FilmWelt: Pesthauch des Dschungels

Man verzeihe mir meine Ignoranz: Ich hatte immer das Gefühl, dass es Abenteuerfilme wie „Pesthauch des Dschungels“ (1956, im Original „La Mort en ce jardin“, also etwa „Der Tod in diesem Garten“) wie Sand am Meer gibt. Allerdings, und das wurde mir erst während des Ansehens klar, stammt vorliegendes Werk von Luis Buñuel. Und der Mexikaner gilt immerhin als einer der bedeutendsten Regisseure des 20. Jahrhunderts.

Gesamteindruck: 4/7


Mehr Fiebertraum als Pesthauch.

Trotz der Prominenz des Regisseurs habe ich von vorliegendem Film noch nie etwas gehört, bis er unlängst auf dem nie um Raritäten verlegenen Sender arte gezeigt wurde. Für mein Dafürhalten haben wir es hier mit einem soliden, gut gespielten und stark fotografierten Abenteuerfilm zu tun – ob er ein herausragender Vertreter seiner Zunft ist, wage ich hingegen nicht zu beurteilen. Mir hat er jedenfalls ganz gut gefallen, obwohl ich kein ausgewiesener Fan des Genres bin.

Worum geht’s?
In einem kleinen Dorf irgendwo in Südamerika sollen die Besitzer der hiesigen Diamantenminen enteignet werden. Die wollen sich das nicht gefallen lassen, was in einer gewalttätigen Auseinandersetzung mit den Sicherheitskräften endet. Das wiederum zwingt ein zusammengewürfeltes Quintett zur Flucht durch den unwegsamen Dschungel…

Im ersten Moment wirkt dieses im Deutschen einmal mehr sehr beliebig betitelte Werk wie ein klassischer Abenteuerfilm: Ein einsames Dorf mitten im Dschungel, bewohnt von Glücksrittern, die sich mehr schlecht als recht durchschlagen und staatliche Repression fürchten, ist Schauplatz der Handlung. Dann gibt es noch den hübschen Fremden mit undurchsichtigen Motiven, schöne Frauen und die übliche Eskalation der Gewalt, woraufhin die Flucht durch eine lebensfeindliche Umgebung folgt.

So weit, so normal – sollte man meinen. Anzumerken ist zunächst, dass „Pesthauch des Dschungels“ 1956 erschienen ist, zu einer Zeit, als speziell der französische Abenteuerfilm sehr populär war. Zu diesem stellt vorliegendes Werk allerdings eher eine Gegenposition dar, denn einen strahlenden, unbekümmerten Helden, der alle Probleme mit einem Achselzucken abschüttelt, sucht man vergebens. Überhaupt gibt es in keine wirklich brave Figur, einzig die stumme Tochter des alternden Diamantenjägers Castin stellt so etwas wie die personifizierte Unschuld dar. Weil alle Charaktere ihre menschlichen Stärken und Schwächen haben, keiner davon ein physischer oder moralischer Übermensch ist, reicht es, dass sie skizzenhaft angedeutet sind; Regisseur und Schauspieler verstehen es sehr gut, sie tiefgründiger wirken zu lassen, als man aufgrund der Handlung und der Dialoge annehmen sollte.

Schweiß und Dreck.

Ob der Film eine politische Komponente hat, die auf die Zustände seiner Zeit hinweisen, wage ich nicht zu beurteilen (angeblich beschäftigt er sich mit dem Regime des spanischen Diktators Franco, das von 1936 bis 1975 Bestand hatte). Mich haben allerdings seine völlige Humorlosigkeit und Brutalität überrascht. Das manifestiert sich vor allem zum Schluss – ein richtiges Happy End ist den Charakteren nicht vergönnt, was ich von einem derartigen Film aus den 1950er Jahren so nicht erwartet hätte.

Und auch der „abenteuerlichste“ Part des Films, der anstrengende Marsch durch den Dschungel, ist ein intensiveres Ereignis, als ich zunächst für möglich gehalten hätte. Der Urwald sieht beängstigend dicht aus, vor allem aber fühlt man förmlich die feuchte Hitze, was auch daran liegt, dass die Charaktere ständig von einem dünnen Schweißfilm überzogen scheinen und bald regelrecht vor Dreck starren. Kombiniert wird die Tortur des weglosen Dschungels mit einigen Elementen, die in solchen Filmen eher selten Eingang finden: Schwäche und Hunger treiben die Charaktere regelrecht ins Delirium, was sich im einen oder anderen Fiebertraum, aber auch in den Dialogen und in der generellen Darstellung sehr stark bemerkbar macht. Wikipedia sagt mir allerdings, dass „Pesthauch des Dschungels“ eigentlich eine rund dreiminütige „Sequenz von Traum- und Schockbildern“ enthalten hatte, die dem Schnitt zum Opfer gefallen sind. Soweit ich das beurteilen kann, fehlen diese Bilder in der deutschen Fassung auch 2021 noch, was ich sehr schade finde.

Fazit: Auch wenn „Pesthauch des Dschungels“ allein auf die Handlung bezogen gar nicht so spektakulär sein mag, ist die Umsetzung doch ausgesprochen stark und intensiv. Hätte ich so nicht erwartet – klare Empfehlung für alle, die grundsätzlich etwas mit der filmischen Darstellung von Dschungelstrapazen anfangen können und sich auch nicht davon abhalten lassen, dass echte fehlenden Wohlfühl-Charaktere fehlen. Ganz überzeugen konnte mich der Streifen im Endeffekt aber nicht.

Gesamteindruck: 4/7


Originaltitel: La Mort en ce jardin.
Regie:
Luis Buñuel
Drehbuch: Luis Buñuel, Luis Alcoriza, Raymond Queneau, Gabriel Arout
Jahr: 1956
Land: Frankreich, Mexiko
Laufzeit: ca. 95 Minuten
Besetzung (Auswahl): Simone Signoret, Charles Vanel, Georges Marchal, Michel Piccoli



FilmWelt: Black 47

Interessant, was im englischsprachigen Wikipedia-Eintrag zu „Black 47“ zu lesen ist: In einem Interview erklärte Regisseur Lance Daly, dass mit diesem Werk der erste Langfilm vorläge, der die Große Hungersnot (1845-1849) thematisiert. Kaum zu glauben, dass das 2018 tatsächlich erstmals der Fall war, ist diese verhältnismäßig kurze Periode doch eines der einschneidendsten Kapitel irischer Geschichte.

Gesamteindruck: 2/7


Hunger, Kälte – und Rache!

Die Große Hungersnot kostete rund eine Million Iren das Leben, weitere zwei Millionen verließen das Land, großteils Richtung Amerika. Verschärft wurde die durch die Kartoffelfäule ausgelöste Nahrungsmittelknappheit durch die englische Politik (Irland war damals Teil von Großbritannien), die tatenlos zusah und die Katastrophe teilweise sogar noch verschlimmerte. Es mag abgesehen von vorliegendem Werk bis dato kaum oder gar keine Filme zu dieser schrecklichen Episode geben, andere kulturelle Beiträge existieren aber sehr wohl (Anmerkung: mein liebster und einer der eindringlichsten ist der Song „The Coffin Ships“ von Primordial). Dass Lance Daly 2018 versucht hat, dieses auch für die englisch-irischen Beziehungen höchst sensible Thema filmisch umzusetzen, ist grundsätzlich eine lobenswerte Idee. Allein: die Ausführung ist weniger gelungen, als man sich erhofft hätte.

Worum geht’s?
Feeney, einer von vielen Iren, die in der englischen Armee gekämpft haben, kehrt als Deserteur in seine Heimat zurück. Er findet ein bitterarmes und völlig zugrunde gerichtetes Land vor, seine Mutter und sein Bruder sind tot. Als er auch noch zusehen muss, wie seine Schwägerin und deren Kinder aus ihrem Haus vertrieben werden und er sie später erfroren vorfindet, schwört er Rache an allen Beteiligten. Um ihn aufzuhalten, setzen die englischen Ermittler Feeneys ehemaligen Kameraden Hannah auf ihn an. Eine Verfolgungsjagd durch ein von Hunger und Armut schwer gezeichnetes Irland beginnt…

Wer sich „Black 47“ mit falschen Erwartungen ansieht, wird wohl enttäuscht sein: Im Gegensatz zu dem Eindruck, den die offizielle Inhaltsangabe und auch der Einstieg in den Streifen erwecken, handelt der Film im Endeffekt nicht von der Großen Hungersnot. Dieses Ereignis, seine dramatischen Folgen für die betroffenen Menschen, aber auch die Gründe für die Ressentiments zwischen Iren und Engländern, sind letzten Endes nicht mehr als der Aufhänger für eine relativ simple und geradlinige Rache-Geschichte. „Black 47“ eignet sich daher nur bedingt als Anschauungsmaterial für eine Geschichtsstunde. Genau genommen thematisiert sogar ein Blockbuster wie „Braveheart“ (1995) bei all seinen Schwächen die politischen Feinheiten zwischen England und – in jenem Fall – Schottland besser, als es „Black 47“ vermag.

Regisseur Lance Daly hat das Thema für mein Dafürhalten klar verfehlt, wenn es denn wirklich wie eingangs angedeutet, seine Intention war, einen Film über die Hungersnot zu machen. Leider muss man gleichzeitig konstatieren, dass „Black 47“ auch als das Rache-Epos, das der Film letztlich ist, nicht überzeugt. Zunächst: Die Geschichte, die uns der Regisseur hier erzählen möchte, erinnert an einen Standard-Western. Ein Schurke, der das Herz am rechten Fleck hat und dem selbst großes Unrecht widerfahren ist, zieht aus, um sich an seinen Peinigern zu rächen. Vor allem im Western-Genre ist das ein gern genommenes Motiv; daran erinnert auch das Setting mit vielen Reitszenen, sich sichtlich unwohl fühlenden englischen Soldaten, harten und bauernschlauen Einheimischen und die gelegentliche Schießerei mit Musketen und Pistolen.

Schwerfällige Story.

