FilmWelt: Snowpiercer

„Snowpiercer“ (2013) habe ich bis in den April 2022 schlichtweg ignoriert. Weil es aber mittlerweile eine Serie gleichen Namens gibt, die überall gelobt wird, wollte ich den Film sehen, bevor ich dort einsteige. Und, was soll ich sagen: „Snowpiercer“ hat mich, der ich ohne Vorkenntnisse herangegangen bin, ziemlich überrascht. Das ist heutzutage schon mal ein großer Pluspunkt – aber auch unabhängig davon kann das Werk des späteren Oscar-Preisträgers Bong Joon-ho durchaus überzeugen.

Gesamteindruck: 5/7


Comichafte Züge.

Im Zusammenhang mit „Snowpiercer“ kann ich mich an die eine oder andere Vorschau im Kino oder Fernsehen erinnern. Die dürften zeitlich ungefähr mit den ersten Trailern zur Serie „The Last Ship“ (2014-2018) zusammengefallen sein – und es kam, wie es kommen musste: Ich heftete beide Franchises unter „das ist doch das Gleiche, nur mit verschiedenen Transportmitteln“ ab, ohne dass ich das eine oder das andere jemals gesehen hätte. Ziemlich kurzsichtig? Mag sein, jedenfalls war genau das der Grund, wieso ich keine großen Erwartungen an „Snowpiercer“ hatte, obwohl ich eigentlich ein Fan endzeitlicher Science Fiction bin.

Worum geht’s?
Um der Erderwärmung endlich Herr zu werden, wird im Jahr 2014 damit begonnen, chemische Kältemittel in die obere Atmosphäre einzubringen. Das Experiment gelingt grundsätzlich, allerdings sind die Folgen dramatisch: Eine neue Eiszeit vernichtet fast alles Leben auf dem Planeten. Nur rund 1.000 Menschen haben die Katastrophe überstanden und sind seitdem im Zug „Snowpiercer“ zusammengepfercht, der auf einem globalen Schienennetz seine Runden zieht. An Bord herrscht ein striktes Klassensystem: Je weiter hinten im Zug man sich befindet, desto weniger Rechte hat man. Das will sich eine Gruppe von Menschen nach Jahren des Elends in den hintersten Waggons nicht mehr bieten lassen…

Was ich vorab nicht wusste: „Snowpiercer“ basiert auf einer französischen Graphic Novel namens „Le Transperceneige“ (deutsch: „Schneekreuzer“), die 1982 erstmals erschienen ist. Das ist auch der Hauptgrund für meine Verblüffung, denn anhand der Trailer hatte ich vermutet, dass der Film zwar eine etwas merkwürdige Prämisse hätte, an sich aber durchaus realistisch oder zumindest glaubwürdig wäre. Relativ schnell merkt man allerdings, dass „Snowpiercer“ eine ganze Reihe von Konzepten verarbeitet, die eher an Fantasy als an die Standard-Post-Apokalypse erinnern. Dieser Aspekt des Films wurde, zumindest meiner Erinnerung nach, in den Trailern geschickt verborgen. Ob das Absicht war oder nicht – oder ob ich einfach nicht genau hingesehen habe, kann ich heute freilich nicht mehr nachvollziehen. Fakt ist jedenfalls, dass ich eine andere Art von Film erwartet habe.

In seinen Mitteln unterscheidet sich „Snowpiercer“ folgerichtig recht stark von herkömmlichen Dystopien: Ein kilometerlanger Zug, angetrieben durch „die Maschine“, eine Art Perpetuum mobile, rast über ein Schienennetz, das die ganze Erde umspannt. Anhalten kann und darf er nicht; braucht er auch nicht, denn er ist ein in sich geschlossenes, sich selbst erhaltendes und versorgendes System (beispielsweise gibt es einen Waggon, der aus einem riesigen Aquarium zur Fischzucht besteht). Das allein ist schon ein sehr fantasievolles Gedankenspiel – dazu kommen dann noch die unterschiedlichen Zwecken dienenden und entsprechend eingerichteten Wagen (z. B. die Schule, in der die Kinder Loblieder auf die Maschine und Zugführer Wilford singen) und die nicht minder skurrile Bevölkerung.

Ein Comic ohne Komik.

Nun darf man „Snowpiercer“ trotz teilweise grotesker Szenen nicht als seichten Action-Reißer oder gar Klamauk abtun. Im Gegenteil, Regisseur Joon-ho setzt die Überzeichnung, die Comics und Graphic Novels seit jeher auszeichnet, so ein, dass sein Film fast noch düsterer wirkt, als es bei einer realitätsnäheren Produktion eventuell der Fall gewesen wäre. „Snowpiercer“ ist übrigens nicht unbedingt humorvoll: Man lacht gelegentlich aufgrund übertriebener, karikaturhafter Darstellungen; Thema und Dialoge bieten hingegen kaum Gelegenheit zum Schmunzeln, wobei man schon auch allenthalben auf Zynismus und Ironie trifft.

Wo sich der Film hingegen wenig von quasi-realistischen Dystopien unterscheidet, ist seine Kritik an autoritären Systemen und Zweiklassengesellschaften. Ob es zur Äußerung derselben nun besser ist, sie realistisch zu verpacken oder nachgerade absurder Überzeichnung zu arbeiten, wage ich nicht zu entscheiden. „Snowpiercer“ macht jedenfalls letzteres, was dem Film einen ganz eigenen Charme verleiht, den man in dieser Art selten zu sehen bekommt. Und: Bong Joon-ho nutzt zusätzlich Elemente sowohl der westlichen als auch der fernöstlichen Filmkunst, was den Eindruck, hier etwas völlig Neuartiges zu sehen, noch verstärkt. Da vergisst man dann schon mal, dass die Story per se nicht so richtig originell scheint, wobei der Twist am Ende durchaus gelungen ist. Generell besteht der Film aber aus einer Aneinanderreihung von Szenen, die davon handeln, wie sich die Protagonisten langsam aber sicher durch einen Waggon nach dem anderen in Richtung Lokomotive vorarbeiten.

Abschließend noch ein Wort zu den Darsteller:innen: „Snowpiercer“ ist stark besetzt, wobei einmal mehr die Antagonist:innen hervorstechen: Tilda Swinton und Ed Harris spielen ganz ausgezeichnet – erstere als eine Art Innenministerin, die zynisch und arrogant versucht, die Ordnung im Zug aufrecht zu erhalten. Harris taucht hingegen erst gegen Ende des Films auf, macht seine Sache als charismatischer Zugchef aber sehr gut, sodass man als Zuseher:in letzten Endes nicht so richtig sicher ist, ob man ihm nun böse sein muss oder nicht. Den Helden des Films gibt Chris Evans, dem ich persönlich hier das Prädikat „solide“ verleihen würde.

Fazit: „Snowpiercer“ ist eine bedrückende, aber durchaus unterhaltsame Endzeit-Vision, deren Stärken vor allem im unkonventionellen Szenario und in den schön gestylten und choreografierten Action-Szenen liegen. Die Story ist – wenngleich mit einer durchaus wichtigen Botschaft versehen – eher Mittelmaß, das Ende empfand ich gar als überhastet und nicht ganz stimmig. Ansonsten kann ich den Film aber allen empfehlen, die ansatzweise etwas mit der leicht schrägen Prämisse anfangen können. Sie machen mit „Snowpiercer“ definitiv nichts falsch – und jetzt bin ich gespannt auf die Serie.

Gesamteindruck: 5/7


Originaltitel: Snowpiercer.
Regie:
Bong Joon-ho
Drehbuch: Bong Joon-ho, Kelly Masterson
Jahr: 2013
Land: Südkorea, USA, Frankreich, Tschechien
Laufzeit: ca. 130 Minuten
Besetzung (Auswahl): Chris Evans, Song Kang-ho, Ed Harris, John Hurt, Tilda Swinton, Jamie Bell



FilmWelt: The Tomorrow War

Obwohl inhaltlich ganz anders gelagert, hat mich „The Tomorrow War“ (2021) ähnlich konsterniert hinterlassen wie unlängst „The Midnight Sky“ (2020). Alle Zutaten sprechen für einen Film, den ich mögen müsste – und doch bleibt nach dem Ansehen eine ganz eigene Form der Ernüchterung zurück: Das Gefühl, dass eine große Chance vertan wurde und ich einen Film gesehen habe, der so viel besser hätte sein können, nein: müssen!

Gesamteindruck: 3/7


Zurück aus der Zukunft.

Es mag schon sein, dass meine Ansprüche zu hoch sind: „The Tomorrow War“ will vermutlich nichts anderes sein, als ein flotter, unterhaltsamer Action-Reißer. Ist er auch, zumindest in Teilen. Gleichzeitig bringt er aber eine gewisse Ernsthaftigkeit mit, die Hoffnung nach etwas weckt, das über die oberflächliche Alien-Hatz hinausgeht. Diese selbst geschürte Erwartung erfüllt er jedoch nicht, sodass die Enttäuschung umso größer ist – zumindest bei mir. Und ich glaube nicht, dass ich damit in der Minderheit bin, wenn ich mir die Kritiken so ansehe.

Worum geht’s?
2022 erscheint aus dem Nichts eine Gruppe von Soldat:innen und weiß Schreckliches zu berichten: In wenigen Jahren wird die Erde von Außerirdischen angegriffen, gegen die kein Kraut gewachsen scheint. Glücklicherweise konnte man eine Zeitmaschine bauen, mit deren Hilfe die dezimierten Streitkräfte der Zukunft mit Rekrut:innen aus der Gegenwart aufgefüllt werden können. Die Ausfallsquote ist allerdings gewaltig, sodass immer mehr Bürger:innen zwangsrekrutiert und in den zunehmend hoffnungslosen Kampf geschickt werden. Unter ihnen auch James „Dan“ Foster, Veteran des Irakkrieges und Wissenschaftler. Gemeinsam mit einer Gruppe von mehr oder weniger Freiwilligen bleibt ihm nichts anderes übrig als ebenfalls den Zeitsprung zu wagen…

Die Prämisse von „The Tomorrow War“ mag im ersten Moment recht frisch klingen. Im Verlauf des Films zeigt sich jedoch schnell, dass sich Regisseur Chris McKay und Drehbuchautor Zach Dean munter bei anderen, mitunter sehr bekannten Werken bedient haben. Vor allem drei Filme dürften beim Genuss vorliegenden Werkes umgehend vor dem geistigen Auge der geneigten Zuseher:innenschaft auftauchen: „Independence Day“ (1996), „Starship Troopers“ (1997) und „Edge of Tomorrow“ (2014). Wie diese drei setzt auch „The Tomorrow War“ vorwiegend auf militärische Action im Kampf gegen eine zahlenmäßig weit überlegene und äußerst aggressive Rasse von Außerirdischen, die so gar nichts mit E.T. oder Mr. Spock zu tun haben. Der im Filmtitel betonte Zeitreise-Aspekt wird dabei schnell zur Nebensache, sodass wir es auch hier letzten Endes „nur“ mit dem Versuch zu tun haben, die bösen Aliens in ihre Schranken zu weisen.

