FilmWelt: His House

Das Spukhaus ist im Horror-Genre ein altbekanntes und nicht tot zu kriegendes Motiv. Dass es zu diesem Thema noch etwas Neues zu sehen gibt, hätte ich eigentlich nicht erwartet – und doch schafft es „His House“ (2020), einer eigentlich sehr alten Geschichte aktuelle Facetten hinzuzufügen.

Gesamteindruck: 5/7


Der Horror nach der Flucht.

„His House“ soll – so habe ich es irgendwo gelesen – der beste Horrorfilm des Jahres 2020 sein. Ich erlaube mir dazu kein Urteil, schlicht, weil ich das aktuelle Filmgeschehen kaum verfolge. Ich glaube sogar, dass „Kadaver“ der einzige Horrorstreifen aus dem Jahr 1 der Corona-Pandemie ist, den ich gesehen habe. Und auch wenn „His House“ die norwegische Version der Postapokalypse klar schlägt, wäre es unfair, zu behaupten, Remi Weekes‘ Werk würde nur mangels Alternativen gelobt.

Inhalt in Kurzfassung
Bol und Rial haben es geschafft: Sie sind aus den Wirren ihrer vom Krieg heimgesuchten Heimat entkommen und haben die Flucht nach Europa überlebt. Irgendwo in England wird dem Ehepaar schließlich – vorerst auf Probe – Asyl gewährt und ein heruntergekommenes Haus als Bleibe zugestanden. Bald merken die beiden, dass es dort nicht mit rechten Dingen zugeht – oder ist es vielleicht doch „nur“ das Trauma der Flucht, das sie quält?

„His House“ beginnt, wie sollte es anders sein, mit der Vorstellung der Charaktere. Regisseur Remi Weekes geht diese Prozedur aber ein wenig anders an: Er beschreibt weniger die Personen an sich sondern konzentriert sich eher auf die traumatisierende Erfahrung der Flucht aus der kriegsgebeutelten Heimat. Natürlich erfährt man das eine oder andere über die zwei Hauptfiguren, im Wesentlichen sind die Charaktereigenschaften aber eher angedeutet. Interessanterweise reicht das aus, um Bol und Rial sehr plastisch wirken zu lassen, was, neben einem guten Drehbuch, vor allem der exzellenten Darstellung durch Sope Dirisu und Wunmi Mosaku geschuldet ist.

Blendet man die Horror-Elemente aus oder sieht sie als Folge der psychischen Belastung der Flucht, funktioniert „His House“ als Flüchtlingsdrama. Als solches zeigt der Film nicht nur die verstörende Komponente der Flucht an sich, sondern geht auch ungeschönt darauf ein, wie weit Menschen gehen würden, wenn Angst und Verzweiflung groß genug sind. So gesehen ist „His House“ ein zwar verhältnismäßig schlichter, will sagen: wenig tiefgehender, aber doch einigermaßen ausgewogener Beitrag zur Flüchtlingsthematik.

Realität vs. Horror – oder beides.

Freilich ist das alles Interpretationssache. Wer sich damit nicht allzu sehr auseinandersetzen möchte, muss das nicht – und sieht meiner Ansicht nach dennoch einen guten Horrorfilm. Der Nervenkitzel ist durchaus gegeben, wenn sich die Stimmung der neuen Hausbesitzer von anfänglicher Freude langsam aber stetig in Richtung Angst und Schrecken ändert. Der Spuk, der im Haus umgeht, ist ausgezeichnet umgesetzt und kommt im Großen und Ganzen ohne überbordende Brutalität aus. Lediglich ein oder zwei arg vorhersehbare Jump Scares und die gegen Ende viel zu deutliche und damit entzaubernde Darstellung des Bösen trüben das Vergnügen ein wenig. Ansonsten sei an dieser Stelle aber speziell der männliche Hauptdarsteller Sope Dirisu hervorgehoben, der die Angst, die sein Charakter ständig erlebt, aber auch dessen Entschlossenheit, um sein Haus zu kämpfen, ausgesprochen realistisch rüber bringt.

Im Endeffekt ist es aus meiner Sicht aber tatsächlich die Kombination aus dem realen Drama der Flucht und dem metaphysischen Fluch, der auf dem Haus und dem Ehepaar lastet, der „His House“ weit über den Grusel-Durchschnitt hinaushebt. Denn beides für sich genommen ist zwar gut gemacht, aber nichts, was man nicht anderswo im einen Fall tiefgründiger, im anderen unheimlicher bekommen könnte. Es klingt wie ein Klischee, ist aber dennoch so: Die Mischung macht’s. Und die schafft im Falle dieses Films etwas Neues, Unverbrauchtes, in dem sehr unterschiedliche aber dennoch altbekannte Elemente neu gemischt und verpackt werden.

Gesamteindruck: 5/7


Originaltitel: His House.
Regie:
Remi Weekes
Drehbuch: Felicity Evans, Remi Weekes, Toby Venables
Jahr: 2020
Land: Großbritannien
Laufzeit: ca. 90 Minuten
Besetzung (Auswahl): Wunmi Mosaku, Sope Disiru, Matt Smith, Javier Botlet, Emily Taaffe



FilmWelt: Escape – Vermächtnis der Wikinger

„Escape – Vermächtnis der Wikinger“ ist ein selten dämlicher Titel für einen Film, der im Original schlicht „Flukt“, also „Flucht“ heißt. Denn mit Wikingern hat der norwegische Streifen aus dem Jahr 2012 herzlich wenig zu tun, sieht man von ein paar Runen ab, die eine kleine Nebenrolle spielen. Der Verdacht liegt also nahe, dass der deutsche Verleih ein wenig mit den allseits beliebten Kriegern aus dem Norden Aufsehen erregen wollte. 

