MusikWelt: Something Wild

Children of Bodom


Children Of Bodom nehmen in meiner persönlichen musikalischen Historie eine ähnliche Stellung ein wie HammerFall: Sie waren für meinen endgültigen Einstieg in den Metal (mit-)verantwortlich. Sie haben mich lange Zeit begleitet, ich war Fan der ersten Stunde und glaubte damals nicht, dass „meiner“ Band jemals etwas misslingen würde. Und doch: Wie bei den schwedischen Power Metallern ist auch die Karriere der finnischen Melodic Deather gekennzeichnet von einer steilen Erfolgskurve auf die der unausweichliche Fall folgen sollte. „Something Wild“, das Debüt der Truppe aus Espoo, datiert aus dem großartigen Metal-Jahr 1997. Und auch wenn der Erstling von Children of Bodom nicht ganz so stark ist wie andere Veröffentlichungen aus jenem Jahr, ließ sich zumindest erahnen, dass Children of Bodom für Großes bestimmt waren.

Gesamteindruck: 3/7


(Zu) Wild.

Der Effekt, wenn man „Something Wild“ anno 2019 erstmals nach langer Zeit hört, ist ähnlich dem musikalisch völlig anders gelagerten HammerFall-Debüt „Glory to the Brave“: Das ist alles nicht schlecht, aber die damalige Euphorie (die eigene und die vieler anderer Zeitzeugen) scheint im Nachgang ein bisschen übertrieben. Die mag sich zwar durch die für den gemeinen Metal-Fan zähen Jahre vor 1997 erklären lassen – Fakt ist jedoch, dass mich „Something Wild“ heute nicht mehr so richtig vom Hocker reißt. Im Vergleich zum Erstwerk von HammerFall fällt das sogar noch mehr ins Gewicht, weil Children of Bodom auf ihrem Debüt keinen Übersong á lá „Glory to the Brave“ zu bieten haben.

Begibt man sich auf Spurensuche, kommt man dem Problem relativ rasch auf die Schliche: „Something Wild“ besteht aus vielen starken Ansätzen. In manchen Fällen reicht das für richtig gute Songs, insgesamt wirkt die Platte aber chaotisch und wie Stückwerk. Nicht falsch verstehen: Viele Fans schätzen bis heute die jugendliche Wildheit, mit der die Band hier voll auf Angriff geht. Das sei jedem unbenommen – ich persönlich finde aber die um den Dreh strukturierteren Nachfolger, die den genialen Ideen tatsächlich Raum zum Atmen geben, stärker.

Kurz, knackig – und stellenweise anstrengend.

Auf „Something Wild“ werden 7 Songs in knapp 36 Minuten dargeboten. Kurz und knackig ist das Album demnach, was kein Nachteil ist und die Anstrengung beim Hören in Grenzen hält. Ja, richtig gelesen: Diese Platte kann tatsächlich etwas anstrengend sein, ein Attribut, das leider auch auf einige der neuesten Alben von Children of Bodom zutrifft. Als voll und ganz gelungen empfinde ich auf dem Debüt nur zwei Nummern: „Red Light in My Eyes, Pt. 1“ und „Touch Like Angel of Death“. Ersteres verfügt dank guten Refrains und klassischen Aufbaus über hohen Wiedererkennungswert – abgesehen davon sehe ich mich selbst vor über 20 Jahren, wie ich lauthals „Hate! I can’t control it anymore!“ brülle, was mir damals ziemlich rebellisch vorkam. „Touch Like Angel of Death“ ist der Rausschmeißer und ein Track, der zeigt, dass die Finnen tatsächlich etwas von Songwriting verstehen, auch wenn die Nummer hart an der Grenze ist, die das pure Chaos von sinnigem Liedgut trennt.

Der Rest der Songs besteht aus guten und schwächeren Parts, ohne dass eine Nummer durchgängig stark wäre. Daher erinnert man sich auch kaum, wie die Stücke als Ganzes klingen – oder könnte jemand aus dem Stegreif „The Nail“ erkennen, wenn man das legendäre Intro weglassen würde? Ein anderes Beispiel für meine Probleme mit „Something Wild“ ist „Lake Bodom“, das aus einem starken Intro und dem grandiosen Anfangsriff herzlich wenig macht. Oder das aus interessanten, fast schon an atmosphärischen Black Metal erinnernde Parts bestehende „In the Shadows“. Gerade an dieser Nummer lassen sich a) die vermeintliche Orientierungslosigkeit, die man einer jungen Band aber nicht vorwerfen mag und b) diverse großartige Ansätze erkennen, die leider nicht in einen komplett schlüssigen Song umgesetzt werden. Und so ist man ständig versucht, „Schade!“ zu denken, wenn man sich „Something Wild“ anhört: Schade, dass das dauernd durchscheinende Potenzial nicht so richtig abgerufen wird.

Überambitioniert?

Bereits auf diesem Debüt ist merkbar, dass die jungen Finnen damals schon gestandene Musiker waren. Ihr Songwriting ist zwar noch chaotisch, aber die Leistung an den Instrumenten sehr stark. Am auffälligsten natürlich Sänger/Gitarrist Alexi „Wildchild“ Laiho und Keyboarder Janne „Warman“ Wirman, die bis heute die Eckpfeiler der Band bilden. Aber auch die Rhythmus-Fraktion weiß zu überzeugen (übrigens hat sich am Line-up von Children of Bodom seit dem Debüt, das zum Zeitpunkt dieser Rezension 22 Jahre alt ist, wenig geändert, sieht man von der Position an der zweiten Gitarre ab). An dieser Stelle sei mir ein letzter Blick nach Schweden erlaubt: „Glory to the Brave“ ist insgesamt sicher das bessere Debüt, allerdings muss man dazu sagen, dass die Musik von HammerFall deutlich einfacher gehalten ist und man auch gehörige Songwriting-Unterstützung von Jesper Strömblad (In Flames) hatte. Ob das nun bedeutet, dass Children of Bodom überambitioniert zu Werke gegangen sind oder einfach munter drauflos gespielt haben, ohne sich um irgendwelche Konventionen zu scheren, sei dahingestellt.

Abschließend noch was zum Genre: „Something Wild“ wird, wie auch der Rest der Diskographie von Children of Bodom, gemeinhin im Melodic Death Metal verortet. Das macht die Finnen zu Genre-Geschwistern von z.B. In Flames macht, die dann aber doch einigermaßen anders klingen. Der Einfachheit halber würde ich es dennoch dabei belassen, wobei man sicher darüber streiten kann, ob wir es hier nicht doch eher mit schnellem Heavy Metal mit harschen Vocals zu tun haben. Typisch für den finnischen Metal jener Zeit ist die Musik so oder so: Exzessiver, gerne neo-klassizistischer Keyboard-Einsatz und hochmelodiöse, schnelle Gitarrenleads kennzeichnen nicht nur den Output von Children of Bodom, sondern sind auch bei Bands wie Stratovarius, Nightwish und Sonata Arctica zu finden. Der größte Unterschied zu diesen Künstlern liegt – neben den härteren Riffs – in den Vocals: Frontmann Alexi Laiho singt nicht, er bellt und schreit seine Texte mit heiserer Reibeisenstimme heraus. Gleichwohl geht er dabei leider nicht so kraftvoll zu Werke wie diverse schwedische Genre-Vertreter, was er, wie ich mich dunkel erinnern kann, selbst mal indirekt in einem Interview mit den Worten „ich bin ein verdammter Gitarrist [und kein Sänger]“ eingeräumt hat. Das heißt nun aber nicht, dass die Vocals schlecht wären, Laiho hat seine Nische definitiv gefunden und klingt unverwechselbar.

