SpielWelt: Beneath a Steel Sky


„Beneath a Steel Sky“ (1994) ist ein Titel, den ich in den vergangenen 25 Jahren immer mal wieder im Kopf hatte. Nun, ein Vierteljahrhundert nach seinem Erscheinen, war es endlich soweit: Ich habe mir das Spiel bei GOG.com heruntergeladen (dort wird es derzeit übrigens verschenkt!) und war gespannt, was mich erwarten würde.

Gesamteindruck: 5/7


Cyberspace und Body-Modification.

Ein kurzer Blick in die Geschichtsbücher zeigt: Die Zeit von 1985 bis 1995 kann man mit Fug und Recht als Goldene Ära der klassischen Grafik-Adventures bezeichnen. Im kollektiven Gedächtnis untrennbar damit verbunden sind vor allem zwei Software-Studios: LucasArts (u. a. „Maniac Mansion“, „Indiana Jones“, „Monkey Island“) und Sierra On-Line (u. a. „King’s Quest“, „Space Quest“, „Leisure Suit Larry“). Deren Spiele waren in meiner Erinnerung tatsächlich sehr gut, gleichzeitig konnten sie aber auf umfangreiche Marketingbudgets zurückgreifen. Und doch machten immer mal wieder auch kleinere Hersteller von sich reden – so auch Revolution Software aus England, die 1992 mit ihrem Debüt „Lure of the Temptress“ einen Achtungserfolg verbucht hatten. 1994 legten sie mit „Beneath a Steel Sky“ ein in allen Bereichen verbessertes Zweitwerk vor, das ihnen weiteres Lob sowie passable Verkaufszahlen brachte. Anmerkung am Rande: Der endgültige Durchbruch sollte Revolution dennoch erst 1996 mit dem Auftakt der „Baphomet’s Fluch“-Reihe gelingen. Das dann allerdings so nachhaltig, dass das Studio eines der wenigen jener Zeit ist, das bis heute fortbesteht.

Darum geht’s:
In nicht allzu ferner Zukunft hat die Menschheit es mal wieder geschafft: Die Erde ist ein verseuchter, großteils kaum bewohnbarer Ort geworden. Die kümmerlichen Reste der Spezies sind entweder in wenigen Megastädten zusammengepfercht oder hausen zwischen diesen, im „Gap“ genannten Ödland. Dort ist, nach einem Unfall, bei dem seine Eltern ums Leben gekommen sind, Robert Foster aufgewachsen. Eines Tages tauchen Regierungstruppen auf, metzeln den Stamm, der Foster aufgenommen hat, nieder und verschleppen den Erstaunten per Hubschrauber nach Union City. Doch im Landanflug fallen die Instrumente aus und der Heli stürzt in die Stadt. Foster überlebt den Crash zwar, muss ich nur aber in unbekannter Umgebung zurechtfinden und bei dieser Gelegenheit gleich auch dem Geheimnis der allmächtigen Computerintelligenz LINC auf die Spur kommen. Und auch die Gedächtnislücken, die ihn zeitlebens plagen, sollten endlich gefüllt werden

„Beneath a Steel Sky“ ist ein klassisches Grafik-Adventure: Man bewegt seinen Charakter per Mausklick in Seitenansicht durch handgezeichnete, teilweise animierte Hintergründe, die meist einen Bildschirm breit, ab und an aber auch etwas weitläufiger sind. Dort löst man die üblichen Rätsel, die meist aus der Kombination verschiedener, vorher aufgesammelter Gegenstände miteinander oder mit einem Element am aktuellen Bildschirm bestehen. Außerdem gibt es die typischen Multiple-Choice-Gespräche mit verschiedensten NPCs. Beides zusammen treibt die Handlung voran.

Eine eigene Nische.

Die Story prophezeit uns eine düstere Zukunft, in der die Geschicke der Menschheit von mächtigen Konzernen und künstlicher Intelligenz bestimmt werden. Kommt einem heute irgendwie bekannt vor… Diese Vision erzeugt schon per se ein mulmiges Gefühl, das durch das Geschehen auf dem Bildschirm noch verstärkt wird: Hier fließt Blut, wenn ein Laserstrahl einen Menschen halbiert, dort lässt man sich von einem zwielichtigen Arzt einen Port einbauen, um den Cyber… äh… LINC-Space betreten zu können, gleichzeitig rostet die Stadt vor sich hin, während die Bewohner, vom allmächtigen Computer in Klassen eingeteilt, ihr Dasein fristen, ohne sich über ihr Sklaventum bewusst zu sein.

Aus heutiger Sicht hätte ich „Beneath a Steel Sky“ wohl noch mehr gemocht, wenn es nur aus diesem finsteren Grundton bestanden hätte. Dem ist aber nicht so: Wie später von „Fallout“ (1997) perfektioniert, präsentiert sich das Spiel mit einem hohen Grad an Ironie. Im Gegensatz zum post-nuklearen Rollenspiel von Black Isle schreckt man allerdings auch vor der einen oder anderen Slapstick-Einlage nicht zurück und hat mit Begleitroboter Joey sogar einen Sidekick zur Hand, der für diverse Lacher gut ist. All das passt freilich perfekt in eine Zeit, in der Adventures zu einem hohen Grad über ihren Humor definiert und beurteilt wurden.

Heute kommt die Ironie – so es sie überhaupt gibt – deutlich subtiler zum Einsatz, was mir persönlich besser gefällt. All das soll nun aber nicht heißen, dass man „Beneath a Steel Sky“ als Comedy á lá „Monkey Island“ abheften kann, im Gegenteil. Ich halte es aber wichtig, auf diesen Unterschied sowohl zu zeitgenössischen als auch zu modernen Adventures hinzuweisen – so gesehen haben Revolution Softwre mit diesem Werk 1994 tatsächlich eine ganz eigene Nische besetzt.

Gute Grafik vs. Gedudel des Todes.

Grafisch braucht sich „Beneath a Steel Sky“ keineswegs vor den Großen des Genres zu verstecken. Im Gegenteil: Weil die düstere Optik weitgehend der dystopischen Handlung folgt, hebt sich das Spiel relativ stark von seinen Zeitgenossen ab. Für Teile der Grafik war übrigens – wie schon bei „Lure of the Temptress“ – Comiczeichner Dave Gibbons (u. a. „Watchmen“) verantwortlich. Klar: Auf heutigen Bildschirmen ist das Spiel arg pixelig, das gilt aber für die meisten Werke jener Ära und stört daher auch nicht weiter. Mit einer Ausnahme: Wenn es geht darum geht, einen kleinen Gegenstand zu finden und aufzuheben, wird das Spiel ab und an zu einer echten Herausforderung. Ich muss sogar zugeben, dass ich deshalb ein- oder zweimal eine Komplettlösung bemühen musste, einfach weil ich etwas übersehen habe, das im Pixelbrei kaum erkennbar war.

Beim Sound punktet „Beneath a Steel Sky“ mit Sprachausgabe für alle Figuren. Die ist durchaus professionell, allerdings muss man sich, spielt man auf Englisch, mit merkwürdigen Akzenten herumschlagen, die ich nicht so passend finde. Ein wirklicher Wermutstropfen, der sogar auf den Gesamteindruck durchschlägt, ist hingegen die Musik: Das Gedudel nervt schnell, passt oft überhaupt nicht zum Geschehen auf dem Bildschirm und ist ganz generell nicht sonderlich gelungen. Schade, denn dadurch wird die Atmosphäre erheblich gestört. Immerhin kann man die Lautstärke der Musik stark nach unten regulieren, ganz abschalten lässt sie sich allerdings nicht.

Effiziente Bedienung.

Der augenfälligste Unterschied zu „Monkey Island“ & Co. soll nicht unerwähnt bleiben: „Beneath a Steel Sky“ verzichtet komplett auf die damals noch als Standard geltende Steuerung über klickbare Verben am unteren Bildschirmrand („Gehe zu“ usw.) oder Interaktions-Symbole. Die Bedienung ist dadurch deutlich einfacher bzw. effizienter und beschränkt sich auf den Linksklick für gehen und ansehen sowie einen Rechtsklick, der automatisch die „richtige“ Aktion in der jeweiligen Situation ausführt. Ich glaube, dass ich mich 1994 im ersten Moment schwer damit getan hatte, immerhin bin ich mit den Verben sozialisiert worden („Maniac Mansion“ war eines der ersten Adventures, die ich jemals ausprobiert habe); 2021 weiß man natürlich, dass diese Form der Bedienung sich zu Recht durchgesetzt hat. Ob „Beneath a Steel Sky“ das erste Spiel war, das so gesteuert wurde, entzieht sich meiner Kenntnis; ich vermute aber, dass es eines der ersten gewesen sein könnte.

Von diesem doch recht großen Unterschied abgesehen, haben Revolution Software viele Tugenden der Konkurrenz übernommen und gleichzeitig auf das eine oder andere No-Go verzichtet. Besonders erfreulich: Es gibt keine Sackgassen (ich schaue in deine Richtung, Sierra On-Line…). Allerdings kann der Held, im Gegensatz zu vielen anderen Adventures, an gewissen Stellen im Spiel sterben. Glücklicherweise waren die Programmierer so großzügig, eine verschwenderisch große Anzahl an Speicherslots (1994 dürfte das fast eine …ähem… Revolution gewesen sein) auszustatten. Die sollte man tunlichst benutzen – wobei ich erwähnt haben möchte, dass die Tode, die die Figur sterben kann, im Großen und Ganzen nicht unfair sind, von der finalen Szene mal abgesehen. Unerwartet sind sie allemal, aber wenn man es zum ersten Mal erlebt hat, weiß man Bescheid und speichert entsprechend häufig ab.

