MusikWelt: Space Police – Defenders of the Crown

Edguy


Das 10. Album der hessischen Formation Edguy ist im April 2014 erschienen. Ich schreibe diese Rezension im Sommer 2022 einen Nachfolger gibt es bis dato jedoch nicht, obwohl die Band nicht aufgelöst, sondern „on hold“ ist. Im Folgenden versuche ich zu klären, ob „Space Police – Defenders of the Crown“ ein würdiger Abschluss ist, egal, ob „nur“ vor einer langen Pause oder doch dem endgültigen Aus für die einst so gefeierten Wunderkinder des (deutschen) Melodic Metal…

Gesamteindruck: 5/7


Rückbesinnung.

Der Blick auf die Tracklist verheißt zunächst nichts Gutes: Nur bei einer von zehn Nummern des regulären Albums konnte ich ad hoc sagen, wie sie klingt. Das ist auch keine große Kunst, handelt es sich dabei mit „Rock Me Amadeus“ von Falco doch um ein Cover (hier das Original). Die restlichen Titel waren mir nicht einmal vom Namen her ein Begriff (was auf dem mauen Vorgänger „Age of the Joker“ von 2011 noch anders war). Daraus schließe ich, dass „Space Police“ für mich anno 2014 entweder keinen einzigen, halbwegs memorablen Moment enthalten hat oder ich hatte Edguy damals schon längst ad acta gelegt und mir die Platte kein einziges Mal bewusst angehört.

Die nunmehrige, intensivere Auseinandersetzung legt jedenfalls Möglichkeit Nummer zwei nahe, denn nach mehreren Durchläufen kam mir kein einziger Song auch nur ansatzweise bekannt vor. Und zwar weder im Positiven noch im Negativen, sodass ich davon ausgehe, dass ich das Album vor 2022 tatsächlich so gut wie nie gehört haben dürfte. Überraschend ist das eigentlich nicht, mein musikalischer Fokus war damals ja bereits ein völlig anderer. Vor allem aber hat die teils unterirdische Qualität, die Edguy in den Jahren zuvor abgeliefert hatten, jegliches Interesse am weiteren Output der Hessen im Keim erstickt.

An dieser Stelle vielleicht ein Wort zum angesprochenen Falco-Cover: Kann man machen, muss man aber nicht. Die Original-Version lebt ja von dem arroganten Superstar-Gehabe eines Falco, der im Wiener Dialekt vor sich hin rappt und damit eine eigentümliche Atmosphäre erschafft, die schlicht nicht reproduzierbar ist. Auch und vor allem von einer Band wie Edguy nicht, zumindest nicht so, wie sie es hier machen (keine Ahnung, ob es als Metalband überhaupt möglich ist). Musikalisch ist es ja noch in Ordnung, gesanglich bekleckert sich der gute Tobi hier aber nicht mit Ruhm. Ist nicht seine Art zu singen, ist nicht seine Stimmlage, ist nicht seine Sprache – so einfach kann das manchmal sein. Ich denke, den Song kann man vielleicht auf der einen oder anderen Metal-Party um Mitternacht auflegen (Ohrwurm-Charakter hat er ja), aber eigentlich würde ich es sogar dort eher mit dem Original versuchen, denn dem fügen Edguy nichts Essenzielles hinzu.

Überraschend gut.

Von dieser Irritation abgesehen mundet die Suppe, die uns die Mannen um Bandleader und Chef-Kaspar Tobias Sammet kredenzen, aber bei weitem nicht so schlecht, wie ich befürchtet hatte. Bereits der Opener „Sabre & Torch“ ist metallischer als alles, was man von Edguy in den zehn (!) Jahren zuvor gehört hat, zusammengerechnet. Ganz ehrlich: Ich hätte nicht erwartet, jemals wieder dermaßen prominent in den Vordergrund gemischte Riffs von dieser Band zu hören. Klar, die vielen „woh-oh-oh“-Teile sind cheesy und die Nummer ist ein bisschen zu lang – aber das ändert nichts daran, dass wir es hier mit dem besten Einstieg in ein Edguy-Album seit „Mysteria“ (auf „Hellfire Club“, 2004) zu tun haben.

Nun wäre das allein freilich zu wenig für eine passable Gesamtwertung. Allerdings geht das Album ähnlich gut weiter, die quasi-Titeltracks „Space Police“ und – eh klar – „Defenders of the Crown“ wissen ebenfalls vorbehaltlos zu gefallen. Wobei erstere Nummer etwas schwächer ist und ich den bemüht-witzigen Text nicht sonderlich mag, obwohl ich die Intention durchaus verstehe. „Defenders of the Crown“ ist hingegen großartig und greift tief in die ganz alte Power Metal-Kiste, eben genau so, wie es ein solcher Titel verspricht.

Der Rest des Albums ist – zu „Rock Me Amadeus“ habe ich ja alles gesagt – ebenfalls gelungen und zeigt, dass es Edguy 2014 doch noch konnten. Dabei stört nicht einmal, dass die Hessen eine Art Werkschau unternehmen, es sich also auch nicht nehmen lassen, Seiten ihres Schaffens auszuleben, die ich eigentlich nicht goutiere. So reiht sich rockiges („Love Tyger“, „Do Me Like A Caveman“) an schwermetallisches („The Realms of Baba Yaga“, „Shadow Eaters“) Liedgut. Das ist nicht ganz neu für Edguy, aber so frisch und spielfreudig klangen sie, ich wiederhole mich, in den zehn Jahren vor „Space Police“ nie, vor allem nicht auf Albumlänge. Der Vollständigkeit halber sei noch angemerkt, dass es mit „The Eternal Wayfarer“ ganz klassisch einen längeren Rausschmeißer gibt, dessen Refrain ich sehr gern mag, der insgesamt aber nicht ganz so geil ist, wie ich mir nach dem, was ich zuvor gehört habe, erhofft hätte. Egal, trotzdem eine gutklassige Nummer.

Es geht nicht ohne Wermutstropfen.

Zwei Wermutstropfen muss ich aber auch benennen: Einerseits ist die Pflichtballade, „Alone in Myself“, komplett für die Tonne. Schade drum, denn das war eine Disziplin, in der mir Edguy zumindest auf den frühen Alben immer sehr gut gefallen haben. In vorliegendem Fall können sie hingegen nicht ansatzweise an alte Großtaten anschließen. Andererseits habe ich teilweise ein echtes Problem mit der Stimme von Tobias Sammet. Speziell bei Songs wie „Sabre & Torch“ oder „Space Police“ bekommt man eine Ahnung davon, was der Grund für den musikalischen Kurswechsel gewesen sein mag, den Edguy kurz nach der Jahrtausendwende vollzogen haben: Man meint regelrecht zu hören, wie sehr sich der Frontmann abmühen muss, halbwegs aggressiv zu klingen. Ganz gelingt ihm das nicht, zumindest in meinen Ohren wirkt er vor allem angestrengt, was den Gesamteindruck dann leider doch etwas nach unten zieht.

Fazit: Wer Edguy nach „Hellfire Club“ komplett abgeschrieben hat, hat mein vollstes Verständnis. Alles was danach kam, hat auch mich enttäuscht – umso erstaunliche  ist es, wie stark „Space Police – Defenders of the Crown“ aus den Boxen kommt. Eine schöne Überraschung, die man, wie ich finde, trotz aller Anwandlungen von Meister Sammet keineswegs kleinreden sollte. Mir hat es gefallen, auch wenn der ganz große, unsterbliche Hit nicht dabei ist

Gesamteindruck: 5/7 


NoTitelLängeNote
1Sabre & Torch5:006/7
2Space Police6:005/7
3Defenders of the Crown5:397/7
4Love Tyger4:265/7
5The Realms of Baba Yaga6:075/7
6Rock Me Amadeus [Falco-Cover]3:203/7
7Do Me Like a Caveman4:094/7
8Shadow Eaters6:086/7
9Alone in Myself 4:362/7
10The Eternal Wayfarer8:505/7
54:15

Edguy auf Space Police (Defenders of the Crown” (2014, Nuclear Blast):

  • Tobias Sammet − Vocals, Keyboards
  • Jens Ludwig − Lead Guitars
  • Dirk Sauer − Rhythm Guitars
  • Tobias Exxel − Bass
  • Felix Bohnke − Drums
Bild von: metal-archives.com

Anspieltipp 1: Defenders of the Crown
Anspieltipp 2: Sabre & Torch

MusikWelt: Age of the Joker

Edguy


Als „Age of the Joker“ drei Jahre nach dem schwachen „Tinnitus Sanctus“ (2008) auf den Markt geworfen wurde, hatte ich keine Erwartungen, hatte ich mit Edguy doch spätestens seit „Rocket Ride“ (2006) abgeschlossen. Entsprechend kann man meine damaligen Hördurchgänge von „Age of the Joker“ locker an einer Hand abzählen und ich musste mich für diese Rezension erstmals überhaupt intensiv damit beschäftigen. Und, soviel sei vorweggenommen: In voller Länge werde ich dieses Album wohl nie wieder hören…

Gesamteindruck: 2/7


Negativbestätigung.

Das 9. Studioalbum von Edguy ist die logische Fortsetzung des Kurses, den die Hessen bereits auf den unmittelbar vorangegangenen „Rocket Ride“ und „Tinnitus Sanctus“ eingeschlagen hatten. Leider. Heißt: Auch auf „Age of the Joker“ gibt es über weite Strecken eine Art AOR in Anlehnung an Acts wie Deep Purple (die ja zu den ganz großen Favoriten von Edguy-Chef Tobias Sammet gehören) auf die Ohren. Soll von mir aus so sein, hat aber mit der Musik, mit der man Ende der 1990er auch international zu einer echten Größe aufgestiegen ist, nichts mehr zu tun. Ob man das als Hörer:in goutiert ist freilich jedem/jeder selbst überlassen – ich persönlich kann damit leider überhaupt nichts anfangen und unter diesem Gesichtspunkt ist das Folgende auch zu lesen.