Der mangelnden Eigenständigkeit würde ich übrigens gar nicht primär die Schuld am schwachen Gesamteindruck geben. Wobei es schon hineinspielt, dass einem die Vorbilder dermaßen ins Gesicht springen und man dadurch – bewusst oder unbewusst – ständig Vergleiche zieht. Dabei stellt man dann fest, dass „The Tomorrow War“ dort witzig sein will, wo „Starship Troopers“ zynisch ist, dort vage bleibt, wo „Edge of Tomorrow“ clever ist und dort langweilt, wo „Independence Day“ Gefühle weckt. Ich weiß, diese Aufzählung war jetzt nicht vollständig und genau; ich glaube aber, sie schafft ein gutes Gefühl dafür, was „The Tomorrow War“ meines Erachtens fehlt.

Mindestens 30 Minuten zu lang.

Was noch gut gelungen ist, ist der Einstieg: Ohne viel Brimborium werden der Protagonist und seine Verhältnisse vorgestellt, die Zeitreisenden treffen schnell ein und auch der durchaus beeindruckende Blick in die post-apokalyptische Zukunft lässt nicht lange auf sich warten. Dort wird munter gekämpft (wie üblich scheinen die Aliens zunächst unbesiegbar, später fallen sie immer leichter den Waffen der Menschen zum Opfer) und alles nimmt seinen zwar sehr erwartbaren, aber doch einigermaßen unterhaltsamen Lauf. Hier sei auch noch angemerkt, dass der Humor, den Hauptdarsteller Chris Pratt speziell in der ersten Stunde oder so mit seiner Mimik einbringt, durchaus gelungen ist.

Ist dieser Teil des Films, ich schätze, er nimmt ungefähr ein Drittel der 140 Minuten Laufzeit ein, vorbei, wird es zäh. Einerseits weil es dann laufend mehr vom Gleichen gibt, d. h. die anfangs noch frischen Kämpfe mit den Whitespikes ermüden zusehends. Andererseits muss der Film dann – natürlich! – eine problematische Beziehung des Helden thematisieren. Der gesamte damit zusammenhängende Ablauf ist gleichzeitig vorhersehbar und übertrieben melodramatisch (mit einer starken Schlagseite zum Pathos). Diese beiden Punkte sorgen im Verbund dafür, dass „The Tomorrow War“ mindestens (!) eine halbe Stunde zu lang ist; die Überlänge, die inhaltlich überhaupt nicht gerechtfertigt ist, nimmt dem Film praktisch die gesamte Wucht. Mit ein paar Tagen Abstand beginnen meine Erinnerung tatsächlich stark zu verblassen, mit einer Ausnahme: Der Zeitsprung in die Zukunft, der bereits in der Eröffnungssequenz angeteasert wird, ist aus meiner Sicht die mit Abstand stärkste Szene des gesamten Werkes. Der gesamte Rest ist zwar gefällig, zum Teil aber auch austauschbar und nichtssagend.

Tiefgang: Angedeutet, aber nicht geliefert.

Es gibt noch zwei inhaltlichen Entscheidungen, die ich erwähnen möchte, weil ich mich bereits beim Ansehen gewundert, im Nachhinein sogar darüber geärgert habe. Ich habe eingangs angedeutet, dass „The Tomorrow War“ bei aller Leichtigkeit ab und an sehr ernst sein kann, denn der Film reißt zumindest an zwei Stellen Themen an, deren tiefergehende Behandlung lohnend gewesen wäre. So hätte ich für meinen Teil jedenfalls gern mehr über die Implikationen und Paradoxien der Zeitreise erfahren – vor allem fand ich das Konzept der „Flöße“, die, fix miteinander verbunden, sozusagen auf dem Fluss der Zeit vorantreiben, eine schöne Metapher und ein sehr eigenständiges Konzept. Leider werden alle Fragen dazu – und auch zur Technik der Zeitmaschine per se – völlig ausgeblendet. Der Film macht in dieser Hinsicht überhaupt nichts aus seiner Prämisse und ist generell um keine Auflösung der Logikprobleme bemüht, die sich Genre-typisch zwangsläufig ergeben.

Der zweite Aspekt, der angeteasert, dann aber bestenfalls oberflächlich gestreift wird, ist die Psyche: Der Großteil der Menschen, die ohne große Ausbildung in die Schlacht geworfen werden, sind Zivilist:innen ohne militärische Erfahrung. Der Krieg selbst wird durchaus brutal dargestellt, die Verluste sind hoch, es kommen aber auch immer ein paar Überlebende zurück, die meist körperlich und/oder geistig unter den Folgen ihres Einsatzes leiden. In einer Szene wird sogar eine Therapiesitzung für traumatisierte Veteran:innen gezeigt (und auch dem Hauptcharakter bekommt der Krieg psychisch nicht gut). Diesen Themenkomplex greift der Film grundsätzlich mit starken Bildern auf, er schafft es tatsächlich, das Trauma glaubhaft und einfühlsam darzustellen, soweit man das als Außenstehende:r beurteilen kann. Leider nimmt das gefühlte fünf Minuten der Gesamtlaufzeit ein, danach formiert man sich neu und wird endgültig zur Superheld:innen-Truppe, die einem Ende entgegen sprintet, dass man auch ohne Kristallkugel lange vorher erahnen kann. So, als wäre nichts gewesen – und das hat mich wirklich gewurmt.

Weniger (oder anders) wäre mehr gewesen.

Nicht falsch verstehen: Ein Action-Film, wie „The Tomorrow War“ vorrangig einer ist, braucht die genannten Aspekte eigentlich nicht, um zu funktionieren. Es wäre meiner Ansicht nach jedoch besser gewesen, komplett darauf zu verzichten, statt Tiefgang, denn es überhaupt nicht gibt, anzudeuten. Denn, nochmal: Zeitreise-Problematik und Kriegstrauma werden so gut und glaubhaft dargestellt, wie man es selten in einem Film sieht, der einen völlig anderen Fokus hat. Dass das nach wenigen Sekunden vorbei ist, hat bei mir ein überwältigendes Gefühl der Enttäuschung hinterlassen. Mag sein, dass ich mich hier zu sehr auf Details kapriziere, dennoch ist das das, was mir emotional am deutlichsten von „The Tomorrow War“ in Erinnerung geblieben ist. Das – und der Eindruck, der Regisseur hätte es vielleicht gern anders gemacht und auch gekonnt, aber man hat ihn nicht gelassen.

Alles in allem halte ich „The Tomorrow War“ für einen passablen Actionstreifen mit ein, zwei nachdenklichen Passagen, die aber nicht mehr als Staffage sind. Unabhängig davon leidet er unter einigen melodramatischen Szenen und einer viel zu langen Laufzeit, sodass man letzten Endes sagen muss, dass er auch als gewollt (?) seichtes Popcorn-Kino nicht richtig funktioniert. Einmal kann man ihn sich schon ansehen – für multiple Durchgänge (ich weiß gar nicht, wie oft ich z. B. „Starship Troopers“ gesehen habe!) reicht es meiner Ansicht nach bei weitem nicht.

Gesamteindruck: 3/7


Originaltitel: The Tomorrow War.
Regie:
Chris McKay
Drehbuch: Zach Dean
Jahr: 2021
Land: USA
Laufzeit: ca. 140 Minuten
Besetzung (Auswahl): Chris Pratt, Yvonne Strahovski, Betty Gilpin, J. K. Simmons, Sam Richardson



FilmWelt: The Midnight Sky

Dass George Clooney einer der größten Stars ist, die Hollywood in den vergangenen 30 Jahren hervorgebracht hat, belegen u. a. zahlreiche Auszeichnungen, darunter bisher zwei Oscars und vier Golden Globes. Und auch, wenn man über deren Bedeutung trefflich streiten kann, finde ich, dass unser Mann die Anerkennung durchaus verdient hat. In „The Midnight Sky“ (2020) versucht sich Clooney als Regisseur – nicht zum ersten Mal, wohlgemerkt; dass er zugleich auch die Hauptrolle übernimmt, ist hingegen eine Premiere. Ob der „Sexiest Man Alive“ von 1997 und 2006 die Doppelbelastung meistert (oder woran es hapert), versuche ich im Folgenden herauszuarbeiten.

Gesamteindruck: 3/7


Wenn die Endzeit zur Geduldsprobe wird.

Ich mag Endzeit- und Katastrophenfilme, ich mag Raumschiffe – und ich mag George Clooney, sieht man von seinen Auftritten als Testimonial für einen bekannten Hersteller von Kapselkaffee ab. Perfekte Voraussetzungen also für „The Midnight Sky“? Theoretisch ja, in der Praxis sieht es leider etwas anders aus. Dabei wollte ich diesen Film, der auf dem Roman „Good Morning, Midnight“ (2016, Lily Brooks-Dalton) wirklich mögen. Leider haben es mir sowohl Hauptdarsteller als auch Regisseur ausgesprochen schwer gemacht.

Worum geht’s?
Nach einer globalen Katastrophe musste sich die Menschheit im Jahr 2049 in unterirdische Bunker zurückziehen. Einer der wenigen, die an der tödlich verseuchten Oberfläche geblieben sind, ist der unheilbar kranke Astronom Augustine Lofthouse. Von einer arktischen Wetterstation aus versucht er, mit dem Raumschiff „Aether“ Kontakt aufzunehmen, das gerade von einer zweijährigen Forschungsmission zum lebensfreundlichen Jupiter-Mond „K 23“ zurückkehrt. Lofthouse möchte die Crew vor der Situation auf der Erde warnen und zur Umkehr bewegen – und das nicht ganz uneigennützig, denn an Bord ist die Astronautin Sullivan, zu der er eine ganz besondere Verbindung hat…

Ich sage es entgegen meiner Gewohnheit ganz ohne Umschweife: „The Midnight Sky“ ist kein Film, den man unbedingt gesehen haben muss. Für dieses harsche Urteil gibt es meiner Ansicht nach mehrere Gründe. Der offensichtlichste davon: George Clooney räumt seiner eigenen Rolle mehr Platz ein, als gut für beide (also den Film und Clooney selbst) ist. Dieses Gefühl hat mich bereits während der ersten halben Stunde von „The Midnight Sky“ beschlichen: Zunächst macht der gesamte Aufbau des Films einen langwierigen und umständlichen Eindruck, was die Lust, die Hauptfigur kennenzulernen, von Anfang an bremst. Mag auch sein, dass man im Prinzip ohnehin sofort erkennt, mit welcher Art von Charakter man es zu tun hat – so oder so startet „The Midnight Sky“ meiner Meinung nach mit mit einem Malus. Mit zunehmender Dauer zeigt sich jedoch immer deutlicher, dass das Problem tatsächlich der gesamte Handlungsstrang ist, in dem Clooney die Hauptrolle spielt.