Vorbildlich wurden im Übrigen die Rätsel designt: „Beneath a Steel Sky“ ist praktisch immer mit Logik und/oder ein bisschen ausprobieren beizukommen. Komplett unlogische und abseitige Puzzles, bei denen man sich fragt, wie sie jemals jemand ohne Komplettlösung schaffen konnte, gibt es nicht. Die größte Herausforderung besteht – ich habe es weiter oben erwähnt – in der auf großen Bildschirmen extrem pixeligen Grafik, die Gegenstände schon mal (fast) unsichtbar macht. Das führt heute mehr noch als früher zum berühmt-berüchtigten Pixelhunting, also dem „Scannen“ des Hintergrundes per Mauszeiger (Hotspot-Anzeige gab es damals natürlich noch keine). Interessanterweise fühlt sich „Beneath a Steel Sky“ durch dieses eher einsteigerfreundliche Rätselmodell deutlich moderner an als seine teils bockschweren Zeitgenossen. Rätselfreunde werden darüber eventuell die Nase rümpfen, mir hat es gefallen, weil ich das Gefühl hatte, logische Puzzles und eine interessante Story wären den Programmierern nahezu gleich wichtig gewesen. Und ganz so einfach wie beispielsweise „The Wolf Among Us“ (2013) ist es letztlich auch wieder nicht. Oder, um ein Klischee zu prägen: Die Mischung, die uns Revolution hier kredenzen, ist genau richtig.

Abzüglich der erwähnten Schwächen, zu denen ich noch die teils sehr umständlichen und langwierigen Laufwege zählen möchte (unter denen freilich fast alle Adventures jener Zeit leiden), komme ich damit auf starke 5 Punkte. Wenn die Musik etwas dezenter gewesen wäre, hätten es locker 6 sein können – aber auch so ist das ein mehr als respektables Ergebnis, vor allem, wenn es von einem kommt, bei dem damals praktisch nichts gegen „Monkey Island“ und „Indiana Jones“ bestehen konnte.

Gesamteindruck: 5/7


Genre: Point & Click-Adventure
Entwickler:
Revolution Software
Publisher: Virgin Interactive, Revolution Software
Jahr:
1994
Gespielt auf: PC


Screenshots aus „Beneath a Steel Sky“ – Copyright beim Entwickler!

BuchWelt: Lobgesang auf Leibowitz

Walter M. Miller, Jr.


Ich könnte ad hoc nicht sagen, wie lange ich „Lobgesang auf Leibowitz“ schon auf meinem Stapel ungelesener Bücher (SuB) habe. Gefühlt dürfte es sich sogar um eines der ersten Werke handeln, das ich auf jenen (imaginären) Stoß gegeben habe, seit ich zur arbeitenden Bevölkerung gehöre und mir Bücher in größeren Mengen leisten kann. Nun, im Jahre des Herrn 2021 (um im Duktus der Abtei des Heiligen Leibowitz zu sprechen), habe ich endlich die Zeit gefunden, mich mit diesem gefühlt relativ unbekannten Klassiker der postapokalyptischen Science Fiction zu beschäftigen.

Gesamteindruck: 4/7


Wiederholungstäter.

Vordergründig ist „Lobgesang auf Leibowitz“ eine dystopische Science Fiction-Geschichte und behandelt in drei Teilen den Wiederaufstieg der Menschheit nach einer globalen Katastrophe. Autor Walter Miller geht davon aus, dass sich dieser Prozess in Schritten bzw. Epochen vollzieht, die der Vergangenheit unserer westlichen Zivilisation ähneln: „Fiat Homo“ spielt in einer Art Mittelalter, 600 Jahre nach einem großen Atomkrieg, „Fiat Lux“ wiederum 600 Jahre später in einem Zeitalter, das an die Renaissance erinnert und „Fiat Voluntas Tua“ noch einmal sechs Jahrhunderte später zu Beginn einer neuen Raumfahrt-Ära. Verbindendes Element ist die Arbeit der Mönche in der Abtei des Heiligen Leibowitz, irgendwo in einer Wüste im Südwesten von Amerika.

Worum geht’s?
Nachdem ein Atomkrieg die Erde verwüstet hatte, wurden sämtliche Bücher und Erkenntnisse, die die Katastrophe überstanden hatten, vernichtet. Wissenschaftler wurden ermordet, wo man ihrer habhaft werden konnte – alles, um eine neuerliche nukleare Auseinandersetzung zu verhindern. Ein gewisser Isaac Leibowitz war einer von wenigen, die versuchten, das alte Wissen zu bewahren, wofür er schließlich mit seinem Leben bezahlte. 600 Jahre später hat die Menschheit die Barbarei hinter sich gelassen und der Orden des mittlerweile als Märtyrer verehrten Leibowitz arbeitet daran, die letzten Überbleibsel der alten Zivilisation zu finden und zu bewahren, auf das irgendwann wieder eine Zeit der Erleuchtung folgen möge

Die Prämisse, dass ein christlich-religiöser Orden versucht, so viel wie möglich vom verloren gegangenen Wissen der Menschheit zu bewahren, ist sowohl groß- als auch einzigartig. Und das sage ich nicht nur, weil ich Endzeit-Geschichten generell mag: „Lobgesang auf Leibowitz“ stellt Fragen, die zur Zeit seiner Veröffentlichung relativ selten in der Science Fiction vorgekommen sind, beispielsweise nach dem Verhältnis zwischen Staat, Kirche und Wissenschaft, aber auch nach Segen und Fluch des Fortschritts. Ein großes Alleinstellungsmerkmal sind dabei die wechselnden Rollen, die die sich ändernden Zeiten widerspiegeln: Anfangs ist es ausgerechnet die Kirche, die das tut, was eigentlich Aufgabe der Wissenschaft wäre und die dadurch einen erneuten Aufschwung der Menschheit ermöglicht. Später erkennt niemand außer den Mönchen die Gefahren, die dieses Wissen birgt, wenn es ohne moralischen Kompass zum Einsatz kommt. All das hebt sich sehr stark vom damals üblichen Science Fiction-Roman ab – und ist auch in heutigen Genrebeiträgen alles andere als alltäglich.

Es wäre jedoch zu kurz gegriffen, vorliegendes Werk „nur“ auf Science Fiction zu reduzieren. Neben den von mir beschriebenen moralischen Implikationen stellt das Buch eine zyklische Geschichte vor: Die 1.800 Jahre, die die Handlung abdeckt, spiegeln im Endeffekt die 1.800 Jahre wieder, wie sie vor dem fiktiven Atomschlag – also in unserer Realität – abgelaufen sind. Und dem Leser stellt sich damit die Frage, ob sich die Fehler, die die Menschheit begeht, zwangsweise wiederholen. Ich verrate wohl nicht zu viel, wenn ich sage, dass die Antwort von Walter Miller höchst pessimistisch ausfällt.

Kein überbordender Unterhaltungswert.

Doch auch, wenn ich die dahinterstehende Philosophie begrüßenswert und als hervorragende Anregung zum Nachdenken empfinde: „Lobgesang auf Leibowitz“ ist immer noch ein Roman, der unterhalten soll. Und das ist der Knackpunkt: Während ich „Fiat Homo“ mit großem Vergnügen gelesen habe und auch „Fiat Lux“ empfehlen kann, empfinde ich den finalen Abschnitt über weite Strecken als schwere Kost. Mag sein, dass das mit der Veröffentlichungsweise zu tun hat: Die drei Teile erschienen zwischen 1955 und 1957 als Novellen in einer amerikanischen Science Fiction-Zeitschrift, eine Gesamtveröffentlichung erfolgte erst 1960. Eventuell liegt es daran, dass „Fiat Voluntas Tua“ die Leichtigkeit seiner Vorgänger fehlt.

Letzten Endes sind diese Schwierigkeiten, die ich mit dem finalen Part der Geschichte habe, der Grund für meinen eher durchwachsenen Gesamteindruck. Philosophische Erwägungen sind ja schön und gut – in „Fiat Voluntas Tua“ hatte ich aber über weite Strecken nicht das Gefühl, dass der Autor wusste, wohin er eigentlich mit seiner Geschichte will. Oder, anders ausgedrückt: Die Story ist schon da, sie ist aber relativ dünn und wirkt, als wäre sie nur vorhanden, um eine Entschuldigung für große Philosophie zu haben (der ich ehrlich gesagt nicht sonderlich gut folgen konnte).

Was die Charaktere betrifft, gibt es wenig Grund zur Beschwerde. Vor allem die Hauptfigur in „Fiat Homo“, ein einfacher Mönch, der nicht weiß, wie ihm geschieht, als er plötzlich Artefakte des Heiligen findet, den sein Orden seit Jahrhunderten verehrt, ist dem Autor hervorragend gelungen. Speziell daraus zieht der erste Abschnitt seine leichte Lesbarkeit – Bruder Francis Gerard ist zwar sehr gläubig und bescheiden, gleichzeitig aber auch ein wenig einfältig und tollpatschig. Dieser krasse Gegensatz zur doch recht harten Philosophie macht die Mischung aus und „Fiat Homo“ zu einem echten Lesevergnügen. Derartige Sympathieträger kommen in den anderen zwei Teilen des Romans nicht vor – wobei ich das Hin & Her zwischen Abt Dom Paolo und dem Wissenschaftler Thon Taddeo Pfardentrott in „Fiat Lux“ durchaus goutiere. Der letzte Akt enthält im Gegensatz dazu kaum memorable Figuren, was wohl ein Mitgrund für die schwerere Lesbarkeit sein dürfte.

Alles in allem ist „Lobgesang auf Leibowitz“ ein Werk, das jeder, der sich für postapokalyptische Szenarien interessiert, gelesen haben sollte. Eine Einschränkung gibt es allerdings: Walter Miller beschreibt hier kein großes Bild möglicher Gesellschaftsformen in einer dystopischen Zukunft. Er konzentriert sich auf einen Aspekt (die Erhaltung des Wissens und den Versuch, die Wiederholung alter Fehler zu verhindern), auf den allerdings sehr detailliert. Wer damit umgehen kann und ein gesundes Interesse an philosophischen Erwägungen, die gelegentlich die Story überdecken, hat, kann zu untenstehender Wertung vielleicht einen oder zwei Punkte addieren. Mir persönlich ist das Buch gegen Ende hin zu unfokussiert, sodass der Gesamteindruck nicht über das gehobene Mittelmaß hinauskommt.

