WeltenBlog: „High Fidelity“ – Der Soundtrack

Der Soundtrack zum grandiosen Roman von Nick Hornby


„High Fidelity“ ist kein schwer lesbares, philosophisch-vertracktes Werk mit Tiefgang. Im Gegenteil: Es liest sich sehr schnell, es ist einfach geschrieben und es ist – zumindest auf den ersten Blick – oberflächlich. Letzteres stimmt zwar nicht ganz, weil der Roman zumindest von guter Beobachtungsgabe zeugt und im Hinblick darauf mehr Einsichten bieten, wie es zunächst den Anschein hat. Dennoch: „High Fidelity“ ist nicht kompliziert, von einer einzigen Sache abgesehen: Es enthält eine Vielzahl von pop-kulturellen Anspielungen, direkt und indirekt. Einiges davon bezieht sich auf Bücher, Fernsehen und Kino; der bei weitem größte Teil hat jedoch mit dem zu tun, was der Titel suggeriert: Musik, Musik und noch einmal Musik. Da kann man schon einmal den Überblick verlieren, was schade ist, weil einem dadurch viele musikalische Schätze durch die Lappen gehen.


Die Liste aller Listen.

Wer „High Fidelity“ gelesen hat, weiß, dass Protagonist Rob Fleming und seine Freunde keine Meinungen, sondern Listen haben. Die Top 5-Songs für die einsame Insel, die Top 5-Songs für eine Beerdigung, die Top 5-Trennungen usw. usf. Die gesammelten Listen aus dem Buch findet man übrigens beispielsweise hier. Was liegt also näher, als auch eine Liste der Songs anzulegen, die in „High Fidelity“ genannt werden? Zugegeben, ganz neu ist die Idee offenbar nicht, es schwirren ja einige derartige Aufstellungen im Internet herum.

Aber was soll’s, das ist mal eine Arbeit, die Spaß macht, zumindest einem Typen wie mir, der mehr von Rob Fleming hat, als er zugeben will (wenngleich der Musikgeschmack ein entschieden anderer ist). Ich versuche mich einfach mal dran und poste hier und jetzt die Liste der Songs, die Nick Hornby in seinem tollen Buch direkt oder indirekt nennt. In Klammern steht die Seitenanzahl – ob die Chronologie von Neil Young bis Al Green eine Bedeutung in musikalischer Hinsicht hat oder eine Art Entwicklung darstellt, wage ich nicht zu beurteilen.

Ich bin mir übrigens bei einigen Songs keineswegs sicher, welche Version Hornby tatsächlich gemeint hat. Wo das so ist, habe ich gleich mehrere Varianten verlinkt. Der geneigte Leser kann sich selbst überlegen, was besser zu Rob Fleming passen würde. Auch sind mir beim Erstellen der Liste einige kleinere Fehler aufgefallen – so wird z.B. auf Seite 30 der Song „Last Night I Dreamt That Somebody Loved Me“ im Zusammenhang mit Aretha Franklin erwähnt. Nun bin ich kein Experte für Aretha, aber nirgendwo im Netz hätte ich etwas gefunden, das darauf hindeutet, dass diese Nummer von ihr – und nicht von den Smiths – ist. Ob das ein Fehler von Hornby, des Lektorat oder des Übersetzers ist, kann ich nicht beurteilen.

Egal, viel zu lange Vorrede, nun kommen wir zum Wichtigsten.

