FilmWelt: Sputnik – Es wächst in dir

Abseits des Hollywood-Mainstreams gibt es immer wieder gute und frische Ideen zu entdecken. „Sputnik – Es wächst in dir“ (2020) ist einer dieser Filme, die es schaffen, dem alt-ehrwürdigen Thema der Frage nach außerirdischem Leben neue Impulse zu versetzen. Leider geht der russischen Produktion unterwegs ein wenig die Puste aus, was letzten Endes deutlich auf die Gesamtwertung durchschlägt.

Gesamteindruck: 3/7


Der Feind im eigenen Körper.

Es ist wieder passiert: Ich habe mir mit „Sputnik – Es wächst in dir“ einen Film angesehen, der weitgehend positive, zum Teil sogar enthusiastische Kritiken erhalten hat – nur, um festzustellen, dass ich die Begeisterung nicht so richtig zu teilen vermag. Dabei basiert das Werk auf einer zwar alten Idee, setzt diese aber durchaus spannend um, ist gut gespielt und ausgestattet sowie vor allem technisch stark gemacht. Doch was nützen die besten Ansätze, wenn das Drehbuch es nicht schafft, sie zu einem überzeugenden Gesamtbild zu vereinigen?

Worum geht’s?
Anfang der 1980er stürzt eine sowjetische Raumkapsel in Kasachstan ab. Die Retter sind schnell zur Stelle und finden einen Überlebenden vor. Als sich herausstellt, dass mit dem Kosmonauten etwas nicht stimmt, wird er in eine Forschungseinrichtung gebracht. Dort soll eine Psychologin, die mit umstrittenen Mitteln arbeitet, versuchen, zum Patienten durchzudringen. Bald merkt sie, dass ihr Schützling etwas aus dem Weltall mitgebracht hat…

Nein, neu ist der Grundgedanke von „Sputnik“ wahrlich nicht: Regisseur Jegor Abramenko hat Versatzstücke, die man aus anderen, teils überaus erfolgreichen Science Fiction-/Horror-Werken kennt, genommen und versucht, daraus etwas Eigenständiges zu kreieren. Das ist natürlich legitim – und in vorliegendem Fall durchaus gelungen: Die Mär vom Weltraumfahrer, der nach einer Begegnung der 3. Art eine gefährliche, außerirdische Lebensform in sich trägt, ist zwar 1:1 aus „Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt“ (1979) übernommen. Allerdings geht „Sputnik“ einen Schritt weiter: Was, wenn die Kreatur den Wirt verlässt, dieser den Vorgang überlebt – und die beiden eine symbiotische Beziehung haben, d. h. weder keiner von beiden ohne den anderen überleben kann?

Ein überaus spannender Ansatz, der auch den an sich wenig überraschenden Versuch der Militärs, den fremden Organismus für sich nutzbar zu machen, eine neue Dimension hinzufügt: Wie mit dem Kosmonauten umgehen, wie mit der gefährlichen Kreatur, wenn man weder den einen noch den anderen verletzen darf? Diese Frage ist auch durch den Ort des Geschehens interessant: In einer Forschungseinrichtung der Sowjetunion, mitten im Kalten Krieg, scheint tatsächlich alles möglich zu sein.

An dieser Stelle sei auch die nüchterne und düstere Ausstattung, die sich doch recht stark von der klassischen Hollywood-Optik unterscheidet, lobend erwähnt. Und weil auch die russischen Schauspieler ihre Sache großteils sehr ordentlich machen, stellt sich spätestens jetzt die Frage, wieso „Sputnik“ bei mir nicht ganz so toll abschneidet wie bei der professionellen Kritik.

Gut 30 Minuten zu lang.

Meiner Ansicht nach liegen die Schwächen ganz klar im Drehbuch. Dabei geht „Sputnik“ sehr gut los und schafft schnell eine düstere und bedrückende Atmosphäre. Die Spannung ist hoch und der Film schafft es sehr gut, das Geheimnis, das die außerirdische Kreatur und ihren Wirt umgibt, zu verschleiern. Sobald aber rund um die Halbzeit klar ist, worum es eigentlich geht – und sich überflüssigerweise auch noch die bereits vorher erwartbaren, zärtlichen Gefühle zwischen den Hauptdarstellern verdichten – geht „Sputnik“ die Puste aus.

Ungefähr zu diesem Zeitpunkt beginnt der Film, sich zu ziehen – am Ende ist er meines Erachtens gut 30 Minuten zu lang. Immer wieder machen sich Passagen bemerkbar, die wesentlich schneller hätten abgehandelt werden, so aber die anfangs so gut aufgebaute Atmosphäre empfindlich stören. Man muss im Endeffekt auch konstatieren, dass die Handlung relativ vorhersehbar ist, speziell in der zweiten Hälfte des Films. All das ist schade, weil es „Sputnik“ für mich zu einem Werk macht, das ich mir wohl kaum ein zweites Mal – geschweige denn noch öfter – ansehen werde.

Fazit: Von der andernorts gelobten Vielschichtigkeit ist bei mir nicht viel hängen geblieben. Im Gegenteil, ich fand den Film zum Ende hin immer geradliniger und, so ehrlich muss man sein, auch langweiliger. Von mir kann es daher nur eine mittelmäßige Wertung geben – ich hätte mir schlicht und einfach mehr erwartet und erhofft.

PS: Ich glaube, „Sputnik“ hätte ein herausragender Kurzfilm sein können. Oder eine starke Folge von „Akte X – Die unheimlichen Fälle des FBI“. Wobei, wenn ich so drüber nachdenke: Gab es da nicht mindestens eine Folge mit sehr ähnlichem Inhalt? Sicher bin ich mir nicht, aber es könnte gut sein…

Gesamteindruck: 3/7


Originaltitel: Спутник.
Regie:
Jegor Abramenko
Drehbuch: Oleg Malowitschko, Andrei Solotarew
Jahr: 2020
Land: Russland
Laufzeit: ca. 115 Minuten
Besetzung (Auswahl): Oxana Akinschina, Pjotr Fjodorow, Fjodor Bondartschuk, Anton Wassiljew



FilmWelt: The Green Knight

Die Sage von König Artus und seinen Rittern der Tafelrunde ist eine alte Geschichte, die längst ihren Fixplatz im kollektiven Gedächtnis der westlichen Welt hat. Sir Gawain, ein Neffe von Artus, soll, so die Sage, einer jener Ritter gewesen sein. Von ihm handelt vorliegender Film von David Lowery, der Ende Juli 2021 in die Kinos gekommen ist.

Gesamteindruck: 7/7


Das etwas andere Helden-Epos.

Ich habe mir „The Green Knight“ in einem kleinen Lichtspielhaus hier in Wien in der englischen Originalfassung angesehen. Letzteres kann ich jedem Interessenten mit einigermaßen soliden Sprachkenntnissen empfehlen; es ist ein Genuss, die Protagonisten sprechen zu hören – etwas, das keine noch so gute Synchronisation erreichen kann. Das aber nur am Rande – hier soll es nun darum gehen, ob „The Green Knight“ generell eine Sichtung wert ist.