Gesamteindruck: 4/7


Autor: Walter M. Miller, Jr.
Originaltitel: A Canticle for Leibowitz.
Erstveröffentlichung: 1955-1957
Umfang: ca. 320 Seiten
Gelesene Sprache: Englisch
Gelesene Version: E-Book

FilmWelt: Der Schacht

„Der Schacht“, erstmals 2019 vorgestellt, war wohl einer der Filme, von denen im Seuchenjahr 2020 am meisten gesprochen wurde. Zu Recht, wie ich finde, wobei man schon eine gewisse Vorliebe für einigermaßen bizarr vorgebrachte Kritik am Kapitalismus mitbringen sollte….

Gesamteindruck: 6/7


Verteilungsungerechtigkeit.

Interessant: Im spanischen (!) Original heißt vorliegender Film „El Hoyo“, was soviel wie „Grube“ oder „Loch“ bedeutet und damit ungefähr der deutschen Übersetzung des Titels entspricht. Auf Englisch hat man sich hingegen für „The Platform“ entschieden, was ebenfalls sehr gut zum Inhalt passt, obwohl es ein völlig anderes, ebenfalls zentrales Element des Films beschreibt. Jene Plattform ist übrigens auch am Filmposter zu sehen, so gesehen ist der internationale Titel sogar noch eine Spur konsistenter – was aber nicht unbedingt „besser“ bedeutet. Was das mit der Qualität des Films zu tun hat? Nichts, ich fand es einfach eine Erwähnung wert 😉

Worum geht’s?
„Der Schacht“, offiziell „Vertikales Zentrum für Selbstverwaltung“ genannt, besteht aus einer Reihe von exakt über- und untereinander liegenden, völlig identischen Zellen, in denen sich jeweils zwei Insassen befinden. Die Decke bzw. der Boden sind in der Mitte offen und eine Plattform bringt täglich eine reiche Auswahl an erlesenen Speisen von oben nach unten. Nur kurz haben die Insassen Zeit, sich daran gütlich zu tun, dann ist die Etage darunter dran. Wozu das alles dient, weiß niemand so genau. Auch Goreng, der sich freiwillig für seinen Aufenthalt gemeldet hat, kann nichts über den Sinn und Zweck des Ganzen sagen. Bald muss er jedoch feststellen, dass die sechs Monate, die er am Experiment teilnehmen sollte, schwer zu überstehen sein werden…

Im ersten Moment scheint die Idee, die hinter diesem Werk des Regisseurs Galder Gaztelu-Urrutia steckt, völlig abstrakt und wahnwitzig zu sein. Klar, die minimalistische Umgebung, in der der Spanier seine wenigen Schauspieler agieren lässt, die gesamte Ausstattung sowie die anfangs sehr bizarr anmutende Story deuten zuallererst auf eine Art dystopischen Horrorfilm hin. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich aber schnell, dass sich der Filmemacher einer sehr klaren Symbolik bedient, die nicht sonderlich komplex ist: „Der Schacht“ ist nicht mehr und nicht weniger als Kapitalismus in Reinkultur. Das bedeutet: Die, die ganz oben sind, haben alles im Überfluss, jede Ebene darunter muss mit dem Vorlieb nehmen, was von denen darüber übrig gelassen wird. Wohin das führt, ist klar – wer weit unten ist, stirbt, weil niemals genug bei ihm ankommt.

Die menschliche Natur.

Und noch zwei Mechanismen, die wir aus der wirklichen Welt nur allzu gut kennen, gibt es: Eigentlich würde das Essen, das den Schacht Tag für Tag durchquert, für alle Insassen reichen. Nur müssten die sich dazu überwinden, zusammenzuarbeiten, also von der ersten bis zur letzten Etage alles einzuteilen. Versuche dazu sind – in der Realität wie im Film – zwar da, scheitern aber kläglich an der menschlichen Gier.

Noch interessanter ist der zweite Aspekt: Die Bewohner bleiben jeweils nur einen gewissen Zeitraum auf ihrer Ebene, dann wird durchgemischt. Dafür gibt es in unserer Welt ebenfalls eine Entsprechung, die die meisten Menschen allerdings eher selten trifft, die aber dennoch wie ein Damoklesschwert über jedem von uns hängt: Der Verlust des sozialen und wirtschaftlichen Status. Hier zeigt sich dann schnell, dass es leicht ist, sich moralisch überlegen zu fühlen, wenn man ganz oben ist. Wer hingegen tief im Schacht ums Überleben kämpfen muss, legt solche Vorstellungen ganz schnell ad acta. Mindestens genauso schlimm: Wer vorher unten war und sich dann auf einer höheren Etage wiederfindet, ist überhaupt nicht mehr bereit, auf etwas zu verzichten – obwohl oder gerade weil er genau weiß, was passiert, wenn man unten ist. All das ist sehr unangenehm beim Ansehen, weil man sich sofort fragt, wie man selbst handeln würde – und die Antwort, die man sich nicht laut zu geben wagt, dürfte bei den meisten von uns ziemlich eindeutig ausfallen.

Kammerspiel mit schwachem Finale.

„Der Schacht“ kommt mit wenigen Schauspielern aus, die ihre Sache aber gut machen. Hervorzuheben ist – natürlich – Hauptdarsteller Iván Massagué, der seine Rolle so sehr verinnerlicht hat, dass man sich fragt, wie man den Schauspieler überhaupt dazu gebracht hat, sich so zu erniedrigen, wie es im Film teilweise vorkommt. Ja, man weiß mit etwas Abstand natürlich, dass das in Wirklichkeit viel mit Schminke und Effekten zu tun hat, und doch ist es eine nicht zu unterschätzende Leistung, wenn man das während des Films mehrfach vergisst.

Der Regisseur präsentiert uns dieses Kammerspiel in dystopischen Bildern, irgendwo zwischen „Cube“ (1997) und „Das große Fressen“ (1973). Der minimalistische Look der Zellen steht dabei im krassen Kontrast zum auf Ebene 0 in Perfektion zubereiteten Essen, von dem unten freilich nur mehr Reste ankommen, bei deren Anblick dem zartbesaiteten Zuschauer schon mal übel werden kann. Und auch hier legt Gaztelu-Urrutia den Finger in die Wunde: Anfangs ist sich die Hauptfigur noch zu fein, die traurigen Überreste, die von oben kommen, überhaupt anzufassen – nach kurzer Zeit treibt ihn der Hunger dann aber doch dazu und jeder nicht vollständig abgenagte Knochen wird zum Festmahl.

Einen Kritikpunkt möchte ich nicht unerwähnt lassen: Das letzte Viertel des Films passt nicht so recht zum Rest. Die vorher trotz aller Ekeleffekte sehr klug gestellten Fragen nach Moral und Ethik weichen einer langwierigen und blutigen Action-Sequenz, die ich so nicht gebraucht hätte. Ja, sie zeigt zwar mit aller Eindringlichkeit die Brutalität des Systems – das hat der Film aber durchaus auch vorher schon gemacht. Es ist fast, als hätte der Regisseur plötzlich gedacht, alles, was er bis zu diesem Zeitpunkt erzählt hat, wäre nicht eindringlich genug gewesen. Dabei war eigentlich genau das die Stärke der ersten drei Viertel des Films: Niemand lief mit einer Waffe durch die Gegend – und doch war jener Teil vor allem auf geistiger Ebene deutlich härter und grausamer.

Unbequem, unangenehm – und gut.

Alles in allem ist „Der Schacht“ unter seiner dystopischen und überzeichneten Oberfläche ein ausgesprochen unbequemer und unangenehmer Film. Er legt den Finger direkt in eine offene Wunde unserer eigenen Gesellschaft; mehr noch, der ganzen Welt. Und das ist nicht schön für uns, die wir zu den privilegiertesten Menschen auf diesem Planeten gehören. Von daher: Mission erfüllt, falls es die Intention war, uns hier einen schrecklichen Spiegel vorzuhalten bzw. die Konsequenz unseres Tuns, die normalerweise so weit weg sind, für uns sichtbar zu machen.

Und weil mir die eher nebensächliche Rahmenhandlung, die schauspielerischen Leistungen und die Ausstattung sehr gut gefallen haben, gibt’s für „Der Schacht“ auch eine sehr gute Wertung. Für die Höchstnote reicht es knapp nicht, weil ich das letzte Viertel des Films nicht ignorieren konnte. Da wird’s dann leider ein bisschen inkonsequent, was einerseits nicht zum Rest passen will, andererseits wie ein Ausweichen vor den selbst gestellten Fragen wirkt. Dennoch: Volle Empfehlung für „Der Schacht“.

Gesamteindruck: 6/7


Originaltitel: El Hoyo.
Regie:
Galder Gaztelu-Urrutia
Drehbuch: David Desola, Pedro Rivero
Jahr: 2019
Land: Spanien
Laufzeit: ca. 95 Minuten
Besetzung (Auswahl): Iván Massagué, Antonio San Juan, Zorion Eguileor, Emilio Buale, Alexandra Masangkay



BuchWelt: Der Schwarm

Frank Schätzing


„Der Schwarm“, ein mit Auszeichnungen überhäufter Bestseller des deutschen Autors Frank Schätzing, lag jahrelang auf (bzw. mitten in) meinem Stapel ungelesener Bücher (SuB). Das Buch ist 2004 erschienen – und nun, ausgerechnet im „Seuchenjahr 2020“, bin ich erstmals dazu gekommen, es zu lesen. Und, soviel sei vorweggenommen, die knapp 1.000 Seiten haben sich durchaus gelohnt

Gesamteindruck: 6/7


Die Natur schlägt zurück.

