnittlich bis vollkommen unterirdisch. Kein Wunder, dass man besonders die ersten beiden Morde regelrecht herbeisehnt – selten habe ich dermaßen nervige Figuren gesehen. An dieser Stelle fragt man sich ernsthaft, ob das vielleicht sogar Absicht war… Immerhin schafft das Sympathiepunkte für den grausamen Mörder, dessen Darsteller damals noch regelmäßig im Wrestling-Ring stand. Ein Schelm, wer das denkt – Kane mag das vielleicht sogar kurzfristig geholfen haben, die Auswirkungen auf den Film finde ich hingegen nicht so wünschenswert.

Aber auch abseits von den Figuren (deren Halbwertszeit in einem solchen Film ohnehin begrenzt ist) leidet „See No Evil 2“ unter einigen Schwächen. Und das betrifft nicht nur die Story, die Genre-typisch nicht der Rede werter, hanebüchener Unsinn ist und lediglich den Zweck hat, ein paar dankbare Opfer in die Reichweite des Schurken zu bringen. Ein anderes Beispiel ist der Schauplatz des Geschehens: Klar, prinzipiell ist die Pathologie schon ein guter Ort, um einen Massenmörder auf die Jagd nach Opfern zu schicken. Allerdings wurde diese Umgebung – vielleicht aus Budgetgründen – nicht sonderlich gut in Szene gesetzt. Und so beobachtet der Zuschauer mit steigender Langeweile, wie Jacob Goodnight immer durch die selben Gänge zu schleichen scheint, während wie sich seine Opfer in ewig gleichen Räumen verstecken. Das macht die ganze Sache wesentlich langatmiger, als man nach dem recht flotten Auftakt erwartet hätte. Überhaupt ist das Erzähltempo ab der zweiten Hälfte zäh… da habe ich Teil 1 als wesentlich flotter in Erinnerung.

Damit gibt es von mir sehr, sehr wohlwollende 3 Punkte. „See No Evil 2“ hat mich trotz der genannten Mängel zumindest ein bisschen unterhalten. Man darf nur nicht zu viel erwarten und ganz genau hinsehen – aber das hat dieser Film ja mit vielen seiner Genre-Kollegen, auch mit solchen, die in Hollywood gemacht werden, gemeinsam. Wer einen geradlinigen Slasher im ursprünglichen Sinne sehen möchte und sich von ein paar Längen nicht abhalten lässt, kann ja einen Blick riskieren.

Gesamteindruck: 3/7


Originaltitel: See No Evil 2.
Regie: Jenn & Sylvia Soska
Drehbuch: Nathan Brookes, Bobby Lee Darby
Jahr: 2014
Land: USA
Laufzeit: ca. 90 Minuten
Besetzung (Auswahl): Glenn „Kane“ Jacobs, Danielle Harris, Kaj-Erik Eriksen, Katharine Isabelle, Michael Eklund, Chelan Simmons, Greyston Holt



 

FilmWelt: The Perfection

Spannend und unterhaltsam, versehen mit einigen interessanten Twists und durchaus harten Szenen – so präsentiert sich der 2019 weltweit von Netflix veröffentlichte Film „The Perfection“. Dabei besticht der Streifen durch eine Handlung, die vielschichtiger ist, als man meinen möchte. Leider dämpfen kleinere Unzulänglichkeiten die Begeisterung ein wenig. Dennoch: Ein guter Film, den sich jeder, der auf Thriller mit ein paar Horror-Elementen steht, gut ansehen kann.

Gesamteindruck: 5/7


Ein Plot Twister.

„The Perfection“ einem Genre zuzuordnen, fällt gar nicht so leicht. Der Film trägt Züge eines Horror-Streifens, ist aber eigentlich eher ein Psycho-Thriller. Getragen wird der Plot einerseits von einem aus dramaturgischer Sicht sehr stark geschriebenen Drehbuch, andererseits von den Hauptdarstellerinnen Allison Williams und Logan Browning, die sehr gut miteinander harmonieren. Das Duo schafft es meines Erachtens einwandfrei schaffen, seinen doch recht unterschiedlichen Figuren Leben einzuhauchen. Gleiches gilt für Steven Weber, der den Leiter der Bachhoff-Schule sehr glaubhaft verkörpert.

Inhalt in Kurzfassung
Charlotte Willmore war einst Schülerin des renommierten Bachhoff-Konservatoriums – bis sie ihre Ausbildung zur Cellistin abbrechen musste, um ihre schwerkranke Mutter zu pflegen. Jahre später trifft sie in Shanghai, wo ihre ehemalige Schule gerade auf der Suche nach neuen Talenten ist, auf ihre Nachfolgerin Lizzie Wells. Die jungen Frauen sind sich sofort sympathisch, beginnen sogar eine intime Beziehung. Doch der gemeinsame Urlaub, der mit einer Busfahrt durch das chinesische Hinterland beginnt, wird zu einem Horrortrip, auf dem nichts so ist, wie es zunächst scheint. 

Als Thriller funktioniert „The Perfection“ in meinen Augen sehr gut, das Spannungslevel ist durchgehend hoch, sieht man von einigen Momenten ab, die man vermutlich nur als Kenner klassischer Musik richtig schätzen kann. Vordergründig haben wir es hier schlicht und einfach mit sehr gut inszenierter Unterhaltung zu tun; Drehbuch, Dialoge, Schauspieler – alles im grünen Bereich. Der Film versteht es ferner, sehr lange unvorhersehbar zu sein, was mehreren Plot Twists zu verdanken ist, die meiner Meinung nach sehr gut eingearbeitet wurden. Zu erwähnen wäre noch, dass der eine oder andere Ekeleffekt (daher: Horror) nichts für schwache Nerven ist, wobei man Körperflüssigkeiten und Gewalt zunächst in relativ dosierter, punktueller Form zu sehen bekommt – Splatter geht definitiv anders, auch wenn es im Finale dann doch recht drastisch und blutig wird.

Sieht man genauer hin, hat „The Perfection“ einen sehr ernsten Hintergrund. Es geht, soviel sei verraten, um die Art und Weise, wie junge Menschen auf Perfektion getrimmt werden, ferner um Machtmissbrauch, Eifersucht und Rache. Alles Dinge, von denen man sich vorstellen kann – nein, von denen man weiß! – dass sie in der Realität der Eliteschulen genau so vorkommen. Wenn es ein Ziel des Films war, derartige Missstände aufzuzeigen, hat er das erreicht, wobei man sagen muss, dass das nun auch nicht ganz neu ist. Dennoch ist es aller Ehren wert, dass sich „The Perfection“ einem Tabuthema widmet, das wahrscheinlich seit Jahrhunderten als Problem besteht, aber erst heute langsam in den Fokus der Öffentlichkeit rückt.

Schwächen in der Glaubwürdigkeit.

Auch, wenn alles, was ich bisher geschrieben habe, sehr positiv klingt, hat „The Perfection“ mit ein paar Problemen zu kämpfen. Das betrifft speziell einige sehr abstruse Ansätze, die voraussetzen, dass eine Protagonistin eine in Wirklichkeit unkontrollierbare Situation steuern kann – Stichwort: Nebenwirkung von Medikamenten. Mehr möchte ich dazu jetzt nicht sagen, weil dafür größere Spoiler notwendig wären, aber es ist offensichtlich, dass hier einiges an den Haaren herbeigezogen wurde. Überhaupt ist der gesamte Lösungsvorschlag, den „The Perfection“ für sein grundlegendes, ernstzunehmendes Thema bietet, fragwürdig. Das wäre für einen reinen Horrorfilm kein großes Problem, in vorliegendem Fall stört man sich dann aber doch daran, weil man das Gefühl hat, dass die Regisseur und/oder Drehbuchautoren nicht so richtig wussten, wohin sie im Endeffekt wollten. Das verwehrt einem guten Film letztlich eine noch bessere Wertung. Sehenswert ist „The Perfection“ aber auf jeden Fall.

Gesamteindruck: 5/7


Originaltitel: The Perfection.
Regie: Richard Shepard
Drehbuch: Richard Shepard, Eric Charmelo, Nicole Snyder
Jahr: 2018 (Premiere)
Land: USA
Laufzeit: 90 Minuten
Besetzung (Auswahl): Allison Williams, Logan Browning, Steven Weber, Molly Grace, Milah Tompson, Alaina Huffman



 

FilmWelt: CAM

Die Identität in Zeiten von Social Media ist das zentrale Element von „CAM“. Was bedeutet es für einen Menschen, eine Art virtuelles Doppelleben zu führen – tagsüber als brave Tochter mit einem erfundenen „Job im IT-Bereich“ und nachts als verruchtes Webcamgirl mit sehr realem Einkommen? Der Thriller mit Horror-Elementen ist trotz bunter Farben ein düsteres Spiegelbild unserer Zeit, in der viele Menschen ihren Wert einzig und allein über „Likes“ und „Follower“ definieren. Und das betrifft nicht nur emotionale Werte, sondern hat durchaus auch monetäre Aspekte. Doch was passiert, wenn jemandem, der in jeder Hinsicht davon abhängig ist, seine Online-Identität gestohlen wird?

