MusikWelt: Hexed

Children of Bodom


Nennen wir das Kind doch beim Namen: Von Children Of Bodom ist seit „Hate Crew Deathroll“ (2003) nichts Überzeugendes mehr gekommen. Ein wenig Hoffnung durften Fans der ersten Stunde 2013 mit „Halo of Blood“ schöpfen, aber schon mit „I Worship Chaos“ ging es 2015 wieder einen Schritt zurück in die Mittelmäßigkeit. 2019 erschien dann – nach einer ungewöhnlich langen Pause von 3 1/2 Jahren – ein neues Lebenszeichen der einst so gefeierten Wunderknaben aus Espoo. Und wieder musste man sich die Frage stellen: Geht da noch was? Oder haben Children of Bodom endgültig fertig?

Gesamteindruck: 5/7


Überraschend starke Platte.

„Hexed“ markiert das Album-Debüt von Daniel Freyberg. Der Schwede ersetzt Roope Latvala an der Rhythmus-Gitarre und scheint seinen eingespielten Kollegen einen ordentlichen Tritt in den Hintern verpasst zu haben. Wie sonst ist es zu erklären, dass im Gegensatz zu diversen Vorgänger-Alben die Riffs auf „Hexed“ wesentlich frischer klingen? Man meint nach einigen Durchläufen gar, hier so viel Spielfreude zu vernehmen, wie seit Ewigkeiten nicht mehr. Wobei ich nicht glaube, dass den geschassten Latvala Schuld an der schwankenden Qualität Bodom’scher Outputs trifft; er war ja nie direkt am Songwriting-Prozess beteiligt. Es hört sich aber tatsächlich so an, als hätte der neue Mann an der Axt den lange vermissten Schwung zurück gebracht, so inspiriert donnern die Gitarrensalven aus den Boxen. Schön!

Aber auch  abgesehen lässt das Album mit dem etwas gewöhnungsbedürftigen Titel das Pendel wieder in die andere Richtung schwingen. Vor allem die 2. Hälfte von „Hexed“ hat es in sich und bietet mit „Platitudes and Barren Words“, „Relapse (The Nature of My Crime)“ und „Say Never Look Back“ drei großartige Nummern. Schon klar, auch diese Songs bringen die glorreichen Zeiten von „Follow the Reaper“ (2003) nicht zurück – allein schon, weil sie nicht dermaßen eingängig und leichtfüßig klingen, wie man es aus den Anfangstagen von Children of Bodom kennt. Wer ihnen aber ein bisschen Zeit gibt – und das ist bei den Alben der Finnen schon seit vielen Jahren der Knackpunkt – wird sicher Gefallen an ihnen finden. Zusätzlich lassen „Under Grass and Clover“, der stoische Rocker „Soon Departed“ und das brutale „Kick in a Spleen“ wenig zu wünschen übrig. Und: Mir gefällt die Neuaufnahme von „Knuckleduster“ deutlich besser, als das Original, das von der EP „Thrashed, Lost & Strungout“ (2004) stammt. Der direkte Vergleich zeigt meines Erachtens dann auch sehr schnell, wie frisch und angenehm „Hexed“ als Ganzes klingt.

Keine großen Schwächen auszumachen.

Und was gibt es sonst noch? Einerseits die schwächsten Songs des Albums, namentlich sind das der recht unspektakuläre Opener „This Road“ sowie das fade „Glass Houses“. Andererseits mit dem Titeltrack den – vielleicht neben „Under Grass and Clover“ deutlichsten – Fingerzeig in die eigene Vergangenheit, was die Gitarren- und Keyboard-Harmonien betrifft. Sehr gelungen! Und dann noch mit „Hecate’s Nightmare“ ein Stück, das ziemlich „anders“ klingt und das meiner Meinung nach perfekt zum Cover des Albums passt. Einen dermaßen atmosphärischen Song hätte ich den Finnen nicht mehr zugetraut. Eher langsam, baut die Nummer nach und nach eine düster-bedrohliche Stimmung auf, was vor allem dem geschickten Einsatz des Keyboards zu verdanken ist. Gerade beim Tasteninstrument schieden und scheiden sich beim Publikum ja immer mal wieder die Geister – daran, wie Janne Wirman „Hecate’s Nightmare“ veredelt, ist meiner Meinung nach aber überhaupt nichts auszusetzen, ganz im Gegenteil. Für mich der stärkste Track auf „Hexed“, wobei man ganz klar sagen muss, dass es für die Live-Darbietung sicher bessere Nummern auf dem Album gibt, z.B. das genannte „Kick in a Spleen“. In Sachen Komposition und Arrangement dürfte das hingegen eine der ausgereiftesten Nummern von Children of Bodom überhaupt sein.

Den jüngeren Outputs von Children of Bodom haftete in meinen Ohren immer etwas Anstrengendes an, die Leichtfüßigkeit früherer Veröffentlichungen musste man mit der Lupe suchen. Daher musste ich in meiner Rezension zu „I Worship Chaos“ auch konstatieren, dass die Truppe wohl nie mehr zu jener Form zurückkehren werden, die sie ursprünglich groß gemacht hat. „Hexed“ straft mich jedoch tatsächlich ein wenig Lügen, auch wenn es nicht der ganz große Befreiungsschlag ist. Dafür muss man sich das Album dann doch ein wenig zu sehr erarbeiten. Doch trotz aller positiven Eigenschaften von „Hexed“ ist die Zukunft der finnischen Melodeath-Institution zum Zeitpunkt dieser Rezension so ungewiss wie noch nie: Anfang November 2019 wurde bekannt, dass bis auf Mastermind Alexi Laiho und seinen neuen Rhythmus-Gitarristen aus Schweden alle (!) Bandmitglieder ausgestiegen sind. Vielleicht ist diese auf den ersten Blick katastrophale Entwicklung aber auch die Chance für etwas Neues, das wieder mehr Fans der ersten Stunde begeistern kann. Das wird aber erst die Zeit zeigen.


Track – Titel – Länge – Wertung

metal-archives.com

  1. This Road – 4:33 – 4/7
  2. Under Grass and Clover – 3:33 – 5/7
  3. Glass Houses – 3:27 – 4/7
  4. Hecate’s Nightmare – 4:09 – 6/7
  5. Kick in a Spleen – 3:34 – 5/7
  6. Platitudes and Barren Words – 4:13 – 6/7
  7. Hexed – 5:03 – 5/7
  8. Relapse (The Nature of My Crime) – 3:26 – 5/7
  9. Say Never Look Back – 4:23 – 5/7
  10. Soon Departed – 4:54 – 5/7
  11. Knuckleduster – 3:27 – 5/7

Gesamteindruck: 5/7 


Children of Bodom auf “Hexed” (2019):

  • Alexi „Wildchild“ Laiho – Vocals, Lead Guitar
  • Daniel Freyberg – Rhythm Guitar
  • Henkka Blacksmith – Bass
  • Janne Warman – Keyboards
  • Jaska Raatikainen – Drums

Anspieltipp: Hecate’s Nightmare

MusikWelt: Blooddrunk

Children of Bodom


Wer gedacht hat, Children of Bodom würden den auf „Are You Dead Yet? (2005) eingeschlagenen Weg mit dem Nachfolger „Blooddrunk“ (2008) konsequent fortsetzen, wird mit den ersten Takten des Openers „Hellhounds on My Trail“, auf dem Keyboarder Janne „Warman“ Wirman ganz klassisch in die Tasten haut, vermeintlich eines Besseren belehrt. Es scheint fast, als hätten die Finnen das thrashige Vorgängeralbum, das kaum noch etwas mit dem Sound ihrer Anfangstage zu tun hatte, vergessen machen wollen. Hört man genauer hin, merkt man allerdings bald, dass die Reminiszenzen an die alten Zeiten eher oberflächlicher Natur sind.

Gesamteindruck: 2/7


All Filler, no Killer.

