FilmWelt: Prey

Die Ankündigung eines neuen Films aus dem Predator-Universum habe ich mit gemischten Gefühlen aufgenommen: „Predator“ (1987) und „Predator 2“ (1990; ja, auch den!) fand ich großartig, über alles, was danach gekommen ist (inklusive der „Alien vs. Predator“-Crossovers), kann man getrost den Mantel des Schweigens hüllen. Ob es „Prey“ (2022 und damit genau 35 Jahre, nachdem Arnold Schwarzenegger erstmals dem außerirdischen Trophäenjäger gegenüber stand, erschienen) gelingt, an alte Qualitäten anzuknüpfen, versuche ich im Folgenden zu klären.

Gesamteindruck: 5/7


Keine leichte Beute.

Der Titel „Prey“ (deutsch: „Beute“) lässt vermuten, dass das Vertrauen in die Strahlkraft einer einst so mächtigen Marke nicht allzu groß gewesen dürfte – immerhin haben wir es hier mit dem ersten Film der Reihe zu tun, der nicht direkt am Namen als Predator erkennbar ist. Vielleicht ist es aber auch eine Art Neustart, der die verkorksten Jahre, die nach „Predator 2“ folgten, vergessen machen soll? Ich weiß es nicht, im Endeffekt spielt es für die Bewertung aber auch keine große Rolle.

Worum geht’s?
Nordamerika im 18. Jahrhundert: Für die junge Comanche Naru ist in ihrem Stamm die Rolle als Heilerin vorgesehen. Sehr zu ihrem Unmut, ist sie doch eine talentierte Jägerin, was aber kaum jemand ihrer Gefährt:innen zu erkennen vermag. Als sie eines Tages eine merkwürdige, feurige Erscheinung am Himmel sieht, glaubt sie die Zeit gekommen, den Beweis für ihre Jagdkunst anzutreten. Was sie nicht weiß: Eine unheimliche Kreatur ist ebenfalls auf der Suche nach Beute…

Man ist ja leider ein gebranntes Kind, was die Weiterführung klassischer Filmreihen ist: Egal, ob „Predator“, „Alien“, „Terminator“, „Indiana Jones“ oder „Stirb Langsam“ – praktisch alles aus der Hochzeit des Action-Kinos wurde nach zwei, drei Filmen gnadenlos gegen die Wand gefahren. Und auch jeder spätere Versuch, eines dieser Franchises für ein moderneres Publikum attraktiv zu machen, scheiterte grandios. Eine detaillierte Analyse dieses Missstandes würde den Rahmen einer Rezension freilich sprengen; nichtsdestotrotz erklärt obige Aufzählung vielleicht, warum ich dermaßen überrascht war, nachdem der Abspann von „Prey“ nach gut anderthalb kurzweiligen Stunden über meinen Bildschirm flimmerte: Nie hätte ich erwartet, dass es überhaupt möglich wäre, dieses Kind der späten 1980er/frühen 1990er im Jahr 2022 so trefflich fortzuführen.

Gute Entscheidungen.

Dass „Prey“ so überzeugend um die Ecke kommt, ist einer Reihe guter Entscheidungen durch Regisseur Dan Trachtenberg (u. a. „10 Cloverfield Lane“) und Drehbuchautor Patrick Aison zu verdanken. So ist beispielsweise die Gestaltung als Prequel in der Regel hochgefährliches Terrain, weil dadurch fast zwangsläufig Probleme mit der Kontinuität entstehen, die speziell älteren Fans sauer aufstoßen (siehe u. a. die Alien-Prequels oder die Star Trek-Serien „Enterprise“ und „Discovery“). Im Falle von „Prey“ ist dem nicht so, weil Zeit und Ort der Handlung so gewählt wurden, dass aufgesetzt wirkende Referenzen auf spätere Filme kaum möglich sind. Anachronismen, die vor allem das alte Publikum übelnehmen könnte, werden dadurch fast ausgeschlossen (eine kleine Anspielung auf „Predator 2“ ist dennoch drin, die wurde allerdings sehr schön eingebaut). Unabhängig davon ist die Form des Prequels in diesem Fall wohl die beste und glaubwürdigste Methode, mit dem Film tatsächlich back to the roots zu gehen.

Erwähnenswert ist in Sachen Entscheidungen ferner, dass die Verantwortlichen darauf verzichten, den Antagonisten durch ausufernde Erklärungen zu entzaubern (siehe auch hier die Alien-Prequels). Heißt: In „Prey“ verhält sich der außerirdische Jäger so, wie man es erwartet; er hat die üblichen Waffen am Start, wirkt aber dennoch etwas urtümlicher als seine späteren Artgenossen. Das alles schließt sich wunderbar und nahtlos an die Darstellung an, die man aus Teil 1 und 2 kennt. Wobei man sich an dieser Stelle ganz leise fragen darf, wieso sich die Technik eines so fortschrittlichen Wesens in über 200 Jahren anscheinend kaum weiterentwickelt hat – aber das nur am Rande, eventuell hat die Ausrüstung vor allem rituelle oder traditionelle Bedeutung und „darf“ sich deshalb kaum ändern.

Was wollen die Fans?

Was mich an „Prey“ neben den genannten Faktoren aber fast am meisten beeindruckt hat: Dan Trachtenberg scheint verstanden zu haben, was das Publikum wirklich von einem Predator-Film erwartet (während man beim Gros der Filme nach 1990 nicht umhin kommt, den Verantwortlichen Geldmacherei mit einem großen Namen zu unterstellen). Eigentlich ist es fast schon erschreckend einfach: Predator war schon immer ein lupenreines Action-Franchise. Klar, wer wollte, konnte Teil 1 als mehr oder weniger tiefsinnige Verarbeitung des amerikanischen Vietnam-Traumas lesen. Vorwiegend waren „Predator“ und „Predator 2“ aber schlicht und einfach zur Unterhaltung gedacht.

Der Rest? Beiwerk, aber dennoch da, was den Filmen trotz der knallenden Fassade immer Herz und Seele verliehen hat, die den späteren Produktionen abgeht. Und so ist es auch mit „Prey“: Wenn man möchte, kann man den Kampf Predator vs. Kriegerin auf verschiedene Weise interpretieren. Beispielsweise könnte es sich dabei um eine Auseinandersetzung einer selbstbewussten Frau mit toxischer Männlichkeit handeln. Oder man sieht darin ganz allgemein den Kampf der amerikanischen Ureinwohner:innen gegen die technische und zahlenmäßige Überlegenheit der weißen Eroberer. Oder als Befreiung der Heldin Naru aus der von ihren Stammesgenoss:innen erwarteten Rolle.

All das ist möglich – genauso ist es, wie angedeutet, aber auch legitim, „Prey“ als einfachen, höchst unterhaltsamen Actionfilm. als Popcorn-Kino im besten Sinne, zu lesen. Das mag von den Anhänger:innen aktueller Filme und Serials belächelt werden, ich persönlich finde diese Herangehensweise allerdings sehr erfrischend: Man hat das Gefühl, dass die Action zählt und alles andere Beiwerk ist und der Regisseur somit genau das macht, wofür diese Filmreihe früher stand. Dennoch fühlt sich „Prey“ deutlich moderner als seine Pendants aus 1987 und 1990 an, ohne der Seelenlosigkeit aktuelle Produktionen anheim zu fallen. Genau vermag ich nicht zu erklären, woran das liegt – für mein Dafürhalten ist es jedenfalls eine außergewöhnliche Leistung.

Überraschend gut ohne zu überraschen.

Was das alles im Umkehrschluss bedeutet, ist klar: In „Prey“ gibt es keine ausgefeilten Dialoge (es wird generell wenig gesprochen) und das Drehbuch ist in weiten Teilen bis ins Detail vorhersehbar. Letzteres ist vermutlich der Kritikpunkt, der am häufigsten in Zusammenhang mit „Prey“ auf den Tisch kommen dürfte: Dan Trachtenberg orientiert sich so stark an „Predator“, dass man zeitweise fast von einer Kopie sprechen muss. Vielleicht ist aber genau das die Stärke eines Films, der genau weiß, was er sein will, was er kann – und was er tunlichst vermeiden sollte. Wahrscheinlich ist das wirklich die Krux: Mir war über die gesamte Länge (schön übrigens, dass man sich auf 100 Minuten beschränkt und das ganze nicht auf zwei Stunden oder mehr aufgeblasen hat) bewusst, dass „Prey“ Fan-Service par excellence ist. Gestört hat mich das allerdings zu keiner Sekunde, was den Film krass von vielen aktuellen Remakes, Prequels und Relaunches unterscheidet.

Anmerkung an dieser Stelle: Die Action ist hervorragend choreografiert, die Kämpfe entsprechend spektakulär; die Effekte sind gut (sieht man von den Raubtieren ab, speziell bei CGI-Bär musste ich schmunzeln), der Antagonist furchteinflößend. Und, was auch noch erwähnt werden muss: „Prey“ ist abseits der Action geradezu herausragend fotografiert und vertont. Selten wirkte ein amerikanischer Wald dermaßen düster, kühl und unheimlich.

Ganz kommt „Prey“ letztlich zwar nicht an die Filme heran, die den Ruhm der Predator-Reihe begründet haben. Dennoch ist Dan Trachtenberg der mit Abstand beste Versuch seit 1990 gelungen, diesen Stoff zu adaptieren. Wenn das das Niveau künftiger Filme aus dem Franchise sein soll, könnte man von mir aus gern damit weitermachen – etwas, das ich mir bisher bei kaum einem Versuch, so alte Schinken in die Moderne zu holen, wünschen würde.

Gesamteindruck: 5/7


Originaltitel: Prey.
Regie:
Dan Trachtenberg
Drehbuch: Patrick Aison
Jahr: 2022
Land: USA
Laufzeit: ca. 100 Minuten
Besetzung (Auswahl): Amber Midthunder, Dane DiLiegro, Dakota Beavers, Stormee Kipp



FilmWelt: Die Farbe

Wie sein großes Vorbild Edgar Allen Poe (1809-1849) war Howard Philips Lovecraft (1890-1937) ein großartiger Erzähler von Schauergeschichten. Seine Stories lesen sich auch heute noch fantastisch, weitgehend entziehen sie sich allerdings – wie jene von Poe – einer filmischen Adaption. Probiert wird es freilich dennoch immer wieder – so ist vorliegendes Werk beispielsweise die bereits vierte Verfilmung von Lovecrafts Kurzgeschichte „Die Farbe aus dem All“ (1927). Zwei weitere Versuche, den Stoff auf Zelluloid zu bannen, folgten 2017 und 2019; so richtig erfolgreich war allerdings keines dieser Projekte.

Gesamteindruck: 6/7


Die Darstellung des Unvorstellbaren.