Die 85 Songs aus „High Fidelity“

  1. Neil Young – Only Love Can Break Your Heart (30)
  2. Aretha Franklin The Smiths – Last Night I Dreamt That Somebody Loved Me (30)
  3. Crazy Horse/Rod Stewart/Everything But The Girl – I Don’t Want To Talk About It (30)
  4. The Everly Brothers/Nazareth/Roy Orbison/Emmylou Harris & Gram Parsons – Love Hurts (31)
  5. Prefab Sprout/The Zombies – When Love Breaks Down (31)
  6. Bee Gees/Al Green/Johnny Mathis/Cher/Florence Henderson – How Can You Mend A Broken Heart (31)
  7. John Prine & Nanci Griffith – The Speed Of The Sound Of Loneliness (31)
  8. Daryll Hall & John Oates/Lou Rawls/Dee Dee Bridgewater/The Captain and Tennille & Dionne Warwick – She’s Gone (31)
  9. Tommy Hunt/Dusty Springfield/Dionne Warwick – I Just Don’t Know What To Do With Myself (31)
  10. Dana – All Kinds Of Everything (48)
  11. Katrina & The Waves – Walking On Sunshine (50)
  12. Mitch Ryder & The Detroit Wheels – Little Latin Lupe Lu (51)
  13. The Righteous Brothers – Little Latin Lupe Lu (51)
  14. The Beatles – Help (52)
  15. The Beatles – Yellow Submarine (52)
  16. Stevie Wonder – I Just Called To Say I Love You (59)
  17. Stevie Wonder – Don’t Drive Drunk (59)
  18. Marvin Gaye – Sexual Healing (61)
  19. Peter Frampton – Baby, I Love Your Way (67)
  20. Peter Frampton – Show Me The Way (67)
  21. Nazareth/Gram Parsons – Love Hurts (69)
  22. The Sex Pistols – God Save The Queen „auf A&M“ (83)
  23. Otis Redding – You Left The Water Running (83)
  24. Smokey Robinson & The Miracles – It’s A Good Feeling (91)
  25. Bobby Bland – No Blow No Show (91)
  26. Jean Knight – Mr. Big Stuff (91)
  27. The Jackson Five – The Love You Save (91)
  28. Donny Hathaway – The Ghetto (91)
  29. Solomon Burke – Got To Gett You Off my Mind (92)
  30. Madonna – Holiday (93)
  31. The Paragons – Happy Go Lucky Girl (100)
  32. Elvis Costello – Alison (101)
  33. Elvis Costello – Little Triggers (101)
  34. Elvis Costello – Man Out Of Time (101)
  35. Elvis Costello – King Horse (101)
  36. Elvis Costello – Everyday I Write The Book Bootleg (102)
  37. Charlie Rich – Behind Closed Doors (132)
  38. The Clash – Janie Jones (150)
  39. Bruce Springsteen – Thunder Road (150)
  40. Nirvana – Smells Like Teen Spirit (150)
  41. Marvin Gaye – Let’s Get It On (150)
  42. Gram Parsons – Return Of The Grievous Angel (150)
  43. Bruce Springsteen – Bobby Jean (160)
  44. Richard Thompson – I Want To See The Bright Lights Tonight (161)
  45. Al Green – Sha La La (Make Me Happy) (169)
  46. Steely Dan – Barrytown (202)
  47. Jeff Beck – Hi Ho Silver Lining (207)
  48. Donald Fagen – The Nightfly (208)
  49. Edwin Astley – The Baron Theme (220)
  50. Elton John – Song For Guy (229)
  51. The Shangri-Las – Leader Of The Pack (229)
  52. Jan & Dean – Dead Man’s Curve (229)
  53. Twinkle – Terry (229)
  54. Ray Peterson/Ricky Valance/Albert West – Tell Laura I Love Her (229)
  55. Madness – One Step Beyond (230)
  56. The Rolling Stones – You Can’t Always Get What You Want (230)
  57. Bob Marley – One Love (231)
  58. Jimmy Cliff – Many Rivers To Cross (231)
  59. Aretha Franklin – Angel (231)
  60. Gladys Knight – You’re The Best Thing That’s Ever Happened To Me (231)
  61. Art Garfunkel – Bright Eyes (258)
  62. [VERMUTUNG] Simply Red – Your Eyes (258) ???
  63. [VERMUTUNG] Peter Gabriel – In Your Eyes (258)
  64. Dusty Springfield – The Look Of Love (268)
  65. Emmylou Harris – Boulder To Bermingham (282)
  66. Paul McCartney – Let It Be (Liveaid) (284)
  67. Flying Burrito Brothers – Sin City (302)
  68. Aretha Franklin – Respect (303)
  69. America – A Horse With No Name (303)
  70. The Playmates – Beep Beep (303)
  71. Boney M – Ma Baker (303)
  72. Charlie Drake – My Boomerang Won’t Come Back (303)
  73. Elvis Presley – Baby, Let’s Play House (304)
  74. Aretha Franklin – Think (304)
  75. Kingsmen – Louie, Louie (304)
  76. Prince – Little Red Corvette (304)
  77. Bob Marley – Stir It Up (304)
  78. Aretha Franklin – Angel (304)
  79. James Brown – Papa’s Got A Brand New Bag (304)
  80. Sly & The Family Stone – A Family Affair (305)
  81. Marvin Gaye – Let’s Get It On (306)
  82. Aretha Franklin – This Is The House That Jack Built (306)
  83. Chuck Berry – Back In The USA (306)
  84. The Clash – (White Man) In Hammersmith Palais (306)
  85. Al Green – I’m So Tired Of Being Alone (306)