Insgesamt ist „Blooddrunk“ – wie schon seine zwei Vorgänger – ziemlich modern ausgefallen. Sprich: Das Album ist wesentlich weniger im traditionellen Metal verwurzelt als es die ersten drei Platten der Truppe aus Espoo waren und entspricht eher dem musikalischen Trend, der Anfang bis Mitte der Nullerjahre im Metal vorherrschte. Metalcore war damals das Genre der Stunde, was sich auch auf „Blooddrunk“, dem vielleicht brutalsten und schnellsten Album von Children of Bodom, bemerkbar macht. Daran ändert auch das hörbare Bemühen, wieder auf alte Trademarks und neoklassizistische Melodien zu setzen, relativ wenig. „Schuld“ daran sind mehrere Faktoren. Einer davon: Die Vocals von Alexi Laiho, die auch auf diesem Album dem In Flames-Syndrom“ erliegen (weg von der puren Aggression und dem Gebrüll der Anfangstage, hin zu elektronischer Verzerrung und gelegentlichem Klargesang). Was das betrifft, gefielen mir die alten Platten (beider Bands) wesentlich besser. Die Gangshouts, die bei Children of Bodom ab „Hate Crew Deathroll“ (2003) immer häufiger wurden, sind auf „Blooddrunk“ gerade noch in Ordnung, viel mehr davon hätten es aber nicht sein dürfen.

Das alles würde nicht sonderlich stören, wenn es der Band gelungen wäre, gute Songs zu schreiben. Doch leider muss man es ganz klar sagen: „Blooddrunk“ hat zum Zeitpunkt dieser Rezension gut 10 Jahre auf dem Buckel. „Hatebreeder“ ist doppelt so alt – und doch kann ich von jener Göttergabe jeden Song aus dem Stegreif a) nennen und b) vor mich hin summen. Welche Tracks auf „Blooddrunk“ stehen? Keine Ahnung; ja, es steht unten, aber kein einziger (!) hat so bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen, dass ich mich daran erinnern würde, wie er heißt. Und auch wie die Nummern klingen, könnte ich jetzt nicht sagen, was letztlich sogar eine Verschlimmbesserung gegenüber dem wahrlich nicht guten „Are You Dead Yet?“ darstellt.

Technisch o.k., Songwriting k.o.

Dabei lässt „Blooddrunk“ rein technisch wenig zu wünschen übrig. Das Timing sitzt, die Produktion ist sehr gut, alles ist irrsinnig gut gespielt, ohne gleichzeitig die für ein Metal-Album notwendige Schippe Dreck vermissen zu lassen. Oben drauf gibt es noch die Keyboard-Arbeit, die im Gegensatz zum Vorgänger wieder hörbar ist und allein deshalb einen Bonuspunkt rechtzufertigen scheint. Lediglich der Bass steht mir meistens zu sehr im Hintergrund, was jetzt aber auch kein Beinbruch ist.

Warum zum Teufel haut es dann trotzdem nicht hin mit diesem Album? Denn eigentlich geht es mit „Hellhounds on My Trail“ ganz gut los – was aber eben auch damit zu tun haben könnte, dass der geneigte Children of Bodom-Fan nach „Are You Dead Yet?“ auf genau so einen Einstieg gehofft hatte. Unter diesem Gesichtspunkt klingt der Track zwar trotzdem nicht übel, aber gleichzeitig auch ein wenig gezwungen-selbstreferenziell. Als ob man hätte übertünchen wollen, dass man eigentlich auf ganz etwas Anderes Bock hatte, aber dann doch lieber versucht hat, die alten Fans (und die Plattenfirma?) zu befriedigen. Besonders bitter ist das meiner Meinung nach beim Titeltrack, der nach einer sehr dürftigen Selbstkopie klingt. Oder, um ein anderes Beispiel zu nennen: „Done with Everything, Die for Nothing“ hört sich nach einem reinrassigen Thrash Metal-Stück mit Keyboards an – und gleichzeitig einem Überbleibsel aus den „Are You Dead Yet?“-Sessions, eilig um das Tasteninstrument ergänzt. Nichts Ganzes und nichts Halbes also.

Freilich heißt das nicht, dass alles, was uns das Quintett auf „Blooddrunk“ präsentiert, Durchfall ist. Es gibt sogar einige (wenige) geniale Momente. So zum Beispiel die Soloparts in „LoBodomy“ und „Smile Pretty for the Devil“, der Rammstein-artige Anfang von „Tie My Rope“ oder die Melodieführung und der Gesang auf dem für mich besten Stück der Platte, „Banned from Heaven“. Diese Nummer ist auch einer der langsameren Tracks auf „Blooddrunk“, was zeigt, dass auch im Falle von Children of Bodom „schnell“ nicht zwangsläufig „besser“ bedeutet.

Es bleibt nichts hängen.

Leider fügen sich diese guten Ansätze nicht zu Songs für die Ewigkeit zusammen. Es verlangt ja niemand, dass ein Album zu 100% aus Killer-Tracks bestehen muss – aber dass man sich zumindest an die eine oder andere Nummer auch ein paar Jahre später noch erinnert, ist glaube ich schon ein Anspruch, den man bei einer Band wie Children of Bodom stellen kann. Dass das nur sehr eingeschränkt der Fall ist, zeigt sich auch an den Setlists der Finnen: Nach der Tour zur Vorstellung des Albums wurden die „Blooddrunk“-Vertreter sehr schnell wieder von der Bühne verbannt, wenn man vom ein oder anderen Ausreißer absieht (der Titeltrack wurde noch am ehesten und mit Abstand am häufigsten live gespielt, wenn man der Statistik von setlist.fm halbwegs trauen darf).

Als Fazit bleibt festzuhalten, dass „Blooddrunk“ eine zwar technisch saubere, songwriterisch aber vollkommen unspektakuläre Platte ist. Neben dem nur unwesentlich besseren Nachfolger „Relentless Reckless Forever“ (2013) ist dieses Album aus heutiger Sicht (2019) tatsächlich der Tiefpunkt an Belanglosigkeit in der Diskographie von Children of Bodom. Interessant ist das schon – denn hier wie dort kann man kaum über die Technik der Band um Alexi Laiho meckern. Aber das Songwriting wirkt beide Male dermaßen müde und es fehlt an so viel Schwung, dass man einfach keine bessere Wertung zücken kann. Wer dachte, „Are You Dead Yet?“ könne nicht unterboten werden, hat sich getäuscht – „Blooddrunk“ ist nochmal eine Klasse darunter anzusiedeln. Leider.


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Track – Titel – Länge – Wertung

  1. Hellhounds on My Trail – 3:58 – 4/7
  2. Blooddrunk – 4:05 – 2/7
  3. LoBodomy – 4:24 – 3/7
  4. One Day You Will Cry – 4:05 – 2/7
  5. Smile Pretty for the Devil – 3:54 – 3/7
  6. Tie My Rope – 4:14 – 3/7
  7. Done with Everything, Die for Nothing – 3:29 – 2/7
  8. Banned from Heaven – 5:05 – 5/7
  9. Roadkill Morning – 3:32 – 4/7

Gesamteindruck: 2/7 


Children Of Bodom auf “Blooddrunk” (2008):

  • Alexi „Wildchild“ Laiho – Vocals, Lead Guitar
  • Roope Latvala – Rhythm Guitar, Backing Vocals
  • Henkka T. Blacksmith – Bass, Backing Vocals
  • Janne „Warman“ Wirman – Keyboards
  • Jaska W. Raatikainen – Drums

Anspieltipp: Banned From Heaven

MusikWelt: Hate Crew Deathroll

Children of Bodom


Mit ihren ersten drei Alben haben sich Children of Bodom eine ganz eigene Nische geschaffen. Die Mischung aus irrwitzigen Melodien und wilder Raserei, die Verbindung aus melodischem Death Metal schwedischer Prägung und typisch finnischer Fingerfertigkeit an den Instrumenten hatte es bis dahin nicht gegeben. Bis inklusive„Follow the Reaper“ (2000) perfektionierte der Fünfer aus Espoo diesen Stil – und dann erschien „Hate Crew Deathroll“ (2003). Ein Album, das, je nach Lesart, entweder als Versuch, der drohenden Stagnation zu entkommen oder als Anbiederung an damals angesagte, modernere Töne, gesehen werden kann. So oder so: Mit dieser Platte spalteten Children of Bodom erstmals nicht nur die Metal-Szene an sich (denn die war schon immer uneins, ob das finnische Gegniedel Kult oder Schrott war), sondern auch und vor allem ihre eigene Fanbasis. 

Gesamteindruck: 5/7


Beginn einer Neuausrichtung.