Worum geht’s?
Gawain ist das Gegenteil eines tugendhaften Ritters: Der junge Neffe von König Artus treibt sich abends im Bordell herum, wo er häufig auch völlig verkatert zu sich kommt. Das ändert sich an einem Weihnachtsabend: Ein Grüner Ritter, der mehr an einen Baum als an einen Menschen erinnert, reitet in den Thronsaal, in dem die Ritter der Tafelrunde den Heiligen Abend feiern. Er stellt den Männern eine Aufgabe, die es einem von ihnen ermöglicht, Mut zu beweisen und Ehre zu erlangen – die Chance für Gawain, endlich zu einem angesehenen Ritter zu werden. Doch die Sache hat einen Haken, denn genau ein Jahr später muss es der Wagemutige erneut mit dem Grünen Ritter aufnehmen…

Die Geschichte, die der mir bis dato unbekannte Regisseur David Lowery in „The Green Knight“ erzählt, orientiert sich grob an der klassischen Ritterromanze „Sir Gawain and the Green Knight“, die vermutlich aus dem 14. Jahrhundert stammt. Harter und heute kaum noch lesbarer Stoff also – ich kann aber zumindest in einer Hinsicht Entwarnung geben: Im Gegensatz zur 2015er-Verfilmung des Shakespeare-Klassikers „Macbeth“ sprechen die Charaktere in vorliegendem Film modernes Englisch; ein paar „thees“ und „thous“ sowie gelegentlich ein paar altertümlich anmutende Sätze sind zwar vorhanden; die wirken aber eher wie in modernen Fantasy-Romanen und sollten damit kein großes Problem darstellen.

Ist das Kunst? Ja, ist es!

Locker-flockige Unterhaltung ist „The Green Knight“ trotz dieser Zugeständnisse an aktuelle Sehgewohnheiten allerdings nicht. Im Gegenteil – dieser Film erfüllt meines Erachtens nur die Minimalerfordernisse für einen kommerziellen Erfolg, der Rest ist, so kitschig das auch klingen mag, Kunst. Besonders interessant: „The Green Knight“ fühlt sich sehr authentisch Werk an – dafür sorgen die Komposition aus Bild, Ton und hervorragender Ausstattung. Die Geschichte selbst wurde im Vergleich zur Urfassung zwar verändert, die Anpassungen wurden für mein Dafürhalten aber recht behutsam durchgeführt. Zusammengefasst heißt das: Dieser Film vermittelt einerseits den Eindruck, eine Geschichte zu erzählen, wie sie sich ein Literat des Mittelalters ausgedacht haben könnte und untermalt das andererseits mit einer nahezu perfekt passenden Bildsprache – ohne verstaubt zu wirken, wohlgemerkt.

Ähnliches gilt für die Charaktere, wobei man hier sagen muss, dass ein Ritter, wie ihn Dev Patel hier spielt, für die alten Minnesänger kaum erzähl- und besingbar gewesen sein dürfte. Will sagen: In der Realität wird es sicher solche Ritter gegeben haben, allerdings wären ihre Verfehlungen nie in diesem Ausmaß in ein Heldenepos aufgenommen worden. Was dem Historiker die Haare zu Berge stehen lässt, freut dafür den Kritiker: David Lowerys Gawain ist ein Held wider Willen. Der Tunichtgut kommt eher zufällig zum Handkuss, findet zwar schließlich doch noch seinen Mut, zieht aber zu keinem Zeitpunkt voller Vorfreude aus, um seine Aufgabe zu erfüllen. Diese Art von Charakter passt einfach hervorragend in die heutige Zeit und ist bestens zur Identifikation geeignet. Noch dazu spielt Dev Patel den jungen Ritter ausgesprochen glaubwürdig und sympathisch.

Weg und Ziel.

In Hinblick auf die Handlung ist der Weg das Ziel. Und das im wahrsten Sinne des Wortes, begleiten wir doch den Gutteil des Films den Helden auf der Suche nach seiner Bestimmung. Die Aufnahmen, mittels derer das geschieht, beeindrucken zu jeder Zeit – und das teilweise auf sehr spezielle Art: Dem Regisseur gelingt es, den Zuseher direkt in die Rolle des mittelalterlichen Menschen zu versetzen. Gawain zieht durch das Land, er sieht dabei die Armut und die Finsternis seiner Zeit – und er sieht Wunder, die den Menschen damals unerklärlich gewesen sein müssen, er sieht Riesen durch die Lande ziehen und hört einen Fuchs sprechen.

Wer diese Dinge als simple Fantasy abtun möchte, kann das gerne machen; ich selbst hatte, dank der mächtigen Bildsprache, unterstützt vom nicht minder beeindruckenden Ton, stets einen anderen Eindruck: Genau so, wie es im Film dargestellt hat, könnten es die Menschen jener Zeit gesehen haben. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie ich es erklären soll – es hat mich jedenfalls nachhaltig beeindruckt, so viel ist sicher.

Unterm Strich ist „The Green Knight“ definitiv ein Film, der fordert. Zwar gibt es den einen oder anderen kurzweiligen Kampf, den Großteil der über zweistündigen Laufzeit machen allerdings genüsslich ausgebreitete Bilder und einige längere Dialoge aus. Wenn man es schafft, sich darauf einzulassen, sieht man hier einen der innovativsten, mutigsten – und hypnotischsten – Filme der vergangenen Jahre. Ein Meisterwerk also? Ich sage: Ja, auch wenn der Regisseur es hier und da mit seinen Kamerafahrten übertreibt und die Geduld des Zuschauers auf eine härtere Probe stellt, als notwendig gewesen wäre. Davon abgesehen wüsste ich aber nicht, was ich an „The Green Knight“ aussetzen sollte, daher: Volle Punktzahl und die klare Empfehlung, sich dieses Spektakel mit Zwischentönen keinesfalls entgehen zu lassen.

Gesamteindruck: 7/7


Originaltitel: The Green Knight.
Regie:
David Lowery
Drehbuch: David Lowery
Jahr: 2021
Land: USA, Irland
Laufzeit: ca. 130 Minuten
Besetzung (Auswahl): Dev Patel, Alicia Vikander, Joel Edgerton, Sean Harris, Kate Dickie, Ralph Ineson



FilmWelt: Gretel & Hänsel

Erzählt man Kindern heutzutage noch Märchen? Mangels Nachwuchs kann ich das nicht beurteilen, würde mich aber nicht wundern, man darauf verzichtet. Die Öffentlichkeit reagiert heute ohnehin deutlich sensibler auf derart düstere und brutale Geschichten, wie das klassische Märchen von „Hänsel & Gretel“ eben auch eine ist. Und das ist auch schon das Stichwort: Vorliegende Verfilmung richtet sich eindeutig an ein erwachsenes Publikum, Kindern sollte man definitiv nicht zeigen, was Regisseur Oz Perkins aus der Geschichte gemacht hat.

Gesamteindruck: 3/7


Ich rieche Menschenfleisch!

Der Stoff, aus dem die Märchen sind, hatte immer schon erschreckende Aspekte: Böse Hexen, entführte Kinder, Folter und Tod gehören standardmäßig zum Programm. Es sollte also alles für eine entsprechend furchteinflößende und/oder bizarre filmische Umsetzung angerichtet sein. Schade nur, dass – soviel sei vorab verraten – Anspruch und Wirklichkeit im Falle von „Gretel & Hänsel“ relativ weit auseinander klaffen.

