SerienWelt: Game of Thrones – Staffel 1

Wenige Tage vor Erscheinen dieser Rezension war es soweit: Eine der beliebtesten und gleichzeitig auch meistdiskutierten Fernsehserien endete nach 8 Staffeln und 73 Episoden. Zur Umsetzung dieses Mammut-Projektes benötigte das Produzentenduo David Benioff und D.B. Weiss 8 Jahre – die erste Folge von „Game of Thrones“ wurde 2011 ausgestrahlt. Nach so langer Zeit hat man vielleicht das eine oder andere Detail vergessen, kann sich nicht mehr so gut erinnern, was in den einzelnen Staffeln passiert ist. Daher mein Entschluss, quasi direkt nach dem Abspann der finalen Folge noch einmal mit Staffel 1, Folge 1 zu beginnen und – mit etwas Abstand zum ersten Durchgang – Rezensionen zu den einzelnen Staffeln zu verfassen.

Gesamteindruck: 7/7


Großartige Umsetzung.

VORSICHT: Eventuell können „Game of Thrones“-Rezensionen auf WeltenDing Spoiler enthalten!

Die 1. Staffel der US-Serie „Game of Thrones“ behandelt den gleichnamigen 1. Band von George R.R. Martins großer Saga „A Song of Ice and Fire“ (in der deutschen Version: „Das Lied von Eis und Feuer“). Dabei werden in zehn Folgen die Geschehnisse der Buchvorlage ziemlich exakt wiedergegeben. Es gibt natürlich gewisse Anpassungen, hier und da wurde gestrafft und nicht alles ist exakt so, wie man es vielleicht aus den Büchern kennt. Gleichwohl sind die Unterschiede zwischen Buch und Serie in Staffel 1 verhältnismäßig gering.

Inhalt in Kurzfassung
Viele Jahre nachdem er in einer blutigen Rebellion die Macht übernommen hat, bittet König Robert Baratheon seinen Freund und Waffenbruder Eddard „Ned“ Stark, seine rechte Hand zu werden. Schnell zeigt sich, dass die Politik in den Sieben Königslanden vor allem von Intrigen um Macht und Geld bestimmt wird – ein Parkett, auf dem der rechtschaffene Eddard Stark sich schnell mächtige Feinde macht, während er einer Verschwörung auf die Spur kommt, die bereits seinem Vorgänger zum Verhängnis wurde. Zeitgleich erhebt sich im hohen Norden hinter der von den Männern der Nachtwache gehüteten „Mauer“ eine unheimliche Bedrohung für die Reiche der Menschen – und auf einem anderen Kontinent schmieden die letzten Überlebenden der vor der Rebellion herrschenden Dynastie Pläne, aus dem Exil zurückzukehren und den Eisernen Thron für sich zu beanspruchen. 

Vorweg: Ich habe direkt nach 2 oder 3 Folgen der 1. Staffel von „Game of Thrones“ begonnen, die Bücher zu lesen – und habe jedes davon genossen. Die Serie habe ich, wie angedeutet, komplett gesehen, fand aber, bevor ich meine Meinung dazu abgebe, einen 2. Durchgang aller Folgen und Staffeln notwendig. Damit sollte ich eher in der Lage sein, das Gesehene mit etwas emotionalem Abstand und halbwegs objektiv reflektieren zu können.

Viel besser geht es (vermutlich) kaum.

Generell sind Umsetzungen von großen literarischen Vorbildern ja oft eine zwiespältige Sache. Um den Anforderungen des visuellen Mediums gerecht zu werden, muss die Handlung häufig gestreckt oder gerafft werden, hinzu kommt, dass Figuren oft nicht so aussehen und sich nicht so verhalten wie in der Vorlage und das es allgemein sehr schwierig ist, eine bestimmte Atmosphäre einzufangen. Vieles davon hat allerdings mit der individuellen Vorstellung der Leser bzw. Seher zu tun – und allen kann man es naturgemäß nie recht machen.

In „Game of Thrones“ wurde im Prinzip dennoch alles richtig gemacht. Das beginnt bereits mit der Auswahl der Schauspieler: Zum Zeitpunkt der 1. Staffel dürft das einzige, einer breiteren Masse bekannte Gesicht Sean Bean (u. a. Boromir in „Der Herr der Ringe“) als Lord Eddard Stark sein. Bean wird von einer damals weitgehend unbekannten, aber dennoch sehr guten Riege an Darstellern unterstützt. Besonders hervorzuheben sind dabei Peter Dinklage (Tyrion Lannister), Lena Headey (Cersei Lannister), Aidan Gillen (Petyr Baelish) und Iain Glenn (Jorah Mormont) die ihre Rollen tatsächlich so gut spielen, dass man sich direkt in das Buch versetzt fühlt – auch wenn die Optik oft nicht so ganz stimmt. Aber auch alle anderen Figuren wurden sehr gut besetzt, lediglich Jack Gleeson (Joffrey Baratheon) wirkt für mich ein wenig farblos und überfordert.

Das Drehbuch ist sehr gut gelungen und schafft es ausgezeichnet, Stimmung und Atmosphäre der Saga einzufangen. Alle wichtigen Ereignisse aus dem literarischen Vorbild kommen vor oder werden erwähnt – man hat als Kenner des Buches eigentlich kaum das Gefühl, dass etwas Wichtiges weggelassen wurde. Hier zeigt sich auch die Stärke einer mehrteiligen Serie gegenüber einem Kinofilm: Es bleibt genug Zeit, die Charaktere zu entwickeln und die Geschichte ausführlich zu erzählen.

