FilmWelt: Sieben

Das Jahr 2017. Mittlerweile hat man alle möglichen und unmöglichen Dinge in Filmen gesehen. Es gibt jede Menge Material, das in eine ähnliche Kerbe wie „Sieben“ haut. Und genau jetzt tauchte der Film, der in meiner Erinnerung immer als Meisterwerk abgeheftet war, in den Empfehlungen des Streaming-Dienstes meiner Wahl auf. Grund genug, mal wieder bewusst reinzusehen, erstmals seit vielen, vielen Jahren.

Gesamteindruck: 6/7


Gut gealterter Psychothriller.

Erinnerungen täuschen gerne mal. „Sieben“ habe ich erstmals kurz nach seinem Erscheinen im Jahr 1995 gesehen, ich denke es wird ein Jahr später gewesen sein, als der Film erstmals im Free TV gelaufen ist. Seither immer mal wieder im Programm, habe ich eigentlich nie mehr eingeschalten, zumindest nicht über die volle Länge. Dabei kam mir „Sieben“ beim ersten Ansehen vor gut 20 Jahren wie ein absolutes Meisterwerk vor. Das kann verschiedene Gründe haben – für mich war der Film damals definitiv etwas vollkommen Neuartiges. Optik und Atmosphäre, Machart, Drehbuch, Schauspieler und auch die für einen Hollywood-Film geradezu unglaubliche Härte in manchen Szenen hatte ich so noch nicht erlebt. „Sieben“ war somit der erste Film seiner Art, zumindest in meiner Wahrnehmung.

Aus heutiger Sicht kann man sagen, dass der Film um den Serienkiller, der sich an den Sieben Todsünden orientiert, außergewöhnlich gut gealtert ist. Die Bilder suchen nach wie vor ihresgleichen, man kann im Endeffekt tatsächlich von einem Kunstwerk sprechen. Die dadurch erzeugte Atmosphäre, die in einem ewig verregneten Moloch agierenden Ermittler – das alles hat etwas vom film noir. Dazu kann man Regisseur David Fincher nur gratulieren, speziell das Spiel mit den Farben ist einzigartig und erzeugt einen solch abgrundtiefen Pessimismus, wie man ihn selten in einem Blockbuster sieht. An alledem gab es 1995 nichts auszusetzen und daran hat sich bis heute nichts geändert.

Gleiches gilt für die Hauptdarsteller. Morgan Freeman (als desillusionierter, im Grunde seines Herzens aber gutmütiger Cop kurz vor der Pension) und Brad Pitt (als dessen ehrgeiziger Nachfolger) ergänzen sich ganz wunderbar. Vor allem das Spiel des damals noch sehr jung wirkenden Pitt kann an der Seite des erfahrenen Freeman voll und ganz überzeugen, speziell in der intensiven Schlussszene. Kevin Spacey als Bösewicht tritt über weite Strecken des Films nicht in Erscheinung, wenn er dann endlich auftaucht, macht er seine Sache solide. Ganz glaubwürdig scheint es mir aber nicht zu sein, wie er die Polizei zum Narren hält, was aber weniger am Schauspieler liegt, sondern an der mangelhaften Charakterzeichnung im Drehbuch. Bleibt Gwyneth Paltrow, als Polizistenfrau, deren Charakter ebenfalls nicht sonderlich Tiefgang aufweist – ihre Rolle ist wohl eher als dramaturgische Unterstützung gedacht gewesen. Das ist in Ordnung, allerdings übertreibt es Paltrow für mein Dafürhalten und legt mir etwas zu viel Theatralik in ihren Charakter.

All das sind allerdings keine Probleme, die „Sieben“ zu einem schwachen Film machen. Denn auch die Handlung passt, auch wenn sie – aus heutiger Sicht! – nicht sonderlich innovativ scheint. 1995 war das anders, zumindest für mich. Leider leistet sich das Drehbuch diverse Schwächen, über die ich damals in meiner ersten Begeisterung hinweggesehen habe, die ich heute aber doch recht deutlich empfinde. Die mangelnde Entwicklung der Charaktere habe ich angesprochen – das betrifft vor allem Serienkiller John Doe, über den man für meinen Geschmack viel zu wenig erfährt. Es ist und bleibt ein Rätsel, wie er es schafft, seine Taten langfristig dermaßen perfekt zu begehen und die „richtigen“ Spuren zu legen. An dieser Stelle hätte man sich dringend tiefgehendere Einblicke gewünscht. Stattdessen fokussiert sich der Film auf die Tätigkeiten der Ermittler, die aber immerhin mit ausreichend Persönlichkeit ausgestattet wurden.