3 von 7 Punkten für ein gutes, aber keineswegs herausragendes Debüt einer Band aus Finnland, von der in den folgenden Jahren noch viel zu hören sein sollte.

metal.de


Track – Titel – Länge – Wertung

  1. Deadnight Warrior – 3:21 – 3/7
  2. In the Shadows – 6:02 – 4/7
  3. Red Light in my Eyes, Pt. 1 – 4:28 – 6/7
  4. Red Light in my Eyes, Pt. 2 – 3:50 – 4/7
  5. Lake Bodom – 4:02 – 3/7
  6. The Nail – 6:17 – 2/7
  7. Touch like Angel of Death – 7:57 – 5/7

Gesamteindruck: 3/7 


Children Of Bodom auf “Something Wild” (1997):

  • Alexi „Wildchild“ Laiho – Vocals, Lead Guitars
  • Alexander Kuoppala – Rhythm Guitars
  • Henkka T. Blacksmith – Bass
  • Janne Warman – Keyboards
  • Jaska Raatikainen – Drums

Anspieltipp: Touch like Angel of Death

Werbeanzeigen

MusikWelt: Built to Last

HammerFall


Mit „(r)Evolution“ gingen HammerFall 2014 nach einer Serie belangloser Alben und dem schnell ad acta gelegten, ohnehin eher halbherzigen Kurswechsel „Infected“ (2011) zurück zu ihren Wurzeln. Epischer Power Metal, heroische Texte, catchy Refrains – all das dominierte plötzlich wieder den Sound der Göteborger und rief Erinnerungen an die seligen späten 1990er wach. Mit ihrem 10. Album „Built to Last“ setzt das Quintett diesen Kurs anno 2016 fort – kein Fehler, zumal das Niveau im Großen und Ganzen stimmt.

Gesamteindruck: 5/7


Epische Hymnen und dämliche Texte.

Dabei machen es die Schweden zunächst durchaus spannend: Das Album beginnt mit dem schwachen Opener „Bring It!“. Dessen Strophen gehen zwar in Ordnung, der Refrain ist jedoch mehr oder weniger für die Tonne. Nachdem ich diese Nummer zum ersten Mal gehört habe, hatte ich tatsächlich schlimme Befürchtungen für das Album und erwartete einen Rückfall in die aus meiner Sicht schwächste HammerFall-Ära, die 2002 mit „Chapter V: Unbent, Unbowed, Unbroken“ begann und die fast ein Jahrzehnt andauern sollte.

Glücklicherweise ist die Eröffnungsnummer ein Ausrutscher und schon Track Nummer 2, „Hammer High“, zeigt die Templer wieder von ihrer besten Seite. Stampfender Rhythmus, mächtiger Heldenchor, zweckmäßige Riffs und ein schönes Solo – was will man mehr. Von einem ähnlichen Schlag ist der Titeltrack, dessen Refrain sogar noch eine Spur ohrwurmiger ausgefallen ist. Andererseits fällt bei eben jenem Song auf, dass die Chöre doch nicht ganz so fett sind, wie man anfangs noch gemeint hat, sondern deutlich an Tiefe vermissen lassen (am ohrenfälligsten ist das beim a-capella-Refrain gegen Ende von „The Sacred Vow“, der den Eindruck erweckt, man hätte dafür ein paar Penner von der Straße ins Studio geholt). Auf der flotteren Seite – und nicht weniger stark – sind „Stormbreaker“, „The Star of Home“ und das hymnenhafte „Dethrone and Defy“. Richtig episch wird es am Ende des Albums mit „Second To None“, das mich als verhältnismäßig progressiver Song voll und ganz überzeugt. Das ist eigentlich untypisch für HammerFall, weil derartig komplexe Anwandlungen in der Historie der Band öfter mal in die Hose gegangen sind. Nicht so „Second To None“, das ich für eines der am besten komponierten HammerFall-Stücke überhaupt halte.

Kleinigkeiten stören den Gesamteindruck.

Freilich ist auch auf „Built to Last“ nicht alles Gold, was glänzt. Die Standard-Ballade „Twilight Princess“ ist zwar kein Fall für die Skip-Taste, begeistert mich aber eher nicht so – vor allem der Schluss, mit dem von Sänger Joacim Cans intonierten„Because the Twilight Princess is me…“ ist ziemlich… merkwürdig. Dann gibt es noch „New Breed“, das ähnlich wie „Bring It!“ an einem sehr holprigen Refrain leidet und damit die tolle Strophe (die ist hier sogar noch viel besser als beim Opener) zunichte macht. Schließlich ist noch das oben kurz angesprochene „The Sacred Vow“ zu nennen, das es für mein Dafürhalten mit der Selbstreferenz, die bei HammerFall ja ohnehin nie zu kurz kommt, übertreibt. Wenn man bei diesem Refrain nicht an „Templars of Steel“ denken muss, weiß ich auch nicht… Sorry, das ist mir eindeutig zu abgedroschen, auch wenn das im Zusammenhang mit den Tugenden, die man an HammerFall schätzt, merkwürdig klingen mag.

Was an „Built to Last“ jedenfalls noch kritisiert werden kann: Meister der Lyrik waren die Herren aus Göteborg ja noch nie. Aber was sie dem geneigten Zuhörer auf diesem Album kredenzen, haut den stärksten Hector aus der Ritterrüstung. Am besten ist es wohl im Refrain von „Hammer High“ zusammengefasst: „Hammer high, this is a freedom cry / Hammer high, no one should ask me why“. Genau, es ist wohl wirklich besser, man fragt nicht, warum. Ich hatte bei HammerFall ja schon öfter das Gefühl, dass ihre Texte hauptsächlich auf Worten, die miteinander kombiniert gut klingen und einigermaßen zur Melodie passen, basieren. Bisher habe ich den Mannen um Sangeswunder Joacim Cans das durchgehen lassen – auf „Built to Last“ wirken die Lyrics allerdings dermaßen hingeschludert, dass man nicht mehr darüber hinwegsehen kann. Erinnert ein bisschen an Manowar, auch wenn deren Wortschatz noch einmal eine Nummer begrenzter ist. Und nein, ein Kompliment ist das in diesem Fall nicht, auch, wenn man beide Bands ob ihrer Einfachheit schätzt, ist das meiner Meinung nach reine Faulheit.


Track – Titel – Länge – Wertung

metal-archives.com

  1. Bring It! – 4:18 – 3/7
  2. Hammer High – 4:37 – 5/7
  3. The Sacred Vow – 4:11 – 5/7
  4. Dethrone and Defy – 5:10 – 6/7
  5. Twilight Princess – 5:03 – 4/7
  6. Stormbreaker – 4:51 – 6/7
  7. Built to Last – 3:52 – 6/7
  8. The Star of Home – 4:478 – 6/7
  9. New Breed – 5:02 – 5/7
  10. Second to None – 5:29 – 7/7

Gesamteindruck: 5/7 


HammerFall auf “Built to Last” (2016):

  • Joacim Cans – Vocals
  • Oscar Dronjak – Guitars, Keyboards, Backing Vocals
  • Pontus Norgren – Guitars, Keyboards, Backing Vocals
  • Fredrik Larsson – Bass, Backing Vocals
  • David Wallin – Drums

Anspieltipp: Second to None

MusikWelt: (r)Evolution

HammerFall


Seit geraumer Zeit stellt sich der geneigte Fan bei jedem neuen HammerFall-Album instinktiv die Frage: Wie schlimm wird es? Auf dem Vorgänger von „(r)Evolution“, „Infected“ (2011), konnte man den Schweden erstmals nach vielen mageren Jahren einen positiven Bescheid ausstellen. Mit vorliegendem 2014er-Release können sie zumindest das Niveau halten. Interessanterweise gehen die Göteborger dabei – dem Titel zum Trotz – gleich mehrere Schritte zurück.

Gesamteindruck: 6/7


Evolution als Schritt zurück.

