MusikWelt: Wormwood

Marduk


Lange Zeit galt es geradezu als Sakrileg, die Ära mit Sänger Erik „Legion“ Hagstedt nicht als definitiven und nie wieder erreichbaren Höhepunkt im Schaffen von Marduk zu feiern. Bei gewissen Fans scheint diese Zeit, die von 1995 bis 2003 dauerte, bis heute unantastbar zu sein. Dabei zeigte sich bereits auf dem großartigen „Rom 5:12“ (2007), dass es auch ein Leben nach Legion für die schwedischen Black Metaller gibt. Mit dessen Nachfolger „Wormwood“ (2009) können die Schweden direkt anknüpfen und schaffen es damit erstmals in ihrer Karriere, zwei starke Alben hintereinander zu veröffentlichen.

Gesamteindruck: 6/7


Marduk haben den Bogen raus.

Dass „Wormwood“ seinem unmittelbaren Vorgänger praktisch ebenbürtig ist, ist meines Erachtens erneut Sänger Daniel „Mortuus“ Rostén zu verdanken. Dessen Leistung ist einmal mehr großartig und stellt die seines berühmten Vorgängers über weite Strecken in den Schatten. Tatsächlich ist mir unbegreiflich, wie man Legion als den technisch besseren Mann einstufen kann. Mortuus mag dessen Charisma fehlen (wobei man über das Live-Verhalten von Legion trefflich streiten kann), er weiß seine Stimme aber deutlich abwechslungsreicher einzusetzen und holt damit auch songwriterisch nicht ganz so starke Stücke auf ein gutes Niveau. Zum „erwachseneren“ Grundanstrich von Marduk, der sich gegen Ende der Legion-Ära zu entwickeln begann, passt der düstere Mortuus meiner Meinung nach ohnehin besser. Übrigens gab es einen weiteren Wechsel am Schlagzeug: Lars Broddesson heißt der neue Mann an der Schießbude, größere Unterschiede zu seinen Vorgängern vermag ich nicht zu erkennen.

Nachdem das geklärt ist, wage ich mich aus der Deckung und komme direkt auf die Musik zu sprechen. „Wormwood“ beginnt standesgemäß mit einem Brecher. Das ziemlich cool betitelte „Nowhere, No-One, Nothing“ geht nach kurzem Intro direkt in die Vollen. Hohe Schlagzahl war zwar immer ein Markenzeichen von Marduk, allerdings mit schwankender Qualität – in diesem Fall ist der Opener tatsächlich gelungen. Chapeau schon mal dafür. Richtig gut wird es aber im nächsten Song, bei dem man schon am Titel erahnen kann, dass es hier etwas langsamer zur Sache geht. „Funeral Dawn“ ist eine Art Marsch mit extrem hypnotischer Atmosphäre. Rifftechnisch dürfte das wohl eine der prägnantesten Melodien sein, die Bandchef Morgan „Evil“ Håkansson jemals fabriziert hat. Ganz großes Kino und für mich einer der am stärksten geschriebenen Marduk-Tracks überhaupt. Ähnlich stark: „Into Utter Madness“, das Stück, in dem Mortuus seinem Vorgänger am deutlichsten zeigt, wo der Hammer hängt. Wüstes Gebrüll, Heavy Metal-Versatzstücke, feine Melodien, Tempowechsel – alles ist da, in einer für Marduk-Verhältnisse ebenfalls herausragend und komplex komponierten Nummer. Von der Stimmung her erinnert das im Übrigen ein wenig an das ebenfalls sehr starke „Through the Belly of Damnation“ auf „Rom 5:12“.

Wächst mit jedem Durchgang.

Die genannten Songs bleiben bereits beim ersten Durchgang hängen und setzen sich dann auch im Hirn fest. Wobei das für den Opener wohl vor allem deshalb gilt, weil er so exponiert ist. Den Rest von „Wormwood“ muss man sich hingegen ein wenig erschließen. Nach zwei oder drei Durchgängen war bei mir jedenfalls noch „gut, aber nichts Besonderes“ der Tenor, von den Tracks am Ende war ich sogar regelrecht unterwältigt. Doch je öfter ich das Album aufgelegt habe, desto beeindruckender fand ich die songwriterische Klasse. Am Schwächsten würde ich das Intermezzo „Unclosing the Curse“, das zwar die Atmosphäre der Platte unterstreicht, aber dennoch nicht essentiell ist, einordnen. Von den vollwertigen Songs ist vielleicht „To Redirect Perdition“ nicht ganz so gelungen – ein zäher Brocken mit einem Mortuus, der klingt, als hätte man ihm schon die Schlinge um den Hals gelegt. Nicht schlecht, aber gleichzeitig ein wenig langatmig.

Davon abgesehen vermag ich kein Haar in der Suppe zu finden. Das schnelle „This Fleshly Void“ punktet mit unmenschlichem Geröchel und gutem Riffing, „Phosporous Redeemer“ ist einer der brutalsten Songs auf dem Album und klingt wohl am ehesten so, wie sich der Außenstehende „typischen Black Metal“ vorstellt. Mir gefällt’s, ist irgendwo auch ein typischer Song für die Mortuus-Ära von Marduk. Für „Whorecrown“ kehrt die Band partiell zu ihrem „Panzer Division Marduk“-Norsecore zurück. Das wäre normalerweise ein Grund zu meckern, wäre da nicht die unglaublich geile Gitarrenmelodie ab ca. 2:30 Minuten. Hut ab, das wirkt, als hätte Morgan Håkansson einen plötzlichen Geistesblitz in einen ansonsten nicht sonderlich bemerkenswerten Song eingebaut.

Das Finale von „Wormwood“, bestehend aus „Chorus of Cracking Necks“ und „As a Garment“, hinterließ bei mir anfangs die größten Fragezeichen. Ersteres hat nicht nur einen markanten Titel, sondern ist relativ experimentell aus vielen schnellen und ein paar langsamen Parts zusammengesetzt. Teilweise erinnert das ein bisschen an Inquisition, auch von den Vocals her. Brauchte bei mir am meisten Zeit, um sich zu erschließen, ist aber letztlich doch eine gutklassige Nummer. „As a Garment“ ist hingegen ein eher gemächlicher Rausschmeißer, der grundsätzlich sehr gut zum abwechslungsreichen und düsteren Album passt. Hier ist einfach die Position nach dem leicht merkwürdigen Track 9 das Problem. Davon abgesehen ist das Stück ein passendes Finale. „Wormwood“ ist ein tolles Album, auf dem es sehr viel zu entdecken gibt und das eine entsprechend hohe Langzeitwirkung hat. Vielleicht sogar die höchste, die jemals aus dem Hause Marduk gekommen ist.


Track – Titel – Länge – Wertung

metal-archives.com

  1. Nowhere, No-One, Nothing – 3:19 – 5/7
  2. Funeral Dawn – 5:51 – 7/7
  3. This Fleshly Void – 2:59 – 6/7
  4. Unclosing the Curse – 2:17 – 4/7
  5. Into Utter Madness – 4:41 – 7/7
  6. Phosphorous Redeemer – 6:02 – 6/7
  7. To Redirect Perdition – 6:38 – 5/7
  8. Whorecrown – 5:27 – 6/7
  9. Chorus of Cracking Necks – 3:49 – 5/7
  10. As a Garment – 4:19 – 6/7

Gesamteindruck: 6/7 


Marduk auf “Wormwood” (2009):

  • Mortuus – Vocals
  • Morgan – Guitar
  • Devo – Bass
  • Lars Brodesson – Drums

Anspieltipp: Into Utter Madness

Advertisements

MusikWelt: Rom 5:12

Marduk


Wer Marduk nach dem Ausstieg von Rampensau Legion und dem kurz darauf veröffentlichten, halbgaren „Plague Angel“ (2004) abgeschrieben hatte, wird mit „Rom 5:12“ eines Besseren belehrt. Ich lehne mich mal aus dem Fenster: Dieses Album ist für mich der mit Abstand ausgereifteste und songwriterisch beste Longplayer der Schweden seit „Opus Nocturne“ (1994). Nie klang das zum Trio geschrumpfte Black Metal-Kommando (Drummer Emil Dragutinović wird hier nur mehr als „Gast“ geführt und teilt sich die Schießbude mit Jens Gustafsson) so gut. Durchgängig, wohlgemerkt.

Gesamteindruck: 6/7


Überraschend starkes Album.

