MusikWelt: Effigy of the Forgotten

Suffocation


Außenstehende, die wenig Bezug zu den extremeren Spielarten des Heavy Metal haben, werden es kurios finden: Als gestandener Black Metaller habe ich tatsächlich wenig Ahnung von klassischem Death Metal. Ja, die Florida-Standards wie Cannibal Corpse und Six Feet Under sind mir ein Begriff, und auch die europäisch-melodische Schiene ist mir auch nicht ganz fremd. Dennoch: Im Vergleich zum Black Metal ist Death Metal für mich auch nach 25 Jahren harter Musik noch ein Buch mit sieben Siegeln. Kein Wunder also, dass ich nicht viel zur Bedeutung des Debüt-Albums der New Yorker Suffocation für das Genre sagen kann. Wohl aber, ob und wie mir „Effigy of the Forgotten“ anno 2020 gefällt.

Gesamteindruck: 3/7


Frühe Brutalität.

Was mir bereits bei den ersten Durchläufen von „Effigy of the Forgotten“ klar geworden ist: Black und Death Metal sind zwei sehr, sehr unterschiedliche Musikrichtungen. Die Genres mögen gemeinsame Wurzeln haben, haben sich danach aber stetig auseinander entwickelt (sieht man von gewissen Ausnahmen, z. B. Behemoth, ab). Fakt ist: Das hier ist unterscheidet sich ganz massiv von der Musik, die ich normalerweise höre. Und, ich geh schon mal in Deckung, ich finde dieses Werk nicht so toll, wie es eine Vielzahl an Rezensionen vermuten lässt. Vielleicht muss man es als Zeitgenosse erlebt haben, um zu verstehen, wieso „Effigy of the Forgotten“ dermaßen grandios sein soll? Glaube ich eigentlich nicht, denn als die 2. Generation des Black Metal Anfang der 1990er Fahrt aufgenommen war ich ebenfalls noch zu jung – und doch empfinde ich die Frühwerke von Darkthrone, Mayhem, Immortal und wie sie alle heißen ganz anders. Paradoxerweise waren Suffocation auf diesem Debüt deutlich bessere Musiker als das Gros ihrer Corpsepaint-tragenden, meist aus Norwegen stammenden Zeitgenossen. Hieran ist aber auch erkennbar, dass technische Fähigkeiten keineswegs der einzige Schlüssel für gelungene Musik sind.

Eine Grundsatzfrage ist, wie man seinen Metal gern hätte. Suffocation klingen zweifellos brutal. Und sie schaffen es trotzdem, einigermaßen ansprechendes Songwriting zu bieten. Was mir allerdings fehlt – und das ist wohl mein persönliches Problem und hat weniger mit der grundsätzlichen Qualität des Albums zu tun – sind zwei Dinge. Einerseits wäre da der Mangel an Atmosphäre: „Effigy of the Forgotten“ ist für ein Debüt sehr routiniert runtergespielt und technisch durchaus fein gemacht. Aber so richtig Stimmung will bei mir kaum jemals aufkommen. Nach einer kurzen Hörprobe des Zweitwerks von Suffocation konnte ich einen Teil des Problems im Bereich der Produktion verorten – denn die ist beim Debüt noch sehr trocken und ein bisschen zu flach für meinen Geschmack, speziell, was die Gitarrenriffs betrifft. Album Nummer 2 („Breeding the Spawn“, 1993) klingt in meinen Ohren wesentlich frischer und spricht mich dadurch gleich viel mehr an. Davon abgesehen sind Suffocation eine musikalisch eindeutig beschlagene Band und legen auf diesen Aspekt auch viel Wert – die Emotionen gehen dadurch ein wenig unter.

Zweiter Faktor, der meine Begeisterung stark dämpft, sind die Songs an sich an sich. Ich bin ganz ehrlich: Ich höre hier recht wenige memorable Momente heraus. Per se könnte ich jetzt nicht sagen, wie ein einzelner der 9 Tracks klingt. Klar, man horcht immer wieder auf, wenn man das Album laufen hat: Der Opener „Liege of Inveracity“ ist meines Erachtens die beste Nummer und verfügt über ein ziemlich geiles Break, „Mass Obliteration“ hat ein lässiges Solo bzw. einen Mittelpart, der zu gefallen weiß; und das Riffing des Titeltracks ist auch nicht zu verachten. Das reicht mir persönlich aber einfach nicht. Und so klingt „Effigy of the Forgotten“ für mich verhältnismäßig anstrengend, ich habe Mühe, das Album konzentriert anzuhören und komme einfach nicht in den „Flow“. Dass diese Platte der Startschuss für die Brutalität gewesen ist, die wir vom modernen Death Metal gewohnt sind, glaube ich einfach mal unbesehen – diesen Teil des Impacts auf die damals noch junge Szene kann ich natürlich nicht mehr nachvollziehen, wenn ich das Album mit 40 Lenzen erstmals höre. Und damit schließt sich der Kreis: Black Metal muss Anfang der 1990er auch wie etwas Unglaubliches, nie Dagewesenes, dahergekommen sein. Ich weiß nicht, wie sich das angefühlt hat – und doch treffen dessen Frühwerke irgendwo in mir einen gewissen Nerv. Bei „Effigy of the Forgotten“ ist das leider nicht der Fall. Wer aber ein Death Metal-Fan durch und durch ist, kann dem Album sicher den einen oder anderen Punkt mehr geben (und wird mir meine Ignoranz hoffentlich verzeihen).

Abschließend noch ein Wort zum Cover: Ich weiß nicht, was man sich dabei gedacht hat. Das muss wohl eines der übelsten Cover sein, die man bei einer Death Metal-Band findet. Auch und vor allem, wenn man sich ansieht, welche Bilder 1991 die Konkurrenz auf ihre Alben pappte. Na gut, „From Beyond“ von Massacre aus dem gleichen Jahr ist nochmal deutlich mieser, aber ansonsten gab es damals wirklich viele Alben, die optisch und akustisch hervorragend zusammen passten. „Effigy of the Forgotten“ mit seinem merkwürdigen Roboter gehört da nicht unbedingt dazu…

metal-archives.com


Track – Titel – Länge – Wertung

  1. Liege of Inveracity – 4:28 – 5/7
  2. Effigy of the Forgotten – 3:47 – 5/7
  3. Infecting the Crypts – 4:45 – 4/7
  4. Seeds of the Suffering – 5:51 – 4/7
  5. Habitual Infamy – 4:15 – 4/7
  6. Reincremation – 2:52 – 3/7
  7. Mass Obliteration – 4:30 – 5/7
  8. Involuntary Slaughter – 3:00 – 3/7
  9. Jesus Wept – 3:38 – 4/7

 Gesamteindruck: 3/7 


Suffocation auf “Effigy of the Forgotten” (1991):

  • Frank Mullen − Vocals
  • Terrance Hobbs − Guitars
  • Doug Cerrito − Guitars
  • Josh Barohn − Bass
  • Mike Smith − Drums

Anspieltipp: Liege of Inveracity


 

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MusikWelt: Thalassic

Ensiferum


Mit ihrem 8. Longplayer begeben sich Ensiferum auf ungewohntes Terrain: „Thalassic“ ist altgriechisch und bedeutet soviel wie „von der See“ oder „zum Meer gehörend“. Um ein richtiges Konzeptalbum handelt es sich jedoch nicht; die einzelnen Tracks haben zwar alle mehr oder weniger das feuchte Element zum Thema, erzählen aber keine zusammenhängende Geschichte. Doch nicht nur die Sprache des Titels und das Thema sind ungewöhnlich, denn Ensiferum haben nach einem neuerlichen Personalwechsel gleich auch den Power Metal-Anteil deutlich nach oben geschraubt.

Gesamteindruck: 6/7


Ungewohntes Terrain.

Die letzten Ensiferum-Alben (allen voran „Two Paths“, 2017) litten unter Ideenlosigkeit. Oder den falschen Ideen. Mit „Thalassic“ gelingt es den Finnen meiner Ansicht nach, das Ruder einigermaßen herumzureißen – ob der Kurswechsel dauerhaft ist, wird die Zeit zeigen müssen, ebenso ob und wie der neue Sound bei den alten Fans ankommt. „Neuer Sound“? Ja, richtig gelesen, denn Neuzugang Pekka Montin übernimmt auf „Thalassic“ nicht nur die vakante Position am Keyboard, sondern auch weite Teile des Klargesangs. Der Finne überzeugt mit einem theatralischen Organ, irgendwo zwischen einem jungen Tobias Sammett (EdguyAvantasia) und Timo Kotipelto (Stratovarius) und bildet damit einen starken Kontrast zu Schreihals Petri Lindroos. Freilich gab es auch auf den bisherigen Alben von Ensiferum Klargesang, doch nie dermaßen präsent – erstmals in der mittlerweile 25-jährigen Bandgeschichte (wobei das Debüt erst 2001, also vor „nur“ 20 Jahren, erschienen ist) hat man das Gefühl, dass harsche und klare Vocals vollkommen gleichberechtigt nebeneinander stehen. Wenn man sich die Sache genauer besieht, ist das allerdings nur eine Weiterentwicklung eines Ansatzes, den man schon auf dem mediokren Vorgänger „Two Paths“ versucht hat. Bereits dort haben sich neben Lindroos weitere Bandmitglieder am Mikro versucht, allerdings mit recht unterschiedlichem Erfolg. Nun ist mit Montin erstmals ein Mann an Bord, der über eine ausgebildete und kraftvolle Singstimme verfügt. Zusätzlich wurden seine Gesangsspuren im Mix stark in den Vordergrund gestellt, sodass sie zum Teil sogar das Gebrüll von Lindroos zu dominieren scheinen.

All das verschiebt Ensiferum genre-technisch tatsächlich ein Stück weiter in Richtung Power Metal. Schluck. In einer Sache kann man allerdings direkt Entwarnung geben: Wer nach der ersten Auskoppelung „Rum, Women, Victory“ befürchtet hatte, Ensiferum würden sich langsam aber sicher in Alestorm verwandeln, kann beruhigt aufatmen. Zum einen ist das die einzige Spaßnummer, die textlich an die schottischen Piraten erinnert, zum anderen klingen Ensiferum allem Klargesang zum Trotz über weite Strecken immer noch wie sie selbst. Das heißt, auch auf „Thalassic“ stehen acht Songs (plus das gute Intro „Seafarer’s Dream“), die teilweise hart und schnell, teilweise getragen und hymnisch, aber immer extrem eingängig sind.

Macht Spaß. Zumindest mir.

