FilmWelt: Black 47

Interessant, was im englischsprachigen Wikipedia-Eintrag zu „Black 47“ zu lesen ist: In einem Interview erklärte Regisseur Lance Daly, dass mit diesem Werk der erste Langfilm vorläge, der die Große Hungersnot (1845-1849) thematisiert. Kaum zu glauben, dass das 2018 tatsächlich erstmals der Fall war, ist diese verhältnismäßig kurze Periode doch eines der einschneidendsten Kapitel irischer Geschichte.

Gesamteindruck: 2/7


Hunger, Kälte – und Rache!

Die Große Hungersnot kostete rund eine Million Iren das Leben, weitere zwei Millionen verließen das Land, großteils Richtung Amerika. Verschärft wurde die durch die Kartoffelfäule ausgelöste Nahrungsmittelknappheit durch die englische Politik (Irland war damals Teil von Großbritannien), die tatenlos zusah und die Katastrophe teilweise sogar noch verschlimmerte. Es mag abgesehen von vorliegendem Werk bis dato kaum oder gar keine Filme zu dieser schrecklichen Episode geben, andere kulturelle Beiträge existieren aber sehr wohl (Anmerkung: mein liebster und einer der eindringlichsten ist der Song „The Coffin Ships“ von Primordial). Dass Lance Daly 2018 versucht hat, dieses auch für die englisch-irischen Beziehungen höchst sensible Thema filmisch umzusetzen, ist grundsätzlich eine lobenswerte Idee. Allein: die Ausführung ist weniger gelungen, als man sich erhofft hätte.

Worum geht’s?
Feeney, einer von vielen Iren, die in der englischen Armee gekämpft haben, kehrt als Deserteur in seine Heimat zurück. Er findet ein bitterarmes und völlig zugrunde gerichtetes Land vor, seine Mutter und sein Bruder sind tot. Als er auch noch zusehen muss, wie seine Schwägerin und deren Kinder aus ihrem Haus vertrieben werden und er sie später erfroren vorfindet, schwört er Rache an allen Beteiligten. Um ihn aufzuhalten, setzen die englischen Ermittler Feeneys ehemaligen Kameraden Hannah auf ihn an. Eine Verfolgungsjagd durch ein von Hunger und Armut schwer gezeichnetes Irland beginnt…

Wer sich „Black 47“ mit falschen Erwartungen ansieht, wird wohl enttäuscht sein: Im Gegensatz zu dem Eindruck, den die offizielle Inhaltsangabe und auch der Einstieg in den Streifen erwecken, handelt der Film im Endeffekt nicht von der Großen Hungersnot. Dieses Ereignis, seine dramatischen Folgen für die betroffenen Menschen, aber auch die Gründe für die Ressentiments zwischen Iren und Engländern, sind letzten Endes nicht mehr als der Aufhänger für eine relativ simple und geradlinige Rache-Geschichte. „Black 47“ eignet sich daher nur bedingt als Anschauungsmaterial für eine Geschichtsstunde. Genau genommen thematisiert sogar ein Blockbuster wie „Braveheart“ (1995) bei all seinen Schwächen die politischen Feinheiten zwischen England und – in jenem Fall – Schottland besser, als es „Black 47“ vermag.

Regisseur Lance Daly hat das Thema für mein Dafürhalten klar verfehlt, wenn es denn wirklich wie eingangs angedeutet, seine Intention war, einen Film über die Hungersnot zu machen. Leider muss man gleichzeitig konstatieren, dass „Black 47“ auch als das Rache-Epos, das der Film letztlich ist, nicht überzeugt. Zunächst: Die Geschichte, die uns der Regisseur hier erzählen möchte, erinnert an einen Standard-Western. Ein Schurke, der das Herz am rechten Fleck hat und dem selbst großes Unrecht widerfahren ist, zieht aus, um sich an seinen Peinigern zu rächen. Vor allem im Western-Genre ist das ein gern genommenes Motiv; daran erinnert auch das Setting mit vielen Reitszenen, sich sichtlich unwohl fühlenden englischen Soldaten, harten und bauernschlauen Einheimischen und die gelegentliche Schießerei mit Musketen und Pistolen.

Schwerfällige Story.

All das ist nun kein grundsätzliches Problem – ansonsten wären Filme wie z. B. „Rambo“ (1982) nicht so erfolgreich. Das Problem ist das Storytelling, das meines Erachtens relativ schwerfällig ist. Richtige Spannung kommt kaum auf – und das Drama lässt auch zu wünschen übrig, was an den wortkargen und wenig sympathischen Charakteren liegt. Die sind überhaupt ein echter Minuspunkt, weil sie keinerlei Identifikationsfläche bieten. Das liegt nicht unbedingt an den Schauspielern, wobei ich abgesehen vom eigentlich sehr guten Hugo Weaving nicht zu beurteilen wage, wie gut oder schlecht der Cast in anderen Filmen spielt. Bezeichnend übrigens, dass die Hauptrollen nicht mit irischen, sondern mit australischen Mimen besetzt sind, aber das nur am Rande.

Und so schleppt sich „Black 47“ von Szene zu Szene. Enthält der Film Motive, die außerhalb der Standard-Story um den missverstandenen Rächer liegen, habe ich diese nicht entdeckt oder verstanden. Das gilt auch und vor allem für den Twist gegen Ende, der für mich nach dem bis dahin erfolgten Aufbau nicht ganz überraschend war – und doch an Glaubwürdigkeit vermissen ließ.

Einen positiven Aspekt möchte ich aber zum Schluss dennoch anbringen: „Black 47“ ist ausgezeichnet fotografiert. So unwirtlich – und gleichzeitig wieder schön – hat man Irland selten gesehen. Die Landschaften, speziell aber die düstere Atmosphäre, passen hervorragend zur Zeit und zum Thema des Films. Die nasse Kälte – sie ist stellenweise auch daheim auf der gemütlichen Couch beinahe schmerzhaft zu spüren. Das allein reicht aber bei weitem nicht für eine gute Wertung – zu groß ist meine Enttäuschung, was der Regisseur aus diesem filmisch unverbrauchten und historisch hochinteressanten Kapitel der irischen Geschichte gemacht hat.

Gesamteindruck: 2/7


Originaltitel: Black ’47.
Regie:
Lance Daly
Drehbuch: Lance Daly, P.J. Dillon, Pierce Ryan
Jahr: 2018
Land: Irland, Luxemburg
Laufzeit: ca. 100 Minuten
Besetzung (Auswahl): Hugo Weaving, James Frecheville, Stephen Rea, Freddie Fox, Moe Dunford, Sarah Greene



FilmWelt: The Green Knight

Die Sage von König Artus und seinen Rittern der Tafelrunde ist eine alte Geschichte, die längst ihren Fixplatz im kollektiven Gedächtnis der westlichen Welt hat. Sir Gawain, ein Neffe von Artus, soll, so die Sage, einer jener Ritter gewesen sein. Von ihm handelt vorliegender Film von David Lowery, der Ende Juli 2021 in die Kinos gekommen ist.

Gesamteindruck: 7/7


Das etwas andere Helden-Epos.

Ich habe mir „The Green Knight“ in einem kleinen Lichtspielhaus hier in Wien in der englischen Originalfassung angesehen. Letzteres kann ich jedem Interessenten mit einigermaßen soliden Sprachkenntnissen empfehlen; es ist ein Genuss, die Protagonisten sprechen zu hören – etwas, das keine noch so gute Synchronisation erreichen kann. Das aber nur am Rande – hier soll es nun darum gehen, ob „The Green Knight“ generell eine Sichtung wert ist.

Worum geht’s?
Gawain ist das Gegenteil eines tugendhaften Ritters: Der junge Neffe von König Artus treibt sich abends im Bordell herum, wo er häufig auch völlig verkatert zu sich kommt. Das ändert sich an einem Weihnachtsabend: Ein Grüner Ritter, der mehr an einen Baum als an einen Menschen erinnert, reitet in den Thronsaal, in dem die Ritter der Tafelrunde den Heiligen Abend feiern. Er stellt den Männern eine Aufgabe, die es einem von ihnen ermöglicht, Mut zu beweisen und Ehre zu erlangen – die Chance für Gawain, endlich zu einem angesehenen Ritter zu werden. Doch die Sache hat einen Haken, denn genau ein Jahr später muss es der Wagemutige erneut mit dem Grünen Ritter aufnehmen…

Die Geschichte, die der mir bis dato unbekannte Regisseur David Lowery in „The Green Knight“ erzählt, orientiert sich grob an der klassischen Ritterromanze „Sir Gawain and the Green Knight“, die vermutlich aus dem 14. Jahrhundert stammt. Harter und heute kaum noch lesbarer Stoff also – ich kann aber zumindest in einer Hinsicht Entwarnung geben: Im Gegensatz zur 2015er-Verfilmung des Shakespeare-Klassikers „Macbeth“ sprechen die Charaktere in vorliegendem Film modernes Englisch; ein paar „thees“ und „thous“ sowie gelegentlich ein paar altertümlich anmutende Sätze sind zwar vorhanden; die wirken aber eher wie in modernen Fantasy-Romanen und sollten damit kein großes Problem darstellen.

Ist das Kunst? Ja, ist es!

Locker-flockige Unterhaltung ist „The Green Knight“ trotz dieser Zugeständnisse an aktuelle Sehgewohnheiten allerdings nicht. Im Gegenteil – dieser Film erfüllt meines Erachtens nur die Minimalerfordernisse für einen kommerziellen Erfolg, der Rest ist, so kitschig das auch klingen mag, Kunst. Besonders interessant: „The Green Knight“ fühlt sich sehr authentisch Werk an – dafür sorgen die Komposition aus Bild, Ton und hervorragender Ausstattung. Die Geschichte selbst wurde im Vergleich zur Urfassung zwar verändert, die Anpassungen wurden für mein Dafürhalten aber recht behutsam durchgeführt. Zusammengefasst heißt das: Dieser Film vermittelt einerseits den Eindruck, eine Geschichte zu erzählen, wie sie sich ein Literat des Mittelalters ausgedacht haben könnte und untermalt das andererseits mit einer nahezu perfekt passenden Bildsprache – ohne verstaubt zu wirken, wohlgemerkt.

