MusikWelt: Plague Angel

Marduk


Relativ lange war die Besetzung der schwedischen Black Metaller Marduk stabil. Bis zum Album „World Funeral“ (2003), auf dem Langzeit-Drummer Fredrick Andersson durch Emil Dragutinović ersetzt wurde, gab es kaum Personalrochaden, wenn man von den üblichen Anfangsschwierigkeiten absieht. Kurz nach jenem Album sollte es aber knüppeldick kommen: Bassist Roger „B. War“ Svensson verließ die Band, nachdem kurz vor ihm bereits Sänger Erik „Legion“ Hagstedt seinen Ausstieg erklärt hatte. Gerade der extrovertierte Schreihals bot ja reichlich Diskussionsstoff – entsprechend gespannt durfte man sein, wie Marduk auf nach dessen Abgang klingen würden. 

Gesamteindruck: 4/7 3/7


Schnellschuss.


*** UPDATE (15. Jänner 2019) ***

Ursprünglich hatte ich dieses Album mit einem Gesamteindruck von 4/7 bewertet. Nach weiteren Durchgängen und Vergleichen mit anderen Platten der Band erscheint mir diese Wertung zu hoch, sodass ich auf 3/7 abwerten muss.


Dass „Plague Angel“ so knapp nach „World Funeral“ erschienen ist, wirkt retrospektiv wie ein Zugeständnis an den personellen Neustart. Bandchef Morgan „Evil“ Håkansson holte für die 2004er-LP zunächst einen alten Bekannten zurück an die Front: Devo Andersson. Der „neue“ Mann am Viersaiter war bereits auf den Alben „Dark Endless“ (1992) und „Those of the Unlight“ (1993) zu hören – damals allerdings als Gitarrist. Für diese Personalentscheidung mag auch eine Rolle gespielt haben, dass man bei den Aufnahmen zu „Plague Angel“ nicht mehr auf die Tägtgren-Brüder und deren Abyss-Tonschmiede vertraute, sondern ins weitgehend unbekannte Endarker Studio wechselte, wo eben jener Devo Andersson als Produzent werkelt.

Was die Gründe für den Ausstieg von Legion waren, ist bis heute Gegenstand zahlreicher Spekulationen. Fakt ist jedenfalls, dass mit Daniel „Mortuus“ Rostén ein Mann das Mikro übernahm, der sich grundlegend von seinem Vorgänger unterscheidet. Einerseits auf der Bühne, wo der quasi-Rockstar Legion, der seine gute Laune nur schwer zu verbergen wusste, durch einen finsteren, unnahbaren Gesellen ersetzt wurde, der die Kommunikation mit dem Publikum auf ein Minimum beschränkt. Andererseits ist der stilistische Unterschied nicht zu verleugnen: Während sich Legion mit aggressiver Reibeisenstimme durch die Songs brüllte, klingt Mortuus als würde er seinen Hass auf die Menschheit mühsam unterdrücken. Er scheint sich regelrecht durch die finsteren Lyrics zu quälen, würgt und spuckt seine Verwünschungen mit gepresster, heiserer Stimme hervor. All das steht Marduk und ihrer Definition des Black Metal meines Erachtens besser zu Gesicht, macht aber gleichzeitig alle Platten mit Mortuus – und das sind zum Zeitpunkt dieser Rezension immerhin 6 der bisher erschienen 14 Studioalben – deutlich unzugänglicher, als es mit Legion der Fall war.

Kein Höhepunkt der Marduk-Diskographie.

Dass der neue Fronter dennoch einen schweren Start beim Publikum hatte, ist meines Erachtens nicht nur dem mächtigen Schatten seines Vorgängers geschuldet. Ein Teil der Problematik liegt in der songwriterischen Güte von „Plague Angel“. Ich empfinde dieses Album überwiegend als anstrengend, was sich auch daran zeigt, dass ich nach den ersten zwei oder drei Durchgängen beim Blick auf die Tracklist überrascht war: 4 von 11 Songs dauern weniger als 3 Minuten, das ganze Album ist in 45 Minuten vorbei. Mir kamen sowohl die einzelnen Tracks als auch die gesamte Scheibe wesentlich länger vor. Das ist nie ein gutes Zeichen und erinnert ungut an „Panzer Division Marduk“ (1999). Übrigens ist „Plague Angel“ insgesamt ähnlich rasant ausgefallen, glücklicherweise aber nicht durchgängig.

Das Gefühl, dass Marduk diesen Schnellschuss nur veröffentlicht haben, um möglichst rasch mit Post-Legion-Material auf Tour gehen zu können, ist allgegenwärtig. Es gibt wenige Ausnahmen, die aus dem Blastbeat-Inferno, das die Truppe einmal mehr präsentiert, hervorstechen. Genannt sei „Life’s Emblem“, in dem es lyrisch einen Dialog zwischen einem Mann und dem Tod gibt. Diese erzählerische Komponente und wie sie von Sänger Mortuus umgesetzt wird („Why now? Why me?“), gefällt mir ganz ausgezeichnet. Auch ist die Nummer musikalisch sehr gelungen, speziell der Übergang im Mittelteil hat es in sich und hebt „Life’s Emblem“ trotz insgesamt hoher Geschwindigkeit angenehm vom üblichen Dauergeprügel ab. Mein persönlicher Favorit ist aber das schleppende „Perish In Flames“, das einmal mehr zeigt, wie ausgefeilt und gut Marduk klingen können, wenn sie den Fuß vom Gaspedal nehmen. Von den ganz schnellen Nummern überzeugen mich eigentlich nur zwei: „Everything Bleeds“, das nach vorne marschiert, als gäbe es kein Morgen, dabei aber relativ zugänglich und wiedererkennbar bleibt. Und dann noch „Throne of Rats“, das in 2:43 Minuten alles sagt, was es zu sagen gibt.

Die übrigen Nummern sind in meinen Ohren Stangenware. Egal ob „The Hangman of Prague“, „Steel Inferno“, „Warschau“ oder sonst ein Song – alles fühlt sich wie zigfach gehört an und geht im Wust der ähnlich klingenden Marduk-Veröffentlichungen unter. Leider gilt das auch für die Atempausen „Seven Angels, Seven Trumpets“, das aber immerhin mit groteskem Gesang überzeugt und „Deathmarch“. Ja, alles nett, aber mehr auch nicht.

So richtig will der Funke jedenfalls nicht überspringen, als Ganzes klingt die Platte bieder und nicht zu Ende gedacht. Neben diesen Unzulänglichkeiten ist auch schade, dass die Klasse von Mortuus aufgrund der merkwürdigen Produktion nicht zur Geltung kommt. Die Vocals stehen für mein Dafürhalten viel zu sehr im Hintergrund – fast so, als hätte man nicht allzu viel Vertrauen in den Neuen gehabt. Leider sind auch die Instrumente nicht optimal abgemischt, der Gesamteindruck ist zwar brutal aber blechern, wenn man das so beschreiben möchte. Schade, denn all das macht „Plague Angel“ ohne einen einzigen Totalausfall zu einer der schwächsten Platten der Marduk-Diskographie.