Warum Poe und Lovecraft als nahezu unverfilmbar gelten, ist schnell erklärt: Einerseits verzichten beide in ihren Geschichten auf explizite Gewalt, strahlende Helden und atemlose Action, was die mögliche Zielgruppe für einen Horrorfilm empfindlich reduziert. Andererseits – und das wiegt deutlich schwerer – liegt der Fokus beider Autoren auf einer sich langsam aufbauenden Atmosphäre des Wahnsinns. Der manifestiert sich vorwiegend im Inneren der Protagonist:innen, was an sich schon schwer darstellbar ist (oder zumindest überdurchschnittlich begabte Schauspieler:innen braucht). Hinzu kommt, dass es kaum detaillierte Beschreibungen der schrecklichen Wesenheiten gibt, denen die Charaktere begegnen.

Worum geht’s?
Der junge US-Amerikaner Jonathan Davis reist Mitte der 1970er Jahre nach Deutschland. Dort, irgendwo in der Nähe eines einsamen Dorfes mitten in den fränkischen Wäldern, ist sein Vater verschwunden. Vor Ort stößt Davis auf eine merkwürdige Geschichte, die mit dem Aufschlag eines Meteoriten viele Jahre zuvor ihren Ausgang nahm. Gemeinsam mit dem Bauer Armin Pierske, der Davis‘ Vater kurz nach dem 2. Weltkrieg kennengelernt hatte, versucht der Amerikaner, dem Geheimnis auf die Spur zu kommen…

H. P. Lovecraft schafft es in seinen Geschichten, die Lesenden durch vage Andeutungen in Schrecken zu versetzen. Will sagen: Gerade das, was er nicht schreibt, regt die Fantasie auf unheimliche Weise an. Daraus folgt, dass der Versuch, das, was die Lovecraft’schen Figuren in den Wahnsinn treibt, im Detail darzustellen, scheitern muss. Denn diese absolut unbegreifliche Fremdartigkeit wird eine Kamera niemals in dem Maße einfangen können, wie es die Fantasie des:der Leser:in tut. Und so ist es auch mit der namensgebenden Farbe, die letztlich keine Ähnlichkeit zu irgend etwas, das wir kennen aufweisen darf, wenn wir der Geschichte folgen, die als Vorbild für diesen Film dient.

Dieses grundlegende Problem war sicher auch Regisseur Huan Vu klar. Ich nehme jedenfalls an, dass das der Hauptgrund gewesen sein dürfte, wieso er sich für einen schwarz-weiß-Film entschieden hat. Klar, das passt zunächst schön zum Setting in den 1970er Jahren, in denen das Farbfernsehen noch in den Kinderschuhen steckte. Vor allem ermöglicht es diese Idee jedoch, die Farbe angemessen darzustellen: An das monochrome Bild hat man sich nach ein paar Minuten gewöhnt; wenn dann plötzlich ein Farbkleks (übrigens irgendwo zwischen violett und rosa) auftaucht, wirkt das tatsächlich völlig fremdartig und unheimlich.

Schauwerte wie die Großen.

Dass „Die Farbe“ meines Erachtens eine der besten Lovecraft-Adaptionen überhaupt ist, hat aber nicht nur mit der Idee, den Film überwiegend in schwarz-weiß darzustellen, zu tun. Hervorzuheben ist auch, dass das Werk trotz seines Indie-Status über Schauwerte verfügt, die sich nicht hinter weit größeren Produktionen zu verstecken brauchen: „Die Farbe“ ist technisch auf sehr hohem Niveau, wobei ich vermute, dass monochrome Bild geeignet ist, vieles zu kaschieren – auch, weil es nicht nur schwarz-weiß, sondern generell auf „alt“ getrimmt ist, was z. B. die Kameraführung betrifft. Dennoch muss man das erst einmal so hinbekommen, denn Bild, Ton und Schnitt sind völlig stimmig und wirken zu keinem Zeitpunkt so, als hätten sich die Verantwortlichen damit übernommen.

Was auch nicht unterschätzt werden sollte: „Die Farbe“ ist – speziell in den Hauptrollen – gut besetzt und stark gespielt. Die mir persönlich völlig unbekannte Riege agiert überaus glaubwürdig; nur an einer Stelle gibt es einen Effekt, den man auch von anderen deutschen Produktionen (z. B. „Tribes of Europa“) kennt: Wenn der Held in einem Wirtshaus mit zwei anderen Gästen spricht, spielen diese beiden so, als wären sie auf einer Theaterbühne. Das lässt diesen Trilog wie einen Fremdkörper wirken. Schade – Beinbruch ist es allerdings auch keiner, denn davon abgesehen findet man kaum etwas an der Leistung der Damen und Herren auszusetzen.

Das alles wäre freilich wenig wert, wenn es dem Regisseur nicht gelungen wäre, die doch recht kurze Story so zu inszenieren, dass sie eine Laufzeit von 90 Minuten füllt. Auch an dieser Front finde ich wenig zu meckern: Der Film ist insgesamt so ruhig, wie man es von einer Lovecraft-Adaption erwarten muss. An den richtigen Stellen gibt es mal mehr, mal weniger dosierten Horror. Alles ist stark auf die Charaktere – speziell auf den Dorfbewohner Armin Pierske (hervorragend gespielt von Michael Kausch) – fokussiert. Das Grauen, das das isolierte Örtchen befallen hat, manifestiert sich eher unterschwellig: Auch wenn es den einen oder andern durchaus schockierenden Ekel-Effekt gibt, sieht man eher, wie z. B. eine Bäuerin ein wenig durch die Gegend torkelt, was erst einmal nach nichts klingt, hier aber eine unheimlichere Wirkung entfaltet, als man meinen mag.

Nicht für jedes Publikum.

Ob das alles für jemanden, der:die das Werk des umstrittenen US-Autors nicht kennt, spannend ist, kann ich nicht beurteilen. Lovecraft-Puristen mögen hingegen enttäuscht sein, weil „Die Farbe“ nicht ganz werkstreu ist – und ich muss zugeben, dass auch ich zunächst Probleme damit hatte, dass die Handlung in die 1970er Jahre versetzt wurde. Umgekehrt ist es aber verständlich, denn so (und durch weitere Anpassungen) war es möglich, die Handlung nach Deutschland zu versetzen, was letzten Endes glaubwürdiger ist, als so zu tun, als befände man sich in den USA, wo Lovecrafts Geschichte ja eigentlich spielt. Das allein schon wegen der Schauspieler:innen, denen man ihre deutsche Herkunft jederzeit anmerkt.

Fazit: Mir hat „Die Farbe“ sehr gut gefallen und ich würde den Film allen, die etwas mit der Literatur von H. P. Lovecraft anfangen können, empfehlen. Für diejenigen, die eine Vorliebe für Indie- und Arthouse-Produktionen mitbringen, mag der Film auch ohne Kenntnis der literarischen Vorlage von Interesse sein. Für ein Massenpublikum ist er vermutlich nichts, was wiederum ganz gut zum Werk des Autors passt, das sich sicher auch nicht für jeden Geschmack eignet. Wer es dennoch – oder gerade deshalb – versuchen möchte, sieht hier meiner Meinung nach eine der bis dato besten Lovecraft-Adaptionen überhaupt, vom typischen Anfang bis hin zu einem Ende, das jede Menge Interpretationsspielraum lässt und wenig bis nichts erklärt.

Gesamteindruck: 6/7


Originaltitel: Die Farbe.
Regie:
Huan Vu
Drehbuch: Huan Vu
Jahr: 2010
Land: Deutschland
Laufzeit: ca. 90 Minuten
Besetzung (Auswahl): Michael Kausch, Ingo Heise, Erik Rastetter, Jonas von Lingen, Marco Leibnitz



FilmWelt: The Witch Next Door

„The Witch Next Door“ (2019) ist einer dieser Fälle, in denen ich – analog zum unlängst besprochenen „Halloween Haunt“ (ebenfalls 2019) – einem Teil der Kritiker:innen beim besten Willen nicht folgen kann (ein Beispiel). Für mich handelt es sich hier um biederen Horror, der ohne große Inspiration und noch dazu recht schwerfällig über den Bildschirm flimmert.

Gesamteindruck: 3/7


Kleinstadt-Horror.

Dass „The Witch Next Door“ bei mir nicht so richtig funktioniert, hat diverse Gründe. Das größte Problem scheint mir jedoch die Austauschbarkeit nahezu aller Aspekte des Films zu sein: Prämisse, Story, Charaktere – fast alles wirkt völlig generisch auf mich. Kein Wunder also, dass der Funke einfach nicht überspringen wollte…

Worum geht’s?
Das Kleinstadt-Idyll, in das Teenager Ben aus Erziehungsgründen geschickt wird, ist trügerisch: Zunächst hat der junge Mann mit den üblichen Problemen seines Alters zu kämpfen und findet schwer Anschluss im Ort. Diese Schwierigkeiten geraten jedoch zunehmend in den Hintergrund, als Ben merkt, dass mit der Familie, die nebenan wohnt, etwas ganz und gar nicht stimmt…

Auch wenn es in meiner Einleitung so rüberkommen mag: Es ist nicht alles schlecht an „The Witch Next Door“ (im Original übrigens „The Wretched“; ich werde wohl nie verstehen, warum deutschsprachige Verleihe einen englischen Titel durch einen anderen ersetzen). Vor allem die Grundstimmung wurde von den für Regie und Drehbuch verantwortlichen Brüder Brett und Drew Pierce gut inszeniert: So wirkt das Küstenstädtchen zwar idyllisch, man merkt als Zuseher:in allerdings sofort, dass hier einiges im Argen liegt. Das Gefühl, dass man dort nicht unbedingt wohnen möchte, ist – ganz im Gegensatz zu einer Legion ähnlicher Filme, die hierfür zum metaphorischen Holzhammer greift – vor allem einigermaßen subtil verpackt, was eine echte Wohltat ist.

Damit hat es sich dann aber leider weitgehend, was die Qualitäten von „The Witch Next Door“ betrifft. Eventuell kann man der Idee, dass die Angehörigen „vergessen“, wen oder was sie verloren haben, noch etwas abgewinnen – das allein reicht aus meiner Sicht aber nicht für einen wirklich spannenden Film. Zumal mir alles zu oberflächlich daher kommt; so, als hätte man eine an sich gute Idee gehabt, damit dann aber nichts Vernünftiges anzufangen gewusst. Damit wirkt die Prämisse wie ein notwendiges Übel, um überhaupt eine Geschichte erzählen zu dürfen. Ein harsches Urteil, ich weiß – aber wenn es hier eine versteckte Ebene geben sollte, ist sie mir entgangen. Oder, anders ausgedrückt: Die Pierce-Brüder haben es nicht geschafft, sie mir zu vermitteln.

Weder richtig schlecht noch wirklich gut.

Unabhängig davon leidet „The Witch Next Door“ aus meiner Sicht an einer ganzen Reihe von Schwierigkeiten, die für sich genommen nicht katastrophal wären, in der Summe aber für den schwachen Gesamteindruck sorgen. So kann man zum Beispiel die Charaktere mit praktisch jedem Beitrag zum Genre des Teenie-Horrors, den man in den vergangenen 25 Jahren gesehen hat, austauschen. Ähnliches gilt für den Cast, der die Figuren verkörpert. Freilich darf man den Schauspieler:innen nicht die Schuld an den Versäumnissen von Drehbuch und Dialogen geben; gleichzeitig muss ich aber schon auch konstatieren, dass es an Spielfreude fehlt.