All das ist nun kein grundsätzliches Problem – ansonsten wären Filme wie z. B. „Rambo“ (1982) nicht so erfolgreich. Das Problem ist das Storytelling, das meines Erachtens relativ schwerfällig ist. Richtige Spannung kommt kaum auf – und das Drama lässt auch zu wünschen übrig, was an den wortkargen und wenig sympathischen Charakteren liegt. Die sind überhaupt ein echter Minuspunkt, weil sie keinerlei Identifikationsfläche bieten. Das liegt nicht unbedingt an den Schauspielern, wobei ich abgesehen vom eigentlich sehr guten Hugo Weaving nicht zu beurteilen wage, wie gut oder schlecht der Cast in anderen Filmen spielt. Bezeichnend übrigens, dass die Hauptrollen nicht mit irischen, sondern mit australischen Mimen besetzt sind, aber das nur am Rande.

Und so schleppt sich „Black 47“ von Szene zu Szene. Enthält der Film Motive, die außerhalb der Standard-Story um den missverstandenen Rächer liegen, habe ich diese nicht entdeckt oder verstanden. Das gilt auch und vor allem für den Twist gegen Ende, der für mich nach dem bis dahin erfolgten Aufbau nicht ganz überraschend war – und doch an Glaubwürdigkeit vermissen ließ.

Einen positiven Aspekt möchte ich aber zum Schluss dennoch anbringen: „Black 47“ ist ausgezeichnet fotografiert. So unwirtlich – und gleichzeitig wieder schön – hat man Irland selten gesehen. Die Landschaften, speziell aber die düstere Atmosphäre, passen hervorragend zur Zeit und zum Thema des Films. Die nasse Kälte – sie ist stellenweise auch daheim auf der gemütlichen Couch beinahe schmerzhaft zu spüren. Das allein reicht aber bei weitem nicht für eine gute Wertung – zu groß ist meine Enttäuschung, was der Regisseur aus diesem filmisch unverbrauchten und historisch hochinteressanten Kapitel der irischen Geschichte gemacht hat.

Gesamteindruck: 2/7


Originaltitel: Black ’47.
Regie:
Lance Daly
Drehbuch: Lance Daly, P.J. Dillon, Pierce Ryan
Jahr: 2018
Land: Irland, Luxemburg
Laufzeit: ca. 100 Minuten
Besetzung (Auswahl): Hugo Weaving, James Frecheville, Stephen Rea, Freddie Fox, Moe Dunford, Sarah Greene



FilmWelt: The Green Knight

Die Sage von König Artus und seinen Rittern der Tafelrunde ist eine alte Geschichte, die längst ihren Fixplatz im kollektiven Gedächtnis der westlichen Welt hat. Sir Gawain, ein Neffe von Artus, soll, so die Sage, einer jener Ritter gewesen sein. Von ihm handelt vorliegender Film von David Lowery, der Ende Juli 2021 in die Kinos gekommen ist.

Gesamteindruck: 7/7


Das etwas andere Helden-Epos.

Ich habe mir „The Green Knight“ in einem kleinen Lichtspielhaus hier in Wien in der englischen Originalfassung angesehen. Letzteres kann ich jedem Interessenten mit einigermaßen soliden Sprachkenntnissen empfehlen; es ist ein Genuss, die Protagonisten sprechen zu hören – etwas, das keine noch so gute Synchronisation erreichen kann. Das aber nur am Rande – hier soll es nun darum gehen, ob „The Green Knight“ generell eine Sichtung wert ist.

Worum geht’s?
Gawain ist das Gegenteil eines tugendhaften Ritters: Der junge Neffe von König Artus treibt sich abends im Bordell herum, wo er häufig auch völlig verkatert zu sich kommt. Das ändert sich an einem Weihnachtsabend: Ein Grüner Ritter, der mehr an einen Baum als an einen Menschen erinnert, reitet in den Thronsaal, in dem die Ritter der Tafelrunde den Heiligen Abend feiern. Er stellt den Männern eine Aufgabe, die es einem von ihnen ermöglicht, Mut zu beweisen und Ehre zu erlangen – die Chance für Gawain, endlich zu einem angesehenen Ritter zu werden. Doch die Sache hat einen Haken, denn genau ein Jahr später muss es der Wagemutige erneut mit dem Grünen Ritter aufnehmen…

Die Geschichte, die der mir bis dato unbekannte Regisseur David Lowery in „The Green Knight“ erzählt, orientiert sich grob an der klassischen Ritterromanze „Sir Gawain and the Green Knight“, die vermutlich aus dem 14. Jahrhundert stammt. Harter und heute kaum noch lesbarer Stoff also – ich kann aber zumindest in einer Hinsicht Entwarnung geben: Im Gegensatz zur 2015er-Verfilmung des Shakespeare-Klassikers „Macbeth“ sprechen die Charaktere in vorliegendem Film modernes Englisch; ein paar „thees“ und „thous“ sowie gelegentlich ein paar altertümlich anmutende Sätze sind zwar vorhanden; die wirken aber eher wie in modernen Fantasy-Romanen und sollten damit kein großes Problem darstellen.

Ist das Kunst? Ja, ist es!

Locker-flockige Unterhaltung ist „The Green Knight“ trotz dieser Zugeständnisse an aktuelle Sehgewohnheiten allerdings nicht. Im Gegenteil – dieser Film erfüllt meines Erachtens nur die Minimalerfordernisse für einen kommerziellen Erfolg, der Rest ist, so kitschig das auch klingen mag, Kunst. Besonders interessant: „The Green Knight“ fühlt sich sehr authentisch Werk an – dafür sorgen die Komposition aus Bild, Ton und hervorragender Ausstattung. Die Geschichte selbst wurde im Vergleich zur Urfassung zwar verändert, die Anpassungen wurden für mein Dafürhalten aber recht behutsam durchgeführt. Zusammengefasst heißt das: Dieser Film vermittelt einerseits den Eindruck, eine Geschichte zu erzählen, wie sie sich ein Literat des Mittelalters ausgedacht haben könnte und untermalt das andererseits mit einer nahezu perfekt passenden Bildsprache – ohne verstaubt zu wirken, wohlgemerkt.

Ähnliches gilt für die Charaktere, wobei man hier sagen muss, dass ein Ritter, wie ihn Dev Patel hier spielt, für die alten Minnesänger kaum erzähl- und besingbar gewesen sein dürfte. Will sagen: In der Realität wird es sicher solche Ritter gegeben haben, allerdings wären ihre Verfehlungen nie in diesem Ausmaß in ein Heldenepos aufgenommen worden. Was dem Historiker die Haare zu Berge stehen lässt, freut dafür den Kritiker: David Lowerys Gawain ist ein Held wider Willen. Der Tunichtgut kommt eher zufällig zum Handkuss, findet zwar schließlich doch noch seinen Mut, zieht aber zu keinem Zeitpunkt voller Vorfreude aus, um seine Aufgabe zu erfüllen. Diese Art von Charakter passt einfach hervorragend in die heutige Zeit und ist bestens zur Identifikation geeignet. Noch dazu spielt Dev Patel den jungen Ritter ausgesprochen glaubwürdig und sympathisch.

Weg und Ziel.

In Hinblick auf die Handlung ist der Weg das Ziel. Und das im wahrsten Sinne des Wortes, begleiten wir doch den Gutteil des Films den Helden auf der Suche nach seiner Bestimmung. Die Aufnahmen, mittels derer das geschieht, beeindrucken zu jeder Zeit – und das teilweise auf sehr spezielle Art: Dem Regisseur gelingt es, den Zuseher direkt in die Rolle des mittelalterlichen Menschen zu versetzen. Gawain zieht durch das Land, er sieht dabei die Armut und die Finsternis seiner Zeit – und er sieht Wunder, die den Menschen damals unerklärlich gewesen sein müssen, er sieht Riesen durch die Lande ziehen und hört einen Fuchs sprechen.

Wer diese Dinge als simple Fantasy abtun möchte, kann das gerne machen; ich selbst hatte, dank der mächtigen Bildsprache, unterstützt vom nicht minder beeindruckenden Ton, stets einen anderen Eindruck: Genau so, wie es im Film dargestellt hat, könnten es die Menschen jener Zeit gesehen haben. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie ich es erklären soll – es hat mich jedenfalls nachhaltig beeindruckt, so viel ist sicher.

Unterm Strich ist „The Green Knight“ definitiv ein Film, der fordert. Zwar gibt es den einen oder anderen kurzweiligen Kampf, den Großteil der über zweistündigen Laufzeit machen allerdings genüsslich ausgebreitete Bilder und einige längere Dialoge aus. Wenn man es schafft, sich darauf einzulassen, sieht man hier einen der innovativsten, mutigsten – und hypnotischsten – Filme der vergangenen Jahre. Ein Meisterwerk also? Ich sage: Ja, auch wenn der Regisseur es hier und da mit seinen Kamerafahrten übertreibt und die Geduld des Zuschauers auf eine härtere Probe stellt, als notwendig gewesen wäre. Davon abgesehen wüsste ich aber nicht, was ich an „The Green Knight“ aussetzen sollte, daher: Volle Punktzahl und die klare Empfehlung, sich dieses Spektakel mit Zwischentönen keinesfalls entgehen zu lassen.

Gesamteindruck: 7/7


Originaltitel: The Green Knight.
Regie:
David Lowery
Drehbuch: David Lowery
Jahr: 2021
Land: USA, Irland
Laufzeit: ca. 130 Minuten
Besetzung (Auswahl): Dev Patel, Alicia Vikander, Joel Edgerton, Sean Harris, Kate Dickie, Ralph Ineson



FilmWelt: Red Sonja

In meiner Erinnerung habe ich mir als Jugendlicher drei Fantasyfilme besonders häufig angesehen: „Conan der Barbar“ (1982), dessen Fortsetzung „Conan der Zerstörer“ (1984) – und eben „Red Sonja“ (1985). Doch während Teil 1 der ursprünglich von Autor Robert E. Howard ersonnen „Conan“-Saga bis heute einen gewissen (freilich sehr rauen) Charme versprüht und ich dem Nachfolger nach wie vor mehr abgewinnen kann als damalige und heutige Kritiker, hat mich die 2021er-Sichtung von „Red Sonja“ ziemlich ernüchtert zurück gelassen.

