FilmWelt: Der Goldene Handschuh

Fritz Honka war ein deutscher Serienmörder, der zwischen 1970 und 1975 in Hamburg vier Frauen getötet hat. „Der Goldene Handschuh“ zeigt einige Episoden aus dem Leben des Killers, sollte aber nicht unbedingt als Biographie verstanden werden, denn der Film spart u. a. komplexe, psychologische Vorgänge aus und ergeht sich hauptsächlich darin, Ekel beim Zuseher auszulösen. Letzteres gelingt immerhin meisterhaft.

Gesamteindruck: 3/7


Verwahrloste Brutalität.

Von Fritz Honka habe ich persönlich noch nie etwas gehört, bevor ich diesen Film gesehen habe. Eine Bildungslücke? Vielleicht. Jedenfalls habe ich mich nun zumindest ein wenig mit ihm beschäftigt – vor allem, um eine einigermaßen qualifizierte Rezension abgeben zu können. Zur Einordnung für alle, die so unwissend sind, wie ich es war: „Zum Goldenen Handschuh“ heißt eine bis heute existierende Kneipe auf St. Pauli, in der Honka seinerzeit häufig anzutreffen war. Vorliegender Film ist eine Umsetzung des gleichnamigen Romans von Heinz Strunk, der 2016 veröffentlicht wurde. Regie führte Fatih Akin, der am Kiez selbst kein Fremder ist, was „Der Goldene Handschuh“ fast zu einer Art Heimspiel für den Hamburger Filmemacher macht.

Worum geht’s?
In den 1970er Jahren lebt der gebürtige Leipziger Fritz Honka in bescheidensten Verhältnissen als Hilfsarbeiter in Hamburg. Seine körperlichen Unzulänglichkeiten und seine Schüchternheit machen es ihm unmöglich, auf normalem Wege Frauen kennenzulernen. Das und der Frust über sein verkorkstes und zunehmend verwahrlostes Leben haben ihn zum Trinker gemacht – und lassen ihn schließlich immer tiefer in den Wahnsinn abgleiten und sogar zum Mörder werden

Ein Film wie dieser ist immer eine zwiespältige und schwierige Angelegenheit: Wie stellt man einen Mörder dar, der bei aller Monstrosität seiner Taten letztlich auch nur ein Mensch ist? Der Schwächen, aber vielleicht sogar den einen oder anderen sympathischen Zug hat? Darf man dem Publikum auch nur den leisesten Ansatz zur Identifikation geben – oder muss man ein entmenschlichtes Monster zeigen? Aus meiner Sicht gehören wohl beide Aspekte zur Realität, und ich denke, dass Regisseur Fatih Akin zumindest versucht hat, dem irgendwie gerecht zu werden. Mangels umfangreicherer Kenntnisse über den realen Fritz Honka wage ich nicht zu beurteilen, ob und wie das gelungen ist. Insofern bezieht sich meine Meinung zum Film eben auf diesen, nicht so sehr auf das reale Leben des Mörders oder den Roman von Heinz Strunk (2016), den ich bis dato nicht gelesen habe. Übrigens gibt es diese Diskussion ja immer wieder, besonders in Erinnerung ist mir diesbezüglich „Der Untergang“ (2004) geblieben.

Keine Jugendfreigabe? Kein Wunder!

„Der Goldene Handschuh“ hat keine Jugendfreigabe erhalten. Warum das so ist, erschließt sich beim Ansehen recht schnell – denn auch, wenn die Kamera nicht immer voll draufhält und obwohl sich das Unaussprechliche meist knapp außerhalb des Bildes abspielt, ist dieser Film von unsagbarer Gewalt geprägt. Gegen Ende hin ändert sich deren Darstellung übrigens rapide und die Brutalität kommt direkt und detailliert ins Bild. Von daher dürfte der FSK 18-Sticker schon gerechtfertigt sein, zumindest aber verwundert es nicht, dass der Film ihn verpasst bekommen hat.

Gespielt ist „Der Goldene Handschuh“ meines Erachtens sehr gut. Es sind ja durchaus bekannte Schauspieler am Start, die man teilweise allerdings kaum erkennt: Fettige Haare, schiefe und faule Zähne, blaue Flecken, Augenringe und Alkoholdunst aus allen Poren – schon beeindruckend, was die Maske hier geleistet hat, um die allgemeine Verwahrlosung auch an den Figuren deutlich sichtbar zu machen. Davon abgesehen werden die Nebendarsteller ihrem Namen weitgehend gerecht: Der Film ist, fast in der Tradition eines Kammerspiels, praktisch ausschließlich auf die Hauptfigur ausgerichtet. Der Rest ist Staffage und hat auch kaum Sprechtext, was die Frage aufwirft, ob das Realismus ist – oder ob hier niemand bedacht hat, dass dadurch jegliche Identifikation mit den Opfern stark erschwert wird.