Ich gestehe es: Als ich „Hate Crew Deathroll“ vor bald 20 Jahren zum ersten Mal gehört habe, war ich enttäuscht. Nahezu alles, was ich als Fan der ersten Stunde an Children of Bodom so großartig fand, ist auf diesem Album entweder verschwunden oder wurde irgendwie verfälscht und/oder reduziert. Das zeigt schon der Opener „Needled 24/7“, der für diejenigen, die von Anfang an dabei waren, besonders hinterlistig daher kommt. Der Song beginnt nämlich durchaus so, wie man sich das als Liebhaber der ersten drei Alben vorstellt – mit einer dieser unwiderstehlichen Keyboard-Gitarren-Kombinationen, die von Children of Bodom geprägt wurden. Für die ersten gut 30 Sekunden fühlt man sich sofort heimisch. Doch dann setzt der Gesang ein und die ersten Fragezeichen tun sich auf. Das gewohnte, heisere Gebelle von Alexi Laiho klingt hier a) teilweise nach Pseudo-Klargesang und wurde b) elektronisch verzerrt. Ich finde nun ohnehin nicht, dass Laiho der beste Growler im Metal ist – aber das hier ist schon sehr gewöhnungsbedürftig. Hat man diese Überraschung verdaut, gibt es nach rund einer Minute den nächsten Schlag: Ein Break mit elektronischen Einsprengseln, die man so auch überhaupt noch nicht von dieser Truppe kannte. Der Refrain ist hingegen wieder voll im Soll. Glücklicherweise, denn insgesamt funktioniert der Song damit dann doch recht gut und ist schön eingängig.

Wer nun denkt, dass die Eröffnungsnummer eine Ausnahme ist, merkt schnell, dass sich der neue Stil durch das gesamte Album zieht. „Needled 24/7“ ist vielleicht sogar noch am ehesten das, was das typische Bodom-Publikum hören möchte – und damit dann doch wieder eine Ausnahme auf diesem Album. Eventuell könnte man noch den Rausschmeißer (der gleichzeitig der Titeltrack ist) in diese Kategorie aufnehmen. Dazwischen regieren mal der tonnenschwere Groove („Sixpounder“, „Angels Don’t Kill“), mal modern-rockige Töne („You’re Better Off Dead“, „Bodom Beach Terror“). Aber auch für CoB-Verhältnisse geradezu reduzierten Heavy Metal schnellerer Natur gibt es zu hören, z.B. in „Lil‘ Bloodred Ridin‘ Hood“. Vieles davon klingt, als hätten die Finnen versucht, sich vom vermeintlich überflüssigen Ballast allzu dominanter Keyboard- und Gitarrenleads zu befreien. Einerseits ist das gelungen und macht „Hate Crew Deathroll“ zu einem recht bodenständigen Album. Umgekehrt geht dadurch viel von der ursprünglichen Idee verloren, über die die Band sehr viele Fans gewonnen hat.

Mein Lieblingssong auf „Hate Crew Deathroll“ ist „Angels Don’t Kill“, eine schwere Nummer, die dank des Keyboard-Einsatzes genau den Children of Bodom-Spirit atmet, den ich so schätze. Also düster, ein wenig unheimlich und doch eingängig. Und das alles, ohne wie eine Selbstkopie zu klingen, weil dieses Riffmonster wohl einer der langsamsten Tracks ist, den man von den Finnen kennt. Wer genau hinhört, wird ähnliche Verweise auf die eigene Vergangenheit in diversen Stücken auf „Hate Crew Deathroll“ finden – nur halt wesentlich leiser, sodass man sie leicht überhört, wenn man dem Album nicht ausreichend Zeit gibt.

Viel besser als der erste Eindruck.

Auch wenn sich alles, was ich geschrieben habe, nicht sonderlich positiv anhört, funktioniert das Album interessanterweise gut. Klar ist aber: „Hate Crew Deathroll“ braucht – wie schon erwähnt – deutlich mehr Zeit als seine Vorgänger, um zu zünden. Bei mir war das gefühlt erst nach Jahren der Fall und mittlerweile weiß ich die Platte durchaus zu schätzen. Denn sie ist gut geschrieben, einigermaßen abwechslungsreich und zeigt ein Gesicht von Children of Bodom, das man vorher nicht kannte. Es scheint, sie wollten hiermit zeigen, dass sie abseits aller Wichserei an den Instrumenten auch grundsolide Songs schreiben können. Diese Übung ist gelungen, einige Riffs sind sogar großartig, was man vielleicht nur erkennt, weil die darübergelegten Melodien so sehr zurückgefahren wurden. Lirum, larum: Mir gefällt „Hate Crew Deathroll“ nach intensiver Beschäftigung, ob das für eine Kaufempfehlung reicht, kann ich allerdings nicht sagen. Probehören ist hier Pflicht, vor allem für jene, die vorher nur die ersten Alben der Mannen aus Espoo kannten.

Interessant übrigens: Viele der genannten Punkte erinnern an In Flames, die nur ein Jahr vor „Hate Crew Deathroll“ mit „Reroute to Remain“ einen ähnlichen Stilwechsel durchgezogen haben. Erfolgreich, was die Verkäufe angeht, nehme ich an – aber auch bei den Schweden war das aus heutiger Sicht eine Zäsur, die viele alte Fans vergrault hat. Dass das bei Children of Bodom nicht ganz so schlimm werden sollte, konnte man natürlich nicht ahnen – zumindest aber läutete „Hate Crew Deathroll“ unabhängig von der tatsächlichen Qualität des Albums eine Phase des qualitativen Auf und Ab ein, die bis heute anhält.

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Track – Titel – Länge – Wertung

  1. Needled 24/7 – 4:08 – 6/7
  2. Sixpounder – 3:24 – 5/7
  3. Chokehold (Cocked ’n‘ Loaded) – 4:13 – 4/7
  4. Bodom Beach Terror – 4:35 – 5/7
  5. Angels Don’t Kill – 5:13 – 6/7
  6. Triple Corpse Hammerblow – 4:07 – 5/7
  7. You’re Better Off Dead – 4:12 – 4/7
  8. Lil‘ Bloodred Ridin‘ Hood – 3:24 – 5/7
  9. Hate Crew Deathroll – 3:37 – 5/7

Gesamteindruck: 5/7 


Children Of Bodom auf “Hate Crew Deathroll” (2003):

  • Alexi „Wildchild“ Laiho – Vocals, Lead Guitars
  • Alexander Kuoppala – Rhythm Guitars, Backing Vocals
  • Henkka T. Blacksmith – Bass, Backing Vocals
  • Janne Warman – Keyboards
  • Jaska W. Raatikainen – Drums

Anspieltipp: Angels Don’t Kill

MusikWelt: Follow the Reaper

Children of Bodom


„Follow the Reaper“ (2000) wird gemeinhin als Höhepunkt in der Diskographie von Children of Bodom gesehen. Zumindest von Fans der ersten Stunde, die mit den späteren Experimenten und der moderneren Ausrichtung der Finnen nicht so viel anfangen können. Dem stimme ich zu, würde aber den Vorgänger „Hatebreeder“ (1999) als ungefähr gleich stark bezeichnen. Dabei ist „Follow the Reaper“ abwechslungsreicher, kompositorisch ausgefeilter und auch produktionstechnisch höher einzuschätzen, während „Hatebreeder“ neben einigen unwiderstehlichen Hits die ungezügeltere Wildheit bietet, ohne aber so chaotisch wie das Debüt „Something Wild“ (1997) zu sein.

Gesamteindruck: 6/7


Dunkle Melodien.

Beginnen wir mit dem Sound: So klar, transparent und doch druckvoll war das Quintett aus Espoo bis zu diesem Zeitpunkt nie unterwegs. Manchem mag das Album überproduziert erscheinen, ich finde jedoch, dass dadurch die musikalische Finesse und die ausgezeichnete Technik von Children of Bodom sehr gut zur Geltung kommen. Wobei ich auch nicht verhehlen möchte, dass diese Art von Produktion aus heutiger Sicht relativ klinisch wirkt – mittlerweile ist man im Metal ja längst zu erdigeren Tönen und analogen Techniken zurückgekehrt. „Follow the Reaper“ ist soundtechnisch hingegen eindeutig ein Kind seiner Zeit, allerdings kein Schlechtes.

