FilmWelt: Pandorum

Es gibt diese Filme, bei denen man in der ersten Sekunde erkennt, ob sie den persönlichen Geschmack treffen – oder eben nicht. „Pandorum“, eine deutsch-britische (!) Produktion aus 2009 ist einer dieser Fälle, die mich mit der ersten Einstellung gepackt und unbändige Vorfreude in mir ausgelöst haben.

Gesamteindruck: 4/7


Raumkrankheit und Amnesie.

Leider ist „Pandorum“ aber auch einer jener Fälle, die es nicht schaffen, die in den ersten Minuten aufgebaute Erwartungshaltung vollständig zu befriedigen. Schade eigentlich, denn prinzipiell hätte der Film alles, was es braucht, um den geneigten SciFi-Fan zu begeistern: Ein riesiges Raumschiff voller Technik, eine lange Reise zu einem fernen Planeten, mysteriöse Fehlfunktionen, geheimnisvolle Kreaturen, einen Helden wider Willen – und doch gelingt es den Filmemachern nicht, diese hervorragenden Zutaten zu einem wirklich wohlschmeckenden Mix zu vereinen.

Worum geht’s?
An Bord des riesigen Raumschiffs „Elysium“ erwachen zwei Besatzungsmitglieder aus dem Hyperschlaf. Eine Nebenwirkung dieser speziellen Art des interstellaren Reisens ist partieller Gedächtnisverlust: Die Männer wissen zunächst nicht, wer und wo sie sind. Keine idealen Voraussetzungen also, um bevorstehende Aufgaben zu lösen – und die sind gewaltig, denn bald müssen die Astronauten feststellen, dass das Schiff gravierende technische Probleme hat. Und dass sie entgegen ihrer anfänglichen Vermutung keineswegs allein an Bord sind…

Die Idee des unsanften Erwachens aus dem Kälte-, Hyper- oder was-auch-immer-Schlaf ist mittlerweile ja fast ein Klassiker in der Science Fiction. Einer der Ausgangspunkte dürfte wohl „Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt“ (1979) sein. Und auch anderweitig hat sich der deutsche Regisseur Christian Alvart inspirieren lassen: So erinnert die ganze Atmosphäre neben genanntem Standardwerk von Ridley Scott frappierend an „Event Horizon – Am Rande des Universums“ (1997, Regie führte Paul W. S. Anderson, einer der Produzenten von „Pandorum“) und der Videospielreihe „Dead Space“ (ab 2008). Wir haben es hier also mit einer dreckigen und kaputten Zukunft zu tun, die ganz und gar nichts von „Star Trek“-Utopie hat. Umgekehrt habe ich das Gefühl, dass sich „Passengers“ (2016) in Hinblick auf die Handlung sehr stark an „Pandorum“ orientiert haben dürfte, im Vergleich aber geradezu klinisch rein wirkt.

Von der Technik her braucht sich „Pandorum“ auch hinter großen Produktionen nicht zu verstecken: Das von außen sehr hübsche und innen völlig heruntergekommene Raumschiff ist eine hervorragende Kulisse. Die mangelhafte Beleuchtung sorgt für gruseliges Ambiente, flackernde Bildschirme, kaputte Konsolen, Schläuche und Kabel, die aus Wänden hängen – für all das muss man den Verantwortlichen ein großes Lob aussprechen, ebenso für die Kameraarbeit, die den Wahnsinn, der das Schiff befallen hat, gut einfängt (aber auch nichts für Fans ruhiger Darstellungen ist). Der Sound passt sich dem an und sorgt dafür, dass man sich auch als Zuschauer kaum jemals sicher fühlt. Passend zu alledem sind auch die Kostüme bzw. generell die körperliche Darstellung der Figuren, die immer wieder von Blut und diversen Flüssigkeiten bedeckt durch enge Schächte kriechen.

Die Stimmung an Bord der „Elysium“ passt also. Zumindest für den Zuschauer – die Besatzung stolpert hingegen von einem Problem zum nächsten. Und das ist durchaus wörtlich zu verstehen: Das Drehbuch ist leider ein wenig holprig geraten, was „Pandorum“ letztlich viel vom guten Gefühl kostet, das über Atmosphäre, Ausstattung, Beleuchtung und Ton erzeugt wird. Dabei wären Anfangs- und Endpunkt der Geschichte, die Regisseur Alvart und Drehbuchautor Travis Millroy erzählen, aller Ehren wert. Nur das, was dazwischen liegt, wirkt zeitweise zusammengeschustert, wenig inspiriert und ab und an nicht unbedingt logisch.

Bleibt hinter den Erwartungen zurück.

Im Wesentlichen ist der Mittelteil von „Pandorum“ mehr Action als Science Fiction – die Protagonisten hetzen von einem Ende der „Elysium“ zum anderen, immer verfolgt von merkwürdigen Gestalten, die ein wenig an die Morlocks aus dem Wells-Klassiker „Die Zeitmaschine“ (1895) erinnern. Dazwischen gibt es immer wieder Dialoge, die zum Teil bemüht-philosophisch daherkommen (es stellt sich die Frage nach dem moralischen Kompass, wenn man einer der letzten Überlebenden der Menschheit ist), im Endeffekt aber nur an der Oberfläche kratzen. Das könnte man wohl verschmerzen, würde sich die Action nicht ziemlich hohl anfühlen – von „Alien“-Intensität kann bei „Pandorum“ jedenfalls nicht die Rede sein.

Und noch einen Punkt möchte ich erwähnen, der mich als Fan solcher Geschichten, wie sie die Inhaltsangabe von „Pandorum“ andeutet, massiv stört: Der Film ist in sich nicht so richtig logisch. Die Erklärungen für das Geschehen sind teils in Ordnung (ich mag es, wie die Crew auf einen Überlebenden trifft, der die Geschichte des Schiffs in die Wand graviert hat), alles in allem macht die Handlung aber nicht sehr viel Sinn. Für mein Gefühl fehlen ein paar erklärende Elemente, etwas, das über ein paar Nebensätze hinausgeht. Und dass einiges von dem, was im Schiff passiert, auf die titelgebende Raumkrankheit „Pandorum“ geschoben wird, ist mir tatsächlich etwas zu billig.

Abschließend noch ein Wort zu den Charakteren: Auch hier gibt es Luft nach oben. Die männlichen Hauptdarsteller Dennis Quaid und Ben Foster spielen ihre Rollen zwar gut, die Figuren selbst sind aber nichts, woran man sich länger erinnert. Ein wenig besser ist es mit der einzigen Frau in einer tragenden Rolle, aber letztlich kann auch Antje Traue nicht darüber hinwegtäuschen, dass Charakterzeichnung keine Stärke von „Pandorum“ ist.

Fazit: Ich hätte mir schlicht und einfach mehr von diesem Film erwartet. Man kann ihn sich selbstverständlich gut ansehen – der letzte Twist hat schon was für sich – und er ist technisch definitiv stark gemacht. Aber im Endeffekt ist er völlig zu Recht weder ein echter („Alien“) noch ein heimlicher bzw. zu seiner Zeit verkannter („Event Horizon“) Klassiker des Genres.

Gesamteindruck: 4/7


Originaltitel: Pandorum.
Regie:
Christian Alvart
Drehbuch: Travis Milloy
Jahr: 2009
Land: UK, Deutschland
Laufzeit: ca. 110 Minuten
Besetzung (Auswahl): Dennis Quaid, Ben Foster, Antje Traue, Cam Gigandet, Cung Le, Eddie Rouse



MusikWelt: Theater of Salvation

Edguy


Mit „Vain Glory Opera“ (1998) schafften Edguy, bis dahin eher Geheimtipp und/oder Regionalgröße, auch international den Durchbruch. Dafür sorgten geradlinige, sehr eingängige Power Metal-Hymnen mit einem Schuss Dramatik und, ja, auch jener Portion Kitsch, den die Fans damals einfach liebten und für den man den Bands bis heute nicht so richtig böse sein mag. Nur ein Jahr später legten die Fuldaer dann mit „Theater of Salvation“ das nächste Album vor. Manche sagen, es wäre das Beste, das sie bis heute hinbekommen haben; eine Ansicht, die nicht von ungefähr kommt.

Gesamteindruck: 7/7


Nach der Oper ins Theater.

Streitet man sich in der Hochkultur eigentlich darüber, ob das Theater oder die Oper die wichtigere, dramatischere oder sonst wie überlegene Kunstform ist? Ich weiß es nicht… Im Falle von Edguy kann ich hingegen berichten, dass „Theater of Salvation“ seinen Vorgänger „Vain Glory Opera“ in Sachen Dramatik übertrifft. Das Songwriting ist deutlich ausgereifter und komplexer, zum Teil hört man hier genau jene Ideen heraus, die zwei Jahre später auf „The Metal Opera“ von Avantasia endgültig aus dem Bandgefüge von Edguy herausgelöst werden sollten. Namentlich betrifft das neben dem Intro vor allem die abschließenden Tracks „The Unbeliever“ und „Theater of Salvation“, die klingen, als wären sie für das spätere Herzensprojekt von Tobias Sammet geschrieben worden. Nicht nur wegen der Texte und des neo-klassizistischen Songwritings, sondern auch und vor allem, weil man das Gefühl hat, der Edguy-Boss hätte diese Nummern im Hinblick auf die Intonierung mit zusätzlichen Stimmen komponiert (was ja ein Markenzeichen von Avantasia ist). In der Rückschau kommt es mir regelrecht merkwürdig vor, dass sich speziell beim Titeltrack niemand das Mikro mit Sammet teilt (und dass das damals niemandem aufgefallen sein soll). 😉

So oder so: „Theater of Salvation“ ist einer der am besten komponierten Langstrecken-Songs, den es von Edguy zu hören gibt (er wäre übrigens auch bei Avantasia ganz weit vorn dabei – und damit lasse ich es nun endgültig gut sein, was diese Vergleiche betrifft). Grandios, welche Epik und Dramatik Sammet für diese Nummer in Noten gegossen hat – übrigens komplett im Alleingang. Die Chöre, die Dynamik, die Instrumentierung (die trotz allem Bombast immer noch ihren Heavy Metal-Charme hat), die Lyrics – all das zusammen ergibt eine schlichtweg fantastische Achterbahnfahrt über 14 Minuten.

Abgesehen von diesem großen Moment, der zeigt, was für ein Ausnahmetalent Tobias Sammet als Sänger, vor allem aber als Komponist ist, stehen auf „Theater of Salvation“ gleich mehrere meiner All-time Favorites von Edguy: „Babylon“ ist meiner Ansicht nach bis heute eine der besten Power Metal-Nummern, die es gibt. Für mich ist das ein Song, der, vielleicht neben „The Dragon Lies Bleeding“ (HammerFall), wie kein anderer das positive Gefühl und die allgemeine Aufbruchsstimmung in der Szene Ende der 1990er repräsentiert. In leicht geringerem Ausmaß gilt Ähnliches für „The Headless Game“ und „Wake Up the King“, die eine bestens aufgelegte Band zeigen und mittlerweile zu Recht als Klassiker gelten.