Worum geht’s?
Gretel und ihr jüngerer Bruder Hänsel wachsen in einem Dorf auf, in dem bittere Armut zum Alltag gehört. Ihre Mutter verstößt sie schließlich, weil sie die Geschwister nicht mehr ernähren kann. Auf der Suche nach Arbeit und Nahrung wandern die beiden immer tiefer in den Wald, bis sie schließlich auf ein düsteres Haus stoßen, in dem sie durch ein Fenster einen reich gedeckten Tisch sehen. Der Hunger lässt sie aller Vorsicht vergessen und ins Haus schleichen – wo sie prompt von der Bewohnerin, einer echten Hexe, erwischt werden…

Moment, „Gretel & Hänsel“? Nein, das ist kein Schreibfehler, Regisseur Oz Perkins hat die Namen tatsächlich umgedreht. Entsprechend ist es die ältere Schwester, die in dieser Verfilmung die Hauptrolle spielt – gemeinsam übrigens mit der Hexe. Hänsel wird zum Nebendarsteller degradiert und seine Rolle beschränkt sich im Wesentlichen darauf, von Gretel beschützt bzw. von der Hexe in ihren Bann geschlagen zu werden. Ein interessanter Ansatz, der dem klassischen Märchen einen anderen, deutlich moderneren Anstrich verpasst. Ob und wie sich das alles als eine Art feministische Befreiungsgeschichte lesen lässt, wage ich nicht abschließend zu beurteilen, mir scheint jedoch, dass der Film und speziell auch dessen Ende, in diese Richtung zeigt. Dagegen ist absolut nichts zu sagen, im Gegenteil: Es ist erfrischend zu sehen, wie man einer so traditionellen Geschichte neue Bedeutung geben kann.

Atmosphärisch top.

„Gretel & Hänsel“ ist ein Film, der aber vor allem abseits der ungewöhnlichen Herangehensweise an die Story zu beeindrucken weiß. Zuallererst wäre die eigentümliche, durchgehend düster und bedrohlich wirkende Atmosphäre zu nennen. Zu verdanken ist das einerseits dem höchst passenden Soundtrack, der die Stimmung fast schon beängstigend gut unterstreicht; vor allem aber sind es die Bilder, die eine ganz eigene Ästhetik versprühen. Es ist gar nicht so leicht zu erklären: Eigentlich wirkt z. B. der Wald, in dem sich die Geschwister verirren, wunderschön. Die Kamera fängt ihn so ein, wie man sich einen Wald eben vorstellt – und doch ist in jeder einzelnen Szene eine diffuse Bedrohung spürbar. So wie in „Gretel & Hänsel“ gelingt es meines Erachtens nur in ganz wenigen Filmen, allein durch Bild und Ton eine unterschwellige und Gefahr auszudrücken. Und das wohlgemerkt ohne viel Action, Jump-Scares und Blut. Auch wenn die Ästhetik eine völlig andere ist, hat das ein bisschen was von „Blair Witch Project“ (1999); und auch an „The Witch“ (2015) musste ich ein- oder zweimal denken.

Ein weiterer Pluspunkt sind die Schauspieler. Im Wesentlichen gibt es drei Personen, die den Film tragen – und alle drei machen ihre Sache sehr gut. Speziell Alice Krige möchte ich hervorheben, ihre Darstellung der Hexe ist – und das meine ich positiv – hintergründig-bizarr. Sie verpasst ihrer Figur eine für den Zuseher sehr bedrohlich wirkende Aura. Das wäre schon aller Ehren wert, noch interessanter ist aber, dass man trotz aller Vorbehalte ständig (fast unterschwellig) die Anziehungskraft, die sie auf Gretel ausübt, spüren und nachvollziehen kann. Eine nachgerade paradoxe Situation, die nochmal untermauert, wie stark Alice Krige im Zusammenspiel mit Sophia Lillis hier agiert.

Inhaltlich mau.

Leider kann der Inhalt nicht mit der bestechenden Optik, dem tollen Sound und der ansprechenden Darstellung mithalten. Es ist, als hätte sich der Regisseur damit verausgabt, möglichst starke Bilder zu produzieren und dabei auf die Handlung vergessen. Und so mäandert „Gretel & Hänsel“ vor sich hin, reiht schöne Naturaufnahmen und kammerspielartige Szenen in düsteren Räumen aneinander – und ergeht sich zwischendurch in nichtssagenden und langwierigen Dialogen. Philosophisch? Mag sein, aber auch ziemlich langweilig, wenn ich ehrlich bin.

Und die Handlung abseits der guten Idee, das Märchen auf andere Art und Weise zu erzählen? Leider bleibt sie weit hinter dem zurück, was man sich nach dem Trailer oder dem Lesen der Inhaltsangabe erwartet und erhofft. Der Film ist sehr ruhig, was in Ordnung wäre – wenn er denn irgendwo hin führen würde. Ein Höhepunkt fehlt jedoch, sodass man nach 90 Minuten das Gefühl hat, viel länger vor dem Fernseher gesessen zu sein. Das ist irrsinnig schade – zeigt aber letztlich, dass es an guten Ideen gefehlt hat. Nein, das stimmt nicht: Die Ideen waren da, aber offenbar niemand, der sie zu Ende gedacht und entsprechend ausgearbeitet hat.

Fazit: „Gretel & Hänsel“ ist vor allem eines: Verschwendetes Potenzial. Vielleicht wollte ich den Film auch einfach zu gerne mögen, was die Enttäuschung meist umso bitterer macht? Ich weiß es nicht. Fakt ist, dass ich am Ende unzufriedener war, als ich mir zunächst eingestehen wollte. Damit kann es trotz einer Ästhetik, die ich so in letzter Zeit sehr selten gesehen habe, nur für eine unterdurchschnittliche Wertung reichen.

Gesamteindruck: 3/7


Originaltitel: Gretel & Hansel.
Regie:
Oz Perkins
Drehbuch: Rob Hayes
Jahr: 2020
Land: USA
Laufzeit: ca. 90 Minuten
Besetzung (Auswahl): Sophia Lillis, Sammy Leakey, Alice Krige, Jessica de Gouw, Fiona O’Shaugnessy



FilmWelt: His House

Das Spukhaus ist im Horror-Genre ein altbekanntes und nicht tot zu kriegendes Motiv. Dass es zu diesem Thema noch etwas Neues zu sehen gibt, hätte ich eigentlich nicht erwartet – und doch schafft es „His House“ (2020), einer eigentlich sehr alten Geschichte aktuelle Facetten hinzuzufügen.

Gesamteindruck: 5/7


Der Horror nach der Flucht.

„His House“ soll – so habe ich es irgendwo gelesen – der beste Horrorfilm des Jahres 2020 sein. Ich erlaube mir dazu kein Urteil, schlicht, weil ich das aktuelle Filmgeschehen kaum verfolge. Ich glaube sogar, dass „Kadaver“ der einzige Horrorstreifen aus dem Jahr 1 der Corona-Pandemie ist, den ich gesehen habe. Und auch wenn „His House“ die norwegische Version der Postapokalypse klar schlägt, wäre es unfair, zu behaupten, Remi Weekes‘ Werk würde nur mangels Alternativen gelobt.

Inhalt in Kurzfassung
Bol und Rial haben es geschafft: Sie sind aus den Wirren ihrer vom Krieg heimgesuchten Heimat entkommen und haben die Flucht nach Europa überlebt. Irgendwo in England wird dem Ehepaar schließlich – vorerst auf Probe – Asyl gewährt und ein heruntergekommenes Haus als Bleibe zugestanden. Bald merken die beiden, dass es dort nicht mit rechten Dingen zugeht – oder ist es vielleicht doch „nur“ das Trauma der Flucht, das sie quält?