Einerseits liegt das wohl am Drehbuch, das mit schwer dechiffrierbaren Rückblenden arbeitet, was dem Publikum mehr Konzentration abverlangt, als man anhand der Story erwarten sollte. Andererseits ist es tatsächlich der Hauptdarsteller selbst, aber auch der von ihm verkörperte Charakter, der „The Midnight Sky“ ein Bein stellt. Das soll nun nicht heißen, dass Clooney die Rolle des alternden, kranken Forschers, der sich Einsamkeit und Naturgewalten stellen muss, per se schlecht spielt. Nur lässt er sich selbst geradezu inflationär in Posen auftreten, die vermutlich nachdenklich und tiefgründig wirken sollen, in Wirklichkeit jedoch schreien: „Seht her, wie tragisch das alles ist! Der arme Kerl ist krank und hatte außerdem eine schwierige Beziehung und versucht nun, wenigstens die letzten Reste der Menschheit zu retten!“. Und so schleppt sich ein schwer gezeichneter Clooney durch die – übrigens nahezu perfekt fotografierte – Szenerie, ohne dass man jemals das Gefühl hat, sein Leiden würde zu irgendetwas führen, das über den reinen Selbstzweck hinausgeht.

Dem Altstar steht in der Arktis (gefilmt wurde vorwiegend auf Island) ein junges Mädchen zur Seite. Ansatzweise lässt der Film die übliche Dynamik aus dieser Situation (nach einigem Hin & Her raufen sich der brummige, nörgelnde Einzelgänger und sein ungleiches Gegenüber doch noch zusammen) zwar erkennen, fraglich ist jedoch, ob das Publikum diese wenig überraschende Konstellation überhaupt noch sehen will. In „The Midnight Sky“ ist aber selbst diese eigentlich klassische Beziehung viel zu schwerfällig, weil das Mädchen über weite Strecken völlig stumm ist. Damit kann sich über den Dialog natürlich keine interessante Dynamik entwickeln, im Gegenteil, ich fand es als Zuseher höchst frustrierend, wie Lofthouse ständig erfolglos versucht, die Kleine aus der Reserve zu locken. Auch hier hat der Film somit ordentlich Sand im Getriebe, und macht die Identifikation mit beiden Figuren unnötig schwer.

Im Weltraum ist alles besser.

Dass „The Midnight Sky“ nicht komplett abstinkt, ist meiner Meinung nach dem zweiten Handlungsstrang zu verdanken. Dafür gibt es – wieder einmal – vor allem zwei Gründe: Erstens besteht die Besatzung aus fünf Personen, was eine entsprechende Dynamik erzeugt. Ich will nun nicht sagen, dass das Beziehungsgeflecht an Bord der „Aether“ ein Ausbund an Kreativität ist – ehrlich gesagt ist das Gegenteil der Fall, auch diese Charaktere und ihr Wechselsspiel miteinander sind ziemlich vorhersehbar. Es ist im Vergleich zum Rest des Films aber schlicht und einfach ein Genuss, Figuren zu beobachten, die miteinander sprechen und gemeinsam an Problemlösungen arbeiten.

Der zweite Grund hat mit dem Umfeld an sich zu tun: Die Schwierigkeiten, die sich aus einem Raumflug ohne Kontakt zur Missionskontrolle ergeben, die Entscheidungen, die zu treffen sind, die Gefahren, wenn etwas schiefgeht (und das tut es natürlich!) – all das macht diesen Teil des Films jeder Szene mit George Clooney überlegen. Anmerkung am Rande: Weltraum und Schiff sehen sehr gut aus und bestätigen die hervorragende Optik, die der Film in den Szenen auf der Erde angedeutet hat.

Logikfehler, Unwahrscheinlichkeiten, schwaches Drehbuch.

Meine übrigen Kritikpunkte in Kurzfassung: „The Midnight Sky“ hat Logikfehler, beispielsweise heißt es irgendwann klar, dass man keinesfalls ohne Maske an die frische Luft darf – weite Teile des Films verbringen beide Charaktere aber dennoch ohne Maske im arktischen Schnee. Dazu kommen Unwahrscheinlichkeiten wie eine von Krankheit geschwächte Hauptfigur, die es aber problemlos überlebt, mehrere Minuten im eiskalten Wasser zu treiben. Überhaupt ist es fast schon unfreiwillig komisch, wie eine Katastrophe die nächste jagt, fast, als hätte Clooney selbst gemerkt, dass der Film ansonsten viel zu statisch ist. Nur ist diese Auflockerung ohne Sinn und Verstand auch nicht dazu angetan, die Qualität zu heben. Und, last but not least: Das Finale ist unwahrscheinlich langatmig geraten und zieht sich gefühlte Ewigkeiten hin. Überhaupt hätte „The Midnight Sky“ eine 90-minütige Laufzeit besser zu Gesicht gestanden, aber das führt jetzt wohl zu weit.

Im Endeffekt muss ich konstatieren, dass mir abseits der schönen Bilder relativ wenig an vorliegendem Werk gefallen hat. Am ehesten konnte mich noch die technische Seite der Story überzeugen, darunter vor allem die Frage, nach den Möglichkeiten der Kursumkehr des Raumschiffs. Leider bleibt der Film in dieser Hinsicht eher vage, was für mich eine der größten Enttäuschungen war. Überhaupt dominierte bei mir im Nachgang das Gefühl, „The Midnight Sky“ hätte sich aus verschiedenen Themen, die er hätte erzählen können, die Uninteressantesten herausgepickt: Die Frage nach der Art der Katastrophe bleibt ungeklärt, was mit einer möglichen Kolonie auf dem Jupitermond passiert, erfahren wir nicht, wie es den Besatzungsmitgliedern ergeht, die sich trotz allem für eine Rückkehr zur Erde entscheiden, bleibt offen.

Meine Vermutung ist allerdings, dass der Film qualitativ auch nicht besser gewesen wäre, wenn er einen dieser Aspekte beleuchtet hätte (zumal ich ohnehin vermute, dass die Buchvorlage das auch gar nicht hergibt). Denn: Das Problem ist augenscheinlich nicht die Geschichte selbst, sondern deren Umsetzung. Schade – aber mehr als sehr großzügige 3 Punkte sind für „The Midnight Sky“ damit nicht drin.

Gesamteindruck: 3/7


Originaltitel: The Midnight Sky.
Regie:
George Clooney
Drehbuch: Mark L. Smith
Jahr: 2020
Land: USA
Laufzeit: ca. 120 Minuten
Besetzung (Auswahl): George Clooney, Felicity Jones, Caoilinn Springall, David Oyelowo, Kyle Chandler



FilmWelt: Cargo

Der Zombiefilm ist ein Genre, das sich seit Jahrzehnten nicht versiegen wollenden Nachschubs an Material erfreuen darf. Neben der Güte von Effekten und Drehbüchern stellt sich ob der unüberschaubaren Auswahl allerdings vor allem eine zentrale Frage: Fügt ein Film diesem klassischen Thema einen neuer Aspekt hinzu? Davon hängt der Unterhaltungswert der (Post)-Apokalypse zwar nicht zwangsläufig ab – dennoch freut sich der geneigte Fan, gleich einer/einem sabbernden Untoten, über jedes bisschen Frischfleisch, das von findigen Regisseur:innen in die Arena geworfen wird.

Gesamteindruck: 4/7


Ein Mann und ein Baby.

„Cargo“ (2017) ist ein eher ruhiger Vertreter seines Genres. Vom sonst so gern gezeigten Chaos, von Plünderungen und Gewalt, die den Anfang vom Ende der Zivilisation einleiten, ist hier nichts zu sehen. Im Gegenteil, das postapokalyptische Australien ist zunächst vergleichsweise friedlich: Man fährt mit dem Hausboot den Fluss hinunter, wirft die Angel aus, winkt einer Familie zu oder holt sich Vorräte von einem gestrandeten Kahn. Dass das nicht lange gut gehen kann, liegt auf der Hand – doch auch wenn „Cargo“ zu gelegentlichen Ausbrüchen neigt, bleibt der Film primär nahe an den persönlichen Emotionen seiner Charaktere und nimmt sich Zeit für eine Erzählung, die mehr Drama als Action beinhaltet.

Worum geht’s?
48 Stunden – so lange dauert es, bis man sich nach dem Biss einer infizierten Person in eine willenlose Kreatur verwandelt, die sich vom Fleisch anderer Menschen ernährt. Es sind also denkbar ungünstige Umstände, unter denen Andy und seine Frau Kay nach Ausbruch einer mysteriösen Seuche versuchen, ihre kleine Tochter Josie zu beschützen. Als Kay sich ansteckt, muss Andy eine Entscheidung treffen – und beschließt wider besseres Wissen, sich nicht von ihr zu trennen. Kurz darauf bereut er diesen Schritt, aber es ist zu spät: Er wurde gebissen, eine Heilung gibt es nicht; Andy hat nun 48 Stunden Zeit, die hilflose Josie in einem Australien, in dem nur das Recht des Stärkeren gilt, in gute Hände zu geben…

Ich weiß nicht, wie oft der Begriff „Zombies“ im Allgemeinen in Genrebeiträgen genannt wird. Heute scheint es mir geradezu verpönt zu sein, ihn zu benutzen – und „Cargo“ bildet in dieser Hinsicht keine Ausnahme, indem vor allem von Infizierten gesprochen wird. Es gibt jedoch ein anderes Alleinstellungsmerkmal (oder zumindest einen Aspekt, der bisher noch nicht bis zum Umfallen ausgereizt wurde): Der Film konzentriert sich überhaupt nicht auf die Infizierten, die man auch relativ selten deutlich zu Gesicht bekommt. Das Finden eines Heilmittels, der Kampf um die knappen Ressourcen oder große, gesellschaftliche Umwälzungen sind ebenfalls kein Thema. Es geht in „Cargo“ vielmehr darum, wie eine Familie mit einer tödlichen Krankheit, vor der es kein Entrinnen gibt, umgeht. Was nicht heißen soll, dass es überhaupt keine Zombie- oder sonstige Action gibt; sie steht allerdings nicht im Mittelpunkt der Handlung. Wir haben es hier also mit einem etwas „anderen“ Film zu tun haben, der Liebhaber geradliniger und blutiger Action vermutlich enttäuschen wird.

Normalos als Protagonist:innen.

Die Figuren in Zombiefilmen sind meist Actionheld:innen oder charismatische Anführer:innen, gerne auch beides in Personalunion. Anders in „Cargo“: Hier stellt sich das unwahrscheinlichste Wesen, das man sich vorstellen kann… Naja, schlechter Gag. Jedenfalls spielt Martin Freeman die Hauptrolle in dieser australischen Produktion – und er ist hier natürlich nicht der Hobbit. Wer die umstrittene Trilogie von Peter Jackson kennt, mag sich allerdings schwer tun, den ernsthaften Schauspieler Freeman komplett von seiner Rolle als Bilbo Beutlin zu trennen. Ich gebe zu, dass ich abseits jener Mammut-Produktion und der Serie „Sherlock“ (2010-2017) wenig von unserem Mann gesehen habe – es ist aber nicht zu übersehen, dass er sich in „Cargo“ häufig seiner Auenland-Mimik bedient, was zwar sympathisch ist, es aber gelegentlich schwer macht, ihm vorliegendes Drama abzunehmen. Wer darüber hinwegsehen kann, bekommt in „Cargo“ aber einen über weite Strecken glaubhaften und stark aufspielenden Martin Freeman zu sehen. An ihm liegt es meines Erachtens jedenfalls nicht, dass vorliegender Film international nicht allzu viel Beachtung gefunden hat.