Unabhängig vom Genre sei außerdem angemerkt, dass man dem einen oder anderen Song deutlich anzuhören meint, dass Meister Sammet eigentlich viel lieber ein Avantasia-Album gemacht hätte (speziell die Schlussnummern „Behind the Gates of the Midnight World“ und „Every Night Without You“ sowie der Stampfer „Faces in the Darkness“ sprechen eine eindeutige Sprache). Blöd nur, dass jenes Projekt damals seinerseits bereits am absteigenden Ast war. Zu allem Überfluss vermute ich, dass genau diese Doppelbelastung Tobias Sammet die Kreativität (und zum Teil auch die Stimme) geraubt und sich damit negativ auf beide seiner Betätigungsfelder ausgewirkt hat. Spekulation? Mag sein, dennoch muss ich es so drastisch sagen: Aus meiner Sicht war bei Edguy bereits 2004 (mit „Hellfire Club“) und bei Avantasia 2008 (mit „The Scarecrow“) die Luft raus. Erholt hat sich bis dato (August 2022) keine der beiden Formationen (Edguy sind derzeit ohnehin seit geraumer Zeit „on hold“, was auch immer das heißen mag).

Glänzt zu keiner Zeit.

Nun aber zu „Age of the Joker“, das mit „Robin Hood“ ungünstig in seine mehr als einstündige Laufzeit startet: Der Opener ist mit über 8 Minuten deutlich zu lang (speziell der Spoken Word-Teil ist verzichtbar), hat zwar einen okayen Refrain, ist unterm Strich aber vor allem höchst unspektakulär. Was gleich hier auffällt und sich durchzieht: Die Gitarren sind viel zu leise, dafür gibt es bei den Keyboards einen heftigen Deep Purple-Einschlag. Dagegen wäre grundsätzlich nichts einzuwenden, nur sind Edguy in Sachen Songwriting halt mitnichten Deep Purple, was in Kombination mit der Erwartungshaltung an ehemalige Melodic Metal-Heroen zur bescheidenen Gesamtwertung führt.

Ich würde nun gern schreiben, dass es nach diesem klassischen Fehlstart besser wird – und ja, im ersten Moment hat man dieses Gefühl tatsächlich. Nur liegt das eher an der mangelhaften Qualität von „Robin Hood“ und weniger daran, dass Edguy sich songwriterisch steigern. So oder so: Der zweite Track, „Nobody’s Hero“, wäre definitiv der bessere Einstieg gewesen, wobei man auch hier nicht mal dann Metal findet, wenn man ihn mit der Lupe sucht. Und so geht es weiter und reiht sich eine nichtssagende Nummer an die nächste. Aufgehorcht habe ich an wenigen Stellen: „Rock of Cashel“ hat einen schönen Instrumentalteil mit geiler, irgendwie mittelalterlich anmutender Melodie und Maiden-Gitarren (wäre aber auf alten Edguy-Scheiben auch nur B-Ware gewesen). Am besten geht mir „The Arcane Guild“ ins Ohr, das tatsächlich wie eine klassische Melodic Metal-Nummer klingt. Wobei auch hier gilt: Was auf „Age of the Joker“ positiv hervorsticht wäre früher höchstens Durchschnitt gewesen…

Auf den Rest möchte ich eigentlich gar nicht mehr eingehen. Kein einziger (!) Track ist mir trotz einer Vielzahl an Versuchen nachhaltig im Gedächtnis geblieben, was man fast schon als katastrophales Fazit bezeichnen muss (vor der World of Shame bewahrt das Album nur, dass Edguy technisch niemand ans Bein pinkeln kann). Aber was soll man machen? Dass „Pandora’s Box“ ein bisschen mit Western und Country experimentiert, kann eventuell am Titel festmachen, dass „Every Night Without You“ eine Ballade sein muss, ist auch klar. Aber der Rest? Wie klingt „Breathe“? Wie „Two Out of Seven“? Ich weiß einfach nicht, wie diese Songs klingen. Und das ist im Endeffekt auch schon alles, was man über „Age of the Joker“ wissen muss. Schade – neben „Rocket Ride“ ist das damit der bislang schwächste Versuch der Hessen.

Gesamteindruck: 2/7 


NoTitelLängeNote
1Robin Hood8:262/7
2Nobody’s Hero4:334/7
3Rock of Cashel6:204/7
4Pandora’s Box6:473/7
5Breathe5:052/7
6Two Out of Seven4:293/7
7Faces in the Darkness5:244/7
8The Arcane Guild5:005/7
9Fire on the Downline5:483/7
10Behind the Gates to Midnight World8:584/7
11Every Night Without You4:521/7
1:05:42

Edguy auf „Age of the Joker” (2011, Nuclear Blast):

  • Tobias Sammet − Vocals
  • Jens Ludwig − Lead Guitars, Dobro
  • Dirk Sauer − Rhythm Guitars
  • Tobias Exxel − Bass
  • Felix Bohnke − Drums
Bild von: metal-archives.com

Anspieltipp 1: Nobody’s Hero
Anspieltipp 2: The Arcane Guild

MusikWelt: Hellfire Club

Edguy


Die Worte „Ladies and Gentlemen, welcome to the Freak Show!“ waren für mich immer ein Synonym für den beginnenden Niedergang der einst so großartigen Band Edguy. In der Rückschau umso mehr, anno 2004, als „Hellfire Club“ erschien, dachte ich zunächst noch an einen Ausrutscher. Dass es leider nicht mehr besser werden sollte, war damals natürlich niemandem bewusst – und schon gar nicht, dass man sich nur wenige Jahre später über ein Album, das wenigstens die Güte vorliegender Platte erreicht, freuen würde

Gesamteindruck: 4/7


Abwärtstrend.

Es ist schon merkwürdig: Als ich „Hellfire Club“ unlängst zum ersten Mal nach langer Zeit aufgelegt habe und eingangs zitierte Worte vernahm, hatte ich kein sonderlich gutes Gefühl. Dann ging die Musik los und schnell fragte ich mich, was ich damals eigentlich für ein Problem mit dem Album gehabt habe – nur, um wiederum wenige Minuten später feststellen zu müssen, dass der 7. Edguy-Longplayer mir als Ganzes tatsächlich nicht sonderlich schmeckt. Eine echte Achterbahnfahrt also? Naja, nicht wirklich – die Qualitäten von „Hellfire Club“ hat man nach den ersten zwei, drei Songs eigentlich gehört; der Rest der Platte fällt wahlweise unter „nett“ oder „generisch“ (a. k. a. „hab ich das nicht schon mal gehört?“).

Dennoch gibt es auch Positives zu berichten, denn die Jungs um Sänger, Kreativkopf und Ober-Spaßvogel Tobias Sammet steigen mit einem fulminanten Doppelschlag in das Album ein: „Mysteria“ ist exakt einer jener Klasse Songs, die die Hessen für eine gewisse Zeit zu einem der bekanntesten und erfolgreichsten Acts in ihrem Bereich gemacht haben. Stampfende Riffs treffen auf einen super-eingängigen Refrain, die Geschwindigkeit ist hoch, der Text leicht zu merken, der Gesang melodisch, kurz: Alles bewegt sich genau im von der Fanbase erwarteten und gewünschten Bereich. Gut, der beste derartige Song, den Edguy in ihrer Karriere geschrieben haben, mag „Mysteria“ vielleicht nicht sein, auszusetzen gibt es daran im Endeffekt aber dennoch wenig. Direkt darauf folgt der stärkste Track der Platte, der musikalisch im Kontrast zu seinem Vorgänger steht und wohl auch auf einer Avantasia-LP eine gute Figur gemacht hätte: „The Piper Never Dies“ ist eine wunderbar geschriebene Nummer, eine Halb-Ballade mit den schönsten Gesangslinien, die man sich vorstellen kann. Speziell dem Prä-Chorus („Come and fly away with me…“) kann man eigentlich nur das Prädikat „grandios“ verleihen. 10 Minuten dauert dieser Ritt, was für meinen Geschmack genau die richtige Länge ist.

Keine Glanztat.

Bis hierhin (und den nächsten Song, „We Don’t Need A Hero“ nehme ich auch noch mit) frage ich mich bei jedem neuerlichen Durchlauf, ob ich in Hinblick auf oben- bzw. untenstehende Gesamtwertung nicht zu streng zu den Mannen aus Fulda bin. Leider rückt das Gros der restlichen Tracks die Welt wieder gerade und führt Edguy geradewegs in jene Gefilde, aus denen sie sich bis heute nicht befreien konnten: In die absolute Belanglosigkeit. Es ist auch fast egal, welchen der weiteren Songs ich mir anhöre, denn keiner will mich auch nur annähernd begeistern. Im Endeffekt gib es mit „King of Fools“ und „Lavatory Love Machine“ überhaupt nur zwei Nummern, von denen man nicht nach 10 Minuten vergessen hat, wie sie klingen, was aber nicht darüber hinwegtäuschen sollte, dass auch diese Track nur ein Abklatsch alter Edguy-Herrlichkeit sind.

Als Beispiel für die Probleme, die ich mit dem Album habe, seien die Refrains von „Under the Moon“ und „Rise of the Morning Glory“ genannt: Beide kann man schnell mitsummen oder -singen, beide gehen gut ins Ohr – und beide sind dermaßen generisch, dass man das Gefühl hat, man würde eine Pop-Scheibe hören. Wobei sie eigentlich auch dazu nicht taugen, denn richtigen Ohrwurm-Charakter haben sie letzten Endes auch nicht. Ähnliches gilt übrigens auch für die beiden Balladen (die Vorliebe von Tobias Sammet für die Ohrenschmeichler kennt man mittlerweile ja, weshalb die Tatsache, dass zwei davon auf einem Album stehen, per se kein Aufreger mehr ist): Sowohl „Forever“ als auch „The Spirit Will Remain“ kann man getrost vergessen. Edguy haben auch in dieser Hinsicht in den Jahren vor „Hellfire Club“ deutlich besseres, interessanteres und – vor allem – emotionaleres Material veröffentlicht.