Track – Titel – Länge – Wertung

metal-archives.com

  1. The Hangman of Prague – 3:05 – 3/7
  2. Throne of Rats – 2:43 – 5/7
  3. Seven Angels, Seven Trumpets – 2:48 – 4/7
  4. Life’s Emblem – 4:55 – 6/7
  5. Steel Inferno – 2:24 – 3/7
  6. Perish in Flames – 7:46 – 6/7
  7. Holy Blood, Holy Grail – 2:28 – 3/7
  8. Warschau – 3:18 – 4/7
  9. Deathmarch – 4:10 – 4/7
  10. Everything Bleeds – 3:34 – 5/7
  11. Blutrache – 7:50 – 3/7

Gesamteindruck: 4/7 3/7 


Marduk auf “Plague Angel” (2004):

  • Mortuus – Vocals
  • Evil – Guitar
  • Devo – Bass
  • Emil Dragutinović – Drums

Anspieltipp: Perish in Flames

 

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MusikWelt: World Funeral

Marduk


Stilistisch ist „World Funeral“ ein Hybrid aus seinen unmittelbaren Vorgängern. Heißt: Es gibt Tracks in der unbändigen Extremität von „Panzer Division Marduk“ (1999), gleichzeitig scheuen sich Marduk nicht, das Tempo herauszunehmen. Was auf „La Grande Danse Macabre“ (2001) jedoch am gnadenlos schwachen Songwriting scheiterte und jene Platte zu einer der schwächsten und anstrengendsten des Backkataloges der Norrköpinger macht, funktioniert auf dem 2003er Nachfolger wesentlich besser. Die logische Konsequenz: „World Funeral“ ist einer der besten und abwechslungsreichsten Longplayer aus dem Hause Marduk

Gesamteindruck: 6/7


Das bessere Todes-Konzept.

Es gibt ja Rezensenten, die „La Grande Danse Macabre“ für das Werk von Marduk halten, das am ehesten Hörerschichten außerhalb der Black Metal-Gemeind ansprechen könnte. Wollte ich einen Metal-Normalo bei den Schweden an Bord holen, würde ich hingegen „World Funeral“ auflegen. Ich empfinde dieses Album, das irgendwo in der Schnittmenge aus Black, Heavy und Doom liegt, als verhältnismäßig eingängig und leicht zu erschließen.

Dabei beginnt der achte Longplayer der Band um Gitarrist Morgan Steinmeyer Håkansson gewohnt aggressiv: „With Satan And Victorious Weapons“ könnte so auch auf „Panzer Division Marduk“ stehen. Bemerkenswert ist an diesem Song eigentlich nur der kultige Einstieg, der aus einem Zitat aus dem Film „Der Name der Rose“ (1986), gesprochen vom unvergessenen Helmut Qualtinger, besteht. Festhalten kann man nach den ersten Tönen auch, dass die Produktion deutlich kräftiger ausgefallen ist, als auf „Panzer Division Marduk“. Das war aber auch schon auf „La Grande Danse Macabre“ der Fall, sodass alles andere eine Überraschung gewesen wäre. Wie auch immer – dieser Track ist, wie auch „Blessed Unholy“ gegen Ende des Albums – wenig geeignet, um die Klischees um Marduk (Nur Highspeed! Nur Krieg! Nur Satan!) zu entkräften.

Nicht immer trve, dafür aber gut.

Der Rest von „World Funeral“ könnte dem geneigten Entdeckungsreisenden in Sachen Black Metal hingegen sehr wohl zusagen. Als Einstieg bietet sich vielleicht der Titeltrack an: „World Funeral“ hämmert sehr aggressiv aus den Boxen, spart aber auch nicht mit Melodie und hat einen gut mitsingbaren Refrain mit hohem Wiedererkennungswert. Sicher nicht das, was die Szenepolizei (die ohnehin niemand braucht) goutieren dürfte und auch kein Ausbund an Komplexität – aber was soll’s, das ist einfach ein gutes, erdiges Stück harter Musik. Und weil wir gerade von den selbsternannten Sittenwächtern sprechen: Denen dürfte bei „Castrum Doloris“ auch der letzte Kalk aus der Fresse fallen. Langsame Heavy Metal-Riffs werden durchgehend (!) von einem merkwürdig leiernden, fast schon mit Sprechgesang arbeitenden Legion überlagert. Mit unheiligem Schwarzmetall hat das praktisch nichts mehr zu tun, geht aber ausgezeichnet ins Ohr. Ob Marduk das „dürfen“ sei dahingestellt – mir selbst gefällt die Nummer, auch wenn sie untrve AF ist.

Für mich persönlich noch besser, weil dann doch etwas schwärzer, ist „Bleached Bones“, eine düstere Nummer in schleppendem Midtempo. Mithin genau das, was ich selbst am liebsten von Marduk höre und was sie – wie man nicht oft genug betonen kann – auch am besten können. Am überraschendsten dürfte auf „World Funeral“ neben dem bereits genannten „Castrum Doloris“ wohl der epische Instrumentalpart sein, mit dem die zweite Hälfte „Night of the Long Knives“ eröffnet wird. Hätte ich so überhaupt nicht von Marduk erwartet. Ausgezeichnet gemacht und ein weiterer Beweis dafür, dass die landläufige Meinung, die Schweden würden sich nur im Uptempo-Bereich wohlfühlen, Blödsinn ist. Wobei nicht unerwähnt bleiben darf, dass zwei der schnellen Nummern auf „World Funeral“ durchaus funktionieren: „Cloven Hoof“ ist kurz, knackig und perfekt auf den Punkt gespielt und auch „Hearse“, neben dem Titeltrack die zweite Auskoppelung, gefällt mir durchaus.

Noch nicht erwähnt habe ich den einzigen Totalausfall auf „World Funeral“. „To the Death’s Head True“ ist langsam und schleppend, was ja grundsätzlich kein Fehler sein muss. Allerdings leidet dieses Lied für meinen Geschmack unter dem „La Grande Danse Macabre“-Syndrom: Ermüdend, anstrengend, uninspiriert. Kommt mir wie ein Überbleibsel aus jenen Songwriting-Sessions vor und holt mich überhaupt nicht ab. Schade drum – wenn man eine derart gelagerte Nummer von Marduk hören mag, fährt man mit dem Titeltrack von „La Grande Danse Macabre“ definitiv besser. Oder man skippt auf vorliegendem Album zu „Bloodletting“. Beide Songs sind um Welten stärker als „To the Death’s Head True“.

Ein neuer Mann.

Personell markiert „World Funeral“ den Einstieg von Drummer Emil Dragutinović. Viele Hörer ziehen den Neuen an der Schießbude seinem Langzeit-Vorgänger Fredrik Andersson (1993-2002 in Diensten von Marduk) vor. Ich vermag den Unterschied nicht so richtig herauszuhören. Ja, Dragutinović kann mehr als nur Blastbeats. Dass das so zur Geltung kommt, liegt meines Erachtens aber vor allem am veränderten Songwriting. Die weiteren Positionen sind unverändert, heißt, dass zum vierten Mal in Folge Legion hinter dem Mikrofon steht. Dessen Vocals stehen stark im Vordergrund von „World Funeral“ und sind sehr gut hörbar, von Müdigkeit o.ä. Schwächen kann ich nichts hören. Der extrovertierte Schreihals ist auf diesem Album sogar noch abwechslungsreicher unterwegs als bisher, nachzuhören z.B. in „Bleached Bones“.

Viel gibt es an „World Funeral“ meines Erachtens so oder so nicht auszusetzen, einer sehr guten Bewertung steht daher nichts im Wege. Letztlich ist es sogar so, dass der Tod als Teil der Marduk’schen Dreifaltigkeit des Black Metal – Blut, Krieg und Tod – durch „World Funeral“ wesentlich eindrucksvoller und passender repräsentiert wird als auf dem uninspirierten Vorgänger (der ja das Finale einer losen Trilogie war).


