MusikWelt: Thalassic

Ensiferum


Mit ihrem 8. Longplayer begeben sich Ensiferum auf ungewohntes Terrain: „Thalassic“ ist altgriechisch und bedeutet soviel wie „von der See“ oder „zum Meer gehörend“. Um ein richtiges Konzeptalbum handelt es sich jedoch nicht; die einzelnen Tracks haben zwar alle mehr oder weniger das feuchte Element zum Thema, erzählen aber keine zusammenhängende Geschichte. Doch nicht nur die Sprache des Titels und das Thema sind ungewöhnlich, denn Ensiferum haben nach einem neuerlichen Personalwechsel gleich auch den Power Metal-Anteil deutlich nach oben geschraubt.

Gesamteindruck: 6/7


Ungewohntes Terrain.

Die letzten Ensiferum-Alben (allen voran „Two Paths“, 2017) litten unter Ideenlosigkeit. Oder den falschen Ideen. Mit „Thalassic“ gelingt es den Finnen meiner Ansicht nach, das Ruder einigermaßen herumzureißen – ob der Kurswechsel dauerhaft ist, wird die Zeit zeigen müssen, ebenso ob und wie der neue Sound bei den alten Fans ankommt. „Neuer Sound“? Ja, richtig gelesen, denn Neuzugang Pekka Montin übernimmt auf „Thalassic“ nicht nur die vakante Position am Keyboard, sondern auch weite Teile des Klargesangs. Der Finne überzeugt mit einem theatralischen Organ, irgendwo zwischen einem jungen Tobias Sammett (EdguyAvantasia) und Timo Kotipelto (Stratovarius) und bildet damit einen starken Kontrast zu Schreihals Petri Lindroos. Freilich gab es auch auf den bisherigen Alben von Ensiferum Klargesang, doch nie dermaßen präsent – erstmals in der mittlerweile 25-jährigen Bandgeschichte (wobei das Debüt erst 2001, also vor „nur“ 20 Jahren, erschienen ist) hat man das Gefühl, dass harsche und klare Vocals vollkommen gleichberechtigt nebeneinander stehen. Wenn man sich die Sache genauer besieht, ist das allerdings nur eine Weiterentwicklung eines Ansatzes, den man schon auf dem mediokren Vorgänger „Two Paths“ versucht hat. Bereits dort haben sich neben Lindroos weitere Bandmitglieder am Mikro versucht, allerdings mit recht unterschiedlichem Erfolg. Nun ist mit Montin erstmals ein Mann an Bord, der über eine ausgebildete und kraftvolle Singstimme verfügt. Zusätzlich wurden seine Gesangsspuren im Mix stark in den Vordergrund gestellt, sodass sie zum Teil sogar das Gebrüll von Lindroos zu dominieren scheinen.

All das verschiebt Ensiferum genre-technisch tatsächlich ein Stück weiter in Richtung Power Metal. Schluck. In einer Sache kann man allerdings direkt Entwarnung geben: Wer nach der ersten Auskoppelung „Rum, Women, Victory“ befürchtet hatte, Ensiferum würden sich langsam aber sicher in Alestorm verwandeln, kann beruhigt aufatmen. Zum einen ist das die einzige Spaßnummer, die textlich an die schottischen Piraten erinnert, zum anderen klingen Ensiferum allem Klargesang zum Trotz über weite Strecken immer noch wie sie selbst. Das heißt, auch auf „Thalassic“ stehen acht Songs (plus das gute Intro „Seafarer’s Dream“), die teilweise hart und schnell, teilweise getragen und hymnisch, aber immer extrem eingängig sind.

Macht Spaß. Zumindest mir.

Klassische Ensiferum-Nummern, für alle, die es am liebsten traditionell mögen, sind mit „Rum, Women, Victory“ (sieht man vom Piraten-Text ab), „Andromeda“, „Run From the Crushing Tide“, „For Sirens“ und „Cold Northland (Väinämöinen Part III)“ (dazu gleich noch ein Wort) mehr als genug vorhanden. Lauter gute Tracks, die jeden, der den melodisch-folkigen Stil der Band grundsätzlich mag, überzeugen sollten. Dazu kommt durch das zusätzliche Gesangstalent am zweiten Mikro noch eine von Ensiferum bisher nur in Ausnahmefällen erreichte Epik – man höre dazu vor allem „One With the Sea“, eine Nummer, die man so nicht mehr von den Schwertträgern erwartet hätte. Der letzte in dieser Intensität und Tonalität vergleichbare Song datiert aus 2004 („Lost in Despair“ auf „Iron“).

Und weil wir gerade von der Vergangenheit reden, sei, wie oben kurz angedeutete, auch der zweite super-epische Track auf „Thalassic“ erwähnt: „Cold Northland (Väinämöinen Part III)“ ist eine Reminiszenz auf „Old Man“ und „Little Dreamer“, die ersten beiden Parts von „Väinämöinen“, die 2001 auf dem Debüt „Ensiferum“ standen. Tatsächlich gelingt es den Finnen (von denen 2001 nur Markus Toivonen schon an Bord war) dieses alte Thema gut und konsequent in die Neuzeit zu transportieren – auch hier dank ihres neuen Sängers, der sich das Mikro brüderlich mit Schreihals Petri Lindroos teilt. Gefällt mir ganz ausgezeichnet!

Der Rest des Materials auf „Thalassic“ ist kurz, bewegt sich nie über die 5-Minuten-Marke.  Wirklich negativ ist mir tatsächlich kein einziger Track aufgefallen. Eventuell würde ich bekritteln, dass Ensiferum es mit dem Folk-Anteil in „Midsummer Magic“ etwas zu bunt treiben (das klingt mir zu sehr nach Korpiklaani, mag dem einen oder anderen gefallen, mir nicht ganz so gut), der Gesang in „The Defence of the Sampo“ ziemlich merkwürdig anmutet und die Texte zum Teil gezwungen wirken (oder ihre Intonierung, man höre Auskoppelung Nummer 2, „Andromeda“).

Ansonsten geht das Album aber sehr gut rein, wenn man sich mit der gesangstechnisch so ungewohnten Ausrichtung per se anfreunden kann. Tatsächlich halte ich das für den größten Knackpunkt bei „Thalassic“ – denn auch ich war mir zunächst nicht sicher, ob ich die Platte überhaupt mag. Dann, nach einigen Durchläufen und diversen Ohrwürmern, war ich mir nicht sicher, ob ich „Thalassic“ als Ensiferum-Fan der ersten Stunde überhaupt mögen „darf“. Schließlich, nach ein paar weiteren Durchgängen, habe ich beschlossen, dass mir das egal ist. Dieses Album macht von vorne bis hinten einfach nur Spaß. Mir jedenfalls geht es so – ich gebe auch zu, dass ich eine gewisse Power Metal-Affinität habe und immer schon hatte. Wem die abgeht, der wird „Thalassic“ wohl nicht so positiv aufnehmen und darf gerne den einen oder anderen Punkt abziehen. Für mich ist dieses Album jedenfalls großes Kino, auch wenn es nicht an die ganz alten Großtaten der Finnen heranreicht.

PS: Ich persönlich finde es trotz allem schade, dass für Netta Skog (ex-Turisas) bei Ensiferum nach nur einem Album schon wieder Schluss war. Auch wenn Neuzugang Pekka Montin es offenbar besser als seine Vorgängerin geschafft hat, für frischen Wind zu sorgen, werde ich die extrovertierte Finnin mit ihrem Akkordeon vor allem bei Live-Auftritten vermissen. Von dem, was man bisher mitbekommen hat (das Video zu „Andromeda“ und die Covid-bedingte Release-Show im Studio) ist Montin zwar ein begnadeter Sänger, muss aber wohl erst in den Ensiferum-Kosmos reinfinden. Zum Zeitpunkt dieser Rezension wirkt er jedenfalls noch ein bisschen wie ein Fremdkörper zwischen den altgedienten Recken… aber all das nur am Rande, hat ja mit der Qualität von „Thalassic“ nicht zu tun.


Track – Titel – Länge – Wertung

metal-archives.com

  1. Seafarer’s Dream – 3:01 – 5/7
  2. Rum, Women, Victory – 4:16 – 5/7
  3. Andromeda – 4:04 – 6/7
  4. The Defence of the Sampo – 4:50 – 4/7
  5. Run from the Crushing Tide – 4:22 – 5/7
  6. For Sirens – 4:40 – 5/7
  7. One with the Sea – 6:10 – 6/7
  8. Midsummer Magic – 3:42 – 5/7
  9. Cold Northland (Väinämöinen Part III) – 8:41 – 7/7

Gesamteindruck: 6/7 


Ensiferum auf “Thalassic” (2020):

  • Petri Lindroos – Vocals, Guitars
  • Markus Toivonen – Guitars, Vocals, Backing Vocals
  • Sami Hinkka – Bass, Vocals, Backing Vocals
  • Janne Parviainen – Drums
  • Pekka Montin – Keyboards, Vocals, Backing Vocals

Anspieltipp: Cold Northland (Väinämöinen Part III)

 

MusikWelt: From Afar

Ensiferum


Gut zehn Jahre ist es mittlerweile her, dass Ensiferum mit ihrem 4. Longplayer „From Afar“ um die Ecke kamen. In meiner Erinnerung war das Album gut, bot aber mit „From Afar“ und „Twilight Tavern“ nur zwei Songs, die ich bis heute regelmäßig höre und die sich nach wie vor praktisch immer auf der Live-Setlist der Finnen finden. Höchste Zeit also, mit ein paar neuen Durchläufen herauszufinden, wie der Rest der Songs klingt. Und vor allem, ob die Enttäuschung, an die ich mich zu erinnern glaube, tatsächlich gerechtfertigt war.

Gesamteindruck: 6/7


Epische Breite.

Der Start ins Album ist tatsächlich auch heute noch so amtlich wie 2009: Vom Intro „By the Dividing Stream“ über „From Afar“ und „Twilight Tavern“ entsteht sofort das typische Ensiferum-Feeling. Vor allem der Titeltrack hat es in sich und ist meines Erachtens eine der besten Nummern der „Schwertträger“ überhaupt. Einfach nur die Faust in die Luft strecken und mitbrüllen möchte man hier. Abgesehen von diesem heroischen Doppelschlag ist in meinem Hirn noch das leicht merkwürdige „Stone Cold Metal“ mit seinem Western-Zwischenteil abgespeichert – aus heutiger Sicht der erste Song einer für Ensiferum inhaltlich und teils auch musikalisch ungewohnten Machart, dem auf den nächsten Alben Nummern wie z.B. „Two of Spades“ folgen sollten. Geht ganz gut rein, hat aber relativ wenig mit dem bis dato durchgezogenen Folk Metal zu tun.