Ähnliches gilt für die Charaktere, wobei man hier sagen muss, dass ein Ritter, wie ihn Dev Patel hier spielt, für die alten Minnesänger kaum erzähl- und besingbar gewesen sein dürfte. Will sagen: In der Realität wird es sicher solche Ritter gegeben haben, allerdings wären ihre Verfehlungen nie in diesem Ausmaß in ein Heldenepos aufgenommen worden. Was dem Historiker die Haare zu Berge stehen lässt, freut dafür den Kritiker: David Lowerys Gawain ist ein Held wider Willen. Der Tunichtgut kommt eher zufällig zum Handkuss, findet zwar schließlich doch noch seinen Mut, zieht aber zu keinem Zeitpunkt voller Vorfreude aus, um seine Aufgabe zu erfüllen. Diese Art von Charakter passt einfach hervorragend in die heutige Zeit und ist bestens zur Identifikation geeignet. Noch dazu spielt Dev Patel den jungen Ritter ausgesprochen glaubwürdig und sympathisch.

Weg und Ziel.

In Hinblick auf die Handlung ist der Weg das Ziel. Und das im wahrsten Sinne des Wortes, begleiten wir doch den Gutteil des Films den Helden auf der Suche nach seiner Bestimmung. Die Aufnahmen, mittels derer das geschieht, beeindrucken zu jeder Zeit – und das teilweise auf sehr spezielle Art: Dem Regisseur gelingt es, den Zuseher direkt in die Rolle des mittelalterlichen Menschen zu versetzen. Gawain zieht durch das Land, er sieht dabei die Armut und die Finsternis seiner Zeit – und er sieht Wunder, die den Menschen damals unerklärlich gewesen sein müssen, er sieht Riesen durch die Lande ziehen und hört einen Fuchs sprechen.

Wer diese Dinge als simple Fantasy abtun möchte, kann das gerne machen; ich selbst hatte, dank der mächtigen Bildsprache, unterstützt vom nicht minder beeindruckenden Ton, stets einen anderen Eindruck: Genau so, wie es im Film dargestellt hat, könnten es die Menschen jener Zeit gesehen haben. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie ich es erklären soll – es hat mich jedenfalls nachhaltig beeindruckt, so viel ist sicher.

Unterm Strich ist „The Green Knight“ definitiv ein Film, der fordert. Zwar gibt es den einen oder anderen kurzweiligen Kampf, den Großteil der über zweistündigen Laufzeit machen allerdings genüsslich ausgebreitete Bilder und einige längere Dialoge aus. Wenn man es schafft, sich darauf einzulassen, sieht man hier einen der innovativsten, mutigsten – und hypnotischsten – Filme der vergangenen Jahre. Ein Meisterwerk also? Ich sage: Ja, auch wenn der Regisseur es hier und da mit seinen Kamerafahrten übertreibt und die Geduld des Zuschauers auf eine härtere Probe stellt, als notwendig gewesen wäre. Davon abgesehen wüsste ich aber nicht, was ich an „The Green Knight“ aussetzen sollte, daher: Volle Punktzahl und die klare Empfehlung, sich dieses Spektakel mit Zwischentönen keinesfalls entgehen zu lassen.

Gesamteindruck: 7/7


Originaltitel: The Green Knight.
Regie:
David Lowery
Drehbuch: David Lowery
Jahr: 2021
Land: USA, Irland
Laufzeit: ca. 130 Minuten
Besetzung (Auswahl): Dev Patel, Alicia Vikander, Joel Edgerton, Sean Harris, Kate Dickie, Ralph Ineson



FilmWelt: The Maus

Man fragt sich unwillkürlich, wie ein spanischer Regisseur auf die Idee kommt, ausgerechnet zum Bosnienkrieg (1992 bis 1995) einen Film zu drehen. Die genauen Beweggründe von Gerardo Herrero Pereda kenne ich zwar nicht, nach einem Blick in seine Biografie vermute ich allerdings, dass es ihm ähnlich geht, wie mir: Dieser Krieg war das erste derartige Ereignis, das ich sozusagen „live“, also vor dem Fernseher, erlebt habe. Mich hat das damals schwer beeindruckt – und ich nehme an, dass es auch bei „Yayo Herrero“, wie er genannt wird, so gewesen ist.

Gesamteindruck: 3/7


Eine offene Wunde.

Wie Yayo Herrero bin auch ich im Jahr 1979 geboren. Ganz dunkel kann ich mich noch an TV-Bilder aus dem Zweiten Golfkrieg (1990/91) erinnern (vor allem die brennenden Ölquellen sind nach wie vor in meinem Gedächtnis präsent); wesentlich deutlicher habe ich aber die Berichterstattung zum Krieg in Bosnien und Herzegowina vor Augen. Nicht nur, weil ich damals etwas älter war und damit auch besser verstand, worum es beim jenem Konflikt ging, sondern auch und vor allem, weil in unserer Nachbarschaft plötzlich neue Spielkameraden, in diesem Fall Kinder von kroatischen Flüchtlingen, auftauchten. Für uns wurden sie schnell zu Freunden, bei manchen war aber immer ein Schatten schrecklicher Erlebnisse zu spüren, worüber wir in jenem Alter aber nie wirklich gesprochen haben. Ein vielleicht ganz ähnliches Trauma greift Yayo Herrero in „The Maus“ auf.

Worum geht’s?
Irgendwo in einem bosnischen Wald nahe der Stadt Srebrenica bleibt das Liebespaar Selma (genannt „Maus“) und Alex mit einer Autopanne liegen. Die Bosnierin Selma beschleicht schnell ein unbehagliches Gefühl, während Alex, der aus Deutschland kommt, die Sache eher locker sieht. Zu Unrecht – denn dass der Wald im ehemaligen Kampfgebiet liegt und vermint ist, ist bei weitem nicht die einzige Bedrohung…

Vorab: Es ist wohl ausgesprochen hilfreich, wenn man zumindest ungefähr über den Bosnienkrieg informiert ist, bevor man sich „The Maus“ ansieht. Theoretisch funktioniert der Film zwar auch ohne entsprechendes Wissen; weil seine Qualität aber untrennbar mit seiner Metaphorik verbunden ist, wird man ihn kaum verstehen oder gar gut finden, wenn man nichts über jenen Konflikt weiß. Will sagen: Für sich genommen ist „The Maus“ ein unterdurchschnittlicher Horrorfilm, der ähnlich wie zig andere Streifen funktioniert, in denen junge Menschen sich in einer bedrohlichen Umgebung verirren und dort auf finstere Fremde treffen. Nach dieser Lesart ist „The Maus“ übrigens – so viel sei vorweg genommen – viel zu langatmig und verwirrend, bietet außerdem zu wenig Action und lässt auch die plakative Gewalt, die man am gemeinen Teenie-Slasher schätzen würde, vermissen.

Der Eingeweihte sieht den Film hingegen so: Ein verminter Wald wird zum Schauplatz des Krieges im Kleinen. Die Todfeinde Bosnien und Serbien sind ebenso mit Charakteren vertreten wie der Westen. Ich würde nun nicht behaupten, dass „The Maus“ extrem viel Tiefgang hat, aber ein paar interessante Gedanken scheint sich der Regisseur schon gemacht zu haben: Die Serben sind gegenüber ihrem bosnischen Opfer brutal und rücksichtslos, sie schrecken weder vor Schlägen noch vor Vergewaltigung zurück. Bosnien, repräsentiert durch Selma, hat dem anfangs nichts entgegenzusetzen, kann sich schließlich aber doch wehren und Rache nehmen. Und die westlichen Mächte, personifiziert durch einen jungen Mann aus Deutschland? Er findet es einerseits nicht der Mühe wert, die Sprache seiner bosnischen Freundin zu lernen, was dem gegenseitigen Verständnis sehr abträglich ist. Dass Bosnier und Serben sich miteinander verständigen können, irritiert ihn hingegen ungemein. Ansonsten beschränkt Alex sich darauf, wahlweise nicht auf die Warnungen und Hinweise seiner Freundin zu reagieren – oder auf eine völlig untaugliche Weise einzugreifen. Er ist alles, nur nicht konsequent; wie Westeuropa im Bosnienkrieg scheint auch er ein Anecken um jeden Preis verhindern zu wollen, bis es zu spät ist. Anmerkung am Rande: „The Maus“ war zum Zeitpunkt dieser Rezension nicht synchronisiert verfügbar, sondern nur „OmU“. Und so sollte man sich den Film auch ansehen: Alex spricht mit seiner Freundin und den Serben englisch, flucht dazwischen mal auf Deutsch; Bosnierin und Serben verständigen sich hingegen auf Serbokroatisch (bzw. Serbisch, man verzeihe mir, dass ich den Unterschied nicht erkenne). Aus dieser Situation ergibt sich ein Teil der Atmosphäre von „The Maus“, der durch eine einheitliche Synchronisation vollkommen verloren gehen würde (ähnlich wie beispielsweise bei „Inglorious Basterds“ geschehen).

Das alles klingt, wenn man es so liest, nach einer hervorragenden Inszenierung und einem starken Charakterfilm, der von ungewöhnlicher Symbolik geprägt ist. Stimmt, zumindest gelegentlich. Insgesamt ist „The Maus“ aber leider bei weitem nicht so gelungen, wie diese Zutaten vermuten lassen. Es ist zwar richtig, dass die Charaktere und die Art und Weise, wie der Regisseur versucht, über sie den Krieg nachzuerzählen, eine wunderbare Idee sind. Inhaltlich hätte dafür aber ein deutlich kürzerer Film genügt. „The Maus“ dauert hingegen 1 ½ Stunden, was an sich eine übliche Länge, in diesem Fall aber zu viel des Guten ist.

Dünne Handlung macht viel zunichte.

Woran liegt’s? Einerseits ist es die Handlung selbst, die im Endeffekt so dünn ist, dass der Film so wirkt, als hätte man ihn über verschiedene Kniffe strecken müssen. Dafür kommen beispielsweise immer wieder Einstellungen zum Einsatz, in denen sich die Kamera frei um einen Protagonisten dreht oder in denen das Bild sekundenlang komplett schwarz wird. Klar, so etwas kann im künstlerischen Sinne schon mal angebracht sein, hier übertreibt es der Regisseur aber, wodurch das Gefühl entsteht, ihm wären die Ideen ausgegangen und er hätte sich über die Länge schwindeln wollen.

Andererseits ist da die Kameraarbeit, die ich zwar nicht per se verdammen würde, die aber ebenfalls darunter zu leiden scheint, dass „The Maus“ auf abendfüllende länge gebracht werden musste. Hier ist das Problem, dass die Kamera über weite Strecken des Films sehr nahe an den Protagonisten ist. Auch das kann künstlerisch wertvoll sein – wenn es denn richtig eingesetzt wird. In „The Maus“ fühlt man sich dadurch nach gewisser Zeit ziemlich unwohl, der Bildausschnitt scheint ständig viel zu klein zu sein. Noch dazu folgen wir mit der Kamera übermäßig oft den Protagonisten, von denen dann nur Rücken und Hinterkopf zu sehen sind. Auch diese Kamerafahrten sind für mein Gefühl viel zu lang, speziell im Finale wird es dann sogar zur Qual. Apropos: Ich habe das Ende nicht so richtig verstanden, aber das nur als Anmerkung am Rande.

