MusikWelt: Frontschwein

Marduk


Das 13. Album der schwedischen Urgesteine dürfte bereits beim Blick auf das Cover verschiedenste Assoziationen wecken. Beim gemeinen Metaller wird es in Richtung „typisch Marduk gehen, während der erfahrene Anhänger des Black Metal-Kommandos – je nach Gusto – eine vermeintliche Rückbesinnung auf „Panzer Division Marduk“ (1999) entweder erhoffen oder befürchten wird. Was gänzlich genrefremde Menschen von Titel und Covermotiv halten werden, bedarf wohl keiner näheren Erläuterung

Gesamteindruck: 5/7


Panzer Division 2.0?

Der Griff zur Stielhandgranate als Covermotiv, das prominent platzierte Eiserne Kreuz, ein bisschen Frakturschrift, der eine oder andere Song mit deutschem Namen und „Frontschwein“ als Titel – Marduk sind 2015, also 25 Jahre (!) nach ihrer Gründung, weiterhin voll auf Konfrontations- und Provokationskurs. Dabei darf man allerdings nicht den Fehler machen, die Schweden der Verherrlichung des wohl dunkelsten Kapitels der europäischen Geschichte zu verdächtigen. Ja, Bandboss Morgan „Evil“ Håkansson und Sänger Daniel „Mortuus“ Rostén sind augenscheinlich auf morbide Weise vom Krieg fasziniert. Welches reale Thema könnte auch böser und damit Black Metal-tauglicher sein? Eine Glorifizierung vermag ich allerdings weder in der Musik noch in den Lyrics zu erkennen. Eigentlich ist sogar das Gegenteil der Fall, der harsche Sound und die düsteren Lyrics wirken wie eine Warnung vor schrecklichen Ereignissen.

Bevor wir zur Musik kommen, ein paar generelle Worte zur Kriegsthematik bei Marduk: Der bewaffnete Konflikt gehört ja neben den Themen „Tod“ und „Blut“ zu den drei bestimmenden Faktoren der Marduk’schen Philosophie des Black Metal. Nun könnte man denken, dass ein Album namens „Frontschwein“ „typisch Marduk“ wäre. Dem ist jedoch – mit Blick auf die Diskographie der Schweden – ganz und gar nicht so. Der Tod in seinen verschiedenen – auch religiösen – Facetten herrscht im Backkatalog eindeutig vor. Letztlich gab es von 1990 bis 2015 ein einziges Werk, das vollständig dem Krieg gewidmet war: „Panzer Division Marduk“ (1999). Von „typisch“ kann in diesem Sinne also keine Rede sein. Im Übrigen sei gesagt, dass „Panzer Divsion Marduk“ mit seinen teils arg infantilen Texten meinem Verständnis nach kein ernsthafter Versuch war, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Im Gegenteil, auch abseits des gewöhnungsbedürftigen Songwritings halte ich das Album für mehr Schein (=Provokation) als Sein (=musikalische Qualität). Ganz im Gegensatz zum geistigen Nachfolger von 2015.

Lärm mit Sinn und Verstand.

Wenn man so will kann man „Frontschwein“ als in allen Belangen verbesserte Variante, als eine Art „Panzer Division 2.0“, sehen. Das beginnt schon bei der angriffslustigen und brutalen Attitüde, die man anno 2015 jedoch mit anderen Methoden erreicht. Denn das Songwriting ist kaum mit dem Getrümmer vergleichbar, das „Panzer Division Marduk“ auf Dauer dermaßen anstrengend gemacht hat. Insgesamt gehen Marduk auf „Frontschwein“ musikalisch so abwechslungsreich und ausgefeilt zu Werke, wie man es seit dem Einstieg von Frontmann Mortuus kennt (wenn man es ganz genau nimmt, kannte man Marduk schon immer relativ abwechslungsreich, dass der allgemeine Eindruck ganz anders ist, ist auch ein zweifelhafter Verdienst ihres 1999er-Albums…). Bei den Lyrics gibt man sich ebenfalls keine Blöße und setzt sich diesmal mit realen Begebenheiten des 2. Weltkrieges auseinander, was den Eindruck einer gereiften und erwachsen gewordenen Band verstärkt.

„Frontschwein“ beginnt mit dem Titeltrack. Ein heftiger Ausbruch, der den Zuhörer zu packen und mitten auf einem Schlachtfeld abzusetzen scheint. Salven aus Bass (ja, der ist einmal mehr sehr gut hörbar!), Drums (dort gab es erneut einen Wechsel, Fredrik Widigs ersetzt nach nur zwei Alben Lars Brodesson) und Rhythmusgitarre drücken unaufhörlich, scheinbar kommandiert von gebellten Befehlen Mortuus‘. Nur die eingängige Leadgitarre bringt ein wenig Erleichterung in diesem Inferno. Nach einem solchen Opener meint man, auf alles gefasst zu sein – und doch gibt es mit dem folgenden „The Blond Beast“ eine faustdicke Überraschung: Ausgerechnet der Song, in dem es um Reinhard Heydrich, einen der schlimmsten Nazi-Verbrecher überhaupt, geht (übrigens nicht zum ersten Mal bei Marduk), ist die eingängigste Nummer auf „Frontschwein“.  Dafür sorgt der für einen Black Metal-Track ungewöhnliche, rock n‘ rollige Midtempo-Rhythmus, den man auch bei neueren Werken von Satyricon immer mal wieder präsentiert bekommt. Lässt man sich auf die Kombination aus Lyrics und Musik ein, bekommt man mit „The Blond Beast“ einen der makabersten Songs präsentiert, die Marduk je geschrieben haben. Und das – kaum zu glauben – weder mit Blastbeats noch in schleppendem Doom.

Nach diesem starken Auftakt geht es im Prinzip im Wechsel zwischen schnell und langsam weiter. Den Highspeed-Attacken ist eine gewisse Nähe zu „Panzer Division Marduk“ nicht abzusprechen, was Intensität und Brutalität betrifft. Kompositorisch hätten Songs wie „Afrika“, „Rope of Regret“ oder die unglaubliche Attacke auf Mortuus‘ Stimmbänder, „Thousand-Fold Death“, auf „Panzer Division Marduk“ definitiv zu den besten Nummern gehört – eben, weil sie trotz ähnlicher Brutalität einfach viel, viel besser komponiert sind. Insbesondere gilt das für „Falaise: Cauldron of Blood“, das einen hörenswerten Spagat zwischen brutal und düster-erhaben schafft.

Für jeden, der sich ein bisschen genauer mit Marduk beschäftigt hat, dürfte es wenig überraschend sein, dass auch die langsameren Stücke überzeugen können. Vor allem „Wartheland“ und „Nebelwerfer“ seien hier genannt, die unterschwellig eine gehörige Portion Angst mittransportieren. Zu den eher gemächlichen Nummern gehört auch „503“, das musikalisch nichts mit dem quasi-Vorgänger „502“ auf „Panzer Division Marduk“ gemein hat. Wohl aber inhaltlich, denn auch diese Zahl bezieht sich auf eine schwere Panzerabteilung im 2. Weltkrieg.

Einziger Song, der auf „Frontschwein“ aus meiner Sicht ein wenig abfällt, ist das lange „Doomsday Elite“. Somit haben wir es bei Album Nummer 13 erneut mit einer sehr guten Scheibe zu tun, die zwar nicht ganz an meine persönlichen Favoriten „Rom 5:12“ (2007), „Wormwood“ (2009), „Nightwing“ (1998) und „Opus Nocturne“ (1994) herankommt, aber dennoch weit vorne in der Marduk-Diskographie angesiedelt ist. Chapeau!

