FilmWelt: Allein an der Front

In unseren Breiten ist die portugiesische Beteiligung am 1. Weltkrieg relativ unbekannt – zumindest ging es mir so, bis ich vorliegenden Film zufällig auf Amazon Prime entdeckt habe. Wer mehr über die Rolle des Landes in jenem Krieg wissen möchte, sollte allerdings zu anderen Quellen greifen – „Allein an der Front“ ist nur sehr bedingt als Anschauungsmaterial geeignet. Und auch davon abgesehen hat der Film einige Mängel.

Gesamteindruck: 2/7


Held wider Willen.

Es ist ja durchaus lobenswert, dass die portugiesischen Regisseure Gonçalo Galvão Teles und Jorge Paixão da Costa einen wichtigen Teil der jüngeren Geschichte ihrer Nation für die Öffentlichkeit aufbereiten wollten. Und, immerhin, „Allein an der Front“ regt den historisch interessierten Zuschauer tatsächlich dazu an, sich mit dem Leben und Sterben portugiesischer Soldaten im 1. Weltkrieg zu beschäftigen. Davon abgesehen kommt der Film jedoch in keiner Hinsicht über das untere Mittelmaß hinaus.

Worum geht’s?
Im 1. Weltkrieg kämpfen an der Westfront auf Seiten der Entente auch 75.000 Mann aus dem bis 1916 neutralen Portugal. Einer von ihnen ist der Landwirt Aníbal Augusto Milhais. Der Familienvater ging als „Millionen-Soldat“ in die Geschichte ein, nachdem er den Rückzug seiner Kameraden während der deutschen Frühjahrsoffensive 1918 allein mit einem Maschinengewehr gedeckt hatte. „Allein an der Front“ erzählt seine Geschichte…

Die Geschichte um den „Millionen-Soldat“ ist definitiv Stoff, der sich für die filmische Umsetzung eignet: Ein Mann, der sich einer gewaltigen Übermacht entgegenstellt und dadurch vielen Kameraden das Leben rettet – allein das liest sich nach nahezu perfektem Ausgangsmaterial, zumal es sich ja angeblich wirklich so oder so ähnlich zugetragen haben soll; bedenkt man ferner, dass die portugiesischen Soldaten großteils wenig motiviert in eine Schlacht, die nicht die ihre war, geworfen wurden, könnte man damit ohne große Schwierigkeiten ein Statement wider den Krieg herausarbeiten.

Doch leider wird „Allein an der Front“ weder dem den historischen Ereignissen noch dem realen Mann, der portraitiert werden soll, gerecht. Woran das liegt, kann ich nur vermuten: Dass das Budget nicht gerade üppig gewesen sein dürfte, sieht man dem Film zwar an, das allein wäre aber kein Grund für eine schlechte Wertung. Eher kann ich mir vorstellen, dass die Regisseure zu viel an Respekt vor einem der großen Helden ihrer Nation hatten. Oder dass sie um jeden Preis vermeiden wollten, ihm ein allzu pathetisches Denkmal zu setzen – was bei seiner Geschichte tatsächlich verlockend gewesen wäre. Diese Falle konnten die Verantwortlichen zwar vermeiden, einen spannenden und durchgängig sehenswerten Film haben sie deshalb aber nicht gedreht.

Perspektivenwechsel als Atmosphärekiller.

Der größte Fehler von „Allein an der Front“ ist meines Erachtens der ständige Wechsel der Perspektive: Wir erleben abwechselnd den jungen Milhais an der Front, dann wieder sein älteres Ego als Privatmann, der Jahre nach dem Krieg versucht, sich vor einer Ehrung zu drücken und dabei mit seiner Tochter über seine Fronterlebnisse spricht. Im Endeffekt sind beide Szenerien halbgar: Den alten Milhais will man dem Publikum als vom Krieg gezeichnet verkaufen; seine seelischen Verletzungen und die Beteuerungen, kein Held zu sein, wirken jedoch bestenfalls oberflächlich. Es ist kaum möglich, sein Verhalten und seine Dialoge mit der Sinnlosigkeit und Brutalität des Krieges und den Schwierigkeiten einer Rückkehr ins Privatleben zusammenzubringen. Daraus folgt, dass sich fast jede dieser Szenen in die Länge zieht. Zumindest haben sie schöne Landschaftsaufnahmen zu bieten, das ist aus meiner Sicht aber alles, was daran sehenswert ist.

Durch die fehlende Tiefgründigkeit abseits der Front sehnt man sich als Zuschauer – so ungern man es zugibt – nach den Szenen in den Schützengräben Flanderns. Die bekommt man, aber auch ihnen fehlt es am gewissen Etwas (man möge mir diese Plattitüde verzeihen): Die Soldaten sind zwar gerade noch ausreichend charakterisiert und das Leben und Sterben im Schützengraben scheint einigermaßen realistisch dargestellt. Allerdings kommen mir die Kämpfe (vor allem die Kamerafahrten entlang des portugiesischen Grabens) wie eine Kopie aus dem Klassiker „Im Westen nichts Neues“ (1930) vor.

Hier ist dann auch das mutmaßlich karge Budget deutlich sichtbar: Der Großteil der Szenen spielt sich direkt in der vergleichsweise günstigen Kulisse des Grabens ab, die Angriffe wirken hingegen wie die immer selbe Sequenz aus leicht abgeänderter Perspektive. Dennoch ist dieser Teil des Films deutlich besser gelungen, was den Schauspielern zu verdanken ist, die die Angst der Soldaten, aber auch die Machtlosigkeit gegenüber ihren Vorgesetzten und den allgemeinen Umständen recht glaubwürdig wiedergeben. Das ändert freilich nichts daran, dass der ständige Wechsel der Perspektive jeden Anflug von Atmosphäre direkt im Keim erstickt.

Szenen greifen nicht ineinander.

Der größte Schwachpunkt von „Allein an der Front“ ist die Handlung selbst. Denn seinem Titel wird das Werk genau genommen kaum gerecht – weder dem deutschsprachigen noch dem Original („Der Millionen-Soldat“). Der Film ist im Wesentlichen eine Aneinanderreihung einzelner Szenen, die mehr schlecht als recht ineinander greifen und sich nicht zu einer kongruenten Geschichte verbinden wollen. Es mangelt ferner an Hintergrundinformationen – dass Milhais die Front entgegen dem Befehl allein verteidigt und was das bedeutet, streift der Film letzten Endes nur am Rande. Würde es nicht in der Inhaltsangabe stehen, hätte ich – so ehrlich muss ich sein – nicht gewusst, worum es überhaupt geht. Das liegt mitunter auch daran, dass die Regisseure sich bemüht haben, das Trauma und Chaos des Stellungskrieges bildlich sichtbar zu machen. Dieser gut gemeinte Versuch scheitert aus meiner Sicht kläglich und trägt nur noch mehr zur Verwirrung des Zuschauers bei.

So bleibt „Allein an der Front“ unterm Strich kein Film, den man unbedingt gesehen haben muss. Schade, denn eigentlich hätten die Rolle Portugals im 1. Weltkrieg und die Geschichte um den Millionen-Soldat eine andere, bessere Umsetzung verdient gehabt. Und ja, ich erkenne durchaus an, dass in der portugiesischen Filmindustrie nicht viel Geld vorhanden sein dürfte – dennoch kann das nicht über die genannten Schwächen hinweg trösten.

Gesamteindruck: 2/7


Originaltitel: Soldado Milhões.
Regie:
Gonçalo Galvão Teles, Jorge Paixão da Costa
Drehbuch: Jorge Paixão da Costa, Mário Botequilha
Jahr: 2018
Land: Portugal
Laufzeit: ca. 85 Minuten
Besetzung (Auswahl): João Arrais, Miguel Borges, Raimundo Cosme, Lúcia Moniz, Ivo Canelas



FilmWelt: Danger Close – Die Schlacht von Long Tan

Unlängst habe ich in meiner Rezension zu „Kokoda – Das 39. Bataillion“ (2006) festgestellt, dass die australische Beteiligung am 2. Weltkrieg selten in Filmen thematisiert wird. Dass Soldaten aus Australien und Neuseeland auch am Vietnamkrieg beteiligt waren, war mir hingegen völlig neu – bis ich vorliegenden Film aus dem Jahr 2019 gesehen habe.

Gesamteindruck: 2/7


Kampf unter Gummibäumen.

Der halbwegs reflektierte Kriegsfilm-Zuschauer ist natürlich vorsichtig: Traditionell wird dieses Genre immer wieder genutzt, um patriotische, nicht selten sogar nationalistische Ideologien zu verbreiten. Und das bis heute – man denke nur an Filme wie „Pearl Harbor“ (2001), um ein relativ junges Beispiel zu nennen. Ganz so schlimm wie jenes von Michael Bay verbrochene Werk ist „Danger Close“ freilich nicht, mit einem guten Film haben wir es aber auch nicht unbedingt zu tun; eine Botschaft wider den Krieg sucht man im Endeffekt auch hier vergeblich. Genau genommen wirkt der australische Streifen eher wie ein Action-Film, der maximal ein paar Bilder bietet, die den Einzelnen abschrecken mögen. Ob das allein reicht, um dem Krieg den Videospiel-Charakter zu nehmen, sei dahingestellt.

Worum geht’s?
1966 werden australische und neuseeländische Truppen in ihrem Hauptquartier in Vietnam angegriffen. Nachdem festgestellt wurde, dass der Mörserbeschuss von einer nahegelegenen Gummibaum-Plantage kommt, wird eine Kompanie unter dem Kommando des hartgesottenen Major Harry Smith zur Aufklärung losgeschickt. Bald sehen sich seine jungen und unerfahrenen Soldaten einem zahlenmäßig weit überlegenen Gegner gegenüber, der sie zu überrennen droht…

Der Vietnamkrieg ist aus westlicher Sicht meist eine vorwiegend amerikanisch-vietnamesische Angelegenheit. Doch auch Australien und, in geringerem Umfang, Neuseeland, hatten in den 1960er Jahren mehrere tausend Mann im Konfliktgebiet stationiert. Davon kehrten übrigens mehr als 500 nicht mehr in ihre Heimat zurück. Diese Tatsachen waren mir bisher nicht bewusst – und auch über die Gründe der australischen Politik, sich an diesem Krieg zu beteiligen, schwebt bei mir ein großes Fragezeichen. „Danger Close – Die Schlacht von Long Tan“ thematisiert die ersten größeren Kämpfe, in die australische Einheiten in Vietnam involviert waren. Als Geschichtsstunde eignet sich der Film jedoch nicht, wer mehr über dieses Thema wissen möchte, muss sich anderweitig informieren.