Fazit: Eine Empfehlung für „Hellfire Club“ kann ich maximal für die aussprechen, denen auch die folgenden Alben gefallen haben. Wobei auch das so eine Sache ist, denn letztendlich ist vorliegende Platte ein Zwischenschritt, der weder den einen noch den anderen Teil der Hörer:innenschaft so richtig zufriedenstellen dürfte. Für mich persönlich markiert das 7. Album der Fuldaer jenen Kurswechsel, der sie in einen Bereich geführt hat, in den ich nicht mitkommen mag. Vier Punkte gibt es dennoch, das aber vor allem aus heutiger Sicht und im Wissen um das, was später folgen sollte. Ich denke, anno 2004 habe ich „Hellfire Club“ als schlimmen Ausrutscher empfunden und wäre nicht so gnädig mit der Bewertung gewesen.

Gesamteindruck: 4/7 


NoTitelLängeNote
1Mysteria5:456/7
2The Piper Never Dies10:077/7
3We Don’t Need A Hero5:315/7
4Down to the Devil5:283/7
5King of Fools4:224/7
6Forever5:413/7
7Under the Moon5:052/7
8Lavatory Love Machine4:264/7
9Rise of the Morning Glory4:403/7
10Lucifer in Love0:322/7
11Navigator5:234/7
12The Spirit Will Remain4:132/7
1:01:13

Edguy auf “Hellfire Club” (2004, AFM Records):

  • Tobias Sammet − Vocals, Keyboards, Organ
  • Jens Ludwig − Lead Guitars, Backing Vocals
  • Dirk Sauer − Rhythm Guitars, Backing Vocals
  • Tobias Exxel − Bass, Backing Vocals
  • Felix Bohnke − Drums
Bild von: metal-archives.com

Anspieltipp 1: The Piper Never Dies
Anspieltipp 2: Mysteria

MusikWelt: Mandrake

Edguy


Für mein Dafürhalten befand sich Tobias Sammet anno 2001 auf dem Höhepunkt seines Schaffens: Kurz nach dem hervorragenden Debüt von Avantasia kam in jenem Jahr mit „Mandrake“ das fünfte – und für mich bis dato letzte unumstritten gute – Album von Edguy in die Läden. Beides konnte man damals Allen, die auch nur ansatzweise etwas mit Power Metal anfangen konnten, bedenkenlos empfehlen. Danach ging es – speziell für Edguy – zuerst langsam, dann leider immer schneller bergab.

Gesamteindruck: 6/7


Rundum gelungen.

Ein bisschen muss ich meine recht harsche Einleitung revidieren: „Mandrake“ und der Avantasia-Erstling „The Metal Opera“ stellen zwar für mich den Zenit in der Karriere von Tobias Sammet dar. Er selbst – und auch jener Teil des Publikums, der es gern etwas rockiger mag – werden das freilich anders sehen. Gerade bei Avantasia wurden die Kompositionen in der Folge deutlich komplexer und anspruchsvoller, was für die stetige Weiterentwicklung des Künstlers sprechen mag. Nur nutzt das alles nichts: Ich wollte Edguy immer so hören, wie sie bis inklusive „Mandrake“ geklungen haben. Dessen Nachfolger „Hellfire Club“ (2004) empfand ich damals übrigens als Ausrutscher, nicht wissend, wie sehr ich mich über den Folgejahren über ein Album jener Güte gefreut hätte. Aber ich schweife ab…

„Mandrake“ zeigt Edguy in einer Phase, in der der zweifelhafte Humor, der später einen immer größeren Anteil im Schaffen der Band ausmachen sollte, fast völlig außen vor bleibt. Einziger Hinweis auf die zukünftige Ausrichtung als Kasper-Truppe ist das unverdächtig betitelte „Save Us Now“. Das soll wohl eine Hommage an die Künste von Schlagzeuger Felix „Bum Bum“ Bohnke darstellen, zumindest interpretiere ich den Text über das „Highspeed Alien Drum Bunny“ so. Über die Lyrics kann man getrost geteilter Meinung sein, sie gar peinlich finden (was ich für übertrieben halte, so schlimm sind sie nicht), Fakt ist aber, dass der Song musikalisch über jeden Zweifel erhaben ist. Zumindest dann, wenn man sich nicht grundsätzlich an einer schnellen, super-eingängigen Nummer stört, deren Refrain man nach zweimal hören problemlos mitschmettern kann.

Große Hymnen allenthalben.

Musikalisch ist „Save Us Now“ nicht der einzige Song, der für den klassischen Edguy-Fan eine Kaufempfehlung in Reinkultur ist. Es wäre meiner Ansicht nach müßig, hier Track für Track durchzugehen, es reiht sich tatsächlich ein Highlight an das nächste; meine persönlichen Favoriten möchte ich dennoch kurz erwähnen: „Tears of a Mandrake“ als großartiger Opener mit unwiderstehlichem Refrain, das lange und titelgemäß leicht orientalisch angehauchte „The Pharao“ (ich liebe den Zwischenteil, der so oder so ähnlich auch von Avantasia sein könnte), der Vintage-Edguy-Track „Painting on the Wall“ sowie einer meiner Alltime-Faves der Fuldaer, „Fallen Angels“ mit einer teilweise sehr aggressiven Gesangsleistung von Meister Sammet. Im Haben sind aber auch fast alle anderen Songs zu verbuchen – übrigens glaube ich, dass das Gekreische im lässig riffenden „Nailed to the Wheel“ eine Ursache für die späteren Stimmprobleme des Sangeswunders gewesen sein könnte.

Eigentlich gibt es nur zwei Nummern, die ich nicht so richtig goutiere: Das finale „The Devil and the Savant“ scheint mir rückblickend einer der ersten Songs in der Edguy-Chronologie zu sein, die zeigen, dass die typische Formel der Hessen vielleicht doch nicht so unverwüstlich ist und mit Abnutzungserscheinungen zu rechnen ist. Prädikat: „Eh ganz nett aber gefühlt schon x-mal gehört“. Noch weniger warm werde ich aber mit der Pflichtballade, die auf den Namen „Wash Away the Poison“ hört und mir vor allem eines zeigt: Edguy haben auch in Sachen Herzschmerz den Bogen überspannt und längst alles gesagt, was es dazu zu sagen gibt. Ein klassischer Fall für die Skip-Taste also – dabei technisch aber durchaus passabel und gewohnt fehlerfrei umgesetzt. Uninspiriert und langweilig ist die Nummer halt dennoch; bei mir erweckt sie den Eindruck, nur auf dem Album zu sein, weil es keine Power Metal-Platte ohne einen derartigen Track geben kann und darf.

Von diesen Kleinigkeiten abgesehen: Volle Kaufempfehlung, wer Power Metal mag, macht mit „Mandrake“ definitiv nichts falsch und erhält einen bunten Strauß an eingängigen, schnellen und stellenweise richtiggehend epischen Hymnen. Zwar sind „Vain Glory Opera“ (1998) und „Theater of Salvation“ (1999) noch ein klitzekleines Bisschen besser, aber einer der stärksten Versuche von Edguy ist vorliegende Platte allemal.

Gesamteindruck: 6/7 


NoTitelLängeNote
1Tears of a Mandrake7:117/7
2Golden Dawn6:085/7
3Jerusalem5:276/7
4All the Clowns4:496/7
5Nailed to the Wheel5:415/7
6The Pharao10:377/7
7Wash Away the Poison4:403/7
8Fallen Angels5:157/7
9Painting on the Wall5:157/7
10Save Us Now4:376/7
11The Devil and the Savant5:264/7
1:04:29

Edguy auf “Mandrake” (2001, AFM Records):

  • Tobias Sammet − Vocals, Keyboards, Organ
  • Jens Ludwig − Lead Guitars, Backing Vocals
  • Dirk Sauer − Rhythm Guitars, Backing Vocals
  • Tobias Exxel − Bass, Backing Vocals
  • Felix Bohnke − Drums
Bild von: metal-archives.com

Anspieltipp 1: Fallen Angels
Anspieltipp 2: Painting on the Wall

MusikWelt: The Savage Poetry

Edguy


Lösen wir mal etwaige Verwirrungen auf: „Savage Poetry“ (1995) war das in Eigenregie veröffentlichte Debüt-Album von Edguy, auf dem die teils noch minderjährigen Musiker bereits angedeutet hatten, wozu sie fähig waren. Ohne eine Plattenfirma fehlten jedoch die Möglichkeiten für eine professionelle Aufnahme, weswegen die Platte später neu eingespielt und anno 2000 als „The Savage Poetry“ über AFM veröffentlicht wurde. Alles klar soweit? 😉

Gesamteindruck: 5/7


Wilde Poeten.

Die Vermutung liegt nahe, dass der Sound nicht der einzige Grund für die Neuaufnahme gewesen sein dürfte. Denn wer „Savage Poetry“ von 1995 auflegt, kommt bei allem Songwriting-Talent nicht umhin, festzustellen, dass die Fähigkeiten an den Instrumenten und beim Gesang zumindest ausbaufähig waren. Ich nehme an, das wird für die Entscheidung, das Album neu einzuspielen, eine ebenso große Rolle gespielt haben wie der wenig ansprechende Mix. Kurios übrigens: Die Kombination aus Cover und Band-Logo der 1995er-Version wäre ohne weiteres Black Metal-tauglich gewesen. Irgendwie passend, wie sich damit der Kreis zum rauen Soundbild zu schließen scheint.

Wie jung und unerfahren Edguy waren, als sie vorliegende Songs eingespielt waren, hört man den Originalaufnahmen von 1995 deutlich an. Auf vorliegendem Album ist das anders: Nur der zweite Track, „Misguiding Your Life“, wirkt nach wie vor, als hätten die Musiker nicht richtig gewusst, was sie damit anstellen sollten. Der Song klingt nicht rund, im Refrain hakt es – und die Nummer kommt als Ganzes ein bisschen wie „leider haben wir es nicht besser hinbekommen, aber irgendwie mussten wir die Spielzeit halt voll bekommen“ rüber. Ein wenig gilt das in meinen Ohren auch für den Chorus des Rausschmeißers „Power and Majesty“, der ansonsten aber tadellos aus den Boxen kommt und einen schönen Schlusspunkt für „The Savage Poetry“ bildet.