„His House“ beginnt, wie sollte es anders sein, mit der Vorstellung der Charaktere. Regisseur Remi Weekes geht diese Prozedur aber ein wenig anders an: Er beschreibt weniger die Personen an sich sondern konzentriert sich eher auf die traumatisierende Erfahrung der Flucht aus der kriegsgebeutelten Heimat. Natürlich erfährt man das eine oder andere über die zwei Hauptfiguren, im Wesentlichen sind die Charaktereigenschaften aber eher angedeutet. Interessanterweise reicht das aus, um Bol und Rial sehr plastisch wirken zu lassen, was, neben einem guten Drehbuch, vor allem der exzellenten Darstellung durch Sope Dirisu und Wunmi Mosaku geschuldet ist.

Blendet man die Horror-Elemente aus oder sieht sie als Folge der psychischen Belastung der Flucht, funktioniert „His House“ als Flüchtlingsdrama. Als solches zeigt der Film nicht nur die verstörende Komponente der Flucht an sich, sondern geht auch ungeschönt darauf ein, wie weit Menschen gehen würden, wenn Angst und Verzweiflung groß genug sind. So gesehen ist „His House“ ein zwar verhältnismäßig schlichter, will sagen: wenig tiefgehender, aber doch einigermaßen ausgewogener Beitrag zur Flüchtlingsthematik.

Realität vs. Horror – oder beides.

Freilich ist das alles Interpretationssache. Wer sich damit nicht allzu sehr auseinandersetzen möchte, muss das nicht – und sieht meiner Ansicht nach dennoch einen guten Horrorfilm. Der Nervenkitzel ist durchaus gegeben, wenn sich die Stimmung der neuen Hausbesitzer von anfänglicher Freude langsam aber stetig in Richtung Angst und Schrecken ändert. Der Spuk, der im Haus umgeht, ist ausgezeichnet umgesetzt und kommt im Großen und Ganzen ohne überbordende Brutalität aus. Lediglich ein oder zwei arg vorhersehbare Jump Scares und die gegen Ende viel zu deutliche und damit entzaubernde Darstellung des Bösen trüben das Vergnügen ein wenig. Ansonsten sei an dieser Stelle aber speziell der männliche Hauptdarsteller Sope Dirisu hervorgehoben, der die Angst, die sein Charakter ständig erlebt, aber auch dessen Entschlossenheit, um sein Haus zu kämpfen, ausgesprochen realistisch rüber bringt.

Im Endeffekt ist es aus meiner Sicht aber tatsächlich die Kombination aus dem realen Drama der Flucht und dem metaphysischen Fluch, der auf dem Haus und dem Ehepaar lastet, der „His House“ weit über den Grusel-Durchschnitt hinaushebt. Denn beides für sich genommen ist zwar gut gemacht, aber nichts, was man nicht anderswo im einen Fall tiefgründiger, im anderen unheimlicher bekommen könnte. Es klingt wie ein Klischee, ist aber dennoch so: Die Mischung macht’s. Und die schafft im Falle dieses Films etwas Neues, Unverbrauchtes, in dem sehr unterschiedliche aber dennoch altbekannte Elemente neu gemischt und verpackt werden.

Gesamteindruck: 5/7


Originaltitel: His House.
Regie:
Remi Weekes
Drehbuch: Felicity Evans, Remi Weekes, Toby Venables
Jahr: 2020
Land: Großbritannien
Laufzeit: ca. 90 Minuten
Besetzung (Auswahl): Wunmi Mosaku, Sope Disiru, Matt Smith, Javier Botlet, Emily Taaffe



FilmWelt: Kadaver

Dieser Film hat mich am Ende mit zwei Fragen hinterlassen: Hat Regisseur und Drehbuchautor Jarand Herdal jemals „Fallout: New Vegas“ (2010) gespielt? Und warum fühlt sich der Film trotz guter Ansätze so enttäuschend an? Über ersteres erlaube ich mir mangels Wissen kein Urteil, die zweite Frage versuche ich in folgender Rezension zu beantworten.

Gesamteindruck: 3/7


Postapokalyptisches Theater.

Die Frage, was man als Überlebender der Apokalypse so machen würde, stellt sich – zumindest mir – immer mal wieder. Vermutlich gar nichts, weil man eher zu den Leichen am Straßenrand gehören würde, aber ich schweife ab. In der skandinavischen Netflix-Produktion „Kadaver“ (2020) versuchen Normalos, mit den neuen Verhältnissen klarzukommen – und treffen naturgemäß ein paar ganz schlechte Entscheidungen.

Inhalt in Kurzfassung
Nach einer nuklearen Katastrophe kämpfen Überlebende, darunter auch eine dreiköpfige Familie, täglich gegen den Hunger und die Unbilden der norwegischen Natur. Die Verzweiflung ist groß bis eines Tages der Besitzer eines luxuriösen Hotels die Menschen zu einer Theateraufführung inklusive warmer Mahlzeit einlädt. Inmitten all des Elends eine willkommene Abwechslung – die sich allerdings bald als neuer Alptraum entpuppt…

Damit sollte Kennern klar sein, wie ich in der Einleitung auf „New Vegas“ gekommen bin. Einerseits kämpfen sowohl im Spiel als auch im Film die Menschen nach einem nuklearen Zwischenfall um ihr Überleben. Andererseits erinnert das Konzept mit dem post-apokalyptischen Nobelhotel und seinen merkwürdigen Bewohnern frappant an die „Feinschmecker-Gesellschaft“ (im Original „White Glove Society“) aus dem Bethesda-Klassiker. Ob das wirklich nur Zufall ist? Wie gesagt: Ich wage es nicht zu beurteilen.

Abgesehen davon hat mich „Kadaver“ an einen Film, den ich vor gar nicht allzu langer Zeit gesehen habe, denken lassen: „Performaniax“ aus dem Jahr 2017. Der wird aufgrund seiner Unbekanntheit wohl keine Inspiration für den Norweger Jarand Herdal gewesen sein, fußt aber auf einer ähnlichen Prämisse: Ein Theaterstück, in dem es (fast) keine Grenzen zwischen Publikum und Schauspielern, zwischen Realität und Performance, zu geben scheint.

Gute Ansätze.

Nun aber genug der Vergleiche, kommen wir zu vorliegendem Film. „Kadaver“ beginnt vielversprechend und zeigt die Postapokalypse in einer trostlosen, nass-kalten und schmutzigen Stadt in Norwegen. Die Bilder sind sehr stark und machen das Elend der Überlebenden geradezu greifbar – man bekommt schnell das Gefühl, dass man Derartiges im verregneten Skandinavien noch weniger erleben möchte als anderswo auf der Welt. Die übliche Vorstellung der Protagonisten und die Einleitung der eigentlichen Handlung gehen einigermaßen reibungslos vonstatten, man wird als Zuseher definitiv neugierig, was es mit dem merkwürdigen Hotel auf sich hat. Dort angekommen gibt es dann den letzten ganz großen Pluspunkt des Films zu bestaunen: Der Kontrast zwischen der düsteren, tristen Außenwelt und dem leuchtenden, luxuriösen Interieur hat auf mich geradezu schmerzhaft gewirkt und ist tatsächlich aller Ehren wert.

Abwärtsspirale.

