SerienWelt: Tribes of Europa – Staffel 1

Wie vor gar nicht allzu langer Zeit bei „Dark“ (2017-2020) hat es auch den Verantwortlichen für „Tribes of Europa“ gefallen, einer deutschen Serie einen englischen Titel zu verpassen. Beinbruch ist das natürlich keiner, aber gleichzeitig ist es meiner Meinung nach so etwas wie ein Fingerzeig auf eine der vielen Baustellen dieser stark gehypten Netflix-Serie.

Gesamteindruck: 2/7


Endzeit over Europa.

Eigentlich sollte ich ja längst wissen, dass es nicht immer klug ist, vorab Rezensionen zu lesen – zu voreingenommen geht man danach häufig an Bücher, Filme und Serien heran. Leider (?) konnte ich bei „Tribes of Europa“ nicht widerstehen und habe mich vorher im Netz schlau gemacht. Zwei Dinge waren dabei besonders auffällig: Einerseits der allgemein sehr durchwachsene Tenor in der (deutschen) Community, andererseits ein speziell auf die Sprache der Akteure bezogenes… ich würde fast sagen: bashing. Letzteres hatte ich auch schon in diversen Kommentaren zu „Dark“ herausgelesen, konnte beim Ansehen aber zumindest diesen Teil der Kritik nicht nachvollziehen. Bei „Tribes of Europa“ sieht die Sache allerdings anders aus.

Worum geht’s?
In nicht allzu ferner Zukunft hat die Welt, wie wir sie kennen, zu existieren aufgehört. Nach einem – vermutlich globalen – Blackout gibt es keine Staaten mehr, die Überlebenden der Katastrophe sind in Stämmen, den sogenannten „Tribes“, organisiert. Einer davon sind die „Origines“, die jegliche Technologie ablehnen und versuchen, mit der Natur im Einklang zu leben. Ihre Isolation endet, als eine Art Raumgleiter vom Stamm der „Atlantier“ in der Nähe abstürzt und ein Stück fortschrittlicher Technik, den „Cube“, verliert. Um dieses wertvolle Artefakt bricht bald ein Krieg aus, der viele Leben kostet – und das beschauliche Dasein dreier Geschwister von den Origines für immer verändert…

Ich bin mir nicht sicher, wie sich obige Zusammenfassung für jemanden liest, der die Serie nicht kennt. Selbst für mich, der ich die 6 Folgen, die bis dato erschienen sind, erst unlängst gesehen habe, klingt das nach wirrem Zeug, wenn ich ehrlich bin. Und tatsächlich hat „Tribes of Europa“ große Probleme, die sich – so scheint es mir – sogar in meiner kurzen Inhaltsangabe manifestiert haben. Bevor wir in medias res gehen noch eine Anmerkung: Zum Zeitpunkt dieser Rezension ist vollkommen offen, ob und wie die Serie fortgesetzt wird. Produzent Netflix hält sich derzeit zur Möglichkeit einer oder mehrerer weiterer Staffeln bedeckt, sodass es gut sein kann, dass der Cliffhanger am Ende der sechsten Folge genau das bleibt. Das nur als Warnung – die Handlung ist keineswegs in sich geschlossen, wer damit nicht klarkommt, sollte wohl erst dann mit der Serie beginnen, wenn klar ist, dass es irgendwann auch weitergeht.

Babylonische Sprachverwirrung.

Nun aber zur Sache – und vielleicht beginnen wir mit dem, was ich schon in der Einleitung angedeutet habe: der Sprache. „Origines“, „Tribes“ und „Cube“ sind nur einige der angelsächsischen Begriffe, die in „Tribes of Europa“ nur zu gern verwendet werden. Nun bin ich wirklich niemand, der auf Deutschtümelei steht, ganz im Gegenteil – was beim von mir hoch geschätzten „Game of Thrones“ (2011-2019) in der Übersetzung teilweise verbrochen wurde, spottet jeder Beschreibung. Allerdings gibt es einen gravierenden Unterschied: Beim Vorzeige-Epos von HBO versuchte man, die gesamte (englischsprachige) Fantasy-Welt komplett ins Deutsche zu übersetzen. „Tribes of Europa“ setzt hingegen auf ein merkwürdiges Gemisch aus Deutsch und Englisch, das vermutlich die Vielfältigkeit des Kontinents abbilden soll. Ganz so, als gäbe es in Europa nur diese beiden Sprachen, was vollkommen absurd wirkt und der Serie zu einem denkbar schlechten Start verhilft. Mir ist schlicht nicht klar, warum die Charaktere zum Beispiel „Tribes“ sagen müssen, wenn es doch mit „Stämme“ eine adäquate und passende Übersetzung gegeben hätte. Wie ist das dann in der englischen Synchronisation? Sind es dort auch die „Tribes“, sind es die „Stämme“ oder nimmt man ein ganz anderes Wort? Vielleicht was Französisches? Oder eine slawische Übersetzung? Ich weiß es nicht – wenn aber die Absicht war, die bunte Vielfalt Europas nach einer großen Katastrophe anzudeuten, ist diese Idee voll und ganz daneben gegangen.

Leider ist das nicht die einzige Schwäche, die sich „Tribes of Europa“ in Sachen Sprache leistet. Der einleitende Hinweis auf „Dark“ bezieht sich nämlich auf etwas, letztlich nichts damit zu tun hat, ob Deutsch oder Englisch gesprochen wird: Im Gegensatz zu synchronisierten Serien, aber auch zu … keine Ahnung … „Tatort“, klingt das, was die Schauspieler in „Tribes of Europa“ in ihrer Muttersprache zum Besten geben, sehr befremdlich. Ist das die berühmt-berüchtigte „deutsche Theatersprache“, wie sie in einigen Rezensionen bezeichnet wird? Ich weiß es nicht, hatte aber fast durchgehend das Gefühl, dass das Gros der Darsteller höchst unnatürlich und hölzern spricht. Nein, das ist nicht ganz richtig, sie scheinen vielmehr so zu agieren und zu intonieren, als würden sie auf einer Theaterbühne stehen. Das mag dort passend sein, auf dem Bildschirm wirken die Dialoge (und auch Teile der Körpersprache) unnatürlich. Es ist, als hätten es die Mimen nicht geschafft (oder wäre es nicht gewollt gewesen), sich vom Theater zu emanzipieren. Wieso das so ist? Ich kann es nicht sagen, aber es hat mich massiv gestört.

Gute Ausstattung allein reicht nicht.

Kommen wir nun aber endlich zu den guten Nachrichten, von denen es zumindest zwei gibt: Erstens ist die Serie geradezu unverschämt gut ausgestattet. Kostüme, Kulissen, Effekte – all das stimmt zu 100 Prozent und ist für eine deutschsprachige Produktion weit über dem Durchschnitt. „Mad Max“ und „The Walking Dead“ stellen die Post-Apokalypse optisch auch nicht besser dar – allein das halb verfallene Berlin ist ein grandioser Anblick. Und, zweitens, ist „Tribes of Europa“ sehr gut fotografiert. Die Aufnahmen lassen nichts zu wünschen übrig, egal ob in der Totalen oder in der Detailansicht. Alles ist hervorragend ausgeleuchtet und stimmungsvoll in Szene gesetzt. Optisch gibt es also (fast) keinen Grund zu meckern.

Fast? Richtig gelesen, ein Lapsus hat sich auch hier eingeschlichen: Der Schnitt ist überhaupt nicht gelungen, was für eine moderne Produktion sehr ungewöhnlich ist. Ein guter Schnitt ist so unauffällig, dass man ihn als Zuseher überhaupt nicht bemerkt. Wenn er in einer einzelnen Szene mal nicht passt, fällt das schnell auf. Bei „Tribes of Europa“ kommt es hingegen so häufig vor, dass ein Protagonist sozusagen in die falsche Kamera schaut, dass man kaum noch von einem Ausrutscher sprechen kann. Speziell in Dialogen merkt man immer wieder, dass sie in mehreren Takes aufgenommen wurden. In einem Text ist das freilich schwer erklärbar, aber ich würde dieses Problem für so gravierend halten, dass es eigentlich fast jedem, der sich die Serie ansieht, auffallen müsste.

