Live (Kreator)

KonzertWelt: Guns n‘ Roses (Wien, 10.07.2017)

Datum: Montag, 10. Juli 2017
Location: Ernst-Happel-Stadion (Wien)
Tour: „Not in this Lifetime“
Headliner: Guns n‘ Roses
Support: WolfmotherTyler Bryant & The Shakedown
Ticketpreis: 150 Euro (Sitzplatz)


Wie süß die Nostalgie schmecken kann.

GUNS N‘ ROSES in Wien – noch dazu mit W. Axl Rose, Slash und Duff McKagan – das muss man gesehen haben. Oder doch nicht? Nun, für alle, die mit dieser Band musikalisch aufgewachsen sind und wie der Autor dieser Zeilen eine wahnsinnige, emotionale Bindung zu ihr entwickelt haben, stellt sich die Frage nicht. Man musste einfach hin – auch wenn es durchaus Gründe gab, die dagegen sprachen. Da wäre zunächst der stolze Preis – 150 Euro für einen Sitzplatz (für den Spätentschlossenen waren natürlich keine Stehplätze mehr zu haben, die aber nur unwesentlich günstiger waren) sind eigentlich weit jenseits des Zumutbaren. Noch schwerer wog aber die kleine, leise Stimme im Inneren, die ständig vor der Enttäuschung warnte, die sich eventuell einstellen würde und unter Umständen sogar geeignet wäre, die tollen Jugenderinnerungen zu überschatten. Diese Stimme hatte bereits 10 Jahre vor dem 2017er-Konzert zu flüstern begonnen, als GUNS N‘ ROSES, damals bestehend aus Axl Rose mit Band aber ohne Slash/McKagan, einen dem Hörensagen nach katastrophalen Gig am Nova Rock ablieferten. Sollte man sich dieser erneuten Gefahr tatsächlich aussetzen? Nun, es half nichts – wer weiß schon, ob sich diese Chance noch einmal bietet, von daher: Ja zu GUNS N‘ ROSES, ja zu einem Erlebnis, auf das ich persönlich über 20 Jahre gewartet habe. So viel gleich vorweg: Die Erinnerung ist leicht getrübt, was einem Nebel aus Alkohol und Glückshormonen geschuldet ist. Dennoch will ich versuchen, meine Gefühle und mein Konzerterlebnis wiederzugeben – und das mit einem gewissen emotionalen Abstand, daher kommt dieser Bericht erst eine Woche nach dem Konzert.

Vorgruppen? Ja, waren auch da.

Als wir nach dem Kauf eines aktuellen Gn’R-Tourshirts (35 Euro, das geht ja noch) und der gar nicht sooo strengen Sicherheitskontrolle unsere Plätze einnahmen, war die erste Vorgruppe, TYLER BRYANT & THE SHAKEDOWN, so gut wie fertig. Zwei oder drei Lieder haben wir gehört, könnte jetzt aber nicht sagen, wie das geklungen hat. Überhaupt war man zu der Zeit eher damit beschäftigt, auszuloten, wie gut man von den Sitzplätzen im Sektor Grün überhaupt sehen würde. Die Antwort: Super, was die Videowalls betrifft, die Figuren auf der Bühne waren hingegen relativ winzig.

Nach überraschend kurzer Umbaupause folgten WOLFMOTHER. Die Australier, die hierzulande nie richtig Fuß fassen konnten, wirkten ziemlich entschlossen. Auf der Bühne gab es einiges an Bewegung, davor im Publikum nicht so sehr. Zumindest nicht über die ersten – keine Ahnung – 10 Reihen hinaus. War meines Erachtens eine bemühte Show, die aber auch zeigte, warum WOLFMOTHER es nicht so richtig geschafft haben und der ganz große Erfolg vermutlich auf ewig ausbleiben wird. Einerseits war der Sound suboptimal, zumindest auf den Rängen. Andererseits haben die Australier abseits ihres großen Hits „Woman“ nicht allzu viel im Gepäck, das sich in den Ohren festkrallt. Es fehlt einfach an den Hooks und großen Refrains, die speziell ein Stadionkonzert braucht. Und so konnten sich WOLFMOTHER halt nicht mehr als einen Höflichkeitsapplaus abholen.

Pünktlichkeit ist eine Zier.

Und dann war es endlich soweit: Der Headliner schickte sich an, die Bühne zu entern. Damit das auch alle Mann mitbekamen, wurde gefühlte 10 Minuten lang das GUNS N‘ ROSES-Logo, immer wieder von lauten Schüssen unterlegt, eingeblendet. Einige dürften den Anfang dennoch versäumt haben – denn es gab eine Überraschung. GUNS N‘ ROSES begannen mehr als pünktlich. Unglaublich. Von den angeblich 55.000 Besuchern hatten – so mein Eindruck – längst nicht alle ihren Platz eingenommen, als es losging. Übrigens sollten die Gunners laut Timetable ursprünglich um 20:15 Uhr beginnen. Das wurde bereits im Vorfeld auf 19:30 Uhr vorverlegt, was per eMail kommuniziert wurde. Ob das jeder mitbekommen hat, weiß ich nicht – aber an einem Montag relativ knapp nach Feierabend im Stadion zu sein, dürfte einigen Besuchern eher schwer gefallen sein, auch wenn sie um den früheren Beginn wussten. Von Ausverkauft!-Feeling war also anfangs noch keine Rede, noch dazu weil – und das ist die eigentliche Überraschung – GUNS N‘ ROSES tatsächlich um 19:31 Uhr mit „It’s So Easy“ ihren Gig eröffneten. Unglaublich, es ging tatsächlich (über-)pünktlich los! Das und die Vorverlegung um 45 Minuten sowie eine etwas gekürzte Setlist lassen im Nachhinein übrigens vermuten, dass man es wohl ziemlich eilig hatte, aus Wien wegzukommen.

Zu dem Zeitpunkt war mir das aber völlig egal. Nach der Eröffnung setzte man mit „Mr. Brownstone“ gleich noch einen drauf und ich war sofort in einem nostalgischen Glücksrausch angekommen, den ich so nicht erwartet hätte. Als dritter Song folgte „Chinese Democracy“, was ich mit einer Bierpause bedachte – langes Anstehen inklusive. Danach kam mit „Welcome to the Jungle“ wieder ein Gassenhauer, bei dem ich aber erstmals etwas genauer hinhörte und merkte, dass der Sound ganz und gar nicht so war, wie ich es mir vorgestellt hatte. Das sollte sich später noch bessern, zumindest was die Musik betrifft. Zwei Probleme blieben aber mehr oder minder bis zum Schluss bestehen: Einerseits die viel zu leise abgemischte Stimme, andererseits die extrem störende Asynchronität zwischen Sound und Bildern auf der Videowall. Ich habe mir erklären lassen, dass das mit der Akustik des Stadions zu tun hat, wo auf den Rängen die Töne quasi im Kreis liefen – im Infield, bei den Stehplätze, wäre dieses Problem wohl nicht so eklatant gewesen. Blöd für alle „Sitzer“, aber offenbar nicht zu ändern.

Nicht jeder altert in Würde.

Nach diesem akustischen Fazit gab es mit dem Doppelpack „Double Talkin‘ Jive“ und „Better“ gleich auch noch die Möglichkeit zum optischen Check. Wen das nicht interessiert: Einfach die folgenden Absätze skippen.