An dieser Stelle wird auch der Antagonist eingeführt. Dessen Darsteller Thorbjørn Harr macht seine Sache allerdings fast schon zu gut – und leitet damit die Abwärtsspirale des Films ein. Gut, das war jetzt wegen der Überleitung passend, in Wirklichkeit beginnen die Problem von „Kadaver“ schon früher. Ich habe oben ja geschrieben, dass die Hauptpersonen reibungslos eingeführt werden. Das ist aber nicht zwangsläufig ein gutes Zeichen, ist es in diesem Falle doch so, dass die von Gitte Witt, Thomas Gullestad und Tuva Olivia Remman gespielte Familie relativ konturlos bleibt. Außer, dass die Mutter Schauspielerin ist, kann ich mich an keinerlei Besonderheiten erinnern. Das ist zwar kein Beinbruch, plastische Charaktere sehen jedoch definitiv anders aus. Vor allem wird in der Vorstellung der Fokus relativ stark auf die Tochter gelegt, die im restlichen Film allerdings komplett zur Nebensache wird. Letztlich führen genau diese sehr flachen Helden zum meiner Ansicht nach „zu gut“ gespielten Bösewicht. Der ist im Endeffekt die interessanteste Figur, wirkt aber von Anfang an alles andere als vertrauenerweckend. Das wirft sofort die Frage auf, warum die Gäste des Hotels nicht spätestens an dieser Stelle merken, das etwas ganz und gar nicht stimmt – der allgemein herrschende Hunger hätte als Erklärung gereicht, spielt im Aufbau aber keine so große Rolle, dass er das Vertrauen der, ich sage es, wie es ist: Opfer, rechtfertigen würde.

Andererseits ist das fast schon egal, wenn man sieht, wie mal wieder munter jedes Horror-Klischee erfüllt wird. Man trennt sich, man verliert sich nach Sekunden aus den Augen – und was am Schlimmsten ist: Man lässt die Tochter sofort wieder entwischen, nachdem man sie gerade erst panisch gesucht und wiedergefunden hat. Dass solche Momente im Genre Usus sind, ist mir schon klar – „Kadaver“ übertreibt es damit aber wie schon lange kein Film mehr. Kurioserweise liegt das Problem auch hier in den guten Bildern: Regisseur Herdal weiß, wie man mit langen Hotelgängen ein mulmiges Gefühl beim Zuseher erzeugen kann. Es ist aber völlig unglaubwürdig, dass seine Charaktere das nicht auch spüren und sich wie Idioten verhalten.

Über all das könnte man eventuell hinwegsehen, weil das Setting von „Kadaver“ gut und die schauspielerische Leistung zumindest ordentlich ist. Leider macht die Handlung (und damit die Spannung) relativ bald schlapp, heißt: Man weiß als Zuseher viel zu früh, was gespielt wird. Und damit meine ich: Man weiß es wirklich, es gibt zum Schluss keinen Twist, der alles rausreißen würde. Das letzte Drittel von „Kadaver“ ist, so deutlich muss ich es leider sagen, völlig unspektakulär, das Ende eingeschlossen. Dabei hätte sich in diesem Theater-Setting ein Finale, in dem sich herausstellt, dass nichts so ist, wie es scheint, geradezu angeboten. Dafür dürften dann aber doch die Ideen – oder der Mut? – gefehlt haben. Dass im Übrigen viele offene Fragen ungeklärt bleiben (Wieso hat das Hotel beispielsweise als einziges Gebäude in der Stadt Strom?), setzt dem „Spaß“ die Krone auf.

Schade, aber so gibt es nur drei Punkte – und die auch nur, weil mir die Bildkomposition ganz außerordentlich gut gefallen hat und weil man sich den Film problemlos und schmerzfrei ansehen kann, wenn man mal Zeit hat. Viel sollte man sich aber nicht erwarten.

Gesamteindruck: 3/7


Originaltitel: Kadaver.
Regie:
Jarand Herdal
Drehbuch: Jarand Herdal
Jahr: 2020
Land: Norwegen
Laufzeit: ca. 90 Minuten
Besetzung (Auswahl): Gitte Witt, Thomas Gullestad, Thorbjørn Harr, Tuva Olivia Remman, Kingsford Siayor



SerienWelt: Ratched – Staffel 1

Beinahe wäre es passiert: Ich fand den Piloten der 2020er Netflix-Produktion „Ratched“ dermaßen wirr, dass ich kurz davor stand, die als Prequel von „Einer flog über das Kuckucksnest“ (1975) konzipierte Serie direkt ad acta zu legen. Das wäre ein Fehler gewesen, denn Staffel 1 ist deutlich spannender und unterhaltsamer, als man nach der ersten Folge zunächst vermutet.

Gesamteindruck: 4/7


American Horror Story: Kuckucksnest.

Reden wir nicht um den heißen Brei: Ich Banause habe weder den 1976 mit fünf (!) Oscars geadelten Film von Miloš Forman (in den Hauptrollen: Jack Nicholson und Louise Fletcher) gesehen noch dessen literarische Vorlage (1962, geschrieben von Ken Kesey) gelesen. Ist das ein Problem? Nun, es ist auf jeden Fall eine Bildungslücke, die ich zu schließen gedenke – davon wird dann hoffentlich auch irgendwann auf WeltenDing zu lesen sein. Für das Verständnis der Serie „Ratched“, die sich als Prequel zum Film versteht und von der Krankenschwester gleichen Namens handelt, sind Vorkenntnisse allerdings nicht zwingend notwendig. Es kann natürlich durchaus sein, dass ich etwaige Anspielungen, Zitate und Hinweise auf spätere Ereignisse nicht erkannt habe, was für den Eingeweihten sicher auch einen Teil des Reizes von „Ratched“ ausmacht.

Inhalt in Kurzfassung
Nach einem grausamen Mord an mehreren Priestern landet der offenbar schwer gestörte Edmund Tolleson Mitte der 1940er Jahre in einer psychiatrischen Anstalt in Kalifornien. Eben dort bewirbt sich die rhetorisch außerordentlich begabte Mildred Ratched als Krankenschwester und wird bald zur rechten Hand des Klinikleiters Dr. Hanover, der mit überaus fragwürdigen Behandlungsmethoden an den wehrlosen Patienten experimentiert.

Irgendwo habe ich gelesen, dass es geradezu an Betrug grenzen soll, „Ratched“ als Prequel zu „Einer flog über das Kuckucksnest“ zu bezeichnen. Ich kann das, wie in der Einleitung angedeutet, nicht beurteilen – eines möchte ich aber dennoch hervorheben: Wenn die Serie „American Horror Story: Ratched“ heißen würde, wäre das nicht verkehrt. Eigentlich logisch, ist ja nicht nur Hauptdarstellerin Sarah Paulson (die auch an der Produktion beteiligt war) in jeder Staffel von „AHS“ sehr prominent am Start; auch Ryan Murphy ist hier wie dort als Regisseur und Drehbuchschreiber verantwortlich.

Als jemand, der „Einer flog über das Kuckucksnest“ nicht kennt, wage ich sogar zu behaupten: „Ratched“ ist ungefähr das, was man gerne von „AHS“ gesehen hätte, nachdem jene Serie in den letzten Staffeln immer chaotischer und schwächer geworden war. Fast wirkt es, als wäre „Ratched“ zunächst als Versuch eines Neustarts von „AHS“ mit alten Tugenden gedacht gewesen (allerdings minus übernatürlicher Phänomene) und man hätte den Stoff erst nach einer gewissen Zeit in die endgültige Richtung entwickelt. Wobei die gefühlte Ähnlichkeit auch ein wenig auf Staffel 2 von „AHS“ (mit dem vielsagenden Untertitel „Asylum“) zu tun haben könnte.

Charakter vor Story.

