MusikWelt: Theater of Salvation

Edguy


Mit „Vain Glory Opera“ (1998) schafften Edguy, bis dahin eher Geheimtipp und/oder Regionalgröße, auch international den Durchbruch. Dafür sorgten geradlinige, sehr eingängige Power Metal-Hymnen mit einem Schuss Dramatik und, ja, auch jener Portion Kitsch, den die Fans damals einfach liebten und für den man den Bands bis heute nicht so richtig böse sein mag. Nur ein Jahr später legten die Fuldaer dann mit „Theater of Salvation“ das nächste Album vor. Manche sagen, es wäre das Beste, das sie bis heute hinbekommen haben; eine Ansicht, die nicht von ungefähr kommt.

Gesamteindruck: 7/7


Nach der Oper ins Theater.

Streitet man sich in der Hochkultur eigentlich darüber, ob das Theater oder die Oper die wichtigere, dramatischere oder sonst wie überlegene Kunstform ist? Ich weiß es nicht… Im Falle von Edguy kann ich hingegen berichten, dass „Theater of Salvation“ seinen Vorgänger „Vain Glory Opera“ in Sachen Dramatik übertrifft. Das Songwriting ist deutlich ausgereifter und komplexer, zum Teil hört man hier genau jene Ideen heraus, die zwei Jahre später auf „The Metal Opera“ von Avantasia endgültig aus dem Bandgefüge von Edguy herausgelöst werden sollten. Namentlich betrifft das neben dem Intro vor allem die abschließenden Tracks „The Unbeliever“ und „Theater of Salvation“, die klingen, als wären sie für das spätere Herzensprojekt von Tobias Sammet geschrieben worden. Nicht nur wegen der Texte und des neo-klassizistischen Songwritings, sondern auch und vor allem, weil man das Gefühl hat, der Edguy-Boss hätte diese Nummern im Hinblick auf die Intonierung mit zusätzlichen Stimmen komponiert (was ja ein Markenzeichen von Avantasia ist). In der Rückschau kommt es mir regelrecht merkwürdig vor, dass sich speziell beim Titeltrack niemand das Mikro mit Sammet teilt (und dass das damals niemandem aufgefallen sein soll). 😉

So oder so: „Theater of Salvation“ ist einer der am besten komponierten Langstrecken-Songs, den es von Edguy zu hören gibt (er wäre übrigens auch bei Avantasia ganz weit vorn dabei – und damit lasse ich es nun endgültig gut sein, was diese Vergleiche betrifft). Grandios, welche Epik und Dramatik Sammet für diese Nummer in Noten gegossen hat – übrigens komplett im Alleingang. Die Chöre, die Dynamik, die Instrumentierung (die trotz allem Bombast immer noch ihren Heavy Metal-Charme hat), die Lyrics – all das zusammen ergibt eine schlichtweg fantastische Achterbahnfahrt über 14 Minuten.

Abgesehen von diesem großen Moment, der zeigt, was für ein Ausnahmetalent Tobias Sammet als Sänger, vor allem aber als Komponist ist, stehen auf „Theater of Salvation“ gleich mehrere meiner All-time Favorites von Edguy: „Babylon“ ist meiner Ansicht nach bis heute eine der besten Power Metal-Nummern, die es gibt. Für mich ist das ein Song, der, vielleicht neben „The Dragon Lies Bleeding“ (HammerFall), wie kein anderer das positive Gefühl und die allgemeine Aufbruchsstimmung in der Szene Ende der 1990er repräsentiert. In leicht geringerem Ausmaß gilt Ähnliches für „The Headless Game“ und „Wake Up the King“, die eine bestens aufgelegte Band zeigen und mittlerweile zu Recht als Klassiker gelten.

Etwas mehr Zeit brauchen die Nummern nach der Halbzeit. Speziell gilt das für „Holy Shadows“, das bei mir in den Jahrzehnten, seit „Theater of Salvation“ erschienen ist, immer ein Schattendasein geführt hat – bis zu den aktuellen Re-Listenings für diese Rezension. Da hat es plötzlich geklickt und seither finde ich den Song sehr stark. „Falling Down“ und „Arrows Fly“ sind hingegen nett anzuhören, aber nichts, was über das hinausgeht, das man im Lehrbuch über das Schreiben einer ganz klassischen Power Metal-Nummer lesen kann. Wobei dazu gesagt werden muss, dass Edguy zumindest ein wenig an eben jenem Buch mitgeschrieben haben. Dennoch, mit den restlichen Krachern können diese beiden Tracks nicht ganz mithalten.

Balladeske Momente.

Noch nicht erwähnt habe ich die zwei Balladen, die auf dem Album zu finden sind. Richtig gelesen, es sind gleich zwei Songs aus einer Disziplin, die immer mal wieder belächelt wird. Tobias Sammet dürfte von seinem balladesken Talent bis heute voll und ganz überzeugt sein, was ich nicht in Frage zu stellen wage. Als Fan seiner frühen Arbeiten kann ich zumindest sagen, dass ich nicht immer mit seinen langsamen Ohrenschmeichlern einverstanden war und bin. Und so ist es auch auf „Theater of Salvation“: „Another Time“ ist eine klassische Piano-Ballade, kommt ohne Metal-Instrumentierung aus – und ist ein ziemlicher Schmachtfetzen. Ab und an mag man in der Stimmung dafür sein, aber mir persönlich ist das einfach zu viel des Guten. Nett anzuhören: Ja. Essenziell: Nein.

Ganz anders „Land of the Miracle“, das man im Gegensatz dazu aber eher unter dem Begriff „Power Ballade“ einordnen sollte, denn hier gibt es Gitarrenriffs und ein Solo. Unabhängig davon: Ich weiß, ich habe jetzt schon einige Male Phrasen wie „das Beste“ u. ä. verwendet, dennoch bleibt es mir nicht erspart… „Land of the Miracle“ gehört aus meiner Sicht zu den besten Vertretern seiner Zunft. Wenn mir jemand sagen würde, ich solle die besten 10 Metal-Balladen der Welt notieren (zum Glück hat mich noch nie jemand gefragt, da wären sehr harte Entscheidungen zu treffen), würde ich „Land of the Miracle“ zumindest einen Platz unter meinen Top 3 zutrauen. Der Text ist gut (klar ist er cheesy, das darf er in dieser Disziplin aber schon auch sein, finde ich), vor allem aber ist die Nummer einfach dermaßen geil komponiert, dass mir die Superlative ausgehen. Die ruhige Einleitung mit Klavier, dann die stoischen Riffs, die doppelläufigen Gitarrenleads, der bombastische Refrain sowie der sich dramatisch steigernde Verlauf, der mit einem hörenswerten Kanon und einem A-Capella-Chorus im Finale seinen Höhepunkt findet – das alles und, am wichtigsten, wie diese Elemente ineinander greifen und verwoben sind, führt zu meiner kaum zu bändigenden Begeisterung. Keine Ahnung, was Tobias Sammet diesen Geistesblitz beschert hat, aber hier hat er sich wirklich selbst übertroffen.

Damit kann ich auch für „Theater of Salvation“ nur die Höchstwertung zücken. Das Album unterhält von vorne bis hinten irrsinnig gut. Das war auch schon bei „Vain Glory Opera“ so, diesmal ist die Sache aber ein wenig anders. Denn im Gegensatz zu seinem Vorgänger, der mit schneller und einfacher Zugänglichkeit für gute Laune sorgt, gibt es auf vorliegender Platte auch einiges zu entdecken, was die Halbwertszeit deutlich erhöht. Wenn man unbedingt ein Haar in der Suppe finden möchte, wären das wohl die manchmal allzu ausufernden Wiederholungen der Refrains (z. B. in am Ende von „Babylon“). Weil die aber sehr gut geschrieben sind, hält sich der Ärger darüber in Grenzen – zu Abnutzungserscheinungen kann es aber mitunter schon führen.

Sehr, sehr schön gemacht, Edguy!

Gesamteindruck: 7/7 


NoTitelLängeNote
1The Healing Vision1:115/7
2Babylon6:107/7
3The Headless Game5:316/7
4Land of the Miracle6:327/7
5Wake Up the King5:437/7
6Falling Down4:365/7
7Arrows Fly5:036/7
8Holy Shadows4:317/7
9Another Time4:074/7
10The Unbeliever5:476/7
11Theater of Salvation14:107/7
1:03:21

Edguy auf “Theater of Salvation” (1999):

  • Tobias Sammet − Vocals, Keyboards
  • Jens Ludwig − Guitars, Backing Vocals
  • Dirk Sauer − Guitars, Backing Vocals
  • Tobias Exxel − Bass
  • Felix Bohnke − Drums
Bild von: metal-archives.com

Anspieltipp 1: Babylon
Anspieltipp 2: Theater of Salvation
Anspieltipp 3: Land of the Miracle

SerienWelt: Tribes of Europa – Staffel 1

Wie vor gar nicht allzu langer Zeit bei „Dark“ (2017-2020) hat es auch den Verantwortlichen für „Tribes of Europa“ gefallen, einer deutschen Serie einen englischen Titel zu verpassen. Beinbruch ist das natürlich keiner, aber gleichzeitig ist es meiner Meinung nach so etwas wie ein Fingerzeig auf eine der vielen Baustellen dieser stark gehypten Netflix-Serie.

Gesamteindruck: 2/7


Endzeit over Europa.

Eigentlich sollte ich ja längst wissen, dass es nicht immer klug ist, vorab Rezensionen zu lesen – zu voreingenommen geht man danach häufig an Bücher, Filme und Serien heran. Leider (?) konnte ich bei „Tribes of Europa“ nicht widerstehen und habe mich vorher im Netz schlau gemacht. Zwei Dinge waren dabei besonders auffällig: Einerseits der allgemein sehr durchwachsene Tenor in der (deutschen) Community, andererseits ein speziell auf die Sprache der Akteure bezogenes… ich würde fast sagen: bashing. Letzteres hatte ich auch schon in diversen Kommentaren zu „Dark“ herausgelesen, konnte beim Ansehen aber zumindest diesen Teil der Kritik nicht nachvollziehen. Bei „Tribes of Europa“ sieht die Sache allerdings anders aus.

Worum geht’s?
In nicht allzu ferner Zukunft hat die Welt, wie wir sie kennen, zu existieren aufgehört. Nach einem – vermutlich globalen – Blackout gibt es keine Staaten mehr, die Überlebenden der Katastrophe sind in Stämmen, den sogenannten „Tribes“, organisiert. Einer davon sind die „Origines“, die jegliche Technologie ablehnen und versuchen, mit der Natur im Einklang zu leben. Ihre Isolation endet, als eine Art Raumgleiter vom Stamm der „Atlantier“ in der Nähe abstürzt und ein Stück fortschrittlicher Technik, den „Cube“, verliert. Um dieses wertvolle Artefakt bricht bald ein Krieg aus, der viele Leben kostet – und das beschauliche Dasein dreier Geschwister von den Origines für immer verändert…

Ich bin mir nicht sicher, wie sich obige Zusammenfassung für jemanden liest, der die Serie nicht kennt. Selbst für mich, der ich die 6 Folgen, die bis dato erschienen sind, erst unlängst gesehen habe, klingt das nach wirrem Zeug, wenn ich ehrlich bin. Und tatsächlich hat „Tribes of Europa“ große Probleme, die sich – so scheint es mir – sogar in meiner kurzen Inhaltsangabe manifestiert haben. Bevor wir in medias res gehen noch eine Anmerkung: Zum Zeitpunkt dieser Rezension ist vollkommen offen, ob und wie die Serie fortgesetzt wird. Produzent Netflix hält sich derzeit zur Möglichkeit einer oder mehrerer weiterer Staffeln bedeckt, sodass es gut sein kann, dass der Cliffhanger am Ende der sechsten Folge genau das bleibt. Das nur als Warnung – die Handlung ist keineswegs in sich geschlossen, wer damit nicht klarkommt, sollte wohl erst dann mit der Serie beginnen, wenn klar ist, dass es irgendwann auch weitergeht.