Unser aller Helden werden alt. Das sieht man mittlerweile mit alarmierender Häufigkeit auf allen möglichen Konzerten – sei es der graue Bart von Tom Araya (SLAYER), der massive Haarverlust von Lars Ulrich (METALLICA) oder der Tod des unsterblich geglaubten Lemmy Kilmister (MOTÖRHEAD). Wobei man sagen muss, dass manche Musiker die Grenze, ab der sie plötzlich gar nicht mehr zu altern scheinen, überspringen – siehe Ozzy Osbourne (BLACK SABBATH) oder auch Steve Harris (IRON MAIDEN). Im Falle von GUNS N‘ ROSES sind beide Seiten des Spektrums abgedeckt: Auf der einen Seite das enfant terrible, der letzte große Rockstar, W. Axl Rose, dem man die Jahre unerbittlich ansieht. Einst schlank und rank und mit üppiger, roter Mähne gesegnet, ist des Frontmannes Haupthaar schütter geworden (was er unter verschiedenen Kopfbedeckungen zu verstecken versuchte), der Körper einigermaßen in die Breite gegangen, das Gesicht stark verlebt. Da will dann nicht mal mehr der berühmt-berüchtigte Schlangentanz so sexy wirken, wie er damals von Heerscharen weiblicher Fans aufgenommen wurde.

Auf der anderen Seite haben wir den großen Gitarren-Helden Slash, ebenfalls den letzten seiner Art. Dessen Gesicht war schon zu den besten Zeiten hinter verspiegelter Sonnenbrille und wallender Haarpracht versteckt. Und genau so sieht er immer noch aus, es scheint, als wäre die Zeit für denn Mann mit dem Zylinder spätestens Mitte der 1990er Jahre stehen geblieben. Er scheint sogar an Muskelmasse gewonnen zu haben, sah irgendwie kompakter und muskulöser aus, als ich ihn von alten Videos in Erinnerung hatte.

Zwischen diesen beiden Reizfiguren, deren Egos verhindert haben, dass wir diese Reunion früher erleben durften: Bassist Duff McKagan, dem die Drogenvergangenheit deutlich anzumerken ist, der mittlerweile dennoch zwar älter, gleichzeitig aber fitter wirkt als je zuvor. Keyboarder Dizzy Reed, auch schon seit fast 30 Jahren in der Band (immerhin ziemlich durchgehend, soweit ich weiß), war nicht so oft im Bild, sah aber recht normal aus. Drei „Neuzugänge“ (also Musiker, die mir nicht bekannt waren) gab es auch zu vermelden: Am Schlagzeug ging es mit dem spielerisch unauffälligen Frank Ferrer (seit 2006 an Bord) optisch in Richtung Metalcore und am zweiten Keyboard steht mit Melissa Reese seit 2016 ein angenehmer Farbtupfer. Natur- bzw. soundgemäß noch herausstechender war Rhythmus-Gitarrist Richard Fortus, der auch schon auf 15 Jahre Bandzugehörigkeit zurückblicken kann und altersmäßig sehr gut zu den Gunners passt, dem eine Drogenvergangenheit aber anscheinend weitgehend erspart geblieben ist.

Weitgehend starke Setlist.

Nach diesem kleinen Exkurs zurück zum Konzert, das mit „Estranged“ (meiner Lieblingsnummer aus dem Repertoire von Gn’R) eigentlich erst so richtig losging. Nun wurde nicht nur der Sound besser, sondern auch das Publikum wachte plötzlich richtig auf. War das die Andacht, mit der die Fans bis zu diesem Zeitpunkt gelauscht hatten? Oder war es einfach ein schwieriger Einstieg in ein so lange erwartetes Konzert? Man wird es wohl nicht mehr erfahren, mit „Estranged“ war die Welt, die vorher schon in Ordnung gewesen war, mit einem Mal fast perfekt. Diese Stimmung, unglaublich. Da konnte auch der Regen, der für ein paar Minuten recht stark prasselte, nichts ändern. Mehr noch, Axl Rose verließ sogar das schützende Bühnendach – so als wollte er den Fans zeigen „ich bin einer von euch“. Wie glaubwürdig das ist, sei dahin gestellt, war mir in dem Moment aber auch vollkommen egal, muss ich sagen.

Nun folgte Hit auf Hit, ich persönlich habe mich besonders über das MISFITS-Cover „Attitude“ gefreut, gesungen von Duff McKagan, dem man ruhig das Mikro hätte lauter drehen sollen. Dann gab es wieder eine kleine Verschnaufpause namens „This I Love“ – man sieht schon, was ich, was die Fans, was alle hören wollten, bevor es mit „Civil War“, „Yesterdays“ und „Coma“ so richtig in die Vollen ging und es auch auf den Rängen niemanden mehr auf dem Platz hielt. Auf das obligatorische Gitarrensolo (meiner Meinung nach schon „damals“ verzichtbar) und das „The Godfather“-Theme folgte der zweitbeste Song der Band, „Sweet Child O’Mine“, bevor mich eine Änderung zur vorher gelesenen Setlist stutzig machte: Statt „My Michelle“ gab es „Used To Love Her“ und „Out Ta Get Me“, was ich super fand (auch wenn „My Michelle“ ebenfalls sehr willkommen gewesen wäre). Das Grande Finale, bestehend aus „November Rain“, „Knockin‘ On Heaven’s Door“, „Nightrain“, „Patience“ und – natürlich – „Paradise City“ wurde durch mehrere Cover-Versionen (ja, ich weiß, BOB DYLAN…) aufgelockert. Am besten hat mir die extrem mächtige Version von SOUNDGARDEN’s „Black Hole Sun“ gefallen, gewidmet natürlich dem unlängst verstorbenen Chris Cornell.

So viel zu den Songs, die genaue Setlist gibt es hier. Deutlich zu sehen ist dabei auch, dass GUNS N‘ ROSES auf einen gar nicht mal so großen Backkatalog zurückgreifen können. Das Œuvre besteht ja auch nur aus fünf regulären Studio-Alben (von denen allerdings nur „Appetite For Destruction“, 1987, sowie die beiden „Use Your Illusion“-Teile, 1991, durchgehend gut sind) und der Cover-Scheibe „‚The Spaghetti Incident?'“ (1993). So ist es kein Wunder, dass nur 20 der 27 Songs auf der Setlist (nimmt man das Gitarren-Solo heraus) wirklich von GUNS N‘ ROSES stammen. Das stört zwar nicht unbedingt, ist aber durchaus eine Erwähnung wert – wobei ich denke, dass es weitere Original-Stücke gegeben hätte, die man gerne spielen hätte können. Wo waren zB „Pretty Tied Up“, „Locomotive“ oder „Get in the Ring“?

Endlich am Ziel.

Die Frage aller Fragen ist aber natürlich, wie es denn nun wirklich war, GUNS N‘ ROSES erstmals live zu erleben. Und das noch dazu mit drei der fünf wichtigsten Protagonisten der Bandgeschichte. Nun, es war… sehr gut. Zumindest für mich. Ich kann es nicht anders sagen – die emotionale Bindung ist auch nach über 20 Jahren noch da und praktisch unverändert stark. Da kann es dann schon passieren, dass man bei „Estranged“ und „Sweet Child O’Mine“ ein paar Tränchen zerdrücken muss. Ganz ehrlich: Ich habe zu diesem Zeitpunkt keine Sekunde an die horrenden Kosten, an die unwürdige Vergangenheit, an den bescheidenen Sound, an „Chinese Democracy“, an Grunge und Heavy Metal oder an sonst was gedacht. Nur an mein eigenes Leben, wie es verlaufen ist und was die Musik von GUNS N‘ ROSES in einer prägenden Phase für einen Anteil daran hatte. Das mag für den Uneingeweihten übertrieben klingen, daran kann ich nichts ändern. Jeder, der Ähnliches erlebt hat, wird es jedoch verstehen.

Ein bisschen Kritik muss sein.

Auf der anderen Seite gibt es – abgesehen von meiner eigenen, nostalgisch-verklärten Brille – nichts, was mich daran hindert, auch einen etwas kritischeren Blick auf das Geschehen am 10. Juli 2017 zu werfen. Traurig war ich mit einem Blick auf die Setlist von Paris, dass „Don’t Cry“ offenbar dem Rotstift zum Opfer gefallen war. Das schien mir übrigens auch eine Frage des Zeitdrucks zu sein, mit dem die Band offenbar zu kämpfen hatte. Denn das fiel schon auf: Es gab keine Ansagen, das ein oder andere „Thank you!“ wurde zwar genuschelt, viel mehr war es aber nicht. Was manche vielleicht positiv sehen mögen („die lassen die Musik sprechen“) – ich bin da jedoch etwas zwiegespalten, Kommunikation mit dem Publikum gehört für mich schon dazu und die hätte ich mir tatsächlich erhofft.

