FilmWelt: Die Nacht der lebenden Toten

„Die Nacht der lebenden Toten“ (1968) taucht regelmäßig in Listen mit wichtigen und bahnbrechenden Klassikern auf. Aus heutiger Sicht ist das zumindest bei oberflächlicher Betrachtung gar nicht mehr so einfach nachzuvollziehen – 1968 war es hingegen eine völlig neue Art von Horror, den Regisseur George A. Romero in einer Nachmittagsvorstellung (!) auf das nichtsahnende Publikum losließ. Und ja, der Film mag seine Schwächen haben; seiner Wirkung kann man sich dennoch bis heute schwer entziehen, wenn man auch nur ein bisschen was am Horror-Genre findet.

Gesamteindruck: 6/7


Das Zeitalter der Zombies beginnt.

Mir ist nicht ganz klar, wie Untote vor „Die Nacht der lebenden Toten“ im Film dargestellt wurden. Natürlich gab es Graf Dracula (1931 erstmals im Film zu sehen) – George Romero schuf jedoch, so heißt es, eine neue Form von Kreatur: Seine lebenden Toten haben nichts mit der romantischen Vorstellung des transylvanischen Adeligen zu tun, der sich seine Manieren und seine Intelligenz über den Tod hinaus bewahren konnte. Eines haben sie aber mit dem blutdürstigen Grafen gemeinsam: Sie sollten in den folgenden Jahren und Jahrzehnten in zahllosen Inkarnationen, mal mehr, mal weniger originell die Leinwände und Fernsehschirme dieser Welt erobern.

Worum geht’s?
Als die Geschwister Barbra und Johnny das Grab ihres Vaters besuchen, werden sie ohne Grund von einem Mann angegriffen, der sich äußerst merkwürdig benimmt und aussieht. Während Johnny zu Boden geworfen wird, kann sich Barbra in einem nahegelegenen Haus verstecken. Dort trifft sie – völlig unter Schock – bald auf weitere Flüchtlinge, die sich gemeinsam verschanzen und bald von höchst unheimlichen Gestalten belagert werden…

Die ersten Minuten von „Die Nacht der lebenden Toten“ benötigt der moderne Zuschauer, sich halbwegs in einen Film einzugewöhnen, der kaum aktuellen Sehgewohnheiten entspricht. Das beginnt bei der Darstellung in schwarz/weiß, setzt sich über die ungewohnte Kameraführung fort und reicht über die seltsam anmutende Synchronisation bis hin zum teilweise eher hölzernen Auftreten der Schauspieler. Ob und wie große Probleme man damit hat, hängt freilich von der individuellen Offenheit gegenüber historischem Material ab. Ich für meinen Teil kann sagen, dass ich spätestens nach 20 Minuten so hineingekippt bin, dass mir das hohe Alter des Streifens sowie sein geringes Budget kaum noch aufgefallen sind.

Weil es gut passt, sei an dieser Stelle direkt angemerkt, dass die fehlenden Geldmittel so gut wie keine Auswirkungen auf Spannung, Dialoge und Drehbuch haben. Sie zeigen sich meines Erachtens vorwiegend an der Technik; besonders auffällig: Schwankungen im Ton, teilweise auch komplett fehlende Geräusche – ob das eventuell nur in der deutschen Fassung so ist, kann ich allerdings nicht beurteilen. Die Synchronisation ist übrigens nicht optimal, die Sprecher klingen zumindest teilweise nicht so professionell, wie man sich das wünschen würde. Ansonsten sind in Sachen Professionalität und/oder Budget noch die dilettantische Choreografie der Kämpfe (so deutlich erkennbar haut nicht mal Bud Spencer daneben) und der für mein Gefühl stark ausbaufähige und viel zu abrupte Schnitt zu erwähnen.

Unerwartet intensiv.

Positiv überrascht war ich hingegen von der Intensität und der düsteren Atmosphäre. Drei Hauptgründe, die zeigen, dass das auch mit verhältnismäßig bescheidenen Mitteln zu bewerkstelligen ist, möchte ich näher ausführen. Erstens – und vielleicht am wichtigsten – ist „Die Nacht der lebenden Toten“ mit hervorragender Filmmusik gesegnet. Der Soundtrack (ob es diesen Begriff Ende der 1960er schon im heutigen Sinne gegeben hat, entzieht sich meiner Kenntnis) sorgt in einem Ausmaß für (düstere) Stimmung, das man auch in modernen Filmen eher selten serviert bekommt. Eine Vermutung meinerseits: Die praktisch durchgängige akustische Untermalung kommt eventuell gerade wegen der oben genannten Schwächen im allgemeinen Ton dermaßen gut zur Geltung.

Der zweite Grund ist die unerwartet trostlose Gesamtstimmung, die „Die Nacht der lebenden Toten“ trotz ab und an naiv anmutender Bilder zu einem relativ harten Film macht. Letztlich gibt es keine Szene, in der man auch nur den Ansatz von Humor durchschimmern sieht, wodurch jeder Gedanke an unfreiwillige Komik, der durch den einen oder anderen technischen Mangel aufkommen könnte, schnell ad acta gelegt wird. Ich selbst musste lediglich aufgrund der Synchronisation ab und an schmunzeln, würde aber vermuten, dass dieser „Spaß“, so man es überhaupt so nennen will, dem englischsprachigen Original vollkommen abgeht. Dazu passt auch, dass die Figuren in „Die Nacht der lebenden Toten“ keine todesmutigen Helden sind. Sie sind auch nicht direkt gut oder böse, sondern irgendwo dazwischen, wirken wie ganz normale Menschen, haben untereinander auch Konflikte. Kurz: Romero nimmt hier einiges vorweg, das die ganze Welt Jahrzehnte später an „The Walking Dead“ feiern sollte – und das zum Teil sogar noch realistischer. Übrigens hat der Film auch kein Happy End, ganz im Gegenteil: Er endet auf eine Weise tragisch, die mich fast schon fassungslos zurückgelassen hat. Hätte ich so nicht erwartet!