Klassische Ensiferum-Nummern, für alle, die es am liebsten traditionell mögen, sind mit „Rum, Women, Victory“ (sieht man vom Piraten-Text ab), „Andromeda“, „Run From the Crushing Tide“, „For Sirens“ und „Cold Northland (Väinämöinen Part III)“ (dazu gleich noch ein Wort) mehr als genug vorhanden. Lauter gute Tracks, die jeden, der den melodisch-folkigen Stil der Band grundsätzlich mag, überzeugen sollten. Dazu kommt durch das zusätzliche Gesangstalent am zweiten Mikro noch eine von Ensiferum bisher nur in Ausnahmefällen erreichte Epik – man höre dazu vor allem „One With the Sea“, eine Nummer, die man so nicht mehr von den Schwertträgern erwartet hätte. Der letzte in dieser Intensität und Tonalität vergleichbare Song datiert aus 2004 („Lost in Despair“ auf „Iron“).

Und weil wir gerade von der Vergangenheit reden, sei, wie oben kurz angedeutete, auch der zweite super-epische Track auf „Thalassic“ erwähnt: „Cold Northland (Väinämöinen Part III)“ ist eine Reminiszenz auf „Old Man“ und „Little Dreamer“, die ersten beiden Parts von „Väinämöinen“, die 2001 auf dem Debüt „Ensiferum“ standen. Tatsächlich gelingt es den Finnen (von denen 2001 nur Markus Toivonen schon an Bord war) dieses alte Thema gut und konsequent in die Neuzeit zu transportieren – auch hier dank ihres neuen Sängers, der sich das Mikro brüderlich mit Schreihals Petri Lindroos teilt. Gefällt mir ganz ausgezeichnet!

Der Rest des Materials auf „Thalassic“ ist kurz, bewegt sich nie über die 5-Minuten-Marke.  Wirklich negativ ist mir tatsächlich kein einziger Track aufgefallen. Eventuell würde ich bekritteln, dass Ensiferum es mit dem Folk-Anteil in „Midsummer Magic“ etwas zu bunt treiben (das klingt mir zu sehr nach Korpiklaani, mag dem einen oder anderen gefallen, mir nicht ganz so gut), der Gesang in „The Defence of the Sampo“ ziemlich merkwürdig anmutet und die Texte zum Teil gezwungen wirken (oder ihre Intonierung, man höre Auskoppelung Nummer 2, „Andromeda“).

Ansonsten geht das Album aber sehr gut rein, wenn man sich mit der gesangstechnisch so ungewohnten Ausrichtung per se anfreunden kann. Tatsächlich halte ich das für den größten Knackpunkt bei „Thalassic“ – denn auch ich war mir zunächst nicht sicher, ob ich die Platte überhaupt mag. Dann, nach einigen Durchläufen und diversen Ohrwürmern, war ich mir nicht sicher, ob ich „Thalassic“ als Ensiferum-Fan der ersten Stunde überhaupt mögen „darf“. Schließlich, nach ein paar weiteren Durchgängen, habe ich beschlossen, dass mir das egal ist. Dieses Album macht von vorne bis hinten einfach nur Spaß. Mir jedenfalls geht es so – ich gebe auch zu, dass ich eine gewisse Power Metal-Affinität habe und immer schon hatte. Wem die abgeht, der wird „Thalassic“ wohl nicht so positiv aufnehmen und darf gerne den einen oder anderen Punkt abziehen. Für mich ist dieses Album jedenfalls großes Kino, auch wenn es nicht an die ganz alten Großtaten der Finnen heranreicht.

PS: Ich persönlich finde es trotz allem schade, dass für Netta Skog (ex-Turisas) bei Ensiferum nach nur einem Album schon wieder Schluss war. Auch wenn Neuzugang Pekka Montin es offenbar besser als seine Vorgängerin geschafft hat, für frischen Wind zu sorgen, werde ich die extrovertierte Finnin mit ihrem Akkordeon vor allem bei Live-Auftritten vermissen. Von dem, was man bisher mitbekommen hat (das Video zu „Andromeda“ und die Covid-bedingte Release-Show im Studio) ist Montin zwar ein begnadeter Sänger, muss aber wohl erst in den Ensiferum-Kosmos reinfinden. Zum Zeitpunkt dieser Rezension wirkt er jedenfalls noch ein bisschen wie ein Fremdkörper zwischen den altgedienten Recken… aber all das nur am Rande, hat ja mit der Qualität von „Thalassic“ nicht zu tun.


Track – Titel – Länge – Wertung

metal-archives.com

  1. Seafarer’s Dream – 3:01 – 5/7
  2. Rum, Women, Victory – 4:16 – 5/7
  3. Andromeda – 4:04 – 6/7
  4. The Defence of the Sampo – 4:50 – 4/7
  5. Run from the Crushing Tide – 4:22 – 5/7
  6. For Sirens – 4:40 – 5/7
  7. One with the Sea – 6:10 – 6/7
  8. Midsummer Magic – 3:42 – 5/7
  9. Cold Northland (Väinämöinen Part III) – 8:41 – 7/7

Gesamteindruck: 6/7 


Ensiferum auf “Thalassic” (2020):

  • Petri Lindroos – Vocals, Guitars
  • Markus Toivonen – Guitars, Vocals, Backing Vocals
  • Sami Hinkka – Bass, Vocals, Backing Vocals
  • Janne Parviainen – Drums
  • Pekka Montin – Keyboards, Vocals, Backing Vocals

Anspieltipp: Cold Northland (Väinämöinen Part III)

 

MusikWelt: S&M

Metallica


Das erste Wort, das mir einfällt, wenn es darum geht, den Gesamteindruck von „S&M“ zu beschreiben, ist „schwierig“. In der Praxis haben wir es hier mit einem typischen Metallica-Konzert um die Jahrtausendwende zu tun, heißt: Die Songauswahl ist nicht ganz ausgewogen, vor allem ein oder zwei Nummern vom Debüt „Kill ´Em All“ (1983) vermisst man schmerzlich. Stattdessen gibt es Rohrkrepierer wie „Bleeding Me“ und „The Outlaw Torn“ zu hören. Ergänzt wird die abgesehen davon tadellose Live-Show des Vierers aus der Bay Area durch das San Francisco Symphony-Orchester, dirigiert vom 2003 verstorbenen Michael Kamen. Und genau in der Symbiose dieser beiden Elemente, Heavy Metal und Klassik, liegt das Problem.

Gesamteindruck: 3/7


Wo ist die Symbiose?

Beim ersten Durchgang von „S&M“ ist man noch guter Dinge: Man bekommt die bekannten Metallica-Standards in einer energiegeladenen Live-Version zu hören. Die Band ist „tight“, wie man so schön sagt, James Hetfield ist am Mikro deutlich besser drauf, als es zu jener Zeit gelegentlich der Fall war; nicht vergessen sollte man außerdem die grandiosen Backing Vocals von Bassist Jason Newsted, die Metallica meiner Ansicht nach auch heute noch sehr gut tun würden. Die Vorfreude wird bereits beim legendären Opener „The Ecstasy of Gold“ unermesslich groß – dass es dann ausgerechnet mit dem gefühlte Ewigkeiten dauernden Instrumental „The Call of Ktulu“ weitergeht, ist ein verschmerzbarer Dämpfer. Denn danach folgen sieben sehr starke Nummern, bevor die Kurve mit den finalen Stücken von Disc 1 deutlich abflacht.

Disc 2 beginnt mit dem im Zuge dieser Veröffentlichung auch im Radio endgültig totgespielten „Nothing Else Matters“ eher verhalten, steigert sich dann aber grandios (sieht man vom Zwischenloch „The Outlaw Torn“ ab) und endet mit dem Doppelschlag aus „Enter Sandman“ und „Battery“ standesgemäß. An alledem ist wenig auszusetzen, dass einem nicht jede Nummer gefällt, ist für ein Live-Album glaube ich normal, jeder hat ja so seine Traum-Setlist im Kopf. Man nickt ständig mit, klopft mit dem Fuß den Takt, brüllt (hoffentlich nicht in der Öffentlichkeit) bei den Refrains und Singalongs mit und freut sich generell, ein grundsolides Metallica-Konzert mit gutem, organischem Sound zu hören.

Nicht wie aus einem Guss.

Soweit so gut – irgendwann habe ich dann aber doch bemerkt, dass ich in meiner Begeisterung gar nicht so sehr auf das Orchester geachtet habe, das ja der Grund ist, wieso es diese Platte überhaupt gibt. Daran merkt man schon, dass hier etwas nicht so ganz stimmt. Ich vermute mal, meine wenig an Klassik gewöhnten Ohren haben die Orchester-Spuren relativ schnell ausgeblendet, weil diese stellenweise wie ein Fremdkörper (man könnte auch sagen: Störfaktor!) klingen. Bei einzelnen Songs wie „The Memory Remains“, „Until It Sleeps“, „For Whom the Bell Tolls“ und, ja, auch „Nothing Else Matters“, greift alles halbwegs ineinander. Wirklich gut funktioniert es aber nur bei den extra für dieses Album geschriebenen Nummern „-Human“ (allerdings per se kein so tolles Lied) und dem wahrlich großartigen und bis heute zu Recht auf Metallica-Setlists zu findenden „No Leaf Clover“ (in meinen Ohren der mit großem Abstand beste Track auf „S&M“).

Das Problem beim Rest vom Schützenfest scheint zu sein, dass Metallica ihre Songs keineswegs für die orchestrale Darbietung umgestaltet haben. Noch dazu geht die Band laut, druckvoll und – wie üblich – live etwas schneller als auf Platte zu Werke. Das Ergebnis: Wenn bei komplexeren Kompositionen wie „The Thing That Should Not Be“ und „Master of Puppets“, aber auch bei zwar einfachen, jedoch massiven Brechern wie „Battery“ oder „Fuel“ das Orchester einsetzt, gibt es so etwas wie eine Symbiose nicht mehr. Die Symphoniker scheinen frontal gegen eine unglaublich laute Metal-Band anzuspielen, es klingt stellenweise tatsächlich, als würden zwei Platten nebeneinander laufen und einfach nicht ineinander greifen. Dabei hat das nach meinem Ermessen nichts mit technischen Dingen wie Timing o. ä. zu tun – die Songs sind schlicht nicht für diese Performance ausgelegt. Eine etwas anderes Arrangement hätte wohl geholfen, denn grundsätzlich vertragen sich diese zwei Musikstile ja aufgrund ähnlicher Dynamik recht gut (wie diverse orchestrale Metal-Alben anderer Bands immer wieder gezeigt haben).