Hinzu kommt eine noch wesentlich umfangreichere Zahl von Namensnennungen einzelner Künstler, denen kein spezifischer Song zugeordnet ist. Das reicht von bekannten Namen wie Madness, Bob Dylan, den Beatles und Cat Stevens bis hin zum Soundtrack des Tarantino-Klassikers „Reservoir Dogs“.

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WeltenBlog: So long, Lemmy!

R.I.P. Ian Fraser „Lemmy“ Kilmister, 1945 – 2015


Lemmy Kilmister ist nicht mehr. Was das bedeutet, verstehen nur die, die was mit härterer Gitarrenmusik anfangen können. Wobei auch viele von „uns“, denn ich zähle mich auch dazu, nach wie vor nicht das wahre Ausmaß des Ablebens des Motörhead-Frontmannes ermessen können. Glaube ich. Ein Nachruf ist untenstehender Text nicht. Er ist eine Geschichte. Die Geschichte von Motörhead und mir.


Born to lose, lived to win.

Von Motörhead-Seite kam auf Facebook im Zuge der Nachricht zum Tod von Lemmy, die wohl so ziemlich jeden Fan am falschen Fuß erwischt hat, quasi ein „Auftrag“: Jeder, der kann und will, soll Geschichten teilen und erzählen. Dem wurde zigtausendfach nachgekommen, unter anderem von vielen, vielen Musikern und anderen Weggefährten. Könnte es auch einen besseren Weg geben, das Leben des letzten echten Rockers zu feiern? Nein. Und auch ich möchte meine Motörhead-Geschichte, die irgendwann Mitte der 1990er begann, niederschreiben…

„Ace Of Spades“ und die Folgen.

Ich, damals in den 1990ern zunächst Guns n‘ Roses-, dann Grunge-Fan, hatte bei einem Freund auf irgendeinem Sampler („Rock Set“ oder so) erstmalig „Ace Of Spades“ (also den Song) gehört. Das war etwas komplett Neues für mich und vor allem dieser hmm… sehr „spezielle“ Gesang hat sich sehr stark in mein Gedächtnis eingeprägt. Motörhead hieß die Band, von der ich unbedingt mehr hören musste. Ein paar Wochen später war genügend Taschengeld gespart, ich bin zu irgendeinem Elektro-Discounter gestürmt und wollte unbedingt ein Motörhead-Album. „Ace Of Spades“ (1980) sollte es sein, gab es aber nicht, wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht. Beim damals (vermutlich) aktuellen „Sacrifice“ (1995) hatte ich Angst, was meine Eltern zum Cover sagen würden (ja, wirklich!) und „No Sleep ‚til Hammersmith“ (1981) wollte ich nicht, weil ich damals irgendwie nicht glaubte, dass Live-Alben überhaupt was können. Daher musste es „Iron Fist“ (1982) sein, ich glaube, weitere Alben gab es dort nicht. Im Nachhinein betrachtet hätte es schlimmer kommen können, z. B. mit „Rock ’n‘ Roll“ (1987). Aber so richtig gepackt haben mich Motörhead im Allgemeinen und „Iron Fist“ im Speziellen dann auch nicht. Klar, der Titeltrack war über jeden Zweifel erhaben und auch „Heart of Stone“, „Speedfreak“ und „(Don’t Need) Religion“ waren super – der Rest ist mir allerdings nicht in Erinnerung geblieben und ich könnte heute, wenn ich nur die Titel der Songs lese, nicht sagen, wie sie klingen.