Dass ich eingangs das für die ganze Welt sehr schwierige Jahr 2020 erwähne, hat einen Grund, der nicht nur mit der Corona-Pandemie zu tun hat. Wobei ich zunächst dran dachte, diese Verbindung zumindest ansatzweise herzustellen, denn auch im Buch kommt es zu einer Seuche, die unzählige Menschen dahinrafft; viel naheliegender ist allerdings ein anderes Ereignis, das kurz, nachdem ich „Der Schwarm“ zu Ende gelesen hatte, in den Nachrichten war: Offenbar häuften sich rätselhafte Attacken von Orcas auf Segelboote, wie u. a. hier berichtet wurde. Normalerweise hätte ich dieser Meldung nicht viel Bedeutung beigemessen – allerdings ist das tatsächlich etwas, das in Schätzings Roman praktisch 1:1 so vorkommt!

Inhalt in Kurzfassung
Auf den Weltmeeren und an den Küstenlinien häufen sich merkwürdige und tödliche Ereignisse: Quallen- und Algeninvasionen, Angriffe durch sonst so friedliche Wale, Tsunamis, die durch die Destabilisierung des Meeresbodens ausgelöst werden und Krabben, die gefährliche Bakterien an Land tragen. Zunächst als Zufall abgetan, wird nach und nach klar, dass es einen Zusammenhang zwischen den Geschehnissen gibt – oder steckt gar ein Plan zur Vernichtung der Menschheit dahinter? Eine Gruppe von Wissenschaftlern unterschiedlichster Disziplinen versucht unter Hochdruck, das Geheimnis zu lüften…

Frank Schätzing ist mit „Der Schwarm“ ein echter Pageturner gelungen. Primär hat das natürlich mit dem Stil zu tun: Der Autor schafft es mit scheinbarer Leichtigkeit, Cliffhanger an Cliffhanger zu reihen – und zwar ohne dermaßen plakativ und simpel zu wirken wie beispielsweise Dan Brown. Dabei sind die Kapitel bei Schätzing in weiten Teilen ähnlich kurz, was die Spannung praktisch über die gesamte Distanz sehr hoch hält. Anders als beim genannten Brown führt das im Falle von „Der Schwarm“ aber nicht zu einem „gehetzten“ Gefühl beim Lesen im Gegenteil, man hat nie den Eindruck, Frank Schätzing würde nur an der Oberfläche kratzen, um möglichst schnell durch die Kapitel toben zu können. Angenehm ist auch, dass der deutsche Autor es hinkriegt, trotz weitgehenden Verzichts auf Nebenhandlungen einiges an Tiefgang zu erzeugen. Ja, es gibt ein bisschen Gefühl und den einen oder anderen Schauplatz, den es nicht unbedingt gebraucht hätt, insgesamt liegt der Fokus aber klar darauf, die Handlung voranzutreiben.

Das allein würde schon für eine gute Wertung reichen – vorausgesetzt man kann mit einer Mischung aus Technik, Science Fiction, Naturkatastrophen und einer kleinen Prise Philosophie etwas anfangen. Für mich ist aber noch erstaunlicher, wie Frank Schätzing diese Zutaten zu einem beeindruckenden Gesamtwerk verquickt. Alles greift hier sehr gut ineinander, speziell aber die Verbindung aus realer Naturwissenschaft bzw. Technologie (hier seien als Beispiele Genetik und Meeresbiologie genannt) mit den fantastischen Elementen einer bisher unbekannten Intelligenz ist ausgezeichnet gelungen. Wenn ich einen Vergleich ziehen müsste, würde ich „Der Schwarm“ in einer ähnlichen Kategorie wie „DinoPark“ (Michael Crichton, 1990) einordnen – ebenfalls ein Techno-Thriller par excellence.

Science, Fiction und Philosophie.

Wenn man einen Kritikpunkt finden möchte, muss man wohl am ehesten bei den Charakteren suchen. Es gibt mehrere Hauptpersonen (übrigens schreckt Schätzing nicht davor zurück, die eine oder andere liebgewonne Figur sterben zu lassen), von denen mich aber nur wenige voll und ganz überzeugen können (speziell der norwegische Biologieprofessor Sigur Johanson ist ein Sympathieträger). Gepatzt hat der Autor zwar nicht direkt – man merkt aber recht deutlich, dass in „Der Schwarm“ die Wissenschaft die Hauptrolle spielt, garniert mit einer Prise Philosophie. Wirklich störend empfinde ich aber vor allem das Fehlen eines vernünftigen Bösewichts. Zwar stellt sich im Laufe der Handlung heraus, dass nicht alle am gleichen Strang ziehen, allerdings sind diejenigen Charaktere, die zweifelhafte Motive an den Tag legen, nichts als ein großes Klischee. An dieser Stelle kann man sich durchaus fragen, ob es überhaupt einen Antagonisten gebraucht hätte – aus meiner Sicht hätte „Der Schwarm“ auch ohne diesen Twist sehr gut funktioniert; und dann hätten wir uns die ausgelutschte Mär von den bösen Militärs und Geheimdienstlern sparen können.

Abgesehen von dieser Schwäche, die mir vorkommt, als hätte Frank Schätzing einfach etwas zu viel in seinem Buch unterbringen wollen, kann ich wenig an „Der Schwarm“ aussetzen. Freilich darf man nicht vergessen, dass die Ideen, die der Autor in diesem Roman diskutiert, nicht unbedingt neu sind. Er lässt seine Figuren selbst Filme wie „Independence Day“ (1996) und „The Abyss“ (1989) erwähnen (vor allem mit zweiterem gibt es schon einige Gemeinsamkeiten), mein erster Gedanke war hingegen das Buch „Solaris“ von Stanisław Lem aus dem Jahr 1972.

Dennoch: „Der Schwarm“ ist meines Erachtens eigenständig genug – und wirkt allein deshalb ordentlich nach, weil die Geschichte (vermutlich) in unserer Gegenwart spielt, durch die umfangreiche Recherche wissenschaftlich plausibel wirkt und – nicht zuletzt – das sehr aktuelle Problem der globalen Umweltverschmutzung auf dramatische Weise aufgreift. Dass Schätzing zusätzlich darüber philosophiert, wie man mit Lebewesen, mit denen wir absolut nichts gemeinsam haben, Kontakt aufnehmen könnte (darum auch meine Assoziation mit „Solaris“), ist hingegen ein Lieblingsthema der ernsthaften Science Fiction und sollte bei deren Fans sehr gut ankommen.

Ich finde beide Aspekte ausgesprochen gelungen, sodass ich 6 von 7 Punkten vergebe. Für die Höchstwertung reicht es nicht ganz, weil ich während der Lektüre ab und an das Gefühl hatte, Schätzing hätte etwas zu viel gewollt und manchmal nicht ganz genau gewusst, wie er alles unterbringen soll. Spannend, schnell lesbar und gleichzeitig zum Nachdenken animierend bleibt „Der Schwarm“ dennoch.

Gesamteindruck: 6/7


Autor: Frank Schätzing
Originaltitel: Der Schwarm.
Erstveröffentlichung: 2004
Umfang: ca. 1.000 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: E-Book

BuchWelt: The Plant

Stephen King


Mit „The Plant“ hat Bestseller-Autor Stephen King ein interessantes Konzept verfolgt: Die ersten drei Teile des Fortsetzungsromans erschienen 1982 bis 1985 in limitierter Form als eine Art Weihnachtsgeschenk für Freunde und Familie. Danach ruhte das Werk, bis King Anfang 2000 begann, „The Plant“ in überarbeiteter Form im Internet zu veröffentlichen und fortzusetzen. Insgesamt gibt es zum Zeitpunkt dieser Rezension (2020) sechs Teile, die auf der Website des Autors als kostenloser Download verfügbar sind. 

Gesamteindruck: 6/7


Vielen Dank für die Blumen…

Vorweg eine Anmerkung für alle Interessenten: In den Untiefen des Internets findet man die eine oder andere deutschsprachige Version von „The Plant“. Eine offizielle Übersetzung existiert allerdings nicht; ich habe versuchsweise ein deutschsprachiges PDF angelesen, bin dann aber schnell wieder davon abgekommen. Einerseits, weil Stephen King im Original ohnehin leicht lesbar ist und Übersetzungen ihrer Vorlage sowieso selten gerecht werden. Andererseits weil es in meinem Fall so war, dass nur die Teile 1 und 2 einigermaßen brauchbar übersetzt waren. Der Rest las sich wie durch den automatischen Google Translator gejagt – und war es vermutlich auch. Daher: Einfach mal an das Original ranwagen, wenn man des Englischen halbwegs mächtig ist – es lohnt sich!

Inhalt in Kurzfassung
Wie jeder Verlag erhält auch die reichlich heruntergekommene Firma Zenith House immer wieder unaufgefordert eingesandte Manuskripte zwielichtiger Autoren. In einem dieser zweifelhaften Roman-Entwürfe entdecken die Lektoren verstörende Fotos, die auf einen Ritual-Mord hinweisen könnten. Die Polizei wird eingeschaltet, was dem abgelehnten Möchtegern-Autor naturgemäß sauer aufstößt. Er schwört Rache – und schickt den Verlegern zunächst eine kleine Topfpflanze. Im Laufe der Zeit beginnt das Gewächs ein merkwürdiges Eigenleben zu entwickeln…

Leider bezeichnet Stephen King das Projekt mittlerweile als Fehlschlag, es sieht also derzeit nicht danach aus, dass „The Plant“ jemals fertiggestellt wird. Ich persönlich fände es schade, wenn wir es hier tatsächlich mit der Unvollendeten von Stephen King zu tun hätten – aber noch ist aber nicht aller Tage Abend, denn der Autor hat die Pflanze ja schon einmal in eine jahrzehntelange Ruhephase geschickt. Die Hoffnung auf eine Fortsetzung lebt also.

Gute Figuren, unterhaltsame Story.