Gesamteindruck: 4/7


Black Mirror als Film.

Der 2018 von Netflix auf den Markt gebrachte Film „CAM“ orientiert sich für mein Dafürhalten sehr stark an der britischen Anthology-Serie „Black Mirror“. Auch in deren Folgen wird immer wieder vor den katastrophalen Entwicklungen, die unser Technik- und Social Media-Wahn für ganze Gesellschaften aber auch für den Einzelnen haben kann, gewarnt. So auch in „CAM“, wobei es hier eher um ein Einzelschicksal geht.

Inhalt in Kurzfassung
Alice Ackerman alias „Lola_Lola“ bestreitet ihren Lebensunterhalt als Webcamgirl. Mit immer ausgefalleneren Methoden versucht sie, ihre zahlreichen Konkurrentinnen in der Rangliste des einschlägigen Portals zu überholen. Gleichzeitig ringt die junge Frau mit der Entscheidung, ihre Mutter über ihren außergewöhnlichen Job zu informieren. Das alles wird hinfällig, als sich Alice plötzlich nicht mehr in ihren Account einloggen kann und fassungslos mit ansehen muss, dass „Lola_Lola“ weiterhin sendet. Live, mit ihrem Gesicht und ihrer Stimme. 

Der Plot gliedert sich in vier Teile: Zunächst werden Haupt- und Nebenfiguren vorgestellt, dann berichtet der Film über die Verzweiflung der Protagonistin, als sie sich nicht mehr in ihren Account einloggen kann. Als nächstes bestimmen die Versuche, das Geschehene aufzuklären die Handlung, bis es schließlich zur finalen Auseinandersetzung mit der vermeintlichen Identitätsdiebin kommt. Die ersten gut drei Viertel der Laufzeit beschäftigen sich auf durchaus spannende Weise mit aktuellen Fragen. Wenn die Protagonistin beispielsweise plötzlich aus ihrem eigenen Account ausgesperrt ist, alle Klärungsversuche beim gesichtslosen Betreiber des Portals scheitern und die Polizei weder versteht, um was es geht, noch gewillt ist, zu helfen, hat das etwas beunruhigend Realistisches. Das liegt vorwiegend an der guten Darstellung durch Madeline Brewer, die die Diskrepanz zwischen echten Gefühlen im wirklichen Leben und der Plastik-Welt als Webcamgirl sehr stark umsetzt. Dadurch schafft es der Film hier tatsächlich, aufklärend zu wirken und die Schattenseiten der schönen neuen Medienwelt vor den Vorhang zu zerren.

Überhaupt muss man der Hauptdarstellerin gratulieren, die den zwei  Facetten ihrer Rolle Leben einhaucht. Einerseits ist da das Webcamgirl Lola_Lola, das nicht mehr als ein Geschäftsmodell ist. Das Lächeln wirkt aufgesetzt, die Quasi-Dialoge mit den Typen im Chatroom, die die Cam-Show verfolgen, künstlich und gestellt, aber genau in der Sprache, die man aus allen möglichen Social Media-Kontexten kennt. Etwas realer wirkt Lola_Lola nur beim Privatchat mit besonders zahlungswilligen Kunden. Die andere Seite ihrer Persönlichkeit ist die junge Frau Alice Ackerman, die tatsächlich reale Gefühle hat und zeigt. Daher: Lob an die Schauspielerin, die scheinbar mühelos zwischen diesen beiden Rollen wechselt. Übrigens helfen Ton- und Bildkomposition sehr gut, all das glaubhaft zu machen – denn auch hier gibt es, vor allem in Sachen Optik – den starken Kontrast zwischen virtuellem und realem Leben.

Merkwürdiger Schluss.

Leider, und damit kommen wir zum letzten Viertel des Films, wird der zu Beginn aufgebaute Realismus nicht konsequent bis zum Schluss beibehalten. Scheinbar waren sich die Verantwortlichen nicht sicher, wie sie „CAM“ vernünftig zu Ende bringen können – denn fast bis zum Finale haben wir es mit einem reinrassigen, technoiden Thriller zu tun, der so oder so ähnlich tatsächlich in unserer Welt passieren könnte; und das vermutlich sogar tagtäglich tut. Dann tauchen aber plötzlich Horror-Elemente auf, die meines Erachtens nicht notwendig gewesen wären und den Gesamteindruck stören. Die „Schuld“ für die Ereignisse, speziell den vermeintlichen Identitätsdiebstahl, wird auf ein übernatürliches Phänomen geschoben, was nicht zum bis dahin sehr realitätsnahen Geschehen passen will. Noch dazu gibt es keinerlei weiterführende Erklärungen dazu, was das Ganze noch einmal merkwürdiger macht.

Das ist doppelt schade – einerseits, weil es eben einen Teil der Beklemmung, den „CAM“ durch seinen Realismus bis dahin ausgelöst hat, direkt raus nimmt. Andererseits kann der Film dadurch in letzter Konsequenz nicht als ernstgemeinte Warnung vor den Auswüchsen unseres Internet-Zeitalters durchgehen. Gerade letzteres hätte ich bis zum Finale jedoch sehr wohl als Intention des Films verstanden. Damit nimmt sich „CAM“ selbst einen Gutteil seiner Bedeutung.

Für die Gesamtwertung bedeutet das, dass „CAM“ auf den letzten Metern einiges von seinem Potenzial liegen lässt. Das stimmt mich ein bisschen traurig, weil der Film seine Geschichte sehr gut aufbaut und die Darsteller einwandfreie Arbeit leisten (an dieser Stelle seien neben der Hauptdarstellerin vor allem zwei ihrer „Kunden“ genannt, die etwas längere Auftrittehaben). Letztlich bleibt durch das vermurkste Finale aber der Eindruck, nicht mehr als eine durchschnittliche Black Mirror-Folge gesehen zu haben.

Gesamteindruck: 4/7


Originaltitel: CAM.
Regie: Daniel Goldhaber
Jahr: 2018
Land: USA
Laufzeit: 95 Minuten
Besetzung (Auswahl): Madeline Brewer, Patch Darragh, Melora Walters, Devin Druid, Imani Hakim, Michael Dempsey



 

FilmWelt: Ein toller Käfer

Einen Tag vor Veröffentlichung dieser Rezension ist der neue Streamingdienst von Disney in Europa gestartet. Dass ausgerechnet „Ein toller Käfer“ von 1968 (!) der erste Film sein würde, den ich mir dort ansehe, hätte ich nie gedacht – denn eigentlich waren die Star Wars-Rechte der einzige Grund, wieso ich Disney+ überhaupt testen wollte. Erst beim Durchscrollen des Angebots wurde mir wieder bewusst, dass Disney auch früher schon mehr gemacht hat als nur Zeichentrick. Und so musste ich einfach einen Klassiker aus meiner Kindheit sehen, bevor ich überhaupt an „The Mandalorian“ & Co denken konnte.

Gesamteindruck: 5/7


Unschuldiger Spaß für die ganze Familie.

In meiner Erinnerung ist „Ein toller Käfer“ ein großartiger Film. Meine Eltern hatten ihn irgendwann Ende der 1980er auf Video aufgenommen und ich bin mir sicher, dass das eine der Kassetten ist, die ich am öftesten abgespielt habe; so gut hat mir gefallen, was Regisseur Robert Stevenson (u.a. Mary Poppins) hier fabriziert hat. Und nun, Ende März 2020, war ich sehr gespannt, ob dieser Streifen nur durch Kinderaugen etwas taugt oder ob man sich auch als Erwachsener gut unterhalten fühlt.

Inhalt in Kurzfassung
Der glücklose Rennfahrer Jim Douglas ist auf der Suche nach einem neuen Wagen, um endlich an frühere Erfolge anschließen zu können. Durch Zufall kommt er an einen weißen VW Käfer, der nicht nur unglaublich schnell ist, sondern auch einen eigenen Willen zu haben scheint. Am Steuer von „Herbie“, wie der kleine Wagen genannt wird, fährt Douglas wieder um den Sieg mit – doch ist das seine Leistung als Fahrer oder gewinnt Herbie die Rennen selbst? Zu allem Überfluss rufen die Erfolge des Duos schnell Neider auf den Plan, allen voran den zwielichtigen Autohändler Peter Thorndyke, der Douglas den Käfer ursprünglich verkauft hat. 

Ich weiß nicht, wie oft ich diesen Film angeschaut habe – allerdings bin ich mir sicher, dass ich ihn nie im TV gesehen habe, sondern immer nur auf besagter Videokassette. Letztmals einen Videorekorder hatte ich wohl vor 25 Jahren oder so, seither habe ich ihn definitiv nicht mehr gesehen. Sehr wahrscheinlich ist es sogar länger als 25 Jahre her, dass ich „Herbie“ zum letzten Mal bewundert habe. Wieso ich das alles erzähle? Nun, gestern ist mir aufgefallen, dass ich nach wie vor jede Szene kenne und vermutlich sogar noch einen Teil der Dialoge mitsprechen könnte. Unglaublich, zeigt aber auch, dass ich wirklich beeindruckt von „Ein toller Käfer“ gewesen sein muss.