Das größte Problem ist aus meiner Sicht jedoch das Drehbuch. Das beginnt bereits beim Aufbau der Geschichte, der relativ gemächlich von Statten geht. Das wäre per se nicht negativ, in diesem Fall fehlt es aber so sehr an Spannung, dass man ständig Gefahr läuft, das Interesse des Publikums zu verlieren. Wenn dann irgendwann etwas mehr Bewegung in die Sache kommt, war es für mich zu spät – „The Witch Next Door“ konnte mich einfach nicht mehr „einfangen“. Das auch damit zu tun, dass an keiner Stelle wirklich Überraschendes passiert. Das ist fast schon paradox, bedient sich der Film doch relativ umfangreich an Versatzstücken unterschiedlicher Genres und Werke. Das mag im ersten Moment grandios klingen, ist hier aber so inszeniert, dass man viel zu häufig erahnen kann, was als Nächstes passiert. Letztlich hält sich sogar der Gruselfaktor für meinen Geschmack arg in Grenzen, sodass „The Witch Next Door“ auch hier nicht so richtig zu punkten vermag.

Damit kann ich eigentlich nur ein Fazit ziehen: Die Pierce-Brüder haben hier ein in allen Belangen durchschnittliches Werk geschaffen, das nirgends richtig schlecht – aber eben auch nicht richtig gut – ist. Und das ist mir persönlich einfach zu wenig, wenn ich mir ansehe, aus welchen und wie vielen Filmen man heutzutage frei wählen kann.

Gesamteindruck: 3/7


Originaltitel: The Wretched.
Regie:
Brett Pierce, Drew T. Pierce
Drehbuch: Brett Pierce, Drew T. Pierce
Jahr: 2019
Land: USA
Laufzeit: ca. 95 Minuten
Besetzung (Auswahl): John-Paul Howard, Piper Curda, Jamison Jones, Azie Tesfai, Kevin Bigley



FilmWelt: The Host

Dass Bong Joon-ho ein Könner ist, hat sich längst auch beim westlichen Publikum herumgesprochen. Vor allem seit seiner Comic-Verfilmung „Snowpiercer“ (2013), spätestens aber seit dem mit Awards bis hin zum Oscar überschütteten „Parasite“ (2019), wird der Mann aus Südkorea auch in unseren Breiten als Ausnahmetalent gefeiert. „The Host“ (2006) ist hingegen eines seiner Frühwerke und gilt hierzulande wohl eher als Kuriosum (wenn man denn überhaupt schon einmal davon gehört hat).

Gesamteindruck: 5/7


(Nicht nur) Ein Monsterfilm.

In der Heimat des Regisseurs sieht die Sache freilich anders aus: „The Host“ (oder „Gwoemul„, also „Monster“, wie der Titel im Original lautet) war in Südkorea seinerzeit der besucherstärkste Film überhaupt und liegt in jener Rangliste bis heute (September 2022) auf einem respektablen sechsten Platz. Übrigens weit vor bei uns deutlich bekannteren Streifen wie „Train to Busan“ (2016, Rang 15) oder „Parasite“ (gar nur Rang 19). Wieviel solche Listen über die Qualität aussagen, sei dahingestellt – interessant ist aber allemal, dass dort ein mittlerweile 16 Jahre alter Film vor vielen weit aktuelleren (und inhaltlich vermeintlich ernsthafteren) Werken liegt.

Worum geht’s?
Jahre, nachdem ein südkoreanischer Arzt auf Befehl seines amerikanischen Vorgesetzten Gift in einem Fluss entsorgt hat, kommt es in Seoul zur Katastrophe: Ein augenscheinlich mutiertes Monster steigt aus der Kanalisation empor und greift wahllos Menschen an. Manche werden sofort getötet, andere verschleppt – so auch die junge Hyun-seo. Die Regierung ist mit der Situation völlig überfordert, sodass sich die zerstrittene Familie des Mädchens schließlich selbst auf die Suche macht. Dabei stellt sich heraus, dass die Kreatur nicht die einzige Gefahr ist, die auf die Helden wider Willen wartet…

Ich gebe es zu: Ich habe wenig Ahnung von der fernöstlichen Filmkultur. Mit den japanischen Kaijū-Klassikern wie „Godzilla“ bin ich noch gut vertraut, danach wird die Suppe jedoch dünn. Schon die bei Vielen sehr beliebten Martial-Arts-Streifen waren mir meistens zu abgefahren und haben mich eher davon abgehalten, mich weiter mit Produktionen aus jenem Teil der Welt auseinanderzusetzen. Erst in jüngerer Vergangenheit habe ich erneut versucht, einen Zugang zum asiatischen Film zu finden – und siehe da: Gerade Südkorea hat eine Menge zu bieten, das deutlich hochwertiger ist, als ich es mir jemals erwartet hätte (als weiteres Beispiel sei neben genannten Werken die ausgefallene Zombie-Geschichte „#amLeben“, 2020, genannt).

Einstiegshürden.

Zwei Einstiegshürden, die meiner Erfahrung nach umso höher sind, je älter der Film ist, müssen vom westlichen Publikum meist überwunden werden: Effekte und Schauspielkunst, die sich jeweils stark von dem unterscheiden, was Hollywood-geprägte Zuschauer:innen gewohnt sind. Beginnen wir mit der Optik: Die Special Effects wirken im Vergleich zu amerikanischen und europäischen Blockbustern deutlich weniger realistisch und haben eher die Anmutung von dem, was wir hierzulande aus B- und C-Movies kennen. Vor allem gilt das für computergeneriertes Material, das wie bei den teuersten US-Produktionen nie mit praktischen Effekten mithalten kann. Im Falle von „The Host“ ist das besonders auffällig, heißt: Man sieht leider sehr deutlich, dass z. B. das Monster aus dem Computer stammt. Nun darf man in diesem Zusammenhang aber auch nicht vergessen, dass das, was bei uns als „schlechter Effekt“ gilt, zumindest in Japan durchaus als Teil der Filmkultur gesehen wird (ich erinnere erneut an „Godzilla„) und einen wichtigen Teil des Charmes dieser Produktionen darstellt. Ob das in Südkorea auch so ist, weiß ich nicht; Fakt ist jedenfalls, dass es eine Weile dauert, bis sich das Auge an das eigenwillige Design der Kreatur gewöhnt hat. Dass das hier dennoch relativ schnell passiert, hat damit zu tun, dass der Film inhaltlich sehr stark ist.

Die zweite Hürde ist etwas schwieriger zu beschreiben (und eventuell auch schwerer zu überspringen): Das Schauspiel der Darsteller:innen und, auch nicht zu unterschätzen, die Synchronisation, sind ganz anders, als man es von westlichen Werken kennt. Und hier muss man nun aufpassen, weil ich ganz und gar nicht sicher bin, ob „The Host“ absichtlich Klischees bedient – oder vielleicht doch „ganz normal“ (für eine koreanische Produktion) gespielt ist. Ist ersteres der Fall, würde ich sagen: Mission erfüllt, zumindest auf westliche Augen wirkt das, was die Damen und Herren auf dem Bildschirm veranstalten, teilweise reichlich übertrieben bis hin zur Parodie. Wäre interessant, ob das Kenner:innen der koreanischen Kultur auch so sehen; ich selbst habe einfach viel zu wenig Einblick, um das auch nur halbwegs einschätzen zu können.

Unterm Strich spielt es aber gar keine so große Rolle, ob „The Host“ freiwillig oder unfreiwillig übertrieben bis hin zum Komischen ist: Der Film entwickelt nach einer kurzen Eingewöhnungsphase seinen ganz eigenen Charme und man hat nach einigen Minuten das Gefühl, dass alles genauso ist, wie es sein muss. Was die oben kurz erwähnte Synchro betrifft, gibt es das übliche Problem: Koreanisch unterscheidet sich massiv von Englisch, Deutsch und anderen europäischen Sprachen. Dadurch merkt man deutlich stärker, dass hier synchronisiert wurde, allein schon weil Gestik und Mimik relativ oft nicht zum Gesagten passen. Freilich gewöhnt man sich auch daran, allerdings ist mir das deutlich schwerer gefallen als die Überwindung der weiter oben angesprochenen Hürden.

Eine unterhaltsame Parabel.

Ich habe etwas weiter oben ja schon unser aller Lieblingsmonster Godzilla erwähnt. „The Host“ steht meines Erachtens ganz stark in der Tradition des japanischen Giganten: Hüben wie drüben wird die Parabel eines Monsters genutzt, um auf gravierende Missstände hinzuweisen. Die Folgen der Umweltverschmutzung sind in der südkoreanischen Produktion genauso Thema wie die Unfähigkeit der Regierung, mit einer akuten Krisensituation umzugehen. Vor allem die Hilflosigkeit der Behörden, die überhaupt nicht wissen, wie ihnen geschieht und das an den panischen Menschen auslassen, ist in „The Host“ meiner Ansicht nach sehr gut dargestellt. Interessant auch, dass die Versuche der Verantwortlichen, die Situation zu vertuschen und dabei auch über Leichen zu gehen – etwas, das in solchen Filmen zum guten Ton gehört – hier trotz massiver Überzeichnung keineswegs aufgesetzt, sondern sehr organisch wirkt.

Von diesen klassischen Themen abgesehen, beschäftigt sich „The Host“ auch mit eher Ungewöhnlichem: Der Film ist eine Abrechnung mit der brutalen Leistungsgesellschaft und streift auch Motive des Familiendramas. Denn wir beobachten hier nicht vorwiegend das Schicksal der Massen, die in Seoul in Panik geraten, sondern sehen die verzweifelten Versuche einer Familie, einem ihrer Mitglieder zu helfen. Das allein ist schon dramatisch, hinzu kommt aber, dass die Protagonisten selbst alles andere als frei von Fehl und Tadel sind. Dass sie sich beim Versuch, eine der ihren zu retten, einigermaßen zusammenraufen, mag wie ein Klischee klingen, wird aber in diesem Fall ebenfalls sehr glaubwürdig dargestellt.

Alles in allem finde ich nicht viel an „The Host“ auszusetzen. Klar, den ganz großen Tiefgang gibt es hier nicht, dennoch ist der Film erstaunlich abwechslungsreich und streift deutlich mehr Themen, als man vermuten möchte. Die Story wirkt auf den ersten Blick etwas generisch, ist aber spannend erzählt und auch die Inszenierung stimmt; sogar die eine oder andere Überraschung findet man. Die eigenwillige Optik würde ich nach kurzer Eingewöhnungsphase durchaus als charmantes Alleinstellungsmerkmal verbuchen. Damit steht einer unverhofft hohen Wertung und dem Prädikat unterhaltsam wenig entgegen – wer mit asiatischem Monster-Horror, der aber eigentlich ein für Bong Joon-ho fast schon typischer Genre-Mix ist, grundsätzlich etwas anfangen kann, sollte unbedingt einen Blick riskieren.

