FilmWelt: A Quiet Place

Sieht man sich „A Quiet Place“ zum ersten Mal an, ist man überrascht: Ein Film, der scheinbar ohne Worte auskommt – kann das überhaupt gut gehen? Es kann, wie Regisseur John Krasinski zeigt. Allerdings, und das ist schade, wird das Konzept nicht bis ganz zum Schluss durchgezogen. Dennoch: „A Quiet Place“ unterhält und ist über weite Strecken erfrischend anders.

Gesamteindruck: 5/7


Pssst!

„A Quiet Place“ ist einer dieser seltenen Fälle, in denen es tatsächlich gelingt, einem alt-ehrwürdigen Genre einen neuen Aspekt hinzuzufügen. Dass man auf der Flucht vor Monstern leise sein muss, ist bekannt – in diesem Film ist die absolute Lautlosigkeit aber ein vollwertiges Stilelement. Die Figuren agieren in völliger Stille, flüstern nicht einmal miteinander, sondern verständigen sich über Handzeichen. Sie tappen barfuß durch die Szenerie und sind so ruhig, dass es den Zuschauer regelrecht in den Ohren schmerzt. Man muss den Schauspielern gratulieren, die es schaffen, ihren Charakteren ganz ohne Sprache Leben einzuhauchen.

Inhalt in Kurzfassung
Irgendwo in Amerika lebt eine Familie einen post-apokalyptischen Alptraum. Die Menschheit wurde mehr oder weniger ausgerottet und auch die wenigen Überlebenden befinden sich ständig in großer Gefahr. Die einzige Chance, den monströsen Jägern zu entkommen, ist völlige Lautlosigkeit, denn jedes noch so kleine Geräusch kann ein Todesurteil sein.

Die Grundannahme des Films führt nicht nur schauspielerisch zu einer unorthodoxen Herangehensweise. Auch optisch und akustisch ist „A Quiet Place“ grundlegend anders. So ist die Unterstützung durch einen Score eher marginal, wenngleich der Soundtrack nicht ganz wegfällt. Dafür kommt den Soundeffekten umso größere Bedeutung zu. Das ist so ungewohnt, dass allein dadurch ein mulmiges Gefühl beim Zuseher entsteht. Verstärkt wird diese Grundstimmung durch die Kameraarbeit, die in Zusammenhang mit der fehlenden Akustik ein fast schon klaustrophobisches Gefühl erzeugt – interessanterweise ohne, dass der Film in geschlossenen Räumen spielt. Daran kann man zumindest ansatzweise erkennen, wie angewiesen wir Menschen auf unseren vollständigen Sinnesapparat sind.

Gelungen ist auch das Drehbuch, das sich mehr auf die handelnden Personen als auf das Umfeld konzentriert. In diesem Fall bedeutet das, dass man als Zuseher nicht weiß, wie die Menschheit überhaupt in diese ausweglose Lage geraten ist. Eine außerirdische Invasion? Mutationen? Der Film hält sich sehr bedeckt, was die großen Zusammenhänge betrifft und liefert nur ein paar Schnipsel, aus denen man sich mehr oder weniger zusammenreimen kann, was passiert sein könnte. Das ist eine Herangehensweise, die ein wenig an „Cloverfield“ erinnert. In Verbindung mit dem nicht vorhandenen Humor trägt auch dieses Nicht-Wissen viel zum Nervenkitzel von „A Quiet Place“ bei.

Intensitätskurve flacht zum Schluss hin ab.

Leider ist aber nicht alles Gold, was glänzt. Die intensive Stimmung, die ich oben beschrieben habe, trifft vorwiegend auf die erste Hälfte von „A Quiet Place“ zu. Den Mut, dieses Konzept bis zum Ende durchzuziehen, hatte Regisseur John Krasinski (der neben seiner Real-Life-Ehefrau Emily Blunt auch in einer der Hauptrollen zu sehen ist) dann doch nicht. Im weiteren Verlauf wird der Film dann immer „lauter“. Das beginnt damit, dass man eine Möglichkeit findet, Personen doch miteinander sprechen zu lassen. Das wurde zwar einigermaßen logisch gelöst, wirkt in meinen Augen aber wie ein Mittel zum Zweck, weil man es dem Publikum nicht zumuten wollte, bis zum Schluss quasi nur mit Gebärdensprache auszukommen. Allein das nimmt den Film bereits einiges vom Zauber, den er am Anfang entwickelt. Noch mehr wird das ursprüngliche Konzept durch die musikalische Untermalung verwässert, die sich von anfangs kaum wahrnehmbar im Verlauf des Films zu dramatisch-bombastisch steigert. Das passt zwar zum Inhalt, bei dem sich die Schlagzahl und die Action ebenfalls erhöhen – nimmt „A Quiet Place“ gleichzeitig aber auch viel von seiner Besonderheit.

Denn eines darf man auch nicht übersehen: „A Quiet Place“ unterscheidet sich in der Handlung nicht maßgeblich von einem handelsüblichen Endzeit- oder Zombiefilm. Es ist letztlich nur die Inszenierung, die den Streifen von seiner Konkurrenz abhebt. Wird diese verdünnt, wie es in der zweiten Hälfte des Films passiert, wird „A Quiet Place“ zu einer handwerklich gut gemachten aber sehr konventionellen Darstellung der Postapokalypse. Schade, mit etwas mehr Konsequenz hätte es eine höhere Wertung geben können.

Gesamteindruck: 5/7


Originaltitel: A Quiet Place
Regie:
John Krasinski
Jahr: 2018
Land: USA
Laufzeit: 90 Minuten
Besetzung (Auswahl): Emily Blunt, John Krasinski, Noah Jupe, Millicent Simmonds, Cade Woodward, Leon Russom



 

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MusikWelt: No Sacrifice, No Victory

HammerFall


Nach „Threshold“ (2006) habe ich es Stefan Elmgren (g) und Magnus Rosén (b) gleichgetan und bin bei HammerFall ausgestiegen, wenn man so will. Jenes Album hat mich jegliches Interesse an den einst so grandios aufspielenden Schweden verlieren lassen. Doch schlau sind sie ja, die Mannen aus Göteborg – denn sie wussten ganz genau, wie sie mich dazu bringen konnten, auch ihrem 2009er-Werk „No Sacrifice, No Victory“ eine Chance zu geben.

Gesamteindruck: 3/7


Kein Sieg.