Abseits der interessanten Veröffentlichungsstrategie ist „The Plant“ ein klassischer King. Zumindest fast – die Story selbst ist eigentlich typisch, wenngleich nicht ganz so ernst, wie man es normalerweise gewohnt ist. Der große Unterschied zu anderen Romanen des Autors ist die Form: „The Plant“ ist ein Sammelsurium aus Briefen, Tagebucheinträgen und ähnlichen Schriftstücken. Erinnert z. B. an Bram Stoker’s „Dracula“, das sehr ähnlich aufgebaut ist. Mir gefällt diese Variante von King, denn er schafft es, seine Hauptpersonen hinreichend unterschiedlich klingen zu lassen. Natürlich, es ist immer noch Stephen King, der da schreibt, aber die Unterschiede sind dennoch akzentuiert genug, um die Illusion aufrecht zu erhalten, wir hätten es hier mit realen und grundverschiedenen Menschen zu tun.

Dass dem so ist, ist auch der wie üblich hervorragenden Charakterzeichnung des Autors zu verdanken. Ich war mir anfangs nicht sicher, ob das gelingen würde, wenn wie in diesem Fall kein allwissender Erzähler in der dritten Person über Ereignisse berichtet und Charaktere beschreibt. Man darf ja nicht vergessen, dass es kaum glaubwürdig ist, wenn in einer Tagebuchaufzeichnung ein Charakter einen anderen, mit dem er schon lange bekannt ist, bis ins Detail beschreibt. Das macht Stephen King zum Glück auch nicht – ihm gelingt es, durch immer mal wieder eingestreute Kleinigkeiten und Beobachtungen die Figuren plastisch und lebendig wirken zu lassen.

Form und Figuren sind also schon mal sehr gut gelungen – doch wie sieht es mit der Handlung aus? „The Plant“ soll wohl eine Persiflage auf das Horror-Genre sein, was mir aber gar nicht so sehr aufgefallen ist. Nun gut, ganz so grausig wie sonstige Horror-Visionen des Meisters ist die zunächst noch kleine und schwächlich wirkende Pflanze nicht gerade. Aber die Art und Weise, wie sich die Geschichte entspinnt und Fahrt aufnimmt ist durchaus gelungen, wie ich finde. Die Folge ist, dass der Roman trotz (oder gerade wegen) seiner kurzen Kapitel und der ungewohnten Form ein echter Pageturner ist. Ich hätte nicht gedacht, dass King so gut in der Lage sein würde, die „Fragmente“, aus denen „The Plant“ besteht, zu einer Geschichte zu formen, die wie aus einem Guss wirkt. Muss eine interessante Übung für den Meister gewesen sein.

Fazit: Ich habe grundsätzlich wenig bis gar nichts an „The Plant“ auszusetzen. Freilich ist es schwierig, zu bewerten, ob das Gesamtbild stimmig ist, wenn die Geschichte nicht abgeschlossen ist. Daher auch die geringere Punktezahl: Es gibt naturgemäß eine Menge loser Fäden, bei denen völlig offen ist, ob King sie zu einem befriedigen Abschluss bringen kann bzw. gebracht hätte, wenn er weiter geschrieben hätte. Verdammt… ich würde wirklich zu gerne wissen, wie es weitergeht – vielleicht erhört Stephen King seine Fans ja doch noch und weckt die Pflanze aus ihrem Winterschlaf. Was bisher darüber zu lesen ist hätte sich definitiv eine Fortsetzung und einen würdigen Abschluss verdient.

Gesamteindruck: 6/7


Autor: Stephen King
Originaltitel: The Plant.
Erstveröffentlichung: 1982
Umfang: ca. 300 Seiten
Gelesene Sprache: Englisch
Gelesene Version: E-Book

BuchWelt: The Running Man

Richard Bachman (alias Stephen King)


„The Running Man“ (zu deutsch „Menschenjagd“) ist das vierte Buch, das US-Schriftsteller Stephen King unter seinem Pseudonym Richard Bachman veröffentlicht hat. Für mich war dieses Werk aus dem Jahre 1982 mein erster Bachman-Roman und ich war sehr auf die Unterschiede zwischen King und seinem Pseudonym gespannt. 

Gesamteindruck: 6/7


Flotte aber düstere Medienkritik.

Richard Bachman liest sich tatsächlich etwas anders als Stephen King. Im Falle von „The Running Man“ äußert sich das meiner Ansicht nach nicht nur in Hinblick auf den Schreibstil – auch inhaltlich unterscheidet sich dieses Buch recht deutlich von dem, was der Bestseller-Autor unter seinem echten Namen bis zu diesem Zeitpunkt veröffentlicht hatte. Denn „The Running Man“ hat praktisch nichts mit den Horror-Geschichten zu tun, für die King im Veröffentlichungsjahr allseits bekannt war. Dieses Buch ist vielmehr eine ausgesprochen düsterer Zukunftsroman – und verbreitet als solcher nicht weniger Unbehagen als „Carrie“, „Shining“ und wie sie alle heißen.

Inhalt in Kurzfassung
Benjamin Richards ist verzweifelt: Seine Tochter ist schwer krank, die dringend notwendigen Medikamente kann sich der Arbeitslose trotz aller Bemühungen nicht leisten. Die einzige Möglichkeit, doch noch irgendwie zu Geld zu kommen, sieht er in der beliebten Fernsehshow „The Running Man“, in der Kandidaten von professionellen Jägern verfolgt und getötet werden. Die Höhe des Gewinns richtet sich dabei nach der Anzahl der Stunden, die ein Teilnehmer sich vor seinen Häschern verbergen kann – schafft er es, einen Monat zu überstehen, gewinnt er den Jackpot und sein Leben…

An der Inhaltsangabe mag man es erkennen: Als Richard Bachman verzichtet Stephen King in „The Running Man“ vollständig auf die für ihn typischen übernatürliche Elemente. Dadurch liest sich dieses Werk erschreckend realistisch – heute, anno 2020, vielleicht sogar mehr noch als Anfang der 1980er Jahre. Der Protagonist lebt in einem Amerika, das durch Misswirtschaft und Umweltzerstörung völlig am Boden liegt. Demokratie existiert nicht, Menschenrechte ebenso wenig, nur wer Geld hat, erhält Zugang zu Bildung und medizinischer Versorgung. Kommt einem irgendwie bekannt vor, oder? Und auch das Setting mit verschiedenen Gameshows, die der verzweifelten Masse einen scheinbaren Ausweg aus ihrer Misere bieten, ist nichts, was uns fremd ist.

Glücklicherweise wird heute im Reality TV (noch?) nicht gemordet, aber ich habe das Gefühl, dass es der Schritt von „Big Brother“, „Ich bin ein Star – holt mich hier raus“ und „Schwiegertochter gesucht“ bis zu „The Running Man“ kleiner ist, als uns lieb sein kann. Übertrieben pessimistisch? Mag sein, aber ich glaube, in den 1980ern hätte auch niemand erwartet, dass sich Mitglieder einer vermeintlichen Unterschicht wenige Jahre im TV dermaßen vorführen lassen würden, nur um den einen oder anderen Cent zu verdienen. Und vor allem, dass jemals ein Publikum für derartige Absonderlichkeiten existieren würde. Folgerichtig ist dieses Buch eine harsche, düstere und zynische Kritik, nicht nur an den modernen Massenmedien, sondern auch an denen, die sich am dort Dargebotenen ergötzen.

Mehr Bachman als King.

„The Running Man“ ist mit rund 300 Seiten vergleichsweise kurz ausgefallen. Entsprechend schnell ist man damit durch, was aber nicht nur am Umfang liegt, sondern auch am Stil: King/Bachman schildert die Geschehnisse in hohem Tempo, teils sind die Kapitel nur ein oder zwei Seiten lang. Daran wird auch ein großer stilistischer Unterschied zwischen King und seinem alter Ego deutlich: Während Veröffentlichungen von Stephen King im Allgemeinen durch einen extrem hohen Detailgrad und genaueste Beschreibungen von Personen, Landschaften und Verhaltensweisen bestechen, ist in „The Running Man“ alles sehr knapp gehalten. Klar, dass dadurch die Lektüre wesentlich flüssiger wird und auch für diejenigen zu empfehlen ist, denen King normalerweise zu sperrig daherkommt. Das bedeutet umgekehrt aber keineswegs, dass dieses Buch oberflächlich ist. Im Gegenteil, der Autor versteht es, der von ihm geschaffenen Welt durch bloße Andeutungen und Randbemerkungen eine ungeahnte Tiefe zu verleihen, die sich freilich mehr im Kopf des Lesers als auf den Seiten des Buches abspielt. Das Ergebnis ist, dass „The Running Man“ trotz seiner Kürze erstaunlich lange nachhallt, was freilich auch mit der erwähnten Realitätsnähe und seiner prophetischen Kraft zu tun haben mag. Alles in allem würde ich sagen, dass „The Running Man“ tatsächlich nur ansatzweise ein Buch von Stephen King, dafür mit Fug und Recht ein Roman von Richard Bachman ist. Aber das nur am Rande, viel wichtiger ist und bleibt, dass dieses Werk vor allem eines ist: Clever und flott inszenierte Medienkritik, die gerade uns modernen Reality-TV-Zusehern ein erschreckendes Spiegelbild vorhält.

Dass es nicht ganz für die Höchstwertung reicht, ist einem kleinen Paradoxon geschuldet: Im Vorwort erwähnt King die gleichnamige 1987er-Verfilmung des Stoffes. Das aber nicht unbedingt positiv, denn der Film hat bis auf die Grundprämisse und den Namen des Helden recht wenig mit dem Buch gemein. Vor allem, so King, unterscheidet sich der von Arnold Schwarzenegger verkörperte Ben Richards maßgeblich von der von ihm erdachten Figur. Dem stimme ich nur bedingt zu, denn im Roman ist der Held zwar als Typ „wie du und ich“ charakterisiert. Allerdings wird sein Überlebenskampf mit Fortschreiten der Handlung heftiger – und gleichzeitig werden sein Entkommen in letzter Sekunde und die Strategien, die er dafür aus dem Hut zaubert, immer abenteuerlicher. Letztlich muss ich King also widersprechen: Der überlebensgroße Held aus dem Film ist seinem Ben Richards aus dem Roman in vielen Momenten näher, als der Autor zugeben möchte.

