FilmWelt: Black 47

Interessant, was im englischsprachigen Wikipedia-Eintrag zu „Black 47“ zu lesen ist: In einem Interview erklärte Regisseur Lance Daly, dass mit diesem Werk der erste Langfilm vorläge, der die Große Hungersnot (1845-1849) thematisiert. Kaum zu glauben, dass das 2018 tatsächlich erstmals der Fall war, ist diese verhältnismäßig kurze Periode doch eines der einschneidendsten Kapitel irischer Geschichte.

Gesamteindruck: 2/7


Hunger, Kälte – und Rache!

Die Große Hungersnot kostete rund eine Million Iren das Leben, weitere zwei Millionen verließen das Land, großteils Richtung Amerika. Verschärft wurde die durch die Kartoffelfäule ausgelöste Nahrungsmittelknappheit durch die englische Politik (Irland war damals Teil von Großbritannien), die tatenlos zusah und die Katastrophe teilweise sogar noch verschlimmerte. Es mag abgesehen von vorliegendem Werk bis dato kaum oder gar keine Filme zu dieser schrecklichen Episode geben, andere kulturelle Beiträge existieren aber sehr wohl (Anmerkung: mein liebster und einer der eindringlichsten ist der Song „The Coffin Ships“ von Primordial). Dass Lance Daly 2018 versucht hat, dieses auch für die englisch-irischen Beziehungen höchst sensible Thema filmisch umzusetzen, ist grundsätzlich eine lobenswerte Idee. Allein: die Ausführung ist weniger gelungen, als man sich erhofft hätte.

Worum geht’s?
Feeney, einer von vielen Iren, die in der englischen Armee gekämpft haben, kehrt als Deserteur in seine Heimat zurück. Er findet ein bitterarmes und völlig zugrunde gerichtetes Land vor, seine Mutter und sein Bruder sind tot. Als er auch noch zusehen muss, wie seine Schwägerin und deren Kinder aus ihrem Haus vertrieben werden und er sie später erfroren vorfindet, schwört er Rache an allen Beteiligten. Um ihn aufzuhalten, setzen die englischen Ermittler Feeneys ehemaligen Kameraden Hannah auf ihn an. Eine Verfolgungsjagd durch ein von Hunger und Armut schwer gezeichnetes Irland beginnt…

Wer sich „Black 47“ mit falschen Erwartungen ansieht, wird wohl enttäuscht sein: Im Gegensatz zu dem Eindruck, den die offizielle Inhaltsangabe und auch der Einstieg in den Streifen erwecken, handelt der Film im Endeffekt nicht von der Großen Hungersnot. Dieses Ereignis, seine dramatischen Folgen für die betroffenen Menschen, aber auch die Gründe für die Ressentiments zwischen Iren und Engländern, sind letzten Endes nicht mehr als der Aufhänger für eine relativ simple und geradlinige Rache-Geschichte. „Black 47“ eignet sich daher nur bedingt als Anschauungsmaterial für eine Geschichtsstunde. Genau genommen thematisiert sogar ein Blockbuster wie „Braveheart“ (1995) bei all seinen Schwächen die politischen Feinheiten zwischen England und – in jenem Fall – Schottland besser, als es „Black 47“ vermag.

Regisseur Lance Daly hat das Thema für mein Dafürhalten klar verfehlt, wenn es denn wirklich wie eingangs angedeutet, seine Intention war, einen Film über die Hungersnot zu machen. Leider muss man gleichzeitig konstatieren, dass „Black 47“ auch als das Rache-Epos, das der Film letztlich ist, nicht überzeugt. Zunächst: Die Geschichte, die uns der Regisseur hier erzählen möchte, erinnert an einen Standard-Western. Ein Schurke, der das Herz am rechten Fleck hat und dem selbst großes Unrecht widerfahren ist, zieht aus, um sich an seinen Peinigern zu rächen. Vor allem im Western-Genre ist das ein gern genommenes Motiv; daran erinnert auch das Setting mit vielen Reitszenen, sich sichtlich unwohl fühlenden englischen Soldaten, harten und bauernschlauen Einheimischen und die gelegentliche Schießerei mit Musketen und Pistolen.

Schwerfällige Story.

All das ist nun kein grundsätzliches Problem – ansonsten wären Filme wie z. B. „Rambo“ (1982) nicht so erfolgreich. Das Problem ist das Storytelling, das meines Erachtens relativ schwerfällig ist. Richtige Spannung kommt kaum auf – und das Drama lässt auch zu wünschen übrig, was an den wortkargen und wenig sympathischen Charakteren liegt. Die sind überhaupt ein echter Minuspunkt, weil sie keinerlei Identifikationsfläche bieten. Das liegt nicht unbedingt an den Schauspielern, wobei ich abgesehen vom eigentlich sehr guten Hugo Weaving nicht zu beurteilen wage, wie gut oder schlecht der Cast in anderen Filmen spielt. Bezeichnend übrigens, dass die Hauptrollen nicht mit irischen, sondern mit australischen Mimen besetzt sind, aber das nur am Rande.

Und so schleppt sich „Black 47“ von Szene zu Szene. Enthält der Film Motive, die außerhalb der Standard-Story um den missverstandenen Rächer liegen, habe ich diese nicht entdeckt oder verstanden. Das gilt auch und vor allem für den Twist gegen Ende, der für mich nach dem bis dahin erfolgten Aufbau nicht ganz überraschend war – und doch an Glaubwürdigkeit vermissen ließ.

Einen positiven Aspekt möchte ich aber zum Schluss dennoch anbringen: „Black 47“ ist ausgezeichnet fotografiert. So unwirtlich – und gleichzeitig wieder schön – hat man Irland selten gesehen. Die Landschaften, speziell aber die düstere Atmosphäre, passen hervorragend zur Zeit und zum Thema des Films. Die nasse Kälte – sie ist stellenweise auch daheim auf der gemütlichen Couch beinahe schmerzhaft zu spüren. Das allein reicht aber bei weitem nicht für eine gute Wertung – zu groß ist meine Enttäuschung, was der Regisseur aus diesem filmisch unverbrauchten und historisch hochinteressanten Kapitel der irischen Geschichte gemacht hat.

Gesamteindruck: 2/7


Originaltitel: Black ’47.
Regie:
Lance Daly
Drehbuch: Lance Daly, P.J. Dillon, Pierce Ryan
Jahr: 2018
Land: Irland, Luxemburg
Laufzeit: ca. 100 Minuten
Besetzung (Auswahl): Hugo Weaving, James Frecheville, Stephen Rea, Freddie Fox, Moe Dunford, Sarah Greene



FilmWelt: Escape – Vermächtnis der Wikinger

„Escape – Vermächtnis der Wikinger“ ist ein selten dämlicher Titel für einen Film, der im Original schlicht „Flukt“, also „Flucht“ heißt. Denn mit Wikingern hat der norwegische Streifen aus dem Jahr 2012 herzlich wenig zu tun, sieht man von ein paar Runen ab, die eine kleine Nebenrolle spielen. Der Verdacht liegt also nahe, dass der deutsche Verleih ein wenig mit den allseits beliebten Kriegern aus dem Norden Aufsehen erregen wollte. 

Gesamteindruck: 3/7


Betörende Bilder, mittelprächtiger Film.

Wie dem auch sei, der unter der Regie von Roar Uthaug (eventuell für den 2018er „Tomb Raider“-Reboot bekannt) entstandene Film ist zumindest über weite Strecken gelungen. Wobei man bei genauerer Betrachtung sagen muss, dass es vorwiegend die atemberaubend schöne Landschaft Skandinaviens ist, mit der „Flukt“ (ich weigere mich, den (neu-)deutschen Titel zu verwenden) punkten kann. Eigentlich wäre auch der Inhalt, der zwei starke Frauenfiguren in den Mittelpunkt rückt, eine gute Sache – allerdings empfand ich das Drehbuch als weniger gut: Zu viele Längen, zu wenig am Punkt, zu belanglos ist das, was uns vor wunderbarer Naturkulisse gezeigt wird.

Inhalt in Kurzfassung
Im mittelalterlichen, von der Pest verheerten Norwegen fällt die Familie der jungen Signe einer Gruppe von Banditen zum Opfer. Sie selbst wird von der Gruppe um Anführerin Dagmar verschleppt und sieht einem ungewissen Schicksal entgegen. Als sie sich schließlich mithilfe eines jungen Mädchens befreien kann, beginnt eine gnadenlose Jagd…

Die Geschichte, die uns „Flukt“ erzählt, ist nichts Neues. Ein Entführungsopfer, das entkommen kann und das sich nach anfänglichem Wegrennen seinen Häschern stellt, ist so oder so ähnlich immer mal wieder zu filmischen Ehren gekommen. Auch, dass die Bösen nicht ganz so übel sind und zumindest bei der Anführerin eine tragische Hintergrundgeschichte angedeutet wird, darf man von heutzutage erwarten.