Der Titel des 10. Marduk-Longplayers bezieht sich nicht – wie man meinen könnte – auf die Ewige Stadt Rom. Vielmehr handelt es sich dabei um einen Vers aus der Bibel. Dort steht im Römerbrief des Apostels Paulus, Kapitel 5, Vers 12: „Durch einen einzigen Menschen kam die Sünde in die Welt und durch die Sünde der Tod und auf diese Weise gelangte der Tod zu allen Menschen, weil alle sündigten.“ Gut gewählt von Morgan „Evil“ Håkansson (seines Zeichens letztes verbliebenes Gründungsmitglied), der damit zeigt, dass er durchaus bereit ist, das Themen-Spektrum seiner Band zu öffnen. Marduk gelten ja – zu Unrecht – bis heute als eine Band, die lediglich für ihre, wenn man so will, Kriegsgeilheit bekannt ist. Dass man mit „Rom 5:12“ in religiösen Gefilden unterwegs ist, ist schon beachtlich.

Doch nun zur Musik, die zum Teil mindestens ebenso ungewöhnlich ist wie das übergeordnete Thema. Gleich zwei Tracks auf „Rom 5:12“ lassen mit ungewohnten Stimmen aufhorchen: Auf „Cold Mouth Prayer“ gibt sich Joakim „Af Gravf“ Göthberg die Ehre, seines Zeichens Marduk-Mitglied von 1992 bis 1994 (zunächst als Schlagzeuger, dann auch als Sänger). Man muss allerdings recht genau hinhören, um ihn herauszuhören (Af Gravf ist in einer etwas höheren Stimmlage unterwegs als Mortuus). So oder so ist „Cold Mouth Prayer“ ein sehr starker Song. Schnell, aber ohne im Hyperblast von „Panzer Division Marduk“ (1999) zu versinken, im Gegenteil, durch eine feine Melodie, die kaum zu hören aber dennoch präsent ist, ist die Nummer sehr episch ausgefallen. Der zweite Gast tritt im mit 8:43 Minuten längsten Song, „Accuser/Opposer“, auf. Und hier erkennt man sofort, wer wer ist, denn der zweite Mann am Mikro ist niemand geringerer als Alan „Nemtheanga“ Averill, legendärer Frontmann von Primordial. Der Ire macht aus einer langsamen Nummer, die ohne ihn wohl nicht sonderlich beeindruckend wäre, einen epischen Song, der vom Duett der zwei Sänger lebt. Das funktioniert im Übrigen auch live, wie bereits mehrfach bewiesen wurde, z.B. hier. Wobei man nicht verhehlen darf, dass der Track eigentlich viel zu lang ist, was an Intro und Outro liegt. Hätte ich in dieser Breite jetzt nicht unbedingt gebraucht.

Das schöne an „Rom 5:12“ ist, dass sich die Qualität des Albums nicht in zwei guten Songs erschöpft. Bei weitem nicht, ich konnte auch nach zig Durchläufen keine große Schwachstelle ausmachen. Außerdem, und das merkt man auch sehr schnell, ist die Produktion, die zum zweiten Mal im Endarker Studio umgesetzt wurde, wesentlich besser ausgefallen als auf dem Vorgänger. Ich würde sogar so weit gehen, „Rom 5:12“ als das bis zu diesem Zeitpunkt am stimmigsten produzierte Marduk-Werk überhaupt ist. Der Sound ist voll und organisch, gleichzeitig aber durchaus auch räudig, wie es sich für eine Black Metal-Produktion gehört. Die Balance, die hier gefunden wurde, ist – natürlich in Verbindung mit dem Songwriting – für eine Atmosphäre verantwortlich, die am besten mit „sinister“ beschrieben werden kann. Und das über die gesamte Länge des Albums hinweg, das dadurch wie aus einem Guss klingt.

Vielseitig und praktisch ohne Füllmaterial.

„Rom 5:12“ ist ungewöhnlich abwechslungsreich. Wer genau hinhört, wird mit so vielen Details wie auf keinem einzigen Marduk-Album davor überrascht. Beispiele gefällig? „Imago Mortis“ besticht mit fast schon Stoner-mäßigem Anfang und nimmt damit einige Jahre vor dem großen Hype mal eben den Post Black Metal vorweg. Unglaublich auch der Gesang in dieser Nummer, der stellenweise nichts Menschliches mehr an sich hat. Verschleppte Drums, stark verzerrter Gitarrensound im Mittelteil – all das macht „Imago Mortis“ zum wohl ungewöhnlichsten aller Marduk-Tracks neben „Castrum Doloris“ (auf „World Funeral“, 2003). Oder: Mit „Trough the Belly of Damnation“ meint man zunächst, einen typischen Marduk-Brecher zu hören. Eine brutale Nummer, die wiederum zeigt, was für ein großartiger und variantenreicher Sänger Mortuus ist. Hört man genauer hin, sticht der krachende Bass hervor, der klingt, als würde weiland Steve Harris in die Saiten greifen. Und auch der stoische Groove nach dem eingebremsten Mittelteil ist nicht von schlechten Eltern. „Vanity of Vanities“ ist ebenfalls ein Fall für sich: Abgesehen vom unglaublichen Schrei am Beginn (ich glaube, so etwas gibt es in keinem anderen Lied von Marduk zu hören) klingt die ganze Nummer so, als hätte man das …ähem… „Songwriting“ von „Panzer Division Marduk“ genommen, weiterentwickelt und tatsächlich durchgedacht. Dabei ist ein schneller, brutaler und grausamer Song entstanden – richtiger Black Metal eben. Bis nach etwas über zwei Minuten ein Tempowechsel folgt und sich der geneigte Hörer unerwartet in einem Death Metal-Groove wiederfindet. Ganz großes Kino. Vielleicht noch ein Wort zum quasi-Instrumental, das diesmal auf den Namen „1651“ hört. Irgendwie auch ein wenig typisch für Marduk, so ähnliche Nummern gibt es ja immer wieder zu hören. Aber das hier ist, Meister Mortuus sei Dank, ganz besonders düster und tatsächlich richtiggehend unheimlich. Ob man das auch mit Legion so hinbekommen hätte? Ich hege irgendwie meine Zweifel.

Am unspektakulärsten auf „Rom 5:12“ ist der Opener ausgefallen. „The Levelling Dust“ bewegt sich im doomigen Midtempo und erzeugt in der ersten Hälfte ein wenig das Gefühl, eine Art langes Intro zu hören. So richtig gelungen finde ich diesen Einstieg nicht. Auf der Suche nach weiterem Füllmaterial wird man dann noch beim finalen „Voices of Avignon“ fündig: Nicht der ganz große Bringer, zumindest im Vergleich zum sonst so großartigen Material auf dieser Platte. Mehr zu meckern habe ich aber tatsächlich nicht.

Fazit: Dass zwischen „Rom 5:12“ und dem Vorgänger „Plague Angel“ drei Jahre liegen, hat dem Album definitiv gut getan. Der mörderische Album-Tour-Album-Rhythmus, in dem die Band vorher jahrelang gefangen schien, hat meines Erachtens viel zu unausgegorenen und müden Veröffentlichungen beigetragen. Schön, dass das dieser …ähem… Teufelskreis mit der 2007er-Platte durchbrochen werden konnte.


Track – Titel – Länge – Wertung

metal-archives.com

  1. The Levelling Dust – 5:11 – 4/7
  2. Cold Mouth Prayer – 3:28 – 7/7
  3. Imago Mortis – 8:36 – 6/7
  4. Through the Belly of Damnation – 4:19 – 6/7
  5. 1651 – 4:54 – 6/7
  6. Limbs of Worship – 4:24 – 5/7
  7. Accuser/Opposer – 8:43 – 6/7
  8. Vanity of Vanities – 3:40 – 7/7
  9. Womb of Perishableness – 7:01 – 6/7
  10. Voices from Avignon – 5:08 – 4/7

Gesamteindruck: 6/7 


Marduk auf “Rom 5:12” (2007):

  • Mortuus – Vocals
  • Evil – Guitar
  • Devo – Bass

Anspieltipp: Cold Mouth Prayer

 

MusikWelt: Plague Angel

Marduk


Relativ lange war die Besetzung der schwedischen Black Metaller Marduk stabil. Bis zum Album „World Funeral“ (2003), auf dem Langzeit-Drummer Fredrick Andersson durch Emil Dragutinović ersetzt wurde, gab es kaum Personalrochaden, wenn man von den üblichen Anfangsschwierigkeiten absieht. Kurz nach jenem Album sollte es aber knüppeldick kommen: Bassist Roger „B. War“ Svensson verließ die Band, nachdem kurz vor ihm bereits Sänger Erik „Legion“ Hagstedt seinen Ausstieg erklärt hatte. Gerade der extrovertierte Schreihals bot ja reichlich Diskussionsstoff – entsprechend gespannt durfte man sein, wie Marduk auf nach dessen Abgang klingen würden. 