(K)Ein Beitrag zur Völkerverständigung?

Die wichtigsten Gründe, warum „The Maus“ leider nicht so toll ist, wie man im ersten Moment vermuten könnte, habe ich oben genannt. Einen möchte ich abschließend anführen, auch wenn er nicht so viel mit der Qualität des Films an sich zu tun hat: „The Maus“ ist – aus meiner eingeschränkten, westlichen Sicht – kein Beitrag, der sich zur Völkerverständigung eignen dürfte. Dass Bosnien gegen Ende Rache statt Gerechtigkeit an Serbien nimmt, hat sich für mich nach Makulatur angefühlt, wie ein später Versuch, auch die bis dahin bösen Serben doch noch menschlich erscheinen zu lassen. Aber das ist nur die Meinung eines Außenstehenden (der Regisseur ist ja meines Wissens auch einer). Wie Bosnier und Serben, speziell solche, die den Krieg miterlebt haben, diesen Aspekt von „The Maus“ einschätzen, wäre jedenfalls eine interessante Frage.

Fazit: Mit „The Maus“ ist Yayo Herrero ein interessant konzipierter und optisch durchaus gut gemachter Film gelungen (unnützes Wissen: in Bosnien wurde keine einzige Minute des Films gedreht). Leider zeigt sich mindestens genauso deutlich, dass ihm die Ideen gefehlt haben, 90 Minuten befriedigend zu gestalten. Dass er sich an ein so schwieriges Thema herangewagt hat, ist zwar aller Ehren wert; die Wunden, die dieser schreckliche Konflikt vor rund 30 Jahren geschlagen hat, sind ja nach wie vor nicht richtig verheilt. Leider habe ich nicht das Gefühl, dass der Regisseur es mit seinem Werk schafft, die wohl immer noch notwendige Aussöhnung zu unterstützen (wenn das auf diesem Wege überhaupt möglich sein sollte).

Gesamteindruck: 3/7


Originaltitel: The Maus.
Regie:
Yayo Herrero
Drehbuch: Yayo Herrero, Nadja Dumouchel
Jahr: 2017
Land: Spanien
Laufzeit: ca. 90 Minuten
Besetzung (Auswahl): Alma Terzic, August Wittgenstein, Aleksandar Seksan, Sanin Milavic, Ella Jazz



FilmWelt: Stille Wåsser

Infos zu diesem Film, der 2017 Premiere feierte, sind dünn gesät. Es handelt sich beim vom oberösterreichischen Kollektiv „Wunderkreis“ produzierten „Stille Wåsser“ um einen Independent-Streifen – und das ist durchaus wörtlich zu nehmen: Kein Schauspieler oder Angehöriger der Filmcrew dürfte einem breiteren Publikum ein Begriff sein. Über weite Strecken tut das der Professionalität allerdings keinen Abbruch.

Gesamteindruck: 4/7


Im tiefsten Oberösterreich.

Über die Geschichte, die der Film erzählt, kann man nichts Negatives sagen, wobei ich auch nicht verhehlen möchte, dass „Stille Wåsser“ das Rad nicht gerade neu erfindet und kaum Überraschungen bietet. Die Kombinationsgabe des geneigten Krimi- und Thriller-Freundes wird also nicht sonderlich herausgefordert, so ehrlich muss man schon sein. Wie so oft ist aber eher der Weg das Ziel – und hier kann das Werk des „Wunderkreis“-Teams sehr wohl punkten.

Worum geht’s?
Als einer der besten Freunde von Flo Selbstmord begeht, gerät auch dessen Leben aus den Fugen. Er gibt sich eine Mitschuld am Suizid, weil – davon ist er überzeugt – der Konzern, für den er arbeitet, den Freund in den Tod getrieben hat. Bald beginnt Flo auf eigene Faust mit Ermittlungen, mit dem Ziel, seinem Chef strafbare Handlungen nachzuweisen…

Auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob „Stille Wåsser“ tatsächlich ins Krimi-Genre passt oder doch eher ein Drama ist, ist der Film doch ein wenig mit den üblichen, abendfüllenden Krimis vergleichbar: Ein vermeintlicher Selbstmord, der Freund, der nicht an den Suizid glaubt, die Polizei, die nicht wirklich hilfreich ist – und dann noch der große, unsympathische und skrupellose Konzern, mit dem man sich besser nicht anlegt. Im Unterschied zu „Tatort“ & Co ist „Stille Wåsser“ aber, wie erwähnt, keine professionelle Produktion. Dass der Film überhaupt finanziert werden konnte, ist, wie bei solchen Projekten üblich, einer Reihe von Sponsoren zu verdanken.

Mit einer ordentlichen Portion Lokalkolorit geht es nach einer kurzen Einführung der Charaktere durch die großteils eher ruhigen Szenen. Seine Spannung bezieht der Film vorwiegend aus der Figuren-Konstellation: Der einfache Angestellte, auch privat ein Typ wie du und ich, versucht dem mächtigen Konzern auf die Schliche zu kommen. Dabei stellt er sich zum Teil etwas unbeholfen an – und ist stets in Gefahr, aufzufliegen. Dieses Szenario macht den Reiz des Films aus; letztlich aber vor allem auch in Kombination mit einem klaren Gut-Böse-Schema, wie man es heute nur noch selten findet. Hier ist es relativ leicht, zum vollkommen durchschnittlichen Anti-Helden zu halten und zu hoffen, dass er seinem skrupellosen Chef etwas anhängen kann – das muss man allerdings mögen, ich selbst empfand es als durchaus angenehme Abwechslung.

Technisch ist „Stille Wåsser“ gut gemacht. Der Ton ist sehr stark, speziell die musikalische Untermalung sorgt für eine eigene, doch recht düstere Atmosphäre. Eventuell könnten Zuschauer, die aus nördlichen Gefilden stammen, Probleme mit dem Dialekt haben, der im Film durchgehend gesprochen wird – der aber gleichzeitig auch einen großen Teil seines Charmes ausmacht (im Übrigen sind Untertitel zuschaltbar). Noch mehr Lob als der Ton verdient meines Erachtens aber die professionell anmutende Kameraarbeit, die sehr stimmungsvolle Bilder einfängt. Ab und an haben sich zwar ein paar verwackelte Aufnahmen eingeschlichen, Beinbruch ist das aber keiner (wenn das übrigens ein Stilmittel sein soll, empfinde ich es als unpassend).

Detailliert, aber mit Längen.

Ich glaube, ich habe es immer mal wieder erwähnt: Es scheint im österreichischen Film typisch zu sein, dass er sehr viele Details zeigt. Und die sind in der Regel nicht schön und makellos, sondern so, wie sie sich wirklich darstellen. So wirkt beispielsweise ein abgewohnter Wohnwagen genau, wie man ihn sich vorstellt – und nicht wie neu oder wie extra für den Film auf alt hergerichtet. Dass das auch in „Stille Wåsser“ dieser Tradition, so es überhaupt eine ist, treu bleibt, ist allein schon ein Grund für einen Sympathiepunkt.

Ein wenig Kritik muss ich nach so viel netten Worten aber doch loswerden: Zunächst weißt der Film durchaus Längen auf, ich würde fast behaupten, dass er alles in allem hätte 20 Minuten kürzer sein dürfen. Wirklich auszusetzen habe ich im Endeffekt aber nur zwei Dinge: Die Dialoge per se sind gut, allerdings scheinen die Darsteller zu sehr mit der Theaterbühne verhaftet zu sein. Jedenfalls bilde ich mir ein, dass Gestik, Mimik und auch Sprache in manchen Szenen eher dorthin als in einen Film gepasst hätten, daher ein wenig befremdlich wirken. Hauptdarsteller Sebastian Paischer würde ich davon übrigens klar ausnehmen, der strahlt den kompletten Film über Natürlichkeit und Professionalität aus.

Der zweite Kritikpunkt betrifft wiederum die Technik: In „Stille Wåsser“ gibt es leider einige schlechte Schnitte. Keine Ahnung, was da passiert ist, ich kann nur mutmaßen, dass man teilweise dazu gezwungen war, weil es keine perfekten Takes der einen oder anderen Szene gegeben hat. So oder so – der Schnitt fällt im Idealfall überhaupt nicht auf; dass ich ihn hier anspreche, heißt, dass er mindestens zwei- oder dreimal, eher öfter, unpassend gesetzt war.

Davon abgesehen ist „Stille Wåsser“ aber eine runde Sache. Jeder, der keine auf Hochglanz polierte und super-professionelle Produktion braucht und im Idealfall auch noch auf Spielfilme mit ordentlich Lokalkolorit steht, sollte einen Blick riskieren. Größere Bekanntheit hätten sich die Macher meines Erachtens definitiv verdient. Wer Interesse hat: Zum Zeitpunkt dieser Rezension ist das Werk gratis auf Amazon Prime Video verfügbar.

Gesamteindruck: 4/7


Originaltitel: Stille Wåsser.
Regie:
Leonhard Moser
Drehbuch: Leonhard Moser
Jahr: 2017
Land: Österreich
Laufzeit: ca. 115 Minuten
Besetzung (Auswahl): Sebastian Paischer, Franz Maderegger,



FilmWelt: Atmen

„Atmen“ ist das Regie-Debüt von Karl Markovics, der auch das Drehbuch geschrieben hat. Einem breiteren Publikum dürfte der Wiener eher als Schauspieler ein Begriff sein – so spielte er z. B. von 1993 bis 1997 in zwei Staffeln „Kommissar Rex“ eine Hauptrolle, trat aber auch in ernsthaften Produktionen wie „Die Fälscher“ (2007) auf. Vorliegender Film zeigt hingegen, dass Markovics auch hinter der Kamera richtig gute Arbeit abliefern kann – nicht umsonst war „Atmen“ von der österreichischen Filmakademie 2011 sogar für den Auslands-Oscar vorgeschlagen, schaffte es allerdings nicht auf die Shortlist.

Gesamteindruck: 7/7


Knast und Tod.