Was wurde nicht alles geredet und geschrieben, als „Infected“ auf den Markt kam. HammerFall, so der Tenor, hätten sich aus ihrem thematischen Korsett befreit – „endlich“ für die Einen, „leider“ für die Anderen. Aus heutiger Sicht zeigt sich, dass jenes Album ein thematischer Ausreißer war. Ein Einzelfall, der vielleicht nötig war, um die Band mal so richtig „durchzulüften“. Denn mit „(r)Evolution“ gehen HammerFall nur 3 Jahre später zurück an den Anfang: Bandmaskottchen Hector ist wieder auf dem Cover, der Rock-Anteil wurde zugunsten des ursprünglichen Melodic Power Metal der Göteborger zurückgefahren und auch die Lyrics lesen sich zum Teil so, als wäre es wieder 1997. Oder zumindest irgendwann zwischen 1997 und 2002.

Vor allem der Einstieg in „(r)Evolution“ versprüht klassischen HammerFall-Charme. Gleich mit dem Opener „Hector’s Hymn“ setzt man dem Herrn mit dem Hammer, der die Band seit ihren Anfängen begleitet und nur auf „Infected“ sträflich vernachlässigt wurde, ein musikalisches Denkmal. Klingt gut, auch wenn der Refrain fast schon ein bisschen zu cheesy ist – „Hammer high, to the sky“ ist schon eine sehr billige Zeile, dann auch noch „Hammer high, amplify“, was sogar ein bisschen peinlich ist. Andererseits ist man dann aber doch so froh, dass sich die Mannen aus Schweden auf ihre Wurzeln besinnen, dass man ihnen nicht böse sein mag und lieber lauthals mitgröhlt. Der darauf folgende Titeltrack ist auch nicht übel, eher langsam und mit einem Text versehen, der ein bisschen an den Manowar-Gassenhauer „Defender“ erinnert. Keine ganz große Klasse, aber eine schöne Nummer. Komplettiert wird das starke Triumvirat am Beginn der Platte durch „Bushido“. Eine relativ bekannte Nummer, die mir persönlich aber gar nicht so präsent war – auch, weil zu einer Zeit erschienen, als mich HammerFall nicht mehr interessierten. Noch dazu denkt man bei Bushido im deutschsprachigen Raum fast automatisch an einen gewissen Rapper, was meiner Ansicht nach auch nicht geholfen hat, mir den Song näherzubringen (obwohl ich natürlich weiß, dass das eine nichts mit dem anderen zu tun hat, aber wenn die Vorurteile mal drin sind… naja). „Bushido“ ist jedenfalls ein sehr guter Song, der sich nahtlos in die Riege der HammerFall-Hymnen einfügt. Besonders gelungen finde ich die kurze Reminiszenz an „The Way of the Warrior“ (von „Renegade“, 2000) gegen Ende des Songs – „Bushidō“ ist ja japanisch und steht für den Weg des Kriegers.

Doch damit nicht genug, „(r)Evolution“ hat weitere großartige Nummern zu bieten: Den Preis für den besten Song des Albums teilen sich in meinen Ohren „We Won’t Back Down“, bei dem James Michael (im Aufnahmestudio für die Gesangsspuren verantwortlich, ansonsten vielleicht bekannt als Sänger von Sixx:A.M.) im Duett mit Joacim Cans singt und das schnelle, mit super-eingängigem Refrain versehene „Origins“. Zwei tolle Tracks, bei denen theoretisch alle alten HammerFall-Fans jubeln müssten. Ich habe es jedenfalls getan.

Allenthalben solides Liedgut.

Der große Vorteil von „(r)Evolution“ gegenüber praktisch allen seinen unmittelbaren Vorgängern ist, dass sich zu den genannten Nummern keine Ausfälle, sondern durchwegs solides Liedgut gesellt. Am schwächsten ist meiner Ansicht nach die Pflichtballade, die in diesem Fall auf den Titel „Winter Is Coming“ (ja, es geht um „Das Lied von Eis und Feuer“ bzw. „Game of Thrones“ von George R. R. Martin) hört. Nicht ganz für die Tonne, aber für meinen Geschmack viel zu schwerfällig. Im Midtempo-Bereich zeigt sich einmal mehr, dass es bei HammerFall Glückssache ist, ob die Songs zu Rohrkrepierern werden, durch die Decke gehen oder zumindest passabel sind – in diesem Fall sind „Ex Inferis“ und „Evil Incarnate“ irgendwo im Bereich „gar nicht mal so schlecht“. Bei zweiterer Nummer ist der Text allerdings ziemlich misslungen. Abschließend noch ein Wort zum Rausschmeißer „Wildfire“: Sehr schnell, aber gleichzeitig ziemlich ungewöhnlich für HammerFall. Diesen Refrain muss man erst einmal schlucken. Und einen Ohrwurm, den man so eigentlich nicht unbedingt haben möchte, bekommt man auch geliefert. Ob mir die Nummer nun wirklich gefällt, kann ich beim besten Willen nicht sagen. Los wird man sie so oder so jedenfalls nicht mehr so leicht.

Als Fazit würde ich festhalten, dass „(r)Evolution“ meines Erachtens fast genau dort ansetzt, wo HammerFall 2002 mit „Crimson Thunder“ aufgehört haben. Wobei man eines nicht verhehlen kann: Es ist einfach nicht möglich, den alten Zauber nach mehr als einer Dekade 1:1 zu generieren. Darum klingt „(r)Evolution“ trotz aller Anleihen aus der eigenen Vergangenheit vor allem beim ersten und zweiten Durchgang nicht ganz so taufrisch, wie man es wohl gerne gehabt hätte. Und doch bedeutet dieses Album, dass es die Templer nach sage und schreibe 12 Jahren großteils blutleerer, im besten Falle mediokrer Musik endlich geschafft haben, zu ihren Wurzeln zurückzukehren.


Track – Titel – Länge – Wertung

metal-archives.com

  1. Hector’s Hymn – 5:54 – 6/7
  2. r(Evolution) – 4:25 – 5/7
  3. Bushido – 4:41 – 6/7
  4. Live Life Loud – 3:32 – 5/7
  5. Ex Inferis – 4:41 – 5/7
  6. We Won’t Back Down – 4:19 – 7/7
  7. Winter Is Coming – 3:49 – 4/7
  8. Origins – 4:58 – 7/7
  9. Tainted Metal – 4:37 – 5/7
  10. Evil Incarnate – 4:36 – 4/7
  11. Wildfire – 4:04 – 5/7

Gesamteindruck: 6/7


HammerFall auf “(r)Evolution” (2014):

  • Joacim Cans – Vocals
  • Oscar Dronjak – Guitars, Keyboards
  • Pontus Norgren – Guitars, Keyboards
  • Fredrik Larsson – Bass
  • Anders Johannson – Drums

Anspieltipp: We Won’t Back Down

MusikWelt: Infected

HammerFall


Man könnte den Eindruck gewinnen, HammerFall hätten mit ihrem 2011er-Werk „Infected“ alles umgekrempelt: Statt Bandmaskottchen Hector gibt es ein Cover, das an Spiele wie „Left 4 Dead“ erinnert, das Band-Logo ist scheinbar mit Blut geschrieben, im Video zur Single „One More Time“ machen Zombies die Gegend unsicher und das Intro zum Eröffnungstrack „Patient Zero“ stimmt hart auf die Post-Apokalypse ein. Ist also alles neu also bei den (ehemaligen) Tempelrittern aus Göteborg?

Gesamteindruck: 4/7


Etwas längere Inkubationszeit.