Gesamteindruck: 2/7


Eine Barbarin rächt sich.

Zunächst etwas Grundlegendes: „Red Sonja“ würde ich prinzipiell nur jenen ans Herz legen, die mit „Conan“ etwas anfangen konnten. Oder mit ähnlichen Streifen, es gab zu jener Zeit ja eine regelrechte Schwemme an Filmen ähnlicher Natur, die großteils allerdings völlig zu Recht in Vergessenheit geraten sind. Wer also mit einer Unzahl an Schwertkämpfen, viel Blut und Gewalt, einer dazu passenden Story und einer eher fragwürdigen Charakterzeichnung nicht warm wird, schaltet besser gar nicht erst ein. Aber auch alle, die auf derartigen Trash stehen (dieser Rezensent zählt sich ausdrücklich dazu), könnten von „Red Sonja“ enttäuscht sein – vor allem, wenn sie den Film seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen haben (auch das trifft auf diesen Rezensenten zu).

Worum geht’s?
Königin Gedren hat einen Talisman errungen, mit dessen Zauberkraft sie die Welt beherrschen möchte. Um dieses Ziel zu erreichen, war und ist die Herrscherin nicht zimperlich – und auch die Familie von Red Sonja ist den Machtgelüsten von Gedren zum Opfer gefallen. Sonja selbst hat jedoch überlebt und ist zu einer mächtigen Kämpferin herangewachsen. Ihre Aufgabe sieht sie darin, Rache an der bösen Königin zu nehmen und den Talisman zu vernichten…

Die Figur der Red Sonya [sic!] wurde wie „Conan der Cimmerier“ von US-Autor Robert E. Howard erfunden. Das war 1934, später fand sie als Red Sonja immer häufiger Erwähnung in den von Marvel herausgebrachten „Conan“-Comics. Wer also eine gewisse Ähnlichkeit zwischen diesem Film und den „Conan“-Streifen erkennt, täuscht sich nicht, zumal im Vorspann von „Red Sonja“ sogar das hyborische Zeitalter erwähnt wird, das jedem „Conan“-Fan ein Begriff ist. Abgesehen davon ist die Figur des Lord Kalidor dem beliebten Barbaren nicht nur ähnlich, weil Arnold Schwarzenegger beide Rollen spielt: Ursprünglich hätte Kalidor tatsächlich Conan sein sollen, der Name durfte aus lizenzrechtlichen Gründen allerdings nicht verwendet werden. Verwirrend? Mag sein, aber heute kann man das alles wenigstens problemlos im Internet nachlesen. Als ich „Red Sonja“ erstmals gesehen habe, habe ich mir einfach eingeredet, dass Kalidor nur ein anderer Name für Conan sei. Hach, waren das noch einfache Zeiten… 😉

Stumpf ist Trumpf.

Was die filmische Darstellung der Titelrolle betrifft, regiert die Einfachheit: Sonja ist die gute Heldin, deren tragische Geschichte es ihr erlaubt, ohne moralische Bedenken auf Rache zu sinnen. Das ist freilich nichts Neues – letztlich ist sie nicht mehr als ein weiblicher Conan. Sie hat aber einen ganz großen Nachteil: Während sich „Conan der Barbar“ ausgiebig Zeit nimmt, die Vorgeschichte seines Helden zu erzählen, muss sich „Red Sonja“ mit ein paar verschwommenen, nichtssagenden Rückblenden begnügen. Ich denke, dass genau daher der Löwenanteil des Qualitätsunterschiedes der eigentlich so ähnlichen Filme kommt: Conan ist jemand, er hat eine Geschichte, er hat einen triftigen Grund für sein Handeln (und er hat, nebenbei bemerkt, einen sehr starken Gegenspieler). Welchen Hintergrund Sonja hat, ist bestenfalls zu erahnen – kein Wunder also, dass eine Identifikation kaum gelingen will. Und: Red Sonja mag oberflächlich wie der große Cimmerier wirken, in Wirklichkeit ist es aber so, dass sie Kalidor und seine beeindruckenden Muskeln immer wieder braucht, um ihr aus brenzligen Situationen zu helfen. Warum? Weil sie eine Frau ist, wie auch Kalidor nicht müde wird zu betonen. Diese Rollenverteilung und Geschlechterzeichnung zeigt sich übrigens auch auf den Filmplakaten, auf denen Arnold Schwarzenegger, der ja eigentlich eine Nebenrolle spielen sollte, deutlich prominenter platziert ist als Brigitte Nielsen. Was ich vom kommerziellen Standpunkt aus sogar verstehen kann, war Schwarzenegger damals ja deutlich bekannter als Nielsen. Alles in allem ist es aber schade, dass Kalidor im Film letztlich der größere Held ist, als Sonja. Immerhin schafft sie im gespielten Zweikampf gegen ihn ein Unentschieden, was wohl das Maximum war, das man zur Darstellung einer starken Frau beitragen wollte.

Abgesehen von diesen beiden, die hauptsächlich ihre Muskeln und Schwerter sprechen lassen (und sehr wenige Textzeilen haben), gibt es eine stereotype Bösewichtin (interessanterweise gespielt von Sandahl Bergman, die in „Conan der Barbar“ als Valeria noch an der Seite des Helden kämpfte). Und, bemerkenswerterweise, mit Paul L. Smith (Falkon) und Ernie Reyes, Jr. (Prinz Tarn) ein Duo, das für den Humor sorgt, der speziell dem ersten „Conan“-Film vollkommen fehlt. Bezeichnend, dass die Slapstick-Einlagen zwar relativ platt sind, den Film letzten Endes aber sogar vor einer noch schwächeren Wertung bewahren.

Die Story von „Red Sonja“ ist schlicht, entsprechend einfach ist auch das Drehbuch gehalten. Das muss kein Fehler sein, ist doch auch „Conan“ kein Ausbund an Tiefgründigkeit. Nur ist es leider so, dass die paar Episoden, aus denen vorliegender Streifen zu bestehen scheint, vergleichsweise lieblos aneinandergestückelt wirken. Oder, um es drastischer auszudrücken: „Red Sonja“ ist über weite Strecken ein ziemlich dummer Film und nicht geschickt darin, das zu verbergen. Ich frage mich ja, ob das damit zu tun hat, dass Schwarzenegger eigentlich gar keinen Bock mehr auf eine solche Rolle gehabt haben soll… Nicht, dass es einen großen Unterschied gemacht hätte, die Handlung ist und bleibt Grütze. Genau genommen haben wir es meines Erachtens sogar mit einem gar nicht so stark veränderten Abklatsch von „Conan der Zerstörer“ zu tun, der ja auch unter der Regie von Richard Fleischer entstanden ist. Allzu inspiriert scheint mir der Mann hier jedenfalls nicht gewesen zu sein. Und bevor jetzt einer kommt und sagt, dass der Film gar nicht anspruchsvoll sein soll, man sein Hirn ausschalten und die Action genießen sollte, dass ich falsche Maßstäbe anlege usw.: Ich habe schon angedeutet, dass ich „Conan der Barbar“ grandios finde und auch mit „Conan der Zerstörer“ gut leben kann. „Red Sonja“ ist beiden um Klassen unterlegen, hat im Endeffekt aber auch nicht diesen so schlecht, das es schon wieder gut ist-Charme, den ich persönlich ohnehin nicht brauche, aber zumindest nachvollziehen kann. Das hier ist einfach ein schwerfälliger, uninspirierter und inkonsequenter Film, dem man anmerkt, dass er ein verzweifelter Versuch war, das Barbaren-Genre bis zum letzten Cent auszupressen. Dank Schwarzenegger ist das sicher besser gelungen als mit vergleichbaren Streifen – an der Qualität ändert dessen Name aber so gut wie nichts.

Angemerkt sei an dieser Stelle noch, dass weder die titelgebende Heldin, noch ihr muskelbepackter Begleiter oder deren Gegenspielerin ihren Darsteller:innen sonderlich viel abverlangen. Schwarzenegger spielt halt seinen Stiefel als Conan, der zwar nicht so heißt, ihm ansonsten aber bis aufs Haar gleicht, herunter. Nielsen spielt ebenfalls Conan, Bergman spielt die übliche grausame Herrscherin ohne irgendwelche Besonderheiten. Am „anspruchsvollsten“ scheint mir noch das verbale Hin & Her zwischen Smith und Reyes zu sein, was auch schon einiges aussagt. Positiv hervorzuheben ist immerhin die Choreografie der Kämpfe: Die Erfahrung aus den „Conan“-Filmen macht sich hier bezahlt. Einziger Wermutstropfen: Die Fechterei zieht sich teilweise ganz schön in die Länge. Überhaupt hat man sich bald daran sattgesehen, weil das Drumherum einfach zu dumpf ist. Man merkt förmlich, wie versucht wurde, den Film mittels zünftiger Prügeleien zu strecken, weil es beim Rest an allen Ecken und Enden gefehlt hat.

Ausstattung und Ton retten vor der World of Shame.

Bevor ich zum Schluss komme, möchte ich aber ein kleines Lob aussprechen: „Red Sonja“ beeindruckt wie seine quasi-Vorgänger mit wunderbaren Landschaftsaufnahmen. Es ist kaum zu glauben, wie viel Atmosphäre die Optik schafft (gedreht wurde übrigens hauptsächlich in Italien). Dazu passen auch die Kulissen, die das hyborische Zeitalter schön ins Bild setzen. Die Kostüme sind zwar nicht ganz so gelungen, aber immerhin noch im grünen Bereich. Und auch der Soundtrack vom legendären Ennio Morricone weiß zu gefallen, zieht im Vergleich zu dem, was man in „Conan“ zu hören bekommt, allerdings klar den Kürzeren. So oder: An Barbaren-Atmosphäre fehlt es „Red Sonja“ nicht, wodurch die inhaltlichen Schwächen umso eklatanter hervorstechen.