Und weil wir gerade bei Dingen sind, über die man in professionellen Produktionen in der Regel kein Wort verlieren muss: Auch der Ton bzw. der Mix ist nicht der Standard, den man heute gewohnt ist. Teile der Dialoge sind schlicht unverständlich, weil viel zu leise. Wobei ich mir nicht ganz sicher bin, ob ich dafür dem Tonmann die Schuld zuschanzen möchte – einige Schauspieler neigen offenbar stark zum Nuscheln und Flüstern, was aber die Tonregie zumindest hätte erkennen und korrigieren müssen. Interessant… nun bin ich von einem Lob wieder direkt ins Meckern übergegangen. Dabei wollte ich die Serie nach dem Trailer und auch von der eigentlich lässigen Prämisse her unbedingt mögen. Allein: Mir schon nach zwei Folgen klar, dass „Tribes of Europa“ durchzustehen ein hartes Stück Arbeit werden würde. Was eigentlich ein Todesurteil für eine Serie ist, die unterhalten soll.

Story & Drehbuch: Prädikat „schwerfällig“.

Im Endeffekt summieren sich die bisher genannten Dinge natürlich, so richtig krankt es aber woanders: Story und Drehbuch sind schwerfällig, holprig und wirr, kurz: haben mit allen möglichen und unmöglichen Problemen zu kämpfen. Alles aufzuzählen würde wohl den Rahmen sprengen, also versuche ich, mich kurz zu fassen: Die Story eines endzeitlichen Europas mag für eine deutsche Produktion innovativ klingen, auf den zweiten Blick und vor allem im internationalen Vergleich ist sie es jedoch nicht. So hart muss man es leider sagen – „Tribes of Europa“ bietet letztlich eine von vorne bis hinten konventionelle Post-Apokalypse. Das wäre nicht so schlimm, wäre die Serie nicht dermaßen oberflächlich. Man erfährt viel zu wenig über die neue Ordnung der Welt, alle Charaktere bleiben flach und austauschbar, manche wirken gar lächerlich und/oder fehl am Platz (vor allem sei hier der Grazer Schauspieler Robert Finster als Kommandant der Crimson Guard genannt, der meines Erachtens eine komplette Fehlbesetzung ist und überhaupt nicht überzeugt). An dieser Stelle wäre es vielleicht angebracht, sich die Serie einmal auf Englisch anzusehen, ich wäre gespannt, wie sich die Dialoge darstellen, wenn sie synchronisiert sind. Leider fehlt mir dafür aktuell die Zeit.

Spannung kommt jedenfalls so gut wie nie auf – und wenn es einmal so weit ist, wird das Tempo direkt wieder reduziert und man beschränkt sich darauf, vermeintlich bedeutungsvoll in die Gegend zu schauen. Ich verstehe ja, dass man nicht sofort alles verraten möchte, vor allem, sieht es so aus, als wäre der Grund für den globalen Blackout ein gut gehütetes Geheimnis. Nur ist das Drehbuch einfach nicht geeignet, dahingehend diese fast nicht auszuhaltende Neugier zu schüren bzw. aufrecht zu erhalten, die man von anderen Produktionen kennt. Ein oder zwei positive Momente gibt es zwar – so sind es einmal mehr die Bösewichte, die einiges rausreißen und durchaus zu unterhalten wissen. Ob es Sinn der Sache sein kann, dass man sich eher auf den Auftritt der fiesen „Crows“ freut, als mit den „Origines“ zu leiden, wage ich allerdings zu bezweifeln. Und dann gibt es da noch den u. a. aus „Dark“ bekannten Schauspieler Oliver Masucci, der in „Tribes of Europa“ als undurchsichtiger Gauner, der das Herz am rechten Fleck hat, glänzen kann – mithin der einzig wirklich brauchbare Charakter in der Serie, wobei sein Cowboy-Gehabe etwas übertrieben wirkt, aber zumindest für den ein oder anderen Lacher sorgt. Letztlich ist aber sogar diese immerhin unterhaltsame Figur nicht mehr als ein großes Klischee, das man aus anderen Filmen und Serien zur Genüge kennt.

Und mehr gibt es jetzt wirklich nicht mehr zu sagen. Muss man sich „Tribes of Europa“ ansehen? So hart das jetzt klingt, ich glaube, man muss es nicht – maximal, um mitreden zu können, kann man einen Blick riskieren. Wer das plant, sei gewarnt: Die Leichtigkeit des Seins, den Zwang zum Binge-Watching, der z. B. „The Walking Dead“ (zumindest anfangs) auszeichnete, fehlt „Tribes of Europa“ zumindest in meinen Augen vollkommen. Das typische Hineinkippen ist mir zu keinem Zeitpunkt passiert – und das war beim immer wieder gern als Vergleich genommenen „Dark“ trotz vermurkster Staffel 3 sehr wohl der Fall. Werde ich „Tribes of Europa“ wieder einschalten, falls sich Netflix doch zu einer Fortführung entscheiden sollte? Ich sage mal vorsichtig: Ja, der letzte Cliffhanger wirkt zumindest derzeit noch nach. Viel erwarte ich mir allerdings nicht von einer neuen Staffel.

Gesamteindruck: 2/7


Originaltitel: Tribes of Europa.
Idee: Philip Koch
Land: Deutschland
Jahr: 2021
Episoden: 6
Länge: ca. 45 Minuten
Gesehen auf: Netflix
Besetzung (Auswahl): Henriette Confurius, Emilio Sakraya, David Ali Rashed, Melika Foroutan, Oliver Masucci, Robert Finster, Benjamin Sadler, Ana Ularu



FilmWelt: Valerian – Die Stadt der tausend Planeten

Dieser Film – ein Herzensprojekt von Regisseur Luc Besson – reiht sich nahtlos in die Riege jener Produktionen ein, die stark im Ungleichwicht sind: „Valerian – Die Stadt der tausend Planeten“ sieht unglaublich gut aus und zeugt von einer Liebe zum Detail, die man in der Form eher selten sieht. Man spürt den Enthusiasmus, mit dem sich der französische Filmemacher in die Adaptierung der Comicvorlage für die große Leinwand geworfen hat. Leider hat er jedoch – wie so viele seiner amerikanischen Kollegen – den Fehler gemacht, sich darauf zu verlassen, dass die grandiose Optik Mängel in der Story und im Drehbuch kaschiert. Bei bekannten US-Franchises mag das immer mal wieder für gute Ergebnisse reichen, in diesem Fall floppte der Film an den Kinokassen. Zu recht, wie ich konstatieren muss…

Gesamteindruck: 3/7


So viele Details, so wenige Ideen.

Ich habe den Comic „Valerian und Veronique“ (im französischen Original „Valérian et Laureline“) nie gelesen. Von daher kann ich nicht sagen, ob die Umsetzung einigermaßen werkstreu ist oder die Vorlage mit Füßen tritt. So gesehen vielleicht ganz gut, denn damit kann ich „Die Stadt der tausend Planeten“ als eigenständigen Film betrachten – und als solcher muss er ja funktionieren, weil ich mir nicht vorstellen kann, dass die Comic-Serie außerhalb von Frankreich weit verbreitet ist.

Worum geht’s?
Im 28. Jahrhundert arbeiten Major Valerian und Sergeant Laureline als Spezialagenten für die Regierung. Ihre aktuelle Mission: Den letzten Transmutator, der noch im Universum existiert, sicherstellen. Zunächst scheint es sich dabei um einen Routine-Auftrag zu handeln, bald stellt sich jedoch heraus, dass mehr dahinter steckt und hohe Militärs ein dunkles Geheimnis verbergen.