Etwas mehr Zeit brauchen die Nummern nach der Halbzeit. Speziell gilt das für „Holy Shadows“, das bei mir in den Jahrzehnten, seit „Theater of Salvation“ erschienen ist, immer ein Schattendasein geführt hat – bis zu den aktuellen Re-Listenings für diese Rezension. Da hat es plötzlich geklickt und seither finde ich den Song sehr stark. „Falling Down“ und „Arrows Fly“ sind hingegen nett anzuhören, aber nichts, was über das hinausgeht, das man im Lehrbuch über das Schreiben einer ganz klassischen Power Metal-Nummer lesen kann. Wobei dazu gesagt werden muss, dass Edguy zumindest ein wenig an eben jenem Buch mitgeschrieben haben. Dennoch, mit den restlichen Krachern können diese beiden Tracks nicht ganz mithalten.

Balladeske Momente.

Noch nicht erwähnt habe ich die zwei Balladen, die auf dem Album zu finden sind. Richtig gelesen, es sind gleich zwei Songs aus einer Disziplin, die immer mal wieder belächelt wird. Tobias Sammet dürfte von seinem balladesken Talent bis heute voll und ganz überzeugt sein, was ich nicht in Frage zu stellen wage. Als Fan seiner frühen Arbeiten kann ich zumindest sagen, dass ich nicht immer mit seinen langsamen Ohrenschmeichlern einverstanden war und bin. Und so ist es auch auf „Theater of Salvation“: „Another Time“ ist eine klassische Piano-Ballade, kommt ohne Metal-Instrumentierung aus – und ist ein ziemlicher Schmachtfetzen. Ab und an mag man in der Stimmung dafür sein, aber mir persönlich ist das einfach zu viel des Guten. Nett anzuhören: Ja. Essenziell: Nein.

Ganz anders „Land of the Miracle“, das man im Gegensatz dazu aber eher unter dem Begriff „Power Ballade“ einordnen sollte, denn hier gibt es Gitarrenriffs und ein Solo. Unabhängig davon: Ich weiß, ich habe jetzt schon einige Male Phrasen wie „das Beste“ u. ä. verwendet, dennoch bleibt es mir nicht erspart… „Land of the Miracle“ gehört aus meiner Sicht zu den besten Vertretern seiner Zunft. Wenn mir jemand sagen würde, ich solle die besten 10 Metal-Balladen der Welt notieren (zum Glück hat mich noch nie jemand gefragt, da wären sehr harte Entscheidungen zu treffen), würde ich „Land of the Miracle“ zumindest einen Platz unter meinen Top 3 zutrauen. Der Text ist gut (klar ist er cheesy, das darf er in dieser Disziplin aber schon auch sein, finde ich), vor allem aber ist die Nummer einfach dermaßen geil komponiert, dass mir die Superlative ausgehen. Die ruhige Einleitung mit Klavier, dann die stoischen Riffs, die doppelläufigen Gitarrenleads, der bombastische Refrain sowie der sich dramatisch steigernde Verlauf, der mit einem hörenswerten Kanon und einem A-Capella-Chorus im Finale seinen Höhepunkt findet – das alles und, am wichtigsten, wie diese Elemente ineinander greifen und verwoben sind, führt zu meiner kaum zu bändigenden Begeisterung. Keine Ahnung, was Tobias Sammet diesen Geistesblitz beschert hat, aber hier hat er sich wirklich selbst übertroffen.

Damit kann ich auch für „Theater of Salvation“ nur die Höchstwertung zücken. Das Album unterhält von vorne bis hinten irrsinnig gut. Das war auch schon bei „Vain Glory Opera“ so, diesmal ist die Sache aber ein wenig anders. Denn im Gegensatz zu seinem Vorgänger, der mit schneller und einfacher Zugänglichkeit für gute Laune sorgt, gibt es auf vorliegender Platte auch einiges zu entdecken, was die Halbwertszeit deutlich erhöht. Wenn man unbedingt ein Haar in der Suppe finden möchte, wären das wohl die manchmal allzu ausufernden Wiederholungen der Refrains (z. B. in am Ende von „Babylon“). Weil die aber sehr gut geschrieben sind, hält sich der Ärger darüber in Grenzen – zu Abnutzungserscheinungen kann es aber mitunter schon führen.

Sehr, sehr schön gemacht, Edguy!

Gesamteindruck: 7/7 


NoTitelLängeNote
1The Healing Vision1:115/7
2Babylon6:107/7
3The Headless Game5:316/7
4Land of the Miracle6:327/7
5Wake Up the King5:437/7
6Falling Down4:365/7
7Arrows Fly5:036/7
8Holy Shadows4:317/7
9Another Time4:074/7
10The Unbeliever5:476/7
11Theater of Salvation14:107/7
1:03:21

Edguy auf “Theater of Salvation” (1999):

  • Tobias Sammet − Vocals, Keyboards
  • Jens Ludwig − Guitars, Backing Vocals
  • Dirk Sauer − Guitars, Backing Vocals
  • Tobias Exxel − Bass
  • Felix Bohnke − Drums
Bild von: metal-archives.com

Anspieltipp 1: Babylon
Anspieltipp 2: Theater of Salvation
Anspieltipp 3: Land of the Miracle

SerienWelt: Tribes of Europa – Staffel 1

Wie vor gar nicht allzu langer Zeit bei „Dark“ (2017-2020) hat es auch den Verantwortlichen für „Tribes of Europa“ gefallen, einer deutschen Serie einen englischen Titel zu verpassen. Beinbruch ist das natürlich keiner, aber gleichzeitig ist es meiner Meinung nach so etwas wie ein Fingerzeig auf eine der vielen Baustellen dieser stark gehypten Netflix-Serie.

Gesamteindruck: 2/7


Endzeit over Europa.

Eigentlich sollte ich ja längst wissen, dass es nicht immer klug ist, vorab Rezensionen zu lesen – zu voreingenommen geht man danach häufig an Bücher, Filme und Serien heran. Leider (?) konnte ich bei „Tribes of Europa“ nicht widerstehen und habe mich vorher im Netz schlau gemacht. Zwei Dinge waren dabei besonders auffällig: Einerseits der allgemein sehr durchwachsene Tenor in der (deutschen) Community, andererseits ein speziell auf die Sprache der Akteure bezogenes… ich würde fast sagen: bashing. Letzteres hatte ich auch schon in diversen Kommentaren zu „Dark“ herausgelesen, konnte beim Ansehen aber zumindest diesen Teil der Kritik nicht nachvollziehen. Bei „Tribes of Europa“ sieht die Sache allerdings anders aus.

Worum geht’s?
In nicht allzu ferner Zukunft hat die Welt, wie wir sie kennen, zu existieren aufgehört. Nach einem – vermutlich globalen – Blackout gibt es keine Staaten mehr, die Überlebenden der Katastrophe sind in Stämmen, den sogenannten „Tribes“, organisiert. Einer davon sind die „Origines“, die jegliche Technologie ablehnen und versuchen, mit der Natur im Einklang zu leben. Ihre Isolation endet, als eine Art Raumgleiter vom Stamm der „Atlantier“ in der Nähe abstürzt und ein Stück fortschrittlicher Technik, den „Cube“, verliert. Um dieses wertvolle Artefakt bricht bald ein Krieg aus, der viele Leben kostet – und das beschauliche Dasein dreier Geschwister von den Origines für immer verändert…

Ich bin mir nicht sicher, wie sich obige Zusammenfassung für jemanden liest, der die Serie nicht kennt. Selbst für mich, der ich die 6 Folgen, die bis dato erschienen sind, erst unlängst gesehen habe, klingt das nach wirrem Zeug, wenn ich ehrlich bin. Und tatsächlich hat „Tribes of Europa“ große Probleme, die sich – so scheint es mir – sogar in meiner kurzen Inhaltsangabe manifestiert haben. Bevor wir in medias res gehen noch eine Anmerkung: Zum Zeitpunkt dieser Rezension ist vollkommen offen, ob und wie die Serie fortgesetzt wird. Produzent Netflix hält sich derzeit zur Möglichkeit einer oder mehrerer weiterer Staffeln bedeckt, sodass es gut sein kann, dass der Cliffhanger am Ende der sechsten Folge genau das bleibt. Das nur als Warnung – die Handlung ist keineswegs in sich geschlossen, wer damit nicht klarkommt, sollte wohl erst dann mit der Serie beginnen, wenn klar ist, dass es irgendwann auch weitergeht.

Babylonische Sprachverwirrung.

Nun aber zur Sache – und vielleicht beginnen wir mit dem, was ich schon in der Einleitung angedeutet habe: der Sprache. „Origines“, „Tribes“ und „Cube“ sind nur einige der angelsächsischen Begriffe, die in „Tribes of Europa“ nur zu gern verwendet werden. Nun bin ich wirklich niemand, der auf Deutschtümelei steht, ganz im Gegenteil – was beim von mir hoch geschätzten „Game of Thrones“ (2011-2019) in der Übersetzung teilweise verbrochen wurde, spottet jeder Beschreibung. Allerdings gibt es einen gravierenden Unterschied: Beim Vorzeige-Epos von HBO versuchte man, die gesamte (englischsprachige) Fantasy-Welt komplett ins Deutsche zu übersetzen. „Tribes of Europa“ setzt hingegen auf ein merkwürdiges Gemisch aus Deutsch und Englisch, das vermutlich die Vielfältigkeit des Kontinents abbilden soll. Ganz so, als gäbe es in Europa nur diese beiden Sprachen, was vollkommen absurd wirkt und der Serie zu einem denkbar schlechten Start verhilft. Mir ist schlicht nicht klar, warum die Charaktere zum Beispiel „Tribes“ sagen müssen, wenn es doch mit „Stämme“ eine adäquate und passende Übersetzung gegeben hätte. Wie ist das dann in der englischen Synchronisation? Sind es dort auch die „Tribes“, sind es die „Stämme“ oder nimmt man ein ganz anderes Wort? Vielleicht was Französisches? Oder eine slawische Übersetzung? Ich weiß es nicht – wenn aber die Absicht war, die bunte Vielfalt Europas nach einer großen Katastrophe anzudeuten, ist diese Idee voll und ganz daneben gegangen.

Leider ist das nicht die einzige Schwäche, die sich „Tribes of Europa“ in Sachen Sprache leistet. Der einleitende Hinweis auf „Dark“ bezieht sich nämlich auf etwas, letztlich nichts damit zu tun hat, ob Deutsch oder Englisch gesprochen wird: Im Gegensatz zu synchronisierten Serien, aber auch zu … keine Ahnung … „Tatort“, klingt das, was die Schauspieler in „Tribes of Europa“ in ihrer Muttersprache zum Besten geben, sehr befremdlich. Ist das die berühmt-berüchtigte „deutsche Theatersprache“, wie sie in einigen Rezensionen bezeichnet wird? Ich weiß es nicht, hatte aber fast durchgehend das Gefühl, dass das Gros der Darsteller höchst unnatürlich und hölzern spricht. Nein, das ist nicht ganz richtig, sie scheinen vielmehr so zu agieren und zu intonieren, als würden sie auf einer Theaterbühne stehen. Das mag dort passend sein, auf dem Bildschirm wirken die Dialoge (und auch Teile der Körpersprache) unnatürlich. Es ist, als hätten es die Mimen nicht geschafft (oder wäre es nicht gewollt gewesen), sich vom Theater zu emanzipieren. Wieso das so ist? Ich kann es nicht sagen, aber es hat mich massiv gestört.

