BuchWelt: Die Elenden

Victor Hugo


Dieses Buch war ein Geschenk. Weder die Person, die es mir geschenkt hat noch ich selbst wussten, dass es sich dabei nicht um eine werkstreue Übersetzung handelt. Freilich wird beim Blick auf die Seitenzahl klar, dass da etwas nicht stimmen kann – hat die Originalausgabe von „Die Elenden“ doch drei Bände und über 1.700 Seiten. Das wurde mir aber erst bewusst, als ich diverse Rezensionen zu vorliegender Ausgabe gelesen habe, vorher hatte ich keine Ahnung, dass diese Ausgabe so stark gekürzt ist.

Gesamteindruck: 5/7


Schön geschrieben, gut zu lesen.

Andererseits scheint es durchaus üblich zu sein, „Die Elenden“ nicht komplett zu übersetzen, weil vor allem die Teile, die sich mit der Gossensprache „Argot“ beschäftigen, nicht sinnvoll übertragen werden können. Warum aber offenbar auch verschiedene historische Anspielungen gekürzt oder weggelassen wurden, weiß ich nicht. Ein Vorteil ist allerdings, dass man sich so auf das Drama konzentrieren kann, das im Original eher den Hintergrund zu sozialen, ethischen und politischen Betrachtungen bildet. Wie viel von diesem Hintergrund durch die Kürzungen verloren gegangen ist, wage ich nicht zu beurteilen – zu wenig firm bin ich in der französischen Geschichte.

Wie auch immer, nun habe ich diese Fassung gelesen und möchte meine Meinung dazu kundtun. Ich habe vor, irgendwann auch eine spätere Übersetzung der Gesamtausgabe zu lesen. Das kann allerdings dauern – sogar diese gekürzte Version ist lange Zeit auf dem Stapel zu lesender Bücher gelegen, bevor ich mich endlich rangewagt habe. Freilich schwebt nun ein Schatten über dieser Rezension, man fragt sich stets, was wohl der Kürzung geschuldet ist und ob man über das Original genauso schreiben würde.

Abenteuerlicher Liebesroman

Jedenfalls: „Die Elenden“ ist als Mittelding aus Liebesdrama und Abenteuerroman für mein Dafürhalten ein sehr starkes Werk. Man schreckt ja oft vor solch ausgewiesenen Klassikern zurück, weil man befürchtet, einen unverdaulichen Brocken Literatur vor sich zu haben. Das Gegenteil ist meiner Meinung nach der Fall. Victor Hugo schreibt und beschreibt flüssig und in einer sehr gut zu lesenden Sprache. Dazu trägt selbstverständlich der Übersetzer bei, jedoch muss man auch bedenken, dass selbst ein Meister dieses Faches nichts aus einer trägen Geschichte machen kann. Und die Handlung, die dem Leser in „Die Elenden“ präsentiert wird, ist alles andere als träge.

Inhalt in Kurzfassung*
Ein entflohener Sträfling wird zunächst rückfällig, dann jedoch – einem herzensguten Bischof sei Dank – geläutert und widmet sein Leben fortan dem Guten. Sogar als er zu Vermögen kommt, bleibt er mildtätig und freundlich. Das hindert einen gewissenhaften Polizisten jedoch nicht daran, dem Helden der Geschichte ständig auf den Fersen zu bleiben. Auch dann nicht, als dieser sich um ein armes, kleines Mädchen kümmert, es aufzieht und später erwachsen werden sieht. Als sich das Mädchen schließlich verliebt und gleichzeitig der Pariser Juniaufstand von 1832 tobt, spitzt sich die Geschichte immer weiter zu.

* Ein neues Feature auf WeltenDing. Ich versuche, Spoiler zu vermeiden.

Die Geschichte liest sich sehr angenehm – man hat über weite Strecken nicht unbedingt das Gefühl, ein Buch aus dem 19. Jahrhundert zu lesen. Victor Hugo scheint ein sehr guter Beobachter gewesen zu sein, zumindest gewinnt man diesen Eindruck, wenn man die genauen Beschreibungen der französischen Lebensweise vom Bauern bis zum Adel liest. Stellenweise blitzt sogar ein wenig Komik durch, ein gewisses Augenzwinkern, das man von einem Roman aus dieser Zeit so nicht unbedingt erwartet.

Dass die Handlung in einen historisch-politischen Kontext eingebunden ist, ist aus meiner Sicht hingegen ein zweischneidiges Schwert. Hugo setzt beim Leser die Kenntnis wichtiger Ereignisse der französischen Geschichte voraus, die zur Zeit, in der er „Die Elenden“ geschrieben hat, noch fest im kollektiven Bewusstsein verankert waren. Heute tut man sich als Laie wesentlich schwerer, sowohl angedeutete als auch umfangreicher geschilderte Ereignisse einzuordnen und zu verstehen. Vermutlich ist das sogar noch herausfordernder, wenn man das Buch in voller Länge liest – oder wird dadurch vielleicht manches sogar verständlicher? Ich weiß es leider nicht. Fakt ist aber, dass auch in dieser gekürzten Ausgabe von Begebenheiten gesprochen wird, die man sich als Nicht-Historiker erst einmal erarbeiten muss, wenn man tiefer in die Materie eintauchen will.

Unabhängig von alledem habe ich „Die Elenden“ sehr gerne gelesen. Es gibt – auch in der gekürzten Fassung – die eine oder andere Länge, im Großen und Ganzen gibt es jedoch nichts an diesem Werk auszusetzen. In der Gesamtwertung macht das gute 5 Punkte, denn bei allem Respekt vor einem anerkannten Meisterwerk muss im Vergleich zur Originalfassung etwas Luft nach oben bleiben. Ein Eindruck, den ich gerne revidieren werden, sollte ich mich hier tatsächlich täuschen und das irgendwann einmal feststellen.

Gesamteindruck: 5/7


Autor: Victor Hugo
Originaltitel: Les Misérables.
Erstveröffentlichung: 1862
Umfang: ca. 610 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Taschenbuch


 

BuchWelt: Auf zwei Planeten

Kurd Laßwitz


Man muss sich bei der Lektüre von „Auf zwei Planeten“ immer wieder wundern, dass dieses Buch bereits Ende des 19. (!) Jahrhunderts erschienen ist. Sowohl thematisch (Invasion von Außerirdischen), umfänglich (im Original fast 1.000 Seiten) als auch inhaltlich (visionäre Beschreibung damals fast undenkbarer Technologien) hat man ständig das Gefühl, ein wesentlich moderneres bzw. später erschienenes Werk zu lesen. Lediglich der Stil und einige bereits von der Wirklichkeit überholte Aspekte weisen auf die tatsächliche Erscheinungszeit des Buches hin.

Gesamteindruck: 6/7


Eine frühe Invasion.

Über den Nordpol weiß man heute längst Bescheid. Als Kurt Laßwitz‘ Mammut-Werk „Auf zwei Planeten“ im Jahre 1897 erschien, war das noch anders; die tatsächliche Entdeckung des Pols lag noch rund zehn Jahre in der Zukunft. Für den deutschen Autor war es aus heutiger Sicht daher vermutlich ein logischer Schritt, seinen Roman dort beginnen zu lassen, wohin noch nie ein Mensch seinen Fuß gesetzt hatte. Man kann sich vorstellen, dass die Zeitgenossen von Laßwitz durchaus geglaubt haben mochten, dass es möglich wäre, dass Marsmenschen am Pol landen würden oder sogar schon gelandet wären. Leider fand „Auf zwei Planeten“ damals keine große Verbreitung, sodass nicht in größerem Umfang überliefert ist, wie das Buch in den Jahren nach seiner Veröffentlichung rezipiert wurde.

Aus heutiger Sicht kann man jedenfalls sagen: „Chapeau, Kurd Laßwitz!“. „Auf zwei Planeten“ ist visionär – und das unter mehr als einem Gesichtspunkt. Da wäre zunächst der wissenschaftliche Aspekt, der beispielsweise die großflächige Nutzung von Sonnenenergie vorhersagt, die Möglichkeiten der Luft- und Raumfahrt beleuchtet und die industrielle Gewinnung von Nahrung prophezeit. Natürlich weiß man heute, dass es auf dem Mars keine Bäume gibt oder dass so etwas wie ein „Äther“ als interstellares Medium nicht existiert, zur Zeit von Laßwitz lag das für die Wissenschaft allerdings durchaus im Bereich des Möglichen. Umso erstaunlicher, wie es ihm in diesem Buch gelingt, weit über seine Zeit hinaus zu denken.

Ein zweiter Punkt, den man sogar als noch wichtiger erachten muss, ist der gesellschaftskritische Ansatz, der wiederum in mehrere Teilaspekte zerfällt und – so die Vermutung – auch zur Folge hatte, dass Teile von Laßwitz‘ Werk zur Zeit des Nationalsozialismus verboten waren. So stellt der Roman die Frage, ob es möglich ist, ein Volk mit Gewalt – und sei diese noch so gut gemeint – umzuerziehen. Den Marsmenschen misslingt das: Obwohl ihre Ziele grundsätzlich gut zu sein scheinen und selten mit physischer Gewalt durchgesetzt werden, fühlt sich die Menschheit unterdrückt. Das könnte – so meine Interpretation – durchaus eine Allegorie auf die Kolonialbestrebungen des 19. Jahrhunderts sein, die Laßwitz damit anprangert. Geradezu unerhört muss manchen Zeitgenossen des Autors hingegen die Idee eines „Menschenbundes“ vorgekommen sein. Laßwitz benutzt die Bedrohung durch die Außerirdischen, um die Menschheit zu einen und gemeinsam gegen die Invasoren arbeiten zu lassen. Das allein liest sich für mich im Kontext der Zeit betrachtet geradezu prophetisch (wenn man in Richtung UNO oder Genfer Konventionen schaut, die damals noch nicht einmal als ferne Idee existierten), dass der Autor die Menschheit noch dazu möglichst gewaltlos zu ihrem Ziel gelangen lassen möchte (was freilich nicht immer gelingt), muss komplett gegen den Zeitgeist gelaufen sein, der damals bereits Richtung 1. Weltkrieg steuerte.

Aus diesen Beschreibungen kann man erkennen, wie wegweisend „Auf zwei Planeten“ für die weitere Entwicklung der Science Fiction gewesen sein könnte. Natürlich nicht allein – ungefähr aus der gleichen Zeit stammende Autoren wie Jules Verne oder H. G. Wells sind ja noch bekanntere Beispiele für visionäre Zukunftsliteratur. Für mein Gefühl war und ist Kurd Laßwitz jedoch unterschätzt, vielleicht weil sein Werk nicht so umfangreich ist (was aber nicht für „Auf zwei Planeten“ an sich gilt, liegt die Seitenanzahl hier in der Originalversion doch bei über 1.000). Nimmt man die sozialkritische Komponente hinzu, schrammt das Buch knapp an der Höchstwertung vorbei. Leider gibt es ein paar erzählerische Längen, sodass es nicht ganz reicht. Ein frühes Meisterwerk der Science Fiction ist „Auf zwei Planeten“ aber definitiv.

Gesamteindruck: 6/7planeten


Autor: Kurd Laßwitz
Originaltitel: Auf zwei Planeten.
Erstveröffentlichung: 1897
Umfang: ca. 660 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: eBook


 

BuchWelt: Robin Hood

Howard Pyle


Die Legende von „Robin Hood“ kennt man aus zahllosen Filmen und Fernsehserien zur Genüge. Wenn man sich die hier rezensierte, aus dem Ende des 19. Jahrhundert stammende Version des US-Autors und Illustrators Howard Pyle zu Gemüte führt und mit aktuelleren Varianten vergleicht, wird schnell klar, dass im Laufe der Jahre sehr viel interpretiert und hinzugedichtet wurde. Eventuell auch, um die Handlung ein wenig aufzuwerten? Notwendig dürfte dies geworden sein, um ein modernes und erwachseneres Publikum zu bedienen.

Gesamteindruck: 4/7


Spannend und lustig für Kinder.

In der vorliegenden Fassung ist „Robin Hood“ nicht mehr und nicht weniger als ein schönes, angenehm zu lesendes Märchen. Abgefasst ist es in Kurzgeschichten – einzelne Episoden aus dem Leben eines Geächteten und seiner Anhänger. Altmodisch und für die heutige Zeit sehr ungewohnt ist dabei die Zeichnung der Charaktere: Sie passen perfekt und ohne Nuancen in das triviale Schema von Gut und Böse. Gelegentlich necken sich die Helden zwar mit kleinen, harmlosen Späßen, insgesamt sind sie jedoch keines bösen Gedankens fähig. Auch der Grad der Brutalität entspricht heute am ehesten einer Kindergeschichte. Mehr als ein paar Prügeleien mit Eichenknüppeln gibt es kaum, wobei diese an sich natürlich auch nicht gerade harmlos sind. Lediglich gegen Ende des Buches wird es ein wenig härter, aber alles bleibt in einem erträglichen Maß. Als erwachsener Leser ist man anderes gewohnt, für Kinder könnte das wiederum einen unerwünschten Nachahm-Effekt zur Folge haben. Allerdings dürfte man, wenn es danach geht, Kindern ohnehin keine Märchen vorlesen.

Alles in allem haben wir es hier mit einer netten, harmlosen, zeitweise spannenden und lustigen Geschichte zu tun, die niemandem weh tut und für Kinder sicherlich ansprechend ist. Als seit geraumer Zeit Erwachsener, der sich vorwiegend mit Literatur für Erwachsene beschäftigt (übrigens hielt ich „Robin Hood“ vor der Lektüre für ebensolche), würde ich dem Buch aufgrund der flachen und einseitigen Charaktere wahrscheinlich maximal 2 Punkte geben. Da ich aber nach heutigen Maßstäben kaum zur Zielgruppe gehöre und mich durchaus um einige Jahre in der Zeit zurückversetzen kann, gibt es 4 Punkte für eine zumindest ab der zweiten Hälfte abwechslungsreiche Geschichte. Übrigens finde ich das Eindeutschen der Namen, das bei meiner Ausgabe erfolgt ist, durchaus in Ordnung, auch wenn man nicht gleich weiß, wer beispielsweise „Will Rotwams“ ist.

Gesamteindruck: 4/7


Autor: Howard Pyle
Originaltitel: The Merry Adventures of Robin Hood of Great Renown in Nottinghamshire.
Erstveröffentlichung: 1883
Umfang: ca. 200 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Taschenbuch


 

BuchWelt: Alice hinter den Spiegeln

Lewis Carroll


Wenn man nur die zugrunde liegende Geschichte betrachtet, ist „Durch den Spiegel und was Alice dort fand“ aus meiner Sicht ein gelungeneres Werk als sein berühmterer Vorgänger „Alice im Wunderland“. Der Roman und die Figuren wirken ausgereifter, die Handlung zusammenhängender. Auch die Idee der Spiegelwelt und die Darstellung des Ganzen als Schachpartie gefällt sehr gut. Es scheint fast, als ob der Leser eine überarbeitete, gereifte Version der ersten „Alice“ vor sich hat.

Gesamteindruck: 6/7


Gute Fortsetzung eines Klassikers.