Gesamteindruck: 5/7


Originaltitel: 괴물 (Gwoemul).
Regie: Bong Joon-ho
Drehbuch: Bong Joon-ho, Baek Chul-hyun, Ha Won-jun
Jahr: 2006
Land: Südkorea
Laufzeit: ca. 120 Minuten
Besetzung (Auswahl): Song Kang-ho, Byeon Hee-bong, Park Hae-il, Bae Doo-na, Ko Ah-sung



FilmWelt: The Hunt

Die Inhaltsangabe von „The Hunt“ (2020) lässt vermuten, dass hier ein altbekanntes Thema aufgegriffen wird: Menschen, die meinen, außerhalb des Gesetzes zu stehen, machen Jagd auf weniger Privilegierte. „Battle Royale“ (2000), „Hostel“ (2005) und die Serie „Squid Game“ (seit 2021) wären prominente Beispiele für Geschichten, die in diese Richtung gehen. Und „The Hunt“ beinhaltet auch tatsächlich eine ganze Reihe klassischer Genre-Motive. Sehenswert ist der Film aber dennoch – denn wie sich bereits nach wenigen Minuten herausstellt, bricht er gleichzeitig mit vielen Konventionen und birgt Überraschungen am laufenden Band.

Gesamteindruck: 6/7


Wer jagt wen?

Es ist gar nicht so leicht, eine Rezension zu „The Hunt“ einigermaßen spoilerfrei zu gestalten – ein so immanenter Bestandteil dieses Films sind seine Twists. Was man jedenfalls konstatieren kann: Nichts ist so, wie es scheint – nicht einmal, wer der Held oder die Heldin ist, erfährt man auf konventionelle Weise. Und, was noch unstrittig ist: Dieser Film legt ein gewaltiges Tempo vor und schreckt von Anfang an nicht vor expliziter Brutalität zurück. Letzteres hat, in Verbindung mit einer realen Gewaltwelle die in den USA just zu den ersten Ankündigungen des Films stattfand, dafür gesorgt, dass „The Hunt“ ein Jahr später als geplant veröffentlicht wurde (und kein US-Kino von innen gesehen hat). Übertrieben? Mag sein – aber auch ein Zeichen der Zeit, in der wir leben.

Worum geht’s?
Ist es nur eine urbane Legende, ein Scherz oder ein Internet-Phänomen? Angeblich soll sich „die Elite“ regelmäßig treffen, um Jagd auf Menschen zu machen. Und tatsächlich wacht eine Gruppe von Personen, die einander nicht kennen und die nicht wissen, wie ihnen geschieht, geknebelt irgendwo in einem Feld auf. In einer Kiste gibt es neben einem lebendigen Ferkel (!) diverse Waffen zu finden. Die werden auch dringend gebraucht, denn die Menschenhatz geht ohne Umschweife los…

„The Hunt“ startet mit dem üblichen, leicht mysteriösen Vorgeplänkel, in dem einige Charaktere vorgestellt (naja, eher: grob umrissen) werden. Bereits hier geht es sehr brutal zur Sache; am Ort des Geschehens angekommen, dauert es gefühlt nur Sekunden, bis das erste Opfer völlig unerwartet durch einen Kopfschuss niedergestreckt wird. Blut und Hirn spritzen durch die Gegend – und man fragt sich als Zuseher:in, was man hier gerade gesehen hat. Lange kann man nicht überlegen, denn es geht wirklich Schlag auf Schlag und schon nach rund 15 Minuten fragt man sich, wie der Film überhaupt weitergehen soll – denn bereits zu diesem frühen Zeitpunkt sind haben sich die Reihen dermaßen gelichtet, dass man fast schon beim „final girl“ angekommen scheint.

Opfer-Täter-Umkehr (oder so ähnlich?).

Dabei hat man erst der Anfang einer wilden Achterbahnfahrt gesehen, die von nahezu pausenloser Action, aber auch von vollkommen überraschenden Wendungen geprägt ist. Heißt: Auch wer schon den einen oder anderen auf den ersten Blick ähnlich gelagerten Film gesehen hat, wird die Twists, die Regisseur Craig Zobel hier inszeniert, großteils nicht kommen sehen. Und das hebt „The Hunt“ meines Erachtens von „Hostel“, „Battle Royal“ & Co ab: Der Film handelt nicht nur vom Überlebenskampf vermeintlicher Opfer, sondern zeichnet ein ambivalentes Bild, das dazu führt, dass die die Sympathiewerte des Publikums immer wieder wechseln. Das betrifft im Übrigen auch die Täter:innen, die ebenfalls ganz anders sind, als man es erwarten würde.

Dadurch entzieht sich der Film auf ganz eigentümliche Weise der politischen Agitation. Ich denke, es ist kein großer Spoiler, wenn ich es kurz zusammenfasse: Die Bösen, also diejenigen, die eine reale Jagd auf Menschen veranstalten, sind dem politisch links-liberalen Spektrum zuzuordnen, während sich die Opfer, mit denen man sich als Zuseher:in eigentlich voll identifizieren sollte, konservativ bis rechtsextrem sind, wie an diversen Szenen und Rückblenden eindeutig erkennbar ist. Das bringt natürlich ein interessantes Dilemma: Soll man – als selbst eher liberal eingestellter Mensch – nun tatsächlich für diejenigen sein, die Andere fangen, unter Drogen setzen und dann gnadenlos umbringen? Oder soll man sich mit den Opfern identifizieren, die – immer aus Sicht eines Liberalen – Waffennarren, Hassposter und homophobe W*chser sind? Durch diese sehr spannende Verteilung der Opfer- und Täter:innenrollen erhält „The Hunt“ einen Überbau, den man von einem Film, den man anhand des Trailers sofort zu durchschauen meint, nicht erwarten würde. Zumindest ist es mir so ergangen – und ich habe länger über dieses Werk nachgedacht, als mir lieb war.

Gut gespielt ist halb gewonnen.

Die einzige Konstante im ständigen Hin & Her der Story ist letzten Endes die von Betty Gilpin gespielte Crystal. Mir persönlich war die Darstellerin bisher kein Begriff, am ehesten wird sie einem breiteren Publikum vermutlich aus der Netflix-Wrestling-Parodie „GLOW“ (2017 bis 2019), vielleicht auch aus der TV-Serie „Nurse Jackie“ (2009 bis 2015) ein Begriff sein. Davon abgesehen war sie hauptsächlich in einzelnen Folgen anderer Serien zu sehen und hat den einen oder anderen Filmauftritt zu Buche stehen – ob und wann ich sie überhaupt einmal gesehen habe, weiß ich ehrlich gesagt nicht (mehr). Wie dem auch sei: Gilpin spielt in „The Hunt“ ganz hervorragend. Sie ist ja eigentlich ein Opfer der Menschenjäger:innen, will sich aber ganz und gar nicht in diese Rolle fügen.

Doch anders als es beim klassischen „final girl“ wird sie nicht erst gegen Ende zur grimmigen und nahezu unbesiegbaren Kämpferin, sondern hat von Anfang an gewisse Fähigkeiten, die ihr beim Überleben helfen. Das ist freilich dem Drehbuch zu verdanken – was hingegen an der Darstellung durch Betty Gilpin beeindruckt, ist die stoische Ruhe, mit der sich Crystal durch ihre zahlen- und waffenmäßig überlegenen Gegner:innen schneidet. Hier und da gibt es einen lockeren Spruch, insgesamt kommen ihr allerdings nicht allzu viele Worte – und schon gar kein Lächeln – über die Lippen. Die fast schon greifbare Aura von Gefahr, die die Figur umgibt und die Ruhe, die sie dabei ausstrahlt, hat fast schon was von Llewelyn Moss („No Country for Old Men“, 2007), wobei in vorliegendem Fall natürlich alles deutlich überzeichneter ist.

Als Gegenspielerin von Betty Gilpin bzw. Crystal tritt übrigens die von Hilary Swank verkörperte Athena auf. Diese Figur ist leider deutlich weniger interessant und vergleichsweise glatt. Schlecht gespielt ist die Rolle allerdings nicht, sehenswert vor allem der finale Kampf zwischen diesen beiden Charakteren, der viel vom 1. Kapitel („2“) von „Kill Bill – Volume 1“ (2003) hat. Überhaupt lässt die Stimmung von „The Hunt“ immer mal wieder Reminiszenzen an den Tarantino-Klassiker aufkommen, was ich durchaus als Kompliment verstanden wissen möchte.

Fazit: Ich finde tatsächlich kaum Haare in der Suppe, die uns Craig Zobel mit „The Hunt“ vorsetzt. Ihm ist hier ein flotter, höchst unterhaltsamer Film gelungen, der kaum Längen hat, gut gespielt ist, vor überraschenden Wendungen strotzt – und schlicht und einfach Spaß macht. Klar, man muss eine gute Portion Gore ertragen können und auch die Verteilung von Opern und Täter:innen wird nicht Allen schmecken. Mich hat das hingegen nicht gestört – nicht, weil ich mich mit den merkwürdigen Typen, die hier als Opfer dienen, identifizieren konnte, sondern weil dieser Ansatz durchaus dazu führen kann, dass man über die eigene, vermeintlich überlegene Moral nachdenkt. Und das ist dann doch deutlich mehr, als man von einem Film mit einer solchen Story erwarten würde. Daher: Ansehen!

Gesamteindruck: 6/7


Originaltitel: The Hunt.
Regie:
Craig Zobel
Drehbuch: Nick Cuse, Damon Lindelof
Jahr: 2020
Land: USA
Laufzeit: ca. 90 Minuten
Besetzung (Auswahl): Betty Gilpin, Hilary Swank, Emma Roberts, Justin Hartley, Ethan Suplee



FilmWelt: Halloween Haunt

In Amerika sind Spukhäuser, die wie eine Mischung aus Geisterbahn und Escape Room funktionieren, schon länger bekannt und beliebt. Das Publikum gibt sich in solchen Installationen dem gepflegten Grusel hin. Und, wie so oft, scheinen auch hier immer noch extremere Kicks erforderlich zu sein, um noch jemanden hinter dem Ofen hervorzulocken. Dieses Themas nimmt sich der u. a. von Eli Roth produzierte Slasher „Halloween Haunt“ (2019) an.

Gesamteindruck: 2/7


Halloween, Horrorclowns und ein Haus.

Für Drehbuch und Regie des Films, der im Original übrigens nur „Haunt“ heißt, zeichnet das Duo Scott Beck und Bryan Woods verantwortlich. Die kennt man am ehesten als Verfasser des Drehbuchs zu „A Quiet Place“ (2018), ansonsten stammt aus ihrer Feder eher obskures Material, von dem die Meisten wohl noch nie etwas gehört haben dürften (jedenfalls geht es mir so).