Abschließend noch ein Wort zum Sound: Die Vorgänger von „Frontschwein“, insbesondere „Serpent Sermon“ (2013), waren over the top, was die Produktion betrifft. Das dürfte das Maximum gewesen sein, das bei einer Black Metal-Truppe an klarem Sound rauszuholen war, ohne zu poliert zu klingen. Für „Frontschwein“ haben die Schweden hörbar einen Schritt zurück gemacht. Das Album ist dreckiger, kälter und damit näher an den klassischen Produktionen der 2. Black Metal-Generation als alles, was Marduk seit der Jahrtausendwende auf den Markt gebracht haben. Gleichzeitig ist ihnen das Kunststück gelungen, trotz eines gewissen Rumpelfaktors modern und differenziert zu klingen. Als tontechnischer Laie tue ich mir schwer, das zu erklären – in meinen Ohren ist es jedenfalls so, dass für „Frontschwein“ der perfekte Sound für diese Art von Musik und das inhaltliche Thema gefunden wurde. Das hätte ich eigentlich nicht für möglich gehalten, auch, weil mir warme, volle Produktionen eigentlich lieber sind. Hier zeigen Marduk aber mal eben dem gesamten Genre, wie Black Metal in den 2010ern klingen kann, nein, klingen muss, ohne wahlweise dilettantisch, kommerziell oder schablonenhaft rüberzukommen. Nochmal Chapeau, mehr kann man dazu kaum sagen.


Track – Titel – Länge – Wertung

metal-archives.com

  1. Frontschwein – 3:13 – 6/7
  2. The Blond Beast – 4:26 – 6/7
  3. Afrika – 4:00 – 5/7
  4. Wartheland – 4:17 – 6/7
  5. Rope of Regret – 3:52 – 5/7
  6. Between the Wolf-Packs – 4:28 – 5/7
  7. Nebelwerfer – 6:17 – 7/7
  8. Falaise: Cauldron of Blood – 4:58 – 7/7
  9. Doomsday Elite – 8:11 – 4/7
  10. 503 – 5:12 – 5/7
  11. Thousand-Fold Death – 3:45 – 6/7

Gesamteindruck: 5/7 


Marduk auf “Frontschwein” (2015):

  • Mortuus – Vocals
  • Morgan – Guitar
  • Devo – Bass
  • Widigs – Drums

Anspieltipp: Nebelwerfer

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FilmWelt: Heavy Trip

Finnland ist in Sachen Film ja nicht unbedingt für internationale Großproduktionen bekannt, sieht man mal vom Überraschungserfolg „Iron Sky“ (2012) ab. Daran wird „Heavy Trip“ (2018) vermutlich nicht viel ändern – zu zielgruppenspezifisch dürfte die Komödie aus dem Land der Tausend Seen sein. Dabei haben die Regisseure Juuso Laatio und Jukka Vidgren eine liebevolle Hommage an ein Genre, das sich in weiten Teilen immer noch hartnäckig weigert, erwachsen zu werden, geschaffen. Und das ist ihnen so gut gelungen, dass nicht nur Heavy Metal-Fans ein Auge riskieren sollten.

Gesamteindruck: 6/7


Kuuuuuusaaamooo!

Heavy Metal besteht als Subkultur mittlerweile seit gut 40 Jahren. Vieles hat sich in dieser Zeit geändert – und doch sind die Grundzüge der einst so rebellischen Jugendbewegung nach wie vor da. Ja, heute ist die Musikrichtung abwechslungsreicher und letztlich beliebter als je zuvor, was längst einen Grad an Professionalisierung nach sich gezogen hat, der früher undenkbar gewesen wäre. Gleich geblieben ist hingegen, dass die beste und ehrlichste Musik weiterhin ihren Ursprung weiterhin in elterlichen Garagen und improvisierten Proberäumen hat – allen Casting-Shows und ähnlichen Massenphänomenen zum Trotz. Und immer noch werden Metalheads in ihrer Jugend oft als Außenseiter belächelt, immer noch sind diejenigen, die Pop und Schlager machen, die in fast allen Belangen Erfolgreicheren.

Inhalt in Kurzfassung
In einem kleinen Dorf, irgendwo im ländlichen Finnland, proben vier Freunde seit fast 20 Jahren als namenlose Band. Zu einem Auftritt haben es die sympathischen Außenseiter in all der Zeit nie gebracht. Als der Zufall den Manager eines norwegischen Festivals in ihre Gegend führt, spielen sie ihm eine Demokassette zu, in der Hoffnung, so entdeckt zu werden. Schnell macht im Dorf das Gerücht die Runde, die kurzerhand Impaled Rektum (!) benannte Band stünde kurz vor einem großen Auftritt – und schon werden aus den Außenseitern gefeierte Helden. Dass der Weg an die Spitze nicht so einfach ist, müssen die vier allerdings schneller feststellen als ihnen lieb ist.

Wer sich als Regisseur einer in sich geschlossenen Kultur wie dem Heavy Metal nähern möchte, muss vorsichtig sein. Der größte Teil des Zielpublikums ist innerhalb der Szene zu finden und schätzt es gar nicht, mit einer plumpen Persiflage konfrontiert zu werden. Glücklicherweise machen die Regisseure Juuso Laatio und Jukka Vidgren in ihrem ersten abendfüllenden Spielfilm alles richtig. Sie schaffen es, die Besonderheiten und liebenswerten Schrullen so gut einzufangen, dass man sich als Metalhead zu keinem Zeitpunkt verarscht fühlt. Da gibt es den Typen, der jeden Songtitel der vergangenen 30 Jahre auswendig kennt, da gibt es die absonderlichsten Genre-Bezeichnungen, da gibt es die typischen Outfits, das Corpsepaint und den ständigen Konflikt mit den Normalos. Ja, all das ist teilweise überzeichnet. Und doch ist es so, dass sich jeder, der sich jemals – und sei es auch nur kurz – in der Szene bewegt hat, sich in dem einen oder anderen Aspekt von „Heavy Trip“ wiederfinden wird. Übrigens: Laatio und Vidgren haben sich vor „Heavy Trip“ mit Musikvideos, z.B. für die finnische Melodic Death Metal-Band Kalmah, einen Namen gemacht; sie sind also nicht ganz unbeleckt, was das Thema betrifft – und das merkt man auch sehr deutlich.

Fast durchgehend brillant.

Dass in einem solchen Film der Soundtrack eine wichtige Rolle spielt, sollte nicht überraschen. Neben diversen Metal- und Rock-Klassikern, die im Hintergrund gespielt werden, wurde der Score von Lauri Porra komponiert, seines Zeichens Bassist der finnischen Power Metaller Stratovarius. Die beeindruckendste Nummer im Film ist eine Cover-Version des Amorphis-Gassenhauers „Kuusamo“. Sollte man in der Variante von Impaled Rektum definitiv gehört haben.

Gedreht wurde großteils in einem Dörfchen im Nordosten Finnlands, entsprechend authentisch sieht die Gegend aus. Generell sind die Bilder, die man in „Heavy Trip“ zu sehen bekommt, dem starken Soundtrack zumindest ebenbürtig, fangen sie doch perfekt den starken Kontrast zwischen der wunderschönen skandinavischen Natur und der Trostlosigkeit des Dorfes irgendwo im Nirgendwo ein. Zur Auswahl der Darsteller kann man ebenfalls nur gratulieren. Jede einzelne Rolle wurde gut besetzt und die weitgehend unbekannten, finnischen Mimen machen ihre Sache ausgezeichnet. Man lacht, bangt und hofft mit den Helden, man hasst die Bösewichte (ganz klassisch: der Dorfpolizist und ein Schnulzensänger) – kurz: Man nimmt jeder Figur ihre Rolle ab.

Dass die Schauspieler überzeugen ist natürlich auch dem Drehbuch zu verdanken, das erstaunlich konventionell daherkommt. Aber auch, wenn Überraschungen fehlen und es manchmal arg vorhersehbar wird, gibt es hier nicht viel zu meckern – die Handlung setzt auf solide Komödien-Kost mit Road Movie- und Coming-of-Age-Anleihen. Der Humorfaktor ist sehr hoch, ich habe das Gefühl, durchgehend gelacht zu haben. Damit man wirklich jeden Gag mitnehmen kann, ist es an dieser Stelle allerdings von Vorteil, wenn man zumindest ein bisschen bewandert ist, was Szene und Musik angeht.

Kleinere Längen.