Dazu mussten sie lediglich einen Song auf das Album packen, der alle alten Fans sofort in glorreiche Zeiten zurückversetzen würde. Und das ist mit „Any Means Necessary“, ausgekoppelt als Single und mit einem passenden Video versehen, perfekt gelungen. Ein instant classic, vor allem für die Bühne. Hier stimmt einfach alles – der stampfende, mitreißende Rhythmus, der typische Gesang mit überraschend düsterem Text, die bombastischen Chöre und das fetzige Solo. Hut ab, das haben die Schweden tatsächlich perfekt hinbekommen. Und: Nein, innovativ ist hier nix. Braucht es aber auch nicht zu sein, denn das war ohnehin nie eine Stärke von HammerFall, wie die Herren leider auch sehr oft in ihrer Karriere bewiesen haben.

Leider ist dieser grandiose Opener nicht mehr als ein Lockvogel-Angebot für alle, die die Band nach den jüngsten Fehlschlägen aufgegeben haben. Denn der Rest von „No Sacrifice, No Victory“ entspricht genau dem, was HammerFall bereits auf „Chapter V: Unbent, Unbowed, Unbroken“ (2005) und „Threshold“ (2006) kredenzt haben. Heißt: Einmal mehr fehlt es der ganzen Chose gehörig an Schwung; die Lust, zu simplen Hymnen mit hohem Wiedererkennungswert und einfachen Texten die Faust in die Luft zu recken, will sich bei mir so gar nicht einstellen. Das einzige Gefühl, das ich beim wiederholten Hören des Albums bemerkt habe, war bereits nach wenigen Nummern die Vorfreude auf den nächsten Durchgang von „Any Means Necessary“. Das sagt eigentlich schon alles.

Kaum durchgängig starkes Liedgut.

Ein bisschen ins Detail möchte ich dann aber doch gehen – wobei ich hier auch die Rezensionen von „Chapter V“ oder „Threshold“ reinkopieren könnte. Sei’s drum, ich versuche es trotzdem: Das Songwriting auf „No Sacrifice, No Victory“ ist lahm. Punkt. Beim Versuch, den Grund für dieses Problem festzumachen, ist mir eines aufgefallen: Es gibt auf diesem und den letzten Alben Songs mit guten Riffs, Refrains oder Strophen. Es gibt sogar Songs, die zumindest zwei dieser Kriterien passabel hinkriegen. Es gibt aber kaum eine Nummer, auf der alle drei Aspekte stimmen – es gibt also kaum einen echten Hit. Aber die Hitdichte ist genau der Punkt, der ältere HammerFall-Veröffentlichungen ausgezeichnet hat.

Akzeptabel sind aus meiner Sicht neben dem Opener nur zwei Songs: „One of A Kind“, das als vorletzter Track des Albums „versteckt“ wurde, lässt teilweise stark an Helloween denken, ist demnach sehr eingängig und flott. Zur Auflockerung ist ein langsamer, rau gesungener Mittelteil enthalten, der Sänger und Band sehr gut zu Gesicht steht und das Stück abwechslungsreich und trotz etwas größerer Länge gut hörbar macht. Das ist insofern bemerkenswert, als dass HammerFall damit wohl eine ähnliche, gemäßigt-progressive Intention verfolgt haben, wie zwei Alben zuvor mit „Knights of the 21st Century“. Mit dem Unterschied, dass „One of a Kind“ tatsächlich ein brauchbares Lied geworden ist. Zweiter kleiner Lichtblick ist „Legion“, zumindest wenn man das blödsinnige Intro ausblendet, bei dem ungute Erinnerungen an „Ride the Dragon“ von Manowar wach werden. Der Song selbst beginnt mit messerscharfen Gitarren und erinnert dann an eine etwas rauere Version von Stücken wie „On The Edge Of Honor“ – freilich, ohne dessen Klasse zu erreichen.

Der Rest der Platte ist im besten Falle unspektakulär ausgefallen. Das reicht von der üblichen Ballade „Between Two Worlds“ (die mehr nach Manowar als nach HammerFall klingt) über den stampfenden Titeltrack bis hin zum Stratovarius-affinen Instrumental „Something for the Ages“. Maximal die schönen Chöre und der halbwegs gute Refrain von „Punish and Enslave“ bleiben noch hängen. Der Rest ist zwar technisch makellos, besitzt aber im Angesicht des bis inklusive „Crimson Thunder“ (2002) so guten Backkataloges der Truppe aber einfach zu wenig Wiedererkennungswert. Und was man sich beim unsäglichen Rausschmeißer „My Sharona“ gedacht hat, weiß ich nicht. Katastrophal schlechtes Cover einer Nummer, die schon im Original von The Knack an den Nerven zerrt.

Neue Bandmitglieder ohne Akzente.

Abschließend ein Wort zu den neuen Bandmitgliedern: Am Bass ist Fredrik Larsson zu hören, der 2007 nach ziemlich genau 10 Jahren zu den Templern zurückgekehrt ist (er war bereits auf dem Debüt „Glory to the Brave“, 1997, zu hören und wurde danach durch Magnus Rosén ersetzt). Den Job als Lead-Gitarrist hat Pontus Norgren übernommen. Einen großen Unterschied vermag ich bei beiden Instrumenten nicht zu vernehmen. Randnotiz: Die Keyboards auf den Tracks „Between Two Worlds“ und „Something for the Ages“ wurden von Jens Johansson, seines Zeichens Tastenmann bei Stratovarius und Bruder von HammerFall-Drummer Anders Johansson, eingespielt.

Fazit: Eigentlich ist diese Platte der kleinste gemeinsame Nenner aus ihren unmittelbaren Vorgängern „Chapter V: Unbent, Unbowed, Unbroken“ und „Threshold“. Wie 2005 gibt es einen einzigen, alles überragenden Hit; abgesehen davon gibt es wie 2006 keinen einzigen (!) Song, der über das Prädikat „mittelmäßig“ hinauskommt. Das war auf „Chapter V“ zumindest noch bei 2 Nummern der Fall. Gemeinsam hat „No Sacrifice, No Victory“ mit beiden Releases das lahme Songwriting. Tut mir leid, HammerFall, das war nix. Schon wieder.