So weit, so gut. Spannender wird es dann beim Rest von „From Afar“. Schuld daran (wenn man so will) sind zwei Tracks, die in der Mitte und am Ende des Albums platziert wurden und dadurch alles dazwischen ein wenig in Vergessenheit geraten lassen. Namentlich ist das der für Ensiferum-Verhältnisse überlange „Heathen Throne“-Zweiteiler, bestehend aus eben „Heathen Throne“ und „The Longest Journey (Heathen Throne Part II)“. Hier muss man dann doch genauer hinhören, als man es von den ersten Alben der Finnen gewohnt war, erst dann offenbart sich die schöne Epik dieser Tracks. Hier haben es Ensiferum tatsächlich geschafft, Komplexität und Songwriting-Skills an Stelle ihrer sonst eher einfachen Hymnen zu setzen. Das mag nicht jedem gefallen, weil es nicht den schnellen und fröhlichen Humppa-Kick eines „Twilight Tavern“ bietet – ich finde bei genauerer Betrachtung den Versuch, etwas andere Songs zu schreiben aber durchaus gelungen. Und, seien wir uns ehrlich: Auch „Heathen Throne“ ist kein Prog Metal. Aber nicht mehr und nicht weniger als eine schön durchkomponierte Erzählung in der man zu jeder Sekunde den Stil von Ensiferum erkennt.

Man sollte genau hinhören.

Letztlich macht jeder neue Durchgang von „From Afar“ klar, was bei mir damals (2009) passiert ist. Ich stand damals noch stark unter dem Eindruck der ersten drei Alben der „Schwertträger“, die allesamt großartig, aber auch sehr leicht zugänglich waren. Platte Nummer 4 hat dagegen zwei überlange Tracks zu bieten, die sich naturgemäß etwas schwerer erschließen. Bis zu diesem Zeitpunkt war der sehr gute „Victory Song“ (von „Victory Songs“, 2007) der einzige Versuch der Band, auf der Langstrecke was zu reißen. Diese Nummer verfügte allerdings über einen extrem eingängigen Refrain, was sie deutlich leichter konsumierbar macht, als die zwei Parts von „Heathen Throne“. Nicht, dass die nicht auch eingängig wären, aber ein bisschen muss man sie sich schon erarbeiten. Und genau das hat bei mir 2009 offenbar nicht geklappt, ich konnte und wollte „From Afar“ nicht die notwendige Zeit geben. Für den schnellen Erfolg sind der Titeltrack und „Twilight Tavern“ natürlich bestens geeignet, wer aber mehr davon erwartet und erhofft, wird im ersten Moment tatsächlich enttäuscht sein. Völlig zu unrecht, wie ich heute gerne zugebe.

Und damit ist auch schon alles gesagt. „From Afar“ ist eine Art zweigeteiltes Album, auf dem neben zwei atypischen Songs, die eigentlich als Einheit gelten müssen, eine handvoll Nummern stehen, die so oder so ähnlich auf jedem Longplayer der Finnen Platz finden würden.


Track – Titel – Länge – Wertung

metal-archives.com

  1. By the Dividing Stream – 3:50 – 5/7
  2. From Afar – 4:51 – 7/7
  3. Twilight Tavern – 5:38 – 6/7
  4. Heathen Throne – 11:09 – 6/7
  5. Elusive Reaches – 3:26 – 5/7
  6. Stone Cold Metal – 7:25 – 5/7
  7. Smoking Ruins – 6:40 – 6/7
  8. Tumman Virran Taa – 0:52 – 5/7
  9. The Longest Journey (Heathen Throne Part II) – 12:49 – 6/7

Gesamteindruck: 6/7 


Ensiferum auf “From Afar” (2009):

  • Petri Lindroos – Vocals, Guitars
  • Markus Toivonen – Guitars, Vocals, Backing Vocals
  • Sami Hinkka – Bass, Vocals, Backing Vocals
  • Janne Parviainen – Drums
  • Emmi Silvennoinen – Keyboards, Organ, Backing Vocals

Anspieltipp: From Afar

 

MusikWelt: Two Paths

Ensiferum


Ensiferum konnten in ihrer Frühphase mit drei Geniestreichen überzeugen: Das Debüt „Ensiferum“ (2001) und die darauf folgenden „Iron“ (2004) und „Victory Songs“ (2007) waren ganz, ganz groß. Danach wurde es leider ein wenig zäh – und „Two Paths“ von 2017 verbessert die Situation nicht wirklich.

Gesamteindruck: 3/7


Der falsche Pfad.

Vielleicht beruht die schwankende Qualität, die ab 2007 im Hause Ensiferum eingezogen ist, auf Spätwirkungen des Abganges von Jari Mäenpää (g, v), der die Band 2004 verließ, um mit Wintersun … ähh… „durchzustarten“ (wie das aus- bzw. weitergegangen ist, ist eine andere Geschichte). So oder so gab es in den 10 Jahren zwischen „Victory Songs“ und „Two Paths“ durchaus  geile Tracks zu hören. Leider stand denen im Gegenzug regelmäßig eine ähnliche Menge an mehr oder weniger belanglosem Füllmaterial gegenüber. Übrigens: In der Rückschau habe ich auch das 2015er-Werk „One Man Army“ ein bisschen zu optimistisch bewertet, 5/7 Punkten hätten es auch getan. Eine Verbesserung gegenüber den unmittelbaren Vorgängern war dennoch zu hören und man hoffte, dass die Finnen damit die Kurve gekriegt hätten.

Dass das leider nicht der Fall ist, zeigt „Two Paths“ sehr deutlich: Die Hälfte der Songs ist einigermaßen brauchbar, der Rest mehr oder weniger für die Tonne. War u.a. auch auf „Unsung Heroes“ (2012) so, dort waren die starken Tracks allerdings wesentlich besser als ihre Pendants auf „Two Paths“. Insgesamt haben wir es hier also mit dem schwächeren Album zu tun – was zwangsläufig bedeutet, dass „Two Paths“ sogar der bisherige Tiefpunkt der Diskografie der „Schwertträger“ ist.

„A path so bright…“

Positiv ist zunächst anzumerken, dass man auf „Two Paths“ auf eine überlange Nummer verzichtet. Denn seien wir uns ehrlich: Abgesehen von „Victory Song“ gibt es in dieser Hinsicht nichts, was man zwingend öfter als einmal gehört haben muss. Aber auch andere Ansätze sind – von der Grundidee her – durchaus löblich: Gesangstechnisch zeigt man sich beispielsweise variabler als je zuvor, indem man das Mikro gleich vier Protagonisten überlässt. Der Löwenanteil bleibt bei Petri Lindroos dessen Gebrüll meiner Ansicht nach immer schon sehr stark war. Neu ist, dass Gitarrist Markus Toivonnen und Bassist Sami Hinkka ebenfalls als Lead-Sänger zu hören sind. Und auch Neuzugang Netta Skog (ehemals Turisas, sie ersetzte Langzeit-Keyboarderin Emmi Silvennoinen allerdings auch nicht dauerhaft, wie man heute weiß) darf ihre Stimmbänder strapazieren.

Auf dem Papier klingt das erstmal gut und nach einer neuen Facette im Schaffen von Ensiferum. Leider ist es in der Praxis nicht ganz so gelungen, weil zumindest Hinkka kein großer Sänger vor dem Herrn ist. Markus Toivonnen auch nicht, aber dessen naiv-kauziger Gesang begleitet Ensiferum schon länger und kann durchaus als sympathisches Alleinstellungsmerkmal gelten. Allerdings sollte er dann doch eher dosiert eingesetzt werden, finde ich. Und Sami Hinkka? Der ist live bestens als Growl-Unterstützung für Lindroos und gelegentlicher Clear-Background für Toivonnen geeignet. Aber den Lead wie auf „God Is Dead“ braucht man ihm aus meiner Sicht nicht nochmal umzuhängen. Der Vollständigkeit halber: Netta Skog (u.a. auf „Feast with Valkyries“) macht ihre Sache gut, habe ich aber auch nicht anders erwartet.

Was die Instrumentierung betrifft, gibt es einen Ruck in eine für Ensiferum einigermaßen ungewohnte Ecke zu vermelden: Skog spielt ja Akkordeon statt der in der Band traditionell verwendeten Keyboards. Das lässt im einen oder anderen Song einen deutlichen Party-Einschlag entstehen (nachzuhören etwa bei „God Is Dead“ und „Don’t You Say“). Da muss man dann als Zuhörer schon mal schlucken, weil es doch extrem gewöhnungsbedürftig ist. Interessant, dass gerade zweitere Nummer trotz ihrer Einfachheit und Deplatziertheit so unterhaltsam ist, dass man sie als eines der wenigen Stücke auf „Two Paths“ immer wieder hören kann. Was aber nichts daran ändert, dass die Finnen sich dadurch selbst in eine Nische setzen, die bisher eher Spaß-Truppen wie Korpiklaani oder Alestorm vorbehalten war. Ich persönlich möchte Ensiferum dort eigentlich nicht sehen, wenn ich ehrlich bin.

„A path so dark…“

Es ist also durchaus etwas in Bewegung da bei Ensiferum. Leider – und das ist der Knackpunkt – sind die Songs samt und sonders nicht gut genug, um diese Entwicklung auch musikalisch ordentlich oder auch nur durchdacht wirken zu lassen. Als Beispiel sei eine der besseren Nummern, „Way Of The Warrior“ genannt, zu der es auch ein Video gibt. Hier hört man alle möglichen Versatzstücke raus, fühlt sich mal an „One More Magic Potion“, mal an „Twilight Tavern“, mal an „Token Of Time“ erinnert. Ja, lauter hochklassige Nummern, was den Qualitätsmalus von „Way Of The Warrior“ nur umso deutlicher zutage treten lässt. Ähnlich ist es beim härtesten Track, „King of Storms“, der nicht schlecht ist, aber es auch nicht schafft, so richtig den Funken überspringen zu lassen. Die restlichen guten Tracks sollte ich auch noch nennen: „Two Paths“ mit den brüderlich geteilten Vocals von Lindroos und Toivonnen, „Feast with Valkyries“, das genau den richtigen Folk-Einschlag für Ensiferum hat, dann hinten raus noch das etwas langsamere „Hail to the Victor“. Der Rest ist großteils entbehrlich, mit dem merkwürdigen „God Is Dead“ als Tiefpunkt.