Grund für die bessere Lesbarkeit und höhere Spannung ist für mein Dafürhalten, dass Band 2 nicht ganz so mit Wortspielen und versteckten Anspielungen überfrachtet ist wie „Alice im Wunderland“. Das mag auf den ersten Blick paradox klingen und kann bei der englischsprachigen Original-Version durchaus als negativ angesehen werden, wenn man jedoch die deutsche Übersetzung nimmt, sieht die Sache grundlegend anders aus. Durch den Wegfall vieler nur unbefriedigend oder überhaupt nicht übersetzbarer Wortspiele gerät der Übersetzer (in der Reclam-Ausgabe wieder Günther Flemming) viel seltener in die Verlegenheit, holprige Interpretationen des englischen Textes anbieten zu müssen.

Die Handlung selbst ist ähnlich skurril und phantasievoll gestaltet wie in Teil 1. Die Charaktere sind bizarr und einfallsreich, immer philosophisch und selten sympathisch. Alles in allem hätte sich die von Lewis Carroll erfundene Welt und die Wesen, die sie bevölkern wesentlich mehr Tiefe und Farbe verdient – andererseits ist es durchaus denkbar, dass der Autor absichtlich darauf verzichtet hat, um die Phantasie seiner Leser noch mehr anzuregen. Dazu tragen auch die beeindruckenden Zeichnungen von John Tenniel (die Carroll angeblich gar nicht so gut gefielen) einen großen Teil bei. Auch möglich, dass es in der heutigen Zeit zunehmend schwieriger wird, sich von einem solchen Buch verzaubern zu lassen. Gelesen haben sollte man es auf jeden Fall (wenn möglich im Original). 6 Punkte für die deutsche Version eines Klassikers, bei dem im Gegensatz zu seinem Vorgänger auch die Übersetzung großteils ansprechend gelungen ist.

Gesamteindruck: 6/7


Autor: Lewis Carroll
Originaltitel: Through the Looking-Glass, and What Alice Found There.
Erstveröffentlichung: 1871
Umfang: 211 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Taschenbuch


 

FilmWelt: Sweeney Todd

Von Tim Burton hat man ja schon die unterschiedlichsten Themen serviert bekommen – 2007 gesellte sich ein Musical aus dem Jahr 1979 dazu, dessen Wurzeln sogar bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurück reichen. Allein schon diese Konstellation macht zumindest neugierig auf den Film.

Gesamteindruck: 5/7


Eine Geschichte über Rache.

Wer von „Sweeney Todd – Der teuflische Barbier aus der Fleet Street“ leicht verständliches Popcorn-Kino erwartet, wird sich wohl bereits in den ersten Minuten abwenden. Das liegt nicht an der komplexen Handlung, sondern vielmehr daran, dass hier tatsächlich ein Broadway-Musical adaptiert wurde, das heißt, es wird sehr viel mit Gesang gearbeitet und wenig gesprochen. Das kann vor allem durch die nicht sehr eingängige Musik (die allerdings ein wichtiges Markenzeichen des Stückes an sich ist) schon mal anstrengend werden. Andererseits ist es relativ einfach, der Geschichte zu folgen, mit einigermaßen guten Englischkenntnissen kann man sich voll auf das eigentliche Geschehen konzentrieren und braucht die Untertitel nur in Ausnahmefällen. Die schauspielerische (und meiner Meinung nach auch die gesangliche) Leistung von Burtons Haus-und-Hof-Mimen-Duo Johnny Depp und Helena Bonham Carter geht vollkommen in Ordnung und ist dem Thema mehr als angemessen.

Die Geschichte selbst wäre an sich schnell erzählt und wird durch die Songs auf Spielfilmlänge ausgedehnt – ein durchaus legitimes Mittel, wenn man bedenkt, dass das in jedem Actionfilm ähnlich ist. Statt Lieder werden dort eben mehrminütige Verfolgungsjagden oder Kampfsequenzen geboten, um die nötige Filmdauer zu erreichen. Was als größere Kunst empfunden wird, kann eigentlich nur Geschmackssache sein, ihre Daseinsberechtigung haben beide Formen. Dass die Gesangsdarbietung dabei durchaus ihre Längen hat, soll allerdings nicht verhehlt werden. Auch, dass eigentlich nicht sehr viel wirkliche Spannung aufkommt (wie man sie auch von einer Musical-Adaption irgendwie erwartet, wenn sie für den Mainstream angeboten wird), ist kaum abzustreiten. Daran können auch die stimmungsvoll eingefangenen Kulissen und das insgesamt sehr düstere Setting nicht viel ändern.