Zu einer Sache kann, will und muss ich Luc Besson definitiv gratulieren: Er lässt diesen Film einfach unglaublich gut aussehen und man merkt, dass es ihm wichtig war, eine fast schon unendlich wirkende Vielfalt abzubilden. Ich vermute, dass der Regisseur großer Fan des Comics ist und sich wie ein kleines Kind gefreut haben muss, als er den Zuschlag für die Verfilmung bekommen hat. Angeblich sieht man im Film an die 200 (!) unterschiedliche außerirdische Spezies – ich weiß nicht, ob es so etwas schon einmal gegeben hat, aber hier waren der Fantasie offenbar keine Grenzen gesetzt. Per se erinnert die Bildsprache übrigens stark an „Das fünfte Element“, fast scheint es, als hätte Besson mit der deutlich besseren Technik, die ihm genau 20 Jahre nach jenem Überraschungserfolg zur Verfügung stand, eine Vision, die er schon damals hatte, endgültig umsetzen können. Meistens ist „Die Stadt der tausend Planeten“ knallbunt, oft auch erschreckend düster, immer jedoch voller Fantasie. Das betrifft übrigens nicht nur die Ausstattung, auch die rasante Action, die den gesamten Film durchzieht, sieht ausgesprochen ästhetisch aus und ist großartig choreografiert. Zur Optik muss man also sagen: Hut ab; trotz massivem CGI-Einsatz wirkt übrigens alles wie aus einem Guss, was in modernen Produktionen keineswegs selbstverständlich ist.

Wenn das alles aber so großartig ist – wie komme ich dann zur enttäuschenden Gesamtwertung? Naja, es ist vermutlich nicht schwer zu erraten und ein mittlerweile leider weit verbreitetes Problem: Story, Drehbuch und Charaktere bleiben meilenweit hinter der glitzernden Fassade zurück. Dem Plot kann man dabei noch am wenigsten vorwerfen – er ist halt sehr konservativ, bietet so gut wie keine Überraschungen und ordnet sich weitgehend der atemlosen Action unter. Es ist das übliche „wir müssen verhindern, das dieses Transmutator-Dingens in falsche Hände gerät“-Spiel. Das wäre ja nun gar nicht verkehrt, würde die Story wenigstens die eine oder andere Wendung nehmen. Tut sie meines Erachtens nicht (ich empfand „Das fünfte Element“ in dieser Hinsicht als deutlich intelligenter und erfrischender) – und das macht ein erneutes Ansehen des Films überflüssig, denn man wird dadurch keine versteckten Andeutungen o. ä. entdecken, die einem beim ersten Durchlauf entgangen sind.

Keine Sympathieträger.

Kann man bei der Story noch beide Augen zudrücken (bzw. das Hirn in bester Hollywood-Action-Tradition abschalten), habe ich mit Drehbuch und Charakteren echte Probleme. Beim Drehbuch ist mir zunächst eine massive Diskrepanz zwischen der fast schon als übersteigert zu betrachtenden Lässigkeit der Figuren und der immer wieder durchkommenden Brutalität der Action aufgefallen. Ich bin wahrlich niemand, der ein Problem mit harten Filmen hat – aber „Die Stadt der tausend Planeten“ wirkt über weite Strecken (es reicht eigentlich, den Trailer zu sehen) wie ein Film für Jugendliche. Das liegt wohl an den sehr jungen Hauptdarstellern und an der weitgehend bunten Optik. Andererseits wird oft und gerne ordentlich gemetzelt – und das in Teilen durchaus detailliert. Wie gesagt: Mich stört das an und für sich nicht, dennoch finde ich die genannte Diskrepanz äußerst irritierend. An dieser Stelle sei, weil es gerade passt, auf eines von vielen Plot-Holes hingewiesen: Im letzten Drittel des Films muss unser Held seine Partnerin aus einer Art Tempel retten, den er als Mensch aber nicht betreten darf. Um einen diplomatischen Zwischenfall mit den primitiv wirkenden Außerirdischen zu vermeiden, verkleidet er sich nach langem Hin & Her als ein solcher – nur um später, als die Befreiungsaktion misslingt, erst recht alle Aliens zu beseitigen. Konsequenz ergibt sich daraus keine, was bei mir das Gefühl eines nicht zu Ende gedachten Drehbuchs weiter verfestigt hat.

Nun noch etwas Klartext zu den Charakteren: Ich kann mich ad hoc an keinen Film erinnern, in dem mir sowohl Haupt- als auch Nebenfiguren dermaßen unsympathisch waren. Vielleicht bin ich zu alt, um das zu verstehen – aber weder der als physisch und psychisch unkaputtbarer Superheld und -macho überzeichnete, selbstverliebte und in keiner Situation ansatzweise ernsthafte Valerian, noch die unterkühlte und arrogante Laurelin haben mir irgendeine Möglichkeit zur Identifikation geboten. Letztere lässt wenigstens ab und an so etwas wie Verletzlichkeit durchschimmern – aber eigentlich stand ich beiden Helden vollkommen emotionslos gegenüber. Da rettet auch der großteils eh ziemlich platte Humor nichts. Es ist schon klar, was hier versucht wurde: Die beiden Helden sollten sich als eine Art dysfunktionales Paar laufend gegenseitig Stichwörter geben, so etwas wie „Gilmore Girls“ im Weltraum. Nur leider haut das aus meiner Sicht überhaupt nicht hin, sondern ist bestenfalls holprig, schlimmstenfalls peinlich (speziell die „romantischen“ Einlagen mit pubertierendem Balzverhalten unseres Top-Agenten spottet jeder Beschreibung). Übrigens konnten mich auch die Nebenrollen überhaupt nicht überzeugen. Im Endeffekt fand ich ausgerechnet die Nicht-Schauspielerin Rihanna in ihrer Rolle als tragische Gestaltwandlerin Bubble am besten, gefolgt von Ethan Hawke als zwielichtigen Clubbesitzer (den aber schon mit Einschränkungen).

Schade um die guten Ideen.

Bisher dachte ich, das Problem läge an Hollywood. Tut es wohl auch, irgendwie – denn dort werden die vermeintlichen Erfolgsrezepte produziert, an denen sich (Action-)Filmemacher scheinbar auch außerhalb dieses Molochs zu orientieren haben. Luc Besson hat die Hollywood-Formel, nach der Schein wichtiger ist als Sein, mittlerweile offenbar leider auch verinnerlicht. Dabei hat der Mann u. a. mit „Léon – Der Profi“ (1994) und „Das fünfte Element“ (1997) bewiesen, dass er mehr als nur oberflächliche Action kann.

Ganz ehrlich: Ich wollte diesen Film wirklich mögen. Und so übel, wie das alles klingt ist „Die Stadt der tausend Planeten“ eh nicht. Man kann sich den Film durchaus ansehen, vielleicht auch zweimal, weil es tatsächlich viele Details zu entdecken gibt – nicht an der simplen Handlung, aber der Hintergrund der gigantischen Raumstation „Alpha“ erschlägt einen im ersten Moment mit einer unglaublichen Kleinteiligkeit. So gesehen kann sich ein zweiter oder dritter Besuch schon lohnen. Andererseits habe ich selten einen Film gesehen, in dem die Schere zwischen Schein und Sein dermaßen auseinanderklafft. Nein, stimmt nicht, einer ist mir nach kurzem Nachdenken doch eingefallen: „Avatar“ (2009), dessen wegweisende Technik Luc Besson als Anstoß genannt hat, sich an „Die Stadt der tausend Planeten“ heranzuwagen. Und ähnlich wie James Cameron ordnet sein französischer Kollege alles der hervorragenden Optik unter. Das mag vielen reichen, mir schon lange nicht mehr. Und, wie die Einspielergebnisse zeigen, bin ich keineswegs allein. Bessons Produktionsfirma stand nach diesem Film kurz vor der Pleite, was die Chancen auf eine Fortsetzung zum Zeitpunkt dieser Rezension (Februar 2021) nicht gerade rosig erscheinen lässt. Ist aber vielleicht auch besser so.

