FilmWelt: Stalingrad (1993)

Was ein Krieg wirklich bedeutet, was er mit den Menschen macht, ist für mich (Jahrgang 1979) nicht nachvollziehbar – zum Glück! Und doch gibt es Begriffe, die mich mit Unbehagen, ja sogar mit Angst, aber auch mit Abscheu erfüllen, wenn ich sie höre oder an sie denke. „Vietnam“ ist ein solches Wort, „Stalingrad“ ein anderes. Ich denke, dass das zu einem Gutteil mit den ersten Anti-Kriegsfilmen zu tun hat, die ich in meinem Leben gesehen habe: „Platoon“ (1986), „Full Metal Jacket“ (1987) und eben „Stalingrad“ (1993) haben Anfang der 1990er tiefen Eindruck bei mir hinterlassen und wirken bis heute nach. 

Gesamteindruck: 5/7


Die Hölle an der Wolga.

Während ich die genannten Hollywood-Streifen in den vergangenen Jahrzehnten immer mal wieder gesehen habe, bin ich mir bei „Stalingrad“ nicht sicher – ich glaube aber, dass ich diesen Film Mitte der 1990er tatsächlich letztmals gesehen habe. Hat sich einfach nie ergeben – aber nun, Netflix sei Dank, konnte ich das nachholen. Entsprechend gespannt war ich, wie ich den in meiner Erinnerung extrem verstörenden Anti-Kriegsfilm im Jahr 2020 und mit wesentlich mehr Genre-Erfahrung aufnehmen würde.

Inhalt in Kurzfassung
1942 steht die Wehrmacht mit ihren Verbündeten tief in Russland und kurz davor, Stalingrad vollständig zu erobern. Doch obwohl die Stadt an der Wolga in Trümmern liegt, leisten die russischen Verteidiger erbitterten Widerstand. In diese Hölle führt der junge Leutnant Hans von Witzland seine Kompanie Sturmpioniere – und schon bald müssen die Männer erkennen, dass die Situation an der Front ganz anders ist, als die Propaganda ihnen weismachen wollte.

Zunächst kurz zur historischen Einordnung: Die Schlacht von Stalingrad (August 1942 bis Februar 1943) war eine der blutigsten Auseinandersetzungen der Menschheitsgeschichte. Sie gilt ferner als einer der großen Wendepunkte des 2. Weltkriegs: Hier wurde die 6. Armee der Wehrmacht eingekesselt und vernichtet. In weiterer Folge konnte nur mit großer Mühe ein Zusammenbruch weiter Teile der Ostfront verhindert werden. Freilich nur kurzfristig, denn nach Stalingrad wurden die deutschen Truppen bis Kriegsende laufend an allen Fronten zurückgedrängt. Diese Darstellung ist natürlich stark vereinfacht und nimmt wenig Rücksicht auf andere Ereignisse, die mindestens genauso viel zur Niederlage des Dritten Reichs beigetragen haben – und doch kommt dieser Schlacht sowohl auf deutscher als auch auf russischer Seite größte Bedeutung zu, vermutlich, weil es im kollektiven Bewusstsein einfach solche Schlüsselmomente braucht.

„Stalingrad“ beschreibt einen Teil dieser Ereignisse aus der begrenzten Sicht einer Gruppe deutscher Sturmpioniere. Ähnlich wie in „Im Westen nichts Neues“ (1930) werden übergeordnete Ereignisse und größere Zusammenhänge nicht thematisiert, der Zuseher weiß im Endeffekt nicht mehr, als die einfachen Soldaten. Dazu passend wird bestenfalls angedeutet, wie es bei den Russen (deren Verluste in Stalingrad übrigens weit über jenen der Wehrmacht und ihrer Verbündeten lagen) aussah. Filme, die vorwiegend die russische Seite von Stalingrad beleuchten gibt es übrigens auch; die bekanntesten Vertreter heißen vermutlich „Enemy at the Gates“ (USA, 2001) und zweimal „Stalingrad“ (Russland, 1990 und 2013; in zweiterem spielt Thomas Kretschmann interessanterweise ebenfalls einen deutschen Offizier). Ein empfehlenswerter deutscher Beitrag ist „Hunde, wollt ihr ewig leben“ (1959).

Düstere Atmosphäre, gute Ausstattung.