Kleiner Exkurs zum Schluss: Im Vorwort der von mir gelesenen 1996er-Ausgabe schildert der Autor außerdem, wieso das Bachman-Pseudonym für ihn wichtig war und ist. Im Wesentlichen scheint – so die Quintessenz – Richard Bachman Dinge sagen zu dürfen, die Stephen King so nie schreiben würde. Ich kann dem ehrlich gesagt nicht ganz folgen – wie oben beschrieben gibt es zwar stilistische und inhaltliche Unterschiede zwischen King und Bachman, ich hätte in „The Running Man“ nun aber nichts gefunden, dass ich mir nicht auch von King so hätte vorstellen können, sieht man mal vom Fehlen jeglicher Horror-Elemente ab. Aber das wird der Meister selbstverständlich besser wissen als ich.

Gesamteindruck: 6/7


Autor: Stephen King
Originaltitel: The Running Man.
Erstveröffentlichung: 1982
Umfang: ca. 300 Seiten
Gelesene Sprache: Englisch
Gelesene Version: E-Book

SerienWelt: The Man in the High Castle – Staffel 2

„The Man in the High Castle“ basiert auf der gleichnamigen Erzählung von Philip K. Dick aus dem Jahre 1962. In der von Amazon produzierten Serie ist häufig recht holprig vom „Mann im hohen Schloss“ die Rede, der Roman erschien im deutschsprachigen Raum hingegen unter dem Titel „Das Orakel vom Berge“. Die Serie besteht aus vier Staffeln, die zwischen 2015 und 2019 erstmals ausgestrahlt wurden. In dieser Rezension behandle ich Staffel 2 aus dem Jahr 2016.

Gesamteindruck: 5/7


Die Welt am Abgrund.

Die erste Staffel dieser Amazon-Original-Serie fand ich bis auf kleinere Kritikpunkte gut. Als negativ empfand ich vor allem das oftmals gehetzt wirkende Erzähltempo, das die Protagonisten dazu zwang, in unglaubwürdig hoher Schlagzahl komplexe Probleme zu lösen. Um es vorweg zu nehmen: Zwar meint man auch in Staffel 2 gelegentlich, man hätte versucht, zu viele Ideen in zu kurzer Zeit unterzubringen. Weil das aber eher die Ausnahme als die Regel ist, haben die einzelnen Story-Elemente und Charaktere meines Erachtens deutlich mehr Möglichkeiten, sich zu entfalten. Was freilich nicht heißt, dass es an vorliegenden 10 Folgen gar nichts auszusetzen gibt.

Inhalt in Kurzfassung
Das Deutsche Reich und das Japanische Kaiserreich haben den 2. Weltkrieg gewonnen. Die ehemaligen USA stehen unter Verwaltung der Achsenmächte – die Japaner regieren die Westküste, die Nazis den Osten, dazwischen liegt eine neutrale Zone. Doch es regt sich Widerstand, befeuert durch merkwürdige Filme, die vom „Mann im hohen Schloss“ unters Volk gebracht werden und die eine alternative Realität aufzeigen. Und auch zwischen den mächtigen Verbündeten kommt es zum Konflikt, der in einer nuklearen Katastrophe zu enden droht…

Im Wesentlichen hat Staffel 1 von „The Man in the High Castle“ einen Großteil des relativ kurz gehaltenen Romans von Philip K. Dick erzählt. Dick selbst hatte irgendwann in den 1970er Jahren zwar zu Protokoll gegeben, an einer Fortsetzung zu arbeiten, erschienen ist eine solche aber nie, es gab aber sehr wohl einige Andeutungen zum Inhalt. Eine davon umfasst die Möglichkeit, zwischen verschiedenen Realitäten zu reisen und auch Gegenstände mitzunehmen – so wie es einer der Akteure in Staffel 2 der Serie macht (im Buch gibt es ein vergleichbares Ereignis, das aber eher den Charakter einer Vision hat). Somit ist einer der Punkte, die dazu geführt haben, dass diese Staffel deutlich schlechtere Bewertungen hinnehmen musste eine Idee, die wohl vom Autor des Originals selbst stammt. Meine persönliche Meinung dazu: Ich finde nicht, dass es diesen Kniff unbedingt gebraucht hätte, weil der Serie damit ein Teil ihrer Ernsthaftigkeit genommen wird. Leider ist es noch dazu so, dass das Staffel-Finale in höchstem Maße auf diesen deus ex machina angewiesen ist – schade, diese Problematik wäre doch sicher auch anders lösbar gewesen.

Trotz Schwächen sehenswert.

Von diesem Lapsus (der in meiner Gesamtbewertung der Staffel immerhin zu zwei Punkten Abzug führt) abgesehen, bleibt „The Man in the High Castle“ auch in Staffel 2 sehenswert. Und das durchaus im wahrsten Sinne des Wortes: Vor allem die Optik begeistert weiterhin ohne Wenn und Aber. Das unter japanischer bzw. deutscher Verwaltung stehende Amerika sieht bedrückend-realistisch aus. Das betrifft sowohl Innen- und Außenaufnahmen von Städten und Gebäuden als auch Personen und Gegenstände. Und auch, dass in Staffel 2 öfter mal ein Blick nach Berlin, ins Zentrum des Großdeutschen Reiches, geworfen wird, bringt eine faszinierende (und gleichzeitig ungemein beängstigende) Perspektive. Dort ist die Serien-Welt allerdings bei weitem nicht so gut ausgearbeitet wie in San Francisco und mit Abstrichen New York.

An dieser Stelle merkt man dann auch recht deutlich, dass der Roman von Philip K. Dick keine Vorlage mehr liefert – was in Berlin im Detail passiert, kommt dort einfach nicht vor. Und genau darunter scheint Staffel 2 insgesamt ein wenig zu leiden. Der Höhepunkt, auf den alles hinausläuft, wird selbstverständlich auch im Buch angedeutet: Der innere Machtkampf im deutschen Reich, der in einer Katastrophe für die ganze Welt zu enden droht. Doch irgendwie hege ich Zweifel daran, dass die Auflösung, die uns hier präsentiert wird, im Sinne des Autors gewesen wäre – zu einfach, zu wenig subtil, zu sehr auf Nummer sicher.

Leichter konsumierbar.

Überhaupt machen es die Verantwortlichen dem Publikum in Staffel 2 deutlich leichter. Während die erste Staffel noch – ganz in der Dick’schen Philosophie – auf undurchschaubare Charaktere setzt, die schwer fassbar sind und die wechselnde Sympathien beim Zuseher wecken, verfällt man nun relativ schnell in eine Art von Gut-Böse-Schema. Das ist natürlich bequemer und wesentlich leichter, angenehmer konsumierbar – ob es nun besser ist, wage ich nicht zu beurteilen. Bei mir hat diese Staffel jedenfalls ein positiveres Gefühl hinterlassen (und das hat in diesem Fall nichts mit der technischen und schauspielerischen Qualität zu tun!), gleichzeitig ist mein Eindruck, dass etwas an Tiefe verloren gegangen ist. Interessant, weil gerade die Schwierigkeit, einen Sympathieträger zu identifizieren, ein Kritikpunkt von mir an Staffel 1 war…

Wie man sieht, ist das alles nicht so leicht zu bewerten. Ich fand jedenfalls auch die zweite Staffel von „The Man in the High Castle“ hochspannend, aufgrund etwas zurückgefahrener Subtiltiät vielleicht sogar spannender als Staffel 1. Dennoch fehlt etwas, das ich nicht genauer festmachen kann, sodass ich letztlich einen Punkt weniger springen lasse. Und mich dennoch auf Staffel 3 freue.

Gesamteindruck: 5/7


Originaltitel: The Man in the High Castle
Idee: Frank Spotnitz
Land: USA
Jahr: 2016
Episoden: 10
Länge: ca. 50-60 Minuten
Gesehen auf: Amazon Prime Video
Haupt-Besetzung: Alexa Davalos, Rupert Evans, Luke Kleintank, DJ Qualls, Rufus Sewell, Cary-Hiroyuki Tagawa, Joel de la Fuente, Brennan Brown, Chelah Horsdal



 

BuchWelt: The Stars My Destination

Alfred Bester


Dass es selten gut ausgeht, wenn man sein Leben einzig und allein darauf ausrichtet, Rache für (vermeintlich) erlittenes Unrecht zu nehmen, weiß man aus verschiedenen Geschichten. „Moby-Dick“ (Herman Melville, 1851) wäre ein Beispiel dafür. Und auch in „The Stars My Destination“ von Alfred Bester erleben wir einen Protagonisten, der nur dafür lebt, seine Peiniger aufzuspüren und sich an ihnen zu rächen. 

Gesamteindruck: 6/7


Die Rache des Tigers.

Vorbild für „The Stars My Destination“ (ursprünglich als „Tiger! Tiger!“ veröffentlicht, auf Deutsch meist „Die Rache des Kosmonauten“, später ebenfalls „Tiger! Tiger!“, mittlerweile „Der brennende Mann“) war allerdings nicht Melvilles berühmte Jagd nach dem Weißen Wal sondern ein noch älteres Werk: „Der Graf von Monte Christo“ (Alexandre Dumas, 1844). Ein reales Vorbild für den im Weltraum schiffbrüchigen Gulliver Foyle existierte übrigens auch: Angeblich las Bester in der Zeitung von einem Matrosen, der im 2. Weltkrieg monatelang auf einem Floß trieb und von vorbeifahrenden Schiffen (aus Angst vor lauernden U-Booten) ignoriert wurde.

Inhalt in Kurzfassung
Das 24. Jahrhundert: Einem Zufall ist es zu verdanken, dass die Menschheit das „Jaunten“, eine Form von Teleportation, als neues Fortbewegungsmittel entdeckt hat. Freilich hilft das Gulliver „Gully“ Foyle nicht viel: Der einfache Maschinist treibt als letzter Überlebender auf dem havarierten Raumschiff „Nomad“ hilflos durchs All, außerhalb jeder Möglichkeit zu jaunten. Nach sechs Monaten erbärmlichen Dahinvegetierens wähnt er sich jedoch gerettet, als plötzlich das Schwesterschiff der „Nomad“ auftaucht. Doch die „Vorga“ reagiert nicht auf die Notsignale, nähert sich erst und dreht dann doch ab. Dieses Ereignis weckt Foyle aus seiner Lethargie, bringt ihn dazu, alles dafür zu tun, sich selbst zu helfen, um irgendwann schreckliche Rache an jenen nehmen zu können, die ihn im Stich gelassen haben.