Track – Titel – Länge – Wertung

metal-archives.com

  1. With Satan and Victorious Weapons – 3:51 – 4/7
  2. Bleached Bones – 5:20 – 7/7
  3. Cloven Hoof – 3:26 – 5/7
  4. World Funeral – 3:31 – 7/7
  5. To the Death’s Head True – 3:58 – 2/7
  6. Castrum Doloris – 3:34 – 6/7
  7. Hearse – 4:54 – 5/7
  8. Night of the Long Knives – 5:31 – 6/7
  9. Bloodletting – 5:49 – 6/7
  10. Blessed Unholy – 5:02 – 4/7
  11. Blackcrowned – 2:18 – 5/7

Gesamteindruck: 6/7 


Marduk auf “World Funeral” (2003):

  • Legion – Vocals
  • Morgan Steinmeyer Håkansson – Guitar
  • B. War – Bass
  • Emil Dragutinović – Drums

Anspieltipp: Bleached Bones

 

SpielWelt: Beholder

Auf den ersten Blick mag die Grafik von „Beholder“ suggerieren, dass wir es hier mit einem netten, lustigen Spielchen zu tun haben. Davon sollte man sich nicht täuschen lassen – der Spionage-Simulator des russischen (!) Entwicklers Warm Lamp Games ist überraschend humorlos und düster ausgefallen. Die Handlung ist durchgängig brutal und der Spieler muss nicht nur äußerst fragwürdige Entscheidungen treffen, sondern auch deren unerfreuliche Konsequenzen tragen.

Gesamteindruck: 4/7


SimBlockwart.

Den Untertitel von „Jede Entscheidung hat Konsequenzen“ kann man sich also getrost zu Herzen nehmen, wenn man sich an „Beholder“ versucht. Bis man einen der – je nachdem, wie man sich in verschiedenen Situationen verhält – unterschiedlichen Abspänne sieht, steht man ständig vor einem moralischen Dilemma: Soll man den Staat unterstützen oder doch lieber ein Mensch bleiben und auch so handeln? Oder soll man versuchen, zwischen verschiedenen Interessen abzuwägen und so neutral wie möglich zu bleiben? Oder ist man sich überhaupt nur selbst der Nächste?

Die Handlung in Kurzfassung
In einem totalitären Überwachungsstaat soll der Spieler in der Rolle des Hausmeisters Karl Stein für das System arbeiten. Das bedeutet: Mieter ausspionieren, Profile über ihre Eigenarten erstellen, kleine und größere Vergehen den Behörden melden und immer auf Abruf sein, falls das Telefon läutet und eine Spezialaufgabe hereinkommt. Doch ganz so einfach ist das nicht – im Staate regt sich Widerstand und (nicht nur) das stellt den Spieler immer wieder vor unangenehme Entscheidungen.  

Im ersten Moment mag das alles wenig spektakulär klingen. Die große Stärke von „Beholder“ ist es jedoch, gleich zu Anfang eine unglaublich bedrückende Stimmung zu erzeugen. Denn obwohl alle Charaktere grafisch nur als Silhouetten angedeutet werden, entwickelt man sehr schnell Gefühle für sie – sowohl positive als auch negative. Stellenweise wird das regelrecht unangenehm – mir selbst ging es beispielsweise so, als das kleine Töchterchen des Spielercharakters krank wird und man dringend Geld für Medikamente auftreiben muss. Ohne bereits liebgewonnene Nachbarn zu erpressen oder Repressalien durch den Staat auszuliefern, ist das kaum möglich – wenn dann die Polizei kommt und eine andere Familie unter Gewaltanwendung abholt, ist man tatsächlich von Schuldgefühlen geplagt. Aber auch die Alternative lässt den Spieler ziemlich bedrückt zurück: Die Tochter stirbt und sofort ertappt man sich dabei, wie einem plötzlich alles egal ist und man beginnt, die gesammelten Beweise über die Mieter, die einem nicht helfen konnten oder wollten, direkt an die Staatsmacht zu übermitteln. Mit allen unerfreulichen Konsequenzen.

Man sieht es schon: „Beholder“ ist ein ausgesprochen düsteres Spiel und kitzelt den Spieler teilweise an Stellen, die man von sich selber gar nicht so kennt. Dass das so intensive Gefühle auslöst, hängt wohl auch mit dem Szenario zusammen, das alles andere als unrealistisch ist. „1984“ lässt grüßen. Ja, man kann auch in anderen Spielen der Schurke sein – aber so, wie es in „Beholder“ läuft, muss man sich fragen, ob man nicht wirklich ein Karl Stein wäre, wenn man in einem solchen Staat leben würde. Und wie man sich entscheiden würde… Kurz: Selten habe ich ein Spiel gespielt, bei dem ich derart düstere Gefühle mir selbst gegenüber gehegt habe.

Ein Wort zu den „Äußerlichkeiten“: Die Grafik habe ich schon erwähnt – Silhouetten, ganz in Schwarz mit kleinen, weißen Unterscheidungsmerkmalen, agieren vor einem detaillierten und liebevoll gezeichneten Hintergrund. Dieser ist entsprechend des Szenarios trist und trostlos ausgefallen, was natürlich wie die Faust auf’s Auge passt. Das ganze Spiel spielt sich übrigens auf einem einzigen Bildschirm ab. Sehr passend auch die akustische Untermalung, die unaufdringlich im Hintergrund bleibt. Viele Geräusche usw. sind übrigens erst beim Reinzoomen zu hören – macht man das, gibt das ein weiteres Plus für die Atmosphäre, dafür ein großes Minus bei der Übersichtlichkeit. Denn wer nicht sieht, was ein Mieter gerade macht, wird schnell beim Spionieren erwischt.

Stellenweise wird’s hektisch.

Leider kann die starke Atmosphäre die Schwächen von „Beholder“ nicht ganz überdecken. Zunächst wäre da eine gewisse Hektik, die im Spiel immer wieder ausbricht, vor allem, wenn viele Wohnungen vermietet sind. Diverse Aufgaben sind unter Zeitdruck zu lösen, was für eine steile Lernkurve und entsprechend Frust sorgt. Da kann es schon mal vorkommen, dass man seine Mission nicht erfüllen kann, weil man – im Glauben, die angezeigte Zeit würde reichen – etwas zu lange gewartet hat und der entsprechende NPC gerade beim Einkaufen ist. Eine Pause-Funktion gibt es zwar, die unterbricht das Spiel aber komplett und nicht nur zum Ausführen einer zeitraubenden, weil fummeligen Tätigkeit. Noch dazu werden einige grundlegende Fähigkeiten nur rudimentär oder gar nicht im Tutorial erklärt und man muss sich selbst helfen. Das ist ärgerlich und sorgt am Anfang immer wieder dafür, dass man das Spiel von vorne beginnen muss, auch, weil freies Speichern nicht möglich ist. Hier empfiehlt es sich tatsächlich, vorab grundlegende Tipps zum Spiel im Internet zu suchen – das hier hat mir z.B. sehr geholfen.

A pro pos „freies Speichern“: Ich verstehe die Intention dahinter, auf diese Option zu verzichten. So wird einem exzessiven Trial-and-Error-Verfahren durch den Spieler vorgebeugt. Dennoch kann das schwer frustrieren, weil einige Quests einfach ihre Zeit brauchen. Wer vor Abschluss der Aufgabe weg muss und das Spiel beendet, verliert den bis dahin erzielten Fortschritt. Hätte meines Erachtens nicht sein müssen, auch wenn das kein Beinbruch ist.

Zweiter Kritikpunkt: Die großen Emotionen konzentrieren sich vor allem auf die erste Hälfte des Spiels. Trifft man da ein paar falsche Entscheidungen, sind die wichtigsten Bezugspersonen ruck zuck weg und man kann sich nur schwer dazu aufraffen, neue Mieter so kennenzulernen, dass sie einem ans Herz wachsen. Das hat auch damit zu tun, dass die Spioniererei irgendwann repetitiv wird – es sind immer die gleichen Gegenstände, die man bei den Mietern findet, das Aufsetzen von Berichten und Erpresserbriefen läuft redundant ab und die Aufgabenstellungen sind nicht so spannend und abwechslungsreich, dass sie einen länger bei der Stange halten können. Dadurch beginnt man Teile der (oft sehr langen) Dialoge quer zu lesen oder überhaupt im Schnellverfahren durchzuklicken, in der Hoffnung, dass danach eine interessante Aufgabe folgt. Das man so viel von der Geschichte und dem eigentlichen Reiz des Spieles verpasst, liegt auf der Hand.