Gesamteindruck: 3/7


Originaltitel: Valerian and the City of a Thousand Planets.
Regie:
Luc Besson
Drehbuch: Luc Besson
Jahr: 2017
Land: Frankreich
Laufzeit: ca. 140 Minuten
Besetzung (Auswahl): Dane DeHaan, Cara Delevigne, Clive Owen, Rihanna, Ethan Hawke, Sam Spruell



FilmWelt: Europa Report

Die Frage nach außerirdischem Leben hat in Literatur und Film eine lange Tradition. Doch während „Star Trek“ & Co. eine Galaxie voller mehr oder weniger humanoider Spezies zeigen, wird ein anderer Aspekt seltener betrachtet: Extraterrestrische Lebensformen in unserem Sonnensystem. Dass das überhaupt möglich sein könnte, ist eine relativ junge Erkenntnis, derer sich der amerikanische Film „Europa Report“ im Stile einer Dokumentation annimmt.

Gesamteindruck: 5/7


Wir sind nicht allein.

Als einer der aussichtsreichsten Kandidaten für Leben in unserer unmittelbaren Nähe gilt Europa, seines Zeichens viertgrößter Trabant des Gasriesen Jupiter. Unter der Eiskruste des Mondes verbirgt sich nach aktuellem Stand der Forschung vermutlich ein Ozean aus flüssigem Wasser – mithin eine Grundvoraussetzung für Leben, wie wir es kennen. Nachdem auf der Erde bereits Organismen nachgewiesen wurden, die unter ähnlich extremen Bedingungen existieren können, wie sie auf Europa herrschen, scheint das tatsächlich eine der besten Chancen zu sein, etwas Lebendiges in unserer kosmischen Umgebung zu finden. Dass bereits unbemannte Missionen geplant sind, die auf dem Eismond landen sollen, beflügelt die Fantasie ungemein – und genau das macht sich „Europa Report“ zu Nutze.

Inhalt in Kurzfassung
Mit „Europa One“ ist es einem privaten Raumfahrtunternehmen gelungen, eine bemannte Forschungsmission zum Jupiter-Mond Europa zu entsenden. Der Auftrag der internationalen Crew: Auf dem Trabanten landen und nach Spuren von Leben, das unter dem Eispanzer Europas vermutet wird, zu suchen. Doch bereits auf der langen Reise ergeben sich ernste Schwierigkeiten, die nicht nur mit dem Zusammenleben der Besatzung auf engstem Raum zu tun haben. Ein Sonnensturm beschädigt das Raumschiff, die Kommunikation  mit der Erde fällt aus. Dennoch setzt die Crew ihre Mission fort.

Die Story mag sich simpel lesen und sie ist es im Prinzip auch: Ein sechsköpfige Besatzung bricht in einem Raumschiff auf, um zu erforschen, ob „da draußen“ tatsächlich etwas ist. Mehr ist es nicht und viel mehr passiert in „Europa Report“ auch nicht. Und doch schafft es der Film auf intelligente Weise, Spannung zu generieren und den Zuseher bei der Stange zu halten. Das mag vielleicht auch mit dem realistischen Eindruck zu tun haben, den „Europa Report“ ausstrahlt: Die gesamte Technik wirkt keineswegs futuristisch, sondern genau so, als könnte eine ähnliche Mission bereits heute gestartet werden. Mit Science Fiction hat der Film in letzter Konsequenz kaum etwas zu tun, er ist vielmehr so nahe an unserem Stand der Technik, dass man ihn von einer echten Dokumentation kaum unterscheiden kann.

Der Weg ist das Ziel.

„Europa Report“ ist grob in drei Teile gegliedert. Zunächst werden dem Zuseher Nachrichtensendungen und Interviews präsentiert, die über die Mission informieren. Danach geht es direkt in das Filmmaterial, das von Europa One zur Erde übermittelt wurde. Der Clou: Überall im und am Raumschiff gibt es Kameras, die das Geschehen und die Crew rund um die Uhr einfangen, später kommen Helm-, Hand- und Anzugkameras dazu. Mit diesen Bildern, die man so ähnlich aus verschiedensten Found-Footage-Filmen kennt, wird die Geschichte um den Forschungsflug der „Europa One“ rekonstruiert. Den dritten und letzten Teil machen die Ereignisse auf Europa selbst aus, ebenfalls von den Astronauten selbst gefilmt. All das gibt „Europa Report“ genau den realistischen Anstrich, der mit der üblichen Außenperspektive nicht möglich gewesen wäre.

Grundsätzlich ist fast alles an „Europa Report“ gelungen. Die Schauspieler machen ihre Sache gut, die Story überzeugt in ihrer Einfachheit, Bild und Ton sind zweckmäßig und unterstreichen die gewünschte Atmosphäre im Raumschiff und auf dem Mond. Einzig die finale Szene, in der man endlich das zu sehen bekommt, was die Raumfahrer auf Europa entdeckt haben, fand ich übertrieben – das nimmt dem Film einiges von der zuvor aufgebauten Realitätsnähe. Nun ist es ja nicht so, dass es nicht genau so sein könnte, wie es in „Europa Report“ dargestellt wird – aber so ganz will das alles nicht zusammenpassen.

Unabhängig davon ist in diesem Film tatsächlich der Weg das Ziel. Alles, was vor dem Finale, eigentlich sogar vor der mehr oder weniger letzten Szene passiert, ist durchgängig spannend und gut erzählt. Durch die Kameraführung fühlt man sich mitten ins Geschehen versetzt, was ein hautnahes Miterleben aller Vorgänge ermöglicht. Gleiches gilt für die Identifikation mit den Figuren, die einem relativ schnell vertraut werden. Durch die vermittelte Nähe fällt es in letzter Konsequenz auch kaum auf, dass es eigentlich keine ausgearbeiteten Charaktere sind. Das würde ich in den meisten Fällen tatsächlich als großen Schwachpunkt anprangern – in „Europa Report“ stört es merkwürdigerweise kaum.

Das Maximum herausgeholt.

Glaubt man dem Wikipedia-Eintrag, ist „Europa Report“ mit einem für US-Verhältnisse sehr kleinem Budget ausgekommen (unter 10 Millionen $). Wenn dem tatsächlich so sein sollte, zeigt der Film, dass Qualität keine Frage des Geldes sein muss. Und damit meine ich nicht nur die inhaltliche Qualität sondern auch Ausstattung und Optik. Denn abgesehen von wenigen Ausnahmen (der Sonnensturm hat mir nicht sonderlich gefallen und passt auch nicht wirklich ins Gesamtkonzept) sieht „Europa Report“ schon sehr gut und vor allem realistisch aus. Das kann man in Zeiten des CGI-Overkills gar nicht genug betonen. Besonders beeindruckend sind die Szenen, die direkt auf Europa spielen und von denen man sich tatsächlich auf eine völlig fremde Welt versetzt fühlt. Das ist schon eine Meisterleistung, die hier mit relativ geringen Mitteln vollbracht wurde.

„Europa Report“ ist meines Erachtens ein echter Geheimtipp. Ein Film, den jeder, der auch nur das mindeste Interesse an der Erforschung des Weltraums hat, gesehen haben sollte. Und auch Science Fiction-Fans werden auf ihre Kosten kommen – zumindest dann, wenn sie einen auf einen allzu futuristischen Anstrich und viel Action verzichten können. Eine rundum gelungene Produktion, die zeigt, dass man nicht nur mit Budget, sondern auch mit Herz gute Filme machen kann.

