FilmWelt: The Green Inferno

Ich muss gestehen, dass ich nie einen der berühmt-berüchtigten Kannibalenfilme aus der Hochzeit des Genres (späte 1970er/frühe 1980er) gesehen habe. Einmal habe ich mich zwar an „Cannibal Holocaust“ (1980, dt.: „Nackt und zerfleischt“) versucht, konnte damit aber überhaupt nichts anfangen. Nennt mich Weichei, aber das war mir tatsächlich zu viel, obwohl ich vermute, dass es sich dabei um eine mehr oder weniger stark geschnittene Fassung gehandelt haben dürfte.

Gesamteindruck: 2/7


In der Grünen Hölle.

„The Green Inferno“ (2013) von Exploitationfilm– und Torture Porn-Spezialist Eli Roth stellt eine Hommage an den vorwiegend italienisch geprägten Kannibalenfilm dar. Handlung, Aufmachung und explizite Gewaltszenen – all versucht der US-Regisseur dem Original nachzuempfinden. Ganz gelingt ihm das freilich nicht; letzten Endes wirkt „The Green Inferno“ dafür zu poliert und darauf bedacht, trotz aller Geschmacklosigkeiten einen erklecklichen Umsatz zu generieren. Sprich: Das gewisse Underground-Feeling geht vorliegendem Werk fast völlig ab.

Worum geht’s?
Nach einem Flugzeugabsturz im chilenischen Dschungel gerät eine Gruppe vorwiegend amerikanischer Umweltaktivisten an einen Stamm menschenfressender Ureinwohner. Ironie des Schicksals, dass sie genau jenen Stamm eigentlich vor Bulldozern hatten schützen wollen, die den Regenwald rücksichtslos plattwalzen. Denn die Kannibalen interessiert herzlich wenig, wer Freund und wer Feind ist…

Stephen King hat – so ist im Wikipedia-Eintrag zu vorliegendem Film zu lesen – gesagt, dass „The Green Inferno“ einerseits schwer zu ertragen sei, man andererseits auch nicht wegsehen könne. Damit hat der Meister meines Erachtens durchaus recht, zumindest wird es jenen so gehen, die kein grundsätzliches Problem mit gewissen Ekelszenen haben. Wer sich aber beispielsweise beim Genuss von „Hostel“ (2005, Regie: Eli Roth) die meiste Zeit die Augen zuhalten musste, sollte „The Green Inferno“ besser meiden.

Ein unangenehmer Film.

Ich habe – natürlich – trotz der Warnungen hingesehen und gebe zu, dass ich mich mehrmals gefragt habe, ob das eine gute Idee war. Tatsächlich hat „The Green Inferno“ mich auf eine Art unangenehm berührt, wie ich sie von meinem ersten Versuch mit „Nackt und zerfleischt“ in Erinnerung habe und die ich so oder so ähnlich ansonsten nur von „Hostel“, eventuell noch von „Saw“ (2004) kenne. Dabei geht es nicht primär um die plakative Brutalität des Geschehens auf dem Bildschirm, die natürlich auch nicht von schlechten Eltern ist. Es ist vielmehr so, dass man stets das Gefühl hat, Material zu sehen, das es eigentlich nicht geben sollte – zumindest nicht, um Menschen damit zu unterhalten. Dass das für jemanden, der auf Horrorfilme steht, im ersten Moment nach eher kleinkarierten Moralvorstellungen klingt, ist mir bewusst. Ganz so ist es jedoch nicht, ich könnte mich ja jederzeit bewusst dagegen entscheiden, mir derartigen Stoff anzusehen, wenn ich ethische Bedenken hätte.

Das Problem, wenn man es so nennen will, muss also woanders liegen – scheinbar kitzeln Werke wie „The Green Inferno“ an einer bestimmten Stelle im Unterbewusstsein, was sie von nicht minder furchteinflößenden und brutalen Filmen aus anderen Horror-Subgenres abhebt. Es dürfte die Kombination aus plakativer Gewalt, der Hilflosigkeit der Opfer, die aus unserem Kulturkreis stammen und der Fremdartigkeit der Eingeborenen sein, die dazu geführt hat, dass ich mich während der gesamten Laufzeit sprichwörtlich gewunden habe. Und ja, auch das Tabu des Kannibalismus spielt mit hinein, sowohl bewusst als auch – mutmaßlich – im Unterbewusstsein. Und dabei ist „The Green Inferno“ im Gegensatz zu seinen geistigen Vätern noch eher harmlos, denn Eli Roth verzichtet vor allem und zum Glück auf die reale Tötung von Tieren.

Wichtige Kritik oder doch nur Effekthascherei?

Dass ich „The Green Inferno“ nicht als unterhaltsamen Film im engeren Sinne abheften möchte, dürfte vor diesem Hintergrund nicht verwundern. Generell ist die Bewertung des Gesehenen nicht ganz einfach: Schon in der Blütezeit des Genres war seine vermeintliche Kritik an der westlichen Zivilisation, die rücksichtlos den Planeten ausbeutet, ein gern genommenes Deckmäntelchen für einige der blutigsten Gewaltszenen, die die Filmgeschichte kennt. Ungefähr auf diese Art hat auch Eli Roth versucht, in seiner Hommage eine Botschaft zu verpacken – und wie anno dazumal ist auch heute fraglich, ob ein solcher Streifen geeignet ist, Kritik an kapitalistisch-globalistischen Verhaltensweisen glaubwürdig zu transportieren.

Wobei ich dem Regisseur zumindest in einer Sache recht geben muss: Die Darstellung eines fiktiven Kannibalenstamms – nebst einer im Gegensatz zu manchem Genreklassiker klar als frei erfunden erkennbaren Handlung – wird nicht dazu führen, dass der Regenwald aus Angst vor Menschenfressern nur noch schneller zerstört wird. Dennoch: Als Kritik an den unhaltbaren Zuständen vor Ort funktioniert „The Green Inferno“ suboptimal, denn dieser Aspekt wirkt schlicht und einfach aufgesetzt. Dass am Ende diejenigen, die eigentlich zum Schutz des indigenen Volkes nach Chile kommen, auf dessen Speisekarte landen, ist zwar eine interessante Idee – richtig sinnvoll umgesetzt wurde sie aber nicht. Vor allem der Schluss wird dadurch ausgesprochen unglaubwürdig, wenn man bedenkt, was die Protagonistin vorher sehen und erleben musste; so groß kann das Stockholm-Syndrom für mein Dafürhalten gar nicht sein.

Charaktere sind vollkommen nebensächlich.

Zur Handlung selbst ist eigentlich nicht viel zu sagen, sie ist denkbar einfach: Nach der obligatorischen Vorstellung der Charaktere (die kaum oberflächlicher sein könnte) geht die Reise los und Roth versucht auf höchst sparsame Art, seinen Figuren zumindest den Anschein von Tiefe zu verleihen. Das gelingt ihm freilich kaum, sodass es reichen muss, dass sich der Zuschauer allein deshalb mit den „Helden“ identifiziert, weil sie aus dem gleichen Kulturkreis kommen, was im krassen Gegensatz zu den wilden Kannibalen steht. Man „muss“ also wohl oder übel mit den Aktivisten mitleiden, eine andere Möglichkeit bleibt aufgrund der Monstrosität des Kannibalismus schlicht nicht übrig. Das war Roth natürlich klar, sodass er besser ausgearbeitete Figuren vermutlich nie erwogen hat.

Und so windet sich der Film voran, in durchaus gelungenem Tempo übrigens. Freilich ändert das nichts daran, dass in „The Green Inferno“ nicht wesentlich mehr passiert, als das ein Gefangener nach dem anderen aus dem Käfig geholt und abgeschlachtet wird. Für Gorehounds ein Fest, für jeden, der sich ein Mindestmaß an Anspruch erwartet, eine kaum erträgliche Aneinanderreihung von Geschmacklosigkeiten, die so endet, wie man es sich schon relativ früh denken kann.

Fazit: Ich kann wirklich keine allgemeine Empfehlung für „The Green Inferno“ aussprechen. Für Fans des ursprünglichen Kannibalen-Genres scheint er mir zu brav, zu poliert daherzukommen. Zwar umgibt ihn durchaus ein Hauch des Verbotenen, das dürfte aber nur ein müder Abklatsch des Gefühls sein, dass das zeitgenössische Publikum bei „Nackt und zerfleischt“ & Co. empfunden haben muss. Als Hommage an jene Filme mag vorliegendes Werk durchgehen, ob es als solche gut gemacht ist, wage ich nicht zu beurteilen.

Für sich genommen ist „The Green Inferno“ abseits des vielen Blutes jedenfalls kaum der Rede wert. Eventuell kann man ihn sich in geselliger Runde mit ordentlich Alkohol ganz gut ansehen und über seine brutale Banalität lachen. Immerhin ist er technisch sehr fein gemacht, was heute zwar keine so große Kunst mehr ist, ich aber durchaus goutieren kann. Und: Es gibt insgesamt deutlich Schlechteres zu sehen, sodass Eli Roth hier keinen totalen Schiffbruch erleidet.

Gesamteindruck: 2/7


Originaltitel: The Green Inferno.
Regie:
Eli Roth
Drehbuch: Eli Roth, Guillermo Amoedo
Jahr: 2013
Land: USA, Chile, Kanada
Laufzeit: ca. 100 Minuten
Besetzung (Auswahl): Lorenza Izzo, Ariel Levy, Daryl Sabara, Kirby Bliss Blanton, Sky Ferreira



FilmWelt: Black 47

Interessant, was im englischsprachigen Wikipedia-Eintrag zu „Black 47“ zu lesen ist: In einem Interview erklärte Regisseur Lance Daly, dass mit diesem Werk der erste Langfilm vorläge, der die Große Hungersnot (1845-1849) thematisiert. Kaum zu glauben, dass das 2018 tatsächlich erstmals der Fall war, ist diese verhältnismäßig kurze Periode doch eines der einschneidendsten Kapitel irischer Geschichte.

Gesamteindruck: 2/7


Hunger, Kälte – und Rache!

Die Große Hungersnot kostete rund eine Million Iren das Leben, weitere zwei Millionen verließen das Land, großteils Richtung Amerika. Verschärft wurde die durch die Kartoffelfäule ausgelöste Nahrungsmittelknappheit durch die englische Politik (Irland war damals Teil von Großbritannien), die tatenlos zusah und die Katastrophe teilweise sogar noch verschlimmerte. Es mag abgesehen von vorliegendem Werk bis dato kaum oder gar keine Filme zu dieser schrecklichen Episode geben, andere kulturelle Beiträge existieren aber sehr wohl (Anmerkung: mein liebster und einer der eindringlichsten ist der Song „The Coffin Ships“ von Primordial). Dass Lance Daly 2018 versucht hat, dieses auch für die englisch-irischen Beziehungen höchst sensible Thema filmisch umzusetzen, ist grundsätzlich eine lobenswerte Idee. Allein: die Ausführung ist weniger gelungen, als man sich erhofft hätte.