Die Handlung von ist relativ stringent, verwirrt im Endeffekt nur im Piloten ein wenig und pendelt sich dann auf spannendem Niveau ein. Im letzten Drittel gibt es einen kleinen Einbruch, insgesamt ist die Serie aber durchaus zum Binge-Watching geeignet. Alles in allem lebt „Ratched“ aber ohnhin weniger von der ausgeklügelten Geschichte, sondern fast nur von der namensgebenden Hauptfigur. Eine Sympathieträgerin im eigentlichen Sinne ist sie freilich nicht – es macht aber durchaus Laune, die wortgewandte und gewissenlose Mildred Ratched bei ihren Intrigen zu beobachten. Sarah Paulson schafft es dabei, die Figur dort, wo es notwendig ist, eiskalt rüberkommen zu lassen, in anderen Situationen wiederum verletzlich, aber auch nur dann, wenn es ihr für die Erreichung eines Zieles notwendig scheint.

Dabei hilft natürlich, dass Drehbuch und Dialoge praktisch nur auf einen Charakter zugeschnitten sind. Das soll aber die gute Leistung, die der „AHS“-Star hier abruft, nicht schmälern. Der restliche Cast ist demgegenüber nicht sonderlich auffällig. Mir persönlich haben hier Jon Jon Briones als dubioser Klinikleiter Dr. Hanover und Judy Davis als schrullige Schwester Betsy Bucket am besten gefallen. Übrigens gibt es sogar ein kleines Staraufgebot zu bewundern: Vincent D’Onofrio (u. a. „Full Metal Jacket“, „Criminal Intent“), Cynthia Nixon („Sex and the City“) und die lange nicht mehr gesehene Sharon Stone (u. a. „Total Recall“, „Sliver“) geben sich in Nebenrollen die Ehre.

Der Stil: Typisch.

Ich weiß nicht, ob es nur mir so geht: „Ratched“ ist rein stilistisch nach wenigen Sekunden als Serie eines Streaming-Anbieters zu erkennen. Es ist ein ganz eigenes Flair, dass die Serien von Netflix, Amazon & Co bei aller inhaltlichen Unterschiedlichkeit umgibt – man hat stets das Gefühl, dass eine derartige Stilistik bei klassischen Fernsehserien praktisch nie vorkommt. Und damit meine ich nicht nur die Bilder, es ist vielmehr die Kombination aus Bild, Ton und Schnitt, die den Unterschied auszumachen scheint. „Ratched“ bildet da keine Ausnahme – und stellt sich ebenfalls überaus eigenwillig dar.

Vor allem das Farbenspiel beeindruckt: Intensive Landschaftsbilder wechseln sich mit der kalten Atmosphäre der Nervenheilanstalt ab, extravagante, farbenfrohe Kostüme mit der einfachen Tracht der Krankenschwestern. Aber auch Autos, Speisen und Getränke, verschiedene Alltagsgegenstände – vieles strahlt in unnatürlich kräftigen Farben. Andere Szenen werden wiederum komplett in Farbe ausgeleuchtet, z. B. eisiges Blau, wenn die Hauptfigur einen ihrer perfiden Pläne schmiedet. Im ersten Moment mag all das chaotisch klingen, das Gegenteil ist jedoch der Fall: Die Serie als Ganzes sieht trotz ihrer grellen Optik geradezu schmerzhaft clean aus. Alles hat seinen Platz und ist wohlgeordnet, was ein merkwürdiger Kontrast zum brutalen Inhalt und zum bedrückenden Ort des Geschehens ist. Dazu passt übrigens auch der Soundtrack, der sich durchgehend in klassischen Gefilden bewegt, ab und an auch mal die Klassiker der Filmgeschichte zitiert (z. B. „Psycho“). Lange Rede, kurzer Sinn: Der Stil von „Ratched“ mag nicht jedem gefallen, ich selbst finde ihn gut.

Schwierig zu bewerten.

Beim Schreiben dieser Rezension ist es mir schon aufgefallen: Ich tue mir mit einer Bewertung von „Ratched“ relativ schwer. Ich glaube, dass liegt daran, dass mir die Serie zwar gefallen hat, ich aber immer das Gefühl hatte, es wäre mehr drin gewesen und aus einer „nur“ guten und spannenden Staffel hätte etwas wirklich Begeisterndes werden können. Ich fühlte mich zwar (fast) durchgehend recht gut unterhalten, aber ein unvergessliches Serienerlebnis sieht dennoch anders aus. Denn „Ratched“ ist kurzfristig definitiv spannend, eine nachhaltige Wirkung kann ich aber bisher nicht erkennen.

Ich frage mich, wie diejenigen die Serie sehen, die „Einer flog über das Kuckucksnest“ nicht nur kennen, sondern vielleicht auch eine Art emotionale Bindung zum Film haben. Mir scheint, das wäre für eine abschließende und wirklich umfassende Bewertung der Serie notwendig. Von mir gibt es vorerst einmal 4 von 7 Punkten für Staffel 1. Wie auf Nadeln sitze ich definitiv nicht, wenn ich an die irgendwann erscheinende Fortsetzung denke; neugierig, wie es weitergeht, bin ich aber trotzdem.

Gesamteindruck: 4/7


Originaltitel: Ratched.
Idee: Ryan Murphy, Evan Romansky
Land: USA
Jahr: 2020
Episoden: 8
Länge: ca. 45-60 Minuten
Gesehen auf: Netflix
Haupt-Besetzung: Sarah Paulson, Jon Jon Briones, Finn Wittrock, Cynthia Nixon, Judy Davis, Charlie Carver, Sharon Stone, Corey Stoll, Vincent D’Onofrio



SerienWelt: Dark – Staffel 3

„Dark“ ist – dem englischen Titel zum Trotz – eine deutsche Produktion des Streaming-Anbieters Netflix. In 26 Episoden bzw. 3 Staffeln erzählen Baran bo Odar und Jantje Friese einen Mystery-Thriller über eine deutsche Kleinstadt in der nichts so ist, wie es auf den ersten Blick scheint. Diese Rezension behandelt Staffel 3. Meine Meinung zu Staffel 1 gibt es hier, Staffel 2 hier.

Gesamteindruck: 4/7


„Was soll das heißen?“

Staffel 2 der ersten deutschsprachigen Netflix-Produktion „Dark“ endete mit einem ausgewachsenen Cliffhanger: Als wäre die Zeitreise-Thematik nicht schon komplex genug, deutete das Finale an, dass Parallelwelten ebenfalls eine Rolle spielen könnten. Ein weiterer Schub an komplizierten Verflechtungen war zu erwarten – und passiert dann auch. Wer also schon in bisher mit der ausufernden Zahl der Charaktere und Schauplätze (streng genommen ändert sich der Schauplatz übrigens nicht, sondern nur die Epoche) überfordert war, erlebt in Staffel 3 endgültig sein blaues Wunder.

Inhalt in Kurzfassung
Es bleibt nur mehr wenig Zeit: Die Reisenden haben erkannt, dass der deutschen Kleinstadt Winden die Apokalypse droht. Doch während die einen alles daran setzen, die Ereignisse zu verhindern, die zur Katastrophe führen, sind die anderen der Ansicht, dass unbedingt alles so geschehen muss, wie es vorherbestimmt ist. Doch was, wenn es eine Möglichkeit zwischen diesen Extremen gäbe, was, wenn Reisen nicht nur durch die Zeit, sondern auch durch den Raum, in Parallelwelten, möglich wären?