Auf „S&M“ ist das leider viel zu selten der Fall. Beim Gros der Songs ist es letztlich so, dass ich das Orchester ganz einfach nicht gebraucht hätte – und das ist natürlich ein Desaster. Vor dem Totalausfall retten das Album ein paar durchaus gelungene Songs (Kunststück, an deren grundsätzlicher Qualität ändert sich ja nichts…) und das unverwüstliche Live-Feeling eines Metallica-Konzerts. „Thema verfehlt“, hätte man in der Schule wohl gesagt.


Track – Titel – Länge – Wertung*

metal-archives.com

Disc 1

  1. The Ecstasy of Gold – 2:30
  2. The Call of Ktulu – 9:34
  3. Master of Puppets – 8:55
  4. Of Wolf and Man – 4:19
  5. The Thing That Should Not Be – 7:27
  6. Fuel – 4:36
  7. The Memory Remains – 4:42
  8. No Leaf Clover – 5:43
  9. Hero of the Day – 4:45
  10. Devil’s Dance – 5:26
  11. Bleeding Me – 9:01

Disc 2

  1. Nothing Else Matters – 6:47
  2. Until It Sleeps – 4:30
  3. For Whom the Bell Tolls – 4:52
  4. – Human – 4:20
  5. Wherever I May Roam – 7:02
  6. The Outlaw Torn – 9:59
  7. Sad but True – 5:46
  8. One – 7:53
  9. Enter Sandman – 7:39
  10. Battery – 7:25

 Gesamteindruck: 3/7 

* Bei Live- und Best of-Alben verzichte ich auf eine Einzelbewertung der Songs.


Metallica auf “S&M” (1999):

  • James Hetfield − Vocals, Rhythm & Lead Guitars
  • Kirk Hammett − Lead Guitars, Backing Vocals
  • Jason Newsted – Bass, Backing Vocals
  • Lars Ulrich − Drums

Anspieltipp: No Leaf Clover

MusikWelt: Death Magnetic

Metallica


Was wurde nicht alles geschrieben, als „Death Magnetic“ 2008 auf die Menschheit losgelassen wurde… Die einen sprachen von einem Meisterwerk, von der lang erwarteten Rückkehr zu alter Stärke (und meinten damit die seligen 1980er), die anderen vom verzweifelten Versuch alternder Millionäre, sich mit den ihren genauso alten Fans zu versöhnen, gleichzeitig aber das jüngere Publikum nicht zu vergrämen. Meiner Ansicht nach lag und liegt die Wahrheit beim 9. Album der Bay Area-Legende Metallica in der Mitte. Wie so oft.

Gesamteindruck: 5/7


Gut, aber kein Meisterwerk.

Ich kann mich gut erinnern, dass ich 2008 hin- und hergerissen war: Ist „Death Magnetic“ nun super oder eher mau? Heute, mit dem gebührenden zeitlichen Abstand, kann ich verkünden: Ich weiß es immer noch nicht genau. Tja. Ich würde aber eher in die positive Richtung tendieren. Heißt: Dieses Album ist kein neues „Master of Puppets“ (1986), sollte es wohl auch nie sein – und doch ist es allem überlegen, was nach „Metalllica“ (1991) kam. Ja, richtig gelesen, nach dem Schwarzen Album, das ich nach wie vor für sehr stark halte.

Zunächst mal etwas Grundsätzliches: Nach mehreren erneuten Durchläufen der Scheibe bestätigt sich die Meinung, die ich auch 2008 relativ schnell gefasst hatte. In meinen Ohren klingt „Death Magnetic“ tatsächlich nach einer Mischung aus sämtlichen Metallica-Perioden davor. Es gibt also (zum Glück wenige) Versatzstücke aus „St. Anger“ (2003) – vor allem was die gesangliche Qualität mancher Passagen und einige Drum-Figuren betrifft (speziell „The End Of The Line“ und das vorab ausgekoppelte „Cyanide“ seien in diesem Zusammenhang genannt). Apropos Drums: Lars Ulrich scheint gefallen am „St. Anger“-Sound gefunden zu haben, einmal mehr klingt die Snare ziemlich blechern, wenngleich in geringerem Ausmaß. Auch die 1996/97er-Phase („Load“ bzw. „Reload“) ist an einigen Stellen zu erkennen, das aber eher im Gitarrenbereich. Die Länge der Stücke erinnert wiederum vornehmlich an „…And Justice For All“ (1988), auch die Vertracktheit und der grundsätzliche Stil mancher Kompositionen entspricht diesem Klassiker (man höre „Broken, Beat & Scarred“, „The Day That Never Comes“). All diese Bestandteile setzen Metallica gut zusammen, sodass „Death Magnetic“ nicht nach Stückwerk klingt.

Selbstreferenz.

Umgekehrt komme ich dadurch aber auch nicht umhin, dem Quartett eine gewisse Faulheit zu unterstellen. Beispielsweise ist „The Unforgiven III“ derart selbstreferenziell, dass es nur so eine Art hat. „Ist ja auch eine Fortsetzung“, wird man mir nun zurufen – stimmt, aber interessanterweise erinnert der Song nicht an seine direkten Vorgänger auf „Metallica“ bzw. „Reload“, sondern sehr stark an die für den „Mission Impossible II“-Soundtrack veröffentlichte Nummer „I Disappear“. Und auch andere Riffs und Harmonien meint man schon auf verschiedenen Tracks der Truppe gehört zu haben, wie ich bereits oben angedeutet habe. Beispiele gefällig? Ab ca. 1:45 Minuten musste ich bei „That Was Just Your Life“ direkt an „Frantic“ denken, gesangstechnisch erinnert „The End of the Line“ mal an „Creeping Death“, dann wieder an einen anderen Song, der mir jetzt partout nicht einfallen will; „The Day That Never Comes“ ist für mein Gefühl hingegen viel deutlicher eine modernisierte Version von „The Unforgiven“ als oben genannter Teil 3 dieses Epos.

Spielt das alles eine große Rolle? Irgendwie schon, weil man dadurch immer wieder das Gefühl hat, Metallica müssten sich, um überhaupt noch Relevanz zu haben, an Songs orientieren, mit denen sie das mal geschafft haben. Mit richtig neuen Ideen kommen sie jedenfalls kaum um die Ecke, was bei manchen Bands ok wäre, bei dieser alteingesessenen Formation aber irgendwie seltsam anmutet, weil in diesem Ausmaß bisher noch nicht dagewesen. Wobei mir durchaus klar ist, dass es unglaublich schwer sein muss, in den Augen der Fans überhaupt etwas richtig zu machen. Aber das ist ein anderes Thema – ich kann und will hier nur beschreiben, wie „Death Magnetic“ bei mir ankommt.

Etwas fehlt.

Das alles soll aber ohnehin nicht bedeuten, dass dieses Album Müll ist – oder auch nur Durchschnitt. Das zeigt sich allein daran, dass „Death Magnetic“ – im Gegensatz zum indiskutablen „St. Anger“ – keinen Totalausfall zu verzeichnen hat. Neben dem etwas arg beliebigen Einstieg „That Was Just Your Life“ empfinde ich das genannte „The Unforgiven III“ als am wenigsten essenziell, vor allem im Vergleich zu seinen superben Vorgängern. Ansonsten gibt es wenig zu meckern, sogar das Instrumental „Suicide & Redempiton“ ist durchaus hörenswert und (fast) auf dem Niveau von „Orion“ (auf „Master of Puppets“) anzusiedeln. Am besten gefällt mir persönlich „Broken, Beat & Scarred“, das zunächst wie eine Hommage an „Sad But True“ beginnt, dann aber zusehends härter, schneller und explosiver wird. Schön ist außerdem das halb-balladeske „The Day That Never Comes“, das einen schönen Kontrapunkt zum restlichen, doch recht harten Material setzt. Und auch „Cyanide“ weiß zu gefallen, auch wenn ich den Song zunächst nicht so gern mochte, ist das eine gut geschriebene, eingängige Nummer.

Warum es trotz einiger gutklassiger Songs trotzdem „nur“ 5 Sterne gibt? Eine gute, nicht so leicht beantwortbare Frage… Ich kann mir nicht helfen, aber wenn ich „Ride the Lightning“ auflege, sagt mir mein Gefühl auch 2020 noch: Höchstwertung! Ohne Wenn & Aber – und nicht, weil es ein allgemein anerkannter Klassiker ist. Nein, es ist umgekehrt: Genau das Gefühl, das einen beim Hören der Metallica-Alben aus den 1980ern ergreift, hat erst dafür gesorgt, dass daraus Klassiker werden. Offenbar ist da irgend etwas in der Musik, das sehr viele Menschen zu begeistern weiß. Was genau es ist, kann ich nicht zu 100% sagen, ich weiß nur, dass mir dieses spezielle Feeling bei „Death Magnetic“ abgeht. Nicht so sehr wie bei „St. Anger“, wohlgemerkt, aber doch. Irgendwo im Songwriting muss es ein Detail geben, das offenbar nicht reproduzierbar ist. Ich will jetzt nicht mal behaupten, dass die Fähigkeit dermaßen starke Emotionen in den Metalheads zu wecken, mit dem Tod von Cliff Burton (Bass, † 1986) verloren gegangen ist, denn mir gefällt ja auch das Schwarze Album gut. Ach, ich weiß es auch nicht, es fehlt einfach irgend etwas. Hinzu kommt der oben genannte Retrospektiv-Charakter, der versucht, alle Schaffensperioden der Band auf einem Album, zum Teil in einem Lied, zu vereinen. Dieses Vorhaben mag Geschmackssache sein, für mich klingen die Songs dadurch zum Teil fast wie Cover-Versionen. Aber besser gut gecovert als schlecht neu erfunden – von daher: „Death Magnetic“ ist trotz allem eine gute Leistung.


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Track – Titel – Länge – Wertung

  1. That Was Just Your Life – 7:07 – 4/7
  2. The End of the Line – 7:51 – 5/7
  3. Broken, Beat & Scarred – 6:25 – 6/7
  4. The Day That Never Comes – 7:55 – 6/7
  5. All Nightmare Long – 7:57 – 5/7
  6. Cyanide – 6:38 – 6/7
  7. The Unforgiven III – 7:45 – 4/7
  8. Judas Kiss – 8:00 – 5/7
  9. Suicide & Redemption – 9:56 – 5/7
  10. My Apocalypse – 5:00 – 4/7

 Gesamteindruck: 5/7 


Metallica auf “Death Magnetic” (2008):

  • James Hetfield − Vocals, Rhythm Guitars
  • Kirk Hammett − Lead Guitars
  • Robert Trujillo − Bass
  • Lars Ulrich − Drums

Anspieltipp: Broken, Beat & Scarred


 

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MusikWelt: St. Anger

Metallica


Ich erinnere mich, dass die Erwartungen an „St. Anger“ (2003) riesengroß, eigentlich übermächtig, waren – das letzte reguläre Metallica-Album „Reload“ (1997) hatte zu jenem Zeitpunkt 6 Jahre auf dem Buckel, dazwischen gab es mit „Garage Inc.“ (1998) eine (gute) Kompilation aus Coversongs teilweise recht ungewöhnlicher Künstler und mit „S&M“ (1999) ein meiner Ansicht nach sehr durchwachsenes, orchestrales Live-Album. Außerdem hatte man mit internen Querelen zu kämpfen, die mit dem Aus für Bassist Jason Newsted und einem James Hetfield, der sich endlich seinen Dämonen stellte, endeten.