Bei Hauptdarsteller Jonas Dassler bin ich etwas zwiegespalten. Ich glaube, er spielt seine Rolle gut, jedenfalls so, wie es ihm vom Drehbuch wohl vorgegeben wurde. Bei ihm wirkt die Maske geradezu grotesk und dürfte wohl wenig mit dem Aussehen des echten Fritz Honka zu tun haben. Diese Übersteigerung mag Stilmittel sein, ich persönlich fand sie eher deplatziert. Das mag auch damit zu tun haben, dass Akin die Opfer – wie oben beschrieben – ähnlich hässlich und verkommen aussehen lässt, was es eben ungleich schwerer macht, sich mit ihnen zu solidarisieren. Die Verwahrlosung ist allgegenwärtig und mag es auch in Wirklichkeit gewesen sein – dem Film hätte eine Abstufung aber eventuell gut getan. Fast schon fahrlässig ist, dass der Regisseur seinen Hauptdarsteller auch über eine junge, gut aussehende Blondine fantasieren lässt, mit der das männlich-moderne Publikum problemlos Mitleid haben würde. Das ist nicht nur ungerecht, sondern geradezu respektlos den echten Opfern gegenüber.

Es fehlt einiges.

Zusammengefasst: Es liegt es meines Erachtens nicht an den Schauspielern, wenn der Film nicht so gut bewertet wird, wie man es eigentlich erwarten könnte. Ich glaube letztlich, dass das Drehbuch nicht ganz ausgewogen ist. Einerseits wurde viel Mühe investiert, um zu zeigen, in welchem Elend die Figuren – nicht nur Fritz Honka – leben. Das ist gelungen, aber eben nur in Auszügen. Warum es überhaupt soweit gekommen ist, kann man nicht einmal richtig erahnen. Andererseits ist es schwierig, den Mörder überhaupt angemessen zu verurteilen, einfach, weil er sogar in diesem eher seichten Kontext deutlich mehr Persönlichkeit auf den Leib geschrieben bekommen hat, als alle Opfer zusammen. Nimmt man dann noch seinen sächsischen Dialekt und die Rolle als schüchterner Außenseiter dazu, kann er schon den einen oder anderen Sympathiepunkt für sich verbuchen. Und genau das ist es, was den Opfern fehlt – und daher fragt man sich am Ende auch, was uns der Regisseur mit diesem Film eigentlich sagen wollte.

Abschließend möchte ich noch kurz auf die Ausstattung eingehen: Die Dachgeschoßwohnung der Hauptfigur ist meines Erachtens eine der besten Kulissen, die ich in einem deutschsprachigen Film bisher gesehen habe. Ekelhaft versifft, unglaublich detailliert und von klaustrophobischer Enge – man meint jederzeit, den grauenhaften Gestank riechen zu können, der in dieser Bruchbude geherrscht haben muss. Hut ab für Kulissenbauer und Kamerateam, so muss man das erst einmal hinbekommen bzw. dann auch in eindrücklichen Bildern umsetzen. Anmerkung am Rande: In Sachen Ton ist der Soundtrack toll, aber der Mix ist weniger gelungen und verhindert teilweise, dass man Dialoge überhaupt versteht. Schade.

Von mir gibt’s 3 Punkte für die grandiose Ausstattung und die guten schauspielerischen Leistungen. Mehr ist nicht drin, weil der Film weder ein Psychogramm, noch eine Biografie ist und deutlich an Komplexität vermissen lässt. Am schwersten wirkt aber, dass hier einfach so hingenommen wird, dass Honka ein Mörder ist. Nach Hintergründen wird nicht gefragt, es bleibt auch völlig unklar. Das mag einen gesellschaftlich-brisanten Hintergrund haben, der kommt in „Der Goldene Handschuh“ allerdings kaum bis gar nicht zur Geltung.

Gesamteindruck: 3/7


Originaltitel: Der Goldene Handschuh.
Regie:
Fatih Akin
Drehbuch: Fatih Akin
Jahr: 2019
Land: Deutschland, Frankreich
Laufzeit: ca. 110 Minuten
Besetzung (Auswahl): Jonas Dassler, Margarethe Tiesel, Katja Studt, Martina Eitner-Acheampong, Hark Bohm, Marc Hosemann



FilmWelt: Lords of Chaos

Anfang der 1990er, also vor rund 30 Jahren, hat eine Gruppe junger Männer Norwegen in Angst und Schrecken versetzt. Satanismus, Brandstiftung und sogar Mord – die Rebellion, die unter dem Banner des Black Metal nicht nur die Musikwelt erzittern lassen sollte, schreckte vor keinem Extrem zurück. Drei Figuren waren prägend für jene Zeit: Øystein „Euronymus“ Aarseth, Per „Dead“ Ohlin und Kristian „Varg“ Vikernes. „Lords of Chaos“ (2019), entstanden unter der Regie des Schweden Jonas Åkerlund, erzählt ihre Geschichte.