Und so sind es letztlich diverse Unwahrscheinlichkeiten und wenig ausgearbeitet scheinende Handlungsstränge, die „Sieben“ den Status des Meisterwerkes verwehren. Natürlich ist das aus heutiger Sicht leicht gesagt – aber 90% aller „Criminal Minds“-Folgen zeigen die Ermittlungsarbeit ausgefeilter. Weil man aber nicht vergessen darf, dass es diese Serie und viele Filme ohne „Sieben“ in der Form vermutlich gar nicht geben würde, gibt es dennoch 6 Punkte. Nicht nur aus nostalgischen Gründen, sondern weil der Film atmosphärisch tatsächlich bis heute seinesgleichen sucht und durchaus als Pionier angesehen werden kann. Nicht perfekt, klar, aber dennoch wegweisend.

Gesamteindruck: 6/7


Originaltitel: Se7en
Regie: David Fincher
Jahr: 1995
Land: USA
Laufzeit: 127 Minuten
Besetzung (Auswahl): Morgan Freeman, Brad Pitt, Gwyneth Paltrow, Kevin Spacey, John C. McGinley, R. Lee Ermey, Richard Roundtree



 

SpielWelt: Gemini Rue – Verschwörung auf Barracus

Ein gelungenes Spiel, das zeigt, welche Bedeutung Story und Atmosphäre wirklich haben – gerade weil die Grafik wie aus der Computer-Steinzeit wirkt, wird noch deutlicher, wie wenig Seele viele moderne Spiele haben.

Gesamteindruck: 5/7


Kein Augenschmaus, dafür ein Spiel mit Herz und Seele.

Wenn „retro“ in ist, müsste sich Gemini Rue – Verschwörung auf Barracus verkaufen wie warme Semmeln. Die Grafik erinnert an die seligen 1990er Jahre, aber nicht an das Ende dieser Epoche, sondern an deren Anfang. Sogar die – (für manche) noch glorreicheren – 1980er schimmern in Bezug auf die Optik deutlich durch. Die Animationen verdienen kaum ihren Namen, die Figuren als „pixelig“ zu bezeichnen wäre ein Kompliment. Immerhin sind die Hintergründe sehr schön gezeichnet und fangen die Stimmung gut ein. Gleich mehrere Schritte zurück in die Vergangenheit macht auch die Bedienung, die sämtliche Komfort-Funktionen, die man seit gefühlten Jahrzehnten gewohnt ist, außen vor lässt. Ein Menü mit den rudimentären Funktionen „Ansehen“, „Benutzen“, „Treten“ (!) und „Sprechen“, dargestellt in simplen Piktogrammen, die schwer zu erkennen sind, reicht für dieses Spiel aus. Lediglich zwei technische Aspekte von „Gemini Rue“ gemahnen nicht an die Computer-Steinzeit: Die ausgezeichnete musikalische Untermalung (ok, die gab es früher auch, allerdings nicht am PC) und die – speziell für eine Indie-Produktion – unfassbar professionelle Sprachausgabe. Diese zwei Punkte gehen problemlos als höchster Standard durch.

Und trotz all der genannten „Mängel“ verdient „Gemini Rue“ locker fünf Punkte. Das Spiel schafft nämlich etwas, wovon viele Software-Riesen mit ihren Hochglanz-Produkten nur träumen können: eine interessante, packende Story zu erzählen und eine Welt zu kreieren, die den Spieler voll und ganz gefangen nimmt. Die düstere, bedrückende Atmosphäre ist ein weiterer Pluspunkt, der schwer beschrieben werden kann, der einfach erlebt werden muss. Um das zu schaffen, muss man dem Spiel natürlich trotz des auf den ersten Blick „hässlichen“ Äußeren eine Chance geben.

Kleine Abzüge gibt es, weil die Charaktere nicht so ausgefeilt sind, wie sie hätten sein können. Das ändert zwar nichts an der Sympathie, die man für die tragischen Figuren empfindet, ist aber doch ein wenig störend. Dass das Spiel sehr geradlinig ist, stört mich hingegen weniger. Wer allerdings Möglichkeiten sucht, den Spielverlauf durch eigene Entscheidungen zu beeinflussen, ist hier fehl am Platz – wenn man deshalb weitere Punkte im Gesamteindruck abzieht, kann ich es gut verstehen. Genauso verhält es sich mit der Bedienung – das Menü an sich ist schon in Ordnung, wenn es auch merkwürdig ist, dass es nur in Verbindung mit einem klickbaren Punkt auf dem Bildschirm geöffnet werden kann. Die Steuerung in den Kampfsequenzen ist hingegen viel zu komplex und umständlich. Zum Glück gibt es sehr wenige Kämpfe, sodass man für dieses Problem nichts abziehen muss.

Gesamteindruck: 5/7


Genre: Adventure
Entwickler: Joshua Nuernberger
Jahr: 2011
Gespielt auf: PC


Thematisch verwandte Beiträge auf WeltenDing: