FilmWelt: Sputnik – Es wächst in dir

Abseits des Hollywood-Mainstreams gibt es immer wieder gute und frische Ideen zu entdecken. „Sputnik – Es wächst in dir“ (2020) ist einer dieser Filme, die es schaffen, dem alt-ehrwürdigen Thema der Frage nach außerirdischem Leben neue Impulse zu versetzen. Leider geht der russischen Produktion unterwegs ein wenig die Puste aus, was letzten Endes deutlich auf die Gesamtwertung durchschlägt.

Gesamteindruck: 3/7


Der Feind im eigenen Körper.

Es ist wieder passiert: Ich habe mir mit „Sputnik – Es wächst in dir“ einen Film angesehen, der weitgehend positive, zum Teil sogar enthusiastische Kritiken erhalten hat – nur, um festzustellen, dass ich die Begeisterung nicht so richtig zu teilen vermag. Dabei basiert das Werk auf einer zwar alten Idee, setzt diese aber durchaus spannend um, ist gut gespielt und ausgestattet sowie vor allem technisch stark gemacht. Doch was nützen die besten Ansätze, wenn das Drehbuch es nicht schafft, sie zu einem überzeugenden Gesamtbild zu vereinigen?

Worum geht’s?
Anfang der 1980er stürzt eine sowjetische Raumkapsel in Kasachstan ab. Die Retter sind schnell zur Stelle und finden einen Überlebenden vor. Als sich herausstellt, dass mit dem Kosmonauten etwas nicht stimmt, wird er in eine Forschungseinrichtung gebracht. Dort soll eine Psychologin, die mit umstrittenen Mitteln arbeitet, versuchen, zum Patienten durchzudringen. Bald merkt sie, dass ihr Schützling etwas aus dem Weltall mitgebracht hat…

Nein, neu ist der Grundgedanke von „Sputnik“ wahrlich nicht: Regisseur Jegor Abramenko hat Versatzstücke, die man aus anderen, teils überaus erfolgreichen Science Fiction-/Horror-Werken kennt, genommen und versucht, daraus etwas Eigenständiges zu kreieren. Das ist natürlich legitim – und in vorliegendem Fall durchaus gelungen: Die Mär vom Weltraumfahrer, der nach einer Begegnung der 3. Art eine gefährliche, außerirdische Lebensform in sich trägt, ist zwar 1:1 aus „Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt“ (1979) übernommen. Allerdings geht „Sputnik“ einen Schritt weiter: Was, wenn die Kreatur den Wirt verlässt, dieser den Vorgang überlebt – und die beiden eine symbiotische Beziehung haben, d. h. weder keiner von beiden ohne den anderen überleben kann?

Ein überaus spannender Ansatz, der auch den an sich wenig überraschenden Versuch der Militärs, den fremden Organismus für sich nutzbar zu machen, eine neue Dimension hinzufügt: Wie mit dem Kosmonauten umgehen, wie mit der gefährlichen Kreatur, wenn man weder den einen noch den anderen verletzen darf? Diese Frage ist auch durch den Ort des Geschehens interessant: In einer Forschungseinrichtung der Sowjetunion, mitten im Kalten Krieg, scheint tatsächlich alles möglich zu sein.

An dieser Stelle sei auch die nüchterne und düstere Ausstattung, die sich doch recht stark von der klassischen Hollywood-Optik unterscheidet, lobend erwähnt. Und weil auch die russischen Schauspieler ihre Sache großteils sehr ordentlich machen, stellt sich spätestens jetzt die Frage, wieso „Sputnik“ bei mir nicht ganz so toll abschneidet wie bei der professionellen Kritik.

Gut 30 Minuten zu lang.

Meiner Ansicht nach liegen die Schwächen ganz klar im Drehbuch. Dabei geht „Sputnik“ sehr gut los und schafft schnell eine düstere und bedrückende Atmosphäre. Die Spannung ist hoch und der Film schafft es sehr gut, das Geheimnis, das die außerirdische Kreatur und ihren Wirt umgibt, zu verschleiern. Sobald aber rund um die Halbzeit klar ist, worum es eigentlich geht – und sich überflüssigerweise auch noch die bereits vorher erwartbaren, zärtlichen Gefühle zwischen den Hauptdarstellern verdichten – geht „Sputnik“ die Puste aus.

Ungefähr zu diesem Zeitpunkt beginnt der Film, sich zu ziehen – am Ende ist er meines Erachtens gut 30 Minuten zu lang. Immer wieder machen sich Passagen bemerkbar, die wesentlich schneller hätten abgehandelt werden, so aber die anfangs so gut aufgebaute Atmosphäre empfindlich stören. Man muss im Endeffekt auch konstatieren, dass die Handlung relativ vorhersehbar ist, speziell in der zweiten Hälfte des Films. All das ist schade, weil es „Sputnik“ für mich zu einem Werk macht, das ich mir wohl kaum ein zweites Mal – geschweige denn noch öfter – ansehen werde.

Fazit: Von der andernorts gelobten Vielschichtigkeit ist bei mir nicht viel hängen geblieben. Im Gegenteil, ich fand den Film zum Ende hin immer geradliniger und, so ehrlich muss man sein, auch langweiliger. Von mir kann es daher nur eine mittelmäßige Wertung geben – ich hätte mir schlicht und einfach mehr erwartet und erhofft.