Worum geht’s?
Feeney, einer von vielen Iren, die in der englischen Armee gekämpft haben, kehrt als Deserteur in seine Heimat zurück. Er findet ein bitterarmes und völlig zugrunde gerichtetes Land vor, seine Mutter und sein Bruder sind tot. Als er auch noch zusehen muss, wie seine Schwägerin und deren Kinder aus ihrem Haus vertrieben werden und er sie später erfroren vorfindet, schwört er Rache an allen Beteiligten. Um ihn aufzuhalten, setzen die englischen Ermittler Feeneys ehemaligen Kameraden Hannah auf ihn an. Eine Verfolgungsjagd durch ein von Hunger und Armut schwer gezeichnetes Irland beginnt…

Wer sich „Black 47“ mit falschen Erwartungen ansieht, wird wohl enttäuscht sein: Im Gegensatz zu dem Eindruck, den die offizielle Inhaltsangabe und auch der Einstieg in den Streifen erwecken, handelt der Film im Endeffekt nicht von der Großen Hungersnot. Dieses Ereignis, seine dramatischen Folgen für die betroffenen Menschen, aber auch die Gründe für die Ressentiments zwischen Iren und Engländern, sind letzten Endes nicht mehr als der Aufhänger für eine relativ simple und geradlinige Rache-Geschichte. „Black 47“ eignet sich daher nur bedingt als Anschauungsmaterial für eine Geschichtsstunde. Genau genommen thematisiert sogar ein Blockbuster wie „Braveheart“ (1995) bei all seinen Schwächen die politischen Feinheiten zwischen England und – in jenem Fall – Schottland besser, als es „Black 47“ vermag.

Regisseur Lance Daly hat das Thema für mein Dafürhalten klar verfehlt, wenn es denn wirklich wie eingangs angedeutet, seine Intention war, einen Film über die Hungersnot zu machen. Leider muss man gleichzeitig konstatieren, dass „Black 47“ auch als das Rache-Epos, das der Film letztlich ist, nicht überzeugt. Zunächst: Die Geschichte, die uns der Regisseur hier erzählen möchte, erinnert an einen Standard-Western. Ein Schurke, der das Herz am rechten Fleck hat und dem selbst großes Unrecht widerfahren ist, zieht aus, um sich an seinen Peinigern zu rächen. Vor allem im Western-Genre ist das ein gern genommenes Motiv; daran erinnert auch das Setting mit vielen Reitszenen, sich sichtlich unwohl fühlenden englischen Soldaten, harten und bauernschlauen Einheimischen und die gelegentliche Schießerei mit Musketen und Pistolen.

Schwerfällige Story.

All das ist nun kein grundsätzliches Problem – ansonsten wären Filme wie z. B. „Rambo“ (1982) nicht so erfolgreich. Das Problem ist das Storytelling, das meines Erachtens relativ schwerfällig ist. Richtige Spannung kommt kaum auf – und das Drama lässt auch zu wünschen übrig, was an den wortkargen und wenig sympathischen Charakteren liegt. Die sind überhaupt ein echter Minuspunkt, weil sie keinerlei Identifikationsfläche bieten. Das liegt nicht unbedingt an den Schauspielern, wobei ich abgesehen vom eigentlich sehr guten Hugo Weaving nicht zu beurteilen wage, wie gut oder schlecht der Cast in anderen Filmen spielt. Bezeichnend übrigens, dass die Hauptrollen nicht mit irischen, sondern mit australischen Mimen besetzt sind, aber das nur am Rande.

Und so schleppt sich „Black 47“ von Szene zu Szene. Enthält der Film Motive, die außerhalb der Standard-Story um den missverstandenen Rächer liegen, habe ich diese nicht entdeckt oder verstanden. Das gilt auch und vor allem für den Twist gegen Ende, der für mich nach dem bis dahin erfolgten Aufbau nicht ganz überraschend war – und doch an Glaubwürdigkeit vermissen ließ.

Einen positiven Aspekt möchte ich aber zum Schluss dennoch anbringen: „Black 47“ ist ausgezeichnet fotografiert. So unwirtlich – und gleichzeitig wieder schön – hat man Irland selten gesehen. Die Landschaften, speziell aber die düstere Atmosphäre, passen hervorragend zur Zeit und zum Thema des Films. Die nasse Kälte – sie ist stellenweise auch daheim auf der gemütlichen Couch beinahe schmerzhaft zu spüren. Das allein reicht aber bei weitem nicht für eine gute Wertung – zu groß ist meine Enttäuschung, was der Regisseur aus diesem filmisch unverbrauchten und historisch hochinteressanten Kapitel der irischen Geschichte gemacht hat.

Gesamteindruck: 2/7


Originaltitel: Black ’47.
Regie:
Lance Daly
Drehbuch: Lance Daly, P.J. Dillon, Pierce Ryan
Jahr: 2018
Land: Irland, Luxemburg
Laufzeit: ca. 100 Minuten
Besetzung (Auswahl): Hugo Weaving, James Frecheville, Stephen Rea, Freddie Fox, Moe Dunford, Sarah Greene



FilmWelt: Don’t Breathe

Zu erblinden ist wohl eine der schlimmsten Vorstellungen vieler Menschen. Und doch kann es jedem passieren – wie man aber damit umgehen würde, ist eine Frage, auf die man vorher keine Antwort hat. Unumstritten ist jedenfalls, dass die übrigen Sinne geschärft werden, wenn beispielsweise das Augenlicht abhanden kommt. Das kann wiederum ein Vorteil sein – und genau auf diese für sehende Menschen eher diffuse Vorstellung, baut „Don’t Breathe“ aus dem Jahr 2016.

Gesamteindruck: 5/7


Wer ist hier das Opfer?

Die Prämisse von „Don’t Breathe“ ist so simpel wie effektiv: Ein alter, blinder Mann steht völlig allein gegen drei junge, körperlich fitte Einbrecher. Eigentlich sollte das Ergebnis klar sein – doch was passiert, wenn das vermeintliche Opfer es schafft, die Bedingungen zu seinen Gunsten zu ändern? Genau das passiert in diesem Film und macht den Namen zum Programm: Jeder Atemzug, den einer der jungen Kriminellen tut, jede noch so kleine Bewegung, könnte gehört werden und damit die letzte Handlung sein.

Worum geht’s?
Die Teenager Alex, Rocky und Money sehen in Einbrüchen und kleineren Diebstählen die einzige Möglichkeit, jemals aus dem tristen und verarmten Detroit zu entkommen. Als sie eines Tages den Tipp erhalten, dass im Haus eines Kriegsveteranen, der in einer mittlerweile menschenleeren Gegend der Stadt wohnt, eine stattliche Summe Bargeld zu holen ist, überlegen sich nicht lang. Doch bald müssen sie feststellen, dass der alte Mann alles andere als ein wehrloses Opfer ist…

Regisseur Federico „Fede“ Alvarez hat – so heißt es jedenfalls – „Don’t Breathe“ bewusst als Gegensatz zu seinem 2013er-Remake des Horror-Klassikers „The Evil Dead“ (1981, deutsch: „Tanz der Teufel“) konzipiert: Während „Evil Dead“ durch massiven Einsatz von Filmblut und grausigen Effekten Reaktionen beim Zuschauer auslösen soll, ist vorliegendes Werk vor allem auf eine düstere und spannende Atmosphäre ausgelegt. Dass das dem urugayanischen Filmemacher so gut gelingen würde, hätte ich allerdings nicht unbedingt erwartet.

Eine starke Kombination.

Die Geschichte, die der Alvarez und Drehbuchautor Rodo Sayages erzählen, ist eigentlich ein doppelter Alptraum: Ein Einbruch während man selbst im Haus ist, ist schon für sich genommen eine schreckliche Vorstellung. Dass das Opfer dann auch noch blind und – vermeintlich – alt und gebrechlich ist, steht sinnbildlich für die Hilflosigkeit, mit der die meisten von uns einer solchen Situation gegenüberstehen würden. Damit legt die Handlung von „Don’t Breathe“ die perfekte Basis, um die Spannung (fast) über die gesamte Laufzeit auf hohem Niveau zu halten. Im Endeffekt ist es allerdings die Kombination aus einer um diverse Twists angereicherten Story, starke Technik, einem soliden Drehbuch und einem glaubwürdigen Cast, die den Reiz dieses überraschend starken Films ausmacht.

Zunächst ein Wort zur Technik: Dass das Budget mit rund 10 Millionen US-Dollar vergleichsweise niedrig war, ist an keiner Stelle zu merken. Im Gegenteil, speziell die Optik hat mich schwer beeindruckt – und das bereits bevor ich um die Produktionskosten wusste. Heißt: „Don’t Breathe“ sieht schicker aus als viele zeitgenössische Produktionen. Heutzutage fast noch wichtiger ist aber, dass man nie das Gefühl hat, dass mit den Special Effects übertrieben wurde. Unabhängig davon wissen auch Ausstattung und Drehort zu überzeugen. Die wenigen Außenaufnahmen lassen US-amerikanische Großstadt-Tristesse aufkommen – und das, obwohl vor allem in Ungarn (!) gefilmt wurde und nur vereinzelt in Detroit). Das innere des Hauses, in dem sich fast der gesamte Film abspielt, ist hingegen von unheimlicher Düsterkeit geprägt. An dieser Stelle habe ich allerdings auch einen ersten Kritikpunkt anzubringen: Das Heim des Einbruchsopfers ist nicht ganz stimmig, einerseits fragt man sich, wozu relativ viele Lampen vor sich hin glimmen, andererseits ist der Kellerbereich für mein Dafürhalten unverhältnismäßig und unnötig weitläufig gestaltet worden. Dennoch: „Don’t Breathe“ weiß optisch sehr gut zu gefallen. Und auch die Akustik ist ein wichtiger Faktor für den Erfolg des Films: Selten war absolute Stille so bedrohlich; selten hat sie so in den Ohren geschmerzt, wie in Situationen, in denen die Charaktere verzweifelt versuchen, nicht das geringste Geräusch zu machen. Das geht soweit, dass man auch als Zuschauer immer wieder den Atem anhält, weil man das Gefühl hat, man steckt in der Haut der Einbrecher und darf um keine Preis Aufmerksamkeit auf sich lenken.

Dass dem so ist, ist den Darstellern zu verdanken, die ihre Rollen mit viel Hingabe und Glaubwürdigkeit spielen. Wobei ich nicht verhehlen möchte, dass die Charaktere an sich nicht unbedingt eine Stärke von „Don’t Breathe“ sind: Letzten Endes verfügt der Film über keine wirklich sympathische oder anderweitig essenzielle Figur. Die gute Leistung der Schauspieler bezieht sich folgerichtig also vor allem auf die Darstellung von Emotionen, die ihnen allerdings – wie angedeutet – ausgezeichnet gelingt. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass „Don’t Breathe“ seine Spannung zwar durchgängig hoch hält, das aber großteils aus seiner Machart heraus, nicht, weil er Charaktere bietet, mit denen man sich identifizieren kann. Unumstrittener Star des Films ist übrigens Stephen Lang, der den blinden Kriegsveteran ausgesprochen furchteinflößend spielt.