Immer noch ein guter Film.

Nun aber zur Sache. „Ein toller Käfer“ enthält zwar einige Szenen mit ein bisschen Renn-Action, ist aber insgesamt eine völlig harmlose Komödie für die ganze Familie. Garniert ist der Film mit einer kleinen, ebenfalls harmlosen Liebesgeschichte. Daher wohl auch der englische Originaltitel, in diesem Fall muss man aber sagen, dass „Ein toller Käfer“ ausnahmsweise sogar der passendere Titel ist. Die Story ist denkbar einfach, die Charaktere klar in Gut und Böse getrennt. Ein bisschen Ärger gibt es zwar, als Jim Douglas, durch seine bzw. Herbies Erfolge Starallüren bekommt, doch auch das löst sich schnell in Wohlgefallen auf. Übrigens sind die schauspielerischen Leistungen weitgehend in Ordnung; wie üblich glänzt hier vor allem der Darsteller des Bösewichts. Verdammt, war mir der damals unsympathisch… Alles richtig gemacht also.

Das Drehbuch ist zweckmäßig, man merkt aus heutiger Sicht, dass einiges mit Hilfe von Rennszenen, die sich stets ähneln, gestreckt wurde. Dadurch entstehen tatsächlich kleinere Längen, die mir früher gar nicht aufgefallen sind. Weil sich das aber in Grenzen hält, würde ich hierfür keine großen Abzüge geben. Wichtiger ist ohnehin der Humor – und ich finde nach wie vor, dass ein Großteil der Pointen sitzt. Klar, vieles ist vorhersehbar, dennoch habe ich gestern Abend ausgiebig gelacht. Weniger über Dinge wie das Auto, das seinen Erzfeind mit Öl bepinkelt, sondern tatsächlich über den Wortwitz. Man darf hier aber auch nicht die ganz feine Klinge erwarten – unterhaltsam ist es meiner Meinung nach trotzdem.

Abschließend noch ein Wort zur Technik. Die Musik ist ebenfalls etwas, das mir stark in Erinnerung geblieben ist. Hier muss ich aber zugeben, dass mich der ewig gleiche Soundtrack tatsächlich genervt hat. Optisch ist hingegen alles im grünen Bereich und ich könnte nicht sagen, was man hier besser machen kann. Man erkennt zwar ab und an sehr gut, dass die Hintergründe nur Kulissen sind, auch dass das Bild immer mal wieder beschleunigt wird, um den Käfer schneller darzustellen, fällt auf. Dennoch – hier ist nichts computeranimiert und das tut einfach nur gut, finde ich. Den einen oder anderen Spezialeffekt gibt es auch zu bewundern, überbordend ist da aber nichts.

Fazit: Ja, mir hat „Ein toller Käfer“ auch anno 2020 gefallen. Nicht so extrem wie früher, ich glaube nicht, dass ich ihn mir in näherer Zukunft nochmal ansehen werde. Aber es war ein schönes Erlebnis, den Film wieder einmal zu sehen. Wie viel davon reine Nostalgie ist und wie viel Qualität tatsächlich drin steckt, werden andere beurteilen müssen. Ich fürchte, ich bin dafür zu voreingenommen – wobei mir ein Blick auf meine eigene Bewertung zeigt, dass sich der Zauber der Kindheit wohl doch nicht mehr ganz hat reproduzieren lassen…

Gesamteindruck: 5/7


Originaltitel: The Love Bug
Regie: Robert Stevenson
Jahr: 1968
Land: USA
Laufzeit: 107 Minuten
Besetzung (Auswahl): Dean Jones, Michele Lee, David Tomlinson, Buddy Hackett, Joe Flynn



 

FilmWelt: Joker

Es waren große Fußstapfen, die Joaquin Phoenix zu füllen hatte, als er die Rolle des ikonischen Batman-Antagonisten Joker für den gleichnamigen Kinofilm annahm. Immerhin hatten mit Jack Nicholson („Batman“, 1989) und Heath Ledger („The Dark Knight“, 2008) zwei seiner Vorgänger dem schurkischen Clown ihren Stempel sehr deutlich aufgedrückt. Und doch schafft es Phoenix, der Figur gänzlich neue Züge zu verleihen. So wie in diesem Film hat man den Joker definitiv noch nie gesehen.

Gesamteindruck: 6/7


Ein trauriger Clown.

Dass sich Joaquin Phoenix behaupten kann, hat viel mit Drehbuch und Story zu tun. Beides hebt sich wohltuend vom sonstigen Superhelden-Popcorn-Kino ab, das sich seit einigen Jahren auf der großen Leinwand die Klinke in die Hand gibt. Das ist mithin auch der Grund, wieso der Joker von Jared Leto („Suicide Squad“, 2016) im Vergleich zu anderen Darbietungen so schlecht abschneidet, aber das ist ein anderes Thema.

Inhalt in Kurzfassung
Arthur Fleck ist ein Mann mittleren Alters, der mit seiner Mutter eine verfallene Bruchbude bewohnt und sich als Partyclown durchschlägt. Sein unerfüllter Traum ist die große Karriere als Standup-Comedian. Doch das Leben meint es nicht gut mit dem sensiblen Außenseiter und wirft ihm einen Knüppel nach dem anderen zwischen die Beine. Fleck verliert nicht nur seinen Job, sondern zusehends den Verstand und wird stückweise immer mehr zum unberechenbaren Psychopathen, der schließlich unversehens von den Abgehängten und Verlorenen im heruntergekommenen Gotham City zum Anführer einer Bewegung gegen die Reichen hochstilisiert wird.

Wie so häufig wird die Inhaltsangabe dem Film nicht so richtig gerecht. Denn die Story, wie aus dem abgehalfterten Außenseiter Arthur Fleck der mörderische Joker wird, ist nur ein Teil der Faszination des unerwartet humorlosen und düsteren Films. Noch viel mehr beeindruckt die Art und Weise, wie Joaquin Phoenix die Rolle verkörpert, wie er es schafft, beim Zuseher fast so etwas wie Mitleid für den armen Teufel zu wecken, der sich – so scheint es – liebevoll um seine Mutter kümmert und der nichts anderes möchte, als die Menschen zu unterhalten. Zumindest vordergründig. In Wirklichkeit, und das ist die kombinierte Leistung von Schauspieler und Drehbuch, haben wir es hier mit einem Mann zu tun, dessen Lachen so gar nichts Vergnügliches hat und der sich denkbar schlecht zum Komiker eignet, was er tragischerweise aber selbst nicht erkennen kann.

Gesellschaftskritik.

Nur zu sagen, dass der Joker einfach krank und/oder böse ist, wäre jedenfalls deutlich zu kurz gegriffen. Denn der Film ist auch eine Kritik an der Gesellschaft und ihrem Umgang mit Menschen, die sich außerhalb der Norm bewegen und – im schlimmsten Fall – durch sämtliche Raster und sozialen Netze fallen. Es sind Menschen, denen nicht geholfen wird, weil sie in kein Schema und kein System passen. Und das ist ein sehr reales Problem, das „Joker“ zwar überzeichnet, aber gar nicht so unrealistisch darstellt. Freilich vergeht dem Zuschauer vor allem im letzten Drittel des Films das Mitleid mit der Hauptfigur; dennoch ist man sich stets bewusst, dass die Gesellschaft ihren Teil zur Schaffung dieses Monsters beigetragen hat.

Genau das ist meines Erachtens auch der Unterschied zu bisherigen Darstellungen des Jokers: Die 1989er-Version von Jack Nicholson war bereits vor seiner Verwandlung kriminell, während man die 2008er-Variante von Heath Ledger einfach als vollkommen durchgedrehten Irren ohne jegliche Vorgeschichte und Vergangenheit präsentiert bekam. „Joker“ zeigt uns hingegen weniger einen Film über genau diesen Schurken, sondern über den Mann, der zu ihm wird. Ja, diesen Satz kann man anderswo so ähnlich lesen – und doch trifft er am besten, was es mit „Joker“ auf sich hat und worin er sich von allen bisherigen Filmen und Serien, in denen der Clown einen Auftritt hatte, unterscheidet. Im Wesentlichen entspricht das, was Regisseur Todd Phillips hier geschaffen hat, dem, was Christopher Nolan mit „Batman Begins“ (2005) gelungen ist: Eine ziemlich realistische, düstere Geschichte über die Helden-/Schurken-Werdung eines Mannes. Überhaupt: „Joker“ passt – so absurd das im Angesicht des Ledger-Jokers in „The Dark Knight“ klingt – wesentlich besser zur Nolan-Trilogie als zum heutigen DC-Universe.

Drehbuch und Kamera: Top!