Am restlichen Cast auch nicht, wobei man im Wesentlichen nur zwei Figuren hervorzuheben braucht (der Rest hat relativ wenig Screentime, sieht man vom Baby ab): Anthony Hayes gibt eine Art australischen Redneck, einen echten Kotzbrocken, der vor keiner Grausamkeit zurückschreckt, um auch in der Postapokalypse seinen Willen zu bekommen. Höchst unsympathisch – also auch gut gespielt, würde ich sagen. Und dann gibt es da noch die von Simone Landers dargestellt Thoomi, die der Hauptfigur im Laufe des Films als Führerin zu einem Stamm von australischen Ureinwohner:innen dient. Auch sie macht ihre Sache gut, sodass in Hinblick auf die Besetzung wenig an „Cargo“ zu kritisieren ist. Es sei denn, man hätte grundsätzlich ein Problem mit einer Kinderrolle, die auch mal ein wenig nerven kann. Ich persönlich fand diesen Charakter allerdings sehr passend umgesetzt.

Anders.

Der Rahmen von „Cargo“ unterscheidet sich auf den ersten Blick gar nicht so sehr von anderen Filmen dieser Art: Ein Mann versucht, einen sicheren Ort für sich und seine Tochter zu erreichen und trifft dabei auf verschiedenen Charaktere, die ihm mal mehr, mal weniger freundlich gesinnt sind. Soweit so klassisch, wozu auch passt, dass die Hauptfigur ihre moralische Überlegenheit voll und ganz ausspielen darf. Und doch: Trotz Verwendung bekannter Versatzstücke fühlt sich „Cargo“ insgesamt anders an. Es ist wohl die Konzentration auf Einzelschicksale, die den Titel von der Konkurrenz abheben. Jeder der wenigen Charaktere im Film ist individuell ausgestaltet (freilich nicht alle gleichermaßen ausführlich), was schon einen Unterschied zu jenen Beiträgen macht, die auf Masse statt Klasse setzen, was ich im Übrigen nicht zwangsweise negativ finde.

Was außerdem positiv auffällt: „Cargo“ endet für die Hauptfigur nicht gut, was ein durchaus überraschender Effekt ist (das Finale ist übrigens eine interessante Mischung aus witzig und traurig). Ich könnte mich ad hoc nicht erinnern, das schon mal in diesem Ausmaß gesehen zu haben (ausgenommen „The Walking Dead“, das als Serie aber ganz anders mit den Figuren umgehen kann). Und: Es wird ein Bezug zu den australischen Ureinwohnern hergestellt, die es offenbar als eine von ganz wenigen Gruppen schaffen, den Infizierten zu trotzen, indem sie sich ihrer eigenen, von den Weißen unverstandenen Traditionen bedienen. Auch, wenn das nicht ganz schlüssig erklärt wird, hat mir dieser Aspekt ebenfalls gut gefallen.

Woran hapert es dann eigentlich? Ehrlich gesagt fällt es mir schwer, das zu benennen. „Cargo“ sieht gut aus, hört sich gut an, ist eigenständig genug und hat einen sympathischen Hauptdarsteller. Leider hat mich der Film dennoch nicht sonderlich gut unterhalten; er hat seine Längen und leidet stellenweise unter faden Dialogen. Dass er wenig Hintergrund zur Katastrophe selbst bietet, ist ebenfalls ein Problem – kein grundsätzliches, weil ein solcher Film das eigentlich auch gar nicht machen muss. Nur müsste dann seine individuelle Erzählung voll und ganz überzeugen, was sie aber nicht tut: Der rote Faden kommt mir ganz dünn vor, wie Butter auf zu viel Brot verstrichen (noch ein blöder Gag, ich weiß). Vielleicht ist das auch einmal mehr ein Beweis dafür, dass es nur in den seltensten Fällen gelingt, ein Konzept für einen Kurzfilm (denn auf einem solchen basiert vorliegender Titel) auf abendfüllende Länge aufzublasen. Die Folge: Trotz guter Ansätze gibt es leider nur eine durchschnittliche Wertung für „Cargo“.

Gesamteindruck: 4/7


Originaltitel: Cargo.
Regie:
Ben Howling, Yolanda Ramke
Drehbuch: Yolanda Ramke
Jahr: 2017
Land: Australien
Laufzeit: ca. 100 Minuten
Besetzung (Auswahl): Martin Freeman, Anthony Hayes, Simone Landers, Susie Porter



FilmWelt: I Am Mother

Das Setting von „I Am Mother“ (2019) hat mich von der ersten Sekunde an gepackt: Ein mit futuristischer Technik ausgestatteter, steril wirkender Bunker, eine mit sanfter Frauenstimme sprechende künstliche Intelligenz, die Unklarheit darüber, was mit den Menschen passiert ist und wie die Außenwelt wohl aussehen mag – all das schürt unbändige Vorfreude auf den US-amerikanisch-australischen Film.

Gesamteindruck: 4/7


Mutter und Tochter.

Ich konnte es im ersten Moment kaum glauben: „I Am Mother“ ist tatsächlich das Debüt (!) des australischen Regisseurs Grant Sputore, ein Mann, der zum Zeitpunkt dieser Rezension im Dezember 2021 immer noch keinen eigenen Eintrag in der Wikipedia hat; auch nicht in der englischsprachigen, wohlgemerkt. Das hätte ich so nicht gedacht, denn vorliegendes Werk ist speziell in Sachen Atmosphäre hervorragend gelungen. Leider hat der Film aber auch erhebliche Schwächen, die würde ich aber eher auf das Drehbuch als auf die Regieleistung zurückführen. Doch ich greife vor…

Worum geht’s?
Die Menschheit hat sich wieder einmal selbst ausgelöscht – klugerweise wurde aber vorgebaut: In einer Art Bunker wurden zehntausende Embryonen eingelagert, die zu einem späteren Zeitpunkt eine neue Zivilisation auf der Erde begründen sollen. Ein humanoider Roboter, genannt „Mutter“, hat die Aufgabe, in der Sicherheit des Bunkers zunächst einzelnes Kind aus dieser menschlichen Reserve, folgerichtig als „Tochter“ bezeichnet, großzuziehen. „Tochter“ wird dabei stets im Glauben gelassen, die Außenwelt wäre unbewohnbar – was so lange funktioniert, bis sich eine Frau in die Luftschleuse verirrt. Das Mädchen lässt die Fremde wider besseres Wissen eintreten – und ab diesem Zeitpunkt ist ihre Welt nicht mehr die Gleiche…

Die Prämisse von „I Am Mother“ erinnert mich gleich an mehrere Endzeit-Geschichten: Den hermetisch abgeriegelten Bunker kennt man aus den „Fallout“-Computerspielen, die Maschinenintelligenz und ihre Ziele wirken wie eine Mischung aus „Matrix“ (1999) und „Terminator“ (1984) – und dass die Menschheit mehr oder weniger komplett per Krieg, Krankheit oder Naturkatastrophe (so klar wird das in „I Am Mother“ nicht gesagt) vernichtet wurde, ist auch nicht gerade ein Alleinstellungsmerkmal. Paradoxerweise fühlt sich das Setting trotz dieser allseits bekannten Versatzstücke unverbrauchter an, als es das eigentlich sollte. Dass speziell die Atmosphäre von „I Am Mother“ stimmt, hat zunächst einmal massiv mit der Technik zu tun, die – zumindest, solange wir uns im Bunker befinden – voll und ganz überzeugt: Sound, Bild, Special Effects, Ausstattung, Kostüme und Kulissen lassen keinerlei Wünsche offen.

Plus und Minus bei Darsteller:innen.

Mit den Darsteller:innen bin ich hingegen nicht ganz zufrieden, wobei hier die oben angedeuteten Schwächen im Drehbuch hineinspielen mögen. Jedenfalls haben mich zwei von drei Charakteren, „Tochter“ und „Frau“ (im Film gibt es keine Namen, was ebenfalls zur interessanten Atmosphäre beiträgt) in letzter Konsequenz nicht überzeugt: Tochter ist so naiv und unschuldig, wie man es erwarten würde, allerdings war mir der Charakter letzten Endes zu bieder. Wir haben es hier immerhin mit einem Teenager zu tun, der noch nie einen anderen Menschen zu Gesicht bekommen hat, sieht man von alten TV-Programmen ab – und der von einer künstlichen Intelligenz erzogen wird, einem Roboter, der nicht annähernd menschlich aussieht. Unter diesen Umständen hätte ich mir eine etwas speziellere Hauptfigur erhofft, was nicht heißen soll, dass Clara Rugaard, unterstützt durch ihr blutjunges Aussehen, ihre Rolle nicht gut spielen würde.

Leider bekommt sie im Verlauf des Films mit der von außen in den Bunker kommenden Frau (gespielt von Oscar-Preisträgerin Hilary Swank, der einzige bekannte Name der gesamten Produktion) auch keinen Gegenpart, der so richtig passt. Diese Figur soll, so vermute ich, feindselig, abweisend und misstrauisch wirken, was nicht ganz so gelingt, wie beabsichtigt. Zumindest aus meiner Sicht – mir ist es die ganze Zeit so vorgekommen, als wäre der Charakter vor allem deshalb so schwierig, weil man es nicht geschafft hat, ihn richtig und vollständig auszuarbeiten. Die Konsequenz: Ich hatte zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, dass die Chemie zwischen den beiden stimmt, dass sich diese so unterschiedlichen Figuren ergänzen würden, wie sie es mutmaßlich hätten tun sollen. Interessanterweise auch dann nicht, als sie sich im Film irgendwie doch zusammengerauft haben. Bemerkenswert übrigens auch, dass ich das nicht nur zwischen den Charakteren auf dem Bildschirm so empfunden habe, sondern auch zwischen ihren Darstellerinnen.

Übrigens hat in „I Am Mother“ ein einziger Mann eine größere Rolle: Luke Hawker bewegt sich als „Mutter“, damit als Figur mit der meisten Screentime nach „Tochter“, durch die Szenen; die Stimme des Roboters stammt allerdings von der australischen Schauspielerin Rose Byrne (auf Deutsch von Laura Maire sehr passend synchronisiert). Meines Erachtens machen beide ihre Sache großartig und erschaffen einen Charakter, bei dem man sich schwer tut, zu entscheiden, ob man ihn mögen oder fürchten sollte – ganz so, wie man es sich von einer künstlichen Intelligenz, die auf die Simulation von Gefühlen programmiert ist, erwarten würde. Das ist mit Abstand die interessanteste und am besten funktionierende Figur in „I Am Mother“.