Babylonische Sprachverwirrung.

Nun aber zur Sache – und vielleicht beginnen wir mit dem, was ich schon in der Einleitung angedeutet habe: der Sprache. „Origines“, „Tribes“ und „Cube“ sind nur einige der angelsächsischen Begriffe, die in „Tribes of Europa“ nur zu gern verwendet werden. Nun bin ich wirklich niemand, der auf Deutschtümelei steht, ganz im Gegenteil – was beim von mir hoch geschätzten „Game of Thrones“ (2011-2019) in der Übersetzung teilweise verbrochen wurde, spottet jeder Beschreibung. Allerdings gibt es einen gravierenden Unterschied: Beim Vorzeige-Epos von HBO versuchte man, die gesamte (englischsprachige) Fantasy-Welt komplett ins Deutsche zu übersetzen. „Tribes of Europa“ setzt hingegen auf ein merkwürdiges Gemisch aus Deutsch und Englisch, das vermutlich die Vielfältigkeit des Kontinents abbilden soll. Ganz so, als gäbe es in Europa nur diese beiden Sprachen, was vollkommen absurd wirkt und der Serie zu einem denkbar schlechten Start verhilft. Mir ist schlicht nicht klar, warum die Charaktere zum Beispiel „Tribes“ sagen müssen, wenn es doch mit „Stämme“ eine adäquate und passende Übersetzung gegeben hätte. Wie ist das dann in der englischen Synchronisation? Sind es dort auch die „Tribes“, sind es die „Stämme“ oder nimmt man ein ganz anderes Wort? Vielleicht was Französisches? Oder eine slawische Übersetzung? Ich weiß es nicht – wenn aber die Absicht war, die bunte Vielfalt Europas nach einer großen Katastrophe anzudeuten, ist diese Idee voll und ganz daneben gegangen.

Leider ist das nicht die einzige Schwäche, die sich „Tribes of Europa“ in Sachen Sprache leistet. Der einleitende Hinweis auf „Dark“ bezieht sich nämlich auf etwas, letztlich nichts damit zu tun hat, ob Deutsch oder Englisch gesprochen wird: Im Gegensatz zu synchronisierten Serien, aber auch zu … keine Ahnung … „Tatort“, klingt das, was die Schauspieler in „Tribes of Europa“ in ihrer Muttersprache zum Besten geben, sehr befremdlich. Ist das die berühmt-berüchtigte „deutsche Theatersprache“, wie sie in einigen Rezensionen bezeichnet wird? Ich weiß es nicht, hatte aber fast durchgehend das Gefühl, dass das Gros der Darsteller höchst unnatürlich und hölzern spricht. Nein, das ist nicht ganz richtig, sie scheinen vielmehr so zu agieren und zu intonieren, als würden sie auf einer Theaterbühne stehen. Das mag dort passend sein, auf dem Bildschirm wirken die Dialoge (und auch Teile der Körpersprache) unnatürlich. Es ist, als hätten es die Mimen nicht geschafft (oder wäre es nicht gewollt gewesen), sich vom Theater zu emanzipieren. Wieso das so ist? Ich kann es nicht sagen, aber es hat mich massiv gestört.

Gute Ausstattung allein reicht nicht.

Kommen wir nun aber endlich zu den guten Nachrichten, von denen es zumindest zwei gibt: Erstens ist die Serie geradezu unverschämt gut ausgestattet. Kostüme, Kulissen, Effekte – all das stimmt zu 100 Prozent und ist für eine deutschsprachige Produktion weit über dem Durchschnitt. „Mad Max“ und „The Walking Dead“ stellen die Post-Apokalypse optisch auch nicht besser dar – allein das halb verfallene Berlin ist ein grandioser Anblick. Und, zweitens, ist „Tribes of Europa“ sehr gut fotografiert. Die Aufnahmen lassen nichts zu wünschen übrig, egal ob in der Totalen oder in der Detailansicht. Alles ist hervorragend ausgeleuchtet und stimmungsvoll in Szene gesetzt. Optisch gibt es also (fast) keinen Grund zu meckern.

Fast? Richtig gelesen, ein Lapsus hat sich auch hier eingeschlichen: Der Schnitt ist überhaupt nicht gelungen, was für eine moderne Produktion sehr ungewöhnlich ist. Ein guter Schnitt ist so unauffällig, dass man ihn als Zuseher überhaupt nicht bemerkt. Wenn er in einer einzelnen Szene mal nicht passt, fällt das schnell auf. Bei „Tribes of Europa“ kommt es hingegen so häufig vor, dass ein Protagonist sozusagen in die falsche Kamera schaut, dass man kaum noch von einem Ausrutscher sprechen kann. Speziell in Dialogen merkt man immer wieder, dass sie in mehreren Takes aufgenommen wurden. In einem Text ist das freilich schwer erklärbar, aber ich würde dieses Problem für so gravierend halten, dass es eigentlich fast jedem, der sich die Serie ansieht, auffallen müsste.

Und weil wir gerade bei Dingen sind, über die man in professionellen Produktionen in der Regel kein Wort verlieren muss: Auch der Ton bzw. der Mix ist nicht der Standard, den man heute gewohnt ist. Teile der Dialoge sind schlicht unverständlich, weil viel zu leise. Wobei ich mir nicht ganz sicher bin, ob ich dafür dem Tonmann die Schuld zuschanzen möchte – einige Schauspieler neigen offenbar stark zum Nuscheln und Flüstern, was aber die Tonregie zumindest hätte erkennen und korrigieren müssen. Interessant… nun bin ich von einem Lob wieder direkt ins Meckern übergegangen. Dabei wollte ich die Serie nach dem Trailer und auch von der eigentlich lässigen Prämisse her unbedingt mögen. Allein: Mir schon nach zwei Folgen klar, dass „Tribes of Europa“ durchzustehen ein hartes Stück Arbeit werden würde. Was eigentlich ein Todesurteil für eine Serie ist, die unterhalten soll.

Story & Drehbuch: Prädikat „schwerfällig“.

Im Endeffekt summieren sich die bisher genannten Dinge natürlich, so richtig krankt es aber woanders: Story und Drehbuch sind schwerfällig, holprig und wirr, kurz: haben mit allen möglichen und unmöglichen Problemen zu kämpfen. Alles aufzuzählen würde wohl den Rahmen sprengen, also versuche ich, mich kurz zu fassen: Die Story eines endzeitlichen Europas mag für eine deutsche Produktion innovativ klingen, auf den zweiten Blick und vor allem im internationalen Vergleich ist sie es jedoch nicht. So hart muss man es leider sagen – „Tribes of Europa“ bietet letztlich eine von vorne bis hinten konventionelle Post-Apokalypse. Das wäre nicht so schlimm, wäre die Serie nicht dermaßen oberflächlich. Man erfährt viel zu wenig über die neue Ordnung der Welt, alle Charaktere bleiben flach und austauschbar, manche wirken gar lächerlich und/oder fehl am Platz (vor allem sei hier der Grazer Schauspieler Robert Finster als Kommandant der Crimson Guard genannt, der meines Erachtens eine komplette Fehlbesetzung ist und überhaupt nicht überzeugt). An dieser Stelle wäre es vielleicht angebracht, sich die Serie einmal auf Englisch anzusehen, ich wäre gespannt, wie sich die Dialoge darstellen, wenn sie synchronisiert sind. Leider fehlt mir dafür aktuell die Zeit.

Spannung kommt jedenfalls so gut wie nie auf – und wenn es einmal so weit ist, wird das Tempo direkt wieder reduziert und man beschränkt sich darauf, vermeintlich bedeutungsvoll in die Gegend zu schauen. Ich verstehe ja, dass man nicht sofort alles verraten möchte, vor allem, sieht es so aus, als wäre der Grund für den globalen Blackout ein gut gehütetes Geheimnis. Nur ist das Drehbuch einfach nicht geeignet, dahingehend diese fast nicht auszuhaltende Neugier zu schüren bzw. aufrecht zu erhalten, die man von anderen Produktionen kennt. Ein oder zwei positive Momente gibt es zwar – so sind es einmal mehr die Bösewichte, die einiges rausreißen und durchaus zu unterhalten wissen. Ob es Sinn der Sache sein kann, dass man sich eher auf den Auftritt der fiesen „Crows“ freut, als mit den „Origines“ zu leiden, wage ich allerdings zu bezweifeln. Und dann gibt es da noch den u. a. aus „Dark“ bekannten Schauspieler Oliver Masucci, der in „Tribes of Europa“ als undurchsichtiger Gauner, der das Herz am rechten Fleck hat, glänzen kann – mithin der einzig wirklich brauchbare Charakter in der Serie, wobei sein Cowboy-Gehabe etwas übertrieben wirkt, aber zumindest für den ein oder anderen Lacher sorgt. Letztlich ist aber sogar diese immerhin unterhaltsame Figur nicht mehr als ein großes Klischee, das man aus anderen Filmen und Serien zur Genüge kennt.

Und mehr gibt es jetzt wirklich nicht mehr zu sagen. Muss man sich „Tribes of Europa“ ansehen? So hart das jetzt klingt, ich glaube, man muss es nicht – maximal, um mitreden zu können, kann man einen Blick riskieren. Wer das plant, sei gewarnt: Die Leichtigkeit des Seins, den Zwang zum Binge-Watching, der z. B. „The Walking Dead“ (zumindest anfangs) auszeichnete, fehlt „Tribes of Europa“ zumindest in meinen Augen vollkommen. Das typische Hineinkippen ist mir zu keinem Zeitpunkt passiert – und das war beim immer wieder gern als Vergleich genommenen „Dark“ trotz vermurkster Staffel 3 sehr wohl der Fall. Werde ich „Tribes of Europa“ wieder einschalten, falls sich Netflix doch zu einer Fortführung entscheiden sollte? Ich sage mal vorsichtig: Ja, der letzte Cliffhanger wirkt zumindest derzeit noch nach. Viel erwarte ich mir allerdings nicht von einer neuen Staffel.

Gesamteindruck: 2/7


Originaltitel: Tribes of Europa.
Idee: Philip Koch
Land: Deutschland
Jahr: 2021
Episoden: 6
Länge: ca. 45 Minuten
Gesehen auf: Netflix
Besetzung (Auswahl): Henriette Confurius, Emilio Sakraya, David Ali Rashed, Melika Foroutan, Oliver Masucci, Robert Finster, Benjamin Sadler, Ana Ularu



MusikWelt: Vain Glory Opera

Edguy


Eines muss man Tobias Sammet lassen: Er hatte von Beginn an das richtige Händchen für eingängige Melodien und epische Dramatik. Bis er sich irgendwann entschieden hat, Edguy zu einer Spaßtruppe zu degradieren und alle Ernsthaftigkeit in Avantasia zu stecken. Das konnte auf Dauer nicht gut gehen und hat beiden Projekten nachhaltig geschadet – doch das ist eine andere Geschichte für eine andere Rezension. Hier geht es nun um „Vain Glory Opera“, das 1998 auf den Markt kam, also zu einer Zeit, in der der Power Metal dank HammerFall, Nightwish & Co mitten im zweiten Frühling stand. Die Frage lautet also: Können Edguy mit dieser mächtigen Konkurrenz mithalten?