Gute Ausstattung allein reicht nicht.

Kommen wir nun aber endlich zu den guten Nachrichten, von denen es zumindest zwei gibt: Erstens ist die Serie geradezu unverschämt gut ausgestattet. Kostüme, Kulissen, Effekte – all das stimmt zu 100 Prozent und ist für eine deutschsprachige Produktion weit über dem Durchschnitt. „Mad Max“ und „The Walking Dead“ stellen die Post-Apokalypse optisch auch nicht besser dar – allein das halb verfallene Berlin ist ein grandioser Anblick. Und, zweitens, ist „Tribes of Europa“ sehr gut fotografiert. Die Aufnahmen lassen nichts zu wünschen übrig, egal ob in der Totalen oder in der Detailansicht. Alles ist hervorragend ausgeleuchtet und stimmungsvoll in Szene gesetzt. Optisch gibt es also (fast) keinen Grund zu meckern.

Fast? Richtig gelesen, ein Lapsus hat sich auch hier eingeschlichen: Der Schnitt ist überhaupt nicht gelungen, was für eine moderne Produktion sehr ungewöhnlich ist. Ein guter Schnitt ist so unauffällig, dass man ihn als Zuseher überhaupt nicht bemerkt. Wenn er in einer einzelnen Szene mal nicht passt, fällt das schnell auf. Bei „Tribes of Europa“ kommt es hingegen so häufig vor, dass ein Protagonist sozusagen in die falsche Kamera schaut, dass man kaum noch von einem Ausrutscher sprechen kann. Speziell in Dialogen merkt man immer wieder, dass sie in mehreren Takes aufgenommen wurden. In einem Text ist das freilich schwer erklärbar, aber ich würde dieses Problem für so gravierend halten, dass es eigentlich fast jedem, der sich die Serie ansieht, auffallen müsste.

Und weil wir gerade bei Dingen sind, über die man in professionellen Produktionen in der Regel kein Wort verlieren muss: Auch der Ton bzw. der Mix ist nicht der Standard, den man heute gewohnt ist. Teile der Dialoge sind schlicht unverständlich, weil viel zu leise. Wobei ich mir nicht ganz sicher bin, ob ich dafür dem Tonmann die Schuld zuschanzen möchte – einige Schauspieler neigen offenbar stark zum Nuscheln und Flüstern, was aber die Tonregie zumindest hätte erkennen und korrigieren müssen. Interessant… nun bin ich von einem Lob wieder direkt ins Meckern übergegangen. Dabei wollte ich die Serie nach dem Trailer und auch von der eigentlich lässigen Prämisse her unbedingt mögen. Allein: Mir schon nach zwei Folgen klar, dass „Tribes of Europa“ durchzustehen ein hartes Stück Arbeit werden würde. Was eigentlich ein Todesurteil für eine Serie ist, die unterhalten soll.

Story & Drehbuch: Prädikat „schwerfällig“.

Im Endeffekt summieren sich die bisher genannten Dinge natürlich, so richtig krankt es aber woanders: Story und Drehbuch sind schwerfällig, holprig und wirr, kurz: haben mit allen möglichen und unmöglichen Problemen zu kämpfen. Alles aufzuzählen würde wohl den Rahmen sprengen, also versuche ich, mich kurz zu fassen: Die Story eines endzeitlichen Europas mag für eine deutsche Produktion innovativ klingen, auf den zweiten Blick und vor allem im internationalen Vergleich ist sie es jedoch nicht. So hart muss man es leider sagen – „Tribes of Europa“ bietet letztlich eine von vorne bis hinten konventionelle Post-Apokalypse. Das wäre nicht so schlimm, wäre die Serie nicht dermaßen oberflächlich. Man erfährt viel zu wenig über die neue Ordnung der Welt, alle Charaktere bleiben flach und austauschbar, manche wirken gar lächerlich und/oder fehl am Platz (vor allem sei hier der Grazer Schauspieler Robert Finster als Kommandant der Crimson Guard genannt, der meines Erachtens eine komplette Fehlbesetzung ist und überhaupt nicht überzeugt). An dieser Stelle wäre es vielleicht angebracht, sich die Serie einmal auf Englisch anzusehen, ich wäre gespannt, wie sich die Dialoge darstellen, wenn sie synchronisiert sind. Leider fehlt mir dafür aktuell die Zeit.

Spannung kommt jedenfalls so gut wie nie auf – und wenn es einmal so weit ist, wird das Tempo direkt wieder reduziert und man beschränkt sich darauf, vermeintlich bedeutungsvoll in die Gegend zu schauen. Ich verstehe ja, dass man nicht sofort alles verraten möchte, vor allem, sieht es so aus, als wäre der Grund für den globalen Blackout ein gut gehütetes Geheimnis. Nur ist das Drehbuch einfach nicht geeignet, dahingehend diese fast nicht auszuhaltende Neugier zu schüren bzw. aufrecht zu erhalten, die man von anderen Produktionen kennt. Ein oder zwei positive Momente gibt es zwar – so sind es einmal mehr die Bösewichte, die einiges rausreißen und durchaus zu unterhalten wissen. Ob es Sinn der Sache sein kann, dass man sich eher auf den Auftritt der fiesen „Crows“ freut, als mit den „Origines“ zu leiden, wage ich allerdings zu bezweifeln. Und dann gibt es da noch den u. a. aus „Dark“ bekannten Schauspieler Oliver Masucci, der in „Tribes of Europa“ als undurchsichtiger Gauner, der das Herz am rechten Fleck hat, glänzen kann – mithin der einzig wirklich brauchbare Charakter in der Serie, wobei sein Cowboy-Gehabe etwas übertrieben wirkt, aber zumindest für den ein oder anderen Lacher sorgt. Letztlich ist aber sogar diese immerhin unterhaltsame Figur nicht mehr als ein großes Klischee, das man aus anderen Filmen und Serien zur Genüge kennt.

Und mehr gibt es jetzt wirklich nicht mehr zu sagen. Muss man sich „Tribes of Europa“ ansehen? So hart das jetzt klingt, ich glaube, man muss es nicht – maximal, um mitreden zu können, kann man einen Blick riskieren. Wer das plant, sei gewarnt: Die Leichtigkeit des Seins, den Zwang zum Binge-Watching, der z. B. „The Walking Dead“ (zumindest anfangs) auszeichnete, fehlt „Tribes of Europa“ zumindest in meinen Augen vollkommen. Das typische Hineinkippen ist mir zu keinem Zeitpunkt passiert – und das war beim immer wieder gern als Vergleich genommenen „Dark“ trotz vermurkster Staffel 3 sehr wohl der Fall. Werde ich „Tribes of Europa“ wieder einschalten, falls sich Netflix doch zu einer Fortführung entscheiden sollte? Ich sage mal vorsichtig: Ja, der letzte Cliffhanger wirkt zumindest derzeit noch nach. Viel erwarte ich mir allerdings nicht von einer neuen Staffel.

Gesamteindruck: 2/7


Originaltitel: Tribes of Europa.
Idee: Philip Koch
Land: Deutschland
Jahr: 2021
Episoden: 6
Länge: ca. 45 Minuten
Gesehen auf: Netflix
Besetzung (Auswahl): Henriette Confurius, Emilio Sakraya, David Ali Rashed, Melika Foroutan, Oliver Masucci, Robert Finster, Benjamin Sadler, Ana Ularu



MusikWelt: Vain Glory Opera

Edguy


Eines muss man Tobias Sammet lassen: Er hatte von Beginn an das richtige Händchen für eingängige Melodien und epische Dramatik. Bis er sich irgendwann entschieden hat, Edguy zu einer Spaßtruppe zu degradieren und alle Ernsthaftigkeit in Avantasia zu stecken. Das konnte auf Dauer nicht gut gehen und hat beiden Projekten nachhaltig geschadet – doch das ist eine andere Geschichte für eine andere Rezension. Hier geht es nun um „Vain Glory Opera“, das 1998 auf den Markt kam, also zu einer Zeit, in der der Power Metal dank HammerFall, Nightwish & Co mitten im zweiten Frühling stand. Die Frage lautet also: Können Edguy mit dieser mächtigen Konkurrenz mithalten?

Gesamteindruck: 7/7


Edguy at their best.

Die Kurzfassung: Ja, sie können. Ich halte „Vain Glory Opera“ nicht nur für eines der besten Werke der Hessen, sondern für einen Beitrag, der das Genre zwar nicht revolutioniert, aber durchaus bereichert. Man darf ja nicht vergessen, dass Ende der 1990er Jahre eine gewaltige Anzahl an Veröffentlichungen ähnlicher Natur den Markt überschwemmte – häufig von zweifelhafter Qualität, was man Edguy nun wahrlich nicht attestieren kann. Tatsächlich zeigen sich die Mannen aus Fulda auf ihrem zweiten Studioalbum in allen Belangen gereift gegenüber dem ein Jahr zuvor erschienen „Kingdom of Madness“: Gitarrentechnisch sind die Riffs deutlich stärker, vor allem aber abwechslungsreicher; noch überzeugender fallen die Solos aus, die auf dem Vorgänger nicht über gute Ansätze hinausgekommen sind. Hier entfalten die Axtmänner Jens Ludwig und Dirk Sauer erstmals ihr volles Potenzial, was zum deutlich runderen Gesamterlebnis entscheidend beiträgt.

Vor allem punktet „Vain Glory Opera“ aber in zwei anderen Bereichen voll, die auf „Kingdom of Madness“ noch ausbaufähig waren: Songwriting und Vocals, beides die Domäne von Tobias Sammet (der hier übrigens einmal mehr durchaus gefällig den Bass bedient). Vorliegendes Album läutet meines Erachtens die bis dato beste Phase im Schaffen des rastlosen Multitalents ein (sie sollte bis „Hellfire Club“, 2004, dauern und auch die ersten beiden Avantasia-Veröffentlichungen umfassen). Zunächst zur Stimme: Auf „Kingdom of Madness“ klang Sammet noch ein bisschen unsicher, so als hätte er nicht so recht gewusst, wie er seine Fähigkeiten am besten zur Geltung bringt. Es war zwar auch schon zu hören, über welche Goldkehle er verfügt, seine volle Bandbreite konnte er aber erst mit vorliegendem Album abrufen, indem er sich stimmlich genau in die Lücke zwischen den gottgleichen Bruce Dickinson (Iron Maiden) und Michael Kiske (Helloween) platzierte. Und noch eines möchte ich in dem Zusammenhang erwähnen: Auf „Vain Glory Opera“ setzt Sammet seine Stimme sozusagen „normal“ ein und versucht keine Eskapaden, die ihm nicht liegen, wie es auf dem Vorgänger noch der Fall war – und für unfreiwilliges Schmunzeln sorgte.