Nach so viel Lob muss aber auch ein bisschen Kritik erlaubt sein. Dass der Film zum Teil sehr vorhersehbar ist, habe ich erwähnt. Dementsprechend zündet auch nicht jede Idee, auf manche Situation wird man gefühlt minutenlang vorbereitet. Lustig sind die Gags freilich trotzdem, aber an einigen Stellen hätte man sich doch etwas mehr Einfallsreichtum gewünscht. Zweiter Kritikpunkt ist die eine oder andere Szene, die den Eindruck erweckt, der Film hätte künstlich auf über 90 Minuten gestreckt werden sollen. Gerade zum Schluss hin wird das eigentlich angenehme, sehr flotte Erzähltempo etwas gedrosselt. Zwar ist das Finale dann wieder recht rasant, doch die angezogene Handbremse im letzten Viertel hinterlässt im Nachgang einen etwas bittereren Geschmack als der Film verdient hat.

Dennoch: „Heavy Trip“ ist ein sehr gelungener Film, dem man jedem Heavy Metal-Fan, aber auch jedem anderen, der auch nur ein bisschen Sympathie für die Szene mitbringt, bedenkenlos empfehlen kann.

Gesamteindruck: 6/7


Originaltitel: Hevi Reissu
Regie: Juuso Laatio, Jukka Vidgren
Jahr: 2018
Land: Finnland, Norwegen
Laufzeit: 91 Minuten
Besetzung (Auswahl): Johannes Holopainen, Samuli Jaskio, Max Ovaska, Antti Heikkinen, Minka Kuustonen, Ville Tiihonen, Chike Ohanwe



 

MusikWelt: Glory to the Brave

HammerFall


Unter Historikern und Zeitzeugen herrscht weitgehend Konsens: Mitte der 1990er war der klassische Heavy Metal am Boden. Das betraf praktisch all seine traditionellen Spielarten: Den unverwüstlich geglaubten Thrash Metal, den nach unkontrolliertem Wachstum gerade in Gesundschrumpfung begriffenen Death Metal, die schwächelnde NWoBHM sowie den melodischen Power Metal, der komplett „out of fashion“ war. Der Black Metal der 2. Generation hatte sein hässliches Gesicht noch nicht aus dem Untergrund erhoben, Grunge war mit Kurt Cobain gestorben und der Glam Rock an Axl Rose zerbrochen. Selbst einfache, erdige Rockmusik, wie sie Motörhead oder AC/DC boten, fristete ein Nischen-Dasein. Crossover, Alternative, Gothic und der unsägliche Nu Metal dominierten die Szene. Doch 1997 sollte sich all das zum Besseren wenden – und die Schweden HammerFall wurden mit ihrem Debüt „Glory to the Brave“ als Speerspitze der Rückbesinnung auf alte Werte gesehen.  

Gesamteindruck: 6/7


Eine Art Neuanfang.

Sieht man sich die Veröffentlichungen des Jahres 1997 an, muss man retrospektiv tatsächlich von einer Zäsur sprechen. Die Liste ist geradezu unglaublich: Neben HammerFall debütierten Children of Bodom mit „Something Wild“, Nightwish mit „Angels Fall First“ und Rhapsody mit „Legendary Tales“. Außerdem erschienen spätere Klassiker, darunter „Enthrone Darkness Triumphant“ von Dimmu Borgir, „Anthems to the Welkin at Dusk“ von Emperor, „Blizzard Beasts“ von Immortal, „Whoracle“ von In Flames, „Visions“ von Stratovarius, „Sehnsucht“ von Rammstein, „Somewhere Out in Space“ von Gamma Ray und „Kingdom of Madness“ von Edguy. Eine derartige Trefferquote lässt  1997 gab es also einen geradezu gigantischen Ausbruch an Kreativität in verschiedensten Genres, der Voll- und Halbkatastrophen des gleichen Jahrganges, z.B. „Jugulator“ von Judas Priest„ReLoad“ von Metallica„Outcast“ von Kreator oder das HIM-Debüt „Greatest Lovesongs Vol. 666“ praktisch komplett vergessen macht. Und doch war es im Nachgang so und ist bis heute common sense, dass man vor allem das Mitte des Jahres erschienene „Glory to the Brave“ nennt, wenn es um die Rückkehr des wahren Heavy Metal zu alter Größe geht. Man kann diskutieren, ob zu Recht oder nicht – es ist jedenfalls unbestritten dass HammerFall damit praktisch aus dem Nichts einen Volltreffer landen konnten, dem weitere folgen sollten.

Dass sich die Schweden großzügig bei Anderen bedient haben, ist natürlich nicht zu verleugnen: Manowar und Judas Priest standen bei der Wahl der Outfits Pate (übrigens war speziell der dürre Oscar Dronjak in seiner Lederkluft ein Anblick zum Fremdschämen) und haben sicher auch zu den Lyrics inspiriert. Musikalisch wurden Erinnerungen an alte Helloween-Herrlichkeit und – wieder – Judas Priest geweckt. Das Gefühl eines Plagiats hatte man bei HammerFall dennoch nicht. Man darf nicht vergessen, wie lange ihre Vorbilder 1997 bereits im Geschäft waren – deren jugendlicher Übermut war schon lange verflogen und sie hatten sich auf teils haarsträubende Irrwege begeben. Demgegenüber spielten HammerFall unbekümmert und energiegeladen auf, was genau den Nerv der darbenden Kuttenträger traf. Mit einem derartigen Erfolg wird in einer Zeit, in der es hieß „Solos sind out!“ (O-Ton eines „Freundes“, der Korn für das Nonplusultra hielt) niemand gerechnet haben, was auch heute gelegentlich geäußerte Vorwürfe wie „Reißbrett-Metal“ oder „generisch“ ins Leere laufen lässt.

Starkes Debüt – aber nicht perfekt.

Ich hoffe, mit dieser recht langen Vorgeschichte konnte ich einigermaßen herausarbeiten, wie sich mir die Szene 1997 darstellte. Vielleicht auch um selbst zu begreifen, wieso HammerFall damals so auftrumpfen konnten. Denn – und damit kommen wir jetzt endlich zu „Glory to the Brave“ – aus heutiger Sicht betrachtet ist deren Debüt zwar sehr, sehr stark, aber gar nicht so nachhaltig, wie man durch die rosarote Retro-Brille vielleicht meinen könnte. Die Göteborger waren aber definitiv zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

„Glory to the Brave“ wird meiner Ansicht nach aus drei Fixpunkten zusammengehalten: Der Opener „The Dragon Lies Bleeding“, bis heute einer meiner liebsten HammerFall-Songs, geht voll nach vorne und macht schlicht und einfach enorm viel Spaß. Hohe Geschwindigkeit paart sich mit einem enorm eingängigen Refrain und einem Text, der eine einzige Aneinanderreihung von Klischees ist (aber selbst das passt irgendwie, weil damals bierernste Themen die Szene dominierten und man sich ein bisschen nach Fantasy, Drachen und Helden sehnte). Der zweite Ohrenschmaus hört auf den Namen „HammerFall“ und ist – unschwer zu erraten – die Bandhymne schlechthin. Etwas variantenreicher als „The Dragon Lies Bleeding“ und mit einem getragenen (man könnte auch sagen: pathetischeren) Heldenchor ausgestattet. Ganz wunderbare Nummer und zu Recht bis heute ein Klassiker. Und dann noch der Titeltrack, der zum Schluss kommt und noch einmal von ganz anderem Schlag ist: Eine unglaublich kraftvolle Halbballade mit epischen Refrain, fettem Chor und verhältnismäßig komplexem Songwriting (zur Klarstellung: wirklich komplex oder progressiv ist bei HammerFall selten etwas – und das ist ganz gut so!). Das ist auch heute noch ein Song, der Gänsehaut erzeugt.