Action statt Tiefe.

„Danger Close“ ist ein Action-orientierter Kriegsfilm, der keinerlei Wert auf Hintergrundinformationen oder eine differenzierte Charakterzeichnung legt – ich denke, so kann man das Geschehen zusammenfassen. Das muss nicht automatisch negativ sein – in vorliegendem Fall trägt es aber durchaus zur mauen Gesamtwertung bei. Das Problem ist, dass der Film letzten Endes zwei Stunden lang zeigt, wie eine anonyme Masse asiatischer Soldaten gegen die Stellungen weniger Australier anrennt. Dazwischen gibt es kurze Feuerpausen, bevor das Gemetzel von vorne beginnt. Immer wieder wird dazwischen die Artillerie zur Unterstützung angefordert, mal stirbt der eine, dann wieder der andere Kamerad – all das scheint sich über die gesamte Laufzeit endlos und in immer ähnlichen Einstellungen zu wiederholen. Ermüdend – das ist das Prädikat, das mir dazu einfällt, auch wenn es ein wenig der Non-Stop-Action auf dem Bildschirm zu widersprechen scheint.

Dass man dabei als Zuseher trotz zahlreicher Tode relativ wenig empfindet, liegt an den auffällig schwachen Charakteren. In der kämpfenden Truppe gibt es nur zwei, die man sich merken kann: Den von Travis Fimmel dargestellten Major Smith und dann noch Private Large, der von Daniel Webber gespielt wird. Der Rest des Trupps ist kaum weniger anonym als die Heerscharen an Gegnern, derer sie sich tapfer erwehren. Was die genannten Helden betrifft, gibt es übrigens zwei gravierende Probleme: Travis Fimmel spielt den toughen Major mit einem gehörigen Schuss Ragnar Lodbrok – es ist, als hätte der australische Mime sein komplettes Repertoire in der Erfolgsserie „Vikings“ (2013-2020) verbraten. Er scheint es nicht zu schaffen, sich von jener übermächtigen Rolle zu lösen, was vor allem in der Mimik viel zu oft durchblitzt. Im Übrigen sei erwähnt, dass Major Smith alles andere als ein Sympathieträger ist. Und, auch nicht zu unterschätzen: Mit Kurzhaarfrisur und in militärischer Uniform sieht Fimmel nicht nur unglaublich unscheinbar aus, sondern scheint auch nicht recht gewusst zu haben, wie er seinen Charakter mit Leben füllen soll. Für mich ist das damit einer der wenigen Fälle, in denen der Darsteller tatsächlich eine Mitschuld an einem misslungenem Hauptcharakter trägt.

Was die zweite vermeintliche Identifikationsfigur betrifft, macht Private Large ein ganz anderes Problem offenbar: Dieser Charakter wird von Anfang an rebellisch gezeichnet – und zwar auf eine Art, die keinen Zweifel daran aufkommen lässt, dass er mit seinem Major zunächst zusammenkrachen und sich dann als dessen wichtigster Mann herausstellen wird. Irgendwann im Film versöhnen sich diese beiden Figuren also – und dass das für mindestens einen der beiden das Todesurteil ist, ist klar, sobald die vorher so gegensätzlichen Typen beginnen, über ihre Familien zu sprechen. Überraschungen? Fehlanzeige!

Schade drum.

Mir ist übrigens klar, dass „Danger Close“ auf realen Personen und Ereignissen basiert. Alles, was ich oben geschrieben habe, soll also bitte nicht als mangelnder Respekt aufgefasst werden – es mag sein, dass es sich zwischen Major und Private tatsächlich genau so abgespielt hat. „Danger Close“ ist allerdings ein Film und keine Dokumentation und von einem solchen erwartet man dann schon ein Mindestmaß an Identifikationsmöglichkeiten. Oder zumindest die Chance, ihre Tragödie „mitzuerleben“. Beides leistet „Danger Close“ für mein Dafürhalten nicht.

Unterm Strich bleibt damit ein Film stehen, der vermutlich bald in Vergessenheit geraten wird. Und das völlig zu Recht – abgesehen von seinen wirklich wunderbaren Bildern, deren Komposition sich allerdings mehr als deutlich beim Klassiker „Apocalypse Now“ (1979) bedient, gibt es hier nichts, das eine Sichtung wert wäre. Eventuell könnte man noch ins Feld führen, dass man dadurch auf ein Kapitel australischer Geschichte stößt, von dem man bisher noch nichts wusste – ob das reicht, um sich diese zwei Stunden zu geben, muss jeder für sich entscheiden. Ich persönlich bezweifle es, einfach, weil es „Danger Close“ gerade in dieser Hinsicht an Tiefe fehlt. Schade eigentlich, gerade diese wenig bekannte Episode dieses schrecklichen Konflikts hätte sich eigentlich eine sinnvollere Behandlung verdient gehabt.

Gesamteindruck: 2/7


Originaltitel: Danger Close: The Battle of Long Tan.
Regie:
Kriv Stenders
Drehbuch: Stuart Beattie, Jack Brislee, James Nicholas, Karel Segers, Paul Sullivan
Jahr: 2019
Land: AUS
Laufzeit: ca. 120 Minuten
Besetzung (Auswahl): Travis Fimmel, Luke Bracey, Richard Roxburgh, Daniel Webber, Anthony Hayes



FilmWelt: Kokoda – Das 39. Bataillon

„Kokoda – Das 39. Bataillon“ ist ein australischer Kriegsfilm, der einen Teil des als Kokoda-Track-Kampagne in die Geschichte eingegangenen Konflikts im 2. Weltkrieg thematisiert. Regisseur Alister Grierson versucht, die Schrecken dieser Auseinandersetzung am Beispiel einer kleinen, versprengten Einheit zu zeigen. Ganz will ihm das trotz beeindruckender Bilder leider nicht gelingen.

Gesamteindruck: 4/7


Im Dschungel (aber nicht in Vietnam).

In Hinblick auf den 2. Weltkrieg sind in Europa Filme, die den Kampf des nationalsozialistischen Deutschlands und seiner Verbündeten gegen die Alliierten zeigen, vorherrschend. Dabei wurde der bisher verheerendste Konflikt der Menschheitsgeschichte auch auf der anderen Seite der Welt mit großer Härte und Brutalität ausgefochten. Dass sich dort das Kaiserreich Japan und die USA unversöhnlich gegenüber standen, ist zwar ebenfalls ein gern genommenes Motiv für Filme unterschiedlicher Güte. Weit weniger im Fokus stehen hierzulande hingegen zahlreiche kleinere Konflikte jener Region, in denen Soldaten und Zivilbevölkerung freilich um nichts weniger zu erleiden hatten.

Worum geht’s?
1942 hat der 2. Weltkrieg weite Teile der Welt erfasst. Auch Papua wird nicht von den Kampfhandlungen verschont: Hier liefern sich Australien und das japanische Kaiserreich einen blutigen Konflikt. Die anfangs zahlenmäßig unterlegenen Australier kämpfen mit dem Mut der Verzweiflung – können sie die Japaner hier nicht aufhalten, droht eine Invasion ihres Heimatlandes. In den Wirren der Schlacht gerät eine kleine australische Einheit hinter die feindlichen Linien…

Vorliegender Film erzählt letzten Endes eine bekannte Geschichte, die in zahllosen Filmen verarbeitet wurde: Die Mär von der verlorengegangenen Einheit, die unter zahllosen Entbehrungen und Opfern versucht, die eigenen Linien zu erreichen. Das ist natürlich legitim – auch und vor allem weil sich die Handlung derartiger Filme meist an realen Begebenheiten orientiert. Und doch: Der Ablauf ist immer recht ähnlich, sodass man heute schon ganz besondere Qualität bieten muss, um den geneigten Fan und Kenner hinter dem Ofen hervorzulocken.

Beklemmende Atmosphäre.

Zunächst die gute Nachricht: „Kokoda“ ist technisch durchaus fein gemacht. Die Optik ist sogar überdurchschnittlich gut – trotz eines im Vergleich zu US-Produktionen kaum nennenswerten Budgets. Regisseur und Drehbuchautor Alister Grierson (als Schreiber war außerdem John Lonie an Bord) machten, so meine Einschätzung, aus der Not eine Tugend: Viele Action-Szenen, die ja immer mit enormen Kosten verbunden sind, bekommt man in „Kokoda“ nicht zu Gesicht. Klar, der eine oder andere wilde Schusswechsel ist dabei, hin und wieder explodieren die Granaten und auch die Ausstattung als solche dürfte nicht ganz billig gewesen sein. Insgesamt setzen die Filmemacher jedoch vor allem auf die bedrückende und fast schon klaustrophobisch anmutende Stimmung des Dschungelkampfes. Das gelingt ihnen so gut, dass „Kokoda“ in seinen besten Momenten an filmische Highlights erinnert, die das US-Trauma des Vietnamkrieges zum Thema haben – und nicht an einen Film, der im 2. Weltkrieg spielt.

Überhaupt ist die Atmosphäre das größte Plus dieses Werkes: Der unglaublich dichte Dschungel, Schlamm, Wetterkapriolen, Krankheiten, die hiesige Tierwelt und der desolate Zustand der schlecht vorbereiteten Soldaten – all das stellt der Regisseur so dar, dass man sich auch auf dem bequemen Sofa unwohl und dreckig zu fühlen beginnt. Dieses Gefühl wird noch durch die Darstellung des Gegners verstärkt: Ähnlich wie in den großen Vietnam-Kriegsfilmen taucht der Feind immer nur kurz und kaum erkennbar auf. Die Kameraeinstellungen sind so gewählt, dass man praktisch nie das Gesicht eines Japaners erkennen kann – was die diffuse Gefahr, die für die australischen Soldaten geradezu nervenzerreißend gewesen sein muss, auch für den Zuschauer zumindest im Ansatz erlebbar macht.

Wenige Identifikationsmöglichkeiten.

Dass „Kokoda“ trotz dieser guten Grundvoraussetzungen nicht so richtig punkten kann, liegt – man kann es sich vielleicht denken – an Drehbuch und Charakteren. Zu ersterem reicht es fast zu sagen, dass ich das, was in den 1940er Jahren tatsächlich auf Papua passiert ist, keineswegs relativieren oder irgendwie schmälern möchte. Dennoch hätte ich mir etwas mehr Spannung gewünscht – und ein paar Längen weniger. Die entstehen zwischendurch immer mal wieder, wenn es Ruhepausen gibt. Nicht falsch verstehen: Durchgehende Action will niemand in einem solchen Film haben. Nur müssen ruhigere Momente sinnvoll gefüllt werden und das ist in „Kokoda“ eher selten der Fall. Denn dafür bräuchte der Film starke Charaktere, die entsprechend gute Dialoge abliefern. Beides ist kaum vorhanden – letzten Endes gibt es eigentlich keine einzige Figur, die Sympathiewerte oder wenigstens ein Mindestmaß an Charisma besitzt.