Starkes Gesamtpaket.

Noch eine Spur wichtiger ist, dass „Vain Glory Opera“ in Sachen Songwriting überzeugt und damit ein stimmiges Gesamtpaket ist. Das gelingt, weil sich die Band bzw. Tobi Sammet am Riemen reißen und auf überlange, hoch-dramatische Nummern komplett verzichten. Der Titeltrack ist mit knapp über 6 Minuten das längste Stück, der Rest des Materials ist im Großen und Ganzen im 5-Minuten-Bereich angesiedelt. Dieses eher kompakte Komponieren tut der Platte sehr gut und bringt im Endergebnis genau das, was man Ende der 1990er in Sachen Power Metal hören wollte: Eine Mischung aus gut gelaunten, schnellen Nummern und Midtempo-Tracks, alles extrem eingängig und leicht mitsingbar. Einzelne Songs hervorzuheben ist müßig, die Qualitätsunterschiede sind nicht allzu groß. Ich würde aber sagen, dass sich mit „Until We Rise Again“, „How Many Miles“, „Out of Control“ und „Vain Glory Opera“ vier der allerbesten Nummern auf dieser Platte befinden, die Edguy je zustande gebracht haben.

Etwas schwächer wird’s hinten raus – „Walk on Fighting“ und „No More Foolin'“ sind in meinen Ohren eher Stangenware. Der Rest passt aber wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge. Und auch seiner Leidenschaft zum Covern frönt Meister Sammet, indem er mit „Hymn“ einen Klassiker von Ultravox als Rausschmeißer auf das Album packt; ich muss zugeben, dass mir die Behandlung durch Edguy gut gefällt, eine Art guilty pleasure, glaube ich (wobei: kann man Edguy nicht generell als guilty pleasure bezeichnen?).

Nur ganz wenig auszusetzen.

Zwei Dinge hätten die Höchstwertung fast verhindert – sind aber nicht gravierend genug, um eine Abwertung zu rechtfertigen: Zunächst ist festzuhalten, dass den meisten zeitgenössischen Bands eine Ballade pro Album ausgereicht hat; Tobi, der alte Romantiker, hatte aber immer schon ein Faible für Schmusesongs, weswegen wir hier mit „Scarlet Rose“ und „Tomorrow“ gleich zwei Ohrenschmeichler zu hören bekommen. Mir hätte einer gereicht, und ich ziehe das geringfügig weniger schwülstige „Scarlet Rose“ vor, wobei ich zugeben muss, dass sich die zwei Nummern schon recht stark ähneln. Hätte ich auf diese Weise wirklich nicht gebraucht.

Der zweite Störfaktor: Die Hessen haben schöne Refrains am Start, walzen mir diese aber ein bisschen zu sehr aus. Eine Wiederholung weniger hätte es gegen Ende des einen oder anderen Songs auch getan, so können die Chöre trotz aller Qualität tatsächlich zu nerven beginnen. Oder wollte man damit kaschieren, dass es doch an der einen oder anderen Idee fehlte, die Länge der Nummern spannend zu füllen? Ich weiß es nicht, aber es ist schon auffällig, wie oft einige Chorusse (Chörusse? Chorüsse?) wiederholt werden. So oder so macht dieses Album dermaßen viel Spaß, dass ich trotz dieser Lappalien einfach nur die Höchstwertung vergeben kann – eine echte guilty pleasure eben. 😉

Ein letztes Mal muss ich das große A ganz am Ende übrigens doch noch erwähnen: Schon auf „Kingdom of Madness“ war mit Chris Boltendahl (Grave Digger) ein mehr oder minder bekannter Name als Gast am Start. Auf „Vain Glory Opera“ setzen Edguy diese Tradition fort, denn zwei Nummern („Out of Control“ und der Titeltrack) werden durch den legendären Blind Guardian-Schreihals Hansi Kürsch veredelt, außerdem gibt’s – auch auf „Out of Control“ – ein geschmeidiges Solo des damals noch unumstrittenen Stratovarius-Flitzefingers Timo Tolkki zu hören. Das Konzept der Gastmusiker schien Tobi Sammet also schon damals zuzusagen – später sollte er es mit Avantasia so richtig ausleben.

Gesamteindruck: 7/7 


NoTitelLängeNote
1Overture1:315/7
2Until We Rise Again4:287/7
3How Many Miles5:397/7
4Scarlet Rose5:105/7
5Out of Control5:047/7
6Vain Glory Opera6:087/7
7Fairytale5:116/7
8Walk On Fighting4:465/7
9Tomorrow3:535/7
10No More Foolin‘4:554/7
11Hymn (Ultravox Cover)4:535/7
51:38

Edguy auf “Vain Glory Opera” (1998):

  • Tobias Sammet − Vocals, Bass, Keyboards
  • Jens Ludwig − Lead Guitars
  • Dirk Sauer − Rhythm Guitars
  • Frank Lindenthal [Guest] − Drums
Bild von: metal-archives.com

Anspieltipp 1: Out of Control
Anspieltipp 2: How Many Miles

MusikWelt: Kingdom of Madness

Edguy


Zugegeben: An vorderster Front standen Edguy im Kampf, der Ende der 1990er um die Rückkehr des wahren Heavy Metal tobte, nie. Die Riege der jungen Wilden wurde eher von Truppen wie HammerFall, Nightwish und Children of Bodom angeführt, in deren Windschatten dann auch alte Helden wie Helloween, Gamma Ray und Stratovarius langsam wieder zu alter Stärke fanden. Und doch konnte auch die junge Truppe aus dem hessischen Fulda überzeugen, wenngleich ihr der ganz große internationale Durchbruch erst später gelingen sollte.

Gesamteindruck: 3/7


Mittelprächtiges Frühwerk.

„Kingdom of Madness“ erschien 1997 und gilt gemeinhin als Debüt von Edguy („Savage Poetry“ war 1995 in Eigenregie veröffentlicht worden, hat aber eher Demo-Qualität, weswegen es anno 2000 neu aufgenommen und veröffentlicht wurde). Ob nun echtes Debüt oder nicht: Mit Sänger Tobias Sammet (der auch Bass und Keyboards einspielte) sowie den Gitarristen Jens Ludwig und Dirk Sauer war jedenfalls bereits die langjährige Kernmannschaft der Band am Start. Als Drummer fungierte Dominik Storch, der Edguy aber bald darauf wieder verließ. Alle vier waren technisch trotz ihrer Jugend bereits sehr sauber unterwegs, anders wäre es aber auch schwer möglich gewesen, mit den Genre-Größen mitzuhalten. Besonders auffällig natürlich Mastermind Tobi Sammet, der hier erste Anstalten macht, eine Position als eine Art missing link, irgendwo zwischen Bruce Dickinson (Iron Maiden) und Michael Kiske (Helloween), einzunehmen. Ganz schafft er es allerdings noch nicht, zu überzeugen, wirkt ein bisschen unsicher, wie er seine Stimme wirklich einsetzen soll. Was die beiden Gitarrenhelden betrifft: Sie machen ihre Sache zwar ordentlich, ich möchte aber auch nicht verhehlen, dass vor allem die Solos nicht gerade vom Hocker reißen und sich die Riffs in den einzelnen Songs teilweise stark ähneln.

Und damit sind wir auch schon beim Grund, warum dieses Album trotz guter Voraussetzungen nicht so richtig zünden will: Das Songwriting ist auf „Kingdom of Madness“ nicht durchgängig ausgereift. Im Wesentlichen gibt es mit „Wings of a Dream“ nur eine Nummer, die jene Attribute erfüllt, die den damaligen Power Metal so großartig gemacht haben: Hohes Tempo, ein Mindestmaß an Heavieness und die typische Eingängigkeit. Der Thrasher rümpft die Nase, für jeden, der damals mitsingen und auf dem Konzert einfach gute Laune haben wollte, war das ein Song aus purem Gold – und ist es bis heute geblieben. Davon abgesehen finde ich nur „Steel Church“, folgerichtig mein zweiter Anspieltipp, memorabel. Wohl einer der härtesten und düstersten Songs im Edguy-Katalog, dazu ein knackiger, eher untypischer Refrain und eine sehr tighte Rhythmus-Sektion – all das weiß heute zu überzeugen, ob ich es anno 1997 so toll gefunden hätte, wage ich nicht zu beurteilen.

Begeisterung sieht anders aus.

Der Rest vom Schützenfest ist – zumindest großteils – nicht der Rede wert. Ich denke, das liegt zu einem Gutteil am insgesamt eher mäßigen Tempo, das bereits den Opener „Paradise“ zu einer der ungeeignetsten Eröffnungsnummern macht, die Edguy jemals am Start hatten. Letztlich sind auch fast alle Songs zu lang, keine der Nummern dauert unter 5 Minuten, sieht man vom verzichtbaren Zwischenspiel „Dark Symphony“ und der faden Standard-Ballade „When a Hero Cries“ ab. Freilich wäre die Laufzeit der Tracks kein Problem, wenn genug passieren würde, um sie interessant zu machen – tut es aber nicht, weshalb sich das Album stärker hinzieht, als man meinen möchte. Interessant übrigens: „Savage Poetry“, wie erwähnt später als „The Savage Poetry“ neu eingespielt, war vom Songwriting her deutlich stärker, würde ich meinen, was das eigentliche Zweitwerk in dieser Hinsicht sogar zu einem kleinen Rückschritt macht.

An dieser Stelle vielleicht ein Wort zur Technik: Oben habe ich ja erwähnt, dass die Herren aus Fulda musikalisch bereits ihr außergewöhnliches Talent aufblitzen lassen. Leider – und das ist schon auch ein Grund, warum das Album eher abstinkt – kann die Produktion überhaupt nicht überzeugen. Drums und Vocals stehen stark im Vordergrund, sind beide aber nur bedingt großartig. Der Bass ist ok, aber was mit den Gitarren gemacht wurde, verstehe ich nicht: Viel zu leise, viel zu schwach, sodass etwaige gute Riffs letztlich komplett „versteckt“ sind, also untergehen. Ich bin ja wahrlich keiner, der immer die bombastischsten Soundgewänder für seine Metalalben braucht; „Kingdom of Madness“ ist aber ein perfektes Beispiel dafür, wie solche Musik nicht produziert sein darf. Schade drum – mit etwas mehr Biss wären definitiv mehr Punkte möglich gewesen.

Avantastischer Prototyp?

Besondere Erwähnung verdient der finale Track: „The Kingdom“ schlägt mit stolzen 18 Minuten zu Buche und ist der erste Versuch von Sammet auf der Langstrecke, einer Disziplin, der er sich später vor allem mit Avantasia (im Jahr 2000 als Nebenprojekt gestartet und zwischenzeitig zur Hauptband des Sängers avanciert) verstärkt widmen sollte. Nun kann ich die Zeit nicht zurückdrehen und nachempfinden, wie sich „The Kingdom“ für jemanden angehört haben muss, der noch nichts von Avantasia wusste – aus meiner Sicht ist das aber tatsächlich ein Song, der den Grundstein für Sammets spätere Ambitionen gelegt haben dürfte.