Gesamteindruck: 5/7


Eine skandinavische Tragödie.

„Lords of Chaos“ ist die Verfilmung des gleichnamigen Sachbuches von 1998. In jenem Werk arbeiteten die Autoren Michael Moynihan und Didrik Søderlind jene Ereignisse auf, die zur Etablierung eines neuen musikalischen Genres führten, das so extrem war, wie nichts davor oder danach. Dennoch wäre der norwegische Black Metal wohl nie über versiffte Kellerräume in Oslo oder Bergen hinausgekommen – wären da nicht seine brutalen und blutigen Begleiterscheinungen gewesen. Denn es sollte nicht lange dauern, bis die dunkle Ideologie in höchst reale Taten umschlug, die bis heute ihresgleichen suchen.

Inhalt in Kurzfassung
Oslo, Mitte der 1980er Jahre: Der junge Gitarrist Øystein „Euronymus“ Aarseth gründet mit Freunden die Band Mayhem und „erfindet“ dabei gleich ein neues musikalisches Genre: True Norwegian Black Metal, eine extreme Form des Heavy Metal, ausgelegt auf düstere Atmosphäre, größtmögliche Aggression und Auflehnung gegen sämtliche musiktheoretische – und auch gesellschaftlich-religiöse – Konventionen. Zunächst lärmt man noch unter Ausschluss der Öffentlichkeit vor sich hin. Eine Art Durchbruch gelingt erst, als sich der schwedische Sänger Per Yngve Ohlin, besser bekannt unter seinem Pseudonym Dead, dazu gesellt. Dessen späteren Selbstmord nutzt Euronymus für Promotion-Zwecke – ein Tabubruch, dem viele weitere folgen sollen. Als schließlich der Bergener Kristian „Varg“ Vikernes, seines Zeichens einziges Mitglied von Burzum, in das Leben von Euronymus tritt, geraten die Dinge vollständig außer Kontrolle.

Bevor sich der geneigte Black Metal-Fan – oder jeder andere, an der Thematik interessierte Zuseher – „Lords of Chaos“ ansieht, sollte er sich über folgendes bewusst sein: Der Film ist im Gegensatz zum Buch, auf dem er basiert, keine Dokumentation. Wohl ist er eine filmische Biographie, vor allem über Euronymus, er ist und bleibt aber ein Spielfilm. Heißt: Schauspieler verkörpern die Protagonisten, es gibt keinerlei weiterführende Erklärungen und reale Persönlichkeiten kommen nicht zu Wort. Entsprechend gibt es im Film Szenen zu sehen, für die es in Wirklichkeit keine Augenzeugen gab und von denen man nur mutmaßen kann, ob sie sich tatsächlich so zugetragen haben. Das ist aus meiner Sicht kein grundsätzliches Problem, sorgt aber dafür, dass man den Film nicht ganz so ernst nehmen sollte, wie man vielleicht gehofft hatte.

Grundsätzlich ist die Konstellation, die zum Aufstieg und Fall der ersten Black Metal-Band der 2. Generation, Mayhem, geführt hat, sehr komplex. Verständlich also, dass sich der Regisseur (seines Zeichens Anfang der 1980er als ehemaliger Drummer von Bathory übrigens Mitglied der 1. Black Metal-Generation) für „Lords of Chaos“ auf einen Gesichtspunkt konzentrieren wollte. Als Hauptprotagonisten hat Jonas Åkerlund daher Euronymus (überraschend gut gespielt von Rory „Ich bin der Bruder von Macauly“ Culkin) herausgegriffen, den er vor allem als musikalischen Impulsgeber der Szene betrachtet. Diese Simplifizierung finde ich durchaus in Ordnung – dass „Lords of Chaos“ ein umfassender und jeden Teilaspekt betrachtender Film wird, hätte ich ohnehin nicht erwartet. Abgesehen davon ist die Konzentration auf Mayhem und Burzum bei nahezu vollständiger Ausblendung anderer Protagonisten ein Vorwurf, den sich bereits das Buch gefallen lassen musste.