Für einen der begehrten Academy Awards reichte es nicht, dennoch erfuhr „Atmen“ sowohl im deutschsprachigen Raum als auch international einiges an Beachtung und konnte den einen oder anderen Preis einheimsen, u. a. bei den Filmfestspielen in Cannes. Das alles aber nur am Rande, ich persönlich würde „Atmen“ jedem empfehlen, der ein typisch-österreichisches Drama sehen möchte. Und ja, der Stoff funktioniert nicht nur „auf österreichisch“, beinhaltet aber ein gewisses Lokalkolorit, das in der Synchronisation mit Sicherheit verloren geht. Wobei eigentlich sogar das zu kurz gegriffen ist, es ist ja nicht nur die Sprache, die „Atmen“ so österreichisch macht.

Worum geht’s?
Der 19-jährige Roman Kogler, der eine Haftstrafe im Jugendgefängnis verbüßt, steht kurz vor seiner frühzeitigen Entlassung. Damit die durchgeht, braucht er allerdings einen Job. Fündig wird er bei der Bestattung Wien, wo er sich während seines Freigangs schwierigen Kollegen, der Abscheu vor Leichen und mal mehr, mal weniger verzweifelten Angehörigen stellen muss- bis er schließlich doch seinen Platz findet und sich gleichzeitig auf die Suche nach seiner Mutter, die ihn als Kind weggegeben hat, macht…

„Atmen“ ist keine locker-flockige Sonntagsunterhaltung sondern ein trost- und humorloser Film, der aber gerade deshalb fast schon bedrückend realistisch und ehrlich wirkt. Tatsächlich sind das Eigenschaften, die mittlerweile typisch für den zeitgenössischen Film aus Österreich geworden sind (wobei ein Großteil der Produktionen zumindest ab und an Szenen bitterbösen Humors zu bieten hat). Wer sich darauf einlässt, sollte jedenfalls damit rechnen, sich nach dem Ansehen eher nachdenklich, vielleicht auch ein wenig niedergeschlagen zu fühlen – und auch ein kleines bisschen Hoffnung zu empfinden, denn ganz und gar ohne winzigen Silberstreif am Horizont mochte Markovics sein Publikum dann wohl doch nicht entlassen. Ich persönlich finde die Mischung ausgesprochen gelungen, ein Film für jedermann ist „Atmen“ aber definitiv nicht.

Keine Moralpredigt.

Grundsätzlich versucht sich der Regisseur an einer Art Coming-of-Age-Geschichte, wobei das wohl nicht ganz die richtige Zuschreibung ist. Eigentlich geht es eher um…. ja, was eigentlich? Die Wiedereingliederung eines straffällig gewordenen Jugendlichen in die Gesellschaft? Auch nicht so wirklich, wobei das natürlich schon auch Thema ist. Ich denke, „Atmen“ ist am ehesten so etwas wie eine Sozial- und Milieu-Studie; Markovics hinterfragt, be- und verurteilt nicht, er stellt einfach nur dar. Beispielsweise hat die Hauptfigur als Freigänger gelegentlich mit gewissen Vorurteilen zu kämpfen – eine echte Lösung für dieses durchaus reale Problem wird allerdings nicht präsentiert. Diese fatalistische Grundhaltung mag manche abstoßen, ich finde aber eher, dass sie einen Film wie diesen auszeichnet: Er zeigt die Dinge wie sie sind, nicht wie sie sein sollten. Der Rest wird dem Zuschauer überlassen.

Abgesehen von wenigen heftigen aber sehr kurzen Ausbrüchen ist „Atmen“ im Übrigen ein sehr ruhiger Film. Die Dialoge sind knapp und beschränken sich auf das Notwendigste, was den Zuschauer geradezu zwingt, sich mit der verschlossenen und wortkargen Hauptperson zu identifizieren. Roman Kogler kann und will nicht viel sagen, was in manchen Filmen ein Ärgernis sein könnte – hier ist es so, dass man ihn als Zuseher verstehen kann und mit ihm gemeinsam „Lasst’s mich doch einfach in Ruh‘!“ denkt. Durchaus bemerkenswert, wie gut es Markovics gelungen ist, mit sparsamen Mitteln eine derartig hypnotische Atmosphäre zu erzeugen.

Durchgehend spannend.

Die Spannung bleibt trotz der trostlosen und unterkühlten Art keineswegs auf der Strecke, was für ein Drama eigentlich eher ungewöhnlich ist, zumindest in diesem Ausmaß. Ich lehne mich jetzt vielleicht weit aus dem Fenster, aber ich bin der Meinung, dass Karl Markovics hier eines der besten Drehbücher überhaupt gelungen ist – nicht nur was den österreichischen Film betrifft. Ich denke vielmehr, dass „Atmen“ in seinem Genre sogar international einer der besten Filme der vergangenen Jahrzehnte sein dürfte.

Dazu tragen aus meiner Sicht neben dem starken Drehbuch vor allem zwei Faktoren bei. Erstens ist „Atmen“ – auch das scheint mir typisch für einen österreichischen Spielfilm – voller Details, die von Kamera und Mikrofon eingefangen werden, z. B. die typischen Abfahrtsgeräusche der S-Bahn, die Wohnungen, die nicht auf Hochglanz getrimmt sind und daher ungewohnt realistisch wirken, die zusammengeflickten Straßen usw. Vieles davon ist auch noch symbolisch aufgeladen, was beim ersten Ansehen gar nicht zur Gänze erfasst werden kann. Der zweite Faktor sind – natürlich – die Charaktere. Nun könnte man sagen, dass „Atmen“ ja nur auf eine einzige Hauptfigur setzt. Stimmt, und diese Rolle ist mit Thomas Schubert auch sehr gut besetzt. Allerdings ist auch der unterstützende Cast, allen voran Georg Friedrich als griesgrämiger Kollege, dermaßen gut gewählt (und vor allem auch geschrieben), dass ich nur staunen konnte. Dass eine ordentliche Dosis Wiener Lokalkolorit (und was könnte wienerischer sein als ein Bestattungsunternehmen…) am Start ist, freut den gelernten Österreicher natürlich.

Letztlich habe ich nur ein Haar in der Suppe gefunden: Die Annäherung des jungen Anti-Helden an seine Mutter ist im Gesamtkontext des Films ein wenig unbefriedigend. Mag auch an der Darstellung durch Karin Lischka liegen, das wage ich nicht zu beurteilen. Jedenfalls wirkt dieser Handlungsstrang nicht ganz stimmig, was dem guten Gesamteindruck aber keinen Abbruch tut. Fazit: Ein unerwartet starker Film und definitiv eines der besten derzeit verfügbaren Dramen im deutschsprachigen Raum. Volle Punktzahl, ich wüsste auf Anhieb nicht viel, das man hier besser machen könnte.

Gesamteindruck: 7/7


Originaltitel: Atmen.
Regie:
Karl Markovics
Drehbuch: Karl Markovics
Jahr: 2011
Land: Österreich
Laufzeit: ca. 90 Minuten
Besetzung (Auswahl): Thomas Schubert, Georg Friedrich, Karin Lischka, Gerhard Liebmann, Stefan Matousch



FilmWelt: Dunkirk

Ich glaube, ich habe es schon öfter erwähnt: Moderne Kriegsfilme haben häufig eine spezielle Art der Hochglanz-Produktion, die mich stört. Es ist als würden die Regisseure dermaßen viel Wert auf eine möglichst bombastische Inszenierung legen, dass Drehbücher, Charaktere und vor allem die Atmosphäre auf der Strecke bleiben. Glücklicherweise bestätigen gerade was letzteres betrifft zwei relativ aktuelle Ausnahmen die Regel: „1917“ (2019) und „Dunkirk“ (2017).

Gesamteindruck: 5/7


Ein düsterer Strand.

Die Inhaltsangabe und der Trailer zu „Dunkirk“ haben bei mir keine allzu großen Erwartungen geweckt: Ein weiterer Kriegsfilm, der optisch sicher ein Hingucker ist, sich ansonsten aber kaum von seinen Genre-Genossen abhebt – so ungefähr dürfte mein Gedankengang damals gewesen sein. Ich dachte nicht einmal über einen Kinobesuch nach, wollte mir den Film erst im Free TV oder per Streaming-Dienst ansehen. Und so ist es dann auch gekommen, was im Nachhinein betrachtet vielleicht ein Fehler war; ich hätte die spezielle Stimmung dieses Films ganz gerne auf der großen Leinwand erlebt .

Worum geht’s?
Im Frühjahr 1940 stehen die alliierten Truppen in Europa vor einer vernichtenden Niederlage: Der Wehrmacht ist es gelungen, in der Nähe des französischen Dorfes Dünkirchen rund 400.000 Mann mit dem Rücken zum Meer einzukesseln. Die Verzweiflung der Soldaten ist groß – denn die Evakuierung geht quälend langsam voran und wird laufend durch Artilleriefeuer und Luftangriffe gestört…

Ich falle am besten gleich mit der Tür ins Haus: Rein optisch kann „Dunkirk“ nicht ganz mit „1917“ mithalten, dessen Pseudo-Ein-Schnitt-Technik mir ausnehmend gut gefallen hat. Vorliegender Film ist deutlich traditioneller fotografiert, was aber nicht heißen soll, dass die Kameraarbeit schwach ist (im Gegenteil, selten sah ein Strand so düster-bedrohlich aus). Kult-Regisseur Christopher Nolan schafft im Endeffekt eine vergleichbar starke Atmosphäre; letztlich sogar mit ähnlichen Mitteln, wie sie sein Pendant Sam Mendes in „1917“ verwendet hat – allerdings gewichtet er sie anders, wie ich im Folgenden zu erklären versuche.

Unglaubliche Ton-Bild-Kombination.

Die fast schon surreale und unheilvolle Stimmung von „Dunkirk“ speist sich aus zwei Quellen: Einerseits sind das die weitgehend farbarmen, meist bei schlechtem Wetter aufgenommenen Bilder, die den Strand von Dünkirchen zu einem Ort machen, an dem man um keinen Preis der Welt sein möchte. Dass das dermaßen gut funktioniert hat andererseits aber vor allem mit dem exzellenten Ton zu tun. Denn Filmmusik-Legende Hans Zimmer verpasste „Dunkirk“ gemeinsam mit seinen Kollegen Lorne Balfe und Benjamin Wallfisch (die auch keine Unbekannten sind) den wohl intensivsten Klangteppich der jüngeren Filmgeschichte. Auch in dieser Hinsicht würde ich übrigens den zwei Jahre später erschienen „1917“ als ähnlich gelungen nennen, eventuell hat sich Zimmer ja daran orientiert? Eine andere Inspiration könnte der sowjetische Antikriegsfilm „Komm und sieh“ gewesen sein, der in Sachen Bild und Ton bereits 1985 ein ähnlich beklemmendes Ausrufezeichen setzen konnte.

