BuchWelt: Schlaflied

Cilla & Rolf Börjlind


„Schlaflied“, der vierte Fall des Ermittlerduos Tom Stilton und Olivia Rönning, behandelt mit Organhandel und Flüchtlingskrise zwei höchst aktuelle Themen, die jedes für sich eine Schande für die ach-so-zivilisierte Menschheit sind. Dafür gibt’s von mir Szenenapplaus; zu Begeisterungsstürmen vermag mich der schwedische Krimi jedoch nicht hinzureißen.

Gesamteindruck: 2/7


Ein Schlaflied für den Leser.

„Schlaflied“ ist das erste Buch des schwedischen Ehepaars Cilla und Rolf Börjlind, das ich gelesen habe. Wer nun denkt, dass meine Probleme mit diesem Werk daher rühren – immerhin kenne ich die Vorgeschichte der Ermittler nicht – täuscht sich. Ich denke nicht, dass entsprechende Vorkenntnisse den fast 600 Seiten starken Roman zu einem Pageturner gemacht hätten.

Worum geht’s?
Stockholm: Tausende Asylsuchende kommen an, die Behörden sind mit der Situation hoffnungslos überfordert. Unter den Flüchtlingen befinden sich viele unbegleitete Jugendliche – wie Akin und Gowon aus Nigeria, die Hoffnung schöpfen, als sie von einem scheinbar hilfsbereiten Mann zu einer vorübergehenden Unterkunft gebracht werden. Gleichzeitig wird in Wäldern ein halb vergrabener, grausam zugerichteter Junge gefunden. Die Kriminalpolizei beginnt zu ermitteln und muss bald erkennen, wie weit sich auch im beschaulichen Schweden das organisierte Verbrechen schon ausgebreitet hat

Falls sich jemand fragt, wieso meine Börjlind-Premiere ausgerechnet der 4. Roman einer Krimi-Reihe ist: Ich gestehe, dass ich von den Autoren noch nie etwas gehört habe, entsprechend stand keines ihrer Bücher auf einer meiner „zu lesen“-Listen. Allerdings kann ich an keinem offenen Bücherschrank vorbeigehen, ohne etwas mitzunehmen – und in diesem Fall war es eben „Schlaflied“, dessen Inhaltsangabe mir gefallen hat. Mittlerweile weiß ich natürlich, dass Cilla und Rolf Börjlind vor allem als Drehbuch-Autoren für Krimi-Serien tätig sind, ein Umstand, der mir vorher ebenfalls völlig unbekannt war. Apropos Serien: Ich kann mir gut vorstellen, dass sich aus „Schlaflied“ – charismatische Schauspieler vorausgesetzt – ein spannender Fernseh-Abend machen ließe.

Kühle Charaktere und ein paar Unwahrscheinlichkeiten.

In Buchform hatte ich hingegen auf verschiedenen Ebenen meine Probleme mit „Schlaflied“. Eines davon sind die Figuren, die einfach nicht vor meinem geistigen Auge lebendig werden wollten – und mir auch charakterlich nicht sonderlich gefallen haben. Nun könnte man das darauf schieben, dass ich die Teile 1 bis 3 der Serie nicht kenne, daher auch nicht weiß, ob und wie die Hauptpersonen dort beschrieben sind. Beurteilen kann ich jedenfalls nur vorliegendes Werk, was einerseits nicht ganz gerecht ist, andererseits aber doch wieder, weil das Buch per se schon so geschrieben ist, dass es für sich allein gelesen werden kann. So oder so: Ich bin mit keinem Charakter wirklich warm geworden, zu kühl und distanziert sind sie beschrieben. Am meisten konnte ich übrigens mit dem rumänischen Gangsterboss anfangen – wenn der nur in diesem Buch vorkommt, wovon ich ausgehe, könnte das wiederum meinen Verdacht bestätigen, dass es mir tatsächlich an Vorkenntnissen mangelt.