Letztlich würde ich die knapp anderthalb Stunden, die ich gestern mit „Red Sonja“ verbracht habe, trotz alledem nicht als komplett verschwendet verbuchen. Es macht meiner Meinung nach durchaus Sinn, sich ab und an etwas anzusehen, von dem man früher begeistert war – und sei es nur, um die eigene Sichtweise zu hinterfragen. Bei „Conan“ ist es so, dass ich nach wie vor der Meinung bin, dass wir es speziell im Falle von Teil 1 mit großer Unterhaltung zu tun haben. Bei „Red Sonja“ hingegen… naja, ich habe es ja ausführlich beschrieben. Was mich wirklich interessieren würde: Wie sieht den Film jemand, der ihn anno 2021 erstmals zu sehen bekommt? Wie sehen ihn andere Leute, die ihn – wie ich – damals mochten und seither nicht mehr gesehen haben? Ich muss wohl mal bei meinen Freunden nachhaken, obwohl mir gar nicht so viele einfallen wollen, die „Red Sonja“ damals zu schätzen wussten…

Gesamteindruck: 2/7


Originaltitel: Red Sonja.
Regie:
Richard Fleischer
Drehbuch: Clive Easton, George MacDonald Fraser
Jahr: 1985
Land: USA
Laufzeit: ca. 85 Minuten
Besetzung (Auswahl): Brigitte Nielsen, Arnold Schwarzenegger, Sandahl Bergman, Paul L. Smith, Ernie Reyes, jr.



FilmWelt: Pfad der Gewalt

In den 1980er Jahren war der Western ein seit vielen Jahren totes Genre. Mag sein, dass „Pfad der Gewalt“ (1987) deshalb nicht für die große Kinoleinwand sondern direkt fürs Fernsehen produziert wurde. Dabei haben wir es hier sowohl qualitativ als auch inhaltlich mit einem durchaus passablen Film zu tun, der zwar ein sehr konventionelles Wild-West-Abenteuer erzählt, dabei aber die romantisch-idealisierten Klischees seiner (Vor-)Vorgänger weitgehend vermeidet.

Gesamteindruck: 4/7


Ein Raubein mit Charme.

Wer nach dem englischen Titel „The Quick and the Dead“ sucht, sei gewarnt: „Pfad der Gewalt“ ist der chronologisch dritte Film, der diesen Titel trägt, allerdings der erste Western. Ein weiterer, der inhaltlich nichts mit vorliegendem Streifen zu tun hat, folgte 1995 (deutsch: „Schneller als der Tod“, ein Film von Sam Raimi mit großem Staraufgebot). Dass man den richtigen „The Quick and the Dead“ ausgesucht hat, erkennt man übrigens leicht am markanten Gesicht auf dem Cover, das auch von diversen Streaming-Diensten als Vorschaubild verwendet wird: Sam Elliot, schnauzbärtiger Held vieler Filme (vorwiegend aus dem Western-Genre, einem breiteren Publikum vielleicht auch als Der Fremde aus „The Big Lebowski“, 1998, bekannt) spielt hier die Hauptrolle.

Worum geht’s?
In Wyoming ist in den 1870er Jahren noch wenig von Recht und Ordnung, die an der Ostküste von Nordamerika bereits eingekehrt sind, zu bemerken. Ausgerechnet hier möchte sich Duncan McKaskel, ehemaliger Soldat und mittlerweile Pazifist, mit seiner Familie ansiedeln. Als er sich mit einer Bande von Gesetzlosen anlegt, bekommt er unerwartet Hilfe vom raubeinigen und im Westen erfahrenen Con Vallian, der allerdings auch ein Auge auf die schöne Frau des Siedlers geworfen hat…

Bevor wir auf den Inhalt eingehen ist vielleicht eine kurze Einordnung des Genres angebracht. Grundsätzlich kann man „Pfad der Gewalt“ ruhigen Gewissens als Spätwestern abheften – immerhin lag die Hochzeit der klassischen Western in den 1950ern. Andererseits ist die große Zeit der Spätwestern meinem Verständnis nach auch eher in den 1960er bis 70er Jahren zu finden, als derartige Filme deutlich regelmäßiger produziert wurden, als in späteren Jahrzehnten. Insofern würde ich die Genrebeiträge ab den 1980ern eher als einzelne Western sehen, die zwar ebenfalls „spät“ erschienen sind, aber nicht wirklich im Zusammenhang mit klassischen Spätwestern stehen. Zumindest zeitlich – betrachtet man das Subgenre des Spätwesterns hingegen inhaltlich, also in Bezug auf Motive und Charaktere, setzen praktisch alle moderneren Produktionen diese Tradition (und nicht den klassischen Western der 1950er, den heute wohl auch niemand mehr sehen möchte) fort. Kompliziert? Mag sein, aber „Pfad der Gewalt“ ist auf der erste Western, den ich mir seit vielen Jahren bewusst angesehen habe, sodass ich es als lohnend empfunden habe, mich für diese Rezension zunächst ein wenig mit diesem alt-ehrwürdigen Genre auseinanderzusetzen.

So viel zur grauen Theorie – in der Praxis ist „Pfad der Gewalt“ eine recht eigenwillige Mischung: Einerseits ist der Film erdig, nüchtern und vollkommen humorlos, andererseits hat er mit dem Versprechen einer sorgenfreien Zukunft im Gelobten Land (wenn man nur gemeinsam alle Probleme überwindet) auch Ansätze einer idealisierten Wild-West-Romantik. Übrigens ist der Streifen auch nicht allzu hart in der expliziten Gewaltdarstellung (ein bisschen Blut gibt es freilich schon zu sehen), was auch mit dem Status als Fernsehproduktion zu tun haben könnte. All das rückt ihn für meine Begriffe tatsächlich in die Nähe seiner Vorgänger aus den 1970er Jahren, was ihn dann doch wieder zu einem klassischen Vertreter des Spätwesterns macht.

Kein Innovationspreis.

Zu sehen bekommt man selbstverständlich ein paar zünftige Schießereien, die allerdings so gemacht sind, dass man keine Lust verspürt, darin verwickelt zu sein. Abgesehen davon lebt der Film – wie fast alle Klassiker des Genres – massiv von seinen beeindruckenden und wunderbar fotografierten Landschaften. Und auch die Charaktere bzw. speziell deren Zusammenspiel können überzeugen. Zumindest weitgehend – der undurchschaubare Con Vallian ist hervorragend besetzt und gespielt, aber auch Tom Conti weiß als Siedler, der kämpfen könnte, aber nicht zur Waffe greifen mag, zu überzeugen. Kate Capshaw spielt hingegen die für den Western, egal ob früh oder spät, übliche (und vermutlich auch ziemlich realistische) Frauenrolle: Sie sieht hübsch aus, hat ansonsten nicht viel zu sagen, lernt natürlich das Schießen und fühlt sich zum harten Schurken mit dem guten Herzen hingezogen. An dieser Stelle sei auch noch erwähnt, dass die oft wichtige Rolle des Bösewichts nicht sonderlich gut geschrieben ist: Matt Clark spielt den „Doc“ Shabbitt sehr unauffällig, was ich ihm nicht unbedingt anlasten möchte. Ich schätze, dass es eher am Drehbuch liegt, dass das kein Bandit ist, bei dem man die Angst seiner Gegner nachvollziehen kann. Über diese Schwächen kann man aber, so ging es mir zumindest, recht gut hinwegsehen, weil das Augenmerkt klar auf der Beziehung der „Guten“ untereinander liegt.

Letzten Endes ist „Pfad der Gewalt“ nicht mehr und nicht weniger als ein typisches Wild-West-Abenteuer. Das Motiv vom friedliebenden Farmer, der (schuldlos) von Banditen bedrängt wird, macht, so viel ist auch mir als Laie klar, den Film zu keinem Anwärter auf einen Innovationspreis. Dass ein mysteriöser und im westlichen Grenzgebiet erfahrener Fremder den naiv wirkenden Siedlern zu Hilfe eilt, kommt mir auch nicht gerade wie eine bahnbrechende Idee vor. Dennoch liegt es mir fern, dem Werk jeglichen Unterhaltungswert abzusprechen. Im Gegenteil, in ihrer nüchternen Darbietung empfinde ich die Story als durchaus gelungen. Im Endeffekt ist es sogar sehr spannend, auf welche Weise sich die anfangs noch Unterlegenen ihrer Häscher entledigen. Gefühlsmäßig hätte das alles aber schon noch ein bisschen besser ausgearbeitet sein können, dann hätte ich sogar noch einen Punkt mehr springen lassen. Davon abgesehen thematisiert der Film übrigens kaum etwas, das über seine vordergründige Handlung hinausgeht, weder im Guten noch im Schlechten. Wem das – und die nicht überbordende Cowboy-Action – reicht, der wird sich bestens bedient fühlen. Unterm Strich bleibt damit ein Western, der zwar kein Meisterwerk, aber doch sehr solide, spannend und – zumindest einmal – durchaus sehenswert ist.

Gesamteindruck: 4/7


Originaltitel: The Quick and the Dead.
Regie:
Robert Day
Drehbuch: James Lee Barrett
Jahr: 1987
Land: USA
Laufzeit: ca. 90 Minuten
Besetzung (Auswahl): Sam Elliott, Tom Conti, Kate Capshaw, Matt Clark, Kenny Morrison, Patrick Kilpatrick



BuchWelt: The Martian

Andy Weir


„The Martian“, zu deutsch „Der Marsianer“, ist eine moderne Robinsonade. Dieses literarische Motiv scheint nie aus der Mode zu kommen – und weil die Prämisse sattsam bekannt ist, geht es in der Regel vorwiegend um die Qualität der literarischen Umsetzung. So auch bei diesem Roman des US-Autors, Software-Entwicklers und Hobby-Astrophysikers Andy Weir, der seinen Robinson Crusoe Mark Whatney nennt und auf dem Mars stranden lässt.

Gesamteindruck: 5/7


Robinson Whatney.