Die kurze Antwort: Nein, ist es nicht. HammerFall haben mit „Infected“ mitnichten ein komplettes Album mit Horror-Konzept aufgenommen, wie ich ursprünglich vermutet habe. Ja, es gibt den einen oder anderen Track mit etwas morbideren Lyrics, musikalisch hat sich im Wesentlichen aber seit den vorhergehenden Releases nichts geändert. Insgesamt ist die Musik vielleicht ein wenig düsterer geworden, mag aber auch sein, dass man sich das aufgrund des Cover-Artworks nur einredet. Von einer kompletten Frischzellenkur kann man meines Erachtens also nicht sprechen.

Nach dem ersten und zweiten Durchlauf des Albums war ich auch schon versucht, „Infected“ als ähnlich schwach wie seine Vorgänger abzutun. Allein: Die Platte ist tatsächlich so etwas wie ein Grower. Es dauert eben seine Zeit, bis die Infektion ausbricht, sprich: die Tracks sich erschließen. Nach einigen Durchgängen zeigt sich dann aber, dass es HammerFall tatsächlich gelungen ist, sich zu verbessern und aus den Fehlern zu lernen, die seit „Chapter V: Unbent, Unbowed, Unbroken“ (2005) dazu geführt haben, dass man wesentlich kleinere Brötchen backen muss als in den glorreichen Anfangstagen. Das war jetzt die Kurzfassung – in den folgenden Absätzen gehe ich ins Detail. Wem das zu viel ist: Gleich ganz nach unten zum Fazit scrollen, bitte!

Qualität der Tracks schwankt.

Vielleicht versuchen wir es ausnahmsweise Track-by-Track, um aufzuzeigen, was meiner Meinung nach gut bzw. weniger gut am 2011er-Album der Göteborger Institution ist. Los geht es mit „Patient Zero“ und gleich dem ersten Dämpfer: Das Intro dauert 1:10 Minuten und ist kein eigener Track, sodass man jedes Mal „durch“ muss, wenn man die Eröffnungsnummer hören möchte. Erinnert ungut an das „The Final Frontier“-Desaster von Iron Maiden, falls sich daran noch jemand erinnert. Nach Ablauf des Countdowns bekommen wir es mit einem groovigen, eher langsamen Song zu tun. Positiv ist, dass die Nummer gut zum düsteren Thema passt und sich Joacim Cans gesangstechnisch ebenfalls in das Szenario einfügt. Die Frage ist, warum man ein Album mit einem solchen Stück eröffnet; bei HammerFall braucht es da meiner Ansicht nach schon etwas Schwungvolleres. „Patient Zero“ wäre auf einer Prog-Platte als eine Art erweitertes Intro vielleicht in Ordnung, doch das würde nur bei einem richtigen Konzeptalbum Sinn machen – ein Sachverhalt, der bei „Infected“ nicht vorliegt. Im letzten Drittel wird das Tempo zwar kurzzeitig angezogen, da ist mein Interesse dann aber schon weg. Ein guter Opener geht definitiv anders, andererseits fällt mir auch kein anderer Platz ein, an dem „Patient Zero“ in dieser Form auf das Album gepasst hätte.

Weiter geht es mit „B. Y. H.“ und dem HammerFall-Thema Nummer 1 (seit man sich von Drachen und sonstiger Fantasy abgewendet hat): Der ehrwürdige Heavy Metal, der hier lauthals besungen wird. Ein recht flotter Track, der direkt aus den 1980ern zu stammen scheint. Damals wäre das sicher voll abgegangen, heute ist es musikalisch zwar immer noch hörbar (wenngleich etwas abgedroschen), aber der Text… naja, irgendwie wirkt dieses Beschwören der Headbanger-Gemeinschaft ziemlich aufgesetzt. Also nicht als Thema per se, jedoch bringen es HammerFall nicht so glaubwürdig rüber, finde ich. Warum? Ich weiß es auch nicht so genau, aber bei den Schweden klingt das irgendwie… kindisch? Peinlich? Erinnert ein bisschen an das Gesabbel, das zB von Doro Pesch oft zu hören ist. Oder von Manowar.

Die darauf folgende Single-Auskoppelung „One More Time“ ist mit ihren ständigen Wechseln im Rhythmus definitiv nicht jedermanns Sache. Ich wollte den Song schon verdammen, doch nach diversen Durchgängen gefällt er mir tatsächlich immer besser. Für die Bühne finde ich persönlich ihn allerdings nicht so geeignet. Mehr als über die Unterbrechungen im Aufbau habe ich mich allerdings über die gedämpften und viel zu leisen Gitarren gewundert. Denn die haben auf dem restlichen Album viel Biss – dass das hier nicht der Fall ist, finde ich  bedenklich, weil es den Eindruck erweckt, man hätte mit diesem Track Rücksicht auf die Radiohörer nehmen wollen. Dennoch: Nach kurzer Eingewöhnungsphase ist das eine der besten Nummern auf „Infected“.

„The Outlaw“ ist ebenfalls ein recht unterhaltsamer Song, der verhältnismäßig metallisch aus den Boxen kommt. Zu Begeisterungsstürmen reißt mich die Nummer zwar nicht hin, aber gut ist sie schon. Gegen Ende hin bzw. nach mehrmaligem Hörne wirkt der Refrain in meinen Ohren allerdings zunehmend penetrant, was aber durch die Unterlegung mit einer schicken Gitarren-Melodie abgemildert wird.

Track Nummer 5 schlägt zwei Fliegen mit einer Klappe: Auf jedem HammerFall-Album muss mindestens eine Ballade sein, auf fast jedem eine Cover-Version. „Send me a Sign“ ist beides. Das Original stammt von einer zumindest mir völlig unbekannten ungarischen Band und ist definitiv stärker, als das, was die Schweden daraus gemacht haben. Vor allem der Gesang von Joacim Cans ist im Vergleich deutlich unterlegen; diesen Track hätte ich überhaupt nicht auf „Infected“ gebraucht.

Darauf folgt mit „Dia de los Muertos“ ein Track, der am ehesten an alte HammerFall-Großtaten erinnert. Heißt: Double-Bass-Geballer, feine Riffs, guter Gesang, eine gute Bridge und ein starker Refrain. So muss es sein und ich glaube, ein Song in diesem Stil wäre ein guter Opener für das Album gewesen. Allerdings: Nach 3 Minuten ist „Dia de los Muertos“ eigentlich zu Ende, was völlig okay gewesen wäre. Gut, das Solo danach kann man noch mitnehmen, aber dann fehlt eindeutig ein Refrain. In dieser Form hätte man sich die letzte Minute ganz und gar sparen können. Übrigens werden spätestens bei dieser Nummer die ständigen Breaks, die in den Songs mal mehr, mal weniger zum Einsatz kommen, langweilig und sogar nervig. Ich weiß nicht, wie es anderen geht, aber ich wollte zum Schluss mehrmals „One more time!“ reinbrüllen, weil es gefühlt genau das Gleiche war wie in jener Nummer.

„I Refuse“ ist dann Hardrock par excellence, erinnert so ungefähr an das, was man von neueren Edguy und dem einen oder anderen modernen Helloween-Track kennt. Kann man mal machen, auch als HammerFall. Muss man aber nicht. Und die Message… ja, wir haben schon seit mehreren Alben vernommen, dass die Band genau das macht, was sie will und sich nix dreinreden lässt. Beim Refrain habe ich außerdem das Gefühl, dass Meister Cans beim Gesang eine Tonlage zu erreichen versucht, die er in seinem Alter wohl nicht mehr anstreben sollte. Dieses „I refuse! I refuse! I refuse!“ ist ohnehin ziemlich stupide, erzeugt aber trotzdem einen Ohrwurm. Leider einen von der Sorte, die man nicht zwingend haben möchte.

„Immortalized“ ist sowas wie der vergessene Track auf „Infected“. Ich für meinen Teil wusste jedenfalls auch nach diversen Durchläufen nicht, wie diese Nummer eigentlich klingt. Demnach würde ich sagen: Typischer HammerFall-Filler, wie er auf den letzten Platten sehr häufig vorgekommen ist. Das bedeutet in diesem Fall: Schwacher Refrain, schwache Strophe, gutes Solo. Und nicht mal daran werde ich mich in ein paar Minuten noch erinnern können, soviel ist gewiss.