PS: Ich glaube, „Sputnik“ hätte ein herausragender Kurzfilm sein können. Oder eine starke Folge von „Akte X – Die unheimlichen Fälle des FBI“. Wobei, wenn ich so drüber nachdenke: Gab es da nicht mindestens eine Folge mit sehr ähnlichem Inhalt? Sicher bin ich mir nicht, aber es könnte gut sein…

Gesamteindruck: 3/7


Originaltitel: Спутник.
Regie:
Jegor Abramenko
Drehbuch: Oleg Malowitschko, Andrei Solotarew
Jahr: 2020
Land: Russland
Laufzeit: ca. 115 Minuten
Besetzung (Auswahl): Oxana Akinschina, Pjotr Fjodorow, Fjodor Bondartschuk, Anton Wassiljew



FilmWelt: The Green Inferno

Ich muss gestehen, dass ich nie einen der berühmt-berüchtigten Kannibalenfilme aus der Hochzeit des Genres (späte 1970er/frühe 1980er) gesehen habe. Einmal habe ich mich zwar an „Cannibal Holocaust“ (1980, dt.: „Nackt und zerfleischt“) versucht, konnte damit aber überhaupt nichts anfangen. Nennt mich Weichei, aber das war mir tatsächlich zu viel, obwohl ich vermute, dass es sich dabei um eine mehr oder weniger stark geschnittene Fassung gehandelt haben dürfte.

Gesamteindruck: 2/7


In der Grünen Hölle.

„The Green Inferno“ (2013) von Exploitationfilm– und Torture Porn-Spezialist Eli Roth stellt eine Hommage an den vorwiegend italienisch geprägten Kannibalenfilm dar. Handlung, Aufmachung und explizite Gewaltszenen – all versucht der US-Regisseur dem Original nachzuempfinden. Ganz gelingt ihm das freilich nicht; letzten Endes wirkt „The Green Inferno“ dafür zu poliert und darauf bedacht, trotz aller Geschmacklosigkeiten einen erklecklichen Umsatz zu generieren. Sprich: Das gewisse Underground-Feeling geht vorliegendem Werk fast völlig ab.

Worum geht’s?
Nach einem Flugzeugabsturz im chilenischen Dschungel gerät eine Gruppe vorwiegend amerikanischer Umweltaktivisten an einen Stamm menschenfressender Ureinwohner. Ironie des Schicksals, dass sie genau jenen Stamm eigentlich vor Bulldozern hatten schützen wollen, die den Regenwald rücksichtslos plattwalzen. Denn die Kannibalen interessiert herzlich wenig, wer Freund und wer Feind ist…

Stephen King hat – so ist im Wikipedia-Eintrag zu vorliegendem Film zu lesen – gesagt, dass „The Green Inferno“ einerseits schwer zu ertragen sei, man andererseits auch nicht wegsehen könne. Damit hat der Meister meines Erachtens durchaus recht, zumindest wird es jenen so gehen, die kein grundsätzliches Problem mit gewissen Ekelszenen haben. Wer sich aber beispielsweise beim Genuss von „Hostel“ (2005, Regie: Eli Roth) die meiste Zeit die Augen zuhalten musste, sollte „The Green Inferno“ besser meiden.

Ein unangenehmer Film.

Ich habe – natürlich – trotz der Warnungen hingesehen und gebe zu, dass ich mich mehrmals gefragt habe, ob das eine gute Idee war. Tatsächlich hat „The Green Inferno“ mich auf eine Art unangenehm berührt, wie ich sie von meinem ersten Versuch mit „Nackt und zerfleischt“ in Erinnerung habe und die ich so oder so ähnlich ansonsten nur von „Hostel“, eventuell noch von „Saw“ (2004) kenne. Dabei geht es nicht primär um die plakative Brutalität des Geschehens auf dem Bildschirm, die natürlich auch nicht von schlechten Eltern ist. Es ist vielmehr so, dass man stets das Gefühl hat, Material zu sehen, das es eigentlich nicht geben sollte – zumindest nicht, um Menschen damit zu unterhalten. Dass das für jemanden, der auf Horrorfilme steht, im ersten Moment nach eher kleinkarierten Moralvorstellungen klingt, ist mir bewusst. Ganz so ist es jedoch nicht, ich könnte mich ja jederzeit bewusst dagegen entscheiden, mir derartigen Stoff anzusehen, wenn ich ethische Bedenken hätte.

Das Problem, wenn man es so nennen will, muss also woanders liegen – scheinbar kitzeln Werke wie „The Green Inferno“ an einer bestimmten Stelle im Unterbewusstsein, was sie von nicht minder furchteinflößenden und brutalen Filmen aus anderen Horror-Subgenres abhebt. Es dürfte die Kombination aus plakativer Gewalt, der Hilflosigkeit der Opfer, die aus unserem Kulturkreis stammen und der Fremdartigkeit der Eingeborenen sein, die dazu geführt hat, dass ich mich während der gesamten Laufzeit sprichwörtlich gewunden habe. Und ja, auch das Tabu des Kannibalismus spielt mit hinein, sowohl bewusst als auch – mutmaßlich – im Unterbewusstsein. Und dabei ist „The Green Inferno“ im Gegensatz zu seinen geistigen Vätern noch eher harmlos, denn Eli Roth verzichtet vor allem und zum Glück auf die reale Tötung von Tieren.