Im Laufe der Zeit – es juckte immer noch irgendwo ein bisschen – besorgte ich mir dann zwei Klassiker: „Overkill“ (1979) und „Ace Of Spades“ (1980). Das waren schon ganz andere Nummern, aber auch hier war ich (gefühlt) noch mehrere Jahre skeptisch und konnte mich nicht dazu durchringen, mich so richtig reinzuhören – die ganz große Begeisterung wollte sich einfach nie einstellen. Ich kann nicht mal sagen, warum das so war, vor allem aus heutiger Sicht kommt mir das ausgesprochen merkwürdig vor. Meine Vermutung ist, dass ich damals gerade den Übergang vom Grunge (Nirvana) und Sleaze (Gn’R) hin zum Metal (Metallica, Manowar) vollzog. Motörhead waren irgendwo dazwischen und das ging einfach nicht gut – ich wollte anscheinend entweder das eine oder das andere Extrem, aber nicht den „Bastard“ (höhö… „Bastard“… ein Schenkelklopfer).

Erst die Jahrtausendwende brachte passenderweise auch meine persönliche Motörhead-Wende. Im Jahr 2000 erschien „We Are Motörhead“. Grundsätzlich kein besonders tolles Album, auch in der Retrospektive und aus Fan-Sicht nicht. Aber: Ich hörte den Titeltrack damals eher zufällig in meinem Stammlokal. Vorher hatte ich jahrelang nicht bewusst Motörhead gehört, ja, zwischendurch immer mal wieder, aber nie so richtig. Und dann kam diese Nummer aus den Boxen, ich war angetrunken und horchte – ich weiß nicht wieso – auf. Und da war es, das Gefühl, das jeder kennt, dem sich eine Band, ein Song, ein Album, kurz: Musik, plötzlich erschließt.

„We are Motörhead and we don’t have no class“ – Wen(n) Sätze prägen.

Es ist schon unglaublich. Es ist jetzt 15 Jahre her, ich hatte getrunken und ich erinnere mich – um ein Klischee zu bedienen – „als ob es gestern gewesen wäre“ daran, dass es genau diese Textzeile war, die mit „we don’t have no class“ alles sagt, was notwendig ist. Nur 2:22 Minuten dauert „We Are Motörhead“ – und genau diese Worte weckten mich sozusagen auf. Aber warum? Passten sie zu meinem damaligen Lebensgefühl? Passten sie in die Zeit? Ich kann es nicht mehr nachvollziehen, weiß nur noch, dass es so war. Als ich daheim war, musste ich sofort „Overkill“ auflegen. Und siehe da, es hatte nicht nur mit „We Are Motörhead“ gefunkt, auch diese Stücke auf diesem Album klangen plötzlich ganz anders und ich musste zuerst den Titeltrack, dann „Capricorn“ immer und immer wieder „repeaten“.

Nach und nach kaufte ich dann weitere Alben, manche fand ich besser (z. B. „Inferno“ (2004), „Orgasmatron“ (1986)), manche schlechter (z. B. „Overnight Sensation“ (1996), „Aftershock“ (2013)). Oft war vieles „business as usual“, also genau das, was Unwissende Motörhead sowieso immer vorwarfen. Mir kam es aber eigentlich nie so vor, vor allem, nachdem ich begonnen hatte, mich näher mit den Texten zu befassen, die auch dann, wenn das Songwriting nicht so toll war, zeigten, was Lemmy auf dem Kasten hatte. Nicht immer, aber sehr oft. Manches war aber auch sehr überraschend, vor allem, die Entdeckung unsterblicher Lemmy-Balladen war mir ein Fest: Zuerst „I Ain’t No Nice Guy“, jenes Stück, in dem Lemmy gemeinsame Sache mit Ozzy Osbourne und Slash macht, danach „1916“, die noch vor „One“ von Metallica beste Anti-Kriegs-Nummer überhaupt und gleichzeitig wohl untypischstes Motörhead-Stück ever.