Übrigens nicht nur kompositorisch, sondern auch in anderer Hinsicht: Thematisch ist die Nummer ein wenig religiös angehaucht, es geht um Inquisition und Folter; ferner hat man sich mit Chris Boltendahl (Grave Digger) einen Gast zur gesanglichen Unterstützung geholt, ein Konzept, dass später das Merkmal von Avantasia werden sollte. Nun ist „The Kingdom“ aber eine Nummer von sehr jungen Edguy und man fragt sich, ob ein solcher Song nicht über ihren Möglichkeiten gelegen hat. Mir kommt es fast so vor – Ansätze sind da, der Refrain ist stark und den einen oder anderen Teil der Nummer kann man sich gut geben. Insgesamt ist das für diese Länge aber zu wenig.

Und weil wir gerade von Avantasia sprechen: Nach zig Durchläufen von „Kingdom of Madness“ hatte ich fast das Gefühl, hier statt einem Edguy-Album eher einen ersten Gehversuch in jene Richtung zu erleben, in die Tobi Sammet später so viel Zeit und Energie investieren sollte. Dafür spricht einerseits das Konzept, das alle Songs um das Thema Geisteskrankheit (wenn man „Madness“ so übersetzen möchte) kreisen lässt. Eine solche Herangehensweise ist für Edguy eher ungewöhnlich – während sie voll und ganz zu Avantasia passt. Und: Ich habe Sammet weiter oben als unsicher in Sachen Stimmlage eingeschätzt. Kann sein, dass ich da zu viel rein interpretiere, aber mir scheint fast, als hätte der Sänger versucht, unterschiedliche Charaktere zu intonieren, was ihm mal mehr, mal weniger gut gelingt (in „The Kingdom“ scheitert er z. B. teilweise grandios an sich selbst, was den Song unfreiwillig komisch macht). Jedenfalls könnte ich mir vorstellen, dass dieses Album, aufgenommen mit einer aktuellen Avantasia-Besetzung, deutlich besser klingen würde als wir es hier zu hören bekommen. Klar, das alles ist im Rückblick und mit dem Wissen darum, wie sich Tobias Sammet weiterentwickeln sollte, leicht gesagt – aber zumindest ein interessantes Gedankenexperiment scheint es mir zu sein.

So oder so: „Kingdom of Madness“ ist alles in allem kein berauschendes Album. Das muss man unterm Strich leider ganz klar so sagen. Die Großtaten der Mannen aus Fulda sollten später folgen – und auch von eher kurzer Dauer sein, aber das ist eine andere Geschichte für andere Rezensionen.

Gesamteindruck: 3/7 


NoTitelLängeNote
1Paradise6:243/7
2Wings of a Dream5:246/7
3Heart of Twilight5:323/7
4Dark Symphony1:053/7
5Deadmaker5:154/7
6Angel Rebellion6:444/7
7When a Hero Cries3:593/7
8Steel Church6:295/7
9The Kingdom18:233/7
59:15

Edguy auf “Kingdom of Madness” (1997):

  • Tobias Sammet − Vocals, Bass, Keyboards
  • Jens Ludwig − Guitars
  • Dirk Sauer − Guitars
  • Dominik Storch − Drums
Bild von: metal-archives.com

Anspieltipp 1: Wings of a Dream
Anspieltipp 2: Into the Dark

FilmWelt: Der Goldene Handschuh

Fritz Honka war ein deutscher Serienmörder, der zwischen 1970 und 1975 in Hamburg vier Frauen getötet hat. „Der Goldene Handschuh“ zeigt einige Episoden aus dem Leben des Killers, sollte aber nicht unbedingt als Biographie verstanden werden, denn der Film spart u. a. komplexe, psychologische Vorgänge aus und ergeht sich hauptsächlich darin, Ekel beim Zuseher auszulösen. Letzteres gelingt immerhin meisterhaft.

Gesamteindruck: 3/7


Verwahrloste Brutalität.

Von Fritz Honka habe ich persönlich noch nie etwas gehört, bevor ich diesen Film gesehen habe. Eine Bildungslücke? Vielleicht. Jedenfalls habe ich mich nun zumindest ein wenig mit ihm beschäftigt – vor allem, um eine einigermaßen qualifizierte Rezension abgeben zu können. Zur Einordnung für alle, die so unwissend sind, wie ich es war: „Zum Goldenen Handschuh“ heißt eine bis heute existierende Kneipe auf St. Pauli, in der Honka seinerzeit häufig anzutreffen war. Vorliegender Film ist eine Umsetzung des gleichnamigen Romans von Heinz Strunk, der 2016 veröffentlicht wurde. Regie führte Fatih Akin, der am Kiez selbst kein Fremder ist, was „Der Goldene Handschuh“ fast zu einer Art Heimspiel für den Hamburger Filmemacher macht.

Worum geht’s?
In den 1970er Jahren lebt der gebürtige Leipziger Fritz Honka in bescheidensten Verhältnissen als Hilfsarbeiter in Hamburg. Seine körperlichen Unzulänglichkeiten und seine Schüchternheit machen es ihm unmöglich, auf normalem Wege Frauen kennenzulernen. Das und der Frust über sein verkorkstes und zunehmend verwahrlostes Leben haben ihn zum Trinker gemacht – und lassen ihn schließlich immer tiefer in den Wahnsinn abgleiten und sogar zum Mörder werden

Ein Film wie dieser ist immer eine zwiespältige und schwierige Angelegenheit: Wie stellt man einen Mörder dar, der bei aller Monstrosität seiner Taten letztlich auch nur ein Mensch ist? Der Schwächen, aber vielleicht sogar den einen oder anderen sympathischen Zug hat? Darf man dem Publikum auch nur den leisesten Ansatz zur Identifikation geben – oder muss man ein entmenschlichtes Monster zeigen? Aus meiner Sicht gehören wohl beide Aspekte zur Realität, und ich denke, dass Regisseur Fatih Akin zumindest versucht hat, dem irgendwie gerecht zu werden. Mangels umfangreicherer Kenntnisse über den realen Fritz Honka wage ich nicht zu beurteilen, ob und wie das gelungen ist. Insofern bezieht sich meine Meinung zum Film eben auf diesen, nicht so sehr auf das reale Leben des Mörders oder den Roman von Heinz Strunk (2016), den ich bis dato nicht gelesen habe. Übrigens gibt es diese Diskussion ja immer wieder, besonders in Erinnerung ist mir diesbezüglich „Der Untergang“ (2004) geblieben.

Keine Jugendfreigabe? Kein Wunder!

„Der Goldene Handschuh“ hat keine Jugendfreigabe erhalten. Warum das so ist, erschließt sich beim Ansehen recht schnell – denn auch, wenn die Kamera nicht immer voll draufhält und obwohl sich das Unaussprechliche meist knapp außerhalb des Bildes abspielt, ist dieser Film von unsagbarer Gewalt geprägt. Gegen Ende hin ändert sich deren Darstellung übrigens rapide und die Brutalität kommt direkt und detailliert ins Bild. Von daher dürfte der FSK 18-Sticker schon gerechtfertigt sein, zumindest aber verwundert es nicht, dass der Film ihn verpasst bekommen hat.

Gespielt ist „Der Goldene Handschuh“ meines Erachtens sehr gut. Es sind ja durchaus bekannte Schauspieler am Start, die man teilweise allerdings kaum erkennt: Fettige Haare, schiefe und faule Zähne, blaue Flecken, Augenringe und Alkoholdunst aus allen Poren – schon beeindruckend, was die Maske hier geleistet hat, um die allgemeine Verwahrlosung auch an den Figuren deutlich sichtbar zu machen. Davon abgesehen werden die Nebendarsteller ihrem Namen weitgehend gerecht: Der Film ist, fast in der Tradition eines Kammerspiels, praktisch ausschließlich auf die Hauptfigur ausgerichtet. Der Rest ist Staffage und hat auch kaum Sprechtext, was die Frage aufwirft, ob das Realismus ist – oder ob hier niemand bedacht hat, dass dadurch jegliche Identifikation mit den Opfern stark erschwert wird.

Bei Hauptdarsteller Jonas Dassler bin ich etwas zwiegespalten. Ich glaube, er spielt seine Rolle gut, jedenfalls so, wie es ihm vom Drehbuch wohl vorgegeben wurde. Bei ihm wirkt die Maske geradezu grotesk und dürfte wohl wenig mit dem Aussehen des echten Fritz Honka zu tun haben. Diese Übersteigerung mag Stilmittel sein, ich persönlich fand sie eher deplatziert. Das mag auch damit zu tun haben, dass Akin die Opfer – wie oben beschrieben – ähnlich hässlich und verkommen aussehen lässt, was es eben ungleich schwerer macht, sich mit ihnen zu solidarisieren. Die Verwahrlosung ist allgegenwärtig und mag es auch in Wirklichkeit gewesen sein – dem Film hätte eine Abstufung aber eventuell gut getan. Fast schon fahrlässig ist, dass der Regisseur seinen Hauptdarsteller auch über eine junge, gut aussehende Blondine fantasieren lässt, mit der das männlich-moderne Publikum problemlos Mitleid haben würde. Das ist nicht nur ungerecht, sondern geradezu respektlos den echten Opfern gegenüber.

Es fehlt einiges.

Zusammengefasst: Es liegt es meines Erachtens nicht an den Schauspielern, wenn der Film nicht so gut bewertet wird, wie man es eigentlich erwarten könnte. Ich glaube letztlich, dass das Drehbuch nicht ganz ausgewogen ist. Einerseits wurde viel Mühe investiert, um zu zeigen, in welchem Elend die Figuren – nicht nur Fritz Honka – leben. Das ist gelungen, aber eben nur in Auszügen. Warum es überhaupt soweit gekommen ist, kann man nicht einmal richtig erahnen. Andererseits ist es schwierig, den Mörder überhaupt angemessen zu verurteilen, einfach, weil er sogar in diesem eher seichten Kontext deutlich mehr Persönlichkeit auf den Leib geschrieben bekommen hat, als alle Opfer zusammen. Nimmt man dann noch seinen sächsischen Dialekt und die Rolle als schüchterner Außenseiter dazu, kann er schon den einen oder anderen Sympathiepunkt für sich verbuchen. Und genau das ist es, was den Opfern fehlt – und daher fragt man sich am Ende auch, was uns der Regisseur mit diesem Film eigentlich sagen wollte.