Allgemein ist der Blick, den Jonas Åkerlund auf dieses Stück Musikgeschichte wirft, ist unterhaltsamer, als man erwarten könnte. Vorwiegend liegt das wohl daran, dass der Regisseur keine Identifikationsfiguren bieten wollte. Euronymus ist zwar nicht ganz unsympathisch, neigt aber sehr stark zu Opportunismus, was nun keine erstrebenswerte Eigenschaft ist. Liest man ältere Aussagen von ehemaligen Weggefährten, scheint diese Charakterisierung durchaus zutreffend zu sein. Varg wird vom für mein Gefühl etwas zu stattlichen Emory Cohen hingegen als jemand dargestellt, der sogar in diesem Kreis aus Außenseitern zunächst wenig Akzeptanz findet. Ihm, der als einziger der drei Hauptprotagonisten jene Zeit überlebt hat und der weder damals noch heute als angenehmer Zeitgenosse gelten dürfte, schreibt der Regisseur eine leicht tollpatschiges, naives Verhalten zu, das sich später immer mehr ins Radikale verkehrt. Sein musikalisches Genie, mit dem man sich eventuell identifizieren könnte, ist lediglich eine Randbemerkung, sodass wir es bei ihm nicht einmal mit einem kauzigen Anti-Helden, sondern einfach mit einem fehlgeleiteten, nicht gerade hellen Typen zu tun haben. All das sorgt für den einen oder anderen Lacher, bei dem man sich als Kenner der Geschichte zwar irgendwie unwohl fühlt, der einige Szenen aber eben auch nicht ganz so verbissen macht, wie sie die Protagonisten damals wohl erlebt haben.

Trve Norwegian Black Metal – Achtung, Spoiler!

Der Film deckt – so jedenfalls meine Wahrnehmung – einen Zeitraum von ungefähr 1986 bis 1993 ab. Grob kann er in vier Teile gegliedert werden. Der erste Part stellt stark verknappt die Hauptfigur Euronymus und seine Motivation vor. Aufgegriffen wird die „Erfindung“ des Black Metal-Riffs und die ersten rebellischen Gehversuche einer Bande von Außenseitern, die freilich noch vergleichsweise harmlos und kaum von der Punk-Bewegung unterscheidbar ausfallen. All das funktioniert sehr gut und jeder, der in seiner Jugend gerne gefeiert und ab und an nicht ganz brav war, wird sich im einen oder anderen Moment wiederfinden.

Im 2. Teil lernen wir mit Dead (dargestellt von Jack Kilmer) den Protagonisten kennen, der jene geisterhafte, düstere Atmosphäre in den Black Metal bringt, die wir bis heute kennen – und auch der Film nimmt damit eine Wendung in Richtung Wahnsinn und wird zunehmend blutig. Das allgemeine Verhalten des schwedischen Sängers, seine Obsession für den Tod – sowohl auf als auch abseits der Bühne – und sein Selbstmord (1991, er wurde nur 22 Jahre alt) sind für den Zuseher schwer zu ertragen, zumal kaum Details ausgespart werden. Das ist der intensivste Teil von „Lords of Chaos“, der für mein Gefühl voller Respekt vor einem jungen Mann ist, der dringend Hilfe gebraucht hätte. Ob seinen Freunden das in diesem Ausmaß bekannt war, bleibt offen, ihre Aussagen lassen aber darauf schließen, dass sie Dead mehr als nur ein bisschen seltsam fanden. Der blutige Selbstmord stellt gleichzeitig eine Zäsur dar – an dieser Stelle wenden sich die ersten Freunde von Euronymus ab, der den Tod seines Freundes direkt nutzt, um Aufmerksamkeit für Mayhem zu generieren. Kurzer Exkurs: In Wirklichkeit dürfte all das sogar noch über den im Film gezeigten Ausstieg von Bassist Jørn „Necrobutcher“ Stubberud hinausgegangen sein und auch andere Leute aus der Szene verurteilten Euronymus für sein Verhalten gegenüber Dead – sowohl vor als auch noch dessen Selbstmord.

Auftritt Varg – Achtung, Spoiler!

Der 3. Abschnitt des Films zeigt, wie die finstere Ideologie des Black Metal – ausgehend von Euronymus‘ berüchtigtem Plattenladen „Helvete“ – in Taten gipfelte, an die man sich tatsächlich bis heute erinnert und die jene Jahre nach wie vor wie einen Mythos erscheinen lassen, der sich selbst am Leben erhält. Kristian „Varg“ Vikernes tritt hier in das Leben von Euronymus – zunächst noch musikalisch über sein Ein-Mann-Projekt Burzum, das im Film aber eine Randnotiz bleibt. Der Bergener, vorerst noch skeptisch betrachtet, holt sich bei Euronymus Inspiration, belässt es aber nicht dabei. Als die erste Stabkirche (Fantoft im Juni 1992) brennt, ist er im „Inneren Zirkel“ angekommen und freundet sich immer mehr mit dem Mayhem-Gitarristen an. An dieser Stelle wird der Film ambivalent in seiner Tonalität – fast hat man das Gefühl, der Regisseur hätte nicht recht gewusst, wie er mit Varg (der 2009 aus der Haft entlassen wurde), umgehen sollte. Es ist, als hätte Åkerlund Bedenken gehabt, das Publikum würde sich mit einem verurteilten Verbrecher identifizieren. Ob das damit zu tun hat, dass Varg aus Sicht des Regisseurs für die Kommerzialisierung des Genres verantwortlich war oder ob er ihm insgeheim recht gibt, das aber nicht „zugeben“ möchte, ist mir nicht klar.