Dabei kann in „Dunkirk“ weniger die verwendete Musik überzeugen, die zwar passt, aber nicht unbedingt außergewöhnlich ist, in den finalen Szenen sogar ein wenig kitschig und nervig aus den Boxen kommt. Was hingegen voll und ganz durchschlägt, ist die allgemeine akustische Untermalung, die „Dunkirk“ nochmals deutlich unheilvoller wirken lässt, als es die ohnehin schon düsteren Bilder suggerieren würden. Das passiert wiederum auf zwei Ebenen: Erstens machen typische Geräusche des Krieges, das Erlebnis nahezu fühlbar – interessanterweise setzt Tonmeister Zimmer hier aber nicht auf die volle Dröhnung, wie man sie z. B. aus der Eröffnungsszene von „Der Soldat James Ryan“ (1998) kennt. Gewehrfeuer und Explosionen bleiben eher im Hintergrund; umso erschreckender hört sich dafür das nervenzerfetzende Heulen der deutschen Flugzeuge im Tiefflug und das metallische Knarren und Ächzen sinkender Schiffe an. Auf der zweiten Ebene arbeitet Zimmer eher subkutan mit Streichern, Synthesizern und Bässen, die stets an der Schwelle der bewussten Wahrnehmung stehen und sich dem Geschehen auf dem Bildschirm anpassen. Beides zusammen ist unglaublich effektiv, entsprechend verdient waren die Oscars und diversen anderen Auszeichnungen für Ton und Tonschnitt meines Erachtens.

Handlung und Charaktere als Nebensache.

Dass „Dunkirk“ trotz höchster optischer und akustischer Standards nicht voll punkten kann, mag im ersten Moment verwundern. Leider – und auch das haben wir in „1917“ ähnlich erlebt – hat der Film jedoch Schwächen im Drehbuch und bei den Charakteren. Für mich wirkt „Dunkirk“ so, als hätte sich der Regisseur so sehr auf die erzählerische Unterstützung durch den Soundtrack verlassen, dass er alles andere hintanstellen konnte. Bis zu einem gewissen Grad funktioniert das sogar recht gut, allerdings hat beispielsweise der weitgehende Verzicht auf Dialoge zur Folge, dass eine Identifikation mit den Charakteren sehr schwer fällt. Es ist ein Problem, das in Kriegsfilmen immer wieder auftritt, weil die Uniformen die Figuren dermaßen gleich machen, dass sie fast vollkommen farb- und gesichtslos wirken. Das ist umso bemerkenswerter, da Regisseur Nolan seinen Hauptdarsteller Fionn Whitehead großteils ohne Helm agieren lässt – dennoch kann man als Zuschauer kaum eine Verbindung zu ihm und seinen Kameraden aufbauen, eben weil es durch fehlende Dialoge keine Hintergrundinfos gibt. Fast schon paradox erscheint, dass, wird im Film doch mal gesprochen, man gut darauf verzichten könnte, weil es kaum gehaltvolle Sätze zu hören gibt. Ich würde sogar behaupten, dass die wenigen Dialoge sehr schwerfällig wirken und damit den ganzen Film ein Stück nach unten ziehen – so zum Beispiel der Funkverkehr der englischen Piloten, der die eigentlich gut gemachten Flugsequenzen regelrecht träge macht.

Was es auch nicht einfacher macht: Christopher Nolan hat es – warum auch immer – für notwendig gehalten, „Dunkirk“ nicht chronologisch zu erzählen. Im Wesentlichen bietet der Film vier Perspektiven: Die des einzelnen Mannes, den Blick auf den Strand mit hunderttausenden wartenden Soldaten, gelegentlich fokussiert auf die wenigen Befehlshaber, dann zwei englische Piloten, die die deutschen Kampfflieger fernhalten wollen und schließlich die aus der Heimat geschickten Boote und Schiffe, die bei der Evakuierung helfen sollen. Jede dieser Sichtweisen hat ein eigenes Erzähltempo, allerdings sind alle miteinander verwoben und laufen teilweise parallel, teilweise ineinander verschachtelt ab. Wozu es diese merkwürdige Erzählform gebraucht hat, erschließt sich mir nicht. Ich empfinde sie auch nicht unbedingt als künstlerisch herausragenden Akt, wie man es beispielsweise aus „Pulp Fiction“ (1994) kennt.

An dieser Stelle sei auch erwähnt, dass „Dunkirk“ überraschend unblutig ausgefallen ist. Dass dennoch keine Rede von Heldentum und Kriegslust sein kann, ist einmal mehr der düsteren Kombination aus Bild und Ton zu verdanken. Allerdings, und das sollte man auch nicht verhehlen, wirkt die Situation dadurch zwar trostlos und bedrückend, aber das Gefühl realer Gefahr bleibt aus. Die Kampfhandlungen scheinen weit weg, auch wenn ab und an mal ein Geschoß einschlägt oder ein Tiefflieger angreift. Von den Toten und Verletzten bleibt die Kamera meist aber weit weg, sodass das Verständnis für die verzweifelte Lage nicht ganz so tief geht, wie es dem realen Dünkirchen bzw. der dem Film zugrunde liegenden Operation Dynamo gerecht geworden wäre.

Fazit: Ich wollte „Dunkirk“ unbedingt mögen und tue das in weiten Teilen auch – umso ärgerlicher finde ich manche der Kritikpunkte. Letztlich ist Christopher Nolan aber definitiv ein spannender Film gelungen, die Schauspieler sind in Ordnung, optisch und vor allem akustisch ist der Film über jeden Zweifel erhaben. Leider wird das alles durch eine Handlung, die aufgrund der Erzählweise immer wieder ins Stottern gerät, zu wenige Identifikationsmöglichkeiten und einen Mangel an historischem Tiefgang konterkariert. Will sagen: Ich hätte mir einfach mehr von „Dunkirk“ erhofft. Dennoch und trotz allem sind das sehr gute 5 Punkte, einfach, weil der Film tatsächlich einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen hat.

Gesamteindruck: 5/7


Originaltitel: Dunkirk.
Regie:
Christopher Nolan
Drehbuch: Christopher Nolan
Jahr: 2017
Land: UK, USA, Frankreich, Niederlande
Laufzeit: ca. 105 Minuten
Besetzung (Auswahl): Fionn Whitehead, Tom Glynn-Carney, Jack Lowden, Harry Styles, James D’Arcy, Aneurin Barnard



FilmWelt: Wölfe in der Tiefe

„Wölfe in der Tiefe“ aus dem Jahr 1959 ist kein Klassiker, so viel vorweg. Ich frage mich allerdings schon, ob Wolfgang Petersen zumindest das eine oder andere Mal hingeschielt hat, als er „Das Boot“ (1981) drehte – zumindest könnte die eine oder andere Ähnlichkeit darauf hindeuten…

Gesamteindruck: 2/7


Homo homini lupus.

Wer ernsthaft erwägt, sich „Wölfe in der Tiefe“ anzusehen (zum Zeitpunkt dieser Rezension ist das gratis auf Amazon Prime Video möglich), sollte seine Erwartungen nicht allzu hoch ansetzen und auf keinen Fall hoffen, hier vielleicht sowas wie eine frühe Version von „Das Boot“ zu sehen. Denn der italienische Schwarz/Weiß-Film spielt zwar ebenfalls in einem U-Boot, dessen Besatzung in eine ausweglose Situation geraten ist – dieses Setting wird aber im Gegensatz zum Petersen-Klassiker dramaturgisch überhaupt nicht genutzt. Heißt: Es ist schlicht nicht relevant, dass die Männer in einem U-Boot festsitzen, genauso gut könnte es ein Keller, ein Stollen oder ein Hochhaus sein.

Worum geht’s?
Irgendwann im 2. Weltkrieg: Ein U-Boot wird auf dem Weg in seinen Heimathafen von Flugzeugen bombardiert und so schwer beschädigt, dass es sinkt und in 110 Meter Tiefe zu liegen kommt. Ein Teil der Besatzung hat den Untergang zwar überlebt, ist nun aber im Boot gefangen. Ein Ausstieg wäre per Rettungsboje zwar möglich – aber nicht für alle. Eine Entscheidung muss also getroffen werden…

Ja, ein bisschen liest sich das Szenario wie eine berühmte Szene aus „Das Boot“, in der die Besatzung nach einem Bombentreffer in der Tiefe gefangen ist. Damit nicht genug: Auch in „Wölfe in der Tiefe“ haben die Männer keine Namen sondern nur ihre Dienstbezeichnungen (Kommandant, Obersteuermann etc.), der erste Offizier ist schneidiger als ihm gut tut und der Funker spielt gern mal „verbotene Musik“ über die Bordlautsprecher. An dieser Stelle nur zur Erklärung: „Das Boot“ erschien 1981 und beruht auf dem gleichnamigen Roman von Lothar-Günther Buchheim von 1973. Der hat dort seine persönlichen Erlebnisse im 2. Weltkrieg verarbeitet – ob Petersen oder Buchheim den deutlich früher erschienen italienischen Film jemals gesehen haben, entzieht sich meiner Kenntnis. Ich würde die Parallelen auch gar nicht bewerten wollen, sie sind mir halt aufgefallen, darum wollte ich sie erwähnt haben.

Bevor wir zum Inhalt kommen, noch ein Wort zum Titel: Der Begriff „Wölfe“ ist sehr interessant gewählt. Erste Assoziation war bei mir, dass die deutschen U-Boote bzw. deren Besatzungen im 2. Weltkrieg als „Graue Wölfe“ bekannt waren – im ersten Moment war ich sogar verwirrt, weil es im Film keineswegs um eine deutsche Besatzung geht (wobei der einleitende Text erklärt, dass es ohnehin keine Rolle spielt und ein ähnliches Ereignis überall auf der Welt hätte passieren können – was natürlich richtig ist).

Die Handlung und die Dialoge zeigen aber eine zweite Ebene – homo homini lupus, „der Mensch ist ein Wolf für den Menschen“, sagte der Philosoph Thomas Hobbes im 17. Jahrhundert in seinem Werk „De Cive“. Vereinfacht und verkürzt wollte Hobbes damit andeuten, dass der Mensch zunächst immer sich selbst der Nächste ist und es im Sinne des Wohles der Allgemeinheit eine Überwindung dieses „Naturzustandes“ braucht. Und genau das versucht Regisseur Silvia Amadio darzustellen, indem er den Versuch seiner Figuren schildert, eine gerechte Entscheidung darüber zu treffen, wer leben darf. In seiner Doppeldeutigkeit ist das ein wirklich gelungener Filmtitel, würde ich sagen – vielleicht sogar einer der besten, die ich kenne.

Enttäuscht auf allen Ebenen.