Track – Titel – Länge – Wertung

metal-archives.com

  1. Any Means Necessary – 3:35 – 6/7
  2. Life Is Now – 4:43 – 2/7
  3. Punish and Enslave – 3:57 – 3/7
  4. Legion – 5:36 – 4/7
  5. Between Two Worlds – 5:28 – 3/7
  6. Hallowed Be My Name – 3:56 – 2/7
  7. Something for the Ages – 5:03 – 3/7
  8. No Sacrifice, No Victory – 3:32 – 4/7
  9. Bring the Hammer Down – 3:41 – 3/7
  10. One of a Kind – 6:14 – 4/7
  11. My Sharona [The Knack-Cover] – 4:24 – 1/7

Gesamteindruck: 3/7 


HammerFall auf “No Sacrifice, No Victory” (2009):

  • Joacim Cans – Vocals
  • Oscar Dronjak – Guitar, Backing Vocals
  • Pontus Norgren – Lead Guitar, Backing Vocals
  • Fredrik Larsson – Bass, Backing Vocals
  • Anders Johannson – Drums

Anspieltipp: Any Means Necessary

MusikWelt: Threshold

HammerFall


Nur ein Jahr nach „Chapter V: Unbent, Unbowed, Unbroken“ (2005) veröffentlichten HammerFall mit „Threshold“ ihr 6. Album. Wie zu erwarten, ist der stilistische Unterschied bei zwei so schnell nacheinander unters Volk gebrachten Longplayern minimal – was bei den Schweden aber ohnehin nichts Neues ist. Und doch schwächelt „Threshold“ an allen Ecken und Enden und ist sogar seinem mediokren Vorgänger unterlegen.

Gesamteindruck: 1/7


Die Luft ist raus.

Objektiv kann man eigentlich nicht sagen, dass HammerFall hier wesentlich anders zu Werke gehen als man es von ihnen kennt und, je nach Façon, liebt oder hasst: Hochmelodisch, mal im Midtempo, mal flotter, technisch blitzsauber gespielt – fast alle Attribute sind da. Es gibt sogar Verbesserungen zu vermelden: Der Gesang von Joacim Cans, oft als kraftlos und abwechslungsarm kritisiert, tönt so variabel wie selten zuvor aus den Boxen. Und auch die Produktion von Charlie Bauerfeind ist top, klingt viel knackiger als auf dem laschen „Chapter V“ und auch besser als auf den auf Hochglanz polierten Platten davor. Dass gleichzeitig den Riffs mehr Raum gegeben wurde, ist dem Mix zu verdanken, der ebenfalls zum guten Gesamtbild in Sachen Akustik beiträgt.

„Threshold“ schwächelt – mehr noch als „Chapter V“ – ganz massiv beim Songwriting. Doch während jenes Album mit einem lupenreinen Hit („Blood Bound“) und zwei passablen Nummern („The Templar Flame“, „Take the Black“) zumindest einigermaßen Schadensbegrenzung betreiben konnte, tue ich mir bei „Threshold“ schon schwer, überhaupt einen Anspieltipp zu nennen. Die Songs fließen auch diversen Durchgängen ineinander, Wiedererkennungswert ist so gut wie keiner vorhanden. Oder kann sich irgendjemand erinnern, wie z.B. „Natural High“ klingt? Ich jedenfalls nicht – und das gilt für praktisch jeden Track auf dem Album. Gut, von zweien könnte ich zumindest die Namen nennen: „Threshold“ (weil sich ja meist ein Titeltrack auf HammerFall-Alben findet) und „Howlin‘ with the ‚Pac“ wegen seiner dezent bescheuerten Schreibweise. Der Rest fällt unter „ferner liefen…“.

Desaströses Gesamtbild.

Ich möchte jetzt auch gar nicht zu viele Worte über die einzelnen Songs auf „Threshold“ verlieren. Ihnen allen ist aus meiner Sicht gemein, dass ihnen diese spezielle HammerFall-Atmosphäre fehlt. Wie soll man das bezeichnen? Ich denke, es ist ein gewisser Helden-Pathos, eine Art heroisches Gefühl, das die alten Hymnen ausgezeichnet hat; die Lust, einfach die Faust in die Luft zu recken und mitzugröhlen. Denn HammerFall hatten bei aller Schlichtheit ihrer Musik (und trotz ihrer Fantasy-Texte, die man mögen kann oder auch nicht) immer ein sicheres Händchen für Singalongs, die die Stimmung heben. Dabei ist es merkwürdig: „Threshold“ ist auf keinen Fall anstrengend oder schwer hörbar, speziell die Refrains sind einmal mehr melodisch und leicht zu konsumieren. Aber sie wollen sich einfach nicht so im Ohr festsetzen, wie das auf älteren Alben des einstigen Flaggschiffs des melodischen Power Metal der Fall war. Und: HammerFall-Alben musste man ohnehin nie konzentriert hören, um sie sich zu erschließen – das ging immer wie von selbst, egal, was man nebenbei gemacht hat. Bei „Threshold“ haut das überhaupt nicht hin, was jetzt nicht das Problem wäre, wenn man sich die Platte wenigstens mit Geduld erarbeiten könnte. Aber auch das klappt nicht – ich habe beide Hör-Varianten probiert und doch ist mir nicht viel im Gedächtnis geblieben, außer das Gefühl, dass hier irrsinnig viel Potenzial da gewesen wäre, das nicht genutzt werden konnte.

Dabei möchte ich es jetzt auch belassen, vielleicht noch anmerken, dass es hier und da eine gute oder sogar sehr gute Idee gibt (z.B. der schöne Rhythmus von „Carved in Stone“), die aber entweder direkt zunichte gemacht wird (z.B. der Refrain von „Carved in Stone“) oder nicht zu Ende gedacht ist. Letztlich ist es leider so, dass das Gros der vorliegenden Songs (die sich im Aufbau zu allem Überfluss ab der Halbzeit auch noch zu wiederholen beginnen) nicht mal eine dieser Ideen hat, sondern einfach am Hörer vorbeirauscht. Nein, nicht „rauscht“, dafür ist das Material letztlich viel zu lahm und lässt jeden Schwung alter HammerFall-Herrlichkeit vermissen. Das ist stellenweise mehr Rock als Metal, muss man leider sagen. Folgerichtig war „Threshold“ damals das letzte Album der Templer aus Göteborg, das ich mir tatsächlich angehört habe – später habe ich das nur mehr mit einzelnen Songs getan. Die Luft war ganz einfach raus.