Vordergründig ist „Stalingrad“ so, wie ich den Film in Erinnerung hatte: Eine brutale, schonungslose Abrechnung. Mit starken Bildern macht Regisseur Joseph Vilsmaier das Grauen des Krieges nahezu greifbar. Man merkt, dass der 2020 verstorbene Vilsmaier weite Teile seines Berufslebens als Kameramann gearbeitet hatte und genau wusste, wie man beeindruckende Bilder schafft. Dabei hilft ihm auch die für eine deutsche Produktion aus dem Jahre 1993 geradezu unglaublich gute Ausstattung, die sich hinter keinem Hollywood-Blockbuster zu verstecken braucht. Das hat mich ehrlich überrascht – ja, es gab schon über 10 Jahre vorher „Das Boot“ (1981), ebenfalls perfekt ausgestattet, allerdings fast ein Kammerspiel, während „Stalingrad“ wesentlich abwechslungsreichere Kulissen bieten musste. In Sachen Optik sind mir eigentlich nur zwei kleine Kritikpunkte aufgefallen: Ein paar Schnitte sind nicht ganz gelungen – und das Blut ist geradezu reißerisch rot. Ansonsten kann man über Ausstattung und Effekte zu keinem Zeitpunkt meckern.

Die Atmosphäre ist durchgehend trist und hoffnungslos, was „Stalingrad“ meiner Meinung nach mit zu einer der besten Stellungnahmen gegen den Krieg macht. Ruhm und Ehre? Abenteuer? Gibt es nicht; zu keinem Zeitpunkt erliegt der Film dem Pathos, dem auch die besten internationalen Produktionen nicht immer entkommen können. Bemerkenswert ist in dieser Hinsicht auch, dass „Stalingrad“ im Wesentlichen unpolitisch ist. Ja, es gibt da einen Vorgesetzten, der glühender Nationalsozialist ist und entsprechend Abscheu beim Zuseher erweckt. Das ist gut und wichtig, über weite Strecken zeigt der Film jedoch einfache Männer, die, egal, was sie vorher waren, inzwischen ausgelaugt und vom Krieg gezeichnet sind. Ob die Soldaten nun Deutsche oder Russen sind spielt in diesem Fall keine große Rolle mehr – sie alle sind in der gleichen Hölle gefangen, was mitunter ebenfalls eine sehr wichtige Botschaft von „Stalingrad“ ist.

Keine große Geschichte.

Nach so viel Lob folgt meist ein „Aber“. So auch in diesem Fall, denn in meiner Erinnerung hat die unheimliche Atmosphäre des Films, die letztlich dafür verantwortlich ist, wie grauenhaft das Wort „Stalingrad“ nach wie vor in meinen Ohren klingt, seine Schwächen komplett überdeckt. Die sind zwar nicht gigantisch groß, verschweigen möchte ich sie hier aber nicht. Kurz und schmerzlos: Joseph Vilsmaier komponierte herausragende Bilder, ein Geschichtenerzähler und Charakterbildner war er allerdings nicht. Das zeigt sich bereits beim Kennenlernen der Figuren am Anfang des Films: Die Rollen mögen vielleicht sogar der Realität entsprechen, sind für einen Spielfilm jedoch zu wenig akzentuiert. Wir sehen den aristokratischen, unerfahrenen und dienstbeflissenen Offizier, zwei hartgesottene Veteranen (einer gemein, der andere nett) und später noch den jugendlichen Neuling, der nicht viel auf die Reihe bekommt. Mit der Erfüllung dieser Klischees könnte man ja noch leben, allerdings wird es mit Dauer des Films immer schwieriger, überhaupt zu erkennen, wer wer ist. Wenn das ein Stilmittel sein soll, um die Entmenschlichung des einfachen Soldaten zu zeigen: Mission erfüllt. Allerdings wäre es im Sinne der Identifikation vielleicht besser gewesen, die Charaktere mit etwas mehr Tiefe auszustatten. Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang vielleicht Dieter Okras, der in einer Nebenrolle als regimetreuer und unmenschlicher Hauptmann beängstigend unsympathisch rüberkommt. Was aber relativ leicht erklärt ist, weil das die einzige Figur ist, die ein wenig aus dem Rahmen fällt.