Gesamteindruck: 1/7


Ein Album – für wen eigentlich?

Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich den bis heute umstrittensten Metallica-Longplayer in dessen Erscheinungsjahr 2003 zum letzten Mal in einem Zug und voll konzentriert durchgehört habe. Wobei konzentriert so eine Sache ist, denn die Platte ist a) sehr lang und b) nicht gerade easy listening. Jedenfalls weiß ich noch, dass ich damals kein gutes Haar daran gelassen habe. Könnte natürlich jugendlicher (bzw. studentischer) Übermut gewesen sein – also habe ich mir „St. Anger“ nun, nach 17 (!) Jahren, erstmals wieder in voller Länge gegeben, um zu überprüfen, ob sich für mich was geändert hat. Übrigens habe ich mir direkt zwei Durchgänge gegönnt, einmal einfach so, einmal beim Sport, für den die Platte laut dem einen oder anderen Kommentator ja besonders geeignet sein soll. Für mehr hatte ich keinen Nerv, was das Fazit eigentlich schon vorweg nimmt.

Mit inzwischen doch sehr großer zeitlicher Distanz kann ich zunächst ganz neutral sagen, dass meine damalige Hoffnung auf eine Rückkehr Metallicas zu alter Größe enttäuscht werden musste. Allerdings in einem Ausmaß, das kaum vorherzusehen war. Kleine Anmerkung: Ich hatte die Band tatsächlich 2003 erstmals überhaupt live gesehen und war begeistert von der Energie, die die älteren Nummern auf der Bühne versprühten. Genau davon wollte ich mehr –  bekommen habe ich etwas völlig Anderes, etwas, mit dem ich als Fan traditioneller Klänge herzlich wenig anfangen konnte. Und doch war ich damals der Meinung – und bin es noch – dass ein gewisses Maß an Verbohrtheit dazu gehört, sich groß über die stilistische Veränderung, die Metallica im Laufe der Jahre durchgemacht haben, zu echauffieren. Meine Kritik richtet sich daher weniger an den veränderten Stil (der mir zwar nicht gefällt, aber damit könnte ich wie bei „Load“/„Reload“ gerade noch leben), sondern an das völlig misslungene Songwriting.

Bis auf wenige Ausnahmen („Frantic“, „St. Anger“, „The Unnamed Feeling“ und „Dirty Window“), die im Vergleich zum vorherigen Output ebenfalls nur unterer Durchschnitt sind, bewegen sich alle Songs auf einem Niveau, das einer so talentierten Band eigentlich unwürdig ist. Dabei handelt es sich um zwanghaft modernes Geknüppel (also das, was 2003 als „modern“ galt) ohne Sinn und Verstand, das noch dazu mit einer Produktion aufwartet, die jeglichen Anflug von wirklicher Härte im Keim erstickt. Dazu kommt, dass einzelne Songs und auch das Album als Ganzes für diese Art von Musik viel zu lang sind. Hier sinnvolle Strukturen zu erkennen ist nahezu unmöglich – maximal lässt sich eine gewisse schnell-/langsam-Dynamik in vielen Songs festzustellen. Interessanterweise finde ich jeweils die langsamen, ruhigeren Parts deutlich stärker als das restliche Material.

Kurz zusammengefasst: Insgesamt empfinde ich „St. Anger“ als so anstrengend, dass wohl nur echte Krach-Liebhaber alles an einem Stück genießen können. Übrigens ändert es für mich nichts, ob ich mir die Platte im heimischen Wohnzimmer oder beim Laufen reinziehe: Ersteres geht praktisch gar nicht, für zweiteres sind mir die einzelnen Tracks letztlich zu lang und zu ähnlich aufgebaut. Das pusht mich jedenfalls nicht, im Gegenteil, dadurch wird die Laufrunde gefühlt immer länger.

Damit haben ich auch schon meine Probleme mit dem Album und in der Folge die niedrige Wertung (vor allem in Bezug zum restlichen Metallica-Katalog) erklärt – keine richtigen Songs, kaum Strukturen, mangelhafte Produktion. Der ungewohnte Gesang hingegen stört mich weniger, ich finde ihn sogar recht passend (zum Songmaterial, nicht als Maßstab für Hetfields Fähigkeiten). Mehr Punkte sind aber einfach nicht drin, auch wenn man das Album als das betrachtet, was es eigentlich ist: Weniger Anbiederung an die Moderne, obwohl man auch das raushören kann, sondern eher Gruppentherapie für die Band. Als solche mag es funktioniert haben, aber „St. Anger“ deswegen als Meisterwerk hochzujubeln, wie es einige nach wie vor tun (wohl nur weil Metallica drauf steht), halte ich für übertrieben. Dieses Album mag gut und wichtig als Therapie für die Band sein – für den Großteil der Fans ist es meiner Ansicht nach unbrauchbar.


Track – Titel – Länge – Wertung

metal-archives.com

  1. Frantic – 5:50 – 4/7
  2. St. Anger – 7:21 – 4/7
  3. Some Kind of Monster – 8:26 – 1/7
  4. Dirty Window – 5:25 – 5/7
  5. Invisible Kid – 8:30 – 4/7
  6. My World – 5:46 – 1/7
  7. Shoot Me Again – 7:10 – 1/7
  8. Sweet Amber – 5:27 – 3/7
  9. The Unnamed Feeling – 7:08 – 4/7
  10. Purify – 5:14 – 2/7
  11. All Within My Hands – 8:46 – 1/7

 Gesamteindruck: 1/7 


Metallica auf “St. Anger” (2003):

  • James Hetfield − Vocals, Rhythm Guitars
  • Kirk Hammett − Lead Guitars
  • Lars Ulrich − Drums

Anspieltipp: Dirty Window

MusikWelt: Metallica

Metallica


Im Heavy Metal und all seinen verschiedenen Spielarten gibt es ein interessantes Phänomen: Sobald eine Band kommerziell erfolgreich wird, verliert sie einen Teil ihrer Fanbasis. Die ansonsten viel beschworene, unbeirrbare Treue der Anhänger ist oft nicht so groß, wie man denkt, wenn plötzlich überall lauthals „Ausverkauf!“ gebrüllt wird. Zumindest „offiziell“, denn ich bin mir sicher, dass viele Fans der ersten Stunde, die plötzlich nichts mehr mit der Band zu tun haben wollen, im stillen Kämmerlein auch die erfolgreicheren Sachen mit Begeisterung hören. Eines der prominentesten und ersten Beispiele für den geschilderten Sachverhalt ist „Das schwarze Album“ von Metallica.

Gesamteindruck: 6/7


Kommerzieller Erfolg – na und?

Nun bin ich ebenfalls Heavy-Metal-Fan (hauptsächlich Thrash, Power und Black Metal, auch ein wenig Death Metal und Industrial), und das nicht erst seit gestern oder – um beim Beispiel dieser Rezension zu bleiben – seit ich zum ersten Mal „Enter Sandman“ gehört habe. Trotzdem stellte sich mir niemals die Frage nach der musikalischen Qualität des schlicht „Metallica“ betitelten 1991er Albums der Herren aus der Bay Area. Das hat für mich zwei Gründe: Zum einen verstehe ich nicht, was es für mich als Fan für einen Unterschied machen soll, wie viele Leute meine Lieblingsband gut finden. Mir ist es herzlich egal, ob eine Metallica-Scheibe auf Platz 1 oder Platz 100 der Charts platziert ist. Und genau dieser Ansatz führt mich zum zweiten Punkt: Die Sturheit, mit der manche darauf pochen, wie Metallica zu klingen haben. Ich selbst bin – wie schon erwähnt – u. a. Thrash-Metal-Fan. Mit Thrash hat diese Platte aber nicht mehr viel zu tun. Das stört mich aber nicht, wenn das Songwriting stimmt. In so einem Fall gibt es für mich auch keine Genre-Grenzen, Lieder die mir gefallen, gefallen mir eben, egal in welchem Stil sie geschrieben sind und wie viele Leute sie sonst noch mögen. Insofern habe ich kein Problem damit, die ersten 5 (!) Alben von Metallica als sehr gut zu bezeichnen. Die Phase danach ist eine andere Geschichte – aber ich empfinde sie ebenfalls nicht als so durchgängig mies wie manch anderer. Eine etwas lange Einführung, die aber vielleicht denen zugute kommt, die das Album bzw. die Band wirklich noch nicht kennen – soll’s ja auch geben.

Kommen wir zur Sache: „Metallica“ bietet in meinen Ohren eine sehr ausgewogene Mischung aus Härte und Melodie – zwei Faktoren, die für die Musik dieser Band schon immer bestimmend waren. Wenn man sich die musikalische Entwicklung von Metallica bis 1991 ansieht, kann man den Prozess recht gut erkennen, der zu diesem ALbum führte. Die unkontrollierte Rasanz und Härte gab es meiner Ansicht nur auf dem Debüt „Kill ´Em All“(1983), alles, was danach kam verschob sich doch eher in Richtung Kontrolle und Melodie (natürlich angereichert mit mal mehr, mal weniger Härte). Vor allem am Gesang ist das ausgezeichnet zu beobachten.