Dann kommt „666 – The Enemy Within“ und die Rückkehr des Horror-Themas. Aber mal ehrlich: Man könnte die Textzeile „666 – grab the holy crucifix“ doch problemlos durch ein etwas langsamer gesungenes „666 – the Number of the Beast“ ersetzen, oder? Das ist doch genau die gleiche Modulation (oder wie man das nennt), oder täusche ich mich da? Viel mehr als das fällt mir zu diesem Song nicht ein, der Refrain macht ihn jedenfalls ziemlich eingängig. Ansonsten ist er eher unspektakulär, erinnert an Powerwolf, was Text und die gesamte Anmutung betrifft. Mit deren Sänger könnte das meines Erachtens tatsächlich eine ziemlich coole Nummer sein.

Meine erste Assoziation zu „Let’s Get It On“: Aha, HammerFall können auch eine AC/DC-Variante. Ich hätte an Stelle der Schweden aber zumindest auf die Einspieler am Anfang bzw. in der Mitte verzichtet, sowas wirkt immer irgendwie peinlich. Abgesehen davon gefällt mir der Gesang wie schon beim Stück davor überhaupt nicht. So sehr ich Herrn Cans mag und so wenig ich ihm die Schuld am zwischenzeitlichen Niedergang der Band geben kann und möchte: Auf mindestens zweieinhalb Songs trägt er auf „Infected“ dazu bei, dass man HammerFall nicht für ganz voll nehmen mag. Dabei wäre „Let’s Get It On“ musikalisch eine nette, für die Schweden sogar sehr ungewöhnliche Nummer. Wobei man sich fragen kann, ob man einen solchen Sound wirklich von ihnen hören möchte.

Der Rausschmeißer „Redemption“ bietet schließlich eine weitere Möglichkeit für ein bisschen Name-Dropping. Klingt ziemlich nach Stratovarius, vielleicht auch ein bisschen nach Edguy/Avantasia. Macht in diesem Fall aber nichts, weil HammerFall es tatsächlich auf die Reihe bekommen haben, ihre Fähigkeiten, längere Songs zu schreiben, zu verbessern. Aller Ehren wert, wenn man daran denkt, wie sie 2005 noch völlig überambitioniert mit „Knights of the 21st Century“ daran gescheitert sind. „Redemption“ ist im Gegensatz dazu ausgewogen komponiert und ein schönes, episches Stück Heavy Metal. Die Keyboards könnten für den einen oder anderen etwas zu präsent sein, die Anleihen aus Finnland vielleicht etwas zu groß, aber ich finde, dass das Gesamtbild sehr gut passt. Um das zu erkennen, braucht es allerdings ein paar Durchgänge, das möchte ich auch nicht unerwähnt lassen. Ein Meisterwerk? Nicht ganz, aber für HammerFall (denen man ja immer eine gewisse Einfachheit nachsagt) ist das schon sehr nahe an einer Prog Metal-Hymne. Gefällt mir sehr gut und versöhnt ein bisschen mit den mittelprächtigen Nummern davor. Schöner Abschluss!

Fazit: Kein Meisterwerk, aber besser als erwartet.

So viel zu meinem Versuch einer Track-by-Track-Analyse. Festzuhalten ist, dass sich HammerFall auch mit diesem Album nicht auf den Stil zurückbesinnen, der sie groß gemacht hat. Wer also den alten Power Metal mit entsprechenden Themen und Riffs erwartet, wird wohl nicht glücklich mit „Infected“ werden. Die Platte hat zwar ihre metallischen Momente, ist zeitweise aber stark vom Midtempo-Hard Rock geprägt. Letzteres können die Schweden für mein Dafürhalten immer noch nicht so richtig, was dann auch für die Gesamtwertung verantwortlich ist. Ich möchte außerdem die Live-Tauglichkeit eines Großteils des Materials in Frage stellen – keiner dieser Songs hat meines Erachtens das Potenzial, beim Konzert kompromisslos bejubelt zu werden. Dennoch: Kein schlechtes Album und eine klare Verbesserung gegenüber den mauen Vorgängern – vielleicht bin ich deshalb sogar milder gestimmt, als ich es sein sollte? Sei’s drum, mir gefällt das als Gesamtwerk irgendwie und daher ist „Infected“ für mich die stärkste HammerFall-Veröffentlichung seit „Crimson Thunder“ (2002).


Track – Titel – Länge – Wertung

metal-archives.com

  1. Patient Zero – 6:01 – 3/7
  2. B. Y. H. – 3:47 – 4/7
  3. One More Time – 4:06 – 6/7
  4. The Outlaw – 4:10 – 5/7
  5. Send Me A Sign [Pokolgép-Cover] – 4:00 – 2/7
  6. Dia de los Muertos – 5:07 – 5/7
  7. I Refuse – 4:32 – 3/7
  8. 666 – The Enemy Within – 4:29 – 5/7
  9. Immortalized – 3:59 – 3/7
  10. Let’s Get It On – 4:05 – 4/7
  11. Redemption – 7:02 – 6/7

Gesamteindruck: 4/7 


HammerFall auf “Infected” (2011):

  • Joacim Cans – Vocals
  • Oscar Dronjak – Guitars, Keyboards, Backing Vocals
  • Pontus Norgren – Guitars, Backing Vocals
  • Fredrik Larsson – Bass, Backing Vocals
  • Anders Johannson – Drums

Anspieltipp: One More Time

MusikWelt: No Sacrifice, No Victory

HammerFall


Nach „Threshold“ (2006) habe ich es Stefan Elmgren (g) und Magnus Rosén (b) gleichgetan und bin bei HammerFall ausgestiegen, wenn man so will. Jenes Album hat mich jegliches Interesse an den einst so grandios aufspielenden Schweden verlieren lassen. Doch schlau sind sie ja, die Mannen aus Göteborg – denn sie wussten ganz genau, wie sie mich dazu bringen konnten, auch ihrem 2009er-Werk „No Sacrifice, No Victory“ eine Chance zu geben.

Gesamteindruck: 3/7


Kein Sieg.

Dazu mussten sie lediglich einen Song auf das Album packen, der alle alten Fans sofort in glorreiche Zeiten zurückversetzen würde. Und das ist mit „Any Means Necessary“, ausgekoppelt als Single und mit einem passenden Video versehen, perfekt gelungen. Ein instant classic, vor allem für die Bühne. Hier stimmt einfach alles – der stampfende, mitreißende Rhythmus, der typische Gesang mit überraschend düsterem Text, die bombastischen Chöre und das fetzige Solo. Hut ab, das haben die Schweden tatsächlich perfekt hinbekommen. Und: Nein, innovativ ist hier nix. Braucht es aber auch nicht zu sein, denn das war ohnehin nie eine Stärke von HammerFall, wie die Herren leider auch sehr oft in ihrer Karriere bewiesen haben.

Leider ist dieser grandiose Opener nicht mehr als ein Lockvogel-Angebot für alle, die die Band nach den jüngsten Fehlschlägen aufgegeben haben. Denn der Rest von „No Sacrifice, No Victory“ entspricht genau dem, was HammerFall bereits auf „Chapter V: Unbent, Unbowed, Unbroken“ (2005) und „Threshold“ (2006) kredenzt haben. Heißt: Einmal mehr fehlt es der ganzen Chose gehörig an Schwung; die Lust, zu simplen Hymnen mit hohem Wiedererkennungswert und einfachen Texten die Faust in die Luft zu recken, will sich bei mir so gar nicht einstellen. Das einzige Gefühl, das ich beim wiederholten Hören des Albums bemerkt habe, war bereits nach wenigen Nummern die Vorfreude auf den nächsten Durchgang von „Any Means Necessary“. Das sagt eigentlich schon alles.