Gesamteindruck: 7/7


Edguy at their best.

Die Kurzfassung: Ja, sie können. Ich halte „Vain Glory Opera“ nicht nur für eines der besten Werke der Hessen, sondern für einen Beitrag, der das Genre zwar nicht revolutioniert, aber durchaus bereichert. Man darf ja nicht vergessen, dass Ende der 1990er Jahre eine gewaltige Anzahl an Veröffentlichungen ähnlicher Natur den Markt überschwemmte – häufig von zweifelhafter Qualität, was man Edguy nun wahrlich nicht attestieren kann. Tatsächlich zeigen sich die Mannen aus Fulda auf ihrem zweiten Studioalbum in allen Belangen gereift gegenüber dem ein Jahr zuvor erschienen „Kingdom of Madness“: Gitarrentechnisch sind die Riffs deutlich stärker, vor allem aber abwechslungsreicher; noch überzeugender fallen die Solos aus, die auf dem Vorgänger nicht über gute Ansätze hinausgekommen sind. Hier entfalten die Axtmänner Jens Ludwig und Dirk Sauer erstmals ihr volles Potenzial, was zum deutlich runderen Gesamterlebnis entscheidend beiträgt.

Vor allem punktet „Vain Glory Opera“ aber in zwei anderen Bereichen voll, die auf „Kingdom of Madness“ noch ausbaufähig waren: Songwriting und Vocals, beides die Domäne von Tobias Sammet (der hier übrigens einmal mehr durchaus gefällig den Bass bedient). Vorliegendes Album läutet meines Erachtens die bis dato beste Phase im Schaffen des rastlosen Multitalents ein (sie sollte bis „Hellfire Club“, 2004, dauern und auch die ersten beiden Avantasia-Veröffentlichungen umfassen). Zunächst zur Stimme: Auf „Kingdom of Madness“ klang Sammet noch ein bisschen unsicher, so als hätte er nicht so recht gewusst, wie er seine Fähigkeiten am besten zur Geltung bringt. Es war zwar auch schon zu hören, über welche Goldkehle er verfügt, seine volle Bandbreite konnte er aber erst mit vorliegendem Album abrufen, indem er sich stimmlich genau in die Lücke zwischen den gottgleichen Bruce Dickinson (Iron Maiden) und Michael Kiske (Helloween) platzierte. Und noch eines möchte ich in dem Zusammenhang erwähnen: Auf „Vain Glory Opera“ setzt Sammet seine Stimme sozusagen „normal“ ein und versucht keine Eskapaden, die ihm nicht liegen, wie es auf dem Vorgänger noch der Fall war – und für unfreiwilliges Schmunzeln sorgte.

Starkes Gesamtpaket.

Noch eine Spur wichtiger ist, dass „Vain Glory Opera“ in Sachen Songwriting überzeugt und damit ein stimmiges Gesamtpaket ist. Das gelingt, weil sich die Band bzw. Tobi Sammet am Riemen reißen und auf überlange, hoch-dramatische Nummern komplett verzichten. Der Titeltrack ist mit knapp über 6 Minuten das längste Stück, der Rest des Materials ist im Großen und Ganzen im 5-Minuten-Bereich angesiedelt. Dieses eher kompakte Komponieren tut der Platte sehr gut und bringt im Endergebnis genau das, was man Ende der 1990er in Sachen Power Metal hören wollte: Eine Mischung aus gut gelaunten, schnellen Nummern und Midtempo-Tracks, alles extrem eingängig und leicht mitsingbar. Einzelne Songs hervorzuheben ist müßig, die Qualitätsunterschiede sind nicht allzu groß. Ich würde aber sagen, dass sich mit „Until We Rise Again“, „How Many Miles“, „Out of Control“ und „Vain Glory Opera“ vier der allerbesten Nummern auf dieser Platte befinden, die Edguy je zustande gebracht haben.

Etwas schwächer wird’s hinten raus – „Walk on Fighting“ und „No More Foolin'“ sind in meinen Ohren eher Stangenware. Der Rest passt aber wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge. Und auch seiner Leidenschaft zum Covern frönt Meister Sammet, indem er mit „Hymn“ einen Klassiker von Ultravox als Rausschmeißer auf das Album packt; ich muss zugeben, dass mir die Behandlung durch Edguy gut gefällt, eine Art guilty pleasure, glaube ich (wobei: kann man Edguy nicht generell als guilty pleasure bezeichnen?).

Nur ganz wenig auszusetzen.

Zwei Dinge hätten die Höchstwertung fast verhindert – sind aber nicht gravierend genug, um eine Abwertung zu rechtfertigen: Zunächst ist festzuhalten, dass den meisten zeitgenössischen Bands eine Ballade pro Album ausgereicht hat; Tobi, der alte Romantiker, hatte aber immer schon ein Faible für Schmusesongs, weswegen wir hier mit „Scarlet Rose“ und „Tomorrow“ gleich zwei Ohrenschmeichler zu hören bekommen. Mir hätte einer gereicht, und ich ziehe das geringfügig weniger schwülstige „Scarlet Rose“ vor, wobei ich zugeben muss, dass sich die zwei Nummern schon recht stark ähneln. Hätte ich auf diese Weise wirklich nicht gebraucht.

Der zweite Störfaktor: Die Hessen haben schöne Refrains am Start, walzen mir diese aber ein bisschen zu sehr aus. Eine Wiederholung weniger hätte es gegen Ende des einen oder anderen Songs auch getan, so können die Chöre trotz aller Qualität tatsächlich zu nerven beginnen. Oder wollte man damit kaschieren, dass es doch an der einen oder anderen Idee fehlte, die Länge der Nummern spannend zu füllen? Ich weiß es nicht, aber es ist schon auffällig, wie oft einige Chorusse (Chörusse? Chorüsse?) wiederholt werden. So oder so macht dieses Album dermaßen viel Spaß, dass ich trotz dieser Lappalien einfach nur die Höchstwertung vergeben kann – eine echte guilty pleasure eben. 😉

Ein letztes Mal muss ich das große A ganz am Ende übrigens doch noch erwähnen: Schon auf „Kingdom of Madness“ war mit Chris Boltendahl (Grave Digger) ein mehr oder minder bekannter Name als Gast am Start. Auf „Vain Glory Opera“ setzen Edguy diese Tradition fort, denn zwei Nummern („Out of Control“ und der Titeltrack) werden durch den legendären Blind Guardian-Schreihals Hansi Kürsch veredelt, außerdem gibt’s – auch auf „Out of Control“ – ein geschmeidiges Solo des damals noch unumstrittenen Stratovarius-Flitzefingers Timo Tolkki zu hören. Das Konzept der Gastmusiker schien Tobi Sammet also schon damals zuzusagen – später sollte er es mit Avantasia so richtig ausleben.

Gesamteindruck: 7/7 


NoTitelLängeNote
1Overture1:315/7
2Until We Rise Again4:287/7
3How Many Miles5:397/7
4Scarlet Rose5:105/7
5Out of Control5:047/7
6Vain Glory Opera6:087/7
7Fairytale5:116/7
8Walk On Fighting4:465/7
9Tomorrow3:535/7
10No More Foolin‘4:554/7
11Hymn (Ultravox Cover)4:535/7
51:38

Edguy auf “Vain Glory Opera” (1998):

  • Tobias Sammet − Vocals, Bass, Keyboards
  • Jens Ludwig − Lead Guitars
  • Dirk Sauer − Rhythm Guitars
  • Frank Lindenthal [Guest] − Drums
Bild von: metal-archives.com

Anspieltipp 1: Out of Control
Anspieltipp 2: How Many Miles

MusikWelt: Kingdom of Madness

Edguy


Zugegeben: An vorderster Front standen Edguy im Kampf, der Ende der 1990er um die Rückkehr des wahren Heavy Metal tobte, nie. Die Riege der jungen Wilden wurde eher von Truppen wie HammerFall, Nightwish und Children of Bodom angeführt, in deren Windschatten dann auch alte Helden wie Helloween, Gamma Ray und Stratovarius langsam wieder zu alter Stärke fanden. Und doch konnte auch die junge Truppe aus dem hessischen Fulda überzeugen, wenngleich ihr der ganz große internationale Durchbruch erst später gelingen sollte.

Gesamteindruck: 3/7


Mittelprächtiges Frühwerk.

„Kingdom of Madness“ erschien 1997 und gilt gemeinhin als Debüt von Edguy („Savage Poetry“ war 1995 in Eigenregie veröffentlicht worden, hat aber eher Demo-Qualität, weswegen es anno 2000 neu aufgenommen und veröffentlicht wurde). Ob nun echtes Debüt oder nicht: Mit Sänger Tobias Sammet (der auch Bass und Keyboards einspielte) sowie den Gitarristen Jens Ludwig und Dirk Sauer war jedenfalls bereits die langjährige Kernmannschaft der Band am Start. Als Drummer fungierte Dominik Storch, der Edguy aber bald darauf wieder verließ. Alle vier waren technisch trotz ihrer Jugend bereits sehr sauber unterwegs, anders wäre es aber auch schwer möglich gewesen, mit den Genre-Größen mitzuhalten. Besonders auffällig natürlich Mastermind Tobi Sammet, der hier erste Anstalten macht, eine Position als eine Art missing link, irgendwo zwischen Bruce Dickinson (Iron Maiden) und Michael Kiske (Helloween), einzunehmen. Ganz schafft er es allerdings noch nicht, zu überzeugen, wirkt ein bisschen unsicher, wie er seine Stimme wirklich einsetzen soll. Was die beiden Gitarrenhelden betrifft: Sie machen ihre Sache zwar ordentlich, ich möchte aber auch nicht verhehlen, dass vor allem die Solos nicht gerade vom Hocker reißen und sich die Riffs in den einzelnen Songs teilweise stark ähneln.

Und damit sind wir auch schon beim Grund, warum dieses Album trotz guter Voraussetzungen nicht so richtig zünden will: Das Songwriting ist auf „Kingdom of Madness“ nicht durchgängig ausgereift. Im Wesentlichen gibt es mit „Wings of a Dream“ nur eine Nummer, die jene Attribute erfüllt, die den damaligen Power Metal so großartig gemacht haben: Hohes Tempo, ein Mindestmaß an Heavieness und die typische Eingängigkeit. Der Thrasher rümpft die Nase, für jeden, der damals mitsingen und auf dem Konzert einfach gute Laune haben wollte, war das ein Song aus purem Gold – und ist es bis heute geblieben. Davon abgesehen finde ich nur „Steel Church“, folgerichtig mein zweiter Anspieltipp, memorabel. Wohl einer der härtesten und düstersten Songs im Edguy-Katalog, dazu ein knackiger, eher untypischer Refrain und eine sehr tighte Rhythmus-Sektion – all das weiß heute zu überzeugen, ob ich es anno 1997 so toll gefunden hätte, wage ich nicht zu beurteilen.

Begeisterung sieht anders aus.