Diese drei Nummern sind dermaßen stark, dass der Rest des Albums zwangsläufig ein wenig untergeht. Genau genommen und mit einem Abstand von über 20 Jahren betrachtet, ist „Glory to the Brave“ ein ständiges Auf & Ab. Nach „The Dragon Lies Bleeding“ kommt mit „The Metal Age“ eine etwas langsamere Nummer, die mich nicht sonderlich überzeugt, bevor es mit „HammerFall“ wieder steil bergauf geht, nur um danach mit „I Believe“ die Pflicht zur Ballade mehr schlecht als recht zu erfüllen (auf diesem Sektor konnten HammerFall später massiv zulegen). Danach gibt es mit „Child of the Damned“ ein zwar brauchbares, aber kaum essenzielles Warlord-Cover, bevor mit „Steel Meets Steel“ ein halbwegs guter und mit „Stone Cold“ ein sehr guter Track folgen. Bevor es dann ins große Finale geht, gibt es noch „Unchained“, das gute Ansätze hat, alles in allem aber nicht ganz zünden kann.

Technisch beschlagen.

Nun noch ein paar Worte zu den technischen Fähigkeiten der Band: Zunächst sind die Hauptsongwriter Oscar Dronjak und Joacim Cans für ein Debüt ausgesprochen gut unterwegs, hier aber noch mit gewaltiger Unterstützung von Jesper Strömblad (der im selben Jahr mit seiner damaligen Stammband In Flames ebenfalls abräumen konnte). Besonders die Riffs sind hervorzuheben – ob die nun von Strömblad stammen (der hat ja eigentlich die Credits für die Drums, ohne überhaupt auf dem Album gespielt zu haben) oder Marke Eigenbau sind, entzieht sich meiner Kenntnis, sie sind jedenfalls großartig. Produziert ist das Album natürlich blitzsauber, vielleicht sogar ein bisschen zu clean, wobei genau das sicher auch viel zum Erfolg beigetragen hat und mich eigentlich nicht stört. Die Melodien sind natürlich cheesy, aber schwer in Ordnung; das war ja immer schon ein Abgrenzungsmerkmal zwischen europäischem (z.B. Stratovarius, Helloween) und amerikanischem (v. a. Manowar, Iced Earth) Power Metal.

Bleibt noch der Gesang, an dem sich schon damals ein wenig die Geister geschieden haben. Bei mir im Freundeskreis war man eher negativ eingestellt, es fielen Worte wie „Luft im Sack“ (übrigens nicht nur über Joacim Cans, auch Alexi Laiho von Children of Bodom wurde Ähnliches attestiert). Ich selbst fand Cans immer recht passend zur Musik, denke, dass er technisch sehr beschlagen ist, das allerdings nur in seiner üblichen Stimmlage. Varianten gibt es bei ihm kaum, das ist speziell auf den ersten Alben deutlich zu bemerken. Von allen zeitgenössischen Power Metal-Sängern dürfte Cans die „sauberste“ Stimme haben. Ob das nun gefällt oder nicht kann nur Geschmackssache sein.

„Glory to the Brave“ im 1997er-Vergleich.

Abschließend möchte ich nochmal auf die Qualität von „Glory to the Brave“ im Vergleich zu den oben genannten, zeitgenössischen Platten zu sprechen kommen. 1997 habe ich das HammerFall-Debüt rauf und runter gehört und sehr genossen. Retrospektiv war die Langzeittauglichkeit aber bei jedem der von mir positiv hervorgehobenen Alben höher – Ausnahme: „Angels Fall First“ (Nightwish) Das beste Debüt in jenem Jahr haben meiner Meinung nach Rhapsody fabriziert, beim besten Album insgesamt bin ich hin- & hergerissen zwischen „Sehnsucht“ (Rammstein), „Enthrone Darkness Triumphant“ (Dimmu Borgir) und „Anthems to the Welkin at Dusk“ (Emperor). Dazu sei bemerkt, dass das 1997 nicht so war und sich erst später mit fortschreitendem Musikgeschmack so ergeben hat. „Glory to the Brave“ war als Gesamtwerk jedenfalls nur so lange hochinteressant, bis 1998 der Nachfolger „Legacy of Kings“ erschien – oder bis ich 1997 etwas anderes entdeckt habe, das mich noch mehr überzeugen konnte.

Letztlich bringt „Glory to the Brave“ eine Erkenntnis, die sich durch die Karriere von HammerFall ziehen sollte: Die Göteborger leben von starken Refrains. Gelingen ihnen die nicht zu 100% wird es schwierig. Das ist ein schmaler Grat, den sie auf ihrem Debüt zumindest bei drei Nummern perfekt meistern. Weil 6 der 9 Stücke den test of time aber nicht ganz so gut bestehen, fehlt auf Albumlänge ein Quentchen zu dem, was sie später auszeichnen sollte. Auch, wenn eine so retrospektive Betrachtung unfair erscheinen mag und ich das 1997 anders gesehen habe.


Track – Titel – Länge – Wertung

metal-archives.com

  1. The Dragon Lies Bleeding – 4:22 – 7/7
  2. The Metal Age – 4:27 – 4/7
  3. HammerFall – 4:45 – 6/7
  4. I Believe – 4:49 – 3/7
  5. Child of the Damned [Warlord Cover] – 3:40 – 7/7
  6. Steel Meets Steel – 3:58 – 5/7
  7. Stone Cold – 5:40 – 6/7
  8. Unchained – 5:34 – 4/7
  9. Glory to the Brave – 7:20 – 7/7

Gesamteindruck: 6/7 


HammerFall auf “Glory to the Brave” (1997):

  • Joacim Cans – Vocals
  • Oscar Dronjak – Guitar, Backing Vocals
  • Glenn Ljungström – Guitar
  • Fredrik Larsson – Bass, Backing Vocals

Anspieltipp: The Dragon Lies Bleeding

MusikWelt: Serpent Sermon

Marduk


Mit „Serpent Sermon“ feierten Marduk 2012 ihre Rückkehr zu Century Media. Das deutsche Label war bereits 2001 für „La Grande Danse Macabre“ Heimat der schwedischen Black Metal-Institution. Ein schlechtes Omen? Immerhin war eben jene Platte eine der schwächsten im gesamten Backkatalog der Band. Von einem derartigen Rohrkrepierer oder auch der kaum besseren „Plague Angel“ (2004) ist „Serpent Sermon“ zum Glück weit entfernt. Aber auch wenn die Norrköpinger voll auf Kurs bleiben und erneut abliefern, können sie nicht ganz an die großartigen Vorgänger „Rom 5:12“ (2007) und „Wormwood“ (2009) anknüpfen. 

Gesamteindruck: 5/7


Marduk bleiben auf Kurs.

Nach den ersten Durchläufen des 12. Marduk-Longplayers steht eines fest: „Serpent Sermon“ führt den stilistischen Ansatz weiter, den die Schweden seit dem Einstieg von Sänger Mortuus verfolgen. Wie auf den vorangegangenen Alben ist Abwechslung Trumpf: Einfache Nummern wie „Messianic Pestilence“ oder „Gospel of the Worm“ treffen auf komplexere Kompositionen („Souls for Belial“, „Damnations’s Gold“), ultraschnelle Raserei auf düster-hypnotische Langsamkeit, Brutalität auf Melodie. Diese Bausteine kannte man von Marduk schon früher, allerdings haben sie es erst ab dem 2. Album mit Mortuus am Mikro geschafft, auch auf Albumlänge damit zu überzeugen.

Auf „Serpent Sermon“ gelingt das über weite Strecken ebenfalls. Wie bei Marduk üblich, kristallisiert sich bereits beim ersten Durchlauf der eine oder andere Hit heraus. In diesem Fall zunächst der gleich als Nummer 1 platzierte Titeltrack, der im Refrain mit einer epischen, an die Landsmänner von Amon Amarth (!) erinnernden Melodie aufwartet. Ich weiß, ich weiß, das widerspricht der reinen Lehre, was aber auch nichts daran ändert, dass sich Gitarren und Gesang ins Hirn fräsen und dort bleiben. Ob man das von einer Black Metal-Truppe hören will oder nicht – hier gibt es Ohrwurm-Alarm wie seit dem Titeltrack von „World Funeral“ (2003) nicht mehr. Der zweite quick win auf „Serpent Sermon“ hört auf den merkwürdigen Namen „M.A.M.M.O.N“ und ist im Gegensatz zum geradlinigen Opener etwas komplexer komponiert. Nicht ganz so flott, greift der Song aber auf ein ähnliches Gitarrenthema zurück, das ebenfalls direkt ins Ohr geht.