Insgesamt ist „Joker“ ein starker Film, der seinen Vorschusslorbeeren tatsächlich gerecht geworden ist. Schnitt, Kamera und – vor allem – der Soundtrack wissen ebenso zu überzeugen, wie die Leistung der Schauspieler. Zwar werden die Nebenrollen zugunsten des Hauptdarstellers ein wenig stiefmütterlich behandelt, ich persönlich empfinde das aber nicht als so großes Problem. Besser eine sehr gut gezeichnete Figur als eine Legion an Charakteren, die wie Abziehbilder wirken. Auch die Ausstattung ist Top – selten war Gotham City ein derartig trostloser Moloch wie in diesem Film.

Was man dennoch nicht ganz verhehlen sollte: „Joker“ hat auch Schwächen. Wobei es eigentlich ein einziger Punkt ist, der mich im Kino tatsächlich gestört hat: Der Film hat durchaus Längen. An manchen Stellen räkelt sich Joaquin Phoenix dann doch etwas zu lang zur Musik, einige Dialoge und Szenen hätten also durchaus Straffung vertragen können, ohne, dass die Charakterstudie darunter gelitten hätte. Aber sei’s drum, auch, wenn das den Film zeitenweise schwerfälliger macht, als er hätte sein müssen, bleibt der Gesamteindruck unterm Strich sehr gut.

Wer diesen Film also noch nicht gesehen hat, sollte es unbedingt tun. Und keine Angst – man muss keinerlei Kenntnisse über Batman, den Joker und/oder das DC-Universum haben, um „Joker“ genießen und verstehen zu können. Soweit ich weiß, ist der Film auch gar nicht als Teil jenes Universums gedacht und gedreht worden. Das ist zwar schade für dessen innere Logik und wird die DC-Filme weiter gegenüber Marvel ins Hintertreffen geraten lassen – andererseits ist es vielleicht ganz gut so. Denn: Das DC-Universum ist über weite Stellen enttäuschend, „Joker“ ist es nicht und kann und sollte daher ganz für sich betrachtet werden.

Gesamteindruck: 6/7


Originaltitel: Joker
Regie: Todd Phillips
Jahr: 2019
Land: USA
Laufzeit: 122 Minuten
Besetzung (Auswahl): Joaquin Phoenix, Robert De Niro, Zazie Beetz, Bret Cullen, Marc Maron



 

FilmWelt: Funny Games

Ich überlege gerade, warum es so schwer fällt, eine Rezension zu diesem Film zu schreiben. Ist er intellektuell so herausfordernd, dass er sich einer Analyse meinerseits verschließt? Fehlt es an Handlung, an Spannung oder an schauspielerischer Leistung? Ist die Botschaft nicht klar? Ich bin mir ehrlich gesagt nicht sicher; wie ich mir auch nicht sicher bin, ob das, was ich unten über den Film und wie er mir gefallen hat schreibe, überhaupt Sinn ergibt. Merkwürdig.

Gesamteindruck: 4/7


Gewalt um ihrer selbst Willen.

Beim Ansehen von „Funny Games“, einem Film des nicht gerade zimperlichen österreichischen Regisseurs Michael Haneke, beschleicht den Zuschauer ein merkwürdiges Gefühl: Einerseits gibt es Anleihen aus „Uhrwerk Orange“, z.B. die weiße Kleidung der Bösewichte oder die Gewalt, die scheinbar völlig grundlos und unaufhaltsam über die Opfer hereinbricht. Andererseits geht „Funny Games“ das groteske Szenario ab, das Stanley Kubricks gefeierte Satire u.a. auszeichnet, aber auch etwas „weicher“ macht. „Funny Games“ ist nämlich so gestaltet, dass a) man die ganze Zeit den Eindruck hat, selbst in eine solche Situation geraten zu können und b) Haneke das Publikum sozusagen als (Mit-)Ursache der Gewalt einbindet. Ein interessanter Ansatz – der meines Erachtens aber nicht konsequent genug verfolgt wurde.

Inhalt in Kurzfassung
Der Urlaub einer dreiköpfigen Familie an einem See wird jäh gestört, als zwei junge Männer mit zunächst außerordentlich höflichen Umgangsformen auftauchen. Schnell zeigt sich, dass die Besucher nicht mehr freiwillig gehen wollen und sich auch nicht vertreiben lassen.

„Funny Games“ polarisiert. Das ist bei einem Haneke-Film nicht ungewöhnlich und war offenbar auch schon bei seiner Premiere in Cannes so. Doch warum eigentlich? Aus heutiger Sicht ist das gar nicht so leicht nachzuvollziehen. Klar: Es gibt kein Happy End, die Situation, in der Regisseur seine Figuren bringt, ist ausweglos, eine Erklärung für das, was ihnen widerfährt, gibt es nicht. All das erzeugt natürlich ein äußerst ungutes Gefühl und macht „Funny Games“ für den normalen Filmkonsumenten sehr unbequem. Eine klare Linie, ob der Film nun ein Meisterwerk oder doch eher billige Provokation ist, lässt sich nur sehr unbefriedigend ziehen, wie ich finde.

Rein auf die Handlung bezogen ist „Funny Games“ meiner Meinung nach ein solider Film. Die Situation, in den eigenen vier Wänden als Geisel genommen zu werden und nichts dagegen tun zu können ist gut erzählt und löst die gewünschte Angst beim Zuseher aus. Dass die Antagonisten nicht sagen, was sie wollen, es sich weder um eine Lösegeld-Erpressung noch um einen Raubüberfall handelt, dass es auch keine Psychoanalyse gibt, in der eine schwierige Kindheit o.ä. für ihre Taten verantwortlich gemacht wird – all das empfinde ich als sehr unkonventionell und spannend, weil „anders“. Auf dieser Ebene funktioniert „Funny Games“ zumindest bei mir uneingschränkt gut – und das bis zum Schluss. Kritisieren könnte man allenfalls Kleinigkeiten, z. B. wirkt die Sprache im Gegensatz zum allgemeinen Habitus der Hauptpersonen arg gekünstelt. Etwas weniger Hochdeutsch und etwas mehr Dialekt hätten an dieser Stelle Wunder gewirkt.

Interessant – und eigentlich gegen die These der reinen Provokation sprechend – ist, dass die Gewalt, von der der Film geprägt ist, kaum zu sehen ist. Jedenfalls nicht so, wie man sich das vorstellt. Und das hat nicht nur damit zu tun, dass sich die Zeiten geändert haben („Funny Games“ feierte ja vor über 20 Jahren seine Premiere). Auch damals gab es wesentlich explizitere Darstellungen als Haneke sie seinem Publikum zumutet. Allerdings ist das, was abseits der Kamera passiert, was nur zu hören ist (z.B. Schmerzensschreie, Weinen usw.) schon sehr starker Tobak und trägt letztlich mehr zum Flair der Brutalität bei als man meinen könnte.

Zweite Ebene überzeugt nicht ganz.

Doch „Funny Games“ spielt auch noch auf einer zweiten Ebene. Zu diesem Zweck wird die berühmte „4. Wand“ immer wieder durchbrochen, der Zuseher direkt angesprochen – so bieten die Antagonisten dem Publikum beispielsweise Wetten an, wer als nächstes stirbt. Diese Idee finde ich grundsätzlich gut, an der Umsetzung hapert es für mein Dafürhalten aber. Denn die Ansprache des Zuschauers fällt dermaßen leger und „nebenbei“ aus, dass dieser Aspekt des Films fast untergeht. Noch dazu zeigt sich an dieser Stelle, dass das Mitleid, das man mit der gepeinigten Familie empfindet, gar nicht so groß ist, wie Haneke es sich vermutlich gewünscht hat. „Schuld“ an diesem Umstand könnte sein, dass einer der beiden Bösewichte, der von Arno Frisch gespielte Paul, dem restlichen Ensemble in Sachen Charisma deutlich überlegen ist. Dieses Ungleichgewicht stört das eigentlich genau festgelegte Gut-Böse-Schema, wie ich finde.

Fazit: Zu sagen, der Film würde unterhalten, wäre wohl nicht angebracht und auch nicht das, was Michael Haneke erreichen wollte. Im Endeffekt hat mir „Funny Games“ gefallen. Das liegt aber vor allem an der guten Machart seiner konventionellen Ebene. Der intellektuelle Aspekt, der Versuch, den Zuseher für das, was auf dem Schirm passiert, quasi haftbar zu machen, hat sich mir hingegen nicht so richtig erschlossen. Daher: Gute 4 von 7 Punkten.

Gesamteindruck: 4/7


Originaltitel: Funny Games
Regie:
Michael Haneke
Jahr: 1997
Land: Österreich
Laufzeit: 104 Minuten
Besetzung (Auswahl): Susanne Lothar, Ulrich Mühe, Arno Frisch, Frank Giering, Stefan Clapczynski



 

FilmWelt: A Quiet Place

Sieht man sich „A Quiet Place“ zum ersten Mal an, ist man überrascht: Ein Film, der scheinbar ohne Worte auskommt – kann das überhaupt gut gehen? Es kann, wie Regisseur John Krasinski zeigt. Allerdings, und das ist schade, wird das Konzept nicht bis ganz zum Schluss durchgezogen. Dennoch: „A Quiet Place“ unterhält und ist über weite Strecken erfrischend anders.

Gesamteindruck: 5/7


Pssst!