Überhaupt wirkte die Band in der Rückschau distanziert auf mich und schien mit geradezu verbissener Routine und Konzentration zu Werke zu gehen. Schon klar, die wilden Jahre sind lange vorbei, aber das war schon ein wenig … hmmm … wie auswendig gelernt. Der „Abstand“ zum Publikum schien mir recht groß und auch die drei Herren, um die es sich hauptsächlich drehte, vermieden es für mein Gefühl, sich zu nahe zu kommen. Auch, dass die Zugabe direkt und (fast) ohne Übergang nach Ende des regulären Sets gespielt wurde (Haben sie überhaupt die Bühne verlassen? Ich weiß es nicht mehr) und dass mir „Paradise City“ extrem verkürzt vorkam, war ein bisschen merkwürdig. Fast kam es mir vor, als ob ausgerechnet vor dem Wien-Konzert irgend etwas hinter den Kulissen vorgefallen wäre, was ich natürlich nicht bestätigen kann, weil ich keine Vergleichswerte habe. Es wäre jedenfalls gelogen, wenn man sagen würde, dass der Funke vollkommen übergesprungen wäre.


Fazit: Trotz der angeführten Kritikpunkte bleibe ich dabei: Das war ein sehr gutes Konzerterlebnis. Etwas intensiver hätte es ausfallen können – das wäre aber vermutlich nur mit einer anderen Location möglich. Ja, es gab Probleme und nein, sie sind nicht mehr so wild wie früher und wie man sie in Erinnerung hat. Aber das ist egal – ich habe sie endlich gesehen und bin wahnsinnig froh darüber. Wäre ganz gut, wenn GUNS N‘ ROSES sich nochmal in meine Nähe verirren würden – dann kann ich quasi „ohne Druck“ hingehen und mir das Spektakel etwas neutraler ansehen.

 

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Live (Kreator)

KonzertWelt: Me And That Man (Wien, 04.04.2017)

Datum: Dienstag, 4. April 2017
Location: B72 (Wien)
Tour: 
Headliner: Me And That Man
Support: Dool
Ticketpreis: 24,90 Euro (VVK)


Nergal hat den Blues.

Polens Vorzeigemetaller Adam „Nergal“ Darski ist mit seiner Band BEHEMOTH normalerweise überaus extrem unterwegs. Corpsepaint, Growling, Bühnenshows mit Feuer und allerlei Gimmicks, sogar eine Anzeige wegen „Verletzung religiöser Gefühle“ gehören im schwarz angehauchtem Death Metal seines Hauptbetätigungsfeldes praktisch zur Tagesordnung. Umso überraschender war die Bekanntgabe eines musikalisch völlig anders gelagerten Projektes, mit dem unser Mann aktuell auf Tour ist. ME AND THAT MAN nennt sich die Formation, die aus Nergal (v, g) und dem seit Jahrzehnten in Polen lebenden Briten John Porter (v, g) besteht.

Vor dem mit Spannung erwarteten Auftritt im Wiener B72 gab es aber noch eine Vorgruppe. Die mir bis dato völlig unbekannten DOOL spielten ein halbstündiges Set, das aus nur vier Songs bestand. War kein schlechter Gig, aber so richtig warm bin ich mit dem alternativ angehauchtem Prog Rock-Metal-Mix nicht geworden. Immerhin waren die durchgehend wild headbangenden Musiker mit ordentlich Spaß bei der Sache. Drei (!) Gitarren sorgten außerdem für einigermaßen fetten Sound und so konnten sich die Niederländer um Sängerin/Gitarristin Ryanne van Dorst (die auch hätte als Mann durchgehen können, aber das nur am Rande) zumindest über Achtungsapplaus freuen.

Danach wurde es richtig voll im winzigen Lokal. Das Publikum war erwartungsgemäß gemischt, auch wenn die Metalheads wohl in der Überzahl waren. Eh klar: Man kam, um „die andere Band von Nergal“ zu hören. Anfangs war das Gefühl noch merkwürdig: Ein ohne Schminke, dafür aber mit Hut und weißer (!) Gitarre bewaffneter Nergal auf der Bühne, keine oder kaum Pommesgabeln im Publikum davor. Irgendwie hatte ich das Gefühl, man musste in diesem für beide Seiten ungewöhnlichen Setting erst zueinander finden. Das gelang dann aber erstaunlich schnell. Kein Wunder, wurde als Opener mit „My Church Is Black“ doch gleich eine der vorab ausgekoppelten Nummern aus dem Debütalbum „Songs Of Love And Death“ gespielt. Eine gute Entscheidung, um das Eis zu brechen.

Nach dem ersten gegenseitigen Abtasten ging es dann richtig los und das Publikum bekam für mein Dafürhalten ein ausgesprochen feines und intensives Konzerterlebnis. Die Musik von ME AND THAT MAN ist eine interessante Melange aus Singer/Songwriter-Zeug, Blues, Country, (Gothic) Rock, Psychedelic und auch ein wenig Pop. Eine ungefähre Schnittmenge aus bekannten Namen, die einem immer wieder in den Sinn kommen, wenn man sich „Songs Of Love And Death“ anhört: ELVIS PRESLEY, JOHNNY CASH, THE DOORS, NICK CAVE & THE BAD SEEDS, DAVID BOWIE. Mundharmonika-Einsätze und Kinderchöre inklusive. Ja, das ist für den gemeinen Metalhead ungewohnt. Ich selbst bin aber sehr froh, dabei gewesen zu sein, habe danach Vinyl und T-Shirt abgegriffen und werde gerne wieder kommen, wenn ME AND THAT MAN mal wieder in der Nähe auftreten.

Auf der Bühne waren natürlich die beiden Herren, die sich den Gesang brüderlich teilten, am stärksten präsent. Unterstützung bekamen sie von einem Drummer und einem Bassisten (deren Namen ich zu meiner Schande vergessen bzw. bei der Vorstellung nicht verstanden habe), die ihnen ein ausgezeichnetes und sauberes Rhythmus-Fundament legten. Interessanterweise schien in dieser Konstellation Nergal der entspanntere und besser gelaunte der beiden Frontmänner zu sein – der Pole lachte immer wieder, bewegte sich und versuchte durchaus, mit dem Publikum und seinen Mitstreitern auf der Bühne zu interagieren. Der wesentlich ältere Porter war dagegen der Ruhepol, dabei aber durchaus nicht unsympathisch. Letztlich ergänzten sich Nergal und Porter perfekt, was auch zum gelungenen Abend beigetragen hat. Gespielt wurde das komplette aktuelle Album, dazu gegen Ende hin zwei Coverversionen, die sich nahtlos einfügten („Refill“ von der PORTER BAND, also einem anderen Betätigungsfeld von John Porter sowie als Rausschmeißer „Psycho Killer“ von den TALKING HEADS). Vom ME AND THAT MAN-eigenen Material gefielen mir neben dem genannten „My Church Is Black“ die eingängig-düsteren, mit starken Country-Anleihen versehenen „Ain’t Much Loving“ und – vor allem – „Cross My Heart And Hope To Die“ am besten. Aber auch der Rest wusste zu überzeugen, sodass man gegen 23 Uhr mit einem ausgesprochen guten Gefühl von dannen ging.