Ebenfalls perfekt umgesetzt wurde die Optik. Es ist eigentlich unglaublich, mit welcher Liebe zum Detail hier für eine Fernsehproduktion gearbeitet wurde. Ein ausreichendes Budget hat es wohl möglich gemacht… Das beginnt bereits beim aufwändigen und epischen Intro und setzt sich über für Serienverhältnisse überdurchschnittlich gute Effekte und Choreografien fort. Auch Landschaft, Bauten, Waffen und Wetter wirken wie aus einem Guss – hier gibt es beim besten Willen nichts auszusetzen. Überraschend war der für eine US-Serie erstaunlich hohe Anteil an Gewalt. Für Enthauptungen, Schwertkämpfe und Turniere wurden soviel Kunstblut und -eingeweide verwendet, wie schon lange in keiner Serie mehr (abgesehen vielleicht vom zeitgenössischen „The Walking Dead“). Auch vor nackten Körpern in eindeutigen Stellungen schreckten die Verantwortlichen nicht zurück – im prüden Amerika sicher ein Schock. Die Serie richtet sich jedenfalls eindeutig an Erwachsene, was aber nicht nur daran, sondern auch an der generellen Komplexität und vielen „politischen“ Szenen liegt.

Synchronisation als einziger Kritikpunkt.

Größter, oft einziger Kritikpunkt vieler Rezensenten ist die deutsche Synchronisation. Tatsächlich ist es so, dass man sich das Ganze nach Möglichkeit im englischen Original ansehen sollte; gleiches gilt ja auch für die Buchvorlage. Sollten die dafür notwendigen Kenntnisse fehlen und man sich nicht mit Untertiteln herumschlagen wollen, ist die deutsche Variante natürlich die einzige Möglichkeit. Hier ist es so, dass sich die Verantwortlichen an die Übersetzung des Buches gehalten haben. Es wurden also praktisch alle Eigennamen eingedeutscht, ähnlich wie man das aus „Herr der Ringe“ kennt. Auch wenn diese Meinung viele nicht teilen werden: ich empfinde das als die bessere Variante gegenüber dem Beibehalten der englischen Begriffe. Allerdings wäre ein wenig mehr Augenmaß notwendig gewesen – ob man beispielsweise „Casterly Rock“ wirklich mit „Casterly Stein“ übersetzen muss, sei dahingestellt. Noch schlimmer ist die Eindeutschung gewisser Familiennamen, was aber in der Serie zum Glück nicht so extrem ins Gewicht fällt (ob nun „Lannister“ oder „Lennister“ ist in der Aussprache praktisch egal, ,ganz im Gegensatz zum Buch). Dass man „Königsweg“ anstelle von „Kingsroad“ sagt ist für mich hingegen eine akzeptable Lösung. Ich denke generell, dass man sich relativ schnell daran gewöhnt und das kein Grund für eine Abwertung sein muss. Die Synchronsprecher wurden übrigens gut und passend ausgewählt, hätten aber etwas emotionaler agieren können.

Eine Problematik, die eventuell abschrecken könnte, wenn man die Vorlage nicht kennt ist deren Komplexität. Bereits im Buch werden Ereignisse und Intrigen nur nach und nach enthüllt, alles ist zu Beginn relativ schwer zu verstehen und mysteriös. Das ist auch bei der TV-Serie so, darum könnten sich Zuschauer, die die Vorlage nicht kennen, vergleichsweise schwer tun, in Staffel 1 mitzukommen. Auch die Fülle der vorgestellten Charaktere macht die Sache nicht unbedingt einfacher. Aber das ist – wie gesagt – auch beim Buch so und wurde sehr authentisch übernommen.

Fazit: Mit „Game of Thrones“ ist den Produzenten David Benioff und D. B. Weiss tatsächlich ein Geniestreich gelungen. Es gibt wohl nur eine handvoll Filme oder Serien, die es bisher so gut geschafft haben, ein komplexes literarisches Vorbild auf ein visuelles Medium zu übertragen. Von der Ausstattung über die Schauspieler bis hin zur Dramaturgie passt einfach alles. Kenner der Bücher werden sich über die liebevolle Umsetzung freuen und wer mit der TV-Serie in George R. R. Martins Universum einsteigt, bekommt wohl richtig Lust, die Bücher zu lesen und noch tiefer einzutauchen. Gut gemacht, viel besser geht es eigentlich nicht!.

Gesamteindruck: 7/7


Originaltitel: Game of Thrones
Idee: David Benioff, D. B. Weiss
Land: USA
Jahr: 2011
Episoden: 10
Länge: ca. 60 Minuten
Gesehen auf: Sky
Haupt-Besetzung (Auswahl): Sean Bean, Peter Dinklage, Emilia Clarke, Lena Headey, Kit Harington, Sophie Turner, Maisie Williams, Nikolaj Coster-Waldau, Alfie Allen, Mark Addy



 

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SerienWelt: Der Pass – Staffel 1

„Der Pass“ ist eine deutsch/österreichische Co-Produktion. Allein deshalb könnte man meinen, die Serie würde sich unversehens auf die Gegensätze zwischen zwei Nationen, die sogar die gemeinsame Sprache trennt, stürzen. Sieht man die Vorschau, denkt man hingegen vielleicht an einen Mystery-Thriller. Beide Annahmen enthalten ein Körnchen Wahrheit, sind aber bei weitem keine bestimmenden Elemente – vielmehr haben wir es hier mit einer eiskalt inszenierten Jagd auf einen grausamen Verbrecher zu tun, die auch von bekannten Hollywood-Größen nicht besser hätte verarbeitet werden können.

