FilmWelt: Tideland

„Tideland“ verlangt hauptsächlich eines: Einfühlungsvermögen. Auf diese Tatsache wird vom Regisseur vor Beginn der „Vorstellung“ hingewiesen – wahrscheinlich ein absolutes Novum in der Filmgeschichte. Allerdings dürften es die wenigsten Zuschauer schaffen, sich so auf das Werk einzulassen, wie sich Monty Python-Mitbegründer Terry Gilliam das wohl gewünscht hat.

Gesamteindruck: 3/7


Liefert dem Zuseher zu wenig Kontext.

Die Welt der Hauptfigur Jeliza-Rose (Jodelle Ferland) ist düster und abgedreht, was durch gute Kameraführung und Farbgebung sehr wirkungsvoll unterstrichen wird. Das im Großen und Ganzen auf musikalische Untermalung verzichtet wird, tut ein Übriges dazu, die bedrückende Atmosphäre zu verstärken. Ebenfalls stark sind die schauspielerischen Leistungen; wobei es letztlich auf die persönliche Stimmung ankommt, ob man Jeliza-Rose als nervig oder als passend empfindet.

Woran es dem Film mangelt, ist eine spannende Erzählweise. Während man zusieht, wartet man ständig darauf, dass etwas passiert. Das tritt aber nur in einigen wenigen Momenten ein, ansonsten plätschert alles vor sich hin und setzt zum Teil auf Ekeleffekte, zum Teil auf Selbstgespräche der Hauptdarstellerin, die seltsam inhaltsleer wirken. Auch ist der Streifen – so seltsam das klingen mag – zu „realistisch“. Es sind zwar durchaus surreale Passagen enthalten, es gibt jedoch keine „Fantasy-Elemente“, die man nach Ansehen des Covers und Lesen der Inhaltsangabe eigentlich erwartet. Die beste Figur im Film (neben dem von Jeff Bridges wie üblich grandios gespielten Noah) ist der geistig zurückgebliebene Dickens, dargestellt von Brendan Fletcher. Ab dessen ersten Auftritt sehnt man sich nach weiteren Szenen mit ihm, die zum Teil aber nicht unumstritten sind – vor allem die Ausschnitte, zwischen ihm und Jeliza-Rose, die sexuelle konnotiert zu sein scheinen. Diese Szenen gehen allerdings nicht über die Andeutung hinaus.

Die Bewertung des Filmes ergibt sich aus einem großen Plus bei Darstellern, Farben und Kulissen (obwohl man ähnliche schon in vielen Horrorfilmen gesehen hat). Negativ fällt die Erzählweise auf, bei der man völlig auf sich allein gestellt ist. Es gibt keine Hinweise, nicht einmal Andeutungen, welchen Zweck das Ganze überhaupt hat. So kann der Film weder schockieren noch zu einer tiefergehenden Auseinandersetzung anregen.

Gesamteindruck: 3/7


Originaltitel: Tideland
Regie: Terry Gilliam
Jahr: 2005
Land: Kanada/UK
Laufzeit: 122 Minuten
Besetzung (Auswahl): Jodelle Ferland, Janet McTeer, Brendan Fletcher, Jennifer Tilly, Jeff Bridges


BuchWelt: Der Fall des Lemming

Stefan Slupetzky


„Der Fall des Lemming“ ist trotz streckenweise haarsträubender Skurrilität ein leicht und schnell zu lesendes Buch. Schwarzer Humor wechselt sich mit interessanten Wendungen ab und den Detektiv beim bemühten Kombinieren und zufälligen Stolpern über Wahrheiten und in Fettnäpfchen zu beobachten macht einfach Freude.

Gesamteindruck: 6/7


Schwarzer Humor auf österreichisch.

Auf den ersten Blick könnte man meinen, bei Stefan Slupetzkys „Lemming“ handelt es sich um einen nachgemachten „Brenner“ (Wolf Haas). Zu ähnlich verlaufen die Karrieren der beiden Hauptfiguren (Kripo – Detektivbüro – Privatdetektiv). Auch die Fälle, in die die beiden in sich gekehrten Einzelgänger verwickelt werden, sind ähnlich verzwickt, brutal und voller Wendungen. Zuguterletzt haben beide Autoren das Talent, das typisch Österreichische nahezu perfekt einzufangen und zu zelebrieren.

Ein billiger Abklatsch also? Mitnichten, allein der Schreibstil ist ein völlig anderer. Slupetzky schreibt „normal“, verwendet den österreichischen Dialekt und umgangssprachlichen Satzbau lediglich ab und an in der direkten Rede. Auch dass der Autor ein Wiener ist und als solcher die hiesige Seele bestens zu beschreiben weiß, ist ein sehr gutes Unterscheidungsmerkmal. Dazu kommt ein pechschwarzer Anstrich des Ganzen, der zwar auch bei Wolf Haas vorhanden ist, bei Slupetzky aber wesentlich subtiler wirkt.

Die Höchstwertung bleibt dem 1. Band der „Lemming“-Reihe nur verwehrt, weil die Auflösung des Falles nicht ganz meine Erwartungen erfüllt hat – hier hätte ich etwas mehr Finesse erwartet. Dennoch eine Empfehlung für Freunde des österreichischen Krimis, den man mittlerweile schon fast als eigenes Sub-Genre bezeichnen kann.

Gesamteindruck: 6/7


Autor: Stefan Slupetzky
Originaltitel: Der Fall des Lemming – Eine Wiener Mordgeschichte.
Erstveröffentlichung: 2004
Umfang: ca. 260 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Taschenbuch