Kaum durchgängig starkes Liedgut.

Ein bisschen ins Detail möchte ich dann aber doch gehen – wobei ich hier auch die Rezensionen von „Chapter V“ oder „Threshold“ reinkopieren könnte. Sei’s drum, ich versuche es trotzdem: Das Songwriting auf „No Sacrifice, No Victory“ ist lahm. Punkt. Beim Versuch, den Grund für dieses Problem festzumachen, ist mir eines aufgefallen: Es gibt auf diesem und den letzten Alben Songs mit guten Riffs, Refrains oder Strophen. Es gibt sogar Songs, die zumindest zwei dieser Kriterien passabel hinkriegen. Es gibt aber kaum eine Nummer, auf der alle drei Aspekte stimmen – es gibt also kaum einen echten Hit. Aber die Hitdichte ist genau der Punkt, der ältere HammerFall-Veröffentlichungen ausgezeichnet hat.

Akzeptabel sind aus meiner Sicht neben dem Opener nur zwei Songs: „One of A Kind“, das als vorletzter Track des Albums „versteckt“ wurde, lässt teilweise stark an Helloween denken, ist demnach sehr eingängig und flott. Zur Auflockerung ist ein langsamer, rau gesungener Mittelteil enthalten, der Sänger und Band sehr gut zu Gesicht steht und das Stück abwechslungsreich und trotz etwas größerer Länge gut hörbar macht. Das ist insofern bemerkenswert, als dass HammerFall damit wohl eine ähnliche, gemäßigt-progressive Intention verfolgt haben, wie zwei Alben zuvor mit „Knights of the 21st Century“. Mit dem Unterschied, dass „One of a Kind“ tatsächlich ein brauchbares Lied geworden ist. Zweiter kleiner Lichtblick ist „Legion“, zumindest wenn man das blödsinnige Intro ausblendet, bei dem ungute Erinnerungen an „Ride the Dragon“ von Manowar wach werden. Der Song selbst beginnt mit messerscharfen Gitarren und erinnert dann an eine etwas rauere Version von Stücken wie „On The Edge Of Honor“ – freilich, ohne dessen Klasse zu erreichen.

Der Rest der Platte ist im besten Falle unspektakulär ausgefallen. Das reicht von der üblichen Ballade „Between Two Worlds“ (die mehr nach Manowar als nach HammerFall klingt) über den stampfenden Titeltrack bis hin zum Stratovarius-affinen Instrumental „Something for the Ages“. Maximal die schönen Chöre und der halbwegs gute Refrain von „Punish and Enslave“ bleiben noch hängen. Der Rest ist zwar technisch makellos, besitzt aber im Angesicht des bis inklusive „Crimson Thunder“ (2002) so guten Backkataloges der Truppe aber einfach zu wenig Wiedererkennungswert. Und was man sich beim unsäglichen Rausschmeißer „My Sharona“ gedacht hat, weiß ich nicht. Katastrophal schlechtes Cover einer Nummer, die schon im Original von The Knack an den Nerven zerrt.

Neue Bandmitglieder ohne Akzente.

Abschließend ein Wort zu den neuen Bandmitgliedern: Am Bass ist Fredrik Larsson zu hören, der 2007 nach ziemlich genau 10 Jahren zu den Templern zurückgekehrt ist (er war bereits auf dem Debüt „Glory to the Brave“, 1997, zu hören und wurde danach durch Magnus Rosén ersetzt). Den Job als Lead-Gitarrist hat Pontus Norgren übernommen. Einen großen Unterschied vermag ich bei beiden Instrumenten nicht zu vernehmen. Randnotiz: Die Keyboards auf den Tracks „Between Two Worlds“ und „Something for the Ages“ wurden von Jens Johansson, seines Zeichens Tastenmann bei Stratovarius und Bruder von HammerFall-Drummer Anders Johansson, eingespielt.

Fazit: Eigentlich ist diese Platte der kleinste gemeinsame Nenner aus ihren unmittelbaren Vorgängern „Chapter V: Unbent, Unbowed, Unbroken“ und „Threshold“. Wie 2005 gibt es einen einzigen, alles überragenden Hit; abgesehen davon gibt es wie 2006 keinen einzigen (!) Song, der über das Prädikat „mittelmäßig“ hinauskommt. Das war auf „Chapter V“ zumindest noch bei 2 Nummern der Fall. Gemeinsam hat „No Sacrifice, No Victory“ mit beiden Releases das lahme Songwriting. Tut mir leid, HammerFall, das war nix. Schon wieder.


Track – Titel – Länge – Wertung

metal-archives.com

  1. Any Means Necessary – 3:35 – 6/7
  2. Life Is Now – 4:43 – 2/7
  3. Punish and Enslave – 3:57 – 3/7
  4. Legion – 5:36 – 4/7
  5. Between Two Worlds – 5:28 – 3/7
  6. Hallowed Be My Name – 3:56 – 2/7
  7. Something for the Ages – 5:03 – 3/7
  8. No Sacrifice, No Victory – 3:32 – 4/7
  9. Bring the Hammer Down – 3:41 – 3/7
  10. One of a Kind – 6:14 – 4/7
  11. My Sharona [The Knack-Cover] – 4:24 – 1/7

Gesamteindruck: 3/7 


HammerFall auf “No Sacrifice, No Victory” (2009):

  • Joacim Cans – Vocals
  • Oscar Dronjak – Guitar, Backing Vocals
  • Pontus Norgren – Lead Guitar, Backing Vocals
  • Fredrik Larsson – Bass, Backing Vocals
  • Anders Johannson – Drums

Anspieltipp: Any Means Necessary

MusikWelt: Threshold

HammerFall


Nur ein Jahr nach „Chapter V: Unbent, Unbowed, Unbroken“ (2005) veröffentlichten HammerFall mit „Threshold“ ihr 6. Album. Wie zu erwarten, ist der stilistische Unterschied bei zwei so schnell nacheinander unters Volk gebrachten Longplayern minimal – was bei den Schweden aber ohnehin nichts Neues ist. Und doch schwächelt „Threshold“ an allen Ecken und Enden und ist sogar seinem mediokren Vorgänger unterlegen.

Gesamteindruck: 1/7


Die Luft ist raus.

Objektiv kann man eigentlich nicht sagen, dass HammerFall hier wesentlich anders zu Werke gehen als man es von ihnen kennt und, je nach Façon, liebt oder hasst: Hochmelodisch, mal im Midtempo, mal flotter, technisch blitzsauber gespielt – fast alle Attribute sind da. Es gibt sogar Verbesserungen zu vermelden: Der Gesang von Joacim Cans, oft als kraftlos und abwechslungsarm kritisiert, tönt so variabel wie selten zuvor aus den Boxen. Und auch die Produktion von Charlie Bauerfeind ist top, klingt viel knackiger als auf dem laschen „Chapter V“ und auch besser als auf den auf Hochglanz polierten Platten davor. Dass gleichzeitig den Riffs mehr Raum gegeben wurde, ist dem Mix zu verdanken, der ebenfalls zum guten Gesamtbild in Sachen Akustik beiträgt.

„Threshold“ schwächelt – mehr noch als „Chapter V“ – ganz massiv beim Songwriting. Doch während jenes Album mit einem lupenreinen Hit („Blood Bound“) und zwei passablen Nummern („The Templar Flame“, „Take the Black“) zumindest einigermaßen Schadensbegrenzung betreiben konnte, tue ich mir bei „Threshold“ schon schwer, überhaupt einen Anspieltipp zu nennen. Die Songs fließen auch diversen Durchgängen ineinander, Wiedererkennungswert ist so gut wie keiner vorhanden. Oder kann sich irgendjemand erinnern, wie z.B. „Natural High“ klingt? Ich jedenfalls nicht – und das gilt für praktisch jeden Track auf dem Album. Gut, von zweien könnte ich zumindest die Namen nennen: „Threshold“ (weil sich ja meist ein Titeltrack auf HammerFall-Alben findet) und „Howlin‘ with the ‚Pac“ wegen seiner dezent bescheuerten Schreibweise. Der Rest fällt unter „ferner liefen…“.