Etwas zu viel des Guten.

Die Hochspannung, die „Don’t Breathe“ auszeichnet, speist sich auch aus einigen überraschenden Wendungen – denn natürlich ist unser blinder Kriegsveteran auch kein Heiliger. Überhaupt ist das Drehbuch überaus stark, wenn es darum geht, immer wieder noch einen drauf zu setzen, wie man so schön sagt. Das geht auch lange Zeit gut, nur ganz zum Ende hin hat man das Gefühl des „overbookings“, wie man es in der Wrestlingsprache nennt. Ein Wort, zu dem es leider keine Übersetzung gibt, die die Bedeutung wirklich umfasst. Es passt allerdings sehr gut, denn „Don’t Breathe“ übertreibt es auf der Zielgeraden mit seiner Schlagzahl: Was im Finale an Wendungen und Action auf den Zuschauer einprasselt, ist dann doch etwas zu viel des Guten. Ja, es ist ein Klischee – und doch passt es wie die Faust aufs Auge: Weniger wäre hier schlicht und einfach mehr gewesen.

Im Endeffekt ist das aber Kritik auf recht hohem Niveaus. Denn trotz der genannten Schwachpunkte, die ohnehin eher mit der Lupe zu suchen sind, ist und bleibt „Don’t Breathe“ definitiv einen Blick wert. Wir haben es hier mit einem der stärkeren Horrorfilme (ich finde übrigens eher, dass es ein Thriller ist) seiner Zeit zu tun – und das ist doch auch etwas, oder?

Gesamteindruck: 5/7


Originaltitel: Don’t Breathe.
Regie:
Fede Alvarez
Drehbuch: Fede Alvarez, Rodo Sayagues
Jahr: 2016
Land: USA
Laufzeit: ca. 90 Minuten
Besetzung (Auswahl): Jane Levy, Dylan Minnette, Stephen Lang, Daniel Zovatto, Franciska Töröcsik



FilmWelt: V/H/S – Eine mörderische Sammlung

Ich habe mir in letzter Zeit abgewöhnt, Filmtrailer anzusehen. Die Inhaltsangabe muss reichen – und manchmal lese ich nicht einmal die zur Gänze durch. Im Falle von „V/H/S“ aus dem Jahr 2012 hätte ich mir jedoch besser eine Vorschau gönnen sollen, denn auf Found Footage hatte ich eigentlich wenig Bock. Kein Wunder, hatte ich doch zum Zeitpunkt, als ich mir diesen Streifen angesehen habe, zu viele ähnlich gemachte Filme in zu kurzer Zeit gesehen. Ein bisschen ist untenstehender Text also auch unter diesem Gesichtspunkt zu lesen – und doch hat „V/H/S“ auch ganz unabhängig davon Probleme, zu überzeugen.

Gesamteindruck: 3/7


Die Meta-Ebene.

Grundsätzlich sehe ich Found Footage und Mockumentaries gern. Allerdings muss man sich – ausgewiesene Fans mögen das anders sehen – vor einer „Überdosis“ hüten: Meiner Erfahrung nach hat man verwackelte Bilder und improvisierte Dialoge relativ schnell satt. Dass „V/H/S“ im Wesentlichen dem entspricht, was seit (1999) in regelmäßigen Abständen, zu Zeiten sogar inflationär, auf die Menschheit losgelassen wird, war mir anhand der Inhaltsbeschreibung allerdings nicht klar – wenn ich das gewusst hätte, hätte ich den Film etwas länger auf meiner Watchlist gelassen.

Abgesehen davon, dass ich anhand der Kurzbeschreibung nicht mitbekommen habe, dass „V/H/S“ dem Found Footage-Genre zuzuordnen ist, war mir auch nicht bewusst, dass es sich dabei im wahrsten Sinne des Wortes um eine „Sammlung“, wie es der deutsche Subtitel so schön beschreibt, handelt. Heißt: „V/H/S“ besteht aus mehreren Kurzfilmen verschiedener Regisseure, die über eine Rahmenhandlung (ebenfalls im Found Footage-Stil) lose miteinander verknüpft sind. Inhaltlich, so viel sei verraten, nehmen die Clips keinen Bezug aufeinander. Und, weil eventuell nicht jeder Interessierte damit rechnet (die Beschreibung liest sich nach Thriller): „V/H/S“ ist ein Horror-Film, der auch und vor allem übernatürliche Phänomene zeigt. Hätte ich all das gewusst, hätte ich den Film wohl etwas länger auf meiner umfangreichen Watchlist gelassen.

Worum geht’s?
Eine Bande von Typen, die sich gerne selbst bei Straftaten filmen, wird von einem Unbekannten angeheuert. Der Job: In ein Haus, in dem nur ein alter Mann wohnt, einzubrechen und dort ein bestimmtes Videoband zu stehlen. Nach längerer Suche in dem heruntergekommenen Anwesen finden die jungen Männer schließlich einen Raum mit diversen Bildschirmen und einem Abspielgerät. Damit wollen sie die richtige Kassette finden – doch der Inhalt der Videos ist höchst verstörend…

Bei einer Bewertung von „V/H/S“ kann man auf drei Bereiche eingehen: Das Gesamtkonzept, die fünf Kurzfilme und die sie verbindende Rahmenhandlung. Am einfachsten scheint mir eine Beurteilung der einzelnen Clips zu sein, die sich die Protagonisten der Rahmenhandlung ansehen und deren Qualität zwischen gut und akzeptabel schwankt. Tatsächlich gelungen finde ich die zwei finalen Filme („The Sick Thing That Happened to Emily When She Was Younger“ und „10/31/98“), die auf deutlich subtileren Horror setzen als der teils recht blutige Rest des Materials. Vor allem „10/31/98“ ist ein spannendes Fundstück, eigentlich würden aber beide auf einen entsprechenden Langfilm neugierig machen (bitte nicht, dabei kommt sicher nichts Gutes raus). Vom Rest empfinde ich „Second Honeymoon“ zumindest als gut gespielt (neben „The Sick Thing…“ der einzige Kurzfilm mit memorablen Charakteren), die übrigen Schnipsel kann man sich gerne ansehen, Meisterwerke sind es allerdings nicht.

Neben diesen fünf Kurzfilmen gibt es eigentlich einen sechsten, der die Rahmenhandlung von „V/H/S“ darstellt. „Tape 56“, so der Titel, bildet den Einstieg in die Geschichte und auch zwischen den einzelnen Clips kehrt der Film immer zu den Einbrechern, die ein Tape suchen, zurück. Wie angedeutet ist die Story eher lose – eigentlich passiert nicht viel mehr, als dass die Protagonisten sich Videos ansehen. Was der Sinn der Sache ist, welches Tape genau gesucht wird und wie der Hausbesitzer überhaupt an das Material gekommen ist, erfährt man nicht. Übrigens endet „V/H/S“ nicht, wie man meinen könnte, mit einem erklärenden Beitrag aus „Tape 56“, sondern relativ unprätentiös mit dem Finale von „10/31/98“. Lediglich gemeinsam mit den Credits werden noch ein paar Szenen der Rahmenhandlung abgespielt (wiederholt). „Tape 56“ selbst ist ein eher nerviger Anfang für „V/H/S“, aber zumindest die Szenen im späteren Verlauf sind in Ordnung. Im Gegensatz zu den restlichen Clips gibt es hier allerdings das Problem, dass die Charaktere nie richtig zu sehen sind, was das Ganze noch flacher und sinnfreier wirken lässt, als es ohnehin schon ist.

Hätte deutlich besser sein können.

Und damit kommen wir zum Gesamtkonzept von „V/H/S“. Ich denke, dass der verantwortliche Produzent Brad Miska grundsätzlich eine gute Idee hatte: Found Footage gibt es häufig – eine Geschichte, in der im Found Footage-Stil, sozusagen auf Meta-Ebene, über das Auffinden und Ansehen solchen Materials berichtet wird, ist schon ein Alleinstellungsmerkmal. Leider zeigt „V/H/S“ aber auch die Probleme auf, die daraus entstehen und von denen ich zwei als verantwortlich für meine moderate Wertung identifizieren würde. Erstens ist die Rahmenhandlung nicht ausgereift: Zunächst gelingt es dem Film gut, Spannung aufzubauen – man möchte als Zuschauer unbedingt wissen, welches Tape gesucht wird, was darauf zu sehen ist, was es mit dem Hauseigentümer auf sich hat und was mit den Einbrechern passiert. Allein: Nichts davon wird erklärt. Dass einem nicht alles vorgekaut wird, ist normalerweise kein Fehler, hier ist es aber so, dass man nicht einmal einen kleinen Hinweis darauf bekommt, was von der ganzen Sache zu halten ist. Wenn man ganz streng ist, könnte man sagen, dass man unbedingt eine Rahmenhandlung gebraucht hat, um die Kurzfilme in dieser Form auf den Markt zu bringen – so richtig scheint aber niemand über mögliche Inhalte nachgedacht zu haben, was an verschwendetes Potenzial grenzt.

Daraus folgt zweitens, dass der Film zu lang ist. Found Footage ist per se anstrengend – das weiß wohl jeder, der mal bei der Geburtstagsparty seiner Tante alte Homevideos ansehen musste. In der Regel können Filme wie „Blair Witch Project“ (1999) oder „Cloverfield“ (2008) das über Handlung und Drehbuch kompensieren, die im Gegensatz zur auf Improvisation getrimmten Technik sehr wohl den üblichen Konventionen der Filmemacherei folgen. Wenn das nicht passiert, ist es eine gute Idee, die Laufzeit so kurz wie möglich zu halten („The Phoenix Tapes ’97“ aus dem Jahr 2016 ist ein solches Beispiel, das allerdings mit anderen Schwierigkeiten zu kämpfen hat). „V/H/S“ dauert ungefähr zwei Stunden, was zu viel ist, weil die Handlung kaum Möglichkeiten bietet, sich festzuhalten. Die einzelnen Filme haben nicht mal ansatzweise miteinander zu tun, sind qualitativ unterschiedlich, die Darsteller sind zu kurz im Bild (oder zu wenig charakterisiert), um sich mit ihnen zu identifizieren – und ein Aha-Erlebnis am Ende (oder vielleicht auch mal zwischendrin) fehlt. Damit ist klar, dass sich die zwei Stunden gelegentlich wie Kaugummi zu ziehen scheinen.