Damit meine ich übrigens nicht, dass die Schauspieler, von denen man kaum einen aus größeren Produktionen kennt, schlecht wären. Im Gegenteil, die Mimen machen einen ordentlichen Job in der Darstellung der Leiden des einfachen Soldaten. Nur ist das im Endeffekt auch schon alles, was sie zu tun haben, denn einen echten, tiefgründigen Charakter hat der Regisseur keiner Rolle zugedacht. Wohl auch deshalb ist in „Kokoda“ ein Problem zu beobachten, das man auch aus anderen Kriegsfilmen kennt: Die Uniformen und der allgegenwärtige Dreck machen die jungen Männer kaum unterscheidbar – wenn es dann auch noch an markanten Charakterzügen mangelt, hat man als Zuseher echte Identifikationsprobleme.

So gesehen bin ich mir nicht ganz sicher, wieso „Kokoda“ teilweise geradezu überschwänglich rezensiert wird. Ich persönlich empfinde den Film zwar als optisch herausragend, atmosphärisch streckenweise sehr dicht und schauspielerisch passabel; auch als historisch akkurat kann er gelten, denke ich. Aber insgesamt reicht das aus meiner Sicht dennoch nur für ein sehr solides Werk, das es nicht schafft, diese ausgezeichnete Grundlage mit interessanten Charakteren zu füllen. Daher: 4 von 7 Punkten von mir. Möglich wären deutlich mehr gewesen, aber dafür hätte mich wenigstens eine einzige Figur wirklich berühren müssen.

Gesamteindruck: 4/7


Originaltitel: Kokoda.
Regie:
Alister Grierson
Drehbuch: Alister Grierson, John Lonie
Jahr: 2006
Land: AUS
Laufzeit: ca. 120 Minuten
Besetzung (Auswahl): Jack Finsterer, Travis McMahon, Simon Stone, Luke Ford, Tom Budge, Angus Sampson



FilmWelt: Dunkirk

Ich glaube, ich habe es schon öfter erwähnt: Moderne Kriegsfilme haben häufig eine spezielle Art der Hochglanz-Produktion, die mich stört. Es ist als würden die Regisseure dermaßen viel Wert auf eine möglichst bombastische Inszenierung legen, dass Drehbücher, Charaktere und vor allem die Atmosphäre auf der Strecke bleiben. Glücklicherweise bestätigen gerade was letzteres betrifft zwei relativ aktuelle Ausnahmen die Regel: „1917“ (2019) und „Dunkirk“ (2017).

Gesamteindruck: 5/7


Ein düsterer Strand.

Die Inhaltsangabe und der Trailer zu „Dunkirk“ haben bei mir keine allzu großen Erwartungen geweckt: Ein weiterer Kriegsfilm, der optisch sicher ein Hingucker ist, sich ansonsten aber kaum von seinen Genre-Genossen abhebt – so ungefähr dürfte mein Gedankengang damals gewesen sein. Ich dachte nicht einmal über einen Kinobesuch nach, wollte mir den Film erst im Free TV oder per Streaming-Dienst ansehen. Und so ist es dann auch gekommen, was im Nachhinein betrachtet vielleicht ein Fehler war; ich hätte die spezielle Stimmung dieses Films ganz gerne auf der großen Leinwand erlebt .

Worum geht’s?
Im Frühjahr 1940 stehen die alliierten Truppen in Europa vor einer vernichtenden Niederlage: Der Wehrmacht ist es gelungen, in der Nähe des französischen Dorfes Dünkirchen rund 400.000 Mann mit dem Rücken zum Meer einzukesseln. Die Verzweiflung der Soldaten ist groß – denn die Evakuierung geht quälend langsam voran und wird laufend durch Artilleriefeuer und Luftangriffe gestört…

Ich falle am besten gleich mit der Tür ins Haus: Rein optisch kann „Dunkirk“ nicht ganz mit „1917“ mithalten, dessen Pseudo-Ein-Schnitt-Technik mir ausnehmend gut gefallen hat. Vorliegender Film ist deutlich traditioneller fotografiert, was aber nicht heißen soll, dass die Kameraarbeit schwach ist (im Gegenteil, selten sah ein Strand so düster-bedrohlich aus). Kult-Regisseur Christopher Nolan schafft im Endeffekt eine vergleichbar starke Atmosphäre; letztlich sogar mit ähnlichen Mitteln, wie sie sein Pendant Sam Mendes in „1917“ verwendet hat – allerdings gewichtet er sie anders, wie ich im Folgenden zu erklären versuche.

Unglaubliche Ton-Bild-Kombination.

Die fast schon surreale und unheilvolle Stimmung von „Dunkirk“ speist sich aus zwei Quellen: Einerseits sind das die weitgehend farbarmen, meist bei schlechtem Wetter aufgenommenen Bilder, die den Strand von Dünkirchen zu einem Ort machen, an dem man um keinen Preis der Welt sein möchte. Dass das dermaßen gut funktioniert hat andererseits aber vor allem mit dem exzellenten Ton zu tun. Denn Filmmusik-Legende Hans Zimmer verpasste „Dunkirk“ gemeinsam mit seinen Kollegen Lorne Balfe und Benjamin Wallfisch (die auch keine Unbekannten sind) den wohl intensivsten Klangteppich der jüngeren Filmgeschichte. Auch in dieser Hinsicht würde ich übrigens den zwei Jahre später erschienen „1917“ als ähnlich gelungen nennen, eventuell hat sich Zimmer ja daran orientiert? Eine andere Inspiration könnte der sowjetische Antikriegsfilm „Komm und sieh“ gewesen sein, der in Sachen Bild und Ton bereits 1985 ein ähnlich beklemmendes Ausrufezeichen setzen konnte.

Dabei kann in „Dunkirk“ weniger die verwendete Musik überzeugen, die zwar passt, aber nicht unbedingt außergewöhnlich ist, in den finalen Szenen sogar ein wenig kitschig und nervig aus den Boxen kommt. Was hingegen voll und ganz durchschlägt, ist die allgemeine akustische Untermalung, die „Dunkirk“ nochmals deutlich unheilvoller wirken lässt, als es die ohnehin schon düsteren Bilder suggerieren würden. Das passiert wiederum auf zwei Ebenen: Erstens machen typische Geräusche des Krieges, das Erlebnis nahezu fühlbar – interessanterweise setzt Tonmeister Zimmer hier aber nicht auf die volle Dröhnung, wie man sie z. B. aus der Eröffnungsszene von „Der Soldat James Ryan“ (1998) kennt. Gewehrfeuer und Explosionen bleiben eher im Hintergrund; umso erschreckender hört sich dafür das nervenzerfetzende Heulen der deutschen Flugzeuge im Tiefflug und das metallische Knarren und Ächzen sinkender Schiffe an. Auf der zweiten Ebene arbeitet Zimmer eher subkutan mit Streichern, Synthesizern und Bässen, die stets an der Schwelle der bewussten Wahrnehmung stehen und sich dem Geschehen auf dem Bildschirm anpassen. Beides zusammen ist unglaublich effektiv, entsprechend verdient waren die Oscars und diversen anderen Auszeichnungen für Ton und Tonschnitt meines Erachtens.

Handlung und Charaktere als Nebensache.

Dass „Dunkirk“ trotz höchster optischer und akustischer Standards nicht voll punkten kann, mag im ersten Moment verwundern. Leider – und auch das haben wir in „1917“ ähnlich erlebt – hat der Film jedoch Schwächen im Drehbuch und bei den Charakteren. Für mich wirkt „Dunkirk“ so, als hätte sich der Regisseur so sehr auf die erzählerische Unterstützung durch den Soundtrack verlassen, dass er alles andere hintanstellen konnte. Bis zu einem gewissen Grad funktioniert das sogar recht gut, allerdings hat beispielsweise der weitgehende Verzicht auf Dialoge zur Folge, dass eine Identifikation mit den Charakteren sehr schwer fällt. Es ist ein Problem, das in Kriegsfilmen immer wieder auftritt, weil die Uniformen die Figuren dermaßen gleich machen, dass sie fast vollkommen farb- und gesichtslos wirken. Das ist umso bemerkenswerter, da Regisseur Nolan seinen Hauptdarsteller Fionn Whitehead großteils ohne Helm agieren lässt – dennoch kann man als Zuschauer kaum eine Verbindung zu ihm und seinen Kameraden aufbauen, eben weil es durch fehlende Dialoge keine Hintergrundinfos gibt. Fast schon paradox erscheint, dass, wird im Film doch mal gesprochen, man gut darauf verzichten könnte, weil es kaum gehaltvolle Sätze zu hören gibt. Ich würde sogar behaupten, dass die wenigen Dialoge sehr schwerfällig wirken und damit den ganzen Film ein Stück nach unten ziehen – so zum Beispiel der Funkverkehr der englischen Piloten, der die eigentlich gut gemachten Flugsequenzen regelrecht träge macht.

Was es auch nicht einfacher macht: Christopher Nolan hat es – warum auch immer – für notwendig gehalten, „Dunkirk“ nicht chronologisch zu erzählen. Im Wesentlichen bietet der Film vier Perspektiven: Die des einzelnen Mannes, den Blick auf den Strand mit hunderttausenden wartenden Soldaten, gelegentlich fokussiert auf die wenigen Befehlshaber, dann zwei englische Piloten, die die deutschen Kampfflieger fernhalten wollen und schließlich die aus der Heimat geschickten Boote und Schiffe, die bei der Evakuierung helfen sollen. Jede dieser Sichtweisen hat ein eigenes Erzähltempo, allerdings sind alle miteinander verwoben und laufen teilweise parallel, teilweise ineinander verschachtelt ab. Wozu es diese merkwürdige Erzählform gebraucht hat, erschließt sich mir nicht. Ich empfinde sie auch nicht unbedingt als künstlerisch herausragenden Akt, wie man es beispielsweise aus „Pulp Fiction“ (1994) kennt.