Auch meine Meinung zur Produktion von „Two Paths“ ist dem Albumtitel entsprechend zweigeteilt: Einerseits ist der Sound gut. Es wurde ja einmal mehr so analog wie möglich aufgenommen, was man deutlich hört; „trocken“ ist wohl der richtige Ausdruck. Leider macht der Mix das eigentlich positive Klangerlebnis in der Praxis zunichte, denn offenbar hat es dem verantwortlichen Techniker gefallen, alle Instrumente, Effekte und Stimmen mehr oder weniger gleich laut abzumischen. Dadurch wirkt alles sehr konfus, nichts hat Raum, sich richtig zu entfalten. Die logische Folge: „Two Paths“ ist anstrengender zu hören, als es aufgrund der Songs eigentlich sein dürfte. Das alles soll aber nur eine Randnotiz sein, die Probleme liegen vordergründig ohnehin nicht in der Produktion.

Kreativität leidet unter Aktivität?

Eine Theorie, die ich in einem anderen Review gelesen habe, besagt, dass Ensiferum ihrem geradezu mörderischen Rhythmus aus Album-Tour-Album-Tour usf. Tribut zollen müssen. Kann gut sein – ich beobachte ähnliche Verschleißerscheinungen bei anderen Bands, die ebenfalls ständig unterwegs zu sein scheinen. Sabaton und Amon Amarth fallen mir da ad hoc ein. Nicht falsch verstehen: Der beste Platz für Heavy Metal ist nach wie vor auf der Bühne. Wenn dadurch aber die Kreativität leidet, sollte man sich überlegen, ob man es nicht ein wenig ruhiger angehen sollte. Ob nun gerade das der Grund ist, wieso „Two Paths“ nicht so recht zünden will, sei dahingestellt – in meinen Ohren ist es jedoch so, dass das Songwriting von Ensiferum früher wesentlich tiefer war, dass man einfach mehr zu sagen hatte. Das hier ist beliebige Stangenware, die man so keinesfalls von den einstigen Meistern ihrer Klasse hören will.

metal-archives.com


Track – Titel – Länge – Wertung

  1. Ajattomasta unesta – 2:12 – 3/7
  2. For Those About to Fight for Metal – 5:17 – 4/7
  3. Way of the Warrior – 3:57 – 4/7
  4. Two Paths – 4:48 – 5/7
  5. King of Storms – 5:16 – 3/7
  6. Feast with Valkyries – 4:08 – 5/7
  7. Don’t You Say – 3:59 – 4/7
  8. I Will Never Kneel – 5:00 – 4/7
  9. God Is Dead – 4:15 – 2/7
  10. Hail to the Victor – 5:10 – 4/7
  11. Unettomaan Aikaan – 3:39 – 4/7

Gesamteindruck: 3/7 


Ensiferum auf “Two Paths” (2017):

  • Petri Lindroos – Vocals, Guitars
  • Markus Toivonen – Guitars, Vocals, Backing Vocals
  • Sami Hinkka – Bass, Vocals, Backing Vocals
  • Janne Parviainen – Drums
  • Netta Skog – Accordeon, Backing Vocals

Anspieltipp: Two Paths

 

KonzertWelt: Týr (Wien, 17.11.2016)

Datum: Donnerstag, 17. November 2016
Location: Viper Room (Wien)
Tour: 
Headliner: Sirenia
Support: Týr – Unleash The Archers – Xaon – Relicseed
Ticketpreis: 25 Euro (VVK)


Walk(r)ampf.

TÝR haben derzeit zwar kein neues Album am Start (die letzte LP, „Valkyrja“ datiert von 2013), das hindert sie aber nicht daran, im Vorprogramm von SIRENIA (die ihrerseits gerade das aktuelle „Dim Days Of Dolor“ promoten) auf Europatournee zu gehen. Dabei war es keineswegs sicher, dass die Show im Wiener Viper Room überhaupt wie geplant stattfinden würde. Der Hintergrund: Eine kleine, aber sehr laute Gruppe von Umweltaktivisten („Sea Shepherd“) hatte herausgefunden, dass TÝR-Bandleader Heri Joensen (g, v) am so genannten Grindaráp, also dem Fang von Grindwalen, der auf den Färöer Inseln nicht nur zur Geschichte, sondern auch zum regulären Nahrungserwerb gehört, teilnimmt. Publik wurde das Ganze, weil Joensen selbst, offenbar völlig verkennend, welche Folgen das haben würde, ein Foto von sich beim Grindaráp auf Facebook postete. Das vorläufige Ende vom Lied: Sea Shepherd erklärte Joensen zum Gesicht des Grindaráp und setzte alle Hebel in Bewegung, Locations zum Absagen der Auftritte der Färinger Folk Metaller zu bewegen. Teilweise mit Erfolg – vor allem in Deutschland wurden zahlreiche Shows gecancelt, auch zum Schaden von SIRENIA und deren Fans. Geschafft wurde das durch einen regelrechten Shitstorm auf Facebook, inklusive massenhafter Negativ-Bewertungen der Clubs, in denen die Band auftreten sollte, über Anfeindungen bis hin zu Todesdrohungen. Ich möchte mich nun gar nicht näher darüber auslassen, warum ich das alles für den falschen Zugang zu einer grundsätzlich richtigen Sache halte – es versteht sich eigentlich von selbst, dass es so nicht gehen kann. Noch dazu weil der ach so böse Walschlächter Heri Joensen die ganze Debatte hindurch wesentlich vernünftiger, zugänglicher und argumentativ besser aufgestellt wirkte als seine Gegner (zu sehen z. B. in diesem Video).

Wie auch immer, die Verantwortlichen des Viper Room hatten sich die Sache gut überlegt und das Konzert fand trotz einiger Bedenken statt. Von schlechten Bewertungen durch Menschen, die den Club ohnehin nie von innen gesehen hatten/sehen würden ließ man sich nicht erpressen. Die Facebook-Diskussion verlief auf der Viper Room-Seite sogar einigermaßen gesittet, änderte letztlich aber nichts daran, dass die Show wie geplant stattfand und hat vielleicht sogar zu einem noch größeren Besucher-Ansturm geführt. Zumindest ist dieser Schluss naheliegend (wenn auch nicht beweisbar), weil die Location voller war, als man sich das zunächst für einen Donnerstag vorgestellt hatte.

Vor diesem einigermaßen bristanten Hintergrund legten TÝR mit einiger Verspätung und nach einem gefühlt ewig dauernden Intro kurz vor 22 Uhr mit „Sinklars Visa“ los und hatten das Publikum sofort auf ihrer Seite. Der Sound war – soweit man das aus der 2. Reihe, wo man quasi „hinter“ den großen Boxen steht, sagen kann – in Ordnung. Keine Selbstverständlichkeit im schlauchförmigen Viper Room. Der mehrstimmige Gesang kam jedenfalls sehr gut zur Geltung und auch der Mix schien mir sehr gut zu sein. Kurze Zeit später folgte mit „Grindavísan“ auch der Song, der in den Augen von Sea Shepherd aufgrund seines Textes ein besonderes rotes Tuch darstellte. Wer allerdings auf einen Wutausbruch von Heri Joensen gegenüber seinen Kontrahenten wartete, wurde enttäuscht: Ein simples „some people want to boycot us just because some of us care for our own meat“ reichte ihm, um dem Publikum seine Meinung dazu mitzuteilen. Gut so, schließlich ging es an diesem Abend einzig und allein um die Musik.

Diesbezüglich haben TÝR mich noch nie enttäuscht und taten es auch diesmal nicht. „By The Sword In My Hand“, „Hold The Heathen Hammer High“, „Lady Of The Slain“ und „Blood Of Heroes“ ließen keine Wünsche offen. Einen Wermutstropfen gab es aber doch: Das Konzert war mit nur 45 Minuten sehr kurz bemessen, was auch der Blick auf die Setlist auf den Monitorboxen deutlich machte. Dort war unter anderem das grandiose „Ramund Hin Unge“ dem Rotstift zum Opfer gefallen. Warum das so war? Keine Ahnung, aber auch dass das Konzert durch „Mare Of My Night“ beendet wurde, wo ich doch so viel lieber die Bandhymne „Hail To The Hammer“ gehört hätte, war irgendwie enttäuschend. Überhaupt hätten TÝR von mir aus mindestens 15 Minuten länger spielen müssen, so gut war die Stimmung und so viele starke Nummern haben gefehlt.

Aber man soll nicht unzufrieden sein – immerhin durften wir, im Gegensatz zu vielen anderen TÝR-Fans vor allem in Deutschland, überhaupt ein Konzert sehen. Und was gab es sonst noch an diesem Abend? Gute Frage, mich interessierten eigentlich nur die Männer von den Färöer Inseln, mehr habe ich mir auch nicht angesehen. Von UNLEASH THE ARCHERS habe ich allerdings noch die letzten paar Songs mitbekommen und muss sagen, dass die mir gar nicht so schlecht gefielen. Tatsächlich werde ich da bei Gelegenheit mal näher reinhören. SIRENIA habe ich mir überhaupt nicht mehr gegeben, obwohl ich damit immer mehr anfangen konnte, als mit ihren Brüdern/Vorgängern/was-auch-immer von TRISTANIA. An diesem Abend war ich aber so gar nicht in Stimmung für solche Musik und da ich am nächsten Tag früh raus musste, ließ ich es dabei auch bewenden.

Abschließend noch meine persönliche Meinung zur ganzen Walfang-Chose: Ich bin kein Vegetarier. Ich finde nichts Verwerfliches daran, Fleisch zu essen. Natürlich ist es für uns, die wir hauptsächlich von Kühen, Schweinen und Hühnern leben, deren Schlachtung wir nicht einmal am Rand mitbekommen, befremdlich, was auf den Färöer Inseln beim Grindaráp passiert. Ich frage mich aber schon, ob das oder die bei uns teilweise herrschende Massentierhaltung die größere Grausamkeit ist. Natürlich kann und will ich das nicht gegeneinander aufrechnen – aber genau diese Bigotterie ist etwas, das viele der Sea Shepherd-Unterstützer so unsympathisch macht. Wenn einer schreibt, wie schlimm die bösen Walschlächter doch sind und gleichzeitig auf seinem Profil die neue METALLICA-Scheibe abfeiert (James Hetfield ist ja bekanntermaßen Großwildjäger, was nichts mit dem Beschaffen von Nahrung zu tun hat), finde ich das geradezu grotesk. Weiters darf man sich fragen, welche Band man dann überhaupt noch sehen darf – Fleisch essen ja die meisten, viele tragen Lederklamotten, Jäger werden auch einige dabei sein. Der entscheidende Punkt ist meines Erachtens aber, dass der Grindaráp vollkommen legal ist und unter strengen Auflagen und im Beisein von Tierärzten stattfindet.