Gesamteindruck: 5/7


Originaltitel: Europa Report
Regie: Sebastián Cordero
Jahr: 2013
Land: USA
Laufzeit: 90 Minuten
Besetzung (Auswahl): Embeth Davidtz, Sharlto Copley, Michael Nyqvist, Christian Camargo, Karolina Wydra, Dan Fogler, Daniel Wu, Anamaria Marinca



 

FilmWelt: Bokeh

Vereinfacht gesagt bietet die Postapokalypse im Film zwei Möglichkeiten: Die eine ist das Überleben in ständiger Gefahr, gejagt von Zombies, Killer-Viren oder Naturkatastrophen – sprich eine action-orientierte Variante. Der zweite Ansatz, der nicht allzu häufig umgesetzt wird, ist eher ruhiger Natur und beschäftigt sich mit den psychologischen Auswirkungen des Endes der Welt auf die Überlebenden. Und genau das ist das Thema der Independent-Produktion „Bokeh“.

Gesamteindruck: 4/7


Die leise Postapokalypse.

Island ist per se ein relativ einsames Fleckchen Erde: Weit vom Schuss, wenige Einwohner, dünn besiedelt – und doch wunderschön. Jedenfalls für diejenigen, die die schroffe Natur, das Gefühl, am Ende der Welt angekommen zu sein, zu schätzen wissen. „Das Ende der Welt“ ist auch genau das Thema des Independent-Streifens „Bokeh“, wenn auch in einem anderen Sinne. Denn ein unbekanntes Ereignis lässt plötzlich fast alle Menschen verschwinden. Einfach so. Diese Apokalypse passiert in „Bokeh“ ruhig, ohne Panik und Aufregung: Ein kurzes Aufflackern, das genauso gut das Nordlicht sein könnte – mehr gibt es nicht zu sehen. Und auch in der Postapokalypse wird es – zumindest in dem relativ kurzen Zeitraum, den der Film abdeckt – nicht laut. „Bokeh“ lebt von den ruhigen Tönen, von der Konzentration auf zwei Charaktere und deren Psyche. Leider (und es tut mir bei einem ambitionierten Independent-Werk tatsächlich leid, so etwas zu schreiben) krankt der Film letztlich genau an dem, was er eigentlich darstellen möchte.

Inhalt in Kurzfassung
Ein amerikanisches Pärchen verbringt ein paar Urlaubstage auf Island – mit allen Schikanen: Blaue Lagune, Geysire, Wandern mit Touristengruppen und exzessives Fotografieren stehen am Programm. Aber nur bis eines Nachts ein rätselhaftes Licht aufglüht und plötzlich alle anderen Menschen verschwunden zu sein scheinen. Nach anfänglicher Ratlosigkeit und Panik beginnen sich die jungen Urlauber in der Welt, in der sie nun tun können, was sie wollen, einzuleben. Doch es gibt von Anfang an psychische Spannungen im gemeinsamen Umgang mit der Situation.

Die Inhaltsangabe liest sich wie die Beschreibung einer umgekehrten Robinsonade (die sprichwörtliche einsame Insel, nur dass die „Schiffbrüchigen“ nicht dort stranden, sondern alle anderen verschwinden). Oder etwas in der Art von „I Am Legend“, nur mit zwei Hauptpersonen und ohne Vampire. Und genauso funktioniert „Bokeh“ (der japanische Ausdruck bezeichnet übrigens den unscharfen Bereich eines Fotos, der ein darauf zu sehendes, scharfes Objekt im Vordergrund besonders hervorheben soll) im Prinzip auch: Es gibt keine Menschen mehr auf der Welt, nur noch unser Liebespaar. Was bedeutet diese Tatsache für ihre persönliche Entwicklung, welche psychischen Zustände durchlaufen sie in den ersten Wochen nach der Apokalypse?

Zu wenig Kontext.

Was zunächst spannend klingt, wird im Laufe des Films leider relativ schnell langatmig und zäh. Im Wesentlichen konnte ich zwei Gründe dafür ausmachen. So wäre meiner Ansicht nach eine für den Zuseher komplett nachvollziehbare Entwicklung der Charaktere nur möglich, wenn man deren Ausgangspunkt gut genug kennt. Diese Basis fehlt in „Bokeh“ praktisch vollständig. Das „Vorgeplänkel“, bis es zur Apokalypse kommt, ist zu kurz, um Riley und Jenai, so die Namen der Protagonisten, kennenzulernen. Ja, man sieht, dass sie sich lieben, man weiß, dass sie gerne fotografieren und kann nachvollziehen, was ihnen an Island gefällt. Aber das ist eben nur eine Momentaufnahme, die Beziehung wirkt einigermaßen konstruiert. Denn ohne jegliche Kenntnis einer Vorgeschichte ist unmöglich zu sehen, ob und wie sich die Figuren angesichts des Ausnahmezustandes, in den sie geworfen werden, entwickeln.

Das fällt insbesondere bei Jenai auf, die sich wesentlich schwerer tut, ihre Situation zu akzeptieren. Das wäre grundsätzlich ein guter Aufhänger, würde für Drama und Spannung sorgen. Aber wenn man nicht weiß, warum es ihr so geht, wird es schwierig – es gibt nicht einmal einen Hinweis darauf, wo ihr Zuhause, in das sie unbedingt zurück will, überhaupt ist. So kann man sich schwer vorstellen, warum es für die offenbar ziemlich streitsüchtige Blondine dermaßen schrecklich ist, auf Island gestrandet zu sein, während ihr Freund kaum Anpassungsprobleme zu haben scheint. Am schlimmsten daran ist, dass ihre Rolle dadurch ohne Not extrem unsympathisch wird. Auch weil das Spiel von Maika Monroe eine Gedankenwelt der Figur andeutet, die sich dem Zuseher überhaupt nicht erschließt. Lösen hätte man das auch ohne ewig langen Vorspann können – z.B. indem man im Film die eine oder andere Rückblende einbaut.

Der zweite Kritikpunkt, den ich an „Bokeh“ habe, betrifft Teile des Drehbuches. Es geht teilweise recht unlogisch zu, so verstehe ich beispielsweise nicht, warum unsere Helden nicht relativ schnell am Flug- oder Schifffahrtshafen nach Menschen suchen. Und letztlich ist es dann doch einigermaßen ermüdend, wenn die beiden immer wieder Ausflüge in die Natur Islands unternehmen, wo dies und das für wunderschön befunden wird. Diese Szenen ähneln sich und scheinen sich zu wiederholen, was den Film langatmiger erscheinen lässt, als er eigentlich sein müsste. Etwas mehr Drama hätte es meines Erachtens zwischendurch schon gebraucht.

Wunderbare Bilder.

„Bokeh“ hat dennoch zwei große Punkte auf der Habenseite. Der Drehort ist natürlich ein Selbstläufer – Island ist einfach wunderschön und das wurde in den Bildern perfekt eingefangen. Nimmt man die musikalische Untermalung hinzu, fällt mir nichts ein, was man atmosphärisch hätte besser machen können. Die Lust auf einen Island-Urlaub erzeugt der Film also definitiv. Das zweite Plus sind die Darsteller. Monroe und O’Leary holen tatsächlich unglaublich viel aus den eigentlich sehr schwachen Charakteren heraus. Fast wirkt es so, als wären die Schauspieler mit dem, was ihnen im Drehbuch vorgesetzt wurde, unterfordert gewesen und hätten versucht, eigenmächtig einen draufzusetzen. So wird es wohl nicht gewesen sein, aber ich habe es angedeutet: Ihre Darstellung, vor allem die Mimik, suggeriert eine Tiefe der Rollen, die de facto einfach nicht vorhanden ist. Schade um diese hervorragende Leistung.