Worum geht’s?
Eine Gruppe junger Leute ist zu Halloween auf der Suche nach dem besonderen Kick. Dafür kommt natürlich nur eines in Frage: Der Besuch einer – angeblich besonders extremen – „Haunted House“-Installation. Dort angekommen ist man vorerst noch frohen Mutes, gibt die Handys ab und betritt die heruntergekommene Villa. Gruselig ist es dort allemal, als sich aber herausstellt, dass auch Verletzung und Tod Teil des Halloween-Programms sind, hält das blanke Entsetzen Einzug…

Ich falle einfach mal mit der Tür ins Haus: „Halloween Haunt“ hat mir nicht sonderlich gefallen. Wirklich überraschend ist das nicht, eigentlich war schon an Titelbild und Inhaltsangabe absehbar, dass man sich von diesem Streifen nicht allzu viel erwarten sollte: Halloween, Horror-Clowns und ein Spukhaus sind ja nicht unbedingt Zutaten, die man zum ersten Mal in einem Film gesehen hätte. Angesehen habe ich ihn mir trotzdem, einfach weil ich mal wieder Lust auf einen klassischen Slasher hatte, mit ein bisschen Blut, Nervenkitzel und ein paar Jump-Scares – und mir auf der Suche nach diesen Anforderungen der Zufall vorliegendes Werk empfohlen hat.

Im Endeffekt kann man es so zusammenfassen: „Halloween Haunt“ ist ein durch und durch generischer Film. Das betrifft einerseits die Handlung, die man so oder so ähnlich aus zig Genre-Vertretern kennt und die vor wirklich keinem Klischee halt macht. Andererseits übernimmt der Streifen auch äußere Einflüsse, die eigentlich tunlichst vermieden werden sollten und die wie aus dem Lehrbuch für die letzten Zuckungen der 2. Welle des Teenie-Horrors in den späten 1990er wirken: Dialogzeilen zum Fremdschämen, öde Schauspielerei, austauschbare Gesichter – alles ist da.

Generische Melange, schlecht abgeschmeckt.

Bezüglich Handlung und Drehbuch ist zunächst festzuhalten, dass „Halloween Haunt“ unter dem üblichen Slasher-Phänomen leidet: Die ganze Geschichte ist schlichtweg bescheuert und unglaubwürdig. Vor allem die Frage, warum sich unsere Jungs und Mädels so leicht überreden lassen, das Haus zu betreten, obwohl sofort klar ist, dass etwas nicht stimmt, schwebt die ganze Zeit über wie ein Damoklesschwert über dem Film. Mehr will ich dazu auch gar nicht sagen, jede:r, der/die schon einmal einen ähnlichen Streifen gesehen hat, weiß ohnehin ganz genau, wann was passiert und welche Knöpfe gedrückt werden, um dieses oder jenes Gefühl beim Publikum auszulösen.

Die wahren Probleme von „Halloween Haunt“ beginnen mit der Hauptfigur, die – wie üblich – als graues Mäuschen mit halb-tragischer Hintergrundgeschichte startet, um im Verlauf der Handlung zum klassischen „Final Girl“ zu mutieren und den Spieß umzudrehen. Kann man so machen, ist im Genre irgendwo sogar Pflicht, nur ist es hier dermaßen uninspiriert und ideenlos, dass es fast schon weh tut. Eventuell hängt das auch damit zusammen, dass der Rest des Casts dermaßen beliebig ist, denn als Zuseher:in ist man damit noch mehr auf die gute Harper (verkörpert von Katie Stevens, die wohl das Maximum aus der Rolle herausholt) fixiert. Das erschwert es, über deren schablonenhafte Darstellung hinwegzugehen – zumindest ist es mir so ergangen.

Nun kann man als Fan des Genres solche Dinge normalerweise problemlos ignorieren (Frage am Rande: Wann ist es eigentlich schick geworden, eine schlechte Erzählweise und miese Charaktere als quasi-positiv, weil „unterhaltsam“, anzusehen?). Das habe ich versucht, bin damit aber gescheitert, weil „Halloween Haunt“ für mein Dafürhalten an keiner Stelle richtig gruselig ist. Es kommt auch niemals die nötige Spannung auf und die Erzählung ist trotz ihrer Flachheit merkwürdig schwerfällig. Zu allem Überfluss ist das Spukhaus nicht sonderlich interessant; hier hilft es auch nicht, dass sich zum Ende hin weite Teile des bereits Gesehenen wiederholen, weil man fast exakt den Weg zurückgeht, den man gekommen ist.

Noch nicht einmal beim Ableben der wahlweise blassen und/oder unsympathischen Charaktere kommt man auf seine Kosten. Will sagen: Es gibt kaum Kreativität bei den Todesszenen, was für mein Dafürhalten zur Grundausstattung jedes guten Slashers gehören sollte. Ich weiß, das klingt sehr makaber, aber man denke z. B. daran, wie einfallsreich die Figuren in „Final Destination“ (2000) um die Ecke gebracht werden. Ja, das ist brutal, das ist menschenverachtend – aber es unterhält auf seine Weise durchaus, vor allem auch durch die Überzeichnung. Und dieser Aspekt fehlt hier, ganz abgesehen davon, dass sich „Halloween Haunt“ ohnehin viel zu ernst nimmt.

Auch im Slasher-Eck maximal zweite Reihe.

Mir ist natürlich klar, dass ein solches Werk, auch wenn die Qualität besser wäre, kaum für einen der großen Film- und Fernsehpreise in Frage kommen würde. Das weiß man im Vorhinein – dennoch gibt es meines Erachtens keinen Grund, jeden Slasher gut zu finden, nur weil er nicht mehr ist, als er zu sein vorgibt. Letzteres macht „Halloween Haunt“ zum Glück nicht, aber auch in seiner ureigenen Nische ist der Film weit davon entfernt, positiv aus der Masse herauszustechen.

Dass es mit der Gesamtwertung nicht noch weiter nach unten geht, ist einzig und allein der sauberen technischen Umsetzung zu verdanken. Vor allem die blutigen Effekte wissen durchaus zu überzeugen und haben, zu Recht, für den (erhofften?) „Ab 18“-Sticker gesorgt. Reicht das allein, „Halloween Haunt“ als guten Film abzuheften? Sehe ich nicht so.

Gesamteindruck: 2/7


Originaltitel: Haunt.
Regie:
Scott Beck, Bryan Woods
Drehbuch: Scott Beck, Bryan Woods
Jahr: 2019
Land: USA
Laufzeit: ca. 90 Minuten
Besetzung (Auswahl): Katie Stevens, Will Brittain, Lauryn Alisa McClain, Andrew Caldwell, Shazi Raja



SpielWelt: The Vanishing of Ethan Carter


„The Vanishing of Ethan Carter“ erschien 2014 und ist das erste und bis dato (Juni 2022) einzige Spiel, des polnischen Studios The Astronauts. Inhaltlich haben wir es mit einem Detektiv-Abenteuer mit übernatürlichen und Horror-Elementen zu tun. Diese Beschreibung ist allerdings nur eine grobe Orientierung – weder gibt es im Spiel sonderlich viele oder schwere Rätsel zu lösen, noch läuft man Gefahr, sich zu Tode zu erschrecken. „Walking Simulator“ nennt man so etwas heutzutage wohl…

Gesamteindruck: 3/7


Wo sind denn alle?

Der Star von „The Vanishing of Ethan Carter“ ist eindeutig die Grafik: Das Spiel läuft in der 3. Iteration der Unreal-Engine und sieht auch heute noch großartig aus, mutet nach wie vor fast fotorealistisch an. Zu verdanken ist das der in Spielen relativ selten verwendeten Technik der Photogrammetrie, die Red Creek Valley wie einen tatsächlich existenten Ort wirken lässt. Leider hat der Aufwand, der in die beeindruckende Optik gesteckt wurde, einen gewaltigen Pferdefuß: Die Spielwelt ist leer und kaum interaktiv, heißt: „The Vanishing of Ethan Carter“ ist mehr Grafikdemo als Spiel, was man auch an der kurzen Spielzeit und der recht vagen und wenig mitreißenden Story festmachen kann.

Darum geht’s:
In Red Creek Valley geht es nicht mit rechten Dingen zu – das merkt auch Detektiv Paul Prospero schnell. Dabei ist der Ermittler einiges gewohnt, hat er doch selbst übernatürliche Fähigkeiten, die er nutzt, um seine Aufträge zu erfüllen. Die braucht er auch, denn immerhin scheint nicht nur sein Auftraggeber, ein Junge namens Ethan Carter, verschwunden zu sein, sondern auch von allen anderen Einwohner:innen des abgelegenen Örtchens fehlt jede Spur…

Ich habe nachgesehen: Genau 3:45 Stunden habe ich für einen Durchlauf von „The Vanishing of Ethan Carter“ gebraucht. Nun muss freilich nicht jedes Spiel hunderte Stunden an Content bieten, dennoch überwiegt in vorliegendem Fall die Enttäuschung, wenn der Abspann über den Bildschirm flimmert. Schuld daran ist meines Erachtens vor allem der fehlende Tiefgang: Sobald man sich an der großartigen Grafik sattgesehen hat, stellt man fest, dass es in Red Creek Valley nicht sonderlich viel zu tun gibt. Schade, denn die Welt lädt grundsätlich durchaus ein, nach versteckten Abenteuern und Hinweisen zu suchen. Das kann man auch machen, schließlich ist die Gegend frei erkundbar – umso ärgerlicher, dass es abseits der vorgegebenen Aufgaben absolut nichts zu erleben gibt. Übrigens tendiert der Wiederspielwert mangels alternativer Lösungswege gegen Null, was man ebenfalls bedenken sollte, bevor man sich das Spiel zulegt. Daher an dieser Stelle gleich der Hinweis: Ich würde das Werk nur kaufen, wenn es bei einem der üblichen Anbieter in Aktion ist (ab und an findet man es dort sogar gratis).

Viel Grafik, wenig Inhalt.

Im Folgenden möchte ich auf die wesentlichsten Punkte, die „The Vanishing of Ethan Carter“ für mich zu einem eher mittelprächtigen Vergnügen gemacht haben, eingehen. Beginnen wir zunächst mit der allgemeinen Spielerfahrung: Man bewegt sich in der Ego-Perspektive flott, völlig ruckelfrei und praktisch nahtlos durch die In- und Outdoor-Bereiche einer gar nicht so kleinen Welt. Das funktioniert nach dem klassischen Standards, also per Maus und WASD-Tasten. Schön ist, dass die Grafik trotz ihrer verschwenderischen Pracht problemlos und fehlerfrei scrollt; allein die Lichteffekte gehören bis heute zu den sehenswertesten optischen Spielereien, die ich am PC jemals gesehen habe. Generell erzeugt die Grafik in Verbindung mit dem Sound (großartiges Voice-Acting übrigens!) eine tolle Atmosphäre, die mich sofort hineingezogen hat. Anmerkung am Rande: Freies Speichern ist nicht möglich, Autosave gibt es nur nach Abschluss einzelner „Kapitel“. Ärgerlich, denn damit wird ein kurzes Spielchen zwischendurch unmöglich gemacht.