Der dritte Punkt, den ich in Sachen Intensität erwähnt haben will: Ich habe mich oben ein wenig über die billig wirkende Technik beschwert, möchte da jedoch die Kameraarbeit klar ausnehmen; die ist zwar ein bisschen ungewohnt, aber dennoch sehr gut gelungen. Gleiches gilt für die meisten Effekte, die ebenfalls zu gefallen wissen. Weniger mit Filmtechnik, wohl aber mit den Fertigkeiten des Regisseurs hat ein anderer Punkt zu tun: Das Gefühl des Realismus, das durch die regelmäßige Einbindung von Nachrichtenschnipseln geschaffen wird. Ich wusste gar nicht, dass diese Technik schon so früh in der Filmgeschichte zum Einsatz kam – Romero macht das jedenfalls perfekt, was sein Langfilm-Debüt nochmal besser macht.

Fazit: Wer sich von den genannten Punkten angesprochen fühlt und über die angeführten Schwächen hinwegsehen kann, erlebt mit „Die Nacht der lebenden Toten“ einen unerwartet düsteren und zu seiner Zeit wohl auch ausgesprochen harten Film. Letzteres heißt, dass man durchaus explizite Gewalt, inklusive Blut und Eingeweiden zu sehen bekommt, außerdem hier und da recht viel nackte Haut. Kein Wunder also, dass der Film von Anfang an skandalumwittert war, was sicher auch einen Teil seines späteren Ruhmes ausmacht. Dennoch sollte man das, was George Romero geschaffen hat, nicht nur auf den bis dahin kaum gekannten Horror-Faktor reduzieren – „Die Nacht der lebenden Toten“ ist schlicht und einfach ein gut gemachter Film ohne ganz große Schwächen.

Gesamteindruck: 6/7


Originaltitel: Night of the Living Dead.
Regie:
George A. Romero
Drehbuch: George A. Romero, John A. Russo
Jahr: 1968
Land: USA
Laufzeit: ca. 95 Minuten
Besetzung (Auswahl): Duane Jones, Judith O’Dea, Karl Hardman, Marilyn Eastman, Russell Streiner, Kyra Schon



BuchWelt: Spuk in Hill House

Shirley Jackson


Abseits von Stephen King und einer gelegentlichen Rückkehr zu H. P. Lovecraft habe ich in letzter Zeit wenig unheimliche Literatur genossen – höchste Zeit also, sich mal wieder ordentlich zu gruseln. Die Suche nach einem geeigneten Schocker hat mich diesmal ins Internet geführt, wo man einen nachgerade unerschöpflichen Fundus an Literatur-Tipps jeglicher Couleur findet. Auf Listen mit Titeln wie „The Most Terrifying Books“ o. ä. tauchen immer recht ähnliche Werke auf – darunter auch vorliegendes Buch der amerikanischen Autorin Shirley Jackson. Weil mir die gleichnamige Netflix-Serie gut gefallen hat, nahm ich allen Mut zusammen um Hill House erneut zu erkunden.

Gesamteindruck: 3/7


Das Blut gefriert nur manchmal.

„Spuk in Hill House“ war zwar kein klassischer Spontankauf, wie aus der Einleitung deutlich wird, ein paar Überraschungen hatte das Buch aber dennoch gleich zu Anfang für mich parat. Bevor ich die erste Seite aufgeschlagen (oder wie man das bei einem eBook nennt) habe, habe ich zum Beispiel nicht bewusst mitbekommen, dass der Roman von einer Frau geschrieben worden ist. Eigentlich wäre das keine Erwähnung wert (Wieso sollte es nicht auch von einer Frau Horrorliteratur geben?), würde das Buch nicht schon 1959 veröffentlicht worden sein. Damals war das meines Erachtens noch nicht so selbstverständlich, wie es heute zumindest sein sollte. Und: Nicht nur die genannte Netflix-Serie basiert auf „Spuk in Hill House“, es gibt mit „Bis das Blut gefriert“ (1963) und „Das Geisterschloss“ (1999) sogar zwei mehr oder weniger erfolgreiche Filme. Das alles zeigt, dass an der häufigen Erwähnung auf Empfehlungslisten schon was dran sein dürfte, zumindest scheint für eine erhebliche Anzahl an Lesern, aber auch für diverse Filme- und Serienmacher eine gewisse Faszination von dem Stoff auszugehen.

Worum geht’s?
Der Anthropologe John Montague mietet für einige Wochen ein Anwesen, in dem es nicht mit rechten Dingen zugehen soll. Beim Aufspüren und Nachweisen übernatürlicher Aktivitäten sollen ihm drei Freiwillige helfen, die er aufgrund ihrer Sensitivität für derartige Phänomene ausgewählt hat – und die unterschiedlicher nicht sein können. Und tatsächlich merken die Hausgenossen bald, dass der schlechte Ruf, den Hill House in der ganzen Gegend genießt, nicht von ungefähr kommt

Ich muss ehrlich sagen, dass mich dieses Buch eher ratlos als verängstigt zurückgelassen hat. Die von mir gelesene, deutsche eBook-Ausgabe ist 215 Seiten eher dünn, dennoch habe ich erstaunlich lang für die Lektüre gebraucht. Das liegt meines Erachtens unter anderem am schwankenden Erzähltempo: Passiert im Haus nicht viel, ergehen sich die Figuren teilweise seitenlang in Erinnerungen und tauschen Erfahrungen aus ihrem Leben aus. Wenn es hingegen unheimlich wird, hat man den Eindruck, dass die Ereignisse im Zeitraffer ablaufen; ein bisschen erinnert das dann an das reale Gefühl von atemloser Panik. Ich weiß nicht, wie ich es besser beschreiben kann, aber wenn im Hill House Geister (oder was man dafür halten könnte) auftauchen, ist man kaum in der Lage, das Buch aus der Hand zu legen. Auch aus Angst, was man sehen oder hören könnte, wenn man sich nicht auf die Seiten konzentriert, die vor einem liegen. Klingt gut und furchteinflößend? Ist es auch, insofern kann ich sogar verstehen, wieso das Buch als besonders unheimlich gilt.

Zu wenig Horror.

Leider gibt es aber ein Problem: Im schmalen Umfang von „Spuk in Hill House“ sind nur zwei Szenen enthalten, die dem Leser tatsächlich auf diese Art und Weise einen tüchtigen, fast körperlich spürbaren Schrecken einjagen. Der Rest ist Psychologie und Philosophie, was gar nicht so schlecht wäre, aber einfach nicht dem entspricht, was ich mir hier erwartet und erhofft hätte. Das ist sehr schade – denn eigentlich hätte die Autorin eine perfekt aufgebaute, düstere Atmosphäre aufgebaut zur Verfügung gehabt. Das was sie daraus macht ist in wenigen Momenten schlichtweg genial, lässt im weit größeren Teil die unheimliche Stimmung jedoch wieder verpuffen.

Es hätte eventuell dennoch für eine höhere Wertung reichen können – hätte Shirley Jackson nicht im letzten Drittel (oder ist es schon ab der Hälfte?) eine zusätzliche Person, die Frau von Dr. Montague, eingeführt. Ich bin mir nicht sicher, ob das als humoristische Auflockerung der dichten und bedrückenden Atmosphäre gedacht war – ich hätte die schrille und exzentrische Figur definitiv nicht gebraucht. Ich würde sogar sagen, dass dadurch ein Gutteil der vorher sorgsam aufgebauten Stimmung unwiederbringlich verloren geht. Eher als Randnotiz sei noch notiert, dass die Dialoge zum Teil höchst merkwürdig wirken. Ich habe auch nicht den Eindruck, dass das am Alter des Buches liegt – es ist aus meiner Sicht einfach so, dass weder die individuelle Sprache der Personen noch wie sie miteinander reden, sonderlich natürlich wirken. Woran das liegt, kann ich nicht genau festmachen, bei mir hat dieser Faktor jedenfalls ab und an für unfreiwilliges Schmunzeln gesorgt.

Alles in allem ist „Spuk in Hill House“ damit ein mittelmäßiges Buch. Exzellente (und das meine ich wirklich so!), atmosphärisch extrem dichte Schockmomente sind vorhanden, kommen aber viel zu selten vor. In Kombination mit der spät eingeführten und viel zu aufdringlichen Ehefrau des Anthropologen kann das leider nicht für eine bessere Wertung reichen. Sehr schade, ich wollte dieses Buch wirklich mögen.

Gesamteindruck: 3/7


Autor: Shirley Jackson
Originaltitel: The Haunting of Hill House.
Erstveröffentlichung: 1959
Umfang: ca. 215 Seiten
Gelesene Sprache: Englisch
Gelesene Version: eBook

SerienWelt: The Man in the High Castle – Staffel 2

„The Man in the High Castle“ basiert auf der gleichnamigen Erzählung von Philip K. Dick aus dem Jahre 1962. In der von Amazon produzierten Serie ist häufig recht holprig vom „Mann im hohen Schloss“ die Rede, der Roman erschien im deutschsprachigen Raum hingegen unter dem Titel „Das Orakel vom Berge“. Die Serie besteht aus vier Staffeln, die zwischen 2015 und 2019 erstmals ausgestrahlt wurden. In dieser Rezension behandle ich Staffel 2 aus dem Jahr 2016.

Gesamteindruck: 5/7


Die Welt am Abgrund.

Die erste Staffel dieser Amazon-Original-Serie fand ich bis auf kleinere Kritikpunkte gut. Als negativ empfand ich vor allem das oftmals gehetzt wirkende Erzähltempo, das die Protagonisten dazu zwang, in unglaubwürdig hoher Schlagzahl komplexe Probleme zu lösen. Um es vorweg zu nehmen: Zwar meint man auch in Staffel 2 gelegentlich, man hätte versucht, zu viele Ideen in zu kurzer Zeit unterzubringen. Weil das aber eher die Ausnahme als die Regel ist, haben die einzelnen Story-Elemente und Charaktere meines Erachtens deutlich mehr Möglichkeiten, sich zu entfalten. Was freilich nicht heißt, dass es an vorliegenden 10 Folgen gar nichts auszusetzen gibt.

Inhalt in Kurzfassung
Das Deutsche Reich und das Japanische Kaiserreich haben den 2. Weltkrieg gewonnen. Die ehemaligen USA stehen unter Verwaltung der Achsenmächte – die Japaner regieren die Westküste, die Nazis den Osten, dazwischen liegt eine neutrale Zone. Doch es regt sich Widerstand, befeuert durch merkwürdige Filme, die vom „Mann im hohen Schloss“ unters Volk gebracht werden und die eine alternative Realität aufzeigen. Und auch zwischen den mächtigen Verbündeten kommt es zum Konflikt, der in einer nuklearen Katastrophe zu enden droht…

Im Wesentlichen hat Staffel 1 von „The Man in the High Castle“ einen Großteil des relativ kurz gehaltenen Romans von Philip K. Dick erzählt. Dick selbst hatte irgendwann in den 1970er Jahren zwar zu Protokoll gegeben, an einer Fortsetzung zu arbeiten, erschienen ist eine solche aber nie, es gab aber sehr wohl einige Andeutungen zum Inhalt. Eine davon umfasst die Möglichkeit, zwischen verschiedenen Realitäten zu reisen und auch Gegenstände mitzunehmen – so wie es einer der Akteure in Staffel 2 der Serie macht (im Buch gibt es ein vergleichbares Ereignis, das aber eher den Charakter einer Vision hat). Somit ist einer der Punkte, die dazu geführt haben, dass diese Staffel deutlich schlechtere Bewertungen hinnehmen musste eine Idee, die wohl vom Autor des Originals selbst stammt. Meine persönliche Meinung dazu: Ich finde nicht, dass es diesen Kniff unbedingt gebraucht hätte, weil der Serie damit ein Teil ihrer Ernsthaftigkeit genommen wird. Leider ist es noch dazu so, dass das Staffel-Finale in höchstem Maße auf diesen deus ex machina angewiesen ist – schade, diese Problematik wäre doch sicher auch anders lösbar gewesen.

Trotz Schwächen sehenswert.

Von diesem Lapsus (der in meiner Gesamtbewertung der Staffel immerhin zu zwei Punkten Abzug führt) abgesehen, bleibt „The Man in the High Castle“ auch in Staffel 2 sehenswert. Und das durchaus im wahrsten Sinne des Wortes: Vor allem die Optik begeistert weiterhin ohne Wenn und Aber. Das unter japanischer bzw. deutscher Verwaltung stehende Amerika sieht bedrückend-realistisch aus. Das betrifft sowohl Innen- und Außenaufnahmen von Städten und Gebäuden als auch Personen und Gegenstände. Und auch, dass in Staffel 2 öfter mal ein Blick nach Berlin, ins Zentrum des Großdeutschen Reiches, geworfen wird, bringt eine faszinierende (und gleichzeitig ungemein beängstigende) Perspektive. Dort ist die Serien-Welt allerdings bei weitem nicht so gut ausgearbeitet wie in San Francisco und mit Abstrichen New York.

An dieser Stelle merkt man dann auch recht deutlich, dass der Roman von Philip K. Dick keine Vorlage mehr liefert – was in Berlin im Detail passiert, kommt dort einfach nicht vor. Und genau darunter scheint Staffel 2 insgesamt ein wenig zu leiden. Der Höhepunkt, auf den alles hinausläuft, wird selbstverständlich auch im Buch angedeutet: Der innere Machtkampf im deutschen Reich, der in einer Katastrophe für die ganze Welt zu enden droht. Doch irgendwie hege ich Zweifel daran, dass die Auflösung, die uns hier präsentiert wird, im Sinne des Autors gewesen wäre – zu einfach, zu wenig subtil, zu sehr auf Nummer sicher.

Leichter konsumierbar.

Überhaupt machen es die Verantwortlichen dem Publikum in Staffel 2 deutlich leichter. Während die erste Staffel noch – ganz in der Dick’schen Philosophie – auf undurchschaubare Charaktere setzt, die schwer fassbar sind und die wechselnde Sympathien beim Zuseher wecken, verfällt man nun relativ schnell in eine Art von Gut-Böse-Schema. Das ist natürlich bequemer und wesentlich leichter, angenehmer konsumierbar – ob es nun besser ist, wage ich nicht zu beurteilen. Bei mir hat diese Staffel jedenfalls ein positiveres Gefühl hinterlassen (und das hat in diesem Fall nichts mit der technischen und schauspielerischen Qualität zu tun!), gleichzeitig ist mein Eindruck, dass etwas an Tiefe verloren gegangen ist. Interessant, weil gerade die Schwierigkeit, einen Sympathieträger zu identifizieren, ein Kritikpunkt von mir an Staffel 1 war…

Wie man sieht, ist das alles nicht so leicht zu bewerten. Ich fand jedenfalls auch die zweite Staffel von „The Man in the High Castle“ hochspannend, aufgrund etwas zurückgefahrener Subtiltiät vielleicht sogar spannender als Staffel 1. Dennoch fehlt etwas, das ich nicht genauer festmachen kann, sodass ich letztlich einen Punkt weniger springen lasse. Und mich dennoch auf Staffel 3 freue.

Gesamteindruck: 5/7


Originaltitel: The Man in the High Castle
Idee: Frank Spotnitz
Land: USA
Jahr: 2016
Episoden: 10
Länge: ca. 50-60 Minuten
Gesehen auf: Amazon Prime Video
Haupt-Besetzung: Alexa Davalos, Rupert Evans, Luke Kleintank, DJ Qualls, Rufus Sewell, Cary-Hiroyuki Tagawa, Joel de la Fuente, Brennan Brown, Chelah Horsdal



 

SerienWelt: The Man in the High Castle – Staffel 1

„The Man in the High Castle“ basiert auf der gleichnamigen Erzählung von Philip K. Dick aus dem Jahre 1962. In der von Amazon produzierten Serie ist häufig recht holprig vom „Mann im hohen Schloss“ die Rede, der Roman erschien im deutschsprachigen Raum hingegen unter dem Titel „Das Orakel vom Berge“. Die Serie besteht aus vier Staffeln, die zwischen 2015 und 2019 erstmals ausgestrahlt wurden. In dieser Rezension behandle ich Staffel 1 aus dem Jahr 2015.

Gesamteindruck: 6/7


Spannendes Alternativwelt-Szenario.

In meiner Rezension zum Buch „Das Orakel vom Berge“ habe ich es schon geschrieben: Eine alternative Realität, in der die Geschichte ganz anders abgelaufen ist, als wir sie kennen, ist eine reizvolle Idee. Den Roman von Philip K. Dick finde ich gut, umso gespannter war ich, wie das eher philosopophisch-nüchterne Werk für ein audio-visuelles Medium umgesetzt werden würde. So viel sei vorweg genommen: Die erste Staffel von „The Man in the High Castle“ hat meine Erwartungen tatsächlich erfüllt, auch wenn nicht alles perfekt ist.

Inhalt in Kurzfassung
Das Deutsche Reich und das Japanische Kaiserreich haben den 2. Weltkrieg gewonnen. Die ehemaligen USA stehen unter Verwaltung der Achsenmächte – die Japaner regieren die Westküste, die Nazis den Osten, dazwischen liegt eine neutrale Zone. Beide Siegermächte herrschen mit Willkür, oft auch mit Brutalität, wenig verwunderlich also, dass sich Widerstand regt. Und dann gibt es da noch merkwürdige Filmrollen, die eine alternative Realität zu zeigen scheinen, eine Welt, in der der Krieg ganz anders ausgegangen ist…

Wer „Das Orakel vom Berge“ gelesen hat, wird anhand der Inhaltsangabe vermuten, dass sich die Serie relativ nahe an der Vorlage orientiert. Zumindest in gewissen Aspekten – sieht man genauer hin, merkt man beispielsweise schnell, dass es doch recht große Unterschiede gibt. Nichtsdestotrotz schafft die Serie eine hervorragende Atmosphäre, die meines Erachtens genau das Amerika zeigt, das Dick in seinem Roman beschreibt. Das betrifft die Figuren (die selbstherrlichen und sich stets überlegen fühlenden Nazis, die zurückhaltenden und verschlossenen Japaner, die zwischen Hoffnungslosigkeit und Trotz schwankenden Amerikaner), aber auch die gesamte Umgebung. Letztere zeigt eine interessante Mischung aus heruntergekommenen Gegenden, in denen die verarmte Bevölkerung ihr Dasein fristet und den luxuriösen Verwaltungsgebäuden der Besatzer. Vor allem die bombastisch-bedrückenden Nazi-Bauwerke stehen in starkem Kontrast zum 1960er-Feeling. Ich würde sogar sagen, dass die Serie durch ihre visuellen Möglichkeiten dem Buch in dieser Hinsicht überlegen ist, das aber auch, weil Philip K. Dick ein eher philosophischer Autor war, der wenig Wert auf Außenbeschreibungen gelegt hat. Umso erstaunlicher, was die Serien-Macher hier geleistet haben.