Desaströses Gesamtbild.

Ich möchte jetzt auch gar nicht zu viele Worte über die einzelnen Songs auf „Threshold“ verlieren. Ihnen allen ist aus meiner Sicht gemein, dass ihnen diese spezielle HammerFall-Atmosphäre fehlt. Wie soll man das bezeichnen? Ich denke, es ist ein gewisser Helden-Pathos, eine Art heroisches Gefühl, das die alten Hymnen ausgezeichnet hat; die Lust, einfach die Faust in die Luft zu recken und mitzugröhlen. Denn HammerFall hatten bei aller Schlichtheit ihrer Musik (und trotz ihrer Fantasy-Texte, die man mögen kann oder auch nicht) immer ein sicheres Händchen für Singalongs, die die Stimmung heben. Dabei ist es merkwürdig: „Threshold“ ist auf keinen Fall anstrengend oder schwer hörbar, speziell die Refrains sind einmal mehr melodisch und leicht zu konsumieren. Aber sie wollen sich einfach nicht so im Ohr festsetzen, wie das auf älteren Alben des einstigen Flaggschiffs des melodischen Power Metal der Fall war. Und: HammerFall-Alben musste man ohnehin nie konzentriert hören, um sie sich zu erschließen – das ging immer wie von selbst, egal, was man nebenbei gemacht hat. Bei „Threshold“ haut das überhaupt nicht hin, was jetzt nicht das Problem wäre, wenn man sich die Platte wenigstens mit Geduld erarbeiten könnte. Aber auch das klappt nicht – ich habe beide Hör-Varianten probiert und doch ist mir nicht viel im Gedächtnis geblieben, außer das Gefühl, dass hier irrsinnig viel Potenzial da gewesen wäre, das nicht genutzt werden konnte.

Dabei möchte ich es jetzt auch belassen, vielleicht noch anmerken, dass es hier und da eine gute oder sogar sehr gute Idee gibt (z.B. der schöne Rhythmus von „Carved in Stone“), die aber entweder direkt zunichte gemacht wird (z.B. der Refrain von „Carved in Stone“) oder nicht zu Ende gedacht ist. Letztlich ist es leider so, dass das Gros der vorliegenden Songs (die sich im Aufbau zu allem Überfluss ab der Halbzeit auch noch zu wiederholen beginnen) nicht mal eine dieser Ideen hat, sondern einfach am Hörer vorbeirauscht. Nein, nicht „rauscht“, dafür ist das Material letztlich viel zu lahm und lässt jeden Schwung alter HammerFall-Herrlichkeit vermissen. Das ist stellenweise mehr Rock als Metal, muss man leider sagen. Folgerichtig war „Threshold“ damals das letzte Album der Templer aus Göteborg, das ich mir tatsächlich angehört habe – später habe ich das nur mehr mit einzelnen Songs getan. Die Luft war ganz einfach raus.

Ich habe lange überlegt, welche Wertung angebracht ist – 1 oder 2 Punkte? Für die 2 Punkte spräche, dass es immerhin nicht weh tut, diese Platte zu hören. Und auch die technische Leistung aller Beteiligten weiß ich durchaus zu schätzen. Andererseits: Darf man bei einer Band wie HammerFall nicht erwarten, dass die Produktion stimmt und die Herrschaften ihre Instrumente beherrschen? Abgesehen davon nutzt das alles so oder so nichts, wenn das Album insgesamt keinen einzigen (!) Song bietet, an den man sich 2 Minuten nach dem Hören noch erinnert. Und heute, 2019, kann ich guten Gewissens konstatieren: Ich habe „Threshold“ in den 13 Jahren, die zwischen seinem Erscheinen und dem Verfassen dieser Zeilen liegen, kein einziges Mal aufgelegt (für das Schreiben der Rezension natürlich schon). Vermisst habe ich nichts und ich weiß, dass das Album jetzt wieder im Regal verschwinden und dort verstauben wird. Von daher: Keine Chance auf eine bessere Wertung.


Track – Titel – Länge – Wertung

metal-archives.com

  1. Threshold – 4:43 – 3/7
  2. The Fire Burns Forever – 3:20 – 3/7
  3. Rebel Inside – 5:32 – 3/7
  4. Natural High – 4:13 – 2/7
  5. Dark Wings, Dark Words – 5:01 – 3/7
  6. Howlin‘ with the ‚Pac – 4:04 – 2/7
  7. Shadow Empire – 5:13 – 2/7
  8. Carved in Stone – 6:10 – 3/7
  9. Reign of the Hammer – 2:48 – 3/7
  10. Genocide – 4:41 – 2/7
  11. Titan – 4:24 – 2/7

Gesamteindruck: 1/7 


HammerFall auf “Threshold” (2006):

  • Joacim Cans – Vocals
  • Oscar Dronjak – Rhythm Guitar, Keyboard, Backing Vocals
  • Stefan Elmgren – Lead Guitar, Keyboard, Backing Vocals
  • Magnus Rosén – Bass
  • Anders Johannson – Drums

Anspieltipp: Threshold

MusikWelt: Chapter V: Unbent, Unbowed, Unbroken

HammerFall


Das 4. Album von HammerFall, „Crimson Thunder“ (2002), wurde vielerorts kritisiert, weil sich die Schweden einmal mehr auf ihre bewährte Formel verließen, die ihnen geradezu unfassbaren kommerziellen Erfolg beschert hatte. Musikalische Weiterentwicklung, so die Kritiker, fand höchstens in Nuancen statt, was man dem Quintett aus Göteborg meiner Ansicht nach jedoch nicht verdenken kann (ich selbst fand „Crimson Thunder“ übrigens sehr gut). Dann erschien 2005 der Nachfolger „Chapter V: Unbent, Unbowed, Unbroken“, eine Platte, der man das Bemühen, es den Nörglern zu zeigen, deutlich anhörte. Leider gelang das nur bedingt. Noch schlimmer ist in der Retrospektive aber, dass dieses Album am Anfang den Niedergangs einer der wichtigsten Bands der Jahrtausendwende einleitete.

Gesamteindruck: 3/7


Ein erstes Anzeichen von Schwäche.

HammerFall waren schon immer dann am besten, wenn sie möglichst einfach und leicht konsumierbar sind. Und wenn sie aufspielen, als gäbe es kein Morgen. Seit dem legendären Debüt „Glory to the Brave“ (1997) sind es die grandiosen, unwiderstehlichen Ohrwürmer, die diese Band auszeichnen. Den stärksten und erfolgreichsten Songs der Schweden ist vor allem eines gemeinsam: Ein epischer, alles überstrahlender Refrain, getragen von einer hymnenhaften Melodie. Fehlt ein solcher, ist der Rest meist nicht der Rede wert. Der Grad, auf dem das funktioniert, ist sehr schmal, konnte von der Band bis zu „Chapter V: Unbent, Unbowed, Unbroken“ aber mit fast schon traumwandlerischer Sicherheit gemeistert werden.

Auf vorliegendem Longplayer kann man – im Gegensatz zu einigen späteren Releases – den Unterschied zwischen Mega-Hit und Rohrkrepierer sogar sehr deutlich sehen bzw. hören. Die Referenz, das einzige Stück auf dem Album, das voll und ganz alten HammerFall-Spirit atmet, ist Track 2, „Blood Bound“. Bei dieser Nummer passt alles zu- und ineinander und ist so, wie man es als Fan hören möchte: Einfaches aber wirkungsvolles Riffing, ein starker Refrain, ein schönes Solo, die richtige Länge, guter Gesang; kurz: ein unterhaltsames und energetisches Stück Musik. Hätte so auch auf jedem der vorhergehenden Alben eine tolle Figur gemacht und ist neben der (guten) Ballade „Never, Ever“ der einzige Song auf „Chapter V“, an den ich mich auch nach Jahren des Nichthörens der Platte erinnern konnte.