Wie vermutlich viele Andere auch, habe ich zunächst den gleichnamigen Film von Kult-Regisseur Ridley Scott aus dem Jahre 2015 (in der Hauptrolle: Matt Damon) gesehen. Der hat mir sehr gut gefallen, daher habe ich nicht lange gezögert, als ich unlängst zufällig über die englischsprachige Ausgabe des Romans von Andy Weir gestolpert bin…

Worum geht’s?
Der Mars ist gefährliches Terrain, wie Astronaut Mark Whatney schmerzhaft erfahren muss: Durch einen Sandsturm ist seine Crew gezwungen, die Mission auf dem Roten Planeten nach nur sechs Tagen abzubrechen und zur Erde zurückzukehren – ohne Whatney, der von der Gruppe getrennt und für tot gehalten wird. Allerdings hat der findige Ingenieur/Botaniker überlebt und unternimmt alles, damit das auch so bleibt

„The Martian“ ist der Form und dem Inhalt nach zwar eine ganz traditionelle Robinsonade, mit dem Kampf gegen die Elemente als das alles bestimmende Element. Allerdings ist die Lage, in der sich Mark Whatney befindet, noch verzwickter als die des originalen Robinson: Er ist das einzige Lebewesen (Crusoe hatte wenigstens Tiere) auf einer einsamen Insel, auf der es nicht einmal Luft zum Atmen gibt. Das ist im Wesentlichen aber der einzige Unterschied, denn beide Figuren eint ihr unbedingter Überlebenswille und ihr Improvisationstalent. Und noch eines haben die beiden Bücher, die aus so unterschiedlichen Epochen stammen, gemeinsam: Sie lesen sich fantastisch und sind ähnlich flott geschrieben.

Ein lässiger Held.

In punkto Unterhaltungswert kann man Andy Weir wahrlich wenig vorwerfen: „Der Marsianer“ hat praktisch keine Längen, ist immer spannend und – auch nicht zu unterschätzen – sehr humorvoll geschrieben. Das Buch ist außerdem ein echter Pageturner, was geschickt platzierten Cliffhangern zu verdanken ist. Zum insgesamt locker-flockigen Lesegefühl trägt wohl auch bei, dass das eigentlich bedrückende Gefühl der Isolation, das die Robinsonade ja eigentlich ausmacht, immer wieder durchbrochen wird: Der Großteil des Buches besteht aus Tagebuch-Einträgen der Hauptfigur, die natürlich in der Ich-Form verfasst sind. Demgegenüber wird zwischendurch erzählt, was auf der fernen Erde passiert und auch der eine oder andere Abstecher zu Whatneys Kameraden, die sich auf dem Rückweg dorthin befinden, ist dabei.

Das würde eigentlich überhaupt nicht stören, würde es nicht gleichzeitig offenlegen, dass sowohl die Crew in ihrem Raumschiff als auch das NASA-Personal charakterlich tiefgründiger wirkt, als der einsame Held. Das hat wohl damit zu tun, dass wir von Mark Whatney nur das hören, was er seinem Tagebuch anvertraut, während der Rest der Charaktere von einem allwissenden Erzähler beschrieben wird. Whatney liegt anscheinend nicht viel daran, in seinen Aufzeichnungen emotional rüberzukommen, was zwar logisch ist, im Roman aber recht befremdlich wirkt. Denn Andy Weir lässt Whatney sehr locker und humorvoll mit einer praktisch ausweglosen Situation umgehen. Im Gegensatz zu Robinson Crusoe scheint er kaum unter seiner Isolation zu leiden (zumindest vertraut er es nicht seinem Tagebuch an, wenn es wirklich so ist); gibt es Probleme, schiebt er sie mit einem lockeren Spruch zur Seite. Ich denke, dass aus dieser lässigen Art auch die Leichtigkeit der Lektüre entspringt – an sich kein Fehler, aber ich möchte dennoch festhalten, dass Mark Whatney dadurch nicht ganz so realistisch wirkt, was in Kontrast zur detailliert und ernsthaft beschriebenen, technischen Komponente des Buches steht.

Realismus vs. Super-Intellekt.

Woran man sich außerdem nicht stören darf, wenn man dieses Werk genießen will: Die Technik, die auf dem Mars eingesetzt wird, ist an und für sich wohl nicht weit von dem entfernt, was wir schon jetzt haben. Das scheint tatsächlich alles Hand und Fuß zu haben und dem Autor gebührt großes Lob für die Recherche – und vor allem auch dafür, wie komplizierte Vorgänge dem Laien nähergebracht werden. Ich glaube gelesen zu haben, dass „Der Marsianer“ irgendwo auch als Sachbuch ausgezeichnet wurde – dem kann ich nur zustimmen, das hier ist wirklich ein lehrreiches Werk. Gleichzeitig hat man – ganz im Gegensatz zum originalen Robinson Crusoe – bei Mark Whatney nicht das Gefühl, man könnte eine solche Lage selbst meistern. Whatney ist eine Art Universal-Genie und kommt auf die tollsten Ideen. Schon klar, nur die Besten werden auf den Mars geschickt, aber das, was uns Andy Weir hier auftischt, liest sich – zumindest für mich als Laien – doch sehr übertrieben. Dazu trägt auch bei, dass er, wenn man so will, hinter jeder Ecke eine neue Falle (oder technische Fehlfunktion) für Whatney lauern lässt. Bis das Buch vorbei ist, ist man tatsächlich ein wenig übersättigt, was vermeintlich ausweglose Situationen, Un- und Zwischenfälle betrifft.

Im Endeffekt spielt das alles aber keine große Rolle, denn „Der Marsianer“ hat mich ganz ausgezeichnet unterhalten. Das hier ist verschriftlichtes Popcorn-Kino im besten Sinn: Actionreich, humorvoll und lässig. Gleichzeitig, und das ist der eigentliche Clou, bietet das Buch auf technischer Ebene sehr viel Tiefgang. Eine interessante Kombination in der Tradition von z. B. Michael Crichton, an der ich persönlich wenig auszusetzen finde. Etwas mehr Charakter hätte man Mark Whatney noch spendieren können, dann hätte es locker mit einer noch höheren Wertung geklappt. Aber auch so kann ich dieses Buch jedem, der Interesse an realistischer Science Fiction hat, ohne zu zögern empfehlen.

Gesamteindruck: 5/7


Autor: Andy Weir
Originaltitel: The Martian.
Erstveröffentlichung: 2011
Umfang: ca. 430 Seiten
Gelesene Sprache: Englisch
Gelesene Version: Taschenbuch

SpielWelt: The Wolf Among Us

Ist es eigentlich eine Bildungslücke, wenn man anno 2020 zum ersten Mal überhaupt ein Adventure von Telltale Games gespielt hat? Wenn ja: Schande über mich, denn „The Wolf Among Us“ war tatsächlich meine erste Bekanntschaft mit dem 2018 geschlossenen Studio. Und, soviel vorweg, es hat sich durchaus gelohnt!

Gesamteindruck: 5/7


Einmal möcht‘ ich ein Böser sein.

Der Name Telltale war mir als gelegentlicher Leser von Spielezeitschriften zwar ein Begriff. Mir war allerdings nicht bewusst, dass dort beispielsweise das ursprünglich bei LucasArts gestartete Adventure „Sam & Max“ fortgeführt wurde. Von Telltale stammen auch Serien wie „The Walking Dead“ und „Batman“, die ich allerdings ebenfalls nie gespielt habe. Telltale waren demnach auf Episoden-Veröffentlichungen spezialisiert – und ich kann mir vorstellen, dass mir das nicht sonderlich gefallen hätte, wenn ich die Spiele direkt nach Veröffentlichung hätte spielen wollen. Das aber nur am Rande, mittlerweile kann man Episoden-Spiele wie „The Wolf Among Us“ ohnehin bequem und recht günstig in Bausch und Bogen kaufen.

Der Inhalt in Kurzfassung
Im Manhattan der 1980er Jahre leben, von der Menschheit unerkannt, die „Fables“, Figuren aus verschiedensten Märchen, Fabeln und Legenden. Mittendrin: Der ehemalige große, böse Wolf, der mittlerweile als Sherriff Bigby Wolf in Menschengestalt für Recht und Ordnung in der Fable-Community sorgt.  

Man sollte sich von oben geschildertem Rahmen nicht täuschen lassen: „The Wolf Among Us“ ist nichts für Kinder. Und auch zartbesaitete Erwachsene mögen sich einen Besuch in Fabletown gut überlegen. Denn „The Wolf Among Us“ ist alles andere als zimperlich – und das auf allen Ebenen und ausgesprochen plakativ: Körperlich geht es mit Schusswaffen und Messern, aber auch mit Klauen und Zähnen zur Sache, was praktisch immer entsprechend blutig endet. Aber auch die Story nicht geeignet, düstere Gedanken zu vertreiben – ganz im Gegenteil, ein „… und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage“ gibt es hier nicht. Um die Sache komplett zu machen, wird all das außerdem von Dialogen begleitet, die alles andere als zartfühlend sind. Das böse F-Wort kommt praktisch in jedem zweiten Satz vor und auch sonst bedienen sich die Charaktere einer recht derben Ausdrucksweise.

Vorlage dafür ist die 150 Ausgaben starke Graphic Novel „Fables“. Die kenne ich persönlich zwar nicht, aber ich vermute, dass auch dort dieser ausgesprochen düstere Grundton vorherrscht. Eine andere Assoziation, die das Setting bei mir geweckt hat, ist die Amazon-Serie „Carnival Row“, die ein auf einer ähnlichen Prämisse beruht.

Nicht ganz klassisches Adventure.