„A Quiet Place“ ist einer dieser seltenen Fälle, in denen es tatsächlich gelingt, einem alt-ehrwürdigen Genre einen neuen Aspekt hinzuzufügen. Dass man auf der Flucht vor Monstern leise sein muss, ist bekannt – in diesem Film ist die absolute Lautlosigkeit aber ein vollwertiges Stilelement. Die Figuren agieren in völliger Stille, flüstern nicht einmal miteinander, sondern verständigen sich über Handzeichen. Sie tappen barfuß durch die Szenerie und sind so ruhig, dass es den Zuschauer regelrecht in den Ohren schmerzt. Man muss den Schauspielern gratulieren, die es schaffen, ihren Charakteren ganz ohne Sprache Leben einzuhauchen.

Inhalt in Kurzfassung
Irgendwo in Amerika lebt eine Familie einen post-apokalyptischen Alptraum. Die Menschheit wurde mehr oder weniger ausgerottet und auch die wenigen Überlebenden befinden sich ständig in großer Gefahr. Die einzige Chance, den monströsen Jägern zu entkommen, ist völlige Lautlosigkeit, denn jedes noch so kleine Geräusch kann ein Todesurteil sein.

Die Grundannahme des Films führt nicht nur schauspielerisch zu einer unorthodoxen Herangehensweise. Auch optisch und akustisch ist „A Quiet Place“ grundlegend anders. So ist die Unterstützung durch einen Score eher marginal, wenngleich der Soundtrack nicht ganz wegfällt. Dafür kommt den Soundeffekten umso größere Bedeutung zu. Das ist so ungewohnt, dass allein dadurch ein mulmiges Gefühl beim Zuseher entsteht. Verstärkt wird diese Grundstimmung durch die Kameraarbeit, die in Zusammenhang mit der fehlenden Akustik ein fast schon klaustrophobisches Gefühl erzeugt – interessanterweise ohne, dass der Film in geschlossenen Räumen spielt. Daran kann man zumindest ansatzweise erkennen, wie angewiesen wir Menschen auf unseren vollständigen Sinnesapparat sind.

Gelungen ist auch das Drehbuch, das sich mehr auf die handelnden Personen als auf das Umfeld konzentriert. In diesem Fall bedeutet das, dass man als Zuseher nicht weiß, wie die Menschheit überhaupt in diese ausweglose Lage geraten ist. Eine außerirdische Invasion? Mutationen? Der Film hält sich sehr bedeckt, was die großen Zusammenhänge betrifft und liefert nur ein paar Schnipsel, aus denen man sich mehr oder weniger zusammenreimen kann, was passiert sein könnte. Das ist eine Herangehensweise, die ein wenig an „Cloverfield“ erinnert. In Verbindung mit dem nicht vorhandenen Humor trägt auch dieses Nicht-Wissen viel zum Nervenkitzel von „A Quiet Place“ bei.

Intensitätskurve flacht zum Schluss hin ab.

Leider ist aber nicht alles Gold, was glänzt. Die intensive Stimmung, die ich oben beschrieben habe, trifft vorwiegend auf die erste Hälfte von „A Quiet Place“ zu. Den Mut, dieses Konzept bis zum Ende durchzuziehen, hatte Regisseur John Krasinski (der neben seiner Real-Life-Ehefrau Emily Blunt auch in einer der Hauptrollen zu sehen ist) dann doch nicht. Im weiteren Verlauf wird der Film dann immer „lauter“. Das beginnt damit, dass man eine Möglichkeit findet, Personen doch miteinander sprechen zu lassen. Das wurde zwar einigermaßen logisch gelöst, wirkt in meinen Augen aber wie ein Mittel zum Zweck, weil man es dem Publikum nicht zumuten wollte, bis zum Schluss quasi nur mit Gebärdensprache auszukommen. Allein das nimmt den Film bereits einiges vom Zauber, den er am Anfang entwickelt. Noch mehr wird das ursprüngliche Konzept durch die musikalische Untermalung verwässert, die sich von anfangs kaum wahrnehmbar im Verlauf des Films zu dramatisch-bombastisch steigert. Das passt zwar zum Inhalt, bei dem sich die Schlagzahl und die Action ebenfalls erhöhen – nimmt „A Quiet Place“ gleichzeitig aber auch viel von seiner Besonderheit.

Denn eines darf man auch nicht übersehen: „A Quiet Place“ unterscheidet sich in der Handlung nicht maßgeblich von einem handelsüblichen Endzeit- oder Zombiefilm. Es ist letztlich nur die Inszenierung, die den Streifen von seiner Konkurrenz abhebt. Wird diese verdünnt, wie es in der zweiten Hälfte des Films passiert, wird „A Quiet Place“ zu einer handwerklich gut gemachten aber sehr konventionellen Darstellung der Postapokalypse. Schade, mit etwas mehr Konsequenz hätte es eine höhere Wertung geben können.

Gesamteindruck: 5/7


Originaltitel: A Quiet Place
Regie:
John Krasinski
Jahr: 2018
Land: USA
Laufzeit: 90 Minuten
Besetzung (Auswahl): Emily Blunt, John Krasinski, Noah Jupe, Millicent Simmonds, Cade Woodward, Leon Russom



 

FilmWelt: Lords of Chaos

Anfang der 1990er, also vor rund 30 Jahren, hat eine Gruppe junger Männer Norwegen in Angst und Schrecken versetzt. Satanismus, Brandstiftung und sogar Mord – die Rebellion, die unter dem Banner des Black Metal nicht nur die Musikwelt erzittern lassen sollte, schreckte vor keinem Extrem zurück. Drei Figuren waren prägend für jene Zeit: Øystein „Euronymus“ Aarseth, Per „Dead“ Ohlin und Kristian „Varg“ Vikernes. „Lords of Chaos“ (2019), entstanden unter der Regie des Schweden Jonas Åkerlund, erzählt ihre Geschichte.

Gesamteindruck: 5/7


Eine skandinavische Tragödie.

„Lords of Chaos“ ist die Verfilmung des gleichnamigen Sachbuches von 1998. In jenem Werk arbeiteten die Autoren Michael Moynihan und Didrik Søderlind jene Ereignisse auf, die zur Etablierung eines neuen musikalischen Genres führten, das so extrem war, wie nichts davor oder danach. Dennoch wäre der norwegische Black Metal wohl nie über versiffte Kellerräume in Oslo oder Bergen hinausgekommen – wären da nicht seine brutalen und blutigen Begleiterscheinungen gewesen. Denn es sollte nicht lange dauern, bis die dunkle Ideologie in höchst reale Taten umschlug, die bis heute ihresgleichen suchen.

Inhalt in Kurzfassung
Oslo, Mitte der 1980er Jahre: Der junge Gitarrist Øystein „Euronymus“ Aarseth gründet mit Freunden die Band Mayhem und „erfindet“ dabei gleich ein neues musikalisches Genre: True Norwegian Black Metal, eine extreme Form des Heavy Metal, ausgelegt auf düstere Atmosphäre, größtmögliche Aggression und Auflehnung gegen sämtliche musiktheoretische – und auch gesellschaftlich-religiöse – Konventionen. Zunächst lärmt man noch unter Ausschluss der Öffentlichkeit vor sich hin. Eine Art Durchbruch gelingt erst, als sich der schwedische Sänger Per Yngve Ohlin, besser bekannt unter seinem Pseudonym Dead, dazu gesellt. Dessen späteren Selbstmord nutzt Euronymus für Promotion-Zwecke – ein Tabubruch, dem viele weitere folgen sollen. Als schließlich der Bergener Kristian „Varg“ Vikernes, seines Zeichens einziges Mitglied von Burzum, in das Leben von Euronymus tritt, geraten die Dinge vollständig außer Kontrolle.

Bevor sich der geneigte Black Metal-Fan – oder jeder andere, an der Thematik interessierte Zuseher – „Lords of Chaos“ ansieht, sollte er sich über folgendes bewusst sein: Der Film ist im Gegensatz zum Buch, auf dem er basiert, keine Dokumentation. Wohl ist er eine filmische Biographie, vor allem über Euronymus, er ist und bleibt aber ein Spielfilm. Heißt: Schauspieler verkörpern die Protagonisten, es gibt keinerlei weiterführende Erklärungen und reale Persönlichkeiten kommen nicht zu Wort. Entsprechend gibt es im Film Szenen zu sehen, für die es in Wirklichkeit keine Augenzeugen gab und von denen man nur mutmaßen kann, ob sie sich tatsächlich so zugetragen haben. Das ist aus meiner Sicht kein grundsätzliches Problem, sorgt aber dafür, dass man den Film nicht ganz so ernst nehmen sollte, wie man vielleicht gehofft hatte.