Abschließend möchte ich noch kurz auf die Ausstattung eingehen: Die Dachgeschoßwohnung der Hauptfigur ist meines Erachtens eine der besten Kulissen, die ich in einem deutschsprachigen Film bisher gesehen habe. Ekelhaft versifft, unglaublich detailliert und von klaustrophobischer Enge – man meint jederzeit, den grauenhaften Gestank riechen zu können, der in dieser Bruchbude geherrscht haben muss. Hut ab für Kulissenbauer und Kamerateam, so muss man das erst einmal hinbekommen bzw. dann auch in eindrücklichen Bildern umsetzen. Anmerkung am Rande: In Sachen Ton ist der Soundtrack toll, aber der Mix ist weniger gelungen und verhindert teilweise, dass man Dialoge überhaupt versteht. Schade.

Von mir gibt’s 3 Punkte für die grandiose Ausstattung und die guten schauspielerischen Leistungen. Mehr ist nicht drin, weil der Film weder ein Psychogramm, noch eine Biografie ist und deutlich an Komplexität vermissen lässt. Am schwersten wirkt aber, dass hier einfach so hingenommen wird, dass Honka ein Mörder ist. Nach Hintergründen wird nicht gefragt, es bleibt auch völlig unklar. Das mag einen gesellschaftlich-brisanten Hintergrund haben, der kommt in „Der Goldene Handschuh“ allerdings kaum bis gar nicht zur Geltung.

Gesamteindruck: 3/7


Originaltitel: Der Goldene Handschuh.
Regie:
Fatih Akin
Drehbuch: Fatih Akin
Jahr: 2019
Land: Deutschland, Frankreich
Laufzeit: ca. 110 Minuten
Besetzung (Auswahl): Jonas Dassler, Margarethe Tiesel, Katja Studt, Martina Eitner-Acheampong, Hark Bohm, Marc Hosemann



FilmWelt: Eolomea

„Eolomea“ aus dem Jahr 1972 ist der erste und zum Zeitpunkt dieser Rezension einzige Film der DEFA (Deutsche Film AG), den ich gesehen habe; genau kann ich das freilich nicht sagen, es gibt immerhin um die 700 DEFA-Filme. Viel habe ich mir jedenfalls nicht versprochen – und doch: „Eolomea“ hatte eine merkwürdige, fast hypnotische Wirkung auf mich.

Gesamteindruck: 4/7


Science Fiction aus dem Osten.

Es mag sein, dass das Jahr, in dem „Eolomea“ gedreht wurde, den modernen Science Fiction-Fan abschreckt. In diesem Genre kam es ja schon immer auch auf die Technik, sprich die Güte der Effekte und die glaubhafte Darstellung einer zukünftigen Welt an. Diesbezüglich kann ich aber definitiv beruhigen: „Eolomea“ ist mittlerweile 50 Jahre alt, sieht jedoch deutlich besser aus, als man meinen möchte. Sowohl Raumschiffe als auch Kulissen und Kostüme wirken nach nach wie vor sehr ansprechend. Welchen Eindruck das alles in den 1970ern gemacht hat, wage ich nicht zu mutmaßen; er kann aber definitiv kein schlechter gewesen sein.

Inhalt in Kurzfassung
Nachdem acht Raumschiffe in der Nähe der Station „Margot“ verschwunden sind, wird ein sofortiges Verbot für alle weiteren Flüge ausgesprochen, bis die Ursache für die merkwürdigen Ereignisse gefunden wird. Es scheint, als hätte das Verschwinden der Raumer etwas mit den periodischen Funksignalen zu tun, die aus dem viele Lichtjahre entfernten Sternbild „Schwan“ kommen – und die als Buchstabenkombination „EOLOMEA“ entschlüsselt wurden…

„Eolomea“ wurde, wie einleitend erwähnt, von der DEFA gedreht. Sieht man sich den Film heute an, hat man daher ständig das Gefühl, man müsste nach irgendwelchen Botschaften suchen, die sich entweder subversiv gegen das DDR-Regime richten oder anti-westliche Propaganda beinhalten. Mir persönlich wäre weder in die eine noch in die andere Richtung etwas aufgefallen, ich muss aber zugeben, dass es diesbezüglich mit meinem geschichtlichen Verständnis nicht allzu weit her ist. Immerhin ist es mir dadurch möglich gewesen, „Eolomea“ einfach nur als Science Fiction-Film zu betrachten und zu bewerten.

Und als solcher funktioniert der 80-Minüter des bis weit in die 1990er Jahre hinein tätigen Regisseurs Hermann Zschoche definitiv. Positiv ist mir vor allem aufgefallen, dass in „Eolomea“ durchgehend gute bis sehr gute Schauspieler vor der Kamera stehen. Erfreulich auch, dass die Mimen zwar nicht sonderlich tiefgründige, aber immerhin sehr sympathische Charaktere verkörpern dürfen – allen voran den zwischen Draufgängertum und Lustlosigkeit hin- und hergerissenen Raumpiloten Daniel Lagny, gespielt vom bulgarischen Multitalent Iwan Andonow. Sogar der eigentlich eher als Antagonist angelegte Professor Olo Tal (eine weitere Bösewicht-Rolle für den 2018 verstorbenen Rolf Hoppe) und die unterkühlte Professorin Maria Scholl (Cox Habbema) haben ihre sympathischen Momente.

In dieser Hinsicht muss man auch die Dialoge hervorheben, die ausgesprochen geschickt inszeniert wurden – denn sie gaukeln eine Tiefgründigkeit vor, die der Film eigentlich gar nicht hat. Zumindest nicht von der eher minimalistischen Handlung her. Aber die Art und Weise, wie die Charaktere ihre Motivationen, Befürchtungen und Wünsche zum Ausdruck bringen, muss man fast schon als grandios bezeichnen. Ich habe das Gefühl, dass es genau das ist, was heutigen Filmen oft fehlt: Figuren mit Ecken und Kanten – und natürlich Schauspieler, die das auch genau so rüberbringen können.

Und noch ein Lob möchte ich aussprechen: Durch das Zusammenspiel zwischen Musik und immer wieder eingestreuten, leicht psychedelischen Elementen, entsteht die eingangs von mir erwähnte, hypnotische Wirkung. Das ist schon sehr speziell, aber genau richtig dosiert, um nicht aufgesetzt oder gar unangenehm zu wirken. Übrigens: Das Drehbuch ist passenderweise auch mal nicht-linear. Es werden gelegentlich Rückblicke, die nicht sofort als solcher erkenntlich sind, eingestreut. Kann es sein, dass Hermann Zschoche ein sehr fortschrittlicher und experimentierfreudiger Regisseur war (zum Zeitpunkt dieser Rezension lebt der Mann übrigens noch, ist aber längst nicht mehr im Filmbusiness tätig)? Ich weiß es nicht, aber „Eolomea“ würde auf jeden Fall dafür sprechen.

Nicht zu Ende gedacht.

Inhaltlich fußt der Film auf einer eigentlich sehr interessanten Prämisse, die mit auch aus heutiger Sicht noch realistisch wirkendem, quasi-wissenschaftlichen Hintergrund untermauert ist. Das führt uns aber leider auch schon zum eigentlichen Problem, das eine deutlich bessere Wertung verhindert: Die Idee hinter den Signalen aus der Ferne wirkt nicht zu Ende gedacht. Will sagen: Der Film endet, wenn die Spannung deutlich anzieht und man wissen möchte, was es wirklich mit „Eolomea“ aus sich hat. Aufgeklärt wird nichts – und das offene Ende ist leider nicht so gelungen, dass man darüber hinwegsehen kann, vielleicht sogar noch Stunden oder Tage später darüber nachdenkt. Genau genommen wirken dadurch weite Teile des Films wie verhältnismäßig sinnloses Geplänkel, das nur dann eine größere Bedeutung gehabt hätte, wenn „Eolomea“ tatsächlich mit einer klaren Botschaft zu Ende gegangen wäre. So bleibt in der Rückschau das Gefühl einer Art Vorgeschichte, so ähnlich, wie es Pilot-Folgen für heutige Serien oft vermitteln.

Schade drum, denn der Versuch, die Charaktere in den Mittelpunkt eines Science Fiction-Filmes zu stellen, war ein guter Gedanke. Der drängt den Fiction-Anteil zwar etwas in den Hintergrund, das wäre aber in Ordnung gewesen; zumindest dann, wenn das Finale entweder große Fragen gestellt oder beantwortet hätte. So bleibt „Eolomea“ ein Film, den ich mir gerne angesehen habe, der mich am Ende aber ratlos und, ja, auch ein bisschen enttäuscht, zurückgelassen hat.

PS: Angesehen habe ich mir den Film auf Amazon Prime Video, wo er derzeit in der Flatrate gestreamt werden kann. Er scheint aktuell auch offiziell und legal in voller Länge auf Youtube verfügbar zu sein – siehe unten.

Gesamteindruck: 4/7


Originaltitel: Eolomea.
Regie:
Hermann Zschoche
Drehbuch: Angel Wagenstein, Hermann Zschoche, Willi Brückner
Jahr: 1972
Land: DDR
Laufzeit: ca. 80 Minuten
Besetzung (Auswahl): Cox Habbema, Iwan Andonow, Rolf Hoppe, Petar Slabakow, Wsewolod Sanajew



FilmWelt: Stromberg

Ich sage es rundheraus: „Stromberg“ gehört meines Erachtens zum Besten, was die deutschsprachige Fernsehwelt in den vergangenen Jahren (oder Jahrzehnten) hervorgebracht hat. Zumindest gilt das für die Serie, die sich in 46 Episoden, verteilt auf fünf Staffeln kaum Schwächen leistet. Allenfalls sind in den späten Staffeln Probleme erkennbar, das Pseudo-Doku-Format sowie den Verbleib des Charakters Stromberg in seiner Firma einigermaßen plausibel zu erklären. Von daher war es wohl gut, dass eine Fortführung der Serie trotz großen Erfolges stets abgelehnt wurde. Freilich gab es kein so richtig befriedigendes Finale, weshalb man sich tatsächlich zu einem per Crowdfunding finanzierten Kinofilm breitschlagen ließ. Der hat zwar seine Momente, ich hätte ihn aber nicht zwangsweise gebraucht.

Gesamteindruck: 3/7


Der Papa macht das… nicht so gut.

Für alle, die es vielleicht noch nicht wissen: „Stromberg“ ist eine Adaption der britischen Serie „The Office“, was in den Anfangstagen zu Urheberrechtsstreitigkeiten führte, die aber außergerichtlich beigelegt wurden. Das Konzept ist im Wesentlichen an eine Dokumentation angelehnt – so folgt ein immer unsichtbar bleibendes TV-Team dem Hauptprotagonisten Bernd Stromberg (Christoph Maria Herbst) durch seinen Alltag im Büro einer Versicherungsgesellschaft. Zwischen Sequenzen, die Stromberg und seine Kollegen bei der Arbeit, in den Pausen und in allen möglichen und unmöglichen weiteren Situationen zeigen, sind immer wieder Interviews eingeschoben, die auf verschiedene Ereignisse Bezug nehmen. Die Serie wurde zwischen 2004 und 2012 produziert, 2014 folgte sozusagen als Abschluss „Stromberg – Der Film“, der im gleichen Stil wie die Serie gehalten ist.