Wichtige Kritik oder doch nur Effekthascherei?

Dass ich „The Green Inferno“ nicht als unterhaltsamen Film im engeren Sinne abheften möchte, dürfte vor diesem Hintergrund nicht verwundern. Generell ist die Bewertung des Gesehenen nicht ganz einfach: Schon in der Blütezeit des Genres war seine vermeintliche Kritik an der westlichen Zivilisation, die rücksichtlos den Planeten ausbeutet, ein gern genommenes Deckmäntelchen für einige der blutigsten Gewaltszenen, die die Filmgeschichte kennt. Ungefähr auf diese Art hat auch Eli Roth versucht, in seiner Hommage eine Botschaft zu verpacken – und wie anno dazumal ist auch heute fraglich, ob ein solcher Streifen geeignet ist, Kritik an kapitalistisch-globalistischen Verhaltensweisen glaubwürdig zu transportieren.

Wobei ich dem Regisseur zumindest in einer Sache recht geben muss: Die Darstellung eines fiktiven Kannibalenstamms – nebst einer im Gegensatz zu manchem Genreklassiker klar als frei erfunden erkennbaren Handlung – wird nicht dazu führen, dass der Regenwald aus Angst vor Menschenfressern nur noch schneller zerstört wird. Dennoch: Als Kritik an den unhaltbaren Zuständen vor Ort funktioniert „The Green Inferno“ suboptimal, denn dieser Aspekt wirkt schlicht und einfach aufgesetzt. Dass am Ende diejenigen, die eigentlich zum Schutz des indigenen Volkes nach Chile kommen, auf dessen Speisekarte landen, ist zwar eine interessante Idee – richtig sinnvoll umgesetzt wurde sie aber nicht. Vor allem der Schluss wird dadurch ausgesprochen unglaubwürdig, wenn man bedenkt, was die Protagonistin vorher sehen und erleben musste; so groß kann das Stockholm-Syndrom für mein Dafürhalten gar nicht sein.

Charaktere sind vollkommen nebensächlich.

Zur Handlung selbst ist eigentlich nicht viel zu sagen, sie ist denkbar einfach: Nach der obligatorischen Vorstellung der Charaktere (die kaum oberflächlicher sein könnte) geht die Reise los und Roth versucht auf höchst sparsame Art, seinen Figuren zumindest den Anschein von Tiefe zu verleihen. Das gelingt ihm freilich kaum, sodass es reichen muss, dass sich der Zuschauer allein deshalb mit den „Helden“ identifiziert, weil sie aus dem gleichen Kulturkreis kommen, was im krassen Gegensatz zu den wilden Kannibalen steht. Man „muss“ also wohl oder übel mit den Aktivisten mitleiden, eine andere Möglichkeit bleibt aufgrund der Monstrosität des Kannibalismus schlicht nicht übrig. Das war Roth natürlich klar, sodass er besser ausgearbeitete Figuren vermutlich nie erwogen hat.

Und so windet sich der Film voran, in durchaus gelungenem Tempo übrigens. Freilich ändert das nichts daran, dass in „The Green Inferno“ nicht wesentlich mehr passiert, als das ein Gefangener nach dem anderen aus dem Käfig geholt und abgeschlachtet wird. Für Gorehounds ein Fest, für jeden, der sich ein Mindestmaß an Anspruch erwartet, eine kaum erträgliche Aneinanderreihung von Geschmacklosigkeiten, die so endet, wie man es sich schon relativ früh denken kann.

Fazit: Ich kann wirklich keine allgemeine Empfehlung für „The Green Inferno“ aussprechen. Für Fans des ursprünglichen Kannibalen-Genres scheint er mir zu brav, zu poliert daherzukommen. Zwar umgibt ihn durchaus ein Hauch des Verbotenen, das dürfte aber nur ein müder Abklatsch des Gefühls sein, dass das zeitgenössische Publikum bei „Nackt und zerfleischt“ & Co. empfunden haben muss. Als Hommage an jene Filme mag vorliegendes Werk durchgehen, ob es als solche gut gemacht ist, wage ich nicht zu beurteilen.

Für sich genommen ist „The Green Inferno“ abseits des vielen Blutes jedenfalls kaum der Rede wert. Eventuell kann man ihn sich in geselliger Runde mit ordentlich Alkohol ganz gut ansehen und über seine brutale Banalität lachen. Immerhin ist er technisch sehr fein gemacht, was heute zwar keine so große Kunst mehr ist, ich aber durchaus goutieren kann. Und: Es gibt insgesamt deutlich Schlechteres zu sehen, sodass Eli Roth hier keinen totalen Schiffbruch erleidet.