Gesamteindruck: 4/7 3/7


Schnellschuss.


*** UPDATE (15. Jänner 2019) ***

Ursprünglich hatte ich dieses Album mit einem Gesamteindruck von 4/7 bewertet. Nach weiteren Durchgängen und Vergleichen mit anderen Platten der Band erscheint mir diese Wertung zu hoch, sodass ich auf 3/7 abwerten muss.


Dass „Plague Angel“ so knapp nach „World Funeral“ erschienen ist, wirkt retrospektiv wie ein Zugeständnis an den personellen Neustart. Bandchef Morgan „Evil“ Håkansson holte für die 2004er-LP zunächst einen alten Bekannten zurück an die Front: Devo Andersson. Der „neue“ Mann am Viersaiter war bereits auf den Alben „Dark Endless“ (1992) und „Those of the Unlight“ (1993) zu hören – damals allerdings als Gitarrist. Für diese Personalentscheidung mag auch eine Rolle gespielt haben, dass man bei den Aufnahmen zu „Plague Angel“ nicht mehr auf die Tägtgren-Brüder und deren Abyss-Tonschmiede vertraute, sondern ins weitgehend unbekannte Endarker Studio wechselte, wo eben jener Devo Andersson als Produzent werkelt.

Was die Gründe für den Ausstieg von Legion waren, ist bis heute Gegenstand zahlreicher Spekulationen. Fakt ist jedenfalls, dass mit Daniel „Mortuus“ Rostén ein Mann das Mikro übernahm, der sich grundlegend von seinem Vorgänger unterscheidet. Einerseits auf der Bühne, wo der quasi-Rockstar Legion, der seine gute Laune nur schwer zu verbergen wusste, durch einen finsteren, unnahbaren Gesellen ersetzt wurde, der die Kommunikation mit dem Publikum auf ein Minimum beschränkt. Andererseits ist der stilistische Unterschied nicht zu verleugnen: Während sich Legion mit aggressiver Reibeisenstimme durch die Songs brüllte, klingt Mortuus als würde er seinen Hass auf die Menschheit mühsam unterdrücken. Er scheint sich regelrecht durch die finsteren Lyrics zu quälen, würgt und spuckt seine Verwünschungen mit gepresster, heiserer Stimme hervor. All das steht Marduk und ihrer Definition des Black Metal meines Erachtens besser zu Gesicht, macht aber gleichzeitig alle Platten mit Mortuus – und das sind zum Zeitpunkt dieser Rezension immerhin 6 der bisher erschienen 14 Studioalben – deutlich unzugänglicher, als es mit Legion der Fall war.

Kein Höhepunkt der Marduk-Diskographie.

Dass der neue Fronter dennoch einen schweren Start beim Publikum hatte, ist meines Erachtens nicht nur dem mächtigen Schatten seines Vorgängers geschuldet. Ein Teil der Problematik liegt in der songwriterischen Güte von „Plague Angel“. Ich empfinde dieses Album überwiegend als anstrengend, was sich auch daran zeigt, dass ich nach den ersten zwei oder drei Durchgängen beim Blick auf die Tracklist überrascht war: 4 von 11 Songs dauern weniger als 3 Minuten, das ganze Album ist in 45 Minuten vorbei. Mir kamen sowohl die einzelnen Tracks als auch die gesamte Scheibe wesentlich länger vor. Das ist nie ein gutes Zeichen und erinnert ungut an „Panzer Division Marduk“ (1999). Übrigens ist „Plague Angel“ insgesamt ähnlich rasant ausgefallen, glücklicherweise aber nicht durchgängig.

Das Gefühl, dass Marduk diesen Schnellschuss nur veröffentlicht haben, um möglichst rasch mit Post-Legion-Material auf Tour gehen zu können, ist allgegenwärtig. Es gibt wenige Ausnahmen, die aus dem Blastbeat-Inferno, das die Truppe einmal mehr präsentiert, hervorstechen. Genannt sei „Life’s Emblem“, in dem es lyrisch einen Dialog zwischen einem Mann und dem Tod gibt. Diese erzählerische Komponente und wie sie von Sänger Mortuus umgesetzt wird („Why now? Why me?“), gefällt mir ganz ausgezeichnet. Auch ist die Nummer musikalisch sehr gelungen, speziell der Übergang im Mittelteil hat es in sich und hebt „Life’s Emblem“ trotz insgesamt hoher Geschwindigkeit angenehm vom üblichen Dauergeprügel ab. Mein persönlicher Favorit ist aber das schleppende „Perish In Flames“, das einmal mehr zeigt, wie ausgefeilt und gut Marduk klingen können, wenn sie den Fuß vom Gaspedal nehmen. Von den ganz schnellen Nummern überzeugen mich eigentlich nur zwei: „Everything Bleeds“, das nach vorne marschiert, als gäbe es kein Morgen, dabei aber relativ zugänglich und wiedererkennbar bleibt. Und dann noch „Throne of Rats“, das in 2:43 Minuten alles sagt, was es zu sagen gibt.

Die übrigen Nummern sind in meinen Ohren Stangenware. Egal ob „The Hangman of Prague“, „Steel Inferno“, „Warschau“ oder sonst ein Song – alles fühlt sich wie zigfach gehört an und geht im Wust der ähnlich klingenden Marduk-Veröffentlichungen unter. Leider gilt das auch für die Atempausen „Seven Angels, Seven Trumpets“, das aber immerhin mit groteskem Gesang überzeugt und „Deathmarch“. Ja, alles nett, aber mehr auch nicht.

So richtig will der Funke jedenfalls nicht überspringen, als Ganzes klingt die Platte bieder und nicht zu Ende gedacht. Neben diesen Unzulänglichkeiten ist auch schade, dass die Klasse von Mortuus aufgrund der merkwürdigen Produktion nicht zur Geltung kommt. Die Vocals stehen für mein Dafürhalten viel zu sehr im Hintergrund – fast so, als hätte man nicht allzu viel Vertrauen in den Neuen gehabt. Leider sind auch die Instrumente nicht optimal abgemischt, der Gesamteindruck ist zwar brutal aber blechern, wenn man das so beschreiben möchte. Schade, denn all das macht „Plague Angel“ ohne einen einzigen Totalausfall zu einer der schwächsten Platten der Marduk-Diskographie.


Track – Titel – Länge – Wertung

metal-archives.com

  1. The Hangman of Prague – 3:05 – 3/7
  2. Throne of Rats – 2:43 – 5/7
  3. Seven Angels, Seven Trumpets – 2:48 – 4/7
  4. Life’s Emblem – 4:55 – 6/7
  5. Steel Inferno – 2:24 – 3/7
  6. Perish in Flames – 7:46 – 6/7
  7. Holy Blood, Holy Grail – 2:28 – 3/7
  8. Warschau – 3:18 – 4/7
  9. Deathmarch – 4:10 – 4/7
  10. Everything Bleeds – 3:34 – 5/7
  11. Blutrache – 7:50 – 3/7

Gesamteindruck: 4/7 3/7 


Marduk auf “Plague Angel” (2004):

  • Mortuus – Vocals
  • Evil – Guitar
  • Devo – Bass
  • Emil Dragutinović – Drums

Anspieltipp: Perish in Flames

 

MusikWelt: World Funeral

Marduk


Stilistisch ist „World Funeral“ ein Hybrid aus seinen unmittelbaren Vorgängern. Heißt: Es gibt Tracks in der unbändigen Extremität von „Panzer Division Marduk“ (1999), gleichzeitig scheuen sich Marduk nicht, das Tempo herauszunehmen. Was auf „La Grande Danse Macabre“ (2001) jedoch am gnadenlos schwachen Songwriting scheiterte und jene Platte zu einer der schwächsten und anstrengendsten des Backkataloges der Norrköpinger macht, funktioniert auf dem 2003er Nachfolger wesentlich besser. Die logische Konsequenz: „World Funeral“ ist einer der besten und abwechslungsreichsten Longplayer aus dem Hause Marduk

Gesamteindruck: 6/7


Das bessere Todes-Konzept.