Der 4. und letzte Part von „Lords of Chaos“ thematisiert schließlich die wachsenden Spannungen zwischen Varg und Euronymus, die im – vermutlich – bekannten Ende kulminieren. Dieser finale Abschnitt hat die eine oder andere Länge. Das ist auch der Teil der Geschichte, über den ich persönlich am wenigsten informiert bin (vom Finale abgesehen). In „Lords of Chaos“ werden Euronymus zum Schluss hin die Geister, die er rief, zunehmend unheimlich. Ob aus Reue oder weil ihm Varg den Rang als Anführer abzulaufen droht, wird nicht aufgelöst, es entsteht allerdings der Eindruck von letzterem. Ob es wirklich so passiert ist? Ich weiß es nicht.

Ein paar Haare in der Suppe.

Wie man sieht, bietet die Geschichte um Mayhem tatsächlich Stoff für eine griechische Tragödie. Unglaublich eigentlich, dass sich das alles im Großen und Ganzen genauso abgespielt hat. Mit dem Drehbuch, den Darstellern und, Überraschung, auch den meisten Dialogen kann man zufrieden sein. Dass ein bisschen ausgeschmückt wurde, sollte nicht allzu sehr stören (genannt seien hier die Alpträume Euronymus‘ nach dem Tod von Dead – ob er die wirklich hatte, weiß wohl niemand).

Tatsächlich gestört haben mich – auch in Bewusstsein, dass der Film die Geschichte an manchen stellen zurechtbiegt – an „Lords of Chaos“ eigentlich nur zwei Dinge. Einerseits geht er meiner Ansicht nach zu wenig auf die Musik selbst ein. Dadurch entsteht der Eindruck, diese wäre ganz generell nur eine Nebensache gewesen, was meines Erachtens so einfach nicht stimmt. Ja, die Verbrechen im Umfeld waren das relevantere Ereignis und auch die zwischenmenschlichen Beziehungen sind wichtig. Dennoch wäre es schön und für Außenstehende vielleicht sogar essenziell gewesen, ein bisschen mehr Wert auf den Soundtrack zu legen. Wobei zu vernehmen ist, dass diverse Musiker etwas dagegen hatten und deshalb die Rechte fehlten. Schade eigentlich, Black Metal ist zwar tatsächlich mehr als nur Musik, aber eben auch Musik. Abgesehen davon übernimmt der Film einen Punkt, den ich bereits am Buch kritisiert habe: Es geht daraus überhaupt nicht hervor, dass diese Musikrichtung trotz aller Katastrophen, die sich vor 30 Jahren ereignet haben, nach wie vor besteht. Sogar Mayhem sind als Band noch aktiv und haben mit Necrobutcher und Jan Axel „Hellhammer“ Blomberg zwei Zeitzeugen an Bord.

Der zweite Kritikpunkt – und hier gehe ich schon sehr ins Detail – betrifft die Szene, in der Bård „Faust“ Eithun (Drummer bei Emperor, hier gespielt von Valter Skarsgård) einen Homosexuellen in einem Park in Lillehammer ersticht. Abgesehen davon, dass es im Film so aussieht, als würde die gesamte Handlung in wenigen Tagen und vorwiegend in Oslo spielen, wird die filmische Darstellung dieser Tat nicht gerecht. Im Gegenteil, sie lässt den Eindruck entstehen, Faust wäre von seinem Opfer bedrängt und auf unterdrückte sexuelle Tendenzen seinerseits angesprochen worden. In Wirklichkeit – so steht es jedenfalls in „Lords of Chaos“ – wollte Faust (2003 aus der Haft entlassen) einfach „nur“ wissen, wie es wohl wäre, einen Menschen zu ermorden. Diese Umdeutung der Ereignisse kann ich weder nachvollziehen noch gutheißen – war der Mord doch per se schon schlimm genug. Einen Grund dafür zu „erfinden“ halte ich für höchst problematisch. Sollte der Regisseur hierfür andere Quellen bzw. Einblicke gehabt haben, fällt dieser Kritikpunkt selbstverständlich weg.