Gesamteindruck: 2/7


Originaltitel: The Green Inferno.
Regie:
Eli Roth
Drehbuch: Eli Roth, Guillermo Amoedo
Jahr: 2013
Land: USA, Chile, Kanada
Laufzeit: ca. 100 Minuten
Besetzung (Auswahl): Lorenza Izzo, Ariel Levy, Daryl Sabara, Kirby Bliss Blanton, Sky Ferreira



FilmWelt: The Maus

Man fragt sich unwillkürlich, wie ein spanischer Regisseur auf die Idee kommt, ausgerechnet zum Bosnienkrieg (1992 bis 1995) einen Film zu drehen. Die genauen Beweggründe von Gerardo Herrero Pereda kenne ich zwar nicht, nach einem Blick in seine Biografie vermute ich allerdings, dass es ihm ähnlich geht, wie mir: Dieser Krieg war das erste derartige Ereignis, das ich sozusagen „live“, also vor dem Fernseher, erlebt habe. Mich hat das damals schwer beeindruckt – und ich nehme an, dass es auch bei „Yayo Herrero“, wie er genannt wird, so gewesen ist.

Gesamteindruck: 3/7


Eine offene Wunde.

Wie Yayo Herrero bin auch ich im Jahr 1979 geboren. Ganz dunkel kann ich mich noch an TV-Bilder aus dem Zweiten Golfkrieg (1990/91) erinnern (vor allem die brennenden Ölquellen sind nach wie vor in meinem Gedächtnis präsent); wesentlich deutlicher habe ich aber die Berichterstattung zum Krieg in Bosnien und Herzegowina vor Augen. Nicht nur, weil ich damals etwas älter war und damit auch besser verstand, worum es beim jenem Konflikt ging, sondern auch und vor allem, weil in unserer Nachbarschaft plötzlich neue Spielkameraden, in diesem Fall Kinder von kroatischen Flüchtlingen, auftauchten. Für uns wurden sie schnell zu Freunden, bei manchen war aber immer ein Schatten schrecklicher Erlebnisse zu spüren, worüber wir in jenem Alter aber nie wirklich gesprochen haben. Ein vielleicht ganz ähnliches Trauma greift Yayo Herrero in „The Maus“ auf.

Worum geht’s?
Irgendwo in einem bosnischen Wald nahe der Stadt Srebrenica bleibt das Liebespaar Selma (genannt „Maus“) und Alex mit einer Autopanne liegen. Die Bosnierin Selma beschleicht schnell ein unbehagliches Gefühl, während Alex, der aus Deutschland kommt, die Sache eher locker sieht. Zu Unrecht – denn dass der Wald im ehemaligen Kampfgebiet liegt und vermint ist, ist bei weitem nicht die einzige Bedrohung…

Vorab: Es ist wohl ausgesprochen hilfreich, wenn man zumindest ungefähr über den Bosnienkrieg informiert ist, bevor man sich „The Maus“ ansieht. Theoretisch funktioniert der Film zwar auch ohne entsprechendes Wissen; weil seine Qualität aber untrennbar mit seiner Metaphorik verbunden ist, wird man ihn kaum verstehen oder gar gut finden, wenn man nichts über jenen Konflikt weiß. Will sagen: Für sich genommen ist „The Maus“ ein unterdurchschnittlicher Horrorfilm, der ähnlich wie zig andere Streifen funktioniert, in denen junge Menschen sich in einer bedrohlichen Umgebung verirren und dort auf finstere Fremde treffen. Nach dieser Lesart ist „The Maus“ übrigens – so viel sei vorweg genommen – viel zu langatmig und verwirrend, bietet außerdem zu wenig Action und lässt auch die plakative Gewalt, die man am gemeinen Teenie-Slasher schätzen würde, vermissen.

Der Eingeweihte sieht den Film hingegen so: Ein verminter Wald wird zum Schauplatz des Krieges im Kleinen. Die Todfeinde Bosnien und Serbien sind ebenso mit Charakteren vertreten wie der Westen. Ich würde nun nicht behaupten, dass „The Maus“ extrem viel Tiefgang hat, aber ein paar interessante Gedanken scheint sich der Regisseur schon gemacht zu haben: Die Serben sind gegenüber ihrem bosnischen Opfer brutal und rücksichtslos, sie schrecken weder vor Schlägen noch vor Vergewaltigung zurück. Bosnien, repräsentiert durch Selma, hat dem anfangs nichts entgegenzusetzen, kann sich schließlich aber doch wehren und Rache nehmen. Und die westlichen Mächte, personifiziert durch einen jungen Mann aus Deutschland? Er findet es einerseits nicht der Mühe wert, die Sprache seiner bosnischen Freundin zu lernen, was dem gegenseitigen Verständnis sehr abträglich ist. Dass Bosnier und Serben sich miteinander verständigen können, irritiert ihn hingegen ungemein. Ansonsten beschränkt Alex sich darauf, wahlweise nicht auf die Warnungen und Hinweise seiner Freundin zu reagieren – oder auf eine völlig untaugliche Weise einzugreifen. Er ist alles, nur nicht konsequent; wie Westeuropa im Bosnienkrieg scheint auch er ein Anecken um jeden Preis verhindern zu wollen, bis es zu spät ist. Anmerkung am Rande: „The Maus“ war zum Zeitpunkt dieser Rezension nicht synchronisiert verfügbar, sondern nur „OmU“. Und so sollte man sich den Film auch ansehen: Alex spricht mit seiner Freundin und den Serben englisch, flucht dazwischen mal auf Deutsch; Bosnierin und Serben verständigen sich hingegen auf Serbokroatisch (bzw. Serbisch, man verzeihe mir, dass ich den Unterschied nicht erkenne). Aus dieser Situation ergibt sich ein Teil der Atmosphäre von „The Maus“, der durch eine einheitliche Synchronisation vollkommen verloren gehen würde (ähnlich wie beispielsweise bei „Inglorious Basterds“ geschehen).