Es gibt ja Rezensenten, die „La Grande Danse Macabre“ für das Werk von Marduk halten, das am ehesten Hörerschichten außerhalb der Black Metal-Gemeind ansprechen könnte. Wollte ich einen Metal-Normalo bei den Schweden an Bord holen, würde ich hingegen „World Funeral“ auflegen. Ich empfinde dieses Album, das irgendwo in der Schnittmenge aus Black, Heavy und Doom liegt, als verhältnismäßig eingängig und leicht zu erschließen.

Dabei beginnt der achte Longplayer der Band um Gitarrist Morgan Steinmeyer Håkansson gewohnt aggressiv: „With Satan And Victorious Weapons“ könnte so auch auf „Panzer Division Marduk“ stehen. Bemerkenswert ist an diesem Song eigentlich nur der kultige Einstieg, der aus einem Zitat aus dem Film „Der Name der Rose“ (1986), gesprochen vom unvergessenen Helmut Qualtinger, besteht. Festhalten kann man nach den ersten Tönen auch, dass die Produktion deutlich kräftiger ausgefallen ist, als auf „Panzer Division Marduk“. Das war aber auch schon auf „La Grande Danse Macabre“ der Fall, sodass alles andere eine Überraschung gewesen wäre. Wie auch immer – dieser Track ist, wie auch „Blessed Unholy“ gegen Ende des Albums – wenig geeignet, um die Klischees um Marduk (Nur Highspeed! Nur Krieg! Nur Satan!) zu entkräften.

Nicht immer trve, dafür aber gut.

Der Rest von „World Funeral“ könnte dem geneigten Entdeckungsreisenden in Sachen Black Metal hingegen sehr wohl zusagen. Als Einstieg bietet sich vielleicht der Titeltrack an: „World Funeral“ hämmert sehr aggressiv aus den Boxen, spart aber auch nicht mit Melodie und hat einen gut mitsingbaren Refrain mit hohem Wiedererkennungswert. Sicher nicht das, was die Szenepolizei (die ohnehin niemand braucht) goutieren dürfte und auch kein Ausbund an Komplexität – aber was soll’s, das ist einfach ein gutes, erdiges Stück harter Musik. Und weil wir gerade von den selbsternannten Sittenwächtern sprechen: Denen dürfte bei „Castrum Doloris“ auch der letzte Kalk aus der Fresse fallen. Langsame Heavy Metal-Riffs werden durchgehend (!) von einem merkwürdig leiernden, fast schon mit Sprechgesang arbeitenden Legion überlagert. Mit unheiligem Schwarzmetall hat das praktisch nichts mehr zu tun, geht aber ausgezeichnet ins Ohr. Ob Marduk das „dürfen“ sei dahingestellt – mir selbst gefällt die Nummer, auch wenn sie untrve AF ist.

Für mich persönlich noch besser, weil dann doch etwas schwärzer, ist „Bleached Bones“, eine düstere Nummer in schleppendem Midtempo. Mithin genau das, was ich selbst am liebsten von Marduk höre und was sie – wie man nicht oft genug betonen kann – auch am besten können. Am überraschendsten dürfte auf „World Funeral“ neben dem bereits genannten „Castrum Doloris“ wohl der epische Instrumentalpart sein, mit dem die zweite Hälfte „Night of the Long Knives“ eröffnet wird. Hätte ich so überhaupt nicht von Marduk erwartet. Ausgezeichnet gemacht und ein weiterer Beweis dafür, dass die landläufige Meinung, die Schweden würden sich nur im Uptempo-Bereich wohlfühlen, Blödsinn ist. Wobei nicht unerwähnt bleiben darf, dass zwei der schnellen Nummern auf „World Funeral“ durchaus funktionieren: „Cloven Hoof“ ist kurz, knackig und perfekt auf den Punkt gespielt und auch „Hearse“, neben dem Titeltrack die zweite Auskoppelung, gefällt mir durchaus.

Noch nicht erwähnt habe ich den einzigen Totalausfall auf „World Funeral“. „To the Death’s Head True“ ist langsam und schleppend, was ja grundsätzlich kein Fehler sein muss. Allerdings leidet dieses Lied für meinen Geschmack unter dem „La Grande Danse Macabre“-Syndrom: Ermüdend, anstrengend, uninspiriert. Kommt mir wie ein Überbleibsel aus jenen Songwriting-Sessions vor und holt mich überhaupt nicht ab. Schade drum – wenn man eine derart gelagerte Nummer von Marduk hören mag, fährt man mit dem Titeltrack von „La Grande Danse Macabre“ definitiv besser. Oder man skippt auf vorliegendem Album zu „Bloodletting“. Beide Songs sind um Welten stärker als „To the Death’s Head True“.

Ein neuer Mann.

Personell markiert „World Funeral“ den Einstieg von Drummer Emil Dragutinović. Viele Hörer ziehen den Neuen an der Schießbude seinem Langzeit-Vorgänger Fredrik Andersson (1993-2002 in Diensten von Marduk) vor. Ich vermag den Unterschied nicht so richtig herauszuhören. Ja, Dragutinović kann mehr als nur Blastbeats. Dass das so zur Geltung kommt, liegt meines Erachtens aber vor allem am veränderten Songwriting. Die weiteren Positionen sind unverändert, heißt, dass zum vierten Mal in Folge Legion hinter dem Mikrofon steht. Dessen Vocals stehen stark im Vordergrund von „World Funeral“ und sind sehr gut hörbar, von Müdigkeit o.ä. Schwächen kann ich nichts hören. Der extrovertierte Schreihals ist auf diesem Album sogar noch abwechslungsreicher unterwegs als bisher, nachzuhören z.B. in „Bleached Bones“.

Viel gibt es an „World Funeral“ meines Erachtens so oder so nicht auszusetzen, einer sehr guten Bewertung steht daher nichts im Wege. Letztlich ist es sogar so, dass der Tod als Teil der Marduk’schen Dreifaltigkeit des Black Metal – Blut, Krieg und Tod – durch „World Funeral“ wesentlich eindrucksvoller und passender repräsentiert wird als auf dem uninspirierten Vorgänger (der ja das Finale einer losen Trilogie war).


Track – Titel – Länge – Wertung

metal-archives.com

  1. With Satan and Victorious Weapons – 3:51 – 4/7
  2. Bleached Bones – 5:20 – 7/7
  3. Cloven Hoof – 3:26 – 5/7
  4. World Funeral – 3:31 – 7/7
  5. To the Death’s Head True – 3:58 – 2/7
  6. Castrum Doloris – 3:34 – 6/7
  7. Hearse – 4:54 – 5/7
  8. Night of the Long Knives – 5:31 – 6/7
  9. Bloodletting – 5:49 – 6/7
  10. Blessed Unholy – 5:02 – 4/7
  11. Blackcrowned – 2:18 – 5/7

Gesamteindruck: 6/7 


Marduk auf “World Funeral” (2003):

  • Legion – Vocals
  • Morgan Steinmeyer Håkansson – Guitar
  • B. War – Bass
  • Emil Dragutinović – Drums

Anspieltipp: Bleached Bones

 

MusikWelt: La Grande Danse Macabre

Marduk


Mit „Panzer Division Marduk“ hatten die Schweden Marduk 1999 ein Ausrufezeichen besonderer Art gesetzt. Das in manchen Fankreisen geradezu kultisch verehrte Werk begründete den Ruf der Band, die schnellsten, bösesten und härtesten unter den Black Metaller der alten Schule zu sein. Und: Gar nichts anderes zu können als Blast Beats und Tremolo Picking. An diesem (falschen) Eindruck konnten weder die wesentlich abwechslungsreicheren Vorgänger noch der 2001 erschienene Nachfolger „La Grande Danse Macabre“ so richtig rütteln. 

Gesamteindruck: 3/7 2/7


Keine runde Sache.


*** UPDATE (15. Jänner 2019) ***

Ursprünglich hatte ich dieses Album mit einem Gesamteindruck von 3/7 bewertet. Nach weiteren Durchgängen und Vergleichen mit anderen Platten der Band erscheint mir diese Wertung zu hoch, sodass ich auf 2/7 abwerten muss.