Gute Ausgangslage leider kaum genutzt.

Mein größtes Problem ist letzten Endes, dass die Verantwortlichen aus einem hervorragenden Setting nebst grandioser Atmosphäre zu wenig machen – und damit sind wir wieder beim Drehbuch bzw. überhaupt bei der Handlung angekommen. Dass die Grundprämisse kaum erklärt wird, hat mich im ersten Moment nicht gestört; allerdings ergibt sich daraus und aus dem Aufbau des Films eine Erwartungshaltung, die kaum erfüllt wird. Heißt: Man ertappt sich fast durchgehend dabei, auf einen Aha-Moment zu warten, auf die eine Szene, in der die einzelnen Puzzlesteine endlich zu einem Gesamtbild zusammenfallen. Das passiert leider nicht, selbst ganz zum Schluss laufen die Fäden nur semi-befriedigend zusammen.

Man hofft vor allem dann auf den großen Augenblick, wenn Tochter endlich den Bunker verlässt (dass das passieren muss, ist aufgrund der Prämisse ohnehin klar). Wenn es dann soweit ist, macht sich leider Ernüchterung breit, die nichts mit den enttäuschenden CGI-Effekten der Außenwelt zu tun hat: Der Film ergeht sich in nebulösen und relativ hanebüchenen Erklärungen, denen man zwar einigermaßen folgen kann, die aber nicht so richtig zum vorher erzeugten Gefühl, hier etwas Großes zu sehen, passen wollen. Tiefgründig geht definitiv anders, sodass man am Ende konsterniert zurückbleibt – und auch ein bisschen verärgert, weil die solide Ausgangsbasis nicht für ein beeindruckendes Finale, das vielleicht sogar zum längeren Nachdenken angeregt hätte, genutzt wurde. Es ist, als hätten Regisseur und Drehbuchautor zwischendurch vergessen, welche Geschichte sie eigentlich erzählen wollten.

Fazit: „I Am Mother“ ist am Ende nicht Fisch und nicht Fleisch, der Film reißt Themen an, reflektiert sie aber nicht gut – und hallt damit letzten Endes so viel weniger nach als man sich das nach der ersten halben Stunde erhofft und erwartet hätte. Sehr schade, mit stärkerer Fokussierung wäre hier deutlich mehr drin gewesen.

Gesamteindruck: 4/7


Originaltitel: I Am Mother.
Regie:
Grant Sputore
Drehbuch: Michael Lloyd Green
Jahr: 2019
Land: Australien, USA
Laufzeit: ca. 115 Minuten
Besetzung (Auswahl): Clara Rugaard, Luke Hawker, Rose Byrne, Hilary Swank



FilmWelt: (Über)lebenswert

In „(Über)lebenswert“ kämpft eine Gruppe von … naja… Überlebenden in einer post-apokalyptischen Welt gegen verschiedene Bedrohungen. So weit, so klassisch – allerdings spielt der Film aus dem Jahr 2016 nicht in den USA oder Europa, sondern im Nahen Osten. Damit dürfte die Produktion aus den Vereinigten Arabischen Emiraten wohl eine der ersten ihrer Art sein.

Gesamteindruck: 3/7


Post-apokalyptische Emirate.

Auch wenn die Gesamtwertung durchwachsen ist: Es gibt einige Aspekte an „(Über)lebenswert“, die stimmen. Vor allem sei die Optik genannt, der man zwar ansieht, dass der Film nicht in den Genuss eines Hollywood-üblichen Budgets gekommen sein dürfte, die aber nichtsdestotrotz eine stimmige Atmosphäre schafft. Auch die Effekte fand ich weitgehend in Ordnung, obwohl ich etwas weniger CGI und eine Spur mehr klassische Tricktechnik bevorzugt hätte, aber das ist ein Kritikpunkt, den man durchaus auch bei vielen US-Produktionen der jüngeren Vergangenheit anbringen kann.

Worum geht’s?
Nachdem der Großteil der Menschheit erst durch Krieg, dann durch systematische Kontaminierung des Trinkwassers dahingerafft wurde, sammeln sich die Überlebenden um die wenigen noch nutzbaren Quellen. Klar, dass ein solcher Ort allerlei Gesindel anzieht, gegen das es sich zu verteidigen gilt. Das gelingt einer Gruppe ganz gut – bis sie einen Mann und eine Frau trotz aller Zweifel bei sich aufnimmt…

Inhaltlich gibt sich „(Über)lebenswert“ biederer, als man aufgrund der exotischen Herkunft zunächst vermuten möchte. Dem traditionellen Setting einer post-apokalyptischen Zukunft, in der auf Leben und Tod um die letzten Ressourcen gerungen wird, fügen Regisseur Ali F. Mostafa und Drehbuchautor Vikram Weet jedenfalls keine neue Aspekte hinzu. Im Gegenteil, Story und Charakterzeichnung sind bis zum letzten Drittel des Films vollkommen vorhersehbar. Dann folgt ein Twist, der zu einer Auflösung führt, die aus meiner Sicht eigentlich gar keine ist und mich eher ratlos und unbefriedigt hinterlassen hat. Generell wirkt der letzte Abschnitt relativ aufgesetzt und will nicht so recht zum geradlinigen Rest passen, was den Film letztlich noch einmal etwas runterzieht.

Paradoxerweise bezieht sich der Titel des Films deutlich mehr auf das letzte Drittel als auf das, was wir vorher zu sehen bekommen. „(Über)lebenswert“ handelt zunächst von den Versuchen einer kleinen Gruppe, sich unter denkbar schwierigen Umständen so gut wie möglich einzurichten. Dass es dabei zu inneren Spannungen und äußeren Bedrohungen kommt, liegt auf der Hand und scheint von vorne bis hinten wie aus dem sprichwörtlichen Lehrbuch für Endzeit-Filme zu stammen. Zum Ende hin kristallisiert sich allerdings heraus, dass sich das Werk der größeren – und ethisch höchst bedenklichen – Frage widmet, wer es wert ist, zu leben. Dieser essenzielle Konflikt wird leider relativ kurz und wenig befriedigend abgehandelt, was der Hauptgrund für die schwache Bewertung ist. Hierzu sei außerdem angemerkt, dass mir der deutsche Titel die Problematik, derer sich der Film letzten Endes annimmt, zu wenig herausstellt. Ich denke, „Lebenswert“ (also ohne das eh schon holprige „(Über)“) wäre passender gewesen und hätte dem Englischen „The Worthy“ deutlich besser entsprochen.

Schauspielerisch kein Leckerbissen.

Neben der – bis auf das Ende – sehr durchschnittlichen Handlung hat „(Über)lebenswert“ aber auch noch andere Probleme: Der Cast, vor allem die jüngeren Schauspieler:innen, ist teilweise ziemlich schwach, fast hat man das Gefühl, einige Mimen wären gerade erst von der Schauspielschule gekommen. Mehr oder weniger damit einher geht das Fehlen von Sympathiewerten bei den Charakteren, die eigentlich die Guten darstellen sollen. Den Darsteller:innen fehlt es an Charisma, den Figuren an Tiefe, sodass man letztlich nur beim (vermeintlichen) Bösewicht von einer einigermaßen gelungenen Rolle sprechen kann. Das ist ein größeres Problem, als man vermuten könnte: Die mangelnden Identifikationsmöglichkeiten haben zur Folge, dass sich das notwendige Gefühl, die im Film vorgestellte Gruppe wäre „worthy“, nie so richtig einstellt. Und damit erreicht „(Über)lebenswert“ das Ziel nicht, dass man als Zuseher:in die moralische Zwickmühle des Haupt-Protagonisten nachvollziehen kann. Oder, um es drastisch zu sagen: Es ist egal, was mit den Nebenfiguren passiert – und auch die Bindung der Hauptperson zu seinen Kameraden, ja zu seiner Familie, wirkt in keinem Moment echt und nachhaltig.

Fraglich ist aber, ob bessere bzw. erfahrenere Schauspieler:innen eine bessere Figur gemacht hätten – denn auch das Drehbuch ist teilweise unlogisch. Beispielhaft sei in diesem Zusammenhang die Weitläufigkeit des Schauplatzes genannt, die in keiner Relation zu den wenigen Personen steht. Wie ein solcher Ort von einer Handvoll Menschen verteidigt werden kann, ist mir vollkommen schleierhaft. Zu dieser und ähnlichen Merkwürdigkeiten passt im Übrigen auch das Verhalten, das das Drehbuch den Charakteren vorschreibt; auch in dieser Hinsicht konnte ich an manchen Stellen nur den Kopf schütteln oder musste mir ein Lachen über so viel Naivität verkneifen.

Letzten Endes muss ich aber auch zugeben, dass mich „(Über)lebenswert“ auf eine seltsame Weise gut unterhalten hat. Das liegt einerseits wohl an der weiter oben genannten Atmosphäre, die im Endeffekt einfach passt, andererseits an der zwischendurch eingeschobenen, gutklassigen Action. Dennoch: Der Unterhaltungswert ist zwar da, er fühlt sich im Nachgang aber wie Fastfood an. Kurzfristig mag es befriedigend sein, Tiefgang ist aber, wenn überhaupt, nur andeutungsweise vorhanden. Dafür gibt es ganz knappe 3 von 7 Punkten.

Gesamteindruck: 3/7


Originaltitel: المختارون.
Regie:
Ali F. Mostafa
Drehbuch: Vikram Weet
Jahr: 2016
Land: Vereinigte Arabische Emirate, Rumänien
Laufzeit: ca. 100 Minuten
Besetzung (Auswahl): Ali Suliman, Maisa Abd Elhadi, Mahmoud Al Atrash, Samer Ismail



BuchWelt: Lobgesang auf Leibowitz

Walter M. Miller, Jr.


Ich könnte ad hoc nicht sagen, wie lange ich „Lobgesang auf Leibowitz“ schon auf meinem Stapel ungelesener Bücher (SuB) habe. Gefühlt dürfte es sich sogar um eines der ersten Werke handeln, das ich auf jenen (imaginären) Stoß gegeben habe, seit ich zur arbeitenden Bevölkerung gehöre und mir Bücher in größeren Mengen leisten kann. Nun, im Jahre des Herrn 2021 (um im Duktus der Abtei des Heiligen Leibowitz zu sprechen), habe ich endlich die Zeit gefunden, mich mit diesem gefühlt relativ unbekannten Klassiker der postapokalyptischen Science Fiction zu beschäftigen.

Gesamteindruck: 4/7


Wiederholungstäter.

Vordergründig ist „Lobgesang auf Leibowitz“ eine dystopische Science Fiction-Geschichte und behandelt in drei Teilen den Wiederaufstieg der Menschheit nach einer globalen Katastrophe. Autor Walter Miller geht davon aus, dass sich dieser Prozess in Schritten bzw. Epochen vollzieht, die der Vergangenheit unserer westlichen Zivilisation ähneln: „Fiat Homo“ spielt in einer Art Mittelalter, 600 Jahre nach einem großen Atomkrieg, „Fiat Lux“ wiederum 600 Jahre später in einem Zeitalter, das an die Renaissance erinnert und „Fiat Voluntas Tua“ noch einmal sechs Jahrhunderte später zu Beginn einer neuen Raumfahrt-Ära. Verbindendes Element ist die Arbeit der Mönche in der Abtei des Heiligen Leibowitz, irgendwo in einer Wüste im Südwesten von Amerika.