Wer nun dank dieser philosophischen Ansätze Lust auf den Film bekommen hat, sei gewarnt: Die Umsetzung wird dieser komplexen Thematik bei weitem nicht gerecht. Ich weiß nicht, wie ich es wertschätzend vermitteln kann, also sage ich es rundheraus: „Wölfe in der Tiefe“ leidet an schwachen Charakteren, oberflächlichen Dialogen, bietet kaum Dramatik und beantwortet keine philosophischen Fragen. Die Dialoge müssten eigentlich das Herzstück eines derartigen Films sein, aber gerade hier herrscht pure Einfallslosigkeit. Jeder Matrose wird gefragt, wie alt er ist, ob er verheiratet ist und Kinder hat, ein bisschen was von der Vorgeschichte wird erzählt; all das wäre ja grundsätzlich in Ordnung, führt in „Wölfe in der Tiefe“ aber leider nirgendwohin. Damit in engem Zusammenhang steht auch, dass die Charaktere kaum eine Möglichkeit zur Identifikation bieten – der kameradschaftliche Obersteuermann, der mit allen gut Freund ist, ist der einzige Sympathieträger an Bord. Alle anderen sind eindimensional und schnell vergessen, dabei hat man zum Beispiel dem Leutnant, der sich als Sohn eines Admirals an Bord beweisen will, durchaus Züge eines Antagonisten verpasst. Doch die werden an keiner Stelle ausgereizt und kommen nicht über Andeutungen hinaus, sodass auch diese Rolle oberflächlich bleibt. Die Folge ist klar: Man verliert relativ schnell das Interesse, fiebert nicht mit und letzten Endes ist es dem Zuschauer völlig gleichgültig, wer aus dem Boot entkommen kann. Auch, weil zum Schluss ohnehin nicht mehr viele übrig sind, was den Eindruck erweckt, als hätten sich nicht nur die Protagonisten, sondern auch die Drehbuchschreiber vor einer ausgesprochen unangenehmen Entscheidung drücken wollen.

Enttäuschend ist „Wölfe in der Tiefe“ auch auf anderer Ebene, denn letzten Endes haben wir es hier auch mit keinem (Anti-)Kriegsfilm zu tun. Die Handlung, so jedenfalls mein Eindruck, spielt halt zufällig in einem U-Boot. Dieser Ausgangspunkt wird jedoch nicht genutzt, um ein Statement gegen den Krieg abzugeben. Die Dialoge drehen sich zu keinem Zeitpunkt um die politische Lage, die die Männer ja erst in diese verzweifelte Lage gebracht hat. Die Situation wird letztlich hingenommen, was für mich ebenfalls eine vertane Möglichkeit darstellt. Wie eingangs erwähnt: Man hätte die Dialoge nicht einmal anpassen müssen, hätte der Film beispielsweise von verschütteten Arbeitern in einem Bergwerk gehandelt. Es stimmt schon, wo der Film spielt, wäre eigentlich nicht so wichtig für die dahintersteckende Philosophie; weil diese aber maximal gestreift wird, ist es umso enttäuschender, dass auch aus einer Umgebung, die man sich als extrem düster vorstellt, so wenig herausgeholt wird.

Und das bringt mich auch schon zum letzten Kritikpunkt: „Wölfe in der Tiefe“ ist kein gelungenes Drama, es ist kein Statement gegen den Krieg – und es ist auch als U-Boot-Film eine Enttäuschung. Freilich darf man nicht davon ausgehen, dass ein Film von 1959 über Ausstattung und Effekte verfügt, die Wolfang Petersen für seinen Klassiker zur Verfügung hatte. Dennoch muss ich sagen, dass mich die Kulissen enttäuscht haben, weil sie nicht einmal ansatzweise das Gefühl der Enge im U-Boot transportieren. Ja, hier und da spritzt mal etwas Wasser rein, es gibt ein paar Rohre, Ventile und Instrumente, die erahnen lassen, wo sich unsere Helden befinden. Aber so richtig will mich das nicht überzeugen, dazu hätte es vielleicht auch ein wenig technisches Know-how gebraucht, das dem Film vollkommen abgeht. Und damit schließt sich der Kreis zu den Charakteren: Die erwecken nie das Gefühl, in einer erdrückenden Umgebung gefangen zu sein und um ihr Leben zu fürchten. Vielleicht auch deshalb, weil die mageren Kulissen das nicht glaubhaft vermitteln? Ich weiß es nicht.

Fazit: „Wölfe in der Tiefe“ ist ein geradliniger Film, den man sich mal ansehen kann, wenn man Zeit, Muse und/oder Lust auf eine Art Kriegs-Drama hat, das nicht aus Deutschland, England oder Hollywood kommt. Tiefgang [sic!], Action, Drama oder auch nur gelungene Effekte sollte man sich aber keinesfalls erwarten. Zwei Punkte, mehr ist dafür nicht drin.

Gesamteindruck: 2/7


Originaltitel: Lupi nell’abissio.
Regie:
Silvio Amadio
Drehbuch: Silvio Amadio, Luciano Vincenzoni
Jahr: 1959
Land: Italien, Frankreich
Laufzeit: ca. 85 Minuten
Besetzung (Auswahl): Massimo Girotti, Folco Lulli, Jean-Marc Bory, Alberto Lupo, Horst Frank



FilmWelt: 1917

Heutzutage ist man ja eher skeptisch, wenn Literatur, Filme, Musik oder andere Kunstformen mit Preisen und Auszeichnungen geradezu überschüttet werden. Im Falle des 2019 erschienen Kriegsfilms „1917“ muss ich hingegen sagen, dass vor allem die Awards für Kamera und Regie (darunter auch ein Oscar bzw. Golden Globe) hochverdient sind. Das Ansehen lohnt sich aber auch unabhängig davon.

Gesamteindruck: 6/7


Ein Kriegspanorama.

Meiner Wahrnehmung nach hat es sich in Kriegsfilmen seit einiger Zeit eingebürgert, dem Publikum die Identifikation mit den Figuren über Elemente des Liebesfilms näherzubringen. Es scheint fast, als wären die Leiden auf dem Schlachtfeld nicht mehr genug, um entsprechende Emotionen zu wecken. Warum das so ist, weiß ich nicht – vielleicht vermuten die Filmemacher eine gewisse Abstumpfung bei den Zusehern, vielleicht dient es dazu, Frauen als Zielgruppe des vermeintlich männlich geprägten Genres zu begeistern. Wie dem auch sei, „1917“ hat mit derartigen Anwandlungen sehr wenig am Hut und beschränkt sich durchgängig auf die Darstellung einer Episode an der Westfront des 1. Weltkrieges.

Worum geht’s?
Im Frühjahr 1917 scheint es, als würde sich das deutsche Heer in Nordfrankreich auf dem Rückzug befinden. Das britische Oberkommando, weit hinter der Front, hat hingegen Informationen, dass es sich dabei um eine Falle handelt und entschließt sich, den geplanten Angriff abzubrechen. Zwei Meldegänger müssen diesen Befehl an die Front bringen – auf dem Spiel steht das Leben der 1.600 Männer, die die Briten zum Angriff bereitgestellt haben

Dass die Dreharbeiten enorm aufwändig gewesen sein müssen, hat nicht nur mit den (sehr guten) Effekten und den mit viel Liebe zum Detail hergerichteten Drehorten zu tun. Vielmehr ist es die Art und Weise, wie der Film konzipiert ist: „1917“ erweckt den Anschein, nur einen einzigen Schnitt zu haben, also aus zwei Echtzeit-Sequenzen zu bestehen, die ziemlich in der Mitte der 120-minütigen Spielzeit zusammengefügt wurden. Auch wenn der Film in Wirklichkeit deutlich öfter geschnitten wurde – perfekte Choreografie und auf die Szene abgestimmte Effekte verstecken die Cuts nahezu vollkommen – ist jedes Lob, das in diesem Zusammenhang für Regie und Kamera ausgesprochen wurde, voll und ganz gerechtfertigt. Denn diese Technik schafft eine Unmittelbarkeit, die so wohl noch nie in einem Kriegsfilm zu sehen war.

Mittendrin statt nur dabei.

Klar, die Handkamera in der Eröffnungssequenz von „Der Soldat James Ryan“ (1998) ist noch näher am Geschehen – beschränkt sich aber auf einzelne Szenen. „1917“ wirkt dagegen völlig anders, nicht wie aus der Ego-Perspektive gefilmt, sondern so, als würde man tatsächlich mal neben, mal vor, mal hinter den Soldaten hergehen, mal ganz nahe, dann wieder weiter weg. Dadurch wird der Film zu einer Art riesigem Panorama, zu einem Schlachtengemälde, in dem man sich als Zuseher, so scheint es, frei bewegt. Beginnend in der Etappe hinter der englischen Front durchqueren wir an der Seite der Meldegänger die Schützengräben und Bunker, dann das Niemandsland bis hin zur verlassenen Linie der Deutschen, nur um dann durch deren Etappe den Frontbogen zu durchschneiden bis es wieder in die englischen Gräben geht. Dazwischen – und besonders unwirklich – angedeuteter Häuserkampf in einem zerschossenen, brennenden Dorf; mithin ein Aspekt, den man heute selten mit dem 1. Weltkrieg verbindet und der doch sehr real war.

Man kann nicht genug betonen, wie beeindruckend diese schier endlose Kamerafahrt optisch ist. Und zwar sowohl im Großen (die Schützengräben und Trichterfelder, eine unübersehbare Anzahl an Soldaten, Dörfer und Höfe) als auch im Kleinen (Stacheldraht, Schlamm, zerstörte Geschütze und Leichen in verschiedenen Stadien der Verwesung). Tatsächlich fällt mir auch bei längerem Nachdenken kein Film ein, der die düstere Stimmung und die grauenvollen Bilder, die Alltag an den Fronten des 1. Weltkrieges gewesen sein müssen, so beeindruckend einfängt – selten war das Schlachtfeld so bedrückend und unheimlich.

Die Bilder passen auch zur Grundstimmung des Films – bzw. erzeugen diese natürlich stark mit. Nirgendwo in „1917“ ist so etwas wie Abenteuerstimmung oder Kriegsbegeisterung zu spüren; im Gegenteil, alles wirkt düster und trostlos und man ist als Zuschauer unendlich froh, nicht dort zu sein, wo sich die Hauptfiguren durch den Morast quälen. Die Action, die durchaus vorhanden ist, passt sich dem an und wirkt nur ganz selten wie Selbstzweck (obwohl es auch das gibt). Ein pazifistisches Statement gegen den Krieg ist „1917“ indes nicht. Der Regisseur lässt einfach die Bilder für sich sprechen, was aus meiner Sicht zur Abschreckung ausreicht.