„Metallica“ beginnt mit „Enter Sandman“, einer Hymne sondergleichen, an der sich bereits die ersten Geister aus oben genannten Gründen scheiden. Nichtsdestotrotz habe ich bei einem Metallica-Konzert noch niemanden gesehen, der bei diesem Lied nicht mitsingt oder sogar so konsequent ist und die Halle verlässt, wenn das ach-so poppige Mainriff angestimmt wird. Ähnliches gilt für das Groove-Monster „Sad But True“ und für die typische Halbballade „The Unforgiven“, die sofort ins Ohr gehen und dort auch hängenbleiben. Auch „Wherever I May Roam“, „Don’t Tread On Me“ (mit seinen „West Side Story“-Anleihen und sozialkritischem Text) und „Of Wolf And Man“ können auf ganzer Linie überzeugen, von Radiotauglichkeit kann ich hier jedenfalls nicht allzu viel erkennen – vor allem dann nicht, wenn ich dran denke, dass das Album 1991 erschienen ist, das waren schon noch andere Zeiten. Ebenfalls gut gelungen sind „The God That Failed“ und „My Friend Of Misery“, einer der wenigen vom damaligen Bassisten Jason Newsted mitgeschriebenen Songs. Immerhin guter Durchschnitt sind die im Gesamtkontext etwas untergehenden „Holier Than Thou“ und „Through The Never“.

An Ausfällen bzw. Füllern kann ich lediglich „The Struggle Within“ und vor allem „Nothing Else Matters“, die einzige echte Ballade von Metallica ausmachen. Letztere Nummer dürfte wohl den größten Anteil am „Ausverkauf!“-Geschrei haben, ich persönlich finde sie im Vergleich zu den klassischen Metallica-Halbballaden einfach langweilig und, ja, der Song war spätestens vor 20 Jahren totgespielt. Wahrscheinlich schon vorher.

Fazit: „Metallica“ ist alles in allem eine Platte, die sich sehr schnell erschließt, im Gegensatz zum viel zitierten Radio-Pop aber dennoch nicht nach dem dritten Mal hören langweilig wird. Damit ist das „schwarze Album“ gleichzeitig aber tatsächlich ein krasser Gegensatz zu seinem Vorgänger „…And Justice For All“ (1988), der wesentlich schwerer zugänglich war. Und ja, das bedeutet auch, dass ein Teil der Härte, die Metallica früher schon ausgezeichnet hat, verloren gegangen ist. Für mich persönlich macht das „Metallica“ aber keinen Deut schlechter. Nur anders. Was man bevorzugt, muss letztlich jeder für sich entscheiden. Oder man macht es wie ich, entscheidet sich nicht und findet einfach beide Metallica-Varianten gut.


Track – Titel – Länge – Wertung

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  1. Enter Sandman – 5:32 – 6/7
  2. Sad But True – 5:25 – 6/7
  3. Holier Than Thou – 3:48 – 5/7
  4. The Unforgiven – 6:27 – 7/7
  5. Wherever I May Roam – 6:44 – 7/7
  6. Don’t Tread On Me – 4:00 – 6/7
  7. Through the Never – 4:04 – 4/7
  8. Nothing Else Matters – 6:29 – 4/7
  9. Of Wolf and Man – 4:17 – 5/7
  10. The God That Failed – 5:09 – 5/7
  11. My Friend of Misery – 6:50 – 5/7
  12. The Struggle Within – 3:54 – 4/7

 Gesamteindruck: 6/7 


Metallica auf “Metallica” (1991):

  • James Hetfield − Vocals, Rhythm & Lead Guitars
  • Kirk Hammett − Lead Guitars
  • Jason Newsted – Bass, Backing Vocals
  • Lars Ulrich − Drums

Anspieltipp: The Unforgiven


 

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MusikWelt: Eonian

Dimmu Borgir


Eine Faustregel im Heavy Metal lautet: Alle zwei Jahre kommt ein neues Album. Freilich gibt es immer wieder Ausnahmen aus verschiedensten Gründen – eine Pause von acht Jahren ist für eine Band, die sich nie offiziell aufgelöst hat, dennoch ungewöhnlich. Entsprechend gespannt war man 2018 auf „Eonian“, und das auch, weil Dimmu Borgir in den Jahren vor ihrer Absenz vor allem durch bandinterne Querelen, merkwürdige Allüren und halbgare Veröffentlichungen aufgefallen waren. Ist „Eonian“ nun also der erhoffte Befreiungsschlag, der die Norweger nach dem dringend notwendigen Aufladen der kreativen Akkus zurück zu alter Stärke führt?

Gesamteindruck: 2/7


Keine Trendwende.

Um das Fazit vorweg zu nehmen: Nein, „Eonian“ leitet keine Trendwende ein. Im Gegenteil, es ist meiner Ansicht nach sogar ein qualitativer Rückschritt im Vergleich zum eh schon schwachen Vorgänger „Abrahadabra“ (2010). Ich kann mir zwar vorstellen, dass auch „Eonian“ seine Fans hat; das werden aber kaum die sein, die Dimmu Borgir für die Art von Musik schätzen, die die Band groß gemacht hat. Und damit meine ich gar nicht die Die-Hard-Black Metaller, die sind ohnehin schon lange weg. Ich meine eher diejenigen, die bis Anfang/Mitte der 2000er noch etwas mit der Band anfangen konnten. Zu denen darf auch ich mich zählen – aber spätestens seit „Abrahadabra“, eigentlich schon seit „In Sorte Diaboli“ (2007), tue ich mich sehr schwer mit den Herren.

Was hat sich in acht Jahren ohne reguläres Studioalbum im Hause Dimmu Borgir überhaupt getan? Auf den ersten Blick gar nicht so viel, wie man meinen möchte. Die Akteure sind gleich geblieben, heißt, die verbliebenen Gründungsmitglieder Shagrath und Silenoz haben sich nicht von Gitarrist Galder getrennt. Und auch die Session-Musiker Gerlioz (k) und Daray (d) wurden wieder verpflichtet, unterstützen das trio infernale auch live. Kreatives Mitspracherecht werden die Jungs zwar nicht gehabt haben, interessanterweise sind sie aber dennoch am Bandfoto im Booklet. Immerhin. An dieser Stelle noch ein Wort zu den Äußerlichkeiten, bevor wir zur Musik kommen: Das Covermotiv und die Gestaltung des Booklets unterscheiden sich tatsächlich erheblich von allem, was Dimmu Borgir bis dahin veröffentlicht haben. Ich könnte jetzt nicht sagen, dass mir das rein optisch nicht gefallen würde – sieht schon recht fein aus, was man da auf die Beine gestellt hat.

Kaum noch Metal.

Das Cover und die mystisch angehauchten Bandfotos sind in meinen Augen jedenfalls ein Fingerzeig auf das, was den geneigten Hörer musikalisch auf „Eonian“ erwartet. Denn Dimmu Borgir haben auf ihre alten Tage genau jene Art rituell-spiritualistischer, hier und da etwas folkiger Musik entdeckt, die seit einigen Jahren immer angesagter wird. Ein Schelm, wer dabei Böses denkt… Zugute halten muss man den Osloern, dass Ansätze davon bereits auf „Abrahadabra“ zu hören waren, man sie also nicht komplett als Trittbrettfahrer abstempeln sollte. Ob es nun besonders glaubwürdig ist, wenn man sich die Diskografie der Band so ansieht, ist eine andere Frage, die ich für mich persönlich mit „Nö!“ beantwortet habe, dazu kann man aber durchaus auch eine andere Meinung haben.

Musikalisch bedeutet die Hinwendung zur Geistigkeit vor allem eine Reduktion von Härte und Tempo. Beides war bei Dimmu Borgir schon auf „Abrahadabra“ nur mehr Makulatur, bei „Eonian“ fällt es mir aber tatsächlich nochmal wesentlich schwerer, das Dargebotene überhaupt noch als Heavy Metal zu bezeichnen. Warum ist das so? Einerseits wurden die überbordenden Orchesterparts, die „Abrahadabra“ so schwer verdaulich machten, stark zurückgefahren und sind nicht mehr derartig dominant. Und: Es gibt erstmals seit „Enthrone Darkness Triumphant“ (1997) keinen Klargesang mehr zu hören. Zumindest ersteres würde ich durchaus als positiv bezeichnen, an zweiterem scheiden sich ja schon länger die Geister.

Leider haben sich Dimmu Borgir jedoch nicht mit dieser Reduktion auf das Wesentliche begnügt, sie mussten den so entstandenen Freiraum offenbar dringend mit etwas Anderem füllen. Wenn das harte Riffs gewesen wären: Super, nur her damit. Aber das wäre wohl zu einfach gewesen, daher gibt es auf „Eonian“ erstmals in praktisch jedem Song Einlagen des gemischten Chors Schola Cantorum. Das und die Art des Songwritings führen dazu, dass dieses Album in meinen Ohren noch mehr nach einem Soundtrack klingt als sein Vorgänger. Es mag Leute geben, die das mögen – ich gehöre definitiv nicht dazu, wie ich nach zig Durchläufen feststellen musste. Ich will Dimmu Borgir so einfach nicht hören, nicht nur, weil das kaum noch Heavy Metal ist, sondern vor allem, weil sie es songwriterisch offenbar nicht drauf haben. Es ist das bekannte Problem: Dimmu Borgir haben ein Element gefunden, das ihnen – aus welchem Grund auch immer – gefällt und packen das mit Gewalt in jeden Song. Was in kleinen Dosen ok wäre, wird damit zum riesigen Ärgernis, weil es jeden Anflug eines guten Songs im Keim zu ersticken vermag.

Gute Einzelteile machen keine guten Songs.

Apropos „gute Songs“: Hier haben wir abseits von jeglicher Diskussion um den Stil die eigentliche Schwachstelle gefunden. Auf den sub-optimalen Studioalben ab „Death Cult Armageddon“ (2003) fand sich immer der eine oder andere gute Track, der zumindest im Rahmen der jeweiligen Platte (manchmal sogar darüber hinaus) überzeugen konnte. Auf „Eonian“ habe ich echte Schwierigkeiten, einen solchen Song zu finden. Es gibt gute Passagen (gut im Kontext dieses Albums, wohlgemerkt!), aber so richtig in Erinnerung will hier nichts bleiben. Zumindest nicht positiv – das viel diskutierte „Council of Wolves and Snakes“ mag ins kollektive Gedächtnis eingegangen sein, aber erfreulich ist das in diesem Fall nur bedingt. Ich finde die in dieser experimentellen Nummer gezeigte, okkulte Herangehensweise jedenfalls vollkommen unpassend für eine Band wie Dimmu Borgir, und das unabhängig davon, dass dieser Song auch musikalisch sehr gewöhnungsbedürftig ist.

Einigermaßen passt die Kombination auf „Eonian“ bei „Interdimensional Summit“, hinter dem man allerdings eher Nightwish und – bei der Melodieführung im SoloLimahl mit „Neverending Story“ (!) vermuten würde. Mein Favorit auf dem Album ist übrigens „Archaic Correspondence“, mit schwarzem Geriffe, fast schon an „For All Tid“ (1995) gemahnenden Keyboards und sparsameren Chor-Einsatz. Nur schade, dass der langsame Mittelteil hier die Dynamik so jäh unterbricht. Ein anderes Beispiel für partiell gelungenes Songwriting ist „Alpha Aeon Omega“, das schwarzmetallisch beginnt (gut!), ab der Hälfte dann aber plötzlich irgendwie folkig wird, inklusive fast schon heldenhaften Chören und Gitarrenharmonien, die man so vielleicht von Ensiferum oder meinetwegen auch von Summoning erwarten würde.