Worum geht’s?
Nachdem ein Atomkrieg die Erde verwüstet hatte, wurden sämtliche Bücher und Erkenntnisse, die die Katastrophe überstanden hatten, vernichtet. Wissenschaftler wurden ermordet, wo man ihrer habhaft werden konnte – alles, um eine neuerliche nukleare Auseinandersetzung zu verhindern. Ein gewisser Isaac Leibowitz war einer von wenigen, die versuchten, das alte Wissen zu bewahren, wofür er schließlich mit seinem Leben bezahlte. 600 Jahre später hat die Menschheit die Barbarei hinter sich gelassen und der Orden des mittlerweile als Märtyrer verehrten Leibowitz arbeitet daran, die letzten Überbleibsel der alten Zivilisation zu finden und zu bewahren, auf das irgendwann wieder eine Zeit der Erleuchtung folgen möge

Die Prämisse, dass ein christlich-religiöser Orden versucht, so viel wie möglich vom verloren gegangenen Wissen der Menschheit zu bewahren, ist sowohl groß- als auch einzigartig. Und das sage ich nicht nur, weil ich Endzeit-Geschichten generell mag: „Lobgesang auf Leibowitz“ stellt Fragen, die zur Zeit seiner Veröffentlichung relativ selten in der Science Fiction vorgekommen sind, beispielsweise nach dem Verhältnis zwischen Staat, Kirche und Wissenschaft, aber auch nach Segen und Fluch des Fortschritts. Ein großes Alleinstellungsmerkmal sind dabei die wechselnden Rollen, die die sich ändernden Zeiten widerspiegeln: Anfangs ist es ausgerechnet die Kirche, die das tut, was eigentlich Aufgabe der Wissenschaft wäre und die dadurch einen erneuten Aufschwung der Menschheit ermöglicht. Später erkennt niemand außer den Mönchen die Gefahren, die dieses Wissen birgt, wenn es ohne moralischen Kompass zum Einsatz kommt. All das hebt sich sehr stark vom damals üblichen Science Fiction-Roman ab – und ist auch in heutigen Genrebeiträgen alles andere als alltäglich.

Es wäre jedoch zu kurz gegriffen, vorliegendes Werk „nur“ auf Science Fiction zu reduzieren. Neben den von mir beschriebenen moralischen Implikationen stellt das Buch eine zyklische Geschichte vor: Die 1.800 Jahre, die die Handlung abdeckt, spiegeln im Endeffekt die 1.800 Jahre wieder, wie sie vor dem fiktiven Atomschlag – also in unserer Realität – abgelaufen sind. Und dem Leser stellt sich damit die Frage, ob sich die Fehler, die die Menschheit begeht, zwangsweise wiederholen. Ich verrate wohl nicht zu viel, wenn ich sage, dass die Antwort von Walter Miller höchst pessimistisch ausfällt.

Kein überbordender Unterhaltungswert.

Doch auch, wenn ich die dahinterstehende Philosophie begrüßenswert und als hervorragende Anregung zum Nachdenken empfinde: „Lobgesang auf Leibowitz“ ist immer noch ein Roman, der unterhalten soll. Und das ist der Knackpunkt: Während ich „Fiat Homo“ mit großem Vergnügen gelesen habe und auch „Fiat Lux“ empfehlen kann, empfinde ich den finalen Abschnitt über weite Strecken als schwere Kost. Mag sein, dass das mit der Veröffentlichungsweise zu tun hat: Die drei Teile erschienen zwischen 1955 und 1957 als Novellen in einer amerikanischen Science Fiction-Zeitschrift, eine Gesamtveröffentlichung erfolgte erst 1960. Eventuell liegt es daran, dass „Fiat Voluntas Tua“ die Leichtigkeit seiner Vorgänger fehlt.

Letzten Endes sind diese Schwierigkeiten, die ich mit dem finalen Part der Geschichte habe, der Grund für meinen eher durchwachsenen Gesamteindruck. Philosophische Erwägungen sind ja schön und gut – in „Fiat Voluntas Tua“ hatte ich aber über weite Strecken nicht das Gefühl, dass der Autor wusste, wohin er eigentlich mit seiner Geschichte will. Oder, anders ausgedrückt: Die Story ist schon da, sie ist aber relativ dünn und wirkt, als wäre sie nur vorhanden, um eine Entschuldigung für große Philosophie zu haben (der ich ehrlich gesagt nicht sonderlich gut folgen konnte).

Was die Charaktere betrifft, gibt es wenig Grund zur Beschwerde. Vor allem die Hauptfigur in „Fiat Homo“, ein einfacher Mönch, der nicht weiß, wie ihm geschieht, als er plötzlich Artefakte des Heiligen findet, den sein Orden seit Jahrhunderten verehrt, ist dem Autor hervorragend gelungen. Speziell daraus zieht der erste Abschnitt seine leichte Lesbarkeit – Bruder Francis Gerard ist zwar sehr gläubig und bescheiden, gleichzeitig aber auch ein wenig einfältig und tollpatschig. Dieser krasse Gegensatz zur doch recht harten Philosophie macht die Mischung aus und „Fiat Homo“ zu einem echten Lesevergnügen. Derartige Sympathieträger kommen in den anderen zwei Teilen des Romans nicht vor – wobei ich das Hin & Her zwischen Abt Dom Paolo und dem Wissenschaftler Thon Taddeo Pfardentrott in „Fiat Lux“ durchaus goutiere. Der letzte Akt enthält im Gegensatz dazu kaum memorable Figuren, was wohl ein Mitgrund für die schwerere Lesbarkeit sein dürfte.

Alles in allem ist „Lobgesang auf Leibowitz“ ein Werk, das jeder, der sich für postapokalyptische Szenarien interessiert, gelesen haben sollte. Eine Einschränkung gibt es allerdings: Walter Miller beschreibt hier kein großes Bild möglicher Gesellschaftsformen in einer dystopischen Zukunft. Er konzentriert sich auf einen Aspekt (die Erhaltung des Wissens und den Versuch, die Wiederholung alter Fehler zu verhindern), auf den allerdings sehr detailliert. Wer damit umgehen kann und ein gesundes Interesse an philosophischen Erwägungen, die gelegentlich die Story überdecken, hat, kann zu untenstehender Wertung vielleicht einen oder zwei Punkte addieren. Mir persönlich ist das Buch gegen Ende hin zu unfokussiert, sodass der Gesamteindruck nicht über das gehobene Mittelmaß hinauskommt.

Gesamteindruck: 4/7


Autor: Walter M. Miller, Jr.
Originaltitel: A Canticle for Leibowitz.
Erstveröffentlichung: 1955-1957
Umfang: ca. 320 Seiten
Gelesene Sprache: Englisch
Gelesene Version: E-Book

SerienWelt: Tribes of Europa – Staffel 1

Wie vor gar nicht allzu langer Zeit bei „Dark“ (2017-2020) hat es auch den Verantwortlichen für „Tribes of Europa“ gefallen, einer deutschen Serie einen englischen Titel zu verpassen. Beinbruch ist das natürlich keiner, aber gleichzeitig ist es meiner Meinung nach so etwas wie ein Fingerzeig auf eine der vielen Baustellen dieser stark gehypten Netflix-Serie.

Gesamteindruck: 2/7


Endzeit over Europa.

Eigentlich sollte ich ja längst wissen, dass es nicht immer klug ist, vorab Rezensionen zu lesen – zu voreingenommen geht man danach häufig an Bücher, Filme und Serien heran. Leider (?) konnte ich bei „Tribes of Europa“ nicht widerstehen und habe mich vorher im Netz schlau gemacht. Zwei Dinge waren dabei besonders auffällig: Einerseits der allgemein sehr durchwachsene Tenor in der (deutschen) Community, andererseits ein speziell auf die Sprache der Akteure bezogenes… ich würde fast sagen: bashing. Letzteres hatte ich auch schon in diversen Kommentaren zu „Dark“ herausgelesen, konnte beim Ansehen aber zumindest diesen Teil der Kritik nicht nachvollziehen. Bei „Tribes of Europa“ sieht die Sache allerdings anders aus.

Worum geht’s?
In nicht allzu ferner Zukunft hat die Welt, wie wir sie kennen, zu existieren aufgehört. Nach einem – vermutlich globalen – Blackout gibt es keine Staaten mehr, die Überlebenden der Katastrophe sind in Stämmen, den sogenannten „Tribes“, organisiert. Einer davon sind die „Origines“, die jegliche Technologie ablehnen und versuchen, mit der Natur im Einklang zu leben. Ihre Isolation endet, als eine Art Raumgleiter vom Stamm der „Atlantier“ in der Nähe abstürzt und ein Stück fortschrittlicher Technik, den „Cube“, verliert. Um dieses wertvolle Artefakt bricht bald ein Krieg aus, der viele Leben kostet – und das beschauliche Dasein dreier Geschwister von den Origines für immer verändert…

Ich bin mir nicht sicher, wie sich obige Zusammenfassung für jemanden liest, der die Serie nicht kennt. Selbst für mich, der ich die 6 Folgen, die bis dato erschienen sind, erst unlängst gesehen habe, klingt das nach wirrem Zeug, wenn ich ehrlich bin. Und tatsächlich hat „Tribes of Europa“ große Probleme, die sich – so scheint es mir – sogar in meiner kurzen Inhaltsangabe manifestiert haben. Bevor wir in medias res gehen noch eine Anmerkung: Zum Zeitpunkt dieser Rezension ist vollkommen offen, ob und wie die Serie fortgesetzt wird. Produzent Netflix hält sich derzeit zur Möglichkeit einer oder mehrerer weiterer Staffeln bedeckt, sodass es gut sein kann, dass der Cliffhanger am Ende der sechsten Folge genau das bleibt. Das nur als Warnung – die Handlung ist keineswegs in sich geschlossen, wer damit nicht klarkommt, sollte wohl erst dann mit der Serie beginnen, wenn klar ist, dass es irgendwann auch weitergeht.

Babylonische Sprachverwirrung.