Dass die Schauspieler gefühlt unter ihren Möglichkeiten bleiben, hat vornehmlich mit dem Drehbuch zu tun. Teilweise hat man das Gefühl, Vilsmaier lässt seine Riege eine Szene nach der anderen abarbeiten. Der übergeordnete Zusammenhang scheint zu fehlen, wobei das merkwürdig ist, weil Kriegsfilme ja meist auf einer recht ähnlichen Prämisse fußen. So ist auch in „Stalingrad“ die Erfahrung des einzelnen Soldaten, der Versuch, irgendwie mit diesem unfassbaren Leid und Chaos zurechtzukommen, das Thema. Aber so recht dringt das nicht zum Zuseher durch, zumindest geht es mir so. An verschiedenen Stellen, ich vermag sie nicht so richtig zu benennen, klicken per se gute Elemente einfach nicht ganz ineinander. Auch das mag Absicht sein – zumindest wenn der Regisseur wollte, dass der Krieg selbst sozusagen der Star (man verzeihe mir den unpassenden Ausdruck!) des Films ist. In Bezug auf die menschliche Tragödie fehlt allerdings einfach etwas, an dem man sich als Zuseher ein wenig festhalten kann. Besser vermag ich es leider nicht auszudrücken… Schade, all das zieht die Gesamtwertung ein wenig nach unten.

Abschließend: Es mag Kritiker geben, denen eine klare anti-faschistische Stellungnahme fehlt (wie es schon 1981 an „Das Boot“ kritisiert wurde). Ich bin hingegen der Ansicht, dass das allgemeinere Statement gegen den Krieg, das „Stalingrad“ ohne Zweifel ist, mindestens ebenso wichtig ist. Kritik am Nationalsozialismus gibt es aber ohnehin im Film, nur ist sie nicht ganz so prominent, wie es manche Kritiker wohl gerne hätten. Die Übertragungsleistung, dass einem solchen Regime nichts Gutes entspringen kann, ist dem Zuseher durchaus zuzumuten – und das kommt im Film auch mehr als deutlich rüber.

Gesamteindruck: 5/7


Originaltitel: Stalingrad.
Regie: Joseph Vilsmaier
Drehbuch: Joseph Vilsmaier, Jürgen Büscher, Johannes Heide
Jahr: 1993
Land: Deutschland
Laufzeit: ca. 130 Minuten
Besetzung (Auswahl): Thomas Kretschmann, Dominique Horwitz, Jochen Nickel, Sebastian Rudolph, Sylvester Groth, Dieter Okras, Dana Vávrová



 

BuchWelt: Die Elenden

Victor Hugo


Dieses Buch war ein Geschenk. Weder die Person, die es mir geschenkt hat noch ich selbst wussten, dass es sich dabei nicht um eine werkstreue Übersetzung handelt. Freilich wird beim Blick auf die Seitenzahl klar, dass da etwas nicht stimmen kann – hat die Originalausgabe von „Die Elenden“ doch drei Bände und über 1.700 Seiten. Das wurde mir aber erst bewusst, als ich diverse Rezensionen zu vorliegender Ausgabe gelesen habe, vorher hatte ich keine Ahnung, dass diese Ausgabe so stark gekürzt ist.

Gesamteindruck: 5/7


Schön geschrieben, gut zu lesen.

Andererseits scheint es durchaus üblich zu sein, „Die Elenden“ nicht komplett zu übersetzen, weil vor allem die Teile, die sich mit der Gossensprache „Argot“ beschäftigen, nicht sinnvoll übertragen werden können. Warum aber offenbar auch verschiedene historische Anspielungen gekürzt oder weggelassen wurden, weiß ich nicht. Ein Vorteil ist allerdings, dass man sich so auf das Drama konzentrieren kann, das im Original eher den Hintergrund zu sozialen, ethischen und politischen Betrachtungen bildet. Wie viel von diesem Hintergrund durch die Kürzungen verloren gegangen ist, wage ich nicht zu beurteilen – zu wenig firm bin ich in der französischen Geschichte.

Wie auch immer, nun habe ich diese Fassung gelesen und möchte meine Meinung dazu kundtun. Ich habe vor, irgendwann auch eine spätere Übersetzung der Gesamtausgabe zu lesen. Das kann allerdings dauern – sogar diese gekürzte Version ist lange Zeit auf dem Stapel zu lesender Bücher gelegen, bevor ich mich endlich rangewagt habe. Freilich schwebt nun ein Schatten über dieser Rezension, man fragt sich stets, was wohl der Kürzung geschuldet ist und ob man über das Original genauso schreiben würde.