An dieser Stelle sei auch erwähnt, dass „Dunkirk“ überraschend unblutig ausgefallen ist. Dass dennoch keine Rede von Heldentum und Kriegslust sein kann, ist einmal mehr der düsteren Kombination aus Bild und Ton zu verdanken. Allerdings, und das sollte man auch nicht verhehlen, wirkt die Situation dadurch zwar trostlos und bedrückend, aber das Gefühl realer Gefahr bleibt aus. Die Kampfhandlungen scheinen weit weg, auch wenn ab und an mal ein Geschoß einschlägt oder ein Tiefflieger angreift. Von den Toten und Verletzten bleibt die Kamera meist aber weit weg, sodass das Verständnis für die verzweifelte Lage nicht ganz so tief geht, wie es dem realen Dünkirchen bzw. der dem Film zugrunde liegenden Operation Dynamo gerecht geworden wäre.

Fazit: Ich wollte „Dunkirk“ unbedingt mögen und tue das in weiten Teilen auch – umso ärgerlicher finde ich manche der Kritikpunkte. Letztlich ist Christopher Nolan aber definitiv ein spannender Film gelungen, die Schauspieler sind in Ordnung, optisch und vor allem akustisch ist der Film über jeden Zweifel erhaben. Leider wird das alles durch eine Handlung, die aufgrund der Erzählweise immer wieder ins Stottern gerät, zu wenige Identifikationsmöglichkeiten und einen Mangel an historischem Tiefgang konterkariert. Will sagen: Ich hätte mir einfach mehr von „Dunkirk“ erhofft. Dennoch und trotz allem sind das sehr gute 5 Punkte, einfach, weil der Film tatsächlich einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen hat.

Gesamteindruck: 5/7


Originaltitel: Dunkirk.
Regie:
Christopher Nolan
Drehbuch: Christopher Nolan
Jahr: 2017
Land: UK, USA, Frankreich, Niederlande
Laufzeit: ca. 105 Minuten
Besetzung (Auswahl): Fionn Whitehead, Tom Glynn-Carney, Jack Lowden, Harry Styles, James D’Arcy, Aneurin Barnard



FilmWelt: Wölfe in der Tiefe

„Wölfe in der Tiefe“ aus dem Jahr 1959 ist kein Klassiker, so viel vorweg. Ich frage mich allerdings schon, ob Wolfgang Petersen zumindest das eine oder andere Mal hingeschielt hat, als er „Das Boot“ (1981) drehte – zumindest könnte die eine oder andere Ähnlichkeit darauf hindeuten…

Gesamteindruck: 2/7


Homo homini lupus.

Wer ernsthaft erwägt, sich „Wölfe in der Tiefe“ anzusehen (zum Zeitpunkt dieser Rezension ist das gratis auf Amazon Prime Video möglich), sollte seine Erwartungen nicht allzu hoch ansetzen und auf keinen Fall hoffen, hier vielleicht sowas wie eine frühe Version von „Das Boot“ zu sehen. Denn der italienische Schwarz/Weiß-Film spielt zwar ebenfalls in einem U-Boot, dessen Besatzung in eine ausweglose Situation geraten ist – dieses Setting wird aber im Gegensatz zum Petersen-Klassiker dramaturgisch überhaupt nicht genutzt. Heißt: Es ist schlicht nicht relevant, dass die Männer in einem U-Boot festsitzen, genauso gut könnte es ein Keller, ein Stollen oder ein Hochhaus sein.

Worum geht’s?
Irgendwann im 2. Weltkrieg: Ein U-Boot wird auf dem Weg in seinen Heimathafen von Flugzeugen bombardiert und so schwer beschädigt, dass es sinkt und in 110 Meter Tiefe zu liegen kommt. Ein Teil der Besatzung hat den Untergang zwar überlebt, ist nun aber im Boot gefangen. Ein Ausstieg wäre per Rettungsboje zwar möglich – aber nicht für alle. Eine Entscheidung muss also getroffen werden…

Ja, ein bisschen liest sich das Szenario wie eine berühmte Szene aus „Das Boot“, in der die Besatzung nach einem Bombentreffer in der Tiefe gefangen ist. Damit nicht genug: Auch in „Wölfe in der Tiefe“ haben die Männer keine Namen sondern nur ihre Dienstbezeichnungen (Kommandant, Obersteuermann etc.), der erste Offizier ist schneidiger als ihm gut tut und der Funker spielt gern mal „verbotene Musik“ über die Bordlautsprecher. An dieser Stelle nur zur Erklärung: „Das Boot“ erschien 1981 und beruht auf dem gleichnamigen Roman von Lothar-Günther Buchheim von 1973. Der hat dort seine persönlichen Erlebnisse im 2. Weltkrieg verarbeitet – ob Petersen oder Buchheim den deutlich früher erschienen italienischen Film jemals gesehen haben, entzieht sich meiner Kenntnis. Ich würde die Parallelen auch gar nicht bewerten wollen, sie sind mir halt aufgefallen, darum wollte ich sie erwähnt haben.

Bevor wir zum Inhalt kommen, noch ein Wort zum Titel: Der Begriff „Wölfe“ ist sehr interessant gewählt. Erste Assoziation war bei mir, dass die deutschen U-Boote bzw. deren Besatzungen im 2. Weltkrieg als „Graue Wölfe“ bekannt waren – im ersten Moment war ich sogar verwirrt, weil es im Film keineswegs um eine deutsche Besatzung geht (wobei der einleitende Text erklärt, dass es ohnehin keine Rolle spielt und ein ähnliches Ereignis überall auf der Welt hätte passieren können – was natürlich richtig ist).

Die Handlung und die Dialoge zeigen aber eine zweite Ebene – homo homini lupus, „der Mensch ist ein Wolf für den Menschen“, sagte der Philosoph Thomas Hobbes im 17. Jahrhundert in seinem Werk „De Cive“. Vereinfacht und verkürzt wollte Hobbes damit andeuten, dass der Mensch zunächst immer sich selbst der Nächste ist und es im Sinne des Wohles der Allgemeinheit eine Überwindung dieses „Naturzustandes“ braucht. Und genau das versucht Regisseur Silvia Amadio darzustellen, indem er den Versuch seiner Figuren schildert, eine gerechte Entscheidung darüber zu treffen, wer leben darf. In seiner Doppeldeutigkeit ist das ein wirklich gelungener Filmtitel, würde ich sagen – vielleicht sogar einer der besten, die ich kenne.

Enttäuscht auf allen Ebenen.

Wer nun dank dieser philosophischen Ansätze Lust auf den Film bekommen hat, sei gewarnt: Die Umsetzung wird dieser komplexen Thematik bei weitem nicht gerecht. Ich weiß nicht, wie ich es wertschätzend vermitteln kann, also sage ich es rundheraus: „Wölfe in der Tiefe“ leidet an schwachen Charakteren, oberflächlichen Dialogen, bietet kaum Dramatik und beantwortet keine philosophischen Fragen. Die Dialoge müssten eigentlich das Herzstück eines derartigen Films sein, aber gerade hier herrscht pure Einfallslosigkeit. Jeder Matrose wird gefragt, wie alt er ist, ob er verheiratet ist und Kinder hat, ein bisschen was von der Vorgeschichte wird erzählt; all das wäre ja grundsätzlich in Ordnung, führt in „Wölfe in der Tiefe“ aber leider nirgendwohin. Damit in engem Zusammenhang steht auch, dass die Charaktere kaum eine Möglichkeit zur Identifikation bieten – der kameradschaftliche Obersteuermann, der mit allen gut Freund ist, ist der einzige Sympathieträger an Bord. Alle anderen sind eindimensional und schnell vergessen, dabei hat man zum Beispiel dem Leutnant, der sich als Sohn eines Admirals an Bord beweisen will, durchaus Züge eines Antagonisten verpasst. Doch die werden an keiner Stelle ausgereizt und kommen nicht über Andeutungen hinaus, sodass auch diese Rolle oberflächlich bleibt. Die Folge ist klar: Man verliert relativ schnell das Interesse, fiebert nicht mit und letzten Endes ist es dem Zuschauer völlig gleichgültig, wer aus dem Boot entkommen kann. Auch, weil zum Schluss ohnehin nicht mehr viele übrig sind, was den Eindruck erweckt, als hätten sich nicht nur die Protagonisten, sondern auch die Drehbuchschreiber vor einer ausgesprochen unangenehmen Entscheidung drücken wollen.

Enttäuschend ist „Wölfe in der Tiefe“ auch auf anderer Ebene, denn letzten Endes haben wir es hier auch mit keinem (Anti-)Kriegsfilm zu tun. Die Handlung, so jedenfalls mein Eindruck, spielt halt zufällig in einem U-Boot. Dieser Ausgangspunkt wird jedoch nicht genutzt, um ein Statement gegen den Krieg abzugeben. Die Dialoge drehen sich zu keinem Zeitpunkt um die politische Lage, die die Männer ja erst in diese verzweifelte Lage gebracht hat. Die Situation wird letztlich hingenommen, was für mich ebenfalls eine vertane Möglichkeit darstellt. Wie eingangs erwähnt: Man hätte die Dialoge nicht einmal anpassen müssen, hätte der Film beispielsweise von verschütteten Arbeitern in einem Bergwerk gehandelt. Es stimmt schon, wo der Film spielt, wäre eigentlich nicht so wichtig für die dahintersteckende Philosophie; weil diese aber maximal gestreift wird, ist es umso enttäuschender, dass auch aus einer Umgebung, die man sich als extrem düster vorstellt, so wenig herausgeholt wird.

Und das bringt mich auch schon zum letzten Kritikpunkt: „Wölfe in der Tiefe“ ist kein gelungenes Drama, es ist kein Statement gegen den Krieg – und es ist auch als U-Boot-Film eine Enttäuschung. Freilich darf man nicht davon ausgehen, dass ein Film von 1959 über Ausstattung und Effekte verfügt, die Wolfang Petersen für seinen Klassiker zur Verfügung hatte. Dennoch muss ich sagen, dass mich die Kulissen enttäuscht haben, weil sie nicht einmal ansatzweise das Gefühl der Enge im U-Boot transportieren. Ja, hier und da spritzt mal etwas Wasser rein, es gibt ein paar Rohre, Ventile und Instrumente, die erahnen lassen, wo sich unsere Helden befinden. Aber so richtig will mich das nicht überzeugen, dazu hätte es vielleicht auch ein wenig technisches Know-how gebraucht, das dem Film vollkommen abgeht. Und damit schließt sich der Kreis zu den Charakteren: Die erwecken nie das Gefühl, in einer erdrückenden Umgebung gefangen zu sein und um ihr Leben zu fürchten. Vielleicht auch deshalb, weil die mageren Kulissen das nicht glaubhaft vermitteln? Ich weiß es nicht.