Nun aber zur Sache – und vielleicht beginnen wir mit dem, was ich schon in der Einleitung angedeutet habe: der Sprache. „Origines“, „Tribes“ und „Cube“ sind nur einige der angelsächsischen Begriffe, die in „Tribes of Europa“ nur zu gern verwendet werden. Nun bin ich wirklich niemand, der auf Deutschtümelei steht, ganz im Gegenteil – was beim von mir hoch geschätzten „Game of Thrones“ (2011-2019) in der Übersetzung teilweise verbrochen wurde, spottet jeder Beschreibung. Allerdings gibt es einen gravierenden Unterschied: Beim Vorzeige-Epos von HBO versuchte man, die gesamte (englischsprachige) Fantasy-Welt komplett ins Deutsche zu übersetzen. „Tribes of Europa“ setzt hingegen auf ein merkwürdiges Gemisch aus Deutsch und Englisch, das vermutlich die Vielfältigkeit des Kontinents abbilden soll. Ganz so, als gäbe es in Europa nur diese beiden Sprachen, was vollkommen absurd wirkt und der Serie zu einem denkbar schlechten Start verhilft. Mir ist schlicht nicht klar, warum die Charaktere zum Beispiel „Tribes“ sagen müssen, wenn es doch mit „Stämme“ eine adäquate und passende Übersetzung gegeben hätte. Wie ist das dann in der englischen Synchronisation? Sind es dort auch die „Tribes“, sind es die „Stämme“ oder nimmt man ein ganz anderes Wort? Vielleicht was Französisches? Oder eine slawische Übersetzung? Ich weiß es nicht – wenn aber die Absicht war, die bunte Vielfalt Europas nach einer großen Katastrophe anzudeuten, ist diese Idee voll und ganz daneben gegangen.

Leider ist das nicht die einzige Schwäche, die sich „Tribes of Europa“ in Sachen Sprache leistet. Der einleitende Hinweis auf „Dark“ bezieht sich nämlich auf etwas, letztlich nichts damit zu tun hat, ob Deutsch oder Englisch gesprochen wird: Im Gegensatz zu synchronisierten Serien, aber auch zu … keine Ahnung … „Tatort“, klingt das, was die Schauspieler in „Tribes of Europa“ in ihrer Muttersprache zum Besten geben, sehr befremdlich. Ist das die berühmt-berüchtigte „deutsche Theatersprache“, wie sie in einigen Rezensionen bezeichnet wird? Ich weiß es nicht, hatte aber fast durchgehend das Gefühl, dass das Gros der Darsteller höchst unnatürlich und hölzern spricht. Nein, das ist nicht ganz richtig, sie scheinen vielmehr so zu agieren und zu intonieren, als würden sie auf einer Theaterbühne stehen. Das mag dort passend sein, auf dem Bildschirm wirken die Dialoge (und auch Teile der Körpersprache) unnatürlich. Es ist, als hätten es die Mimen nicht geschafft (oder wäre es nicht gewollt gewesen), sich vom Theater zu emanzipieren. Wieso das so ist? Ich kann es nicht sagen, aber es hat mich massiv gestört.

Gute Ausstattung allein reicht nicht.

Kommen wir nun aber endlich zu den guten Nachrichten, von denen es zumindest zwei gibt: Erstens ist die Serie geradezu unverschämt gut ausgestattet. Kostüme, Kulissen, Effekte – all das stimmt zu 100 Prozent und ist für eine deutschsprachige Produktion weit über dem Durchschnitt. „Mad Max“ und „The Walking Dead“ stellen die Post-Apokalypse optisch auch nicht besser dar – allein das halb verfallene Berlin ist ein grandioser Anblick. Und, zweitens, ist „Tribes of Europa“ sehr gut fotografiert. Die Aufnahmen lassen nichts zu wünschen übrig, egal ob in der Totalen oder in der Detailansicht. Alles ist hervorragend ausgeleuchtet und stimmungsvoll in Szene gesetzt. Optisch gibt es also (fast) keinen Grund zu meckern.

Fast? Richtig gelesen, ein Lapsus hat sich auch hier eingeschlichen: Der Schnitt ist überhaupt nicht gelungen, was für eine moderne Produktion sehr ungewöhnlich ist. Ein guter Schnitt ist so unauffällig, dass man ihn als Zuseher überhaupt nicht bemerkt. Wenn er in einer einzelnen Szene mal nicht passt, fällt das schnell auf. Bei „Tribes of Europa“ kommt es hingegen so häufig vor, dass ein Protagonist sozusagen in die falsche Kamera schaut, dass man kaum noch von einem Ausrutscher sprechen kann. Speziell in Dialogen merkt man immer wieder, dass sie in mehreren Takes aufgenommen wurden. In einem Text ist das freilich schwer erklärbar, aber ich würde dieses Problem für so gravierend halten, dass es eigentlich fast jedem, der sich die Serie ansieht, auffallen müsste.

Und weil wir gerade bei Dingen sind, über die man in professionellen Produktionen in der Regel kein Wort verlieren muss: Auch der Ton bzw. der Mix ist nicht der Standard, den man heute gewohnt ist. Teile der Dialoge sind schlicht unverständlich, weil viel zu leise. Wobei ich mir nicht ganz sicher bin, ob ich dafür dem Tonmann die Schuld zuschanzen möchte – einige Schauspieler neigen offenbar stark zum Nuscheln und Flüstern, was aber die Tonregie zumindest hätte erkennen und korrigieren müssen. Interessant… nun bin ich von einem Lob wieder direkt ins Meckern übergegangen. Dabei wollte ich die Serie nach dem Trailer und auch von der eigentlich lässigen Prämisse her unbedingt mögen. Allein: Mir schon nach zwei Folgen klar, dass „Tribes of Europa“ durchzustehen ein hartes Stück Arbeit werden würde. Was eigentlich ein Todesurteil für eine Serie ist, die unterhalten soll.

Story & Drehbuch: Prädikat „schwerfällig“.

Im Endeffekt summieren sich die bisher genannten Dinge natürlich, so richtig krankt es aber woanders: Story und Drehbuch sind schwerfällig, holprig und wirr, kurz: haben mit allen möglichen und unmöglichen Problemen zu kämpfen. Alles aufzuzählen würde wohl den Rahmen sprengen, also versuche ich, mich kurz zu fassen: Die Story eines endzeitlichen Europas mag für eine deutsche Produktion innovativ klingen, auf den zweiten Blick und vor allem im internationalen Vergleich ist sie es jedoch nicht. So hart muss man es leider sagen – „Tribes of Europa“ bietet letztlich eine von vorne bis hinten konventionelle Post-Apokalypse. Das wäre nicht so schlimm, wäre die Serie nicht dermaßen oberflächlich. Man erfährt viel zu wenig über die neue Ordnung der Welt, alle Charaktere bleiben flach und austauschbar, manche wirken gar lächerlich und/oder fehl am Platz (vor allem sei hier der Grazer Schauspieler Robert Finster als Kommandant der Crimson Guard genannt, der meines Erachtens eine komplette Fehlbesetzung ist und überhaupt nicht überzeugt). An dieser Stelle wäre es vielleicht angebracht, sich die Serie einmal auf Englisch anzusehen, ich wäre gespannt, wie sich die Dialoge darstellen, wenn sie synchronisiert sind. Leider fehlt mir dafür aktuell die Zeit.

Spannung kommt jedenfalls so gut wie nie auf – und wenn es einmal so weit ist, wird das Tempo direkt wieder reduziert und man beschränkt sich darauf, vermeintlich bedeutungsvoll in die Gegend zu schauen. Ich verstehe ja, dass man nicht sofort alles verraten möchte, vor allem, sieht es so aus, als wäre der Grund für den globalen Blackout ein gut gehütetes Geheimnis. Nur ist das Drehbuch einfach nicht geeignet, dahingehend diese fast nicht auszuhaltende Neugier zu schüren bzw. aufrecht zu erhalten, die man von anderen Produktionen kennt. Ein oder zwei positive Momente gibt es zwar – so sind es einmal mehr die Bösewichte, die einiges rausreißen und durchaus zu unterhalten wissen. Ob es Sinn der Sache sein kann, dass man sich eher auf den Auftritt der fiesen „Crows“ freut, als mit den „Origines“ zu leiden, wage ich allerdings zu bezweifeln. Und dann gibt es da noch den u. a. aus „Dark“ bekannten Schauspieler Oliver Masucci, der in „Tribes of Europa“ als undurchsichtiger Gauner, der das Herz am rechten Fleck hat, glänzen kann – mithin der einzig wirklich brauchbare Charakter in der Serie, wobei sein Cowboy-Gehabe etwas übertrieben wirkt, aber zumindest für den ein oder anderen Lacher sorgt. Letztlich ist aber sogar diese immerhin unterhaltsame Figur nicht mehr als ein großes Klischee, das man aus anderen Filmen und Serien zur Genüge kennt.

Und mehr gibt es jetzt wirklich nicht mehr zu sagen. Muss man sich „Tribes of Europa“ ansehen? So hart das jetzt klingt, ich glaube, man muss es nicht – maximal, um mitreden zu können, kann man einen Blick riskieren. Wer das plant, sei gewarnt: Die Leichtigkeit des Seins, den Zwang zum Binge-Watching, der z. B. „The Walking Dead“ (zumindest anfangs) auszeichnete, fehlt „Tribes of Europa“ zumindest in meinen Augen vollkommen. Das typische Hineinkippen ist mir zu keinem Zeitpunkt passiert – und das war beim immer wieder gern als Vergleich genommenen „Dark“ trotz vermurkster Staffel 3 sehr wohl der Fall. Werde ich „Tribes of Europa“ wieder einschalten, falls sich Netflix doch zu einer Fortführung entscheiden sollte? Ich sage mal vorsichtig: Ja, der letzte Cliffhanger wirkt zumindest derzeit noch nach. Viel erwarte ich mir allerdings nicht von einer neuen Staffel.

Gesamteindruck: 2/7


Originaltitel: Tribes of Europa.
Idee: Philip Koch
Land: Deutschland
Jahr: 2021
Episoden: 6
Länge: ca. 45 Minuten
Gesehen auf: Netflix
Besetzung (Auswahl): Henriette Confurius, Emilio Sakraya, David Ali Rashed, Melika Foroutan, Oliver Masucci, Robert Finster, Benjamin Sadler, Ana Ularu



FilmWelt: A Quiet Place

Sieht man sich „A Quiet Place“ zum ersten Mal an, ist man überrascht: Ein Film, der scheinbar ohne Worte auskommt – kann das überhaupt gut gehen? Es kann, wie Regisseur John Krasinski zeigt. Allerdings, und das ist schade, wird das Konzept nicht bis ganz zum Schluss durchgezogen. Dennoch: „A Quiet Place“ unterhält und ist über weite Strecken erfrischend anders.

Gesamteindruck: 5/7


Pssst!

„A Quiet Place“ ist einer dieser seltenen Fälle, in denen es tatsächlich gelingt, einem alt-ehrwürdigen Genre einen neuen Aspekt hinzuzufügen. Dass man auf der Flucht vor Monstern leise sein muss, ist bekannt – in diesem Film ist die absolute Lautlosigkeit aber ein vollwertiges Stilelement. Die Figuren agieren in völliger Stille, flüstern nicht einmal miteinander, sondern verständigen sich über Handzeichen. Sie tappen barfuß durch die Szenerie und sind so ruhig, dass es den Zuschauer regelrecht in den Ohren schmerzt. Man muss den Schauspielern gratulieren, die es schaffen, ihren Charakteren ganz ohne Sprache Leben einzuhauchen.