Letztlich ist „Bokeh“ einer dieser Filme, die man so gerne wirklich mögen würde, der aber bei halbwegs objektiver Betrachtung einfach zu viele Mängel dafür aufweist. Denn was helfen die schönsten Bilder, was die besten Darsteller, wenn das Drehbuch einfach nicht mitreißen kann? Leider sehr wenig, daher reicht es nur für eine durchschnittliche Wertung.

Gesamteindruck: 4/7


Originaltitel: Bokeh
Regie: Geoffrey Orthwein, Andrew Sullivan
Jahr: 2017
Land: USA, Island
Laufzeit: 92 Minuten
Besetzung (Auswahl): Maika Monroe, Matt O’Leary, Arnar Jónsson



 

BuchWelt: LoveStar

Andri Snær Magnason


Andri Snær Magnason hat eine eigenständige, ziemlich schräge Geschichte geschrieben, die nach kurzer Eingewöhnung sehr gut und schnell zu lesen ist. Die Handlung läuft gelegentlich Gefahr, von den teilweise extrem skurrilen Einfällen überdeckt zu werden, letztlich schafft es der Autor aber immer wieder, den Fokus auf einer doch recht dystopischen Geschichte zu halten. „LoveStar“ ist satirisch, lustig, tragisch und sehr aktuell. Sollte man als jemand, der sich in unseren Zeiten zurechtfinden muss, jedenfalls gelesen haben.

Gesamteindruck: 5/7


Berechnete Liebe.

„LoveStar“ ist eine Geschichte, die eigentlich perfekt in unsere Zeit passt. Der globale Konzern, der jeden (und damit meine ich wirklich jeden) Aspekt des Lebens und der Welt berechnen, kontrollieren und vermarkten kann, ist wohl die Traumvorstellung des einen oder anderen Managers. Manche Firmen sind ja schon durchaus nahe an diesem „Ideal“, was einigermaßen beängstigend ist. Dass der isländische Autor Andri Snær Magnason nicht ganz genau erklärt, wie die Entschlüsselung der Welt in „LoveStar“ eigentlich funktioniert, tut dabei recht wenig zur Sache. Wesentlich ist, dass man dennoch das Gefühl hat, dass nur eine Kleinigkeit fehlt, damit wir genau das, was wir in diesem Roman vorfinden, auch in der wirklichen Welt bekommen. Und das macht „LoveStar“ zum Teil tatsächlich zu einer Dystopie.

Inhalt in Kurzfassung*
Einem Isländer ist es gelungen, das Geheimnis der Zugvögel – und damit nebenbei gleich die ganze Welt – zu entschlüsseln. So wird alles für die Wissenschaft möglich, sogar die Liebe kann wissenschaftlich berechnet werden. Irrtümer und Abweichungen sieht das auf Basis dieser fantastischen Entdeckung gegründete LoveStar-Imperium, Sitz natürlich in Island, nicht vor. Doch was, wenn sich zwei Verliebte nicht von einem Computer auseinander dividieren lassen wollen? Und was passiert, wenn sogar Gott berechnet werden kann?

* Ein neues Feature auf WeltenDing. Ich versuche Spoiler zu vermeiden.

Auf den ersten Seiten liest sich „LoveStar“ ein wenig holprig, man braucht ein wenig Zeit, um sich an die ganz spezielle Sprache zu gewöhnen. Alles wirkt sehr nüchtern, knapp beschrieben und ohne große Ausschmückungen. Gefühlsmäßig hat das damit zu tun, dass dieses Buch – entgegen normaler mitteleuropäischer Lesegewohnheiten – in einer recht exotischen Sprache geschrieben wurde. Hat man diese Startschwierigkeiten allerdings überwunden, geht es mit der Lektüre großteils schnell voran. Längen gibt es eigentlich keine, ins Stocken gerät der Lesefluss hauptsächlich dann, wenn eine der zahlreichen Ideen des Autors ganz besonders abstrus ist. Wie oft das für den einzelnen Leser zutrifft, ist natürlich Geschmackssache.

Abseits von seinem Setting, dass einer Dystopie für den Normalbürger, einer Utopie für den findigen Unternehmer, gleichkommt, hat „LoveStar“ vornehmlich zwei Aspekte zu bieten. Der eine ist die Frage danach, ob tatsächlich jede Idee, zu der ein Mensch fähig ist, auch tatsächlich umgesetzt werden sollte bzw. ob es überhaupt möglich ist, eine einmal gedachte und ausgesprochene Idee nicht zu verfolgen. Eine ähnliche These stellte Friedrich Dürrenmatt bereits 1962 in „Die Physiker“ dar – und da wie dort zeigt sich, dass der technische Fortschritt der Menschheit nicht nur Gutes, sondern sogar den Untergang bringen kann.

Das zweite große Thema von „LoveStar“ ist die klassische Geschichte einer verbotenen Liebe und aller Unwägbarkeiten, die sich daraus ergeben. Das mag auf den ersten Blick langweilig klingen, ist aber letztlich durch seine Einbindung in das große Ganze, in die wissenschaftlich mögliche und daher auch gnadenlos durchgeführte, exakte Berechnung der Gefühle, eine durchaus interessante Handlung – zeigt sie doch einerseits die schiere Machtlosigkeit des einzelnen gegen die geballte Macht des globalen Konzerns, andererseits die Problematik des Datenschutzes bzw. wer denn nun eigentlich die Überwacher überwacht. Brandaktuelle Themen also, die in „LoveStar“ mit einer gehörigen Portion Zynismus aber auch mit echtem Humor verpackt präsentiert werden.

Zum ganz großen Wurf reicht es zwar nicht, dafür ist mir der Stil insgesamt dann doch ein bisschen zu holprig. Von meiner Seite daher respektable 5 Punkte es für dieses mit mehreren Preisen ausgezeichnete Roman-Debüt.

Gesamteindruck: 5/7


Autor: Andri Snær Magnason
Originaltitel: LoveStar.
Erstveröffentlichung: 2002
Umfang: ca. 300 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Taschenbuch


 

FilmWelt: Iron Sky

Der Mond wendet der Erde ja immer die selbe Seite zu, wie es auf seiner Rückseite aussieht, war lange Zeit unbekannt. Naheliegend, dasseine Gruppe von Nazis vor der sich abzeichnenden Niederlage im 2. Weltkrieg genau dort einen geheimen Stützpunkt errichtet haben. Die Überwindung der Entfernung fand mittels Reichsflugscheiben statt, die auch für die spätere Rückkehr und zur Eroberung der Erde eingesetzt werden sollten. So zumindest die Geschichte, die dem Publikum im finnischen (!) Überraschungserfolg „Iron Sky“ präsentiert wird. An dieser Beschreibung merkt man bereits, welch eigentümlichen Film Regisseur Timo Vuorensola hier geschaffen hat.

Gesamteindruck: 5/7


Sehr speziell.

„Iron Sky“ widersetzt sich der Einordnung in ein konkretes Genre. Science Fiction? Komödie? B-Movie? Persiflage? Der Film ist wohl ein bisschen von allem, am ehesten ist er vermutlich als Satire zu klassifizieren. Sucht man nach einem ähnlichen Format, wird man am ehesten bei Tim Burtons „Mars Attacks!“ (1996) fündig, der ungefähr in die gleiche Richtung geht. Allerdings fällt bei „Iron Sky“ der humoristische Anteil deutlich geringer aus. Wobei die im Film durchaus vorhandene Gesellschaftskritik wiederum so absurd verpackt ist, dass man ihn auch nicht richtig ernst nehmen kann. Ein merkwürdiges Zwischending also, kaum zu beschreiben.