Der Rest der Platte ist meiner Ansicht nach nicht der Rede wert. Ironie des Schicksals, dass genau jene Teile von „Eonian“ gut klingen, die entweder von anderen Bands inspiriert scheinen oder zumindest einigermaßen die Black Metal-Wurzeln von Dimmu Borgir bloß legen. Genau, wenn sie das machen, womit sie 25 Jahre vor diesem Album begonnen haben, macht „Eonian“ sogar Spaß. Doch das Vergnügen währt immer nur kurz, denn der Fokus liegt mittlerweile klar woanders. Schade, dass sich Dimmu Borgir im Versuch, möglichst alle Geschmäcker zu bedienen, so verzettelt haben. Aber es hilft nichts: „Eonian“ ist meiner Meinung nach das bisher schwächste Album in der kompletten Diskographie dieser Band. Mit Abstand.

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Track – Titel – Länge – Wertung

  1. The Unveiling – 5:47 – 3/7
  2. Interdimensional Summit – 4:39 – 4/7
  3. Ætheric – 5:27 – 2/7
  4. Council of Wolves and Snakes – 5:19 – 3/7
  5. The Empyrean Phoenix – 4:44 – 3/7
  6. Lightbringer – 6:06 – 2/7
  7. I Am Sovereign – 6:48 – 2/7
  8. Archaic Correspondence – 4:55 – 5/7
  9. Alpha Aeon Omega – 5:18 – 4/7
  10. Rite of Passage – 5:16 – 3/7

Gesamteindruck: 2/7 


Dimmu Borgir auf “Eonian” (2018):

  • Shagrath – Vocals, Bass, Keyboards
  • Silenoz – Rhythm Guitars, Bass
  • Galder – Lead Guitars, Bass

Anspieltipp: Archaic Correspondence

 

MusikWelt: Abrahadabra

Dimmu Borgir


Dass Dimmu Borgir nicht dort weitermachen wollten, wo sie drei Jahre vor „Abrahadabra“ mit „In Sorte Diaboli“ aufgehört hatten, ist irgendwo verständlich. Es schien eine musikalische Sackgasse zu sein, in die sich die Norweger manövriert hatten – und die bis dahin so erfolgreiche Formel hatte begonnen, auch den letzten Optimisten schal zu schmecken. „Abrahadabra“ klingt tatsächlich ziemlich anders und kann damit durchaus als Versuch betrachtet werden, sich mit einer Art Frischzellenkur neu zu positionieren, ohne gänzlich auf die eigenen Trademarks zu verzichten.

Gesamteindruck: 4/7


Eine Art Frischzellenkur.

„In Sorte Diaboli“ (2007) war aus meiner Sicht kein ganz schlechtes Album, bis auf wenige Songs jedoch reichlich belanglos. „Abrahadabra“ bricht hingegen bereits äußerlich mit unverrückbar geglaubten Traditionen: auf den ersten Blick fällt der Verzicht auf den typischen Drei-Wort-Nonsens-Titel der Platte auf (nicht, dass dieser Titel irgendwie sinnvoll wäre). Erst recht schwindelig dürfte so manchem alten Fan beim Betrachten des Booklets werden: Die Band posiert nicht mehr im üblichen Schwarz sondern in schmutzigem Weiß. Ganz neu ist das nicht, erinnert vom Ansatz her ein wenig ans „weiße“ Cover von Immortals „Battles In The North“ (1995). Noch viel gravierender ist allerdings der personelle Umbruch im Hause Dimmu Borgir: Das einstige Sextett ist auf drei Mann geschrumpft. Unfreiwillig raus sind die langjährigen Mitglieder Mustis (Keaboard) und ICS Vortex (Bass/Klagesang), außerdem war auch für Schlagzeug-Legende Hellhammer nach nur zwei Alben und ein paar Konzerten wieder Schluss. Neben den Gründungsmitgliedern Shagrath (Gesang) und Silenoz (Rhythmus-Gitarre) bleibt Galder (Lead Gitarre) in der Band, die vakanten Positionen wurden durch Gastmusiker aufgefüllt, die das Trio auch live unterstützen sollten. Fix angestellte Mitglieder wollte man sich offenbar nicht mehr an Bord holen.

Aus musikalischer Sicht stellt sich folgerichtig die Frage, wie sehr speziell die Abgänge von Mustis und Vortex den Sound der Norweger verändert haben; vor allem letzterer trug ja mit seiner charismatischen Stimme einen Gutteil zur Einzigartigkeit der Band bei. Nun denn: „Abrahadabra“ beginnt nach dem üblichen Intro mit „Born Treacherous“, das sich anfangs gar nicht so sehr von dem unterscheidet, was Dimmu Borgir in den Jahren vorher veröffentlicht haben. Heißt: Harte, ansatzweise auf die Black-Metal-Wurzeln der Band verweisende Gitarren treffen auf ein Rhythmus-Fundament, das eher nach Industrial Metal klingt und die Stimme von Shagrath, die mir gar nicht so schlecht gefällt. Bereits nach wenigen Takten horcht man jedoch erstmals auf – ein sehr dominantes Orchester setzt ein, der Refrain (naja…) ist von Chören unterlegt. Manche werden sich fragen, was daran neu sein soll, denn Orchesterparts kommen bei Dimmu Borgir seit längerer Zeit regelmäßig wieder vor. Stimmt, hier ist jedoch erstmals so was wie komplette Gleichberechtigung zwischen Band und Orchester zu hören, heißt: Die klassischen Musiker agieren wie zusätzliche Instrumente und greifen nicht nur unterstützend ein.

Nutzt sich rasch ab.

Anfangs geht das sogar noch einigermaßen gut. Neben „Born Treacherous“ sind das schon vorab bekannte „Gateways“ (mit dem zusätzlichen Element der äußerst aggressiven Stimme von Agnete Kjølsrud) sowie die folgenden „Chess With The Abyss“ und „Dimmu Borgir“ durchaus interessant, danach beginnt sich allerdings ein gewisser Abnutzungseffekt einzustellen. Zu ähnlich ist das Songwriting, sodass Tracks wie „Ritualist“ oder „The Demiurge Molecule“ nahezu identitätslos an mir vorbeirauschen. Wie schon früher bei Dimmu Borgir ist es bei ersterem Song einmal mehr der Einsatz von Klargesang, der zumindest ein wenig aufhorchen lässt. Am zweiten Mikro steht hier Multitalent Snowy Shaw (einem größeren Publikum wohl am ehesten als Gastsänger bei Therion bekannt) – schade, dass der Schwede nicht permanent ins Lager von Dimmu Borgir wechselte, er wäre sicherlich auch live eine Bereicherung und ein guter Ersatz für ICS Vortex gewesen; aber das führt jetzt zu weit. Einziger Song, auf dem die Band das Orchester dominiert, ist das heftige „Renewal“. Hier fügt sich der Klargesang noch mal besser ins Bild ein, was aber nicht heißt, dass die Nummer per se überzeugend ist.

Metal?

Soviel zu den Songs an sich, die leider einmal mehr nicht durchgehend überzeugen können. Doch auch, wenn man einzelne Tracks gelungen finden kann, bedeutet das noch nicht, dass das Album als Ganzes überzeugt – denn die Geister scheiden sich bei „Abrahadabra“ meines Erachtens an anderer Stelle: Stellenweise ist von der üblichen Metal-Instrumentierung bis auf das Schlagzeug nichts zu hören und das Orchester übernimmt die gesamte Melodieführung. Dadurch entsteht für die gesamte Platte ein regelrechter Soundtrack- bzw. Musical-Charakter, der „Abrahadabra“ zwar wie aus einem Guss klingen lässt, gleichzeitig aber nicht mehr viel mit Heavy- oder gar Black Metal zu tun hat. Dazu sei am Rande außerdem angemerkt, dass man sich stellenweise nicht wundern würde, wenn statt dem Gekrächze von Shagrath plötzlich lieblicher Nightwish-Gesang ertönen würde. Auch nicht gerade das, was man in Verbindung mit Dimmu Borgir haben möchte…

Im ersten Moment mag „Abrahadabra“ sogar beeindruckend klingen, wenn man länger hinhört, merkt man aber, dass vieles davon eher auf den maximalen Effekt ausgerichtet ist, die Langzeitwirkung hingegen ausbleibt. „Überambitioniert“ ist ein weiterer Ausdruck, der mir dazu einfällt. Vielleicht könnte man sich die vielen Spuren, die Dimmu Borgir auf das Album gepresst haben, sogar schönhören, dazu müssten die Songs aber deutlich spannender und besser geschrieben sein. Tatsächlich glaube ich, dass ohne eine gewisse Affinität zu klassischer Musik „Abrahadabra“ so manchem vielleicht sogar als unhörbar erscheinen könnte. Alles in allem finde ich „Abrahadabra“ aber ein wenig stärker als das konzeptlose Konzeptalbum „In Sorte Diaboli“. Zumindest im ersten Moment schmeckt das, was uns die Osloer auf dem 2010er-Longplayer kredenzen, deutlich frischer. Und das ist besser als nichts. Ein Meisterwerk ist freilich weder die eine noch die andere Platte.


Track – Titel – Länge – Wertung

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  1. Xibir – 2:50 – 3/7
  2. Born Treacherous – 5:02 – 4/7
  3. Gateways – 5:10 – 5/7
  4. Chess With the Abyss – 4:08 – 5/7
  5. Dimmu Borgir – 5:36 – 5/7
  6. Ritualist – 5:14 – 4/7
  7. The Demiurge Molecule – 5:31 – 2/7
  8. A Jewel Traced Through Coal – 5:16 – 3/7
  9. Renewal – 4:11 – 4/7
  10. Endings And Continuations – 5:58 – 3/7

Gesamteindruck: 4/7 


Dimmu Borgir auf “Abrahadabra” (2010):

  • Shagrath – Vocals, Keyboards
  • Silenoz – Rhythm Guitars, Backing Vocals
  • Galder – Lead Guitars, Backing Vocals

Anspieltipp: Gateways

 

MusikWelt: In Sorte Diaboli

Dimmu Borgir


Hier haben wir es also: Das erste Album von Dimmu Borgir, bei dem ich mich nach den ersten Durchläufen im Jahre 2007 tatsächlich an Enttäuschung meinerseits erinnern kann. Klar, aus heutiger Sicht und bei ganz genauem Hinhören sind alle Alben der Norweger – mit Ausnahme des genau zehn Jahre zuvor erschienenen, nach wie vor grandiosen „Enthrone Darkness Triumphant“ – nicht so toll, wie ich sie im Gedächtnis hatte. „In Sorte Diaboli“ (2007) war aber die erste Platte, bei der ich direkt merkte, dass sie mir über weite Strecken nicht gefällt.