Positiv sei schließlich noch die schauspielerische Leistung hervorgehoben: George MacKay und Dean-Charles Chapman machen ihre Sache für mein Dafürhalten sehr gut. Sie schaffen das Kunststück, einerseits die noch nicht ganz erloschene Abscheu der Soldaten vor dem, was sie sehen müssen darzustellen, andererseits die immer deutlicher spürbare Abstumpfung der Männer glaubhaft zu machen. Wobei ich hierzu anmerken möchte, dass die Chemie zwischen den beiden zwar zu stimmen scheint – die Dialoge, die das Drehbuch für sie vorgesehen hat, die Identifikation jedoch nicht sonderlich unterstützen. Viel wird im Film ohnehin nicht gesprochen, was gut zu Technik und Story passt. Wenn es allerdings Text gibt, ist er aus meiner Sicht von eher schwankender Qualität.

Technik schlägt Handlung.

Ist also alles im Grünen Bereich? Nicht ganz, denn die Handlung kann mit der beeindruckenden Technik nicht vollständig Schritt halten. Die eher zweckmäßigen Dialoge habe ich bereits erwähnt, das Grundproblem liegt aber eher in der Glaubwürdigkeit der Handlung. Jeder, der sich näher mit dem 1. Weltkrieg beschäftigt hat, weiß über eine Tatsache Bescheid: Es gab in keiner (!) der beteiligten Armeen Bedenken, 1.600 Mann in den Tod zu schicken. Sich sorgende und wohlmeinende Vorgesetzte mag es auf Kompanie-Ebene gegeben haben, die Führer der Großverbände zeichneten sich hingegen hüben wie drüben durch den höchst sorglosen und äußerst fahrlässigen Umgang mit Menschenleben aus. Lange Rede, kurzer Sinn: Das dargestellte deutsche Rückzugsmanöver hat es unter dem Decknamen „Unternehmen Alberich“ im Jahre 1917 tatsächlich gegeben – der Rest ist frei erfunden und sollte auch so betrachtet werden.

Ein Wort noch zur Darstellung der deutschen Soldaten, die in der Nahaufnahme allerdings nur in zwei Szenen vorkommen: Ich würde das nicht unbedingt als Ruhmesblatt für den Regisseur bezeichnen. Speziell die Situation um den Piloten, der zunächst von den Engländern gerettet wird, nur um sich dann als Bösewicht zu entpuppen, empfand ich als vollkommen unnötiges Schüren von Ressentiments. Das aber nur am Rande, ich bin mir nicht sicher, wie das vor dem geschichtlichen Hintergrund einzuordnen ist.

Sieht man über diese Problematik hinweg, bleibt eine leidlich spannende Handlung, die – ich wiederhole mich – vor allem von den starken Bildern lebt. Mir hat der Film jedenfalls trotz teilweise hinterfragenswerter Darstellung historischer Ereignisse so gut gefallen, dass ich nur ganz knapp unter der Höchstwertung bleibe. Wer auch immer ihn sich ansehen möchte, sollte das tun – dabei aber immer auch ein bisschen die tatsächliche Geschichte des 1. Weltkrieges im Hinterkopf behalten.

Gesamteindruck: 6/7


Originaltitel: 1917.
Regie:
Sam Mendes
Drehbuch: Sam Mendes, Krysty Wilson-Cairns
Jahr: 2019
Land: USA, UK
Laufzeit: ca. 120 Minuten
Besetzung (Auswahl): George MacKay, Dean-Charles Chapman, Gerran Howell, Michael Jibson, Benedict Cumberbatch



FilmWelt: Der Goldene Handschuh

Fritz Honka war ein deutscher Serienmörder, der zwischen 1970 und 1975 in Hamburg vier Frauen getötet hat. „Der Goldene Handschuh“ zeigt einige Episoden aus dem Leben des Killers, sollte aber nicht unbedingt als Biographie verstanden werden, denn der Film spart u. a. komplexe, psychologische Vorgänge aus und ergeht sich hauptsächlich darin, Ekel beim Zuseher auszulösen. Letzteres gelingt immerhin meisterhaft.

Gesamteindruck: 3/7


Verwahrloste Brutalität.

Von Fritz Honka habe ich persönlich noch nie etwas gehört, bevor ich diesen Film gesehen habe. Eine Bildungslücke? Vielleicht. Jedenfalls habe ich mich nun zumindest ein wenig mit ihm beschäftigt – vor allem, um eine einigermaßen qualifizierte Rezension abgeben zu können. Zur Einordnung für alle, die so unwissend sind, wie ich es war: „Zum Goldenen Handschuh“ heißt eine bis heute existierende Kneipe auf St. Pauli, in der Honka seinerzeit häufig anzutreffen war. Vorliegender Film ist eine Umsetzung des gleichnamigen Romans von Heinz Strunk, der 2016 veröffentlicht wurde. Regie führte Fatih Akin, der am Kiez selbst kein Fremder ist, was „Der Goldene Handschuh“ fast zu einer Art Heimspiel für den Hamburger Filmemacher macht.

Worum geht’s?
In den 1970er Jahren lebt der gebürtige Leipziger Fritz Honka in bescheidensten Verhältnissen als Hilfsarbeiter in Hamburg. Seine körperlichen Unzulänglichkeiten und seine Schüchternheit machen es ihm unmöglich, auf normalem Wege Frauen kennenzulernen. Das und der Frust über sein verkorkstes und zunehmend verwahrlostes Leben haben ihn zum Trinker gemacht – und lassen ihn schließlich immer tiefer in den Wahnsinn abgleiten und sogar zum Mörder werden

Ein Film wie dieser ist immer eine zwiespältige und schwierige Angelegenheit: Wie stellt man einen Mörder dar, der bei aller Monstrosität seiner Taten letztlich auch nur ein Mensch ist? Der Schwächen, aber vielleicht sogar den einen oder anderen sympathischen Zug hat? Darf man dem Publikum auch nur den leisesten Ansatz zur Identifikation geben – oder muss man ein entmenschlichtes Monster zeigen? Aus meiner Sicht gehören wohl beide Aspekte zur Realität, und ich denke, dass Regisseur Fatih Akin zumindest versucht hat, dem irgendwie gerecht zu werden. Mangels umfangreicherer Kenntnisse über den realen Fritz Honka wage ich nicht zu beurteilen, ob und wie das gelungen ist. Insofern bezieht sich meine Meinung zum Film eben auf diesen, nicht so sehr auf das reale Leben des Mörders oder den Roman von Heinz Strunk (2016), den ich bis dato nicht gelesen habe. Übrigens gibt es diese Diskussion ja immer wieder, besonders in Erinnerung ist mir diesbezüglich „Der Untergang“ (2004) geblieben.

Keine Jugendfreigabe? Kein Wunder!

„Der Goldene Handschuh“ hat keine Jugendfreigabe erhalten. Warum das so ist, erschließt sich beim Ansehen recht schnell – denn auch, wenn die Kamera nicht immer voll draufhält und obwohl sich das Unaussprechliche meist knapp außerhalb des Bildes abspielt, ist dieser Film von unsagbarer Gewalt geprägt. Gegen Ende hin ändert sich deren Darstellung übrigens rapide und die Brutalität kommt direkt und detailliert ins Bild. Von daher dürfte der FSK 18-Sticker schon gerechtfertigt sein, zumindest aber verwundert es nicht, dass der Film ihn verpasst bekommen hat.

Gespielt ist „Der Goldene Handschuh“ meines Erachtens sehr gut. Es sind ja durchaus bekannte Schauspieler am Start, die man teilweise allerdings kaum erkennt: Fettige Haare, schiefe und faule Zähne, blaue Flecken, Augenringe und Alkoholdunst aus allen Poren – schon beeindruckend, was die Maske hier geleistet hat, um die allgemeine Verwahrlosung auch an den Figuren deutlich sichtbar zu machen. Davon abgesehen werden die Nebendarsteller ihrem Namen weitgehend gerecht: Der Film ist, fast in der Tradition eines Kammerspiels, praktisch ausschließlich auf die Hauptfigur ausgerichtet. Der Rest ist Staffage und hat auch kaum Sprechtext, was die Frage aufwirft, ob das Realismus ist – oder ob hier niemand bedacht hat, dass dadurch jegliche Identifikation mit den Opfern stark erschwert wird.

Bei Hauptdarsteller Jonas Dassler bin ich etwas zwiegespalten. Ich glaube, er spielt seine Rolle gut, jedenfalls so, wie es ihm vom Drehbuch wohl vorgegeben wurde. Bei ihm wirkt die Maske geradezu grotesk und dürfte wohl wenig mit dem Aussehen des echten Fritz Honka zu tun haben. Diese Übersteigerung mag Stilmittel sein, ich persönlich fand sie eher deplatziert. Das mag auch damit zu tun haben, dass Akin die Opfer – wie oben beschrieben – ähnlich hässlich und verkommen aussehen lässt, was es eben ungleich schwerer macht, sich mit ihnen zu solidarisieren. Die Verwahrlosung ist allgegenwärtig und mag es auch in Wirklichkeit gewesen sein – dem Film hätte eine Abstufung aber eventuell gut getan. Fast schon fahrlässig ist, dass der Regisseur seinen Hauptdarsteller auch über eine junge, gut aussehende Blondine fantasieren lässt, mit der das männlich-moderne Publikum problemlos Mitleid haben würde. Das ist nicht nur ungerecht, sondern geradezu respektlos den echten Opfern gegenüber.

Es fehlt einiges.

Zusammengefasst: Es liegt es meines Erachtens nicht an den Schauspielern, wenn der Film nicht so gut bewertet wird, wie man es eigentlich erwarten könnte. Ich glaube letztlich, dass das Drehbuch nicht ganz ausgewogen ist. Einerseits wurde viel Mühe investiert, um zu zeigen, in welchem Elend die Figuren – nicht nur Fritz Honka – leben. Das ist gelungen, aber eben nur in Auszügen. Warum es überhaupt soweit gekommen ist, kann man nicht einmal richtig erahnen. Andererseits ist es schwierig, den Mörder überhaupt angemessen zu verurteilen, einfach, weil er sogar in diesem eher seichten Kontext deutlich mehr Persönlichkeit auf den Leib geschrieben bekommen hat, als alle Opfer zusammen. Nimmt man dann noch seinen sächsischen Dialekt und die Rolle als schüchterner Außenseiter dazu, kann er schon den einen oder anderen Sympathiepunkt für sich verbuchen. Und genau das ist es, was den Opfern fehlt – und daher fragt man sich am Ende auch, was uns der Regisseur mit diesem Film eigentlich sagen wollte.