An den übrigen Tracks finde ich wenig auszusetzen, sieht man davon ab, dass sie für Edguy-Verhältnisse relativ schnörkellos daherkommen. Das muss ja nichts Schlechtes sein, ich persönlich bevorzuge allerdings die symphonischeren Sachen, mit denen ich die Band in den 1990ern kennengelernt habe. Folgerichtig ist „Key to My Fate“ für mich der mit Abstand beste Song auf „The Savage Poetry“ und eine Nummer, die ich mir bis heute immer wieder anhören kann. Und das sogar mit einer gewissen Portion Wehmut, denn ein Track wie dieser ist Edguy nach „Mandrake“ (2001) leider nicht mehr gelungen. Ebenfalls im Haben zu verbuchen und sehr gut geschrieben: Der Opener „Hallowed“ und die schöne Ballade „Roses to No One“. Jeder dieser Songs hätte problemlos seinen Platz auf Alben wie „Theater of Salvation“ (1999) oder „Mandrake“ gefunden. Der Rest vom Schützenfest ist, wie angedeutet, relativ schnörkellos. Mit „Eyes of the Tyrant“ gibt es eine überlange Nummer, die ganz gut geschrieben ist, ansonsten ist alles eher unauffällig.

Aus der Zeit gefallen?

Retrospektiv wirkt „The Savage Poetry“ in der Chronologie der Edguy-Veröffentlichungen ein wenig aus der Zeit gefallen. Meiner Ansicht nach hätte das Album, so wie es in dieser Fassung klingt, entweder an Stelle des Debüts stehen können (denn bereits das Zweitwerk „Kingdom of Madness“, 1997, hatte eine ähnlich saubere Produktion), es hätte aber auch gut irgendwo zwischen „Mandrake“ (2001) und „Hellfire Club“ (2004) gepasst. Klingt im ersten Moment paradox, hat aber damit zu tun, dass „Hellfire Club“ meiner Ansicht nach eine Zäsur für den Sound von Edguy war. Mit diesem Album hatten die Hessen begonnen, sich vom Power Metal auf den Spuren von Helloween und HammerFall zu lösen und zaghafte Schritte Richtung Hard Rock zu unternehmen. Es tut hier nichts zur Sache, ob ich persönlich diese Entwicklung gut heiße – erwähnen möchte ich sie trotzdem, weil mir scheint, dass sie eine Art Rückbesinnung auf das ist, was Edguy bereits 10 Jahre zuvor auf „Savage Poetry“ gemacht haben.

Und so schließt sich auch dieser Kreis: „The Savage Poetry“ bietet die Edguy-Grandezza der 1990er, die mit „Mandrake“ (2001) leider ihr Ende fand, nimmt gleichzeitig aber auch vorweg, wohin sich die Band spätestens mit „Rocket Ride“ (2006) zu entwickeln begann. Interessant – wenngleich das 2000 natürlich noch überhaupt nicht absehbar war. Vergleicht man „The Savage Poetry“ übrigens mit Edguy-Alben nach 2006, muss man zugeben, dass vorliegendes Werk ihr mit Abstand bester Versuch in Sachen Hard Rock war. Das ist natürlich starker Tobak – und auch ein bisschen traurig, sowohl für die Band als auch für mich als Fan.

Ein abschließendes Urteil über die Notwendigkeit dieser Neuaufnahme maße ich mir nicht an, möchte aber doch festhalten, dass „The Savage Poetry“ dem Original in technischer Hinsicht deutlich überlegen ist. Neben dem nun professionellen Sound merkt man dem Album aber auch die nunmehr perfekte Beherrschung der Instrumente an. Geändert wurden außerdem ein paar Details im Songwriting, sodass man „The Savage Poetry“ praktisch nicht mehr anhört, dass die darauf zu hörenden Ideen bereits Anfang der 1990er entstanden sind. Wer nun denkt, dass eine solche Verbesserung selbstverständlich sei, möge sich an den sinnbefreiten Versuch von Manowar, ihren 1988er Meilenstein „Kings of Metal“ neu zu vertonen, erinnern.

Gesamteindruck: 5/7 


NoTitelLängeNote
1Hallowed6:146/7
2Misguiding Your Life4:054/7
3Key to My Fate4:347/7
4Sands of Time4:405/7
5Sacred Hell5:384/7
6Eyes of the Tyrant10:015/7
7Frozen Candle7:155/7
8Roses to No One5:436/7
9Power and Majesty4:535/7
53:03

Edguy auf “The Savage Poetry” (2000, AFM Records):

  • Tobias Sammet − Vocals, Keyboards
  • Jens Ludwig − Guitars
  • Dirk Sauer − Guitars
  • Tobias Exxel − Bass
  • Felix Bohnke − Drums
Bild von: metal-archives.com

Anspieltipp 1: Key to My Fate
Anspieltipp 2: Roses to No One

MusikWelt: Theater of Salvation

Edguy


Mit „Vain Glory Opera“ (1998) schafften Edguy, bis dahin eher Geheimtipp und/oder Regionalgröße, auch international den Durchbruch. Dafür sorgten geradlinige, sehr eingängige Power Metal-Hymnen mit einem Schuss Dramatik und, ja, auch jener Portion Kitsch, den die Fans damals einfach liebten und für den man den Bands bis heute nicht so richtig böse sein mag. Nur ein Jahr später legten die Fuldaer dann mit „Theater of Salvation“ das nächste Album vor. Manche sagen, es wäre das Beste, das sie bis heute hinbekommen haben; eine Ansicht, die nicht von ungefähr kommt.

Gesamteindruck: 7/7


Nach der Oper ins Theater.

Streitet man sich in der Hochkultur eigentlich darüber, ob das Theater oder die Oper die wichtigere, dramatischere oder sonst wie überlegene Kunstform ist? Ich weiß es nicht… Im Falle von Edguy kann ich hingegen berichten, dass „Theater of Salvation“ seinen Vorgänger „Vain Glory Opera“ in Sachen Dramatik übertrifft. Das Songwriting ist deutlich ausgereifter und komplexer, zum Teil hört man hier genau jene Ideen heraus, die zwei Jahre später auf „The Metal Opera“ von Avantasia endgültig aus dem Bandgefüge von Edguy herausgelöst werden sollten. Namentlich betrifft das neben dem Intro vor allem die abschließenden Tracks „The Unbeliever“ und „Theater of Salvation“, die klingen, als wären sie für das spätere Herzensprojekt von Tobias Sammet geschrieben worden. Nicht nur wegen der Texte und des neo-klassizistischen Songwritings, sondern auch und vor allem, weil man das Gefühl hat, der Edguy-Boss hätte diese Nummern im Hinblick auf die Intonierung mit zusätzlichen Stimmen komponiert (was ja ein Markenzeichen von Avantasia ist). In der Rückschau kommt es mir regelrecht merkwürdig vor, dass sich speziell beim Titeltrack niemand das Mikro mit Sammet teilt (und dass das damals niemandem aufgefallen sein soll). 😉

So oder so: „Theater of Salvation“ ist einer der am besten komponierten Langstrecken-Songs, den es von Edguy zu hören gibt (er wäre übrigens auch bei Avantasia ganz weit vorn dabei – und damit lasse ich es nun endgültig gut sein, was diese Vergleiche betrifft). Grandios, welche Epik und Dramatik Sammet für diese Nummer in Noten gegossen hat – übrigens komplett im Alleingang. Die Chöre, die Dynamik, die Instrumentierung (die trotz allem Bombast immer noch ihren Heavy Metal-Charme hat), die Lyrics – all das zusammen ergibt eine schlichtweg fantastische Achterbahnfahrt über 14 Minuten.

Abgesehen von diesem großen Moment, der zeigt, was für ein Ausnahmetalent Tobias Sammet als Sänger, vor allem aber als Komponist ist, stehen auf „Theater of Salvation“ gleich mehrere meiner All-time Favorites von Edguy: „Babylon“ ist meiner Ansicht nach bis heute eine der besten Power Metal-Nummern, die es gibt. Für mich ist das ein Song, der, vielleicht neben „The Dragon Lies Bleeding“ (HammerFall), wie kein anderer das positive Gefühl und die allgemeine Aufbruchsstimmung in der Szene Ende der 1990er repräsentiert. In leicht geringerem Ausmaß gilt Ähnliches für „The Headless Game“ und „Wake Up the King“, die eine bestens aufgelegte Band zeigen und mittlerweile zu Recht als Klassiker gelten.

Etwas mehr Zeit brauchen die Nummern nach der Halbzeit. Speziell gilt das für „Holy Shadows“, das bei mir in den Jahrzehnten, seit „Theater of Salvation“ erschienen ist, immer ein Schattendasein geführt hat – bis zu den aktuellen Re-Listenings für diese Rezension. Da hat es plötzlich geklickt und seither finde ich den Song sehr stark. „Falling Down“ und „Arrows Fly“ sind hingegen nett anzuhören, aber nichts, was über das hinausgeht, das man im Lehrbuch über das Schreiben einer ganz klassischen Power Metal-Nummer lesen kann. Wobei dazu gesagt werden muss, dass Edguy zumindest ein wenig an eben jenem Buch mitgeschrieben haben. Dennoch, mit den restlichen Krachern können diese beiden Tracks nicht ganz mithalten.

Balladeske Momente.

Noch nicht erwähnt habe ich die zwei Balladen, die auf dem Album zu finden sind. Richtig gelesen, es sind gleich zwei Songs aus einer Disziplin, die immer mal wieder belächelt wird. Tobias Sammet dürfte von seinem balladesken Talent bis heute voll und ganz überzeugt sein, was ich nicht in Frage zu stellen wage. Als Fan seiner frühen Arbeiten kann ich zumindest sagen, dass ich nicht immer mit seinen langsamen Ohrenschmeichlern einverstanden war und bin. Und so ist es auch auf „Theater of Salvation“: „Another Time“ ist eine klassische Piano-Ballade, kommt ohne Metal-Instrumentierung aus – und ist ein ziemlicher Schmachtfetzen. Ab und an mag man in der Stimmung dafür sein, aber mir persönlich ist das einfach zu viel des Guten. Nett anzuhören: Ja. Essenziell: Nein.