Gesamteindruck: 6/7


Grenzfall.

Dabei liest sich die Rahmenhandlung der deutsch/österreichischen Produktion „Der Pass“ zunächst nicht sonderlich aufregend. Der vom Duo Philipp Stennert und Cyrill Boss verarbeitete Stoff unterscheidet sich – so jedenfalls der oberflächliche Eindruck – nicht sonderlich von dem, was man aus zahllosen Folgen „Criminal Minds“, „C.S.I. Miami“ und wie sie alle heißen, kennt. Sieht man sich die 8 Folgen der 1. Staffel (eine zweite wurde bereits in Auftrag gegeben) jedoch an, merkt man schnell, dass nicht nur die geografische Herkunft der Serie außergewöhnlich ist.

Inhalt in Kurzfassung
Auf einem Gebirgspass zwischen Österreich und Deutschland wird eine Leiche gefunden. Weil der augenscheinlich Ermordete genau auf einem Grenzstein drapiert wurde, sind Beamte aus beiden Ländern für den Fall zuständig – auf deutscher Seite ermittelt die tüchtige, junge Kommissarin Ellie Stocker, ihr Gegenüber ist der zynische Inspektor Gedeon Winter. Der interessiert sich zunächst wenig für den Mord, erst als weitere, ähnlich zugerichtete Leichen gefunden werden, wird klar, dass das ungleiche Paar zusammenarbeiten muss, um den Serientäter zu stoppen.

Zunächst ist festzuhalten, dass die Jagd nach dem Mörder, der der Polizei immer einen Schritt voraus zu sein scheint, extrem spannend inszeniert ist. Der dramaturgische Aufbau passt sehr gut; man lernt zunächst die beiden Ermittler kennen, wobei gerade die richtige Dosis an Privatleben einfließt. Der Interaktion zwischen den Hauptdarstellern Julia Jentsch (Stocker) und Nicholas Ofczarek (Winter) wird viel Raum gegeben und die beiden harmonieren ausgezeichnet miteinander. Dadurch fällt es dem Zuschauer nicht schwer, sich mit den Figuren, die mit ihren kleinen Stärken und großen Schwächen sehr realistisch wirken, zu identifizieren. Und auch die relativ frühe Begegnung des Publikums mit dem Mörder passt vom Timing her gut, obwohl es im ersten Moment merkwürdig ist, dass man den Antagonisten so früh bereits kennt. Dessen Rolle wurde mit Franz Hartwig ebenfalls gut besetzt, die von ihm ausgestrahlte Kälte und absolute Kontrolle in jeder Situation lassen ihn tatsächlich bedrohlicher erscheinen, als das in vielen aktuellen Produktionen der Fall ist.

Schauspieler und Handlung: Top!

Die schauspielerischen Leistungen sind durch die Bank gut, das betrifft sowohl Haupt- als auch Nebendarsteller. Eventuell könnte man Nicholas Ofczarek leicht übertriebenes Spiel vorwerfen, andererseits war das wohl notwendig, um den Kontrast zu seiner deutschen Kollegin noch stärker hervorzuheben. Mir hat seine Darbietung (und letztlich auch die Entwicklung seines Charakters) nach einer kleinen Eingewöhnungsphase jedenfalls gefallen. Positiv sind im Übrigen auch der hervorragende Soundtrack, der die bedrückende Stimmung perfekt untermalt und die Optik der Serie, die einerseits den Winter in den Bergen direkt in die eigenen vier Wände zu holen scheint, andererseits die Schön- und Wildheit der Natur außergewöhnlich gut einfängt.

Zur Handlung selbst: Ja, vordergründig ist „Der Pass“ ein klassisches Katz-und-Maus-Spiel zwischen einem überaus intelligenten Verbrecher, der ganz auf sich gestellt eine Hundertschaft an Ermittlern beschäftigt, die seiner einfach nicht habhaft werden können. Garniert ist diese Geschichte mit persönlichen Problemen der Ermittler und der einen oder anderen dramatischen Wendung. Übrigens: Die Klischees, die sich aus der kulturellen Diskrepanz zwischen Deutschland und Österreich ergeben könnten, werden in dieser Serie fast völlig vermieden, wenn man von kleineren Anspielungen absieht. Gute Entscheidung, wie ich finde.

Integriert in die trotz allem eher konventionelle Jagd nach dem Serientäter bietet „Der Pass“ eine Vielzahl an weiteren Aspekten, die man anhand der Inhaltsangabe so vielleicht nicht erwarten würde. So wird u.a. die Frage gestellt, ob in der Polizeiarbeit der Zweck die Mittel heiligt, wenn es darum geht, einen dermaßen gefährlichen Verbrecher zu fassen. Auch die Rolle von Presse (Stichwort: Sensationslust) und sozialen Medien (Selbstdarstellung) wird kritisch hinterfragt, dazu kommt – einigermaßen subtil verpackt – das aktuell allgegenwärtige „Ausländerthema“ nebst politischer Komponente, ein Handvoll Psychologie und ein wenig Brauchtum.