Fazit: „Wölfe in der Tiefe“ ist ein geradliniger Film, den man sich mal ansehen kann, wenn man Zeit, Muse und/oder Lust auf eine Art Kriegs-Drama hat, das nicht aus Deutschland, England oder Hollywood kommt. Tiefgang [sic!], Action, Drama oder auch nur gelungene Effekte sollte man sich aber keinesfalls erwarten. Zwei Punkte, mehr ist dafür nicht drin.

Gesamteindruck: 2/7


Originaltitel: Lupi nell’abissio.
Regie:
Silvio Amadio
Drehbuch: Silvio Amadio, Luciano Vincenzoni
Jahr: 1959
Land: Italien, Frankreich
Laufzeit: ca. 85 Minuten
Besetzung (Auswahl): Massimo Girotti, Folco Lulli, Jean-Marc Bory, Alberto Lupo, Horst Frank



FilmWelt: Unknown Soldier (2017)

„Der unbekannte Soldat“ gewinnt als Titel für einen Kriegsfilm sicher keinen Innovationspreis . Dazu muss man allerdings wissen, dass die Vorlage ein Roman eben dieses Titels (finnisch: „Tuntematon sotilas“, auf Deutsch ursprünglich auch als „Kreuze in Karelien“ erschienen) aus dem Jahr 1954, geschrieben von Väinö Linna, ist. Dabei handelt es sich übrigens eines der meistverkauften finnischen Bücher überhaupt und vorliegender Film von Regisseur Aku Louhimies ist bereits die dritte Adaption in Bewegtbild nach 1955 und 1985.

Gesamteindruck: 4/7


Der finnische „Steiner“.

Die finnische Beteiligung am 2. Weltkrieg ist ein relativ komplexes und hierzulande kaum bekanntes Thema – verkürzt und vereinfacht lässt es sich ungefähr so darstellen: Erst im „Winterkrieg“ (1939-1940) allein gegen Russland, dann Unterstützung des deutschen Angriffs gegen die Sowjetunion („Fortsetzungskrieg“, 1941-1944) und schließlich im „Lapplandkrieg“ (1944-1945) auf Seiten der Roten Armee gegen in Finnland stationierte Truppen der Wehrmacht. Die in „Unknown Soldier“ thematisierten Ereignisse sind im „Fortsetzungskrieg“ angesiedelt.

Worum geht’s?
1941 tritt die finnische Armee an, um die im Winterkrieg an die Sowjetunion verloren gegangenen Gebiete zurückzuerobern und die Wehrmacht gegen Russland zu unterstützen. Mittendrin ist eine Maschinengewehrkompanie aus bunt zusammengewürfelten Soldaten. Bald merken die großteils unbedarften Männer, dass der Krieg alles andere als ein Abenteuer ist

Ich habe oben ein paar Worte zur historischen Einordnung geschrieben – die Männer, die in „Unknown Soldier – Kampf ums Vaterland“ (so der vollständige Titel im deutschsprachigen Raum) in die Schlacht ziehen, interessieren sich freilich nicht für solche Spitzfindigkeiten. Der Film ist insofern komplett unpolitisch, er moralisiert und verurteilt auch nicht – er stellt einfach nur dar. Wie die einfachen Soldaten bekommt der Zuseher nichts von den geopolitischen Ereignissen und Umwälzungen mit, sieht man vom gelegentlichen, Wochenschau-artigen Einschub ab. Anmerkung am Rande: Der deutsche Titel gibt dem Film meines Erachtens eine Konnotation, die er in Wirklichkeit überhaupt nicht hat. „Ums Vaterland“ geht es den wenigsten der hier dargestellten Soldaten.

Sehr wohl thematisiert wird allerdings die Unfähigkeit und Borniertheit der Vorgesetzten, die wohl in allen Armeen der Welt ähnliche Auswüchse zeitigt. Aber auch das ist nicht das Hauptmotiv des Films – denn eigentlich geht es hier schlicht und einfach darum, den Alltag einer kleinen Gruppe von Männern darzustellen, vom Offizier bis zum einfachen Soldaten, die allesamt Spielball von Kräften sind, die sie weder verstehen noch beeinflussen können. Als Zuseher ist man ständig bei der Kompanie (häufig sogar mit Handkamera, sozusagen durch die Augen eines Soldaten, gefilmt); man bekommt nicht mit, warum die Führung die Männer mal hierin, mal dorthin schickt, mal den Rückzug befiehlt, dann wieder angreifen lässt. Diese Perspektive ermöglicht die Identifikation mit ganz normalen Menschen, die aus ihrer Umgebung gerissen und in ein lebensgefährliches „Abenteuer“ geworfen werden, in dem alles andere als Heldentum und Glorie warten.

Im Norden nichts Neues?

Man darf nun aber nicht erwarten, dass „Unknown Soldier“ eine Art finnisches „Im Westen nichts Neues“ ist. Das ist meines Erachtens nicht der Fall, weil der Film trotz aller Tragik nicht jene fast greifbare Hoffnungslosigkeit atmet, wie es Remarques Werk (bzw. auch dessen filmische Umsetzung von 1930) tut. Eigentlich hat mich der Film vom Aufbau her eher ein bisschen an „Steiner – Das Eiserne Kreuz“ (1977) erinnert, was das Zusammenspiel zwischen Vorgesetzten und Soldaten, zwischen Gehorsam und Disziplinlosigkeit betrifft – etwas, das man in „Im Westen nichts Neues“, in dem sich die Soldaten praktisch widerspruchslos in ihr Schicksal fügen (müssen), kaum findet. Wobei auch der Vergleich mit „Steiner“ nicht so richtig passt, weil „Unknown Soldier“ durch den gelegentlichen Perspektivenwechsel zur „Heimatfront“ ein ganzes Stück emotionaler und weniger plakativ ist.

Wieso mich der Film insgesamt trotz positiver Ansätze dennoch nicht recht überzeugen konnte, ist schnell erklärt: Wie häufig in diesem Genre ist auch „Unknown Soldier“ letztlich nicht mehr als eine durch einen losen Handlungsstrang verbundene Ansammlung an Kampfhandlungen. Auf die mindestens genauso wichtigen Zwischentöne verzichtet der Film zwar nicht, allerdings können sie qualitativ bei Weitem nicht mit der wirklich großartigen Optik (dazu unten mehr) mithalten. Heißt: Es fehlt „Unknown Soldier“ vor allem an Charakteren, die realistisch Emotionen vermitteln können. Zwar gibt es mit der Hauptfigur, dem widerspenstigen Rokka (übrigens sehr gut von Eero Aho dargestellt), eine starke Identifikationsfigur, der Rest des Casts geht demgegenüber aber fast vollständig unter. Man spürt regelrecht, wie der Regisseur versucht, das mit verschiedenen Einstellungen, mit dem Zeigen der Heimat und ähnlichen Kniffen wettzumachen – nur gelingt ihm das nicht, seine Figuren bleiben großteils blass und nichtssagend. Entsprechend kühl steht man ihrem Leiden letztlich gegenüber, was schon fast zu einem schlechten Gewissen führt.

Technisch brillant.

Abschließend ein paar Worte zu Technik und Ausstattung: Es ist fast schon unglaublich, wie hochwertig und realistisch alles in „Unknown Soldier“ wirkt. Man darf ja nicht vergessen, dass es sich hierbei um keinen Hollywood-Blockbuster handelt. Das Budget lag, so ist es zu lesen, allerdings dennoch bei rund 7 Millionen Euro, was wohl die höchste Summe ist, die in Finnland je für einen Film ausgegeben wurde. Insofern hat sich das definitiv gelohnt, denn alles in „Unknown Soldier“ sieht hervorragend und in die Zeit passend aus. Aber nicht nur die Ausstattung ist großartig: Auch und vor allem die Kamera-Arbeit beeindruckt. Nicht nur, weil es in Finnland per se sehr schön ist und die wilde Rauheit der Landschaft toll eingefangen wurde, sondern auch die Art und Weise, wie mit Licht und Farben gespielt wurde, hat mich schwer beeindruckt. Dazu die Handkamera in den Kampfszenen, wirklich beängstigende Explosionen, der ständige Eindruck von Improvisation bei Waffen und Ausrüstung – so geht Realismus!

Unterm Strich ist und bleibt „Unknown Soldier“ für mein Dafürhalten dennoch ein zweischneidiges Schwert. Auf der Habenseite stehen einerseits die beeindruckende Inszenierung nebst Ausstattung und Kamera-Arbeit, andererseits die eindrückliche Botschaft über die Sinnlosigkeit und das Drama das Krieges für den Einzelnen. Leider – und das meine ich ernst, ich finde es wirklich sehr schade – spiegelt sich das nicht in den Emotionen wieder, die man als Zuseher für die Figuren entwickeln sollte. Es mag wie ein Klischee klingen, aber „Unknown Soldier“ ist skandinavisch-unterkühlt, was hier einfach nicht so gut passt, wie ich finde. Wahrscheinlich hätten eine weitere echte Identifikationsfigur oder ein stärkerer Antagonist gereicht, um dem Film den letzten Schub nach vorne zu geben. So reicht es bei mir nur für eine mittelmäßige Wertung.

Gesamteindruck: 4/7


Originaltitel: Tuntematon sotilas.
Regie:
Aku Louhimies
Drehbuch: Aku Louhimies, Jari Olavi Rantala
Jahr: 2017
Land: Finnland
Laufzeit: ca. 180 Minuten
Besetzung (Auswahl): Eero Aho, Johannes Holopainen, Jussi Vatanen, Aku Hirviniemi, Paula Vesala, Samuli Vauramo



FilmWelt: Stalingrad (1993)

Was ein Krieg wirklich bedeutet, was er mit den Menschen macht, ist für mich (Jahrgang 1979) nicht nachvollziehbar – zum Glück! Und doch gibt es Begriffe, die mich mit Unbehagen, ja sogar mit Angst, aber auch mit Abscheu erfüllen, wenn ich sie höre oder an sie denke. „Vietnam“ ist ein solches Wort, „Stalingrad“ ein anderes. Ich denke, dass das zu einem Gutteil mit den ersten Anti-Kriegsfilmen zu tun hat, die ich in meinem Leben gesehen habe: „Platoon“ (1986), „Full Metal Jacket“ (1987) und eben „Stalingrad“ (1993) haben Anfang der 1990er tiefen Eindruck bei mir hinterlassen und wirken bis heute nach. 