Der Rest vom Schützenfest ist – zumindest großteils – nicht der Rede wert. Ich denke, das liegt zu einem Gutteil am insgesamt eher mäßigen Tempo, das bereits den Opener „Paradise“ zu einer der ungeeignetsten Eröffnungsnummern macht, die Edguy jemals am Start hatten. Letztlich sind auch fast alle Songs zu lang, keine der Nummern dauert unter 5 Minuten, sieht man vom verzichtbaren Zwischenspiel „Dark Symphony“ und der faden Standard-Ballade „When a Hero Cries“ ab. Freilich wäre die Laufzeit der Tracks kein Problem, wenn genug passieren würde, um sie interessant zu machen – tut es aber nicht, weshalb sich das Album stärker hinzieht, als man meinen möchte. Interessant übrigens: „Savage Poetry“, wie erwähnt später als „The Savage Poetry“ neu eingespielt, war vom Songwriting her deutlich stärker, würde ich meinen, was das eigentliche Zweitwerk in dieser Hinsicht sogar zu einem kleinen Rückschritt macht.

An dieser Stelle vielleicht ein Wort zur Technik: Oben habe ich ja erwähnt, dass die Herren aus Fulda musikalisch bereits ihr außergewöhnliches Talent aufblitzen lassen. Leider – und das ist schon auch ein Grund, warum das Album eher abstinkt – kann die Produktion überhaupt nicht überzeugen. Drums und Vocals stehen stark im Vordergrund, sind beide aber nur bedingt großartig. Der Bass ist ok, aber was mit den Gitarren gemacht wurde, verstehe ich nicht: Viel zu leise, viel zu schwach, sodass etwaige gute Riffs letztlich komplett „versteckt“ sind, also untergehen. Ich bin ja wahrlich keiner, der immer die bombastischsten Soundgewänder für seine Metalalben braucht; „Kingdom of Madness“ ist aber ein perfektes Beispiel dafür, wie solche Musik nicht produziert sein darf. Schade drum – mit etwas mehr Biss wären definitiv mehr Punkte möglich gewesen.

Avantastischer Prototyp?

Besondere Erwähnung verdient der finale Track: „The Kingdom“ schlägt mit stolzen 18 Minuten zu Buche und ist der erste Versuch von Sammet auf der Langstrecke, einer Disziplin, der er sich später vor allem mit Avantasia (im Jahr 2000 als Nebenprojekt gestartet und zwischenzeitig zur Hauptband des Sängers avanciert) verstärkt widmen sollte. Nun kann ich die Zeit nicht zurückdrehen und nachempfinden, wie sich „The Kingdom“ für jemanden angehört haben muss, der noch nichts von Avantasia wusste – aus meiner Sicht ist das aber tatsächlich ein Song, der den Grundstein für Sammets spätere Ambitionen gelegt haben dürfte.

Übrigens nicht nur kompositorisch, sondern auch in anderer Hinsicht: Thematisch ist die Nummer ein wenig religiös angehaucht, es geht um Inquisition und Folter; ferner hat man sich mit Chris Boltendahl (Grave Digger) einen Gast zur gesanglichen Unterstützung geholt, ein Konzept, dass später das Merkmal von Avantasia werden sollte. Nun ist „The Kingdom“ aber eine Nummer von sehr jungen Edguy und man fragt sich, ob ein solcher Song nicht über ihren Möglichkeiten gelegen hat. Mir kommt es fast so vor – Ansätze sind da, der Refrain ist stark und den einen oder anderen Teil der Nummer kann man sich gut geben. Insgesamt ist das für diese Länge aber zu wenig.

Und weil wir gerade von Avantasia sprechen: Nach zig Durchläufen von „Kingdom of Madness“ hatte ich fast das Gefühl, hier statt einem Edguy-Album eher einen ersten Gehversuch in jene Richtung zu erleben, in die Tobi Sammet später so viel Zeit und Energie investieren sollte. Dafür spricht einerseits das Konzept, das alle Songs um das Thema Geisteskrankheit (wenn man „Madness“ so übersetzen möchte) kreisen lässt. Eine solche Herangehensweise ist für Edguy eher ungewöhnlich – während sie voll und ganz zu Avantasia passt. Und: Ich habe Sammet weiter oben als unsicher in Sachen Stimmlage eingeschätzt. Kann sein, dass ich da zu viel rein interpretiere, aber mir scheint fast, als hätte der Sänger versucht, unterschiedliche Charaktere zu intonieren, was ihm mal mehr, mal weniger gut gelingt (in „The Kingdom“ scheitert er z. B. teilweise grandios an sich selbst, was den Song unfreiwillig komisch macht). Jedenfalls könnte ich mir vorstellen, dass dieses Album, aufgenommen mit einer aktuellen Avantasia-Besetzung, deutlich besser klingen würde als wir es hier zu hören bekommen. Klar, das alles ist im Rückblick und mit dem Wissen darum, wie sich Tobias Sammet weiterentwickeln sollte, leicht gesagt – aber zumindest ein interessantes Gedankenexperiment scheint es mir zu sein.

So oder so: „Kingdom of Madness“ ist alles in allem kein berauschendes Album. Das muss man unterm Strich leider ganz klar so sagen. Die Großtaten der Mannen aus Fulda sollten später folgen – und auch von eher kurzer Dauer sein, aber das ist eine andere Geschichte für andere Rezensionen.

Gesamteindruck: 3/7 


NoTitelLängeNote
1Paradise6:243/7
2Wings of a Dream5:246/7
3Heart of Twilight5:323/7
4Dark Symphony1:053/7
5Deadmaker5:154/7
6Angel Rebellion6:444/7
7When a Hero Cries3:593/7
8Steel Church6:295/7
9The Kingdom18:233/7
59:15

Edguy auf “Kingdom of Madness” (1997):

  • Tobias Sammet − Vocals, Bass, Keyboards
  • Jens Ludwig − Guitars
  • Dirk Sauer − Guitars
  • Dominik Storch − Drums
Bild von: metal-archives.com

Anspieltipp 1: Wings of a Dream
Anspieltipp 2: Into the Dark

MusikWelt: Berserker

Amon Amarth


Als ich das Artwork des 11. Albums der Wikingerhorde Amon Amarth gesehen habe, musste ich schlucken. Nicht nur, weil sich Farbgebung und Stil grundlegend von allem unterscheiden, was die Schweden bis zu diesem Zeitpunkt auf ihre Platten gepappt haben, sondern weil mir der Titel und das Bild ziemlich bekannt vorkamen. Dazu unten mehr, hier sei nur erwähnt, dass dieser Stilbruch bereits bevor ich den ersten Ton gehört hatte, wie ein schlechtes Omen über „Berserker“ zu schweben schien.

Gesamteindruck: 3/7


Leichtgewicht statt Schwermetall.

Amon Amarth führen mit „Berserker“ den Weg fort, den sie mit „Jomsviking“ (2016) eingeschlagen haben. Die Alben ähneln sich so sehr, dass ich im ersten Moment den Impuls hatte, hier meine entsprechende Rezension reinzukopieren. Nun hatte das Quintett aus Stockholm auch früher schon seinen klassischen Sound, der sich von Platte zu Platte häufig nur in Nuancen änderte. Kann man ohne weiteres machen, wenn auch die Qualität stimmt. Mir ist natürlich klar, dass „Qualität“ in der Kunst mehr als irgendwo sonst Ansichtssache ist – aber ich weiß auch, was mir gefällt und kann nach diesem zugegeben subjektiven Maßstab mein Urteil fällen. Im Falle von „Berserker“ bedeutet das, dass sich die musikalische Ähnlichkeit leider auch auf das Songwriting erstreckt, mit dem ich mich einfach nicht anfreunden kann (meine Vermutung ist im Übrigen, dass ich mit meiner Meinung keineswegs allein stehe, aber das soll hier nicht das Thema sein).

Es gibt aber auch eine gute Nachricht: Im Gegensatz zu „Jomsviking“ verfügt „Berserker“ in Form von „Ironside“ über eine Nummer, die ich absolut großartig finde und die jeden anderen Track der jüngsten Amon Amarth-Alben in den Schatten stellt. Und ja, ich weiß schon, dass auch dieser Song sehr auf Eingängigkeit getrimmt ist. Aber er ist seit langem der erste seiner Art, bei dem ich die ursprüngliche Wildheit und die in letzter Zeit eher sporadisch gezeigte Spielfreude der Stockholmer zu jeder Sekunde spüre. Treibender Rhythmus, gute Gitarrenarbeit, schöner Refrain, ein Johan Hegg in Hochform – was will man mehr? Ok, auf den Sprechgesang hätte ich verzichten können, aber man soll nicht unzufrieden sein.

Den Rest des Materials würde ich wie folgt zusammenfassen: Es herrscht die von „Jomsviking“ bekannte Leichtigkeit des Seins vor. Alles ist gefällig und technisch sauber dargeboten, darüber braucht man nicht zu diskutieren. Die Lyrics sind sogar eine Spur besser (schönstes Beispiel: „The Berserker at Stamford Bridge“), offenbar hat man gemerkt, dass die Texte des Vorgängers eher wie eine lästige Pflichtübung gewirkt haben. Wie üblich horcht man auch hie und da auf, beispielsweise beim Refrain des für die Verhältnisse dieser Platte gar nicht so üblen Openers „Fafner’s Gold“, dem in gleicher Hinsicht passablen „Shield Wall“, das sich gut für die Live-Darbietung eignen dürfte oder dem lässigen Riffing von „Wings of Eagles“. Sieht man von diesen Ausnahmen ab, die sehr punktuell gesät sind, bleibt nicht viel übrig – ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, wie die weiteren Songs klingen. Ich lese die Titel, die kommen mir natürlich bekannt vor, aber wie z. B. „Crack the Sky“ klingt, weiß ich nicht – und das war sogar die vorab ausgekoppelte Nummer, was auch schon sehr viel aussagt. Am besten neben „Ironside“ wird’s eigentlich ganz hinten raus: „Into the Dark“ ist eine bedächtiger Track, der mit einer epischen Melodie gesegnet ist, die genau jene Wikinger-Stimmung aufkommen lässt, für die man die Band immer geliebt hat. Der Gesang ist hingegen weniger meins, aber wenigstens blitzt hier beim Songwriting die alte Genialität auf.

Von Reißbrett-Kalkulationen und deutschem Pagan Metal.

Bei „Jomsviking“ tat ich mir noch schwer, das Problem genau zu verorten, schwadronierte etwas von Begriffen wie „poppig“ und was dafür/dagegen spricht, Amon Amarth in diese Schublade zu stecken. Im Zuge diverser Sessions mit „Berserker“ meine ich nun, die Schwierigkeiten, die ich mittlerweile mit einer meiner einstigen Lieblingsbands habe, festmachen zu können: Dieses Album klingt vollkommen generisch und austauschbar. Es ist, als hätten die Schweden alles, was auf „Berserker“ zu hören (und zu sehen!) ist am Reißbrett entworfen und genau nach jener Formel gestrickt, die wohl auch „Jomsviking“ zu guten Verkaufszahlen verholfen hat. Diese Vorgangsweise sei ihnen unbenommen und ich kann gut verstehen, warum man kommerzielle Interessen ab einer gewissen Größe nicht ganz hintanstellen mag. Der Preis, den Amon Amarth dafür zahlen, ist das Verprellen eines gewissen Teils ihrer Fanschar, namentlich derer, die von Beginn an dabei waren; im Gegenzug haben sie mit ihren Alben aus 2016 und 2019 mit Sicherheit ein neues, junges Publikum ohne emotionale Bindung zur Bandgeschichte gewonnen. Und natürlich springen deshalb nicht alle ab, es wird genügend alte Säcke geben, die auch „Berserker“ gut finden. Zu Recht, denn über Geschmack kann man nicht streiten; ich gehöre halt definitiv nicht dazu, was schade ist, aber auch nichts Neues, weil wir es hier mit einem Weg zu tun haben, der immer wieder von Bands (prominente ad hoc-Beispiele: Iron Maiden, In Flames, Edguy) beschritten wird. Ich mag das auch nicht verurteilen, wir gehen eben, so schwer es auch fällt, vorerst getrennte Wege; muss ja nicht auf Dauer so sein, wie die Geschichte ebenfalls bewiesen hat (prominente ad hoc-Beispiele: Metallica, Kreator, Helloween).