Wer Marduk mit „Panzer Division Marduk“ kennengelernt hat und/oder jenes Werk als das Nonplusultra der Schweden betrachtet, wird nach dem ersten Durchlauf von „La Grande Danse Macabre“ verwundert auf das Bandlogo schielen. Und dabei feststellen, dass sich der Schriftzug mindestens ebenso sehr verändert hat wie die Musik. Ja, finster sind sie auch auf Album Nummer 7, die Jungs um Gitarrist Morgan Steinmeyer Håkansson. Allerdings lenkt „Der große Totentanz, so die Übersetzung des französischen (!) Albumtitels, die Düsternis in andere musikalische Bahnen als es auf dem Hassbolzen mit dem Panzer am Cover der Fall war. Randnotiz: Mit „La Grande Danse Macabre“ schließen Marduk die mit „Nightwing“ (1998) und „Panzer Divsion Marduk“ begonnene Trilogie um die Themen Blut, Krieg und Tod ab.

Zur Beruhigung: Ganz ohne Highspeed kommen die Norrköpinger freilich auch auf „La Grande Danse Macabre“ nicht aus. Mit „Azrael“ gibt es gleich zu Anfang eine Nummer, die direkt aus den Songwriting-Sessions zu „Panzer Divsion Marduk“ stammen könnte. Und es vielleicht auch tut – in der Gerüchteküche heißt es zumindest, dass einige Songs des 2001er-Albums bereits 1999 geschrieben, dann aber aufgehoben wurden; zum Teil aufgrund der zu geringen Geschwindigkeit. Merkwürdige Herangehensweise, die aus meiner Sicht weder „Panzer Division Marduk“ noch „La Grande Danse Macabre“ gut getan hat. Neben „Azrael“ hätten auch „Obedience Unto Death“ und „Jesus Christ… Sodomized“ auf dem Vorgänger stehen können. Allein, während „Azrael“ seine Momente hat, wirken die zwei letztgenannten Stücke wie ungeliebte Überbleibsel und hätten sich auch 1999 unter den schwächeren Tracks eingereiht.

Der generelle Tenor auf „La Grande Danse Macabre“ ist ohnehin ein anderer: Regelrecht doomig walzt sich der Großteil der Songs aus den Boxen. Nun ist es ja nicht so, dass man das von Marduk gar nicht kennen würde – auf „Nightwing“ standen bereits Jahre zuvor mehrere langsame Stücke. Und auch sonst hat sich – abgesehen von „Panzer Division Marduk“ – immer mal wieder ein richtiger Stampfer in die Tracklists geschlichen. Was ich selbst immer goutiert habe, weil ich finde, dass den Schweden ein gemäßigteres Tempo gut zu Gesicht steht und ihre Bösartigkeit wesentlich eindrucksvoller unterstreicht.

Man ahnt schon, dass nun ein „Aber“ folgen muss. Und so ist es auch, denn auf „La Grande Danse Macabre“ sind weder die schnellen, noch die langsameren Nummern so gelungen, wie man sich das erhofft hätte. In der Theorie sind alle Zutaten vorhanden: Schwere, malmende Riffs, ein Gutteil Melodie, es gibt Solos, die Produktion (aufgenommen wurde einmal mehr in den Abyss-Studios mit Tommy und Peter Tägtgren an den Reglern) ist sehr stark und organisch und Legion krächzt sich in seiner unnachahmlichen Art durch die Nummern. In Summe sorgt das dafür, dass dieses Album dem nicht an Black Metal gewöhnten Hörer weniger abschreckend erscheinen dürfte, als der bisherige Output von Marduk.

Schwere Kost.

Freilich bedeutet das nicht, dass „La Grande Danse Macabre“ leichtfüßig und zugänglich daherkommt. Im Gegenteil, mir hat sich die Platte als Gesamtwerk auch nach vielfachem Hören nicht so richtig erschlossen. Das war bei keinem der vorher erschienen Marduk-Alben der Fall. Ja, das Debüt „Dark Endless“ (1992) ist unvollkommen und irgendwo auch unspektakulär, aber auf seine Weise dennoch gut hörbar. Ja, „Panzer Division Marduk“ ist anstrengend und monoton, hat aber immerhin einen roten Faden. Und ja, „Nightwing“ besteht aus zwei Einzelteilen, klingt aber trotzdem (fast) wie aus einem Guss. All das lässt sich über den 2001er-Longplayer nicht sagen, so hart das klingen mag und so ungern man das hörbare Bemühen um Abwechslung verreißen möchte.

Eine richtige Linie kann ich jedenfalls nicht heraushören. Auf das gitarrendominierte Intro „Ars Moriendi“ (klingt fast, als hätten sich Satyricon davon bei „Voice Of Shadows“, der Eröffnung ihres 2013er-Albums „Satyricon“ , inspirieren lassen) folgt der Brecher „Azrael“, gleich darauf gibt es mit „Pompa Funebris 1660“ ein weiteres, eher gemächliches Instrumental, gefolgt von einer weiteren Highspeed-Nummer. Sehr merkwürdiger Einstieg in das Album, der es mir schwer macht, aufmerksam zu bleiben. Danach geht es im doomigen Doppelpack und zweifacher Überlänge (für Marduk-Verhältnisse) weiter: Zunächst „Bonds of Unholy Matrimony“, das mir zu langatmig ausgefallen ist, dann der durchaus überzeugende Titeltrack, der mit mehr als 8 Minuten (!) zu Buche schlägt. Diese Nummer bildet mit ihren tonnenschweren Riffs das Fundament des Albums und verhindert, dass „La Grande Danse Macabre“ komplett aus dem Leim geht. Ein stoischer Rhythmus, der erstmals auf dieser LP für hypnotische Konsistenz sorgt. Gefällt! Danach gibt es mit „Death Sex Ejaculation“ und „Funeral Bitch“ zwei weitere Nummern, die trotz ihrer peinlichen Titel gut gelungen sind, bevor es mit dem fast schon als Halbinstrumental zu bezeichnenden „Summers End“ und dem bereits erwähnten „Jesus Christ… Sodomized“ nochmal bergab geht.

All das ist ziemlich schwere Kost. Das aber nicht unbedingt im positiven Sinn, obwohl die Riffs selbst großteils sehr heavy sind und wissen schon zu gefallen. Nur hilft alles nichts, wenn die Tracks per se unfertig und uninspiriert klingen. Das Songwriting ist – über das ganze Album betrachtet – schwach, sodass „La Grande Danse Macabre“ letztlich weder im Hinblick auf das Gros der einzelnen Nummern noch als Gesamtalbum etwas taugt. Und auch das Konzept des Todes ist schön und gut, schlägt sich im Hinblick auf den Gesamteindruck aber bei weitem nicht so eindrucksvoll nieder, wie auf den zwei Vorgängern. Schade, aber für mich definitiv einer der schwächsten Outputs aus dem Hause Marduk.


Track – Titel – Länge – Wertung

  1. Ars Moriendi – 1:50 – 4/7
  2. Azrael – 3:07 – 5/7
  3. Pompa Funebris 1660 – 2:36 – 3/7
  4. Obedience Unto Death – 3:16 – 3/7
  5. Bonds of Unholy Matrimony – 7:03 – 4/7
  6. La Grande Danse Macabre – 8:11 – 6/7
  7. Death Sex Ejaculation – 5:11 – 5/7
  8. Funeral Bitch – 4:58 – 5/7
  9. Summers End– 4:40 – 3/7
  10. Jesus Christ… Sodomized – 4:33 – 2/7

Gesamteindruck:  3/7 2/7 


Marduk auf “La Grande Danse Macabre” (2001):

  • Legion – Vocals
  • Morgan Steinmeyer Håkansson – Guitar
  • B. War – Bass
  • Fredrik Andersson – Drums

Anspieltipp: La Grande Danse Macabre

MusikWelt: Panzer Division Marduk

Marduk


Die schwedischen Radaubrüder Marduk, immer schon ein besonderer Vertreter ihrer Zunft, haben 1999 mit dem programmatisch betitelten „Panzer Division Marduk“ ein sehr spezielles Album auf die Menschheit losgelassen. Damit zementierte die Band ihren Ruf, sich nur für in Hochgeschwindigkeit vertonte Kriegsgeschichten zu interessieren, über Jahre hinaus. Was diese 30 Minuten Trommelfeuer aus allen Rohren jedoch wirklich sind – Kunst, Müll oder irgendwas dazwischen – ist gar nicht so einfach zu beantworten. Sicher ist retrospektiv nur, dass die Platte eine Zäsur im Schaffen von Marduk darstellt. 