Fazit: „V/H/S“ ist definitiv nur für Found Footage-Fans eine grundsätzliche Empfehlung wert. Alle anderen werden wenig Freude damit haben, sogar, wenn sie z. B. „Blair Witch Project“ tolerabel finden. Wenn ich mich ganz weit aus dem Fenster lehnen möchte, würde ich sagen, dass es besser wäre, die fünf Kurzfilme für sich anzusehen – das geht schneller oder man bestimmt selbst, wie viel man davon ertragen kann. Und ob man die Rahmenhandlung nun mitbekommt oder nicht, macht keinen großen Unterschied. 3 von 7 Punkten lasse ich dennoch springen – es ist ja wie erwähnt nicht alles schlecht, nur das Gesamtkonzept geht einfach nicht so auf, wie es wohl gewollt war.

Gesamteindruck: 3/7


Originaltitel: V/H/S.
Idee:
Brad Miska
Jahr: 2012
Land: USA
Laufzeit: ca. 115 Minuten
Besetzung (Auswahl): Calvin Reeder, Lane Hughes, Adam Wingard, Helen Rogers, Hannah Fierman, Joe Swanberg



FilmWelt: Under the Shadow

Das Portal Moviepilot hat mir „Under the Shadow“ Mitte April 2021 als „den mit Abstand schaurigsten Horrorfilm“ schmackhaft gemacht; man solle sich dabei, so war dort neben einigen anderen Superlativen zu lesen, auf die „ultimative Genre-Perle“ und „84 Minuten Grusel pur“ einstellen. Nun, die Wahrheit sieht etwas anders aus: „Under the Shadow“ hat ein oder zwei unheimliche Momente, ist insgesamt aber bei weitem nicht so gruselig, wie ich nach der euphorischen Empfehlung angenommen hatte. Aber auch wenn man ohne die von genanntem Portal geweckte Erwartungshaltung an den Film herangeht, ist er nicht ganz so stark, wie man es sich aufgrund des eher exotischen Settings gewünscht hätte.

Gesamteindruck: 4/7


Kein bezaubernder Dschinn.

Wer Referenzpunkte benötigt, um „Under the Shadow“ grob einordnen zu können: „Der Babadook“ (2014) ist ein sehr ähnlich gelagerter Film aus Australien. Genau genommen könnte man „Under the Shadow“ fast als schon als Kopie jenes Streifens bezeichnen – natürlich gibt es Unterschiede, die scheinen mir aber vorwiegend kulturell und im Endeffekt eher unwesentlich zu sein. Außerdem würde ich noch „His House“ als ähnlich gearteten Film nennen, der stammt aber bekanntlich aus dem Jahr 2020, wurde also deutlich später als „Under the Shadow“ veröffentlicht.

Worum geht’s?
In der Teheran herrscht in den späten 1980er Jahren bedrückende Stimmung: Seit Jahren tobt der Erste Golfkrieg, immer wieder schlagen Raketen aus dem Nachbarland Irak in der Stadt ein und zwingen die Bevölkerung in die Luftschutzkeller. In diesem Umfeld lebt die ehemalige Medizinstudentin Shideh mit ihrer Tochter Dorsa, die von Alpträumen über einen bösen Dschinn geplagt wird…

Grundsätzlich muss man Regisseur Babak Anvari ein Kompliment für sein Debüt aussprechen: „Under the Shadow“ fängt die Atmosphäre, die zur Zeit der Handlung in Teheran geherrscht haben muss, ausgesprochen glaubwürdig ein. Und das, ohne dass man viele Soldaten zu Gesicht bekommt – vor allem ist es die Soundkulisse des Krieges, die beeindruckt und bedrückt. Dazu kommt die schnörkellose Ausstattung, die das Gefühl einer verstaubten Stadt, in der sich die verbliebenen Einwohner kaum noch auf die Straßen trauen, perfekt wiedergibt.

Positives kann ich auch von den Darstellern berichten: Sowohl Mutter als auch Tochter, die einzigen größeren Rollen im Film, sind stark gespielt und sehr gut charakterisiert. Der Fokus liegt allerdings auf der Mutter, die sehr detailliert herausgearbeitet wurde und deren Frustration mit der allgemeinen und ihrer speziellen Situation sehr greifbar wirkt. Interessant auch der historische Kontext: In „Under the Shadow“ sehen wir Andeutungen eines vor gar nicht allzu langer Zeit noch deutlich freieren Iran, der gerade im Begriff ist, sich zum heutigen, konservativ-islamischen Staat zu wandeln. Als Portrait einer Frau in einem Land, das sich an einem politischen Wendepunkt befindet, weiß „Under the Shadow“ also durchaus zu überzeugen.

Leicht zu deuten.

Weniger gelungen finde ich hingegen den Versuch, die Zerissenheit der kleinen Familie, insbesondere aber der Mutter, durch übernatürliche Ereignisse zu symbolisieren. Das wirkt fast schon aufgesetzt, weil es an Subtilität vermissen lässt; letzteres fällt umso mehr auf, weil der Film an sich relativ statisch und feinsinnig wirkt, was in Kontrast zur fast schon mit dem Holzhammer servierten Symbolik steht. Genau genommen ist die Umsetzung letzterer so halbherzig bzw. flach, dass es besser gewesen wäre, gleich ganz darauf zu verzichten. Oder sie deutlich unheimlicher zu gestalten. So wie es hier gemacht wurde, ist es nicht Fisch und nicht Fleisch, was letztlich voll auf den Gesamteindruck durchschlägt. Auch weil man das Gefühl hat, dass viele Szenen in „Under the Shadow“ letztlich nirgendwohin führen.

Fazit: Wir haben es hier mit einem Film zu tun, der merkwürdig ambivalent ist. Einerseits eine gute Darstellung von historischen Ereignissen, die noch gar nicht so lange zurückliegen – und die in ihrer eher angedeuteten Art ausgesprochen bedrückend wirken. Andererseits gibt es übernatürlich-unheimliche Elemente, die nicht erschreckend genug sind, speziell im Vergleich zur realistisch-düsteren Atmosphäre in der umkämpften Stadt. Das passt für mich einfach nicht so gut zusammen, wie es wohl gedacht war – daher „nur“ 4 von 7 Punkten. Schade, ich hätte gerne eine bessere Wertung abgegeben.

Interessant wäre zu wissen, ob ich den Film besser bewertet hätte, wenn ich den eingangs erwähnten Kommentar auf Moviepilot nie gelesen hätte. Die dort geweckten Erwartungen lauerten über die komplette Distanz von „Under the Shadow“ irgendwo in meinem Hinterkopf. Abschalten konnte ich sie natürlich nicht, ignorieren auch nicht – und dass sie nicht mal ansatzweise erfüllt wurden, liest man – leider? – ebenfalls an der mäßigen Gesamtwertung. Nochmal: Schade!

Gesamteindruck: 4/7


Originaltitel: زیر سایه.
Regie:
Babak Anvari
Drehbuch: Babak Anvari
Jahr: 2016
Land: UK, Jordanien, Katar
Laufzeit: ca. 85 Minuten
Besetzung (Auswahl): Narges Rashidi, Avin Manshadi, Bobby Naderi, Aram Ghasemy, Soussan Farrokhnia



MusikWelt: Berserker

Amon Amarth


Als ich das Artwork des 11. Albums der Wikingerhorde Amon Amarth gesehen habe, musste ich schlucken. Nicht nur, weil sich Farbgebung und Stil grundlegend von allem unterscheiden, was die Schweden bis zu diesem Zeitpunkt auf ihre Platten gepappt haben, sondern weil mir der Titel und das Bild ziemlich bekannt vorkamen. Dazu unten mehr, hier sei nur erwähnt, dass dieser Stilbruch bereits bevor ich den ersten Ton gehört hatte, wie ein schlechtes Omen über „Berserker“ zu schweben schien.

Gesamteindruck: 3/7


Leichtgewicht statt Schwermetall.

Amon Amarth führen mit „Berserker“ den Weg fort, den sie mit „Jomsviking“ (2016) eingeschlagen haben. Die Alben ähneln sich so sehr, dass ich im ersten Moment den Impuls hatte, hier meine entsprechende Rezension reinzukopieren. Nun hatte das Quintett aus Stockholm auch früher schon seinen klassischen Sound, der sich von Platte zu Platte häufig nur in Nuancen änderte. Kann man ohne weiteres machen, wenn auch die Qualität stimmt. Mir ist natürlich klar, dass „Qualität“ in der Kunst mehr als irgendwo sonst Ansichtssache ist – aber ich weiß auch, was mir gefällt und kann nach diesem zugegeben subjektiven Maßstab mein Urteil fällen. Im Falle von „Berserker“ bedeutet das, dass sich die musikalische Ähnlichkeit leider auch auf das Songwriting erstreckt, mit dem ich mich einfach nicht anfreunden kann (meine Vermutung ist im Übrigen, dass ich mit meiner Meinung keineswegs allein stehe, aber das soll hier nicht das Thema sein).

Es gibt aber auch eine gute Nachricht: Im Gegensatz zu „Jomsviking“ verfügt „Berserker“ in Form von „Ironside“ über eine Nummer, die ich absolut großartig finde und die jeden anderen Track der jüngsten Amon Amarth-Alben in den Schatten stellt. Und ja, ich weiß schon, dass auch dieser Song sehr auf Eingängigkeit getrimmt ist. Aber er ist seit langem der erste seiner Art, bei dem ich die ursprüngliche Wildheit und die in letzter Zeit eher sporadisch gezeigte Spielfreude der Stockholmer zu jeder Sekunde spüre. Treibender Rhythmus, gute Gitarrenarbeit, schöner Refrain, ein Johan Hegg in Hochform – was will man mehr? Ok, auf den Sprechgesang hätte ich verzichten können, aber man soll nicht unzufrieden sein.

Den Rest des Materials würde ich wie folgt zusammenfassen: Es herrscht die von „Jomsviking“ bekannte Leichtigkeit des Seins vor. Alles ist gefällig und technisch sauber dargeboten, darüber braucht man nicht zu diskutieren. Die Lyrics sind sogar eine Spur besser (schönstes Beispiel: „The Berserker at Stamford Bridge“), offenbar hat man gemerkt, dass die Texte des Vorgängers eher wie eine lästige Pflichtübung gewirkt haben. Wie üblich horcht man auch hie und da auf, beispielsweise beim Refrain des für die Verhältnisse dieser Platte gar nicht so üblen Openers „Fafner’s Gold“, dem in gleicher Hinsicht passablen „Shield Wall“, das sich gut für die Live-Darbietung eignen dürfte oder dem lässigen Riffing von „Wings of Eagles“. Sieht man von diesen Ausnahmen ab, die sehr punktuell gesät sind, bleibt nicht viel übrig – ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, wie die weiteren Songs klingen. Ich lese die Titel, die kommen mir natürlich bekannt vor, aber wie z. B. „Crack the Sky“ klingt, weiß ich nicht – und das war sogar die vorab ausgekoppelte Nummer, was auch schon sehr viel aussagt. Am besten neben „Ironside“ wird’s eigentlich ganz hinten raus: „Into the Dark“ ist eine bedächtiger Track, der mit einer epischen Melodie gesegnet ist, die genau jene Wikinger-Stimmung aufkommen lässt, für die man die Band immer geliebt hat. Der Gesang ist hingegen weniger meins, aber wenigstens blitzt hier beim Songwriting die alte Genialität auf.