Letztlich muss es eh jeder für sich entscheiden, immerhin besteht das Publikum gefühlt zu mindestens 95 Prozent aus erwachsenen Menschen. Und die lassen sich – besonders, wenn es Metalheads sind – sich nicht gern Vorschriften machen. Ich persönlich kann nur sagen, dass das Konzert gut war und das meine Lust auf Walfleisch sich durch den Auftritt von TÝR nicht geändert hat. Die war vorher bei Null und ist es weiterhin (von einer diffusen Neugier abgesehen, die aber nichts mit TÝR zu tun hat, sondern immer schon da war). Im Endeffekt hat all das, was hier passiert ist, die Sympathiewerte für Sea Shepherd in den Minusbereich verschoben und einer eigentlich verständlichen und unterstützenswerten Sache mehr Schaden zugefügt, als es Heri Joensen jemals gekonnt hätte. So kann das halt auch enden, wenn man die Sache so völlig falsch angeht.

Fazit: TÝR waren trotz aller Kontroversen einmal mehr großartig. Daran gibt es nichts zu rütteln. UNLEASH THE ARCHERS scheinen auch sehr gut Stimmung zu machen, muss man sich mal genauer anhören. Ansonsten bleibt nur zu sagen: Gratulation an den Viper Room, der sich nicht von einer Minderheit hat erpressen lassen und stattdessen lieber seinen Stammkunden und dem Metal-Publikum treu geblieben ist.

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MusikWelt: Hymns In The Key Of 666

Hellsongs


„Hymns In The Key Of 666“ (2008) ist nach „Reborn“ (2007, Northern Kings) die zweite reine Cover-Platte, die auf WeltenDing rezensiert wird. Und tatsächlich haben die Schweden Hellsongs gegenüber ihrer finnischen Konkurrenz die Nase vorn. Das heißt freilich nicht, dass dieses Album ein Meisterwerk wäre. Aber hörenswert ist es allemal, was die 3-Personen-Combo aus den alten Metal-Gassenhauern macht. Mal mehr, mal weniger.

Gesamteindruck: 4/7


Metal in neuem Gewand mit Licht und Schatten.

Auf „Hymns In The Key Of 666“ (ein sehr gewöhnungsbedürftiger Titel mit noch gewöhnungsbedürftigerem Album-Cover) spielen die Schweden Harriet Ohlsson (Gesang), Johann Bringhed (Keyboard, Gesang) und Kalle Karlson (Gitarre, Gesang, Banjo) 11 Klassiker des Heavy Metal bzw. Hard Rock nach. So weit nichts Außergewöhnliches, aber die Art der Darbietung ist dann doch ausgesprochen speziell. Hört sich der geneigte Metalhead die Platte an, sind erstmal Fragezeichen angesagt. Beim ersten Durchlauf gilt die volle Konzentration dem Versuch, die geliebten Songs überhaupt zu identifizieren – zumindest war es bei mir so. Pauschal kann man sagen, dass das Erkennen praktisch nur über die Text funktioniert. Und selbst da kann es durchaus zu Problemen kommen, weil man die Lyrik im Original teilweise wesentlich schlechter versteht. Erst wenn man diese Schwierigkeiten überwunden hat, kann man sich in Ruhe eine Meinung zu diesem Album bilden.

Zunächst gilt es, die Frage zu klären, ob den Stücken, die im Original großteils ordentlich „Wumms“ haben, durch die minimalistische Instrumentierung etwas fehlt. Das muss man eigentlich verneinen – es ist eher so, dass die Songs dermaßen entkernt und verfremdet klingen, dass man gar nicht mehr von Cover-Versionen im klassischen Sinn sprechen kann. Entsprechend hat man es eigentlich mit völlig anderen Stücken zu tun, die musikalisch maximal über rudimentäre Melodieansätze erkennbar sind. Nicht einmal die Gesangslinien kann man – von wenigen Ausnahmen abgesehen – als originalgetreu betrachten. Lediglich die Texte wurden nicht verändert und bieten so mehr oder weniger den einzigen Anhaltspunkt für den Fan der gecoverten Bands. Es ist also eine große Prise Toleranz gefordert, wenn man dieses Album wirklich schätzen will. Musikalisch wird es von den Hellsongs selbst als „Lounge Metal“ bezeichnet. Ich persönlich würde den Begriff Metal aus dieser Bezeichnung ersatzlos streichen. Diese Musik hat mit Metal nicht einmal entfernt etwas zu tun, weder mit der Art, die Instrumente einzusetzen, noch mit der Dynamik. Stattdessen gibt es Pop-, Folk- und Chill-out-artige Stücke zu hören. Wer damit klar kommt, bekommt definitiv einen interessanten Ansatz geboten – auch wenn meines Erachtens nicht jeder Song ein Treffer ist.

Beginnen wir mit den Problemkindern. Da wäre zunächst „Blackened“ (Metallica), bei dem die chillige Klavierbegleitung ganz und gar nicht mit dem ernsten Thema des Liedes zusammengeht. Auch der Gesang passt in meinen Ohren kaum zum Text. Genau mit dem umgekehrten Problem kämpft „We’re Not Gonna Take It“ (Twisted Sister). Aus einem Partykracher wird ein extrem nachdenkliches Stück – auch hier gehen Text und Musik weiter auseinander, als mir persönlich lieb ist. Ein weiterer Fall von „passt nicht“ ist schließlich „Thunderstruck“ (AC/DC), das in der Hellsongs-Version einfach mehr Dynamik gebraucht hätte. So bleibt jedenfalls nicht viel hängen. Zusätzlich zu diesen drei schwachen Stücken gibt es noch zwei mittelprächtige Songs. Zum einen wäre das „Symphony Of Destruction“ (Megadeth), in der Hellsongs-Variante zu einem fröhlich swingenden Stück verwurstet, das zwar am ehesten der Originalversion entspricht, mir aber vollkommen belanglos erscheint. Gleiches gilt für „Princess Of The Night“ (Saxon) das ganz gut gemacht, im Endeffekt aber langweilig ist. Zwiegespalten bin ich auch bei „Jump“ (Van Halen) – ist das nun große Kunst oder gar nix? Für mein Gefühl ist die Nummer genau zwischen diesen Polen angesiedelt.

Richtig gut machen die Schweden ihre Sache dafür bei zwei Stücken von Iron Maiden. Vor allem das bereits auf der Vorgänger-EP enthaltene „Run To The Hills“ ist ein echtes Juwel. Hier passt alles, vor allem der grandiose Gesang weiß zu überzeugen und macht einem die absurde Tragik des Themas erst so richtig bewusst. Ähnliches gilt für die super-minimalistische Version von „The Trooper“, deren Text in dieser Darbietung fast zu Tränen rührt. Außerdem sehr stark: „Seasons In The Abyss“ (Slayer), bei dem in dieser Version erst merkt, dass der Text sich durchaus auch für eine andersartige Darbietung eignet – und, wie viele Silben Tom Araya eigentlich „verschluckt“. Bei „Paranoid“ (Black Sabbath) kann man sogar so weit gehen, zu sagen, dass die hier dargebotene, nachdenkliche Version fast (!) besser zum Text passt, als das schnelle Original. Ähnliches gilt auch für „Rock The Night“ (Europe), dem die Hellsongs-Darbietung eine Tiefe verleiht, die man dieser einfachen Nummer gar nicht zugetraut hätte.

Fazit: Hellsongs bieten auf „Hymns In The Key Of 666“ neben gelungenem Stoff auch einiges an Mittelmaß. Gemeinsam ist allen Stücken, dass sie von gestandenen Metalheads mehr als nur ein bisschen Toleranz erfordern. Wer die aufbringen kann, wird mit der einen oder anderen Nummer sicher seinen Spaß haben und vielleicht sogar einige neue Facetten an den alten Klassikern entdecken. Weil das Hörerlebnis insgesamt nicht ganz rund ist, gebe ich vier Punkte, womit man jedenfalls die finnische Konkurrenz Northern Kings schlägt, die 2007 auf „Reborn“ etwas Ähnliches versuchte.


Track – Titel – Originalinterpret – Wertung*

  1. The Trooper (Original: Iron Maiden) – 7/7
  2. Symphony Of Destruction (Original: Megadeth) – 4/7
  3. Rock The Night (Original: Europe) – 5/7
  4. Seasons In The Abyss (Original: Slayer) – 5/7
  5. We’re Not Gonna Take It (Original: Twisted Sister) – 3/7
  6. Blackened (Original: Metallica) – 3/7
  7. Thunderstruck (Original: AC/DC) – 4/7
  8. Run To The Hills (Original: Iron Maiden) – 6/7
  9. Paranoid (Original: Black Sabbath) – 6/7
  10. Princess Of The Night (Original: Saxon) – 4/7
  11. Jump (Original: Van Halen) – 4/7

Gesamteindruck: 4/7 

* Bei Live-, Tribute- und Best of-Alben verzichte ich meist auf eine Einzelbewertung der Songs. In diesem Fall mache ich eine Ausnahme, weil der Unterschied derart groß ist, dass man nicht mehr von klassischen Cover-Versionen sprechen kann.


Hellsongs auf “Hymns In The Key Of 666” (2008):

  • Harriet Ohlsson − Vocals
  • Johan Bringhed − Piano
  • Kalle Karlsson − Guitar

Anspieltipp: The Trooper

MusikWelt: Heljareyga

Heljareyga


Heri Joensen, der bisher hauptsächlich als Chef, Sänger und Gitarrist der färöischen Ausnahmeband Týr in Erscheinung getreten ist, legte 2010 mit „Heljareyga“ das Debüt seiner gleichnamigen Zweitband vor. In einem solchen Fall sucht man natürlich zunächst nach den Unterschieden zum Hauptbetätigungsfeld. Bei genauem Hinhören wird man auch relativ bald fündig. Die Songs sind zwar ähnlich episch angelegt, aber bei weitem nicht so folkig wie bei Týr.  

Gesamteindruck: 5/7


Gutklassiges Debüt.

Die fünf (!) Lieder auf „Heljareyga“ spielen sich allesamt im Bereich zwischen acht und elf Minuten ab, was bereits zeigt, dass eine sofort zündende Hymne á lá „Hail To The Hammer“ fehlt. Überhaupt bewegen sich die Tracks fernab vom üblichen Strophe-Refrain-Strophe-Modus; dennoch zeigen Heljareyga die Fähigkeit extrem eingängige Melodien zu schreiben und schaffen es, den Spannungsbogen in sämtlichen Tracks hoch zu halten. Vor allem das von ausgeprägtem Metal-Riffing beherrschte „Lagnan“ kann hier vorbehaltlos überzeugen und ist für mich neben dem finalen „Vertrarbreytin“ das beste Stück auf der Platte.

Spieltechnisch ist erwartungsgemäß alles im grünen Bereich, hervorzuheben wäre die ausgezeichnete Gitarrenarbeit, vor allem im Solo-, aber auch im Rhythmussektor. Die Stimme von Heri Joensen ist druckvoll und glasklar – wer sie bereits von Týr kennt, weiß, was einen erwartet – auch wenn die Gesangslinien hier etwas anders angelegt wurden, weil das folkige Element fast vollständig fehlt. Ebenfalls erstklassig ist die Produktion ausgefallen, die sämtliche Feinheiten der Lieder voll zur Geltung bringt.