Fazit: BEHEMOTH sind auch für Metal-Verhältnisse eine unglaublich düstere Band. Man muss aber sagen, dass ME AND THAT MAN dem gar nicht so viel nachstehen, wie man meinen könnte. Das wird allerdings durch vollkommen andere Mittel erreicht – wo Nergal mit BEHEMOTH auf Härte, Aggression und Komplexität setzt, gehen ME AND THAT MAN viel sanfter, einfacher und reduzierter zu Werke. Das aber gleichzeitig auch sehr dunkel, sowohl musikalisch als auch lyrisch. Diese Kombination passt so unglaublich gut, wie ich es mir nicht erwartet hätte. Und live wird das Ganze dann nochmals aufgewertet, weil die Hauptprotagonisten derart gut miteinander harmonieren. Jeder, der mit genannten Referenzen etwas anfangen kann, sollte sich dieses Projekt nicht entgehen lassen. Jeder Metalhead, der ein wenig für andere Einflüsse offen ist, kann ebenfalls ein Ohr riskieren, dabei aber nicht erwarten, auch nur eine homöopathische Dosis Metal zu bekommen. Denn die ist schlicht nicht vorhanden, was Keinem auffallen würde, wäre nicht ein so bekannter Name im Line-Up.

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Live (Kreator)

KonzertWelt: Urfaust (Wien, 18.02.2017)

Datum: Samstag, 18. Februar 2017
Location: Viper Room (Wien)
Tour: Praising Intoxication Across Europe
Headliner: Urfaust
Support: Schammasch – Lichtblick
Ticketpreis: 24,50 Euro (VVK)


Lo-Fi-Magie.

Es ist schon interessant: Der Viper Room ist eine relativ kleine Location und es gibt dort praktisch laufend Konzerte. „Sold Out!“ heißt es für mein Gefühl aber relativ selten. Doch wenn, sind es meist die ganz extremen Truppen, die das schaffen. In diese Kategorie darf man auch die holländische 2-Mann-Combo URFAUST einordnen. Die Herren IX (g, v) und VRDBR (d) machen ganz sicher nicht den härtesten Krach unter der …ähem… Sonne, das heißt aber nicht, dass an ihrer Musik auch nur Ansätze von kommerzieller Verwertbarkeit erkennbar wären. Und doch hieß es für den Viper Room: Ausverkauft, nichts geht mehr!

Was das bedeutete, war gleich bei der Ankunft im schlauchförmigen Lokal merkbar. Dort hatten LICHTBLICK (sagt mir überhaupt nichts) ihren Gig bereits beendet und die Show von SCHAMMASCH begann, als ich mir grad das erste Bier bestellte. Die Bude war brechend voll, man konnte sich kaum mit einem Getränk durch die Meute kämpfen, um einen halbwegs brauchbaren Platz zu ergattern. Irgendwann gelang das dann doch und man bekam einen sehr starken Gig der Schweizer (!) zu sehen, von denen ich bisher auch nicht allzu viel gehört hatte. Rein optisch hätte ich die Band irgendwo im Nahen Osten verortet, was natürlich auch am babylonisch angehauchten Bandnamen liegen kann. Dichter Nebel verhüllte die Bühne und die ersten paar Reihen während des gesamten Konzerts. Zu erkennen waren hauptsächlich ein riesig wirkender Frontmann, dessen Antlitz verhüllt war und die zwei Berserker an seiner Seite, die sich ständig wild headbangend tief über ihre Instrumente beugten. Ansonsten herrschte geisterhaft-diffuses Licht. Musikalisch ging das Quartett durchaus brutal und schnell zu Werke, vergaß dabei aber auch nicht auf die Melodien. BEHEMOTH wären mir als naheliegende Referenz eingefallen, was mir das nachträgliche Reinhören auch bestätigte. Als Tipp sei „In Dialogue With Death“ genannt, das mir vom Konzert auch am lebhaftesten in Erinnerung geblieben ist. Grundsätzlich boten die Schweizer einen guten Gig, auch wenn es auf Dauer ein wenig anstrengend war, ihren leicht überfrachteten Nummern zu folgen. Dennoch: Eine Band, die ich mir näher anhören muss.

Weiter ging es nach überraschend kurzer Pause mit der Band, auf die alle gewartet hatten. Zumindest dachte ich das es so wäre, wenn der einzig einigermaßen bekannte Name auf dem Billing URFAUST lautet. Noch dazu behauptete der Türsteher, dass Tickets für den Abend (VVK: ca. 25 Euro) angeblich um bis zu 80 Euro gehandelt worden waren. Dennoch: Gefühlt hatten sich die Reihen vor dem Start in den URFAUST-Gig ein klein wenig gelichtet. Und das nicht nur weil der Auftritt 15 Minuten vor der auf Facebook angegebenen Zeit begonnen hatte. Dieser Eindruck verstärkte sich, als ich mir ungefähr zur Halbzeit ein Bier holte – keine Rede mehr von dicht gepacktem Publikum, man konnte ohne großes Gerempel vom Standplatz (irgendwo zwischen 5. und 10. Reihe) zur Theke und wieder zurück. Sehr merkwürdig. Unabhängig davon war der Applaus, den die zwei Wahnsinnigen aus den Niederlanden ernteten, anfangs sehr euphorisch, wich später aber eher einer Art ehrfürchtigem Schweigen. Ich persönlich kann den Jubel um das Lo-Fi-Geknarze zwar nicht ganz verstehen, aber sei’s drum, war im Endeffekt dennoch ein intensives, hypnotisches Erlebnis. Das beschreibt es wohl am besten – die Musik von URFAUST ist sehr dicht gewebt (kaum zu glauben, wenn es nur Gitarre, Drums und Stimme gibt) und dennoch trocken dargebracht. Ist das überhaupt noch Black Metal? Ich vermag es nicht zu sagen, die Wirkung ist ähnlich, die Musik ist teilweise ähnlich, der Gesang ist jedoch größtenteils komplett jenseits von allen schwarzmetallischen Konventionen. Ohne jegliche Ansage führte Bandchef IX mal giftig kreischend, mal opernhaft jubilierend durch die großteils im behäbigen Midtempo dargebrachten Nummern. Drummer VRDBR wirkte hingegen wie das genaue Gegenteil des schweigsamen Fronters und war damit der optische Blickfang auf der Bühne. Der Schnurrbart-Träger gerbte seine Felle wie ein Irrer, holte zu jedem Schlag weiter aus, als es nötig gewesen wäre, gerne auch im Stehen. Zwischendurch griff er sogar einmal zum Kamm (!), um seine verschwitzte Frisur zu richten. Ein unglaublicher Typ, ganz anders als der verschlossene XI, der sich keinen Millimeter bewegte. Ich persönlich sehe ja auch bei so hypnotischer Musik gerne zumindest etwas Bewegung auf der Bühne (ein zweiter Mikroständer wäre z.B. viel wert, dann würde der Sänger wenigstens mal woanders stehen), aber vielleicht darf das bei URFAUST einfach nicht sein.

Was gespielt wurde? Keine Ahnung, ich habe nur „Ragnarök Mystiker“ als eingängigste Nummer zweifelsfrei identifiziert. Irgendwann zwischendurch gab es mal einen schnelleren Song, der die Monotonie geradezu wohltuend durchbrach, erkannt habe ich ihn aber nicht. Schicht im Schacht war dann relativ schnell, viel mehr als sechs oder sieben Lieder waren es in meiner Erinnerung nicht, teilweise zeichnen sich die URFAUST-Stücke natürlich durch Überlänge aus. Als es dann endgültig vorbei war, löste man sich langsam aus der Hypnose und stolperte mit einem merkwürdigen Gefühl in die Wiener Nacht. Dreckig und rau war es im Viper Room gewesen, aber irgendwie doch wieder betörend und magisch. Man kann es einfach nicht beschreiben.