Fazit: Mir hat der Film tatsächlich gut gefallen, auch wenn ich weiß, dass man nicht alles darin gezeigte für bare Münze nehmen darf. Besonders gelungen: Die Einbindung von Szenen, die zeigen, wie die eine oder andere berühmte Fotografie entstanden ist (bzw. entstanden sein könnte). Das verstärkt das Gefühl von Authentizität (ich weiß, ich weiß…). Aber: Wer „Lords of Chaos“ gelesen oder sich über andere Kanäle über die damaligen Ereignisse informiert hat, wird durch den Film ohnehin wenig neue Einblicke gewinnen. Die Lücken, die der Regisseur lässt bzw. lassen musste, um die gut zwei Stunden dramaturgisch sinnvoll zu gestalten, können von jedem Kenner der Materie aus dem Gedächtnis gefüllt werden – oder sind nicht zu füllen, weil tatsächlich niemand etwas darüber sagen kann. Wer noch nicht Bescheid weiß, erhält hingegen ein verkürztes, dafür aber auch ohne Vorkenntnisse relativ leicht verständliches Bild über den Anfang und das Ende einer in gewissen Kreisen immer noch sehr einflussreichen und extremen Persönlichkeit.

Gesamteindruck: 5/7


Originaltitel: Lords of Chaos
Regie:
Jonas Åkerlund
Jahr: 2018
Land: UK, Schweden
Laufzeit: 118 Minuten
Besetzung (Auswahl): Rory Culkin, Emory Cohen, Jack Kilmer, Sky Ferreira, Valter Skarsgård, Anthony De La Torre, Jonathan Barnwell



 

FilmWelt: Der Hauptmann

Der Gedanke, dass Kleider Leute machen, ist nicht neu und hat seinen fixen Platz in Kunst, Literatur und Film; gerne wird der Hochstapler dabei als liebenswerter Tölpel dargestellt. „Der Hauptmann“ ist hingegen eine durchwegs verstörende Variante dieses Themas. Das wäre auch der Fall, wenn die Handlung fiktiv wäre – dass der Film allerdings auf Ereignissen basiert, die tatsächlich so stattgefunden haben, sorgt für ein besonders beklemmendes Gefühl. Wie genau das filmische Porträt eines Kriegsverbrechers den tatsächlichen Begebenheiten entspricht, wage ich nicht zu beurteilen – ein sehenswerter Film ist unter der Regie von Robert Schwentke in jedem Fall entstanden. 

Gesamteindruck: 7/7


Kleider machen Leute.

Die meisten heute lebenden Menschen stellen sich die Zeit des Nationalsozialismus so vor, wie man sie aus zahlreichen Film- und Fotodokumenten kennt: Schwarz-Weiß. An dieser ganz speziellen Sichtweise auf das dunkelste Kapitel in der Geschichte Europas ändern auch nach-kolorierte Dokumentationen und eine Vielzahl an Kriegsfilmen in Farbe nichts. Genau dieses kollektive Bild einer schwarz-weißen Epoche macht sich „Der Hauptmann“ zu Nutze. Übrigens ist das nicht der erste Film, der so gedreht wurde – man denke z.B. an „Schindler’s Liste“, der durch den Wegfall der gewohnten Farben ebenfalls eine ordentliche Schippe an Düsterkeit gewinnt.

Inhalt in Kurzfassung
Deutschland, Anfang April 1945: Der Gefreite Willi Herold, ein Deserteur, findet hinter der Front in einer Feldkiste die Uniform eines Offiziers. Er nutzt diese Gelegenheit, um sich neu einzukleiden und stellt schnell fest, dass Uniform und forsches, selbstbewusstes Auftreten tatsächlich reichen, um als Hauptmann durchzugehen. In weiterer Folge gelingt es ihm, eine Anzahl an versprengten Soldaten um sich zu scharen und ohne jemals Marschbefehl oder Soldbuch vorweisen zu müssen, der Feldgendarmerie zu entgehen. Schließlich übernimmt der vermeintliche Hauptmann sogar das Kommando über ein Gefangenenlager und nutzt seine neue Stellung gnadenlos aus.

Ironie des Schicksals: Der Fahnenflüchtige Willi Herold wird dank einer zufällig gefundenen Uniform zum Hochstapler, der sich schließlich zum Richter und Vollstrecker aufschwingt und seinerseits die Beseitigung von Deserteuren befiehlt, oft auch selbst erledigt. Das alles ohne, dass der junge Mann jemals einen Befehl dazu erhalten hätte, sondern offenbar nur deshalb, weil er es kann. Was macht den Reiz einer solchen Geschichte aus?

Einerseits ist da die Realität des Gezeigten. „Der Hauptmann“ ist echt, so – oder zumindest so ähnlich – ist es 1945 passiert. Es ist also nicht möglich, den unbequemen Fragen, die der Film aufwirft, zu entkommen, weil es eben keine Fantasie ist, die da auf den Zuschauer hereinprasselt. Es gab in der Endphase des 2. Weltkrieges tatsächlich einen 21-jährigen (!) Soldaten, der – vermutlich desillusioniert und verängstigt – von seiner Einheit getrennt wurde, eine Uniform anzog und der damit einhergehenden Macht unterlag. Ob Willi Herold erst durch die Offiziersuniform zum gewissenlosen Mörder wurde oder diese Anlagen schon vorher (als Gefreiter oder vielleicht noch früher) in sich trug, ist ein Thema, über das man automatisch nachdenkt, wenn man den Film gesehen hat.