Die Stücke selbst sind trotz ihrer Länge einigermaßen zugänglich gehalten, vor allem im Vergleich zu den längeren Nummern von Týr, die schonmal ermüdend sein können. Die Nähe zu Joensens Hauptband kommt im Endeffekt dennoch vornehmlich durch die in Landessprache gehaltenen Texte zustande, ansonsten gibt es nicht allzu viele Gemeinsamkeiten. Fünf Punkte für ein Stück Progressive Metal, mit dem man nicht viel falsch machen kann.


Track – Titel – Länge – Wertung

  1. Regnið – 9:00 – 5/7
  2. Heljareyga – 10:12 – 5/7
  3. Lagnan – 8:56 – 6/7
  4. Feigdin – 8:43 – 6/7
  5. Vetrarbreytin – 11:10 – 6/7

Gesamteindruck: 5/7 


Heljareyga auf “Heljareyga” (2010):

  • Heri Joensen − Vocals, Guitar
  • Ken Johannesen − Guitar
  • John Ivar Venned − Guitar
  • Ísak Petersen − Bass
  • Amon Djurhuus − Drums

Anspieltipp: Lagnan

MusikWelt: Shadowheart

Kivimetsän Druidi


„Shadowheart“ (2008), das Full-Length-Debüt der Finnen Kivimetsän Druidi, ist in meinen Ohren ein klassischer Fall von „zu viel gewollt – zu wenig gekonnt“. Man möchte der Band zwar nicht den guten Willen absprechen, aber das, was sie dem Hörer hier vorsetzt, löst wahrlich keine Begeisterungsstürme aus. Zu viele Tonspuren lassen die Songs teils chaotischer wirken, als sie sind, die Hooks, von denen diese Art von Folk-/Symphonic-/was-auch-immer-Metal lebt, sind kaum vorhanden, die Stücke wirken hausbacken und unausgereift.  

Gesamteindruck: 2/7


Muss man nicht gehört haben.

Nach dem üblichen Intro starten Kivimetsän Druidi mit dem verhältnismäßig starken „Blacksmith“, das mit rasendem Doublebass-Einsatz und gut gemachtem, männlich/weiblichem Wechselgesang punktet, recht passabel ins Album. Dieses Niveau erreichen auf „Shadowheart“ ansonsten lediglich das eingängige und abwechslungsreiche „The Tyrant“, das auch mit coolem Chorgesang aufwartet und das relativ poppig angelegte „Verivala“. Der Rest der Songs bleibt farblos und blass und kann mit den genannten Stücken nicht ansatzweise mithalten.

Grundsätzlich gibt es zwei Probleme, die eine höhere Wertung verhindern. Erstens: Die Eigenständigkeit der Gruppe tendiert gegen Null. Bei „The Tyrant“ lassen in der Melodieführung beispielsweise die Landleute von Ensiferum mehr als deutlich grüßen, an anderen Stellen sind es wiederum Finntroll, Battlelore oder Bal-Sagoth (!), bei denen man sich bedient hat. Grundsätzlich ist es ja kein Fehler, sich an den besten des Faches zu orientieren, im Fall von Kivimetsän Druidi will jedoch kaum ein Track zünden. Alles klingt wie wild und ohne Sinn und Verstand zusammengewürfelt. Berechenbar sind die Finnen zwar nicht unbedingt, aber das muss auch nicht immer etwas Gutes sein, wie man an diesem zerfahrenen Album deutlich erkennen kann. Ohrwurm-Melodien und Hooks, die sich im Gehirn festfräßen, sind hier leider Fehlanzeige und auch die Epik, die verwandte Bands schaffen, sucht man auf „Shadowheart“ vergeblich.

Zweites Problem: Es ist ja nicht so, dass ich grundsätzlich was gegen Duette zwischen bösem, männlichem Gegrunze und lieblichem Frauengesang habe. Leider schießen Kivimetsän Druidi dabei aber gehörig über das Ziel hinaus. Die heisere Männerstimme von Joni Koskinen weiß noch einigermaßen zu gefallen und wird auch genretypisch eingesetzt. Dass er stellenweise ein wenig kraftlos klingt, muss man wohl eher der Produktion ankreiden. Sein weibliches Gegenstück Leeni-Maria Hovila hingegen… Nunja, auch sie kann singen. Aber warum wurde ihre Stimme so stark in den Vordergrund gemischt, dass sie alles zuzudecken droht? Wenn die blonde Sängerin beispielsweise bei „Burden“ einsetzt, ist das einfach zu viel des Guten. Abgesehen davon hat man beim Schreiben der Lyrics offenbar keine Rücksicht darauf genommen hat, ob die Texte im jeweiligen Song überhaupt gut singbar sind – entsprechend abenteuerlich klingt die Phrasierung von Hovila teilweise.

Technisch kann man den Finnen keine großen Vorwürfe machen. Dass die Gitarren so sehr im Hintergrund stehen und von allerlei Synthies (gern auch mal fanfarenhaft) übertönt werden, hätte der Produzent hören (und ausbügeln) müssen. Gleiches gilt wie erwähnt für die unterschiedlich lauten Stimmen. Bandintern sollte sich der Mann an den Drums (Atte Martinen) fragen, ob man wirklich immer Vollgas gehen muss – oder ob es bei grundsätzlich langsamen Stücken eine Überlegung wert wäre, mal nicht auf Doublebass zu setzen.

Neben den oben genannten, brauchbaren Nummern, gibt es auf „Shadowheart“ alles in allem leider nur Stangenware, die man so oder so ähnlich schon um Längen besser gehört hat. Dass das nicht für eine höhere Wertung reicht, sollte nicht verwundern. Bis zum Totalausfall ist es zwar noch ein großer Schritt, aber Lust, mehr von Kivimetsän Druidi zu hören, hat dieses Album nicht bei mir ausgelöst.


Track – Titel – Länge – Wertung

  1. Northwind – Prelude – 1:29 – 3/7
  2. Blacksmith – 6:01 – 6/7
  3. Jäässä Varttunut – 5:51 – 4/7
  4. Halls Of Shadowheart – 4:36 – 2/7
  5. Pedon Loitsu – 5:57 – 3/7
  6. Burden – 4:31 – 2/7
  7. The Tyrant – 5:44 – 5/7
  8. Tiarnách – Verinummi – 2:33 – 2/7
  9. Verivala– 4:01 – 5/7
  10. Korpin Laulu – 5:19 – 2/7
  11. Mustan Valtikan Aika – 7:00 – 3/7

Gesamteindruck: 3/7 


Kivimetsän Druidi auf “Shadowheart” (2008):

  • Leeni-Maria Hovila − Vocals
  • Joni Koskinen − Guitars, Vocals
  • Antti Rinkinen − Lead Guitars, Backing Vocals
  • Simo Lehtonen − Bass, Backing Vocals
  • Antti Koskinen − Keyboards, Backing Vocals
  • Atte Marttinen − Drums, Backing Vocals

Anspieltipp: Blacksmith

FestivalWelt: Midgardsblot 2016

Datum: 18. bis 20. August 2016
Location: Borre, Vestfold, Norwegen
Festival: Midgardsblot Metalfestival 2016
Bands: 14, national & international
Publikum: 1.000
Ticketpreis: 1.450 Kronen (ca. 145 Euro) (Festivalpass)


Willkommen in Midgard.

Vorgeschichte

Man lernt nie aus: Als man mich im Vorfeld fragte, auf welches Festival ich gehe, sagte ich ganz naiv: „Midgardsblot“. Mit „o“, so wie man es schreibt. In Wirklichkeit sagt man auf norwegisch aber „Midgardsblut“. Mit „u“, so wie beim roten Körpersaft. Und das macht – zumindest was Festival-Tag 1 betrifft – durchaus Sinn. Aber dazu später mehr.

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Oslo: Black Metal!

Der Besuch beim Midgardsblot Metalfestival war jedenfalls von langer Hand geplant. Ist auch notwendig, wenn man so ein Event in einem Land, dessen Sprache man nicht spricht (wobei ich sagen muss, dass man auch so recht viel versteht) und von dem man weiß, dass alles extrem teuer ist, besucht. Schnell war auch klar: Geschlafen wird im Hotel, die Erfahrungen von Wacken:Open:Air (speziell 2016 und 2010) und Kaltenbach Open Air (2015), die beide ebenfalls im August stattfinden, haben eindrucksvoll gezeigt, wie kalt es selbst in südlicheren Gefilden
als Norwegen im Hochsommer werden kann. Nimmt man noch das norwegische Wetter mit seiner hohen Regenwahrscheinlichkeit hinzu, war die Entscheidung nicht schwer zu treffen. Jedenfalls kam man nach längerer Reise (ein paar Tage in Bergen, eine lange Zugfahrt mit der – sehr empfehlenswerten – Bergensbanen, ein Tag in Oslo) schließlich wohlbehalten in Horten an, wo das Hotel war. Bis nach Borre, wo das Midgardsblot über die Bühne ging, war es dann noch eine kurze Busfahrt, die wir natürlich jeden Tag hinter uns bringen mussten.

Donnerstag, 18. August 2016

Vor Ort dann das erste Beschnuppern des Geländes. Das Festival findet direkt am Oslofjord im Borre Nationalpark, in dem sich auch das Besucherzentrum „Midgard“ (freier Eintritt für Festivalbesucher!) befindet, statt. Eine ideale Umgebung – nicht nur wegen der schönen „Gildehallen“, die als Gemeinschaftsraum, Ort für Seminare und Workshops undauch Bühne für Mitternachtskonzerte in kleinem Rahmen fungierte, sondern auch weil der Park eine Vielzahl an Hügelgräbern aus der Wikingerzeit enthält. Perfekt. Zum Festival gehört neben einigen Ständen (wenig Bandmerchandise, mehr Kunsthandwerk u. ä.) auch ein Wikingerdorf, in dem diverse Krieger ihr Lager aufgeschlagen hatten. Ähnlich den bei uns üblichen Mittelalterfesten waren dort (so weit ich das beurteilen kann) authentisch Gewandete und Bewaffnete Gestalten am Werk, die zwischen den Konzerten und auch tagsüber zu Showkämpfen antraten, Spiele veranstalteten und sich mit den Besuchern austauschten. All das allerdings bei weitem nicht so aufgesetzt, wie das bei genannten Mittelalterfesten oft der Fall ist – in Midgard wirkte das tatsächlich authentisch und von Herzen kommend. Die Norweger scheinen einfach eine Ader und ein grundlegendes Verständnis dafür zu haben.