Die Frage ist also eher, wie dieser sattsam bekannte Inhalt hier umgesetzt wurde. Wenn ich ein Wort finden müsste, das Drehbuch, Dialoge (viel wird übrigens nicht gesprochen) und Handlung zusammenfasst, würde ich wohl „solide“ sagen, wenn ich großzügig bin – wenn ich streng bin, wäre wohl „bieder“ der richtige Ausdruck. Soll heißen: In „Flukt“ passiert kaum Überraschendes oder Außergewöhnliches. Das Tempo ist alles in allem eher gemächlich, fast alles geschieht genau so, wie man es erwartet. Ungewöhnlich ist maximal die plastische Darstellung von Verwundungen, mit der ich in diesem Ausmaß nicht gerechnet hätte. Was nicht heißen soll, das „Flukt“ übermäßig blutig und brutal ist, im Gegenteil – allerdings sind die Kämpfe und Verletzungen realistisch dargestellt, ich würde sie somit als klaren Pluspunkt verbuchen.

… und Gaahl?

Auch auf Seiten der Charaktere regiert eher die Einfachheit. Im Wesentlichen gibt es ohnehin nur zwei Figuren, die überhaupt detaillierter gezeichnet werden – das junge Entführungsopfer und die Anführerin der Bande. Aber auch diese beiden bleiben vergleichsweise blass, viel mehr als die Andeutung einer tragischen Geschichte ist nicht vorhanden. Immerhin sind die schauspielerischen Leistungen aller Beteiligten zufriedenstellend.

An dieser Stelle ein kleiner Sidestep: Jedem, der sich ein wenig in der norwegischen Black Metal-Szene auskennt, wird einer der Bösewichte ziemlich bekannt vorkommen. Denn der Bogenschütze Grim wird von keinem Geringeren als Kristian „Gaahl“ Espedal gespielt (seines Zeichens am ehesten als ex-Sänger der Formation Gorgoroth bekannt, in Wirklichkeit aber künstlerisches Multitalent mit großem historischen Interesse). Viel ist zu dessen Auftritt freilich nicht zu sagen, spricht er doch keine drei oder vier Sätze. Immerhin ist der hoch aufgeschossene und schlanke Schreihals ein krasser Gegensatz zu seinem bärenhaften, untersetzten Kameraden. Alles in allem ein zufriedenstellendes Gastspiel, das weder dem Film noch dem mittlerweile unter die Maler gegangenen Gaahl schadet – und das ist mehr, als man von anderen Musikern in Filmen mitunter behaupten kann.

Natur allein reicht nicht.

Alles, was ich bis geschrieben habe, zeigt: „Flukt“ ist kein großartiger Film, aber auch weit davon entfernt, schlecht zu sein. Einen heimlichen Star gibt es allerdings doch: Die Landschaftsaufnahmen sind, man verzeihe mir das Superlativ, einfach großartig. Wälder, Hügel, Berge und Schluchten im norwegischen Herbst – jedem, der es einmal live gesehen hat, brauche ich nichts zu erzählen. Und jeder, der noch nie vor Ort war, könnte nach Genuss von „Flukt“ den dringenden Drang verspüren, das zu ändern. Hier zeigt sich das Talent von Regisseur Roar Uthaug, der es perfekt versteht, seine schroffe Heimat einzufangen.

Weil „Flukt“ aber keine Dokumentation, sondern ein Spielfilm ist, müssen drei Punkte reichen. Wie gesagt: Verdammen möchte ich den Film nicht, aber ein zweites Mal anschauen werde ich ihn auch nicht, dafür fehlt dann doch eine ganze Schippe an guten Ideen.

Gesamteindruck: 3/7


Originaltitel: Flukt.
Regie: Roar Uthaug
Drehbuch: Roar Uthaug
Jahr: 2012
Land: Norwegen
Laufzeit: ca. 80 Minuten
Besetzung (Auswahl): Isabel Christine Andreasen, Ingrid Bolsø Berdal, Milla Olin, Tobias Santelmann, Gaahl



FilmWelt: Der Kreis

50 Menschen erwachen ohne zu wissen, wie sie dort hingekommen sind und was sie dort sollen, in einem dunklen Raum. Zu sehen sind nur sie selbst und ein Kreis aus Lichtern und Pfeilen am Boden sowie ein merkwürdiges Gerät in der Mitte. Die Regeln müssen sie bald auf die harte Tour lernen: Wer seinen Platz verlässt, stirbt; wer einen anderen Menschen berührt, stirbt. Und: Alle zwei Minuten stirbt jemand, der keine dieser Regeln gebrochen hat – allerdings können sie beeinflussen, wer als jeweils Nächster ins Gras beißen muss. Doch wie soll man unter völlig Fremden eine solche Entscheidung treffen? 

Gesamteindruck: 5/7


Die Mehrheit entscheidet.

„Der Kreis“ (im Original „Circle“) aus dem Jahr 2015 ist filmischer Minimalismus par excellence. Im Wesentlichen spielt sich alles in einem einzigen Raum ab, es gibt praktisch nur die 50 Personen, die man gleich zu Beginn sieht. Und auch die Ausstattung ist denkbar spartanisch: Die Szenerie ist komplett dunkel, lediglich ein paar Lichtfelder am Boden und die Figuren sind zu sehen. Schnitte gibt es zwar, längere Kamerafahrten über Teile des Kreises machen jedoch einen ähnlich großen Teil der Optik aus. Und auch zu hören gibt es nicht allzu viel, sieht man von den Dialogen ab. Die Action beschränkt sich auf die Eliminierung von Personen, die sich im zwei-Minuten-Takt abspielt und kurz und schmerzlos erfolgt.

Es passiert also nicht überbordend viel in diesem Film. Wieso zum Teufel sollte man also überhaupt einschalten? Nun, es geht um nicht mehr und nicht weniger als direkte Demokratie in Reinkultur. Mit dem Unterschied, dass derjenige, der die Abstimmung verliert, stirbt. Zugegeben: Diese Konsequenz ist drastisch und überzeichnet, dennoch zeigt „Der Kreis“, wie anfällig für Manipulation und Populismus ein System, in dem alle Beteiligten direkt und anonym abstimmen, sein kann. Immer wieder stellt der Film neue „Helden“ aus seinem zusehends kleiner werdenden Fundus in den Mittelpunkt, die versuchen, den Rest der Gemeinschaft für ihre Ideen zu gewinnen. Die einen machen das aus ehrlicher Überzeugung und moralischen Erwägungen, die anderen starten schlicht einen Versuch, sich selbst irgendwie zu retten. Beiden gemein ist, dass sie unbedingt eine einfache Mehrheit erringen müssen.

Das Problem dabei ist, dass die Entscheidung, die als Gruppe zu treffen ist, immer den Tod eines Individuums zur Folge hat (übrigens auch ein Unentschieden). Wie also bestimmen, wer es wert ist, weiterzuleben? All das wird im Film ausgiebig diskutiert, verschiedene Möglichkeiten werden ausgelotet und umgesetzt – oder verworfen. Und all das unter mörderischem Zeitdruck. Ein wenig erinnert das an eine verschärfte Variante des Spiels „Die Werwölfe von Düsterwald“, bei dem es ja auch darum geht, das Wahlverhalten der Mitspieler entscheidend zu beeinflussen.

Lebt von Dialogen.

Ob man es glaubt oder nicht: „Der Kreis“ ist trotz – oder gerade wegen – seines Minimalismus sehr spannend. Das liegt an guten Dialogen, vor allem aber auch an den Schauspielern, die diese überzeugend vortragen. Übrigens ist die Truppe großteils völlig unbekannt. Mir hat der Film praktisch durchgehend gut gefallen, wobei ich nicht verhehlen möchte, dass die eine oder andere Szene typisch amerikanisch anmutet – für den durchschnittlichen europäischen Zuschauer also höchst klischeehaft daherkommt. Ein richtiges Problem sehe ich darin allerdings nicht, wohl aber an zwei anderen Stellen: Einerseits ist da das Ende des Films, das ich so nicht gebraucht hätte. Ich glaube, ohne konkrete Auflösung wäre eine längere Nachwirkung des Gesehenen möglich gewesen, obwohl die Neugier dann natürlich umso stärker genagt hätte.

Andererseits habe ich ja schon geschrieben, dass es keine konkrete Hauptfigur gibt, sondern immer wieder im Film ein anderer Charakter die Führungsrolle übernimmt. Diese Übergänge sind teilweise ziemlich abrupt; überhaupt bleibt die Frage, wieso jemand, der im letzten Drittel des Films das große Wort führt, bis dahin nichts oder kaum etwas gesagt hat. Das ist nun kein Beinbruch und der Dramaturgie geschuldet (immerhin starten wir hier mit 50 Figuren was schon einen eklatanten Unterschied zu üblichen Gruppengrößen in Filmen ausmacht), sorgt aber in einigen Szenen doch für ein wenig bitteren Beigeschmack. Ob und wie man das hätte besser lösen können? Keine Ahnung, vielleicht hätte eine halb so große Gruppe gereicht.