Das alles klingt, wenn man es so liest, nach einer hervorragenden Inszenierung und einem starken Charakterfilm, der von ungewöhnlicher Symbolik geprägt ist. Stimmt, zumindest gelegentlich. Insgesamt ist „The Maus“ aber leider bei weitem nicht so gelungen, wie diese Zutaten vermuten lassen. Es ist zwar richtig, dass die Charaktere und die Art und Weise, wie der Regisseur versucht, über sie den Krieg nachzuerzählen, eine wunderbare Idee sind. Inhaltlich hätte dafür aber ein deutlich kürzerer Film genügt. „The Maus“ dauert hingegen 1 ½ Stunden, was an sich eine übliche Länge, in diesem Fall aber zu viel des Guten ist.

Dünne Handlung macht viel zunichte.

Woran liegt’s? Einerseits ist es die Handlung selbst, die im Endeffekt so dünn ist, dass der Film so wirkt, als hätte man ihn über verschiedene Kniffe strecken müssen. Dafür kommen beispielsweise immer wieder Einstellungen zum Einsatz, in denen sich die Kamera frei um einen Protagonisten dreht oder in denen das Bild sekundenlang komplett schwarz wird. Klar, so etwas kann im künstlerischen Sinne schon mal angebracht sein, hier übertreibt es der Regisseur aber, wodurch das Gefühl entsteht, ihm wären die Ideen ausgegangen und er hätte sich über die Länge schwindeln wollen.

Andererseits ist da die Kameraarbeit, die ich zwar nicht per se verdammen würde, die aber ebenfalls darunter zu leiden scheint, dass „The Maus“ auf abendfüllende länge gebracht werden musste. Hier ist das Problem, dass die Kamera über weite Strecken des Films sehr nahe an den Protagonisten ist. Auch das kann künstlerisch wertvoll sein – wenn es denn richtig eingesetzt wird. In „The Maus“ fühlt man sich dadurch nach gewisser Zeit ziemlich unwohl, der Bildausschnitt scheint ständig viel zu klein zu sein. Noch dazu folgen wir mit der Kamera übermäßig oft den Protagonisten, von denen dann nur Rücken und Hinterkopf zu sehen sind. Auch diese Kamerafahrten sind für mein Gefühl viel zu lang, speziell im Finale wird es dann sogar zur Qual. Apropos: Ich habe das Ende nicht so richtig verstanden, aber das nur als Anmerkung am Rande.

(K)Ein Beitrag zur Völkerverständigung?

Die wichtigsten Gründe, warum „The Maus“ leider nicht so toll ist, wie man im ersten Moment vermuten könnte, habe ich oben genannt. Einen möchte ich abschließend anführen, auch wenn er nicht so viel mit der Qualität des Films an sich zu tun hat: „The Maus“ ist – aus meiner eingeschränkten, westlichen Sicht – kein Beitrag, der sich zur Völkerverständigung eignen dürfte. Dass Bosnien gegen Ende Rache statt Gerechtigkeit an Serbien nimmt, hat sich für mich nach Makulatur angefühlt, wie ein später Versuch, auch die bis dahin bösen Serben doch noch menschlich erscheinen zu lassen. Aber das ist nur die Meinung eines Außenstehenden (der Regisseur ist ja meines Wissens auch einer). Wie Bosnier und Serben, speziell solche, die den Krieg miterlebt haben, diesen Aspekt von „The Maus“ einschätzen, wäre jedenfalls eine interessante Frage.

Fazit: Mit „The Maus“ ist Yayo Herrero ein interessant konzipierter und optisch durchaus gut gemachter Film gelungen (unnützes Wissen: in Bosnien wurde keine einzige Minute des Films gedreht). Leider zeigt sich mindestens genauso deutlich, dass ihm die Ideen gefehlt haben, 90 Minuten befriedigend zu gestalten. Dass er sich an ein so schwieriges Thema herangewagt hat, ist zwar aller Ehren wert; die Wunden, die dieser schreckliche Konflikt vor rund 30 Jahren geschlagen hat, sind ja nach wie vor nicht richtig verheilt. Leider habe ich nicht das Gefühl, dass der Regisseur es mit seinem Werk schafft, die wohl immer noch notwendige Aussöhnung zu unterstützen (wenn das auf diesem Wege überhaupt möglich sein sollte).