Froh bin ich, dass nicht „Aftershock“ sondern „Bad Magic“ (2015) das finale Album dieser großartigen Band darstellt. Ja, es ist auch keine Großtat, wie man es früher von Motörhead kannte, aber es ist definitiv das bessere Vermächtnis.

Interviews mit Lemmy hatte ich immer gerne gelesen (ich war seit Ende der 1990er Metal Hammer-Abonnent), im YouTube-Zeitalter wurde es dann sogar noch besser – da merkte ich erst, was durch die Übersetzung immer verloren ging. Lemmy sprechen zu hören war ebenfalls eine Offenbarung – der Mann hatte einfach immer was zu sagen. Er wirkte wie ein ungehobelter Rocker – Whiskey in der einen Hand, Zigarette in der anderen, die Stimme, all das. Zuerst. Doch was er dann sagte, praktisch jedes einzelne Wort, hatte Hand und Fuß. Und das ist bis zum Schluss so geblieben, zumindest soweit ich das beurteilen kann.

No sleep ‚til … – Motörhead live.

Ich bin glücklich, was meine Konzerterfahrungen betrifft. Denn: Ich durfte Motörhead live sehen, etwas das vielen Menschen vergönnt war, vielen Unglücklichen aber auch nicht. Einziger Wermutstropfen: Meine Motörhead-Gigs waren auf Festivals beschränkt – auf Headliner-Tour in einer kleinen Halle habe ich die Band nicht gesehen. Leider.

Dreimal war ich am Start. Erstmals 2004, damals beim Aerodrome-Festival bei Wiener Neustadt (gleichzeitig mein zweites Festival überhaupt). Es wäre gelogen, wenn ich jetzt von einem magischen Moment sprechen würde – ich weiß noch, dass es gut war, ich erinnere mich, dass die Bühne für die drei Mann, die darauf standen viel zu groß war (das fiel insbesondere auf, weil danach Slipknot zu neunt ein ganz anderes Bild abgaben). Die Show hat mir gefallen, das weiß ich. Aber: Es ist verdammt lang her und ich hatte damals dieses Mädchen kennengelernt, genau dieses Mädchen, mit dem ich jetzt, mehr als elf Jahre später immer noch zusammen bin. Darauf war ich fokussiert. Und, so ehrlich muss ich auch sein, ich glaube, dass vieles von dem, was damals auf der Bühne geschah (das betrifft nicht nur Motörhead), in einen alkoholbedingten Nebel der Vergessenheit geraten ist.

Die zweite Show war ein paar Jahre später (2007) beim Metalcamp-Festival in Tolmin/Slowenien (mittlerweile: MetalDays). Hier kann ich nur Positives berichten – die Band war super drauf, die Setlist war geil, der Sound war toll – rundum gelungen und tatsächlich eine Art magischer Moment, weil schon damals die Erinnerung an das erste Motörhead-Erlebnis verblasst war, ich die Band in den Jahren dazwischen aber noch mehr zu lieben gelernt hatte. Und so vernahm ich 2007 erstmals bewusst die großen und großartigen Worte: „We are Motörhead and we play Rock n‘ Roll!“, gefolgt von meinem Lieblings-Opener, „Dr. Rock“.