Kein Problem ist es hingegen, der in „Schlaflied“ erzählten Handlung zu folgen – ganz unabhängig davon, ob man ein anderes Buch aus der Reihe kennt. Die Geschichte, die sich das Ehepaar Börjlind ausgedacht hat, ist im Endeffekt schnörkellos und man hat relativ früh Gewissheit, wohin sie sich entwickelt (schön fand ich übrigens, wie es am Ende die Auflösung des sehr rätselhaften Einstiegs gibt). Nun könnte man sagen, dass der Weg das Ziel ist, was oft genug auch stimmt. Im Falle von „Schlaflied“ sind die Wege bzw. Handlungsstränge auf den ersten Blick komplex, wenn sie zum Finale hin zusammenlaufen, stellt man jedoch fest, dass „umständlich“ die richtigere Beschreibung ist. Die Ermittler fahren und fliegen mal hierhin, mal dorthin, es passieren scheinbar bedeutende Dinge – und doch bleibt der schale Beigeschmack zurück, dass 400 Seiten locker genügt hätten, um „Schlaflied“ zu erzählen. Bezeichnend übrigens, dass ich in der Rückschau relativ lange überlegen musste, was es mit dem Titel des Romans auf sich hat, man kann sich also vorstellen, dass der entsprechende Teil der Handlung nicht gerade bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen hat. Einen Teil dieses Problems muss man aber der Übersetzung anlasten, denn das schwedische „Schlaf du kleines Weidenjunges“ ist der deutlich stärkere Titel.

Enttäuschend war für mich ferner, dass mir häufig nicht klar war, wie gewisse Ermittlungsergebnisse zustande gekommen sind – es ist, als würden den Beamten ihre Eingebungen zum Teil einfach so zufliegen. Das nimmt der Geschichte für mein Dafürhalten ein gerüttelt Maß an Glaubwürdigkeit. Dazu passt auch, dass manche Charaktere sehr merkwürdige und für mich kaum nachvollziehbare Entscheidungen treffen. Und: In „Schlaflied“ gibt es zumindest so viele Unwahrscheinlichkeiten, die für mein Dafürhalten nicht ausreichend erklärt werden, dass es mir negativ aufgefallen ist.

Fazit: Trotz grundsätzlich brauchbarer Geschichte ist „Schlaflied“ ein Buch, das man wohl nur Fans der Reihe um Tom Stilton und Olivia Rönning empfehlen kann. Ich denke nicht, dass ich ein weiteres Werk aus der Serie lesen werde, dazu war mir vorliegender Roman letzten Endes zu zäh und zu unspektakulär.

Gesamteindruck: 2/7


Autor: Cilla & Rolf Börjlind
Originaltitel: Sov du lilla videung.
Erstveröffentlichung: 2016
Umfang: ca. 570 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Taschenbuch

FilmWelt: His House

Das Spukhaus ist im Horror-Genre ein altbekanntes und nicht tot zu kriegendes Motiv. Dass es zu diesem Thema noch etwas Neues zu sehen gibt, hätte ich eigentlich nicht erwartet – und doch schafft es „His House“ (2020), einer eigentlich sehr alten Geschichte aktuelle Facetten hinzuzufügen.

Gesamteindruck: 5/7


Der Horror nach der Flucht.

„His House“ soll – so habe ich es irgendwo gelesen – der beste Horrorfilm des Jahres 2020 sein. Ich erlaube mir dazu kein Urteil, schlicht, weil ich das aktuelle Filmgeschehen kaum verfolge. Ich glaube sogar, dass „Kadaver“ der einzige Horrorstreifen aus dem Jahr 1 der Corona-Pandemie ist, den ich gesehen habe. Und auch wenn „His House“ die norwegische Version der Postapokalypse klar schlägt, wäre es unfair, zu behaupten, Remi Weekes‘ Werk würde nur mangels Alternativen gelobt.