Gesamteindruck: 3/7


Originaltitel: The Maus.
Regie:
Yayo Herrero
Drehbuch: Yayo Herrero, Nadja Dumouchel
Jahr: 2017
Land: Spanien
Laufzeit: ca. 90 Minuten
Besetzung (Auswahl): Alma Terzic, August Wittgenstein, Aleksandar Seksan, Sanin Milavic, Ella Jazz



FilmWelt: Sie leben

„Sie leben“ aus dem Jahr 1988 gilt als Kultfilm – zumindest aus heutiger Sicht, das zeitgenössische Publikum war wesentlich kritischer und sorgte im kommerziellen Sinne für einen bestenfalls mittelprächtigen Erfolg. Ich selbst muss gestehen, dass ich den Streifen mit Wrestling-Legende „Rowdy“ Roddy Piper († 2015) nie gesehen habe. Höchste Zeit also, diese Lücke endlich zu schließen.

Gesamteindruck: 5/7


Der Rowdy und die Aliens.

Was einen Kultfilm ausmacht bzw. wie man überhaupt definieren kann, was es braucht, um Kultstatus zu erreichen, ist ein Problem, das wohl nie gelöst werden wird. Rein subjektiv betrachtet kann „Sie leben“ für mich kein Kult sein, weil ich den Film weder in seinem Erscheinungsjahr noch in den Jahren danach gesehen habe. Das unterscheidet ihn beispielsweise von „Conan der Barbar“, für den ich in seinem Erscheinungsjahr zu jung war, den ich später aber unzählige Male gesehen habe und den ich auch heute noch trotz all seiner Mängel für typischen Kultfilm halte. „Sie leben“ kann ich hingegen nur mit den Augen von 2021, also völlig ohne emotionalen Bezug, beurteilen. Unter diesem Gesichtspunkt ist folgender Beitrag zu verstehen.

Worum geht’s?
In den heruntergekommen Außenbezirken von Los Angeles kommt ein Gelegenheitsarbeiter einer gigantischen Verschwörung auf die Schliche: Die Erde ist – offenbar schon seit geraumer Zeit – von Außerirdischen besetzt. Mit unterschwelligen Botschaften, versteckt in der allgegenwärtigen Werbung, kontrollieren die Fremden die ahnungslose Menschheit. Doch es gibt Widerstand: Eine spezielle Sonnenbrille ermöglicht es, das wahre Gesicht der Außerirdischen, die im täglichen Leben wie Menschen aussehen, zu erkennen. Als der namenlose Held eher zufällig über eine solche Brille stolpert, sieht er es nach einem Moment der schockierten Verzweiflung, als seine Mission an, die Menschheit vom Joch der Fremden zu befreien…

Ein Blick auf die Filmografie von Multitalent John Carpenter (er ist einer der wenigen Regisseure, die auch als Komponisten für Filmmusik erfolgreich waren/sind) zeigt: Im Erscheinungsjahr von „Sie leben“ hatte seine Karriere ihren Zenit bereits überschritten. Die Erinnerung an Carpenters teils revolutionäre Filme war damals aber noch so frisch, dass es verlockend gewesen sein dürfte, dem Originaltitel vorliegenden Streifens ein „John Carpenter’s…“ voranzustellen. Erinnert mich persönlich ein wenig an das, was man rund 15 Jahre später mit dem Namen von Quentin Tarantino gemacht hat. Heißt all das nun aber, dass „Sie leben“ ein schlechter Film ist? Heißt es, dass das Prädikat „Kult“ zu leichtfertig vergeben wird? Oder dass der US-Regisseur hier gar ein Werk vorgelegt hat, dass so schlecht ist, dass man es schon wieder unterhaltsam findet?

Ein Wrestler in der Hauptrolle.

Zunächst zu den Formalitäten: „Sie leben“ ist eine Mischung aus Science Fiction, Horror und Action. Wieso der Film auch heute noch den „FSK 18“-Sticker (bzw. sein digitales Pendant dazu) trägt, ist mir allerdings nicht klar. Der Held ballert zwar immer mal wieder wild um sich, was auch ordentlich Blut spritzen lässt, allzu brutale Details spart Carpenter jedoch weitgehend aus. Oder sind wir heute einfach schon zu abgestumpft? Hat vielleicht die eine Nacktszene am Ende gereicht? Ich weiß es nicht – wer jedenfalls auf einen ultra-brutalen Slasher hofft, wird mit Sicherheit eine Enttäuschung erleben. Das gilt übrigens auch für die „Außerirdischen“, deren Masken auch 1988 nicht mehr so richtig State of the Art gewesen sein mögen und heute niemanden mehr erschrecken dürften.

Die Hauptrolle spielt mit dem 2015 verstorbenen „Rowdy“ Roddy Piper ein zu jener Zeit sehr bekannter und beliebter Wrestler. Wer jedoch denkt, dass allein das gegen die Qualität von „Sie leben“ sprechen muss, sei beruhigt: Piper macht seine Sache mehr als ordentlich, deutlich besser sogar, als viele Wrestler, die sich vor und nach ihm als Schauspieler versucht haben. Freilich ist das vor allem dem Regisseur zu verdanken, der seinem Star gerade so viel Persönlichkeit verpasst, dass eine Identifikation möglich ist, statt ihn voll und ganz auf seine Muskeln zu reduzieren. Piper selbst spielt den einfachen Mann von der Straße, einen hart arbeitenden, aber glücklosen Tagelöhner, der nicht einmal einen Namen hat (in den Credits wird er „Nada“, also „Nichts“, genannt). Und das macht der Profi-Catcher durchaus gefällig; viel zu sagen hat er ohnehin nicht, was er aber sagt passt bestens zu seiner Rolle.