Niveau: Gut, aber nicht durchgängig.

Letztlich macht das Spiel anfangs sehr viel richtig, kann dieses Niveau aber nicht durchgängig halten. Einigermaßen ausgeglichen wird dieses Manko durch die unterschiedlichen Lösungswege, die es bei nahezu jeder Aufgabe gibt – der Wiederspielwert ist also durchaus da, wenn man denn nochmal Lust dazu hat. Die Inhalte sind übrigens nicht zufallsgeneriert, das bedeutet, dass neue Mieter in jedem Durchgang die gleichen Geschichten erzählen und praktisch in der gleichen Reihenfolge auftreten – nur die Lösung ihrer Probleme kann man variieren. Dabei erfährt man allerdings sehr wenig Unterstützung durch das Spiel, soll heißen: Bei diversen Aufgaben kommt man gar nicht auf die Idee, dass sie auch anders zu lösen wären, weil es darauf keinerlei Hinweis gibt und entsprechendes Feedback fehlt. Das mag letztlich sogar dazu führen, dass einige Spieler gar nicht in den Genuss der unterschiedlichen Ansätze kommen.

Fazit: Ein gutes Spiel, dem ein paar kleiner Schwächen eine höhere Wertung verwehren. Am schwersten wiegt für mich dabei, wie repetitiv das Spiel gegen Ende wird. Wäre das nicht der Fall, hätte es deutlich mehr Punkte geben können.

Gesamteindruck: 4/7


Genre: Adventure, Stragie
Entwickler: Warm Lamp Games
Jahr: 2016
Gespielt auf: PC, Android


SerienWelt: Spuk in Hill House – Staffel 1

Derzeit hat man das Gefühl, dass eigene Ideen ziemlich rar geworden sind. Anders ist die Schwemme an Remakes, Reboots, Pre- und Sequels kaum zu erklären. Auch „Spuk in Hill House“ ist kein neuer Stoff: Die Serie basiert auf dem gleichnamigen Roman (Shirley Jackson, 1959) und wurde bereits zweimal verfilmt (1963 als „Bis das Blut gefriert“ und 1999 als „Das Geisterschloss“). 2018 hat das Material den Sprung auf ein Streaming-Portal und gleichzeitig ins Serien-Format geschafft, was einen moderneren Anstrich und verbesserte Charakterentwicklung zur Folge hat.

Gesamteindruck: 5/7


Viel Drama und ein bisschen Horror.

Kunst ist ja immer auch ein Spiegel ihrer Zeit. Es kann so gesehen durchaus lohnend sein, eine bereits mehrfach erzählte Geschichte an aktuelle Gegebenheiten und Probleme anzupassen. In Bezug auf bewegte Bilder war zu diesem Zweck bis vor wenigen Jahren meist die Kinoleinwand das Mittel der Wahl, in jüngster Zeit wurde dafür die Fortsetzungserie (engl.: serial) (wieder-) entdeckt. Heißt: Die Handlungsstränge sind episodenübergreifend und die einzelnen Folgen bauen aufeinander auf. Der Charakterentwicklung kann damit entsprechend viel Platz eingeräumt werden. Das macht sich „Spuk in Hill House“ zu Nutze und zeichnet einerseits sehr detaillierte Figuren, spielt andererseits mit verschiedenen Zeit- und Handlungsebenen und leistet sich den Luxus, Erklärungen für das Geschehen nicht immer sofort zu liefern.

Inhalt in Kurzfassung
Anfang der 1990er zieht Familie Crain (Vater, Mutter, fünf Kinder) in das „Hill House“ und stellt bald fest, dass es in dem düsteren Anwesen nicht mit rechten Dingen zugeht. Alpträume, merkwürdige Phänomene und Erscheinungen terrorisieren vor allem die Mutter und die jüngeren Kinder, bis es schließlich zur Tragödie kommt. Viele Jahre später bringt das Schicksal die Mitglieder der Familie erneut zusammen und sie müssen sich den Geistern ihrer Vergangenheit (und auch den Dämonen der Gegenwart) stellen.

Unlängst habe ich die erste Staffel der Netflix-Serie „Lost in Space“ (2018) rezensiert. Deren Kernelement ist dem von „Spuk in Hill House“ durchaus ähnlich: eine dysfunktionale Familie, die mehr mit zwischenmenschlichen Problemen zu kämpfen hat, als sich äußeren Einflüssen zu stellen. „Lost in Space“ ist also mehr Drama als Science Fiction. Oder will es sein, wieso das nicht so gut funktioniert, habe ich in meiner Rezension dargelegt. „Spuk in Hill House“ ist – analog dazu – mehr Drama als Horror, macht seine Sache aber ungleich besser. Das liegt vorwiegend an den Charakteren, die ausgezeichnet aufeinander abgestimmt und stets glaubwürdig sind. Entsprechend muss man die Darsteller loben, die den Figuren realistisches Leben einhauchen.

Das dürfte gar nicht so leicht gewesen sein, denn „Spuk in Hill House“ folgt nicht strikt der linearen Erzählform. Es gibt zwei Zeitlinien (1992 und die Gegenwart), die ineinander übergehen und in praktisch allen Episoden quasi-parallel dargestellt werden. Man bekommt also jede Figur als jung und alt präsentiert, entsprechend viel Augenmerk musste Mike Flanagan auf eine vernünftige und nachvollziehbare Entwicklung seiner Charaktere legen. Interessant, wie gut dieser Aspekt der Serie funktioniert – am Ende erhält man tatsächlich ein Gesamtbild, das man auch versteht. Ganz generell muss man das Drehbuch loben, das es sehr geschickt schafft, den Zuseher bei der Stange zu halten. So sind in den Episoden immer wieder Details eingestreut, die man in diesem Moment nicht einordnen kann. Das mag anfangs frustrierend sein, allerdings merkt man schnell, dass es immer eine Aufklärung gibt. Um die eine oder andere Szene zu verstehen, muss man zwar bis zum Staffelfinale warten, all das wurde aber so geschickt und interessant verpackt, dass der Frust schnell weicht und man einfach wissen will, wie es weitergeht.

Ärgerliche Schlussphase.

Leider reicht es trotz dieser Lobeshymnen nicht für ein bessere Bewertung von „Spuk in Hill House“. Denn alles, was ich bis hierhin geschrieben habe, gilt vornehmlich für die ersten sechs bis sieben Episoden dieser ersten Staffel. Zum Schluss hin wird es leider sehr anstrengend und man hat als Zuseher das Gefühl, dass einige Inhalte fast schon mit Gewalt auf das gewünschte Ende hingetrimmt werden mussten. Am meisten stören aber die Dialoge, die zum Finale hin immer länger werden und in denen die Charaktere Dinge zum Besten geben, die in Wirklichkeit niemand so sagen würde. Es wird teilweise so philosophisch und wortgewaltig, wie man es vom berühmt-berüchtigten Architekten in „Matrix Reloaded“ kennt. Und das ist wahrlich kein Kompliment. Denn auch „Spuk in Hill House“ wird dadurch gegen Ende viel anstrengender, als es notwendig gewesen wäre.

Übrigens: Ja, es gibt natürlich Horror in „Spuk in Hill House“. Meist ist das eher im Hintergrund zu beobachten, aber auch der eine oder andere Jumpscare hat es in die Serie geschafft. So richtig zum Fürchten ist das alles aber selten, wer sich also durchgehend gruseln möchte, wird – zumindest mit dieser Staffel – nicht glücklich werden. Ich selbst bin dennoch gespannt, wie es weitergeht – die Geschichte der Familie Crain scheint mit Staffel 1 ja abgeschlossen zu sein.