Neben der erwartungsgemäß perfekten Instrumentalarbeit gibt es an zwei Fronten kleine, aber feine Weiterentwicklungen zu beobachten: Einerseits kann sich Frontmann Alexi Laiho gesangstechnisch auf die Schulter klopfen – sein heiseres Gebell zeigt kaum Schwächen und klingt nicht mehr so „luftig“ wie noch zu früheren Zeiten. Der beste Growler ist er freilich nach wie vor nicht (ich erinnere mich an ein Interview mit ihm, in dem er sinngemäß den Satz „Ich bin ein verdammter Gitarrist und kein Sänger“ zum Besten gab), aber für mein Gefühl hat er auf „Follow the Reaper“ seine Nische gefunden. Was auf diesem Album andererseits deutlich hörbar ist, ist – nur ein Jahr nach „Hatebreeder“ – ein weiterer Sprung nach vorne in Sachen Songwriting. Die ersten fünf Tracks auf „Follow the Reaper“ gehören zu den ausgefeiltesten und reifsten Kompositionen der Truppe. Ein in der ersten Sekunde zündender Hit wie „Towards Dead End“ von „Hatebreeder“ ist zwar nicht dabei, allerdings verlassen auch Kompositionen wie der Titeltrack oder das Highlight der Platte, „Children of Decadence“, den Gehörgang kaum noch, wenn sie sich einmal dort festgekrallt haben.

Schwächelt nach der Halbzeit etwas.

Leider kann die zweite Hälfte des Albums nicht ganz mit dem grandiosen Auftakt mithalten. Es gibt zwar keinen Ausfall zu verzeichnen, aber so richtig schaffen es „Taste of My Scythe“, „Northern Comfort“ und „Kissing the Shadows“ nicht, es den ausgezeichneten Tracks 1-5 gleichzutun. „Hate Me!“, zu dem es auch eine alternative Version gibt, packt das zwar einigermaßen, aber ganz gelingt es auch mit dieser Nummer nicht. Ich würde diese Songs keineswegs als schlecht bezeichnen – sie sind aber im Vergleich zum Rest eher Füllmaterial. Das zieht sich im Übrigen durch die Karriere von Children of Bodom: Es gibt neben sehr starken Songs immer wieder Ausreißer, die letztlich die Höchstwertung für das eine oder andere Album der Finnen verhindern. So könnte man beispielsweise aus den besten Tracks von „Follow the Reaper“ und „Hatebreeder“ problemlos einen nahezu perfekten Longplayer kreieren.

Musikalisch dominieren auf „Follow the Reaper“ die damals gewohnten CoB-Tugenden. Flotte Läufe auf der Lead-Gitarre, neo-klassizistische Keyboards und stampfende Rhythmen prägen das Bild. Die Refrains gehen nicht ganz so schnell ins Ohr, die Songs werden für mein Gefühl tatsächlich eher von den Instrumenten getragen. Das funktioniert allerdings sehr gut. Die Riffs sind etwas akzentuierter und deutlich abwechslungsreicher als auf den Vorgängern. Besonders überzeugend ist aber die Atmosphäre, bei Children of Bodom immer mal wieder etwas ambivalent ist. Auf „Follow the Reaper“ stimmt sie aus meiner Sicht hingegen und schafft einen durchgehend düsteren Gesamteindruck. Das macht den dritten Longplayer meines Erachtens zum Dunkelsten, den die Herren aus Espoo bis dato zustande gebracht haben.


Track – Titel – Länge – Wertung

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  1. Follow the Reaper – 3:47 – 7/7
  2. Bodom After Midnight – 3:44 – 6/7
  3. Children of Decadence – 5:34 – 7/7
  4. Everytime I Die – 4:03 – 6/7
  5. Mask of Sanity – 3:59 – 5/7
  6. Taste of My Scythe – 3:58 – 4/7
  7. Hate Me! – 4:45 – 5/7
  8. Northern Comfort – 3:49 – 4/7
  9. Kissing the Shadows – 4:32 – 5/7

Gesamteindruck: 6/7 


Children Of Bodom auf “Follow the Reaper” (2000):

  • Alexi „Wildchild“ Laiho – Vocals, Lead Guitars
  • Alexander Kuoppala – Rhythm Guitars
  • Henkka T. Blacksmith – Bass
  • Janne Warman – Keyboards
  • Jaska Raatikainen – Drums

Anspieltipp: Children of Decadence

MusikWelt: Hatebreeder

Children of Bodom


Children of Bodom aus dem finnischen Espoo galten in ihren Anfängen als (technische) Ausnahmekönner. Ihr Debüt „Something Wild“ (1997) war für meinen Geschmack noch etwas zu ungezügelt. Die jungen Musiker schienen häufig zu vergessen, dass einen guten Song mehr als die Summe seiner Einzelteile ausmacht – mochten die auch noch so stark sein. Das zweite Album, „Hatebreeder“ (1999), ist hingegen die eine sehr starke Symbiose aus mörderischer Wildheit, die aber gerade soweit strukturiert wurde, dass ein Großteil der Tracks auf dem Album binnen Sekunden zündet und sich – noch wichtiger – als nachhaltig erweist.

Gesamteindruck: 6/7


Ausgezeichnetes Zweitwerk.

Vom Zeitpunkt dieser Rezension (2019) aus gesehen, stehen „Hatebreeder“ und sein im Jahr 2000 erschienener Nachfolger „Follow the Reaper“ genau für die Children of Bodom, von denen Fans der ersten Stunde so häufig voller Begeisterung sprechen. Mir selbst geht es ebenso – auf jedem späteren Release habe ich mit der sprichwörtlichen Lupe nach Spuren dieser zwei Referenzwerke gesucht. Oft genug vergebens, aber das ist eine andere Geschichte… Vergleicht man „Hatebreeder“ jedenfalls mit dem zwei Jahre zuvor erschienenen Debüt „Something Wild“, sind die Zutaten erst einmal identisch: Heiser hervorgebellter Gesang trifft auf ein klassisches Heavy Metal-Gerüst mit dominanten Lead-Gitarren und Keyboards. Kann man unter Melodic Death Metal abheften, tat man damals auch – ich würde die Chose aber eher als typisch finnischen, schnell und melodiös gespielten Heavy Metal bezeichnen; inklusive gelegentlicher Death Metal-Ausbrüche und Growls.

Überlegen ist „Hatebreeder“ seinem Vorgänger dank des stark verbesserten Songwritings. Die damals noch sehr jungen Helden aus Espoo gehen wesentlich fokussierter zur Sache und kommen schneller und treffsicherer auf den Punkt. Das mag ein bisschen an rauer Unbekümmertheit gekostet haben – mich stört das aber nicht, weil „Hatebreeder“ schlicht und einfach wesentlich angenehmer und besser hörbar ist. Ob das ein Gütekriterium für ein Metal-Album ist, sei dahingestellt, im Falle von Children of Bodom empfinde ich es gemeinhin jedenfalls so, was wohl auch den Hauptgrund für meine Probleme mit späteren Veröffentlichungen darstellt.

Dreigeteiltes Album.

Neun Songs gibt es auf „Hatebreeder“ (von Zeitgenossen übrigens gern als „grünes Album“ bezeichnet, in Abgrenzung zum „roten“ „Something Wild“ und „blauen“ „Follow the Reaper“) zu hören. Vier davon bleiben unter der 4-Minuten-Marke, nur einer geht länger als 5 Minuten. Damit ist auch diese Platte ein eher kurzes Vergnügen, was allerdings nicht weiter stört, weil es Children of Bodom schon immer gut zu Gesicht gestanden ist, rasch auf den Punkt zu kommen. Wichtiger als die Länge ist aber ohnehin die Songqualität. Von dieser Front ist zu berichten, dass die Finnen mit „Warheart“, „Silent Night, Bodom Night“ und – vor allem – „Towards Dead End“ drei Nummern geschrieben haben, deren Güte sie bis heute eher selten erreichen konnten. Ja, es gibt eine Handvoll Songs, die ähnlich stark sind, aber besser geht es für meinen Geschmack kaum, wenn es um das klassische Bodom-Feeling geht.