Gesamteindruck: 5/7


Die Hölle an der Wolga.

Während ich die genannten Hollywood-Streifen in den vergangenen Jahrzehnten immer mal wieder gesehen habe, bin ich mir bei „Stalingrad“ nicht sicher – ich glaube aber, dass ich diesen Film Mitte der 1990er tatsächlich letztmals gesehen habe. Hat sich einfach nie ergeben – aber nun, Netflix sei Dank, konnte ich das nachholen. Entsprechend gespannt war ich, wie ich den in meiner Erinnerung extrem verstörenden Anti-Kriegsfilm im Jahr 2020 und mit wesentlich mehr Genre-Erfahrung aufnehmen würde.

Inhalt in Kurzfassung
1942 steht die Wehrmacht mit ihren Verbündeten tief in Russland und kurz davor, Stalingrad vollständig zu erobern. Doch obwohl die Stadt an der Wolga in Trümmern liegt, leisten die russischen Verteidiger erbitterten Widerstand. In diese Hölle führt der junge Leutnant Hans von Witzland seine Kompanie Sturmpioniere – und schon bald müssen die Männer erkennen, dass die Situation an der Front ganz anders ist, als die Propaganda ihnen weismachen wollte.

Zunächst kurz zur historischen Einordnung: Die Schlacht von Stalingrad (August 1942 bis Februar 1943) war eine der blutigsten Auseinandersetzungen der Menschheitsgeschichte. Sie gilt ferner als einer der großen Wendepunkte des 2. Weltkriegs: Hier wurde die 6. Armee der Wehrmacht eingekesselt und vernichtet. In weiterer Folge konnte nur mit großer Mühe ein Zusammenbruch weiter Teile der Ostfront verhindert werden. Freilich nur kurzfristig, denn nach Stalingrad wurden die deutschen Truppen bis Kriegsende laufend an allen Fronten zurückgedrängt. Diese Darstellung ist natürlich stark vereinfacht und nimmt wenig Rücksicht auf andere Ereignisse, die mindestens genauso viel zur Niederlage des Dritten Reichs beigetragen haben – und doch kommt dieser Schlacht sowohl auf deutscher als auch auf russischer Seite größte Bedeutung zu, vermutlich, weil es im kollektiven Bewusstsein einfach solche Schlüsselmomente braucht.

„Stalingrad“ beschreibt einen Teil dieser Ereignisse aus der begrenzten Sicht einer Gruppe deutscher Sturmpioniere. Ähnlich wie in „Im Westen nichts Neues“ (1930) werden übergeordnete Ereignisse und größere Zusammenhänge nicht thematisiert, der Zuseher weiß im Endeffekt nicht mehr, als die einfachen Soldaten. Dazu passend wird bestenfalls angedeutet, wie es bei den Russen (deren Verluste in Stalingrad übrigens weit über jenen der Wehrmacht und ihrer Verbündeten lagen) aussah. Filme, die vorwiegend die russische Seite von Stalingrad beleuchten gibt es übrigens auch; die bekanntesten Vertreter heißen vermutlich „Enemy at the Gates“ (USA, 2001) und zweimal „Stalingrad“ (Russland, 1990 und 2013; in zweiterem spielt Thomas Kretschmann interessanterweise ebenfalls einen deutschen Offizier). Ein empfehlenswerter deutscher Beitrag ist „Hunde, wollt ihr ewig leben“ (1959).

Düstere Atmosphäre, gute Ausstattung.

Vordergründig ist „Stalingrad“ so, wie ich den Film in Erinnerung hatte: Eine brutale, schonungslose Abrechnung. Mit starken Bildern macht Regisseur Joseph Vilsmaier das Grauen des Krieges nahezu greifbar. Man merkt, dass der 2020 verstorbene Vilsmaier weite Teile seines Berufslebens als Kameramann gearbeitet hatte und genau wusste, wie man beeindruckende Bilder schafft. Dabei hilft ihm auch die für eine deutsche Produktion aus dem Jahre 1993 geradezu unglaublich gute Ausstattung, die sich hinter keinem Hollywood-Blockbuster zu verstecken braucht. Das hat mich ehrlich überrascht – ja, es gab schon über 10 Jahre vorher „Das Boot“ (1981), ebenfalls perfekt ausgestattet, allerdings fast ein Kammerspiel, während „Stalingrad“ wesentlich abwechslungsreichere Kulissen bieten musste. In Sachen Optik sind mir eigentlich nur zwei kleine Kritikpunkte aufgefallen: Ein paar Schnitte sind nicht ganz gelungen – und das Blut ist geradezu reißerisch rot. Ansonsten kann man über Ausstattung und Effekte zu keinem Zeitpunkt meckern.

Die Atmosphäre ist durchgehend trist und hoffnungslos, was „Stalingrad“ meiner Meinung nach mit zu einer der besten Stellungnahmen gegen den Krieg macht. Ruhm und Ehre? Abenteuer? Gibt es nicht; zu keinem Zeitpunkt erliegt der Film dem Pathos, dem auch die besten internationalen Produktionen nicht immer entkommen können. Bemerkenswert ist in dieser Hinsicht auch, dass „Stalingrad“ im Wesentlichen unpolitisch ist. Ja, es gibt da einen Vorgesetzten, der glühender Nationalsozialist ist und entsprechend Abscheu beim Zuseher erweckt. Das ist gut und wichtig, über weite Strecken zeigt der Film jedoch einfache Männer, die, egal, was sie vorher waren, inzwischen ausgelaugt und vom Krieg gezeichnet sind. Ob die Soldaten nun Deutsche oder Russen sind spielt in diesem Fall keine große Rolle mehr – sie alle sind in der gleichen Hölle gefangen, was mitunter ebenfalls eine sehr wichtige Botschaft von „Stalingrad“ ist.

Keine große Geschichte.

Nach so viel Lob folgt meist ein „Aber“. So auch in diesem Fall, denn in meiner Erinnerung hat die unheimliche Atmosphäre des Films, die letztlich dafür verantwortlich ist, wie grauenhaft das Wort „Stalingrad“ nach wie vor in meinen Ohren klingt, seine Schwächen komplett überdeckt. Die sind zwar nicht gigantisch groß, verschweigen möchte ich sie hier aber nicht. Kurz und schmerzlos: Joseph Vilsmaier komponierte herausragende Bilder, ein Geschichtenerzähler und Charakterbildner war er allerdings nicht. Das zeigt sich bereits beim Kennenlernen der Figuren am Anfang des Films: Die Rollen mögen vielleicht sogar der Realität entsprechen, sind für einen Spielfilm jedoch zu wenig akzentuiert. Wir sehen den aristokratischen, unerfahrenen und dienstbeflissenen Offizier, zwei hartgesottene Veteranen (einer gemein, der andere nett) und später noch den jugendlichen Neuling, der nicht viel auf die Reihe bekommt. Mit der Erfüllung dieser Klischees könnte man ja noch leben, allerdings wird es mit Dauer des Films immer schwieriger, überhaupt zu erkennen, wer wer ist. Wenn das ein Stilmittel sein soll, um die Entmenschlichung des einfachen Soldaten zu zeigen: Mission erfüllt. Allerdings wäre es im Sinne der Identifikation vielleicht besser gewesen, die Charaktere mit etwas mehr Tiefe auszustatten. Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang vielleicht Dieter Okras, der in einer Nebenrolle als regimetreuer und unmenschlicher Hauptmann beängstigend unsympathisch rüberkommt. Was aber relativ leicht erklärt ist, weil das die einzige Figur ist, die ein wenig aus dem Rahmen fällt.

Dass die Schauspieler gefühlt unter ihren Möglichkeiten bleiben, hat vornehmlich mit dem Drehbuch zu tun. Teilweise hat man das Gefühl, Vilsmaier lässt seine Riege eine Szene nach der anderen abarbeiten. Der übergeordnete Zusammenhang scheint zu fehlen, wobei das merkwürdig ist, weil Kriegsfilme ja meist auf einer recht ähnlichen Prämisse fußen. So ist auch in „Stalingrad“ die Erfahrung des einzelnen Soldaten, der Versuch, irgendwie mit diesem unfassbaren Leid und Chaos zurechtzukommen, das Thema. Aber so recht dringt das nicht zum Zuseher durch, zumindest geht es mir so. An verschiedenen Stellen, ich vermag sie nicht so richtig zu benennen, klicken per se gute Elemente einfach nicht ganz ineinander. Auch das mag Absicht sein – zumindest wenn der Regisseur wollte, dass der Krieg selbst sozusagen der Star (man verzeihe mir den unpassenden Ausdruck!) des Films ist. In Bezug auf die menschliche Tragödie fehlt allerdings einfach etwas, an dem man sich als Zuseher ein wenig festhalten kann. Besser vermag ich es leider nicht auszudrücken… Schade, all das zieht die Gesamtwertung ein wenig nach unten.

Abschließend: Es mag Kritiker geben, denen eine klare anti-faschistische Stellungnahme fehlt (wie es schon 1981 an „Das Boot“ kritisiert wurde). Ich bin hingegen der Ansicht, dass das allgemeinere Statement gegen den Krieg, das „Stalingrad“ ohne Zweifel ist, mindestens ebenso wichtig ist. Kritik am Nationalsozialismus gibt es aber ohnehin im Film, nur ist sie nicht ganz so prominent, wie es manche Kritiker wohl gerne hätten. Die Übertragungsleistung, dass einem solchen Regime nichts Gutes entspringen kann, ist dem Zuseher durchaus zuzumuten – und das kommt im Film auch mehr als deutlich rüber.

Gesamteindruck: 5/7


Originaltitel: Stalingrad.
Regie: Joseph Vilsmaier
Drehbuch: Joseph Vilsmaier, Jürgen Büscher, Johannes Heide
Jahr: 1993
Land: Deutschland
Laufzeit: ca. 130 Minuten
Besetzung (Auswahl): Thomas Kretschmann, Dominique Horwitz, Jochen Nickel, Sebastian Rudolph, Sylvester Groth, Dieter Okras, Dana Vávrová



 

SerienWelt: The Man in the High Castle – Staffel 2

„The Man in the High Castle“ basiert auf der gleichnamigen Erzählung von Philip K. Dick aus dem Jahre 1962. In der von Amazon produzierten Serie ist häufig recht holprig vom „Mann im hohen Schloss“ die Rede, der Roman erschien im deutschsprachigen Raum hingegen unter dem Titel „Das Orakel vom Berge“. Die Serie besteht aus vier Staffeln, die zwischen 2015 und 2019 erstmals ausgestrahlt wurden. In dieser Rezension behandle ich Staffel 2 aus dem Jahr 2016.