Fazit: Ich bin mir bei URFAUST nach wie vor nicht sicher. Zum zweiten Mal habe ich das Duo nun live gesehen, zum zweiten Mal bin ich zwischen „einfach geil!“ und „what the fuck?!“ hin- und hergerissen.  Ich schätze die Sogwirkung, ich mag die eingängigeren Passagen, ich mag das Gefühl, das die Holländer erzeugen. Aber das alles ist für mich eher Kopfhörer-Musik. Live ist es mir auf Dauer (wobei beide Shows, die ich gesehen habe, nicht sonderlich lang waren) zu anstrengend. So richtig verstehe ich den Wahnsinn offenbar nicht und kann ihn daher vermutlich auch nicht so schätzen wie es viele andere tun. Eine schlechter Gig war das aber keinesfalls. Nur eben ein „anderer“. 


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Live (Kreator)

KonzertWelt: Kreator (Wien, 16.02.2017)

Datum: Donnerstag, 16. Februar 2017
Location: Gasometer (Wien)
Tour: Gods Of Violence
Headliner: Kreator
Support: Sepultura – Soilwork – Aborted
Ticketpreis: 34,90 Euro (VVK)


One thousand voices sing!

Abseits derer, die in einer eigenen Liga spielen (IRON MAIDEN, METALLICA & Co) sind KREATOR neben AMON AMARTH und wohl auch SABATON aktuell wohl die heißesten Eisen, die die Metal-Szene im Feuer hat. Wobei man sagen muss, dass die Thrash-Institution aus Essen im Gegensatz zu genannten Schweden-Kombos ja selbst schon eine halbe Ewigkeit am Start ist. Ja, die glorreichen 1980er waren auch zu KREATOR gut, die 1990er hingegen weniger. Umso besser, dass es 2001 mit „Violent Revolution“ ein zu Recht hochgelobtes Comeback gab (ja, das ist eine Fehlbezeichnung, man ja gar nie „weg“ war). Seitdem gab es nur gute („Hordes Of Chaos“) bis sehr gute (der ganze Rest) Alben, was darin gipfelte, dass die Truppe mittlerweile allein große Hallen füllt. Spätestens seit den aktuellsten Alben „Phantom Antichrist“ (2012) und „Gods Of Violence“ (2017) bringt die Ruhrpott-Legende neben hammerharten Riffs auch die stadion-tauglichen Refrains mit. Das mag nicht jedem Thrasher gefallen, ich persönlich finde es einfach super. Und solange man trotzdem noch Oldschool-Klassiker á lá „Flag Of Hate“ (1985) einstreut, ist für mich alles in Ordnung.

Unabhängig vom Teutonen-Thrash war der Abend im Gasometer eher mittelprächtig gelungen, auch wenn bei einem solchen Paket (und um diesen Preis!) nicht viel schiefgehen kann. Für mich ging es mit SOILWORK los, ABORTED waren einfach zu früh dran. Ende der 1990er/Anfang der 2000er waren SOILWORK ihrerseits gar nicht so weit davon entfernt, Headliner-Status zu erreichen. Ganz hat es nicht funktioniert, sie konnten sich nie nachhaltig aus dem Schatten ihrer Landleute IN FLAMES lösen. Ich habe die Schweden dann irgendwann aus den Augen verloren, bis mich „The Living Infinite“ (2013) zumindest partiell aufhorchen lies und mir zeigte, dass es die Band überhaupt noch gibt. Danach waren sie aber wieder weg von meinem Fenster. Gespannt war ich dennoch, es war lange her, seit ich Björn „Speed“ Strid und Kollegen live erleben durfte. Was sie im Gasometer zum Besten gaben, war auch gar nicht schlecht – ich muss aber zugeben, dass ich keinen einzigen Song erkennen konnte. Trotzdem, die Show war energetisch und die Band kam recht sympathisch rüber. Die Publikumsreaktionen waren nach anfänglicher Reserviertheit gar nicht so übel, sodass man die Show wohl als Achtungserfolg für SOILWORK werten kann. Mich konnten sie damit allerdings nicht „zurückholen“ – als Vorgruppe sind sie weiterhin ok, aber Fan werde ich keiner mehr, wenn da nicht ein absolutes Überraschungsalbum gelingen sollte (und ich das überhaupt mitkriege).

Danach gab es eine Band zu hören, die legendär ist und vor – sagen wir – rund 25 Jahren im Alleingang große Hallen füllen konnte. SEPULTURA brauchen wohl niemandem vorgestellt werden. Ich will mich jetzt auch nicht mit der unrühmlichen Geschichte aufhalten, die auf dem Höhepunkt der Karriere im Prinzip das Ende bedeutete. Und auch gegen Sänger Derrick Green, der wohl Zeit seines Lebens der Neue bleiben wird, muss nicht geschossen werden. Es scheint auch so hart genug zu sein für Gründungsmitglied Paulo Jr. (Bass), für den schon ewig in Diensten der Band stehenden Andreas Kisser (g) und eben für Green, der das Gesangsmikro 1998 übernommen hat. Schlagzeuger ist übrigens ein gewisser Eloy Casagrande. Wer? Genau. Das Problem ist ganz einfach, dass SEPULTURA seit „Roots“ (1996) keinen verdammten Hit mehr geschrieben haben. Und das war an den Publikumsreaktionen deutlich zu merken. Mindestens 90% der Leute waren einzig und allein da, um alte Nummern zu hören. Entsprechend gefeiert wurden Stücke wie „Arise“, „Refuse/Resist“ und „Roots“, während neuere Songs eher gegen eine Mauer des Schweigens gespielt wurden. Einzig positives Beispiel für aufkommende Stimmung war für mich „Phantom Self“ (vom 2017er „Machine Messiah“). Traurig eigentlich, aber nicht zu ändern, mir ging es ja augenscheinlich nicht allein so.

Im Gegensatz zu SEPULTURA haben es KREATOR mittlerweile längst geschafft, ihren Schwächeanfall, der fast die gesamten 1990er-Jahre dauerte, zu überwinden. Entsprechend lautstark wurden die Herren vom brachialen Opener „Hordes Of Chaos“ bis zum Schluss gefeiert. Man kann eigentlich auch gar nicht so viel dazu schreiben, ohne in Superlative zu verfallen – aber die Band gab sich von Anfang bis Ende tatsächlich keine Blöße. Besonders hervorzuheben war die Atmosphäre: Obwohl die neuesten Songs, die die Setlist auch dominierten, eher zum Mitsingen einladen, büßten KREATOR live auch nur einen Hauch an Härte und Giftigkeit ein. Diese Gratwanderung war schon ganz, ganz großes Kino. Das äußerte sich übrigens auch darin, dass das mein erstes KREATOR-Konzert war, bei dem mehr als ein Mikro auf der Bühne stand. Wenn Sänger/Gitarrist Mille Petrozza, lautstark unterstützt von seinen Mitstreitern Christian „Speesy“ Giesler (b) und Sami Yli-Sirniö (g) „We! Shall! Kill!“ ins Publikum brüllte, war das schon unglaublich intensiv. Gleiches gilt für den immer wieder und immer gern gezeigten KREATOR-„Katzenbuckel“, der bei Mille zwar nicht mehr so ausgeprägt wie früher war, bei Speesy hingegen von Mal zu Mal geiler aussieht.

Die Songauswahl war dem Ereignis (das Vorstellen des aktuellen Albums) entsprechend. So waren unter den rund 20 gespielten Songs gleich sechs von „Gods Of Violence“, darunter der tolle Titeltrack und das extra-hymnische „Hail To The Hordes“. Ansonsten gab es alle Titeltracks ab „Violent Revolution“, dazu noch ein paar andere Nummern aus den entsprechenden Alben (z. B. „Civilization Collapse“) und ein bisschen was ganz Altes wie „People Of The Lie“, „Under The Guillotine“ (!) oder „Total Death“ (!!). Nach „Pleasure To Kill“ war schließlich Schluss und ein hoch erfreutes Publikum wurde in die Wiener Nacht entlassen.