Gesamteindruck: 5/7


Originaltitel: The Haunting of Hill House
Idee: Mike Flanagan
Land: USA
Jahr: 2018
Episoden: 10
Länge: ca. 60 Minuten
Gesehen auf: Netflix
Haupt-Besetzung (Auswahl): Michiel Huisman, Timothy Hutton, Elizabeth Reaser, Oliver Jackson-Cohen, Kate Siegel, Victoria Pedretti, Carla Gugino, Paxton Singleton, Henry Thomas



 

FilmWelt: Der Hauptmann

Der Gedanke, dass Kleider Leute machen, ist nicht neu und hat seinen fixen Platz in Kunst, Literatur und Film; gerne wird der Hochstapler dabei als liebenswerter Tölpel dargestellt. „Der Hauptmann“ ist hingegen eine durchwegs verstörende Variante dieses Themas. Das wäre auch der Fall, wenn die Handlung fiktiv wäre – dass der Film allerdings auf Ereignissen basiert, die tatsächlich so stattgefunden haben, sorgt für ein besonders beklemmendes Gefühl. Wie genau das filmische Porträt eines Kriegsverbrechers den tatsächlichen Begebenheiten entspricht, wage ich nicht zu beurteilen – ein sehenswerter Film ist unter der Regie von Robert Schwentke in jedem Fall entstanden. 

Gesamteindruck: 7/7


Kleider machen Leute.

Die meisten heute lebenden Menschen stellen sich die Zeit des Nationalsozialismus so vor, wie man sie aus zahlreichen Film- und Fotodokumenten kennt: Schwarz-Weiß. An dieser ganz speziellen Sichtweise auf das dunkelste Kapitel in der Geschichte Europas ändern auch nach-kolorierte Dokumentationen und eine Vielzahl an Kriegsfilmen in Farbe nichts. Genau dieses kollektive Bild einer schwarz-weißen Epoche macht sich „Der Hauptmann“ zu Nutze. Übrigens ist das nicht der erste Film, der so gedreht wurde – man denke z.B. an „Schindler’s Liste“, der durch den Wegfall der gewohnten Farben ebenfalls eine ordentliche Schippe an Düsterkeit gewinnt.

Inhalt in Kurzfassung
Deutschland, Anfang April 1945: Der Gefreite Willi Herold, ein Deserteur, findet hinter der Front in einer Feldkiste die Uniform eines Offiziers. Er nutzt diese Gelegenheit, um sich neu einzukleiden und stellt schnell fest, dass Uniform und forsches, selbstbewusstes Auftreten tatsächlich reichen, um als Hauptmann durchzugehen. In weiterer Folge gelingt es ihm, eine Anzahl an versprengten Soldaten um sich zu scharen und ohne jemals Marschbefehl oder Soldbuch vorweisen zu müssen, der Feldgendarmerie zu entgehen. Schließlich übernimmt der vermeintliche Hauptmann sogar das Kommando über ein Gefangenenlager und nutzt seine neue Stellung gnadenlos aus.

Ironie des Schicksals: Der Fahnenflüchtige Willi Herold wird dank einer zufällig gefundenen Uniform zum Hochstapler, der sich schließlich zum Richter und Vollstrecker aufschwingt und seinerseits die Beseitigung von Deserteuren befiehlt, oft auch selbst erledigt. Das alles ohne, dass der junge Mann jemals einen Befehl dazu erhalten hätte, sondern offenbar nur deshalb, weil er es kann. Was macht den Reiz einer solchen Geschichte aus?

Einerseits ist da die Realität des Gezeigten. „Der Hauptmann“ ist echt, so – oder zumindest so ähnlich – ist es 1945 passiert. Es ist also nicht möglich, den unbequemen Fragen, die der Film aufwirft, zu entkommen, weil es eben keine Fantasie ist, die da auf den Zuschauer hereinprasselt. Es gab in der Endphase des 2. Weltkrieges tatsächlich einen 21-jährigen (!) Soldaten, der – vermutlich desillusioniert und verängstigt – von seiner Einheit getrennt wurde, eine Uniform anzog und der damit einhergehenden Macht unterlag. Ob Willi Herold erst durch die Offiziersuniform zum gewissenlosen Mörder wurde oder diese Anlagen schon vorher (als Gefreiter oder vielleicht noch früher) in sich trug, ist ein Thema, über das man automatisch nachdenkt, wenn man den Film gesehen hat.

Andererseits reicht der Film weit über die Frage nach Moral und Anstand der Person Willi Herold hinaus. Als Zuseher sieht man sich ständig mit der Überlegung konfrontiert, wie man selber handeln würde. Die Uniform verspricht Macht – und gewährt sie in jenem System auch. Und zwar so sehr, dass alle Grenzen, Gesetze und Normen, die es sogar in dieser finsteren Zeit gab, aufgehoben werden und der Träger der Uniform tatsächlich tun und lassen kann, was er will. Dass das eine Versuchung ist, werden die Wenigsten bestreiten können, es bleibt zu hoffen, dass man seine Macht besser eingesetzt hätte, als der vermeintliche Hauptmann es getan hat. Das gilt übrigens auch für die Männer, die er um sich schart und die zum Teil zu ahnen scheinen, dass es mit der unbeschränkten Vollmacht, verliehen vom „Führer“ höchstpersönlich, nicht so weit her ist. Wer hätte es an deren Stelle wohl gewagt, sich den Befehlen offen zu widersetzen? Unbequeme Fragen, fürwahr. Darum ertappt man sich wohl häufiger dabei, Willi Herold als „Kind seiner Zeit“ abzutun und damit praktisch zu entschuldigen, als es dem reflektierten Zuseher lieb sein kann. Denn gerade der Beginn des Films zeigt den späteren Henker vom Emsland als normalen, verängstigten, jungen Mann, mit dem sich jeder Kriegsgegner gut identifizieren kann.

Sauber inszeniert.

„Der Hauptmann“ bietet also einige moralisch-philosophische Denksportaufgaben. Angesichts dessen gerät fast ein wenig in den Hintergrund, dass der Film handwerklich sehr gut gemacht und inszeniert ist. Das Schwarz-Weiß funktioniert ausgezeichnet, ist zum Einen geeignet, die trostlose Endzeit-Stimmung im kurz vor dem Zusammenbruch stehenden deutschen Reich einzufangen, bedient zum Anderen unser kollektives Geschichtsbild (siehe oben) und sorgt drittens dafür, dass man als Zuseher auf andere Dinge achtet als auf leuchtend rotes Filmblut. Der Wahnsinn, der auf der Leinwand dargestellt wird, verstärkt sich durch die Geräuschkulisse des Krieges, industriell anmutender Musik und den Schlagern aus jener Zeit. All das verbindet sich zu einem Strudel aus Gewalt und Irrsinn, der den Zuseher ab und an mitten ins Geschehen zu reißen scheint.

Die Handlung ist bei einer filmischen Biografie ohnehin vorgegeben. Einige Freiheiten wird sich der Regisseur sicher genommen haben, wirklich störend ist das nicht. Maximal die Szene, in der der Hochstapler nach seiner ersten Gefangennahme und dem Verhör entkommt, mutet merkwürdig an. Auch, dass nicht erzählt wird, wie Willi Herold 1946 den Tod fand, fand ich ein wenig unglücklich (er wurde übrigens von der britischen Militärregierung hingerichtet). Abgesehen davon finde ich am Gesamtpaket nichts auszusetzen. Noch ein Wort zu den Darstellern: Sie alle machen ihre Sache sehr gut. Vor allem der junge Schweizer Max Hubacher kann in der Hauptrolle glänzen und vermag ein sehr mulmiges Gefühl beim Zuseher auszulösen. Erwähnenswert auch der einzige moralische Kontrapart im Film, personifiziert durch Milan Peschel, der als Gefreiter Freytag gleichzeitig der erste ist, der sich Herold anschließt, später aber als einziger Bedenken hat. Freilich hindert das auch ihn letztlich nicht daran, sich an den Verbrechen zu beteiligen, die der „Hauptmann“ befiehlt.