Die Frage, die ich als Überschrift für diese Rezension gewählt habe, hat zwei Aspekte. Einerseits verdeutlicht sie die größte Schwäche von „Dark“, die schon in den ersten Staffeln erkennbar war und die nun endgültig überhand nimmt: Teile der Dialoge bestehen aus endlosen Wiederholungen. Das von unterschiedlichen Charakteren immer wieder gern gefragte „Was soll das heißen?“ ist nur ein Beispiel – es gibt eine Vielzahl an typischen Stehsätzen, die teils schon vor Halbzeit dieser Staffel zu nerven beginnen: „…in seiner Welt und in deiner“, „Der Anfang ist das Ende und das Ende ist der Anfang“, „Es muss alles so geschehen, wie es immer geschehen ist“ oder „Er glaubt, den Ursprung gefunden zu haben“ und ähnliche Perlen finden sich, in verschiedenen Abwandlungen, zuhauf in „Dark“. Dazu kommt noch die Tendenz, dass manche Aussagen so klingen, als wären sie direkt dem Leitspruch-Kalender entnommen, das aber nur am Rande, weil ich es nicht so problematisch finde, auch wenn es in dieser todernsten Serie nicht einer gewissen unfreiwilligen Komik entbehrt.

Andererseits ist die Frage „Was soll das heißen?“ durchaus symptomatisch für Vieles, das inhaltlich und inszenatorisch in „Dark“ passiert. Den Zuseher mag es immer wieder frustrieren, dass er meist nicht sofort erfährt, wie die Ereignisse zusammenhängen – da geht es ihm ähnlich wie den Protagonisten der Serie. In Staffel 3 wird allerdings viele von dem, was bisher völlig unbegreiflich war, erklärt: Man erfährt tatsächlich, „was das heißen soll“, wo der „Ursprung“ liegt und was zu tun ist, um „den Knoten zu durchtrennen“. Unglaublich aber wahr – die Showrunner schaffen es tatsächlich, die vielen Fäden und Stränge, aus denen ihre Serie von Beginn an bestanden hat, zu einem größtenteils befriedigenden Abschluss zusammenzuführen. Hut ab vor dieser Leistung, dafür war definitiv sehr viel Planungsarbeit und Geduld notwendig.

Steiniger Weg zum Finale.

Stichwort „Geduld“: Ganz am Ende wird man als Zuseher zwar mit einer gut gemachten Auflösung belohnt. Allerdings, und jetzt kommt’s, ist der Weg dorthin in Staffel 3 ausgesprochen steinig. Mehr als einmal wurde mir das Ansehen durch ewig lange, redundante Dialoge vergällt. Teilweise erinnert das äußerst ungut an den berühmt-berüchtigten Monolog des Architekten in „Matrix Reloaded“, dessen pseudo-philosophisches Gelaber ähnlich unverständlich war. In „Dark“ tritt diese Problematik in Staffel 3 verstärkt auf, teilweise hat man im Nachgang das Gefühl, dass ganze Folgen aus endlosen Auseinandersetzungen mit der Natur von Zeit und Raum auf quantenphysikalischer Ebene bestehen. Das nervt ehrlich gesagt ganz gewaltig, weil es der bis dahin so gut gemachten und trotz ihres Ernstes und aller Komplexität so leichtfüßig daherkommenden Serie einen ordentlichen Dämpfer verpasst. Es scheint manchmal fast, als wäre der Stoff eigentlich nur auf 2 Staffeln ausgelegt gewesen, so dünn mutet die eigentliche Handlung zeitweise an. Man springt munter zwischen Zeiten und Welten hin und her, lässt keiner Szene genügend Raum zum Atmen und vergisst dabei, dass die Zusammenhänge immer noch komplex sind. Ich denke, eine etwas längere Verweildauer in den einzelnen Szenen wäre hier angebracht gewesen.

Überhaupt ist es fraglich, ob die Einführung paralleler Welten eine gute Idee war. Am Ende wird zwar klar, dass sich dadurch ein sehr stimmiges Gesamtbild ergibt – aber irgendwie hat man das Gefühl, dass das eigentlich nicht so geplant war. Mich persönlich hat die Zeitreise-Story bei aller Komplexität durchgehend unterhalten, den zusätzlichen Aspekt der Viele-Welten-Theorie hätte ich eigentlich nicht gebraucht. Und weil davon in den ersten Staffel keine Rede war, wirkt das Ganze ein wenig aufgesetzt, obwohl man sich relativ erfolgreich bemüht hat, die losen Fäden auch unter diesem Gesichtspunkt miteinander zu verbinden.

Lange Rede, kurzer Sinn: So richtig bin ich mit der finalen Staffel von „Dark“ nicht einverstanden. Daran ändern auch das weiterhin großartige Setting, die immer noch perfekte Ausstattung und die nach wie vor guten Schauspieler nichts. Gerade letztere leiden natürlich besonders stark unter der Dialoglastigkeit von Staffel 3; speziell, was man den armen Charakteren Adam und Eva in den Mund legt, ist teilweise ganz starker Tobak. Dennoch: Wer bisher dabei war, wird natürlich auch das Finale sehen wollen, allein schon um die Antwort auf die allumfassende Frage zu erfahren: „Was soll das heißen?“. Ob diese Antwort letztlich befriedigend ausfällt, wird jeder für sich entscheiden müssen – ich war mit der Auflösung zufrieden, mit dem Weg dorthin erstmals seit Beginn der Serie nicht mehr so wirklich.

Gesamteindruck: 4/7


Originaltitel: Dark
Idee: Jantje Friese, Baran bo Odar
Land: Deutschland
Jahr: 2020
Episoden: 8
Länge: ca. 45-70 Minuten
Gesehen auf: Netflix
Haupt-Besetzung: u.a. Louis Hofmann, Lisa Vicari, Dietrich Hollinderbäumer, Barbara Nüsse, Maja Schöne, Moritz Jahn, Oliver Masucci, Walter Kreye, Carlotta von Falkenhayn, Arndt Klawitter



 

MusikWelt: Thalassic

Ensiferum


Mit ihrem 8. Longplayer begeben sich Ensiferum auf ungewohntes Terrain: „Thalassic“ ist altgriechisch und bedeutet soviel wie „von der See“ oder „zum Meer gehörend“. Um ein richtiges Konzeptalbum handelt es sich jedoch nicht; die einzelnen Tracks haben zwar alle mehr oder weniger das feuchte Element zum Thema, erzählen aber keine zusammenhängende Geschichte. Doch nicht nur die Sprache des Titels und das Thema sind ungewöhnlich, denn Ensiferum haben nach einem neuerlichen Personalwechsel gleich auch den Power Metal-Anteil deutlich nach oben geschraubt.

Gesamteindruck: 6/7


Ungewohntes Terrain.