Feierlich: Das Blót.

Bands waren am Donnerstag noch keine am Start. Dafür hatten sich die Veranstalter für alle Besucher mit 3-Tages-Pass etwas ganz Besonderes ausgedacht: Das Festival wurde durch ein „Blót“ eröffnet. Eigentlich war geplant, dass diese Zeremonie in der Gildehallen stattfinden sollte – allerdings hatte man wohl nicht mit so großem Besucherinteresse gerechnet, weswegen das Blót kurzerhand auf die Wiese vor der Halle verlegt werden musste. Zum Glück gab es keinen Regen… Was beim Blót passierte, ist schwer in Worte zu fassen. Das Duo Folket Bortafor Nordavinden, lud ein, den alten Göttern, allen voran Odin, Freyja und Thor, zu huldigen. Das passierte mit Trommeln, mit Gesang, mit leidenschaftlichen Vorträgen aus den Sagas und …mit Blut. Ja, mit echtem Blut, vermutlich von einem der Lämmer, die sich bereits auf dem Spieß drehten. Der Großteil, vor allem aber das Ende des Blót, war, obwohl recht viele Leute dabei waren, eine sehr persönliche Erfahrung. Sehr viel kann man darüber eigentlich gar nicht berichten – es reicht zu sagen, dass dadurch tatsächlich eine Art von spiritueller Zusammengehörigkeit zwischen meist völlig fremden Menschen geschaffen wurde – das mag jetzt lächerlich oder übertrieben klingen, aber es ändert nichts daran, dass man zu diesem Zeitpunkt tatsächlich so fühlte. Übrigens war es nicht so, dass die Verantwortlichen so taten, als wäre dieses Blót genau so, wie es auch die alten Wikinger gemacht haben; von Anfang an wurde klar gestellt, dass niemand weiß, wie es damals wirklich abgelaufen ist und man sich daher auch Inspirationen von anderen Kulturen holen musste. Das tat der insgesamt sehr feierlichen Stimmung jedoch keinen Abbruch, auch wenn ich lieber gesehen hätte, wenn ein paar Personen weniger anwesend gewesen wären. Aber eigentlich logisch, dass jeder dabei sein wollte.

Nach diesem Ereignis hörte man noch ein wenig DJ-Musik (hauptsächlich wurde Folk, auch ein bisschen Pagan- und Black Metal gespielt), trank jede Menge Bier und lernte nette Leute aus der ganzen Welt kennen. Irgendwann war es dann Zeit für den Shuttle-Bus und wir fuhren ins Hotel – um einige denkwürdige Erfahrungen reicher.

Freitag, 19. August 2015

Die Nacht im Hotel war angenehm, auch wenn ich leises Bedauern spürte, den restlichen Abend am Festivalgelände bzw. Campingplatz verpasst zu haben. Andererseits war die Reise bis zum Midgardsblot lang und anstrengend gewesen, von daher war man extrem müde und froh, ein Bett zu haben. Nach dem Frühstück und einen Abstecher nach Åsgårdstrand (!), wo das Ferienhaus von Edvard Munch zu besichtigen ist, ging es wieder zum Festival. Dort angekommen stand gerade die erste Band auf der Bühne: TROLLFEST. Ich weiß nicht, ein Freund dieser Truppe werde ich wohl nie, lediglich das als Rausschmeißer gespielte „Solskinnsmedisin“ finde ich persönlich gut. Dem Publikum, das zu dieser Zeit allerdings noch eher spärlich vertreten war, schien es dennoch zu gefallen, sodass auch die Band ihren Spaß hatte. Wobei, kann man den verrückten norwegischen Trollen den Spaß überhaupt nehmen? Ich glaube nicht.

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Isländisch: Skálmöld

Nach den „Viking Battles“, die ebenfalls vor der Bühne stattfanden, gab es die erste ernstzunehmende Band: SKÁLMÖLD, der neben SÓLSTAFIR aktuell wohl heißeste musikalische Export aus Island, gaben sich die Ehre. Ich hatte die Männer von der Insel erst wenige Wochen zuvor bei den MetalDays (Slowenien) erlebt – und muss sagen, dass mir der Auftritt in Norwegen ein ganzes Stück besser gefallen hat. Vor allem soundtechnisch – der Mann am Mischpult machte, ganz im Gegensatz zum Gig in Slowenien, diesmal alles richtig. Klar, transparent, druckvoll – nur so kann man die Feinheiten der leicht merkwürdigen musikalischen Mischung der isländischen Truppe richtig erkennen. Hat mir tatsächlich sehr gut gefallen und unter diesen Umständen würde ich die Band, die ich bisher eher beiseite gelassen habe, jederzeit weiter empfehlen.

Cyborgs: Inquisition

Nach diesem großteils durchaus partytauglichen Sound, folgte ein unglaublicher Kontrast. Das 2-Mann-Abrisskommando INQUISITION ließ keinen Zweifel daran aufkommen, dass man mit Hörnern, Met und Feierlaune nichts am Hut hat. Das tat der Stimmung dennoch keinen Abbruch – das kolumbianische Duo Dagon (v, g – Stimme erinnert irgendwie an eine Art Cyborg) und Incubus (d) durften sich über enormen Zuspruch freuen. Ob sie es taten, zeigten sie – genretypisch – freilich nicht. Festzuhalten bleibt: „Force of the Floating Tomb“ vom 2013er Meisterwerk „Obscure Verses For The Multiverse“ ist einfach ein grandioser …ähem… Hit.

Auf dieses Inferno folgten mit ENSLAVED etwas ruhigere Zeitgenossen. Dachte ich zumindest – in Wirklichkeit feiern die Norweger aktuell ihr 25-jähriges Bandjubiläum. Und das alles andere als leise, denn die Songauswahl umfasste lediglich Liedgut bis zum 2004er Album „Isa“. Eine schöne Show, auch wenn mir persönlich der Zugang zu dieser Band ein wenig fehlt. Vor allem die Songs „Convoys To Nothingness“ und „The Crossing“ sind mir allerdings in äußerst positiver Erinnerung geblieben. Wird Zeit, dass ich mich mal näher mit der Musik der norwegischen Urgesteine befasse.

ENSLAVED-Gitarrist Ivar Bjørnson konnte man gleich im Anschluss noch einmal auf der Bühne bewundern: Das vornehmlich aus ihm und Einar Selvik (WARDRUNA) bestehende Projekt SKUGGSJÁ war der letzte Act des Abends. Natürlich traten die beiden nicht allein vor das Publikum – von ENSLAVED waren neben ihrem legendären Gitarristen auch mit Sänger/Bassist Grutle Kjellson und Drummer Cato Bekkevold am Start, dazu noch eine Anzahl an Gastmusikern und Sängern an verschiedensten Instrumenten. Eine merkwürdige musikalische Mischung wurde dargeboten – traditionelle Instrumente und Schamanen-artiger, teils aus dem Kehlkopf stammender Gesang, Metal-Riffs, ein paar klassische Instrumente und Black Metal-artiges Gekeife vermengten sich zu einem hypnotischen Gesamtwerk, das das Publikum vollkommen in seinen Bann zog. Und das, obwohl ein großer Teil der Fans (ich selbst eingeschlossen) eher dem Metal als solch experimentellen Klängen zugeneigt schienen. Eingängig oder irgendwie fassbar und strukturier klang das alles in meinen Ohren auch nicht – aber dennoch weit davon entfernt, schlecht zu sein. „Anders“ ist wohl das richtige Wort, anders, aber nicht fehl am Platz, sondern wie eine Symbiose aus Neuem und Altem, etwas, das genau für diese Gelegenheit gemacht worden war.

Samstag, 20. August 2016

Der Abschlusstag des Midgardsblot war der Tag, auf dem ich mich aus rein musikalischer Sicht am meisten gefreut hatte, versprach er doch das metallischste Programm. Leider spielte das Wetter nicht ganz mit, es gab immer wieder kurze Regenschauer und es war ungemütlich frisch. Schade, das Festival hätte sich einen angenehmeren Abschluss verdient gehabt – aber andererseits war das richtig und typisch norwegisch. Passt schon so. Nach einer geführten Tour durch die hiesigen Hügelgräber (ebenfalls gratis für Festivalbesucher!) ging es wieder kurz ins Wikinger-Dorf, danach zur Bühne. Die Führung hatte übrigens länger als geplant gedauert, sodass wir die Damen von L.E.A.F. verpassten. Nicht so schlimm, deren Musik passte zwar recht gut zum Festival, nicht aber zu mir. Als nächstes kamen die so passend benannten BLOT dran. Deren Melange aus Black Metal mit vielen Folk-Elementen gefiel sehr gut. Denn auch wenn es viele Bands in diesem Spektrum gibt, konnte man den Norwegern, deren Debüt „Ilddyrking“ erst 2015 erschienen ist, ihre Professionalität anhören und -sehen. Als grober Referenzpunkt mögen die Holländer ONHEIL dienen, auch wenn die thematisch natürlich völlig anders gelagert sind. „Ilddyrking“ und „Fimbulwinter“ waren 2 Nummern, die mir besonders positiv im Gedächtnis geblieben sind und die ich jedem ans Herz legen kann, der seinen Metal angeschwärzt und melodisch haben möchte.

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Gut bewacht: Kirkebrann

Weiter ging es ziemlich „trve“, nämlich mit KIRKEBRANN. Die norwegischen Black Metaller aus der Gegend (Vestfold) gaben sich alle Mühe, aber mir – und wohl auch einem beträchtlichen Teil des Publikums – war das zu plakativ. Macht normalerweise nichts, aber auuh musikalisch war das, was die Kalkfressen boten, ziemliche Standardkost, die die Möchtegern-Brandstifter (als „Bühnenbild“ säumten Benzinkanister die Monitor-Boxen) da ablieferten. Nichts, was man nicht so oder so ähnlich schon x-Mal gehört hätte. Sehr gut war allerdings der Sound, wie sowieso das ganze Festival über. Und auch optisch ließ die Truppe nichts anbrennen, aber das allein reicht halt nicht mehr. Und es ist auch nicht hilfreich, wenn der Frontmann von den ausbleibenden Publikumsreaktionen angepisst ist, das Mikro hinschmeißt und dann erst von den anderen Bandmitgliedern wieder raus gebeten werden muss, um wenigstens noch einen Song zu spielen. Wenn das ein Marketing-Gag gewesen sein soll: umso schlimmer.