Nach diesen warnenden Worten, die eh niemand beherzigen wird, ist es nun Zeit, zum Spiel selbst zu kommen. „The Wolf Among Us“ ist im Wesentlichen ein Point & Click-Adventure. Wobei man gleich an dieser Stelle festhalten muss, dass man sich hier keine fantasievollen Rätsel im Sinne der alten LucasArts- oder Sierra-Abenteuer erwarten darf. Denn eines ist „The Wolf Among Us“ im Gegensatz zu „Monkey Island“ & Co. definitiv nicht: Schwierig. Im Gegenteil, man hat kaum Möglichkeiten, überhaupt etwas zu tun. Klickbare Gegenstände werden angezeigt, sind aber eher dünn gesät. Es gibt ein (umständliches) Inventar, das kaum jemals gebraucht wird. Dazu kommt eine Reihe von QuickTime-Events, die zu absolvieren sind – manche davon können immerhin tödlich ausgehen, was aber nicht weiter tragisch ist, weil das Spiel dann automatisch den letzten Checkpoint lädt, der in dem Fall nie weit zurück liegt.

Viel Hirnschmalz und Reaktionsschnelligkeit verlangt das Spiel also nicht. Gelegentlich hat man – und das ist ein Vorteil gegenüber den alten Adventures – allerdings harte Entscheidungen zu treffen, die den Spielverlauf zumindest ein wenig beeinflussen. So muss man an einer Stelle beispielsweise diesen oder jenen Ganoven verfolgen, was bedeutet, dass der jeweils andere unweigerlich entkommt und wer weiß was anstellt. Derartige Situationen erhöhen nicht nur den Wiederspielwert, sondern sind tatsächlich eine Frage der Moral und sorgen dafür, dass der Spieler emotional fast schon Rollenspiel-artig tief in das Programm gezogen wird.

Die Atmosphäre stimmt.

Dass die Identifikation mit den Anti-Helden, die uns „The Wolf Among Us“ präsentiert, so gut gelingt, liegt vor allem an zwei Punkten: Einerseits macht Entwickler Telltale seinem Namen alle Ehre und setzt eine packende Story gut für den Computer um – etwas, das man beileibe nicht von allen Lizenzspielen sagen kann. Das würde allerdings nicht viel nutzen, wenn dem andererseits die Charakterzeichnung nachstehen würde – die ist aber ebenfalls hervorragend gelungen. Vor allem der grummelige, kettenrauchende und wie ein Rohrspatz fluchende Hauptdarsteller Bigby Wolf ist einfach grandios – zumindest dann, wenn man auf solche Raubeine (mit gutem Kern) steht. Wer das nicht tut, wird das Spiel ohnehin recht schnell wieder beiseitelegen.

An dieser Stelle muss man im Übrigen ein weiteres Lob aussprechen: Die Sprecher sind großartig, es gibt keinen, der irgendwie abfällt. Zumindest nicht in der von mir gespielten englischen Variante, wie es in der deutschen Synchronisation aussieht, weiß ich nicht. Die Krux sind wie so oft die Emotionen – an denen bzw. am Fehlen derselben kann die komplette Atmosphäre eines Spieles zerschellen. In „The Wolf Among Us“ ist dem nicht so, sondern – ich wiederhole mich – jeder einzelne Sprecher schafft es, seine Rolle und seine Dialoge unglaublich passend rüber zu bringen. Auch hier ist besonders der Hauptcharakter (im Original gesprochen von Computer-Synchro-Profi Adam Harrington) hervorzuheben, das aber vor allem deshalb, weil man nur diesen Charakter aktiv spielt.

Interessanterweise unterstützt auch die Grafik, die ja im Stile einer Graphic Novel gehalten, also nicht sonderlich realistisch ist, die Atmosphäre perfekt. Man glaubt kaum, wie gut die Dramatik rüberkommt, die Mimik der Figuren ist ja eher rudimentär. Aber die Pausen und die Zooms genau im richtigen Moment unterstützen hier schon sehr gut. Ich weiß übrigens nicht, ob der spezielle Grafikstil, den „The Wolf Among Us“ nutzt, eine Eigenheit von Telltale ist und auch die anderen Adventures dieses Studios wie vorliegendes Programm aussehen.

Wo es hapert.

Nach so viel Lob bleibt natürlich die Frage, warum das Spiel dennoch „nur“ 5 Punkte einheimsen kann. Bereits erwähnt habe ich, dass „The Wolf Among Us“ wenig herausfordernd ist. Das wird zum Teil zwar durch das gute Storytelling ausgeglichen – aber ein bisschen mehr hätte ich dann doch gern zu tun gehabt. Manchmal hat man gar das Gefühl, eine Art interaktiven Film zu sehen, bei dem man ab und an in die Handlung eingreifen kann. Der Anspruch und die Tiefe des Spiels leben entsprechend allein von der Story, nicht von dem, was man selbst als Spieler dazu beitragen muss. Abgesehen davon ist das Spiel, das in fünf Episoden unterteilt ist, für meinen Geschmack zu kurz: Ich habe ziemlich genau 8 Stunden für meinen ersten, kompletten Durchgang gebraucht. Darin sind mehrere verhaute QuickTime-Events enthalten, ansonsten wäre es sich wohl in unter 7 Stunden ausgegangen, nehme ich an.

Unabhängig davon möchte ich noch ein paar technische Aspekte ansprechen: Die Grafik gefällt per se zwar, aber es gibt ab und an grobe Probleme mit der Geschwindigkeit. Kennt man von heutigen Spielen eigentlich kaum noch – aber hier ruckelt es teilweise gewaltig, und das auf einem Rechner, der erst gebaut wurde, als das Spiel schon mehrere Jahre auf dem Markt war. Dazu kommt, dass sich die Charaktere teilweise bewegen, als hätten sie einen Besenstil verschluckt, eine reichlich verhunzte Tastatursteuerung (die man zum Glück eh kaum braucht), hakelige QuickTime-Events und – last but not least – ein extrem knapp bemessenes Zeitlimit, in dem man sich für eine Dialogoption entscheiden muss. Teils ist es sogar so, dass die Zeit abläuft, bevor das Gegenüber die Frage überhaupt zu Ende gestellt hat, man sich also quasi blind für eine Antwort entscheiden soll. Keine Ahnung, was die Designer da geritten hat – ein bisschen Stress ist ja nicht verkehrt, aber das hier ist einfach nur Murks. Erinnert mich ungut an das, was ich vor gar nicht langer Zeit über „Alpha Protocol“ geschrieben habe. A pro pos: Auch dass man nicht frei speichern darf, wird einigen sauer aufstoßen – ich fand’s gerade noch ok, auch wenn die automatischen Speicherpunkte ziemlich unregelmäßig platziert sind (mal spielt man nur 5 Minuten, bis das Spiel speichert, es kann aber auch bis zu 15 Minuten dauern).

Alles in allem reichen mir diese kleinen und größeren Probleme für eine Abwertung auf 5 Punkte. Ein gutes und fesselndes Spiel ist „The Wolf Among Us“ allemal – zumindest für jene, die auf Adventures stehen, bei denen es gerne mal deutlich deftiger zur Sache geht. Ich gehöre dazu und habe tatsächlich ein – Achtung, Wortspiel – Faible für die „Fables“ entwickelt. Wer weiß, vielleicht wage ich mich wirklich nochmal in deren Welt und mache diesmal alles ganz anders. Ein bisschen werde ich allerdings warten, denn gleich nochmal spielen – dafür reicht es dann doch nicht.

Gesamteindruck: 5/7


Genre: Adventure
Entwickler:
Telltale Games
Publisher: Telltale Games
Jahr:
2013 – 2014
Gespielt auf: PC


Screenshots aus „The Wolf Among Us“ – Copyright beim Entwickler!

FilmWelt: Escape – Vermächtnis der Wikinger

„Escape – Vermächtnis der Wikinger“ ist ein selten dämlicher Titel für einen Film, der im Original schlicht „Flukt“, also „Flucht“ heißt. Denn mit Wikingern hat der norwegische Streifen aus dem Jahr 2012 herzlich wenig zu tun, sieht man von ein paar Runen ab, die eine kleine Nebenrolle spielen. Der Verdacht liegt also nahe, dass der deutsche Verleih ein wenig mit den allseits beliebten Kriegern aus dem Norden Aufsehen erregen wollte. 

Gesamteindruck: 3/7


Betörende Bilder, mittelprächtiger Film.

Wie dem auch sei, der unter der Regie von Roar Uthaug (eventuell für den 2018er „Tomb Raider“-Reboot bekannt) entstandene Film ist zumindest über weite Strecken gelungen. Wobei man bei genauerer Betrachtung sagen muss, dass es vorwiegend die atemberaubend schöne Landschaft Skandinaviens ist, mit der „Flukt“ (ich weigere mich, den (neu-)deutschen Titel zu verwenden) punkten kann. Eigentlich wäre auch der Inhalt, der zwei starke Frauenfiguren in den Mittelpunkt rückt, eine gute Sache – allerdings empfand ich das Drehbuch als weniger gut: Zu viele Längen, zu wenig am Punkt, zu belanglos ist das, was uns vor wunderbarer Naturkulisse gezeigt wird.

Inhalt in Kurzfassung
Im mittelalterlichen, von der Pest verheerten Norwegen fällt die Familie der jungen Signe einer Gruppe von Banditen zum Opfer. Sie selbst wird von der Gruppe um Anführerin Dagmar verschleppt und sieht einem ungewissen Schicksal entgegen. Als sie sich schließlich mithilfe eines jungen Mädchens befreien kann, beginnt eine gnadenlose Jagd…

Die Geschichte, die uns „Flukt“ erzählt, ist nichts Neues. Ein Entführungsopfer, das entkommen kann und das sich nach anfänglichem Wegrennen seinen Häschern stellt, ist so oder so ähnlich immer mal wieder zu filmischen Ehren gekommen. Auch, dass die Bösen nicht ganz so übel sind und zumindest bei der Anführerin eine tragische Hintergrundgeschichte angedeutet wird, darf man von heutzutage erwarten.