Ganz anders „Land of the Miracle“, das man im Gegensatz dazu aber eher unter dem Begriff „Power Ballade“ einordnen sollte, denn hier gibt es Gitarrenriffs und ein Solo. Unabhängig davon: Ich weiß, ich habe jetzt schon einige Male Phrasen wie „das Beste“ u. ä. verwendet, dennoch bleibt es mir nicht erspart… „Land of the Miracle“ gehört aus meiner Sicht zu den besten Vertretern seiner Zunft. Wenn mir jemand sagen würde, ich solle die besten 10 Metal-Balladen der Welt notieren (zum Glück hat mich noch nie jemand gefragt, da wären sehr harte Entscheidungen zu treffen), würde ich „Land of the Miracle“ zumindest einen Platz unter meinen Top 3 zutrauen. Der Text ist gut (klar ist er cheesy, das darf er in dieser Disziplin aber schon auch sein, finde ich), vor allem aber ist die Nummer einfach dermaßen geil komponiert, dass mir die Superlative ausgehen. Die ruhige Einleitung mit Klavier, dann die stoischen Riffs, die doppelläufigen Gitarrenleads, der bombastische Refrain sowie der sich dramatisch steigernde Verlauf, der mit einem hörenswerten Kanon und einem A-Capella-Chorus im Finale seinen Höhepunkt findet – das alles und, am wichtigsten, wie diese Elemente ineinander greifen und verwoben sind, führt zu meiner kaum zu bändigenden Begeisterung. Keine Ahnung, was Tobias Sammet diesen Geistesblitz beschert hat, aber hier hat er sich wirklich selbst übertroffen.

Damit kann ich auch für „Theater of Salvation“ nur die Höchstwertung zücken. Das Album unterhält von vorne bis hinten irrsinnig gut. Das war auch schon bei „Vain Glory Opera“ so, diesmal ist die Sache aber ein wenig anders. Denn im Gegensatz zu seinem Vorgänger, der mit schneller und einfacher Zugänglichkeit für gute Laune sorgt, gibt es auf vorliegender Platte auch einiges zu entdecken, was die Halbwertszeit deutlich erhöht. Wenn man unbedingt ein Haar in der Suppe finden möchte, wären das wohl die manchmal allzu ausufernden Wiederholungen der Refrains (z. B. in am Ende von „Babylon“). Weil die aber sehr gut geschrieben sind, hält sich der Ärger darüber in Grenzen – zu Abnutzungserscheinungen kann es aber mitunter schon führen.

Sehr, sehr schön gemacht, Edguy!

Gesamteindruck: 7/7 


NoTitelLängeNote
1The Healing Vision1:115/7
2Babylon6:107/7
3The Headless Game5:316/7
4Land of the Miracle6:327/7
5Wake Up the King5:437/7
6Falling Down4:365/7
7Arrows Fly5:036/7
8Holy Shadows4:317/7
9Another Time4:074/7
10The Unbeliever5:476/7
11Theater of Salvation14:107/7
1:03:21

Edguy auf “Theater of Salvation” (1999):

  • Tobias Sammet − Vocals, Keyboards
  • Jens Ludwig − Guitars, Backing Vocals
  • Dirk Sauer − Guitars, Backing Vocals
  • Tobias Exxel − Bass
  • Felix Bohnke − Drums
Bild von: metal-archives.com

Anspieltipp 1: Babylon
Anspieltipp 2: Theater of Salvation
Anspieltipp 3: Land of the Miracle

MusikWelt: Vain Glory Opera

Edguy


Eines muss man Tobias Sammet lassen: Er hatte von Beginn an das richtige Händchen für eingängige Melodien und epische Dramatik. Bis er sich irgendwann entschieden hat, Edguy zu einer Spaßtruppe zu degradieren und alle Ernsthaftigkeit in Avantasia zu stecken. Das konnte auf Dauer nicht gut gehen und hat beiden Projekten nachhaltig geschadet – doch das ist eine andere Geschichte für eine andere Rezension. Hier geht es nun um „Vain Glory Opera“, das 1998 auf den Markt kam, also zu einer Zeit, in der der Power Metal dank HammerFall, Nightwish & Co mitten im zweiten Frühling stand. Die Frage lautet also: Können Edguy mit dieser mächtigen Konkurrenz mithalten?

Gesamteindruck: 7/7


Edguy at their best.

Die Kurzfassung: Ja, sie können. Ich halte „Vain Glory Opera“ nicht nur für eines der besten Werke der Hessen, sondern für einen Beitrag, der das Genre zwar nicht revolutioniert, aber durchaus bereichert. Man darf ja nicht vergessen, dass Ende der 1990er Jahre eine gewaltige Anzahl an Veröffentlichungen ähnlicher Natur den Markt überschwemmte – häufig von zweifelhafter Qualität, was man Edguy nun wahrlich nicht attestieren kann. Tatsächlich zeigen sich die Mannen aus Fulda auf ihrem zweiten Studioalbum in allen Belangen gereift gegenüber dem ein Jahr zuvor erschienen „Kingdom of Madness“: Gitarrentechnisch sind die Riffs deutlich stärker, vor allem aber abwechslungsreicher; noch überzeugender fallen die Solos aus, die auf dem Vorgänger nicht über gute Ansätze hinausgekommen sind. Hier entfalten die Axtmänner Jens Ludwig und Dirk Sauer erstmals ihr volles Potenzial, was zum deutlich runderen Gesamterlebnis entscheidend beiträgt.

Vor allem punktet „Vain Glory Opera“ aber in zwei anderen Bereichen voll, die auf „Kingdom of Madness“ noch ausbaufähig waren: Songwriting und Vocals, beides die Domäne von Tobias Sammet (der hier übrigens einmal mehr durchaus gefällig den Bass bedient). Vorliegendes Album läutet meines Erachtens die bis dato beste Phase im Schaffen des rastlosen Multitalents ein (sie sollte bis „Hellfire Club“, 2004, dauern und auch die ersten beiden Avantasia-Veröffentlichungen umfassen). Zunächst zur Stimme: Auf „Kingdom of Madness“ klang Sammet noch ein bisschen unsicher, so als hätte er nicht so recht gewusst, wie er seine Fähigkeiten am besten zur Geltung bringt. Es war zwar auch schon zu hören, über welche Goldkehle er verfügt, seine volle Bandbreite konnte er aber erst mit vorliegendem Album abrufen, indem er sich stimmlich genau in die Lücke zwischen den gottgleichen Bruce Dickinson (Iron Maiden) und Michael Kiske (Helloween) platzierte. Und noch eines möchte ich in dem Zusammenhang erwähnen: Auf „Vain Glory Opera“ setzt Sammet seine Stimme sozusagen „normal“ ein und versucht keine Eskapaden, die ihm nicht liegen, wie es auf dem Vorgänger noch der Fall war – und für unfreiwilliges Schmunzeln sorgte.

Starkes Gesamtpaket.

Noch eine Spur wichtiger ist, dass „Vain Glory Opera“ in Sachen Songwriting überzeugt und damit ein stimmiges Gesamtpaket ist. Das gelingt, weil sich die Band bzw. Tobi Sammet am Riemen reißen und auf überlange, hoch-dramatische Nummern komplett verzichten. Der Titeltrack ist mit knapp über 6 Minuten das längste Stück, der Rest des Materials ist im Großen und Ganzen im 5-Minuten-Bereich angesiedelt. Dieses eher kompakte Komponieren tut der Platte sehr gut und bringt im Endergebnis genau das, was man Ende der 1990er in Sachen Power Metal hören wollte: Eine Mischung aus gut gelaunten, schnellen Nummern und Midtempo-Tracks, alles extrem eingängig und leicht mitsingbar. Einzelne Songs hervorzuheben ist müßig, die Qualitätsunterschiede sind nicht allzu groß. Ich würde aber sagen, dass sich mit „Until We Rise Again“, „How Many Miles“, „Out of Control“ und „Vain Glory Opera“ vier der allerbesten Nummern auf dieser Platte befinden, die Edguy je zustande gebracht haben.

Etwas schwächer wird’s hinten raus – „Walk on Fighting“ und „No More Foolin'“ sind in meinen Ohren eher Stangenware. Der Rest passt aber wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge. Und auch seiner Leidenschaft zum Covern frönt Meister Sammet, indem er mit „Hymn“ einen Klassiker von Ultravox als Rausschmeißer auf das Album packt; ich muss zugeben, dass mir die Behandlung durch Edguy gut gefällt, eine Art guilty pleasure, glaube ich (wobei: kann man Edguy nicht generell als guilty pleasure bezeichnen?).

Nur ganz wenig auszusetzen.

Zwei Dinge hätten die Höchstwertung fast verhindert – sind aber nicht gravierend genug, um eine Abwertung zu rechtfertigen: Zunächst ist festzuhalten, dass den meisten zeitgenössischen Bands eine Ballade pro Album ausgereicht hat; Tobi, der alte Romantiker, hatte aber immer schon ein Faible für Schmusesongs, weswegen wir hier mit „Scarlet Rose“ und „Tomorrow“ gleich zwei Ohrenschmeichler zu hören bekommen. Mir hätte einer gereicht, und ich ziehe das geringfügig weniger schwülstige „Scarlet Rose“ vor, wobei ich zugeben muss, dass sich die zwei Nummern schon recht stark ähneln. Hätte ich auf diese Weise wirklich nicht gebraucht.

Der zweite Störfaktor: Die Hessen haben schöne Refrains am Start, walzen mir diese aber ein bisschen zu sehr aus. Eine Wiederholung weniger hätte es gegen Ende des einen oder anderen Songs auch getan, so können die Chöre trotz aller Qualität tatsächlich zu nerven beginnen. Oder wollte man damit kaschieren, dass es doch an der einen oder anderen Idee fehlte, die Länge der Nummern spannend zu füllen? Ich weiß es nicht, aber es ist schon auffällig, wie oft einige Chorusse (Chörusse? Chorüsse?) wiederholt werden. So oder so macht dieses Album dermaßen viel Spaß, dass ich trotz dieser Lappalien einfach nur die Höchstwertung vergeben kann – eine echte guilty pleasure eben. 😉

Ein letztes Mal muss ich das große A ganz am Ende übrigens doch noch erwähnen: Schon auf „Kingdom of Madness“ war mit Chris Boltendahl (Grave Digger) ein mehr oder minder bekannter Name als Gast am Start. Auf „Vain Glory Opera“ setzen Edguy diese Tradition fort, denn zwei Nummern („Out of Control“ und der Titeltrack) werden durch den legendären Blind Guardian-Schreihals Hansi Kürsch veredelt, außerdem gibt’s – auch auf „Out of Control“ – ein geschmeidiges Solo des damals noch unumstrittenen Stratovarius-Flitzefingers Timo Tolkki zu hören. Das Konzept der Gastmusiker schien Tobi Sammet also schon damals zuzusagen – später sollte er es mit Avantasia so richtig ausleben.