Einleitend habe ich kurz was zum Cover gesagt, das ich nun noch etwas näher ausführen möchte. Wie erwähnt gefällt es mir optisch nicht, was so gesehen schon ein kleiner Fingerzeig auf die musikalische Qualität sein mag. Aber gut, auch das ist Geschmackssache und sollte generell nicht überbewertet werden. Was mich hingegen wirklich irritiert hat: Hier sieht man das Cover eines Albums der deutschen Pagan Metaller von Asenblut. Das kam 2016 auf den Markt und heißt, richtig geraten, „Berserker“. Ich weiß nicht, ob Amon Amarth das wussten, ob Asenblut überhaupt bekannt genug sind, um auf dem Schirm der Schweden bzw. ihrer langjährigen Plattenfirma Metal Blade gewesen zu sein. Asenblut haben das alles, soweit ich mich erinnere, ohnehin mit Humor und als gute Werbung genommen, von daher ist die Sache wohl gegessen. Ich wollte es aber dennoch erwähnt haben, einfach, weil ich es ziemlich kurios fand und finde.

Vor dem Fazit noch ein Wort zum Personal: „Berserker“ ist das Amon Amarth-Debüt von Schlagzeuger Jocke Wallgren, der den bereits 2015 ausgestiegenen Langzeit-Drummer Fredrik Andersson nun auch auf Platte ersetzt (live war er seit 2016 dabei, für die „Jomsviking“-Aufnahmen hatte allerdings Tobias Gustaffson die Schießbude übernommen). Der Neue macht seine Sache routiniert, viel mitzureden wird er vermutlich nicht gehabt haben. Live weiß er jedenfalls zu überzeugen, wie ich selbst schon feststellen durfte – und das, obwohl er mit seiner schwarzen Matte optisch nicht unbedingt zu seinen vier blonden Kollegen passt 😉

Stagnation.

Leider ist „Berserker“ nicht die erhoffte Rückkehr zu alter Stärke sondern, im Gegenteil, gemeinsam mit seinem Vorgänger und dem Uralt-Schinken „Fate of Norns“ (2004) eines der bisher schwächsten Alben von Amon Amarth. Zumindest für mich – wer hingegen „Jomsviking“ (2016) für eine gelungene Veröffentlichung gehalten hat, wird auch an „Berserker“ wenig auszusetzen finden. In meinen Ohren klingen beide Alben sehr ähnlich und scheinen damit eine neue Phase im Klangkosmos von Amon Amarth eingeleitet zu haben. Ob die noch länger dauert, ob sich die Wikinger weiterentwickeln oder wieder einen Schritt zurück gehen, kann nur die Zeit zeigen.

Falls es jemanden interessiert, würde ich die Karriere der Stockholmer übrigens wie folgt einteilen: Phase 1 (vielleicht „die wilden Jahre“) dauerte von „Once Sent from the Golden Hall“ (1998) bis „Fate of Norns“ (2004); Phase 2 (etwa „Konsolidierung und Erreichung des Headliner-Status“) umfasst alles von „With Oden on Our Side“ (2006) bis „Deceiver of the Gods“ (2013); Phase 3 (noch ohne Namen) beinhaltet die zum Zeitpunkt dieser Rezension jüngsten Platten „Jomsviking“ und „Berserker“. Ich weiß nicht, ob sich die von mir benannten Perioden auch an den Verkaufszahlen festmachen lassen – eine musikalisch-stilistische Abgrenzung ist aus meiner Sicht jedenfalls möglich.

Gesamteindruck: 3/7 


NoTitelLängeNote
1Fafner’s Gold5:005/7
2Crack the Sky3:493/7
3Mjölner, Hammer of Thor4:424/7
4Shield Wall3:464/7
5Valkyria4:433/7
6Raven’s Flight5:202/7
7Ironside4:306/7
8The Berserker at Stamford Bridge5:135/7
9When Once Again We Set Our Sails4:243/7
10Skoll and Hati4:274/7
11Wings of Eagles4:035/7
12Into the Dark6:486/7
56:45

Amon Amarth auf “Berserker” (2019):

  • Johan Hegg − Vocals
  • Olavi Mikkonen − Guitars
  • Johan Söderberg − Guitars
  • Ted Lundström – Bass
  • Jocke Wallgren − Drums
Bild von: metal-archives.com

Anspieltipp 1: Ironside
Anspieltipp 2: Into the Dark

MusikWelt: Jomsviking

Amon Amarth


Es ist schon interessant: Wann immer ich mir ein Amon Amarth-Album anhöre, das nach „Surtur Rising“ (2011) veröffentlicht wurde, fühle ich mich gut unterhalten. Das liegt wohl daran, dass einzelne Songs, manchmal aber auch nur Teile davon, durchaus gelungen sind. Leider bleibt von diesem Gefühl nicht viel übrig, sobald die Kopfhörer herunten bzw. die Stereoanlage aus ist. So ist es leider auch bei Langeisen Nummer 10 aus dem Jahre 2016.

Gesamteindruck: 3/7


Die Luft ist raus.

Ich falle direkt mit der Tür ins Haus: „Jomsviking“ ist das erste Album von Amon Amarth, bei dem ich von Anfang an wusste, dass es zu keiner nachhaltigen Liebesbeziehung kommen wird. Moment, widerspricht das nicht dem, was ich unlängst über „Deceiver of the Gods“ (2013) als Beginn eines Abwärtstrends geschrieben habe? Nein, denn bei jener Platte war mein erster Eindruck eher der, den ich von „Surtur Rising“ (2011) oder „Fate of Norns“ (2004) kannte: Haut zwar nicht direkt rein, klingt aber sehr typisch und wird sich nach mehreren Durchgängen (hoffentlich) bessern. Bei „Jomsviking“ hatte ich von Beginn weg wenig Hoffnung, dass sich das Album zu einem Klassiker oder wenigstens einem passablen Mitglied des imposanten Backkatalogs der Schweden mausern würde.

Wieso ist das so? Ich bin mir selbst jetzt, Jahre später, nicht ganz sicher. Es fehlt wohl einfach an Kante, die Platte klingt als Ganzes viel zu brav. Was merkwürdig ist, weil die Songtitel und Texte eine ganz andere Sprache sprechen, aber dennoch ist es so; die Riffs und Melodien sind da, Frontmann Johan Hegg grunzt vor sich hin (übrigens verständlicher als jemals zuvor!) und die Drums sind mal pfeilschnell, dann wieder im gemächlicheren Midtempo unterwegs. Alles, wie man es von fast jedem Amon Amarth-Album kennt, nur halt irgendwie schaumgebremst. Oder, anders ausgedrückt: Das Gefühl, hier epische Hymnen über Götter und Helden, über glorreiche Siege und blutige Niederlagen zu hören, fehlt vollkommen. Ersetzt wurde es durch eine merkwürdige Art von Leichtfüßigkeit, die die einzelnen Nummern sehr eingängig und gut konsumierbar macht, umgekehrt aber eben völlig frei von Ecken und Kanten ist. Man merkt schon, ich ringe um Worte, traue mich nicht, „poppig“ zu schreiben, weil das der Sache auch nicht gerecht wird. Nein, das hier ist immer noch Metal und kein Pop – aber das Hörgefühl entspricht eher letzterem, weil sich „Jomsviking“ dermaßen locker-flockig anfühlt.

Reißt’s Doro raus?

Vielleicht hilft es, auf die Tracks einzugehen. Zunächst gibt es drei sehr auffällige Nummern, die wohl jedem, der das Album zum ersten Mal hört, sofort im Ohr hängenbleiben. Mit „Raise Your Horns“ haben wir – wohl erstmals in der Karriere der Band – einen Song, den man auf jeder Party anstimmen könnte, ein Gefühl, das durch die vollkommen ungewohnten „Oh-Oh-Oh“-Chöre noch verstärkt wird. Gleich darauf folgt mit „The Way of Vikings“ ein weiterer Hit, den man kaum noch aus dem Hirn bekommt und der versucht, in der Tradition von Songs wie „Twilight of the Thunder God“ oder „The Pursuit of Vikings“ zu punkten. Im ersten Moment gelingt das sogar, aber leider stellen sich hier deutlich schneller al bei genannten Tracks massive Abnutzungserscheinungen ein. Drittes Ausrufezeichen im Bunde ist „A Dream That Cannot Be“, in dem sich Johan Hegg ein Duett mit Doro Pesch (!) liefert. Nun möchte ich weder die Leistung der Grand Dame des internationalen Heavy Metal in vorliegender Nummer kleinreden noch ihre Bedeutung für die Szene schmälern – ist ja nicht umsonst so, dass sogar weiland Lemmy Kilmister große Stücke auf die Düsseldorferin gehalten hatte. Auch muss man zugeben, dass sich ihre Stimme gut für dieses Duett eignet und das lyrische Thema der Nummer positiv aus dem Einheitsbrei auf „Jomsviking“ hervorsticht. Leider ist aber auch hier der Abnutzungsfaktor relativ hoch, zumindest geht es mir so. Von den genannten Songs ist dieser aber definitiv der beste.

Wirklich gut gefällt mir vom restlichen Material auf dem Album leider auch nicht sonderlich viel. Meine persönlichen Favoriten sind der Opener „First Kill“ und dann, sogar noch etwas besser, „On a Sea of Blood“. Beide Tracks können mit treibendem Rhythmus und einem brauchbaren Refrain punkten und wirken nicht ganz so glattgebügelt wie der Rest des Materials. Überhaupt nicht warm werde ich hingegen mit dem Hegg’schen Experiment, auch mal ein wenig Text zu sprechen (z. B. auf „At Dawn’s First Light“). Fast scheint es mir, als hätte man versucht, auf diese Weise ein wenig von der songwriterisch verloren gegangenen Epik zurückzugewinnen, was meines Erachtens nicht gelingt. Übrigens ist genanntes „At Dawn’s First Light“ das perfekte Beispiel dafür, wieso ich das Album insgesamt nicht so toll finde: Der Song hätte ein gutes Tempo, einen schön mitschreibaren Refrain, angemessene Lyrics – und sogar ein geiles Video gibt es. Er geht auch gut ins Ohr – aber irgendwas ist hier musikalisch im Argen. Riffmäßig wäre das durchaus passabel, aber das Zusammenspiel aller Komponenten lässt jeglichen Anflug von Härte vermissen. Ist das die Produktion oder das Mixing? Oder doch das Songwriting? Ich weiß es ehrlich nicht, bin ziemlich ratlos.

Texte zeugen von Faulheit.