Unabhängig davon hält die ganz große Begeisterung leider nicht so lange vor, wie man sich das wünschen würde. Zunächst muss man sich vergegenwärtigen, dass „The Vanishing of Ethan Carter“ zwar wie ein modernes 3D-Rollenspiel aussieht, letztlich aber ein Adventure ist. Das äußert sich – neben der Abwesenheit von Charakteren, Kämpfen und Rollenspiel-typischen Werten – vor allem im Design der Rätsel, die allerdings deutlich einfacher als in den alten Point & Click-Adventures sind: Es gibt kein Inventar, man muss meist nicht lange nach notwendigen Gegenständen suchen und auch der Einsatz der übernatürlichen Fähigkeiten ist nicht sonderlich innovativ oder herausfordernd. Wobei ich letzteres ein wenig korrigieren muss: Das Spiel warnt gleich am Anfang, dass es nicht die Hand des Spielers/der Spielerin hält. Das ist wohl wahr, denn mehr als einmal erschließt sich kaum, was als nächstes zu tun ist und wieso es einfach nicht weitergeht. Nur empfand ich das bei meinem Durchlauf nicht als geistige Herausforderung, sondern als schlechtes Design. Klar, trial & error gab es auch früher schon – von einem modernen Spiel würde ich mir dann aber doch etwas mehr erhoffen. Beispielsweise ein Rätsel, die eher Kombinationsgabe als schiere Geduld erfordern…

Kein Story-Highlight.

Wer nun denkt, dass all das keine große Rolle spielen würde, weil „The Vanishing of Ethan Carter“ ohnehin „nur“ auf das Erleben der Geschichte ausgelegt ist, hat einen validen Punkt. Das ist ohnehin symptomatisch für heutige Adventures, siehe zum Beispiel „The Wolf Among Us“ (2013) oder das kürzlich von mir besprochene „Brothers: A Tale of Two Sons“ (2013). Wie in jenen Titeln ist man als Spieler:in auch hier kaum noch gefordert, die eigene Problemlösungskompetenz unter Beweis zu stellen; es geht vielmehr darum, die Story mit einem kleinen Maß an Interaktivität voranzutreiben. Damit habe ich kein prinzipielles Problem, muss aber gleichzeitig konstatieren, dass „The Vanishing of Ethan Carter“ bei weitem nicht so packend erzählt ist, dass die oberflächliche Mechanik dadurch ausgeglichen würde. An dieser Stelle nehmen die Entwickler:innen ihr Publikum dann leider doch etwas zu wenig an die Hand – man muss sich alles selber zusammensetzen, was mehr schlecht als recht gelingt.

Die Handlung als Ganzes ist zwar einigermaßen schlüssig (wenn sie auch nicht vom Hocker reißt), aber alles, was dazwischen passiert ist abwechselnd vage oder wirr. Mir scheint, dass das Spiel tatsächlich auf zumindest einen zweiten Durchgang, bei dem sich alles besser erschließen sollte, ausgelegt ist. Und hier beißt sich die Katze in den Schwanz: Die Mechaniken machen zu wenig Spaß, man wird immer wieder aus der Immersion gerissen und die Laufwege sind oft quälend lang, sodass man eigentlich froh ist, wenn man durch ist (eine kleine Relativierung der kurzen Spielzeit, wenn man so will). Und das, obwohl man genau weiß, dass ein weiterer Durchlauf zum besseren Verständnis der Spielinhalte beitragen würde – was nichts nutzt, wenn die Kosten-Nutzen-Rechnung dagegen spricht. Daraus schließe ich, dass das Konzept des Spiels nicht richtig ausbalanciert wurde – oder dem Studio hat einfach jemand gefehlt hat, der/die eine richtig gute Geschichte zu erzählen vermag.

Weil man trotzdem lange mit staunenden Augen durch die Welt von Red Creek Valley streifen kann, gibt es dennoch drei wohlwollende Punkte. Wer nicht gerade in einer Großstadt wohnt, kann das Gleiche aber im Endeffekt auch ohne Computer erleben, sodass unterm Strich nicht mehr als die beeindruckende Technik stehen bleibt. Der Inhalt von „The Vanishing of Ethan Carter“ verblasst hingegen deutlich in einem der schönsten und beeindruckendsten Sonnenuntergänge in der Geschichte der Computerspiele.

Gesamteindruck: 3/7


Genre: Adventure
Entwickler:
The Astronauts
Publisher: Nordic Games
Jahr:
2014
Gespielt auf: PC


Screenshots aus „The Vanishing of Ethan Carter“ – Copyright beim Entwickler!

FilmWelt: Mother!

„Mother!“ (2017) ist einer der seltsameren Filme, die ich in letzter Zeit gesehen habe. Auch die Kritik war sich bei einer Beurteilung des Werkes von Regisseur Darren Aronofsky, der auch das Drehbuch verfasst hat, nicht einig: Neben einer Nominierung für den Goldenen Löwen bei den Filmfestspielen in Venedig wurden Aronofsky und das Duo Jennifer Lawrence / Javier Bardem, die die Hauptrollen spielen, für jeweils eine Goldene Himbeere vorgeschlagen. Abseits der professionellen Rezensent:innen gehen die Meinungen ebenfalls auseinander – wobei die Tendenz eher positiv ist (z. B. 68% Zuspruch bei Rotten Tomatoes).

Gesamteindruck: 4/7


Unvergleichlich anders.

Vielfach ist über „Mother!“ zu lesen, dass weite Teile des Publikums den Film entweder hassen oder lieben würden, zwischen diesen Polen solle wohl nicht viel Platz sein. Wenn dem so ist, bin ich offenbar in der Minderheit: Auch, nachdem ich mir ein paar Tage Zeit gegeben habe, das Gesehene zu reflektieren, bin ich mir nicht sicher, was ich davon halten soll. Ist das Kunst oder kann das weg? Hat mich „Mother!“ unterhalten, erschreckt oder gelangweilt? Kann man aus dem Werk die eine oder andere Erkenntnis ableiten – oder hat das alles wenig bis nichts mit unserer Welt zu tun? Ich muss zugeben, dass ich mir schwertue, auch nur eine dieser Fragen zu beantworten.

Worum geht’s?
Ein Dichter und seine Muse leben seit Kurzem zurückgezogen in einem großen Haus – er leidet unter einer Schreibblockade, sie versucht ihn so gut wie möglich zu unterstützen und gleichzeitig das Domizil zu renovieren. Eines Tages steht ein Fremder vor der Tür und wird vom Dichter prompt eingelassen. Erst hat die Frau Vorbehalte gegen den unerwarteten Besuch, schließlich willigt sie aber doch ein. Als dann aber erst die Frau des Fremden, später auch noch deren Kinder auftauchen, gerät das Leben im Haus zusehends aus den Fugen…

Die Unsicherheiten beginnen bereits beim Versuch, ein Genre zu benennen: „Mother!“ ist weder ein echter Horrorfilm, noch würde ich ihn als (Psycho-)Thriller bezeichnen. Am ehesten passt der Titel noch in den Mystery-Bereich, daneben findet man neben Elementen der genannten Filmgattungen noch ein paar weitere Versatzstücke und liegt beispielsweise auch mit Begriffen wie Drama, Liebesfilm und Fantasy nicht völlig daneben. Ich denke, die Bezeichnung Mystery-Thriller wird dem Film im Endeffekt noch am ehesten gerecht, aber auch nur, weil sie recht vielfältige Interpretationsmöglichkeiten zulässt.

Unabhängig von diesen – zugegeben oberflächlichen – Schwierigkeiten wird schnell klar, dass wir es hier mit einem sehr speziellen Film zu tun haben. Weniger aufgrund des Inhalts, der erst im weiteren Verlauf immer mysteriöser wird, sondern zunächst vor allem aufgrund der Machart. Besonders die Kameraführung irritiert anfangs, weil sie leicht verwackelt, vor allem aber sehr nahe an der Hauptdarstellerin ist – zu nahe eigentlich und gern auch mal komplett frontal (oder – quasi umgekehrt – in ihrer Egoperspektive), was einige Zeit benötigt, um sich daran zu gewöhnen. Ungewöhnlich ist daran übrigens auch, dass die Kamera NUR der Hauptfigur folgt. Das schafft eine ganz eigene und selten auf diese Art gesehen Unmittelbarkeit: Das Publikum sieht und hört im Endeffekt nur, was die namenlose, von Jennifer Lawrence gespielte Frau auch mitbekommt. Was außerhalb ihres Blickfeldes passiert, bleibt optisch schemenhaft und akustisch unverständlich, ganz so, wie es auch im wirklichen Leben ist, wenn man Personen z. B. im Nebenraum undeutlich miteinander sprechen hört.

Abgesehen davon, dass sie normalen Sehgewohnheiten widerspricht, hat die eigenwillige Kombination aus Bild und Ton aber auch noch einen anderen Effekt: „Mother!“ fühlt sich fast schon klaustrophobisch an, gleichzeitig hat man ständig das Gefühl, etwas zu versäumen, das in der Peripherie des Bildausschnitts passiert. Vermutlich kommt daher der Eindruck, dass man – ganz real – das Unwohlsein und die Hilflosigkeit mit der Hauptfigur teilt. Diesen Aspekt würde ich tatsächlich als große Leistung des Films hervorheben, noch dazu, weil speziell die Wehrlosigkeit der Frau gegenüber ihrer Situation im Laufe der Handlung immer stärker zunimmt – und sich das auch auf den Zuseher/die Zuseherin überträgt, was eine sehr eigentümliche und stellenweise wirklich unerfreuliche Erfahrung ist.

An dieser Stelle seien übrigens zwei weitere Darsteller:innen genannt, die in diesem Film voll punkten können: Michelle Pfeiffer und Ed Harris spielen die Invasoren die in das beschauliche Privatleben des Paares eindringen. Beide schaffen es, ihren Figuren, die vordergründig ganz normalen Menschen entsprechen, eine ausgesprochen düstere und bedrohliche Aura zu verleihen. Auch das ist eine Leistung, die durchaus anerkennenswert ist und die die Spannung durchaus in die Höhe treibt – man will einfach wissen, was es mit diesen beiden Eindringlingen auf sich hat und verfolgt jeden Dialog entsprechend genau.

Zweite Halbzeit mit Längen.

All das deutet darauf hin, dass „Mother!“ ein innovativer und gut gemachter Film ist. Leider kann die Handlung meiner Ansicht nach nur bis zur Hälfte der rund zweistündigen Laufzeit mit der ambitionierten Technik mithalten. In der ersten Stunde rätselt man – wie oben angedeutet – noch mit, was es mit dem Haus und seinen Bewohner:innen sowie den ungebetenen Gästen auf sich hat. Ungefähr zur Halbzeit gibt es dann einen größeren Zeitsprung – und ab diesem Moment nehmen die Längen deutlich zu. Und das, obwohl der Film zunehmend irrational und fantastisch wird, was eigentlich die Spannung erhöhen sollte. Leider verliert sich „Mother!“ in immer groteskere Momente, ohne auch nur ansatzweise eine Möglichkeit zu bieten, an der man sich festhalten kann.