Ich habe lange überlegt, welche Wertung angebracht ist – 1 oder 2 Punkte? Für die 2 Punkte spräche, dass es immerhin nicht weh tut, diese Platte zu hören. Und auch die technische Leistung aller Beteiligten weiß ich durchaus zu schätzen. Andererseits: Darf man bei einer Band wie HammerFall nicht erwarten, dass die Produktion stimmt und die Herrschaften ihre Instrumente beherrschen? Abgesehen davon nutzt das alles so oder so nichts, wenn das Album insgesamt keinen einzigen (!) Song bietet, an den man sich 2 Minuten nach dem Hören noch erinnert. Und heute, 2019, kann ich guten Gewissens konstatieren: Ich habe „Threshold“ in den 13 Jahren, die zwischen seinem Erscheinen und dem Verfassen dieser Zeilen liegen, kein einziges Mal aufgelegt (für das Schreiben der Rezension natürlich schon). Vermisst habe ich nichts und ich weiß, dass das Album jetzt wieder im Regal verschwinden und dort verstauben wird. Von daher: Keine Chance auf eine bessere Wertung.


Track – Titel – Länge – Wertung

metal-archives.com

  1. Threshold – 4:43 – 3/7
  2. The Fire Burns Forever – 3:20 – 3/7
  3. Rebel Inside – 5:32 – 3/7
  4. Natural High – 4:13 – 2/7
  5. Dark Wings, Dark Words – 5:01 – 3/7
  6. Howlin‘ with the ‚Pac – 4:04 – 2/7
  7. Shadow Empire – 5:13 – 2/7
  8. Carved in Stone – 6:10 – 3/7
  9. Reign of the Hammer – 2:48 – 3/7
  10. Genocide – 4:41 – 2/7
  11. Titan – 4:24 – 2/7

Gesamteindruck: 1/7 


HammerFall auf “Threshold” (2006):

  • Joacim Cans – Vocals
  • Oscar Dronjak – Rhythm Guitar, Keyboard, Backing Vocals
  • Stefan Elmgren – Lead Guitar, Keyboard, Backing Vocals
  • Magnus Rosén – Bass
  • Anders Johannson – Drums

Anspieltipp: Threshold

MusikWelt: Chapter V: Unbent, Unbowed, Unbroken

HammerFall


Das 4. Album von HammerFall, „Crimson Thunder“ (2002), wurde vielerorts kritisiert, weil sich die Schweden einmal mehr auf ihre bewährte Formel verließen, die ihnen geradezu unfassbaren kommerziellen Erfolg beschert hatte. Musikalische Weiterentwicklung, so die Kritiker, fand höchstens in Nuancen statt, was man dem Quintett aus Göteborg meiner Ansicht nach jedoch nicht verdenken kann (ich selbst fand „Crimson Thunder“ übrigens sehr gut). Dann erschien 2005 der Nachfolger „Chapter V: Unbent, Unbowed, Unbroken“, eine Platte, der man das Bemühen, es den Nörglern zu zeigen, deutlich anhörte. Leider gelang das nur bedingt. Noch schlimmer ist in der Retrospektive aber, dass dieses Album am Anfang den Niedergangs einer der wichtigsten Bands der Jahrtausendwende einleitete.

Gesamteindruck: 3/7


Ein erstes Anzeichen von Schwäche.

HammerFall waren schon immer dann am besten, wenn sie möglichst einfach und leicht konsumierbar sind. Und wenn sie aufspielen, als gäbe es kein Morgen. Seit dem legendären Debüt „Glory to the Brave“ (1997) sind es die grandiosen, unwiderstehlichen Ohrwürmer, die diese Band auszeichnen. Den stärksten und erfolgreichsten Songs der Schweden ist vor allem eines gemeinsam: Ein epischer, alles überstrahlender Refrain, getragen von einer hymnenhaften Melodie. Fehlt ein solcher, ist der Rest meist nicht der Rede wert. Der Grad, auf dem das funktioniert, ist sehr schmal, konnte von der Band bis zu „Chapter V: Unbent, Unbowed, Unbroken“ aber mit fast schon traumwandlerischer Sicherheit gemeistert werden.

Auf vorliegendem Longplayer kann man – im Gegensatz zu einigen späteren Releases – den Unterschied zwischen Mega-Hit und Rohrkrepierer sogar sehr deutlich sehen bzw. hören. Die Referenz, das einzige Stück auf dem Album, das voll und ganz alten HammerFall-Spirit atmet, ist Track 2, „Blood Bound“. Bei dieser Nummer passt alles zu- und ineinander und ist so, wie man es als Fan hören möchte: Einfaches aber wirkungsvolles Riffing, ein starker Refrain, ein schönes Solo, die richtige Länge, guter Gesang; kurz: ein unterhaltsames und energetisches Stück Musik. Hätte so auch auf jedem der vorhergehenden Alben eine tolle Figur gemacht und ist neben der (guten) Ballade „Never, Ever“ der einzige Song auf „Chapter V“, an den ich mich auch nach Jahren des Nichthörens der Platte erinnern konnte.

„Blood Bound“ und der Rest.

Demgegenüber steht zunächst die Eröffnungsnummer „Secrets“. Dieser Song soll vermutlich einen komplexeren Kompositionsansatz repräsentieren, zeigt mit seiner Zerfahrenheit aber gnadenlos die Schwächen der Göteborger in Sachen Songwriting auf. Dabei geht es ganz gut los: Das Intro passt, die Strophe geht in Ordnung. Aber was passiert dann? Der Refrain wird unpassend mit Doublebass-Geballer unterlegt, was noch in Ordnung wäre, wenn der Song nicht immer wieder so merkwürdig unterbrochen würde. Das nimmt dem Stück jegliche Energie und verhindert das Zustandekommen eines „Flows“, der die relativ lange Gesamtdauer von über 6 Minuten anhält. All das ist zwar keine Vollkatastrophe, aber so richtig Lust auf das Album macht die Nummer halt auch nicht. Übrigens habe ich das Gefühl, Helloween hätten sich bei ihrer 2015er-Single „Battle’s Won“ ein bisschen an „Secrets“ orientiert, aber das nur am Rande.