Gesamteindruck: 3/7


Unaufhaltsamer Abstieg.

Anno 2007 erwartete man von Dimmu Borgir selbstverständlich schon lange kein schwarzmetallisches Manifest mehr, sondern ein solides Album mit dem einen oder anderen Hit. Derer stehen dann auch wirklich zwei auf „In Sorte Diaboli“: Der Opener „The Serpentine Offering“ ist ein vielversprechender Auftakt für das erste Konzeptwerk von Dimmu Borgir. Die Stimmung des Songs passt gut zur Geschichte, die das Album erzählt: Ein Priester, der im mittelalterlichen Europa an seinem Glauben zu zweifeln beginnt und schließlich den Mächten des Bösen verfällt. „The Serpentine Offering“ ist eingängig, dennoch dunkel genug, um zu überzeugen – so will man das von Dimmu Borgir hören. Oder auch nicht, aber das ist ein anderes Thema.

Zweiter Treffer ist „The Sacrilegous Scorn“, das wie „The Serpentine Offering“ und „The Chosen Legacy“ mit einem (recht aufwändigen) Videoclip ausgestattet wurde. Auch dieses Stück kann mit den Attributen punkten, die man an Dimmu Borgir entweder seit „Spiritual Black Dimensions“ (1999) samt Nachfolgern entweder hasst oder die man von der Band unbedingt hören möchte. Also Klargesang von Bassist ICS Vortex, den aggressiven Gegenpart von Shagrath, ein paar Passagen zum Mitschreien, Orchester-artige Arrangements von Keyboarder Mustis und hie und da einen leichten Industrial-Touch. Passt für mich – wobei hier (und mehr noch bei „The Serpentine Offering“) bereits auffällt, dass die Norweger sehr sparsam mit den Texten sind. Nicht, dass die bei Dimmu Borgir jemals eine Offenbarung gewesen wären… Vielleicht ist es aber auch so, dass es auf „In Sorte Diaboli“ umso mehr auffällt, weil sich Silenoz hier zur Umsetzung des Konzepts tatsächlich mal an sinnvollen Lyrics versuchen musste, was vorher nie der Fall gewesen war. In diesem Zusammenhang sei auch noch erwähnt, dass der Titel des Albums (deutsch etwas „Im Auftrag des Teufels“) erstmals seit 1997 vom völlig sinnfreien Drei-Wort-Nonsens abweicht.

So viel zu den Songs auf „In Sorte Diaboli“, die ich seit 1997 in guter Erinnerung habe und die den test of time für mein Dafürhalten gut überstanden haben. Beim neuerlichen Hören des gesamten Albums ist mir ein weiterer Track positiv aufgefallen, den ich damals gar nicht auf dem Schirm hatte: „The Ancestral Fever“ ist eine vergleichsweise langsame Nummer, die im Gegensatz zum Rest der Platte tatsächlich sowas wie Black Metal-Atmosphäre verbreitet – natürlich im Rahmen des Dimmu Borgir’schen Soundkosmos, dessen bin ich mir durchaus bewusst. Dennoch, das ist ein guter, sehr dunkler Song, der mir zu Unrecht vollkommen entfallen ist. In dessen Genuss kommen übrigens nur Besitzer einer europäischen Variante des Albums.

Die übrigen sechs Nummern (darunter mit „The Fallen Arises“ ein Instrumental) sind hingegen reichlich unspektakulär ausgefallen. Es gibt gelegentlich Momente, in denen man aufhorcht, meist sind das aber in immer recht ähnlicher Form reingebrüllte Textzeilen wie „In sorte! Diaboli!“ („The Chosen Legacy“) oder „Antichristus! Spiritualis!“ („The Sinister Awakening“). Das ist zwar auch bei „The Serpentine Offering“ so („Share my sacrifice!“), aber dort stimmt der Rest des Materials halt auch, während bei genannten Nummern bis auf diese paar Worte so gut wie nichts hängenbleibt.

Viel Beliebigkeit.

Und genau das ist das Problem von „In Sorte Diaboli“ als Gesamtwerk. Bis auf wenige Momente verschwimmen die Songs ineinander, sind kaum unterscheidbar und wirken wie eine einziges, langes Hintergrundrauschen. Es hilft natürlich nicht, dass fast alle Tracks in ähnlichem Tempo aus den Boxen kommen – das Hauptübel würde ich jedoch definitiv im Songwriting an sich verorten. In meinen Ohren verstärkt sich hier ein Faktor, der spätestens seit „Puritanical Euphoric Misanthropia“ (2001) bei Dimmu Borgir Einzug gehalten hat: Es gibt zu viel Beliebigkeit.

Für mein Dafürhalten setzt die Band unbegreiflicherweise nicht auf die paar lichten Momente, die jedes (!) ihrer neueren Alben hat, sondern genau auf die Art von Song, bei dem ich mich frage, wem das eigentlich wirklich gefällt. Das, was auf „In Sorte Diaboli“ über weite Strecken geboten wird, ist dementsprechend weder Fisch noch Fleisch – die Zugänglichkeit für die moderne Generation fehlt, umgekehrt ist das Material aber auch nicht wirklich progressiv oder auch nur ansatzweise tiefgründig. Und auch die düstere Atmosphäre ist maximal in homöopathischen Dosen vorhanden; kurz: Es fehlt hier an allem, vor allem aber an Seele. Daran kann auch die höchst professionelle Umsetzung (Technik, Produktion, Mix) nichts ändern. Eventuell ist die sogar ein Hinderungsgrund (klinischer Drumsound, anyone?), aber das führt jetzt zu weit.

Fazit: Dafür haben die Osloer tatsächlich 4 Jahre seit dem letzten regulären Album „Death Cult Armageddon“ (2003) gebraucht? „In Sorte Diaboli“ ist für mich neben dem noch reichlich amateurhaften aber weit atmosphärischeren Debüt „For All Tid“ (1995) der bis zu diesem Zeitpunkt schwächste Output von Dimmu Borgir. Mit Abstand. Da wird es dann auch zur Randnotiz, dass kvlt-Drummer Hellhammer zum zweiten Mal nach der semi-gelungenen „Stormblåst“-Neueinspielung von 2005 die Felle gerbt. Ganz ehrlich: Vermutlich wäre es sogar noch ein Punkt weniger geworden, wenn ich nicht wüsste, was in den folgenden Jahren noch aus dem Hause Dimmu Borgir auf uns zukommen würde….


metal-archives.com

Track – Titel – Länge – Wertung

  1. The Serpentine Offering – 5:09 – 6/7
  2. The Chosen Legacy – 4:16 – 4/7
  3. The Conspiracy Unfolds – 5:23 – 3/7
  4. The Ancestral Fever [europäischer Bonustrack] – 5:51 – 6/7
  5. The Sacrilegous Scorn – 3:58 – 6/7
  6. The Fallen Arises – 2:59 – 2/7
  7. The Sinister Awakening – 5:09 – 4/7
  8. The Fundamental Alienation – 5:17 – 2/7
  9. The Invaluable Darkness – 4:44 – 3/7
  10. The Foreshadowing Furnace – 5:49 – 3/7

Gesamteindruck: 3/7 


Dimmu Borgir auf “In Sorte Diaboli” (2007):

  • Shagrath – Vocals
  • Silenoz – Rhythm Guitars
  • Galder – Lead Guitars
  • ICS Vortex – Bass, Vocals
  • Hellhammer – Drums
  • Mustis – Keyboards

Anspieltipp: The Serpentine Offering

 

MusikWelt: Stormblåst MMV

Dimmu Borgir


Ich gestehe, dass ich das zweite Album von Dimmu Borgir, „Stormblåst“ (1996), erst nach vorliegender Fassung von 2005 kennengelernt habe. Mir waren zwar einzelne Songs bekannt, aber intensiver damit beschäftigt habe ich mich erst 10 Jahre nach der Veröffentlichung. Dass es überhaupt so gekommen ist, ist mit Sicherheit auch „Stormblåst MMV“ zu verdanken. Denn dieses Album klingt für jemanden, der wie ich erst mit „Enthrone Darkness Triumphant“ (1997) bei Dimmu Borgir eingestiegen ist, völlig anders als die gewohnte Musik der Norweger. Die Neugier war damit geweckt und es war nur noch ein kleiner Schritt bis zur Entdeckung des Originals. Hier geht es allerdings um die Neuaufnahme – oder auch nicht, denn eine Rezension derselben ist meines Erachtens nicht möglich, ohne auf das 1996er-Werk Bezug zu nehmen.

Gesamteindruck: 4/7


Guter Sound macht nicht alles besser.

Eines musste man Stian Aarstad, Keyboarder auf „„Stormblåst“ (1996), lassen: Er wusste ganz genau, was er klauen und wie er es einsetzen musste, um der Musik von Dimmu Borgir den letzten Kick zu verpassen. Das wird einem gleich bei den ersten Takten des „Stormblåst MMV“-Openers „Alt Lys er Svunnet Hen“ klar, aus dem die markante Keyboard-Melodie der Originalaufnahme komplett entfernt wurde. Ja, die Nummer bleibt dennoch gut, aber ein ganz so großes Ausrufezeichen wie ihr 1996er-Pendant ist sie in meinen Ohren nun nicht mehr. Zur Erklärung: Aarstad hatte für diesen Song 1996 „Sacred Hour“ von Magnum plagiiert, ohne seine Bandkollegen darüber zu informieren.

Im weiteren Verlauf von „Stormblåst MMV“ zeigt sich dann, dass die Neuauflage dem Original generell in fast allen Punkten unterlegen ist. Ja, ich weiß, das klingt ein bisschen nach ewiggestrigem Klischee – nur ist es aus meiner Sicht tatsächlich so, dass das, was ich oben über „Alt Lys er Svunnet Hen“ geschrieben habe, auf mehrere Songs dieses Albums passt. Nehmen wir zum Beispiel eine weitere, im Original sehr starke Nummer: „Broderskapets Ring“. Auch hier wurden Keyboard-Elemente des Originals entfernt und in diesem Fall durch ähnliche Gitarrenriffs ersetzt. Und auch hier gereicht das dem Song meines Erachtens nicht zum Guten, nimmt ihm sein ursprüngliches Feeling. Doch während ich beim Opener den Grund für die Maßnahme verstehen kann, erschließt sich die Veränderung in „Broderskapets Ring“ für mich nicht, es sei denn, man wollte einfach alles entfernen, das an den als Plagiator entlarvten Ex-Keyboarder erinnert. Wenn dem so ist, hat man damit unbeabsichtigt erreicht, dass deutlich zu hören ist, wer die Songs der Osloer Formation damals offenbar über den Durchschnitt hinaus gehoben hat.