Fazit: KREATOR scheinen momentan unschlagbar zu sein. Keine Thrash-Band schafft es aktuell, dermaßen Stimmung zu machen, am nächsten kommen wohl – je nach Tagesform – SLAYER ran. Aber auch die Kalifornier bekommen meist nicht so viele Circlepits und so durchgängig gute Laune im Publikum hin. Wenn man ein Haar in der Suppe finden möchte, schafft man das noch am ehesten bei den Ansagen von Frontmann Mille Petrozza. Der lässt nach wie vor keine Plattitüde aus, was mich frappierend an Kollegen Hansi Kürsch (BLIND GUARDIAN) erinnert. Aber davon abgesehen gab es an der Show absolut nichts auszusetzen. Mille war zum Glück sehr gut bei Stimme, die Band war beinahe schon beängstigend tight (was alle, also alte und neue Nummern eine ganze Ecke härter klingen ließ) und über die Solo-Künste von Sami Yli-Sirniö braucht man ohnehin keine Worte zu verlieren. Eine rundum gelungene Sache also, noch dazu untermal von allerlei Pyros, Videos und sonstigem Schnickschnack, der aber zu keiner Zeit übertrieben wirkte und somit nicht vom Wesentlichen ablenken konnte. Ich bin gespannt, wie lange KREATOR noch in dieser bestechenden Form weitermachen können. 


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Live (Kreator)

KonzertWelt: Sabaton (Wien, 27.01.2017)

Datum: Freitag, 27. Jänner 2017
Location: Gasometer Wien (Wien)
Tour: The Last Tour
Headliner: Sabaton
Support: AcceptTwilight Force
Ticketpreis: 41,10 Euro (VVK)


Kriegsberichterstattung.

Zugegeben: Obiger Titel ist ein bisschen martialisch. Aber SABATON sind halt auch eine merkwürdige Mischung, da geht das schon. Denn die Schweden haben lyrisch außer Krieg, Krieg und nochmals Krieg nicht viel in petto (von seltenen Ausnahmen á lá „Swedish Pagans“ abgesehen), was aber rein gar nichts an der guten Laune ändert, die die sympathische Truppe durchgehend verbreitet. Interessant, wie das zusammen passt – aber wenn die Songs halt derartige Hits sind und die Texte so zum Mitgrölen einladen, machen auch ernste Themen Laune. Im Übrigen hat man bei SABATON nie das Gefühl der Glorifizierung historischer Ereignisse, bei denen es viele, viele Tote zu beklagen gab. Umso spannender, wie hier eigentlich gegenläufige Musik und Lyrics zusammengehen.

Im Wiener Gasometer war die Halle jedenfalls brechend voll, mehr noch als beim unlängst besuchten, wahrlich nicht leeren Gig von AMON AMARTH (der allerdings an einem Dienstag stattfand, während es diesmal Freitag war). Den Opener TWILIGHT FORCE habe ich mir nicht gegeben, pünktlich zu ACCEPT war ich dann aber doch am Start. Wer hätte jemals gedacht, dass die alten Herren, eine DER Metal-Institutionen aus Deutschland, mal für die vergleichsweise jungen Hüpfer aus Schweden die Vorgruppe geben würden? Vermutlich niemand, wobei man ja nach den Querelen der Vergangenheit durchaus froh sein muss, dass es die Truppe aus Solingen überhaupt noch gibt und man seit der Aufnahme von Sänger Mark Tornillo (immerhin auch schon 2009) so stabil unterwegs ist, was Veröffentlichungen betrifft.

Gegen die Songauswahl konnte man nichts sagen – vor allem scheint mittlerweile beim Großteil des Publikums angekommen zu sein, dass nicht mehr Udo Dirkschneider am Mikro steht und dass es auch abseits der Kracher aus den 1980ern gute Nummern von ACCEPT gibt. Und so herrschte meines Erachtens vom Opener „Stampede“ bis zum finalen „Balls To The Wall“ ausgezeichnete Stimmung, lediglich „Final Journey“ schien mir nicht so wirklich gefeiert zu werden. Aber die neueren „Stalingrad“ und „Teutonic Terror“ wurden euphorisch aufgenommen, haben sich ihren Platz unter den Klassikern aber auch redlich verdient. Die kamen natürlich auch nicht zu kurz – an „Restless And Wild“, „Princess Of The Dawn“ und „Fast As A Shark“ kann man sich ja auch kaum satt hören. Nur bei „Metal Heart“ stört mich das Hinauszögern (der geneigte Fan weiß, an welcher Stelle ich meine) mittlerweile einigermaßen.

Zum Start von SABATON gab es dann erstmal kurz Irritation – anstelle vom geliebten Intro „The Final Countdown“ (Europe) gab es das thematisch sehr passende, aber eben ungewohnte „In The Army Now“ (in der Cover-Version von SABATON) zu hören. Naja, irgendwie… ich weiß auch nicht. Das war aber (fast) der einzige Minuspunkt, der mir einfällt. Der andere betrifft die Akustik-Version von „The Final Solution“. Ja, wichtiges Thema, ja, schönes Lied, aber war mir dann doch zu viel des Guten. Eine Verbesserung gab es bei Frontmann Joakim Brodén zu vermelden: Den Bullshit-Laber-Faktor hat er im Gegensatz zur letzten Stippvisite in Wien tatsächlich reduziert. Ein mal „noch ein Bier“, ein bisschen Herumgeblödel mit dem neuen Gitarristen Tommy Johansson (der super in die Band integriert scheint) und noch ein bisschen Smalltalk, das war’s. Kein Vergleich zu dem ununterbrochenen Geplapper früherer Tage.

Songtechnisch ist es ja schon länger so, dass die Schweden aus dem Vollen schöpfen können. Daran hat sich natürlich nichts geändert, auch wenn der Schwerpunkt naturgemäß auf dem aktuellen Album „The Last Stand“ (2016) lag. Von jener Platte kamen 6 Nummern zu Ehren, darunter das tolle „Sparta“ („Huh-Hah!“) und das mittelprächtige „Blood Of Bannockburn“. Der Rest bot kaum Neues, was auch gut so ist – nur „The Price Of A Mile“ wurde von mir einmal mehr schmerzlich vermisst. Aber sonst machte man nichts falsch – „Ghost Division“ als traditioneller Operner, „Gott Mit Uns“ (in der mittlerweile ziemlich überflüssigen „Noch ein Bier“-Variante), „Carolus Rex“, „Primo Victoria“ in der Zugabe, „To Hell And Back“ als Rausschmeißer – was kann da schon passieren? Lediglich „Union (Slopes Of St. Benedict)“ fand ich etwas überraschend, war aber auch schwer in Ordnung.

Fazit: Was kann man da noch großartig sagen – die Begeisterung für SABATON will bei weiten Teilen des Publikums einfach nicht abreißen. Das hat mich anfangs ein wenig gewundert, mittlerweile verstehe ich es aber, auch wenn ich die Alben nach dem grandiosen „Carolus Rex“ (2012) nicht mehr ganz so ausdrucksstark finde. Diese Band zeigt deutlich, wie sehr sich harte Arbeit, Präsenz auf der Bühne und – nicht zu unterschätzen – ungetrübte Spielfreude auszahlen. Manchmal ist es direkt beängstigend, wie leicht den Schweden alles zu fallen scheint (was für mein Dafürhalten sogar eine kleine Gemeinsamkeit mit ihren Landsmännern AMON AMARTH darstellt). Bis auf ein wenig Kritik an den neueren Scheiben will mir zu dieser Band einfach nichts Negatives einfallen, schon gar nicht, was die Live-Performance betrifft. Weitermachen!

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KonzertWelt: Amon Amarth (Wien, 22.11.2016)

Datum: Dienstag, 22. November 2016
Location: Gasometer Wien (Wien)
Tour: Jomsviking European Tour 2016
Headliner: Amon Amarth
Support: Testament – Grand Magus
Ticketpreis: 36 Euro (VVK)


Der Weg der Wikinger.