Als persönliche Randnotiz sei angemerkt, dass ich es erstaunlich finde, wie es Herold in dem von schwerfälliger und überbordender Bürokratie gekennzeichneten NS-Staat gelungen ist, unerkannt zu bleiben. Auch, wenn es nicht lange währte, ist doch bemerkenswert, wieviel Unheil er in dieser Zeit anrichten konnte, ohne, dass es einen wie auch immer gearteten Befehl dazu gegeben hat. Einerseits zeugt das vermutlich von unglaublichem Charisma, andererseits hatte er es wohl nicht allzu schwer, Erfüllungsgehilfen zu finden, die ihn gewissenlos bei seinem Tun unterstützt haben. Was davon bedenklicher ist, kann man kaum beurteilen – fest steht jedoch, dass Willi Herold gemordet hat, weil er a) die Gelegenheit hatte und b) es von sich aus tun wollte. Denn einen Befehl dazu hatte er nie.

Fazit: Volle Punktezahl für ein rundum gelungenes Porträt und einen stimmungsvoll-düsteren Film, der keine Längen aufweist. Sowohl inhaltlich als auch handwerklich hat sich Regisseur Robert Schwentke hiermit ein Denkmal gesetzt.

Gesamteindruck: 7/7


Originaltitel: Der Hauptmann
Regie: Robert Schwentke
Jahr: 2017
Land: GER, FRA, POL
Laufzeit: 119 Minuten
Besetzung (Auswahl): Max Hubacher, Milan Peschel, Frederick Lau, Waldemar Kobus, Alexander Fehling



 

MusikWelt: La Grande Danse Macabre

Marduk


Mit „Panzer Division Marduk“ hatten die Schweden Marduk 1999 ein Ausrufezeichen besonderer Art gesetzt. Das in manchen Fankreisen geradezu kultisch verehrte Werk begründete den Ruf der Band, die schnellsten, bösesten und härtesten unter den Black Metaller der alten Schule zu sein. Und: Gar nichts anderes zu können als Blast Beats und Tremolo Picking. An diesem (falschen) Eindruck konnten weder die wesentlich abwechslungsreicheren Vorgänger noch der 2001 erschienene Nachfolger „La Grande Danse Macabre“ so richtig rütteln. 

Gesamteindruck: 3/7 2/7


Keine runde Sache.


*** UPDATE (15. Jänner 2019) ***

Ursprünglich hatte ich dieses Album mit einem Gesamteindruck von 3/7 bewertet. Nach weiteren Durchgängen und Vergleichen mit anderen Platten der Band erscheint mir diese Wertung zu hoch, sodass ich auf 2/7 abwerten muss.


Wer Marduk mit „Panzer Division Marduk“ kennengelernt hat und/oder jenes Werk als das Nonplusultra der Schweden betrachtet, wird nach dem ersten Durchlauf von „La Grande Danse Macabre“ verwundert auf das Bandlogo schielen. Und dabei feststellen, dass sich der Schriftzug mindestens ebenso sehr verändert hat wie die Musik. Ja, finster sind sie auch auf Album Nummer 7, die Jungs um Gitarrist Morgan Steinmeyer Håkansson. Allerdings lenkt „Der große Totentanz, so die Übersetzung des französischen (!) Albumtitels, die Düsternis in andere musikalische Bahnen als es auf dem Hassbolzen mit dem Panzer am Cover der Fall war. Randnotiz: Mit „La Grande Danse Macabre“ schließen Marduk die mit „Nightwing“ (1998) und „Panzer Divsion Marduk“ begonnene Trilogie um die Themen Blut, Krieg und Tod ab.

Zur Beruhigung: Ganz ohne Highspeed kommen die Norrköpinger freilich auch auf „La Grande Danse Macabre“ nicht aus. Mit „Azrael“ gibt es gleich zu Anfang eine Nummer, die direkt aus den Songwriting-Sessions zu „Panzer Divsion Marduk“ stammen könnte. Und es vielleicht auch tut – in der Gerüchteküche heißt es zumindest, dass einige Songs des 2001er-Albums bereits 1999 geschrieben, dann aber aufgehoben wurden; zum Teil aufgrund der zu geringen Geschwindigkeit. Merkwürdige Herangehensweise, die aus meiner Sicht weder „Panzer Division Marduk“ noch „La Grande Danse Macabre“ gut getan hat. Neben „Azrael“ hätten auch „Obedience Unto Death“ und „Jesus Christ… Sodomized“ auf dem Vorgänger stehen können. Allein, während „Azrael“ seine Momente hat, wirken die zwei letztgenannten Stücke wie ungeliebte Überbleibsel und hätten sich auch 1999 unter den schwächeren Tracks eingereiht.

Der generelle Tenor auf „La Grande Danse Macabre“ ist ohnehin ein anderer: Regelrecht doomig walzt sich der Großteil der Songs aus den Boxen. Nun ist es ja nicht so, dass man das von Marduk gar nicht kennen würde – auf „Nightwing“ standen bereits Jahre zuvor mehrere langsame Stücke. Und auch sonst hat sich – abgesehen von „Panzer Division Marduk“ – immer mal wieder ein richtiger Stampfer in die Tracklists geschlichen. Was ich selbst immer goutiert habe, weil ich finde, dass den Schweden ein gemäßigteres Tempo gut zu Gesicht steht und ihre Bösartigkeit wesentlich eindrucksvoller unterstreicht.

Man ahnt schon, dass nun ein „Aber“ folgen muss. Und so ist es auch, denn auf „La Grande Danse Macabre“ sind weder die schnellen, noch die langsameren Nummern so gelungen, wie man sich das erhofft hätte. In der Theorie sind alle Zutaten vorhanden: Schwere, malmende Riffs, ein Gutteil Melodie, es gibt Solos, die Produktion (aufgenommen wurde einmal mehr in den Abyss-Studios mit Tommy und Peter Tägtgren an den Reglern) ist sehr stark und organisch und Legion krächzt sich in seiner unnachahmlichen Art durch die Nummern. In Summe sorgt das dafür, dass dieses Album dem nicht an Black Metal gewöhnten Hörer weniger abschreckend erscheinen dürfte, als der bisherige Output von Marduk.

Schwere Kost.

Freilich bedeutet das nicht, dass „La Grande Danse Macabre“ leichtfüßig und zugänglich daherkommt. Im Gegenteil, mir hat sich die Platte als Gesamtwerk auch nach vielfachem Hören nicht so richtig erschlossen. Das war bei keinem der vorher erschienen Marduk-Alben der Fall. Ja, das Debüt „Dark Endless“ (1992) ist unvollkommen und irgendwo auch unspektakulär, aber auf seine Weise dennoch gut hörbar. Ja, „Panzer Division Marduk“ ist anstrengend und monoton, hat aber immerhin einen roten Faden. Und ja, „Nightwing“ besteht aus zwei Einzelteilen, klingt aber trotzdem (fast) wie aus einem Guss. All das lässt sich über den 2001er-Longplayer nicht sagen, so hart das klingen mag und so ungern man das hörbare Bemühen um Abwechslung verreißen möchte.

Eine richtige Linie kann ich jedenfalls nicht heraushören. Auf das gitarrendominierte Intro „Ars Moriendi“ (klingt fast, als hätten sich Satyricon davon bei „Voice Of Shadows“, der Eröffnung ihres 2013er-Albums „Satyricon“ , inspirieren lassen) folgt der Brecher „Azrael“, gleich darauf gibt es mit „Pompa Funebris 1660“ ein weiteres, eher gemächliches Instrumental, gefolgt von einer weiteren Highspeed-Nummer. Sehr merkwürdiger Einstieg in das Album, der es mir schwer macht, aufmerksam zu bleiben. Danach geht es im doomigen Doppelpack und zweifacher Überlänge (für Marduk-Verhältnisse) weiter: Zunächst „Bonds of Unholy Matrimony“, das mir zu langatmig ausgefallen ist, dann der durchaus überzeugende Titeltrack, der mit mehr als 8 Minuten (!) zu Buche schlägt. Diese Nummer bildet mit ihren tonnenschweren Riffs das Fundament des Albums und verhindert, dass „La Grande Danse Macabre“ komplett aus dem Leim geht. Ein stoischer Rhythmus, der erstmals auf dieser LP für hypnotische Konsistenz sorgt. Gefällt! Danach gibt es mit „Death Sex Ejaculation“ und „Funeral Bitch“ zwei weitere Nummern, die trotz ihrer peinlichen Titel gut gelungen sind, bevor es mit dem fast schon als Halbinstrumental zu bezeichnenden „Summers End“ und dem bereits erwähnten „Jesus Christ… Sodomized“ nochmal bergab geht.