Um das Fazit vorweg zu nehmen: Ich habe „The Stars My Destination“ mit Genuss gelesen und wundere mich, dass dieses Werk heute nicht bekannter ist. Der Stoff würde sich meines Erachtens auch gut für eine dieser modernen Streaming-Serien eignen, aber das nur am Rande. Alfred Bester schafft es jedenfalls ausgezeichnet, die Erzählung über den „Graf von Monte Christo“ in ein Science Fiction-Setting zu transferieren, das – wie man heute weiß – zum Vorbild für viele andere Zukunftsromane wurde. Übrigens: Das Buch ist keineswegs schlecht gealtert, im Gegenteil, viel anders wäre der Inhalt wohl nicht ausgefallen, wenn es heute statt 1956 (!) verfasst worden wäre. So oder so: Die Geschichte über den zurückgelassenen Astronauten, den sein brennender Wunsch nach Rache zu ungeahnten körperlichen und geistigen Leistungen antreibt, ist sehr spannend geschrieben. Es gibt einige Höhepunkte, die tatsächlich den Puls des Lesers beschleunigen. Gegen Ende hin wird die Story (und auch der Stil) etwas … hmmm … psychedelisch, was mir nicht ganz so zusagt, aber insgesamt ist die Handlung durchwegs fesselnd.

Der Anti-Held.

Das liegt mitunter auch daran, dass Bester mit Gulliver Foyle eine Figur geschaffen hat, die so gar nicht den üblichen Helden-Klischees in der Science Fiction entspricht. Der Protagonist ist genau genommen sogar die Anti-These zu jedem Helden – er ist egoistisch, überheblich, kaltblütig und schreckt auch vor nicht Gewalt zurück, die sogar die wenigen ihm einigermaßen freundlich gesinnten Charaktere zu spüren bekommen. Dabei hat man anfangs noch Mitleid mit dem im Weltall im Stich gelassenen Foyle, sobald der sich aber entschließt, nur noch für die Befriedigung seiner Rachegelüste zu leben, hat er nichts mehr Sympathisches an sich.

Mit einer derart negativ angelegten Hauptfigur hätte ich in einem Roman aus den 1950ern ehrlich gesagt nicht gerechnet. Umso beeindruckter war ich, dass man trotz dieser Art der Darstellung kaum dazu kommt, das Buch aus der Hand zu legen. Denn: Alfred Bester versteht es, die Entwicklung seines Protagonisten trotz aller Abneigung stets verständlich nachzuzeichnen. Interessant, weil sich der Autor kaum in psychologischen Beschreibungen ergeht – es ist vielmehr die Welt in der Foyle agiert, es sind die äußeren Umstände, die glaubwürdig machen, wie sich ein Mensch in dieses Monster verwandeln kann. An dieser Stelle sei erwähnt, dass der Rest der Charaktere bei weitem nicht so lebendig wirkt, aber immerhin seinen Zweck erfüllt.

Starkes Setting.

Dass „The Stars My Destination“ wie aus einem Guss wirkt, ist auch der sehr glaubwürdigen Welt geschuldet, in der Alfred Bester seine Figuren platziert hat. Diese Vision des 24. Jahrhundert enthält viele jener Aspekte, die man in teilweise oder zur Gänze auch in späteren Dystopien findet – ein Zeichen für den enormen Einfluss, den Besters Werk auf das Genre hatte und immer noch hat. Gesellschaftliche und ökonomische Spannungen, die die Menschheit an den Rand eines neuen Weltkrieges (nein, eines solaren Krieges) führen, Mega-Konzerne, die mächtiger als Regierungen sind und irrsinnige Profite mit zweifelhaften Geschäften machen, Modifizierungen des menschlichen Körpers, um besser, stärker, schneller zu sein – all das nimmt Alfred Bester in diesem Roman vorweg.

Die Kombination aus spannender Geschichte, interessanter Hauptfigur und glaubwürdiger Welt sowie die insgesamt sehr düster angelegte Vision der Zukunft macht „The Stars My Destination“ zu einem ausgezeichneten Science Fiction-Roman. Einziger Grund für einen kleinen Punkteabzug ist für mich das etwas merkwürdige Ende, das wohl den geistigen Zustand von Gulliver Foyle widerspiegeln soll. Diese Art von psychologischer Beschreibung gehört meiner Meinung nach nicht zu den Stärken von Alfred Bester. Ansonsten finde ich hier aber tatsächlich kein Haar in der Suppe. Klare Kaufempfehlung!

Gesamteindruck: 6/7

Amazon


Autor: Alfred Bester
Originaltitel: Tiger! Tiger!
Erstveröffentlichung: 1956
Umfang: ca. 230 Seiten
Gelesene Sprache: Englisch
Gelesene Version: E-Book

SerienWelt: The Man in the High Castle – Staffel 1

„The Man in the High Castle“ basiert auf der gleichnamigen Erzählung von Philip K. Dick aus dem Jahre 1962. In der von Amazon produzierten Serie ist häufig recht holprig vom „Mann im hohen Schloss“ die Rede, der Roman erschien im deutschsprachigen Raum hingegen unter dem Titel „Das Orakel vom Berge“. Die Serie besteht aus vier Staffeln, die zwischen 2015 und 2019 erstmals ausgestrahlt wurden. In dieser Rezension behandle ich Staffel 1 aus dem Jahr 2015.

Gesamteindruck: 6/7


Spannendes Alternativwelt-Szenario.

In meiner Rezension zum Buch „Das Orakel vom Berge“ habe ich es schon geschrieben: Eine alternative Realität, in der die Geschichte ganz anders abgelaufen ist, als wir sie kennen, ist eine reizvolle Idee. Den Roman von Philip K. Dick finde ich gut, umso gespannter war ich, wie das eher philosopophisch-nüchterne Werk für ein audio-visuelles Medium umgesetzt werden würde. So viel sei vorweg genommen: Die erste Staffel von „The Man in the High Castle“ hat meine Erwartungen tatsächlich erfüllt, auch wenn nicht alles perfekt ist.

Inhalt in Kurzfassung
Das Deutsche Reich und das Japanische Kaiserreich haben den 2. Weltkrieg gewonnen. Die ehemaligen USA stehen unter Verwaltung der Achsenmächte – die Japaner regieren die Westküste, die Nazis den Osten, dazwischen liegt eine neutrale Zone. Beide Siegermächte herrschen mit Willkür, oft auch mit Brutalität, wenig verwunderlich also, dass sich Widerstand regt. Und dann gibt es da noch merkwürdige Filmrollen, die eine alternative Realität zu zeigen scheinen, eine Welt, in der der Krieg ganz anders ausgegangen ist…

Wer „Das Orakel vom Berge“ gelesen hat, wird anhand der Inhaltsangabe vermuten, dass sich die Serie relativ nahe an der Vorlage orientiert. Zumindest in gewissen Aspekten – sieht man genauer hin, merkt man beispielsweise schnell, dass es doch recht große Unterschiede gibt. Nichtsdestotrotz schafft die Serie eine hervorragende Atmosphäre, die meines Erachtens genau das Amerika zeigt, das Dick in seinem Roman beschreibt. Das betrifft die Figuren (die selbstherrlichen und sich stets überlegen fühlenden Nazis, die zurückhaltenden und verschlossenen Japaner, die zwischen Hoffnungslosigkeit und Trotz schwankenden Amerikaner), aber auch die gesamte Umgebung. Letztere zeigt eine interessante Mischung aus heruntergekommenen Gegenden, in denen die verarmte Bevölkerung ihr Dasein fristet und den luxuriösen Verwaltungsgebäuden der Besatzer. Vor allem die bombastisch-bedrückenden Nazi-Bauwerke stehen in starkem Kontrast zum 1960er-Feeling. Ich würde sogar sagen, dass die Serie durch ihre visuellen Möglichkeiten dem Buch in dieser Hinsicht überlegen ist, das aber auch, weil Philip K. Dick ein eher philosophischer Autor war, der wenig Wert auf Außenbeschreibungen gelegt hat. Umso erstaunlicher, was die Serien-Macher hier geleistet haben.

Freilich gibt es, wie angedeutet, auch gravierende Unterschiede zum Buch, auf die ich aber nicht allzu sehr eingehen möchte. Gesagt sei, dass die Story nur sehr rudimentär auf den Ereignissen des Romans basiert. Letztlich muss man konstatieren, dass die Geschichte in weiten Teilen vollkommen anders abläuft, was aber nicht zwangsweise bedeutet, dass die Serie schlecht ist. Im Gegenteil – wer sich darauf einlassen kann und nicht ständig Vergleiche mit dem Buch zieht (wobei fraglich ist, ob überhaupt ein nennenswerter Teil des Serienpublikums „Das Orakel vom Berge“ gelesen hat), darf sich auf spannende und unterhaltsame 10 Stunden freuen.

Kleinere Kritikpunkte.

Zwei Kritikpunkte habe ich aber dennoch: Erstens hat man des Öfteren das Gefühl, dass die Showrunner versucht haben, viel zu viele Ideen unterzubringen. Eventuell war ursprünglich nur eine Staffel geplant und man wollte deshalb so viel wie möglich umsetzen? Ich weiß es nicht, aber teilweise entsteht dadurch ein regelrecht gehetzt wirkendes Erzähltempo. Damit geht der zweite Punkt einher: Die Hauptfiguren müssen häufig in hoher Schlagzahl ein Problem nach dem anderen lösen und wechseln dabei auch mal munter ihre Ausrichtung. Ihnen passiert einfach zu viel, sodass man einerseits die Glaubwürdigkeit in Frage stellt, andererseits tatsächlich Probleme hat, einen echten Sympathieträger zu identifizieren.