Freilich gibt es, wie angedeutet, auch gravierende Unterschiede zum Buch, auf die ich aber nicht allzu sehr eingehen möchte. Gesagt sei, dass die Story nur sehr rudimentär auf den Ereignissen des Romans basiert. Letztlich muss man konstatieren, dass die Geschichte in weiten Teilen vollkommen anders abläuft, was aber nicht zwangsweise bedeutet, dass die Serie schlecht ist. Im Gegenteil – wer sich darauf einlassen kann und nicht ständig Vergleiche mit dem Buch zieht (wobei fraglich ist, ob überhaupt ein nennenswerter Teil des Serienpublikums „Das Orakel vom Berge“ gelesen hat), darf sich auf spannende und unterhaltsame 10 Stunden freuen.

Kleinere Kritikpunkte.

Zwei Kritikpunkte habe ich aber dennoch: Erstens hat man des Öfteren das Gefühl, dass die Showrunner versucht haben, viel zu viele Ideen unterzubringen. Eventuell war ursprünglich nur eine Staffel geplant und man wollte deshalb so viel wie möglich umsetzen? Ich weiß es nicht, aber teilweise entsteht dadurch ein regelrecht gehetzt wirkendes Erzähltempo. Damit geht der zweite Punkt einher: Die Hauptfiguren müssen häufig in hoher Schlagzahl ein Problem nach dem anderen lösen und wechseln dabei auch mal munter ihre Ausrichtung. Ihnen passiert einfach zu viel, sodass man einerseits die Glaubwürdigkeit in Frage stellt, andererseits tatsächlich Probleme hat, einen echten Sympathieträger zu identifizieren.

Dennoch: Die erste Staffel von „The Man in the High Castle“ ist gutes Handwerk, bietet ein tolles Setting und ist spannend, kurz: Hier bekommt man alles, was man von einer modernen Serie erwarten darf. Ich bin jedenfalls sehr gespannt, wie es in Staffel 2 weitergeht.

Gesamteindruck: 6/7


Originaltitel: The Man in the High Castle
Idee: Frank Spotnitz
Land: USA
Jahr: 2015
Episoden: 10
Länge: ca. 50-60 Minuten
Gesehen auf: Amazon Prime Video
Haupt-Besetzung: Alexa Davalos, Rupert Evans, Luke Kleintank, DJ Qualls, Rufus Sewell, Cary-Hiroyuki Tagawa, Joel de la Fuente, Brennan Brown, Carsten Norgaard



 

BuchWelt: Das Orakel vom Berge

Philip K. Dick


„Was wäre, wenn…“ ist ein reizvolles Spiel. So auch in der Variante von Philip K. Dick, der mit dem 2. Weltkrieg eines der einschneidenden Ereignisse der Geschichte auf eine Art und Weise enden lässt, die ein mulmiges Gefühl hinterlässt… 

Gesamteindruck: 6/7


Was wäre, wenn…

Eines der bekanntesten Werke des US-amerikanischen Science Fiction-Autors Philip K. Dick ist „Das Orakel vom Berge“ aus dem Jahre 1962. Noch nie davon gehört? Nun, vielleicht klingelt es ja bei der Original-Bezeichnung: „The Man in the High Castle“. Nicht zuletzt dank der gleichnamigen Serie aus den Amazon Studios, die es von 2015 bis 2019 auf vier Staffeln brachte und auf dem Buch basiert, sollte dieser Titel deutlich mehr Menschen ein Begriff sein. Freilich unterscheidet sich die Serie teils gravierend von den Schilderungen des Buches – aber das soll uns in dieser Rezension nur am Rande tangieren.

Inhalt in Kurzfassung
Die frühen 1960er Jahre: Die Achsenmächte, allen voran das nationalsozialistische Deutschland und das Kaiserreich Japan, haben den 2. Weltkrieg 1947 nach langem Ringen für sich entschieden. Die USA sind ein besetztes und geteiltes Land – der Westen gehört den Japanern, der Osten den Deutschen, dazwischen gibt es eine neutrale Pufferzone. In dieser alternativen Realität leben und arbeiten verschiedene Protagonisten, deren Schicksal mehr oder weniger stark miteinander verbunden ist.

Das Ergebnis des 2. Weltkrieges, das in „Das Orakel vom Berge“ beschrieben wird, ist eine bedrückende, aber auch sehr starke Fiktion – und muss es zu der Zeit, als der Roman geschrieben wurde, noch mehr gewesen sein; immerhin lag das Kriegsende damals noch keine 20 Jahre zurück. Freilich zeigt die moderne Forschung, dass ein Sieg der Achsenmächte auch bei für sie günstigstem Kriegsverlauf kaum zu realisieren gewesen wäre, zu überlegen waren die alliierten Ressourcen an Mensch, Material und Wirtschaftskraft. Wie es dennoch zu diesem verheerenden Ausgang des bisher größten und schrecklichsten Waffengangs der Menschheitsgeschichte hätte kommen können, wird in „Das Orakel vom Berge“ allerdings ohnehin nur in Andeutungen abgehandelt, darunter z. B. eine Reihe von „schwachen US-Präsidenten„, die ihr Land in die Isolation führten.

Erzählerische Dichte.

Inhalt des Buches ist weniger die Frage, wie es überhaupt soweit kommen konnte, wobei es der Autor durch verschiedene Anspielungen und immer wieder eingestreute Passagen versteht, dem Leser sozusagen Brocken hinzuwerfen, aus denen er sich mit Hilfe der Charaktere die Geschichte ganz von selbst konstruieren kann. Dennoch: „Das Orakel vom Berge“ behandelt in erster Linie die Lebensumstände für Sieger und Besiegte im Alltag und bleibt dabei vorwiegend im japanisch besetzten San Francisco bzw. in der neutralen Pufferzone. So erfährt man beispielsweise, dass die Japaner weit gnädigere Herren sind als ihre Verbündeten (die sich ihrerseits wiederum den Japanern überlegen fühlen). Und doch haben sich viele Aspekte der fernöstlichen Kultur in den amerikanischen Alltag geschlichen, was sich beispielsweise im ständigen Verbeugen und im Versuch, stets die wahren Gefühle zu verbergen, zeigt – und was zu langsam aber sicher aufkeimendem Widerstand im amerikanischen Volk führt.