Inhalt in Kurzfassung
Bol und Rial haben es geschafft: Sie sind aus den Wirren ihrer vom Krieg heimgesuchten Heimat entkommen und haben die Flucht nach Europa überlebt. Irgendwo in England wird dem Ehepaar schließlich – vorerst auf Probe – Asyl gewährt und ein heruntergekommenes Haus als Bleibe zugestanden. Bald merken die beiden, dass es dort nicht mit rechten Dingen zugeht – oder ist es vielleicht doch „nur“ das Trauma der Flucht, das sie quält?

„His House“ beginnt, wie sollte es anders sein, mit der Vorstellung der Charaktere. Regisseur Remi Weekes geht diese Prozedur aber ein wenig anders an: Er beschreibt weniger die Personen an sich sondern konzentriert sich eher auf die traumatisierende Erfahrung der Flucht aus der kriegsgebeutelten Heimat. Natürlich erfährt man das eine oder andere über die zwei Hauptfiguren, im Wesentlichen sind die Charaktereigenschaften aber eher angedeutet. Interessanterweise reicht das aus, um Bol und Rial sehr plastisch wirken zu lassen, was, neben einem guten Drehbuch, vor allem der exzellenten Darstellung durch Sope Dirisu und Wunmi Mosaku geschuldet ist.

Blendet man die Horror-Elemente aus oder sieht sie als Folge der psychischen Belastung der Flucht, funktioniert „His House“ als Flüchtlingsdrama. Als solches zeigt der Film nicht nur die verstörende Komponente der Flucht an sich, sondern geht auch ungeschönt darauf ein, wie weit Menschen gehen würden, wenn Angst und Verzweiflung groß genug sind. So gesehen ist „His House“ ein zwar verhältnismäßig schlichter, will sagen: wenig tiefgehender, aber doch einigermaßen ausgewogener Beitrag zur Flüchtlingsthematik.

Realität vs. Horror – oder beides.

Freilich ist das alles Interpretationssache. Wer sich damit nicht allzu sehr auseinandersetzen möchte, muss das nicht – und sieht meiner Ansicht nach dennoch einen guten Horrorfilm. Der Nervenkitzel ist durchaus gegeben, wenn sich die Stimmung der neuen Hausbesitzer von anfänglicher Freude langsam aber stetig in Richtung Angst und Schrecken ändert. Der Spuk, der im Haus umgeht, ist ausgezeichnet umgesetzt und kommt im Großen und Ganzen ohne überbordende Brutalität aus. Lediglich ein oder zwei arg vorhersehbare Jump Scares und die gegen Ende viel zu deutliche und damit entzaubernde Darstellung des Bösen trüben das Vergnügen ein wenig. Ansonsten sei an dieser Stelle aber speziell der männliche Hauptdarsteller Sope Dirisu hervorgehoben, der die Angst, die sein Charakter ständig erlebt, aber auch dessen Entschlossenheit, um sein Haus zu kämpfen, ausgesprochen realistisch rüber bringt.

Im Endeffekt ist es aus meiner Sicht aber tatsächlich die Kombination aus dem realen Drama der Flucht und dem metaphysischen Fluch, der auf dem Haus und dem Ehepaar lastet, der „His House“ weit über den Grusel-Durchschnitt hinaushebt. Denn beides für sich genommen ist zwar gut gemacht, aber nichts, was man nicht anderswo im einen Fall tiefgründiger, im anderen unheimlicher bekommen könnte. Es klingt wie ein Klischee, ist aber dennoch so: Die Mischung macht’s. Und die schafft im Falle dieses Films etwas Neues, Unverbrauchtes, in dem sehr unterschiedliche aber dennoch altbekannte Elemente neu gemischt und verpackt werden.

Gesamteindruck: 5/7


Originaltitel: His House.
Regie:
Remi Weekes
Drehbuch: Felicity Evans, Remi Weekes, Toby Venables
Jahr: 2020
Land: Großbritannien
Laufzeit: ca. 90 Minuten
Besetzung (Auswahl): Wunmi Mosaku, Sope Disiru, Matt Smith, Javier Botlet, Emily Taaffe