Die Handlung in Kurzfassung

Für die Versicherungsgesellschaft Capitol steht ein großes Jubiläum an: 50 Jahre besteht die Firma, bei der Stromberg und seine Kollegen seit Jahren vor sich hin werkeln. Eine entsprechende Feier ist geplant – doch gleichzeitig gibt es Gerüchte über Rationalisierung und Schließung von Unternehmensteilen, darunter auch die Stromberg’sche Filiale. Dennoch macht sich auch die Abteilung Schadensregulierung frohen Mutes auf den Weg zur Firmenfeier, die bald völlig außer Kontrolle gerät.

Fangen wir vielleicht mit den guten Nachrichten an: „Stromberg – Der Film“ bringt dem geneigten Fan einiges, das er sich erwartet. Der aus der Serie bekannte Cast ist in seinen Rollen natürlich routiniert und man freut sich über das Wiedersehen sowohl mit den Haupt- als auch zahlreichen Nebendarstellern. Ein Kompliment muss man außerdem dem bewährten Duo Ralf Husmann (Drehbuch) und Arne Feldhusen (Regie) aussprechen, denen es einmal mehr gelingt, den Bürowahnsinn zwar überspitzt, aber doch auch wieder unglaublich treffsicher abzubilden. Das schließt die an Peinlichkeiten nicht zu überbietende Betriebsfeier inklusive klischeegeladenem Rahmenprogramm mit ein, wie jeder bestätigen wird, der in einer größeren Firma mal eine Weihnachtsfeier mitgemacht hat. Es gelingt sogar einigermaßen, die pseudo-dokumentarische Perspektive aufrecht zu erhalten – ob das sinnvoll bzw. glaubhaft ist, steht zwar auf einem anderen Blatt, andererseits hätte man diese Frage spätestens nach zwei Staffeln der Serie schon stellen müssen. Von daher kann ich gut damit leben, dass die Capitol trotz aller Erfahrungen mit Stromberg kein Problem damit hat, dass auch bei diesem Jubiläum ein Fernsehteam dabei ist.

Viel mehr uneingeschränkt Gutes kann ich leider nicht berichten. Klar, der eine oder andere große Lacher ist dabei – aber insgesamt ist der Film qualitativ bei weitem kein Vergleich zur Serie. Ein ähnliches Phänomen erlebt man leider immer wieder, beispielsweise bei „Akte X – Der Film“ (1998) oder, um im deutschsprachigen Bereich zu bleiben, den Bullyparade-Filmen „Der Schuh des Manitu“ (2001) und „(T)Raumschiff Surprise – Periode 1“ (2004), die trotz ihres riesigen Erfolgs an den Kinokassen Gag-technisch ebenfalls nicht so richtig zünden konnten. Kurz gesagt: Ich nehme an, der Erfolg von „Stromberg“ liegt auch oder sogar vor allem in der Kürze seiner 45-minütigen Episoden. Der Film dauert 1 ½ Stunden, was man leider nur zu deutlich spürt.

Woran liegt’s nur?

Ich glaube, dass es mehrere Faktoren gibt, die den Film im Vergleich zu seinem Vorbild abstinken lassen. Ich habe weiter oben beispielsweise erwähnt, dass der Cast routiniert ist. Stimmt, man könnte aber auch sagen, dass das Gros der Schauspieler teilweise fast schon lustlos rüberkommt – auch Christoph Maria Herbst selbst, was ich so nicht erwartet hätte. Am aktivsten scheinen mir Oliver Wnuk (Ulf Steinke) und Diana Staehly (Tanja Steinke) zu sein, deren Leistung mir mit Abstand am besten gefällt – wohl auch, weil das die einzigen Figuren sind, bei denen eine Weiterentwicklung stattgefunden hat. Das war schon in der Serie so (wobei dort auch andere Figuren zumindest behutsame Anpassungen erfahren haben) und ist auch hier so, weil die kleine Familie mittlerweile um einen Pflegesohn erweitert wurde. Das passt und sorgt mit für einige wirklich gute Szenen. Es wäre aber unfair, den Darstellern allein die Schuld zu geben – die halten sich ja auch nur ans Drehbuch, auch wenn „Stromberg“ immer sehr improvisiert wirkt (was es übrigens viel weniger ist, als man meinen könnte). Und leider sind die Dialoge einfach nicht gut, will sagen: witzig genug.

Das größte Problem und gleichzeitig wohl DER Grund, wieso der in dieser Rolle eigentlich so famose Christoph Maria Herbst nicht so richtig zu glänzen vermag: Ihm fehlt ein richtiger Gegenspieler aus der Chefetage. Das war in der Serie immer der Fall, die Probleme mit Strombergs Vorgesetzen sind mittlerweile ja fast schon legendär. Im Film macht sich hingegen die Abwesenheit von Lars Gärtner (in der Serie als Timo Becker direkter Vorgesetzter von Stromberg) leider sehr deutlich bemerkbar. Da helfen auch die Rückkehrer Tatjana Alexander (Tatjana Berkel) und Sinan Akkus (Sinan Turculu) nicht viel, auch wenn man sich über das Wiedersehen freut. Schade, denn Strombergs Streitigkeiten mit seinen Chefs waren immer ein immens wichtiger Teil der Serie, das Fehlen eines etablierten Kontrahenten lässt den ganzen Film irgendwie… hmm… halbherzig wirken.

Merkwürdiges Ende.

Viel mehr Erklärung braucht es glaube ich nicht. Gesagt werden kann noch, dass zumindest mir auch das Ende nicht gefallen hat. Im Sinne der Serie und der Entwicklung der Figur Stromberg hätte ich es wesentlich lieber gesehen, wenn er nochmal so richtig auf die Mütze bekommen hat. Klar, es kommt schon dick für ihn, aber so richtig will das Ende mit einem Stromberg, der plötzlich auch außerhalb der Capitol wieder Oberwasser hat, nicht passen. Das allerdings eher am Rande, wenn der Rest ein solches Gag-Feuerwerk wie die Serie gewesen wäre, hätte man über das Finale eventuell hinwegsehen können.

Natürlich ist „Stromberg – Der Film“ kein totaler Ausfall. Aber ich gebe zu, dass ich nach der großartigen Serie wesentlich mehr erwartet hätte. Das hier ist einfach nur durchschnittlich. So leid es mir tut.

Gesamteindruck: 3/7


Originaltitel: Stromberg – Der Film.
Regie: Arne Feldhusen
Drehbuch: Ralf Husmann
Jahr: 2014
Land: Deutschland
Laufzeit: ca. 120 Minuten
Besetzung (Auswahl): Christoph Maria Herbst, Bjarne Mädel, Oliver Wnuk, Diana Staehly, Milena Dreißig, Laurens Walter, Maja Beckmann, Max Kluge



BuchWelt: Die Affenpfote

Rainer Winkel


„Die Affenpfote“ von Rainer Winkel ist ein Buch für junge Leser aus dem Jahr 1987. Für mich sozusagen ein Fehlkauf – wollte ich doch eigentlich die international wesentlich bekanntere, klassische Horror-Kurzgeschichte „Die Affenpfote“ von William Wymark Jacobs, die erstmals 1902 veröffentlicht wurde. Im ersten Moment war die Enttäuschung freilich groß, dann habe ich dieses kurze Erzählung aber doch gelesen. Und auch wenn wir es dabei keineswegs mit einem literarischen Meisterwerk zu tun haben, habe ich sie gar nicht so schlecht gefunden, wie zunächst befürchtet. 

Gesamteindruck: 3/7


Nette Gruselgeschichte.

Der Blick auf untenstehende Inhaltsangabe zeigt es schon: Diese „Affenpfote“ hat bis auf den Namen nichts mit ihrem Namensvetter aus dem Jahre 1902 gemein. Eventuell noch, dass beide Erzählungen in England spielen – was bei einem deutschen Autor in den 1980er Jahren irgendwie merkwürdig erscheint. Apropos Autor: Rainer Winkel, Jahrgang 1943, ist Schulpädagoge und Professor an der Universität der Künste in Berlin. Als solcher hat er natürlich jede Menge wissenschaftliche Veröffentlichungen vorzuweisen, „Die Affenpfote“ war allerdings, soweit ich das seiner Website entnehmen konnte, sein erstes literarisches Werk. Das, und dass das Buch sich eindeutig an ein jüngeres Publikum richtet, sollte man bei der Bewertung bedenken.

Inhalt in Kurzfassung
Irgendwo in England findet ein Junge eine Affenpfote in einer Mülltonne. Er nimmt sie mit und versteckt sie auf dem Schrank in seinem Zimmer – nicht ahnend, dass die Pfote in der anstehenden Vollmondnacht ein Eigenleben entwickeln wird. Doch das ist erst der Beginn eines unheimlichen Abenteuers…

„Die Affenpfote“ ist großteils flüssig geschrieben und locker in ein oder zwei Stunden gelesen. Inhaltlichen Tiefgang sollte man sich freilich nicht erwarten, mir kam das Ganze alles in allem eher wie eine literarische Übung als eine durchdachte Geschichte vor. Es gibt das eine oder andere Highlight, einige unheimlich-düstere Passagen, insgesamt ist aber kaum ein Ansatz richtig ausgearbeitet. Manchmal schien mir während der Lektüre außerdem, dass der Autor sich nicht recht entscheiden konnte, ob er ein Buch für Erwachsene oder für Kinder schreiben wollte. Ein Beispiel: Der junge Protagonist trägt, genau wie seine Eltern, keinen Namen. Das passt hervorragend zum doch recht dunklen Grundton der „Affenpfote“, ist aber gleichzeitig ein Effekt, der sich für mein Gefühl eher für Erwachsenenliteratur eignet. Umgekehrt könnte es natürlich auch sein, dass sich Kinder gerade dadurch angesprochen fühlen – der Held trägt keinen definierten Namen, sie können also problemlos ihren eigenen Namen einsetzen, was zur Identifikation beitragen dürfte. Ich weiß es ehrlich gesagt nicht, kann aber sagen, dass mir auch diese durchaus unkonventionelle Herangehensweise gut gefallen hat.

Davon abgesehen wäre das unheimliche Setting zu erwähnen: Englische Moorlandschaften eignen sich ja seit jeher für Spukgeschichten. An dieser Stelle sei aber auch gesagt, dass der Autor mit seinen Beschreibungen ausgesprochen rudimentär bleibt. So richtig würde sich das Kopfkino wohl nicht in Bewegung setzen, wären da nicht die zahlreichen Illustrationen von Claudia Hardey versehen. Deren Bilder muten teils fast verstörend an, ich könnte mir vorstellen, dass man ein Kinderbuch heute nicht mehr so illustrieren würde. Mir persönlich gefällt es jedoch gut, verleiht es der Geschichte doch einen düsteren Touch. Und: Die Fantasie regen die Holzschnitt-artigen Bilder definitiv an. Bei genauerer Betrachtung ergibt sich überhaupt erst durch die Kombination aus Text und Bild eine einigermaßen faszinierende Geschichte; für sich genommen sind die Beschreibungen von Landschaften, Szenen und Figuren durch Rainer Winkel zu ungenau und vage, um überzeugen zu können.