Sorgen mit der Kammer.

Ein Stück von 1996 musste überhaupt komplett dem Rotstift zum Opfer fallen: „Sorgen’s Kammer“, das ebenfalls den Makel des Plagiats (in diesem Fall stammt die Melodie aus dem Computerspiel „Agony“) trug, wurde durch einen neu komponierten Song mit dem kreativen Namen „Sorgen’s Kammer – Del II“ ersetzt. Spätestens bei diesem Track wird es ein wenig ungemütlich für die Herren Shagrath und Silenoz: Die Neukomposition kann weder musikalisch noch atmosphärisch mit dem mithalten, was auf „Stormblåst“ ein Highlight war. Übrigens gilt ähnliches für das zweite neue Lied auf „Stormblåst MMV“, „Avmaktslave“, mit dem ich noch weniger anfangen kann. Beiden gemein ist, dass sie sich im Reigen der älteren Kompositionen wie Fremdkörper ausmachen und einen deutlichen Unterschied in Sachen Songwriting offenbaren, obwohl sie angeblich Überbleibsel der damaligen Sessions sein sollen. So wie anno 1996 wollten oder konnten Shagrath und Silenoz jedenfalls nicht mehr, was bei einem neuen Album vollkommen in Ordnung wäre – nicht aber, wenn man auf einer Neueinspielung den Geist alter Zeiten beschwören möchte. Ganz besonders eklatant wird diese Diskrepanz übrigens beim Gesang von „Sorgens Kammer – Del II“, der im Gegensatz zu den anderen neu aufgenommenen Nummern nicht mal versucht, sich am Geist von ’96 zu orientieren. Elektronisch verfälschte Vocals sind ein Markenzeichen neuerer Dimmu Borgir. Ja, auch das kann man machen, aber irgendwie finde ich es nicht so richtig passend, weil man ja versucht hat, beim Rest des Albums einigermaßen originalgetreu zu agieren, wo es möglich war.

An dieser Stelle nebenbei bemerkt: Das Albumcover zeigt deutlich, wie sehr sich die Zeiten geändert haben. „Stormblåst“ mit seinem mysteriösen, vom Boden aus betrachteten Turm, fand und finde ich großartig. „Stormblåst MMV“ ist hingegen… wie sagen die Kids heute? … random bebildert. Das Covermotiv ist dermaßen beliebig, ich habe das Gefühl, man hätte einfach den Reaper von Children of Bodom genommen, weil der irgendwie cool ist und ihm mit dem Computer ein paar Hörner aufgesetzt. Ganz schwach.

Besser als vieles nach „Enthrone Darkness Triumphant“.

Böse Zungen könnten behaupten, dass ausgerechnet zwei der besten Songs auf „Stormblåst“ nur reüssieren konnten, weil sie nicht auf eigenen Ideen von Dimmu Borgir fußten. Stimmt, ungefähr. Allerdings muss man den Osloern zugute halten, dass „Alt Lys er Svunnet Hen“ ganz grundsätzlich eine gute Nummer ist, woran auch das fehlende Plagiat nicht so viel ändert, wie man meinen könnte. Das ist nämlich die Kehrseite der Medaille, die ebenfalls mit den ersten Takten dieses Songs auffällt: Der Unterschied zu dem, was Dimmu Borgir seit der Jahrtausendwende veröffentlicht haben, ist eklatant. Die Atmosphäre unterscheidet sich massiv von dem, was man z.B. auf dem unmittelbaren Vorgänger von „Stormblåst MMV“, „Death Cult Armageddon“ (2003), findet. Und ich muss ehrlich sagen, dass mir die älteren Dimmu Borgir trotz aller Probleme der Neuaufnahme besser gefallen, so merkwürdig es mir im ersten Moment auch fällt, das zu schreiben, weil ich im Falle dieser Truppe immer eher ein Fan der neueren Alben war.

Aber man höre nur „Når Sjelen Hentes til Helvete“ – die Nummer, die meines Erachtens tatsächlich stark von der besseren Produktion profitiert und mit Abstand das Highlight auf „Stormblåst MMV“ ist. Hier zeigen die Osloer, dass sie a) früher mal wirklich starken Black Metal machen konnten und b) derartige Musik nicht zwangsweise mies produziert sein muss, um Atmosphäre zu entfalten. Dieser Song ist letztlich besser als vieles, was die Norweger nach 1997 auf den Markt gebracht haben. Wer ein bisschen was mit altmodischem Black Metal anfangen kann und von Dimmu Borgir nicht nur überbordende Keyboards hören möchte, wird das vermutlich wie ich sehen. Überhaupt ist das sehr einfache und straighte Songmaterial von „Stormblåst MMV“ eine Wohltat für die von Orchester-Bombast überlasteten Ohren. Zugegeben, auch nach 1997 hatten Dimmu Borgir große Momente („The Insight and the Catharsis“, um nur ein Beispiel zu nennen). Aber „richtiger“ für den Black Metaller fühlt sich definitiv an, was auf „Stormblåst“ und damit auch auf „Stormblåst MMV“ steht. Klingt wirr? Mag sein, ich weiß auch nicht recht, wie ich das beschreiben soll.

Auch das Original war nicht nur gut.

Nostalgie hin oder her, man muss konstatieren, dass bereits auf dem originalen „Stormblåst“ bei weitem nicht alles Gold war, was glänzte. Dazu (und zur Überlegenheit der ersten Albumhälfte) habe ich in meiner dortigen Rezension einiges geschrieben und daran ändert auch die zeitgemäße Produktion, die allgemein betrachtet schon ein Pluspunkt von „Stormblåst MMV“ ist, nichts. Richtig gelesen, ich finde den Klang hier tatsächlich besser, das Album wirkt härter und kälter als sein Vorbild. Ich glaube, dass das der Platte gut zu Gesicht steht, wobei man auch hier ein „aber“ setzen könnte (das jedoch nicht so viel mit der Produktion an sich zu tun hat): Als Drummer fungiert hier Hellhammer, der offenbar Gefallen daran findet, fast jede Nummer ein klein wenig schneller einzuspielen, als sie ursprünglich aufgenommen worden war. Gut, er ist definitiv der bessere Schlagzeuger als es Tjodalv anno 1996 war – dennoch ist das eine Änderung, die der Atmosphäre nicht immer gut tut. Das fällt aber vermutlich eh nur denen auf, die das Original tatsächlich in- und auswendig kennen.

Wie dem auch sei – wie sein 1996er-Pendant lässt auch „Stormblåst MMV“ irgendwann nach dem Titeltrack (der übrigens in der neuen Variante besser, weil kälter und schneidender ist) nach. In Sachen Produktion zeigt sich aber, dass eher schwache Nummern wie „Dødsferd“ tatsächlich besser geworden sind. Und auch das im Original schon gute „Vinder fra en Ensom Grav“ bekommt einen schönen Kick, der ihm ganz gut tut. Interessanterweise finde ich aber, dass der Mix, der übrigens von Peter Tägtgren stammt (ja, jenem Mann, der „Spiritual Black Dimensions“ anno 1999 so übel mitgespielt hat) das ohnehin schon schwache „Antikrist“ erst recht ruiniert.

Wie soll man das alles nun bewerten? Ich sag‘ mal so: Den guten Songs auf dem Original-“Stormblåstschadet die Neuaufnahme, von wenigen Ausnahmen abgesehen. Trotz von einer allgemeinen Warte aus gesehen besserem Klang, nimmt sie ihnen einfach die Atmosphäre, die sie 1996 besonders gemacht hat. Ja, es ist wirklich merkwürdig: “Stormblåst hatte mit einer dünnen, kraftlosen Produktion zu kämpfen und klang stellenweise viel zu zahm für Black Metal. Das wurde 2005 behoben – und siehe da, so richtig passt es nun nicht mehr. Offenbar hatte der unorthodoxe Sound doch sein Gutes. Umgekehrt zeigt sich, dass einige der im Original recht schwachen Songs durch die verbesserte Tontechnik zumindest sehr gut hörbar geworden sind, auch wenn sie das nicht zu Alltime-Classics macht.

Zu welcher Platte man nun greifen soll, kann ich nicht abschließend beantworten. Ich persönlich tendiere zum Original, gebe aber zu, dass man als moderner Hörer mehr Arbeit investieren muss, als in die 2005er-Fassung. Im Endeffekt sind es – und das ist jetzt vielleicht unbefriedigend – praktisch zwei verschiedene Alben. Ja, trotz aller Vergleiche komme ich zu diesem Schluss. Man kann und sollte sich meines Erachtens unbedingt beide zu Gemüte führen, dann kann man sich vielleicht ein Urteil bilden. Bei mir schneidet “Stormblåst MMV im Gesamteindruck nicht so schlecht ab, wie ich anfangs dachte. Ein Punkt weniger als das Original.


Track – Titel – Länge – Wertung

  1. Alt Lys er Svunnet Hen – 4:44 – 6/7

    metal-archives.com

  2. Broderskapets Ring – 5:30 – 4/7
  3. Når Sjelen Hentes til Helvete – 4:43 – 7/7
  4. Sorgens Kammer – Del II – 5:51 – 3/7
  5. Da den Kristne Satte Livet til– 4:46 – 5/7
  6. Stormblåst – 6:10 – 6/7
  7. Dødsferd – 5:42 – 4/7
  8. Antikrist – 3:36 – 2/7
  9. Vinder fra en Ensom Grav– 4:00 – 6/7
  10. Guds Fortapelse – Åpenbaring av Dommedag– 4:01 – 4/7
  11. Avmaktslave – 3:54 – 2/7

Gesamteindruck: 4/7 


Dimmu Borgir auf “Stormblåst MMV(2005):

  • Shagrath – Vocals, Lead Guitars, Bass
  • Silenoz – Rhythm Guitars, Bass, Vocals
  • Mustis [Guest] – Keyboards, Piano
  • Hellhammer [Guest] – Drums, Percussion

Anspieltipp: Når Sjelen Hentes til Helvete