Was spätestens an dieser Stelle – eigentlich aber über die gesamte Spielzeit – auffällt: Mortuus, seit seinem Einstieg bei Marduk immer außerordentlich abwechslungsreich und eigenständig unterwegs, klingt auf „Serpent Sermon“ oft wie ein gewisser Herr aus Norwegen, der sich sein Pseudonym aus „Herr der Ringe“ entlehnt hat. Nicht, dass ich dessen Gesangsstil per se ablehne – allerdings nimmt das dem Marduk-Shouter viel von seiner unnahbar-düsteren Stimmfarbe. Ich könnte mir gut vorstellen, dass sich die Marduk-Platten nach dem Ausstieg von Legion genau so angehört hätten, wenn Mortuus nicht eigenständig agiert, sondern sich an seinem Vorgänger orientiert hätte. Alles in allem eine merkwürdige Konstellation, wie ich finde. Raubt „Serpent Sermon“ in meinen Ohren ohne Not eine ordentliche Schippe Finsternis. Übrigens gilt das auch für die wohl glatteste Produktion, die jemals auf einem Marduk-Album zu hören war. Ich bin nun wirklich niemand, der sagt, Black Metal muss immer so nekro wie möglich klingen – aber „Serpent Sermon“ ist dermaßen auf Hochglanz poliert, dass man zumindest technisch schon fast von Massentauglichkeit sprechen könnte. So richtig will mir das im Zusammenhang mit den Themen, die die Schweden so bearbeiten, nicht gefallen, muss ich ehrlich zugeben.

Kaum Schwachstellen auszumachen.

Doch zurück zur Musik. Abgesehen von den genannten Nummern gibt es weitere starke Songs, was sich allerdings erst nach diversen Durchläufen bemerkbar macht. Ein Beispiel für das hervorragende Songwriting der Post-Legion-Ära ist das finale „World of Blades“, das es schafft, alle Facetten von Marduk in einem Song zu vereinen. Eine ganz große Nummer – auch, wenn ich mich gefragt habe, ob da nicht wieder Alan „Nemtheanga“ Averill von Primordial die Finger im Spiel gehabt hat – denn an dessen Band erinnert der Anfang des Songs überdeutlich. Davon ist aber nirgends etwas zu lesen. Außerdem gut: Das düster-schleppende „Temple of Decay“ und das raffiniert geschriebene Black Metal-Geprügel „Into Second Death“.

Der Rest von „Serpent Sermon“ ist durchaus gefällig – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Am wenigsten gefallen mir persönlich die 2. Auskoppelung „Souls for Belial“, die nie so richtig in Fahrt kommt und nicht zu Ende gedacht wirkt und das zwar komplexe, aber wohl etwas überambitionierte „Damnation’s Gold“. Dann gibt’s noch „Hail Mary (Piss-Soaked Genuflexion)“, das schon am Titel erkennen lässt, was hier gespielt wird. Schließlich noch „Messianic Pestilence“ und „Gospel of the Worm“, die klassischen Marduk-Highspeed bieten, im Endeffekt aber nichts sind, was man immer mal wieder von den Schweden gehört hat. Einen Totalausfall gibt es auf dem Album jedoch nicht und damit ist ihm ein Platz relativ weit vorne in der Diskographie sicher. Eine gewisse Zeit braucht „Serpent Sermon“ allerdings zum Reifen, das sollte man sich stets vor Augen halten. Aber auch dann bleibt es vom Gesamteindruck her etwas hinter seinen Vorgängern zurück. Ohne wirklich schlecht zu sein, wohlgemerkt.


Track – Titel – Länge – Wertung

metal-archives.com

  1. Serpent Sermon – 4:38 – 5/7
  2. Messianic Pestilence – 2:50 – 4/7
  3. Souls for Belial – 4:47 – 3/7
  4. Into Second Death – 5:11 – 6/7
  5. Temple of Decay – 5:25 – 7/7
  6. Damnation’s Gold – 6:48 – 3/7
  7. Hail Mary (Piss-Soaked Genuflexion) – 3:27 – 4/7
  8. M.A.M.M.O.N. – 3:30 – 6/7
  9. Gospel of the Worm – 2:37 – 5/7
  10. World of Blades – 7:09 – 7/7

Gesamteindruck: 5/7 


Marduk auf “Serpent Sermon” (2012):

  • Mortuus – Vocals
  • Morgan – Guitar
  • Devo – Bass
  • Lars – Drums

Anspieltipp: World of Blades

FilmWelt: Shutter Island

„Shutter Island“ (2010) ist die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Dennis Lehane (2003). Ein Blick auf die am Film beteiligten Personen lässt Großes hoffen: Regie führte der legendäre Martin Scorsese, die Hauptrolle übernahm Oscar-Preisträger Leonardo DiCaprio. Und auch die Nebendarsteller Ben Kingsley, Max von Sydow und Mark Ruffalo sind hoch angesehen und dürfen diverse Awards ihr Eigen nennen. Allein: Trotz geballter Starpower konnte mich „Shutter Island“ nicht voll und ganz überzeugen.

Gesamteindruck: 4/7


Kommt nicht richtig in Fahrt.

Martin Scorsese zieht alle Register der Filmkunst, um die Irrenanstalt auf der Insel so düster und abweisend wie möglich zu präsentieren. Geistig und körperlich deformierte Patienten, ständig schlechtes Wetter und die passende Geräuschkulisse zeichnen ein trostloses Bild einer abgelegenen Irrenanstalt. Damit schlägt „Shutter Island“ den Zuseher sofort in den Bann – der allerdings nicht bis zum Schluss aufrecht erhalten werden kann. Übrigens: Ich habe die Romanvorlage nicht gelesen – sollte ich vielleicht nachholen, denn ich kann jetzt natürlich nicht sagen, ob meine Probleme mit dem Film von der Vorlage herrühren. Grundsätzlich liest sich die Handlung jedenfalls interessant, es liegt also nicht an der Story, dass ich nicht ganz zufrieden bin.

Inhalt in Kurzfassung
Auf Shutter Island befindet sich das Ashecliffe Hospital für geistig abnorme Rechtsbrecher. Dort untersuchen die US-Marshals Edward „Teddy“ Daniels und Chuck Aule im Jahre 1954 das spurlose Verschwinden einer Patientin. Im Zuge der Nachforschungen wird in Kriegsveteran Daniels der Verdacht immer größer, dass auf der Insel Menschenversuche durchgeführt werden – ähnlich, wie er es bei seiner Teilnahme an der Befreiung des KZ Dachau gesehen hat. Ausgelöst durch dieses Trauma leidet er immer stärker unter Wahnvorstellungen und Alpträumen und es fällt im zunehmend schwer, Wirklichkeit und Halluzinationen zu unterscheiden.

Klingt ja durchaus spannend. Und deshalb beginnen wir auch mit den guten Nachrichten: Leonardo DiCaprio spielt seine Rolle einmal mehr sehr gut. Man nimmt ihm den von Kopfschmerzen und Alpträumen gepeinigten Ermittler zu jeder Zeit ab. Großartige Leistung eines Schauspielers, bei dem die Zunahme an Erfahrung tatsächlich auch mit immer besseren Auftritten einhergeht. Wer hätte diese Entwicklung 1997 erwartet, als sich der junge Mann auf der Titanic einschiffte und auf höchst kitschige Weise mit ihr unterging? Ich jedenfalls nicht.

In „Shutter Island“ neben Leonardo DiCaprio zu bestehen fällt dem restlichen Cast folgerichtig relativ schwer. Wobei es verfehlt wäre, den Kollegen Mängel bei der Schauspielerei zu unterstellen; ich denke, dass jeder, der in diesem Film mitspielt, sein Handwerk ausgezeichnet beherrscht. Leider wird das nicht so deutlich, wie ich es mir gewünscht hätte, was aber nicht an den Akteuren, sondern an ihren Rollen bzw. dem Drehbuch liegen dürfte. Dazu ist aber auch zu sagen, dass es die letzte Wendung des Films mit sich bringt, dass die Nebenbesetzung so agiert wie sie es tut – wenn das Absicht war, ist das schon wieder eine grandiose Herangehensweise.