Wie dem auch sei: „Der Kreis“ ist ein guter Film mit nur ganz kleinen Längen. Sollte jedem, der sich für Psychologie, Meinungsmache, Manipulation und ähnliches interessiert, gefallen. Wer allerdings Horror und/oder Splatter sucht, wie es z. B. in Teilen des ähnlich gelagerten „Cube“ vorkommt, ist hier fehl am Platze.

Gesamteindruck: 5/7


Originaltitel: Circle.
Regie: Aaron Hann, Mario Miscione
Drehbuch: Aaron Hann, Mario Miscione
Jahr: 2015
Land: USA
Laufzeit: ca. 90 Minuten
Besetzung (Auswahl): Allegra Masters, Aimee McKay, Ahley Key, Autumn Federici, Carter Jenkins, Julie Benz, Michael Nardelli, Cesar Garcia



 

FilmWelt: Stalingrad (1993)

Was ein Krieg wirklich bedeutet, was er mit den Menschen macht, ist für mich (Jahrgang 1979) nicht nachvollziehbar – zum Glück! Und doch gibt es Begriffe, die mich mit Unbehagen, ja sogar mit Angst, aber auch mit Abscheu erfüllen, wenn ich sie höre oder an sie denke. „Vietnam“ ist ein solches Wort, „Stalingrad“ ein anderes. Ich denke, dass das zu einem Gutteil mit den ersten Anti-Kriegsfilmen zu tun hat, die ich in meinem Leben gesehen habe: „Platoon“ (1986), „Full Metal Jacket“ (1987) und eben „Stalingrad“ (1993) haben Anfang der 1990er tiefen Eindruck bei mir hinterlassen und wirken bis heute nach. 

Gesamteindruck: 5/7


Die Hölle an der Wolga.

Während ich die genannten Hollywood-Streifen in den vergangenen Jahrzehnten immer mal wieder gesehen habe, bin ich mir bei „Stalingrad“ nicht sicher – ich glaube aber, dass ich diesen Film Mitte der 1990er tatsächlich letztmals gesehen habe. Hat sich einfach nie ergeben – aber nun, Netflix sei Dank, konnte ich das nachholen. Entsprechend gespannt war ich, wie ich den in meiner Erinnerung extrem verstörenden Anti-Kriegsfilm im Jahr 2020 und mit wesentlich mehr Genre-Erfahrung aufnehmen würde.

Inhalt in Kurzfassung
1942 steht die Wehrmacht mit ihren Verbündeten tief in Russland und kurz davor, Stalingrad vollständig zu erobern. Doch obwohl die Stadt an der Wolga in Trümmern liegt, leisten die russischen Verteidiger erbitterten Widerstand. In diese Hölle führt der junge Leutnant Hans von Witzland seine Kompanie Sturmpioniere – und schon bald müssen die Männer erkennen, dass die Situation an der Front ganz anders ist, als die Propaganda ihnen weismachen wollte.

Zunächst kurz zur historischen Einordnung: Die Schlacht von Stalingrad (August 1942 bis Februar 1943) war eine der blutigsten Auseinandersetzungen der Menschheitsgeschichte. Sie gilt ferner als einer der großen Wendepunkte des 2. Weltkriegs: Hier wurde die 6. Armee der Wehrmacht eingekesselt und vernichtet. In weiterer Folge konnte nur mit großer Mühe ein Zusammenbruch weiter Teile der Ostfront verhindert werden. Freilich nur kurzfristig, denn nach Stalingrad wurden die deutschen Truppen bis Kriegsende laufend an allen Fronten zurückgedrängt. Diese Darstellung ist natürlich stark vereinfacht und nimmt wenig Rücksicht auf andere Ereignisse, die mindestens genauso viel zur Niederlage des Dritten Reichs beigetragen haben – und doch kommt dieser Schlacht sowohl auf deutscher als auch auf russischer Seite größte Bedeutung zu, vermutlich, weil es im kollektiven Bewusstsein einfach solche Schlüsselmomente braucht.

„Stalingrad“ beschreibt einen Teil dieser Ereignisse aus der begrenzten Sicht einer Gruppe deutscher Sturmpioniere. Ähnlich wie in „Im Westen nichts Neues“ (1930) werden übergeordnete Ereignisse und größere Zusammenhänge nicht thematisiert, der Zuseher weiß im Endeffekt nicht mehr, als die einfachen Soldaten. Dazu passend wird bestenfalls angedeutet, wie es bei den Russen (deren Verluste in Stalingrad übrigens weit über jenen der Wehrmacht und ihrer Verbündeten lagen) aussah. Filme, die vorwiegend die russische Seite von Stalingrad beleuchten gibt es übrigens auch; die bekanntesten Vertreter heißen vermutlich „Enemy at the Gates“ (USA, 2001) und zweimal „Stalingrad“ (Russland, 1990 und 2013; in zweiterem spielt Thomas Kretschmann interessanterweise ebenfalls einen deutschen Offizier). Ein empfehlenswerter deutscher Beitrag ist „Hunde, wollt ihr ewig leben“ (1959).

Düstere Atmosphäre, gute Ausstattung.

Vordergründig ist „Stalingrad“ so, wie ich den Film in Erinnerung hatte: Eine brutale, schonungslose Abrechnung. Mit starken Bildern macht Regisseur Joseph Vilsmaier das Grauen des Krieges nahezu greifbar. Man merkt, dass der 2020 verstorbene Vilsmaier weite Teile seines Berufslebens als Kameramann gearbeitet hatte und genau wusste, wie man beeindruckende Bilder schafft. Dabei hilft ihm auch die für eine deutsche Produktion aus dem Jahre 1993 geradezu unglaublich gute Ausstattung, die sich hinter keinem Hollywood-Blockbuster zu verstecken braucht. Das hat mich ehrlich überrascht – ja, es gab schon über 10 Jahre vorher „Das Boot“ (1981), ebenfalls perfekt ausgestattet, allerdings fast ein Kammerspiel, während „Stalingrad“ wesentlich abwechslungsreichere Kulissen bieten musste. In Sachen Optik sind mir eigentlich nur zwei kleine Kritikpunkte aufgefallen: Ein paar Schnitte sind nicht ganz gelungen – und das Blut ist geradezu reißerisch rot. Ansonsten kann man über Ausstattung und Effekte zu keinem Zeitpunkt meckern.

Die Atmosphäre ist durchgehend trist und hoffnungslos, was „Stalingrad“ meiner Meinung nach mit zu einer der besten Stellungnahmen gegen den Krieg macht. Ruhm und Ehre? Abenteuer? Gibt es nicht; zu keinem Zeitpunkt erliegt der Film dem Pathos, dem auch die besten internationalen Produktionen nicht immer entkommen können. Bemerkenswert ist in dieser Hinsicht auch, dass „Stalingrad“ im Wesentlichen unpolitisch ist. Ja, es gibt da einen Vorgesetzten, der glühender Nationalsozialist ist und entsprechend Abscheu beim Zuseher erweckt. Das ist gut und wichtig, über weite Strecken zeigt der Film jedoch einfache Männer, die, egal, was sie vorher waren, inzwischen ausgelaugt und vom Krieg gezeichnet sind. Ob die Soldaten nun Deutsche oder Russen sind spielt in diesem Fall keine große Rolle mehr – sie alle sind in der gleichen Hölle gefangen, was mitunter ebenfalls eine sehr wichtige Botschaft von „Stalingrad“ ist.

Keine große Geschichte.

Nach so viel Lob folgt meist ein „Aber“. So auch in diesem Fall, denn in meiner Erinnerung hat die unheimliche Atmosphäre des Films, die letztlich dafür verantwortlich ist, wie grauenhaft das Wort „Stalingrad“ nach wie vor in meinen Ohren klingt, seine Schwächen komplett überdeckt. Die sind zwar nicht gigantisch groß, verschweigen möchte ich sie hier aber nicht. Kurz und schmerzlos: Joseph Vilsmaier komponierte herausragende Bilder, ein Geschichtenerzähler und Charakterbildner war er allerdings nicht. Das zeigt sich bereits beim Kennenlernen der Figuren am Anfang des Films: Die Rollen mögen vielleicht sogar der Realität entsprechen, sind für einen Spielfilm jedoch zu wenig akzentuiert. Wir sehen den aristokratischen, unerfahrenen und dienstbeflissenen Offizier, zwei hartgesottene Veteranen (einer gemein, der andere nett) und später noch den jugendlichen Neuling, der nicht viel auf die Reihe bekommt. Mit der Erfüllung dieser Klischees könnte man ja noch leben, allerdings wird es mit Dauer des Films immer schwieriger, überhaupt zu erkennen, wer wer ist. Wenn das ein Stilmittel sein soll, um die Entmenschlichung des einfachen Soldaten zu zeigen: Mission erfüllt. Allerdings wäre es im Sinne der Identifikation vielleicht besser gewesen, die Charaktere mit etwas mehr Tiefe auszustatten. Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang vielleicht Dieter Okras, der in einer Nebenrolle als regimetreuer und unmenschlicher Hauptmann beängstigend unsympathisch rüberkommt. Was aber relativ leicht erklärt ist, weil das die einzige Figur ist, die ein wenig aus dem Rahmen fällt.