Alles in allem eine sehr schöne Kombination, die meiner Meinung nach nahezu perfekt umgesetzt wurde. Kleinere Längen nimmt man in diesem Fall gerne in Kauf. Sie verhindern zwar die Höchstwertung, aber eine der besten Serien, die man aktuell sehen kann, ist „Der Pass“ definitiv.

Gesamteindruck: 6/7


Originaltitel: Der Pass
Regie: Philipp Stennert, Cyrill Boss
Land: Deutschland, Österreich
Jahr: 2019
Episoden: 8
Länge: ca. 45 Minuten
Gesehen auf: Sky
Haupt-Besetzung (Auswahl): Julia Jentsch, Nicholas Ofczarek, Franz Hartwig, Hanno Koffler, Lucas Gregorowicz, Lukas Miko, Natasha Petrovic, Martin Feifel



 

SerienWelt: Maniac

Wie so oft in jüngerer Vergangenheit haben wir es auch bei „Maniac“ mit einem Remake zu tun. Die Miniserie wurde erstmals im September 2018 auf Netflix ausgestrahlt und basiert auf einer norwegischen (!) Fernsehserie gleichen Namens. Nun ist es ja nicht grundsätzlich verwerflich, sich anderswo zu bedienen und damit vielleicht sogar guten Stoff einem breiteren Publikum zu präsentieren. Nur muss halt die Qualität passen – und die sehe ich bei den 10 Folgen, die die Miniserie umfasst, eher durchwachsen.

Gesamteindruck: 4/7


Zieht sich etwas.

„Maniac“ ist bei Kritikern in aller Welt hochgelobt und auch Netflix bekommt Lorbeeren für den Mut, eine so außergewöhnliche Serie zu veröffentlichen. Ich selbst finde die Serie grundsätzlich durchaus gelungen – unverbrauchtes Setting, viel Fantasie, hervorragende Optik und klasse Schauspieler. Die Rahmenbedingungen stimmen und werden durch den gewissen Indie-Touch abgerundet, der sich ja längst nicht mehr im Fehlen realistischer Special Effects ausdrückt. Leider ist die Klammer, die all das zusammenhalten muss, nicht groß genug. 10 Folgen gibt es, für meinen Geschmack hätten es 8 und die entsprechende Straffung auch getan.

Inhalt in Kurzfassung
Eine zwielichtige Pharma-Firma verspricht, Menschen mit einer neuartigen Behandlungsmethode von all ihren psychischen Problemen zu heilen. Noch befindet sich die Therapie allerdings in der Studienphase, entsprechend werden freiwillige Testpersonen gesucht. Annie Landsberg und Owen Milgrim sind zwei der Kandidaten, die eine Teilnahme riskieren und dabei sonderbare Dinge erleben.

„Maniac“ geht sehr gut los und schafft es gleich in den ersten Folgen, den Zuschauer für sich zu gewinnen. Die Hauptpersonen und ihre jeweiligen Eigenarten werden umfassend vorgestellt und das geheimnisvolle Experiment bzw. die undurchschaubare Firma im Hintergrund machen schnell neugierig. Neben guten Schauspielern, die ohne viel Schnickschnack zu Werke gehen, hat das vor allem auch mit der ansprechenden Präsentation zu tun. Die Optik ist sehr speziell und erinnert daran, wie man sich vor vielleicht 50 Jahren die Zukunft vorgestellt haben könnte. Allein das hebt die Serie aus dem Einheitsbrei hervor.

Eine Besonderheit von „Maniac“ liegt in den zwei Handlungsebenen. Als Zuseher beobachtet man abwechselnd die Wissenschaftler, die das Experiment durchführen und die Fantasiewelten, die die Probanden während der Studie erleben. In der ersten Ebene haben die Forscher mit ihren eigenen Problemen, darunter ein liebeskranker Computer, zu kämpfen. Noch interessanter ist aber der Teil der Handlung, der in das Innere der freiwilligen Studienteilnehmer führt. Denn deren Psyche lässt sie Dinge sehen und erleben, die man so nicht alle Tage in einer einzigen Serie sieht – da ist es dann auch kein Problem, wenn eine Protagonistin als betrunkene Elfe in einer schwer nach Tolkiens Mittelerde aussehenden Welt unterwegs ist, während ihr männlicher Gegenpart der Sohn eines Mafiapaten ist. Um nur zwei von unzähligen Szenarios zu nennen, die in „Maniac“ präsentiert werden.

Geduldsprobe.

Nun sollte man meinen, dass in einem solchen Setting viel Platz für fantastische Erlebnisse ist, die sich zwar überwiegend im Geist der Probanden abspielen, gerade deshalb aber fast unermesslichen gestalterischen Freiraum bieten. Leider wirkt „Maniac“ auf mich zerfahren und zäh. Ersteres weil es mir an Struktur fehlt und ich Probleme mit der Einordenbarkeit des Gesehenen habe. Das bedeutet: Mir ist nicht so ganz klar, wieso z.B. eine Folge in einer Fantasy-Welt spielt, ich kann den Bezug zur Rahmenhandlung nicht so richtig herstellen. Mag sein, dass das beabsichtigt ist oder ich irgendwelche Symbolik übersehen habe, das ändert aber nichts an meinem Eindruck, dass „Maniac“ stellenweise arg „zusammengeschustert“ wirkt.