All das ist ziemlich schwere Kost. Das aber nicht unbedingt im positiven Sinn, obwohl die Riffs selbst großteils sehr heavy sind und wissen schon zu gefallen. Nur hilft alles nichts, wenn die Tracks per se unfertig und uninspiriert klingen. Das Songwriting ist – über das ganze Album betrachtet – schwach, sodass „La Grande Danse Macabre“ letztlich weder im Hinblick auf das Gros der einzelnen Nummern noch als Gesamtalbum etwas taugt. Und auch das Konzept des Todes ist schön und gut, schlägt sich im Hinblick auf den Gesamteindruck aber bei weitem nicht so eindrucksvoll nieder, wie auf den zwei Vorgängern. Schade, aber für mich definitiv einer der schwächsten Outputs aus dem Hause Marduk.


Track – Titel – Länge – Wertung

  1. Ars Moriendi – 1:50 – 4/7
  2. Azrael – 3:07 – 5/7
  3. Pompa Funebris 1660 – 2:36 – 3/7
  4. Obedience Unto Death – 3:16 – 3/7
  5. Bonds of Unholy Matrimony – 7:03 – 4/7
  6. La Grande Danse Macabre – 8:11 – 6/7
  7. Death Sex Ejaculation – 5:11 – 5/7
  8. Funeral Bitch – 4:58 – 5/7
  9. Summers End– 4:40 – 3/7
  10. Jesus Christ… Sodomized – 4:33 – 2/7

Gesamteindruck:  3/7 2/7 


Marduk auf “La Grande Danse Macabre” (2001):

  • Legion – Vocals
  • Morgan Steinmeyer Håkansson – Guitar
  • B. War – Bass
  • Fredrik Andersson – Drums

Anspieltipp: La Grande Danse Macabre

SerienWelt: Lost In Space (2018) – Staffel 1

Remakes von alten Filmen, aber auch von Serien, sind schwer in Mode. Das kann einem gefallen oder auch nicht: Gegner beklagen den Mangel an neuen Ideen und die zum Teil arg lieblosen Neufassungen, Befürworter freuen sich über Updates mit aktuellem Anstrich und sind häufig der Meinung, dass früher ohnehin alles besser war. Streaming-Anbieter Netflix versucht sich ab 2018 an einem Remake von „Verschollen zwischen fremden Welten“, einer klassischen Science Fiction-Serie der 1960er Jahre.

Gesamteindruck: 3/7


Bruchlandung.

Nimmt man es ganz genau, ist „Lost In Space“ das Remake einer bereits 1998 als Hollywood-Film adaptierten TV-Serie, die auf einem Comic („Space Family Robinson“, 1962) basiert. Dieser hat wiederum ein Kinderbuch („Der Schweizerische Robinson“, Johann David Wyss, 1798) zur Vorlage, das seinerseits eine Adaption von „Robinson Crusoe“ (Daniel Defoe, 1719) darstellt. Insofern ist der Stoff nicht an die 60, sondern 200 Jahre alt, wenn man so will. Übrigens: Ich habe kein grundsätzliches Problem mit Remakes. Im Gegenteil, die Neuauflage von „Battlestar Galactica“ (2004-2009) ist beispielsweise eine meiner absoluten Lieblingsserien und schlägt das Original in praktisch allen Belangen. Von der Klasse eines „BSG“ ist „Lost In Space“ jedoch Lichtjahre entfernt – doch der Reihe nach.

Inhalt in Kurzfassung
In naher Zukunft wird die Erde immer unbewohnbarer. Einzige Chance für die Menschheit scheint die Besiedelung einer neuen Welt im Sternensystem Alpha Centauri zu sein. Unter den wenigen Auserwählten, die die Reise antreten dürfen, ist die fünfköpfige Familie Robinson. Als das Kolonieschiff „Resolute“ auf dem Weg zur neuen Welt schwer beschädigt wird, können sich die Robinsons auf einen unbekannten Planeten retten. Dort müssen sie um ihr Überleben kämpfen.

Die Grundprämisse der „Robinsonade“ ist das Stranden auf der einsamen Insel. Ganz so allein wie weiland Robinson Crusoe ist man allerdings nur zu Beginn von „Lost In Space“. Und auch an anderen Schrauben wurde sanft gedreht, um die Serie aus den 1960ern in die Gegenwart zu holen: Von der harmonischen Familie mit den braven Kindern ist praktisch nichts übrig – so erfahren wir, dass die Eltern John und Maureen Robinson seit Längerem getrennt sind und kurz vor der Scheidung stehen. Die älteste Tochter Judy ist dunkelhäutig, stammt aus erster Ehe und ist eine Art Universalgenie. Ihre Halbschwester Penny steht in milder Konkurrenz zu ihr und übernimmt den ironisch-komischen Part. Und dann wäre da noch Will, jüngster Spross, ebenfalls sehr intelligent, gleichzeitig aber auch als einziges Familienmitglied verletzlich und emotional. Mehr oder weniger rebellisch sind alle drei Kinder.

Neben den Robinsons gibt es drei weitere Hauptrollen. Der Antagonist nennt sich wie im Original Dr. Smith, ist 2018 allerdings weiblich und hat eine dubiose Hintergrundgeschichte spendiert bekommen. Mit dabei außerdem wie schon in den 1960ern Don West, der allerdings als Techniker/Schmuggler. Und auch der Roboter, mit dem sich Will Robinson anfreundet, darf nicht fehlen. Dessen außerirdischer Ursprung und sein bedrohliches Äußeres haben nichts mehr mit seinem plump-freundlichen Pendant aus der Original-Serie zu tun.

All das klingt zunächst sehr positiv und spannend. Im Übrigen weiß auch die Technik zu überzeugen: Alles an „Lost In Space“ sieht geradezu unverschämt gut aus. Das beginnt bei den realistisch wirkenden Raumschiffen und Fahrzeugen sowie den gut gemachten Kostümen, setzt sich beim Planeten mit seinen spektakulären Außenaufnahmen fort und reicht bis zum wunderschön dargestellten Weltraum. Nichts auszusetzen gibt es außerdem an Kamera, Schnitt und Special Effects – alles fügt sich sehr gut ins Gesamtbild. Lediglich der dramatische Soundtrack ist für meinen Geschmack ein wenig zu vordergründig, aber das ist bei Weitem kein Beinbruch. Was sind also die Probleme an „Lost In Space“, wenn Idee und Technik passen? Man kann es leicht erraten: Die Serie krankt massiv an Drehbuch und Charakterdarstellung. Ich bin sogar versucht zu sagen, dass man in diesen beiden so wichtigen Bereichen praktisch alles falsch gemacht hat.

Kommt nicht richtig in Schwung.