Abenteuerlicher Liebesroman

Jedenfalls: „Die Elenden“ ist als Mittelding aus Liebesdrama und Abenteuerroman für mein Dafürhalten ein sehr starkes Werk. Man schreckt ja oft vor solch ausgewiesenen Klassikern zurück, weil man befürchtet, einen unverdaulichen Brocken Literatur vor sich zu haben. Das Gegenteil ist meiner Meinung nach der Fall. Victor Hugo schreibt und beschreibt flüssig und in einer sehr gut zu lesenden Sprache. Dazu trägt selbstverständlich der Übersetzer bei, jedoch muss man auch bedenken, dass selbst ein Meister dieses Faches nichts aus einer trägen Geschichte machen kann. Und die Handlung, die dem Leser in „Die Elenden“ präsentiert wird, ist alles andere als träge.

Inhalt in Kurzfassung*
Ein entflohener Sträfling wird zunächst rückfällig, dann jedoch – einem herzensguten Bischof sei Dank – geläutert und widmet sein Leben fortan dem Guten. Sogar als er zu Vermögen kommt, bleibt er mildtätig und freundlich. Das hindert einen gewissenhaften Polizisten jedoch nicht daran, dem Helden der Geschichte ständig auf den Fersen zu bleiben. Auch dann nicht, als dieser sich um ein armes, kleines Mädchen kümmert, es aufzieht und später erwachsen werden sieht. Als sich das Mädchen schließlich verliebt und gleichzeitig der Pariser Juniaufstand von 1832 tobt, spitzt sich die Geschichte immer weiter zu.

* Ein neues Feature auf WeltenDing. Ich versuche, Spoiler zu vermeiden.

Die Geschichte liest sich sehr angenehm – man hat über weite Strecken nicht unbedingt das Gefühl, ein Buch aus dem 19. Jahrhundert zu lesen. Victor Hugo scheint ein sehr guter Beobachter gewesen zu sein, zumindest gewinnt man diesen Eindruck, wenn man die genauen Beschreibungen der französischen Lebensweise vom Bauern bis zum Adel liest. Stellenweise blitzt sogar ein wenig Komik durch, ein gewisses Augenzwinkern, das man von einem Roman aus dieser Zeit so nicht unbedingt erwartet.

Dass die Handlung in einen historisch-politischen Kontext eingebunden ist, ist aus meiner Sicht hingegen ein zweischneidiges Schwert. Hugo setzt beim Leser die Kenntnis wichtiger Ereignisse der französischen Geschichte voraus, die zur Zeit, in der er „Die Elenden“ geschrieben hat, noch fest im kollektiven Bewusstsein verankert waren. Heute tut man sich als Laie wesentlich schwerer, sowohl angedeutete als auch umfangreicher geschilderte Ereignisse einzuordnen und zu verstehen. Vermutlich ist das sogar noch herausfordernder, wenn man das Buch in voller Länge liest – oder wird dadurch vielleicht manches sogar verständlicher? Ich weiß es leider nicht. Fakt ist aber, dass auch in dieser gekürzten Ausgabe von Begebenheiten gesprochen wird, die man sich als Nicht-Historiker erst einmal erarbeiten muss, wenn man tiefer in die Materie eintauchen will.

Unabhängig von alledem habe ich „Die Elenden“ sehr gerne gelesen. Es gibt – auch in der gekürzten Fassung – die eine oder andere Länge, im Großen und Ganzen gibt es jedoch nichts an diesem Werk auszusetzen. In der Gesamtwertung macht das gute 5 Punkte, denn bei allem Respekt vor einem anerkannten Meisterwerk muss im Vergleich zur Originalfassung etwas Luft nach oben bleiben. Ein Eindruck, den ich gerne revidieren werden, sollte ich mich hier tatsächlich täuschen und das irgendwann einmal feststellen.

Gesamteindruck: 5/7


Autor: Victor Hugo
Originaltitel: Les Misérables.
Erstveröffentlichung: 1862
Umfang: ca. 610 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Taschenbuch


 

BuchWelt: Die Gräfin Báthory

Andreas Varesi


Dieser Roman ist das Ergebnis langer Recherchearbeit: 10 Jahre soll Andreas Varesi alle Fakten zusammengetragen haben, die er für „Die Gräfin Báthory“ gebraucht hat. Der Aufwand hat sich meines Erachtens gelohnt: Der Autor hat ein spannendes Buch geschrieben und eine gute Mischung aus Historie und Mythologie geschaffen. Auch wenn nicht alles perfekt ist, hat das Werk durchaus seine Momente und kann bedenkenlos weiterempfohlen werden.