Höhepunkt ist die letzte halbe Stunde, die im Wesentlichen einer surrealen Achterbahnfahrt gleichkommt, deren Zweck im Kontext des bis dahin Gesehenen kaum zu entschlüsseln ist – zumindest ging es mir so, vielleicht habe ich auch etwas übersehen, wer weiß. So oder so habe ich jene Sequenz als höchst anstrengend empfunden – und auch als unbefriedigend, weil mir zum Schluss ziemlich egal war, was der Regisseur uns mit seinem Film überhaupt sagen wollte. Und das ist schade, denn alles, was davor behandelt wurde, hätte eigentlich Denkanstöße zur Genüge geboten – tatsächlich hat mir aber die zweite Stunde die Lust darauf genommen, weil sie dermaßen abgehoben war (beispielsweise findet plötzlich mitten im Haus eine Art Bürgerkrieg statt, inklusive Schusswaffen, Granaten, Tränengas usw.).

Manche Schreiber:innen wollten „Mother!“ ja als möglichen Oscar-Kandidaten sehen. Letztlich reichte es nicht einmal für eine Nominierung, was ich ehrlich gesagt wenig verwunderlich finde, was aber gleichzeitig auch kein Beinbruch ist, weil die Auszeichnung ohnehin eher fragwürdig ist (aber das ist eine andere Geschichte). Ich glaube allerdings nicht, dass man Kamera, Schnitt und Darsteller:innen viel vorwerfen kann, im Gegenteil, all diese Aspekte fand ich durchgehend gelungen – der Inhalt stinkt in der zweiten Hälfte aber dennoch ab, wenn man mir diese harsche Wortwahl verzeiht (die aber auch zeigt, dass ich wirklich enttäusch war). Für ein breiteres Publikum ist „Mother!“ aber so oder so nicht unbedingt geeignet, würde ich sagen. Wer gern mal einen etwas anderen Film sehen möchte, kann jedoch definitiv einen Blick riskieren.

Gesamteindruck: 4/7


Originaltitel: mother!
Regie:
Darren Aronofsky
Drehbuch: Darren Aronofsky
Jahr: 2017
Land: USA
Laufzeit: ca. 120 Minuten
Besetzung (Auswahl): Jennifer Lawrence, Javier Bardem, Michelle Pfeiffer, Ed Harris



FilmWelt: Resident Evil

Den Namen „Resident Evil“ verbindet der/die passionierte Gamer:in zunächst mit der gleichnamigen japanischen Videospielreihe, die dem Genre des Survival Horrors zu weltweitem Durchbruch verholfen hat. Ich selbst kenne die Spieleserie allerdings nur dem Vernehmen nach, was wohl damit zu tun hat, dass ich nicht sonderlich Konsolen-affin bin und „Resident Evil“ anfangs vor allem dort groß war. Entsprechend gering die Vorkenntnisse, mit denen ich an den ersten Realfilm von 2002 herangegangen bin.

Gesamteindruck: 3/7


Zombies in der Tiefe.

Bevor wir zum Film kommen, sei erwähnt, dass sich die Marke „Resident Evil“ als ausgesprochen langlebig erwiesen hat und ferner eines der erfolgreichsten Beispiele für ein Franchise ist, das sich weit über seine Ursprungsplattform ausdehnen konnte. So gibt es allein in der Hauptreihe bis dato zehn Spiele (das zum Zeitpunkt dieser Rezension aktuellste stammt aus 2021), dazu diverse Remakes und Ableger. Weiters wurden unzählige Romane, Comics und Animationsfilme veröffentlicht – und, zwischen 2002 und 2016, eben auch sechs Realfilme. Ein Ende des Hypes ist derzeit nicht absehbar, 2021 startete z. B. mit „Resident Evil: Welcome to Raccoon City“ ein filmisches Reboot.

Worum geht’s?
Kurz nachdem Alice ohne sich an irgend etwa erinnern zu können in einer leeren Villa zu sich kommt, wird das Haus von einer Spezialeinheit gestürmt. Die Soldat:innen nehmen die junge Frau mit in den Hive, einen unterirdischen Forschungskomplex, in dem ein gefährliches Virus freigesetzt wurde. Die Aufgabe der Sicherheitskräfte: Den Zentralcomputer, der die Anlage abgeriegelt hat und außer Kontrolle geraten ist, zu deaktivieren…

Vorliegender Film dürfte der Startschuss gewesen sein, mit „Resident Evil“ einen internationalen Massenmarkt zu erobern. Diesen Versuch kann man nur als gelungen bezeichnen: Allein Teil 1 spielte weltweit über 100 Millionen Dollar ein (bei Kosten von rund 30 Millionen). Eine respektable Leistung, die von den Nachfolgern nochmals in den Schatten gestellt wurde, sodass die Serie als Ganzes weltweit fast 1,3 Milliarden (!) Dollar eingespielt hat. Diese Summe ist per se schon astronomisch – dass sie aber von Filmen, die auf Computerspielen basieren, erwirtschaftet wurde, ist alles andere als alltäglich.

Der Erfolg gibt den Verantwortlichen, allen voran Paul W. S. Anderson, der alle Drehbücher geschrieben und mit zwei Ausnahmen auch immer am Regiestuhl Platz genommen hat, also recht. Und ich will auch nicht bestreiten, dass „Resident Evil“ einiges richtig macht – so richtig vermag ich die Begeisterung jedoch nicht zu teilen. Ich frage mich übrigens, ob Fans der Spiele den Film generell anders (besser? schlechter?) wahrnehmen als Zuschauer:innen, die keine Ahnung von den Games haben. Bzw. ob letztere überhaupt einen nennenswerten Anteil am Publikum haben – das aber nur am Rande.

Ein passabler Vertreter seiner Zunft.

Fangen wir mit dem Positiven an: „Resident Evil“ dürfte tatsächlich eine der besten Spielverfilmungen sein, die es bis dato gibt – wer sehen möchte, was in der Hinsicht normalerweise abgeliefert wird, kann sich z. B. „Mortal Kombat“ (1995, ausgerechnet von Paul Anderson inszeniert, kommerziell allerdings ähnlich erfolgreich wie „Resident Evil“), „Double Dragon“ (1994), „Wing Commander“ (1999) oder – besonders übel – „Alone in the Dark“ (2005) geben. Im Falle von „Resident Evil“ hat es der Regisseur – im Gegensatz zu den genannten und einigen anderen Filmen – zumindest verstanden, die Atmosphäre der Vorlage zu konservieren. Speziell hervorheben möchte ich in diesem Zusammenhang Optik, Schnitt und Soundtrack, die zusammengenommen dem Gefühl eines Videospiels sehr nahe kommen. Und, auch wichtig: „Resident Evil“ funktioniert grundsätzlich auch dann, wenn der Film völlig isoliert von der Spielreihe betrachtet wird, Vorkenntnisse sind also nicht notwendig, um zu verstehen, was im Hive passiert.

Man könnte nun ganze Abhandlungen über die Schwierigkeiten schreiben, die die Umsetzung von Inhalten für verschiedene Medien mit sich bringt. Im Falle der Konvertierung eines Spiels in einem Film würde ich zusammenfassend meinen, dass es meist die Story ist, an der es sich spießt (die Kosten für Spezialeffekte dürften heute keine so große Rolle mehr spielen). Der Grund sollte einleuchten, auch wenn man noch nie ein Spiel in der Hand gehabt hat: Games sind immer interaktiv, d. h. man muss selbst etwas tun, um die Story voranzutreiben. Dabei ist nicht selten der Weg, auf dem diverse Aufgaben zu erfüllen sind, das Ziel. In einem Film sieht man hingegen passiv zu, wie hoffentlich interessante Charaktere etwas tun – entsprechend anders muss die Gewichtung unterschiedlicher Faktoren sein.

In Levels gedacht.

„Resident Evil“ ist in meiner Wahrnehmung großteils wie ein Spiel aufgebaut. Und nein, das ist nichts Gutes, jedenfalls nicht für einen Film. Ein Beispiel: Die Story, die der Film erzählt, mag für ein Spiel, in dem man sie selbst vorantreibt, reichen, weil dort der Fokus in der Regel ein anderer ist. Hier ist sie ärgerlich, weil wahlweise nebensächlich oder vorhersehbar. Oder: Der Aufbau der Forschungsanlage „Hive“ entbehrt jeder Logik, man kann sich nicht vorstellen, dass dort normalerweise Wissenschaftler:innen arbeiten. Der Komplex scheint nur dem Zweck zu dienen, es den Charakteren schwer zu machen, ihn zu durchqueren. Ganz ähnlich ist es mit den Problemen, die dabei zu lösen sind, denn die erinnern in ihrem fast schon modularen Aufbau an die Aufgaben, die man in einem linearen Shooter hat. Zusammengenommen macht all das „Resident Evil“ zu einem überaus schlichten, stellenweise arg berechenbaren Action-Reißer. Mehr will er vermutlich auch nicht sein, dennoch hat mich die gnadenlose Einfachheit des Films ziemlich ratlos hinterlassen. Oder, anders gesagt: Das hier mag einer der besten Versuche sein, ein Computerspiel auf die Leinwand zu bringen – zu einem guten Film wird „Resident Evil“ dadurch aber nicht.

Das größte Problem ist, dass der Film abseits seiner stimmungsvollen Optik und durchgehendem Geballer praktisch nichts zu bieten hat – das allerdings sind Dinge, an denen man sich sehr schnell sattgesehen hat, weil die Varianz fehlt. Eine spannende Geschichte und Charaktere, die mehr sind als bloße Stichwortgeber sucht man hingegen vergeblich. Wie gesagt, man darf von einem Actioner keine philosophische Tiefgründigkeit erwarten – aber das, was die Figuren in diesem Film von sich geben, ist einfach nur dümmlich, jedoch nicht auf die lustige Art: Eigentlich ist „Resident Evil“ komplett humorlos, unfreiwillig komisch sind allerdings die markigen Sprüche der bemüht coolen Eingreiftruppe. Sieht man davon ab, bleibt die Riege der Schauspieler:innen aber völlig blass, speziell die männlichen Figuren.

Milla Superstar?

Glänzen, wenn man das denn so nennen möchte, kann vor allem Hauptdarstellerin Milla Jovovich, die man vorher eigentlich nur aus „Das fünfte Element“ (1997) kannte. Die Rolle der „Alice“ sollte die Karriere der Schauspielerin für die nächsten knapp 15 Jahre prägen; ich wage nicht zu beurteilen, ob die „Resident Evil“-Reihe Fluch oder Segen für ihre weiteren Hollywood-Ambitionen war. Fakt ist jedenfalls, dass Jovovich ihre Sache in vorliegendem Film ganz gut macht. Die Entwicklung ihres Charakters erinnert allerdings stark an die, den sie in „Das fünfte Element“ auch schon gezeigt hat: Vom zerbrechlich wirkenden Mädchen mit Gedächtnislücken hin zu immer mehr Selbstbewusstsein.