Dass die Schauspieler gefühlt unter ihren Möglichkeiten bleiben, hat vornehmlich mit dem Drehbuch zu tun. Teilweise hat man das Gefühl, Vilsmaier lässt seine Riege eine Szene nach der anderen abarbeiten. Der übergeordnete Zusammenhang scheint zu fehlen, wobei das merkwürdig ist, weil Kriegsfilme ja meist auf einer recht ähnlichen Prämisse fußen. So ist auch in „Stalingrad“ die Erfahrung des einzelnen Soldaten, der Versuch, irgendwie mit diesem unfassbaren Leid und Chaos zurechtzukommen, das Thema. Aber so recht dringt das nicht zum Zuseher durch, zumindest geht es mir so. An verschiedenen Stellen, ich vermag sie nicht so richtig zu benennen, klicken per se gute Elemente einfach nicht ganz ineinander. Auch das mag Absicht sein – zumindest wenn der Regisseur wollte, dass der Krieg selbst sozusagen der Star (man verzeihe mir den unpassenden Ausdruck!) des Films ist. In Bezug auf die menschliche Tragödie fehlt allerdings einfach etwas, an dem man sich als Zuseher ein wenig festhalten kann. Besser vermag ich es leider nicht auszudrücken… Schade, all das zieht die Gesamtwertung ein wenig nach unten.

Abschließend: Es mag Kritiker geben, denen eine klare anti-faschistische Stellungnahme fehlt (wie es schon 1981 an „Das Boot“ kritisiert wurde). Ich bin hingegen der Ansicht, dass das allgemeinere Statement gegen den Krieg, das „Stalingrad“ ohne Zweifel ist, mindestens ebenso wichtig ist. Kritik am Nationalsozialismus gibt es aber ohnehin im Film, nur ist sie nicht ganz so prominent, wie es manche Kritiker wohl gerne hätten. Die Übertragungsleistung, dass einem solchen Regime nichts Gutes entspringen kann, ist dem Zuseher durchaus zuzumuten – und das kommt im Film auch mehr als deutlich rüber.

Gesamteindruck: 5/7


Originaltitel: Stalingrad.
Regie: Joseph Vilsmaier
Drehbuch: Joseph Vilsmaier, Jürgen Büscher, Johannes Heide
Jahr: 1993
Land: Deutschland
Laufzeit: ca. 130 Minuten
Besetzung (Auswahl): Thomas Kretschmann, Dominique Horwitz, Jochen Nickel, Sebastian Rudolph, Sylvester Groth, Dieter Okras, Dana Vávrová



 

SerienWelt: The Man in the High Castle – Staffel 2

„The Man in the High Castle“ basiert auf der gleichnamigen Erzählung von Philip K. Dick aus dem Jahre 1962. In der von Amazon produzierten Serie ist häufig recht holprig vom „Mann im hohen Schloss“ die Rede, der Roman erschien im deutschsprachigen Raum hingegen unter dem Titel „Das Orakel vom Berge“. Die Serie besteht aus vier Staffeln, die zwischen 2015 und 2019 erstmals ausgestrahlt wurden. In dieser Rezension behandle ich Staffel 2 aus dem Jahr 2016.

Gesamteindruck: 5/7


Die Welt am Abgrund.

Die erste Staffel dieser Amazon-Original-Serie fand ich bis auf kleinere Kritikpunkte gut. Als negativ empfand ich vor allem das oftmals gehetzt wirkende Erzähltempo, das die Protagonisten dazu zwang, in unglaubwürdig hoher Schlagzahl komplexe Probleme zu lösen. Um es vorweg zu nehmen: Zwar meint man auch in Staffel 2 gelegentlich, man hätte versucht, zu viele Ideen in zu kurzer Zeit unterzubringen. Weil das aber eher die Ausnahme als die Regel ist, haben die einzelnen Story-Elemente und Charaktere meines Erachtens deutlich mehr Möglichkeiten, sich zu entfalten. Was freilich nicht heißt, dass es an vorliegenden 10 Folgen gar nichts auszusetzen gibt.

Inhalt in Kurzfassung
Das Deutsche Reich und das Japanische Kaiserreich haben den 2. Weltkrieg gewonnen. Die ehemaligen USA stehen unter Verwaltung der Achsenmächte – die Japaner regieren die Westküste, die Nazis den Osten, dazwischen liegt eine neutrale Zone. Doch es regt sich Widerstand, befeuert durch merkwürdige Filme, die vom „Mann im hohen Schloss“ unters Volk gebracht werden und die eine alternative Realität aufzeigen. Und auch zwischen den mächtigen Verbündeten kommt es zum Konflikt, der in einer nuklearen Katastrophe zu enden droht…

Im Wesentlichen hat Staffel 1 von „The Man in the High Castle“ einen Großteil des relativ kurz gehaltenen Romans von Philip K. Dick erzählt. Dick selbst hatte irgendwann in den 1970er Jahren zwar zu Protokoll gegeben, an einer Fortsetzung zu arbeiten, erschienen ist eine solche aber nie, es gab aber sehr wohl einige Andeutungen zum Inhalt. Eine davon umfasst die Möglichkeit, zwischen verschiedenen Realitäten zu reisen und auch Gegenstände mitzunehmen – so wie es einer der Akteure in Staffel 2 der Serie macht (im Buch gibt es ein vergleichbares Ereignis, das aber eher den Charakter einer Vision hat). Somit ist einer der Punkte, die dazu geführt haben, dass diese Staffel deutlich schlechtere Bewertungen hinnehmen musste eine Idee, die wohl vom Autor des Originals selbst stammt. Meine persönliche Meinung dazu: Ich finde nicht, dass es diesen Kniff unbedingt gebraucht hätte, weil der Serie damit ein Teil ihrer Ernsthaftigkeit genommen wird. Leider ist es noch dazu so, dass das Staffel-Finale in höchstem Maße auf diesen deus ex machina angewiesen ist – schade, diese Problematik wäre doch sicher auch anders lösbar gewesen.

Trotz Schwächen sehenswert.

Von diesem Lapsus (der in meiner Gesamtbewertung der Staffel immerhin zu zwei Punkten Abzug führt) abgesehen, bleibt „The Man in the High Castle“ auch in Staffel 2 sehenswert. Und das durchaus im wahrsten Sinne des Wortes: Vor allem die Optik begeistert weiterhin ohne Wenn und Aber. Das unter japanischer bzw. deutscher Verwaltung stehende Amerika sieht bedrückend-realistisch aus. Das betrifft sowohl Innen- und Außenaufnahmen von Städten und Gebäuden als auch Personen und Gegenstände. Und auch, dass in Staffel 2 öfter mal ein Blick nach Berlin, ins Zentrum des Großdeutschen Reiches, geworfen wird, bringt eine faszinierende (und gleichzeitig ungemein beängstigende) Perspektive. Dort ist die Serien-Welt allerdings bei weitem nicht so gut ausgearbeitet wie in San Francisco und mit Abstrichen New York.

An dieser Stelle merkt man dann auch recht deutlich, dass der Roman von Philip K. Dick keine Vorlage mehr liefert – was in Berlin im Detail passiert, kommt dort einfach nicht vor. Und genau darunter scheint Staffel 2 insgesamt ein wenig zu leiden. Der Höhepunkt, auf den alles hinausläuft, wird selbstverständlich auch im Buch angedeutet: Der innere Machtkampf im deutschen Reich, der in einer Katastrophe für die ganze Welt zu enden droht. Doch irgendwie hege ich Zweifel daran, dass die Auflösung, die uns hier präsentiert wird, im Sinne des Autors gewesen wäre – zu einfach, zu wenig subtil, zu sehr auf Nummer sicher.

Leichter konsumierbar.