Zäh finde ich die Serie, weil es zwischendurch immer mal wieder lange Dialoge gibt. Nein, das ist nicht per se ein Problem, wohl aber, wenn es an Spannung oder wenigstens philosophischem Tiefgang fehlt. Für mich ist ein Großteil dieser Gespräche nicht mehr als Bla-Bla, von dem man sich wünscht, dass es schnell vorüber ist. Und das wird kaum Sinn der Übung sein, vermute ich. Vor allem zum Schluss hin nimmt dieses Ärgernis überhand, sodass man regelrecht froh ist, wenn die letzte Folge über den Bildschirm geflimmert ist. A pro pos: Das Finale selbst hinterlässt auch eher Fragezeichen und schafft nicht das Gefühl, dass man mit „Maniac“ etwas wirklich Bedeutendes gesehen hat. Paradox, wenn trotz Dialoglastigkeit das Gefühl bleibt, das Gesehene wäre ein ziemliches Leichtgewicht unter den Serien gewesen.

Alles in allem ist der Gesamteindruck, den ich von „Maniac“ habe, gerade noch positiv. Die ganz großen Lobeshymnen, die allerorts auf die Serie gesungen werden, kann ich hingegen nicht nachvollziehen. Aber vielleicht liegt es auch an mir und ich hatte einfach nicht die nötige Geduld für die späten Folgen von „Maniac“? Ich weiß es nicht, ein Meisterwerk sieht für mich jedenfalls anders aus. Schade.

Gesamteindruck: 4/7


Originaltitel: Maniac
Regie: Cary Fukunaga
Land: USA
Jahr: 2018
Episoden: 10
Länge: 26-47 Minuten
Gesehen auf: Netflix
Haupt-Besetzung (Auswahl): Emma Stone, Jonah Hill, Justin Theroux, Sonoya Mizuno, Gabriel Byrne, Sally Field



 

SerienWelt: Spuk in Hill House – Staffel 1

Derzeit hat man das Gefühl, dass eigene Ideen ziemlich rar geworden sind. Anders ist die Schwemme an Remakes, Reboots, Pre- und Sequels kaum zu erklären. Auch „Spuk in Hill House“ ist kein neuer Stoff: Die Serie basiert auf dem gleichnamigen Roman (Shirley Jackson, 1959) und wurde bereits zweimal verfilmt (1963 als „Bis das Blut gefriert“ und 1999 als „Das Geisterschloss“). 2018 hat das Material den Sprung auf ein Streaming-Portal und gleichzeitig ins Serien-Format geschafft, was einen moderneren Anstrich und verbesserte Charakterentwicklung zur Folge hat.

Gesamteindruck: 5/7


Viel Drama und ein bisschen Horror.

Kunst ist ja immer auch ein Spiegel ihrer Zeit. Es kann so gesehen durchaus lohnend sein, eine bereits mehrfach erzählte Geschichte an aktuelle Gegebenheiten und Probleme anzupassen. In Bezug auf bewegte Bilder war zu diesem Zweck bis vor wenigen Jahren meist die Kinoleinwand das Mittel der Wahl, in jüngster Zeit wurde dafür die Fortsetzungserie (engl.: serial) (wieder-) entdeckt. Heißt: Die Handlungsstränge sind episodenübergreifend und die einzelnen Folgen bauen aufeinander auf. Der Charakterentwicklung kann damit entsprechend viel Platz eingeräumt werden. Das macht sich „Spuk in Hill House“ zu Nutze und zeichnet einerseits sehr detaillierte Figuren, spielt andererseits mit verschiedenen Zeit- und Handlungsebenen und leistet sich den Luxus, Erklärungen für das Geschehen nicht immer sofort zu liefern.

Inhalt in Kurzfassung
Anfang der 1990er zieht Familie Crain (Vater, Mutter, fünf Kinder) in das „Hill House“ und stellt bald fest, dass es in dem düsteren Anwesen nicht mit rechten Dingen zugeht. Alpträume, merkwürdige Phänomene und Erscheinungen terrorisieren vor allem die Mutter und die jüngeren Kinder, bis es schließlich zur Tragödie kommt. Viele Jahre später bringt das Schicksal die Mitglieder der Familie erneut zusammen und sie müssen sich den Geistern ihrer Vergangenheit (und auch den Dämonen der Gegenwart) stellen.

Unlängst habe ich die erste Staffel der Netflix-Serie „Lost in Space“ (2018) rezensiert. Deren Kernelement ist dem von „Spuk in Hill House“ durchaus ähnlich: eine dysfunktionale Familie, die mehr mit zwischenmenschlichen Problemen zu kämpfen hat, als sich äußeren Einflüssen zu stellen. „Lost in Space“ ist also mehr Drama als Science Fiction. Oder will es sein, wieso das nicht so gut funktioniert, habe ich in meiner Rezension dargelegt. „Spuk in Hill House“ ist – analog dazu – mehr Drama als Horror, macht seine Sache aber ungleich besser. Das liegt vorwiegend an den Charakteren, die ausgezeichnet aufeinander abgestimmt und stets glaubwürdig sind. Entsprechend muss man die Darsteller loben, die den Figuren realistisches Leben einhauchen.