Gesamteindruck: 7/7 


NoTitelLängeNote
1Overture1:315/7
2Until We Rise Again4:287/7
3How Many Miles5:397/7
4Scarlet Rose5:105/7
5Out of Control5:047/7
6Vain Glory Opera6:087/7
7Fairytale5:116/7
8Walk On Fighting4:465/7
9Tomorrow3:535/7
10No More Foolin‘4:554/7
11Hymn (Ultravox Cover)4:535/7
51:38

Edguy auf “Vain Glory Opera” (1998):

  • Tobias Sammet − Vocals, Bass, Keyboards
  • Jens Ludwig − Lead Guitars
  • Dirk Sauer − Rhythm Guitars
  • Frank Lindenthal [Guest] − Drums
Bild von: metal-archives.com

Anspieltipp 1: Out of Control
Anspieltipp 2: How Many Miles

MusikWelt: Kingdom of Madness

Edguy


Zugegeben: An vorderster Front standen Edguy im Kampf, der Ende der 1990er um die Rückkehr des wahren Heavy Metal tobte, nie. Die Riege der jungen Wilden wurde eher von Truppen wie HammerFall, Nightwish und Children of Bodom angeführt, in deren Windschatten dann auch alte Helden wie Helloween, Gamma Ray und Stratovarius langsam wieder zu alter Stärke fanden. Und doch konnte auch die junge Truppe aus dem hessischen Fulda überzeugen, wenngleich ihr der ganz große internationale Durchbruch erst später gelingen sollte.

Gesamteindruck: 3/7


Mittelprächtiges Frühwerk.

„Kingdom of Madness“ erschien 1997 und gilt gemeinhin als Debüt von Edguy („Savage Poetry“ war 1995 in Eigenregie veröffentlicht worden, hat aber eher Demo-Qualität, weswegen es anno 2000 neu aufgenommen und veröffentlicht wurde). Ob nun echtes Debüt oder nicht: Mit Sänger Tobias Sammet (der auch Bass und Keyboards einspielte) sowie den Gitarristen Jens Ludwig und Dirk Sauer war jedenfalls bereits die langjährige Kernmannschaft der Band am Start. Als Drummer fungierte Dominik Storch, der Edguy aber bald darauf wieder verließ. Alle vier waren technisch trotz ihrer Jugend bereits sehr sauber unterwegs, anders wäre es aber auch schwer möglich gewesen, mit den Genre-Größen mitzuhalten. Besonders auffällig natürlich Mastermind Tobi Sammet, der hier erste Anstalten macht, eine Position als eine Art missing link, irgendwo zwischen Bruce Dickinson (Iron Maiden) und Michael Kiske (Helloween), einzunehmen. Ganz schafft er es allerdings noch nicht, zu überzeugen, wirkt ein bisschen unsicher, wie er seine Stimme wirklich einsetzen soll. Was die beiden Gitarrenhelden betrifft: Sie machen ihre Sache zwar ordentlich, ich möchte aber auch nicht verhehlen, dass vor allem die Solos nicht gerade vom Hocker reißen und sich die Riffs in den einzelnen Songs teilweise stark ähneln.

Und damit sind wir auch schon beim Grund, warum dieses Album trotz guter Voraussetzungen nicht so richtig zünden will: Das Songwriting ist auf „Kingdom of Madness“ nicht durchgängig ausgereift. Im Wesentlichen gibt es mit „Wings of a Dream“ nur eine Nummer, die jene Attribute erfüllt, die den damaligen Power Metal so großartig gemacht haben: Hohes Tempo, ein Mindestmaß an Heavieness und die typische Eingängigkeit. Der Thrasher rümpft die Nase, für jeden, der damals mitsingen und auf dem Konzert einfach gute Laune haben wollte, war das ein Song aus purem Gold – und ist es bis heute geblieben. Davon abgesehen finde ich nur „Steel Church“, folgerichtig mein zweiter Anspieltipp, memorabel. Wohl einer der härtesten und düstersten Songs im Edguy-Katalog, dazu ein knackiger, eher untypischer Refrain und eine sehr tighte Rhythmus-Sektion – all das weiß heute zu überzeugen, ob ich es anno 1997 so toll gefunden hätte, wage ich nicht zu beurteilen.

Begeisterung sieht anders aus.

Der Rest vom Schützenfest ist – zumindest großteils – nicht der Rede wert. Ich denke, das liegt zu einem Gutteil am insgesamt eher mäßigen Tempo, das bereits den Opener „Paradise“ zu einer der ungeeignetsten Eröffnungsnummern macht, die Edguy jemals am Start hatten. Letztlich sind auch fast alle Songs zu lang, keine der Nummern dauert unter 5 Minuten, sieht man vom verzichtbaren Zwischenspiel „Dark Symphony“ und der faden Standard-Ballade „When a Hero Cries“ ab. Freilich wäre die Laufzeit der Tracks kein Problem, wenn genug passieren würde, um sie interessant zu machen – tut es aber nicht, weshalb sich das Album stärker hinzieht, als man meinen möchte. Interessant übrigens: „Savage Poetry“, wie erwähnt später als „The Savage Poetry“ neu eingespielt, war vom Songwriting her deutlich stärker, würde ich meinen, was das eigentliche Zweitwerk in dieser Hinsicht sogar zu einem kleinen Rückschritt macht.

An dieser Stelle vielleicht ein Wort zur Technik: Oben habe ich ja erwähnt, dass die Herren aus Fulda musikalisch bereits ihr außergewöhnliches Talent aufblitzen lassen. Leider – und das ist schon auch ein Grund, warum das Album eher abstinkt – kann die Produktion überhaupt nicht überzeugen. Drums und Vocals stehen stark im Vordergrund, sind beide aber nur bedingt großartig. Der Bass ist ok, aber was mit den Gitarren gemacht wurde, verstehe ich nicht: Viel zu leise, viel zu schwach, sodass etwaige gute Riffs letztlich komplett „versteckt“ sind, also untergehen. Ich bin ja wahrlich keiner, der immer die bombastischsten Soundgewänder für seine Metalalben braucht; „Kingdom of Madness“ ist aber ein perfektes Beispiel dafür, wie solche Musik nicht produziert sein darf. Schade drum – mit etwas mehr Biss wären definitiv mehr Punkte möglich gewesen.

Avantastischer Prototyp?

Besondere Erwähnung verdient der finale Track: „The Kingdom“ schlägt mit stolzen 18 Minuten zu Buche und ist der erste Versuch von Sammet auf der Langstrecke, einer Disziplin, der er sich später vor allem mit Avantasia (im Jahr 2000 als Nebenprojekt gestartet und zwischenzeitig zur Hauptband des Sängers avanciert) verstärkt widmen sollte. Nun kann ich die Zeit nicht zurückdrehen und nachempfinden, wie sich „The Kingdom“ für jemanden angehört haben muss, der noch nichts von Avantasia wusste – aus meiner Sicht ist das aber tatsächlich ein Song, der den Grundstein für Sammets spätere Ambitionen gelegt haben dürfte.

Übrigens nicht nur kompositorisch, sondern auch in anderer Hinsicht: Thematisch ist die Nummer ein wenig religiös angehaucht, es geht um Inquisition und Folter; ferner hat man sich mit Chris Boltendahl (Grave Digger) einen Gast zur gesanglichen Unterstützung geholt, ein Konzept, dass später das Merkmal von Avantasia werden sollte. Nun ist „The Kingdom“ aber eine Nummer von sehr jungen Edguy und man fragt sich, ob ein solcher Song nicht über ihren Möglichkeiten gelegen hat. Mir kommt es fast so vor – Ansätze sind da, der Refrain ist stark und den einen oder anderen Teil der Nummer kann man sich gut geben. Insgesamt ist das für diese Länge aber zu wenig.

Und weil wir gerade von Avantasia sprechen: Nach zig Durchläufen von „Kingdom of Madness“ hatte ich fast das Gefühl, hier statt einem Edguy-Album eher einen ersten Gehversuch in jene Richtung zu erleben, in die Tobi Sammet später so viel Zeit und Energie investieren sollte. Dafür spricht einerseits das Konzept, das alle Songs um das Thema Geisteskrankheit (wenn man „Madness“ so übersetzen möchte) kreisen lässt. Eine solche Herangehensweise ist für Edguy eher ungewöhnlich – während sie voll und ganz zu Avantasia passt. Und: Ich habe Sammet weiter oben als unsicher in Sachen Stimmlage eingeschätzt. Kann sein, dass ich da zu viel rein interpretiere, aber mir scheint fast, als hätte der Sänger versucht, unterschiedliche Charaktere zu intonieren, was ihm mal mehr, mal weniger gut gelingt (in „The Kingdom“ scheitert er z. B. teilweise grandios an sich selbst, was den Song unfreiwillig komisch macht). Jedenfalls könnte ich mir vorstellen, dass dieses Album, aufgenommen mit einer aktuellen Avantasia-Besetzung, deutlich besser klingen würde als wir es hier zu hören bekommen. Klar, das alles ist im Rückblick und mit dem Wissen darum, wie sich Tobias Sammet weiterentwickeln sollte, leicht gesagt – aber zumindest ein interessantes Gedankenexperiment scheint es mir zu sein.

So oder so: „Kingdom of Madness“ ist alles in allem kein berauschendes Album. Das muss man unterm Strich leider ganz klar so sagen. Die Großtaten der Mannen aus Fulda sollten später folgen – und auch von eher kurzer Dauer sein, aber das ist eine andere Geschichte für andere Rezensionen.