1998 erschien „Once Sent From The Golden Hall“, das Debütalbum der Schweden AMON AMARTH. Wer hätte je gedacht, dass diese Band 18 Jahre später hinter den Veteranen á lá METALLICA, IRON MAIDEN und Konsorten an der Spitze stehen würde? Viele werden es nicht gewesen sein, die daran geglaubt haben – zu weit schien der melodische Death Metal von Massentauglichkeit entfernt zu sein, zu schnell würde das Wikinger-Thema langweilen.

Und wie sieht es heute, anno 2016, aus? AMON AMARTH sind auf Headliner-Tour (nicht ihre erste!), spielen in großen Locations, headlinen Festivals und haben 1980er-Jahre-Veteranen wie TESTAMENT als Support dabei. Eigentlich eine unglaubliche Geschichte, die ich da als Fan der ersten Stunde (fast, mein AMON AMARTH-„Debüt“ war „The Crusher“, 2001) miterlebt habe.

Und so ergab es sich an einem der Trinkfrequenz wenig zuträglichen Dienstag im November 2016, dass man sich wieder aufmachte, um die Wikinger live zu sehen. Dank einer U-Bahn-Störung kann ich zum Gig der von mir eigentlich recht geschätzten GRAND MAGUS nichts sagen. Leider. Wir betraten die Halle pünktlich zum Intro von TESTAMENT. Und was soll man sagen? Wie so viele Bands aus den glorreichen Jahren erleben auch die legendären Thrasher aus der Bay Area aktuell den zweiten (oder dritten?) Frühling. Zwar nicht ganz so massiv und beeindruckend wie beispielsweise die Ruhrpott-Urgesteine von KREATOR – aber unglaublich gut in Form ist die Band um Sänger Chuck Billy dennoch. Der bullige Frontmann war erwartungsgemäß auch sehr präsent auf der Bühne. Merkwürdig war sein halber Mikroständer (Ist das Ding aus Glas oder Plastik?), der ihm während der gesamten Show als eine Art Luftgitarre diente. Sah reichlich komisch aus für meinen Geschmack. Musikalisch war jedoch alles Top – zumindest nach den im Gasometer leider üblichen Soundproblemen, die anfangs abgesehen vom Schlagzeug überhaupt nichts zum Publikum durchdringen ließen. Mit „Brotherhood Of The Snake“ haben TESTAMENT ja gerade ein Album am Start, von dem auch einige Nummern zum Einsatz kamen. Der „Stronghold“ und das von einem Video bekannte „The Pale King“ sind mir sehr positiv in Erinnerung geblieben, der eröffnende Titeltrack ging leider in den Soundproblemen unter. Ansonsten fällt mir zum Gig gar nicht so viel ein, ich bin mit der Band wohl weniger vertraut, als ich sein sollte. Sehr gut waren jedenfalls meine Jugenderinnerungen „Over The Wall“ und „Into The Pit“ von „First Strike Still Deadly“ (2001).

Schon während des Gigs von TESTAMENT zeigte sich, dass die Halle für einen Dienstag geradezu unglaublich voll war – um es deutlich zu sagen: So dicht gepackt habe ich die Leute unter der Woche selten in dieser Location gesehen. War aber auch ein sagenhaft günstiger Preis – 36 Euro für AMON AMARTH UND TESTAMENT? Unglaublich eigentlich.

AMON AMARTH starteten nach einem gefühlte Ewigkeiten dauernden Intro interessanterweise gleich mit ihrem größten Gassenhauer ins Set. „The Pursuit Of Vikings“ dürften einige Leute vom Klo, vom Bierstand oder von sonst wo gehört haben. Mich hat es nicht gestört, dass der Song so früh kam – war mal was Anderes und hat das Publikum ziemlich angespitzt. Keine schlechte Taktik. Darauf folgte – vielleicht als Übergang zwischen alt und neu – „As Loke Falls“, bevor dann mit „First Kill“ ein Block an Songs vom aktuellen Album „Jomsviking“ begann (es folgten „The Way Of Vikings“ und „At Dawn’s First Light“). Diese Phase des Konzertes zerstreute meine Befürchtungen, die ich bei den Songs des neuen Albums hatte. Auf Platte schienen mir die Nummern (vielleicht abgesehen von „First Kill“) nicht hart genug, ein bisschen zu viel Heavy, ein bisschen zu wenig Death – so war mein Eindruck. Tatsächlich war die Live-Darbietung eine ganze Ecke härter und fügte sich perfekt in den Rest des Sets ein.

Die Setlist zeigte ganz generell, aus welchem Fundus AMON AMARTH mittlerweile schöpfen können. Und so ging es Schlag auf Schlag: „Cry Of The Black Birds“, „Runes To My Memory“, „Death In Fire“, „Deceiver Of The Gods“ – alles kam zum Einsatz, dazwischen immer mal wieder eine neue Nummer wie das grandiose und live noch epischere „One Thousand Burning Arrows“. Insgesamt auf jeden Fall ein guter Mix, auch wenn ich mir eventuell die eine oder andere ältere Nummer auch noch gewünscht hätte. Am Ende kam natürlich zwangsläufig die Frage auf, was man als Zugabe geboten bekommen würde – eine Pflichtnummer aus diesem Block war ja bereits al Opener zum Einsatz gekommen. Aber auch da ließen AMON AMARTH keine Zweifel aufkommen. Auf das etwas verhaltene „Raise Your Horns“ (das ist tatsächlich eine völlig untypische Nummer für diese Band) folgten „Guardians Of Asgaard“ (schade, dass man dafür nicht Chuck Billy als Co-Sänger gewinnen konnte) und „Twilight Of The Thunder God“ als Schlusspunkt unter einen mehr als gelungenen Abend.

Fazit: AMON AMARTH haben den Bogen ja schon lange raus, das ist bekannt. Aber dass das Konzert an diesem Abend dermaßen gut werden würde, hätte ich ehrlich gesagt nicht geglaubt. Irgendwie hatte ich kein so gutes Gefühl beim aktuellen Album und auch die Band kam mir in letzter Zeit ein bisschen satt vor. Tatsächlich haben die Schweden mich eines Besseren belehrt. So energiegeladen und eigentlich auch topfit habe ich die Wikinger schon ewig nicht mehr erlebt. Allein, dass sich Gitarrist Olavi Mikonen so dermaßen die Birne runterschraubt – und das bei jedem einzelnen Song – habe ich noch nie gesehen. Eine grandiose Show einer grandiosen Band, mehr kann man dazu nicht sagen. Vielleicht noch das Eine: Dieses Konzert hat mir tatsächlich wieder Lust auf „Jomsviking“ gemacht, mit diesem Album werde ich mich die nächsten Tage erneut beschäftigen (müssen).

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KonzertWelt: Týr (Wien, 17.11.2016)

Datum: Donnerstag, 17. November 2016
Location: Viper Room (Wien)
Tour: 
Headliner: Sirenia
Support: Týr – Unleash The Archers – Xaon – Relicseed
Ticketpreis: 25 Euro (VVK)


Walk(r)ampf.