Von Reißbrett-Kalkulationen und deutschem Pagan Metal.

Bei „Jomsviking“ tat ich mir noch schwer, das Problem genau zu verorten, schwadronierte etwas von Begriffen wie „poppig“ und was dafür/dagegen spricht, Amon Amarth in diese Schublade zu stecken. Im Zuge diverser Sessions mit „Berserker“ meine ich nun, die Schwierigkeiten, die ich mittlerweile mit einer meiner einstigen Lieblingsbands habe, festmachen zu können: Dieses Album klingt vollkommen generisch und austauschbar. Es ist, als hätten die Schweden alles, was auf „Berserker“ zu hören (und zu sehen!) ist am Reißbrett entworfen und genau nach jener Formel gestrickt, die wohl auch „Jomsviking“ zu guten Verkaufszahlen verholfen hat. Diese Vorgangsweise sei ihnen unbenommen und ich kann gut verstehen, warum man kommerzielle Interessen ab einer gewissen Größe nicht ganz hintanstellen mag. Der Preis, den Amon Amarth dafür zahlen, ist das Verprellen eines gewissen Teils ihrer Fanschar, namentlich derer, die von Beginn an dabei waren; im Gegenzug haben sie mit ihren Alben aus 2016 und 2019 mit Sicherheit ein neues, junges Publikum ohne emotionale Bindung zur Bandgeschichte gewonnen. Und natürlich springen deshalb nicht alle ab, es wird genügend alte Säcke geben, die auch „Berserker“ gut finden. Zu Recht, denn über Geschmack kann man nicht streiten; ich gehöre halt definitiv nicht dazu, was schade ist, aber auch nichts Neues, weil wir es hier mit einem Weg zu tun haben, der immer wieder von Bands (prominente ad hoc-Beispiele: Iron Maiden, In Flames, Edguy) beschritten wird. Ich mag das auch nicht verurteilen, wir gehen eben, so schwer es auch fällt, vorerst getrennte Wege; muss ja nicht auf Dauer so sein, wie die Geschichte ebenfalls bewiesen hat (prominente ad hoc-Beispiele: Metallica, Kreator, Helloween).

Einleitend habe ich kurz was zum Cover gesagt, das ich nun noch etwas näher ausführen möchte. Wie erwähnt gefällt es mir optisch nicht, was so gesehen schon ein kleiner Fingerzeig auf die musikalische Qualität sein mag. Aber gut, auch das ist Geschmackssache und sollte generell nicht überbewertet werden. Was mich hingegen wirklich irritiert hat: Hier sieht man das Cover eines Albums der deutschen Pagan Metaller von Asenblut. Das kam 2016 auf den Markt und heißt, richtig geraten, „Berserker“. Ich weiß nicht, ob Amon Amarth das wussten, ob Asenblut überhaupt bekannt genug sind, um auf dem Schirm der Schweden bzw. ihrer langjährigen Plattenfirma Metal Blade gewesen zu sein. Asenblut haben das alles, soweit ich mich erinnere, ohnehin mit Humor und als gute Werbung genommen, von daher ist die Sache wohl gegessen. Ich wollte es aber dennoch erwähnt haben, einfach, weil ich es ziemlich kurios fand und finde.

Vor dem Fazit noch ein Wort zum Personal: „Berserker“ ist das Amon Amarth-Debüt von Schlagzeuger Jocke Wallgren, der den bereits 2015 ausgestiegenen Langzeit-Drummer Fredrik Andersson nun auch auf Platte ersetzt (live war er seit 2016 dabei, für die „Jomsviking“-Aufnahmen hatte allerdings Tobias Gustaffson die Schießbude übernommen). Der Neue macht seine Sache routiniert, viel mitzureden wird er vermutlich nicht gehabt haben. Live weiß er jedenfalls zu überzeugen, wie ich selbst schon feststellen durfte – und das, obwohl er mit seiner schwarzen Matte optisch nicht unbedingt zu seinen vier blonden Kollegen passt 😉

Stagnation.

Leider ist „Berserker“ nicht die erhoffte Rückkehr zu alter Stärke sondern, im Gegenteil, gemeinsam mit seinem Vorgänger und dem Uralt-Schinken „Fate of Norns“ (2004) eines der bisher schwächsten Alben von Amon Amarth. Zumindest für mich – wer hingegen „Jomsviking“ (2016) für eine gelungene Veröffentlichung gehalten hat, wird auch an „Berserker“ wenig auszusetzen finden. In meinen Ohren klingen beide Alben sehr ähnlich und scheinen damit eine neue Phase im Klangkosmos von Amon Amarth eingeleitet zu haben. Ob die noch länger dauert, ob sich die Wikinger weiterentwickeln oder wieder einen Schritt zurück gehen, kann nur die Zeit zeigen.

Falls es jemanden interessiert, würde ich die Karriere der Stockholmer übrigens wie folgt einteilen: Phase 1 (vielleicht „die wilden Jahre“) dauerte von „Once Sent from the Golden Hall“ (1998) bis „Fate of Norns“ (2004); Phase 2 (etwa „Konsolidierung und Erreichung des Headliner-Status“) umfasst alles von „With Oden on Our Side“ (2006) bis „Deceiver of the Gods“ (2013); Phase 3 (noch ohne Namen) beinhaltet die zum Zeitpunkt dieser Rezension jüngsten Platten „Jomsviking“ und „Berserker“. Ich weiß nicht, ob sich die von mir benannten Perioden auch an den Verkaufszahlen festmachen lassen – eine musikalisch-stilistische Abgrenzung ist aus meiner Sicht jedenfalls möglich.

Gesamteindruck: 3/7 


NoTitelLängeNote
1Fafner’s Gold5:005/7
2Crack the Sky3:493/7
3Mjölner, Hammer of Thor4:424/7
4Shield Wall3:464/7
5Valkyria4:433/7
6Raven’s Flight5:202/7
7Ironside4:306/7
8The Berserker at Stamford Bridge5:135/7
9When Once Again We Set Our Sails4:243/7
10Skoll and Hati4:274/7
11Wings of Eagles4:035/7
12Into the Dark6:486/7
56:45

Amon Amarth auf “Berserker” (2019):

  • Johan Hegg − Vocals
  • Olavi Mikkonen − Guitars
  • Johan Söderberg − Guitars
  • Ted Lundström – Bass
  • Jocke Wallgren − Drums
Bild von: metal-archives.com

Anspieltipp 1: Ironside
Anspieltipp 2: Into the Dark

MusikWelt: Jomsviking

Amon Amarth


Es ist schon interessant: Wann immer ich mir ein Amon Amarth-Album anhöre, das nach „Surtur Rising“ (2011) veröffentlicht wurde, fühle ich mich gut unterhalten. Das liegt wohl daran, dass einzelne Songs, manchmal aber auch nur Teile davon, durchaus gelungen sind. Leider bleibt von diesem Gefühl nicht viel übrig, sobald die Kopfhörer herunten bzw. die Stereoanlage aus ist. So ist es leider auch bei Langeisen Nummer 10 aus dem Jahre 2016.

Gesamteindruck: 3/7


Die Luft ist raus.

Ich falle direkt mit der Tür ins Haus: „Jomsviking“ ist das erste Album von Amon Amarth, bei dem ich von Anfang an wusste, dass es zu keiner nachhaltigen Liebesbeziehung kommen wird. Moment, widerspricht das nicht dem, was ich unlängst über „Deceiver of the Gods“ (2013) als Beginn eines Abwärtstrends geschrieben habe? Nein, denn bei jener Platte war mein erster Eindruck eher der, den ich von „Surtur Rising“ (2011) oder „Fate of Norns“ (2004) kannte: Haut zwar nicht direkt rein, klingt aber sehr typisch und wird sich nach mehreren Durchgängen (hoffentlich) bessern. Bei „Jomsviking“ hatte ich von Beginn weg wenig Hoffnung, dass sich das Album zu einem Klassiker oder wenigstens einem passablen Mitglied des imposanten Backkatalogs der Schweden mausern würde.

Wieso ist das so? Ich bin mir selbst jetzt, Jahre später, nicht ganz sicher. Es fehlt wohl einfach an Kante, die Platte klingt als Ganzes viel zu brav. Was merkwürdig ist, weil die Songtitel und Texte eine ganz andere Sprache sprechen, aber dennoch ist es so; die Riffs und Melodien sind da, Frontmann Johan Hegg grunzt vor sich hin (übrigens verständlicher als jemals zuvor!) und die Drums sind mal pfeilschnell, dann wieder im gemächlicheren Midtempo unterwegs. Alles, wie man es von fast jedem Amon Amarth-Album kennt, nur halt irgendwie schaumgebremst. Oder, anders ausgedrückt: Das Gefühl, hier epische Hymnen über Götter und Helden, über glorreiche Siege und blutige Niederlagen zu hören, fehlt vollkommen. Ersetzt wurde es durch eine merkwürdige Art von Leichtfüßigkeit, die die einzelnen Nummern sehr eingängig und gut konsumierbar macht, umgekehrt aber eben völlig frei von Ecken und Kanten ist. Man merkt schon, ich ringe um Worte, traue mich nicht, „poppig“ zu schreiben, weil das der Sache auch nicht gerecht wird. Nein, das hier ist immer noch Metal und kein Pop – aber das Hörgefühl entspricht eher letzterem, weil sich „Jomsviking“ dermaßen locker-flockig anfühlt.

Reißt’s Doro raus?

Vielleicht hilft es, auf die Tracks einzugehen. Zunächst gibt es drei sehr auffällige Nummern, die wohl jedem, der das Album zum ersten Mal hört, sofort im Ohr hängenbleiben. Mit „Raise Your Horns“ haben wir – wohl erstmals in der Karriere der Band – einen Song, den man auf jeder Party anstimmen könnte, ein Gefühl, das durch die vollkommen ungewohnten „Oh-Oh-Oh“-Chöre noch verstärkt wird. Gleich darauf folgt mit „The Way of Vikings“ ein weiterer Hit, den man kaum noch aus dem Hirn bekommt und der versucht, in der Tradition von Songs wie „Twilight of the Thunder God“ oder „The Pursuit of Vikings“ zu punkten. Im ersten Moment gelingt das sogar, aber leider stellen sich hier deutlich schneller al bei genannten Tracks massive Abnutzungserscheinungen ein. Drittes Ausrufezeichen im Bunde ist „A Dream That Cannot Be“, in dem sich Johan Hegg ein Duett mit Doro Pesch (!) liefert. Nun möchte ich weder die Leistung der Grand Dame des internationalen Heavy Metal in vorliegender Nummer kleinreden noch ihre Bedeutung für die Szene schmälern – ist ja nicht umsonst so, dass sogar weiland Lemmy Kilmister große Stücke auf die Düsseldorferin gehalten hatte. Auch muss man zugeben, dass sich ihre Stimme gut für dieses Duett eignet und das lyrische Thema der Nummer positiv aus dem Einheitsbrei auf „Jomsviking“ hervorsticht. Leider ist aber auch hier der Abnutzungsfaktor relativ hoch, zumindest geht es mir so. Von den genannten Songs ist dieser aber definitiv der beste.