Gesamteindruck: 3/7 


NoTitelLängeNote
1Paradise6:243/7
2Wings of a Dream5:246/7
3Heart of Twilight5:323/7
4Dark Symphony1:053/7
5Deadmaker5:154/7
6Angel Rebellion6:444/7
7When a Hero Cries3:593/7
8Steel Church6:295/7
9The Kingdom18:233/7
59:15

Edguy auf “Kingdom of Madness” (1997):

  • Tobias Sammet − Vocals, Bass, Keyboards
  • Jens Ludwig − Guitars
  • Dirk Sauer − Guitars
  • Dominik Storch − Drums
Bild von: metal-archives.com

Anspieltipp 1: Wings of a Dream
Anspieltipp 2: Into the Dark

MusikWelt: Berserker

Amon Amarth


Als ich das Artwork des 11. Albums der Wikingerhorde Amon Amarth gesehen habe, musste ich schlucken. Nicht nur, weil sich Farbgebung und Stil grundlegend von allem unterscheiden, was die Schweden bis zu diesem Zeitpunkt auf ihre Platten gepappt haben, sondern weil mir der Titel und das Bild ziemlich bekannt vorkamen. Dazu unten mehr, hier sei nur erwähnt, dass dieser Stilbruch bereits bevor ich den ersten Ton gehört hatte, wie ein schlechtes Omen über „Berserker“ zu schweben schien.

Gesamteindruck: 3/7


Leichtgewicht statt Schwermetall.

Amon Amarth führen mit „Berserker“ den Weg fort, den sie mit „Jomsviking“ (2016) eingeschlagen haben. Die Alben ähneln sich so sehr, dass ich im ersten Moment den Impuls hatte, hier meine entsprechende Rezension reinzukopieren. Nun hatte das Quintett aus Stockholm auch früher schon seinen klassischen Sound, der sich von Platte zu Platte häufig nur in Nuancen änderte. Kann man ohne weiteres machen, wenn auch die Qualität stimmt. Mir ist natürlich klar, dass „Qualität“ in der Kunst mehr als irgendwo sonst Ansichtssache ist – aber ich weiß auch, was mir gefällt und kann nach diesem zugegeben subjektiven Maßstab mein Urteil fällen. Im Falle von „Berserker“ bedeutet das, dass sich die musikalische Ähnlichkeit leider auch auf das Songwriting erstreckt, mit dem ich mich einfach nicht anfreunden kann (meine Vermutung ist im Übrigen, dass ich mit meiner Meinung keineswegs allein stehe, aber das soll hier nicht das Thema sein).

Es gibt aber auch eine gute Nachricht: Im Gegensatz zu „Jomsviking“ verfügt „Berserker“ in Form von „Ironside“ über eine Nummer, die ich absolut großartig finde und die jeden anderen Track der jüngsten Amon Amarth-Alben in den Schatten stellt. Und ja, ich weiß schon, dass auch dieser Song sehr auf Eingängigkeit getrimmt ist. Aber er ist seit langem der erste seiner Art, bei dem ich die ursprüngliche Wildheit und die in letzter Zeit eher sporadisch gezeigte Spielfreude der Stockholmer zu jeder Sekunde spüre. Treibender Rhythmus, gute Gitarrenarbeit, schöner Refrain, ein Johan Hegg in Hochform – was will man mehr? Ok, auf den Sprechgesang hätte ich verzichten können, aber man soll nicht unzufrieden sein.

Den Rest des Materials würde ich wie folgt zusammenfassen: Es herrscht die von „Jomsviking“ bekannte Leichtigkeit des Seins vor. Alles ist gefällig und technisch sauber dargeboten, darüber braucht man nicht zu diskutieren. Die Lyrics sind sogar eine Spur besser (schönstes Beispiel: „The Berserker at Stamford Bridge“), offenbar hat man gemerkt, dass die Texte des Vorgängers eher wie eine lästige Pflichtübung gewirkt haben. Wie üblich horcht man auch hie und da auf, beispielsweise beim Refrain des für die Verhältnisse dieser Platte gar nicht so üblen Openers „Fafner’s Gold“, dem in gleicher Hinsicht passablen „Shield Wall“, das sich gut für die Live-Darbietung eignen dürfte oder dem lässigen Riffing von „Wings of Eagles“. Sieht man von diesen Ausnahmen ab, die sehr punktuell gesät sind, bleibt nicht viel übrig – ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, wie die weiteren Songs klingen. Ich lese die Titel, die kommen mir natürlich bekannt vor, aber wie z. B. „Crack the Sky“ klingt, weiß ich nicht – und das war sogar die vorab ausgekoppelte Nummer, was auch schon sehr viel aussagt. Am besten neben „Ironside“ wird’s eigentlich ganz hinten raus: „Into the Dark“ ist eine bedächtiger Track, der mit einer epischen Melodie gesegnet ist, die genau jene Wikinger-Stimmung aufkommen lässt, für die man die Band immer geliebt hat. Der Gesang ist hingegen weniger meins, aber wenigstens blitzt hier beim Songwriting die alte Genialität auf.

Von Reißbrett-Kalkulationen und deutschem Pagan Metal.

Bei „Jomsviking“ tat ich mir noch schwer, das Problem genau zu verorten, schwadronierte etwas von Begriffen wie „poppig“ und was dafür/dagegen spricht, Amon Amarth in diese Schublade zu stecken. Im Zuge diverser Sessions mit „Berserker“ meine ich nun, die Schwierigkeiten, die ich mittlerweile mit einer meiner einstigen Lieblingsbands habe, festmachen zu können: Dieses Album klingt vollkommen generisch und austauschbar. Es ist, als hätten die Schweden alles, was auf „Berserker“ zu hören (und zu sehen!) ist am Reißbrett entworfen und genau nach jener Formel gestrickt, die wohl auch „Jomsviking“ zu guten Verkaufszahlen verholfen hat. Diese Vorgangsweise sei ihnen unbenommen und ich kann gut verstehen, warum man kommerzielle Interessen ab einer gewissen Größe nicht ganz hintanstellen mag. Der Preis, den Amon Amarth dafür zahlen, ist das Verprellen eines gewissen Teils ihrer Fanschar, namentlich derer, die von Beginn an dabei waren; im Gegenzug haben sie mit ihren Alben aus 2016 und 2019 mit Sicherheit ein neues, junges Publikum ohne emotionale Bindung zur Bandgeschichte gewonnen. Und natürlich springen deshalb nicht alle ab, es wird genügend alte Säcke geben, die auch „Berserker“ gut finden. Zu Recht, denn über Geschmack kann man nicht streiten; ich gehöre halt definitiv nicht dazu, was schade ist, aber auch nichts Neues, weil wir es hier mit einem Weg zu tun haben, der immer wieder von Bands (prominente ad hoc-Beispiele: Iron Maiden, In Flames, Edguy) beschritten wird. Ich mag das auch nicht verurteilen, wir gehen eben, so schwer es auch fällt, vorerst getrennte Wege; muss ja nicht auf Dauer so sein, wie die Geschichte ebenfalls bewiesen hat (prominente ad hoc-Beispiele: Metallica, Kreator, Helloween).

Einleitend habe ich kurz was zum Cover gesagt, das ich nun noch etwas näher ausführen möchte. Wie erwähnt gefällt es mir optisch nicht, was so gesehen schon ein kleiner Fingerzeig auf die musikalische Qualität sein mag. Aber gut, auch das ist Geschmackssache und sollte generell nicht überbewertet werden. Was mich hingegen wirklich irritiert hat: Hier sieht man das Cover eines Albums der deutschen Pagan Metaller von Asenblut. Das kam 2016 auf den Markt und heißt, richtig geraten, „Berserker“. Ich weiß nicht, ob Amon Amarth das wussten, ob Asenblut überhaupt bekannt genug sind, um auf dem Schirm der Schweden bzw. ihrer langjährigen Plattenfirma Metal Blade gewesen zu sein. Asenblut haben das alles, soweit ich mich erinnere, ohnehin mit Humor und als gute Werbung genommen, von daher ist die Sache wohl gegessen. Ich wollte es aber dennoch erwähnt haben, einfach, weil ich es ziemlich kurios fand und finde.

Vor dem Fazit noch ein Wort zum Personal: „Berserker“ ist das Amon Amarth-Debüt von Schlagzeuger Jocke Wallgren, der den bereits 2015 ausgestiegenen Langzeit-Drummer Fredrik Andersson nun auch auf Platte ersetzt (live war er seit 2016 dabei, für die „Jomsviking“-Aufnahmen hatte allerdings Tobias Gustaffson die Schießbude übernommen). Der Neue macht seine Sache routiniert, viel mitzureden wird er vermutlich nicht gehabt haben. Live weiß er jedenfalls zu überzeugen, wie ich selbst schon feststellen durfte – und das, obwohl er mit seiner schwarzen Matte optisch nicht unbedingt zu seinen vier blonden Kollegen passt 😉

Stagnation.

Leider ist „Berserker“ nicht die erhoffte Rückkehr zu alter Stärke sondern, im Gegenteil, gemeinsam mit seinem Vorgänger und dem Uralt-Schinken „Fate of Norns“ (2004) eines der bisher schwächsten Alben von Amon Amarth. Zumindest für mich – wer hingegen „Jomsviking“ (2016) für eine gelungene Veröffentlichung gehalten hat, wird auch an „Berserker“ wenig auszusetzen finden. In meinen Ohren klingen beide Alben sehr ähnlich und scheinen damit eine neue Phase im Klangkosmos von Amon Amarth eingeleitet zu haben. Ob die noch länger dauert, ob sich die Wikinger weiterentwickeln oder wieder einen Schritt zurück gehen, kann nur die Zeit zeigen.

Falls es jemanden interessiert, würde ich die Karriere der Stockholmer übrigens wie folgt einteilen: Phase 1 (vielleicht „die wilden Jahre“) dauerte von „Once Sent from the Golden Hall“ (1998) bis „Fate of Norns“ (2004); Phase 2 (etwa „Konsolidierung und Erreichung des Headliner-Status“) umfasst alles von „With Oden on Our Side“ (2006) bis „Deceiver of the Gods“ (2013); Phase 3 (noch ohne Namen) beinhaltet die zum Zeitpunkt dieser Rezension jüngsten Platten „Jomsviking“ und „Berserker“. Ich weiß nicht, ob sich die von mir benannten Perioden auch an den Verkaufszahlen festmachen lassen – eine musikalisch-stilistische Abgrenzung ist aus meiner Sicht jedenfalls möglich.