Das dürfte gar nicht so leicht gewesen sein, denn „Spuk in Hill House“ folgt nicht strikt der linearen Erzählform. Es gibt zwei Zeitlinien (1992 und die Gegenwart), die ineinander übergehen und in praktisch allen Episoden quasi-parallel dargestellt werden. Man bekommt also jede Figur als jung und alt präsentiert, entsprechend viel Augenmerk musste Mike Flanagan auf eine vernünftige und nachvollziehbare Entwicklung seiner Charaktere legen. Interessant, wie gut dieser Aspekt der Serie funktioniert – am Ende erhält man tatsächlich ein Gesamtbild, das man auch versteht. Ganz generell muss man das Drehbuch loben, das es sehr geschickt schafft, den Zuseher bei der Stange zu halten. So sind in den Episoden immer wieder Details eingestreut, die man in diesem Moment nicht einordnen kann. Das mag anfangs frustrierend sein, allerdings merkt man schnell, dass es immer eine Aufklärung gibt. Um die eine oder andere Szene zu verstehen, muss man zwar bis zum Staffelfinale warten, all das wurde aber so geschickt und interessant verpackt, dass der Frust schnell weicht und man einfach wissen will, wie es weitergeht.

Ärgerliche Schlussphase.

Leider reicht es trotz dieser Lobeshymnen nicht für ein bessere Bewertung von „Spuk in Hill House“. Denn alles, was ich bis hierhin geschrieben habe, gilt vornehmlich für die ersten sechs bis sieben Episoden dieser ersten Staffel. Zum Schluss hin wird es leider sehr anstrengend und man hat als Zuseher das Gefühl, dass einige Inhalte fast schon mit Gewalt auf das gewünschte Ende hingetrimmt werden mussten. Am meisten stören aber die Dialoge, die zum Finale hin immer länger werden und in denen die Charaktere Dinge zum Besten geben, die in Wirklichkeit niemand so sagen würde. Es wird teilweise so philosophisch und wortgewaltig, wie man es vom berühmt-berüchtigten Architekten in „Matrix Reloaded“ kennt. Und das ist wahrlich kein Kompliment. Denn auch „Spuk in Hill House“ wird dadurch gegen Ende viel anstrengender, als es notwendig gewesen wäre.

Übrigens: Ja, es gibt natürlich Horror in „Spuk in Hill House“. Meist ist das eher im Hintergrund zu beobachten, aber auch der eine oder andere Jumpscare hat es in die Serie geschafft. So richtig zum Fürchten ist das alles aber selten, wer sich also durchgehend gruseln möchte, wird – zumindest mit dieser Staffel – nicht glücklich werden. Ich selbst bin dennoch gespannt, wie es weitergeht – die Geschichte der Familie Crain scheint mit Staffel 1 ja abgeschlossen zu sein.

Gesamteindruck: 5/7


Originaltitel: The Haunting of Hill House
Idee: Mike Flanagan
Land: USA
Jahr: 2018
Episoden: 10
Länge: ca. 60 Minuten
Gesehen auf: Netflix
Haupt-Besetzung (Auswahl): Michiel Huisman, Timothy Hutton, Elizabeth Reaser, Oliver Jackson-Cohen, Kate Siegel, Victoria Pedretti, Carla Gugino, Paxton Singleton, Henry Thomas



 

SerienWelt: Lost In Space (2018) – Staffel 1

Remakes von alten Filmen, aber auch von Serien, sind schwer in Mode. Das kann einem gefallen oder auch nicht: Gegner beklagen den Mangel an neuen Ideen und die zum Teil arg lieblosen Neufassungen, Befürworter freuen sich über Updates mit aktuellem Anstrich und sind häufig der Meinung, dass früher ohnehin alles besser war. Streaming-Anbieter Netflix versucht sich ab 2018 an einem Remake von „Verschollen zwischen fremden Welten“, einer klassischen Science Fiction-Serie der 1960er Jahre.

Gesamteindruck: 3/7


Bruchlandung.

Nimmt man es ganz genau, ist „Lost In Space“ das Remake einer bereits 1998 als Hollywood-Film adaptierten TV-Serie, die auf einem Comic („Space Family Robinson“, 1962) basiert. Dieser hat wiederum ein Kinderbuch („Der Schweizerische Robinson“, Johann David Wyss, 1798) zur Vorlage, das seinerseits eine Adaption von „Robinson Crusoe“ (Daniel Defoe, 1719) darstellt. Insofern ist der Stoff nicht an die 60, sondern 200 Jahre alt, wenn man so will. Übrigens: Ich habe kein grundsätzliches Problem mit Remakes. Im Gegenteil, die Neuauflage von „Battlestar Galactica“ (2004-2009) ist beispielsweise eine meiner absoluten Lieblingsserien und schlägt das Original in praktisch allen Belangen. Von der Klasse eines „BSG“ ist „Lost In Space“ jedoch Lichtjahre entfernt – doch der Reihe nach.

Inhalt in Kurzfassung
In naher Zukunft wird die Erde immer unbewohnbarer. Einzige Chance für die Menschheit scheint die Besiedelung einer neuen Welt im Sternensystem Alpha Centauri zu sein. Unter den wenigen Auserwählten, die die Reise antreten dürfen, ist die fünfköpfige Familie Robinson. Als das Kolonieschiff „Resolute“ auf dem Weg zur neuen Welt schwer beschädigt wird, können sich die Robinsons auf einen unbekannten Planeten retten. Dort müssen sie um ihr Überleben kämpfen.

