FilmWelt: Escape – Vermächtnis der Wikinger

„Escape – Vermächtnis der Wikinger“ ist ein selten dämlicher Titel für einen Film, der im Original schlicht „Flukt“, also „Flucht“ heißt. Denn mit Wikingern hat der norwegische Streifen aus dem Jahr 2012 herzlich wenig zu tun, sieht man von ein paar Runen ab, die eine kleine Nebenrolle spielen. Der Verdacht liegt also nahe, dass der deutsche Verleih ein wenig mit den allseits beliebten Kriegern aus dem Norden Aufsehen erregen wollte. 

Gesamteindruck: 3/7


Betörende Bilder, mittelprächtiger Film.

Wie dem auch sei, der unter der Regie von Roar Uthaug (eventuell für den 2018er „Tomb Raider“-Reboot bekannt) entstandene Film ist zumindest über weite Strecken gelungen. Wobei man bei genauerer Betrachtung sagen muss, dass es vorwiegend die atemberaubend schöne Landschaft Skandinaviens ist, mit der „Flukt“ (ich weigere mich, den (neu-)deutschen Titel zu verwenden) punkten kann. Eigentlich wäre auch der Inhalt, der zwei starke Frauenfiguren in den Mittelpunkt rückt, eine gute Sache – allerdings empfand ich das Drehbuch als weniger gut: Zu viele Längen, zu wenig am Punkt, zu belanglos ist das, was uns vor wunderbarer Naturkulisse gezeigt wird.

Inhalt in Kurzfassung
Im mittelalterlichen, von der Pest verheerten Norwegen fällt die Familie der jungen Signe einer Gruppe von Banditen zum Opfer. Sie selbst wird von der Gruppe um Anführerin Dagmar verschleppt und sieht einem ungewissen Schicksal entgegen. Als sie sich schließlich mithilfe eines jungen Mädchens befreien kann, beginnt eine gnadenlose Jagd…

Die Geschichte, die uns „Flukt“ erzählt, ist nichts Neues. Ein Entführungsopfer, das entkommen kann und das sich nach anfänglichem Wegrennen seinen Häschern stellt, ist so oder so ähnlich immer mal wieder zu filmischen Ehren gekommen. Auch, dass die Bösen nicht ganz so übel sind und zumindest bei der Anführerin eine tragische Hintergrundgeschichte angedeutet wird, darf man von heutzutage erwarten.

Die Frage ist also eher, wie dieser sattsam bekannte Inhalt hier umgesetzt wurde. Wenn ich ein Wort finden müsste, das Drehbuch, Dialoge (viel wird übrigens nicht gesprochen) und Handlung zusammenfasst, würde ich wohl „solide“ sagen, wenn ich großzügig bin – wenn ich streng bin, wäre wohl „bieder“ der richtige Ausdruck. Soll heißen: In „Flukt“ passiert kaum Überraschendes oder Außergewöhnliches. Das Tempo ist alles in allem eher gemächlich, fast alles geschieht genau so, wie man es erwartet. Ungewöhnlich ist maximal die plastische Darstellung von Verwundungen, mit der ich in diesem Ausmaß nicht gerechnet hätte. Was nicht heißen soll, das „Flukt“ übermäßig blutig und brutal ist, im Gegenteil – allerdings sind die Kämpfe und Verletzungen realistisch dargestellt, ich würde sie somit als klaren Pluspunkt verbuchen.

… und Gaahl?

Auch auf Seiten der Charaktere regiert eher die Einfachheit. Im Wesentlichen gibt es ohnehin nur zwei Figuren, die überhaupt detaillierter gezeichnet werden – das junge Entführungsopfer und die Anführerin der Bande. Aber auch diese beiden bleiben vergleichsweise blass, viel mehr als die Andeutung einer tragischen Geschichte ist nicht vorhanden. Immerhin sind die schauspielerischen Leistungen aller Beteiligten zufriedenstellend.