Überhaupt machen es die Verantwortlichen dem Publikum in Staffel 2 deutlich leichter. Während die erste Staffel noch – ganz in der Dick’schen Philosophie – auf undurchschaubare Charaktere setzt, die schwer fassbar sind und die wechselnde Sympathien beim Zuseher wecken, verfällt man nun relativ schnell in eine Art von Gut-Böse-Schema. Das ist natürlich bequemer und wesentlich leichter, angenehmer konsumierbar – ob es nun besser ist, wage ich nicht zu beurteilen. Bei mir hat diese Staffel jedenfalls ein positiveres Gefühl hinterlassen (und das hat in diesem Fall nichts mit der technischen und schauspielerischen Qualität zu tun!), gleichzeitig ist mein Eindruck, dass etwas an Tiefe verloren gegangen ist. Interessant, weil gerade die Schwierigkeit, einen Sympathieträger zu identifizieren, ein Kritikpunkt von mir an Staffel 1 war…

Wie man sieht, ist das alles nicht so leicht zu bewerten. Ich fand jedenfalls auch die zweite Staffel von „The Man in the High Castle“ hochspannend, aufgrund etwas zurückgefahrener Subtiltiät vielleicht sogar spannender als Staffel 1. Dennoch fehlt etwas, das ich nicht genauer festmachen kann, sodass ich letztlich einen Punkt weniger springen lasse. Und mich dennoch auf Staffel 3 freue.

Gesamteindruck: 5/7


Originaltitel: The Man in the High Castle
Idee: Frank Spotnitz
Land: USA
Jahr: 2016
Episoden: 10
Länge: ca. 50-60 Minuten
Gesehen auf: Amazon Prime Video
Haupt-Besetzung: Alexa Davalos, Rupert Evans, Luke Kleintank, DJ Qualls, Rufus Sewell, Cary-Hiroyuki Tagawa, Joel de la Fuente, Brennan Brown, Chelah Horsdal



 

SerienWelt: The Man in the High Castle – Staffel 1

„The Man in the High Castle“ basiert auf der gleichnamigen Erzählung von Philip K. Dick aus dem Jahre 1962. In der von Amazon produzierten Serie ist häufig recht holprig vom „Mann im hohen Schloss“ die Rede, der Roman erschien im deutschsprachigen Raum hingegen unter dem Titel „Das Orakel vom Berge“. Die Serie besteht aus vier Staffeln, die zwischen 2015 und 2019 erstmals ausgestrahlt wurden. In dieser Rezension behandle ich Staffel 1 aus dem Jahr 2015.

Gesamteindruck: 6/7


Spannendes Alternativwelt-Szenario.

In meiner Rezension zum Buch „Das Orakel vom Berge“ habe ich es schon geschrieben: Eine alternative Realität, in der die Geschichte ganz anders abgelaufen ist, als wir sie kennen, ist eine reizvolle Idee. Den Roman von Philip K. Dick finde ich gut, umso gespannter war ich, wie das eher philosopophisch-nüchterne Werk für ein audio-visuelles Medium umgesetzt werden würde. So viel sei vorweg genommen: Die erste Staffel von „The Man in the High Castle“ hat meine Erwartungen tatsächlich erfüllt, auch wenn nicht alles perfekt ist.

Inhalt in Kurzfassung
Das Deutsche Reich und das Japanische Kaiserreich haben den 2. Weltkrieg gewonnen. Die ehemaligen USA stehen unter Verwaltung der Achsenmächte – die Japaner regieren die Westküste, die Nazis den Osten, dazwischen liegt eine neutrale Zone. Beide Siegermächte herrschen mit Willkür, oft auch mit Brutalität, wenig verwunderlich also, dass sich Widerstand regt. Und dann gibt es da noch merkwürdige Filmrollen, die eine alternative Realität zu zeigen scheinen, eine Welt, in der der Krieg ganz anders ausgegangen ist…

Wer „Das Orakel vom Berge“ gelesen hat, wird anhand der Inhaltsangabe vermuten, dass sich die Serie relativ nahe an der Vorlage orientiert. Zumindest in gewissen Aspekten – sieht man genauer hin, merkt man beispielsweise schnell, dass es doch recht große Unterschiede gibt. Nichtsdestotrotz schafft die Serie eine hervorragende Atmosphäre, die meines Erachtens genau das Amerika zeigt, das Dick in seinem Roman beschreibt. Das betrifft die Figuren (die selbstherrlichen und sich stets überlegen fühlenden Nazis, die zurückhaltenden und verschlossenen Japaner, die zwischen Hoffnungslosigkeit und Trotz schwankenden Amerikaner), aber auch die gesamte Umgebung. Letztere zeigt eine interessante Mischung aus heruntergekommenen Gegenden, in denen die verarmte Bevölkerung ihr Dasein fristet und den luxuriösen Verwaltungsgebäuden der Besatzer. Vor allem die bombastisch-bedrückenden Nazi-Bauwerke stehen in starkem Kontrast zum 1960er-Feeling. Ich würde sogar sagen, dass die Serie durch ihre visuellen Möglichkeiten dem Buch in dieser Hinsicht überlegen ist, das aber auch, weil Philip K. Dick ein eher philosophischer Autor war, der wenig Wert auf Außenbeschreibungen gelegt hat. Umso erstaunlicher, was die Serien-Macher hier geleistet haben.

Freilich gibt es, wie angedeutet, auch gravierende Unterschiede zum Buch, auf die ich aber nicht allzu sehr eingehen möchte. Gesagt sei, dass die Story nur sehr rudimentär auf den Ereignissen des Romans basiert. Letztlich muss man konstatieren, dass die Geschichte in weiten Teilen vollkommen anders abläuft, was aber nicht zwangsweise bedeutet, dass die Serie schlecht ist. Im Gegenteil – wer sich darauf einlassen kann und nicht ständig Vergleiche mit dem Buch zieht (wobei fraglich ist, ob überhaupt ein nennenswerter Teil des Serienpublikums „Das Orakel vom Berge“ gelesen hat), darf sich auf spannende und unterhaltsame 10 Stunden freuen.

Kleinere Kritikpunkte.

Zwei Kritikpunkte habe ich aber dennoch: Erstens hat man des Öfteren das Gefühl, dass die Showrunner versucht haben, viel zu viele Ideen unterzubringen. Eventuell war ursprünglich nur eine Staffel geplant und man wollte deshalb so viel wie möglich umsetzen? Ich weiß es nicht, aber teilweise entsteht dadurch ein regelrecht gehetzt wirkendes Erzähltempo. Damit geht der zweite Punkt einher: Die Hauptfiguren müssen häufig in hoher Schlagzahl ein Problem nach dem anderen lösen und wechseln dabei auch mal munter ihre Ausrichtung. Ihnen passiert einfach zu viel, sodass man einerseits die Glaubwürdigkeit in Frage stellt, andererseits tatsächlich Probleme hat, einen echten Sympathieträger zu identifizieren.

Dennoch: Die erste Staffel von „The Man in the High Castle“ ist gutes Handwerk, bietet ein tolles Setting und ist spannend, kurz: Hier bekommt man alles, was man von einer modernen Serie erwarten darf. Ich bin jedenfalls sehr gespannt, wie es in Staffel 2 weitergeht.

Gesamteindruck: 6/7


Originaltitel: The Man in the High Castle
Idee: Frank Spotnitz
Land: USA
Jahr: 2015
Episoden: 10
Länge: ca. 50-60 Minuten
Gesehen auf: Amazon Prime Video
Haupt-Besetzung: Alexa Davalos, Rupert Evans, Luke Kleintank, DJ Qualls, Rufus Sewell, Cary-Hiroyuki Tagawa, Joel de la Fuente, Brennan Brown, Carsten Norgaard



 

BuchWelt: Das Orakel vom Berge

Philip K. Dick


„Was wäre, wenn…“ ist ein reizvolles Spiel. So auch in der Variante von Philip K. Dick, der mit dem 2. Weltkrieg eines der einschneidenden Ereignisse der Geschichte auf eine Art und Weise enden lässt, die ein mulmiges Gefühl hinterlässt… 

Gesamteindruck: 6/7


Was wäre, wenn…

Eines der bekanntesten Werke des US-amerikanischen Science Fiction-Autors Philip K. Dick ist „Das Orakel vom Berge“ aus dem Jahre 1962. Noch nie davon gehört? Nun, vielleicht klingelt es ja bei der Original-Bezeichnung: „The Man in the High Castle“. Nicht zuletzt dank der gleichnamigen Serie aus den Amazon Studios, die es von 2015 bis 2019 auf vier Staffeln brachte und auf dem Buch basiert, sollte dieser Titel deutlich mehr Menschen ein Begriff sein. Freilich unterscheidet sich die Serie teils gravierend von den Schilderungen des Buches – aber das soll uns in dieser Rezension nur am Rande tangieren.