KIRKEBRANN waren übrigens die einzige Band des Festivals, die mich ein wenig enttäuscht hat. Nach deren Auftritt folgte vor der Bühne noch einmal Wikinger-Schlachtengetümmel, bevor es musikalisch sehr düster wurde. HAMFERƉ von den Färöer Inseln spielen alles andere als Schunkelmusik. Die wie immer in schwarze Anzüge gekleidete Band zelebriert extrem schwerfälligen, stoischen Doom Metal und berichtet alte Geschichten von verschwundenen Seemännern. Sehr intensiv, diese Band – auch, wenn sie in Clubs (und ohne Tageslicht) noch wesentlich ergreifender sind. Gefallen hat mir die Show dennoch, auch wenn ich glaube, dass das eher Musik für die Kopfhörer ist und sich nicht so sehr für die Darbietung auf einem Open Air Festival eignet. Gleich im Anschluss wurde es jedoch wieder wesentlich fröhlicher und tanzbarer: MÅNEGARM aus dem Nachbarland Schweden zweigten sich in bester Spiellaune, was vom Publikum auch ordentlich honoriert und gefeiert wurde. Tatsächlich waren die Schweden für mich persönlich das bisherige Highlight des Festivals. Jede (!) Nummer, die sie spielten, war einfach nur grandios. Am besten gefielen mir das galoppierende „Nattsjäl, drömsjäl“ (wie geil ist der Song?!), die Hymne „Odin Owns Ye All“ und das getragene „Hemfärd“ (sehr passend zu der Band, die vor MÅNEGARM auf der Bühne war). Einfach nur gut, was hier geboten wurde und Grund genug, mich endlich mal näher mit dieser Gruppe zu beschäftigen.

Auf das erste Highlight folgte gleich das nächste. MELECHESH, ursprünglich aus Jerusalem, brachten eine für den hohen Norden etwas exotisch anmutende Variante aufs Tapet. Deren Black/Death Metal ist nämlich mit einigen Melodien des Mittleren Ostens versehen – was im Wikingerland ein wenig befremdlich wirkte. Nach kurzer Schockphase war das Publikum allerdings bereit für die brachiale Soundwand, die das Quartett um Sänger/Gitarrist Melechesh Ashmedi abfeuerte. So zugänglich hatte ich die Veteranen (Bandgründung: 1995) gar nicht in Erinnerung – auch hier führte die gute Show dazu, dass ich fest vorhabe, mich mal eingehend bei der Band zu einzuhören.

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Trve: Tsjuder

Das dritte Highlight im Bunde genoss ebenfalls Veteranen-Status: Die Osloer Formation TSJUDER (gegründet 1993) zeigte Jungspunden wie KIRKEBRANN, was „trve“ wirklich bedeutet. Immer wieder unglaublich, welch ein Inferno ein solches Trio entfachen kann. Besonders beeindruckend: Abwechselnder und gedoppelter Gesang von Bassist/Frontmann Nag und Gitarrist Draugluin. Da war einfach eine wahnsinnige Power dahinter, die ich so nicht erwartet hatte. Die Songauswahl war ebenfalls sehr gut (Highlights: „Ghoul“, „Demonic Supremacy“ und das als Rausschmeißer gespielte BATHORY-Cover „Sacrifice“), sodass man mit Fug und recht sagen kann, dass der Black Metal-Thron beim Midgardsblot nur an TSJUDER gehen kann – noch vor den ebenfalls großartigen INQUISITION.

Aus war das Festival nach dieser energiegeladenen Show allerdings noch nicht. Nach einer längeren Umbaupause (während der es wie aus Eimern zu schütten begann, was sich an diesem Abend leider nicht mehr ändern sollte) hatte Einar Selvik seinen zweiten Auftritt. Bot man mit SKUGGSJÁ am Vorabend noch eine Mischung aus Wikinger-Zeit und Moderne, regierte bei der nun folgenden Show von WARDRUNA vollkommen das Alte. Das offenbarte schon der erste Blick auf die Bühne: E-Gitarre, Bass und Keyboard suchte man vergeblich. Das „Schlagzeug“ sah vorsintflutlich aus, dazu gab es eine Auswahl an merkwürdigen Instrumenten, die ich abgesehen von der unserer Violine recht ähnlichen Hardangerfiedel nicht einmal hätte benennen können. Immerhin gab es elektronische Mikrofone.

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Intensiv: Wardruna

Sogar mehr noch als am Vorabend bei SKUGGSJÁ ist es mir praktisch unmöglich, zu beschreiben, was bei WARDRUNA zu hören war. Der Gesang, hauptsächlich von Selvik und Sängerin Linda Fay Hella vorgetragen, oft aber auch im Chor mit der ganzen Truppe (ich glaube es waren mindestens 7 Leute auf der Bühne, zwischendurch sangen sogar einmal die beiden Kinder von Selvik mit), war mal schamanisch-betörend, mal eher wie Sprechgesang mit plötzlichen, lauteren Ausbrüchen. Dazwischen immer wieder so etwas wie der schon vom Vorabend bekannte Kehlkopfgesang. All das war untermalt vom Klang der alten Percussion-, Streich-, Zupf- und Blasinstrumente.Schade übrigens, dass Co-Bandgründer Gaahl (GOD SEED, ex-GORGOROTH) nicht am Start war. Ich könnte jetzt – abgesehen vom finalen, verhältnismäßig eingängigen „Helvegen“) nicht einmal sagen, wie die Stücke hießen. Unabhängig davon hatte man ständig das Gefühl, dass hier etwas Großes passierte, wie auch der Blick in die Runde zeigte. Trotz strömendem Regen war es vor der Bühne gesteckt voll, die Leute beobachteten wie gebannt das Geschehen, manche wirkten regelrecht hypnotisiert, wenn sie sich im Takt zu wiegen begannen. Ich weiß nicht, wie es bei den Wikingern wirklich war – aber man kann sich zumindest vorstellen, dass es so oder so ähnlich gewesen sein könnte. Klar ist auch, dass man eine Ader für so etwas haben muss – eine Band wie TSJUDER, die primitiven, norwegischen Black Metal spielt, ist meines Erachtens einfacher konsumierbar als WARDRUNA. Merkwürdigerweise waren an diesem Abend trotzdem alle zufrieden und schienen – so sie keinen hatten – tatsächlich Zugang zur Welt von Einar Selvik gefunden zu haben. Der Sänger bedankte sich dann auch gebührend und schien sichtlich gerührt.

Als die Show zu Ende war und die Musiker sich verbeugt hatten, blieben viele Zuschauer noch wie betäubt stehen. Wir vorerst auch, bis sich, merkwürdig langsam, die Kälte durch die tropfnassen Klamotten schlich. Das war das Zeichen zum Aufbruch – wenn es nicht geregnet und wir nicht dermaßen durchnässt gewesen wären, wäre ich gern noch geblieben und hätte dieses Erlebnis mit den anderen in der Gildehallen geteilt. So war man aber froh über den Shuttlebus und den dadurch recht kurzen Weg ins Hotel. Am nächsten Tag ging es schließlich an die lange Heimreise.

Ein paar Verbesserungsvorschläge…

Frei von Kritik ist natürlich auch das Midgardsblot nicht – ganz normal, vor allem, wenn man bedenkt, dass 2016 erst die zweite Ausgabe stattfand. Kinderkrankheiten sind da üblich, obwohl ich mir gar nicht sicher bin, dass es solche waren. Zwei Punkte möchte ich jedenfalls hervorheben:

  • 1.000 Festivalgäste und nur zwei Getränketheken – das kann nicht gut gehen. Ging es meist zwar trotzdem irgendwie, aber mehr als einmal wurden die Schlangen sehr lang. Auf Facebook war von Veranstalter-Seite zu lesen, dass ein Problem war, dass die Kreditkarten-Kassen offenbar nicht auf diesen Ansturm ausgerichtet waren und es daher immer wieder Probleme bei der Zahlung gab. Eventuell wurde also die Gästeanzahl und deren Durst doch ein wenig unterschätzt, was auch daran zu erkennen war, dass zumindest am Samstag Abend, wohl aber auch Donnerstag und Freitag (jeweils noch vor Mitternacht) gewisse Biersorten und andere Getränke nicht mehr verfügbar waren. Gleiches galt speziell am Samstag auch für das Nahrungsangebot, das stark ausgedünnt war. Und auch an Festivalmerchandise dürfte etwas zu wenig bestellt worden sein, weshalb ich selbst z. B. mit einem XXL-Hoodie statt dem gewünschten T-Shirt in L heimgehen musste.
  • Der zweite Punkt betrifft die Infrastruktur des Festivals und ist eigentlich vernachlässigbar. Dennoch sollte man sich von Veranstalter-Seite vor allem zwei Dinge überlegen: Mehr Toiletten (ein typisches Open Air-Problem) und eventuell ein zweites Zelt zum Unterstellen. Im Vergleich zu anderen Festivals war das Midgardsblot zwar großteils mit gutem Wetter gesegnet, wenn es aber regnete, wurde es gleichzeitig auch empfindlich kalt. Und dann keine Möglichkeit zum Unterstellen zu haben um zu verhindern, dass die Sachen komplett nass werden, ist nicht sonderlich gemütlich. Ein Zelt (immerhin mit Sicht auf die Bühne) gab es – wo auch die Theken untergebracht waren. Entsprechend voll war es  dort. Ansonsten war noch die Gildehallen warm und trocken, aber einerseits nicht groß, andererseits fanden dort tagsüber immer wieder (geschlossene) Veranstaltungen wie z. B. Bierverkostungen statt, sodass man sie nicht als Unterstand nutzen konnte. Vor der Halle gab es einiges an Bierbänken und -tischen, wenn dort ein Zelt aufgestellt worden wäre, wäre es perfekt gewesen.

Fazit: Mein erster Besuch beim Midgardsblot ist hoffentlich nicht mein letzter gewesen. Man kann den Veranstaltern nur ein Kompliment für dieses tolle Festival aussprechen – ein derartig familiäres und gleichzeitig intensives Open Air auf die Beine zu stellen, ist wahrlich nicht alltäglich. Die Location, die Bands, das Drumherum und – vor allem – die Besucher, waren einmalig. Als Gast muss man natürlich damit leben, dass die norwegischen Preise alles andere als günstig sind – das betrifft vor allem die alkoholischen Getränke. Wer es schafft, das auszublenden, kann dieses schöne Land und dieses einmalige Festival uneingeschränkt genießen.


Einen Bericht vom Midgardsblot 2015 kann man sich unten ansehen. Das fängt die Stimmung schon sehr gut ein, finde ich.


MusikWelt: Victory Songs

Ensiferum


„Victory Songs“, das Drittwerk von Ensiferum, kommt nicht ganz an das Debüt und bisherige Opus Magnum der Band heran. Aber: Es ist praktisch genauso gut und hat die Höchstwertung locker verdient. Tatsächlich ist das Niveau des Songwritings auf „Victory Songs“ sogar eine Spur ausgefeilter als auf „Ensiferum“, auf dem die Finnen dafür freier aufspielen. Insgesamt nehmen sich die beiden Werke nicht viel und können bis dato (2016) gemeinsam als Höhepunkte in der Historie der Truppe gesehen werden. Und das noch vor Hammer-Alben wie „Iron“ (2004) und „One Man Army“ (2015) – so etwas ist aller Ehren wert!