Ebenfalls positiv: Weite Teile des Films erinnern sehr angenehm an einen klassischen Film noir – die Detektivarbeit, die Trenchcoats und Hüte der Marshals, der ständige Regen. Diese Verbeugung von Scorsese vor einem Kapitel Filmgeschichte wirkt zu jeder Zeit authentisch und respektvoll. Sehr gut gemacht!

Kein schlechter Film, aber…

Und überhaupt: „Shutter Island“ ist keineswegs ein schlechter Film. Dazu ist der Regisseur zu gut, die Darsteller zu routiniert, die Geschichte zu gefällig. Vielleicht liegt es auch nur an meinen eigenen Erwartungen, vielleicht fehlt mir letztlich das Verständnis für die Zitate, in denen sich der Film bewegt. Wie auch immer, mich hat „Shutter Island“ trotz der genannten Stärken leicht enttäuscht zurückgelassen.

Ein Problem ist die Grundprämisse der Story: Eine Kindermörderin verschwindet spurlos aus ihrer Zelle, die von außen verschlossen war. Das Ganze auf einer Insel, die sie nicht verlassen haben kann. Um sie zu suchen, werden die US-Marshals angefordert. Ich weiß nicht, warum, aber ich hatte von Anfang an mit der Glaubwürdigkeit dieser Geschichte zu kämpfen. Auch wenn ich retrospektiv natürlich weiß, dass nicht alles so ist, wie es in „Shutter Island“ anfangs scheint, kommt es mir fast vor, als würde hier ein kleiner, aber wichtiger Baustein fehlen. Die Frage nach dem „Warum“ wird zum Schluss zwar irgendwie beantwortet, das nutzt nur nicht viel, wenn der ganze Aufbau nicht so richtig überzeugt. Ich verstehe sogar, was Martin Scorsese hier bewerkstelligen wollte – irgendwie. Aber das ändert leider nichts daran, dass ich das Gefühl habe, dass viel Potential verschenkt wurde.

Davon abgesehen entwickelt sich die Handlung zunächst gut. Der Schauplatz wird gut, die Hauptperson zufriedenstellend vorgestellt. Leider wird die Geschichte selbst schnell viel vorhersehbarer als man erwarten würde. Am Ende gibt es den dann zwar großen Plot-Twist, der bei mir aber fast wirkungslos verpufft, weil er wahrlich keine Überraschung ist. Ob das so gemacht wurde, weil der Weg das Ziel ist? Wenn dem so wäre, fehlt es diesem Weg an Substanz.

Und so entwickelt sich „Shutter Island“ zu einem meist spannenden Thriller mit kleineren Längen, über die man aber hinwegsehen kann. Zeitweise verwirrt der Film, soll er natürlich auch. Dennoch ist das größte Manko, dass die Story nicht so richtig in Fahrt kommt. Die Art, wie der Film aufgebaut ist, verlangt für mein Dafürhalten nach etwas mehr Spannung. Oder nach „Belohnungen“ für den Zuseher, z.B. in Form von Puzzleteilen, die plötzlich zueinander passen. All das fehlt „Shutter Island“ ein wenig. Klar, zum Schluss fällt fast alles an seinen Platz, aber der Weg dorthin ist zäher, als er sein müsste.

Schade eigentlich, denn Leonardo DiCaprio spielt sich wirklich die Seele aus dem Leib, wenn man so will. Aber es bleibt mir nichts anderes übrig, als zu sagen: Mir hat „Shutter Island“ nicht so gut gefallen, wie ich nach dem Trailer und diversen Lobeshymnen gedacht hätte.

Gesamteindruck: 4/7


Originaltitel: Shutter Island
Regie: Martin Scorsese
Jahr: 2010
Land: USA
Laufzeit: 138 Minuten
Besetzung (Auswahl): Leonardo DiCaprio, Mark Ruffalo, Ben Kingsley, Max von Sydow, Emily Mortimer, Patricia Clarkson, Elias Koteas



 

FilmWelt: The Crucifixion

„The Crucifixion“ soll auf einer wahren Begebenheit beruhen: In Rumänien kam 2005 eine psychisch kranke Nonne bei einem Exorzismus ums Leben. Der durchführende Priester und mehrere beteiligte Ordensschwestern wurden daraufhin zu relativ milden Freiheitsstrafen verurteilt. Der Fall selbst blieb teilweise mysteriös, die genaue Todesursache ist nach wie vor unklar. In der abgelegenen Gegend, in der sich diese Ereignisse zutrugen, glauben viele Menschen noch heute, dass das Opfer nicht krank war sondern tatsächlich unter Besessenheit durch einen Dämon gelitten hatte – und dass der Exorzist lediglich sein Bestes getan hatte, der jungen Frau zu helfen.

Gesamteindruck: 3/7


In allen Belangen Durchschnitt.

Die Wertungen, die „The Crucifixion“ bis dato erhalten hat, sprechen eigentlich Bände: 5/10 bei IMDb, 8% bei Rotten Tomatoes, um nur zwei zu nennen. Der englische Wikipedia-Eintrag zum Film wies mit Stand 8. Jänner 2019 gar eine Wertung von 0% (!), basierend auf 5 Reviews bei Rotten Tomatoes aus. Im deutschsprachigen Raum scheint der Film deutlich besser wegzukommen, zumindest, wenn man Amazon als Referenz nimmt (aktuell 3,6/5 Sternen für die Blu-ray bzw. 3,4/5 Sternen bei Prime Video). Ich habe mir den Film auf Amazon Prime Video angesehen und hatte vorher keine Ahnung von den schwachen internationalen Kritiken. Um es vorweg zu nehmen: „The Crucifixion“ ist bei weitem kein Meisterwerk, von einer Vollkatastrophe wie vor allem das Tomatometer suggeriert, ist er aber ein gutes Stück entfernt.

Inhalt in Kurzfassung
Als eine investigative US-Journalistin erfährt, dass in Rumänien ein Priester und mehrere Nonnen nach einem missglückten Exorzismus wegen Mordes angeklagt wurden, wittert sie eine große Story. Sie reist in die rumänische Provinz, um mehr über die Ereignisse zu erfahren, die zum Tod einer jungen Ordensschwester geführt haben. Vor Ort wird schnell deutlich, dass im entlegenen Osten Europas der Konflikt zwischen Religion und Rationalität noch nicht entschieden ist. Und je länger die Recherchen dauern, desto weiter scheint das Pendel in Richtung Spiritualität auszuschlagen.

Leider hat „The Crucifixion“ mit einigen gravierenden Schwächen zu kämpfen. Zunächst wäre da der fehlende Newswert (um einen Begriff aus der Medienbranche zu verwenden): Wie so ein Exorzismus – zumindest im Film – abläuft, wissen wir seit „Der Exorzist“ (1973): Vom Priester ständig wiederholte Verse aus dem Handbuch, darunter die Frage nach dem Namen des Dämons, Weihwasser, Kruzifixe usw. Oder die Zeichen der vermeintlichen Besessenheit: Unmögliche Verrenkungen, gerne auch freies Schweben, das Sprechen in fremden Zungen usw. Und auch die Frage, ob die „Besessene“ wirklich von einem Dämon beherrscht wird oder „nur“ geisteskrank ist – all das kennt man zur Genüge. Leider weicht „The Crucifixion“ keinen Millimeter von den ausgetretenen Pfaden ab, sodass man stets weiß, was einen erwartet. Nun könnte man annehmen, dass der Weg sozusagen das Ziel ist und uns „The Crucifixion“ auf andere Weise neue Einsichten bringt. Dem ist nicht so – auch die Recherchen der Protagonisten folgen Schema F. Heißt: Zunächst will niemand mit ihr reden, dann aber doch. Zunächst ist sie nicht gewillt, an Übernatürliches zu glauben, muss es schließlich aber doch tun bzw. am eigenen Leib erfahren. Abgesehen davon, dass ein solcher Aufbau typisch für einen derartigen Film ist, wird er in „The Crucifixion“ eher bieder umgesetzt, was der Spannung zusätzlich abträglich ist.