Die Frage ist also eher, wie dieser sattsam bekannte Inhalt hier umgesetzt wurde. Wenn ich ein Wort finden müsste, das Drehbuch, Dialoge (viel wird übrigens nicht gesprochen) und Handlung zusammenfasst, würde ich wohl „solide“ sagen, wenn ich großzügig bin – wenn ich streng bin, wäre wohl „bieder“ der richtige Ausdruck. Soll heißen: In „Flukt“ passiert kaum Überraschendes oder Außergewöhnliches. Das Tempo ist alles in allem eher gemächlich, fast alles geschieht genau so, wie man es erwartet. Ungewöhnlich ist maximal die plastische Darstellung von Verwundungen, mit der ich in diesem Ausmaß nicht gerechnet hätte. Was nicht heißen soll, das „Flukt“ übermäßig blutig und brutal ist, im Gegenteil – allerdings sind die Kämpfe und Verletzungen realistisch dargestellt, ich würde sie somit als klaren Pluspunkt verbuchen.

… und Gaahl?

Auch auf Seiten der Charaktere regiert eher die Einfachheit. Im Wesentlichen gibt es ohnehin nur zwei Figuren, die überhaupt detaillierter gezeichnet werden – das junge Entführungsopfer und die Anführerin der Bande. Aber auch diese beiden bleiben vergleichsweise blass, viel mehr als die Andeutung einer tragischen Geschichte ist nicht vorhanden. Immerhin sind die schauspielerischen Leistungen aller Beteiligten zufriedenstellend.

An dieser Stelle ein kleiner Sidestep: Jedem, der sich ein wenig in der norwegischen Black Metal-Szene auskennt, wird einer der Bösewichte ziemlich bekannt vorkommen. Denn der Bogenschütze Grim wird von keinem Geringeren als Kristian „Gaahl“ Espedal gespielt (seines Zeichens am ehesten als ex-Sänger der Formation Gorgoroth bekannt, in Wirklichkeit aber künstlerisches Multitalent mit großem historischen Interesse). Viel ist zu dessen Auftritt freilich nicht zu sagen, spricht er doch keine drei oder vier Sätze. Immerhin ist der hoch aufgeschossene und schlanke Schreihals ein krasser Gegensatz zu seinem bärenhaften, untersetzten Kameraden. Alles in allem ein zufriedenstellendes Gastspiel, das weder dem Film noch dem mittlerweile unter die Maler gegangenen Gaahl schadet – und das ist mehr, als man von anderen Musikern in Filmen mitunter behaupten kann.

Natur allein reicht nicht.

Alles, was ich bis geschrieben habe, zeigt: „Flukt“ ist kein großartiger Film, aber auch weit davon entfernt, schlecht zu sein. Einen heimlichen Star gibt es allerdings doch: Die Landschaftsaufnahmen sind, man verzeihe mir das Superlativ, einfach großartig. Wälder, Hügel, Berge und Schluchten im norwegischen Herbst – jedem, der es einmal live gesehen hat, brauche ich nichts zu erzählen. Und jeder, der noch nie vor Ort war, könnte nach Genuss von „Flukt“ den dringenden Drang verspüren, das zu ändern. Hier zeigt sich das Talent von Regisseur Roar Uthaug, der es perfekt versteht, seine schroffe Heimat einzufangen.

Weil „Flukt“ aber keine Dokumentation, sondern ein Spielfilm ist, müssen drei Punkte reichen. Wie gesagt: Verdammen möchte ich den Film nicht, aber ein zweites Mal anschauen werde ich ihn auch nicht, dafür fehlt dann doch eine ganze Schippe an guten Ideen.

Gesamteindruck: 3/7


Originaltitel: Flukt.
Regie: Roar Uthaug
Drehbuch: Roar Uthaug
Jahr: 2012
Land: Norwegen
Laufzeit: ca. 80 Minuten
Besetzung (Auswahl): Isabel Christine Andreasen, Ingrid Bolsø Berdal, Milla Olin, Tobias Santelmann, Gaahl



SpielWelt: Memento Mori

„Memento Mori“ ist ein klassisches Point- & Click-Adventure im modernen Look. Im Wesentlichen bedeutet das für die Spielmechanik: Man lässt seine Spielfigur die großteils statischen Bildschirme absuchen, hebt Gegenstände auf, kombiniert diese entweder miteinander oder mit gewissen Hotspots und löst das eine oder andere Rätsel. Ein Spielprinzip, dass seit vielen Jahrzehnten erprobt ist und sich immer bewährt hat. So auch hier, wenngleich man sich nicht zu viel von diesem Mystery-Thriller der tschechischen Centauri Studios erwarten sollte. 

Gesamteindruck: 3/7


Kunst und Geister.

„Memento Mori“ ist mir zwölf Jahre nach seinem Erscheinen eher zufällig in die Hände gefallen. Ich habe einen Stapel CDs und DVDs, die Computerzeitschriften beigelegt waren, gefunden und muss zu meiner Schande gestehen, dass ich die meisten Titel kein einziges Mal gespielt habe. So auch dieses Werk aus dem Jahre 2008. Nachdem ich zunächst befürchtet habe, dass es auf einem modernen Windows 10-PC nicht funktionieren würde, die Entwarnung: Läuft! Ganz im Gegensatz zur leidvollen Erfahrung mit einigen anderen alten Spielen, deren physische Datenträger entweder gar nicht mehr lesbar sind (weil man kein Diskettenlaufwerk mehr hat) oder die den Dienst aufgrund von Inkompatibilität verweigern. Nun aber genug der Vorrede und zur Sache.

Die Handlung in Kurzfassung
In der Eremitage, dem weltberühmten Museum in St. Petersburg, fallen eines Nachts sämtliche Sicherheitssysteme aus. Auf den ersten Blick scheint nichts gestohlen worden zu sein; und doch stellt sich bald heraus, dass etwas nicht stimmt. Die verantwortlichen Gesetzeshüter wollen, dass die Ermittlungen möglichst wenig Staub aufwirbeln und schicken eine Interpol-Agentin und einen ehemaligen Kunstfälscher los, um die merkwürdigen Geschehnisse aufzuklären…  

Positiv ist zunächst anzumerken, dass man abwechselnd zwei Figuren durch die Handlung führt. Sowohl Polizistin Larisa Svetlova als auch der ehemalige Kunstfälscher Max Durand sind sympathische Charaktere, mit denen man sich als Spieler gut identifizieren kann. Ferner lobenswert: Die verschiedenen Schauplätze, die mit viel Liebe zum Detail umgesetzt wurden – damit sieht „Memento Mori“ trotz seines Alters erstaunlich gut aus. Zumindest, was die Hintergründe betrifft – die Animation der Figuren lässt teilweise etwas zu wünschen übrig, ist aber auch noch im grünen Bereich. Und last but not least ist auch die Geschichte spannend genug, um die Motivation aufrecht zu erhalten, wobei man sagen muss, dass es in diesem Bereich zum Teil auch ein wenig hapert.

Schön ist auch, dass man durch verschiedene Aktionen hin und wieder die Chance hat, den Spielverlauf ein wenig zu ändern. Freilich ist das meist eher Makulatur, aber immerhin sorgt es dafür, dass man zumindest ein klein wenig Wiederspielwert findet. Bei derartigen Adventures ist das ja alles andere als selbstverständlich.

Grottige Synchro und andere Macken.

Screenshot

Warum „Memento Mori“ dennoch kein ganz großer Hit ist, liegt an vielen Kleinigkeiten, die den Gesamteindruck teils empfindlich stören. Ein Beispiel: Die gelungene Grafik steht in krassem Gegensatz zum Sound. Zwar sind Hintergrundgeräusche und Begleitmusik (besonders in einer gewissen Petersburger Bar) gut, die beiden Hauptfiguren wurden außerdem ansprechend synchronisiert. Der Rest der Sprecher ist allerdings vollkommen überfordert und/oder einfach schlecht ausgewählt. Das führt dazu, dass praktisch durchgehend entweder keine Emotionen transportiert werden oder – noch schlimmer – völlig übertrieben gesprochen wird. Manches ist sogar unfreiwillig komisch, beispielsweise pseudo-bedeutungsschwangeren Sätze des Off-Erzählers. All das zusammen ist nicht nur der an sich guten und düsteren Atmosphäre abträglich, ich muss sogar sagen, dass ich eine derart misslungene Synchronisation selten in modernen Spielen gehört habe. Ich weiß leider nicht, ob das auf für andere Sprachen zutrifft – wer die Chance hat, sollte „Memento Mori“ aber nach Möglichkeit nicht komplett in Deutsch spielen.

Screenshot

Dazu kommt, dass das Spiel Probleme mit der Balance hat. Meist ist es kinderleicht – und wenn man mit Logik nicht weiterkommt, versucht man einfach, alle Gegenstände an jedem Hotspot auszuprobieren. Manchmal wird es allerdings geradezu unfair schwierig und man soll Schlussfolgerungen ziehen, die wahnsinnig weit hergeholt scheinen. Oder man hat einfach nicht jede Hotspot-Anzeige bemerkt, was sehr frustrierend sein kann und aus meiner Sicht auch nichts mit einem anspruchsvollen Schwierigkeitsgrad zu tun hat. Letztlich hat bei mir nach dem Spiel aber das Gefühl überwogen, dass mir alles viel zu leicht gefallen ist und ich deshalb recht schnell durch war. Es gibt ja auch gar nicht so viele Schauplätze und Gegenstände, was dieses Gefühl noch verstärkt, ja teilweise kommt man sich fast wie in einem dieser interaktiven Film-Games vor, die Ende der 1990er aufkamen. Dafür sorgen auch zahlreiche Zwischensequenzen, die zwar gut gemacht sind, den Spieler aber auch häufiger zum Zusehen verdammen, als einem lieb sein kann.

Der dritte Punkt betrifft das Design an sich. Glücklicherweise wurde den Spielfiguren die Möglichkeit, zu sprinten beschert – so lassen sich die teils recht langen Wege etwas schneller beschreiten. Dennoch kommen immer wieder Situationen vor, in denen sich Animationen nicht abbrechen lassen, was bei gewissen Trial-and-Error-Rätseln die Geduld stark strapazieren kann. Immerhin gibt es keine Sackgassen, wobei ich einmal einen Bug hatte: Ein NPC war plötzlich nicht mehr ansprechbar, was mich zum Laden eines älteren Spielstandes zwang, danach aber zum Glück nicht mehr auftrat.