Alles in allem ist „Die Affenpfote“ für Leser mit gehörig eigener Vorstellungskraft durchaus einen Versuch wert. Zumindest die Atmosphäre stimmt – für die Handlung gibt es von mir allerdings Abzüge, denn so richtig wird nicht klar, was das Ganze eigentlich soll. Ich denke, dass „Die Affenpfote“ sich für eine mündliche Erzählung, für eine kleine Gruselgeschichte am Lagerfeuer, eignet, in ihrer schriftlichen Form wirkt sie auf mich allerdings eher wie ein Manuskript. Oder wie eine Sammlung guter Ideen, die noch ausgearbeitet gehört hätten. Eine passable Wertung von drei Punkten halte ich damit für angemessen.

Gesamteindruck: 3/7


Autor: Rainer Winkel
Originaltitel: Die Affenpfote.
Erstveröffentlichung: 1987
Umfang: ca. 120 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Hardcover

SerienWelt: „Dark“ – Zusammenfassende Bewertung

„Dark“ ist meines Erachtens nicht nur eine der bisher besten Netflix-Eigenproduktionen. Ich bin sogar der Ansicht, dass es sich dabei überhaupt um eine der stärksten Serien handelt, die der Streaming-Anbieter im Angebot hat – und das trotz teils hochklassiger internationaler Konkurrenz. „Dark“ wurde zwischen 2017 und 2020 produziert, es gibt 26 Episoden (Länge zwischen 45 und 70 Minuten) in drei Staffeln. Hier beschreibe ich den Gesamteindruck, den die Serie bei mir hinterlassen hat – Links zu den Einzelbewertungen der drei Staffeln finden sich ganz unten.

Gesamteindruck: 6/7


Zeit ist relativ.

Beginnen wir mit den Fakten: „Dark“ ist die erste deutschsprachige Serien-Produktion von Netflix. Das bedeutet u. a., dass die Serie in Deutschland spielt (Handlungsort ist die fiktive Kleinstadt Winden) und mit deutschen Schauspielern besetzt ist. Warum man dennoch auch hierzulande den englischen Serientitel verwendet, entzieht sich meiner Kenntnis – ich nehme aber an, dass man auf diese Art und Weise auch in deutschsprachigen Ländern leichter das Interesse des Publikums wecken kann. Verantwortlich für die Serie zeichneten Regisseur/Drehbuchautor Baran bo Odar und Produzentin/Drehbuchautorin Jantje Friese, die auch privat ein Paar sind und deren bekanntestes Werk neben „Dark“ wohl der Thriller „Who Am I – Kein System ist sicher“ sein dürfte. An Auszeichnungen konnte „Dark“ den Grimme-Preis sowie einen Preis der Deutschen Akademie für Fernsehen einheimsen, bei der Goldenen Kamera reichte es hingegen „nur“ für drei Nominierungen.

Nun könnte natürlich sein, dass die genannten Fakten eher abschrecken, als zum Ansehen von „Dark“ motivieren, genießen doch deutsche Serien oft einen recht zweifelhaften Ruf. In vorliegendem Fall ist die Angst vor einem neuen „Tatort“ oder gar einer Netflix-Variante der „Lindenstraße“ allerdings unbegründet. Ja, einiges in „Dark“ geht tatsächlich ein wenig in diese Richtung, vor allem in Teilen der Dialoge wähnt man sich ab und an im biederen Hauptabend des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Glücklicherweise sind solche Szenen aber die Ausnahme und werden durch über weite Strecken hochspannende und stark gemachte Sequenzen in den Hintergrund gedrängt.

Denn „Dark“ ist über drei Staffeln hinweg das, was „Tatort“ an guten Tagen und in einzelnen Folgen hinbekommen mag: sehr düster, stark inszeniert und mit einer Ausstattung auf internationalem Niveau versehen. Tatsächlich merkt man nur an der fehlenden Synchronisation und an Offensichtlichem (deutsche Polizeiuniformen usw.), dass „Dark“ keine internationale Produktion ist. Wer hier also nur nicht reinschauen will, weil „deutsch“ drauf steht, ist selbst schuld.

Humor? Fehlanzeige!

Die Handlung von „Dark“ ähnelt einschlägigen Zeitreise-Stories – vor allem an „Zurück in die Zukunft“ musste ich recht häufig denken; dazu kommen Mystery-Elemente, die Erinnerungen an Serien wie „Lost“, vor allem aber „Twin Peaks“ wecken. Die Inszenierung von „Dark“ ist, dem Titel entsprechend, extrem düster ausgefallen. Das reicht vom Dauerregen (fast schon Film noir-mäßig) über die stets bedrohliche Atmosphäre bis hin zur völligen Humorlosigkeit der Serie. Letzteres ist durchaus wörtlich zu nehmen – in keiner einzigen (!) Szene gibt es für den Zuseher etwas zu Lachen. Übrigens auch für die Serien-Charaktere nicht, ich kann mich nicht erinnern, jemals so wenig lächelnde Gesichter in einer solchen Produktion gesehen zu haben. Aber auch abgesehen davon ist „Dark“ nichts für zart besaitete Gemüter: Gewalt gegen Männer, aber auch gegen Frauen und Kinder (!) wird immer wieder gnadenlos realistisch und gerne auch in Großaufnahme dargestellt. Dass es keine Figur gibt, die sich so richtig zum Sympathieträger eignet (praktisch jeder hat seine brutalen Geheimnisse), setzt der Trostlosigkeit die Krone auf. Zusammengenommen sorgt das alles für eine durchgehend bedrückende Stimmung, die so stark komponiert wurde, dass sie den Zuseher mehr und mehr in ihren Bann zieht. Vielleicht auch gegen seinen eigenen Willen, wer aber eine Ader für solch dunkle Geschichten hat, kann sich bald nicht mehr losreißen.

Doch zurück zur Story: „Dark“ setzt auf sehr komplex miteinander verschränkte Elemente. Im Wesentlichen entspinnt sich die Handlung um vier Familien in Winden, deren Mitglieder in unterschiedlichen Zeiten auf verschiedene Weise verbunden sind. Was anfangs, d. h. in den ersten Folgen von Staffel 1, noch einigermaßen überschaubar wirkt, wird relativ schnell zu einem sich immer wieder an verschiedenen Stellen überschneidenden Geflecht aus Beziehungen und Verwandtschaften, in dem man schnell den Überblick verlieren kann. Das geht soweit, dass eine Figur irgendwann erkennen muss, dass ihre Tochter gleichzeitig ihre Mutter ist. Oder dass Ereignisse, die Zeitreisende in der Vergangenheit ändern, mal mehr, mal weniger Einfluss auf die Zukunft haben. Paradox? Ja, aber das sind Zeitreise-Geschichten ohnehin immer, in „Dark“ wird es eben konsequent auf die Spitze getrieben. Hilfreich wären theoretisch „Stammbäume“ und „Zeitreise-Tafeln“, die man im Netz findet – u. a. auch auf Wikipedia. Allerdings sollte man sich gut überlegen, ob und wann man sich diese Interpretationshilfen ansieht, denn sie enthalten naturgemäß große Spoiler.

Komplex aber nicht schwerfällig.

Interessant ist, dass „Dark“ speziell in den Staffeln 1 und 2 trotz dieser auf den ersten Blick sehr verworrenen Geschichte keineswegs anstrengend ist (immer vorausgesetzt, man kann grundsätzlich mit solchen Stories etwas anfangen). Im Gegenteil, alles wird anschaulich, um nicht zu sagen „locker-flockig“, erklärt, was trotz aller Komplexität den Effekt hat, dass man unbedingt noch eine Folge und dann noch eine sehen möchte – Binge Watching at its best. Erst in Staffel 3 wird die Serie wirklich herausfordernd und verliert viel von ihrer bis dahin gewohnten Leichtigkeit. Dafür sind meines Erachtens zwei Gründe verantwortlich: Das zusätzliche Element paralleler Welten fügt ein Scherflein Komplexität zuviel hinzu, hier ist es dann plötzlich nicht mehr mit ein bisschen Nachdenken getan, sondern man muss schon richtig konzentriert bei der Sache sein, um noch folgen zu können. Zweitens ist Staffel 3 hoch philosophisch, heißt, hier wird von Beginn an mehr erklärt und geredet, als in den vorherigen Staffeln. Und das auf eine Art und Weise, die leider ziemlich einschläfernd ist. Wer das übersteht, bekommt aber zum Schluss eine relativ befriedigende Auflösung, sodass die Handlung von „Dark“ über alle Staffeln das Attribut „sehr gut“ verdient. An dieser Stelle muss man auch nochmals die Showrunner loben: Die scheinen sich tatsächlich von Beginn an akribisch Gedanken über jeden Strang der Handlung bzw. dessen Auflösung gemacht zu haben. Logiklöcher gibt es vielleicht ein oder zwei, aber insgesamt passen die vielen, vielen Puzzleteile erstaunlich gut zusammen.

Eine positive Anmerkung möchte ich abschließend in Richtung der Schauspieler loswerden. Oben habe ich ja schon geschrieben, dass manche Dialoge nicht gerade das Gelbe vom Ei sind. Stimmt, das ist mitunter sogar ein Grund, wieso man trotz aller Ernsthaftigkeit von „Dark“ unbeabsichtigt Schmunzeln muss. Manche „Weisheiten“ scheinen die Showrunner tatsächlich direkt dem Leitspruch-Kalender entnommen zu haben. Abseits davon finde ich die Darbietung der Mimen jedoch aller Ehren wert. Klar, es gibt die eine oder andere Schwäche, die hat, abgesehen vom hie und da aufblitzenden Overacting, meist aber eher mit dem Drehbuch als mit den Schauspielern selbst zu tun. Denn die agieren über weite Strecken schon glaubwürdig, wie ich finde.

Fazit: Eine komplexe, über weite Strecken aber dennoch nicht überfordernde Handlung, eine sehr gute Ausstattung, eine starke Inszenierung und großteils glaubwürdige und gut agierende Schauspieler machen die erste Netflix-Serien-Produktion aus Deutschland definitiv zu einem Highlight des Streaming-Dienstes. Wer auch nur ansatzweise etwas mit dieser im wahrsten Sinne des Wortes düsteren Geschichte anfangen kann, sollte unbedingt einen Blick riskieren!

Einzelwertungen:

Gesamteindruck: 6/7


Originaltitel: Dark
Idee: Jantje Friese, Baran bo Odar
Land: Deutschland
Jahr: 2017-2020
Episoden: 26 in 3 Staffeln
Länge: ca. 45-70 Minuten
Gesehen auf: Netflix
Haupt-Besetzung: u.a. Louis Hofmann, Lisa Vicari, Dietrich Hollinderbäumer, Barbara Nüsse, Maja Schöne, Moritz Jahn, Oliver Masucci, Walter Kreye, Carlotta von Falkenhayn, Arndt Klawitter