TÝR haben derzeit zwar kein neues Album am Start (die letzte LP, „Valkyrja“ datiert von 2013), das hindert sie aber nicht daran, im Vorprogramm von SIRENIA (die ihrerseits gerade das aktuelle „Dim Days Of Dolor“ promoten) auf Europatournee zu gehen. Dabei war es keineswegs sicher, dass die Show im Wiener Viper Room überhaupt wie geplant stattfinden würde. Der Hintergrund: Eine kleine, aber sehr laute Gruppe von Umweltaktivisten („Sea Shepherd“) hatte herausgefunden, dass TÝR-Bandleader Heri Joensen (g, v) am so genannten Grindaráp, also dem Fang von Grindwalen, der auf den Färöer Inseln nicht nur zur Geschichte, sondern auch zum regulären Nahrungserwerb gehört, teilnimmt. Publik wurde das Ganze, weil Joensen selbst, offenbar völlig verkennend, welche Folgen das haben würde, ein Foto von sich beim Grindaráp auf Facebook postete. Das vorläufige Ende vom Lied: Sea Shepherd erklärte Joensen zum Gesicht des Grindaráp und setzte alle Hebel in Bewegung, Locations zum Absagen der Auftritte der Färinger Folk Metaller zu bewegen. Teilweise mit Erfolg – vor allem in Deutschland wurden zahlreiche Shows gecancelt, auch zum Schaden von SIRENIA und deren Fans. Geschafft wurde das durch einen regelrechten Shitstorm auf Facebook, inklusive massenhafter Negativ-Bewertungen der Clubs, in denen die Band auftreten sollte, über Anfeindungen bis hin zu Todesdrohungen. Ich möchte mich nun gar nicht näher darüber auslassen, warum ich das alles für den falschen Zugang zu einer grundsätzlich richtigen Sache halte – es versteht sich eigentlich von selbst, dass es so nicht gehen kann. Noch dazu weil der ach so böse Walschlächter Heri Joensen die ganze Debatte hindurch wesentlich vernünftiger, zugänglicher und argumentativ besser aufgestellt wirkte als seine Gegner (zu sehen z. B. in diesem Video).

Wie auch immer, die Verantwortlichen des Viper Room hatten sich die Sache gut überlegt und das Konzert fand trotz einiger Bedenken statt. Von schlechten Bewertungen durch Menschen, die den Club ohnehin nie von innen gesehen hatten/sehen würden ließ man sich nicht erpressen. Die Facebook-Diskussion verlief auf der Viper Room-Seite sogar einigermaßen gesittet, änderte letztlich aber nichts daran, dass die Show wie geplant stattfand und hat vielleicht sogar zu einem noch größeren Besucher-Ansturm geführt. Zumindest ist dieser Schluss naheliegend (wenn auch nicht beweisbar), weil die Location voller war, als man sich das zunächst für einen Donnerstag vorgestellt hatte.

Vor diesem einigermaßen bristanten Hintergrund legten TÝR mit einiger Verspätung und nach einem gefühlt ewig dauernden Intro kurz vor 22 Uhr mit „Sinklars Visa“ los und hatten das Publikum sofort auf ihrer Seite. Der Sound war – soweit man das aus der 2. Reihe, wo man quasi „hinter“ den großen Boxen steht, sagen kann – in Ordnung. Keine Selbstverständlichkeit im schlauchförmigen Viper Room. Der mehrstimmige Gesang kam jedenfalls sehr gut zur Geltung und auch der Mix schien mir sehr gut zu sein. Kurze Zeit später folgte mit „Grindavísan“ auch der Song, der in den Augen von Sea Shepherd aufgrund seines Textes ein besonderes rotes Tuch darstellte. Wer allerdings auf einen Wutausbruch von Heri Joensen gegenüber seinen Kontrahenten wartete, wurde enttäuscht: Ein simples „some people want to boycot us just because some of us care for our own meat“ reichte ihm, um dem Publikum seine Meinung dazu mitzuteilen. Gut so, schließlich ging es an diesem Abend einzig und allein um die Musik.

Diesbezüglich haben TÝR mich noch nie enttäuscht und taten es auch diesmal nicht. „By The Sword In My Hand“, „Hold The Heathen Hammer High“, „Lady Of The Slain“ und „Blood Of Heroes“ ließen keine Wünsche offen. Einen Wermutstropfen gab es aber doch: Das Konzert war mit nur 45 Minuten sehr kurz bemessen, was auch der Blick auf die Setlist auf den Monitorboxen deutlich machte. Dort war unter anderem das grandiose „Ramund Hin Unge“ dem Rotstift zum Opfer gefallen. Warum das so war? Keine Ahnung, aber auch dass das Konzert durch „Mare Of My Night“ beendet wurde, wo ich doch so viel lieber die Bandhymne „Hail To The Hammer“ gehört hätte, war irgendwie enttäuschend. Überhaupt hätten TÝR von mir aus mindestens 15 Minuten länger spielen müssen, so gut war die Stimmung und so viele starke Nummern haben gefehlt.

Aber man soll nicht unzufrieden sein – immerhin durften wir, im Gegensatz zu vielen anderen TÝR-Fans vor allem in Deutschland, überhaupt ein Konzert sehen. Und was gab es sonst noch an diesem Abend? Gute Frage, mich interessierten eigentlich nur die Männer von den Färöer Inseln, mehr habe ich mir auch nicht angesehen. Von UNLEASH THE ARCHERS habe ich allerdings noch die letzten paar Songs mitbekommen und muss sagen, dass die mir gar nicht so schlecht gefielen. Tatsächlich werde ich da bei Gelegenheit mal näher reinhören. SIRENIA habe ich mir überhaupt nicht mehr gegeben, obwohl ich damit immer mehr anfangen konnte, als mit ihren Brüdern/Vorgängern/was-auch-immer von TRISTANIA. An diesem Abend war ich aber so gar nicht in Stimmung für solche Musik und da ich am nächsten Tag früh raus musste, ließ ich es dabei auch bewenden.

Abschließend noch meine persönliche Meinung zur ganzen Walfang-Chose: Ich bin kein Vegetarier. Ich finde nichts Verwerfliches daran, Fleisch zu essen. Natürlich ist es für uns, die wir hauptsächlich von Kühen, Schweinen und Hühnern leben, deren Schlachtung wir nicht einmal am Rand mitbekommen, befremdlich, was auf den Färöer Inseln beim Grindaráp passiert. Ich frage mich aber schon, ob das oder die bei uns teilweise herrschende Massentierhaltung die größere Grausamkeit ist. Natürlich kann und will ich das nicht gegeneinander aufrechnen – aber genau diese Bigotterie ist etwas, das viele der Sea Shepherd-Unterstützer so unsympathisch macht. Wenn einer schreibt, wie schlimm die bösen Walschlächter doch sind und gleichzeitig auf seinem Profil die neue METALLICA-Scheibe abfeiert (James Hetfield ist ja bekanntermaßen Großwildjäger, was nichts mit dem Beschaffen von Nahrung zu tun hat), finde ich das geradezu grotesk. Weiters darf man sich fragen, welche Band man dann überhaupt noch sehen darf – Fleisch essen ja die meisten, viele tragen Lederklamotten, Jäger werden auch einige dabei sein. Der entscheidende Punkt ist meines Erachtens aber, dass der Grindaráp vollkommen legal ist und unter strengen Auflagen und im Beisein von Tierärzten stattfindet.

Letztlich muss es eh jeder für sich entscheiden, immerhin besteht das Publikum gefühlt zu mindestens 95 Prozent aus erwachsenen Menschen. Und die lassen sich – besonders, wenn es Metalheads sind – sich nicht gern Vorschriften machen. Ich persönlich kann nur sagen, dass das Konzert gut war und das meine Lust auf Walfleisch sich durch den Auftritt von TÝR nicht geändert hat. Die war vorher bei Null und ist es weiterhin (von einer diffusen Neugier abgesehen, die aber nichts mit TÝR zu tun hat, sondern immer schon da war). Im Endeffekt hat all das, was hier passiert ist, die Sympathiewerte für Sea Shepherd in den Minusbereich verschoben und einer eigentlich verständlichen und unterstützenswerten Sache mehr Schaden zugefügt, als es Heri Joensen jemals gekonnt hätte. So kann das halt auch enden, wenn man die Sache so völlig falsch angeht.

Fazit: TÝR waren trotz aller Kontroversen einmal mehr großartig. Daran gibt es nichts zu rütteln. UNLEASH THE ARCHERS scheinen auch sehr gut Stimmung zu machen, muss man sich mal genauer anhören. Ansonsten bleibt nur zu sagen: Gratulation an den Viper Room, der sich nicht von einer Minderheit hat erpressen lassen und stattdessen lieber seinen Stammkunden und dem Metal-Publikum treu geblieben ist.

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