„Blood Bound“ und der Rest.

Demgegenüber steht zunächst die Eröffnungsnummer „Secrets“. Dieser Song soll vermutlich einen komplexeren Kompositionsansatz repräsentieren, zeigt mit seiner Zerfahrenheit aber gnadenlos die Schwächen der Göteborger in Sachen Songwriting auf. Dabei geht es ganz gut los: Das Intro passt, die Strophe geht in Ordnung. Aber was passiert dann? Der Refrain wird unpassend mit Doublebass-Geballer unterlegt, was noch in Ordnung wäre, wenn der Song nicht immer wieder so merkwürdig unterbrochen würde. Das nimmt dem Stück jegliche Energie und verhindert das Zustandekommen eines „Flows“, der die relativ lange Gesamtdauer von über 6 Minuten anhält. All das ist zwar keine Vollkatastrophe, aber so richtig Lust auf das Album macht die Nummer halt auch nicht. Übrigens habe ich das Gefühl, Helloween hätten sich bei ihrer 2015er-Single „Battle’s Won“ ein bisschen an „Secrets“ orientiert, aber das nur am Rande.

Das zweite Beispiel für einen misslungenen Versuch, facettenreicher zu werden, ist das finale „Knights of the 21st Century“. Dieser Track, mithin der erste Versuch von HammerFall, auf der Langstrecke zu punkten, ist in meinen Ohren praktisch ein Totalausfall. Und das trotz des Gastauftrittes eines gewissen Cronos (Venom). Zunächst dauert es gut und gerne 3 Minuten, bis der Song wirklich losgeht – viel zu lang, um den Zuhörer, der von HammerFall ganz andere Kost gewohnt ist, bei der Stange zu halten. Der Einstieg bietet dann nettes Riffing, allerdings im verschleppten Midtempo, was auch nicht dazu beiträgt, den geneigten Fan aufzuwecken. Ich verstehe sogar, was die Schweden wollten – extrem episch sollte es werden, wie auch an den Chören zu erkennen ist. Nur haut das leider hinten und vorne nicht hin, weil das Songwriting einfach viel zu zäh ist. Flott wird es erst bei 7 Minuten – zu spät für mich (auch wenn der Galopp-Rhythmus dann sehr gut umgesetzt ist). Übrigens ist die Überlänge ohnehin Makulatur: Nicht nur, dass es spät richtig losgeht, eigentlich ist auch nach 10 Minuten „schon“ Schluss. Bei ca. 12:05 erfolgt zwar nochmal ein von Cronos rausgewürgtes „Oaaaargh! Hell fucking yeah!“, dazwischen herrscht aber gähnende Leere. 7 Minuten dauert „Knights of the 21st Century“ also ungefähr. Sorry Leute, das ist mal so gar nix – ich werde diesen Song sicher nicht noch einmal freiwillig hören. Und damit hätten wir den Bogen vom Anfang zum Ende von „Chapter V“ gespannt. Dazwischen liegen die erwähnten „Blood Bound“ und „Never, Ever“, das übrigens nach einer stark verbesserten Version von „Always Will Be“ klingt.

Jetzt noch ein paar Worte zu den übrigen 6 Songs: Am besten machen es die Göteborger mit „The Templar Flame“, das einen starken Einschlag von „A Touch of Evil“ (Judas Priest auf „Painkiller“, 1991) aufweist. Hier funktioniert es tatsächlich, etwas Abwechslung in die übliche HammerFall-Chose zu bringen. Daumen hoch dafür! Dann gibt es noch „Take the Black“, das zumindest ein wenig nach alten Großtaten klingt. Schade, dass der Refrain, der am Ende einmal zu oft wiederholt wird, nicht etwas zwingender ist. Die restlichen Nummern sind Kategorie „geht so“ oder „einmal gehört, gleich wieder vergessen“. Störend sind für mich vor allem Gesang und Songaufbau von „Fury of the Wild“, das sehr deutlich zeigt, dass HammerFall eben nicht Judas Priest sind. Gefällt mir überhaupt nicht, wie der eigentlich von mir geschätzte Joacim Cans hier versucht, seine Stimme in Rob Halford-Höhen zu schrauben. Und was soll der Refrain mit der Stimmüberlagerung und der Unterbrechung? Ich verstehe nicht, wem so etwas gefallen soll… Ansonsten sei noch erwähnt, dass beim wiederholten Hören von „Chapter V“ vorwiegend hängen bleibt, dass sage und schreibe 4 von 10 Songs („Blood Bound“, „Hammer of Justice“, „Born to Rule“ und „The Templar Flame“) gefühlt mit dem selben Riff beginnen. Das ist dann aber schon ein bisschen zu viel des Guten, oder, Herr Dronjak? Davon abgesehen gibt es zu den weiteren Songs nicht viel zu sagen – hier ein gutes Solo, dort ein passabler Mitsing-Part – viel mehr ist es einfach nicht.

Talentierte Musiker, schwaches Songwriting.

Damit ist es amtlich: „Chapter V: Unbent, Unbowed, Unbroken“ war zum Zeitpunkt seines Erscheinens das mit Abstand schwächste Album von HammerFall. Daran gibt es leider nichts zu beschönigen – auch nicht, wenn man daran denkt, dass die Releases der Tempelritter aus Göteborg in den folgenden Jahren nicht wesentlich besser werden sollten. Ich möchte aber auch nicht unerwähnt lassen, dass das nicht an den technischen Fähigkeiten der Musiker liegt. Joacim Cans hat das Singen nicht verlernt, die Gitarristen spielen blitzsauber und scheinen technisch sehr beschlagen zu sein. Überhaupt haben HammerFall tatsächlich fast immer sehr gute Gitarrensolos zu bieten, was im krassen Gegensatz zum simplen Riffing steht. Bass und Schlagzeug sind wie üblich von der einfachsten Sorte, was mich aber nicht so sehr stört. Das Problem ist, dass die Schweden aus diesen Komponenten so wenig machen, wie noch nie zuvor in ihrer Karriere. Da hilft auch die gute Produktion (wie üblich sogar etwas zu gut!) nichts – das Songwriting ist schlicht und einfach öde. Vielleicht liegt es auch am weitgehend fehlenden Tempo? Ich kann es wirklich nicht genau sagen, Fakt ist, dass das gewisse Etwas einfach abgeht. Leider.


Track – Titel – Länge – Wertung

metal-archives.com

  1. Secrets – 6:06 – 3/7
  2. Blood Bound – 3:49 – 6/7
  3. Fury of the Wild – 4:44 – 2/7
  4. Hammer of Justice – 4:38 – 4/7
  5. Never, Ever – 4:06 – 5/7
  6. Born to Rule – 4:08 – 3/7
  7. The Templar Flame – 3:41 – 6/7
  8. Imperial – 2:30 – 4/7
  9. Take the Black – 4:47 – 5/7
  10. Knights of the 21st Century – 12:19 – 1/7

Gesamteindruck: 3/7 


HammerFall auf “Chapter V: Unbent, Unbowed, Unbroken” (2005):

  • Joacim Cans – Vocals
  • Oscar Dronjak – Rhythm, Lead & Acoustic Guitars, Keyboard, Backing Vocals
  • Stefan Elmgren – Lead, Rhythm & Acoustic Guitars
  • Magnus Rosén – Bass
  • Anders Johannson – Drums

Anspieltipp: Blood Bound