Die meisten der genannten Punkte wären etwas leichter verschmerzbar, wenn die Story einigermaßen knackig und spannend wäre. Im Falle von „Memento Mori“ ist sie in Ordnung, reißt aber nicht zu Begeisterungsstürmen hin. Gefühlt haben wir es hier mit einer Mischung aus „Inferno“/„Sakrileg“, „Der Name der Rose“ und „Indiana Jones“ zu tun. Manchmal ist das spannend, am Ende sogar ein bisschen unheimlich, aber zwischendurch gibt es auch immer wieder Längen. All das sorgt in der Kombination dafür, dass „Memento Mori“ schwächer abschneidet, als es die einzelnen Zutaten vermuten lassen. Ein nettes Spielchen ist es trotzdem, man ist zwar recht schnell durch, aber für einige Zeit ganz gut unterhalten. Unbedingt gespielt haben muss man es meines Erachtens nicht.

Screenshot

Gesamteindruck: 3/7


Genre: Adventure
Entwickler: Centauri Production
Publisher: Dtp entertainment (für Deutschland)
Jahr:
2008
Gespielt auf: PC


SerienWelt: Lost In Space (ab 2018) – Staffel 2

Staffel 1 von „Lost in Space“ (ein Remake einer TV-Serie der 1960er, weiterführende Links dazu gibt es in der entsprechenden Rezension) hatte meines Erachtens an mehreren Fronten mit Problemen zu kämpfen. Trotz eines vielversprechenden Starts schaffte es die Serie um eine im Weltraum gestrandete Familien nicht, nachhaltig zu begeistern – das Drehbuch war über weite Strecken hanebüchen, es war praktisch unmöglich, sich mit den Figuren vernünftig zu identifizieren und weite Teile der Präsentation waren ein einziges Klischee. Dennoch hoffte ich auf Besserung in Staffel 2 – ob sich die Hoffnung erfüllt hat oder woran es diesmal hakt, versuche ich in folgender Rezension herauszuarbeiten.

Gesamteindruck: 3/7


Keine Besserung in Sicht.

Ja, das Drama. Es ist aus modernen Serien nicht wegzudenken. Egal, ob das Genre nun Science Fiction (Star Trek: Picard), Fantasy (Game of Thrones), Horror (Spuk in Hill House) oder …ähem… Drama („Das Boot“) heißt – immer haben die Figuren neben ihrer meist sehr klassischen Mission (der Kampf gegen das Böse, die Rettung der Menschheit, der Welt, der Galaxis oder des Friedens) mit einer Vielzahl an privaten Problemen zu kämpfen. Ich bin beileibe kein Gegner dieser Herangehensweise, hat sie uns doch in vielen Fällen einen bisher im Serienbereich nicht gekannten Tiefgang beschert. Dennoch: Es gelingt manchmal besser, manchmal schlechter, komplexe persönliche Beziehungen darzustellen. „Lost in Space“ zeigt leider auch in Staffel 2, wie es nicht geht.

Inhalt in Kurzfassung
Einige Monate nach den Ereignissen von Staffel 1 sitzt die Familie Robinson gemeinsam mit Erzfeindin Dr. Smith und Techniker/Schmuggler/Soldat Don West nebst Huhn Debbie auf einem lebensfeindlichen Planeten fest. Ihrem Raumschiff fehlt es an Energie, sodass ein Entkommen unmöglich scheint – bis sie ein Naturphänomen entdecken, dass die Lösung ihrer Probleme sein könnte.

Freilich liegen die Schwierigkeiten der Serie nicht darin, dass sie die brave und nette Familie aus den 1960ern mit Ecken und Kanten versieht. Zumindest nicht vordergründig – sieht man genauer hin, merkt man hingegen recht schnell, dass der in „Lost in Space“ laufend zelebrierte Familienzwist großteils Fassade ist und, wenn es gerade ins Drehbuch passt, geflissentlich ignoriert wird. Für mein Gefühl will man die Robinsons gar nicht als zerstrittene und dysfunktionale Familie darstellen, „muss“ es aber tun, um modernen Anforderungen an eine Serie gerecht zu werden. Das Ergebnis ist ein ständiges Auf und Ab aus Streit und Versöhnung, aus „wir haben uns alle lieb“ und „wir gehen uns ganz fürchterlich auf die Nerven“. Letztlich überwiegt meines Erachtens der Ansatz, dass die Familie zusammenhält und nur so alles schaffen kann. Klingt wie ein klebrig-süßes Klischee aus Amerika? Ist es auch, wäre aber dennoch gar nicht so verkehrt, wenn es nicht dermaßen aufgesetzt rüberkommen würde.

Denn, und auch daran hat sich seit Staffel 1 nichts geändert: Das Drehbuch erfindet ständig neue Bedrohungen und Gefahren, scheinbar mit dem einzigen Ziel, die Familienmitglieder zur Zusammenarbeit zu zwingen. Häufig passiert das zu allem Überfluss auch noch mit mit dem Holzhammer, Subtilität ist und bleibt in „Lost in Space“ Mangelware. Wer die erste Staffel gesehen hat, weiß, was das bedeutet: Durchgehend explodiert irgendwo irgendwas und die Robinsons sind die einzigen, die wahlweise sich selbst oder allen anderen helfen können. Gelingt das nicht auf Anhieb, gibt es einen deus ex machina, der naturgemäß immer wieder Löcher in der eh schon fragilen Logik der Serie hinterlässt. Erklärungen bleibt man dann meist schuldig.

Ein Beispiel: Vater John Robinson stürzt in einen tiefen Schacht, bleibt schwer verletzt liegen. Retten kann ihn – natürlich – nur seine Stieftochter Judy, die auf dem Weg zu ihm vor allerlei Probleme gestellt wird. Zum Glück ist sie ein wahres Wunderkind und schafft es gerade noch rechtzeitig zum Verwundeten. Klingt ein bisschen oberflächlich und an den Haaren herbeigezogen? Für mich schon – und Sinn der Sache ist letztlich nur, eine „Ausrede“ zu haben, wie man in Rückblenden auf die Beziehung zwischen John und Judy eingehen kann. Nicht falsch verstehen: Das kann man schon mal so machen. In „Lost in Space“ ist das aber ein dermaßen inflationär verwendetes Muster, dass ich nur den Kopf schütteln kann. Die eigentlich brauchbare Idee, sich Gedanken über das Verhältnis zwischen Familienvater und adoptierter Tochter zu machen, wird vollkommen durch den kurios-dramatischen Rahmen, den so etwas heutzutage offenbar immer haben muss, überdeckt. So etwas kann man doch auch subtiler lösen, sollte man zumindest annehmen.

Kaum Charakterentwicklung.

An dieser Stelle sei – wenn auch eher am Rande – erwähnt, dass die Charaktere seit Staffel 1 kaum weiterentwickelt wurden. Die Versuche, das zu tun, erschöpfen sich großteils in Minidramen, wie ich es im obigen Beispiel dargestellt habe. Eine Ausnahme ist Dr. Smith, der ein paar neue Persönlichkeitsaspekte verpasst wurden – deren Eingliederung in das Robinson-Kollektiv lässt einen allerdings permanent am Geisteszustand der Familie zweifeln.

Deutlich verändert hat sich allerdings die Situation zwischen Will Robinson und seinem zu Staffelbeginn noch verschollenen Roboterfreund. Leider haben die Autoren auch hier nicht das richtige Erzähltempo gefunden – es ist ja von vornherein klar, dass es zu einer Wiedervereinigung kommen muss. Der Weg dorthin ist allerdings dermaßen zäh, dass man relativ schnell das Interesse verliert und sich dann über das tatsächliche Wiedersehen nicht so richtig freuen kann. Apropos Roboter: Dass es mehr als einen gibt, wurde in Staffel 1 ja bereits angedeutet. Staffel 2 liefert dazu einige Erklärungen nach, bleibt dabei aber stellenweise so vage, dass eher Verwirrung statt Aufklärung betrieben wird. Auch hier: Schade, denn genau an dieser Stelle wäre gutes Science Fiction-Potential vorhanden gewesen.

Optik bleibt größer Pluspunkt.

Den positivsten Faktor an „Lost in Space“ möchte ich abschließend aber auch noch erwähnen: Staffel 2 sieht für mein Dafürhalten sogar noch besser aus, als der Auftakt. Falls das überhaupt möglich ist – schon in Staffel 1 war die Optik unglaublich gut. Wie aber hier Planeten, Lebewesen, Raumschiffe, der Weltraum, Roboter usw. auf den Schirm gebracht wurden, ist einfach grandios. Allein die Wassserwelt, auf der die Robinsons zu Staffelbeginn gestrandet sind zeugt von einem sehr, sehr guten Gespür für die passende Optik. Zu schade, dass der Rest des Programms nicht ansatzweise mithalten kann.

Staffel 3 wird es 2021 wohl geben, die Gerüchte sagen allerdings, dass danach Schluss sein soll. Ich nehme jedenfalls an, dass ich der Vollständigkeit halber dabei bleiben werde. Wobei, wenn ich es mir recht überlege, hätte ich Staffel 2 ohne die derzeit verhängten Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus (wie sich das wohl in ein paar Jahren lesen wird?) vermutlich bis heute nicht gesehen. Und wenn ich an den Cliffhanger zum Abschluss von Staffel 2 denke, befürchte ich noch mehr Familiendrama. Naja, lassen wir uns überraschen. 3 von 7 Punkten für eine Staffel, die weder besser noch schlechter als die Erste ist.

Gesamteindruck: 3/7


Originaltitel: Lost In Space
Idee: Matt Sazarma, Burk Shapless
Land: USA
Jahr: 2018-
Episoden: 10
Länge: ca. 40-65 Minuten
Gesehen auf: Netflix
Haupt-Besetzung: Toby Stevens, Molly Parker, Taylor Russell, Mina Sundwall, Maxwell Jenkins, Parker Posey, Ignacio Serricchio, Brian Steele