Gesamteindruck: 4/7


30 Minuten Trommelfeuer.

Beginnen wir mit den Äußerlichkeiten, bevor wir zur Musik kommen. Albumtitel und Cover gehen Hand in Hand und sind passend zum Inhalt gewählt. Ich vermute, beides lässt zartbesaiteten Menschen den Atem stocken, bevor sie noch einen Ton gehört haben. Dem Eingeweihten ist hingegen klar, dass Black Metal schon immer auch Provokation war – und sich das Böse, was auch immer das ist, perfekt dafür eignet. Zur Beruhigung: Nirgends in und an „Panzer Division Marduk“ ist braunes Gedankengut zu finden. Der Krieg ist hingegen ganz großes Thema; „Panzer Division Marduk“ ist Teil 2 der „Blut, Krieg, Tod“-Trilogie, die mit dem Vorgänger-Album „Nightwing“ (1999) begonnen hat und die Marduk’sche Version dessen darstellt, was Black Metal ausmacht.

Ein Wort zu den Texten: Die Lyrics gehören mit zum Schlimmsten, was die Norrköpinger bis dato produziert haben. Man mag kaum glauben, dass dieselbe Band nur ein Jahr zuvor auf „Nightwing“ historisch akkurat und durchaus lesenswert Vlad III. skizziert hat. „Panzer Division Marduk“ treibt hingegen auf die Spitze, was vorher vereinzelt angedeutet wurde: Peinlich-plumpe Rhetorik auf einem Kreuzzug gegen das Christentum von der per Eigendefinition bösesten und blasphemischsten Truppe der Welt. Ja, richtig, hier dreht es sich gar nicht so sehr um einen handelsüblichen Krieg, was das ganze Konzept zwar nicht ad absurdum führt, ihm aber gehörig an Durchschlagskraft nimmt. Sorry, Marduk, das war meiner Meinung nach nichts, vermutlich schon 1999 nicht.

Kein „Reign In Blood“.

Sind die Lyrics schon eine Zuspitzung bisheriger Marduk-Extreme, gilt das für die Musik erst recht. Vor „Panzer Division Marduk“ war die erste Hälfte von „Nightwing“ wohl mit das Härteste und Schnellste, das von den Schweden zu hören war. 1999 beschloss man, einen draufzusetzen: Das „Reign In Blood“ des Black Metal sollte vertont werden, ist gerüchteweise noch heute zu vernehmen. Ich weiß nicht, ob das wirklich das Ziel war, denn dem würde ja auch ein gewisser Wille zum kommerziellen Erfolg innewohnen, wenn man überlegt, was Slayer mit ihrem Meisterwerk von 1985 erreicht haben. Was ihre Kompromisslosigkeit und Attitüde angeht, sind sich beide Platten tatsächlich ähnlich. Allerdings, und das ist entscheidend, scheitern Marduk letztlich an der exorbitanten musikalischen Qualität des Vorbildes.

Produktionstechnisch empfinde ich „Panzer Division Marduk“ als gelungen. Der Mix von Peter Tägtgren (Abyss Studios, außerdem Hypocrisy, Pain) ist trocken und übersteuert, wie es damals üblich war. Dennoch sind alle Instrumente zu hören, lediglich der Gesang hätte für meinen Geschmack eine kleine Spur lauter sein können. A pro pos Gesang: Frontmann Legion kann mit seiner verhältnismäßig tiefen, dennoch sehr rauen Stimme punkten. Man versteht trotz des infernalischen Krachs fast jedes Wort, wobei man einmal mehr sagen muss, dass teilweise zu viele Lyrics in zu kurzer Zeit untergebracht wurden. Ein Problem, das seit dem Einstieg des Sängers immer wieder kritisiert wurde.

Der Teufel im Detail.

Hört man „Panzer Division Marduk“ zum ersten Mal, ist man schlicht erschlagen von diesem 30 Minuten dauernden Trommelfeuer. Mehr als eine unglaublich laute und schrille Wand aus Krach, hier und da unterlegt von Kriegsgeräuschen, scheint das nicht zu sein. Eine Atempause gibt es praktisch nicht, die Blast Beats sind allgegenwärtig, die Gitarrenriffs flirren und jeder Ansatz, aus diesem Schema auszubrechen, bringt nur für Sekunden Erleichterung. Das alles macht das Album sehr angriffslustig, gleichzeitig aber auch extrem monoton. Dessen muss man sich bewusst sein – und auch, wenn man hypnotisch-monotonen Black Metal mag, ist „Panzer Division Marduk“ nochmal eine ganz andere Hausnummer und scheint aus einem einzigen, 30 Minuten langen Song zu bestehen.

Das klingt, als wäre es sinnlos, auf die 8 Tracks dieses Stahlgewitters einzugehen. Nach zwei, drei Durchgängen hätte ich das so unterschrieben, hört man aber öfter und genauer rein, erkennt man durchaus das eine oder andere Detail, an dem man sich orientieren kann. Eröffnet wird „Panzer Division Marduk“ vom Titeltrack. Ein Intro gibt es nicht, ein bisschen Artillerie und das programmatische „Fire!“ müssen reichen. Der Song selbst gilt als Klassiker und wird immer noch gerne live gespielt – ich persönlich bezweifle ein wenig, dass ihn ein Großteil der Zuhörer überhaupt erkennt, wenn man vom markanten Anfang absieht. Blast-Attacken, ultraschnelles Tremolo-Picking, wüstestes Gebrüll – mehr ist es im Prinzip nicht. Steht also ganz in der Tradition schwächerer Marduk-Eröffnungsnummern.

Darauf folgen zwei wesentlich stärkere Tracks: „Baptism By Fire“ beginnt mit Stuka-Geheul und unterscheidet sich im sehr eng gesetzten musikalischen Rahmen mehr oder weniger deutlich von der Eröffnung. Denn hier gibt es tatsächlich etwas, das hängen bleibt – „Death from above!“ und „Baptism by fire!“ kann jeder mitbrüllen, der Song wirkt dadurch verhältnismäßig eingängig. Eine gute Black Metal-Nummer an der ich nichts auszusetzen finde, sogar ein wenig Black n‘ Roll-Feeling versprüht der Track. Noch dazu gibt es ein kleines Break, das man dankbar aufnimmt, vor allem, wenn man dem Album schon ein paar Durchläufe gegönnt hat. Danach kommt „Christraping Black Metal“, der beste Song des Albums. Ja, der Titel könnte kaum schlimmer sein, wobei Marduk ja mit „The Black Tormentor of Satan“ auf „Heaven Shall Burn… When We Are Gathered“ bereits einmal derartiges fabriziert haben, interessanterweise auch einer der besten Songs auf jenem Album. Davon sollte man sich aber nicht täuschen lassen, die Nummer ist sogar noch vehementer als der Track davor und der …naja… „Refrain“ ist noch besser gelungen, was auch an der extrem räudigen Stimme von Legion liegt. Sogar eine Art Gitarrensolo hat das Stück zu bieten. All das verleiht ihm den höchsten Wiedererkennungswert im kriegerischen Rauschen von „Panzer Division Marduk“.

Neben diesen zwei guten Tracks ist noch „Blooddawn“ zu erwähnen. Diese Nummer zeigt meines Erachtens am besten, woran „Panzer Division Marduk“ im Endeffekt krankt. Dank des Mainriffs wirkt „Blooddawn“ gehörig düster, was nicht heißt, dass diese Nummer nicht bretthart ist – nur wird hier die Vehemenz in eine etwas dunklere und dadurch noch brutalere Richtung kanalisiert. Aber: Das Drumming ist einmal mehr komplett und ausschließlich auf auf Blasts fokussiert. Ohne jede Varianz. Wenn das nicht der Fall wäre, könnte „Blooddawn“ anstatt eines guten ein exzellenter Song sein. Durch dieses stetige Geprügel im Hintergrund geht allerdings fast alles von der Qualität verloren. Schade, denn so gut wie in in Track Nummer 6 wird auf dem ganzen Album nicht das zelebriert, was man sich von einem starken Black Metal-Gesamtpaket erhofft: Atmosphäre.