Inhalt in Kurzfassung
Irgendwo in Amerika lebt eine Familie einen post-apokalyptischen Alptraum. Die Menschheit wurde mehr oder weniger ausgerottet und auch die wenigen Überlebenden befinden sich ständig in großer Gefahr. Die einzige Chance, den monströsen Jägern zu entkommen, ist völlige Lautlosigkeit, denn jedes noch so kleine Geräusch kann ein Todesurteil sein.

Die Grundannahme des Films führt nicht nur schauspielerisch zu einer unorthodoxen Herangehensweise. Auch optisch und akustisch ist „A Quiet Place“ grundlegend anders. So ist die Unterstützung durch einen Score eher marginal, wenngleich der Soundtrack nicht ganz wegfällt. Dafür kommt den Soundeffekten umso größere Bedeutung zu. Das ist so ungewohnt, dass allein dadurch ein mulmiges Gefühl beim Zuseher entsteht. Verstärkt wird diese Grundstimmung durch die Kameraarbeit, die in Zusammenhang mit der fehlenden Akustik ein fast schon klaustrophobisches Gefühl erzeugt – interessanterweise ohne, dass der Film in geschlossenen Räumen spielt. Daran kann man zumindest ansatzweise erkennen, wie angewiesen wir Menschen auf unseren vollständigen Sinnesapparat sind.

Gelungen ist auch das Drehbuch, das sich mehr auf die handelnden Personen als auf das Umfeld konzentriert. In diesem Fall bedeutet das, dass man als Zuseher nicht weiß, wie die Menschheit überhaupt in diese ausweglose Lage geraten ist. Eine außerirdische Invasion? Mutationen? Der Film hält sich sehr bedeckt, was die großen Zusammenhänge betrifft und liefert nur ein paar Schnipsel, aus denen man sich mehr oder weniger zusammenreimen kann, was passiert sein könnte. Das ist eine Herangehensweise, die ein wenig an „Cloverfield“ erinnert. In Verbindung mit dem nicht vorhandenen Humor trägt auch dieses Nicht-Wissen viel zum Nervenkitzel von „A Quiet Place“ bei.

Intensitätskurve flacht zum Schluss hin ab.

Leider ist aber nicht alles Gold, was glänzt. Die intensive Stimmung, die ich oben beschrieben habe, trifft vorwiegend auf die erste Hälfte von „A Quiet Place“ zu. Den Mut, dieses Konzept bis zum Ende durchzuziehen, hatte Regisseur John Krasinski (der neben seiner Real-Life-Ehefrau Emily Blunt auch in einer der Hauptrollen zu sehen ist) dann doch nicht. Im weiteren Verlauf wird der Film dann immer „lauter“. Das beginnt damit, dass man eine Möglichkeit findet, Personen doch miteinander sprechen zu lassen. Das wurde zwar einigermaßen logisch gelöst, wirkt in meinen Augen aber wie ein Mittel zum Zweck, weil man es dem Publikum nicht zumuten wollte, bis zum Schluss quasi nur mit Gebärdensprache auszukommen. Allein das nimmt den Film bereits einiges vom Zauber, den er am Anfang entwickelt. Noch mehr wird das ursprüngliche Konzept durch die musikalische Untermalung verwässert, die sich von anfangs kaum wahrnehmbar im Verlauf des Films zu dramatisch-bombastisch steigert. Das passt zwar zum Inhalt, bei dem sich die Schlagzahl und die Action ebenfalls erhöhen – nimmt „A Quiet Place“ gleichzeitig aber auch viel von seiner Besonderheit.

Denn eines darf man auch nicht übersehen: „A Quiet Place“ unterscheidet sich in der Handlung nicht maßgeblich von einem handelsüblichen Endzeit- oder Zombiefilm. Es ist letztlich nur die Inszenierung, die den Streifen von seiner Konkurrenz abhebt. Wird diese verdünnt, wie es in der zweiten Hälfte des Films passiert, wird „A Quiet Place“ zu einer handwerklich gut gemachten aber sehr konventionellen Darstellung der Postapokalypse. Schade, mit etwas mehr Konsequenz hätte es eine höhere Wertung geben können.

Gesamteindruck: 5/7


Originaltitel: A Quiet Place
Regie:
John Krasinski
Jahr: 2018
Land: USA
Laufzeit: 90 Minuten
Besetzung (Auswahl): Emily Blunt, John Krasinski, Noah Jupe, Millicent Simmonds, Cade Woodward, Leon Russom



 

FilmWelt: The Road

Romanverfilmungen sind ja immer so eine Sache – meist ist das Ergebnis irgendwo zwischen Katastrophe und „geht so“ einzuordnen. Umso lobenswerter, wenn es dann doch mal gelingt, das Buch einigermaßen werkstreu auf die Leinwand zu bringen. „The Road“ ist einer dieser relativ seltenen Fälle, in denen genau das gelungen ist.

Gesamteindruck: 6/7


Gute Romanverfilmung.

Wer das gleichnamige Buch von Cormac McCarthy (deutsch: „Die Straße“, 2006) gelesen hat, weiß um die Schwierigkeiten, die eine Verfilmung dieses Stoffes mit sich bringen muss: Im Roman wird kaum gesprochen, die wenigen Dialoge sind kurz, teilweise redundant und kaum das, was man in irgendeiner Weise unterhaltsam nennen kann. Im Buch funktioniert das – dafür sorgt der ganz eigene, sehr knappe Stil des Autors, der damit eine intensiv-verstörende Dystopie zu erschaffen vermag, die in Sachen Trostlosigkeit ihresgleichen sucht.

Inhalt in Kurzfassung
Eine unbekannte Katastrophe hat Amerika verwüstet. Die wenigen Menschen, die es noch gibt, kämpfen in einer verottenden Welt um ihr Überleben. Werte wie Moral und Anstand zählen nicht mehr, Raub, Mord und Kannibalismus haben sich breitgemacht. Mitten in diesem post-apokalyptischen Alptraum sind ein Mann und sein Sohn unterwegs. Ihre wenigen Habseligkeiten liegen in einem Einkaufswagen, den sie eine Straße entlang schieben, immer auf der Suche nach Nahrung und einem Unterschlupf. Dabei versuchen sie, ihre Menschlichkeit zu bewahren, was in dieser feindseligen Welt jeden Tag schwerer zu werden scheint.

Eine dermaßen minimalistische Vorlage stellt natürlich ganz besondere Herausforderungen an die Schauspieler. Fündig wurde der australische Regisseur John Hillcoat (eher bekannt für seine Musikvideos, u.a. für Depeche Mode und Nick Cave) bei Viggo Mortensen (u.a. „Herr der Ringe“) und Kodi Smit-McPhee (u.a. „Let Me In“). Beide machen ihre Sache gut, speziell Mortensen wächst meiner Meinung nach über sich hinaus. Smit-McPhee leidet hingegen ein wenig an der hoffnungslos-romantischen Naivität, die zu seiner Rolle gehört – dafür ist der Australier meines Erachtens einfach zu alt, sodass Glaubwürdigkeit verloren geht.

Das liegt aber auch am Drehbuch, das die Gefühlsduselei, die im Buch wesentlich hintergründiger ausgefallen ist, stärker in den Fokus rückt. Klar, Vater und Sohn sind emotional aneinander gebunden. Was im Roman aber einigermaßen natürlich wirkt, scheint zum Teil übertrieben, wenn man es in bewegten Bildern vor sich sieht. Aus irgendeinem Grund irritiert das mehr, als das es Gefühle weckt. Hinzu kommt, dass man sich beim Lesen des Buches kaum die Frage stellt, wieso der Junge sich so schwer tut, das zu machen und zu lernen, was für das Überleben notwendig ist. Im Film hingegen ist seine Uneinsichtigkeit – wohl aufgrund des höheren Alters des Darstellers – gelegentlich kaum zu ertragen. Um es salopp auszudrücken: Leider funktioniert die Unschuldsnummer nicht so gut wie erhofft.

Starke Atmosphäre.

Diese Probleme in der Darstellung des Sohnes sind allerdings alles, was ich an „The Road“ auszusetzen habe. Alles andere macht der Film richtig – das beginnt bei den starken Bildern, die den erbärmlichen Zustand der Überlebenden sowie die immer weiter verfallende Infrastruktur und Landschaft perfekt einfangen. Für mein Gefühl ist das ein so realistischer Ausblick auf die Post-Apokalypse, wie man ihn selten zu sehen bekommt. Jeder einzelne Gegenstand, den Vater und Sohn besitzen ist unendlich wertvoll, entsprechend schlimm ist jeder Verlust – auch für den Zuseher. Und erleben die beiden etwas Gutes, wie das Auffinden von gebunkerten Lebensmitteln, kommt echte Freude auf. Das Drehbuch passt ebenfalls und setzt auf den richtigen Mix aus ruhigen Momenten und Spannung, garniert mit ein paar Action-Sequenzen. Ganz so still wie das Buch ist der Film allerdings nicht, was ein bisschen schade ist – dafür hat dem Regisseur dann wohl doch der Mut gefehlt (was auch am Einsatz von Off-Text zu erkennen ist, der eigentlich gar nicht notwendig gewesen wäre).

Bleiben Soundtrack und Bilder. Die Musik wurde von Warren Ellis und Altmeister Nick Cave komponiert. Die schwermütigen Klavier-Melodien passen hervorragend zur Grundstimmung und verstärken die düstere Atmosphäre. Manchem mag das aufdringlich erscheinen, ich empfinde den Soundtrack hingegen als grandiose Ergänzung. Und auch optisch macht der Film sehr viel her: Gefilmt wurde praktisch nur bei schlechtem Wetter an entsprechend verlassenen und kargen Plätzen, darunter ein niedergebrannter Freizeitpark. Farbflecken gibt es so gut wie keine, teils wurde in der digitalen Nachbearbeitung entsprechende Trostlosigkeit erzeugt. Das in starkem Kontrast zu den Rückblenden, die in satten Farben gestaltet sind und damit den Unterschied zwischen Prä- und Post-Apokalypse herausstreichen.

Fazit: Trotz kleinerer Unzulänglichkeiten finde ich diesen Film sehr gelungen. Dass die absolute Unschuld des Jungen noch stärker herausgestrichen wird als im Buch, ist zu verschmerzen. Das ist aus meiner Sicht aber der einzige Punkt, an dem sich wirklich stören könnte – ging mir schon beim Buch so und ist hier nicht anders. Wäre dieser Faktor nicht ganz so prominent und der Darsteller des Sohnes ein wenig jünger, hätte es sogar für die Höchstwertung gereicht. Aber auch so bekommt man mit „The Road“ eine intelligente und atmosphärische Umsetzung eines großartigen Romans.

Gesamteindruck: 6/7


Originaltitel: The Road
Regie: John Hillcoat
Jahr: 2009
Land: USA
Laufzeit: 112 Minuten
Besetzung (Auswahl): Viggo Mortensen, Kodi Smit-McPhee, Robert Duvall, Guy Pearce, Charlize Theron, Molly Parker