Gesamteindruck: 5/7


Die Welt am Abgrund.

Die erste Staffel dieser Amazon-Original-Serie fand ich bis auf kleinere Kritikpunkte gut. Als negativ empfand ich vor allem das oftmals gehetzt wirkende Erzähltempo, das die Protagonisten dazu zwang, in unglaubwürdig hoher Schlagzahl komplexe Probleme zu lösen. Um es vorweg zu nehmen: Zwar meint man auch in Staffel 2 gelegentlich, man hätte versucht, zu viele Ideen in zu kurzer Zeit unterzubringen. Weil das aber eher die Ausnahme als die Regel ist, haben die einzelnen Story-Elemente und Charaktere meines Erachtens deutlich mehr Möglichkeiten, sich zu entfalten. Was freilich nicht heißt, dass es an vorliegenden 10 Folgen gar nichts auszusetzen gibt.

Inhalt in Kurzfassung
Das Deutsche Reich und das Japanische Kaiserreich haben den 2. Weltkrieg gewonnen. Die ehemaligen USA stehen unter Verwaltung der Achsenmächte – die Japaner regieren die Westküste, die Nazis den Osten, dazwischen liegt eine neutrale Zone. Doch es regt sich Widerstand, befeuert durch merkwürdige Filme, die vom „Mann im hohen Schloss“ unters Volk gebracht werden und die eine alternative Realität aufzeigen. Und auch zwischen den mächtigen Verbündeten kommt es zum Konflikt, der in einer nuklearen Katastrophe zu enden droht…

Im Wesentlichen hat Staffel 1 von „The Man in the High Castle“ einen Großteil des relativ kurz gehaltenen Romans von Philip K. Dick erzählt. Dick selbst hatte irgendwann in den 1970er Jahren zwar zu Protokoll gegeben, an einer Fortsetzung zu arbeiten, erschienen ist eine solche aber nie, es gab aber sehr wohl einige Andeutungen zum Inhalt. Eine davon umfasst die Möglichkeit, zwischen verschiedenen Realitäten zu reisen und auch Gegenstände mitzunehmen – so wie es einer der Akteure in Staffel 2 der Serie macht (im Buch gibt es ein vergleichbares Ereignis, das aber eher den Charakter einer Vision hat). Somit ist einer der Punkte, die dazu geführt haben, dass diese Staffel deutlich schlechtere Bewertungen hinnehmen musste eine Idee, die wohl vom Autor des Originals selbst stammt. Meine persönliche Meinung dazu: Ich finde nicht, dass es diesen Kniff unbedingt gebraucht hätte, weil der Serie damit ein Teil ihrer Ernsthaftigkeit genommen wird. Leider ist es noch dazu so, dass das Staffel-Finale in höchstem Maße auf diesen deus ex machina angewiesen ist – schade, diese Problematik wäre doch sicher auch anders lösbar gewesen.

Trotz Schwächen sehenswert.

Von diesem Lapsus (der in meiner Gesamtbewertung der Staffel immerhin zu zwei Punkten Abzug führt) abgesehen, bleibt „The Man in the High Castle“ auch in Staffel 2 sehenswert. Und das durchaus im wahrsten Sinne des Wortes: Vor allem die Optik begeistert weiterhin ohne Wenn und Aber. Das unter japanischer bzw. deutscher Verwaltung stehende Amerika sieht bedrückend-realistisch aus. Das betrifft sowohl Innen- und Außenaufnahmen von Städten und Gebäuden als auch Personen und Gegenstände. Und auch, dass in Staffel 2 öfter mal ein Blick nach Berlin, ins Zentrum des Großdeutschen Reiches, geworfen wird, bringt eine faszinierende (und gleichzeitig ungemein beängstigende) Perspektive. Dort ist die Serien-Welt allerdings bei weitem nicht so gut ausgearbeitet wie in San Francisco und mit Abstrichen New York.

An dieser Stelle merkt man dann auch recht deutlich, dass der Roman von Philip K. Dick keine Vorlage mehr liefert – was in Berlin im Detail passiert, kommt dort einfach nicht vor. Und genau darunter scheint Staffel 2 insgesamt ein wenig zu leiden. Der Höhepunkt, auf den alles hinausläuft, wird selbstverständlich auch im Buch angedeutet: Der innere Machtkampf im deutschen Reich, der in einer Katastrophe für die ganze Welt zu enden droht. Doch irgendwie hege ich Zweifel daran, dass die Auflösung, die uns hier präsentiert wird, im Sinne des Autors gewesen wäre – zu einfach, zu wenig subtil, zu sehr auf Nummer sicher.

Leichter konsumierbar.

Überhaupt machen es die Verantwortlichen dem Publikum in Staffel 2 deutlich leichter. Während die erste Staffel noch – ganz in der Dick’schen Philosophie – auf undurchschaubare Charaktere setzt, die schwer fassbar sind und die wechselnde Sympathien beim Zuseher wecken, verfällt man nun relativ schnell in eine Art von Gut-Böse-Schema. Das ist natürlich bequemer und wesentlich leichter, angenehmer konsumierbar – ob es nun besser ist, wage ich nicht zu beurteilen. Bei mir hat diese Staffel jedenfalls ein positiveres Gefühl hinterlassen (und das hat in diesem Fall nichts mit der technischen und schauspielerischen Qualität zu tun!), gleichzeitig ist mein Eindruck, dass etwas an Tiefe verloren gegangen ist. Interessant, weil gerade die Schwierigkeit, einen Sympathieträger zu identifizieren, ein Kritikpunkt von mir an Staffel 1 war…

Wie man sieht, ist das alles nicht so leicht zu bewerten. Ich fand jedenfalls auch die zweite Staffel von „The Man in the High Castle“ hochspannend, aufgrund etwas zurückgefahrener Subtiltiät vielleicht sogar spannender als Staffel 1. Dennoch fehlt etwas, das ich nicht genauer festmachen kann, sodass ich letztlich einen Punkt weniger springen lasse. Und mich dennoch auf Staffel 3 freue.

Gesamteindruck: 5/7


Originaltitel: The Man in the High Castle
Idee: Frank Spotnitz
Land: USA
Jahr: 2016
Episoden: 10
Länge: ca. 50-60 Minuten
Gesehen auf: Amazon Prime Video
Haupt-Besetzung: Alexa Davalos, Rupert Evans, Luke Kleintank, DJ Qualls, Rufus Sewell, Cary-Hiroyuki Tagawa, Joel de la Fuente, Brennan Brown, Chelah Horsdal



 

SerienWelt: The Man in the High Castle – Staffel 1

„The Man in the High Castle“ basiert auf der gleichnamigen Erzählung von Philip K. Dick aus dem Jahre 1962. In der von Amazon produzierten Serie ist häufig recht holprig vom „Mann im hohen Schloss“ die Rede, der Roman erschien im deutschsprachigen Raum hingegen unter dem Titel „Das Orakel vom Berge“. Die Serie besteht aus vier Staffeln, die zwischen 2015 und 2019 erstmals ausgestrahlt wurden. In dieser Rezension behandle ich Staffel 1 aus dem Jahr 2015.

Gesamteindruck: 6/7


Spannendes Alternativwelt-Szenario.

In meiner Rezension zum Buch „Das Orakel vom Berge“ habe ich es schon geschrieben: Eine alternative Realität, in der die Geschichte ganz anders abgelaufen ist, als wir sie kennen, ist eine reizvolle Idee. Den Roman von Philip K. Dick finde ich gut, umso gespannter war ich, wie das eher philosopophisch-nüchterne Werk für ein audio-visuelles Medium umgesetzt werden würde. So viel sei vorweg genommen: Die erste Staffel von „The Man in the High Castle“ hat meine Erwartungen tatsächlich erfüllt, auch wenn nicht alles perfekt ist.

Inhalt in Kurzfassung
Das Deutsche Reich und das Japanische Kaiserreich haben den 2. Weltkrieg gewonnen. Die ehemaligen USA stehen unter Verwaltung der Achsenmächte – die Japaner regieren die Westküste, die Nazis den Osten, dazwischen liegt eine neutrale Zone. Beide Siegermächte herrschen mit Willkür, oft auch mit Brutalität, wenig verwunderlich also, dass sich Widerstand regt. Und dann gibt es da noch merkwürdige Filmrollen, die eine alternative Realität zu zeigen scheinen, eine Welt, in der der Krieg ganz anders ausgegangen ist…

Wer „Das Orakel vom Berge“ gelesen hat, wird anhand der Inhaltsangabe vermuten, dass sich die Serie relativ nahe an der Vorlage orientiert. Zumindest in gewissen Aspekten – sieht man genauer hin, merkt man beispielsweise schnell, dass es doch recht große Unterschiede gibt. Nichtsdestotrotz schafft die Serie eine hervorragende Atmosphäre, die meines Erachtens genau das Amerika zeigt, das Dick in seinem Roman beschreibt. Das betrifft die Figuren (die selbstherrlichen und sich stets überlegen fühlenden Nazis, die zurückhaltenden und verschlossenen Japaner, die zwischen Hoffnungslosigkeit und Trotz schwankenden Amerikaner), aber auch die gesamte Umgebung. Letztere zeigt eine interessante Mischung aus heruntergekommenen Gegenden, in denen die verarmte Bevölkerung ihr Dasein fristet und den luxuriösen Verwaltungsgebäuden der Besatzer. Vor allem die bombastisch-bedrückenden Nazi-Bauwerke stehen in starkem Kontrast zum 1960er-Feeling. Ich würde sogar sagen, dass die Serie durch ihre visuellen Möglichkeiten dem Buch in dieser Hinsicht überlegen ist, das aber auch, weil Philip K. Dick ein eher philosophischer Autor war, der wenig Wert auf Außenbeschreibungen gelegt hat. Umso erstaunlicher, was die Serien-Macher hier geleistet haben.

Freilich gibt es, wie angedeutet, auch gravierende Unterschiede zum Buch, auf die ich aber nicht allzu sehr eingehen möchte. Gesagt sei, dass die Story nur sehr rudimentär auf den Ereignissen des Romans basiert. Letztlich muss man konstatieren, dass die Geschichte in weiten Teilen vollkommen anders abläuft, was aber nicht zwangsweise bedeutet, dass die Serie schlecht ist. Im Gegenteil – wer sich darauf einlassen kann und nicht ständig Vergleiche mit dem Buch zieht (wobei fraglich ist, ob überhaupt ein nennenswerter Teil des Serienpublikums „Das Orakel vom Berge“ gelesen hat), darf sich auf spannende und unterhaltsame 10 Stunden freuen.