Das zweite Beispiel für einen misslungenen Versuch, facettenreicher zu werden, ist das finale „Knights of the 21st Century“. Dieser Track, mithin der erste Versuch von HammerFall, auf der Langstrecke zu punkten, ist in meinen Ohren praktisch ein Totalausfall. Und das trotz des Gastauftrittes eines gewissen Cronos (Venom). Zunächst dauert es gut und gerne 3 Minuten, bis der Song wirklich losgeht – viel zu lang, um den Zuhörer, der von HammerFall ganz andere Kost gewohnt ist, bei der Stange zu halten. Der Einstieg bietet dann nettes Riffing, allerdings im verschleppten Midtempo, was auch nicht dazu beiträgt, den geneigten Fan aufzuwecken. Ich verstehe sogar, was die Schweden wollten – extrem episch sollte es werden, wie auch an den Chören zu erkennen ist. Nur haut das leider hinten und vorne nicht hin, weil das Songwriting einfach viel zu zäh ist. Flott wird es erst bei 7 Minuten – zu spät für mich (auch wenn der Galopp-Rhythmus dann sehr gut umgesetzt ist). Übrigens ist die Überlänge ohnehin Makulatur: Nicht nur, dass es spät richtig losgeht, eigentlich ist auch nach 10 Minuten „schon“ Schluss. Bei ca. 12:05 erfolgt zwar nochmal ein von Cronos rausgewürgtes „Oaaaargh! Hell fucking yeah!“, dazwischen herrscht aber gähnende Leere. 7 Minuten dauert „Knights of the 21st Century“ also ungefähr. Sorry Leute, das ist mal so gar nix – ich werde diesen Song sicher nicht noch einmal freiwillig hören. Und damit hätten wir den Bogen vom Anfang zum Ende von „Chapter V“ gespannt. Dazwischen liegen die erwähnten „Blood Bound“ und „Never, Ever“, das übrigens nach einer stark verbesserten Version von „Always Will Be“ klingt.

Jetzt noch ein paar Worte zu den übrigen 6 Songs: Am besten machen es die Göteborger mit „The Templar Flame“, das einen starken Einschlag von „A Touch of Evil“ (Judas Priest auf „Painkiller“, 1991) aufweist. Hier funktioniert es tatsächlich, etwas Abwechslung in die übliche HammerFall-Chose zu bringen. Daumen hoch dafür! Dann gibt es noch „Take the Black“, das zumindest ein wenig nach alten Großtaten klingt. Schade, dass der Refrain, der am Ende einmal zu oft wiederholt wird, nicht etwas zwingender ist. Die restlichen Nummern sind Kategorie „geht so“ oder „einmal gehört, gleich wieder vergessen“. Störend sind für mich vor allem Gesang und Songaufbau von „Fury of the Wild“, das sehr deutlich zeigt, dass HammerFall eben nicht Judas Priest sind. Gefällt mir überhaupt nicht, wie der eigentlich von mir geschätzte Joacim Cans hier versucht, seine Stimme in Rob Halford-Höhen zu schrauben. Und was soll der Refrain mit der Stimmüberlagerung und der Unterbrechung? Ich verstehe nicht, wem so etwas gefallen soll… Ansonsten sei noch erwähnt, dass beim wiederholten Hören von „Chapter V“ vorwiegend hängen bleibt, dass sage und schreibe 4 von 10 Songs („Blood Bound“, „Hammer of Justice“, „Born to Rule“ und „The Templar Flame“) gefühlt mit dem selben Riff beginnen. Das ist dann aber schon ein bisschen zu viel des Guten, oder, Herr Dronjak? Davon abgesehen gibt es zu den weiteren Songs nicht viel zu sagen – hier ein gutes Solo, dort ein passabler Mitsing-Part – viel mehr ist es einfach nicht.

Talentierte Musiker, schwaches Songwriting.

Damit ist es amtlich: „Chapter V: Unbent, Unbowed, Unbroken“ war zum Zeitpunkt seines Erscheinens das mit Abstand schwächste Album von HammerFall. Daran gibt es leider nichts zu beschönigen – auch nicht, wenn man daran denkt, dass die Releases der Tempelritter aus Göteborg in den folgenden Jahren nicht wesentlich besser werden sollten. Ich möchte aber auch nicht unerwähnt lassen, dass das nicht an den technischen Fähigkeiten der Musiker liegt. Joacim Cans hat das Singen nicht verlernt, die Gitarristen spielen blitzsauber und scheinen technisch sehr beschlagen zu sein. Überhaupt haben HammerFall tatsächlich fast immer sehr gute Gitarrensolos zu bieten, was im krassen Gegensatz zum simplen Riffing steht. Bass und Schlagzeug sind wie üblich von der einfachsten Sorte, was mich aber nicht so sehr stört. Das Problem ist, dass die Schweden aus diesen Komponenten so wenig machen, wie noch nie zuvor in ihrer Karriere. Da hilft auch die gute Produktion (wie üblich sogar etwas zu gut!) nichts – das Songwriting ist schlicht und einfach öde. Vielleicht liegt es auch am weitgehend fehlenden Tempo? Ich kann es wirklich nicht genau sagen, Fakt ist, dass das gewisse Etwas einfach abgeht. Leider.


Track – Titel – Länge – Wertung

metal-archives.com

  1. Secrets – 6:06 – 3/7
  2. Blood Bound – 3:49 – 6/7
  3. Fury of the Wild – 4:44 – 2/7
  4. Hammer of Justice – 4:38 – 4/7
  5. Never, Ever – 4:06 – 5/7
  6. Born to Rule – 4:08 – 3/7
  7. The Templar Flame – 3:41 – 6/7
  8. Imperial – 2:30 – 4/7
  9. Take the Black – 4:47 – 5/7
  10. Knights of the 21st Century – 12:19 – 1/7

Gesamteindruck: 3/7 


HammerFall auf “Chapter V: Unbent, Unbowed, Unbroken” (2005):

  • Joacim Cans – Vocals
  • Oscar Dronjak – Rhythm, Lead & Acoustic Guitars, Keyboard, Backing Vocals
  • Stefan Elmgren – Lead, Rhythm & Acoustic Guitars
  • Magnus Rosén – Bass
  • Anders Johannson – Drums

Anspieltipp: Blood Bound

MusikWelt: Crimson Thunder

HammerFall


Man kann es ruhig vorweg nehmen: „Crimson Thunder“ (2002) erfindet das Rad natürlich nicht neu. Muss auch nicht sein – aber sogar im von HammerFall gewählten, eng gesteckten Rahmen ist das Album erstaunlich vorhersehbar. Für viele Power Metaller mag das Grund genug sein, die Platte zu verdammen – ich selbst sehe das weniger kritisch, denn die Hits, die man von den Schweden erwartet, sind da. Und das nicht besser oder schlechter als auf den Alben davor.

Gesamteindruck: 6/7


Mehr vom Gleichen.