Vom Feinsten – und das wiederum unbestritten – sind Optik und Akustik. „Iron Sky“ sieht, vor allem für ein Werk, das nicht aus Hollywood kommt, fast schon unverschämt gut aus. Das betrifft nicht nur die tollen Effekte und grandios dargestellten Raumschiffe (inklusive exzellent gestalteter Weltraum-Schlacht), sondern auch den generellen Anstrich. So wurden beispielsweise die Szenen, die auf der Mondbasis der Nazis spielen, mit geringere Farbsättigung versehen. Das erzeugt einen Eindruck, den man von alten Aufnahmen aus jener Zeit kennt – ein kleines Detail mit großer atmosphärischer Wirkung. Aber auch die Filmmusik muss sich vor den optischen Effekten nicht verstecken: Für den Soundtrack wurde die slowenische Gruppe Laibach verpflichtet, was wie die Faust aufs Auge passt. Allein die Mond-Hymne „Kameraden, wir kehren heim!“ als leicht abgeänderte Form von „Die Wacht am Rhein“ ist Gold wert.

Die Schauspieler konnten mich hingegen nicht ganz überzeugen. Großartig macht seine Sache Götz Otto, der als schneidiger Soldat Klaus Adler brilliert. So und nicht anders stellt man sich einen Wehrmachtsoffizier, egal ob auf dem Mond oder auf der Erde, vor. Zumindest, wenn er das „Wochenschau“-Klischee erfüllen soll. Und auch Julia Dietze funktioniert als naiv-brave Lehrerin Renate Richter. Tatsächlich war es eine gute Idee, für diese Rollen deutsche Schauspieler zu verpflichten – das hat einen ähnlichen Effekt wie in Tarantinos „Inglourious Basterds“ (2009). Der Rest der Riege ist hingegen bemüht, hat aber mit teilweise arg übertriebenen Dialogen zu kämpfen. Vor allem Christopher Kirby als dunkelhäutiger Astronaut/Model James Washington und Peta Sergeant als US-Wahlkampfleiterin Vivian Wagner leiden meiner Ansicht nach an einer viel zu schrillen Darstellung.

Inhaltlich lebt die Story natürlich von ihrer Absurdität. Viel gibt es dazu eigentlich nicht zu sagen – die Handlung mag zwar reichlich grotesk sein, gleichzeitig ist sie aber auch ziemlich dünn. Interessanter ist das, was mitschwingt. Man könnte „Iron Sky“ natürlich als gesellschaftliche Kritik lesen – dass Nazis böse sind, wird zwar nicht extra hervorgehoben, aber allein durch ihre vollkommen überzeichnete Großmannssucht merkt der Zuseher schnell, was die Stunde geschlagen hat. Weitere Erklärungen braucht es in Bezug auf die Mondflüchtlinge eigentlich nicht, es reicht, zu sehen, wie sehr sie sich selbst überschätzen, wie sie Propaganda verbreiten und wie sie letztlich an ihrem eigenen Größenwahn scheitern. Die Darstellung der technisch und philosophisch im Wesentlichen auf dem Stand von 1945 stehengebliebenen Mondnazis („Das ist doch kein Computer“) ist ohnehin ein rein historischer Bezug und schwankt irgendwo zwischen akkurat und überzeichnet.

Für den Zuseher wichtiger ist die Frage nach der Einarbeitung aktueller politischer Entwicklungen. Hier ist es so, dass zwei Faktoren, die derzeit wieder groß in Mode kommen, aufgegriffen werden. Einerseits der amerikanische Anspruch, die wichtigste und größte Nation zu sein und die Welt anzuführen, andererseits die Sehnsucht nach autoritären Symbolen und Herrschern, die im Moment in der westlichen Welt leider ein Comeback feiert. Beides wird im Film aufgegriffen, allerdings muss man jeden, der eine kritische Auseinandersetzung mit diesen Themen erwartet, enttäuschen: Es bleibt bei der Darstellung, Kritik gibt es kaum. Fast scheint es, als hätte der Regisseur das so gewollt, als hätte es ihm gereicht, das Bild, das er mit „Iron Sky“ zeichnet, für sich selbst stehen zu lassen. Vielleicht hat er auch deshalb seinen Film relativ sparsam mit Humor versehen? Bleibt zu hoffen, dass diese von mir vermutete Botschaft auch ankommt, wenn sie so unverpackt und unkommentiert abgegeben wird.

Letztlich ist „Iron Sky“ ein merkwürdiger Film, den man so gerne noch viel lieber mögen würde, als man es tut. Die Idee ist gut, die Intention ist gut, die Ausstattung ist gut – wenn die Umsetzung ein bisschen weniger spröde, ein bisschen lebendiger und greifbarer gelungen wäre, hätten wir es hier mit einem Meisterwerk zu tun. So müssen 5 Punkte für einen durchaus sehenswerten Streifen, der leider unter seinen Möglichkeiten bleibt, reichen.

PS: Ich habe den Director’s Cut gesehen. Wirkliche Längen hatte diese Version nicht; ein Vergleich mit der originalen Kinofassung, die um rund 20 Minuten kürzer ist, fehlt mir.

Gesamteindruck: 5/7


Originaltitel: Iron Sky
Regie: Timo Vuorensola
Jahr: 2012
Land: FIN/GER/AUS
Laufzeit: 113 Minuten (Director’s Cut)
Besetzung (Auswahl): Julia Dietze, Götz Otto, Christopher Kirby, Udo Kier, Tilo Prückner, Peta Sergeant



 

FilmWelt: Trollhunter

Wer nach dem Genuss von „Trollhunter“ durch Norwegen fährt, wird die Hochspannungsleitungen, die man immer wieder in der kargen Landschaft sieht, mit anderen Augen betrachten… Tatsächlich ist der Film weit besser und weniger trashig, als der Beschreibungstext vermuten lässt – wenngleich man natürlich nicht von einem Meisterwerk sprechen kann. Mich hat die Trolljagd in der Wildnis Norwegens jedenfalls gut unterhalten, daher gibt es auch eine passable Wertung.

Gesamteindruck: 4/7


Einigermaßen unterhaltsame Mockumentary.

Der Inhalt von „Trollhunter“ in Kurzform: Drei norwegische Studenten möchten eine Dokumentation über einen mutmaßlichen Wilderer drehen. Nach einigem Hin & Her stellt sich heraus, dass der Mann, dem sie dafür folgen, definitiv keine Bären jagt. Erst ab diesem Zeitpunkt kommt der Film richtig in Fahrt, das Geplänkel davor ist eher langatmig und nicht sonderlich originell. Ob tatsächlich jeder Zuseher das erste Drittel übersteht, ist damit ein wenig fraglich. Wer so lange durchhält, wird dafür mit einem durchaus launigen Mittelteil und einem ganz gut gemachten Finale belohnt.

„Trollhunter“ ist eine Art „Blair Witch Project“ meets „Men In Black“. Der damals sensationell innovativen Hexenjagd wurde das Mockumentary-Format nachempfunden: Auch in „Trollhunter“ machen sich ein paar Studenten mit der Handkamera auf den Weg – und der dem Publikum präsentierte Film soll aus Material bestehen, das sozusagen gefunden und veröffentlicht wurde. Mit „Men In Black“ hat der Film gemein, dass die norwegische Regierung wie ihr US-Pendant eine geheime Organisation geschaffen und beauftragt hat, die ein großes Geheimnis, das eigentlich vor den Augen von jedermann präsent ist, schützen soll. Klingt zunächst nach einer abenteuerlichen Mischung, erfreulicherweise ist „Trollhunter“ jedoch wesentlich unterhaltsamer und besser, als man zunächst befürchtet.