Als ob all das nicht schlimm genug wäre, krankt der Film krankt an weiteren Ecken. Ein Problem ist die innere Logik, die meines Erachtens stellenweise fehlt (oder sie ist vorhanden und ich war nicht aufmerksam genug, was auch nicht unbedingt für den Film spricht). Das beginnt bereits mit der Prämisse, dass sich eine Journalistin aus New York beweisen möchte, indem sie zu einem solchen Fall irgendwo im tiefsten Rumänien recherchiert. Dass die Protagonistin selbst ihre Probleme mit der Religion hat, wird zwar angedeutet – das reicht mir persönlich aber nicht für diesen Trip aus. Identifizieren kann man sich mit ihr ohnehin schwer – das liegt aber nicht an der passablen Leistung von Sophie Cookson, sondern daran, dass die Figur praktisch gar nicht eingeführt wird. Die Nebendarsteller sind hingegen durchweg in Ordnung, leiden aber auch unter Mängeln im Drehbuch – z.B.: Wieso können sich die einfachen Dorfbewohner, Priester und Nonnen mit der Protagonistin in fließendem Englisch unterhalten?

Größter Lichtblick: Die Atmosphäre.

Auch wenn das alles jetzt sehr negativ klingt, gibt es doch Punkte, die für „The Crucifixion“ sprechen. Am auffälligsten ist die gute Kamera-Arbeit bzw. die perfekte Auswahl der Schauplätze. Das rumänische Hinterland wirkt düster und gleichzeitig wunderschön, die Gegend, in der gedreht wurde, sieht authentisch nach Scheideweg zwischen 19. und 21. Jahrhundert aus. So stellt man sich ein Dorf im heutigen Rumänien tatsächlich vor. Außerdem voll im Grünen Bereich: die Special Effects und die unaufdringliche, musikalische Untermalung. Und sogar die Schauspieler sind – wie erwähnt – großteils in Ordnung und machen ihre Sache gut.

Letztlich ist es die düstere Gesamtatmosphäre, die den Film vor einer noch schlechteren Wertung bewahrt. Die Bilder sind in Verbindung mit der einen oder anderen intensiven Szene tatsächlich sehr gut komponiert. Und auch wenn ich diverse Schwächen des Films aufgezählt habe, ist er bei weitem nicht das, was man kompletten Müll nennen würde. Dafür sind Machart, Schauspieler und letztlich auch Dreh- und Dialogbuch einfach zu professionell. Das größte Problem ist meines Erachtens, dass „The Crucifixion“ a) den Balanceakt zwischen Realität und Mystery nicht schafft und b) nichts präsentiert, das nicht so oder so ähnlich in vielen anderen Produktionen zu sehen war.

PS: Das hier könnte übrigens ein Fall für den Kollegen von Filmschrott sein. Dessen ehrliche Meinung zu diesem Film würde mich mehr interessieren als das, was auf Rotten Tomatoes & Co steht.

Gesamteindruck: 3/7


Originaltitel: The Crucifixion
Regie: Xavier Gens
Jahr: 2017
Land: USA, UK, Rumänien
Laufzeit: 90 Minuten
Besetzung (Auswahl): Sophie Cookson, Brittany Ashworth, Corneliu Ulici, Ada Lupu



 

SpielWelt: Eye of the Beholder III – Assault on Myth Drannor

(A)D&D, kurz für (Advanced) Dungeons & Dragons ist ein Name, der nicht nur Pen & Paper-Rollenspieler mit der Zunge schnalzen lässt. Auch am Computer war das von Gary Gygax und Dave Arneson erdachte Regelwerk seit den frühesten Anfängen, sprich den 1970er Jahren, am Start. Die „Eye of the Beholder“-Trilogie (1990-1992) war der erste Versuch, AD&D in 3D-Grafik und mit Echtzeit-Kämpfen auf den Bildschirm zu bringen.

Gesamteindruck: 3/7


Kein gelungener Abschluss.

1993 muss die Spannung bei den AD&D-Liebhabern unter den Computerspielern hoch gewesen sein: Nach dem guten „Eye of the Beholder“ (1990) und dem rundum verbesserten Nachfolger „Eye of the Beholder II – The Legend of Darkmoon“ (1991) erschien endlich der Nachfolger und Abschluss der Trilogie: „Eye of the Beholder III – Assault on Myth Drannor“. Leider kann der dritte Teil nicht mit seinen Vorgängern mithalten – im Gegenteil, „Assault on Myth Drannor“ ist sowohl inhaltlich als auch technisch der schwächste Titel der Reihe.

Die Handlung in Kurzfassung
Die Helden von Waterdeep und Darkmoon sonnen sich gerade in der Taverne in ihrem Ruhm als eine zwielichtige Gestalt das Vergnügen jäh unterbricht: Die Stadt Myth Drannor, die seit Jahrhunderten in Trümmern liegt, wird vom Lich (deutsch: Leichnam) Acwellan beherrscht. Der soll nun endlich vertrieben werden – und dafür braucht es natürlich gestandene Helden. So lassen sich die Gefährten, ohne viele Fragen zu stellen, vom merkwürdigen Fremden direkt vor die Tore von Myth Drannor teleportieren, um dem bösen Treiben ein Ende zu setzen. 

Wie man sieht, unterscheidet sich diese Hintergrundgeschichte nur unwesentlich von jener der ersten Serienteile. Das ist an und für sich schon ein wenig enttäuschend, war aber schon zwischen Teil 1 und 2 ähnlich. In diesem Fall ist die Story allerdings nicht nur un-originell, sondern auch unglaubwürdig. Denn in „Eye of the Beholder“ wurden sozusagen öffentlich Helden gesucht, die in die Kanalisation steigen. Und in „The Legend of Darkmoon“ bat der weithin bekannte Erzmagier Khelben „Schwarzstab“ Aruhnsun um Hilfe. In „Assault on Myth Drannor“ erscheint hingegen aus dem Nichts ein wenig vertrauenerweckender Fremder – und die erfahrenen Helden lassen sich einfach so in eine unbekannte, feindliche Gegend versetzen? Ohne zu zweifeln, ohne Nachfrage? C’mon, ein solcher Einstieg beleidigt Herz und Verstand jedes Rollenspielers – und das hat nichts mit dem hohen Alter dieses Titels zu tun.

Zwischen dem Erscheinen von „The Legend of Darkmoon“ und „Assault on Myth Drannor“ liegen rund 2 Jahre. In dieser Zeit scheint etwas zwischen Entwickler Westwood und Publisher SSI vorgefallen zu sein. Erstere setzten ihre Rollenspiel-Vision im gleichen Jahr mit dem Auftakt der „Lands of Lore“-Serie fort, während SSI die Programmierung von „Eye of the Beholder III“ selbst übernahm. Ob dieses Zerwürfnis Einfluss auf die Qualität des Titels hatte, kann ich schwer nachvollziehen – ein Zufall wird es wohl nicht sein, auch wenn SSI 1993 bereits auf langjährige Erfahrung und einige Erfolge im Rollenspielbereich zurückblicken konnte (beispielsweise mit „Pools of Radiance“). Wie auch immer – selbst Anfang der 1990er-Jahre durfte man schon davon ausgehen, dass sich eine Spieleserie sowohl technisch als auch inhaltlich weiterentwickelt. Das ist hier leider nicht der Fall, sieht man von einigen minimalen Verbesserungen ab.

Grafik und Sound: Flop!