Als sehr einfach und damit durchaus nicht schlecht in Szene gesetzt empfinde ich die Moral, die hinter dem Ganzen steckt – das Streben nach Rache, das im Endeffekt nur zum eigenen Untergang führt. Durch dieses wahrlich Unhappy End werden auch die exzessiven Gewaltdarstellungen relativiert – wobei man natürlich sagen muss, dass deren absolute Überzeichnung sowieso kaum eine fragwürdige Interpretation zulässt.

Punkteabzüge gibt es für einige Längen, die in den Gesangs-Sequenzen entstehen (manchmal ertappt man sich sogar dabei, wie man mit der „Fastforward“-Taste liebäugelt) und für die zum Teil fehlende Spannung. Größter Minuspunkt ist allerdings das unfertig wirkende Ende, das das Publikum doch einigermaßen ratlos zurücklässt. Man erfährt nicht, wie es mit den recht gut aufgebauten Nebenrollen weitergeht, was sehr schade ist (wobei ich allerdings nicht weiß, wie es damit im Original-Musical aussieht) – solide 5 Punkte.

Gesamteindruck: 5/7


Originaltitel: Sweeney Todd: The Demon Barber of Fleet Street.
Regie: Tim Burton
Jahr: 2007
Land: USA
Laufzeit: 116 Minuten
Besetzung (Auswahl): Johnny Depp, Helena Bonham Carter, Alan Rickman, Timothy Spall



 

BuchWelt: 20.000 Meilen unter dem Meer

Jules Verne


Es mag als „Gottelästerung“ gesehen werden, aber: Die Höchstwertung verfehlt eines der bekanntesten Bücher der klassischen Science Fiction. Meiner Ansicht nach enthält es ein paar Längen zu viel und ist dadurch schwerer lesbar als andere, kurzweiligere Werke – auch von Jules Verne selbst.

Gesamteindruck: 6/7


Umfangreiche Erzählung mit Stärken und Schwächen.

Wirklich großartig ist die Sprache von Jules Verne. Dieser – aus heutiger Sicht – antiquierte Stil liest sich fantastisch und macht jedes Buch, das so geschrieben ist, zu etwas Besonderem. Verne, Poe, Dafoe, Wells und einige andere beherrschten diese Kunst meisterhaft, allein das ist Grund genug, dass so viele ihrer Werke heute Klassiker sind. Dazu muss man im Übrigen auch die alten Übersetzer erwähnen, die ihr Bestes taten, die Sprache dieser Schriftsteller einzufangen und ins Deutsche zu transformieren. Irgendwie hat man das Gefühl, dass das „damals“ besser gelungen ist, als man es heute so oft lesen muss.

Auch „20.000 Meilen unter den Meeren“ (so der Titel der von mir gelesenen Übersetzung) ist von meisterhafter sprachlicher Qualität. Der Stil ist angenehm und detailliert, verlangt unter Umständen von manchen Lesern (bei weitem nicht von allen), eine gewisse Einarbeitungszeit. Auch die grundsätzliche Handlung des Buches ist absolut in Ordnung, die Beschreibung des U-Bootes zum Teil geradezu prophetisch, wenn man bedenkt, wann das Buch geschrieben wurde. Hieran sieht man, wieso das Werk damals als Science Fiction gehandelt wurde. Auch die Entdeckung von Atlantis, die Unterquerung von Suez und – natürlich – der Riesenkrake sind sehr gut und fesselnd beschrieben.

Wo viel Licht ist, ist aber leider (manchmal) auch Schatten. So ergeht sich der Autor oft seitenlang in Klassifizierungen und Beschreibungen der Meeresflora und -fauna. Anfangs liest man diese für Meeresbiologen interessanten Abhandlungen noch durch, aber im Laufe des Buches ertappt man sich immer wieder, wie man sie gelangweilt überspringt. Grundsätzlich ist gegen diese Klassifizierungswut nichts einzuwenden, aber hier wäre ein bisschen weniger wohl mehr gewesen. Gleiches gilt für die Beschreibung einiger historischer Ereignisse, die gespickt mit Namen und Koordinaten sind, die den meisten wohl kaum etwas sagen dürften. Ein weiterer Kritikpunkt ist das abrupte Ende des Buches – vor allem wenn man den doch recht großen Gesamtumfang bedenkt. Ich habe prinzipiell nichts gegen offene oder überraschende Schlüsse, nur wirkt in diesem Fall alles ein wenig überhastet, was so gar nicht zum restlichen Buch passen will.

Die Höchstwertung hat das Werk damit für mich verfehlt, weil es meiner Meinung nach bessere und vor allem kurzweiligere „klassische“ Science-Fiction-Bücher gibt (auch von Verne selbst). Auch sechs Punkte schienen mir zunächst etwas zu hoch gegriffen, weil ich beim Lesen einfach nicht das Vergnügen empfand, das ich mir erwartet hatte. Allerdings haben wir es hier mit einem Klassiker der Weltliteratur zu tun und wenn man bedenkt, wann das Buch verfasst wurde, gebührt Jules Verne der höchste Respekt für seine prophetischen Visionen.

Gesamteindruck: 6/7


Autor: Jules Verne
Originaltitel: Vingt mille lieues sous les mers.
Erstveröffentlichung: 1869-1870
Umfang: 640 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Taschenbuch


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BuchWelt: Die Insel des Dr. Moreau

H. G. Wells


„Die Insel des Dr. Moreau“ ist – wie die meisten Werke von H. G. Wells – ein Buch, das einigen Stoff zum Nachdenken bietet. Dass die Spannung dabei nicht auf der Strecke bleibt, ist ein zusätzliches Plus. Fans klassischer Science Fiction können bedenkenlos zugreifen, ebenso alle, die an philosophischen Fragestellungen zum auch heute wieder weit verbreiteten, nahezu grenzenlosen Fortschrittsglauben interessiert sind.

Gesamteindruck: 6/7


Klassiker mit erschreckender, visionärer Kraft.

Die Aktualität, die diesem und anderen Werken des Engländers H.G. Wells innewohnt, ist geradezu absurd. „Die Insel des Dr. Moreau“ handelt von den Gefahren und Unwägbarkeiten biologischer Experimente. Gentechnologie war, als der Roman veröffentlicht wurde, natürlich völlig unbekannt. Der Charakter „Dr. Moreau“ ist ein Chirurg – dennoch erinnert er durchwegs an einen modernen Wissenschaftler, der an die Notwendigkeit glaubt, alles was machbar ist, auch mit allen Mitteln umzusetzen. Der Autor sah scheinbar die drohende Vermischung von Mensch und Tier voraus – etwas, das heute durch Genetik und Transplantationsmedizin zumindest teilweise längst zur Realität geworden ist.

Neben diesem „technischen“ Aspekt, der insgesamt eher im Hintergrund steht, verarbeitet Wells (wie in anderen seiner Bücher) auch religionskritische und moralisch-ethische Ansätze. Diese liefen dem damaligen Zeitgeist, der von absoluter Fortschrittsgläubigkeit geprägt war, völlig zuwider. Die Vermutung liegt nahe, dass zeitgenössische Leser nach der Lektüre der „Insel des Dr. Moreau“ wesentlich erstaunter, wenn nicht geschockter zurückblieben als das heutige Publikum.

Zusätzlich zu dieser scheinbar prophetischen Erzählebene (die allerdings in anderer Form bereits wesentlich früher von Mary Shelley in „Frankenstein“ thematisiert wurde) ist das Buch höchst spannend gehalten. Nach kurzer Einführung lässt Wells seine Protagonisten in teilweise geradezu atemloser Hast einige Abenteuer bestehen. Stilistisch bleibt er dabei immer einfach und nachvollziehbar, sodass trotz des philosophischen Subtextes alles ausgezeichnet lesbar ist.

Gesamteindruck: 6/7


Autor: H. G. Wells
Originaltitel: The Island of Dr. Moreau
Erstveröffentlichung: 1896
Umfang: 160 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Taschenbuch


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BuchWelt: Die Zeitmaschine

H. G. Wells


Wie man es von den klassischen Science-Fiction-Autoren gewohnt ist, hat auch H. G. Wells eine wundervolle Art, seine Geschichte dem Leser näherzubringen. Das liest sich auch heute, weit über 100 Jahre nach der Erscheinung des Buches, immer noch fantastisch. Manchem mag der Stil altmodisch und damit etwas holprig erscheinen, mir persönlich gefällt er sehr gut und hebt sich erfrischend von den modernen Schriftstellern ab. Für die Höchstwertung reicht es aber dennoch nicht ganz, da trotz des geringen Umfangs von ca. 160 Seiten ein paar Längen enthalten sind. Gelesen haben sollte man „Die Zeitmaschine“ aber auf jeden Fall – nicht nur als Fan klassischer Science Fiction.

Gesamteindruck: 6/7


Kritische Auseinandersetzung mit der Zukunft.

Gerade die klassische Science Fiction hat oft mit dem Problem zu kämpfen, dass ihre Visionen bereits von der Zukunft eingeholt wurden. Das keineswegs negativ zu werten, gerade weil die Vorstellungen der alten Meister oft sehr prophetisch waren. Vor allem Jules Verne und eben H. G. Wells waren echte Visionäre und vieles traf bereits so ein, wie von ihnen vorhergesagt. Manche Voraussagen erwiesen sich im Nachhinein aber auch als falsch – dem beugt Wells im Falle der „Zeitmaschine“, anders als im „Krieg der Welten“, sehr gut vor, indem er weite Teile der Handlung nicht in eine nahe, sondern in eine unvorstellbar weit entfernte Zukunft verlegt. So wird nicht so bald zu erkennen sein, was von den Ideen des Autors wirklich eintrifft und was sich als „falsch“ erweist.

Wie dem auch sei, es gibt es auch in diesem Buch hier ein paar echte Sensationen zu lesen (unter anderem wird zum Beispiel mit der Behauptung, die Zeit sei die vierte Dimension Einstein zumindest ansatzweise vorweggenommen). Ein weiterer Teil der Faszination, die von diesem Roman nach wie vor ausgeht beruht auf den relativ stark ausgeprägten, gesellschaftskritischen Ansätzen. Wells veranschaulicht in „Die Zeitmaschine“ sehr deutlich, wie aus den Fehlern seiner eigenen Zeit der spätere Niedergang der menschlichen Zivilisation hervorgeht, der schließlich in Barbarei und Versklavung endet. Eine indirekte Kritik an der Unterdrückung der Menschen zu Wells Zeit – und heute, in Zeiten menschenunwürdiger Produktionsbedingungen nach wie vor hochaktuell.

Sprachlich empfinde ich den Abschnitt der Geschichte am gelungensten, in dem der Autor seinen namenlosen Protagonisten weitere Jahrtausende nach der eigentlichen Handlung weiter in die Zukunft reisen lässt. Die Trostlosigkeit der dort beschriebenen Welt ist dermaßen anschaulich, dass einen das Bild praktisch tagelang nicht mehr loslässt.

Gesamteindruck: 6/7


Autor: H. G. Wells
Originaltitel: The Time Machine
Erstveröffentlichung: 1895
Umfang: 160 Seiten (deutsche Printausgabe)
Gelesene Sprache: Deutsch
Version: Taschenbuch


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