Wirklich gut gefällt mir vom restlichen Material auf dem Album leider auch nicht sonderlich viel. Meine persönlichen Favoriten sind der Opener „First Kill“ und dann, sogar noch etwas besser, „On a Sea of Blood“. Beide Tracks können mit treibendem Rhythmus und einem brauchbaren Refrain punkten und wirken nicht ganz so glattgebügelt wie der Rest des Materials. Überhaupt nicht warm werde ich hingegen mit dem Hegg’schen Experiment, auch mal ein wenig Text zu sprechen (z. B. auf „At Dawn’s First Light“). Fast scheint es mir, als hätte man versucht, auf diese Weise ein wenig von der songwriterisch verloren gegangenen Epik zurückzugewinnen, was meines Erachtens nicht gelingt. Übrigens ist genanntes „At Dawn’s First Light“ das perfekte Beispiel dafür, wieso ich das Album insgesamt nicht so toll finde: Der Song hätte ein gutes Tempo, einen schön mitschreibaren Refrain, angemessene Lyrics – und sogar ein geiles Video gibt es. Er geht auch gut ins Ohr – aber irgendwas ist hier musikalisch im Argen. Riffmäßig wäre das durchaus passabel, aber das Zusammenspiel aller Komponenten lässt jeglichen Anflug von Härte vermissen. Ist das die Produktion oder das Mixing? Oder doch das Songwriting? Ich weiß es ehrlich nicht, bin ziemlich ratlos.

Texte zeugen von Faulheit.

Bezüglich der Lyrics sei mir, bevor ich zum Ende komme, auch eine Anmerkung gestattet: Amon Amarth waren nie die ganz großen Dichter vor dem Herrn (wobei es unfair wäre, ihnen durchgehend simple Texte zu attestieren, es gibt definitiv gute und komplexe Lyrics), hier machen sie es sich aber schon sehr einfach. Der Tiefpunkt ist in dem Zusammenhang „Raise Your Horns“, das, wohl ein Tribut an die Partytauglichkeit, mit extrem wenigen und ziemlich platten Textzeilen auskommt. Zu allem Überfluss kommt dem gelernten Amon Amarth-Krieger der Refrain sehr bekannt vor – kein Wunder, erinnert er doch frappierend an die finalen Worte von „Live Without Regrets“ (auf „Surtur Rising“). Und noch eine Sache, die ich an der Stelle erwähnen möchte: Mir gefällt das relativ neue Element der Gangshouts (hier speziell „One Against All“) nicht sonderlich gut, das aber nur als Randbemerkung.

Nimmt man all das zusammen, bleibt der Eindruck einer satten, irgendwo auch faulen Band, die sehr auf Nummer sicher geht. Das ist legitim – und der Erfolg gibt den Stockholmern wohl auch recht. Und, ja, Amon Amarth sind mir immer noch sympathisch und ich respektiere nach wie vor ihre Arbeit, vor allem auf der Bühne. Aber umgekehrt muss es dennoch möglich sein, die einstigen Helden zu kritisieren, wenn man das Gefühl hat, sie hätten sich vom rechten Weg verabschiedet. Und dieses Gefühl habe ich bei „Jomsviking“ ganz deutlich, da kann ich noch so oft bei „Raise Your Horns“ mitgröhlen oder mich in die Lage der unglücklich verliebten in „A Dream That Cannot Be“ versetzen. Die Luft scheint, zumindest auf diesem Album und seinem Vorgänger, einfach raus zu sein.

Gesamteindruck: 3/7 


NoTitelLängeNote
1First Kill4:215/7
2Wanderer4:433/7
3On a Sea of Blood4:056/7
4One Against All3:382/7
5Raise Your Horns4:244/7
6The Way of Vikings5:114/7
7At Dawn’s First Light3:513/7
8One Thousand Burning Arrows5:503/7
9A Dream That Cannot Be4:234/7
10Back on Northern Shores7:083/7
47:34

Amon Amarth auf “Jomsviking” (2016):

  • Johan Hegg − Vocals
  • Olavi Mikkonen − Guitars
  • Johan Söderberg − Guitars
  • Ted Lundström – Bass
  • Tobias Gustafsson [Guest] − Drums
Bild von: metal-archives.com

Anspieltipp 1: On a Sea of Blood
Anspieltipp 2: First Kill

FilmWelt: Der Schacht

„Der Schacht“, erstmals 2019 vorgestellt, war wohl einer der Filme, von denen im Seuchenjahr 2020 am meisten gesprochen wurde. Zu Recht, wie ich finde, wobei man schon eine gewisse Vorliebe für einigermaßen bizarr vorgebrachte Kritik am Kapitalismus mitbringen sollte….

Gesamteindruck: 6/7


Verteilungsungerechtigkeit.

Interessant: Im spanischen (!) Original heißt vorliegender Film „El Hoyo“, was soviel wie „Grube“ oder „Loch“ bedeutet und damit ungefähr der deutschen Übersetzung des Titels entspricht. Auf Englisch hat man sich hingegen für „The Platform“ entschieden, was ebenfalls sehr gut zum Inhalt passt, obwohl es ein völlig anderes, ebenfalls zentrales Element des Films beschreibt. Jene Plattform ist übrigens auch am Filmposter zu sehen, so gesehen ist der internationale Titel sogar noch eine Spur konsistenter – was aber nicht unbedingt „besser“ bedeutet. Was das mit der Qualität des Films zu tun hat? Nichts, ich fand es einfach eine Erwähnung wert 😉

Worum geht’s?
„Der Schacht“, offiziell „Vertikales Zentrum für Selbstverwaltung“ genannt, besteht aus einer Reihe von exakt über- und untereinander liegenden, völlig identischen Zellen, in denen sich jeweils zwei Insassen befinden. Die Decke bzw. der Boden sind in der Mitte offen und eine Plattform bringt täglich eine reiche Auswahl an erlesenen Speisen von oben nach unten. Nur kurz haben die Insassen Zeit, sich daran gütlich zu tun, dann ist die Etage darunter dran. Wozu das alles dient, weiß niemand so genau. Auch Goreng, der sich freiwillig für seinen Aufenthalt gemeldet hat, kann nichts über den Sinn und Zweck des Ganzen sagen. Bald muss er jedoch feststellen, dass die sechs Monate, die er am Experiment teilnehmen sollte, schwer zu überstehen sein werden…

Im ersten Moment scheint die Idee, die hinter diesem Werk des Regisseurs Galder Gaztelu-Urrutia steckt, völlig abstrakt und wahnwitzig zu sein. Klar, die minimalistische Umgebung, in der der Spanier seine wenigen Schauspieler agieren lässt, die gesamte Ausstattung sowie die anfangs sehr bizarr anmutende Story deuten zuallererst auf eine Art dystopischen Horrorfilm hin. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich aber schnell, dass sich der Filmemacher einer sehr klaren Symbolik bedient, die nicht sonderlich komplex ist: „Der Schacht“ ist nicht mehr und nicht weniger als Kapitalismus in Reinkultur. Das bedeutet: Die, die ganz oben sind, haben alles im Überfluss, jede Ebene darunter muss mit dem Vorlieb nehmen, was von denen darüber übrig gelassen wird. Wohin das führt, ist klar – wer weit unten ist, stirbt, weil niemals genug bei ihm ankommt.

Die menschliche Natur.

Und noch zwei Mechanismen, die wir aus der wirklichen Welt nur allzu gut kennen, gibt es: Eigentlich würde das Essen, das den Schacht Tag für Tag durchquert, für alle Insassen reichen. Nur müssten die sich dazu überwinden, zusammenzuarbeiten, also von der ersten bis zur letzten Etage alles einzuteilen. Versuche dazu sind – in der Realität wie im Film – zwar da, scheitern aber kläglich an der menschlichen Gier.

Noch interessanter ist der zweite Aspekt: Die Bewohner bleiben jeweils nur einen gewissen Zeitraum auf ihrer Ebene, dann wird durchgemischt. Dafür gibt es in unserer Welt ebenfalls eine Entsprechung, die die meisten Menschen allerdings eher selten trifft, die aber dennoch wie ein Damoklesschwert über jedem von uns hängt: Der Verlust des sozialen und wirtschaftlichen Status. Hier zeigt sich dann schnell, dass es leicht ist, sich moralisch überlegen zu fühlen, wenn man ganz oben ist. Wer hingegen tief im Schacht ums Überleben kämpfen muss, legt solche Vorstellungen ganz schnell ad acta. Mindestens genauso schlimm: Wer vorher unten war und sich dann auf einer höheren Etage wiederfindet, ist überhaupt nicht mehr bereit, auf etwas zu verzichten – obwohl oder gerade weil er genau weiß, was passiert, wenn man unten ist. All das ist sehr unangenehm beim Ansehen, weil man sich sofort fragt, wie man selbst handeln würde – und die Antwort, die man sich nicht laut zu geben wagt, dürfte bei den meisten von uns ziemlich eindeutig ausfallen.

Kammerspiel mit schwachem Finale.

„Der Schacht“ kommt mit wenigen Schauspielern aus, die ihre Sache aber gut machen. Hervorzuheben ist – natürlich – Hauptdarsteller Iván Massagué, der seine Rolle so sehr verinnerlicht hat, dass man sich fragt, wie man den Schauspieler überhaupt dazu gebracht hat, sich so zu erniedrigen, wie es im Film teilweise vorkommt. Ja, man weiß mit etwas Abstand natürlich, dass das in Wirklichkeit viel mit Schminke und Effekten zu tun hat, und doch ist es eine nicht zu unterschätzende Leistung, wenn man das während des Films mehrfach vergisst.

Der Regisseur präsentiert uns dieses Kammerspiel in dystopischen Bildern, irgendwo zwischen „Cube“ (1997) und „Das große Fressen“ (1973). Der minimalistische Look der Zellen steht dabei im krassen Kontrast zum auf Ebene 0 in Perfektion zubereiteten Essen, von dem unten freilich nur mehr Reste ankommen, bei deren Anblick dem zartbesaiteten Zuschauer schon mal übel werden kann. Und auch hier legt Gaztelu-Urrutia den Finger in die Wunde: Anfangs ist sich die Hauptfigur noch zu fein, die traurigen Überreste, die von oben kommen, überhaupt anzufassen – nach kurzer Zeit treibt ihn der Hunger dann aber doch dazu und jeder nicht vollständig abgenagte Knochen wird zum Festmahl.