Grundsätzlich ist die Konstellation, die zum Aufstieg und Fall der ersten Black Metal-Band der 2. Generation, Mayhem, geführt hat, sehr komplex. Verständlich also, dass sich der Regisseur (seines Zeichens Anfang der 1980er als ehemaliger Drummer von Bathory übrigens Mitglied der 1. Black Metal-Generation) für „Lords of Chaos“ auf einen Gesichtspunkt konzentrieren wollte. Als Hauptprotagonisten hat Jonas Åkerlund daher Euronymus (überraschend gut gespielt von Rory „Ich bin der Bruder von Macauly“ Culkin) herausgegriffen, den er vor allem als musikalischen Impulsgeber der Szene betrachtet. Diese Simplifizierung finde ich durchaus in Ordnung – dass „Lords of Chaos“ ein umfassender und jeden Teilaspekt betrachtender Film wird, hätte ich ohnehin nicht erwartet. Abgesehen davon ist die Konzentration auf Mayhem und Burzum bei nahezu vollständiger Ausblendung anderer Protagonisten ein Vorwurf, den sich bereits das Buch gefallen lassen musste.

Allgemein ist der Blick, den Jonas Åkerlund auf dieses Stück Musikgeschichte wirft, ist unterhaltsamer, als man erwarten könnte. Vorwiegend liegt das wohl daran, dass der Regisseur keine Identifikationsfiguren bieten wollte. Euronymus ist zwar nicht ganz unsympathisch, neigt aber sehr stark zu Opportunismus, was nun keine erstrebenswerte Eigenschaft ist. Liest man ältere Aussagen von ehemaligen Weggefährten, scheint diese Charakterisierung durchaus zutreffend zu sein. Varg wird vom für mein Gefühl etwas zu stattlichen Emory Cohen hingegen als jemand dargestellt, der sogar in diesem Kreis aus Außenseitern zunächst wenig Akzeptanz findet. Ihm, der als einziger der drei Hauptprotagonisten jene Zeit überlebt hat und der weder damals noch heute als angenehmer Zeitgenosse gelten dürfte, schreibt der Regisseur eine leicht tollpatschiges, naives Verhalten zu, das sich später immer mehr ins Radikale verkehrt. Sein musikalisches Genie, mit dem man sich eventuell identifizieren könnte, ist lediglich eine Randbemerkung, sodass wir es bei ihm nicht einmal mit einem kauzigen Anti-Helden, sondern einfach mit einem fehlgeleiteten, nicht gerade hellen Typen zu tun haben. All das sorgt für den einen oder anderen Lacher, bei dem man sich als Kenner der Geschichte zwar irgendwie unwohl fühlt, der einige Szenen aber eben auch nicht ganz so verbissen macht, wie sie die Protagonisten damals wohl erlebt haben.

Trve Norwegian Black Metal – Achtung, Spoiler!

Der Film deckt – so jedenfalls meine Wahrnehmung – einen Zeitraum von ungefähr 1986 bis 1993 ab. Grob kann er in vier Teile gegliedert werden. Der erste Part stellt stark verknappt die Hauptfigur Euronymus und seine Motivation vor. Aufgegriffen wird die „Erfindung“ des Black Metal-Riffs und die ersten rebellischen Gehversuche einer Bande von Außenseitern, die freilich noch vergleichsweise harmlos und kaum von der Punk-Bewegung unterscheidbar ausfallen. All das funktioniert sehr gut und jeder, der in seiner Jugend gerne gefeiert und ab und an nicht ganz brav war, wird sich im einen oder anderen Moment wiederfinden.

Im 2. Teil lernen wir mit Dead (dargestellt von Jack Kilmer) den Protagonisten kennen, der jene geisterhafte, düstere Atmosphäre in den Black Metal bringt, die wir bis heute kennen – und auch der Film nimmt damit eine Wendung in Richtung Wahnsinn und wird zunehmend blutig. Das allgemeine Verhalten des schwedischen Sängers, seine Obsession für den Tod – sowohl auf als auch abseits der Bühne – und sein Selbstmord (1991, er wurde nur 22 Jahre alt) sind für den Zuseher schwer zu ertragen, zumal kaum Details ausgespart werden. Das ist der intensivste Teil von „Lords of Chaos“, der für mein Gefühl voller Respekt vor einem jungen Mann ist, der dringend Hilfe gebraucht hätte. Ob seinen Freunden das in diesem Ausmaß bekannt war, bleibt offen, ihre Aussagen lassen aber darauf schließen, dass sie Dead mehr als nur ein bisschen seltsam fanden. Der blutige Selbstmord stellt gleichzeitig eine Zäsur dar – an dieser Stelle wenden sich die ersten Freunde von Euronymus ab, der den Tod seines Freundes direkt nutzt, um Aufmerksamkeit für Mayhem zu generieren. Kurzer Exkurs: In Wirklichkeit dürfte all das sogar noch über den im Film gezeigten Ausstieg von Bassist Jørn „Necrobutcher“ Stubberud hinausgegangen sein und auch andere Leute aus der Szene verurteilten Euronymus für sein Verhalten gegenüber Dead – sowohl vor als auch noch dessen Selbstmord.

Auftritt Varg – Achtung, Spoiler!

Der 3. Abschnitt des Films zeigt, wie die finstere Ideologie des Black Metal – ausgehend von Euronymus‘ berüchtigtem Plattenladen „Helvete“ – in Taten gipfelte, an die man sich tatsächlich bis heute erinnert und die jene Jahre nach wie vor wie einen Mythos erscheinen lassen, der sich selbst am Leben erhält. Kristian „Varg“ Vikernes tritt hier in das Leben von Euronymus – zunächst noch musikalisch über sein Ein-Mann-Projekt Burzum, das im Film aber eine Randnotiz bleibt. Der Bergener, vorerst noch skeptisch betrachtet, holt sich bei Euronymus Inspiration, belässt es aber nicht dabei. Als die erste Stabkirche (Fantoft im Juni 1992) brennt, ist er im „Inneren Zirkel“ angekommen und freundet sich immer mehr mit dem Mayhem-Gitarristen an. An dieser Stelle wird der Film ambivalent in seiner Tonalität – fast hat man das Gefühl, der Regisseur hätte nicht recht gewusst, wie er mit Varg (der 2009 aus der Haft entlassen wurde), umgehen sollte. Es ist, als hätte Åkerlund Bedenken gehabt, das Publikum würde sich mit einem verurteilten Verbrecher identifizieren. Ob das damit zu tun hat, dass Varg aus Sicht des Regisseurs für die Kommerzialisierung des Genres verantwortlich war oder ob er ihm insgeheim recht gibt, das aber nicht „zugeben“ möchte, ist mir nicht klar.

Der 4. und letzte Part von „Lords of Chaos“ thematisiert schließlich die wachsenden Spannungen zwischen Varg und Euronymus, die im – vermutlich – bekannten Ende kulminieren. Dieser finale Abschnitt hat die eine oder andere Länge. Das ist auch der Teil der Geschichte, über den ich persönlich am wenigsten informiert bin (vom Finale abgesehen). In „Lords of Chaos“ werden Euronymus zum Schluss hin die Geister, die er rief, zunehmend unheimlich. Ob aus Reue oder weil ihm Varg den Rang als Anführer abzulaufen droht, wird nicht aufgelöst, es entsteht allerdings der Eindruck von letzterem. Ob es wirklich so passiert ist? Ich weiß es nicht.

Ein paar Haare in der Suppe.

Wie man sieht, bietet die Geschichte um Mayhem tatsächlich Stoff für eine griechische Tragödie. Unglaublich eigentlich, dass sich das alles im Großen und Ganzen genauso abgespielt hat. Mit dem Drehbuch, den Darstellern und, Überraschung, auch den meisten Dialogen kann man zufrieden sein. Dass ein bisschen ausgeschmückt wurde, sollte nicht allzu sehr stören (genannt seien hier die Alpträume Euronymus‘ nach dem Tod von Dead – ob er die wirklich hatte, weiß wohl niemand).

Tatsächlich gestört haben mich – auch in Bewusstsein, dass der Film die Geschichte an manchen stellen zurechtbiegt – an „Lords of Chaos“ eigentlich nur zwei Dinge. Einerseits geht er meiner Ansicht nach zu wenig auf die Musik selbst ein. Dadurch entsteht der Eindruck, diese wäre ganz generell nur eine Nebensache gewesen, was meines Erachtens so einfach nicht stimmt. Ja, die Verbrechen im Umfeld waren das relevantere Ereignis und auch die zwischenmenschlichen Beziehungen sind wichtig. Dennoch wäre es schön und für Außenstehende vielleicht sogar essenziell gewesen, ein bisschen mehr Wert auf den Soundtrack zu legen. Wobei zu vernehmen ist, dass diverse Musiker etwas dagegen hatten und deshalb die Rechte fehlten. Schade eigentlich, Black Metal ist zwar tatsächlich mehr als nur Musik, aber eben auch Musik. Abgesehen davon übernimmt der Film einen Punkt, den ich bereits am Buch kritisiert habe: Es geht daraus überhaupt nicht hervor, dass diese Musikrichtung trotz aller Katastrophen, die sich vor 30 Jahren ereignet haben, nach wie vor besteht. Sogar Mayhem sind als Band noch aktiv und haben mit Necrobutcher und Jan Axel „Hellhammer“ Blomberg zwei Zeitzeugen an Bord.