Neben diesen Klassikern gibt es mit „Black Widow“, „Children of Bodom“ und „Downfall“ drei weitere Nummern, die ebenfalls aller Ehren wert sind. Komplett machen die Dreiteilung von „Hatebreeder“ der Titeltrack, „Bed of Razors“ und – als für mein Gefühl schwächster Song des Albums – „Wrath Within“. Man muss dabei aber bedenken, dass auch diese drei Tracks keineswegs Totalausfälle sind. Sie stinken halt gegen den Rest der Platte, den man problemlos auf Dauerrotation hören kann, ab – auch ob einer gewissen Gleichförmigkeit.

Fazit: Näher als mit „Hatebreeder“ und – das wusste man zu dessen Erscheinen natürlich noch nicht – „Follow the Reaper“ waren Children of Bodom einem echten Meisterwerk meiner Meinung nach bis heute zu keinem Zeitpunkt. Dass es nicht ganz reicht, liegt im Falle des grünen Albums an drei übermächtigen und drei außerordentlich starken Songs, die den Rest des Albums – und das ist immerhin ein Drittel – komplett aus dem Bewusstsein des Hörers verdrängen. Für 6 von 7 Punkten reicht es aber locker. Falls es tatsächlich noch jemanden geben sollte, der dieses Werk noch nicht kennt: Anhören!


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Track – Titel – Länge – Wertung

  1. Warheart – 4:07 – 7/7
  2. Silent Night, Bodom Night – 3:12 – 7/7
  3. Hatebreeder – 4:21 – 5/7
  4. Bed of Razors – 3:56 – 5/7
  5. Towards Dead End – 4:54 – 7/7
  6. Black Widow – 3:58 – 6/7
  7. Wrath Within – 3:54 – 4/7
  8. Children of Bodom – 5:14 – 6/7
  9. Downfall – 4:34 – 6/7

Gesamteindruck: 6/7 


Children Of Bodom auf “Hatebreeder” (1999):

  • Alexi „Wildchild“ Laiho – Vocals, Lead Guitars
  • Alexander Kuoppala – Rhythm Guitars
  • Henkka T. Blacksmith – Bass
  • Janne Warman – Keyboards
  • Jaska Raatikainen – Drums

Anspieltipp: Towards Dead End

MusikWelt: Something Wild

Children of Bodom


Children Of Bodom nehmen in meiner persönlichen musikalischen Historie eine ähnliche Stellung ein wie HammerFall: Sie waren für meinen endgültigen Einstieg in den Metal (mit-)verantwortlich. Sie haben mich lange Zeit begleitet, ich war Fan der ersten Stunde und glaubte damals nicht, dass „meiner“ Band jemals etwas misslingen würde. Und doch: Wie bei den schwedischen Power Metallern ist auch die Karriere der finnischen Melodic Deather gekennzeichnet von einer steilen Erfolgskurve auf die der unausweichliche Fall folgen sollte. „Something Wild“, das Debüt der Truppe aus Espoo, datiert aus dem großartigen Metal-Jahr 1997. Und auch wenn der Erstling von Children of Bodom nicht ganz so stark ist wie andere Veröffentlichungen aus jenem Jahr, ließ sich zumindest erahnen, dass Children of Bodom für Großes bestimmt waren.

Gesamteindruck: 3/7


(Zu) Wild.

Der Effekt, wenn man „Something Wild“ anno 2019 erstmals nach langer Zeit hört, ist ähnlich dem musikalisch völlig anders gelagerten HammerFall-Debüt „Glory to the Brave“: Das ist alles nicht schlecht, aber die damalige Euphorie (die eigene und die vieler anderer Zeitzeugen) scheint im Nachgang ein bisschen übertrieben. Die mag sich zwar durch die für den gemeinen Metal-Fan zähen Jahre vor 1997 erklären lassen – Fakt ist jedoch, dass mich „Something Wild“ heute nicht mehr so richtig vom Hocker reißt. Im Vergleich zum Erstwerk von HammerFall fällt das sogar noch mehr ins Gewicht, weil Children of Bodom auf ihrem Debüt keinen Übersong á lá „Glory to the Brave“ zu bieten haben.

Begibt man sich auf Spurensuche, kommt man dem Problem relativ rasch auf die Schliche: „Something Wild“ besteht aus vielen starken Ansätzen. In manchen Fällen reicht das für richtig gute Songs, insgesamt wirkt die Platte aber chaotisch und wie Stückwerk. Nicht falsch verstehen: Viele Fans schätzen bis heute die jugendliche Wildheit, mit der die Band hier voll auf Angriff geht. Das sei jedem unbenommen – ich persönlich finde aber die um den Dreh strukturierteren Nachfolger, die den genialen Ideen tatsächlich Raum zum Atmen geben, stärker.

Kurz, knackig – und stellenweise anstrengend.

Auf „Something Wild“ werden 7 Songs in knapp 36 Minuten dargeboten. Kurz und knackig ist das Album demnach, was kein Nachteil ist und die Anstrengung beim Hören in Grenzen hält. Ja, richtig gelesen: Diese Platte kann tatsächlich etwas anstrengend sein, ein Attribut, das leider auch auf einige der neuesten Alben von Children of Bodom zutrifft. Als voll und ganz gelungen empfinde ich auf dem Debüt nur zwei Nummern: „Red Light in My Eyes, Pt. 1“ und „Touch Like Angel of Death“. Ersteres verfügt dank guten Refrains und klassischen Aufbaus über hohen Wiedererkennungswert – abgesehen davon sehe ich mich selbst vor über 20 Jahren, wie ich lauthals „Hate! I can’t control it anymore!“ brülle, was mir damals ziemlich rebellisch vorkam. „Touch Like Angel of Death“ ist der Rausschmeißer und ein Track, der zeigt, dass die Finnen tatsächlich etwas von Songwriting verstehen, auch wenn die Nummer hart an der Grenze ist, die das pure Chaos von sinnigem Liedgut trennt.

Der Rest der Songs besteht aus guten und schwächeren Parts, ohne dass eine Nummer durchgängig stark wäre. Daher erinnert man sich auch kaum, wie die Stücke als Ganzes klingen – oder könnte jemand aus dem Stegreif „The Nail“ erkennen, wenn man das legendäre Intro weglassen würde? Ein anderes Beispiel für meine Probleme mit „Something Wild“ ist „Lake Bodom“, das aus einem starken Intro und dem grandiosen Anfangsriff herzlich wenig macht. Oder das aus interessanten, fast schon an atmosphärischen Black Metal erinnernde Parts bestehende „In the Shadows“. Gerade an dieser Nummer lassen sich a) die vermeintliche Orientierungslosigkeit, die man einer jungen Band aber nicht vorwerfen mag und b) diverse großartige Ansätze erkennen, die leider nicht in einen komplett schlüssigen Song umgesetzt werden. Und so ist man ständig versucht, „Schade!“ zu denken, wenn man sich „Something Wild“ anhört: Schade, dass das dauernd durchscheinende Potenzial nicht so richtig abgerufen wird.

Überambitioniert?

Bereits auf diesem Debüt ist merkbar, dass die jungen Finnen damals schon gestandene Musiker waren. Ihr Songwriting ist zwar noch chaotisch, aber die Leistung an den Instrumenten sehr stark. Am auffälligsten natürlich Sänger/Gitarrist Alexi „Wildchild“ Laiho und Keyboarder Janne „Warman“ Wirman, die bis heute die Eckpfeiler der Band bilden. Aber auch die Rhythmus-Fraktion weiß zu überzeugen (übrigens hat sich am Line-up von Children of Bodom seit dem Debüt, das zum Zeitpunkt dieser Rezension 22 Jahre alt ist, wenig geändert, sieht man von der Position an der zweiten Gitarre ab). An dieser Stelle sei mir ein letzter Blick nach Schweden erlaubt: „Glory to the Brave“ ist insgesamt sicher das bessere Debüt, allerdings muss man dazu sagen, dass die Musik von HammerFall deutlich einfacher gehalten ist und man auch gehörige Songwriting-Unterstützung von Jesper Strömblad (In Flames) hatte. Ob das nun bedeutet, dass Children of Bodom überambitioniert zu Werke gegangen sind oder einfach munter drauflos gespielt haben, ohne sich um irgendwelche Konventionen zu scheren, sei dahingestellt.