Gesamteindruck: 5/7


Unterhaltsam aber nicht ganz befriedigend.

Andreas Varesi hat mit „Die Gräfin Báthory“ einen unterhaltsamen, leicht konsumierbaren historischen Roman geschaffen, der auch – zumindest andeutungsweise – Fantasy-Elemente enthält. Die Sprache ist dabei zwar sehr schön und verständlich, aber auch sehr einfach ausgefallen. Damit ist das Buch ebenso für jüngere Leser geeignet, deren Eltern sich über zu viel Blut und Gewalt keine großen Sorgen machen müssen. Der Autor kommt praktisch immer mit Andeutungen von furchtbaren Gräueltaten der „Blutgräfin“ (und ihrer Gegner, die vor Folter ebenso wenig zurückschrecken) aus. Das führt für den erwachsenen Leser beinahe zwangsläufig zu einem Problem: mehrmals im Roman wird auf sehr gute Art und Weise Spannung aufgebaut und die Freude auf eine Auflösung geschürt – allein, diese kommt nicht bzw. verliert sich in nebulösen Andeutungen. Natürlich ist es nicht notwendig, dass jede Grausamkeit bis ins kleinste Detail beschrieben wird, aber ein wenig mehr „Härte“ wäre dem Thema, dem Hintergrund und der Zeit der Handlung durchaus angemessen gewesen.

Bis auf diesen Makel kann man dem Werk allerdings nicht allzu viel vorwerfen. Die Recherchearbeit scheint gut zu sein (soweit ich als interessierter Laie das beurteilen kann) und das mittelalterliche Ungarn wurde entsprechend düster in Szene gesetzt. Auch die Sprache der Akteure liest sich in meinen Augen durchaus authentisch. Die Handlung selbst erweckt allerdings ein wenig den Schein von Oberflächlichkeit, was zum einen sicher am einfachen Erzählstil, zum anderen vielleicht an den lückenhaften, verfügbaren Fakten über die historische Gräfin Báthory liegt. Dadurch entsteht relativ früh im Buch der Eindruck, dass der (relativ dünne) rote Faden der „Kriminalgeschichte“ (wenn man den Massenmord, der hier stattfand so nennen will/darf) ohnehin nur Mittel zum Zweck ist. Viel ausführlicher werden religiöse, politische und philosophisch-wissenschaftliche Fragen des späten 16./frühen 17. Jahrhunderts erörtert. Ungefähr in der Mitte des Buches geht das sogar soweit, dass man das eigentliche Thema des Romans beinahe vergisst. Inwiefern man sich durch solche „Abschweifungen“ gestört fühlt, ist eine Frage des persönlichen Geschmacks. Mir haben die Exkurse recht gut gefallen.

Was allerdings nicht verhehlt werden soll: Die Auflösung der ganzen Geschichte ist nicht so befriedigend, wie ich mir das gewünscht hätte. Grund dafür sind die bereits angesprochenen, dunklen Andeutungen, bei denen Varesi es bis zum Schluss belässt. Dadurch bleiben die Handlungsstränge zum Teil in der Luft hängen und wirken unfertig, was schade ist. Da der Geschichte einige Fantasy-Elemente hinzugefügt wurden, die kaum auf historischen Tatsachen beruhen dürften, hätte meiner Meinung nach auch ein etwas fantasievollerer Schluss die Geschichte nicht beeinträchtigt. So reicht es leider nur zu 5 Punkten und zur Erkenntnis, dass mein persönliches Lieblingswerk über die Blutgräfin weiterhin das Album „Cruelty And The Beast“ der englischen Band Cradle Of Filth ist (aber das nur als Anmerkung am Rande, es ist mir durchaus bewusst, dass hier nur wenig Vergleichbarkeit gegeben ist).

Gesamteindruck: 5/7


Autorin: Andreas Varesi
Originaltitel: Das Geheimnis der Báthory
Erstveröffentlichung: 2005
Umfang: ca. 380 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Taschenbuch (dzt. vergriffen)


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