Das letzte live-Erlebnis mit Motörhead führt mich (von Österreich aus gesehen) weit in den Norden, nach Wacken, ins Jahr 2014. Ein Jahr zuvor war ich nicht am Wacken Open Air, allerdings hätte ich Motörhead 2013 beim See Rock-Festival (Steiermark/Österreich) sehen sollen. Einen Tag vor diesem Auftritt wurde die Show abgesagt (Ersatz: Alkbottle). Und damit begann das lange Leiden von Lemmy – und seiner Fans (man kann sich im Übrigen nicht sicher sein, wer mehr litt). Wacken 2013 stand die Band ja auf der Bühne, aber nur für eine halbe Stunde, zu schlecht ging es dem Frontmann. Das Versprechen, 2014 zum W:O:A zurückzukehren, konnten Motörhead jedoch einlösen. Und ich war vor Ort und sah eine Show, die gekennzeichnet war von einem – leider – sehr kranken Lemmy Kilmister. Allzu nahe möchte ich das jetzt nicht ausführen, es reicht zu sagen, dass dieser Gig nichts mit der energiegeladenen, tollen Show von 2007 zu tun hatte. Es war gut, Motörhead damals auf der Bühne zu sehen, aber es war maximal ein mittelprächtiges Konzert. Im Nachhinein könnte ich im Übrigen heulen, wenn ich an das Schild denke, das im Publikum hochgehalten wurde: „Lemmy please don’t die!“ stand darauf.

Motörhead for life – bis zum Schluss.

Der Wille von Lemmy, weiterzumachen, war offenbar trotz allem unbändig. Ich weiß, dass danach immer wieder Konzerte abgebrochen oder abgesagt werden mussten, dazu gibt es auch herzzereißende Videos auf YouTube, die ich mir besser nie angesehen hätte. Das rate ich auch keinem, daher werde ich hier nichts verlinken. Tatsächlich war man in den vergangenen Jahren und Monaten ständig irgendwie in Sorge, dass es bald zu Ende sein würde. Vorstellen konnte ich mir nicht, dass Lemmy seine legendären weißen Stiefel einfach so an den Nagel hängen würde. Das war ein Gedanke, der einfach nicht existent war.

Das ist wohl auch ein Grund, warum man so betroffen ist – bis vor wenigen Jahren herrschte das Gefühl vor, Lemmy wäre unkaputtbar, unsterblich. Ein Mann, der weit jenseits der 60 noch einem Lebensstil frönte, der andere bereits mit 30 ins Grab gebracht hätte und hat. Danach wurde er krank und der Mythos verlor einen Teil seiner Unverletzlichkeit. Dass er tatsächlich und wahrhaftig irgendwann gehen müsste, musste man nun akzeptieren. Ich weiß nicht, ob ich es sagen soll und ob es dem entspricht, was er sich gewünscht hätte… aber ich hätte ihm den Tod auf der Bühne gegönnt. Ich weiß nicht, was das bei den Fans und seinen Bandmitgliedern bewirkt hätte, aber ich denke, das wäre der einzig mögliche und passende Abgang gewesen. Oder, besser gesagt: Ein Abgang, der leichter zu verstehen gewesen wäre als dieser plötzliche, trotz allem unerwartete Tod wenige Tage nach seinem 70. Geburtstag.

Und mehr gibt es zu meiner Motörhead-„Karriere“ nicht zu sagen. Außer, dass ich Lemmy nicht kannte, ihn nie getroffen habe, das aber nur ein bisschen bedaure – ich hätte eh nicht gewusst, was ich zu ihm hätte sagen sollen und auf ein einfaches „Danke für alles“, den einzigen Satz, der vermutlich Sinn gemacht hätte, wäre ich wohl nicht gekommen. Von daher vielleicht besser so.

„He was Lemmy and he played Rock n‘ Roll!“


PS: Wenn von Todesfällen im Motörhead-Lager gesprochen wird, sollte man auch die ehemaligen Lemmy-Weggefährten Michael „Würzel“ Burston (g, † 2011) und Phil „Philthy Animal“ Taylor (d, † 2015) nicht vergessen. Vor allem der Tod von Taylor, fast 10 Jahre jünger als Lemmy selbst, schien dem Motörhead-Fronter sehr nahe zu gehen, soweit man das in den Social Media mitbekommen hat.



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