Abschließend noch was zum Genre: „Something Wild“ wird, wie auch der Rest der Diskographie von Children of Bodom, gemeinhin im Melodic Death Metal verortet. Das macht die Finnen zu Genre-Geschwistern von z.B. In Flames macht, die dann aber doch einigermaßen anders klingen. Der Einfachheit halber würde ich es dennoch dabei belassen, wobei man sicher darüber streiten kann, ob wir es hier nicht doch eher mit schnellem Heavy Metal mit harschen Vocals zu tun haben. Typisch für den finnischen Metal jener Zeit ist die Musik so oder so: Exzessiver, gerne neo-klassizistischer Keyboard-Einsatz und hochmelodiöse, schnelle Gitarrenleads kennzeichnen nicht nur den Output von Children of Bodom, sondern sind auch bei Bands wie Stratovarius, Nightwish und Sonata Arctica zu finden. Der größte Unterschied zu diesen Künstlern liegt – neben den härteren Riffs – in den Vocals: Frontmann Alexi Laiho singt nicht, er bellt und schreit seine Texte mit heiserer Reibeisenstimme heraus. Gleichwohl geht er dabei leider nicht so kraftvoll zu Werke wie diverse schwedische Genre-Vertreter, was er, wie ich mich dunkel erinnern kann, selbst mal indirekt in einem Interview mit den Worten „ich bin ein verdammter Gitarrist [und kein Sänger]“ eingeräumt hat. Das heißt nun aber nicht, dass die Vocals schlecht wären, Laiho hat seine Nische definitiv gefunden und klingt unverwechselbar.

3 von 7 Punkten für ein gutes, aber keineswegs herausragendes Debüt einer Band aus Finnland, von der in den folgenden Jahren noch viel zu hören sein sollte.

metal.de


Track – Titel – Länge – Wertung

  1. Deadnight Warrior – 3:21 – 3/7
  2. In the Shadows – 6:02 – 4/7
  3. Red Light in my Eyes, Pt. 1 – 4:28 – 6/7
  4. Red Light in my Eyes, Pt. 2 – 3:50 – 4/7
  5. Lake Bodom – 4:02 – 3/7
  6. The Nail – 6:17 – 2/7
  7. Touch like Angel of Death – 7:57 – 5/7

Gesamteindruck: 3/7 


Children Of Bodom auf “Something Wild” (1997):

  • Alexi „Wildchild“ Laiho – Vocals, Lead Guitars
  • Alexander Kuoppala – Rhythm Guitars
  • Henkka T. Blacksmith – Bass
  • Janne Warman – Keyboards
  • Jaska Raatikainen – Drums

Anspieltipp: Touch like Angel of Death

 

MusikWelt: I Worship Chaos

Children of Bodom


Kurz nach Start der Aufnahmearbeiten zu „I Worship Chaos“ (2016) hatte Bandchef Alexi „Wildchild“ Laiho eine bittere Pille zu schlucken: Roope Latvala, Rhythmus-Gitarrist und (allein aufgrund seines Alters) Ruhepol der finnischen Chaostruppe, stieg aus. Ersatz war – nach einigem Hin & Her – nicht bei der Hand, sodass dieses Album das bis zum Zeitpunkt dieser Rezension einzige ist, auf dem Children of Bodom als Quartett antreten.

Gesamteindruck: 4/7


Kleiner Rückschritt in Richtung Mittelmäßigkeit.

Wie der Ausstieg von Latvala menschlich zu bewerten ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Interessanter ist ohnehin die musikalische Komponente: Roope Latvala wurde 2003 bei Children of Bodom engagiert, war im Endeffekt also genau in der Zeit an Bord, in die die umstrittensten Veröffentlichungen der Bandgeschichte fallen (das letzte überwiegend wohlwollend aufgenommene Album war „Hate Crew Deathroll“, 2003, an dem er aber noch nicht beteiligt war). Insofern: So sympathisch der Mann auch sein mag, man durfte vor der Veröffentlichung von „I Worship Chaos“ gespannt sein, wie sich sein Ausstieg auf die Musik auswirken würde.

Die Antwort nach mehren Durchgängen: Gar nicht so sehr. Kein Wunder, war doch Alexi Laiho ohnehin praktisch immer der Alleinherrscher und Hauptsongwriter bei den Finnen. Zunächst einmal lebt „I Worship Chaos“ von einer extrem starken, fetten Produktion. Eine derartige Heaviness hätte ich persönlich nicht erwartet, gerade weil der Rhythmus-Gitarrist abgesprungen ist. Ein solcher Sound steht der Band natürlich gut zu Gesicht, aber was nützt das, wenn es am Songwriting hakt? Leider nicht viel, weshalb das Album seinen soliden, wenn auch nicht hervorragenden Vorgänger leider nicht übertreffen kann. Natürlich ist auch „I Worship Chaos“ weit von den bisher schwächsten CoB-Platten („Blooddrunk“, 2008 und „Relentless Reckless Forever“, 2011) entfernt, gleichzeitig ist es dennoch ein wenig enttäuschend, dass kein weiterer Aufwärtstrend notiert werden kann.

Meine persönlichen Lieblingstracks auf „I Worship Chaos“ befinden sich an der ersten und letzten Position des Albums. „I Hurt“ war – neben „Morrigan“ – bereits vorab bekannt und ist ein toller Brecher. Wenn es im Refrain heißt „I am dominant!“ nimmt man das Herrn Laiho problemlos ab, denn so brutal klangen seine Vocals lange nicht mehr. Das angesprochene „Morrigan“ zeigt im Übrigen auch, wie das Album als Ganzes bei mir persönlich einzuordnen ist. Als ich den Song zum ersten Mal hörte, war ich wenig begeistert. Nicht übel, aber auch nicht die Klasse, die man sich immer wieder erhofft, wenn eine neue Platte von Children of Bodom angekündigt ist. Bezeichnend, dass trotz dieser Bedenken „Morrigan“ tatsächlich einer der besten Songs auf „I Worship Chaos“ ist. Ansonsten gefallen mir noch „My Bodom (I Am the Only One)“ und die quasi-Ballade „Prayer for the Afflicted“. Der beste Track ist wie erwähnt allerdings der Rausschmeißer: „Widdershins“ hat nicht nur einen tollen Titel, sondern kann auch mit gutem Songwriting punkten. Von den moderner ausgerichteten Songs von Children of Bodom ist das meiner Ansicht nach einer der besten.

Die übrigen Stücke auf „I Worship Chaos“ sind – leider – einmal mehr nicht der Rede wert. Technisch ist wie üblich alles top, auch wenn mir die Keyobard-Effekte manchmal ziemlich auf die Nerven gehen, beispielsweise im Titeltrack. Aber das Songwriting ist relativ mau – oder kann sich irgendjemand auch nach mehreren Durchläufen noch erinnern, wie „Horns“ oder „Suicide Bomber“ klingen? Ich jedenfalls nicht, was immer ein schlechtes Zeichen ist. Und so ordnet sich „I Worship Chaos“ zwar klar vor den Tiefpunkten der CoB-Diskografie ein, fällt aber seinem Vorgänger gegenüber ab. Ergibt vier Punkte und die Erkenntnis, dass die große Herrlichkeit von Children of Bodom trotz der nach „Halo of Blood“ (2013) geschöpften Hoffnung wohl nicht mehr wieder kommt.


Track – Titel – Länge – Wertung

  1. I Hurt – 4:29 – 6/7
  2. My Bodom (I Am The Only One) – 4:19 – 5/7
  3. Morrigan – 5:06 – 6/7
  4. Horns – 3:25 – 4/7
  5. Prayer For The Afflicted – 4:55 – 5/7
  6. I Worship Chaos – 3:40 – 4/7
  7. Hold Your Tongue – 4:02 – 3/7
  8. Suicide Bomber – 3:33 – 4/7
  9. All For Nothing – 5:42 – 4/7
  10. Widdershins – 5:08 – 7/7

Gesamteindruck: 5/7 


Children of Bodom auf “I Worship Chaos” (2015):

  • Alexi Laiho – Vocals, Lead Guitar
  • Henkka Blacksmith – Bass
  • Janne Wirman – Keyboards, Backing Vocals
  • Jaska Raatikainen – Drums, Backing Vocals

Anspieltipp: Widdershins

MusikWelt: Halo Of Blood

Children Of Bodom


Sieht man sich das Cover des 2013er Longplayers von Children Of Bodom an, könnte man fast an ein Weihnachtsalbum denken. Ok, statt dem Weihnachtsmann steht der „Reaper“ groß im Bild, aber da ist ja noch der romantische Schneefall… Zum Glück wird man von solchen Fantasien sofort erlöst, wenn sich „Halo Of Blood“ im Player zu drehen beginnt.