Einen Kritikpunkt möchte ich nicht unerwähnt lassen: Das letzte Viertel des Films passt nicht so recht zum Rest. Die vorher trotz aller Ekeleffekte sehr klug gestellten Fragen nach Moral und Ethik weichen einer langwierigen und blutigen Action-Sequenz, die ich so nicht gebraucht hätte. Ja, sie zeigt zwar mit aller Eindringlichkeit die Brutalität des Systems – das hat der Film aber durchaus auch vorher schon gemacht. Es ist fast, als hätte der Regisseur plötzlich gedacht, alles, was er bis zu diesem Zeitpunkt erzählt hat, wäre nicht eindringlich genug gewesen. Dabei war eigentlich genau das die Stärke der ersten drei Viertel des Films: Niemand lief mit einer Waffe durch die Gegend – und doch war jener Teil vor allem auf geistiger Ebene deutlich härter und grausamer.

Unbequem, unangenehm – und gut.

Alles in allem ist „Der Schacht“ unter seiner dystopischen und überzeichneten Oberfläche ein ausgesprochen unbequemer und unangenehmer Film. Er legt den Finger direkt in eine offene Wunde unserer eigenen Gesellschaft; mehr noch, der ganzen Welt. Und das ist nicht schön für uns, die wir zu den privilegiertesten Menschen auf diesem Planeten gehören. Von daher: Mission erfüllt, falls es die Intention war, uns hier einen schrecklichen Spiegel vorzuhalten bzw. die Konsequenz unseres Tuns, die normalerweise so weit weg sind, für uns sichtbar zu machen.

Und weil mir die eher nebensächliche Rahmenhandlung, die schauspielerischen Leistungen und die Ausstattung sehr gut gefallen haben, gibt’s für „Der Schacht“ auch eine sehr gute Wertung. Für die Höchstnote reicht es knapp nicht, weil ich das letzte Viertel des Films nicht ignorieren konnte. Da wird’s dann leider ein bisschen inkonsequent, was einerseits nicht zum Rest passen will, andererseits wie ein Ausweichen vor den selbst gestellten Fragen wirkt. Dennoch: Volle Empfehlung für „Der Schacht“.

Gesamteindruck: 6/7


Originaltitel: El Hoyo.
Regie:
Galder Gaztelu-Urrutia
Drehbuch: David Desola, Pedro Rivero
Jahr: 2019
Land: Spanien
Laufzeit: ca. 95 Minuten
Besetzung (Auswahl): Iván Massagué, Antonio San Juan, Zorion Eguileor, Emilio Buale, Alexandra Masangkay



MusikWelt: Deceiver of the Gods

Amon Amarth


Ich habe lange überlegt, zu welchem Zeitpunkt ich begonnen habe, das Interesse an den Melo-Deathern Amon Amarth zu verlieren. Eigentlich dachte ich, dass „Surtur Rising“ (2011) der Übeltäter gewesen wäre – nach neuerlicher, sehr intensiver Beschäftigung mit jenem Album und vorliegendem Nachfolger aus dem Jahre 2013 ist klar: „Deceiver of the Gods“ markiert – zumindest in meinen Ohren – den deutlichen Abwärtsknick in der bis dahin (fast) makellosen Diskographie der Stockholmer.

Gesamteindruck: 4/7


Ziemlich müde Krieger.

Was bei „Deceiver Of The Gods“ – wie schon bei „Surtur Rising“ – als erstes auffällt: Sofort zündende Refrains fehlen nahezu komplett, der Wiedererkennungswert ist zunächst enden wollend. Das ist nun per se nicht negativ, führt aber dazu, dass auch hier kein Live-Klassiker, bei dem alle sofort mitgehen können, auszumachen ist. Der Titeltrack hat mit seiner episch-getragenen Gitarrenharmonie noch am ehesten das Zeug dazu, denn hier lässt sich zumindest die Melodie problemlos rausschreien. Der Punkt ist aber ohnehin ein gänzlich anderer: „Surtur Rising“ ist trotz ähnlicher Anlaufschwierigkeiten ein Album, dessen Songs mit der Zeit wachsen und die raffinierter geschrieben sind, als man anfänglich vermutet. Dieser Aspekt geht „Deceiver of the Gods“ völlig ab; wer das Album nicht von Anfang an gut findet, braucht kaum auf versteckte Qualitäten zu hoffen, die sich erst mit der Zeit offenbaren.

Ich glaube, nun – nach zig Versuchen, mir die Platte schönzuhören – den Grund dafür gefunden zu haben: Wir haben es hier mit dem ersten Amon Amarth-Album zu tun, das überhaupt keine Ecken und Kanten zu haben scheint. Klingt paradox, wenn man bedenkt, dass in diesem Fall auch der oft gehörte Versuch, fehlenden Punch durch Eingängigkeit zu kaschieren, fehlgeschlagen ist. Leider ist es nämlich so, dass „Deceiver of the Gods“ mitnichten das Beste aus beiden Welten ist. Die Band reißt ihren Stiefel mit schönen Gitarrenmelodien, stampfenden Riffs und dem üblichen Gebrüll ihres Frontmanns herunter, was aber nichts daran ändert, dass es dem Großteil des Materials an Feuer fehlt. Technisch sauber? Ja! Routiniert? Ja, allerdings zu sehr. Man spürt die alte Spielfreude einfach nicht mehr, Müdigkeit scheint sich bei den Kriegern aus den Norden breitgemacht zu haben; zumindest ging es mir so, was mich im Angesicht der Grandezza, die Amon Amarth bis hierhin stets zuverlässig abgeliefert hatten, regelrecht erschreckt hat.

Wenige Ausnahmen.

Punkten können die Schweden mit wenigen Nummern: „We Shall Destroy“ überzeugt mit einem sehr Iron Maiden-lastigen Mittelteil, der jedem Fan schwedischen Melo-Deaths ein breites Grinsen ins Gesicht zaubern sollte. Im Haben würde ich außerdem noch das sehr schnelle und mit einem tollen Solo ausgestattete „Coming of the Tide“ sowie den – wie erwähnt – sehr brauchbaren Titeltrack einordnen. „Under Siege“ möchte ich an dieser Stelle auch noch erwähnen, hier gibt’s im Mittelteil einen netten Basslauf, weitere Maiden-Anleihen und ein paar einfache Akustik-Spielereien am Ende – sehr dramatisch ist dieser Track, wenn man es genau nimmt.

Der Rest ist… nunja, wohl der endgültige Abschied vom Death Metal, soweit der bei Amon Amarth zu jener Zeit überhaupt noch eine Rolle gespielt hat. Beispielsweise startet „Blood Eagle“ mit einem Manowar-Gedächtnis-Intro und wird dann zu einer schnellen Power Metal-Hymne inklusive „Oh-oh-oh“-Chören. Oder, ein anderes Beispiel: „Hel“ erhält durch die Stimme Messiah Marcolin von (Candlemass) einen düsteren, fast orientalischen Touch, an dem sich eigentlich nur die Geister scheiden können. Ich für meinen Teil konnte damit nach dem ersten Aufhorchen (weil es wirklich ungewöhnlich klingt) überhaupt nichts anfangen. Und so ähnlich ist es auch mit den übrigen, jetzt nicht explizit genannten Songs. „As Loke Falls“? Ja, wenn ich die Nummer höre, klingt das ganz in Ordnung, aber so richtig hängen bleibt halt nix. Gleiches gilt für das vorab bekannte „Father of the Wolf“ usw. usf.

Produktion als Sargnagel.

Ein Wort zur Produktion: Leider ist Andy Sneap, der an den Reglern saß, nicht ganz unbeteiligt am mauen Resultat. Der in Metal-Kreisen eigentlich sehr angesehene Engländer hat seinem ersten Amon Amarth-Album einen viel zu sauberen Klang verpasst, der das Fehlen todesmetallischer Elemente (und der damit einhergehenden Aggressivität) nur noch deutlicher hervorhebt. Das einzig wirklich brutale Element, die Stimme von Johan Hegg, steht folgerichtig weit im Hintergrund, fast als hätte Sneap nicht gewusst, was er mit den harschen Vocals anfangen soll. Diese Unentschlossenheit meint man herauszuhören: „Deceiver of the Gods“ ist passend für seine Instrumentalparts produziert, nicht aber für diese Form von Gesang. Darum klingt das Album nicht nur müde, sondern – übrigens erstmals in der Karriere von Amon Amarth – auch nicht wie aus einem Guss.

Alles in allem ist die Situation ein bisschen verzwickt: Meine eher verhaltene Meinung zu „Deceiver of the Gods“ hat nichts mit den technischen Fähigkeiten der Band zu tun; wäre bei einer Truppe, die zu diesem Zeitpunkt über 20 Jahre im Geschäft war, auch merkwürdig gewesen. Die Songs sind sauber gespielt, die Produktion ist zwar gewöhnungsbedürftig, aber nicht komplett für die Tonne. Es ist nicht einmal so, dass die ganze Wikinger-Kiste mittlerweile ausgelutscht wäre, wobei es da schon ein paar Abnutzungserscheinungen gibt, speziell an den Lyrics ist das sehr deutlich zu merken. Letztlich ist es das Songwriting, das trotz der exakt gleichen Komponenten, die Amon Amarth seit Jahrzehnten erfolgreich verwenden, nicht überzeugt. Das – und wohl auch der Tribut, den die Schweden zu jener Zeit ihrem exzessiven Tour-Rhythmus zollen mussten – machen „Deceiver of the Gods“ zu einer sehr durchschnittlichen Platte, was für die Verhältnisse dieser Band einer Katastrophe gleichkommt.

Gesamteindruck: 4/7 


NoTitelLängeNote
1Deceiver of the Gods4:195/7
2As Loke Falls4:384/7
3Father of the Wolf4:194/7
4Shape Shifter4:025/7
5Under Siege6:176/7
6Blood Eagle3:154/7
7We Shall Destroy4:256/7
8Hel4:093/7
9Coming of the Tide4:166/7
10Warriors of the North8:124/7
47:52

Amon Amarth auf “Deceiver of the Gods” (2013):

  • Johan Hegg − Vocals
  • Olavi Mikkonen − Guitars
  • Johan Söderberg − Guitars
  • Ted Lundström – Bass
  • Fredrik Andersson − Drums
Bild von: metal-archives.com

Anspieltipp 1: We Shall Destroy
Anspieltipp 2: Under Siege

SpielWelt: Crying Suns


Das Prinzip, auf dem „Crying Suns“ (2019) beruht, geht auf den Klassiker „Rogue“ aus dem Jahr 1980 (!) zurück. Rogue-likes, analog auch Rogue-lites, gelten mittlerweile als eigenes Sub-Genre, irgendwo zwischen Taktik und Rollenspiel, definiert vor allem durch prozedural generierte Level, die bei jedem neuen Spiel anders aussehen und der stetigen Verbesserung der eigenen In-Game-Fähigkeiten. Ein weiteres Kennzeichen ist, dass der Tod im Spiel unwiderruflich zum Neustart führt. Der Schlüsselfaktor für die Programmierer: Das Ausloten der hauchdünnen Grenze zwischen Motivation und Frust.