Gesamteindruck: 7/7


Trotz Besetzungsturbulenzen im Vorfeld: Grandios!

Die finnischen „Schwertträger“ (so die Übersetzung des Bandnamens) Ensiferum konnten mit ihrem Debüt „Ensiferum“ (2001) und dem darauf folgenden „Iron“ (2004) extrem starke Zeichen in der damals noch recht jungen Pagan- und Folk-Szene setzen. Und auch „Victory Songs“ (2007) haut in dieselbe Kerbe, obwohl man damals durchaus skeptisch sein durfte – immerhin war der Truppe vor diesem Album mit Sänger/Gitarrist und Publikumsliebling Jari Mäenpää ein wichtiger Mann abhanden gekommen. Als Nachfolger ist der inzwischen längst fix zur Band gehörende Petri Lindroos (ex-Norther) auf „Victory Songs“ zu hören. Der stimmliche Unterschied zwischen den beiden Blondschöpfen ist sehr groß, dennoch empfinde ich persönlich Lindroos keineswegs als den schlechteren Schreihals. Ein guter Gitarrist ist er sowieso; kompositorisch hat er zu seinem Ensiferum-Debüt nicht viel beigetragen, auf späteren Alben zeigt sich jedoch, dass mit Lindroos auch auf dieser Ebene durchaus zu rechnen ist. Übrigens wurden auch Drummer und Bassist gewechselt, was damals weniger Beachtung fand, letztlich aber zum bis heute stabilen Bandgefüge mit Sami Hinkka (b) und Janne Parvainen (d) geführt hat.

Genug der Einleitung, kommen wir zum Album. „Victory Songs“ beginnt standesgemäß mit einem Intro, das allerdings nicht ganz überzeugen kann, man hat von Ensiferum definitiv schon bessere Einleitungen gehört. Danach geht es aber mit fünf aufeinanderfolgenden Nummern in höchste Punkteregionen, worauf zwei kleine Ausreißer und ein großes Highlight als Finale folgen. Zunächst zu den Ausreißern: „The New Dawn“ ist die einzige Nummer, an der Neuzugang Petri Lindroos kompositorisch beteiligt war. Das Stück geht gut nach vorne, sticht im Gegensatz zum Gros der guten Ensiferum-Songs jedoch nicht mit einem herausragenden Refrain hervor. Das macht „The New Dawn“ reichlich unscheinbar und wenn man von mir verlangen würde, alle Stücke auf „Victory Songs“ aufzuzählen, würde ich Song Nummer 8 höchstwahrscheinlich vergessen – daraus folgt: Klar der schwächste Track auf dieser Scheibe. Das zweite Lied, das den ansonsten so hohen Anspruch nicht ganz halten kann ist in meinen Ohren „Raised By The Sword“. Ja, die Nummer ist getragen und episch, scheitert aber für mein Dafürhalten auch ein wenig am eigenen Anspruch. Das ist alles recht gefällig, auch der Wechsel zwischen Klar- und Schreigesang. Aber trotzdem, so richtig zünden mag das Stück nicht. Schade eigentlich, man hat das Gefühl, dass man weiß, wohin Ensiferum damit wollten; nur leider kommt es bei mir nicht so richtig an. Das ist natürlich kein Beinbruch und auch kein Totalausfall, sondern Jammern auf sehr, sehr hohem Niveau. Es fällt eben umso mehr auf, weil davor die geballte Ladung an ausgezeichneten Songs steht.

Die besten der besten auf „Victory Songs“ sind ebenfalls recht schnell ausgemacht, weil sie sich noch fixer im Gehörgang festsetzen als der ebenfalls bärenstarke Rest. „Deathbringer From The Sky“ ist beispielsweise eine Uptempo-Hymne mit ausgezeichnetem Refrain, heldenhaften „Oh-oh-oh“-Chören und einem schön Tapping-Solo von Bassist Sami Hinkka. Grandios, wie Ensiferum hier das Heldenpathos leben lassen. Das gelingt ihnen auch in „One More Magic Potion“, wo die clean gesungenen Chorpassagen besonders hervorzuheben sind. Ebenfalls 7 Punkte wert: Die komplett im Klargesang gehaltene Ballade „Wanderer“ mit ihrem super-catchy Refrain und der quasi-Rausschmeißer (als Bonustrack gibt’s mit „Lady In Black“ noch ein verzichtbares Uriah Heep-Cover) „Victory Song“. Letzteres ist das beste Stück in Überlänger, das Ensiferum bis dato hinbekommen haben.  Knapp 11 Minuten, die zu keiner Sekunde langweilig sind. Dafür sorgen das aggressive Gebrüll, die grandios gesungenen Passagen mit Klargesang, der starke Refrain und der finnische Teil, der teilweise a capella vorgetragen wird. Noch dazu hat der Titeltrack ein verdammt geile Galopp-Riffing aufzuweisen.

Überzeugen können übrigens auch die zwei unter diesen Perlen nicht vertretenen Songs: Nach dem eher gemächlichen Intro setzt „Blood Is The Price Of Glory“ einen pfeilschnellen Kontrapunkt. Bei „Ahti“ teilen sich Petri Lindroos und Sami Hinkka den Gesang – und das ausgesprochen gekonnt. Auch hier: Guter Refrain und das geschriene „Ahti!“ ist natürlich ein Garant für gute Live-Stimmung. Der mächtige Ahti muss sich allein deswegen mit einem kleinen Abzug begnügen, weil er sich in Dauerrotation wesentlich schneller abnutzt als der Rest des Materials.


Track – Titel – Länge – Wertung

  1. Ad Victoriam – 3:10 – 4/7
  2. Blood Is The Price Of Glory – 5:17 – 6/7
  3. Deathbringer From The Sky – 5:10 – 77
  4. Ahti – 3:55 – 6/7
  5. One More Magic Potion – 5:21 – 7/7
  6. Wanderer – 6:32 – 7/7
  7. Raised By The Sword – 6:11 – 5/7
  8. The New Dawn – 3:42 – 4/7
  9. Victory Song – 10:42 – 7/7
  10. Lady In Black (Bonus, Uriah Heep-Cover) – 10:00 – 4/7

Gesamteindruck: 7/7 


Ensiferum auf “Victory Songs” (2007):

  • Petri Lindroos – Vocals, Guitar, Backing Vocals, Banjo
  • Markus Toivonen – Guitar, Vocals, Backing Vocals, Banjo, Shaman Drum
  • Sami Hinkka – Bass, Vocals, Backing Vocals
  • Janne Parviainen – Drums, Bodhran
  • Meiju Enho – Keyboards

Anspieltipp: Deathbringer From The Sky

MusikWelt: Iron

Ensiferum


Das Zweitwerk der finnischen Band Ensiferum wird den hohen Erwartungen, die mit dem exzellenten Debüt „Ensiferum“ (2001) gesteckt wurden, aus meiner Sicht sehr gut gerecht. Da mir sowohl der Vorgänger als auch der Nachfolger „Victory Songs“ insgesamt eine Spur besser gefallen, „Iron“ aber alles andere als schlecht ist, vergebe ich hier gute sechs Punkte. Fans der Band und Freunde folkiger Melodien mit aggressivem Gesang können auf jeden Fall bedenkenlos zugreifen.

Gesamteindruck: 6/7


Zweitwerk, das die hohen Erwartungen erfüllt.

Von den zehn Songs, die uns Ensiferum auf „Iron“ kredenzen, sind zumindest sechs außerordentlich gut gelungen. Das Titelstück bietet beispielsweise eingängiges, markantes Riffing, das von fanfarenhaften Keyboards unterlegt ist, an deren Klang man sich allerdings erst einmal gewöhnen muss. Ist das passiert, wird man das Hauptthema kaum noch los – eignet sich auch sehr gut, um live („Tätätädä-Tätätädä!“) für Stimmung zu sorgen. „Into Battle“ ist hingegen die Fortführung des „Battle Song“, was leicht an der Ähnlichkeit in Namen und Text zu bemerken ist. Das Stück ist fast genauso gut gelungen wie der „Vorgänger“, hier hat man nichts anbrennen lassen. Interessant sind auch die beiden ruhigeren Lieder: „Lost In Despair“ ist eine klassische Ensiferum-Ballade mit rauem Klargesang, die auf einer Stufe mit „The Wanderer“ von „Victory Songs“ (2007) steht. „Tears“ ist eher ungewöhnlich – hier gibt es Frauengesang zu hören. Mutige Entscheidung, die sich lohnt – der Song passt zwar nicht ganz zum restlichen Material, gefällt aber ob seiner Außergewöhnlichkeit dennoch sehr gut. Ebenfalls stark: das sanft beginnende und sich danach immer mehr steigernde „LAI LAI HEI“, bei dem zum Teil auf Finnisch gesungen wird. Das alles wird lediglich von „Tale Of Revenge“ in den Schatten gestellt – eine echte Hymne mit unwiderstehlicher Keyboardmelodie und außergewöhnlicher Gesangslinie in der Bridge – exzellent umgesetzt und extrem eingängig, vereint das Stück alle Trademarks der Band in sich.

Unter den restlichen vier Songs befinden sich zwei Instrumentals, die ja immer Geschmacksache sind. Mir gefallen beide recht gut, unbedingt brauche ich solche Tracks aber nicht. Lediglich „Sword Chant“ (mit etwas merkwürdig klingendem Gesang) und „Slayer Of Light“ (trotz bretthartem, thrashigem Riff) fallen ein wenig ab, haben keinen allzu großen Widererkennungswert.


Track – Titel – Länge – Wertung

  1. Ferrum Aeternum – 3:28 – 5/7
  2. Iron – 3:53 – 6/7
  3. Sword Chant – 4:44 – 5/7
  4. Mourning Heart (Interlude) – 1:23 – 4/7
  5. Tale of Revenge – 4:30 – 7/7
  6. Lost in Despair – 5:37 – 7/7
  7. Slayer of Light – 3:10 – 5/7
  8. Into Battle – 5:52 – 6/7
  9. LAI LAI HEI – 7:15 – 7/7
  10. Tears – 3:20 – 7/7

Gesamteindruck: 6/7 


Ensiferum auf “Iron” (2004):

  • Jari Mäenpää – Vocals, Guitar
  • Markus Toivonen – Guitar, Vocals
  • Jukka-Pekka Miettinen – Bass
  • Oliver Fokin – Drums, Percussion
  • Meiju Enho – Keyboards
  • Kaisa Saari [Guest] – Vocals, Tin Whistles

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