Bezüglich der Lyrics sei mir, bevor ich zum Ende komme, auch eine Anmerkung gestattet: Amon Amarth waren nie die ganz großen Dichter vor dem Herrn (wobei es unfair wäre, ihnen durchgehend simple Texte zu attestieren, es gibt definitiv gute und komplexe Lyrics), hier machen sie es sich aber schon sehr einfach. Der Tiefpunkt ist in dem Zusammenhang „Raise Your Horns“, das, wohl ein Tribut an die Partytauglichkeit, mit extrem wenigen und ziemlich platten Textzeilen auskommt. Zu allem Überfluss kommt dem gelernten Amon Amarth-Krieger der Refrain sehr bekannt vor – kein Wunder, erinnert er doch frappierend an die finalen Worte von „Live Without Regrets“ (auf „Surtur Rising“). Und noch eine Sache, die ich an der Stelle erwähnen möchte: Mir gefällt das relativ neue Element der Gangshouts (hier speziell „One Against All“) nicht sonderlich gut, das aber nur als Randbemerkung.

Nimmt man all das zusammen, bleibt der Eindruck einer satten, irgendwo auch faulen Band, die sehr auf Nummer sicher geht. Das ist legitim – und der Erfolg gibt den Stockholmern wohl auch recht. Und, ja, Amon Amarth sind mir immer noch sympathisch und ich respektiere nach wie vor ihre Arbeit, vor allem auf der Bühne. Aber umgekehrt muss es dennoch möglich sein, die einstigen Helden zu kritisieren, wenn man das Gefühl hat, sie hätten sich vom rechten Weg verabschiedet. Und dieses Gefühl habe ich bei „Jomsviking“ ganz deutlich, da kann ich noch so oft bei „Raise Your Horns“ mitgröhlen oder mich in die Lage der unglücklich verliebten in „A Dream That Cannot Be“ versetzen. Die Luft scheint, zumindest auf diesem Album und seinem Vorgänger, einfach raus zu sein.

Gesamteindruck: 3/7 


NoTitelLängeNote
1First Kill4:215/7
2Wanderer4:433/7
3On a Sea of Blood4:056/7
4One Against All3:382/7
5Raise Your Horns4:244/7
6The Way of Vikings5:114/7
7At Dawn’s First Light3:513/7
8One Thousand Burning Arrows5:503/7
9A Dream That Cannot Be4:234/7
10Back on Northern Shores7:083/7
47:34

Amon Amarth auf “Jomsviking” (2016):

  • Johan Hegg − Vocals
  • Olavi Mikkonen − Guitars
  • Johan Söderberg − Guitars
  • Ted Lundström – Bass
  • Tobias Gustafsson [Guest] − Drums
Bild von: metal-archives.com

Anspieltipp 1: On a Sea of Blood
Anspieltipp 2: First Kill

MusikWelt: Deceiver of the Gods

Amon Amarth


Ich habe lange überlegt, zu welchem Zeitpunkt ich begonnen habe, das Interesse an den Melo-Deathern Amon Amarth zu verlieren. Eigentlich dachte ich, dass „Surtur Rising“ (2011) der Übeltäter gewesen wäre – nach neuerlicher, sehr intensiver Beschäftigung mit jenem Album und vorliegendem Nachfolger aus dem Jahre 2013 ist klar: „Deceiver of the Gods“ markiert – zumindest in meinen Ohren – den deutlichen Abwärtsknick in der bis dahin (fast) makellosen Diskographie der Stockholmer.

Gesamteindruck: 4/7


Ziemlich müde Krieger.

Was bei „Deceiver Of The Gods“ – wie schon bei „Surtur Rising“ – als erstes auffällt: Sofort zündende Refrains fehlen nahezu komplett, der Wiedererkennungswert ist zunächst enden wollend. Das ist nun per se nicht negativ, führt aber dazu, dass auch hier kein Live-Klassiker, bei dem alle sofort mitgehen können, auszumachen ist. Der Titeltrack hat mit seiner episch-getragenen Gitarrenharmonie noch am ehesten das Zeug dazu, denn hier lässt sich zumindest die Melodie problemlos rausschreien. Der Punkt ist aber ohnehin ein gänzlich anderer: „Surtur Rising“ ist trotz ähnlicher Anlaufschwierigkeiten ein Album, dessen Songs mit der Zeit wachsen und die raffinierter geschrieben sind, als man anfänglich vermutet. Dieser Aspekt geht „Deceiver of the Gods“ völlig ab; wer das Album nicht von Anfang an gut findet, braucht kaum auf versteckte Qualitäten zu hoffen, die sich erst mit der Zeit offenbaren.

Ich glaube, nun – nach zig Versuchen, mir die Platte schönzuhören – den Grund dafür gefunden zu haben: Wir haben es hier mit dem ersten Amon Amarth-Album zu tun, das überhaupt keine Ecken und Kanten zu haben scheint. Klingt paradox, wenn man bedenkt, dass in diesem Fall auch der oft gehörte Versuch, fehlenden Punch durch Eingängigkeit zu kaschieren, fehlgeschlagen ist. Leider ist es nämlich so, dass „Deceiver of the Gods“ mitnichten das Beste aus beiden Welten ist. Die Band reißt ihren Stiefel mit schönen Gitarrenmelodien, stampfenden Riffs und dem üblichen Gebrüll ihres Frontmanns herunter, was aber nichts daran ändert, dass es dem Großteil des Materials an Feuer fehlt. Technisch sauber? Ja! Routiniert? Ja, allerdings zu sehr. Man spürt die alte Spielfreude einfach nicht mehr, Müdigkeit scheint sich bei den Kriegern aus den Norden breitgemacht zu haben; zumindest ging es mir so, was mich im Angesicht der Grandezza, die Amon Amarth bis hierhin stets zuverlässig abgeliefert hatten, regelrecht erschreckt hat.

Wenige Ausnahmen.

Punkten können die Schweden mit wenigen Nummern: „We Shall Destroy“ überzeugt mit einem sehr Iron Maiden-lastigen Mittelteil, der jedem Fan schwedischen Melo-Deaths ein breites Grinsen ins Gesicht zaubern sollte. Im Haben würde ich außerdem noch das sehr schnelle und mit einem tollen Solo ausgestattete „Coming of the Tide“ sowie den – wie erwähnt – sehr brauchbaren Titeltrack einordnen. „Under Siege“ möchte ich an dieser Stelle auch noch erwähnen, hier gibt’s im Mittelteil einen netten Basslauf, weitere Maiden-Anleihen und ein paar einfache Akustik-Spielereien am Ende – sehr dramatisch ist dieser Track, wenn man es genau nimmt.

Der Rest ist… nunja, wohl der endgültige Abschied vom Death Metal, soweit der bei Amon Amarth zu jener Zeit überhaupt noch eine Rolle gespielt hat. Beispielsweise startet „Blood Eagle“ mit einem Manowar-Gedächtnis-Intro und wird dann zu einer schnellen Power Metal-Hymne inklusive „Oh-oh-oh“-Chören. Oder, ein anderes Beispiel: „Hel“ erhält durch die Stimme Messiah Marcolin von (Candlemass) einen düsteren, fast orientalischen Touch, an dem sich eigentlich nur die Geister scheiden können. Ich für meinen Teil konnte damit nach dem ersten Aufhorchen (weil es wirklich ungewöhnlich klingt) überhaupt nichts anfangen. Und so ähnlich ist es auch mit den übrigen, jetzt nicht explizit genannten Songs. „As Loke Falls“? Ja, wenn ich die Nummer höre, klingt das ganz in Ordnung, aber so richtig hängen bleibt halt nix. Gleiches gilt für das vorab bekannte „Father of the Wolf“ usw. usf.

Produktion als Sargnagel.

Ein Wort zur Produktion: Leider ist Andy Sneap, der an den Reglern saß, nicht ganz unbeteiligt am mauen Resultat. Der in Metal-Kreisen eigentlich sehr angesehene Engländer hat seinem ersten Amon Amarth-Album einen viel zu sauberen Klang verpasst, der das Fehlen todesmetallischer Elemente (und der damit einhergehenden Aggressivität) nur noch deutlicher hervorhebt. Das einzig wirklich brutale Element, die Stimme von Johan Hegg, steht folgerichtig weit im Hintergrund, fast als hätte Sneap nicht gewusst, was er mit den harschen Vocals anfangen soll. Diese Unentschlossenheit meint man herauszuhören: „Deceiver of the Gods“ ist passend für seine Instrumentalparts produziert, nicht aber für diese Form von Gesang. Darum klingt das Album nicht nur müde, sondern – übrigens erstmals in der Karriere von Amon Amarth – auch nicht wie aus einem Guss.

Alles in allem ist die Situation ein bisschen verzwickt: Meine eher verhaltene Meinung zu „Deceiver of the Gods“ hat nichts mit den technischen Fähigkeiten der Band zu tun; wäre bei einer Truppe, die zu diesem Zeitpunkt über 20 Jahre im Geschäft war, auch merkwürdig gewesen. Die Songs sind sauber gespielt, die Produktion ist zwar gewöhnungsbedürftig, aber nicht komplett für die Tonne. Es ist nicht einmal so, dass die ganze Wikinger-Kiste mittlerweile ausgelutscht wäre, wobei es da schon ein paar Abnutzungserscheinungen gibt, speziell an den Lyrics ist das sehr deutlich zu merken. Letztlich ist es das Songwriting, das trotz der exakt gleichen Komponenten, die Amon Amarth seit Jahrzehnten erfolgreich verwenden, nicht überzeugt. Das – und wohl auch der Tribut, den die Schweden zu jener Zeit ihrem exzessiven Tour-Rhythmus zollen mussten – machen „Deceiver of the Gods“ zu einer sehr durchschnittlichen Platte, was für die Verhältnisse dieser Band einer Katastrophe gleichkommt.

Gesamteindruck: 4/7 


NoTitelLängeNote
1Deceiver of the Gods4:195/7
2As Loke Falls4:384/7
3Father of the Wolf4:194/7
4Shape Shifter4:025/7
5Under Siege6:176/7
6Blood Eagle3:154/7
7We Shall Destroy4:256/7
8Hel4:093/7
9Coming of the Tide4:166/7
10Warriors of the North8:124/7
47:52

Amon Amarth auf “Deceiver of the Gods” (2013):

  • Johan Hegg − Vocals
  • Olavi Mikkonen − Guitars
  • Johan Söderberg − Guitars
  • Ted Lundström – Bass
  • Fredrik Andersson − Drums
Bild von: metal-archives.com

Anspieltipp 1: We Shall Destroy
Anspieltipp 2: Under Siege

MusikWelt: Surtur Rising

Amon Amarth


Wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, war ich 2011 nach den ersten Durchläufen von „Surtur Rising“ erstmals enttäuscht von Amon Amarth. Freilich kannte ich damals „Fate of Norns“ (2004) nicht oder zumindest nicht sonderlich gut, aber das ist eine andere Geschichte. Wieso „Surtur Rising“ nach neuerlicher Sichtung (oder heißt es in dem Fall „Hörung“?) deutlich besser ist, als ich es im Gedächtnis hatte, versuche ich im Folgenden zu erklären.  

Gesamteindruck: 5/7


Eher heavy als hart.