Wenn man „Crimson Thunder“ auflegt und die ersten Takte des schnellen Openers „Riders of the Storm“ hört, fühlt man sich a) sofort heimisch und b) ein bisschen erleichtert, wenn man an den Vorgänger „Renegade“ (2000) zurückdenkt. Denn dort waren die (guten) Gitarrenriffs produktionstechnisch ein wenig in den Hintergrund gerückt worden, was man als Metal-Fan nicht goutieren kann. So oder so: „Riders of the Storm“ ist definitiv eine großartige Eröffnung im Stile des Titeltracks von „Legacy of Kings“; das Verhältnis zwischen Riffs, Melodie und einem großen Refrain passt einfach perfekt. Mindestens ebenso großartig sind die schnellen „On the Edge of Honour“ und „Trailblazers“ (mein persönliches Highlight auf der Platte) sowie „Hero’s Return“. Viel besser kann man es eigentlich nicht machen. Klar ist das alles ein wenig (ha ha…) cheesy, voll auf Eingängigkeit getrimmt und kommt ohne Ecken und Kanten daher – aber manchmal braucht man das einfach. Und HammerFall zeigen sich hier tatsächlich einmal mehr als Meister im Schreiben von hochmelodiösen Ohrwürmern, die man mitunter tagelang nicht mehr los wird.

Diesen vier wirklich großartigen Songs stehen zwei weitere kaum nach: Das Accept-lastige „The Unforgiving Blade“ und die Pflicht-Ballade „Dreams Come True“, die nach dem schwächeren „Always Will Be“ vom Vorgänger-Album wieder ein gutklassiger Vertreter ihrer Zunft ist. Interessanterweise gefallen mir diesmal auch beide Cover-Versionen, die auf dem Album vertreten sind recht gut (wobei man die Frage stellen kann, ob es wirklich hätten zwei sein müssen). „Rising Force“ von Meister Malmsteen passt für HammerFall natürlich wie die Faust aufs Auge, während ich von „Angel of Mercy“ von Chastain das Original gar nicht kannte. Die Version von HammerFall finde ich jedenfalls gut, auch, weil dieser Song einigermaßen düster und damit untypisch für die Schweden klingt.

Nur kleine Unsicherheiten.

Ein paar schwächere Momente sehe ich dann aber doch auch auf „Crimson Thunder“. Da wäre zum einen das vollkommen verzichtbare Instrumental „Lore of the Arcane“, das wie eine (schlechte) Keyboard-Übung klingt. Ein zweites Instrumental, „In Memoriam“, macht es besser, kommt mir letztlich aber fast wie eine Nummer vor, zu der den Schweden einfach kein Text eingefallen ist. Und dann gibt es noch zwei „richtige“ Songs, bei denen ich mir auch nicht ganz sicher bin: Der Titeltrack bringt zwar Abwechslung, weil er im epischen Midtempo angesiedelt ist, man fragt sich aber, wozu dieses Stück gut ist, wenn es „Templars of Steel“ bereits zwei Jahre vor „Crimson Thunder“ gab. Denn hier sind die Ähnlichkeiten dann so offensichtlich, dass ich nicht ganz darüber hinweg sehen mag. Dabei ginge der Song an sich ja durchaus in Ordnung, aber dieses Selbstplagiat ist mir dann doch eine Schippe zu viel.

Die zweite Unsicherheit ist für mich persönlich ausgerechnet der größte Hit, den HammerFall jemals produziert haben: „Hearts on Fire“. Ist das nun gut oder kann das weg? Viel anders als der Rest der schnellen, eingängigen Nummern ist der Song ja nicht. Er ist allerdings noch viel spürbarer auf Radiotauglichkeit getrimmt als jede andere Nummer im Backkatalog der Schweden. Noch dazu ist der Text hier auch noch einmal eine Spur platter (ja, das ist möglich, man reime einfach „Fire“ und „Desire“). Und – auch nicht wegzudiskutieren – „Hearts on Fire“ wurde bereits 2002 unglaublich oft gespielt. Heute, 17 Jahre später, ist die Nummer endgültig totgenudelt, finde ich. Wie beim Titeltrack gilt auch hier: Ein Totalausfall ist der Song nicht, aber sozusagen ein Opfer der Umstände.

Nicht leicht einzuordnen.

Bei den Überlegungen zur Gesamtwertung von „Crimson Thunder“ war ich ein wenig zwiegespalten. Ja, die einzelnen Songs sind gut, aber die Höchstnote wollte ich dann doch nicht zücken. Denn eines ist auch klar: HammerFall gehen mit diesem Album so sehr auf Nummer sicher, verlassen sich so sehr auf ausgetretene Pfade, dass es fast schon unverschämt ist. Leider (oder zum Glück) sind einzelne Nummern derartige Ohrwürmer, dass man den Schweden für ihre Faulheit nicht einmal richtig böse sein kann.


Track – Titel – Länge – Wertung

metal-archives.com

  1. Riders of the Storm – 4:34 – 7/7
  2. Hearts on Fire – 3:51 – 4/7
  3. On the Edge of Honour – 4:50 – 7/7
  4. Crimson Thunder – 5:05 – 4/7
  5. Lore of the Arcane – 1:27 – 2/7
  6. Trailblazers – 4:39 – 7/7
  7. Dreams Come True – 4:03 – 6/7
  8. Angel of Mercy [Chastain-Cover] – 5:38 – 6/7
  9. The Unforgiving Blade – 3:40 – 6/7
  10. In Memoriam – 4:22 – 5/7
  11. Hero’s Return – 5:23 – 7/7
  12. Rising Force [Yngwie J. Malmsteen-Cover] – 4:31 – 5/7

Gesamteindruck: 6/7 


HammerFall auf “Crimson Thunder” (2002):

  • Joacim Cans – Vocals
  • Oscar Dronjak – Guitar, Keyboard, Backing Vocals
  • Stefan Elmgren – Guitar, Keyboard, Backing Vocals
  • Magnus Rosén – Bass
  • Anders Johannson – Drums

Anspieltipp: Trailblazers

MusikWelt: Renegade

HammerFall


HammerFall aus Schweden sind so gut in ihre Karriere gestartet, wie man es selten erlebt. Gleich dem Debüt „Glory to the Brave“ (1997) wurde bescheinigt, den wahren Metal in einer Zeit der Orientierungslosigkeit gerettet zu haben. Eine Nummer kleiner ging es wohl nicht… Umso schöner, dass das Werk tatsächlich gut war. Entsprechend hoch lag die Latte für den Zweitling „Legacy of Kings“ (1998), mit dem die Truppe ihre Leistung nicht nur bestätigen, sondern sogar nochmals übertreffen konnte. Dass auch Album Nummer 3, „Renegade“ (2000), reüssieren kann, ist ob der Qualität der Vorgänger nicht selbstverständlich – und doch schaffen es die Templer, das hohe Niveau zu halten.