Inhalt in Kurzfassung
Die frühen 1960er Jahre: Die Achsenmächte, allen voran das nationalsozialistische Deutschland und das Kaiserreich Japan, haben den 2. Weltkrieg 1947 nach langem Ringen für sich entschieden. Die USA sind ein besetztes und geteiltes Land – der Westen gehört den Japanern, der Osten den Deutschen, dazwischen gibt es eine neutrale Pufferzone. In dieser alternativen Realität leben und arbeiten verschiedene Protagonisten, deren Schicksal mehr oder weniger stark miteinander verbunden ist.

Das Ergebnis des 2. Weltkrieges, das in „Das Orakel vom Berge“ beschrieben wird, ist eine bedrückende, aber auch sehr starke Fiktion – und muss es zu der Zeit, als der Roman geschrieben wurde, noch mehr gewesen sein; immerhin lag das Kriegsende damals noch keine 20 Jahre zurück. Freilich zeigt die moderne Forschung, dass ein Sieg der Achsenmächte auch bei für sie günstigstem Kriegsverlauf kaum zu realisieren gewesen wäre, zu überlegen waren die alliierten Ressourcen an Mensch, Material und Wirtschaftskraft. Wie es dennoch zu diesem verheerenden Ausgang des bisher größten und schrecklichsten Waffengangs der Menschheitsgeschichte hätte kommen können, wird in „Das Orakel vom Berge“ allerdings ohnehin nur in Andeutungen abgehandelt, darunter z. B. eine Reihe von „schwachen US-Präsidenten„, die ihr Land in die Isolation führten.

Erzählerische Dichte.

Inhalt des Buches ist weniger die Frage, wie es überhaupt soweit kommen konnte, wobei es der Autor durch verschiedene Anspielungen und immer wieder eingestreute Passagen versteht, dem Leser sozusagen Brocken hinzuwerfen, aus denen er sich mit Hilfe der Charaktere die Geschichte ganz von selbst konstruieren kann. Dennoch: „Das Orakel vom Berge“ behandelt in erster Linie die Lebensumstände für Sieger und Besiegte im Alltag und bleibt dabei vorwiegend im japanisch besetzten San Francisco bzw. in der neutralen Pufferzone. So erfährt man beispielsweise, dass die Japaner weit gnädigere Herren sind als ihre Verbündeten (die sich ihrerseits wiederum den Japanern überlegen fühlen). Und doch haben sich viele Aspekte der fernöstlichen Kultur in den amerikanischen Alltag geschlichen, was sich beispielsweise im ständigen Verbeugen und im Versuch, stets die wahren Gefühle zu verbergen, zeigt – und was zu langsam aber sicher aufkeimendem Widerstand im amerikanischen Volk führt.

An dieser Ebene des Buches könnte ich jetzt keinerlei Kritik üben, im Gegenteil: All das ist sehr gut gelungen und dargestellt und schafft das Gefühl unglaublicher Tiefe. Es ist geradezu unbegreiflich, wie erzählerisch dicht Philip K. Dick trotz – oder vielleicht gerade wegen? – des relativ geringen Umfanges unterwegs ist.  Man sieht direkt vor sich, wie San Francisco unter japanischer Herrschaft aussehen könnte – und das auf sehr realistische Art und Weise. Das betrifft übrigens auch die durch und durch interessanten und vor allem glaubwürdigen Charaktere. Es gibt hier keine Helden und Schurken, sondern nur Menschen mit verschiedenen Facetten. Eine ganz feine Klinge, die der Autor diesbezüglich führt, das gilt sowohl für die Figuren selbst als auch für deren Handlungen.

Von Heuschrecken und Widerständlern.

Interessant ist, dass „Das Orakel vom Berge“ trotz des relativ geringen Umfangs auf mehreren Ebenen funktioniert. Oben beschrieben habe ich die reizvolle Idee der alternativen Realität und wie das Leben darin aussehen könnte. All das ist für sich schon eine sehr gelungener Roman. Wer aber tiefer gehen möchte, kann sich gemeinsam mit dem Autor auf philosophischer Ebene mit der Frage nach der Wirklichkeit beschäftigen. An dieser Stelle muss ich zugeben, dass mir das teilweise schon fast zu komplex war und ich nicht ganz durchschaut habe, wie der Ansatz genau lautet. Klar ist, dass es mehrfach Anspielungen in diese Richtung gibt – beispielsweise beim Gespräch zweier Figuren über den Wert echter und gefälschter Antiquitäten, der diesen Gegenständen nur durch die emotionale Bindung des Käufers zugewiesen wird. Ob das Objekt echt ist oder nicht, spielt keine Rolle – zumindest solange nicht, wie es der Interessent nicht weiß.

Und dann gibt es da noch das „Buch im Buch“, genannt „Die Plage der Heuschrecke“ (in der Serie handelt es sich dabei übrigens um Filmrollen). Dieses Werk zeigt, wie eine andere Realität aussehen könnte und erzählt wiederum eine Geschichte, in der Deutschland und Japan den Krieg verlieren, wobei die geschilderten Ereignisse nicht denen entsprechen, die wir kennen. Die Frage, wie Hawthorne Abendsen, Autor des „Heuschreckenbuches“ (im Original: „The Grasshopper Lies Heavy“), sein Werk geschrieben hat, bleibt teilweise unbeantwortet, während das Buch selbst ein weiterer Aspekt ist, der zeigt, wie Unwirkliches die Wirklichkeit beeinflussen kann. Denn dieses Buch, verboten bei den Nazis, viel gelesen bei den Japanern, ist durch sein Aufzeigen einer anderen Möglichkeit, wie der Krieg hätte ausgehen können, wichtig für die Widerstandsbewegung und gibt den Menschen Hoffnung.

Der Leser ist gefordert.

Es wäre jetzt zu komplex, auf alle Details einzugehen – und ich bin mir auch nicht ganz sicher, alles zu 100% verstanden zu haben. Gesagt sei aber, dass Philip K. Dick all diese Elemente zu einer interessanten, lesenswerten, nachdenklichen und – ja, auch unterhaltsamen, Geschichte verquickt. Man muss natürlich ein wenig aufpassen, was man erwartet. Denn gerade in dem Punkt, der die Aufklärung bringen könnte, die man sich als Leser erhofft, hält sich der Autor bedeckt. So ist bis zum Schluss nicht klar, ob „Das Orakel vom Berge“ auch in sich in einer alternativen Realität spielt; zumindest bleibt den Charakteren verborgen, ob es so ist. Ein paar Hinweise gibt es, aber so richtig wird nicht offenbart, ob z. B. das „Heuschreckenbuch“ reine Fiktion oder ein Tatsachenbericht aus einem anderen Universum ist. Im Endeffekt überlässt es Philip K. Dick dem Leser, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Er hat eine ansprechende „was wäre, wenn“-Geschichte geschrieben, alles, was darüber hinausgeht, ist ein Bonus, der den, der dazu gewillt ist, zur Gehirnakrobatik anregt. Mitdenken ist also erlaubt, Pflicht ist es aber nicht (zumindest nicht im philosophischen Ausmaß), um das Buch gut zu finden.

Und jetzt entschuldigt mich bitte, ich glaube, ich brauche einen zweiten Versuch, ich habe das Gefühl, dass mir einiges entgangen ist…

Gesamteindruck: 6/7

amazon.com


Autor: Philip K. Dick
Originaltitel: The Man in the High Castle.
Erstveröffentlichung: 1962
Umfang: ca. 200 Seiten
Gelesene Sprache: Englisch
Gelesene Version: Taschenbuch

BuchWelt: Heeresbericht

Edlef Köppen


Von den von mir bis dato zum Thema 1. Weltkrieg gelesenen Romanen ist „Heeresbericht“ von Edlef Köppen der wohl Unbekannteste. Zu Unrecht – tatsächlich denke ich, dass dieses Buch zwei deutschsprachige Referenzwerke übertrifft: „Im Westen nichts Neues“ (1929, Erich Maria Remarque) und „In Stahlgewittern“ (Erstfassung 1920, Ernst Jünger). Dabei dürfte die geringere Bekanntheit von Köppens Werk vor allem dem mehr oder weniger zeitgleichen Erscheinen von u. a. „Im Westen nichts Neues“ geschuldet sein, das bereits damals zum Bestseller wurde, was es ähnlich gelagerten Romanen schwer machte, überhaupt wahrgenommen zu werden.

Gesamteindruck: 7/7


Vom Soldaten zum Pazifisten.

Freilich änderte auch die verhältnismäßig kleinere Auflage von „Heeresbericht“ nichts daran, dass auch dieses Werk der Bücherverbrennung der Nationalsozialisten zum Opfer fiel. Daran zeigt sich schon, dass der Inhalt des Buches keineswegs geeignet war, erneute Kriegsbegeisterung in Deutschland zu schüren; ganz im Gegensatz zum abenteuerlich-unkritischen „In Stahlgewittern“.