Andererseits reicht der Film weit über die Frage nach Moral und Anstand der Person Willi Herold hinaus. Als Zuseher sieht man sich ständig mit der Überlegung konfrontiert, wie man selber handeln würde. Die Uniform verspricht Macht – und gewährt sie in jenem System auch. Und zwar so sehr, dass alle Grenzen, Gesetze und Normen, die es sogar in dieser finsteren Zeit gab, aufgehoben werden und der Träger der Uniform tatsächlich tun und lassen kann, was er will. Dass das eine Versuchung ist, werden die Wenigsten bestreiten können, es bleibt zu hoffen, dass man seine Macht besser eingesetzt hätte, als der vermeintliche Hauptmann es getan hat. Das gilt übrigens auch für die Männer, die er um sich schart und die zum Teil zu ahnen scheinen, dass es mit der unbeschränkten Vollmacht, verliehen vom „Führer“ höchstpersönlich, nicht so weit her ist. Wer hätte es an deren Stelle wohl gewagt, sich den Befehlen offen zu widersetzen? Unbequeme Fragen, fürwahr. Darum ertappt man sich wohl häufiger dabei, Willi Herold als „Kind seiner Zeit“ abzutun und damit praktisch zu entschuldigen, als es dem reflektierten Zuseher lieb sein kann. Denn gerade der Beginn des Films zeigt den späteren Henker vom Emsland als normalen, verängstigten, jungen Mann, mit dem sich jeder Kriegsgegner gut identifizieren kann.

Sauber inszeniert.

„Der Hauptmann“ bietet also einige moralisch-philosophische Denksportaufgaben. Angesichts dessen gerät fast ein wenig in den Hintergrund, dass der Film handwerklich sehr gut gemacht und inszeniert ist. Das Schwarz-Weiß funktioniert ausgezeichnet, ist zum Einen geeignet, die trostlose Endzeit-Stimmung im kurz vor dem Zusammenbruch stehenden deutschen Reich einzufangen, bedient zum Anderen unser kollektives Geschichtsbild (siehe oben) und sorgt drittens dafür, dass man als Zuseher auf andere Dinge achtet als auf leuchtend rotes Filmblut. Der Wahnsinn, der auf der Leinwand dargestellt wird, verstärkt sich durch die Geräuschkulisse des Krieges, industriell anmutender Musik und den Schlagern aus jener Zeit. All das verbindet sich zu einem Strudel aus Gewalt und Irrsinn, der den Zuseher ab und an mitten ins Geschehen zu reißen scheint.

Die Handlung ist bei einer filmischen Biografie ohnehin vorgegeben. Einige Freiheiten wird sich der Regisseur sicher genommen haben, wirklich störend ist das nicht. Maximal die Szene, in der der Hochstapler nach seiner ersten Gefangennahme und dem Verhör entkommt, mutet merkwürdig an. Auch, dass nicht erzählt wird, wie Willi Herold 1946 den Tod fand, fand ich ein wenig unglücklich (er wurde übrigens von der britischen Militärregierung hingerichtet). Abgesehen davon finde ich am Gesamtpaket nichts auszusetzen. Noch ein Wort zu den Darstellern: Sie alle machen ihre Sache sehr gut. Vor allem der junge Schweizer Max Hubacher kann in der Hauptrolle glänzen und vermag ein sehr mulmiges Gefühl beim Zuseher auszulösen. Erwähnenswert auch der einzige moralische Kontrapart im Film, personifiziert durch Milan Peschel, der als Gefreiter Freytag gleichzeitig der erste ist, der sich Herold anschließt, später aber als einziger Bedenken hat. Freilich hindert das auch ihn letztlich nicht daran, sich an den Verbrechen zu beteiligen, die der „Hauptmann“ befiehlt.

Als persönliche Randnotiz sei angemerkt, dass ich es erstaunlich finde, wie es Herold in dem von schwerfälliger und überbordender Bürokratie gekennzeichneten NS-Staat gelungen ist, unerkannt zu bleiben. Auch, wenn es nicht lange währte, ist doch bemerkenswert, wieviel Unheil er in dieser Zeit anrichten konnte, ohne, dass es einen wie auch immer gearteten Befehl dazu gegeben hat. Einerseits zeugt das vermutlich von unglaublichem Charisma, andererseits hatte er es wohl nicht allzu schwer, Erfüllungsgehilfen zu finden, die ihn gewissenlos bei seinem Tun unterstützt haben. Was davon bedenklicher ist, kann man kaum beurteilen – fest steht jedoch, dass Willi Herold gemordet hat, weil er a) die Gelegenheit hatte und b) es von sich aus tun wollte. Denn einen Befehl dazu hatte er nie.