Gesamteindruck: 7/7


Schwedische Hit-Fabrik.

Vorweg: Ja, diese Art von Musik ist immer cheesy. Sie ist einfach, sie tut nicht weh und es gibt kaum so etwas wie musikalische Tiefe. Das ist umgekehrt aber auch genau das, was man hören will, wenn man HammerFall & Co. auflegt. Und ja, die Schweden agieren mehr oder weniger formelhaft und Überraschungen sind Mangelware. Macht aber nichts, solange die Qualität stimmt und es schlicht und einfach Spaß macht, ein Album zu hören. Ein bisschen was von „guilty pleasure“ haben derartige Bands zwar immer, aber auch das kann mal ganz schön sein.

Nun aber zu „Renegade“, das im Gegensatz zu seinen Vorgängern nicht mit einer Highspeed-Nummer beginnt. „Templars of Steel“ ist im hymnischen Midtempo á lá „At the End oft he Rainbow“ auf „Legacy of Kings“ angesiedelt und verfügt über einen schönen, epischen Refrain. Ein sehr guter Track, aber irgendwie merkwürdig als Opener – ich hätte mir an dieser Stelle schon etwas Flotteres gewünscht. Sei’s drum, das folgende „Keep the Flame Burning“ erinnert mit seiner Kombination aus Bridge und Refrain an Helloween und zieht das Tempo an. Anhand dieses Songs kann man auch erkennen, auf welch schmalem HammerFall häufig wandern: Die Schweden leben vorwiegend von starken Refrains. Fehlt ein solcher, ist der Song mehr oder weniger für die Tonne. „Keep the Flame Burning“ ist für mein Gefühl hart an der Grenze, bleibt aber gerade noch im diesseitigen Bereich – man hat jedoch ständig das merkwürdige Gefühl, dass nicht viel gefehlt hätte und der Song wäre ein Rohrkrepierer geworden. Ja, ich weiß, „hätte, wäre…“. Ist zum Glück anders gekommen, ich wollte es aber einmal angemerkt haben – auch, weil ich weiß, dass diese Grenzerfahrung auf vielen späteren Alben von HammerFall katastrophal in die andere Richtung umschlagen sollte, wenn man sich nicht scheinbar mühelos einen zwingenden Chorus aus dem Handgelenk schütteln kann.

In Richtung Helloween schielt neben „Keep the Flame Burning“ auch „Living in Victory“, das deutlich von der deren Spätphase (mit Andi Deris am Mikro) inspiriert ist. Gefällt mir weit besser als vieles, das die Hamburger Veteranen um das Jahr 2000 herum zustande gebracht haben. Zwischen diesen beiden Nummern steht der Titeltrack, ein flotter Rocker, den man bedenkenlos auf Dauerrotation hören kann. Erwähnenswert auch, dass HammerFall hier thematisch mal Richtung Wilder Westen schielen (ähnlich wie es ihre lyrischen Vorbilder Manowar bereits 1996 mit „Outlaw“ auf „Louder Than Hell“ getan haben). Gut sind auch „The Way of the Warrior“, „Destined for Glory“ und „A Legend Reborn“ – alle drei Nummern leiden aber hinten hinaus ein wenig an gefühlt ewigen Wiederholungen des Refrains. Hier wird auch deutlich, was Kritiker der Band mit „generisch“ meinen: Keine dieser Nummern strotzt vor Kreativität, im Gegenteil, die Schweden nutzen hier die von ihnen gefundene Hit-Formel voll und ganz aus. Mir gefällt das, ich kann aber auch verstehen, wenn es dem einen oder anderen zu poppig wird.

Kaum ein Haar in der Suppe.

Was gibt es sonst noch? Der wohl schnellste Song auf „Renegade“, „The Champion“, bei dem mir der Refrain trotz seiner Eingängigkeit nicht ganz so gut gefällt und ein verzichtbares Instrumental („Raise the Hammer“). Und natürlich „Always Will Be“. Ich gebe es zu: Ich stehe (gelegentlich) auf Heavy Metal-Balladen. Und auch HammerFall haben diesbezüglich ein oder zwei Nummern in petto, die das Prädikat „empfehlenswert“ verdienen, wenn man mit einem gewissen Kitsch-Faktor leben kann. Auf „Renegade“ hört der unvermeidliche Ohrenschmeichler eben auf den Namen „Always Will Be“ und ist gar nicht übel für uns Metal-Romantiker. Zumindest bis man zum Ende hin den ohnehin recht süßlichen Text auch noch mit „Nah-nah-ha…“-Geträller kombiniert. Sorry, das ist dann eindeutig zu viel des Guten.

Misst man HammerFall an der Hit-Dichte – und das ist glaube ich durchaus legitim – ist „Renegade“ ein ähnlich großartiges Album wie sein Vorgänger. Die Spielfreude ist da, die Singalongs sind da und musikalisch ist das alles ohnehin blitzsauber. Einziges Haar in der Suppe (neben den genannten etwas schwächeren Songs): Eine gewisse Formelhaftigkeit und – für mich schwerwiegender – der Mix, der die Gitarren trotz extrem glatter Produktion zu sehr in den Hintergrund stellt. Die Riffs wären da, allerdings hört man sie oft nicht. Schade, aber auch kein Beinbruch. Daher auch die Höchstwertung für „Renegade“.

metal-archives.com


Track – Titel – Länge – Wertung

  1. Templars of Steel – 5:24 – 7/7
  2. Keep the Flame Burning – 4:40 – 6/7
  3. Renegade – 4:21 – 7/7
  4. Living in Victory – 5:40 – 7/7
  5. Always Will Be – 4:49 – 4/7
  6. The Way of the Warrior – 4:07 – 6/7
  7. Destined for Glory – 5:10 – 6/7
  8. The Champion – 4:57 – 5/7
  9. Raise the Hammer – 3:22 – 3/7
  10. A Legend Reborn – 5:11 – 6/7

Gesamteindruck: 7/7 


HammerFall auf “Renegade” (2000):

  • Joacim Cans – Vocals
  • Oscar Dronjak – Guitar, Backing Vocals
  • Stefan Elmgren – Guitar, Backing Vocals
  • Magnus Rosén – Bass
  • Anders Johannson – Drums

Anspieltipp: Renegade

MusikWelt: Viktoria

Marduk


„Viktoria“ (2018) ist nach „Panzer Division Marduk“ (1998) und „Frontschwein“ (2015) das dritte Marduk-Werk zum Thema Krieg. Während sein 1998er-Vorgänger wie ständiges Sperrfeuer aus allen Rohren klang, unterlegt von scheppernden Panzerketten, hat man für das 2015er-Album eher das Gefühl der Hoffnungslosigkeit des Infanteristen im Trommelfeuer vertont. Auf „Viktoria“ regiert hingegen der Blitzkrieg, was sich nicht nur an der extrem kurzen Spielzeit von knapp 33 Minuten festmachen lässt. 