An dieser Stelle ein kleiner Sidestep: Jedem, der sich ein wenig in der norwegischen Black Metal-Szene auskennt, wird einer der Bösewichte ziemlich bekannt vorkommen. Denn der Bogenschütze Grim wird von keinem Geringeren als Kristian „Gaahl“ Espedal gespielt (seines Zeichens am ehesten als ex-Sänger der Formation Gorgoroth bekannt, in Wirklichkeit aber künstlerisches Multitalent mit großem historischen Interesse). Viel ist zu dessen Auftritt freilich nicht zu sagen, spricht er doch keine drei oder vier Sätze. Immerhin ist der hoch aufgeschossene und schlanke Schreihals ein krasser Gegensatz zu seinem bärenhaften, untersetzten Kameraden. Alles in allem ein zufriedenstellendes Gastspiel, das weder dem Film noch dem mittlerweile unter die Maler gegangenen Gaahl schadet – und das ist mehr, als man von anderen Musikern in Filmen mitunter behaupten kann.

Natur allein reicht nicht.

Alles, was ich bis geschrieben habe, zeigt: „Flukt“ ist kein großartiger Film, aber auch weit davon entfernt, schlecht zu sein. Einen heimlichen Star gibt es allerdings doch: Die Landschaftsaufnahmen sind, man verzeihe mir das Superlativ, einfach großartig. Wälder, Hügel, Berge und Schluchten im norwegischen Herbst – jedem, der es einmal live gesehen hat, brauche ich nichts zu erzählen. Und jeder, der noch nie vor Ort war, könnte nach Genuss von „Flukt“ den dringenden Drang verspüren, das zu ändern. Hier zeigt sich das Talent von Regisseur Roar Uthaug, der es perfekt versteht, seine schroffe Heimat einzufangen.

Weil „Flukt“ aber keine Dokumentation, sondern ein Spielfilm ist, müssen drei Punkte reichen. Wie gesagt: Verdammen möchte ich den Film nicht, aber ein zweites Mal anschauen werde ich ihn auch nicht, dafür fehlt dann doch eine ganze Schippe an guten Ideen.

Gesamteindruck: 3/7


Originaltitel: Flukt.
Regie: Roar Uthaug
Drehbuch: Roar Uthaug
Jahr: 2012
Land: Norwegen
Laufzeit: ca. 80 Minuten
Besetzung (Auswahl): Isabel Christine Andreasen, Ingrid Bolsø Berdal, Milla Olin, Tobias Santelmann, Gaahl



MusikWelt: I Begin

God Seed


„I Begin“ ist prinzipiell ein gutes Black Metal-Album geworden, wenn auch das ganze Tamtam, das um diese Veröffentlichung gemacht wurde, auf noch stärkeres Material hoffen ließ. Was mich persönlich stark stört, sind die stellenweise viel zu präsenten Keyboards. Nicht, dass ich grundsätzlich etwas gegen deren Einsatz hätte, aber etwas dezenter hätte das Ganze wesentlich besser gewirkt. So ist „I Begin“ am Ende nicht ganz Fisch und auch nicht Fleisch und bekommt von mir – auch im Hinblick auf die eigentliche musikalische Klasse der Beteiligten – „nur“ vier Punkte.  

Gesamteindruck: 4/7


Erwartungen nicht ganz erfüllt.

„I Begin“ wurde lange erwartet, zumindest in Black Metal-Kreisen. Nach den sattsam bekannten Namensstreitigkeiten, einer nicht unumstrittenen Live-DVD sowie einer „kurzen“ Auszeit von Fronthüne Gaahl schaffen es God Seed 2012 endlich, ihr Debüt in die Läden zu bringen. Und seien wir uns ehrlich: Die erste Frage jedes Hörers lautet, muss fast lauten: „Klingt das nach Gorgoroth oder doch ganz anders?“ Die Antwort ist eigentlich ein Klischee, die Wahrheit liegt nämlich mal wieder in der Mitte. Man hört der Truppe ihre Verwandtschaft zur Bergener Konkurrenz teilweise recht deutlich an – kein Wunder, waren doch Gaahl und Bassist King (ov Hell) in vergangenen Jahren die beiden treibenden Kräfte hinter Gorgoroth. Außerdem hat sich natürlich nichts am unvergleichlich böse tönenden Organ von Gaahl geändert. Auch in Bezug auf seine Lyrics gibt sich der krächzende Modeschöpfer gewohnt zugeknöpft.