Beginnen wir mit der Technik und damit gleich der ersten Enttäuschung: Weder Grafik noch Sound wurden verbessert. Im Gegenteil, speziell der Sound von „Assault on Myth Drannor“ ist eine einzige Zumutung. Die Effekte sind dilettantisch und zum Teil derart grottig, dass man den Ton am liebsten komplett abschalten würde. Geht halt schwer, weil die Geräusche schon immer ein Element waren, Gegner in den Dungeons zu „orten“, was bei der nach wie vor mangelhaften Übersicht zum Teil bitter notwendig ist. Vereinfacht gesagt: Ohne Ton merkt man erst, dass ein Gegner neben oder hinter der Party steht, wenn ein Charakter Gesundheitspunkte verliert. Und auch das sieht man meist eher zufällig. Ohne Ton zu spielen ist letztlich also keine Option.

Doch nicht nur der Sound ist katastrophal. „Assault on Myth Drannor“ ist leider auch grafisch kein Bringer. Ja, die optischen Verbesserungen zwischen Teil 1 und 2 waren zwar rudimentär, aber zumindest spürbar vorhanden. Teil 3 ist hingegen schwächer als beide (!) Vorgänger. Das beginnt bereits im Intro, reicht über pixelige Charakter-Portraits und macht auch vor Gegnern und Hintergründen nicht halt. Letztere sind übrigens speziell in den neuartigen Außenarrealen geradezu potthässlich ausgefallen. Ich weiß, dass ich mich wiederhole, aber das hat nichts mit dem Alter des Spiels zu tun, wie seine Vorgänger ja deutlich zeigen. Bestenfalls spielt man daher im Fenstermodus; dann fällt die schwache Grafik auf modernen, großen Bildschirmen nicht so sehr auf. Bei den Vorgängern war das bei weitem nicht in diesem Ausmaß der Fall.

Frustfaktoren im Design.

Auf der Suche nach technischen Verbesserungen bin ich bei zwei Usability-Elementen fündig geworden: Charaktere, die man in der zweiten Reihe aufgestellt hat, können nun mit Langwaffen attackieren. Das gibt der Party-Formation zumindest etwas mehr Bedeutung, als es bisher der Fall war und macht es erstmals sinnvoll, mehr als 2 Nahkämpfer im Team zu haben. Die zweite Änderung betrifft ebenfalls den Kampf: Die Option, mehrere (oder alle) Charaktere gleichzeitig angreifen zu lassen, ist eine sehr sinnvolle Neuerung. Nur dadurch werden die von Anfang an bockschweren Kämpfe überhaupt handelbar. Ansonsten ist alles beim Alten geblieben: Kein Automapping, mühsames Aufheben von Gegenständen, umständliche Steuerung, kein automatischer Wechsel zwischen Inventar- und Kampfmodus – all das fand man schon in den Vorgängern und wurde beibehalten. Damit könnte man aber letztlich leben, wenn der Rest passen würde.

Leider gibt es in „Assault on Myth Drannor“ einige wirklich grobe Schnitzer, die das Spielvergnügen arg schmälern und die man so aus der Serie bisher nicht kannte. Teilweise handelt es sich dabei um vollkommen unvorhersehbare Sackgassen, aus denen es kein Entrinnen gibt. So ist man beispielsweise aufgeschmissen, wenn man nicht von Anfang an einen Dieb in seiner Party hat. Der war weder in „Eye of the Beholder“ noch in „The Legend of Darkmoon“ zu gebrauchen, hier ist er plötzlich notwendig, um an einer Stelle überhaupt weiterzukommen. Der Clou: Es gibt einen NPC-Dieb, den man in die Party aufnehmen kann. Nur kommt man ohne einen Dieb in der Gruppe gar nicht so weit. Würde man heute wohl einen Bug nennen, damals war es wohl einfach Schlamperei. Oder: Schön, dass es nun einen Unterwasserlevel gibt, eine gute Idee, die der Abwechslung zuträglich ist. Das Vergnügen ist allerdings kurz, wenn man keinen Magier in seinen Reihen hat, der vorzugsweise bereits in der Lage ist, den Zauberspruch für „Wasseratmung“ zu lernen und zu benutzen. Ist das nicht der Fall, ist an dieser Stelle Schluss.

Das bedeutet nicht, dass „Assault on Myth Drannor“ von Sackgassen wimmelt – sie kommen aber immer wieder vor. Woher soll man z.B. wissen, dass man gegen Ende des Spiel plötzlich Rationen braucht, um weiterzukommen? Die sind zwar gelegentlich im Spiel zu finden, werden meist aber schnell verbraucht (ja, Charaktere können nach wie vor verhungern!) oder liegengelassen, weil der Kleriker den entsprechenden Spruch beherrscht. Der sättigt zwar die Party, stellt aber keine Rationen her. Lange Rede, kurzer Sinn: Verfügt man zu einem bestimmten Zeitpunkt im Spiel über keine physische Nahrung, geht es nicht weiter. Entweder gar nicht, weil es im ganzen Spiel keine Rationen mehr gibt, oder nur dann, wenn man mühsam zurück geht und sich das Essen sucht, das man eventuell zu einem früheren Zeitpunkt liegengelassen hat.

Der einzige Tipp, den ich dazu habe: Optimalerweise bereits bevor man erstmals „Eye of the Beholder“ (Teil 1) spielt, sollte man sich im Internet schlau machen, welche Partymitglieder Pflicht sind. Zu den einzelnen Titeln der Reihe gibt es dann nochmals Beschreibungen mit essentiellen Gegenständen. Nur so lassen sich frustrierende Sackgassen gezielt vermeiden, die im Zweifelsfall zu einem späten Zeitpunkt den Neustart des Spiels notwendig machen. Natürlich kann auch sein, dass man Glück hat und alles zufällig genau passt – aber wer will das schon riskieren?

Erwähnt sei noch, dass „Assault on Myth Drannor“ erstmals in der Serie größere Außenarreale bietet. Wie so vieles in diesem Spiel ist leider auch das ein zweischneidiges Schwert. Natürlich ist es auf Dauer nicht sonderlich abwechslungsreich, sich nur durch Dungeons zu bewegen. Leider leiden die Freiluftparts noch mehr unter den Schwächen des Spiels als der Rest. Die Grafik ist deutlich hässlicher, die Orientierung ist zeitweise nicht möglich und die Gegner greifen gerne von mehreren Seiten gleichzeitig an, was die Kämpfe teils zum Glücksspiel macht.

Unepisches Finale.

Der Rest von „Assault on Myth Drannor“ ist schnell erzählt. Die Story entwickelt sich nach dem schwachen Einstieg ganz gut und das Spiel macht zwischendurch gehörig Spaß. Das typische „Eye of the Beholder“-Feeling kommt immer mal wieder auf, was auch der gesteigerten Anzahl an In-Game-Begegnungen zu verdanken ist. Zu bemerken ist gleichzeitig eine stärkere Fokussierung auf Action, was Geschmacksache ist. Der Pferdefuß daran ist, dass die Gegner meist nach dem Prinzip Masse statt Klasse auftreten, sodass sich schnell eine Übersättigung einstellt, was Kämpfe betrifft. Leider ist das Finale enttäuschend – der Endkampf gegen den letzten Boss fühlt sich alles andere als episch an. Ohne zu spoilern sei so viel verraten: Ich habe gezählt vier Mal den „All Attack“-Button betätigt – und der finale Gegner einer ganzen Rollenspielserie lag im Staub. Kurzes Outro, dann noch die Credits und „Assault on Myth Drannor“ endet nach ca. 17 Spielstunden sehr ernüchternd.

Gesamteindruck: 3/7

Kurzes Fazit zur „Eye of the Beholder“-Reihe: Die Teile 1 und 2 machen fast alles richtig und wissen nach wie vor gut zu unterhalten. Mit dem Ende der Kooperation von SSI und Westwood gelingt mit „Assault on Myth Drannor“ leider kein würdiger Abschluss der Serie, was nach den guten Vorgängern ziemlich unerwartet kommt. Von einer kompletten Katastrophe möchte ich in diesem Zusammenhang zwar nicht sprechen – es wäre aber auch für Teil 3 mehr drin gewesen. Retrospektiv zieht das meiner Ansicht nach die gesamte Reihe ein wenig nach unten, sodass ich insgesamt 4/7 Punkten vergeben würde.


Genre: Rollenspiel
Entwickler: SSI
Publisher: SSI
Jahr:
 1993
Gespielt auf: PC