Der zweite Kritikpunkt – und hier gehe ich schon sehr ins Detail – betrifft die Szene, in der Bård „Faust“ Eithun (Drummer bei Emperor, hier gespielt von Valter Skarsgård) einen Homosexuellen in einem Park in Lillehammer ersticht. Abgesehen davon, dass es im Film so aussieht, als würde die gesamte Handlung in wenigen Tagen und vorwiegend in Oslo spielen, wird die filmische Darstellung dieser Tat nicht gerecht. Im Gegenteil, sie lässt den Eindruck entstehen, Faust wäre von seinem Opfer bedrängt und auf unterdrückte sexuelle Tendenzen seinerseits angesprochen worden. In Wirklichkeit – so steht es jedenfalls in „Lords of Chaos“ – wollte Faust (2003 aus der Haft entlassen) einfach „nur“ wissen, wie es wohl wäre, einen Menschen zu ermorden. Diese Umdeutung der Ereignisse kann ich weder nachvollziehen noch gutheißen – war der Mord doch per se schon schlimm genug. Einen Grund dafür zu „erfinden“ halte ich für höchst problematisch. Sollte der Regisseur hierfür andere Quellen bzw. Einblicke gehabt haben, fällt dieser Kritikpunkt selbstverständlich weg.

Fazit: Mir hat der Film tatsächlich gut gefallen, auch wenn ich weiß, dass man nicht alles darin gezeigte für bare Münze nehmen darf. Besonders gelungen: Die Einbindung von Szenen, die zeigen, wie die eine oder andere berühmte Fotografie entstanden ist (bzw. entstanden sein könnte). Das verstärkt das Gefühl von Authentizität (ich weiß, ich weiß…). Aber: Wer „Lords of Chaos“ gelesen oder sich über andere Kanäle über die damaligen Ereignisse informiert hat, wird durch den Film ohnehin wenig neue Einblicke gewinnen. Die Lücken, die der Regisseur lässt bzw. lassen musste, um die gut zwei Stunden dramaturgisch sinnvoll zu gestalten, können von jedem Kenner der Materie aus dem Gedächtnis gefüllt werden – oder sind nicht zu füllen, weil tatsächlich niemand etwas darüber sagen kann. Wer noch nicht Bescheid weiß, erhält hingegen ein verkürztes, dafür aber auch ohne Vorkenntnisse relativ leicht verständliches Bild über den Anfang und das Ende einer in gewissen Kreisen immer noch sehr einflussreichen und extremen Persönlichkeit.

Gesamteindruck: 5/7


Originaltitel: Lords of Chaos
Regie:
Jonas Åkerlund
Jahr: 2018
Land: UK, Schweden
Laufzeit: 118 Minuten
Besetzung (Auswahl): Rory Culkin, Emory Cohen, Jack Kilmer, Sky Ferreira, Valter Skarsgård, Anthony De La Torre, Jonathan Barnwell



 

FilmWelt: Heavy Trip

Finnland ist in Sachen Film ja nicht unbedingt für internationale Großproduktionen bekannt, sieht man mal vom Überraschungserfolg „Iron Sky“ (2012) ab. Daran wird „Heavy Trip“ (2018) vermutlich nicht viel ändern – zu zielgruppenspezifisch dürfte die Komödie aus dem Land der Tausend Seen sein. Dabei haben die Regisseure Juuso Laatio und Jukka Vidgren eine liebevolle Hommage an ein Genre, das sich in weiten Teilen immer noch hartnäckig weigert, erwachsen zu werden, geschaffen. Und das ist ihnen so gut gelungen, dass nicht nur Heavy Metal-Fans ein Auge riskieren sollten.

Gesamteindruck: 6/7


Kuuuuuusaaamooo!

Heavy Metal besteht als Subkultur mittlerweile seit gut 40 Jahren. Vieles hat sich in dieser Zeit geändert – und doch sind die Grundzüge der einst so rebellischen Jugendbewegung nach wie vor da. Ja, heute ist die Musikrichtung abwechslungsreicher und letztlich beliebter als je zuvor, was längst einen Grad an Professionalisierung nach sich gezogen hat, der früher undenkbar gewesen wäre. Gleich geblieben ist hingegen, dass die beste und ehrlichste Musik weiterhin ihren Ursprung weiterhin in elterlichen Garagen und improvisierten Proberäumen hat – allen Casting-Shows und ähnlichen Massenphänomenen zum Trotz. Und immer noch werden Metalheads in ihrer Jugend oft als Außenseiter belächelt, immer noch sind diejenigen, die Pop und Schlager machen, die in fast allen Belangen Erfolgreicheren.

Inhalt in Kurzfassung
In einem kleinen Dorf, irgendwo im ländlichen Finnland, proben vier Freunde seit fast 20 Jahren als namenlose Band. Zu einem Auftritt haben es die sympathischen Außenseiter in all der Zeit nie gebracht. Als der Zufall den Manager eines norwegischen Festivals in ihre Gegend führt, spielen sie ihm eine Demokassette zu, in der Hoffnung, so entdeckt zu werden. Schnell macht im Dorf das Gerücht die Runde, die kurzerhand Impaled Rektum (!) benannte Band stünde kurz vor einem großen Auftritt – und schon werden aus den Außenseitern gefeierte Helden. Dass der Weg an die Spitze nicht so einfach ist, müssen die vier allerdings schneller feststellen als ihnen lieb ist.

Wer sich als Regisseur einer in sich geschlossenen Kultur wie dem Heavy Metal nähern möchte, muss vorsichtig sein. Der größte Teil des Zielpublikums ist innerhalb der Szene zu finden und schätzt es gar nicht, mit einer plumpen Persiflage konfrontiert zu werden. Glücklicherweise machen die Regisseure Juuso Laatio und Jukka Vidgren in ihrem ersten abendfüllenden Spielfilm alles richtig. Sie schaffen es, die Besonderheiten und liebenswerten Schrullen so gut einzufangen, dass man sich als Metalhead zu keinem Zeitpunkt verarscht fühlt. Da gibt es den Typen, der jeden Songtitel der vergangenen 30 Jahre auswendig kennt, da gibt es die absonderlichsten Genre-Bezeichnungen, da gibt es die typischen Outfits, das Corpsepaint und den ständigen Konflikt mit den Normalos. Ja, all das ist teilweise überzeichnet. Und doch ist es so, dass sich jeder, der sich jemals – und sei es auch nur kurz – in der Szene bewegt hat, sich in dem einen oder anderen Aspekt von „Heavy Trip“ wiederfinden wird. Übrigens: Laatio und Vidgren haben sich vor „Heavy Trip“ mit Musikvideos, z.B. für die finnische Melodic Death Metal-Band Kalmah, einen Namen gemacht; sie sind also nicht ganz unbeleckt, was das Thema betrifft – und das merkt man auch sehr deutlich.

Fast durchgehend brillant.

Dass in einem solchen Film der Soundtrack eine wichtige Rolle spielt, sollte nicht überraschen. Neben diversen Metal- und Rock-Klassikern, die im Hintergrund gespielt werden, wurde der Score von Lauri Porra komponiert, seines Zeichens Bassist der finnischen Power Metaller Stratovarius. Die beeindruckendste Nummer im Film ist eine Cover-Version des Amorphis-Gassenhauers „Kuusamo“. Sollte man in der Variante von Impaled Rektum definitiv gehört haben.

Gedreht wurde großteils in einem Dörfchen im Nordosten Finnlands, entsprechend authentisch sieht die Gegend aus. Generell sind die Bilder, die man in „Heavy Trip“ zu sehen bekommt, dem starken Soundtrack zumindest ebenbürtig, fangen sie doch perfekt den starken Kontrast zwischen der wunderschönen skandinavischen Natur und der Trostlosigkeit des Dorfes irgendwo im Nirgendwo ein. Zur Auswahl der Darsteller kann man ebenfalls nur gratulieren. Jede einzelne Rolle wurde gut besetzt und die weitgehend unbekannten, finnischen Mimen machen ihre Sache ausgezeichnet. Man lacht, bangt und hofft mit den Helden, man hasst die Bösewichte (ganz klassisch: der Dorfpolizist und ein Schnulzensänger) – kurz: Man nimmt jeder Figur ihre Rolle ab.

Dass die Schauspieler überzeugen ist natürlich auch dem Drehbuch zu verdanken, das erstaunlich konventionell daherkommt. Aber auch, wenn Überraschungen fehlen und es manchmal arg vorhersehbar wird, gibt es hier nicht viel zu meckern – die Handlung setzt auf solide Komödien-Kost mit Road Movie- und Coming-of-Age-Anleihen. Der Humorfaktor ist sehr hoch, ich habe das Gefühl, durchgehend gelacht zu haben. Damit man wirklich jeden Gag mitnehmen kann, ist es an dieser Stelle allerdings von Vorteil, wenn man zumindest ein bisschen bewandert ist, was Szene und Musik angeht.

Kleinere Längen.