Abschließend und der Vollständigkeit halber noch ein paar Fragen, über die man nicht nachdenken sollte, wenn man „Resident Evil“ genießen möchte: Warum wird ein gefesselter Gefangener zu einer so gefährlichen Operation mitgenommen? Warum erklärt das Computerprogramm den „Eindringlingen“ bereitwillig, was sich zugetragen hat? Wieso vertraut die Truppe eben jenem Computer, der sie vorher noch beseitigen wollte? Nunja, ich habe es ja mehrfach angedeutet: Vielleicht ist es besser, einfach das Hirn auszuschalten und den Film als das zu sehen, was er ist: Ein Action-Streifen mit Horror- und Science Fiction-Elementen, der schnell, laut und ab und an etwas düster ist. Nicht mehr, aber auch nicht weniger und bei weitem nicht so schlimm wie vieles, das ähnlich aufgebaut ist. Ich glaube, 3 von 7 Punkten sind dafür gerechtfertigt.

Gesamteindruck: 3/7


Originaltitel: Resident Evil.
Regie:
Paul W. S. Anderson
Drehbuch: Paul W. S. Anderson
Jahr: 2002
Land: Deutschland, Großbritannien
Laufzeit: ca. 100 Minuten
Besetzung (Auswahl): Milla Jovovich, Michelle Rodríguez, Eric Mabius, James Purefoy, Martin Crewes



FilmWelt: Cargo

Der Zombiefilm ist ein Genre, das sich seit Jahrzehnten nicht versiegen wollenden Nachschubs an Material erfreuen darf. Neben der Güte von Effekten und Drehbüchern stellt sich ob der unüberschaubaren Auswahl allerdings vor allem eine zentrale Frage: Fügt ein Film diesem klassischen Thema einen neuer Aspekt hinzu? Davon hängt der Unterhaltungswert der (Post)-Apokalypse zwar nicht zwangsläufig ab – dennoch freut sich der geneigte Fan, gleich einer/einem sabbernden Untoten, über jedes bisschen Frischfleisch, das von findigen Regisseur:innen in die Arena geworfen wird.

Gesamteindruck: 4/7


Ein Mann und ein Baby.

„Cargo“ (2017) ist ein eher ruhiger Vertreter seines Genres. Vom sonst so gern gezeigten Chaos, von Plünderungen und Gewalt, die den Anfang vom Ende der Zivilisation einleiten, ist hier nichts zu sehen. Im Gegenteil, das postapokalyptische Australien ist zunächst vergleichsweise friedlich: Man fährt mit dem Hausboot den Fluss hinunter, wirft die Angel aus, winkt einer Familie zu oder holt sich Vorräte von einem gestrandeten Kahn. Dass das nicht lange gut gehen kann, liegt auf der Hand – doch auch wenn „Cargo“ zu gelegentlichen Ausbrüchen neigt, bleibt der Film primär nahe an den persönlichen Emotionen seiner Charaktere und nimmt sich Zeit für eine Erzählung, die mehr Drama als Action beinhaltet.

Worum geht’s?
48 Stunden – so lange dauert es, bis man sich nach dem Biss einer infizierten Person in eine willenlose Kreatur verwandelt, die sich vom Fleisch anderer Menschen ernährt. Es sind also denkbar ungünstige Umstände, unter denen Andy und seine Frau Kay nach Ausbruch einer mysteriösen Seuche versuchen, ihre kleine Tochter Josie zu beschützen. Als Kay sich ansteckt, muss Andy eine Entscheidung treffen – und beschließt wider besseres Wissen, sich nicht von ihr zu trennen. Kurz darauf bereut er diesen Schritt, aber es ist zu spät: Er wurde gebissen, eine Heilung gibt es nicht; Andy hat nun 48 Stunden Zeit, die hilflose Josie in einem Australien, in dem nur das Recht des Stärkeren gilt, in gute Hände zu geben…

Ich weiß nicht, wie oft der Begriff „Zombies“ im Allgemeinen in Genrebeiträgen genannt wird. Heute scheint es mir geradezu verpönt zu sein, ihn zu benutzen – und „Cargo“ bildet in dieser Hinsicht keine Ausnahme, indem vor allem von Infizierten gesprochen wird. Es gibt jedoch ein anderes Alleinstellungsmerkmal (oder zumindest einen Aspekt, der bisher noch nicht bis zum Umfallen ausgereizt wurde): Der Film konzentriert sich überhaupt nicht auf die Infizierten, die man auch relativ selten deutlich zu Gesicht bekommt. Das Finden eines Heilmittels, der Kampf um die knappen Ressourcen oder große, gesellschaftliche Umwälzungen sind ebenfalls kein Thema. Es geht in „Cargo“ vielmehr darum, wie eine Familie mit einer tödlichen Krankheit, vor der es kein Entrinnen gibt, umgeht. Was nicht heißen soll, dass es überhaupt keine Zombie- oder sonstige Action gibt; sie steht allerdings nicht im Mittelpunkt der Handlung. Wir haben es hier also mit einem etwas „anderen“ Film zu tun haben, der Liebhaber geradliniger und blutiger Action vermutlich enttäuschen wird.

Normalos als Protagonist:innen.

Die Figuren in Zombiefilmen sind meist Actionheld:innen oder charismatische Anführer:innen, gerne auch beides in Personalunion. Anders in „Cargo“: Hier stellt sich das unwahrscheinlichste Wesen, das man sich vorstellen kann… Naja, schlechter Gag. Jedenfalls spielt Martin Freeman die Hauptrolle in dieser australischen Produktion – und er ist hier natürlich nicht der Hobbit. Wer die umstrittene Trilogie von Peter Jackson kennt, mag sich allerdings schwer tun, den ernsthaften Schauspieler Freeman komplett von seiner Rolle als Bilbo Beutlin zu trennen. Ich gebe zu, dass ich abseits jener Mammut-Produktion und der Serie „Sherlock“ (2010-2017) wenig von unserem Mann gesehen habe – es ist aber nicht zu übersehen, dass er sich in „Cargo“ häufig seiner Auenland-Mimik bedient, was zwar sympathisch ist, es aber gelegentlich schwer macht, ihm vorliegendes Drama abzunehmen. Wer darüber hinwegsehen kann, bekommt in „Cargo“ aber einen über weite Strecken glaubhaften und stark aufspielenden Martin Freeman zu sehen. An ihm liegt es meines Erachtens jedenfalls nicht, dass vorliegender Film international nicht allzu viel Beachtung gefunden hat.

Am restlichen Cast auch nicht, wobei man im Wesentlichen nur zwei Figuren hervorzuheben braucht (der Rest hat relativ wenig Screentime, sieht man vom Baby ab): Anthony Hayes gibt eine Art australischen Redneck, einen echten Kotzbrocken, der vor keiner Grausamkeit zurückschreckt, um auch in der Postapokalypse seinen Willen zu bekommen. Höchst unsympathisch – also auch gut gespielt, würde ich sagen. Und dann gibt es da noch die von Simone Landers dargestellt Thoomi, die der Hauptfigur im Laufe des Films als Führerin zu einem Stamm von australischen Ureinwohner:innen dient. Auch sie macht ihre Sache gut, sodass in Hinblick auf die Besetzung wenig an „Cargo“ zu kritisieren ist. Es sei denn, man hätte grundsätzlich ein Problem mit einer Kinderrolle, die auch mal ein wenig nerven kann. Ich persönlich fand diesen Charakter allerdings sehr passend umgesetzt.

Anders.

Der Rahmen von „Cargo“ unterscheidet sich auf den ersten Blick gar nicht so sehr von anderen Filmen dieser Art: Ein Mann versucht, einen sicheren Ort für sich und seine Tochter zu erreichen und trifft dabei auf verschiedenen Charaktere, die ihm mal mehr, mal weniger freundlich gesinnt sind. Soweit so klassisch, wozu auch passt, dass die Hauptfigur ihre moralische Überlegenheit voll und ganz ausspielen darf. Und doch: Trotz Verwendung bekannter Versatzstücke fühlt sich „Cargo“ insgesamt anders an. Es ist wohl die Konzentration auf Einzelschicksale, die den Titel von der Konkurrenz abheben. Jeder der wenigen Charaktere im Film ist individuell ausgestaltet (freilich nicht alle gleichermaßen ausführlich), was schon einen Unterschied zu jenen Beiträgen macht, die auf Masse statt Klasse setzen, was ich im Übrigen nicht zwangsweise negativ finde.

Was außerdem positiv auffällt: „Cargo“ endet für die Hauptfigur nicht gut, was ein durchaus überraschender Effekt ist (das Finale ist übrigens eine interessante Mischung aus witzig und traurig). Ich könnte mich ad hoc nicht erinnern, das schon mal in diesem Ausmaß gesehen zu haben (ausgenommen „The Walking Dead“, das als Serie aber ganz anders mit den Figuren umgehen kann). Und: Es wird ein Bezug zu den australischen Ureinwohnern hergestellt, die es offenbar als eine von ganz wenigen Gruppen schaffen, den Infizierten zu trotzen, indem sie sich ihrer eigenen, von den Weißen unverstandenen Traditionen bedienen. Auch, wenn das nicht ganz schlüssig erklärt wird, hat mir dieser Aspekt ebenfalls gut gefallen.

Woran hapert es dann eigentlich? Ehrlich gesagt fällt es mir schwer, das zu benennen. „Cargo“ sieht gut aus, hört sich gut an, ist eigenständig genug und hat einen sympathischen Hauptdarsteller. Leider hat mich der Film dennoch nicht sonderlich gut unterhalten; er hat seine Längen und leidet stellenweise unter faden Dialogen. Dass er wenig Hintergrund zur Katastrophe selbst bietet, ist ebenfalls ein Problem – kein grundsätzliches, weil ein solcher Film das eigentlich auch gar nicht machen muss. Nur müsste dann seine individuelle Erzählung voll und ganz überzeugen, was sie aber nicht tut: Der rote Faden kommt mir ganz dünn vor, wie Butter auf zu viel Brot verstrichen (noch ein blöder Gag, ich weiß). Vielleicht ist das auch einmal mehr ein Beweis dafür, dass es nur in den seltensten Fällen gelingt, ein Konzept für einen Kurzfilm (denn auf einem solchen basiert vorliegender Titel) auf abendfüllende Länge aufzublasen. Die Folge: Trotz guter Ansätze gibt es leider nur eine durchschnittliche Wertung für „Cargo“.

Gesamteindruck: 4/7


Originaltitel: Cargo.
Regie:
Ben Howling, Yolanda Ramke
Drehbuch: Yolanda Ramke
Jahr: 2017
Land: Australien
Laufzeit: ca. 100 Minuten
Besetzung (Auswahl): Martin Freeman, Anthony Hayes, Simone Landers, Susie Porter