Die letzten Ensiferum-Alben (allen voran „Two Paths“, 2017) litten unter Ideenlosigkeit. Oder den falschen Ideen. Mit „Thalassic“ gelingt es den Finnen meiner Ansicht nach, das Ruder einigermaßen herumzureißen – ob der Kurswechsel dauerhaft ist, wird die Zeit zeigen müssen, ebenso ob und wie der neue Sound bei den alten Fans ankommt. „Neuer Sound“? Ja, richtig gelesen, denn Neuzugang Pekka Montin übernimmt auf „Thalassic“ nicht nur die vakante Position am Keyboard, sondern auch weite Teile des Klargesangs. Der Finne überzeugt mit einem theatralischen Organ, irgendwo zwischen einem jungen Tobias Sammett (EdguyAvantasia) und Timo Kotipelto (Stratovarius) und bildet damit einen starken Kontrast zu Schreihals Petri Lindroos. Freilich gab es auch auf den bisherigen Alben von Ensiferum Klargesang, doch nie dermaßen präsent – erstmals in der mittlerweile 25-jährigen Bandgeschichte (wobei das Debüt erst 2001, also vor „nur“ 20 Jahren, erschienen ist) hat man das Gefühl, dass harsche und klare Vocals vollkommen gleichberechtigt nebeneinander stehen. Wenn man sich die Sache genauer besieht, ist das allerdings nur eine Weiterentwicklung eines Ansatzes, den man schon auf dem mediokren Vorgänger „Two Paths“ versucht hat. Bereits dort haben sich neben Lindroos weitere Bandmitglieder am Mikro versucht, allerdings mit recht unterschiedlichem Erfolg. Nun ist mit Montin erstmals ein Mann an Bord, der über eine ausgebildete und kraftvolle Singstimme verfügt. Zusätzlich wurden seine Gesangsspuren im Mix stark in den Vordergrund gestellt, sodass sie zum Teil sogar das Gebrüll von Lindroos zu dominieren scheinen.

All das verschiebt Ensiferum genre-technisch tatsächlich ein Stück weiter in Richtung Power Metal. Schluck. In einer Sache kann man allerdings direkt Entwarnung geben: Wer nach der ersten Auskoppelung „Rum, Women, Victory“ befürchtet hatte, Ensiferum würden sich langsam aber sicher in Alestorm verwandeln, kann beruhigt aufatmen. Zum einen ist das die einzige Spaßnummer, die textlich an die schottischen Piraten erinnert, zum anderen klingen Ensiferum allem Klargesang zum Trotz über weite Strecken immer noch wie sie selbst. Das heißt, auch auf „Thalassic“ stehen acht Songs (plus das gute Intro „Seafarer’s Dream“), die teilweise hart und schnell, teilweise getragen und hymnisch, aber immer extrem eingängig sind.

Macht Spaß. Zumindest mir.

Klassische Ensiferum-Nummern, für alle, die es am liebsten traditionell mögen, sind mit „Rum, Women, Victory“ (sieht man vom Piraten-Text ab), „Andromeda“, „Run From the Crushing Tide“, „For Sirens“ und „Cold Northland (Väinämöinen Part III)“ (dazu gleich noch ein Wort) mehr als genug vorhanden. Lauter gute Tracks, die jeden, der den melodisch-folkigen Stil der Band grundsätzlich mag, überzeugen sollten. Dazu kommt durch das zusätzliche Gesangstalent am zweiten Mikro noch eine von Ensiferum bisher nur in Ausnahmefällen erreichte Epik – man höre dazu vor allem „One With the Sea“, eine Nummer, die man so nicht mehr von den Schwertträgern erwartet hätte. Der letzte in dieser Intensität und Tonalität vergleichbare Song datiert aus 2004 („Lost in Despair“ auf „Iron“).

Und weil wir gerade von der Vergangenheit reden, sei, wie oben kurz angedeutete, auch der zweite super-epische Track auf „Thalassic“ erwähnt: „Cold Northland (Väinämöinen Part III)“ ist eine Reminiszenz auf „Old Man“ und „Little Dreamer“, die ersten beiden Parts von „Väinämöinen“, die 2001 auf dem Debüt „Ensiferum“ standen. Tatsächlich gelingt es den Finnen (von denen 2001 nur Markus Toivonen schon an Bord war) dieses alte Thema gut und konsequent in die Neuzeit zu transportieren – auch hier dank ihres neuen Sängers, der sich das Mikro brüderlich mit Schreihals Petri Lindroos teilt. Gefällt mir ganz ausgezeichnet!

Der Rest des Materials auf „Thalassic“ ist kurz, bewegt sich nie über die 5-Minuten-Marke.  Wirklich negativ ist mir tatsächlich kein einziger Track aufgefallen. Eventuell würde ich bekritteln, dass Ensiferum es mit dem Folk-Anteil in „Midsummer Magic“ etwas zu bunt treiben (das klingt mir zu sehr nach Korpiklaani, mag dem einen oder anderen gefallen, mir nicht ganz so gut), der Gesang in „The Defence of the Sampo“ ziemlich merkwürdig anmutet und die Texte zum Teil gezwungen wirken (oder ihre Intonierung, man höre Auskoppelung Nummer 2, „Andromeda“).

Ansonsten geht das Album aber sehr gut rein, wenn man sich mit der gesangstechnisch so ungewohnten Ausrichtung per se anfreunden kann. Tatsächlich halte ich das für den größten Knackpunkt bei „Thalassic“ – denn auch ich war mir zunächst nicht sicher, ob ich die Platte überhaupt mag. Dann, nach einigen Durchläufen und diversen Ohrwürmern, war ich mir nicht sicher, ob ich „Thalassic“ als Ensiferum-Fan der ersten Stunde überhaupt mögen „darf“. Schließlich, nach ein paar weiteren Durchgängen, habe ich beschlossen, dass mir das egal ist. Dieses Album macht von vorne bis hinten einfach nur Spaß. Mir jedenfalls geht es so – ich gebe auch zu, dass ich eine gewisse Power Metal-Affinität habe und immer schon hatte. Wem die abgeht, der wird „Thalassic“ wohl nicht so positiv aufnehmen und darf gerne den einen oder anderen Punkt abziehen. Für mich ist dieses Album jedenfalls großes Kino, auch wenn es nicht an die ganz alten Großtaten der Finnen heranreicht.

PS: Ich persönlich finde es trotz allem schade, dass für Netta Skog (ex-Turisas) bei Ensiferum nach nur einem Album schon wieder Schluss war. Auch wenn Neuzugang Pekka Montin es offenbar besser als seine Vorgängerin geschafft hat, für frischen Wind zu sorgen, werde ich die extrovertierte Finnin mit ihrem Akkordeon vor allem bei Live-Auftritten vermissen. Von dem, was man bisher mitbekommen hat (das Video zu „Andromeda“ und die Covid-bedingte Release-Show im Studio) ist Montin zwar ein begnadeter Sänger, muss aber wohl erst in den Ensiferum-Kosmos reinfinden. Zum Zeitpunkt dieser Rezension wirkt er jedenfalls noch ein bisschen wie ein Fremdkörper zwischen den altgedienten Recken… aber all das nur am Rande, hat ja mit der Qualität von „Thalassic“ nicht zu tun.


Track – Titel – Länge – Wertung

metal-archives.com

  1. Seafarer’s Dream – 3:01 – 5/7
  2. Rum, Women, Victory – 4:16 – 5/7
  3. Andromeda – 4:04 – 6/7
  4. The Defence of the Sampo – 4:50 – 4/7
  5. Run from the Crushing Tide – 4:22 – 5/7
  6. For Sirens – 4:40 – 5/7
  7. One with the Sea – 6:10 – 6/7
  8. Midsummer Magic – 3:42 – 5/7
  9. Cold Northland (Väinämöinen Part III) – 8:41 – 7/7

Gesamteindruck: 6/7 


Ensiferum auf “Thalassic” (2020):

  • Petri Lindroos – Vocals, Guitars
  • Markus Toivonen – Guitars, Vocals, Backing Vocals
  • Sami Hinkka – Bass, Vocals, Backing Vocals
  • Janne Parviainen – Drums
  • Pekka Montin – Keyboards, Vocals, Backing Vocals

Anspieltipp: Cold Northland (Väinämöinen Part III)