Ihm zur Seite stellt Carpenter den körperlich ähnlich beeindruckenden Schauspieler Keith David. Dessen Rolle mag im ersten Moment wie der typische schwarze Sidekick wirken, ist letzten Endes aber doch eine Spur besser als dieses Klischee. Irgendwann liefern sich die beiden einen Faustkampf, der – so ist hier und da zu lesen – als einer der ikonischsten der Filmgeschichte gilt. Sechs Minuten gehen für diese Szene drauf – ob das nun zu viel, zu wenig oder genau richtig ist, mag jeder für sich entscheiden. Mir persönlich hat der Fight ganz gut gefallen, obwohl ich normalerweise kein Fan so lang ausgewalzter Kämpfe bin.

Noch ein Wort zu den Nebenrollen: Die Darsteller sind allesamt gut gewählt und machen ihre Sache ordentlich. Viel mehr gibt es dazu nicht zu sagen; hervorzuheben ist eventuell Meg Foster, eine der wenigen Frauen, die in „Sie leben“ etwas mehr Screentime hat. Sie spielt die unnahbare und kühle Schönheit, was irgendwie auch ein Klischee ist – wenn man sich allerdings zum Zeitpunkt, wenn sie ins Bild kommt, bereits mit der speziellen Machart dieses Films engagiert hat, findet man eigentlich nichts mehr dabei.

Eine Botschaft für die heutige Zeit.

Inhaltlich ist „Sie leben“ ein sehr interessantes Werk. Einerseits wirkt praktisch alles an diesem Film ein wenig aus der Zeit gefallen – er sieht aus, hört und fühlt sich wie ein Werk an, das gut und gerne 10, vielleicht sogar 30 Jahre früher erscheinen können. Und auch die Story ist für sich genommen ein schlechter Witz. Bei genauerer Betrachtung sieht die Sache freilich anders aus: Die Botschaft, die John Carpenter in „Sie leben“ vermittelt, passt hervorragend in die 1980er, noch besser aber in die folgenden Jahrzehnte – und wirkt heute noch aktueller als je zuvor. Es geht um nicht weniger als die vollständige und allumfassende Kommerzialisierung der Gesellschaft durch große Unternehmen. Die mag in den USA der 1980er begonnen haben, dass sie sich aber so rasant entwickeln und in Rekordzeit die gesamte westliche Welt erfassen würde, hat sich Carpenter wohl auch in seinen wildesten Träumen nicht vorstellen können. Heute sind wir tatsächlich in eine Art von Abhängigkeit geraten, die der, die in „Sie leben“ beschrieben wird, nicht unähnlich ist. Von diesem Standpunkt aus betrachtet hat John Carpenter mit diesem Werk ein sehr eindeutiges, linkes Statement wider den Kapitalismus abgeliefert.

Eines ist aber auch klar: Vorliegender Film ist trotz dieses prophetischen und ernsten Hintergrunds kein philosophisches Meisterwerk. Ja, der Unterton dieser diffusen Bedrohung ist ein treibendes Motiv – das bedeutet aber nicht, dass „Sie leben“ ein todernster Streifen ist. Im Gegenteil: Gerade weil John Carpenter darauf verzichtet, zu predigen, weil er seine Figuren nicht von einer besseren Welt schwadronieren lässt, ist „Sie leben“ eher lockere Unterhaltung, von der man sich nicht allzu viel erwarten darf. Anspruchsvoll ist der Film so gut wie nie, allein, die …äh… Rowdy-hafte Art, wie der namenlose Held sich mit der automatischen Waffe seiner Feinde entledigt, hat mehr vom seichten Action-Reißer als von durchdachter Science Fiction. Und auch auf die Logik pfeift der Regisseur: Wie die Widerstandsbewegung beispielsweise zu ihren Wunder-Sonderbrillen kommt und wieso dieser zusammengewürfelte Haufen bisher immun gegen die subliminale Beeinflussung war, bleibt ein Rätsel.

Sei es, wie es ist: „Sie leben“ ist ein Film, der auch heute noch zu unterhalten weiß. Ein bisschen muss man sich aber schon darauf einlassen – nicht nur wegen der abstrusen Story, sondern auch, weil es sich dabei um ein, ich nenne es in Ermangelung eines besseren Begriffs mal so, eher trockenes Werk handelt. Wer das kann und ein Freund der gepflegten Satire ist (denn dieses Genre passt wohl am besten), kann und wird auch 2021 seine Freude an der Kollaboration von Kult-Regisseur und Kult-Wrestler haben.

Gesamteindruck: 5/7


Originaltitel: John Carpenter’s They Live.
Regie:
John Carpenter
Drehbuch: John Carpenter
Jahr: 1988
Land: USA
Laufzeit: ca. 95 Minuten
Besetzung (Auswahl): Roddy Piper, Keith David, Meg Foster, George Flower, Peter Jason, Raymond St. Jacques



FilmWelt: Don’t Breathe

Zu erblinden ist wohl eine der schlimmsten Vorstellungen vieler Menschen. Und doch kann es jedem passieren – wie man aber damit umgehen würde, ist eine Frage, auf die man vorher keine Antwort hat. Unumstritten ist jedenfalls, dass die übrigen Sinne geschärft werden, wenn beispielsweise das Augenlicht abhanden kommt. Das kann wiederum ein Vorteil sein – und genau auf diese für sehende Menschen eher diffuse Vorstellung, baut „Don’t Breathe“ aus dem Jahr 2016.