Gesamteindruck: 3/7 


NoTitelLängeNote
1Fafner’s Gold5:005/7
2Crack the Sky3:493/7
3Mjölner, Hammer of Thor4:424/7
4Shield Wall3:464/7
5Valkyria4:433/7
6Raven’s Flight5:202/7
7Ironside4:306/7
8The Berserker at Stamford Bridge5:135/7
9When Once Again We Set Our Sails4:243/7
10Skoll and Hati4:274/7
11Wings of Eagles4:035/7
12Into the Dark6:486/7
56:45

Amon Amarth auf “Berserker” (2019):

  • Johan Hegg − Vocals
  • Olavi Mikkonen − Guitars
  • Johan Söderberg − Guitars
  • Ted Lundström – Bass
  • Jocke Wallgren − Drums
Bild von: metal-archives.com

Anspieltipp 1: Ironside
Anspieltipp 2: Into the Dark

MusikWelt: Jomsviking

Amon Amarth


Es ist schon interessant: Wann immer ich mir ein Amon Amarth-Album anhöre, das nach „Surtur Rising“ (2011) veröffentlicht wurde, fühle ich mich gut unterhalten. Das liegt wohl daran, dass einzelne Songs, manchmal aber auch nur Teile davon, durchaus gelungen sind. Leider bleibt von diesem Gefühl nicht viel übrig, sobald die Kopfhörer herunten bzw. die Stereoanlage aus ist. So ist es leider auch bei Langeisen Nummer 10 aus dem Jahre 2016.

Gesamteindruck: 3/7


Die Luft ist raus.

Ich falle direkt mit der Tür ins Haus: „Jomsviking“ ist das erste Album von Amon Amarth, bei dem ich von Anfang an wusste, dass es zu keiner nachhaltigen Liebesbeziehung kommen wird. Moment, widerspricht das nicht dem, was ich unlängst über „Deceiver of the Gods“ (2013) als Beginn eines Abwärtstrends geschrieben habe? Nein, denn bei jener Platte war mein erster Eindruck eher der, den ich von „Surtur Rising“ (2011) oder „Fate of Norns“ (2004) kannte: Haut zwar nicht direkt rein, klingt aber sehr typisch und wird sich nach mehreren Durchgängen (hoffentlich) bessern. Bei „Jomsviking“ hatte ich von Beginn weg wenig Hoffnung, dass sich das Album zu einem Klassiker oder wenigstens einem passablen Mitglied des imposanten Backkatalogs der Schweden mausern würde.

Wieso ist das so? Ich bin mir selbst jetzt, Jahre später, nicht ganz sicher. Es fehlt wohl einfach an Kante, die Platte klingt als Ganzes viel zu brav. Was merkwürdig ist, weil die Songtitel und Texte eine ganz andere Sprache sprechen, aber dennoch ist es so; die Riffs und Melodien sind da, Frontmann Johan Hegg grunzt vor sich hin (übrigens verständlicher als jemals zuvor!) und die Drums sind mal pfeilschnell, dann wieder im gemächlicheren Midtempo unterwegs. Alles, wie man es von fast jedem Amon Amarth-Album kennt, nur halt irgendwie schaumgebremst. Oder, anders ausgedrückt: Das Gefühl, hier epische Hymnen über Götter und Helden, über glorreiche Siege und blutige Niederlagen zu hören, fehlt vollkommen. Ersetzt wurde es durch eine merkwürdige Art von Leichtfüßigkeit, die die einzelnen Nummern sehr eingängig und gut konsumierbar macht, umgekehrt aber eben völlig frei von Ecken und Kanten ist. Man merkt schon, ich ringe um Worte, traue mich nicht, „poppig“ zu schreiben, weil das der Sache auch nicht gerecht wird. Nein, das hier ist immer noch Metal und kein Pop – aber das Hörgefühl entspricht eher letzterem, weil sich „Jomsviking“ dermaßen locker-flockig anfühlt.

Reißt’s Doro raus?

Vielleicht hilft es, auf die Tracks einzugehen. Zunächst gibt es drei sehr auffällige Nummern, die wohl jedem, der das Album zum ersten Mal hört, sofort im Ohr hängenbleiben. Mit „Raise Your Horns“ haben wir – wohl erstmals in der Karriere der Band – einen Song, den man auf jeder Party anstimmen könnte, ein Gefühl, das durch die vollkommen ungewohnten „Oh-Oh-Oh“-Chöre noch verstärkt wird. Gleich darauf folgt mit „The Way of Vikings“ ein weiterer Hit, den man kaum noch aus dem Hirn bekommt und der versucht, in der Tradition von Songs wie „Twilight of the Thunder God“ oder „The Pursuit of Vikings“ zu punkten. Im ersten Moment gelingt das sogar, aber leider stellen sich hier deutlich schneller al bei genannten Tracks massive Abnutzungserscheinungen ein. Drittes Ausrufezeichen im Bunde ist „A Dream That Cannot Be“, in dem sich Johan Hegg ein Duett mit Doro Pesch (!) liefert. Nun möchte ich weder die Leistung der Grand Dame des internationalen Heavy Metal in vorliegender Nummer kleinreden noch ihre Bedeutung für die Szene schmälern – ist ja nicht umsonst so, dass sogar weiland Lemmy Kilmister große Stücke auf die Düsseldorferin gehalten hatte. Auch muss man zugeben, dass sich ihre Stimme gut für dieses Duett eignet und das lyrische Thema der Nummer positiv aus dem Einheitsbrei auf „Jomsviking“ hervorsticht. Leider ist aber auch hier der Abnutzungsfaktor relativ hoch, zumindest geht es mir so. Von den genannten Songs ist dieser aber definitiv der beste.

Wirklich gut gefällt mir vom restlichen Material auf dem Album leider auch nicht sonderlich viel. Meine persönlichen Favoriten sind der Opener „First Kill“ und dann, sogar noch etwas besser, „On a Sea of Blood“. Beide Tracks können mit treibendem Rhythmus und einem brauchbaren Refrain punkten und wirken nicht ganz so glattgebügelt wie der Rest des Materials. Überhaupt nicht warm werde ich hingegen mit dem Hegg’schen Experiment, auch mal ein wenig Text zu sprechen (z. B. auf „At Dawn’s First Light“). Fast scheint es mir, als hätte man versucht, auf diese Weise ein wenig von der songwriterisch verloren gegangenen Epik zurückzugewinnen, was meines Erachtens nicht gelingt. Übrigens ist genanntes „At Dawn’s First Light“ das perfekte Beispiel dafür, wieso ich das Album insgesamt nicht so toll finde: Der Song hätte ein gutes Tempo, einen schön mitschreibaren Refrain, angemessene Lyrics – und sogar ein geiles Video gibt es. Er geht auch gut ins Ohr – aber irgendwas ist hier musikalisch im Argen. Riffmäßig wäre das durchaus passabel, aber das Zusammenspiel aller Komponenten lässt jeglichen Anflug von Härte vermissen. Ist das die Produktion oder das Mixing? Oder doch das Songwriting? Ich weiß es ehrlich nicht, bin ziemlich ratlos.

Texte zeugen von Faulheit.

Bezüglich der Lyrics sei mir, bevor ich zum Ende komme, auch eine Anmerkung gestattet: Amon Amarth waren nie die ganz großen Dichter vor dem Herrn (wobei es unfair wäre, ihnen durchgehend simple Texte zu attestieren, es gibt definitiv gute und komplexe Lyrics), hier machen sie es sich aber schon sehr einfach. Der Tiefpunkt ist in dem Zusammenhang „Raise Your Horns“, das, wohl ein Tribut an die Partytauglichkeit, mit extrem wenigen und ziemlich platten Textzeilen auskommt. Zu allem Überfluss kommt dem gelernten Amon Amarth-Krieger der Refrain sehr bekannt vor – kein Wunder, erinnert er doch frappierend an die finalen Worte von „Live Without Regrets“ (auf „Surtur Rising“). Und noch eine Sache, die ich an der Stelle erwähnen möchte: Mir gefällt das relativ neue Element der Gangshouts (hier speziell „One Against All“) nicht sonderlich gut, das aber nur als Randbemerkung.

Nimmt man all das zusammen, bleibt der Eindruck einer satten, irgendwo auch faulen Band, die sehr auf Nummer sicher geht. Das ist legitim – und der Erfolg gibt den Stockholmern wohl auch recht. Und, ja, Amon Amarth sind mir immer noch sympathisch und ich respektiere nach wie vor ihre Arbeit, vor allem auf der Bühne. Aber umgekehrt muss es dennoch möglich sein, die einstigen Helden zu kritisieren, wenn man das Gefühl hat, sie hätten sich vom rechten Weg verabschiedet. Und dieses Gefühl habe ich bei „Jomsviking“ ganz deutlich, da kann ich noch so oft bei „Raise Your Horns“ mitgröhlen oder mich in die Lage der unglücklich verliebten in „A Dream That Cannot Be“ versetzen. Die Luft scheint, zumindest auf diesem Album und seinem Vorgänger, einfach raus zu sein.

Gesamteindruck: 3/7 


NoTitelLängeNote
1First Kill4:215/7
2Wanderer4:433/7
3On a Sea of Blood4:056/7
4One Against All3:382/7
5Raise Your Horns4:244/7
6The Way of Vikings5:114/7
7At Dawn’s First Light3:513/7
8One Thousand Burning Arrows5:503/7
9A Dream That Cannot Be4:234/7
10Back on Northern Shores7:083/7
47:34

Amon Amarth auf “Jomsviking” (2016):

  • Johan Hegg − Vocals
  • Olavi Mikkonen − Guitars
  • Johan Söderberg − Guitars
  • Ted Lundström – Bass
  • Tobias Gustafsson [Guest] − Drums
Bild von: metal-archives.com

Anspieltipp 1: On a Sea of Blood
Anspieltipp 2: First Kill