Dennoch: Die erste Staffel von „The Man in the High Castle“ ist gutes Handwerk, bietet ein tolles Setting und ist spannend, kurz: Hier bekommt man alles, was man von einer modernen Serie erwarten darf. Ich bin jedenfalls sehr gespannt, wie es in Staffel 2 weitergeht.

Gesamteindruck: 6/7


Originaltitel: The Man in the High Castle
Idee: Frank Spotnitz
Land: USA
Jahr: 2015
Episoden: 10
Länge: ca. 50-60 Minuten
Gesehen auf: Amazon Prime Video
Haupt-Besetzung: Alexa Davalos, Rupert Evans, Luke Kleintank, DJ Qualls, Rufus Sewell, Cary-Hiroyuki Tagawa, Joel de la Fuente, Brennan Brown, Carsten Norgaard



 

SpielWelt: Beholder

Auf den ersten Blick mag die Grafik von „Beholder“ suggerieren, dass wir es hier mit einem netten, lustigen Spielchen zu tun haben. Davon sollte man sich nicht täuschen lassen – der Spionage-Simulator des russischen (!) Entwicklers Warm Lamp Games ist überraschend humorlos und düster ausgefallen. Die Handlung ist durchgängig brutal und der Spieler muss nicht nur äußerst fragwürdige Entscheidungen treffen, sondern auch deren unerfreuliche Konsequenzen tragen.

Gesamteindruck: 4/7


SimBlockwart.

Den Untertitel von „Jede Entscheidung hat Konsequenzen“ kann man sich also getrost zu Herzen nehmen, wenn man sich an „Beholder“ versucht. Bis man einen der – je nachdem, wie man sich in verschiedenen Situationen verhält – unterschiedlichen Abspänne sieht, steht man ständig vor einem moralischen Dilemma: Soll man den Staat unterstützen oder doch lieber ein Mensch bleiben und auch so handeln? Oder soll man versuchen, zwischen verschiedenen Interessen abzuwägen und so neutral wie möglich zu bleiben? Oder ist man sich überhaupt nur selbst der Nächste?

Die Handlung in Kurzfassung
In einem totalitären Überwachungsstaat soll der Spieler in der Rolle des Hausmeisters Karl Stein für das System arbeiten. Das bedeutet: Mieter ausspionieren, Profile über ihre Eigenarten erstellen, kleine und größere Vergehen den Behörden melden und immer auf Abruf sein, falls das Telefon läutet und eine Spezialaufgabe hereinkommt. Doch ganz so einfach ist das nicht – im Staate regt sich Widerstand und (nicht nur) das stellt den Spieler immer wieder vor unangenehme Entscheidungen.  

Im ersten Moment mag das alles wenig spektakulär klingen. Die große Stärke von „Beholder“ ist es jedoch, gleich zu Anfang eine unglaublich bedrückende Stimmung zu erzeugen. Denn obwohl alle Charaktere grafisch nur als Silhouetten angedeutet werden, entwickelt man sehr schnell Gefühle für sie – sowohl positive als auch negative. Stellenweise wird das regelrecht unangenehm – mir selbst ging es beispielsweise so, als das kleine Töchterchen des Spielercharakters krank wird und man dringend Geld für Medikamente auftreiben muss. Ohne bereits liebgewonnene Nachbarn zu erpressen oder Repressalien durch den Staat auszuliefern, ist das kaum möglich – wenn dann die Polizei kommt und eine andere Familie unter Gewaltanwendung abholt, ist man tatsächlich von Schuldgefühlen geplagt. Aber auch die Alternative lässt den Spieler ziemlich bedrückt zurück: Die Tochter stirbt und sofort ertappt man sich dabei, wie einem plötzlich alles egal ist und man beginnt, die gesammelten Beweise über die Mieter, die einem nicht helfen konnten oder wollten, direkt an die Staatsmacht zu übermitteln. Mit allen unerfreulichen Konsequenzen.

Man sieht es schon: „Beholder“ ist ein ausgesprochen düsteres Spiel und kitzelt den Spieler teilweise an Stellen, die man von sich selber gar nicht so kennt. Dass das so intensive Gefühle auslöst, hängt wohl auch mit dem Szenario zusammen, das alles andere als unrealistisch ist. „1984“ lässt grüßen. Ja, man kann auch in anderen Spielen der Schurke sein – aber so, wie es in „Beholder“ läuft, muss man sich fragen, ob man nicht wirklich ein Karl Stein wäre, wenn man in einem solchen Staat leben würde. Und wie man sich entscheiden würde… Kurz: Selten habe ich ein Spiel gespielt, bei dem ich derart düstere Gefühle mir selbst gegenüber gehegt habe.

Ein Wort zu den „Äußerlichkeiten“: Die Grafik habe ich schon erwähnt – Silhouetten, ganz in Schwarz mit kleinen, weißen Unterscheidungsmerkmalen, agieren vor einem detaillierten und liebevoll gezeichneten Hintergrund. Dieser ist entsprechend des Szenarios trist und trostlos ausgefallen, was natürlich wie die Faust auf’s Auge passt. Das ganze Spiel spielt sich übrigens auf einem einzigen Bildschirm ab. Sehr passend auch die akustische Untermalung, die unaufdringlich im Hintergrund bleibt. Viele Geräusche usw. sind übrigens erst beim Reinzoomen zu hören – macht man das, gibt das ein weiteres Plus für die Atmosphäre, dafür ein großes Minus bei der Übersichtlichkeit. Denn wer nicht sieht, was ein Mieter gerade macht, wird schnell beim Spionieren erwischt.

Stellenweise wird’s hektisch.

Leider kann die starke Atmosphäre die Schwächen von „Beholder“ nicht ganz überdecken. Zunächst wäre da eine gewisse Hektik, die im Spiel immer wieder ausbricht, vor allem, wenn viele Wohnungen vermietet sind. Diverse Aufgaben sind unter Zeitdruck zu lösen, was für eine steile Lernkurve und entsprechend Frust sorgt. Da kann es schon mal vorkommen, dass man seine Mission nicht erfüllen kann, weil man – im Glauben, die angezeigte Zeit würde reichen – etwas zu lange gewartet hat und der entsprechende NPC gerade beim Einkaufen ist. Eine Pause-Funktion gibt es zwar, die unterbricht das Spiel aber komplett und nicht nur zum Ausführen einer zeitraubenden, weil fummeligen Tätigkeit. Noch dazu werden einige grundlegende Fähigkeiten nur rudimentär oder gar nicht im Tutorial erklärt und man muss sich selbst helfen. Das ist ärgerlich und sorgt am Anfang immer wieder dafür, dass man das Spiel von vorne beginnen muss, auch, weil freies Speichern nicht möglich ist. Hier empfiehlt es sich tatsächlich, vorab grundlegende Tipps zum Spiel im Internet zu suchen – das hier hat mir z.B. sehr geholfen.

A pro pos „freies Speichern“: Ich verstehe die Intention dahinter, auf diese Option zu verzichten. So wird einem exzessiven Trial-and-Error-Verfahren durch den Spieler vorgebeugt. Dennoch kann das schwer frustrieren, weil einige Quests einfach ihre Zeit brauchen. Wer vor Abschluss der Aufgabe weg muss und das Spiel beendet, verliert den bis dahin erzielten Fortschritt. Hätte meines Erachtens nicht sein müssen, auch wenn das kein Beinbruch ist.

Zweiter Kritikpunkt: Die großen Emotionen konzentrieren sich vor allem auf die erste Hälfte des Spiels. Trifft man da ein paar falsche Entscheidungen, sind die wichtigsten Bezugspersonen ruck zuck weg und man kann sich nur schwer dazu aufraffen, neue Mieter so kennenzulernen, dass sie einem ans Herz wachsen. Das hat auch damit zu tun, dass die Spioniererei irgendwann repetitiv wird – es sind immer die gleichen Gegenstände, die man bei den Mietern findet, das Aufsetzen von Berichten und Erpresserbriefen läuft redundant ab und die Aufgabenstellungen sind nicht so spannend und abwechslungsreich, dass sie einen länger bei der Stange halten können. Dadurch beginnt man Teile der (oft sehr langen) Dialoge quer zu lesen oder überhaupt im Schnellverfahren durchzuklicken, in der Hoffnung, dass danach eine interessante Aufgabe folgt. Das man so viel von der Geschichte und dem eigentlichen Reiz des Spieles verpasst, liegt auf der Hand.

Niveau: Gut, aber nicht durchgängig.

Letztlich macht das Spiel anfangs sehr viel richtig, kann dieses Niveau aber nicht durchgängig halten. Einigermaßen ausgeglichen wird dieses Manko durch die unterschiedlichen Lösungswege, die es bei nahezu jeder Aufgabe gibt – der Wiederspielwert ist also durchaus da, wenn man denn nochmal Lust dazu hat. Die Inhalte sind übrigens nicht zufallsgeneriert, das bedeutet, dass neue Mieter in jedem Durchgang die gleichen Geschichten erzählen und praktisch in der gleichen Reihenfolge auftreten – nur die Lösung ihrer Probleme kann man variieren. Dabei erfährt man allerdings sehr wenig Unterstützung durch das Spiel, soll heißen: Bei diversen Aufgaben kommt man gar nicht auf die Idee, dass sie auch anders zu lösen wären, weil es darauf keinerlei Hinweis gibt und entsprechendes Feedback fehlt. Das mag letztlich sogar dazu führen, dass einige Spieler gar nicht in den Genuss der unterschiedlichen Ansätze kommen.

Fazit: Ein gutes Spiel, dem ein paar kleiner Schwächen eine höhere Wertung verwehren. Am schwersten wiegt für mich dabei, wie repetitiv das Spiel gegen Ende wird. Wäre das nicht der Fall, hätte es deutlich mehr Punkte geben können.

Gesamteindruck: 4/7


Genre: Adventure, Stragie
Entwickler: Warm Lamp Games
Jahr: 2016
Gespielt auf: PC, Android