Nach so viel Lob muss aber auch ein bisschen Kritik erlaubt sein. Dass der Film zum Teil sehr vorhersehbar ist, habe ich erwähnt. Dementsprechend zündet auch nicht jede Idee, auf manche Situation wird man gefühlt minutenlang vorbereitet. Lustig sind die Gags freilich trotzdem, aber an einigen Stellen hätte man sich doch etwas mehr Einfallsreichtum gewünscht. Zweiter Kritikpunkt ist die eine oder andere Szene, die den Eindruck erweckt, der Film hätte künstlich auf über 90 Minuten gestreckt werden sollen. Gerade zum Schluss hin wird das eigentlich angenehme, sehr flotte Erzähltempo etwas gedrosselt. Zwar ist das Finale dann wieder recht rasant, doch die angezogene Handbremse im letzten Viertel hinterlässt im Nachgang einen etwas bittereren Geschmack als der Film verdient hat.

Dennoch: „Heavy Trip“ ist ein sehr gelungener Film, dem man jedem Heavy Metal-Fan, aber auch jedem anderen, der auch nur ein bisschen Sympathie für die Szene mitbringt, bedenkenlos empfehlen kann.

Gesamteindruck: 6/7


Originaltitel: Hevi Reissu
Regie: Juuso Laatio, Jukka Vidgren
Jahr: 2018
Land: Finnland, Norwegen
Laufzeit: 91 Minuten
Besetzung (Auswahl): Johannes Holopainen, Samuli Jaskio, Max Ovaska, Antti Heikkinen, Minka Kuustonen, Ville Tiihonen, Chike Ohanwe



 

FilmWelt: Shutter Island

„Shutter Island“ (2010) ist die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Dennis Lehane (2003). Ein Blick auf die am Film beteiligten Personen lässt Großes hoffen: Regie führte der legendäre Martin Scorsese, die Hauptrolle übernahm Oscar-Preisträger Leonardo DiCaprio. Und auch die Nebendarsteller Ben Kingsley, Max von Sydow und Mark Ruffalo sind hoch angesehen und dürfen diverse Awards ihr Eigen nennen. Allein: Trotz geballter Starpower konnte mich „Shutter Island“ nicht voll und ganz überzeugen.

Gesamteindruck: 4/7


Kommt nicht richtig in Fahrt.

Martin Scorsese zieht alle Register der Filmkunst, um die Irrenanstalt auf der Insel so düster und abweisend wie möglich zu präsentieren. Geistig und körperlich deformierte Patienten, ständig schlechtes Wetter und die passende Geräuschkulisse zeichnen ein trostloses Bild einer abgelegenen Irrenanstalt. Damit schlägt „Shutter Island“ den Zuseher sofort in den Bann – der allerdings nicht bis zum Schluss aufrecht erhalten werden kann. Übrigens: Ich habe die Romanvorlage nicht gelesen – sollte ich vielleicht nachholen, denn ich kann jetzt natürlich nicht sagen, ob meine Probleme mit dem Film von der Vorlage herrühren. Grundsätzlich liest sich die Handlung jedenfalls interessant, es liegt also nicht an der Story, dass ich nicht ganz zufrieden bin.

Inhalt in Kurzfassung
Auf Shutter Island befindet sich das Ashecliffe Hospital für geistig abnorme Rechtsbrecher. Dort untersuchen die US-Marshals Edward „Teddy“ Daniels und Chuck Aule im Jahre 1954 das spurlose Verschwinden einer Patientin. Im Zuge der Nachforschungen wird in Kriegsveteran Daniels der Verdacht immer größer, dass auf der Insel Menschenversuche durchgeführt werden – ähnlich, wie er es bei seiner Teilnahme an der Befreiung des KZ Dachau gesehen hat. Ausgelöst durch dieses Trauma leidet er immer stärker unter Wahnvorstellungen und Alpträumen und es fällt im zunehmend schwer, Wirklichkeit und Halluzinationen zu unterscheiden.

Klingt ja durchaus spannend. Und deshalb beginnen wir auch mit den guten Nachrichten: Leonardo DiCaprio spielt seine Rolle einmal mehr sehr gut. Man nimmt ihm den von Kopfschmerzen und Alpträumen gepeinigten Ermittler zu jeder Zeit ab. Großartige Leistung eines Schauspielers, bei dem die Zunahme an Erfahrung tatsächlich auch mit immer besseren Auftritten einhergeht. Wer hätte diese Entwicklung 1997 erwartet, als sich der junge Mann auf der Titanic einschiffte und auf höchst kitschige Weise mit ihr unterging? Ich jedenfalls nicht.

In „Shutter Island“ neben Leonardo DiCaprio zu bestehen fällt dem restlichen Cast folgerichtig relativ schwer. Wobei es verfehlt wäre, den Kollegen Mängel bei der Schauspielerei zu unterstellen; ich denke, dass jeder, der in diesem Film mitspielt, sein Handwerk ausgezeichnet beherrscht. Leider wird das nicht so deutlich, wie ich es mir gewünscht hätte, was aber nicht an den Akteuren, sondern an ihren Rollen bzw. dem Drehbuch liegen dürfte. Dazu ist aber auch zu sagen, dass es die letzte Wendung des Films mit sich bringt, dass die Nebenbesetzung so agiert wie sie es tut – wenn das Absicht war, ist das schon wieder eine grandiose Herangehensweise.

Ebenfalls positiv: Weite Teile des Films erinnern sehr angenehm an einen klassischen Film noir – die Detektivarbeit, die Trenchcoats und Hüte der Marshals, der ständige Regen. Diese Verbeugung von Scorsese vor einem Kapitel Filmgeschichte wirkt zu jeder Zeit authentisch und respektvoll. Sehr gut gemacht!

Kein schlechter Film, aber…

Und überhaupt: „Shutter Island“ ist keineswegs ein schlechter Film. Dazu ist der Regisseur zu gut, die Darsteller zu routiniert, die Geschichte zu gefällig. Vielleicht liegt es auch nur an meinen eigenen Erwartungen, vielleicht fehlt mir letztlich das Verständnis für die Zitate, in denen sich der Film bewegt. Wie auch immer, mich hat „Shutter Island“ trotz der genannten Stärken leicht enttäuscht zurückgelassen.

Ein Problem ist die Grundprämisse der Story: Eine Kindermörderin verschwindet spurlos aus ihrer Zelle, die von außen verschlossen war. Das Ganze auf einer Insel, die sie nicht verlassen haben kann. Um sie zu suchen, werden die US-Marshals angefordert. Ich weiß nicht, warum, aber ich hatte von Anfang an mit der Glaubwürdigkeit dieser Geschichte zu kämpfen. Auch wenn ich retrospektiv natürlich weiß, dass nicht alles so ist, wie es in „Shutter Island“ anfangs scheint, kommt es mir fast vor, als würde hier ein kleiner, aber wichtiger Baustein fehlen. Die Frage nach dem „Warum“ wird zum Schluss zwar irgendwie beantwortet, das nutzt nur nicht viel, wenn der ganze Aufbau nicht so richtig überzeugt. Ich verstehe sogar, was Martin Scorsese hier bewerkstelligen wollte – irgendwie. Aber das ändert leider nichts daran, dass ich das Gefühl habe, dass viel Potential verschenkt wurde.

Davon abgesehen entwickelt sich die Handlung zunächst gut. Der Schauplatz wird gut, die Hauptperson zufriedenstellend vorgestellt. Leider wird die Geschichte selbst schnell viel vorhersehbarer als man erwarten würde. Am Ende gibt es den dann zwar großen Plot-Twist, der bei mir aber fast wirkungslos verpufft, weil er wahrlich keine Überraschung ist. Ob das so gemacht wurde, weil der Weg das Ziel ist? Wenn dem so wäre, fehlt es diesem Weg an Substanz.

Und so entwickelt sich „Shutter Island“ zu einem meist spannenden Thriller mit kleineren Längen, über die man aber hinwegsehen kann. Zeitweise verwirrt der Film, soll er natürlich auch. Dennoch ist das größte Manko, dass die Story nicht so richtig in Fahrt kommt. Die Art, wie der Film aufgebaut ist, verlangt für mein Dafürhalten nach etwas mehr Spannung. Oder nach „Belohnungen“ für den Zuseher, z.B. in Form von Puzzleteilen, die plötzlich zueinander passen. All das fehlt „Shutter Island“ ein wenig. Klar, zum Schluss fällt fast alles an seinen Platz, aber der Weg dorthin ist zäher, als er sein müsste.

Schade eigentlich, denn Leonardo DiCaprio spielt sich wirklich die Seele aus dem Leib, wenn man so will. Aber es bleibt mir nichts anderes übrig, als zu sagen: Mir hat „Shutter Island“ nicht so gut gefallen, wie ich nach dem Trailer und diversen Lobeshymnen gedacht hätte.

Gesamteindruck: 4/7


Originaltitel: Shutter Island
Regie: Martin Scorsese
Jahr: 2010
Land: USA
Laufzeit: 138 Minuten
Besetzung (Auswahl): Leonardo DiCaprio, Mark Ruffalo, Ben Kingsley, Max von Sydow, Emily Mortimer, Patricia Clarkson, Elias Koteas