Eigentlich lässt sich in wenigen Worten erklären, was 2011 mein Problem mit „Surtur Rising“ war: Im Vergleich zu ihren unmittelbaren Vorgängern „With Oden on Our Side“ (2006) und „Twilight of the Thunder God“ (2008) fehlt vorliegender Platte schlicht der unwiderstehliche und alles in den Schatten stellende Refrain. Heißt: Eine Nummer vom Format eines „Asator“ oder „Guardians of Asgaard“ sucht man vergeblich. Am nächsten kommt diesem innerhalb der Fangemeinde durchaus umstrittenen Song-Typus noch „Destroyer of the Universe“; so richtig überzeugt aber ausgerechnet dieser Song nicht, klingt er doch eher so, als hätten Amon Amarth Ideen recycelt, die sie für „Twilight of the Thunder God“ (das Lied, nicht das Album) bereits verworfen hatten. Die Ähnlichkeit ist tatsächlich frappierend, zumindest in meinen Ohren – wenn das als der große Hit des Albums geplant war, ist meine 2011er-Enttäuschung auch heute noch verständlich.

Bevor jetzt Fans der ganz alten Amon Amarth zu jubeln beginnen: Nein, „Surtur Rising“ markiert trotz vergleichsweise geringen Hitpotenzials keineswegs die musikalische Rückkehr zu „The Avenger“ (1999) & Co. Im Gegenteil, Album Nummer 8 ist – vielleicht sogar mehr noch als seine Vorgänger – eine fast lupenreine Heavy Metal-Veröffentlichung. Death Metal-Parts muss man mit der Lupe suchen, sieht man mal vom weiterhin beeindruckenden Organ von Johan Hegg ab, der sich wie der Donnergott höchstpersönlich durch die Songs brüllt. Ob man das mag oder nicht bleibt freilich Geschmackssache; mir gefällt es jedenfalls, weil Amon Amarth mit ihrer Kombination aus Melodie, Riffs und harschen Vocals eine musikalische Nische besetzen, die mich sehr gut abholt. Schade finde ich nur, dass sie es bis dato kaum jemals geschafft haben, alle Facetten ihres Repertoires in entsprechender Qualität auf einem Album zu vereinen.

Braucht seine Zeit.

Was mich an „Surtur Rising“ vor allem anderen beeindruckt, ist die Gitarrenarbeit. Klar, die Axtmänner Olavi Mikkonen und Johan Söderberg erfinden die Riffs und Melodien nicht neu. Gerade letztere sind allerdings einmal mehr ganz große Klasse – so sehr nach Iron Maiden klangen die Schweden bis zu diesem Zeitpunkt nie. Wer auf doppelläufige Harmonien steht, wird beispielsweise vom Mittelteil von „War of the Gods“ oder auch „For Victory or Death“ begeistert sein. Es ist allerdings nicht nur die Verbeugung vor den Eisernen Jungfrauen, die mein Herz höher schlagen lässt: Fast jeder Song auf „Surtur Rising“ ist mit einer mal längeren, mal knapper gehaltenen Melodie gesegnet, die das Wikinger-Thema perfekt unterstützt. Irgendwie haben es Amon Amarth (nicht erst mit diesem Album) geschafft, die Vorstellung, die wir als Metalheads vom Klang der Wikingerzeit haben, (mit) zu definieren. Johan Hegg würde mir vielleicht widersprechen, weil die Schweden immer nur eine Death Metal-Band sein wollten und sich nie in die Viking Metal (á lá Týr) Schublade haben stecken lassen – und doch müssen sie damit leben, durch ihre Kombination aus Lyrics, Riffs und Melodien, einen Beitrag zur langlebigen Erfolgsgeschichte „Heavy Metal + Wikinger“ geleistet zu haben. Ein Beispiel gefällig? Man höre nur den epischen Instrumentalteil ab ca. 2:00 Minuten im Song „Slaves of Fear“. Noch mehr Schlachtengemälde geht fast nicht, so jedenfalls meine Empfindung.

Im Endeffekt ist es so: Man muss „Surtur Rising“ etwas mehr Zeit geben als seinen unmittelbaren Vorgängern. Das klingt wie ein Klischee und ich habe es erst selbst nicht geglaubt, weswegen ich das Album so lange ad acta gelegt hatte. Jetzt, Jahre nach dem Erscheinen und bei intensivem Zuhören ist mir klar geworden, dass ein Großteil der Nummern auf dieser Platte wirklich großartig geschrieben ist. Klar, ein paar Ausnahmen gibt es: Das genannte „Destroyer of the Universe“ ist zwar markant, kann aber als Hit nicht mit anderen Großtaten der Band mithalten. Und hinten raus ist den Schweden mit dem abschließenden Trio „Wrath of the Norsemen“, „A Beast Am I“ und „Doom Over Dead Man“ wohl ein bisschen die kreative Luft ausgegangen – einerseits fehlt es bei diesen Nummern irgendwo im Songwriting, sodass der Funke nicht recht überspringt, andererseits klingen Teile davon schon sehr arg nach Wiederholung.

Das ändert aber nichts daran, dass mich weite Teile von „Surtur Rising“ ausgesprochen gut unterhalten, wenn ich mir die Platte z. B. beim Sport anhöre. Gesagt sei aber auch, dass ich wohl kaum einen Songtitel zuordnen könnte, wenn ich ihn höre – abgesehen von den Refrains, die wie oben erwähnt nicht ganz so eingängig sind, aber doch markant genug, um zumindest den Titel zu erkennen. Es ist halt wie üblich eine Frage der Erwartungen: Der ganz große Zug nach vorne, die Dampfwalze, die alles platt macht, ist „Surtur Rising“ selten. Es ist aber sehr wohl eine Platte, die zeigt, dass Amon Amarth als Musiker, vor allem aber als Komponisten, ihr Repertoire ordentlich erweitert haben. Wer genau hinhört, wird das hoffentlich erkennen (muss es aber selbstverständlich nicht mögen). Von mir gibt’s dafür unerwartet starke 5 Punkte!

Gesamteindruck: 5/7 


NoTitelLängeNote
1War of the Gods4:315/7
2Töck’s Taunt – Loke’s Treachery Part II5:566/7
3Destroyer of the Universe3:404/7
4Slaves of Fear4:236/7
5Live Without Regrets5:015/7
6The Last Stand of Frej5:355/7
7For Victory or Death4:276/7
8Wrath of the Norsemen3:425/7
9A Beast Am I3:354/7
10Doom over Dead Man7:234/7
48:13

Amon Amarth auf “Surtur Rising” (2011):

  • Johan Hegg − Vocals
  • Olavi Mikkonen − Guitars
  • Johan Söderberg − Guitars
  • Ted Lundström – Bass
  • Fredrik Andersson − Drums
Bild von: metal-archives.com

Anspieltipp 1: Töck’s Taunt – Loke’s Treachery Part II
Anspieltipp 2: For Victory or Death

MusikWelt: Twilight of the Thunder God

Amon Amarth


Die Rückschau zeigt es deutlich: Amon Amarth befanden sich rund um die Veröffentlichungen von „With Oden on Our Side“ (2006) und „Twilight of the Thunder God“ (2008) auf dem Höhepunkt ihres Schaffens. Doch während die Huldigung an Allvater Odin noch ein absolutes Meisterwerk war, ist vorliegendes Album, gewidmet dessen Sohn Thor, ein erstes Zeichen von Stagnation. Freilich auf nach wie vor hohem Niveau – mir gefallen beide Platten praktisch gleich gut. Dennoch bekommt man hier erstmals Bedenken, dass die Formel demnächst schal werden könnte.  

Gesamteindruck: 6/7


Dem Donnergott gefällt’s.

Wer Amon Amarth kennt, kann sich denken, was ihn auf Album Nummer 7 erwartet: Hymnische Refrains, epische Melodien, Heavy Metal-Riffs und die grollende Stimme von Frontmann Johan Hegg, der von den Mythen und Legenden der Wikinger erzählt. Ich denke, die Frage, ob dieses Album auch denen gefällt, die klassischen Death Metal – und nur solchen – von den Stockholmern hören wollen, braucht man nicht mehr zu stellen. Das hier ist lupenreiner Heavy Metal, der sich nur in minimal höherem Tempo, etwas harscheren Riffs und den Vocals von anderen Acts dieses Genres unterscheidet. Das heißt nicht, dass es gar keine todesmetallischen Elemente mehr gibt; das Augenmerk liegt im Hause Amon Amarth mittlerweile aber eindeutig woanders. Bevor wir weiter in die Tiefe gehen, noch ein Satz zu einem Nebenkriegsschauplatz: Die Produktion war ein Grund zu sanfter Kritik an „With Oden on Our Side“. Wem jenes Album zu glatt aus den Boxen kam, wird vorliegender Dreher in dieser Hinsicht wieder deutlich besser gefallen. Ich würde zwar nicht behaupten, dass „Twilight of the Thunder God“ extrem rau oder dreckig klingt, aber es ist doch deutlich erdiger als sein Vorgänger ausgefallen, was dem Material meiner Ansicht nach gut zu Gesicht steht..

Eine kleine Überraschung gibt es gleich im Opener, gleichzeitig Titeltrack und einer von zwei ultra-eingängigen Songs auf „Twilight of the Thunder God“. Hier werden die typischen Riffs und die einfache, aber umso eingängigere Melodie durch ein Solo des damals bei den Finnen Children Of Bodom in Lohn und Brot stehenden Gitarristen Roope Latvala veredelt. Sidestep: Dieser kurze Gastauftritt macht den Unterschied zwischen finnischem und schwedischem Metal recht deutlich. Die Axtmänner von Amon Amarth haben ihre Stärken im Bereich der Riffs und Melodien, ihr Kollege aus Suomi legt den Fokus hingegen auf die Technik und lässt seine Finger mit Höchstgeschwindigkeit über das Griffbrett tanzen. Wie ein Fremdkörper wirkt das Solo dennoch nicht, eher wie eine schöne Auflockerung des ansonsten so typischen Sounds der Wikinger. An dieser Stelle sei gleich auch noch der zweite Song genannt, auf den sich der Anfang dieses Absatzes bezieht: „Guardians of Asgaard“ ist nochmal eine Spur riffbetonter bzw. heavier und verfügt über einen ebenso eingängigen und leicht zu merkenden Refrain. Und auch hier gibt es einen Gast zu hören: L-G Petrov, seines Zeichens Frontmann der legendären Entombed (A. D.) brüllt sich abwechselnd (bzw. in den Strophen gemeinsam) mit Johan Hegg durch die Nummer. Ein schöner Song, der aber, genau wie der Titeltrack, ständig in Gefahr ist, totgespielt zu werden. Mir ging’s selbst so, mittlerweile bin ich, nach einigen Jahren Abstinenz, wieder voll in der Lage, beide Songs auch in Dauerrotation zu genießen.

Riffs und Melodien.

Das Gros der restlichen Stücke ist die gewohnte, auf einer zeitweise nur als „genial“ zu bezeichnenden Kombination aus Riffs und Melodien aufgebaute Kost. Daran gibt es nichts auszusetzen, immerhin ist es das, was die Band am besten kann. Trotzdem (oder gerade deshalb) horcht man – wie bei jeder bisherigen Platte – doch das eine oder andere Mal ganz besonders auf. So beim für diese Amon Amarth-Periode ungewohnt heftigen „Free Will Sacrifice“ – oder bei „The Hero“ mit seinem sofort mitsingbaren Refrain. Hervorragend sind auch die Tracks „Varyags of Miklagaard“ (extrem guter Gesang, nahezu perfekte Melodie und Riffing) sowie – vor allem – das großartige, im hymnischen Midtempo vorgetragene „Tattered Banners and Bloody Flags“ (mittlerweile sogar meine Lieblingsnummer auf „Twilight of the Thunder God“). Hervorzuheben ist außerdem „Live for the Kill“, in dem die Schweden einmal mehr aus ihrem Nachbarland Finnland unterstützt werden: Die Cello-Metaller Apocalyptica sorgen im Mittelteil des Liedes für Gänsehaut-Stimmung. Der Rausschmeißer „Embrace Of The Endless Ocean“ ist schließlich der längste Track des Albums, eine getragene, will sagen: relativ langsame Hymne, durchaus vergleichbar mit ähnlichen Songs, die Amon Amarth fast seit Beginn ihrer Karriere immer wieder einstreuen.