An dieser Ebene des Buches könnte ich jetzt keinerlei Kritik üben, im Gegenteil: All das ist sehr gut gelungen und dargestellt und schafft das Gefühl unglaublicher Tiefe. Es ist geradezu unbegreiflich, wie erzählerisch dicht Philip K. Dick trotz – oder vielleicht gerade wegen? – des relativ geringen Umfanges unterwegs ist.  Man sieht direkt vor sich, wie San Francisco unter japanischer Herrschaft aussehen könnte – und das auf sehr realistische Art und Weise. Das betrifft übrigens auch die durch und durch interessanten und vor allem glaubwürdigen Charaktere. Es gibt hier keine Helden und Schurken, sondern nur Menschen mit verschiedenen Facetten. Eine ganz feine Klinge, die der Autor diesbezüglich führt, das gilt sowohl für die Figuren selbst als auch für deren Handlungen.

Von Heuschrecken und Widerständlern.

Interessant ist, dass „Das Orakel vom Berge“ trotz des relativ geringen Umfangs auf mehreren Ebenen funktioniert. Oben beschrieben habe ich die reizvolle Idee der alternativen Realität und wie das Leben darin aussehen könnte. All das ist für sich schon eine sehr gelungener Roman. Wer aber tiefer gehen möchte, kann sich gemeinsam mit dem Autor auf philosophischer Ebene mit der Frage nach der Wirklichkeit beschäftigen. An dieser Stelle muss ich zugeben, dass mir das teilweise schon fast zu komplex war und ich nicht ganz durchschaut habe, wie der Ansatz genau lautet. Klar ist, dass es mehrfach Anspielungen in diese Richtung gibt – beispielsweise beim Gespräch zweier Figuren über den Wert echter und gefälschter Antiquitäten, der diesen Gegenständen nur durch die emotionale Bindung des Käufers zugewiesen wird. Ob das Objekt echt ist oder nicht, spielt keine Rolle – zumindest solange nicht, wie es der Interessent nicht weiß.

Und dann gibt es da noch das „Buch im Buch“, genannt „Die Plage der Heuschrecke“ (in der Serie handelt es sich dabei übrigens um Filmrollen). Dieses Werk zeigt, wie eine andere Realität aussehen könnte und erzählt wiederum eine Geschichte, in der Deutschland und Japan den Krieg verlieren, wobei die geschilderten Ereignisse nicht denen entsprechen, die wir kennen. Die Frage, wie Hawthorne Abendsen, Autor des „Heuschreckenbuches“ (im Original: „The Grasshopper Lies Heavy“), sein Werk geschrieben hat, bleibt teilweise unbeantwortet, während das Buch selbst ein weiterer Aspekt ist, der zeigt, wie Unwirkliches die Wirklichkeit beeinflussen kann. Denn dieses Buch, verboten bei den Nazis, viel gelesen bei den Japanern, ist durch sein Aufzeigen einer anderen Möglichkeit, wie der Krieg hätte ausgehen können, wichtig für die Widerstandsbewegung und gibt den Menschen Hoffnung.

Der Leser ist gefordert.

Es wäre jetzt zu komplex, auf alle Details einzugehen – und ich bin mir auch nicht ganz sicher, alles zu 100% verstanden zu haben. Gesagt sei aber, dass Philip K. Dick all diese Elemente zu einer interessanten, lesenswerten, nachdenklichen und – ja, auch unterhaltsamen, Geschichte verquickt. Man muss natürlich ein wenig aufpassen, was man erwartet. Denn gerade in dem Punkt, der die Aufklärung bringen könnte, die man sich als Leser erhofft, hält sich der Autor bedeckt. So ist bis zum Schluss nicht klar, ob „Das Orakel vom Berge“ auch in sich in einer alternativen Realität spielt; zumindest bleibt den Charakteren verborgen, ob es so ist. Ein paar Hinweise gibt es, aber so richtig wird nicht offenbart, ob z. B. das „Heuschreckenbuch“ reine Fiktion oder ein Tatsachenbericht aus einem anderen Universum ist. Im Endeffekt überlässt es Philip K. Dick dem Leser, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Er hat eine ansprechende „was wäre, wenn“-Geschichte geschrieben, alles, was darüber hinausgeht, ist ein Bonus, der den, der dazu gewillt ist, zur Gehirnakrobatik anregt. Mitdenken ist also erlaubt, Pflicht ist es aber nicht (zumindest nicht im philosophischen Ausmaß), um das Buch gut zu finden.

Und jetzt entschuldigt mich bitte, ich glaube, ich brauche einen zweiten Versuch, ich habe das Gefühl, dass mir einiges entgangen ist…

Gesamteindruck: 6/7

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Autor: Philip K. Dick
Originaltitel: The Man in the High Castle.
Erstveröffentlichung: 1962
Umfang: ca. 200 Seiten
Gelesene Sprache: Englisch
Gelesene Version: Taschenbuch

FilmWelt: Ein toller Käfer

Einen Tag vor Veröffentlichung dieser Rezension ist der neue Streamingdienst von Disney in Europa gestartet. Dass ausgerechnet „Ein toller Käfer“ von 1968 (!) der erste Film sein würde, den ich mir dort ansehe, hätte ich nie gedacht – denn eigentlich waren die Star Wars-Rechte der einzige Grund, wieso ich Disney+ überhaupt testen wollte. Erst beim Durchscrollen des Angebots wurde mir wieder bewusst, dass Disney auch früher schon mehr gemacht hat als nur Zeichentrick. Und so musste ich einfach einen Klassiker aus meiner Kindheit sehen, bevor ich überhaupt an „The Mandalorian“ & Co denken konnte.

Gesamteindruck: 5/7


Unschuldiger Spaß für die ganze Familie.