Was gut funktioniert ist die Rolle des Trolljägers Hans, gespielt von Otto Jespersen. Dessen Darstellung des griesgrämigen, von seiner Arbeit und dem Geheimnis, das er stets bewahren muss, gezeichneten Eigenbrötlers ist meines Erachtens bemerkenswert. Durch diese Leistung stimmt im Endeffekt dann auch die Chemie zwischen Hans und der etwas blassen Studentengruppe. Letztere ist befriedigend besetzt (eine Nervensäge á lá Blair-Witch-Heather fehlt glücklicherweise), hat aber keinen großen Wiedererkennungswert. Das liegt wohl auch in der Art des Films begründet, der die Menschen, hinter der Handkamera naturgemäß kaum portraitieren kann. Unabhängig davon bringt das Schauspieler-Ensemble „Trollhunter“ tatsächlich auf ein höheres Niveau, als es die etwas magere Story und das durchschnittliche Drehbuch allein geschafft hätten.

Ein weiterer Faktor, der neben den Darstellern für eine passable Wertung sorgt, sind die Effekte. Für einen Film, der nicht aus Hollywood kommt, sieht das Gezeigte schon sehr, sehr gut aus. Natürlich hilft es, dass die Aufnahmen praktisch mit der Handkamera gemacht wurden, wodurch Dinge wie perfekte Ausleuchtung, Bildschärfe u. ä. eine untergeordnete Rolle spielen. Dennoch: Die Trolle sehen sehr gut aus, die Landschaftsaufnahmen sind in Ordnung und die ganze Stimmung, die über die Bilder transportiert wird, ist durchaus angemessen und macht „Trollhunter“ sogar ein wenig ernsthafter, als man bei einem solchen Thema meinen möchte. Ein sehr guter Kniff ist dem Regisseur meines Erachtens übrigens mit der finalen Pressekonferenz gelungen, in der zweifache norwegische Ministerpräsident Jens Stoltenberg quasi zugibt, dass es Norwegen Trolle gäbe. Den entsprechenden Ausschnitt aus dem Film kann man sich auch auf YouTube ansehen – die Geister streiten sich, ob Stoltenberg das tatsächlich so gesagt hat. Von daher: Mission erfüllt.

Eine bessere Bewertung bleibt „Trollhunter“ aber dennoch verwehrt. Denn auch wenn der Film seine Momente hat und weit davon entfernt ist, schlecht zu sein, muss man die Kirche im Dorf lassen. Zunächst sind die Längen im ersten Abschnitt nicht wegzudiskutieren, hinzu kommt, dass der Streifen insgesamt relativ vorhersehbar ist. Positiv sind hingegen die dargestellte norwegische Natur (und deren Störung durch den Menschen), die Idee an sich und die gute schauspielerische Leistung hervorzuheben. Macht unterm Strich gute 4 Punkte.

Gesamteindruck: 4/7


Originaltitel: Trolljegeren
Regie: André Øvredal
Jahr: 2010
Land: Norwegen
Laufzeit: 104 Minuten
Besetzung (Auswahl): Otto Jespersen, Hans Morten Hansen, Tomas Alf Larsen, Johanna Mørck



 

FilmWelt: Sture Böcke

Wer ein Faible für gut gemachte Independent-Filme hat, sollte bei „Sture Böcke“ reinschauen. Ein Film, in dem es vordergründig um Schafe, hintergründig um zwei zerstrittene Brüder geht, die im Angesicht einer „Katastrophe“ wieder zueinander finden (müssen). Gut gefilmt, sehr gut gespielt und mit wohltuender Langsamkeit umgesetzt. Hier gibt es weder ausgeklügelte Dialoge noch wie auch immer geartete Action – ein ruhiger Film, der dennoch in keinem Moment langweilig ist. Lediglich das Ende konnte mich nicht überzeugen, sodass es leider keine höhere Wertung geben kann. Trotzdem: Sehr sehenswert!

Gesamteindruck: 5/7


Männer, die mit Schafen sprechen (statt miteinander).

Island ist ein karges Fleckchen Erde. Auch ohne jemals dort gewesen zu sein, begreift man das schnell, wenn man sich den allseits hoch gelobten Film „Sture Böcke“ ansieht. Genau diese windgepeitschte Einöde ist es, die Regisseur Grímur Hákonarson perfekt nutzt, um die Intensität seines Stoffes geradezu greifbar zu machen. Eine wirkliche Handlung? Gibt es nicht. Ausgefeilte Dialoge? Nicht vorhanden. Der Regisseur verlässt sich voll und ganz auf die wilde Schönheit der Natur – und natürlich seine beiden wortkargen Hauptdarsteller, bei denen man sich fragt, ob sie tatsächlich Schauspieler sind oder von Hákonarson einfach während ihrer täglichen Arbeit gefilmt wurden. Quasi dokumentarisch.

Dass all das funktioniert und zu keiner Sekunde langweilig ist, ist tatsächlich ein Phänomen und zwischen den vielen lauten und schrillen Hollywood-Blockbustern eine willkommene Abwechslung. Doch worum geht es in „Sture Böcke“ eigentlich? Kurz gesagt: Zwei Brüder, beide Schafzüchter, leben praktisch Tür an Tür. Seit 40 (?) Jahren haben sie kein Wort miteinander gesprochen. Warum? Das verrät der Film nicht. Höhepunkt der Existenz dieser beiden Originale (und auch aller anderen Figuren, die im Film am Start sind) scheint die jährliche Preisverleihung durch den Züchterverband zu sein. Auch hier: Keine näheren Informationen verfügbar. Als nach dem Wettbewerb bei einem der Schafe eine Krankheit festgestellt wird, die den gesamten Bestand gefährdet und zu staatlichen Maßnahmen (Schlachtung aller Tiere) führen soll, entspinnt sich die Haupthandlung, die die langsame Annäherung der zerstrittenen Brüder thematisiert. All das geht das langsam und mal mehr, mal weniger behutsam vor sich, ist von Rückschlägen und zarten Erfolgen gekennzeichnet. Erinnert ein wenig an „Ein seltsames Paar“ (1968, mit Jack Lemmon und Walter Matthau), wobei dessen Komik durch den wesentlich trockeneren skandinavischen Humor ersetzt wird.

Gesprochen wird im Endeffekt bis zum Schluss von „Sture Böcke“ nicht viel. Umso erstaunlicher, wie es die beiden Hauptdarsteller, aber auch das Drehbuch, schaffen, den Zuschauer bei der Stange zu halten. All das wirkt übrigens noch besser, wenn man sich den Film als „OmU“ ansieht. Zum intensiven Filmerlebnis trägt im Übrigen auch der sehr gelungene Soundtrack bei, der gemeinsam mit den Landschaftsaufnahmen die Abgeschiedenheit und die harten Lebensbedingungen gut in Szene setzt.

Ein Haar lässt sich aber dennoch in der Suppe finden. Der Film ist an sich sehr einfach gestrickt. Die Komplexität der Beziehung wird mehr angedeutet als tatsächlich thematisiert. Alle Emotionen, alles tragikomische, das „Sture Böcke“ beinhaltet ist einfach „da“. In den Bildern, in der Musik, in den Gesichtern, in den Tieren und in der Natur. Das wird sehr konsequent durchgezogen – bis dann das Finale ansteht. Ein offenes Ende ist grundsätzlich in Ordnung. Hier löst es aber einen deutlich spürbaren, unschönen Bruch im Gefühl des Zuschauers aus. Dass der Film praktisch keinen Anfang hat und mitten in der Geschichte beginnt, ohne Charaktere und Schauplatz wirklich vorzustellen, ist in Ordnung. Meiner Ansicht nach hätte er aber nicht dermaßen offen enden sollen – dann wäre ich mit einem noch besseren Gesamtgefühl aus dem Kino gegangen. So reicht es für gute fünf Punkte.

Gesamteindruck: 5/7


Originaltitel: Hrútar
Regie: Grímur Hákonarson
Jahr: 2015
Land: Island
Laufzeit: 93 Minuten
Besetzung (Auswahl): Sigurdur Sigurjónsson, Theodór Júlíusson, Charlotte Bøving, Jon Benonysson