Fazit: Volle Punktezahl für ein rundum gelungenes Porträt und einen stimmungsvoll-düsteren Film, der keine Längen aufweist. Sowohl inhaltlich als auch handwerklich hat sich Regisseur Robert Schwentke hiermit ein Denkmal gesetzt.

Gesamteindruck: 7/7


Originaltitel: Der Hauptmann
Regie: Robert Schwentke
Jahr: 2017
Land: GER, FRA, POL
Laufzeit: 119 Minuten
Besetzung (Auswahl): Max Hubacher, Milan Peschel, Frederick Lau, Waldemar Kobus, Alexander Fehling



 

FilmWelt: Ed Wood

Alles in allem ein, vor allem aus ästhetischer Sicht, sehr gut gelungener Film. Leider wirkt die Geschichte unvollständig und lässt den Zuschauer damit ein wenig ratlos zurück. Aufgewogen wird das durch die Liebe zum Detail und den Respekt, den Regisseur Tim Burton in jeder einzelnen Szene für den realen Ed Wood und dessen dilettantische Riege an Schauspielern durchschimmern lässt. Fast könnte man dadurch zum Schluss kommen, dass die Filme, die „der schlechteste Regisseur aller Zeiten“ zu verantworten hatte, zu Unrecht belächelt wurden.

Gesamteindruck: 5/7


Sehr schöner Film, als Biographie aber unvollständig.

Die Geschichte des „schlechtesten Regisseurs aller Zeiten“ (wobei ich mir aus heutiger Sicht nicht sicher bin, dass Ed Wood dieser Titel überhaupt gebührt) bietet natürlich reichlich interessanten Stoff. Allerdings liegt genau darin ein Problem der Verfilmung: Regisseur Tim Burton greift sich einen sehr kurzen Ausschnitt aus Woods Leben heraus und erzeugt damit einen einigermaßen verfälschten Eindruck. Zwar waren die Dreharbeiten zu „Bride of the Monster“ und „Plan 9 from Outer Space“ der Höhepunkt der Karriere des Regisseurs, dennoch wäre es für eine Biografie (und als solcher soll der Film ja auch verstanden werden) angemessener, wenn das ganze Leben der Hauptfigur beleuchtet würde. Vor allem ist es ja so, dass Woods Leben kein Happy-End hatte, wie der Film suggeriert. Das erfährt man zwar im Abspann, leider wird gerade dadurch das Gefühl der Unvollständigkeit gefördert. Mag sein, dass der Regisseur das beabsichtigt hat, ich persönlich hätte jedoch gerne mehr über die Person Ed Wood erfahren.

Was Burton jedoch sehr gut gelungen ist, ist die Darstellung der Freundschaft zwischen Ed Wood und Bela Lugosi, der seinen Zenit damals längst überschritten hatte. Hier läuft Martin Landau zur Hochform auf – man freut sich über jeden seiner Auftritte als abgewrackter, vom Drogenmissbrauch gezeichneter, ungarischer Star der skurrilen, Wood’schen Schauspieltruppe. Im Vergleich dazu wirkt die Darbietung von Burton Haus- und Hofschauspieler Johnny Depp ein wenig zu hölzern, aber dennoch akzeptabel. Sehr gut sind auch die Nebendarsteller – lediglich die Rolle des Wrestlers Tor Johnson, verkörpert von George „The Animal“ Steele wirkt für mich ein wenig zu klischeehaft.

Was die technische Ausführung betrifft, scheint es die natürlichste Sache der Welt zu sein, dass ein solcher Streifen in schwarz/weiß gehalten ist. Überhaupt erinnert die gesamte Umsetzung an einen Film aus den 50er Jahren, Beleuchtung, Kostüme, selbst der Ton sind angemessen, wenn auch glücklicherweise von entschieden besserer Qualität als in einem Ed Wood-Original. Hier merkt man Tim Burton seine Liebe zum Detail und seine Liebe zu alten „B-Movies“ jederzeit an, ebenso den Respekt, den er damit dem „schlechtesten Regisseur aller Zeiten“ zollen möchte. Nicht, dass die Filme von Wood dadurch plötzlich zu Meisterwerken würden – jedoch schafft es Burton, die Zuschauer auf die Seite des liebenswerten Verlierers zu ziehen und ungeahnte Sympathiewerte für ihn zu wecken.

Gesamteindruck: 5/7


Originaltitel: Ed Wood.
Regie: Tim Burton
Jahr: 1994
Land: USA
Laufzeit: 127 Minuten
Besetzung (Auswahl): Johnny Depp, Martin Landau, Sarah Jessica Parker, Patricia Arquette



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