In meiner Erinnerung ist „Ein toller Käfer“ ein großartiger Film. Meine Eltern hatten ihn irgendwann Ende der 1980er auf Video aufgenommen und ich bin mir sicher, dass das eine der Kassetten ist, die ich am öftesten abgespielt habe; so gut hat mir gefallen, was Regisseur Robert Stevenson (u.a. Mary Poppins) hier fabriziert hat. Und nun, Ende März 2020, war ich sehr gespannt, ob dieser Streifen nur durch Kinderaugen etwas taugt oder ob man sich auch als Erwachsener gut unterhalten fühlt.

Inhalt in Kurzfassung
Der glücklose Rennfahrer Jim Douglas ist auf der Suche nach einem neuen Wagen, um endlich an frühere Erfolge anschließen zu können. Durch Zufall kommt er an einen weißen VW Käfer, der nicht nur unglaublich schnell ist, sondern auch einen eigenen Willen zu haben scheint. Am Steuer von „Herbie“, wie der kleine Wagen genannt wird, fährt Douglas wieder um den Sieg mit – doch ist das seine Leistung als Fahrer oder gewinnt Herbie die Rennen selbst? Zu allem Überfluss rufen die Erfolge des Duos schnell Neider auf den Plan, allen voran den zwielichtigen Autohändler Peter Thorndyke, der Douglas den Käfer ursprünglich verkauft hat. 

Ich weiß nicht, wie oft ich diesen Film angeschaut habe – allerdings bin ich mir sicher, dass ich ihn nie im TV gesehen habe, sondern immer nur auf besagter Videokassette. Letztmals einen Videorekorder hatte ich wohl vor 25 Jahren oder so, seither habe ich ihn definitiv nicht mehr gesehen. Sehr wahrscheinlich ist es sogar länger als 25 Jahre her, dass ich „Herbie“ zum letzten Mal bewundert habe. Wieso ich das alles erzähle? Nun, gestern ist mir aufgefallen, dass ich nach wie vor jede Szene kenne und vermutlich sogar noch einen Teil der Dialoge mitsprechen könnte. Unglaublich, zeigt aber auch, dass ich wirklich beeindruckt von „Ein toller Käfer“ gewesen sein muss.

Immer noch ein guter Film.

Nun aber zur Sache. „Ein toller Käfer“ enthält zwar einige Szenen mit ein bisschen Renn-Action, ist aber insgesamt eine völlig harmlose Komödie für die ganze Familie. Garniert ist der Film mit einer kleinen, ebenfalls harmlosen Liebesgeschichte. Daher wohl auch der englische Originaltitel, in diesem Fall muss man aber sagen, dass „Ein toller Käfer“ ausnahmsweise sogar der passendere Titel ist. Die Story ist denkbar einfach, die Charaktere klar in Gut und Böse getrennt. Ein bisschen Ärger gibt es zwar, als Jim Douglas, durch seine bzw. Herbies Erfolge Starallüren bekommt, doch auch das löst sich schnell in Wohlgefallen auf. Übrigens sind die schauspielerischen Leistungen weitgehend in Ordnung; wie üblich glänzt hier vor allem der Darsteller des Bösewichts. Verdammt, war mir der damals unsympathisch… Alles richtig gemacht also.

Das Drehbuch ist zweckmäßig, man merkt aus heutiger Sicht, dass einiges mit Hilfe von Rennszenen, die sich stets ähneln, gestreckt wurde. Dadurch entstehen tatsächlich kleinere Längen, die mir früher gar nicht aufgefallen sind. Weil sich das aber in Grenzen hält, würde ich hierfür keine großen Abzüge geben. Wichtiger ist ohnehin der Humor – und ich finde nach wie vor, dass ein Großteil der Pointen sitzt. Klar, vieles ist vorhersehbar, dennoch habe ich gestern Abend ausgiebig gelacht. Weniger über Dinge wie das Auto, das seinen Erzfeind mit Öl bepinkelt, sondern tatsächlich über den Wortwitz. Man darf hier aber auch nicht die ganz feine Klinge erwarten – unterhaltsam ist es meiner Meinung nach trotzdem.

Abschließend noch ein Wort zur Technik. Die Musik ist ebenfalls etwas, das mir stark in Erinnerung geblieben ist. Hier muss ich aber zugeben, dass mich der ewig gleiche Soundtrack tatsächlich genervt hat. Optisch ist hingegen alles im grünen Bereich und ich könnte nicht sagen, was man hier besser machen kann. Man erkennt zwar ab und an sehr gut, dass die Hintergründe nur Kulissen sind, auch dass das Bild immer mal wieder beschleunigt wird, um den Käfer schneller darzustellen, fällt auf. Dennoch – hier ist nichts computeranimiert und das tut einfach nur gut, finde ich. Den einen oder anderen Spezialeffekt gibt es auch zu bewundern, überbordend ist da aber nichts.

Fazit: Ja, mir hat „Ein toller Käfer“ auch anno 2020 gefallen. Nicht so extrem wie früher, ich glaube nicht, dass ich ihn mir in näherer Zukunft nochmal ansehen werde. Aber es war ein schönes Erlebnis, den Film wieder einmal zu sehen. Wie viel davon reine Nostalgie ist und wie viel Qualität tatsächlich drin steckt, werden andere beurteilen müssen. Ich fürchte, ich bin dafür zu voreingenommen – wobei mir ein Blick auf meine eigene Bewertung zeigt, dass sich der Zauber der Kindheit wohl doch nicht mehr ganz hat reproduzieren lassen…

Gesamteindruck: 5/7


Originaltitel: The Love Bug
Regie: Robert Stevenson
Jahr: 1968
Land: USA
Laufzeit: 107 Minuten
Besetzung (Auswahl): Dean Jones, Michele Lee, David Tomlinson, Buddy Hackett, Joe Flynn



 

BuchWelt: Rozznjogd/Sauschlachten

Peter Turrini


Zwei sehr schonungslose Stücke sind meinem Kärntner Landsmann Peter Turrini mit seinen Frühwerken „Rozznjogd“ (1967) und „Sauschlachten“ (1972) gelungen. Wobei man obige Bewertung durchaus infrage stellen bzw. mit Vorsicht genießen kann – immerhin habe ich nur vorliegendes Buch gelesen, das Bühnenstück als solches kann ich nicht beurteilen. Einem fantasiebegabten Leser dürfte aber ohnehin das berühmte „Bild im Kopf“ entstehen, sodass man sich zumindest gewisse Vorstellungen von der Umsetzung machen kann.