Gesamteindruck: 5/7


Sehr solides Album.

Bereits der Opener „Waste Of Skin“ zeigt eindrucksvoll, dass Children Of Bodom 2013 tatsächlich wieder zu alter Härte zurückgefunden haben – mehr noch als auf dem mittelprächtigen, gezwungen wirkenden Vorgängeralbum „Relentless, Reckless Forever“ (2011). Sowohl Gesangs- als auch Gitarrenparts wirken wesentlich spritziger als zuletzt, besserer Produktion sei Dank. Guter Song, guter Einstieg. Darauf folgt mit dem Titeltrack eine Überraschung. „Halo Of Blood“ beinhaltet so viel Black Metal, wie man ihn von den nicht mehr ganz so jungen Mannen aus Espoo seit Stücken wie „Warheart“ nicht mehr gehört hat. Wenn jemand nach den ersten Takten denkt, ein vergessenes Lied von Dimmu Borgir zu hören, würde es mich auch nicht wundern. Sehr gut, diese düstere Heaviness steht den Finnen ausgezeichnet. Auch „Scream For Silence“ und „Transference“ wissen mit alten Trademarks zu überzeugen und hören sich wie eine einzige Verbeugung vor der eigenen Vergangenheit an. Weitere hörenswerte Stücke: „Dead Man’s Hand On You“, einer der bisher langsamsten CoB-Tracks überhaupt. Ein finsterer, schwerer Groover, der auch Doom-Anhängern gefallen dürfte. Eingebettet ist diese Atempause zwischen einem Kontrastprogramm, bestehend aus dem ultraschnellen „Your Days Are Numbered“, das auch auf „Something Wild“ (1997) eine gute Figur gemacht hätte und dem brutalen, fast an klassischen Death Metal erinnernden „Damaged Beyond Repair“.

Im Vergleich zu diesem Top-Programm haben es die übrigen Stücke etwas schwerer, auch wenn es keinen wirklichen Ausfall gibt. „All Twisted“ und der Rausschmeißer „One Bottle And A Knee Deep“ sind in meinen Ohren durchaus in Ordnung, aber nicht essentiell. Ein gutes Finale hört sich jedenfalls anders an. Schwächster Track ist meiner Ansicht nach aber ausgerechnet „Bodom Blue Moon (The Second Coming)“, das überhaupt nicht hängen bleibt und viel zu bemüht klingt. Damit ist das der erste Song, der ein „Bodom“ im Titel trägt und mir trotzdem nicht gefällt.

Trotz dieser kleinen Schwächen überwiegt auf „Halo Of Blood“ bei weitem das Positive. Der Gesang ist so aggressiv wie seit gefühlten Ewigkeiten nicht mehr, die zuletzt teilweise stark hörbare elektronische Verzerrung ist fast völlig verschwunden. Auch die Chöre klingen wesentlich besser, als die „Gangshouts“, die man von Children Of Bodom in der Vergangenheit teilweise zu hören bekommen hat. Die Gitarren sind im Rhythmus-Bereich immer noch nicht so fett, wie man es gerne hätte, gehen aber zumindest in die richtige Richtung. Bei den Leads ist hingegen alles im grünen Bereich, „messerscharf“ könnte man die Duelle nennen. Das Keyboard wurde partiell weiter zurückgefahren und ist außerhalb der obligatorischen Solo-Parts nicht allzu auffällig zu hören. Interessant: Irgendwie klingen Children Of Bodom auf diesem Album ein wenig nach ihren ehemaligen „Jüngern“ von den mittlerweile aufgelösten Norther. Oder höre nur ich hier eine große Prise „Death Unlimited“ heraus? Auch deshalb scheint mir „Halo Of Blood“ ein guter und richtiger Schritt back to the roots zu sein, ohne die moderne Phase von Children Of Bodom völlig aus den Augen zu verlieren.

Fazit: Gut gemacht, eine noch höhere Punktzahl für diese Mischung gibt es nur deshalb nicht, weil dem einen oder anderen Song ein markanterer Refrain gut zu Gesicht gestanden hätte. Das ist aber Jammern auf hohem Niveau – CoB-Fans können bedenkenlos zugreifen.


Track – Titel – Länge – Wertung

  1. Waste Of Skin – 4:16 – 6/7
  2. Halo Of Blood – 3:12 – 7/7
  3. Scream For Silence – 4:09 – 5/7
  4. Transference – 3:58 – 5/7
  5. Bodom Blue Moon (The Second Coming) – 4:14 – 3/7
  6. Your Days Are Numbered – 3:40 – 5/7
  7. Dead Man’s Hand On You – 4:57 – 6/7
  8. Damaged Beyond Repair – 4:20 – 5/7
  9. All Twisted – 4:52 – 4/7
  10. One Bottle And A Knee Deep – 4:04 – 4/7

Gesamteindruck: 5/7 


Children Of Bodom auf “Halo Of Blood” (2013):

  • Alexi „Wildchild“ Laiho – Vocals, Lead Guitar
  • Roope Latvala – Rhythm Guitar, Backing Vocals
  • Henkka T. Blacksmith – Bass, Backing Vocals
  • Janne Warman – Keyboards
  • Jaska W. Raatikainen – Drums, Backing Vocals

Anspieltipp: Halo Of Blood

MusikWelt: Are You Dead Yet?

Children Of Bodom


Grundsätzlich muss man die untenstehende Wertung ein wenig relativieren. Children Of Bodom haben meines Erachtens bis 2005 kein einziges schlechtes Album veröffentlicht. Sie gehörten bis zu diesem Zeitpunkt sogar zu den wenigen Bands, die in ihrer gesamten Diskographie kaum Songs hatten, die man wirklich als Totalausfall bezeichnen konnte, von einigen unnötigen Cover-Versionen abgesehen. Wenn man sich das vor Augen hält, ist mein Eindruck von „Are You Dead Yet?“ (2005) ins richtige Licht gerückt: Nicht gerade erstklassig, aber weit von dem Müll entfernt, den andere Bands ab und zu veröffentlichen.

Gesamteindruck: 4/7 3/7


Zwischen Stühlen und Stilen.


*** UPDATE (15. November 2019) ***

Ursprünglich hatte ich dieses Album mit einem Gesamteindruck von 4/7 bewertet. Nach einer Vielzahl an weiteren Durchgängen und Vergleichen mit anderen Platten der Band erscheint mir diese Wertung zu hoch, sodass ich auf 3/7 abwerten muss.


Trotz der wohlwollenden Einführung meinerseits muss ich zugeben, dass für „Are You Dead Yet?“ eine einigermaßen brauchbare Wertung gar nicht so leicht zu vergeben war. Ein gutes Eröffnungsdoppel und ein sehr starkes Finale retten die Scheibe, die ungewöhnlich schwer konsumierbar ist. Die beiden in meinen Ohren stärksten Tracks „verstecken“ sich an siebenter und achter Position: „Bastards Of Bodom“ glänzt wie praktisch alle Bodom-Titel („Silent Night, Bodom Night“, „Bodom After Midnight“, „Children Of Bodom“ usw.) mit allen Trademarks der Band. Vor allem die Gesangslinie und die Keyboards finde ich sehr gelungen, dazu kommt ein mörderischer Groove, der eher typisch für die neue, modernere Ausrichtung der Truppe ist. Dem steht das bereits vorab bekannte „Trashed, Lost & Strungout“ in keiner Weise nach. Hier haben wir es mit einem dynamischen Song zu tun, der stark an die klassischen, ersten Alben der Finnen erinnert – auf „Are You Dead Yet?“ ist er damit eine wohltuende Abwechslung zu den restlichen Groove-Monstern und setzt sich entsprechend im Gehörgang fest. Das tut auch der Titeltrack, vor allem die rau hervorgebellte Frage, die dem Album den Namen gibt, wird man kaum noch los. Und schließlich kann noch der Opener, „Living Dead Beat“, trotz seines gewöhnungsbedürftigen Keyboard-Einstiegs mit exzellentem Rhythmus-Geriffe und brauchbarem Gesang überzeugen.