Inhalt in Kurzfassung
Student Adolf Reisiger meldet sich 1914 freiwillig zum Kriegseinsatz. Als Artillerist kämpft er im Westen, wird später an die Ostfront verlegt und kehrt schließlich – mittlerweile zum Leutnant der Reserve befördert – mit seinem Regiment an die Westfront zurück. Anfänglich noch mit Begeisterung in den Weltkrieg gezogen, hinterfragt Reisinger mehr und mehr den Sinn dieses Konflikts. Schließlich weigert er sich, an weiteren Kämpfen teilzunehmen und erlebt das Ende des Krieges im Irrenhaus.

Auf den ersten Blick entspricht der „Heeresbericht“, dessen fiktive Handlung stark autobiografische Züge trägt, dem, was Ernst Jünger in seinem Buch beschreibt: Protagonist Adolf Reisiger meldet sich 1914 freiwillig und dient sich im Laufe der Zeit vom einfachen Soldaten zum Offizier hoch (wobei ihm das eher „passiert“, wenn man es genau nimmt), wird mehrfach verwundet, wird ausgezeichnet und überlebt den Krieg. Er sieht wie seine Kameraden verwundet werden und/oder sterben, immer wieder muss er sich mit neuen Leuten arrangieren, die als Ersatz in seine Batterie kommen.

Eine Art Entwicklungsroman.

All das kommt Lesern von „In Stahlgewittern“ bekannt vor. Und doch ist es ganz anders, denn Köppen lässt seinen Protagonisten tatsächlich eine Entwicklung durchmachen, die dem von Anfang bis Ende schneidigen und nahezu perfekten Soldaten Ernst Jünger meiner Ansicht nach völlig abgeht. Denn Adolf Reisiger (bzw. Edlef Köppen selbst) ist als junger Kanonier naiv, fragt sich zum Beispiel, wo denn der Krieg sei und was die Front eigentlich ist (als Artillerist war man ja Kilometer hinter den Gräben der Infanterie stationiert und bekam kaum jemals einen Feind zu sehen). Mit Fortdauer des Krieges beginnt Reisiger mehr und mehr zu zweifeln – nicht nur an der Obrigkeit, sondern vor allem auch an sich selbst. Und das endet auch mit seiner Beförderung zum Leutnant der Reserve nicht, im Gegenteil, als solcher ist es seine Pflicht, Menschen in den Tod zu schicken, womit er schwer fertig wird. Der „Heeresbericht“ ist damit eindeutig ein Statement gegen den Krieg und kombiniert die Stärken von „Im Westen nichts Neues“ mit der militärisch detaillierteren Ausgestaltung und sprachlichen Leichtigkeit von „In Stahlgewittern“.

Neben dem Lob für eine eindringliche, realistische und wirkungsvolle Schilderung scheinen mir zwei Dinge erwähnenswert: Einerseits sind in den „Heeresbericht“ durchgängig historische Auszüge aus echten Heeresberichten, Tagesbefehlen, Zeitungsausschnitten usw. eingearbeitet. Dadurch werden u. a. Differenzen in der Wahrnehmung der Frontsoldaten und dem, was in der zensierten Presse erscheint, kritisch beleuchtet. Zweiter Punkt, der hervorzuheben ist: Es ist hochinteressant, einmal nicht die übliche Perspektive des Infanteristen zu verfolgen. Reisiger ist Artillerist, das Geschehen findet also nur am Rande in den Schützengräben statt, spielt sich vielmehr weit dahinter ab. Freilich war es auch dort alles andere als angenehm, stand man doch häufig mit den gegnerischen Kanonen im mörderischen Fernduell. Für den an die Leiden der Infanterie gewöhnten Leser ist das durchaus bemerkenswert, weil dadurch ein gänzlich anderes Gefühl und eine andere Atmosphäre erzeugt werden. Immerhin sieht der Artillerist kaum jemals seinen Feind, nicht mal, ob die Geschosse überhaupt treffen, ist in der Regel zu erkennen. Man schießt und tötet blind, sozusagen anonym, was aber den Soldaten nicht von seinen Schuldgefühlen zu befreien vermag.

Kaufempfehlung.

Stilistisch ist Edlef Köppen sehr sauber unterwegs. „Heeresbericht“ liest sich angenehm und deutlich flüssiger als das stellenweise etwas schwerfällige „Im Westen nichts Neues“. Ich halte den Bestseller von Remarque zwar auch für ein Meisterwerk, im direkten Vergleich offenbaren sich dann aber doch einige sprachliche Schwächen. Für mein Dafürhalten ist Köppen stilistisch übrigens auch Ernst Jünger überlegen, hat ihm gegenüber außerdem den Vorteil (wenn man das als Vorteil sehen will), sich mit diesem Buch eindeutig gegen den Krieg zu positionieren. Zu alledem kommt noch die genannte Einarbeitung von zeitgenössischen Dokumenten, die sich perfekt in das Gesamtwerk einfügen. Damit ist „Heeresbericht“ für mich tatsächlich einer der besten, wenn nichts sogar der beste Roman zum 1. Weltkrieg. Klare Kaufempfehlung!

Gesamteindruck: 7/7


Autor: Edlef Köppen
Originaltitel: Heeresbericht.
Erstveröffentlichung: 1930
Umfang: ca. 315 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: E-Book

BuchWelt: In Stahlgewittern

Ernst Jünger


„In Stahlgewittern“ ist, im Gegensatz zu „Im Westen nichts Neues“ (1929, Erich Maria Remarque), ein bis heute durchaus umstrittenes Werk. Ein Grund dafür mag sein, dass das Buch ein Bericht ist, der zwar anschaulich das Geschehen an der Westfront des 1. Weltkrieges schildert, dabei aber stets nüchtern und distanziert bleibt. Der Krieg wird von Autor Ernst Jünger nicht kritisch hinterfragt, sondern als Naturereignis, eben wie ein Gewitter, hingenommen.

Gesamteindruck: 5/7


Der Krieg als Naturgewalt.

Inhaltlich schildert Ernst Jünger in den „Stahlgewittern“ durchaus ähnliche Situationen und Erlebnisse, wie sie auch Erich Maria Remarque in „Im Westen nichts Neues“ erzählt. Hier wie dort kommt der Protagonist als junger Kriegsfreiwilliger an die Front, erlebt die ganze Dramatik von Stellungskrieg, Artillerieüberfall, Nahkampf, Chaos und Tod. Damit sind die Gemeinsamkeiten jedoch erschöpft. Denn während Remarques Paul Bäumer immer tiefer in den Strudel aus Gewalt und Verzweiflung gezogen wird und das auch sehr deutlich erkennen lässt, macht Ernst Jünger Karriere: Vom Kriegsfreiwilligen zum Offizier und Zugsführer. Dieser Unterschied wäre – ebenso wie die militärisch viel exakteren Beschreibungen – natürlich Makulatur, wenn sich „In Stahlgewittern“ nicht auch völlig anders lesen würden.

Inhalt in Kurzfassung
Kurz nach Ausbruch des 1. Weltkrieges meldet sich Ernst Jünger nach dem Notabitur als Kriegsfreiwilliger. Nach seiner ersten Verwundung schlägt er die Offizierslaufbahn ein und kämpft – immer wieder unterbrochen durch Verwundungen – als Leutnant, Zugs- und Stoßtruppführer an der Westfront. Ab dem dritten Kriegsjahr wird sein Regiment vorwiegend an Brennpunkten der Front eingesetzt. Seine Erlebnisse hält Jünger in Form eines Tagebuchs fest, an dem er in Ruhestellung, teilweise aber sogar während kurzer Gefechtspausen schreibt.

Zunächst: „In Stahlgewittern“ entstand aus den Tagebuchaufzeichnungen von Ernst Jünger. Das zeigt sich beim Lesen und am Aufbau sehr deutlich, ein Roman mit durchgehender Handlung ist das Buch nur im weitesten Sinne. Schwer zu lesen ist es aber dennoch nicht, ganz im Gegenteil.

Nun aber zum Inhalt; wie der Titel es andeutet, scheint der Krieg für Jünger eine Art Naturereignis, das über den Menschen hereinbricht, gewesen zu sein. Er hinterfragt kaum sein eigenes Tun und das seiner Vorgesetzten – nur an ganz wenigen Stellen schimmert ein wenig Zweifel durch. Ferner schildert der Autor zwar die Grausamkeit des Krieges, der ein Kamerad nach dem anderen zum Opfer fällt, bleibt dabei aber sehr distanziert. Ja, es gibt auch hier die schrecklichen Verwundungen, den Dreck, die erbärmlichen hygienischen Zustände, die immer wieder aufkommende Langeweile und den allgegenwärtigen Tod. Doch all das nimmt Jünger als gegeben und unveränderbar hin, ohne daran zu verzweifeln oder es gar zu kritisieren. Im Gegenteil, der junge Mann scheint ein echter Draufgänger gewesen zu sein; immer wieder ging er, offenbar um der Langeweile zu entkommen, als Freiwilliger auf gefährliche Erkundungs- und Stoßtruppmissionen, bei denen er des Öfteren auch diverse Kameraden gefallen, verwundet oder gefangen zurücklassen musste. Elfmal wurde Jünger verwundet, was ihm aber offenbar nicht sonderlich beeindruckt hat. Der Mann muss ein echter Hasardeur gewesen sein, beschreibt er doch immer wieder, wie lästig ihm beispielsweise trotz diverser Verletzungen sein Stahlhelm war und wie gern er auch im Feuer nur mit einer Mütze unterwegs war.