Gesamteindruck: 3/7


Betörende Bilder, mittelprächtiger Film.

Wie dem auch sei, der unter der Regie von Roar Uthaug (eventuell für den 2018er „Tomb Raider“-Reboot bekannt) entstandene Film ist zumindest über weite Strecken gelungen. Wobei man bei genauerer Betrachtung sagen muss, dass es vorwiegend die atemberaubend schöne Landschaft Skandinaviens ist, mit der „Flukt“ (ich weigere mich, den (neu-)deutschen Titel zu verwenden) punkten kann. Eigentlich wäre auch der Inhalt, der zwei starke Frauenfiguren in den Mittelpunkt rückt, eine gute Sache – allerdings empfand ich das Drehbuch als weniger gut: Zu viele Längen, zu wenig am Punkt, zu belanglos ist das, was uns vor wunderbarer Naturkulisse gezeigt wird.

Inhalt in Kurzfassung
Im mittelalterlichen, von der Pest verheerten Norwegen fällt die Familie der jungen Signe einer Gruppe von Banditen zum Opfer. Sie selbst wird von der Gruppe um Anführerin Dagmar verschleppt und sieht einem ungewissen Schicksal entgegen. Als sie sich schließlich mithilfe eines jungen Mädchens befreien kann, beginnt eine gnadenlose Jagd…

Die Geschichte, die uns „Flukt“ erzählt, ist nichts Neues. Ein Entführungsopfer, das entkommen kann und das sich nach anfänglichem Wegrennen seinen Häschern stellt, ist so oder so ähnlich immer mal wieder zu filmischen Ehren gekommen. Auch, dass die Bösen nicht ganz so übel sind und zumindest bei der Anführerin eine tragische Hintergrundgeschichte angedeutet wird, darf man von heutzutage erwarten.

Die Frage ist also eher, wie dieser sattsam bekannte Inhalt hier umgesetzt wurde. Wenn ich ein Wort finden müsste, das Drehbuch, Dialoge (viel wird übrigens nicht gesprochen) und Handlung zusammenfasst, würde ich wohl „solide“ sagen, wenn ich großzügig bin – wenn ich streng bin, wäre wohl „bieder“ der richtige Ausdruck. Soll heißen: In „Flukt“ passiert kaum Überraschendes oder Außergewöhnliches. Das Tempo ist alles in allem eher gemächlich, fast alles geschieht genau so, wie man es erwartet. Ungewöhnlich ist maximal die plastische Darstellung von Verwundungen, mit der ich in diesem Ausmaß nicht gerechnet hätte. Was nicht heißen soll, das „Flukt“ übermäßig blutig und brutal ist, im Gegenteil – allerdings sind die Kämpfe und Verletzungen realistisch dargestellt, ich würde sie somit als klaren Pluspunkt verbuchen.

… und Gaahl?

Auch auf Seiten der Charaktere regiert eher die Einfachheit. Im Wesentlichen gibt es ohnehin nur zwei Figuren, die überhaupt detaillierter gezeichnet werden – das junge Entführungsopfer und die Anführerin der Bande. Aber auch diese beiden bleiben vergleichsweise blass, viel mehr als die Andeutung einer tragischen Geschichte ist nicht vorhanden. Immerhin sind die schauspielerischen Leistungen aller Beteiligten zufriedenstellend.

An dieser Stelle ein kleiner Sidestep: Jedem, der sich ein wenig in der norwegischen Black Metal-Szene auskennt, wird einer der Bösewichte ziemlich bekannt vorkommen. Denn der Bogenschütze Grim wird von keinem Geringeren als Kristian „Gaahl“ Espedal gespielt (seines Zeichens am ehesten als ex-Sänger der Formation Gorgoroth bekannt, in Wirklichkeit aber künstlerisches Multitalent mit großem historischen Interesse). Viel ist zu dessen Auftritt freilich nicht zu sagen, spricht er doch keine drei oder vier Sätze. Immerhin ist der hoch aufgeschossene und schlanke Schreihals ein krasser Gegensatz zu seinem bärenhaften, untersetzten Kameraden. Alles in allem ein zufriedenstellendes Gastspiel, das weder dem Film noch dem mittlerweile unter die Maler gegangenen Gaahl schadet – und das ist mehr, als man von anderen Musikern in Filmen mitunter behaupten kann.

Natur allein reicht nicht.

Alles, was ich bis geschrieben habe, zeigt: „Flukt“ ist kein großartiger Film, aber auch weit davon entfernt, schlecht zu sein. Einen heimlichen Star gibt es allerdings doch: Die Landschaftsaufnahmen sind, man verzeihe mir das Superlativ, einfach großartig. Wälder, Hügel, Berge und Schluchten im norwegischen Herbst – jedem, der es einmal live gesehen hat, brauche ich nichts zu erzählen. Und jeder, der noch nie vor Ort war, könnte nach Genuss von „Flukt“ den dringenden Drang verspüren, das zu ändern. Hier zeigt sich das Talent von Regisseur Roar Uthaug, der es perfekt versteht, seine schroffe Heimat einzufangen.

Weil „Flukt“ aber keine Dokumentation, sondern ein Spielfilm ist, müssen drei Punkte reichen. Wie gesagt: Verdammen möchte ich den Film nicht, aber ein zweites Mal anschauen werde ich ihn auch nicht, dafür fehlt dann doch eine ganze Schippe an guten Ideen.

Gesamteindruck: 3/7


Originaltitel: Flukt.
Regie: Roar Uthaug
Drehbuch: Roar Uthaug
Jahr: 2012
Land: Norwegen
Laufzeit: ca. 80 Minuten
Besetzung (Auswahl): Isabel Christine Andreasen, Ingrid Bolsø Berdal, Milla Olin, Tobias Santelmann, Gaahl