Gesamteindruck: 6/7


Rozznjogd/Sauschlachten.

„Rozznjogd“ (auf Hochdeutsch: „Rattenjagd“) besticht mit einer Aktualität, die heute größer scheint, als zur Uraufführung 1971. Grob gesagt geht es darin um den Ausbruch aus dem Konsumzwang, um das Abwerfen der Masken, die wir uns durch Statussymbole in Form von Markenartikeln erkauft haben. Radikal entfernen die Protagonisten dabei alles, was nicht zu ihrem Körper gehört – vom falschen Haarteil über die Ohrringe bis hin zur Kleidung und letztlich auch den „zivilisierten“ Verhaltensweisen, um sich wirklich kennenzulernen. Dass ein solches Stück, an dessen Ende die Schauspieler nackt und völlig enthemmt sexuelle Handlungen simulieren in den ersten Aufführungen einen Skandal erzeugte, verwundert nicht weiter. Aber im Endeffekt ist es nicht die Nacktheit, die so provoziert, sondern der Spiegel, der der modernen Wohlstandsgesellschaft vorgehalten wird. In letzter Konsequenz sind es nämlich immer noch Menschen, die sich hinter den selbstauferlegten Masken verbergen und nur zu gern befreit werden würden. Dieses Stück lebt nicht zuletzt vom starken Dialekt – für alle, die diesen nicht verstehen, liegt in diesem Buch auch eine hochdeutsche Fassung vor, die allerdings weniger reizvoll (und laut Turrini sogar „unspielbar“) ist.

Das zweite Stück im vorliegenden Band, „Sauschlachten“, widmet sich einer anderen Art von Verweigerung. Denkt man zu Beginn noch, es mit einem Volksstück im Bauernmilieu zu tun zu haben, wird sehr schnell klar, dass eben mit den Erwartungen, die solche Stücke schaffen, gespielt wird. Die „Sprachverweigerung“ macht ein Mitglied der biederen Bauernfamilie zum Außenseiter, den man zur Normalität zwingen will. Die Wut über die Weigerung zur Anpassung wird derart stark, dass schließlich alle Hemmungen und Grenzen über Bord geworfen werden. Dieses Stück scheint starke autobiographische Züge von Peter Turrini zu tragen, der sich in seiner Heimat auch immer missverstanden und als Außenseiter fühlte. Die Umsetzung des Ganzen ist schonungslos und erschreckend, mit einem gewissen Hang zum bitteren Humor – sicherlich nicht jedermanns Sache, aber meiner Ansicht nach sehr gut gelungen.

„Sauschlachten“ ist für mich das stärkere Stück, das schon allein den Kauf des Buches (und nach Möglichkeit den Gang ins Theater) rechtfertigt. Bei „Rozznjogd“ muss man sehen, dass es sich um das Debütwerk von Turrini handelt – was das Stück ebenfalls sehr eindrucksvoll und intensiv macht. Die Höchstwertung verfehlt dieser Doppelband nur ganz knapp, wobei ich noch einmal darauf hinweisen möchte, dass ich die wahre Form, das Theater, nicht kenne.

Gesamteindruck: 6/7


Autor: Peter Turrini
Originaltitel: Rozznjogd/Sauschlachten.
Erstveröffentlichung: 1967/1972
Umfang: 148 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Taschenbuch


 

BuchWelt: Eiszeit 4000

Michael Moorcock


„Eiszeit 4000“ ist alles in allem ein kurzweiliger, nicht allzu tiefgründiger Roman, der schnell gelesen ist. Ein netter Zeitvertreib, nicht mehr, aber auch nicht weniger; für höhere Weihen reicht es jedoch nicht – warum das so ist, steht unten.

Gesamteindruck: 4/7


Kurzweiliges Buch mit durchwachsenem Finale.

Das eher suboptimal betitelte „Eiszeit 4000“ (im Original wesentlich eleganter als „The Ice Schooner“ bekannt) war mein erster Kontakt mit dem Werk des Briten Michael Moorcock. Da dessen Name in Fantasy-Kreisen großes Ansehen genießt, waren meine Erwartungen entsprechend hoch. Der vorliegende Roman konnte diese jedoch nur bedingt erfüllen, was aber vornehmlich daran liegen dürfte, dass es sich dabei um ein Frühwerk des Autors handelt, das noch nicht ganz ausgereift ist.

Positiv ist jedenfalls die zugrunde liegende Geschichte zu werten, die die Fantasie sehr schön anregt. Die Beschreibung einer postapokalyptischen Welt ist zwar nichts bahnbrechend Neues, dennoch gelingt es Moorcock, dem Ganzen eine völlig eigene Note zu verleihen. Vor allem die Idee der „Eissegler“ gefällt sehr gut und wurde anschaulich umgesetzt. Übrigens sollte man sich nicht vom Klappentext täuschen lassen, der erste Teil des Buches besteht großteils aus Beschreibungen der menschlichen Lebensart in einer feindlichen Welt, während der zweite Abschnitt eine Art Reisebeschreibung im Sinne eines Jules Verne ist (ohne freilich dessen Klasse zu erreichen). Diese beiden Ansätze sind durchaus gelungen und enthalten kaum Längen – sie treiben die Handlung spannend auf das Finale zu.

Dieses Finale gibt jedoch Anlass zur Kritik. Es gibt hier zwar eine recht überraschende Wendung, dennoch wirkt das Ganze ziemlich aufgesetzt. Hier scheint den Autor ein wenig die Lust und Inspiration verlassen zu haben, die Erklärungen sind viel zu knapp und hinterlassen ein sehr schales Gefühl. Gleiches gilt für die Art und Weise, wie sich der Held aus dem Buch verabschiedet – hier wäre wesentlich mehr möglich/nötig gewesen.

Gesamteindruck: 4/7


Autor: Michael Moorcock
Originaltitel: The Ice Schooner.
Erstveröffentlichung: 1969
Umfang: 214 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Taschenbuch (vergriffen)


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