Die Grundprämisse der „Robinsonade“ ist das Stranden auf der einsamen Insel. Ganz so allein wie weiland Robinson Crusoe ist man allerdings nur zu Beginn von „Lost In Space“. Und auch an anderen Schrauben wurde sanft gedreht, um die Serie aus den 1960ern in die Gegenwart zu holen: Von der harmonischen Familie mit den braven Kindern ist praktisch nichts übrig – so erfahren wir, dass die Eltern John und Maureen Robinson seit Längerem getrennt sind und kurz vor der Scheidung stehen. Die älteste Tochter Judy ist dunkelhäutig, stammt aus erster Ehe und ist eine Art Universalgenie. Ihre Halbschwester Penny steht in milder Konkurrenz zu ihr und übernimmt den ironisch-komischen Part. Und dann wäre da noch Will, jüngster Spross, ebenfalls sehr intelligent, gleichzeitig aber auch als einziges Familienmitglied verletzlich und emotional. Mehr oder weniger rebellisch sind alle drei Kinder.

Neben den Robinsons gibt es drei weitere Hauptrollen. Der Antagonist nennt sich wie im Original Dr. Smith, ist 2018 allerdings weiblich und hat eine dubiose Hintergrundgeschichte spendiert bekommen. Mit dabei außerdem wie schon in den 1960ern Don West, der allerdings als Techniker/Schmuggler. Und auch der Roboter, mit dem sich Will Robinson anfreundet, darf nicht fehlen. Dessen außerirdischer Ursprung und sein bedrohliches Äußeres haben nichts mehr mit seinem plump-freundlichen Pendant aus der Original-Serie zu tun.

All das klingt zunächst sehr positiv und spannend. Im Übrigen weiß auch die Technik zu überzeugen: Alles an „Lost In Space“ sieht geradezu unverschämt gut aus. Das beginnt bei den realistisch wirkenden Raumschiffen und Fahrzeugen sowie den gut gemachten Kostümen, setzt sich beim Planeten mit seinen spektakulären Außenaufnahmen fort und reicht bis zum wunderschön dargestellten Weltraum. Nichts auszusetzen gibt es außerdem an Kamera, Schnitt und Special Effects – alles fügt sich sehr gut ins Gesamtbild. Lediglich der dramatische Soundtrack ist für meinen Geschmack ein wenig zu vordergründig, aber das ist bei Weitem kein Beinbruch. Was sind also die Probleme an „Lost In Space“, wenn Idee und Technik passen? Man kann es leicht erraten: Die Serie krankt massiv an Drehbuch und Charakterdarstellung. Ich bin sogar versucht zu sagen, dass man in diesen beiden so wichtigen Bereichen praktisch alles falsch gemacht hat.

Kommt nicht richtig in Schwung.

Beginnen wir mit dem Drehbuch: Die Autoren bringen jedes Mitglied der Hauptbesetzung in den 10 Episoden der Staffel praktisch durchgängig in vermeintlich ausweglose, gefährliche Situationen. Das muss per se nicht problematisch sein, gewisse Action-Serien arbeiten auch mit solchen Mitteln und wissen trotzdem zu unterhalten. Nun ist „Lost In Space“ mit seinen stark aufeinander aufbauenden Folgen aber vollkommen anders angelegt als „Knight Rider“ oder von mir aus auch „Stargate – Kommando SG-1“. Heißt: Die Serie sollte eigentlich ein (Familien-)Drama sein, garniert mit gut gemachten, zweckmäßigen Action-Sequenzen. Leider hat man ständig das Gefühl, dass ein Missverhältnis zwischen diesen beiden Polen besteht; eine Vielzahl an Szenen bringt weder die Serie als Ganzes noch die Charaktere, die darin agieren, voran. Schlimmer noch, einige Sequenzen wirken wie Lückenfüller, damit die Spielzeit von rund 50 Minuten pro Folge überhaupt erreicht wird. Es ist, als hätte man sich im Vorhinein viel zu wenige Gedanken darüber gemacht, wo man eigentlich hin möchte. Oder als wären die Bücher für 30-minütige Episoden geplant gewesen und Netflix hätte in letzter Minute gesagt: „Es müssen 50 Minuten sein!“ So funktioniert es aber nicht, man hat den Eindruck von Stückwerk und die Serie kommt einfach nicht richtig in Schwung, ist nicht rhythmisch, wenn man so will.

Ein Beispiel dazu: Maureen Robinson will in einer Episode mit einer Art Ballon in die Atmosphäre des namenlosen Planeten aufsteigen, um von dort aus einen besseren Blick auf die Sonne zu haben. Warum auch immer – die Erklärungen für solche Handlungen sind in „Lost In Space“ gerne mal an den Haaren herbeigezogen und geraten entsprechend schnell in Vergessenheit. Bevor sie das schafft, wird ihr Fluggerät vom Wind erfasst, schleift sie über den Boden und lässt sie fast in eine Schlucht stürzen. Dieser Zwischenfall hat allerdings keinerlei Auswirkung auf den Erfolg ihrer Mission oder die Entwicklung ihres Charakters, ist also vollkommen irrelevant. Derartige Dinge kommen immer wieder vor, sodass man sich fragt, was uns die Produzenten damit sagen wollen – für mich macht das „Lost In Space“ zu einer Anhäufung von Unwahrscheinlichkeiten und Situationen, in denen man einen Deus ex machina bemühen muss. Das mag auch in anderen Serien immer wieder vorkommen, so geballt, wie in dieser Netflix-Produktion habe ich es aber noch nie erlebt. Erschwerend kommt die Vorhersehbarkeit gewisser Handlungen und Situationen hinzu – so wird zum Beispiel in einer Weltraumszene eine Harpune abgeschossen, um driftende Crewmitglieder zu bergen. Die Kamera fängt ein, wie das Seil, an dem die Harpune hängt, auf sein Ziel zuschießt, sich abwickelt, immer länger und länger wird – und weiß sofort, dass die Länge nicht ausreichen wird. Und genau so kommt es dann auch.