Kleinere Kritikpunkte.

Zwei Kritikpunkte habe ich aber dennoch: Erstens hat man des Öfteren das Gefühl, dass die Showrunner versucht haben, viel zu viele Ideen unterzubringen. Eventuell war ursprünglich nur eine Staffel geplant und man wollte deshalb so viel wie möglich umsetzen? Ich weiß es nicht, aber teilweise entsteht dadurch ein regelrecht gehetzt wirkendes Erzähltempo. Damit geht der zweite Punkt einher: Die Hauptfiguren müssen häufig in hoher Schlagzahl ein Problem nach dem anderen lösen und wechseln dabei auch mal munter ihre Ausrichtung. Ihnen passiert einfach zu viel, sodass man einerseits die Glaubwürdigkeit in Frage stellt, andererseits tatsächlich Probleme hat, einen echten Sympathieträger zu identifizieren.

Dennoch: Die erste Staffel von „The Man in the High Castle“ ist gutes Handwerk, bietet ein tolles Setting und ist spannend, kurz: Hier bekommt man alles, was man von einer modernen Serie erwarten darf. Ich bin jedenfalls sehr gespannt, wie es in Staffel 2 weitergeht.

Gesamteindruck: 6/7


Originaltitel: The Man in the High Castle
Idee: Frank Spotnitz
Land: USA
Jahr: 2015
Episoden: 10
Länge: ca. 50-60 Minuten
Gesehen auf: Amazon Prime Video
Haupt-Besetzung: Alexa Davalos, Rupert Evans, Luke Kleintank, DJ Qualls, Rufus Sewell, Cary-Hiroyuki Tagawa, Joel de la Fuente, Brennan Brown, Carsten Norgaard



 

BuchWelt: Das Orakel vom Berge

Philip K. Dick


„Was wäre, wenn…“ ist ein reizvolles Spiel. So auch in der Variante von Philip K. Dick, der mit dem 2. Weltkrieg eines der einschneidenden Ereignisse der Geschichte auf eine Art und Weise enden lässt, die ein mulmiges Gefühl hinterlässt… 

Gesamteindruck: 6/7


Was wäre, wenn…

Eines der bekanntesten Werke des US-amerikanischen Science Fiction-Autors Philip K. Dick ist „Das Orakel vom Berge“ aus dem Jahre 1962. Noch nie davon gehört? Nun, vielleicht klingelt es ja bei der Original-Bezeichnung: „The Man in the High Castle“. Nicht zuletzt dank der gleichnamigen Serie aus den Amazon Studios, die es von 2015 bis 2019 auf vier Staffeln brachte und auf dem Buch basiert, sollte dieser Titel deutlich mehr Menschen ein Begriff sein. Freilich unterscheidet sich die Serie teils gravierend von den Schilderungen des Buches – aber das soll uns in dieser Rezension nur am Rande tangieren.

Inhalt in Kurzfassung
Die frühen 1960er Jahre: Die Achsenmächte, allen voran das nationalsozialistische Deutschland und das Kaiserreich Japan, haben den 2. Weltkrieg 1947 nach langem Ringen für sich entschieden. Die USA sind ein besetztes und geteiltes Land – der Westen gehört den Japanern, der Osten den Deutschen, dazwischen gibt es eine neutrale Pufferzone. In dieser alternativen Realität leben und arbeiten verschiedene Protagonisten, deren Schicksal mehr oder weniger stark miteinander verbunden ist.

Das Ergebnis des 2. Weltkrieges, das in „Das Orakel vom Berge“ beschrieben wird, ist eine bedrückende, aber auch sehr starke Fiktion – und muss es zu der Zeit, als der Roman geschrieben wurde, noch mehr gewesen sein; immerhin lag das Kriegsende damals noch keine 20 Jahre zurück. Freilich zeigt die moderne Forschung, dass ein Sieg der Achsenmächte auch bei für sie günstigstem Kriegsverlauf kaum zu realisieren gewesen wäre, zu überlegen waren die alliierten Ressourcen an Mensch, Material und Wirtschaftskraft. Wie es dennoch zu diesem verheerenden Ausgang des bisher größten und schrecklichsten Waffengangs der Menschheitsgeschichte hätte kommen können, wird in „Das Orakel vom Berge“ allerdings ohnehin nur in Andeutungen abgehandelt, darunter z. B. eine Reihe von „schwachen US-Präsidenten„, die ihr Land in die Isolation führten.

Erzählerische Dichte.

Inhalt des Buches ist weniger die Frage, wie es überhaupt soweit kommen konnte, wobei es der Autor durch verschiedene Anspielungen und immer wieder eingestreute Passagen versteht, dem Leser sozusagen Brocken hinzuwerfen, aus denen er sich mit Hilfe der Charaktere die Geschichte ganz von selbst konstruieren kann. Dennoch: „Das Orakel vom Berge“ behandelt in erster Linie die Lebensumstände für Sieger und Besiegte im Alltag und bleibt dabei vorwiegend im japanisch besetzten San Francisco bzw. in der neutralen Pufferzone. So erfährt man beispielsweise, dass die Japaner weit gnädigere Herren sind als ihre Verbündeten (die sich ihrerseits wiederum den Japanern überlegen fühlen). Und doch haben sich viele Aspekte der fernöstlichen Kultur in den amerikanischen Alltag geschlichen, was sich beispielsweise im ständigen Verbeugen und im Versuch, stets die wahren Gefühle zu verbergen, zeigt – und was zu langsam aber sicher aufkeimendem Widerstand im amerikanischen Volk führt.

An dieser Ebene des Buches könnte ich jetzt keinerlei Kritik üben, im Gegenteil: All das ist sehr gut gelungen und dargestellt und schafft das Gefühl unglaublicher Tiefe. Es ist geradezu unbegreiflich, wie erzählerisch dicht Philip K. Dick trotz – oder vielleicht gerade wegen? – des relativ geringen Umfanges unterwegs ist.  Man sieht direkt vor sich, wie San Francisco unter japanischer Herrschaft aussehen könnte – und das auf sehr realistische Art und Weise. Das betrifft übrigens auch die durch und durch interessanten und vor allem glaubwürdigen Charaktere. Es gibt hier keine Helden und Schurken, sondern nur Menschen mit verschiedenen Facetten. Eine ganz feine Klinge, die der Autor diesbezüglich führt, das gilt sowohl für die Figuren selbst als auch für deren Handlungen.

Von Heuschrecken und Widerständlern.

Interessant ist, dass „Das Orakel vom Berge“ trotz des relativ geringen Umfangs auf mehreren Ebenen funktioniert. Oben beschrieben habe ich die reizvolle Idee der alternativen Realität und wie das Leben darin aussehen könnte. All das ist für sich schon eine sehr gelungener Roman. Wer aber tiefer gehen möchte, kann sich gemeinsam mit dem Autor auf philosophischer Ebene mit der Frage nach der Wirklichkeit beschäftigen. An dieser Stelle muss ich zugeben, dass mir das teilweise schon fast zu komplex war und ich nicht ganz durchschaut habe, wie der Ansatz genau lautet. Klar ist, dass es mehrfach Anspielungen in diese Richtung gibt – beispielsweise beim Gespräch zweier Figuren über den Wert echter und gefälschter Antiquitäten, der diesen Gegenständen nur durch die emotionale Bindung des Käufers zugewiesen wird. Ob das Objekt echt ist oder nicht, spielt keine Rolle – zumindest solange nicht, wie es der Interessent nicht weiß.

Und dann gibt es da noch das „Buch im Buch“, genannt „Die Plage der Heuschrecke“ (in der Serie handelt es sich dabei übrigens um Filmrollen). Dieses Werk zeigt, wie eine andere Realität aussehen könnte und erzählt wiederum eine Geschichte, in der Deutschland und Japan den Krieg verlieren, wobei die geschilderten Ereignisse nicht denen entsprechen, die wir kennen. Die Frage, wie Hawthorne Abendsen, Autor des „Heuschreckenbuches“ (im Original: „The Grasshopper Lies Heavy“), sein Werk geschrieben hat, bleibt teilweise unbeantwortet, während das Buch selbst ein weiterer Aspekt ist, der zeigt, wie Unwirkliches die Wirklichkeit beeinflussen kann. Denn dieses Buch, verboten bei den Nazis, viel gelesen bei den Japanern, ist durch sein Aufzeigen einer anderen Möglichkeit, wie der Krieg hätte ausgehen können, wichtig für die Widerstandsbewegung und gibt den Menschen Hoffnung.

Der Leser ist gefordert.

Es wäre jetzt zu komplex, auf alle Details einzugehen – und ich bin mir auch nicht ganz sicher, alles zu 100% verstanden zu haben. Gesagt sei aber, dass Philip K. Dick all diese Elemente zu einer interessanten, lesenswerten, nachdenklichen und – ja, auch unterhaltsamen, Geschichte verquickt. Man muss natürlich ein wenig aufpassen, was man erwartet. Denn gerade in dem Punkt, der die Aufklärung bringen könnte, die man sich als Leser erhofft, hält sich der Autor bedeckt. So ist bis zum Schluss nicht klar, ob „Das Orakel vom Berge“ auch in sich in einer alternativen Realität spielt; zumindest bleibt den Charakteren verborgen, ob es so ist. Ein paar Hinweise gibt es, aber so richtig wird nicht offenbart, ob z. B. das „Heuschreckenbuch“ reine Fiktion oder ein Tatsachenbericht aus einem anderen Universum ist. Im Endeffekt überlässt es Philip K. Dick dem Leser, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Er hat eine ansprechende „was wäre, wenn“-Geschichte geschrieben, alles, was darüber hinausgeht, ist ein Bonus, der den, der dazu gewillt ist, zur Gehirnakrobatik anregt. Mitdenken ist also erlaubt, Pflicht ist es aber nicht (zumindest nicht im philosophischen Ausmaß), um das Buch gut zu finden.

Und jetzt entschuldigt mich bitte, ich glaube, ich brauche einen zweiten Versuch, ich habe das Gefühl, dass mir einiges entgangen ist…

Gesamteindruck: 6/7

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Autor: Philip K. Dick
Originaltitel: The Man in the High Castle.
Erstveröffentlichung: 1962
Umfang: ca. 200 Seiten
Gelesene Sprache: Englisch
Gelesene Version: Taschenbuch