Der Rest ist in meinen Ohren Stangenware. Bei „Scorched Earth“ denkt man beim doomigen Start-Riff noch, dass es etwas Abwechslung gäbe. Diese Hoffnung zerschlägt sich jedoch nach wenigen Sekunden. Immerhin erkennt man ab 1:20 Minuten zumindest für 30 Sekunden einen sehr guten und interessanten Gitarrenpart. Oder kommt einem das nur so vor, weil es die Monotonie unterbricht? „Beast Of Prey“ brilliert mit der legendären Textzeile „All I want / All I need / Is to see my enemies bleed“. Nicht schlecht, Herr Specht. Davon abgesehen gibt es ein schönes Break in der Mitte. „502“ ist hingegen nicht mehr als eine langweilige Nummer. Zu gefallen weiß maximal der Gesang, den man aber auch in anderen Tracks mindestens genauso gut bekommt. Der Rausschmeißer „Fistfucking God’s Planet“ bietet neben dem „kultigen“ Titel das übliche Sperrfeuer aus dem Drumkit, das das gute Riffing zunichte macht. Ganz zum Schluss gibt’s nochmal Panzer, Artillerie und Stalinorgel, wie sollte man so ein Album auch sonst beschließen.

Bewertungsdilemma.

„Panzer Division Marduk“ macht es mir schwer, eindeutig Position zu beziehen,. Gefällt mir das Album tatsächlich oder will ich nur, dass es mir gefällt, obwohl es eigentlich Schrott ist? Ganz erschöpfend kann ich das nicht beantworten – ich vermute auch, dass diese Rezension genau dadurch viel länger geworden ist, als man es bei einem 30-Minüter erwarten würde. Vielleicht gehe ich aber auch zu verkopft an die Sache heran: Je länger ich mir diese Platte angehört habe, desto mehr Fragen habe ich mir gestellt. Wollten Marduk dieses Album tatsächlich so machen, wie es geworden ist? Konnten sie es nicht besser, nur ein Jahr nach dem guten „Nightwing“? Hatten sie ein kreatives Tief? Oder ist das weniger ernstgemeinte Kunst, sondern vielmehr Statement und ausgestreckter Mittelfinger? Sollte man sich all diese Fragen überhaupt stellen? Oder lieber nur „Panzer Division Marduk“ auf sich wirken lassen? Ich weiß es wirklich nicht.

Ich habe eine Rezension gelesen, die im Kern sehr gut das beschreibt, was auch ich beim Hören dieses Werks empfinde: Marduk veranschaulichen hiermit – ob beabsichtigt oder nicht – das Beste und das Schlechteste des Black Metal. Einerseits wären da die Kompromisslosigkeit, die flirrenden Gitarren, das rebellische Lebensgefühl und die Ausreizung musikalischer Extreme. Andererseits haben wir es mit kindischen Provokationen, unglaublicher Monotonie und dem Versuch zu tun, jeglichen Gedanken an Zugänglichkeit zu unterdrücken (und zwar künstlich und nicht künstlerisch). Die guten Riffs sind vereinzelt da, wurden aber gekonnt unter einfallslosen Drumbeats versteckt. Jener Rezensent ging übrigens weniger ins Detail und hat meiner Ansicht nach einen Punkt zu erwähnen vergessen: Atmosphäre ist ein großes Plus im Black Metal – und die fehlt mir auf „Panzer Division Marduk“ letztlich. Andererseits: Ich war – wie hoffentlich fast alle, die dieses Album hören – nie in einem Krieg. Ich könnte mir aber zumindest vorstellen, dass, versucht man das Gefühl, an einem Großkampftag, an der Front zu sein, musikalisch umzusetzen, etwas ähnlich Infernalisches wie „Panzer Division Marduk“ herauskommen könnte. Und vielleicht war das, und nur das, auch das Ziel.

Wie auch immer, der Gesamteindruck bleibt durchwachsen. Es gibt ab und an durchaus Stimmungen, in denen man das Album „genießen“ kann. Auf Dauer ist es mir aber zu anstrengend und ich bin nicht überzeugt davon, dass man das alles als genau so geplante und durchdachte Kunst abheften kann. Im Gegensatz zu vielen Marduk-Fans liebe ich „Panzer Division Marduk“ nicht, ich hasse es aber auch nicht. Ich bin ambivalent dazu eingestellt und werde es wohl auch immer bleiben.


Track – Titel – Länge – Wertung

  1. Panzer Division Marduk – 2:39 – 3/7
  2. Baptism By Fire – 3:51 – 5/7
  3. Christraping Black Metal – 3:46 – 6/7
  4. Scorched Earth – 3:37 – 3/7
  5. Beast Of Prey – 4:07 – 4/7
  6. Blooddawn – 4:20 – 5/7
  7. 502 – 3:14 – 2/7
  8. Fistfucking God’s Planet – 4:28 – 4/7

Gesamteindruck: 4/7 


Marduk auf “Panzer Division Marduk” (1999):

  • Legion – Vocals
  • Evil – Guitar
  • Bogge – Bass
  • Fredrik Andersson – Drums

Anspieltipp: Christraping Black Metal

MusikWelt: Nightwing

Marduk


„Nightwing“ (1998) ist der fünfte reguläre Longplayer der schwedischen Black Metaller Marduk. Gleichzeitig ist es auch Teil 1 einer losen Trilogie, die Themen aufgreift, die nach Meinung von Bandgründer Morgan „Evil“ Steinmeyer Håkansson essentiell für den Black Metal sind: Blut, Krieg und Tod (versinnbildlicht durch die Alben „Nightwing“, „Panzer Divison Marduk“ und „La Grande Danse Macabre“). „Nightwing“ steht also für das Blut und ist in sich wiederum zweigeteilt. Und unterschiedlicher könnten die zwei Teile kaum sein.

Gesamteindruck: 6/7


Eine Art Konzeptalbum.

Die Tracks 1 bis 4 auf „Nightwing“ sind unter dem Titel „Dictionnaire Infernal“ zusammengefasst. Musikalisch sind die Stücke – abgesehen vom brauchbaren Intro „Preludium“ – genau in dem pfeilschnellen, brutalen und immer ein bisschen monoton wirkenden Stil gehalten, den man bis heute als typisch für Marduk erachtet (zu unrecht, wie ich übrigens finde). Lyrisch lässt man einen regelrechten Schwall an Verwünschen und Gotteslästerungen auf den Hörer los, was ebenfalls den Erwartungen entspricht, immerhin ist die Band damals angetreten, die böseste und blasphemischste Musik zu machen, die möglich ist. Das alles ist schön und gut, gelingt allerdings nicht immer auf gleich starkem Niveau. Bedeutet im Falle von „Nightwing“: „Bloodtide (XXX)“ prescht zwar gleich ordentlich nach vorne, allerdings ohne großen Wiedererkennungswert. „Of Hells Fire“ ist schon wesentlich besser und der Fan-Favorite „Slay The Nazarene“ toppt das sogar noch, auch wenn die beiden Nummern mit ihren jeweils herausgebrüllten Songtiteln als quasi-Refrain einigermaßen ineinander zu fließen scheinen. Wobei wir konstatieren müssen, dass das Kritik auf hohem Niveau ist, die Stücke sind alle gut, auch weil Marduk trotz aller Härter nie auf ein gerüttelt Maß an Melodie verzichten, die man sich allerdings erst einmal erschließen muss.

Worum es in Teil 2 von „Nightwing“ geht, lässt sich durch den Untertitel „The Warlord of Wallachia“ erahnen: Vlad III., Woiwode der Walachei, auch bekannt als Drăculea („Sohn des Drachen“) oder Țepeș („Pfähler“). Wer jetzt aber denkt, man bekommt hier passend zum übergeordneten Blut-Konzept eine schaurig-romantische Vampirgeschichte serviert, täuscht sich. Die Songs 6 bis 10 sind vielmehr der Versuch, den historischen Vlad, den Fürsten, der gegen die Bedrohung durch das osmanische Reich kämpfte und dem besondere Grausamkeiten nachgesagt wurden, darzustellen. Der inhaltliche Unterschied zu den ersten Songs von „Nightwing“ ist also signifikant, was sich zunächst in den Lyrics äußert, die meines Erachtens mit zum besten gehören, das Marduk bis zu diesem Zeitpunkt – und vielleicht sogar in ihrer ganzen Karriere – geschaffen haben. Man sollte sich tatsächlich die Mühe machen und mitlesen, was Sänger Legion hier zum Besten gibt, denn das gibt der Musik nochmals einen etwas düstereren Touch.