Keine Identifikationsfiguren.

Während das Drehbuch meiner Meinung nach die Orientierungslosigkeit der Verantwortlichen offenlegt, haben die Charaktere mit einem ganz anderen Problem zu kämpfen: Der Versuch einer moderneren Inszenierung der 1960er-Vorzeigefamilie scheitert gnadenlos an deren dümmlicher Darstellung (und damit meine ich nicht die schauspielerische Leistung, die allerdings auch nicht Emmy-verdächtig ist). So ist zum Beispiel die Idee, dass man die Hintergrundgeschichten zu den Figuren immer wieder in kleinen Rückblenden erfährt, gut. Nur sind die Häppchen, die dabei serviert werden, sehr klein, sodass sich das Gefühl von Tiefe sehr langsam einstellt – wenn überhaupt. Im Endeffekt ist das aber fast egal, weil das großteils unrealistische Verhalten der Raumfahrer alles andere überdeckt. Zu allem Überfluss betrifft das nicht nur die Hauptpersonen, sondern auch die später eingeführten Nebencharaktere.

Was meine ich damit? Es kommt in „Lost In Space“ beispielsweise immer wieder zu brenzligen Situationen weil man trotz des gemeinsamen Schicksals stets das eine oder andere Geheimnis voreinander hat. Dass so etwas für gruppendynamische Prozesse und damit Spannung in einer Serie sorgen kann, haben andere Shows bewiesen – hier ist es allerdings so, dass dieses Gehabe hoffnungslos aufgesetzt und an den Haaren herbeigezogen wirkt. Womit sich der Kreis zu den Mängeln im Drehbuch wieder schließt. Denn wenn man es nicht schafft, seine Charaktere sympathisch oder wenigstens interessant zu gestalten, versucht man eben, sich über Tricks zu retten, die Tiefe vorgaukeln sollen. Das kann funktionieren, tut es im Falle von „Lost In Space“ aber nicht.

A pro pos „Sympathie“: Es ist schon ein Kunststück, bei einer Kernmannschaft von 7 Hauptpersonen (8, wenn man den wortkargen Roboter dazu rechnet) praktisch niemanden hat, der Sympathien beim Zuseher zu wecken vermag. Dafür fehlt es entweder an Charisma (Vater, Mutter, älteste Tochter) oder dümmlich-peinliche Dialoge stehen im Weg (jüngere Tochter, der Techniker). Für mich unerwartet ist es ausgerechnet der jüngste Sohn, dessen Rolle am besten funktioniert und dessen Darstellung verhältnismäßig wenig nervt. Brauchbar geschrieben wurde auch die Antagonistin, die weniger bösartig, sondern eher verschlagen wirkt, gleichzeitig sogar ein wenig Mitleid weckt. Sympathisch geht anders, ist aber immerhin einigermaßen interessant und annehmbar von „Independent-Queen“ Parker Posey gespielt. Das zeigt aber gleichzeitig auch eine Facette des Problems mit der Charakterdarstellung: Die Familie ist dysfunktional, außerhalb gibt es einen halb-lustigen Techniker und eine Schurkin. Mit wem soll man sich als Zuseher identifizieren? Mir persönlich war das praktisch unmöglich und wäre einer der Charaktere ums Leben gekommen, hätte das bei mir keine Emotionen geweckt. In manchen Fällen hätte ich mich sogar gefreut – was kaum Sinn und Zweck der Übung sein kann.

Hoffnung auf Staffel 2.

Ob ich mir eine weitere Staffel dieser Serie antue, weiß ich noch nicht. Der finale Cliffhanger spricht schon dafür, ein paar offene Fragen wurden durchaus geschickt eingebaut – und die Antworten würde ich gerne erfahren. Dass man die Fortsetzung kaum erwarten kann (wie es z.B. bei „Game of Thrones“ der Fall ist), ist dennoch nicht der Fall. Paradoxerweise hat das auch was mit dem Finale zu tun, dessen letzter Twist dafür sorgt, dass die 10 Folgen von Staffel 1 mit einem Schlag quasi ihre gesamte Bedeutung verlieren. Das wäre rein von der Handlung her ja kein Problem, weil es aber an Darstellung und Entwicklung der Charaktere dermaßen hapert, fragt man sich am Schluss zwangsläufig, wofür die man eigentlich 10 Stunden seines Lebens geopfert hat.

Bewertungstechnisch ist das quasi der Todesstoß für „Lost In Space“. Dass es dennoch 3 Punkte gibt, liegt an der exzellenten Ausstattung und an ein paar guten Ansätzen, die zumindest ab und an zu unterhalten vermögen.

Gesamteindruck: 3/7


Originaltitel: Lost In Space
Idee: Matt Sazarma, Burk Shapless
Land: USA
Jahr: 2018
Episoden: 10
Länge: ca. 45-65 Minuten
Gesehen auf: Netflix
Haupt-Besetzung: Toby Stevens, Molly Parker, Taylor Russell, Mina Sundwall, Maxwell Jenkins, Parker Posey, Ignacio Serricchio, Brian Steele