Beginnen wir mit dem Drehbuch: Die Autoren bringen jedes Mitglied der Hauptbesetzung in den 10 Episoden der Staffel praktisch durchgängig in vermeintlich ausweglose, gefährliche Situationen. Das muss per se nicht problematisch sein, gewisse Action-Serien arbeiten auch mit solchen Mitteln und wissen trotzdem zu unterhalten. Nun ist „Lost In Space“ mit seinen stark aufeinander aufbauenden Folgen aber vollkommen anders angelegt als „Knight Rider“ oder von mir aus auch „Stargate – Kommando SG-1“. Heißt: Die Serie sollte eigentlich ein (Familien-)Drama sein, garniert mit gut gemachten, zweckmäßigen Action-Sequenzen. Leider hat man ständig das Gefühl, dass ein Missverhältnis zwischen diesen beiden Polen besteht; eine Vielzahl an Szenen bringt weder die Serie als Ganzes noch die Charaktere, die darin agieren, voran. Schlimmer noch, einige Sequenzen wirken wie Lückenfüller, damit die Spielzeit von rund 50 Minuten pro Folge überhaupt erreicht wird. Es ist, als hätte man sich im Vorhinein viel zu wenige Gedanken darüber gemacht, wo man eigentlich hin möchte. Oder als wären die Bücher für 30-minütige Episoden geplant gewesen und Netflix hätte in letzter Minute gesagt: „Es müssen 50 Minuten sein!“ So funktioniert es aber nicht, man hat den Eindruck von Stückwerk und die Serie kommt einfach nicht richtig in Schwung, ist nicht rhythmisch, wenn man so will.

Ein Beispiel dazu: Maureen Robinson will in einer Episode mit einer Art Ballon in die Atmosphäre des namenlosen Planeten aufsteigen, um von dort aus einen besseren Blick auf die Sonne zu haben. Warum auch immer – die Erklärungen für solche Handlungen sind in „Lost In Space“ gerne mal an den Haaren herbeigezogen und geraten entsprechend schnell in Vergessenheit. Bevor sie das schafft, wird ihr Fluggerät vom Wind erfasst, schleift sie über den Boden und lässt sie fast in eine Schlucht stürzen. Dieser Zwischenfall hat allerdings keinerlei Auswirkung auf den Erfolg ihrer Mission oder die Entwicklung ihres Charakters, ist also vollkommen irrelevant. Derartige Dinge kommen immer wieder vor, sodass man sich fragt, was uns die Produzenten damit sagen wollen – für mich macht das „Lost In Space“ zu einer Anhäufung von Unwahrscheinlichkeiten und Situationen, in denen man einen Deus ex machina bemühen muss. Das mag auch in anderen Serien immer wieder vorkommen, so geballt, wie in dieser Netflix-Produktion habe ich es aber noch nie erlebt. Erschwerend kommt die Vorhersehbarkeit gewisser Handlungen und Situationen hinzu – so wird zum Beispiel in einer Weltraumszene eine Harpune abgeschossen, um driftende Crewmitglieder zu bergen. Die Kamera fängt ein, wie das Seil, an dem die Harpune hängt, auf sein Ziel zuschießt, sich abwickelt, immer länger und länger wird – und weiß sofort, dass die Länge nicht ausreichen wird. Und genau so kommt es dann auch.

Keine Identifikationsfiguren.

Während das Drehbuch meiner Meinung nach die Orientierungslosigkeit der Verantwortlichen offenlegt, haben die Charaktere mit einem ganz anderen Problem zu kämpfen: Der Versuch einer moderneren Inszenierung der 1960er-Vorzeigefamilie scheitert gnadenlos an deren dümmlicher Darstellung (und damit meine ich nicht die schauspielerische Leistung, die allerdings auch nicht Emmy-verdächtig ist). So ist zum Beispiel die Idee, dass man die Hintergrundgeschichten zu den Figuren immer wieder in kleinen Rückblenden erfährt, gut. Nur sind die Häppchen, die dabei serviert werden, sehr klein, sodass sich das Gefühl von Tiefe sehr langsam einstellt – wenn überhaupt. Im Endeffekt ist das aber fast egal, weil das großteils unrealistische Verhalten der Raumfahrer alles andere überdeckt. Zu allem Überfluss betrifft das nicht nur die Hauptpersonen, sondern auch die später eingeführten Nebencharaktere.

Was meine ich damit? Es kommt in „Lost In Space“ beispielsweise immer wieder zu brenzligen Situationen weil man trotz des gemeinsamen Schicksals stets das eine oder andere Geheimnis voreinander hat. Dass so etwas für gruppendynamische Prozesse und damit Spannung in einer Serie sorgen kann, haben andere Shows bewiesen – hier ist es allerdings so, dass dieses Gehabe hoffnungslos aufgesetzt und an den Haaren herbeigezogen wirkt. Womit sich der Kreis zu den Mängeln im Drehbuch wieder schließt. Denn wenn man es nicht schafft, seine Charaktere sympathisch oder wenigstens interessant zu gestalten, versucht man eben, sich über Tricks zu retten, die Tiefe vorgaukeln sollen. Das kann funktionieren, tut es im Falle von „Lost In Space“ aber nicht.

A pro pos „Sympathie“: Es ist schon ein Kunststück, bei einer Kernmannschaft von 7 Hauptpersonen (8, wenn man den wortkargen Roboter dazu rechnet) praktisch niemanden hat, der Sympathien beim Zuseher zu wecken vermag. Dafür fehlt es entweder an Charisma (Vater, Mutter, älteste Tochter) oder dümmlich-peinliche Dialoge stehen im Weg (jüngere Tochter, der Techniker). Für mich unerwartet ist es ausgerechnet der jüngste Sohn, dessen Rolle am besten funktioniert und dessen Darstellung verhältnismäßig wenig nervt. Brauchbar geschrieben wurde auch die Antagonistin, die weniger bösartig, sondern eher verschlagen wirkt, gleichzeitig sogar ein wenig Mitleid weckt. Sympathisch geht anders, ist aber immerhin einigermaßen interessant und annehmbar von „Independent-Queen“ Parker Posey gespielt. Das zeigt aber gleichzeitig auch eine Facette des Problems mit der Charakterdarstellung: Die Familie ist dysfunktional, außerhalb gibt es einen halb-lustigen Techniker und eine Schurkin. Mit wem soll man sich als Zuseher identifizieren? Mir persönlich war das praktisch unmöglich und wäre einer der Charaktere ums Leben gekommen, hätte das bei mir keine Emotionen geweckt. In manchen Fällen hätte ich mich sogar gefreut – was kaum Sinn und Zweck der Übung sein kann.

Hoffnung auf Staffel 2.

Ob ich mir eine weitere Staffel dieser Serie antue, weiß ich noch nicht. Der finale Cliffhanger spricht schon dafür, ein paar offene Fragen wurden durchaus geschickt eingebaut – und die Antworten würde ich gerne erfahren. Dass man die Fortsetzung kaum erwarten kann (wie es z.B. bei „Game of Thrones“ der Fall ist), ist dennoch nicht der Fall. Paradoxerweise hat das auch was mit dem Finale zu tun, dessen letzter Twist dafür sorgt, dass die 10 Folgen von Staffel 1 mit einem Schlag quasi ihre gesamte Bedeutung verlieren. Das wäre rein von der Handlung her ja kein Problem, weil es aber an Darstellung und Entwicklung der Charaktere dermaßen hapert, fragt man sich am Schluss zwangsläufig, wofür die man eigentlich 10 Stunden seines Lebens geopfert hat.

Bewertungstechnisch ist das quasi der Todesstoß für „Lost In Space“. Dass es dennoch 3 Punkte gibt, liegt an der exzellenten Ausstattung und an ein paar guten Ansätzen, die zumindest ab und an zu unterhalten vermögen.

Gesamteindruck: 3/7


Originaltitel: Lost In Space
Idee: Matt Sazarma, Burk Shapless
Land: USA
Jahr: 2018
Episoden: 10
Länge: ca. 45-65 Minuten
Gesehen auf: Netflix
Haupt-Besetzung: Toby Stevens, Molly Parker, Taylor Russell, Mina Sundwall, Maxwell Jenkins, Parker Posey, Ignacio Serricchio, Brian Steele