Business as usual also? Mitnichten, man erkennt relativ schnell, dass God Seed im Vergleich zum früheren Betätigungsfeld der Hauptprotagonisten etwas offener zu Werke gehen. Bei der Eröffnungsnummer „Awake“ ist beispielsweise anfangs noch alles im schwarzen Bereich. Eine rasante Nummer, böses Gekeife von Ghaal, flirrende Gitarren, kurz: Alles, was man von einer Band wie dieser erwartet. Gegen Ende horcht man allerdings auf: Es gibt plötzlich Industrial-artige Einschübe zu hören – durchaus überraschend. Wer das verkraftet hat, wird sich zunächst über das coole Riffing und den Galopp-Rhythmus von „This From The Past“ freuen. Bis dann die Keyboards (!) im Stil einer Hammond-Orgel (!!) einsetzen und ein Finale folgt, dass so ähnlich auch von alten The Kovenant hätte stammen können. Das klingt zunächst einmal innovativ, nach mehrfachem Hören merkt man aber, dass insbesondere die exzessiv eingesetzte Keyboard-Untermalung eher stört als nützt. Ähnlich geht es dem eigentlich sehr guten Stampfer „Lit“. Gibt es zunächst noch „normalen“ Black Metal zu hören, beginnen bei der Halbzeit merkwürdige Effekte, die schließlich in eine Art „Riders On The Storm“ (The Doors) Gedächtnismelodie übergehen. Schade, gegen Ende wird das Gekeife von Gaahl immer bösartiger, das wäre auch ohne die Keyboard-Unterstützung dunkel genug gewesen.

Wesentlich besser wurde das Tasteninstrument bei „From The Running Of Blood“ integriert – hier dient es der Unterstreichung und Verdichtung einer düsteren Atmosphäre und macht das Stück zum besten Track auf „I Begin“. Beinahe genauso gelungen sind das finstere „The Wound“, das auch auf einer Gorgoroth-Veröffentlichung eine gute Figur gemacht hätte und „Aldrande Tre“, das unprätentiösen Black Metal der alten Schule bietet. Die Orgel, die bei diesem Stück ab und an eingesetzt wird, stört zwar ein wenig, bleibt aber immerhin erträglich. Neben dem für ihn typischen Gekreische nutzt der auf seine eigene Art und Weise sehr charismatische Gaahl auf „I Begin“ übrigens auch eine Art rituellen Klargesang, den einige Hörer vielleicht von seinem Projekt Wardruna kennen dürften. Insbesondere bei den eher gemächlichen Nummern, dem hypnotischen „Alt Liv“ und dem düsteren „Hinstu Dagar“ kommt das sehr gut zur Geltung.


Track – Titel – Länge – Wertung

  1. Awake – 4:43 – 7/7
  2. This From The Past – 5:18 – 7/7
  3. Alt Liv – 4:08 – 4/7
  4. From The Running Of Blood – 5:19 – 2/7
  5. Hinstu Dagar – 4:55 – 5/7
  6. Aldrande Tre − 4:454 − 3/7
  7. Lit − 5:17 − 4/7
  8. The Wound − 4:45 − 6/7
  9. Bloodline − 3:44 − 7/7

Gesamteindruck: 4/7 


God Seed auf “I Begin” (2012):

  • Gaahl − Vocals
  • Sir − Guitar
  • Lust Kilman − Guitar
  • King ov Hell − Bass
  • Geir Bratland − Keyboards
  • Kenneth Kapstad − Drums, Percussion

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