Gesamteindruck: 4/7


Solider Blitzkrieg.

Man sieht es bereits am Cover, das verdächtig nach dem Konterfei eines Wehrmachtssoldaten aussieht und in den Farben schwarz, weiß, rot gehalten ist: Marduk machen mit „Viktoria“ nahtlos weiter, wo sie drei Jahre zuvor mit „Frontschwein“ aufgehört haben. Krieg, Provokation und nochmal Krieg dominieren zum zweiten Mal in Folge eine Platte der Norrköpinger. Eine Kopie seines direkten Vorgängers ist das 2018er-Album jedoch nicht. Ich muss allerdings konstatieren, dass „Viktoria“ nach mehreren sehr starken Releases davor eine kleine Ernüchterung ist. Ja, alles, was Marduk hier auffahren ist solide, ist geprägt von der alten Schule und klingt so, wie man es sich von den Schweden erwartet. Aber so richtig will der Funke nicht überspringen. Ein bisschen kommt es einem vor, als ob man hier Songs aus den „Frontschwein“-Sessions hören würde, die es nicht auf jenes Album geschafft haben. Das klingt hart, Fakt ist aber, dass mir kaum ein Track von „Viktoria“ so richtig und nachhaltig im Gedächtnis geblieben ist.

Am ehesten ist das noch beim Opener „Werwolf“ der Fall. Hier besingen die um keine Provokation verlegenen Schweden (auch das ist eine Leistung nach so vielen Jahrzehnten im Geschäft) die NS-Freischärler-Organisation gleichen Namens, die in der Endphase des 2. Weltkrieges hinter den feindlichen Linien operieren sollte. Thematisch ist das nun nicht sonderlich überraschend, wohl aber musikalisch: Der Song zeichnet sich durch eine ungewohnt punkige, relativ leichtfüßige Attitüde aus. Das allein hebt ihn stark vom übrigen Material auf „Viktoria“ ab; überhaupt gibt es in der Diskografie von Marduk wenig Ähnliches zu hören. So richtig überzeugend ist die Nummer leider trotzdem nicht – sie geht zwar gut ins Ohr, lässt aber beide Grundpfeiler des Marduk’schen Schaffens (Brutalität und/oder Atmosphäre) vermissen.

Nicht schlecht, aber…

Zumindest drei Tracks ragen aus dem dicht gepackten Material auf „Viktoria“ hervor: „Narva“, das im zweiten Drittel mit einer grandiosen Gitarrenmelodie ausgestattet ist. Dann der Titeltrack, der schnell und langsam kombiniert und bei dem der Bass sehr prominent zum Einsatz kommt. Meine Lieblingsnummer auf dem Album ist allerdings „The Last Fallen“, das ich als schlau komponiertes und auf Dramatik bedachtes Stück Black Metal empfinde.

Der Rest des Albums ist routiniert, schnörkellos und ohne große Aha-Erlebnisse dargebracht. Es gibt wie üblich schnelleres und langsameres Liedgut zu hören. In die erste Kategorie fallen „June 44“, das entfernt an den Sodom-Gassenhauer „Sodomy and Lust“ erinnernde „Equestrian Bloodlust“ und „The Devil’s Song“, allesamt Black Metal aus dem Lehrbuch, inklusive Blastbeats, flirrendem Riffing, räudigen Vocals und einer generell sehr angriffslustigen Stimmung. Ich könnte jetzt auch nicht so richtig festmachen, warum diese Songs schlechter sein sollen, als ähnliche Nummern aus dem Backkatalog von Marduk. Und doch klingen die Tracks irgendwie verkrampft, wollen nicht richtig zünden und krallen sich nicht recht im Gehörgang fest. Die eine oder andere Idee darin zwar schon, als Ganzes bleibt aber kaum etwas hängen.

Im Gegensatz zu vielen anderen Marduk-Veröffentlichungen schwächeln auf „Viktoria“ leider auch die langsameren Nummern. Zwei sind es an der Zahl: „Tiger I“, das sich entsprechend seinem Titel aus den Boxen walzt. Gar nicht schlecht, aber irgendwie hat man in diesem doomigen Bereich schon viel bessere Songs von den routinierten Schweden gehört. Vom Rausschmeißer „Silent Night“ ist bei mir hingegen auch nach zig Durchgängen nicht viel hängengeblieben. Gerade in Verbindung mit dem davor platzierten, ebenfalls schwachen „The Devil’s Song“, hinterlässt das am Ende einen ziemlich schalen Nachgeschmack, der sich – wenn man nicht aufpasst – auf das gesamte Album zu übertragen droht. Und das würde „Viktoria“ nun auch nicht gerecht werden.

Fazit: „Viktoria“ ist bei weitem kein schlechtes Album. Allerdings habe ich das Gefühl, dass Marduk ein bisschen müde und angestrengt klingen. Ganz generell bestärkt mich „Viktoria“ jedenfalls in der Ansicht, dass den Schweden die morbide, düstere Atmosphäre viel besser zu Gesicht steht, die ihre Platten umgibt, die nicht den Krieg zum Thema haben.


Track – Titel – Länge – Wertung

metal-archives.com

  1. Werwolf – 2:02 – 4/7
  2. June 44 – 3:49 – 5/7
  3. Equestrian Bloodlust – 2:51 – 5/7
  4. Tiger I – 4:12 – 6/7
  5. Narva – 4:31 – 5/7
  6. The Last Fallen – 4:25 – 6/7
  7. Viktoria – 3:06 – 6/7
  8. The Devil’s Song – 3:46 – 3/7
  9. Silent Night – 4:12 – 2/7

Gesamteindruck: 4/7 


Marduk auf “Viktoria” (2018):

  • D. „Mortuus“ Rostén – Vocals
  • M. Håkansson – Guitar
  • M. „Devo“ Andersson – Bass
  • F. Widigs – Drums

Anspieltipp: The Last Fallen