Diese vier starken Nummern können aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich auf „Are You Dead Yet?“ erstmals in der Historie der Band aus Espoo einiges an Durchschnittsware breitgemacht hat. „In Your Face“ kann noch mit gutem, rauem Gesang und düsteren Hintergrund-Keyboards punkten, aber damit hat es sich auch schon. Die übrigen Songs kommen merkwürdig belanglos, uninspiriert und einfach schwer am Stück konsumierbar aus den Boxen. Nicht leicht fassbar, woran das liegt, aber irgendein Detail im Songwriting lässt die Lieder einfach nicht richtig zünden. Vor allem „Punch Me I Bleed“ ist eine Belanglosigkeit, die man von Children Of Bodom bis dorthin gar nicht gewohnt war. Ganz in Ordnung, wenn auch nicht überragend – und damit sehr gut zum Gesamteindruck passend – ist übrigens der Rausschmeißer „We’re Not Gonna Fall“.

Moderne Inspirationen.

An dieser Stelle sei mir noch eine Anmerkung erlaubt, die sich auf etwas bezieht, das ich schon in meiner Bewertung des Vorgängeralbums „Hate Crew Deathroll“ (2003) ganz kurz angesprochen habe. Dort habe ich noch geschrieben, dass bei Children of Bodom eine ähnliche Entwicklung wie bei In Flames zu beobachten sei. Auf „Are You Dead Yet?“ ist der Versuch, es ähnlich den schwedischen Melo-Deathern mit einem moderneren Sound zu versuchen, noch eklatanter ausgefallen. Besonders auffällig ist das im von mir oben genannten „In Your Face“, das so oder so ähnlich aus der Feder der damals sehr angesagten Slipknot hätte stammen können. Fast schon absurd wird das Ganze, wenn man „Next in Line“ anhört, das von den Melodien über die Riffs bis hin zum Gesang 1:1 von In Flames stammen könnte. Ich sage jetzt nicht grundsätzlich, dass diese Inspirationsquellen schlecht sind – aber die bis zu diesem Album vorhandene, völlig eigenständige Identität von Children of Bodom geht damit in weiten Teilen verloren.

Insgesamt scheint mir „Are You Dead Yet?“ eine Art Zwischenstück in der musikalischen Neuausrichtung der Band darzustellen: die Veränderung wurde auf „Hate Crew Death Roll“ angedeutet und mit „Blooddrunk“ (2008) vollzogen. Dazwischen hat sich einiges an zähem Material, dem auch mehrere Durchläufe nichts nützen breitgemacht. Vor allem im Gitarrenbereich liegt auf „Are You Dead Yet?“ Einiges im Argen, was vielleicht an Alexi Laiho’s damaliger Verletzung lag. Die extrem kurze Spielzeit ist für eine solche Platte sicherlich nicht schlecht gewählt und stellt für mich kein Ärgernis dar. Wenn man all das zusammenzählt, bleibt eine recht knappe 4-Punkte-Wertung stehen. Leute, die nur auf die älteren Alben der Band stehen, werden vermutlich noch 1-2 Punkte abziehen, diejenigen, die mit der moderneren Ausrichtung zufrieden sind, ebenso viele dazu zählen. Eine Platte, mit der sich die Finnen wahrlich zwischen die Stühle und zwischen die Stile gesetzt haben.


Track – Titel – Länge – Wertung

  1. Living Dead Beat – 5:18 – 5/7
  2. Are You Dead Yet? – 3:56 – 6/7
  3. If You Wanna Peace… Prepare For War – 3:57 – 3/7
  4. Punch Me I Bleed – 4:51 – 2/7
  5. In Your Face – 4:12 – 4/7
  6. Next In Line – 4:19 – 3/7
  7. Bastards Of Bodom – 3:25 – 5/7
  8. Trashed, Lost & Strungout – 4:02 – 5/7
  9. We’re Not Gonna Fall – 3:17 – 3/7

Gesamteindruck: 4/7 3/7


Children Of Bodom auf “Are You Dead Yet?” (2005):

  • Alexi „Wildchild“ Laiho – Vocals, Lead Guitar
  • Roope Latvala – Rhythm Guitar, Backing Vocals
  • Henkka T. Blacksmith – Bass, Backing Vocals
  • Janne „Warman“ Wirman – Keyboards
  • Jaska Raatikainen – Drums

Anspieltipp: Are You Dead Yet?

MusikWelt: Relentless Reckless Forever

Children Of Bodom


Children Of Bodom konnten sich 2013 mit „Halo Of Blood“ einigermaßen konsolidieren. Auf „Relentless Reckless Forever“ (2011) hört man davon noch nicht so viel. Anstelle der „Leichtigkeit des Seins“, die von den Fans von dieser Band erwartet wird, klingt dieses Album einmal mehr schwerfällig, gezwungen und wenig inspiriert. Die logische Folge: Eine für die Verhältnisse einer so talentierten Band geradezu schockierend niedrige Gesamtwertung.

Gesamteindruck: 3/7


Zu wenige große Momente.

Man kommt bei aller Verbundenheit mit Children Of Bodom nicht umhin, den Finnen auf „Relentless Reckless Forever“ eine gewisse Stagnation zu attestieren. Per se ist das ja nichts Schlechtes, wie andere Bands von Album zu Album beweisen. Problematisch wird es nur, wenn die wirklich großen Momente fehlen. Davon hat der 2011er-Output der Truppe um Schreihals/Gitarrist Alexi Laiho zwar ein paar zu bieten, aber so dicht wie in alten Zeiten sind die Hits aber bei weitem nicht gesät. Wie schon beim Vorgängerwerk „Blooddrunk“ (2008) sollte man sich auf jeden Fall einige Hördurchläufe gönnen, beim ersten Mal bleibt nicht sonderlich viel hängen.

Nach zwei, drei Durchgängen sind dann aber auch relativ schnell die besten Songs ausgemacht. Die verstecken sich meines Erachtens eher am Ende des Albums, wobei ich auch den Opener „Not My Funeral“ nicht übel finde. Er ist ob einer gewissen Behäbigkeit als Eröffnung allerdings nicht optimal gewählt. Wirklich überzeugen kann mich im vorderen Teil der CD eigentlich nur „Roundtrip To Hell And Back“. Am Ende des Albums gibt es dafür mit „Cry Of The Nihilist“, „Was It Worth It?“ und dem großartigen Rausschmeißer „Northpole Throwdown“ („At the fuckin‘ northpole – We show no mercy!!“, göttlich…) drei wirklich starke Nummern, die mit dem Rest ein wenig versöhnen.

Dieser Rest ist für mich weder zwar nicht übermäßig schlecht, aber halt auch nicht besser als Durchschnittskost, wie man sie schon auf den letzten Alben teilweise zu hören bekam. Die schnellen „Shovel Knockout“ und „Pussyfoot Miss Suicide“ sowie der stampfende Titeltrack wollen auch nach oftmaligem Hören einfach nicht zünden. Woran das genau liegt, ist mir nicht ganz klar. Irgendwie klingen viele Stücke auf der Platte angestrengt und gequält und werden wohl auch deshalb als anstrengend empfunden. Immerhin gibt es meiner Ansicht nach nur einen Totalausfall zu vermelden: das bereits vorab bekannte „Ugly“ gehört in meinen Ohren neben einigen Stücken von „Are You Dead Yet?“ zu den schwächsten Bodom-Songs überhaupt.


Track – Titel – Länge – WertungCoB_Relentless

  1. Not My Funeral – 4:55 – 4/7
  2. Shovel Knockout – 4:03 – 3/7
  3. Roundtrip To Hell And Back – 3:47 – 5/7
  4. Pussyfoot Miss Suicide – 4:10 – 3/7
  5. Relentless Reckless Forever – 4:18 – 4/7
  6. Ugly – 4:12 – 2/7
  7. Cry Of The Nihilist – 3:31 – 6/7
  8. Was It Worth It? – 4:06 – 5/7
  9. Norhtpole Throwdown – 2:54 – 6/7

Gesamteindruck: 3/7 


Children Of Bodom auf “Relentless Reckless Forever” (2011):

  • Alexi „Wildchild“ Laiho – Vocals, Lead Guitar
  • Roope Latvala – Rhythm Guitar, Backing Vocals
  • Henkka „T. Blacksmith“ Seppälä – Bass, Backing Vocals
  • Janne „Warman“ Wirman – Keyboards
  • Jaska Raatikainen – Drums

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