Keine nationalistischen Anwandlungen.

All das mag dem einen oder anderen Leser reichen, um Jüngers Werk zu verdammen. Mir persönlich nicht, weil ich überzeugt bin, dass es im und nach dem Krieg nicht nur die Remarques, sondern eben auch die Jüngers, die stoisch alles ertragen haben, ohne daran zu zerbrechen, gegeben haben muss. Das mag einem nicht gefallen, weil es auf den ersten Blick kaum geeignet sein ist, nachhaltig aus dem Geschehenen zu lernen – dennoch muss auch diese Sichtweise möglich sein. Zugute halten kann man Jünger auch, dass die Nüchternheit seines Berichtes für beide Seiten der Medaille gilt. So gibt es bei ihm kaum eine Stelle, an der er von Gefühlen wie Zorn oder gar Hass gegenüber den feindlichen Soldaten schreibt; und auch patriotisch-nationalistische Anwandlungen sucht man im Text vergeblich. Jünger kämpft für mein Dafürhalten weniger aus Pflichtgefühl, sondern fast schon um des Kampfes Willen; auch um zu Überleben, aber vorwiegend hat man das Gefühl, dass ihn tatsächlich die Abenteuerlust antreibt. Man kann ihm auch vorwerfen, dass er im Felde viel zu leichtfertig unterwegs war, was vielleicht sogar Menschenleben gekostet hat. Dass er das aus irgendwelchen ach-so-hehren Motiven wie Vaterlandsliebe getan hat, vermag ich aber nicht zu erkennen. Dass er überhaupt überlebt hat, scheint im Übrigen vor allem einer geradezu unglaublich Portion Glück geschuldet zu sein.

Letztlich empfinde ich die Werke z. B. von Erich Maria Remarque, Henri Barbusse oder Edlef Köppen als wichtiger, weil sie meiner Meinung nach dem Krieg genau jenes abenteuerliche Element nehmen, das ihn für uns, die wir nie unter Waffen gestanden haben, in manchen Zeiten verlockend zu machen scheint. Wenn man nur die „Stahlgewitter“ kennt, ist der Schritt zum Gedanken, dass ein Krieg ja gar nicht so schlimm wäre, nicht weit. Denn Jünger schreibt gut, er schreibt leicht lesbar, er schreibt unterhaltsam – und genauso wirkt der Krieg dann auch bei ihm: Letztlich ein einziges großes Abenteuer, bei dem es zwar den einen oder anderen Toten zu beklagen gibt, was aber eher irritiert als traumatisiert. Umso wichtiger ist meines Erachtens eine entsprechend reflektierte Lektüre dieses Buches.

Gesamteindruck: 5/7


Autor: Ernst Jünger
Originaltitel: In Stahlgewittern.
Erstveröffentlichung: 1920
Umfang: ca. 280 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: E-Book

BuchWelt: Der Weg zurück

Erich Maria Remarque


„Der Weg zurück“ ist die Fortsetzung von „Im Westen nichts Neues“. Erfolgsautor Erich Maria Remarque beschreibt darin – wiederum quasi-autobiografisch – den Versuch der ehemaligen Soldaten, nach Kriegsende im Zivilleben Fuß zu fassen.

Gesamteindruck: 6/7


Traumatisierte Heimkehrer.

Der 1. Weltkrieg war nicht nur zwischen 1914 und 1918 ein allseitiges und umfassendes Desaster. Der bis dahin größte Konflikt der Menschheitsgeschichte hatte auch tiefgreifende Folgen für Europa und die ganze Welt. Während in Sachbüchern neben Ursachen und Verlauf vor allem politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Nachwehen diskutiert werden, ist das Erlebnis des Einzelnen großteils der Romanliteratur vorbehalten. Meist konzentrieren sich die Autoren darin eher auf das Geschehen direkt an der Front – so auch Erich Maria Remarque in seinem Bestseller „Im Westen nichts Neues“. Ein Aspekt, den der Autor dort anlässlich der Episode um einen Heimaturlaub des Protagonisten andeutet, findet hingegen weniger Beachtung in der Literatur: Am Ende des Krieges wurden Millionen ehemalige Soldaten ins Zivilleben entlassen – meist völlig auf sich gestellt, oft traumatisiert und mit einer Gesellschaft konfrontiert, die sich grundlegend verändert hatte.

Inhalt in Kurzfassung
Herbst 1918: Der 1. Weltkrieg ist zu Ende, die überlebenden Soldaten kehren in ihre Heimat zurück. Dort müssen sie schnell feststellen, dass sie keineswegs als Helden gefeiert oder auch nur als verdiente Veteranen begrüßt werden. Noch dazu hat sich niemand darüber Gedanken gemacht, ob und wie die teils schwer traumatisierten Männer überhaupt in ein normales Leben zurückfinden sollen.

Inhaltlich ist „Der Weg zurück“ lose mit „Im Westen nichts Neues“ verbunden. Der Ich-Erzähler, Ernst Birkholz, scheint in der Kompanie von Paul Bäumer, dem Protagonisten von „Im Westen nichts Neues“ gewesen zu sein. Denn eben dieser und einige andere Soldaten, die man aus dem Vorgänger kennt, werden namentlich erwähnt; als einziger überlebt hat übrigens der Soldat Tjaden, der hier eine Nebenrolle spielt.

Remarque, der nach dem Krieg selbst mit Depressionen zu kämpfen hatte, arbeitet in „Der Weg zurück“ sehr gut heraus, dass das Drama 1918 keineswegs vorüber war. Die ehemaligen Frontsoldaten begegnen episodenhaft verschiedensten Problemen, die sich über sämtliche Lebensbereiche erstrecken. Das beginnt beim durch Gesichtsverletzungen entstellten Kommilitonen, der sich fragt, ob sein Berufswunsch (Lehrer) noch erreichbar ist, reicht über die offene Feindseligkeit ehemaliger Kameraden, die sich der Revolution angeschlossen haben, bis hin zu den Eltern, die einfach nicht verstehen können, was mit ihren Söhnen im Krieg passiert ist. Zu diesen äußeren Faktoren kommen dann noch innere Zerissenheit und posttraumatische Störungen (ein Begriff, den es damals freilich noch nicht gab), sodass sich insgesamt ein sehr trostloses Bild für die Heimkehrer ergibt. Absurde Situationen wie der Diebstahl und die Schlachtung des Hahnes des Nachbarn (ganz im Sinne des „Requirierens“ an der Front), der ehemalige Bursche, der in der Zivilgesellschaft im Stand deutlich über seinem damaligen Leutnant steht, der nach wie vor schneidige Offizier, der das Feuer auf ehemalige Kameraden, die im Verdacht stehen, Revolutionäre zu sein, eröffnen lässt usw. werden geschildert.

Einblicke in die Psyche.

Alles in allem ist dem Erich Maria Remarque mit „Der Weg zurück“ ein eindringliches Buch mit deutlich anderem Fokus als „Im Westen nichts Neues“ gelungen. Der Autor zeichnet ein Bild, das anhand relativ detaillierter Charaktere schonungslos die Folgen des Krieges aufzeigt – ganz im Gegenteil zur eher atmosphärische Schilderung des Geschehens im Vorgänger. Ich empfinde „Im Westen nichts Neues“ letztlich dennoch um eine Spur stärker, weil geradliniger. In „Der Weg zurück“ bemüht sich der Autor verstärkt darum, das, was in der Psyche der Charaktere passiert, zu beschreiben. Der Versuch ist aller Ehren wert und stellenweise auch sehr intensiv, etwa, wenn sich ein Offizier und Kamerad des Protagonisten zurück an die ehemalige Front begibt und dort (in seinem Kopf) erneut die Schrecken des Grabenkrieges durchlebt. Allerdings muss man auch konstatieren, dass diese Darstellung, eine Art innerer Monolog, nicht ganz die Stärke von Remarque ist und teilweise etwas langatmig ausfällt. Dennoch gelingt es ihm hier ganz gut, das Gefühl von Drama und Trauma in Metaphern zu fassen.

Gesamteindruck: 6/7


Autor: Erich Maria Remarque
Originaltitel: Der Weg zurück.
Erstveröffentlichung: 1931
Umfang: ca. 275 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: E-Book