Unterm Strich gibt es aus meiner Sicht nur zwei Songs auf diesem Album, die ein wenig abfallen: „Where Is Your God?“, das sich als härteste Nummer auf der Platte wie ein Fremdkörper ausnimmt. Und dann noch „No Fear for the Setting Sun“ [sic!], das letztlich komplett nichtssagend ist und von dem mir auch nach vielfachen Durchläufen bis auf ein paar Textzeilen nichts im Gedächtnis geblieben ist.

Fazit: Amon Amarth stagnieren meiner Meinung nach mit „Twilight of the Thunder God“; das Album ähnelt seinem Vorgänger sehr stark, auch wenn es nicht ganz so schnell und direkt zündet. Aber: Trotz (oder gerade wegen) dieser nahezu völlig fehlenden Weiterentwicklung bin ich auch von dieser Platte sehr angetan. Die Mischung an Songs ist sehr ausgewogen, wobei eines klar sein muss: Wer die Entwicklung, die zu „With Oden On Our Side“ und damit auch zu vorliegendem Longplayer geführt hat, nicht goutiert, wird all das ganz anders sehen als ich. Mir ist das egal, genauso, wie auf diesen beiden Platten möchte ich Amon Amarth hören. Denn hier haben sie die perfekte Synthese aus ihrer deutlich härteren Vergangenheit und den Einflüssen, mit denen sie begonnen haben, die Massen zu begeistern, gefunden. Besser sind die Schweden bis dato (ich schreibe diese Rezension 2021) nicht mehr geworden.

Gesamteindruck: 6/7 


NoTitelLängeNote
1Twilight of the Thunder God4:087/7
2Free Will Sacrifice4:086/7
3Guardians of Asgaard4:237/7
4Where Is Your God?3:114/7
5Varyags of Miklagaard4:186/7
6Tattered Banners and Bloody Flags4:307/7
7No Fear for the Setting Sun3:544/7
8The Hero4:046/7
9Live for the Kill4:116/7
10Embrace of the Endless Ocean6:446/7
43:31

Amon Amarth auf “Twilight of the Thunder God” (2008):

  • Johan Hegg − Vocals
  • Olavi Mikkonen − Guitars
  • Johan Söderberg − Guitars
  • Ted Lundström – Bass
  • Fredrik Andersson − Drums
Bild von: metal-archives.com

Anspieltipp 1: Tattered Banners and Bloody Flags
Anspieltipp 2: Twilight of the Thunder God

MusikWelt: With Oden on Our Side

Amon Amarth


Alle, die Amon Amarth nach dem sehr durchwachsenen „Fate of Norns“ (2004) auf dem absteigenden Ast gesehen haben, werden mit Album Nummer 6 eines Besseren belehrt. Ich meine sogar, dass „With Oden on Our Side“ das mit Abstand beste Album der Schweden seit „The Avenger“ (1999) ist. Und: Bis zum Zeitpunkt dieser Rezension (Februar 2021) haben die Melodic Death Metaller aus Stockholm dieses Niveau nie wieder in solch beeindruckender Manier erreicht.

Gesamteindruck: 7/7


Amon Amarth pitten zum Wikinger-Mosh.

Ich weiß, ich weiß. Superlative schon in der Einleitung… Geht es nicht auch eine Nummer kleiner? Zu meiner Verteidigung sei gesagt, dass meine Begeisterung nicht kurzfristiger Euphorie entspringt – immerhin hat „With Oden on Our Side“ mittlerweile an die 15 Jahre auf dem Buckel. Wobei ich zugeben muss, dass es eine Grundsatzfrage ist, ob man mir zustimmen wird. Das werden wohl alle tun, die sich von Amon Amarth mehr Hymnen vom Schlage eines „The Pursuit of Vikings“ gewünscht haben. Wenn jemand hingegen auf komplexeres Material und ungestüme, kaum kontrollierte Härte steht, wird er „With Oden on Our Side“ vermutlich als endgültiges Ragnarök für die Band deuten.

Ich will nun nicht behaupten, dass die Wahrheit in der Mitte liegt – denn das wird beim Großteil der Zuhörer wohl nicht so sein. Ich persönlich bin dennoch der Ansicht, dass beide Gesichter unser aller Lieblingswikinger ihre Daseinsberechtigung haben. Jedenfalls haben die Herren aus Stockholm schon lange vor diesem Album an ihrer Erfolgsformel gefeilt, was Songs wie „Victorious March“ (1998), „Death in Fire“ (2002) und „The Pursuit of Vikings“ (2004) zeigen. Diese Nummern sind einerseits dafür ausgelegt, live ordentlich für Stimmung zu sorgen, andererseits sind sie wohl auch äußerst gut verkäuflich. Beides kann man Amon Amarth kaum vorwerfen. Der Knackpunkt dürfte eher sein, dass „With Oden on Our Side“ das erste Werk der Schweden ist, das überwiegend aus – nennen wir das Kind beim Namen – relativ leicht verdaulichen Hits besteht. Was übrigens nicht bedeuten soll, dass sich hier irgendeine Nummer für Radio-Airplay eignet…

Kritikpunkte als Mangelware.

Dass das Album wie aus einem Guss klingt, zeigt sich allein daran, dass man nicht so richtig weiß, welchen Song man überhaupt hervorheben soll. Meines Erachtens befinden sich alle auf ungefähr gleichem Niveau – sogar die gefühlt unbekannteren „Gods of War Arise“ und „Prediction of Warfare“ sind ausgezeichnet geschrieben. Die einzige Nummer, die ich im ersten Moment beim Rekapitulieren der Tracklist nicht einer Melodie, einer Textzeile oder einem Refrain zuordnen konnte, war der Titeltrack. Ein Blick in die Lyrics hat das dann aber direkt geändert („Under winters kies / We stand glorious / And with Oden on our side / We are victorious!“), sodass ich nicht sagen kann, dass dieser Song dem Rest des Albums in irgendeiner Weise nachsteht.

Kann man Amon Amarth für „With Oden on Our Side“ überhaupt irgendwie ans Bein pinkeln (wenn man mal von der oben angeführten Grundsatzfrage absieht)? Ein paar Ansatzpunkte, mit denen das möglich wäre, sehe ich tatsächlich. Ein großer Brocken mag in den Ohren vieler Fans der ersten Stunde die Produktion sein. Die walzt zwar alles nieder und ist – übrigens erstmals in der Band-Geschichte – extrem ausgewogen. Allerdings würden Manche wohl sagen „zu ausgewogen“, Andere, die den Wikingern nicht mehr so gewogen sind, vielleicht sogar „aalglatt“. Rein subjektiv empfinde ich den Mix als angenehm und ausgesprochen gut hörbar. Alle Instrumente und der Gesang sind gleichberechtigt abgemischt und glasklar hörbar; alles ist an seinem Platz und wie zu erwarten vollkommen fehlerlos dargeboten. Ist das zu viel des Guten? Ich bin nun niemand, der Wert auf trockene und/oder dreckige Produktionen legt – aber ich muss tatsächlich einräumen, dass das, was hier an den Reglern fabriziert wurde, bei aller technischen Perfektion eine Schippe Rauheit vermissen lässt. Nicht so viel, dass es für mich persönlich ins Gewicht fallen würde, wohlgemerkt.

Man könnte vielleicht auch bei den Songs selbst ansetzen. Wer nicht genau zuhört, mag „With Oden on Our Side“ als zu routiniert abheften, als eine Platte, deren Songs relativ gleichförmig klingen. Ich sehe es so: Zwar hauen „Valhall Awaits Me“, „Runes to My Memory“, „Asator“, „Gods of War Arise“, „With Oden on Our Side“ und „Cry of the Black Birds“ in eine ähnliche Kerbe, „ähnlich“ ist aber nicht „gleich“. Diese Songs vereint die massive Eingängigkeit ihrer Refrains bzw. Mitsing-Parts, der Rest ist für mein Dafürhalten aber variabel genug. Einige davon sind relativ rasant („Valhall Awaits Me“, „Asator“), andere im Riff-betonten Heavy Metal-Midtempo angesiedelt („Cry of the Black Birds“). Mir gefällt diese Mischung gut, am ehesten würde ich hier noch kritisieren, dass die Lyrics der relativen Einfachheit der Musik folgen (wie es schon bei „The Pursuit of Vikings“ der Fall gewesen ist). Klar, wenn man beim Konzert die Leute zum Mitbrüllen animieren möchte, geht das mit komplexen Textzeilen nicht so leicht.

Umgekehrt stehen auf „With Oden on Our Side“ mit „Hermod’s Ride to Hel – Lokes Treachery Part 1“, „Under the Northern Star“ und „Prediction of Warfare“ drei Songs, die kompositorisch durchaus komplexer sind und sich generell vom restlichen Material unterscheiden. Vor allem „Hermod’s Ride to Hel“ möchte ich aus diesem Trio hervorheben – das ist meines Erachtens ein Song, der es in Sachen Songwriting durchaus mit den alten Nummern der Band aufnehmen kann. Extrem geil finde ich, dass die letzte Minute der Nummer sogar ein paar Black Metal-Elemente beinhaltet (eine typische Melodie und angeschwärzter Gesang). Großartig und für mich einer der besten Amon Amarth-Tracks überhaupt, allem Heavy Metal-Riffing zum Trotz. Noch kurz erwähnt sei an dieser Stelle, dass mir das fast ein bisschen balladeske „Under the Northern Star“ von allen Songs auf diesem Werk am wenigsten gefällt, was aber nicht heißt, dass es ein schlechtes Lied ist.

Egal, wie ich die Sache drehe und wende, wurscht, wie oft ich das Album hintereinander höre: „With Oden on Our Side“ ist für mich ein Meisterwerk. Ich gebe zu, dass hier nur mehr homöopathische Dosen Death Metal zu hören sind – aber, verdammt noch mal, was soll’s, wenn die Songs dermaßen gut reingehen und sich über Tage im Hirn festfressen. Und weil sich daran nichts geändert hat, seit diese Platte vor so vielen Jahren auf den Markt gekommen ist, gibt es für mich nur eines: Höchstwertung.

Gesamteindruck: 7/7 


NoTitelLängeNote
1Valhall Awaits Me4:437/7
2Runes to My Memory4:327/7
3Asator3:047/7
4Hermod’s Ride to Hel – Lokes Treachery Part 14:407/7
5Gods of War Arise6:027/7
6With Oden on Our Side4:346/7
7Cry of the Black Birds3:496/7
8Under the Northern Star4:176/7
9Prediction of Warfare6:366/7
42:17

Amon Amarth auf “With Oden on Our Side” (2006):

  • Johan Hegg − Vocals
  • Olavi Mikkonen − Guitars
  • Johan Söderberg − Guitars
  • Ted Lundström – Bass
  • Fredrik Andersson − Drums
Bild von: metal-archives.com

Anspieltipp 1: Valhall Awaits Me
Anspieltipp 2: Hermod’s Ride to Hel – Lokes Treachery Part 1