Gesamteindruck: 4/7


Geschickt geklont?

Es ist wohl Ironie des Schicksals, dass meine erste ernsthafte Begegnung mit diesem Spielprinzip ausgerechnet „FTL“ (2012) war, das ich für ein absolutes Meisterwerk halte. Klar, dass sich bei mir jeder weitere Genrevertreter an diesem Geniestreich, mit dem ich unzählige Stunden verbrachte habe, messen lassen muss. Das macht es für „Crying Suns“ doppelt schwer, denn die Ähnlichkeiten sind unübersehbar und fordern den direkten Vergleich geradezu heraus.

Darum geht es:
Irgendwann in der Zukunft hat die Menschheit weite Teile der Galaxis kolonisiert. Im Laufe der Jahre wuchs die Abhängigkeit von intelligenten Maschinen, genannt OMNIs, ins Unermessliche – und als die mechanischen Helfer aus unbekannten Grund deaktiviert wurden, versank das gesamte Imperium in Chaos und Anarchie. Die Aufgabe des großen imperialen Admirals Idaho, der bis vor kurzem weit draußen in einem Klonlabor vor sich hin schlummerte: Herausfinden, was zu dieser Katastrophe geführt hat…

„Crying Suns“ setzt – so viel sei vorweg verraten – das Rogue-lite-Prinzip definitiv im Sinne des Erfinders um: Sobald man sich im Spiel zurechtfindet (was nicht allzu schwierig ist), verspürt man den Zwang, herauszufinden, was sich hinter dem nächsten Sprungpunkt befindet. Und beim übernächsten. Und dem darauf. Ach was, am besten, man klappert gleich alle Punkte im aktuellen Sektor ab. Aber dann steigt man wirklich aus – oder sollte man nicht vielleicht doch noch den ersten Punkt im neuen Sektor angehen? Und so weiter und so fort…

Alles richtig gemacht also vom französischen Entwickler Alt Shift? Nunja, fast. Der Suchtfaktor ist definitiv da, aber leider hat „Crying Suns“ ein paar Schwächen, die die Langzeitwirkung empfindlich einschränken. Dabei sieht es anfangs gar nicht danach aus: Die Geschichte, die das Spiel erzählt, ist beispielsweise deutlich ausgefeilter als die minimalistische Story von „FTL“. Dazu kommt, dass „Crying Suns“ optisch überlegen ist – zwar regiert auch hier der Pixel-Look, allerdings sieht alles deutlich cooler aus und erzeugt eine Art Cyberpunk– und/oder film noir-Stimmung, die man bei der Konkurrenz vergeblich sucht. Nicht falsch verstehen, die Grafik ist bei diesem Spielprinzip ohnehin sekundär und beide Genrevertreter sind sowieso dem Indie-Bereich zuzuordnen, was von Haus aus gewisse Einschränkungen bedeutet. Aber das, was Alt Shift auf den Bildschirm gezaubert hat, ist ausgesprochen stimmungsvoll und passt perfekt zum Thema des langsam vor sich hin rottenden Imperiums. Der Soundtrack fügt sich ebenfalls nahtlos ein und auch die Bedienung geht geschmeidig von der Hand.

Alles nur geklaut? Ja!

Die Grundvoraussetzungen stimmen also. Der Spielverlauf selbst ist dermaßen dreist von „FTL“ abgekupfert, dass man Alt Shift schon wieder gar nicht böse sein mag, weil sie endlich – wenn man so will – „Nachschub“ zu einem Klassiker liefern: Wir bewegen unser Raumschiff von einem Sternensystem zum anderen, können verschiedene Routen wählen, um den Sektor zu verlassen. Bei den einzelnen Sternen wartet jeweils eine Zufallsbegegnung, die entweder positiv oder negativ sein kann. So treffen wir mal auf einen Händler, der uns eine seltene Waffe anbietet (ob man dem vertrauen sollte, ist freilich wieder eine andere Frage), mal tappen wir in eine Falle und treffen auf ein Schiff, dessen Waffen und Geschwader direkt losschlagen, während wir uns erst feuerbereit machen müssen. Immer wieder begegnet man auch redseligen Piraten oder wird von befreundeten Schiffen angefunkt – dann kommt es zum Dialog, in dem es verschiedene Antwortmöglichkeiten gibt, die sich mal sofort, mal erst deutlich später im Spielverlauf auswirken (manches davon treibt auch die Story in unterschiedlichen Richtungen voran, sodass auch von dieser Seite Wiederspielwert gegeben ist). Neue Besatzungsmitglieder rekrutiert man hüben wie drüben unterwegs, wobei man hier nur eine Hand voll Spezialisten direkt auf der Brücke stehen sieht – der Rest der Besatzung ist zwar auch an Bord, aber auf eingeblendete Dialoge reduziert.

Jeder, der „FTL“ gespielt hat, wird diese Dinge sehr gut kennen – sogar das System mit der Bezahlung durch Schrotteile und die Treibstoffproblematik, die dazu führt, dass die feindliche Flotte immer näher kommt, ist 1:1 vorhanden. Es gibt im Endeffekt nur zwei spielerische Elemente, die die „Crying Suns“ von seinem Vorbild unterscheiden: Erstens beinhaltet der Kampf, der ebenfalls in pausierbarer Echtzeit ausgetragen wird, das zusätzliche Element der steuerbaren Geschwader. Das ist eine gute Idee und bringt dank unterschiedlicher Spezialfähigkeiten eine schöne Brise Taktik ins Spiel (im Gegenzug entfällt das detaillierte Raumschiffdesign, das mit seinen verschiedenen Räumen den Reiz von „FTL“ ausmacht). Zweitens gilt es in „Crying Suns“ auch, Außenmissionen zu bewältigen. Heißt: Manche Sternensysteme verfügen über Planeten auf deren Oberfläche was zu holen ist. Eine wirklich sehr gut Idee, deren Ausführung aber leider zu wünschen übrig lässt, denn die Missionen laufen vollständig automatisiert ab. Man wählt lediglich den Kommandanten, der mit den Soldaten auf die Oberfläche geht, dann ist man zum Zuschauen und Hoffen, dass etwas Wertvolles dabei herausschaut, verdammt.

Warum die Konkurrenz überlegen ist.

Ein altes Sprichwort lautet: „Besser gut geklaut als schlecht erfunden“. Und ja, „Crying Suns“ hat tatsächlich einige der besten Elemente von „FTL“ übernommen, mit schicker Retro-Grafik versehen und den Schwierigkeitsgrad im Vergleich zum bockschweren und stellenweise frustrierenden Vorbild reduziert, was die Zugänglichkeit erhöht. Und doch – ich habe es oben ja angekündigt – gibt’s ein paar Patzer, die den Titel recht deutlich hinter das Standard-Werk zurückfallen lassen.

So scheinen sich beispielsweise die Zufallsereignisse in „Crying Suns“ im Laufe eines Spieldurchgangs mehrfach zu wiederholen. In „FTL“ passiert das auch, allerdings sehr selten, sodass man sich fragt, ob sich Alt Shift in Sachen Kreativität vielleicht mit der guten Story verausgabt haben. Ein anderes Beispiel – und hier ist „FTL“ sogar signifikant überlegen – ist die Identifikation mit der eigenen Besatzung. In „Crying Suns“ sieht man seine Crew zwar sehr präsent auf der Brück herumlungern und die Damen, Herren und Cyborgs geben auch immer mal wieder nette Kommentare ab. Das ersetzt aber nicht das Mikromanagement der Konkurrenz, bei der man jeden einzelnen Charakter aktiv steuert, somit ein ganz anderes Verhältnis zu ihm aufbaut und über jeden Verlust der so sorgsam gehegten und gepflegten Pixelmännchen traurig ist. In „Crying Suns“ sterben Crewmitglieder für sich genommen übrigens nicht, es sei denn, das gesamte Schiff geht verloren.

Insgesamt legt „Crying Suns“ wie erwähnt deutlich mehr Wert auf die Story, was prinzipiell eine gute Sache ist, sich aber auch immer mal wieder in umfangreichen und relativ anstrengend zu lesenden Textwüsten niederschlägt, die man schon mal direkt wegklickt, weil man dann doch lieber etwas Action möchte. Die taktische Tiefe kann halt leider nur bedingt mithalten: Es reicht meist, das gesamte Feuer der eigenen Geschwader auf die gegnerische Hülle zu konzentrieren. Je nachdem, welche Waffen man zusätzlich installiert hat, legt man entweder die feindlichen Waffen oder Geschwader lahm – oder konzentriert auch das Geschütz auf die Hülle des Gegners. Viel mehr ist es nicht, auch wenn es eine beachtliche Zahl an Waffen und Schiffen gibt, die sich auch recht unterschiedlich spielen. Von dem, was man in „FTL“ tun muss, um zu gewinnen, ist „Crying Suns“ allerdings weit entfernt.

Mein Fazit: Alt Shift ist ein schönes Spiel gelungen, das Design ist hervorragend, die Story sehr gut. Weil mir aber der Spielablauf selbst bei weitem nicht so viel Spaß gemacht hat wie im letztlich fast identischen „FTL“ und ich den Mehrwert von „Crying Suns“ eher erahnen als wirklich erkennen kann, müssen hier 4 von 7 Punkten reichen. Man sieht es auch an der Statistik: Mit „FTL“ habe ich alles in allem fast 70 Stunden verbracht und ich schaue immer mal wieder rein. „Crying Suns“ habe ich hingegen nach gut 21 Stunden ad acta gelegt und werde es wohl auch nicht so schnell wieder hervorkramen. Dennoch: Jeder, der mit diesem Spielprinzip und dem Science Fiction-Setting was anfangen kann, vielleicht auch eine etwas weniger herausfordernde Alternative zu „FTL“ sucht, kann sich ruhigen Gewissens daran versuchen. Ich habe es im Humble Bundle gratis bekommen – Geld würde ich ehrlich gesagt nicht allzu viel dafür ausgeben.

Gesamteindruck: 4/7


Genre: Rogue-lite
Entwickler:
Alt Shift
Publisher: Humble Bundle
Jahr:
2019
Gespielt auf: PC


Screenshots aus „Crying Suns“ – Copyright beim Entwickler!