Abschließend möchte ich noch kurz auf die Ausstattung eingehen: Die Dachgeschoßwohnung der Hauptfigur ist meines Erachtens eine der besten Kulissen, die ich in einem deutschsprachigen Film bisher gesehen habe. Ekelhaft versifft, unglaublich detailliert und von klaustrophobischer Enge – man meint jederzeit, den grauenhaften Gestank riechen zu können, der in dieser Bruchbude geherrscht haben muss. Hut ab für Kulissenbauer und Kamerateam, so muss man das erst einmal hinbekommen bzw. dann auch in eindrücklichen Bildern umsetzen. Anmerkung am Rande: In Sachen Ton ist der Soundtrack toll, aber der Mix ist weniger gelungen und verhindert teilweise, dass man Dialoge überhaupt versteht. Schade.

Von mir gibt’s 3 Punkte für die grandiose Ausstattung und die guten schauspielerischen Leistungen. Mehr ist nicht drin, weil der Film weder ein Psychogramm, noch eine Biografie ist und deutlich an Komplexität vermissen lässt. Am schwersten wirkt aber, dass hier einfach so hingenommen wird, dass Honka ein Mörder ist. Nach Hintergründen wird nicht gefragt, es bleibt auch völlig unklar. Das mag einen gesellschaftlich-brisanten Hintergrund haben, der kommt in „Der Goldene Handschuh“ allerdings kaum bis gar nicht zur Geltung.

Gesamteindruck: 3/7


Originaltitel: Der Goldene Handschuh.
Regie:
Fatih Akin
Drehbuch: Fatih Akin
Jahr: 2019
Land: Deutschland, Frankreich
Laufzeit: ca. 110 Minuten
Besetzung (Auswahl): Jonas Dassler, Margarethe Tiesel, Katja Studt, Martina Eitner-Acheampong, Hark Bohm, Marc Hosemann



FilmWelt: Unknown Soldier (2017)

„Der unbekannte Soldat“ gewinnt als Titel für einen Kriegsfilm sicher keinen Innovationspreis . Dazu muss man allerdings wissen, dass die Vorlage ein Roman eben dieses Titels (finnisch: „Tuntematon sotilas“, auf Deutsch ursprünglich auch als „Kreuze in Karelien“ erschienen) aus dem Jahr 1954, geschrieben von Väinö Linna, ist. Dabei handelt es sich übrigens eines der meistverkauften finnischen Bücher überhaupt und vorliegender Film von Regisseur Aku Louhimies ist bereits die dritte Adaption in Bewegtbild nach 1955 und 1985.

Gesamteindruck: 4/7


Der finnische „Steiner“.

Die finnische Beteiligung am 2. Weltkrieg ist ein relativ komplexes und hierzulande kaum bekanntes Thema – verkürzt und vereinfacht lässt es sich ungefähr so darstellen: Erst im „Winterkrieg“ (1939-1940) allein gegen Russland, dann Unterstützung des deutschen Angriffs gegen die Sowjetunion („Fortsetzungskrieg“, 1941-1944) und schließlich im „Lapplandkrieg“ (1944-1945) auf Seiten der Roten Armee gegen in Finnland stationierte Truppen der Wehrmacht. Die in „Unknown Soldier“ thematisierten Ereignisse sind im „Fortsetzungskrieg“ angesiedelt.

Worum geht’s?
1941 tritt die finnische Armee an, um die im Winterkrieg an die Sowjetunion verloren gegangenen Gebiete zurückzuerobern und die Wehrmacht gegen Russland zu unterstützen. Mittendrin ist eine Maschinengewehrkompanie aus bunt zusammengewürfelten Soldaten. Bald merken die großteils unbedarften Männer, dass der Krieg alles andere als ein Abenteuer ist

Ich habe oben ein paar Worte zur historischen Einordnung geschrieben – die Männer, die in „Unknown Soldier – Kampf ums Vaterland“ (so der vollständige Titel im deutschsprachigen Raum) in die Schlacht ziehen, interessieren sich freilich nicht für solche Spitzfindigkeiten. Der Film ist insofern komplett unpolitisch, er moralisiert und verurteilt auch nicht – er stellt einfach nur dar. Wie die einfachen Soldaten bekommt der Zuseher nichts von den geopolitischen Ereignissen und Umwälzungen mit, sieht man vom gelegentlichen, Wochenschau-artigen Einschub ab. Anmerkung am Rande: Der deutsche Titel gibt dem Film meines Erachtens eine Konnotation, die er in Wirklichkeit überhaupt nicht hat. „Ums Vaterland“ geht es den wenigsten der hier dargestellten Soldaten.

Sehr wohl thematisiert wird allerdings die Unfähigkeit und Borniertheit der Vorgesetzten, die wohl in allen Armeen der Welt ähnliche Auswüchse zeitigt. Aber auch das ist nicht das Hauptmotiv des Films – denn eigentlich geht es hier schlicht und einfach darum, den Alltag einer kleinen Gruppe von Männern darzustellen, vom Offizier bis zum einfachen Soldaten, die allesamt Spielball von Kräften sind, die sie weder verstehen noch beeinflussen können. Als Zuseher ist man ständig bei der Kompanie (häufig sogar mit Handkamera, sozusagen durch die Augen eines Soldaten, gefilmt); man bekommt nicht mit, warum die Führung die Männer mal hierin, mal dorthin schickt, mal den Rückzug befiehlt, dann wieder angreifen lässt. Diese Perspektive ermöglicht die Identifikation mit ganz normalen Menschen, die aus ihrer Umgebung gerissen und in ein lebensgefährliches „Abenteuer“ geworfen werden, in dem alles andere als Heldentum und Glorie warten.

Im Norden nichts Neues?

Man darf nun aber nicht erwarten, dass „Unknown Soldier“ eine Art finnisches „Im Westen nichts Neues“ ist. Das ist meines Erachtens nicht der Fall, weil der Film trotz aller Tragik nicht jene fast greifbare Hoffnungslosigkeit atmet, wie es Remarques Werk (bzw. auch dessen filmische Umsetzung von 1930) tut. Eigentlich hat mich der Film vom Aufbau her eher ein bisschen an „Steiner – Das Eiserne Kreuz“ (1977) erinnert, was das Zusammenspiel zwischen Vorgesetzten und Soldaten, zwischen Gehorsam und Disziplinlosigkeit betrifft – etwas, das man in „Im Westen nichts Neues“, in dem sich die Soldaten praktisch widerspruchslos in ihr Schicksal fügen (müssen), kaum findet. Wobei auch der Vergleich mit „Steiner“ nicht so richtig passt, weil „Unknown Soldier“ durch den gelegentlichen Perspektivenwechsel zur „Heimatfront“ ein ganzes Stück emotionaler und weniger plakativ ist.

Wieso mich der Film insgesamt trotz positiver Ansätze dennoch nicht recht überzeugen konnte, ist schnell erklärt: Wie häufig in diesem Genre ist auch „Unknown Soldier“ letztlich nicht mehr als eine durch einen losen Handlungsstrang verbundene Ansammlung an Kampfhandlungen. Auf die mindestens genauso wichtigen Zwischentöne verzichtet der Film zwar nicht, allerdings können sie qualitativ bei Weitem nicht mit der wirklich großartigen Optik (dazu unten mehr) mithalten. Heißt: Es fehlt „Unknown Soldier“ vor allem an Charakteren, die realistisch Emotionen vermitteln können. Zwar gibt es mit der Hauptfigur, dem widerspenstigen Rokka (übrigens sehr gut von Eero Aho dargestellt), eine starke Identifikationsfigur, der Rest des Casts geht demgegenüber aber fast vollständig unter. Man spürt regelrecht, wie der Regisseur versucht, das mit verschiedenen Einstellungen, mit dem Zeigen der Heimat und ähnlichen Kniffen wettzumachen – nur gelingt ihm das nicht, seine Figuren bleiben großteils blass und nichtssagend. Entsprechend kühl steht man ihrem Leiden letztlich gegenüber, was schon fast zu einem schlechten Gewissen führt.

Technisch brillant.

Abschließend ein paar Worte zu Technik und Ausstattung: Es ist fast schon unglaublich, wie hochwertig und realistisch alles in „Unknown Soldier“ wirkt. Man darf ja nicht vergessen, dass es sich hierbei um keinen Hollywood-Blockbuster handelt. Das Budget lag, so ist es zu lesen, allerdings dennoch bei rund 7 Millionen Euro, was wohl die höchste Summe ist, die in Finnland je für einen Film ausgegeben wurde. Insofern hat sich das definitiv gelohnt, denn alles in „Unknown Soldier“ sieht hervorragend und in die Zeit passend aus. Aber nicht nur die Ausstattung ist großartig: Auch und vor allem die Kamera-Arbeit beeindruckt. Nicht nur, weil es in Finnland per se sehr schön ist und die wilde Rauheit der Landschaft toll eingefangen wurde, sondern auch die Art und Weise, wie mit Licht und Farben gespielt wurde, hat mich schwer beeindruckt. Dazu die Handkamera in den Kampfszenen, wirklich beängstigende Explosionen, der ständige Eindruck von Improvisation bei Waffen und Ausrüstung – so geht Realismus!

Unterm Strich ist und bleibt „Unknown Soldier“ für mein Dafürhalten dennoch ein zweischneidiges Schwert. Auf der Habenseite stehen einerseits die beeindruckende Inszenierung nebst Ausstattung und Kamera-Arbeit, andererseits die eindrückliche Botschaft über die Sinnlosigkeit und das Drama das Krieges für den Einzelnen. Leider – und das meine ich ernst, ich finde es wirklich sehr schade – spiegelt sich das nicht in den Emotionen wieder, die man als Zuseher für die Figuren entwickeln sollte. Es mag wie ein Klischee klingen, aber „Unknown Soldier“ ist skandinavisch-unterkühlt, was hier einfach nicht so gut passt, wie ich finde. Wahrscheinlich hätten eine weitere echte Identifikationsfigur oder ein stärkerer Antagonist gereicht, um dem Film den letzten Schub nach vorne zu geben. So reicht es bei mir nur für eine mittelmäßige Wertung.

Gesamteindruck: 4/7


Originaltitel: Tuntematon sotilas.
Regie:
Aku Louhimies
Drehbuch: Aku Louhimies, Jari Olavi Rantala
Jahr: 2017
Land: Finnland
Laufzeit: ca. 180 Minuten
Besetzung (Auswahl): Eero Aho, Johannes Holopainen, Jussi Vatanen, Aku Hirviniemi, Paula Vesala, Samuli Vauramo