Auch musikalisch unterscheiden sich die Teile von „Nightwing“ deutlich. Im Gegensatz zur Blast Beat-Attacke, die die Tracks 2 bis 4 dominiert, regiert ab dem weder zu „Dictionnaire Infernal“ noch zu“The Warlord of Wallachia“ gehörenden Titeltrack fast schon epische Breite. Damit keine Missverständnisse aufkommen: Auch die Songs der zweiten Albumhälfte sind reinrassiger Black Metal, ohne Keyboards oder sonstige Sperenzchen. Allerdings gibt es hier deutliche Variationen im Tempo, was ein gehöriges Plus an dunkler Atmosphäre bringt. Ich habe es immer wieder gesagt und kann es auch im Falle von „Nightwing“ nur wiederholen: Bösartigkeit lässt sich nicht zwingend mit Geschwindigkeit gleichsetzen. Ja, der erste Teil des Albums ist düstere und hässliche Musik, die in ihrer Monotonie auch jene hypnotische Wirkung erzeugt, die man am Black Metal schätzt. Mindestens genauso durchschlagskräftig ist aber der zweite Teil, in dem Marduk den brachialen Riffs Platz zum Atmen geben und das Gaspedal nicht vollkommen durchtreten.

Zwei Volltreffer und viel Atmosphäre.

Zwei Tracks haben es mir auf „Nightwing“ besonders angetan. Da wäre zunächst der Titelsong, der ursprünglich als eine Art Hidden Track gar nicht auf der Plattenrückseite genannt wurde. Interessant für einen Song an 5. Stelle der Tracklist – keine Ahnung, ob das Absicht oder ein Fehler war. Dementsprechend kann man die Nummer auch keiner der beiden Albumhälften zuordnen, weder von ihrer Platzierung her noch inhaltlich. Musikalisch, und das ist ja das Wichtigste, bietet „Nightwing“ einen unwiderstehlichen Riff, der – so ehrlich muss man sein – allerdings nicht direkt aus der Feder von Marduk stammt, sondern auf der Musik zu einem B-Horror-Serie basiert („Subspecies“, lief wohl von Anfang bis Ende der 1990er, hat aber meines Wissens nie den Sprung nach Europa geschafft; hier kann man reinhören). So oder so – wer Legions legendären Anfangs-Schrei „Nightwiiiiiing…!“ hört und nicht sofort gepackt wird, ist hier wohl bei der falschen Band.

Gleich auf diese Hausnummer folgt mit „Dreams Of Blood And Iron“ die Eröffnung von „The Warlord of Wallachia“ und damit des langsameren, dunkleren Teils von „Nightwing“. Dieser Song ist fast schon eine Doom-Nummer, so langsam wabern die sinistren Riffs aus den Boxen. Der Gesang steht durch das gemäßigte Tempo noch mehr im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit und ist – vielleicht gerade dadurch –  von faszinierender Bösartigkeit. Ich gehe mal davon aus, dass genau solche Songs maßgeblich zum Legendenstatus von Sänger Legion beigetragen haben (neben seinem extravaganten Verhalten auf der Bühne, das mehr zu einer Rock-Band und weniger zu Marduk passt, aber ich schweife ab).

Auch „Dracole Wayda“, das tatsächlich über Textzeilen mit Wiedererkennungswert verfügt, kann man nicht meckern. Starker Song. Ebenso das ziemlich obskure Outro, eine Art Marsch, den Marduk – böse Buben, die sie nun mal sind – mit einem Sample aus dem italo-faschistischen „La Lupta Muncitori“ enden lassen. Meines Erachtens die erste derartige Provokation in der Karriere der Band – es sollte bei weitem nicht die letzte bleiben. Ich könnte mir sogar vorstellen, dass man zu solchen Mitteln gegriffen hat, weil man mit dem klischeehaft-plakativen Satanismus kaum jemanden erschrecken konnte. Ob das so ist, bleibt wohl das Geheimnis von Mastermind Morgan Håkansson.

Zwischen diesen zwei abseits Provokationen guten Songs gibt es mit „“Kaziklu Bey (The Lord Impaler)“ die schnellste Nummer in der zweiten Albumhälfte. Hätte ich so nicht gebraucht, bringt zwar Abwechslung in den ruhigeren Teil der Platte, krankt aber am bereits genannten Problem der Wiedererkennbarkeit. Die Nummer rauscht einfach so durch, würde ich sagen. Und dann gibt es da noch „Deme Quaden Thyrane“. Ja, richtig, ein Song dieses Namens befand sich schon vier Jahre vor der Veröffentlichung von „Nightwing“ auf „Opus Nocturne“. Wozu diese Neueinspielung gut ist? Ich weiß es nicht. Ein wenig wurde der Song verändert, die Produktion wurde angepasst und – natürlich – stammt der Gesang in dieser Variante von Legion. Geschmacksache, viel mehr fällt mir dazu ehrlich gesagt nicht ein. Ich persönlich finde eigentlich die alte Aufnahme besser – die Produktion war kühler und die unheilvoll gesprochenen Worte am Anfang waren irgendwie passender als das unvermittelte Gekreische von Legion. Aber das mögen andere ganz anders sehen.

Guter Sänger, mieses Cover.

A pro pos Legion: Der Sänger stellt sich auf seinem zweiten Marduk-Album wesentlich stärker dar, als noch auf „Heaven Shall Burn… When We Are Gathered“ (1996). Er hat seinen Platz eindeutig gefunden und ist tatsächlich eine Bereicherung für die Kompositionen. Das wird übrigens sowohl bei den schnellen als auch bei den atmosphärischen Tracks sehr deutlich. Bei letzteren fällt es naturgemäß stärker auf, dass der Schreihals durchaus in der Lage ist, die Songs entsprechend ihrer Stimmung zu veredeln. Was allerdings noch deutlicher wird, als auf dem Vorgängeralbum: In jenen Jahren scheint es bei Marduk eine Tendenz gegeben zu haben, möglichst viel Text in gar nicht so langen Songs unterzubringen. Das mal belächelte, mal als Kult gefeierte „Darkness It Shall Be“ auf „Opus Nocturne“ war schon ein Fingerzeig in diese Richtung, auf „Nightwing“ fragt man sich zum Teil, wie überhaupt jemand so viel Text lernen konnte. Das führt teilweise dazu, dass man sich wünscht, Legion würde ab und an eine Pause einlegen, damit man wenigstens ein bisschen mehr von der Musik mitbekommt. Ein Schelm, wer denkt, dass Marduk damit die sich im Endeffekt doch relativ häufig wiederholenden Riffs verstecken wollten…

Ein Wort noch zum Albumcover: „Nightwing“ setzt die Serie der miesen Cover, die mit „Opus Nocturne“ begonnen hat, nahtlos fort und ist meiner Ansicht nach der absolute Tiefpunkt in dieser Kategorie. Also nicht insgesamt, da gibt es noch ganz andere Dinger, aber zumindest Marduk haben nichts in petto, das noch schlechter ist. Waren die Bilder, die man für „Opus Nocturne“ und „Heaven Shall Burn…“ verwendet hat, einfach nur unpassend weil naiv, kitischig und fantasy, ist das Cover von „Nightwing“ einfach nur grottenschlecht. Kein Wunder, dass es für den Re-Release (2008) komplett durch ein anderes ersetzt wurde.

Gesamteindruck passt.

Interessant ist, dass unterm Strich trotzdem ein ins sich stimmiges Gesamtwerk herausgekommen ist. Mag sein, dass es an zündenden Ideen für Riffs und Drums fehlte und man das mehr oder minder geschickt zu verstecken versuchte. Aber merkwürdigerweise fügt sich dennoch alles sehr gut zusammen und „Nightwing“ ist nicht langweilig, biedert  sich aber auch nirgendwo an und wirkt sehr gut abgestimmt. Wie gesagt: Interessant. Und 6 von 7 möglichen Punkten wert.


Track – Titel – Länge – Wertung

  1. Preludium – 2:09 – 4/7
  2. Bloodtide (XXX) – 6:44 – 4/7
  3. Of Hell’s Fire – 5:22 – 5/7
  4. Slay The Nazarene – 3:49 – 6/7
  5. Nightwing – 7:35 – 7/7
  6. Dreams Of Blood And Iron – 6:20 – 7/7
  7. Dracole Wayda – 4:08 – 6/7
  8. Kaziklu Bey (The Lord Impaler) – 4:02 – 4/7
  9. Deme Quaden Thyrane – 5:07 – 5/7
  10. Anno Domini 1476 – 2:14 – 6/7

Gesamteindruck: 6/7 


Marduk auf “Nightwing” (1998):

  • Legion – Vocals
  • Evil – Guitar
  • Bogge – Bass
  • Fredrik Andersson – Drums

Anspieltipp: Nightwing