Gesamteindruck: 5/7


Wer ist hier das Opfer?

Die Prämisse von „Don’t Breathe“ ist so simpel wie effektiv: Ein alter, blinder Mann steht völlig allein gegen drei junge, körperlich fitte Einbrecher. Eigentlich sollte das Ergebnis klar sein – doch was passiert, wenn das vermeintliche Opfer es schafft, die Bedingungen zu seinen Gunsten zu ändern? Genau das passiert in diesem Film und macht den Namen zum Programm: Jeder Atemzug, den einer der jungen Kriminellen tut, jede noch so kleine Bewegung, könnte gehört werden und damit die letzte Handlung sein.

Worum geht’s?
Die Teenager Alex, Rocky und Money sehen in Einbrüchen und kleineren Diebstählen die einzige Möglichkeit, jemals aus dem tristen und verarmten Detroit zu entkommen. Als sie eines Tages den Tipp erhalten, dass im Haus eines Kriegsveteranen, der in einer mittlerweile menschenleeren Gegend der Stadt wohnt, eine stattliche Summe Bargeld zu holen ist, überlegen sich nicht lang. Doch bald müssen sie feststellen, dass der alte Mann alles andere als ein wehrloses Opfer ist…

Regisseur Federico „Fede“ Alvarez hat – so heißt es jedenfalls – „Don’t Breathe“ bewusst als Gegensatz zu seinem 2013er-Remake des Horror-Klassikers „The Evil Dead“ (1981, deutsch: „Tanz der Teufel“) konzipiert: Während „Evil Dead“ durch massiven Einsatz von Filmblut und grausigen Effekten Reaktionen beim Zuschauer auslösen soll, ist vorliegendes Werk vor allem auf eine düstere und spannende Atmosphäre ausgelegt. Dass das dem urugayanischen Filmemacher so gut gelingen würde, hätte ich allerdings nicht unbedingt erwartet.

Eine starke Kombination.

Die Geschichte, die der Alvarez und Drehbuchautor Rodo Sayages erzählen, ist eigentlich ein doppelter Alptraum: Ein Einbruch während man selbst im Haus ist, ist schon für sich genommen eine schreckliche Vorstellung. Dass das Opfer dann auch noch blind und – vermeintlich – alt und gebrechlich ist, steht sinnbildlich für die Hilflosigkeit, mit der die meisten von uns einer solchen Situation gegenüberstehen würden. Damit legt die Handlung von „Don’t Breathe“ die perfekte Basis, um die Spannung (fast) über die gesamte Laufzeit auf hohem Niveau zu halten. Im Endeffekt ist es allerdings die Kombination aus einer um diverse Twists angereicherten Story, starke Technik, einem soliden Drehbuch und einem glaubwürdigen Cast, die den Reiz dieses überraschend starken Films ausmacht.

Zunächst ein Wort zur Technik: Dass das Budget mit rund 10 Millionen US-Dollar vergleichsweise niedrig war, ist an keiner Stelle zu merken. Im Gegenteil, speziell die Optik hat mich schwer beeindruckt – und das bereits bevor ich um die Produktionskosten wusste. Heißt: „Don’t Breathe“ sieht schicker aus als viele zeitgenössische Produktionen. Heutzutage fast noch wichtiger ist aber, dass man nie das Gefühl hat, dass mit den Special Effects übertrieben wurde. Unabhängig davon wissen auch Ausstattung und Drehort zu überzeugen. Die wenigen Außenaufnahmen lassen US-amerikanische Großstadt-Tristesse aufkommen – und das, obwohl vor allem in Ungarn (!) gefilmt wurde und nur vereinzelt in Detroit). Das innere des Hauses, in dem sich fast der gesamte Film abspielt, ist hingegen von unheimlicher Düsterkeit geprägt. An dieser Stelle habe ich allerdings auch einen ersten Kritikpunkt anzubringen: Das Heim des Einbruchsopfers ist nicht ganz stimmig, einerseits fragt man sich, wozu relativ viele Lampen vor sich hin glimmen, andererseits ist der Kellerbereich für mein Dafürhalten unverhältnismäßig und unnötig weitläufig gestaltet worden. Dennoch: „Don’t Breathe“ weiß optisch sehr gut zu gefallen. Und auch die Akustik ist ein wichtiger Faktor für den Erfolg des Films: Selten war absolute Stille so bedrohlich; selten hat sie so in den Ohren geschmerzt, wie in Situationen, in denen die Charaktere verzweifelt versuchen, nicht das geringste Geräusch zu machen. Das geht soweit, dass man auch als Zuschauer immer wieder den Atem anhält, weil man das Gefühl hat, man steckt in der Haut der Einbrecher und darf um keine Preis Aufmerksamkeit auf sich lenken.

Dass dem so ist, ist den Darstellern zu verdanken, die ihre Rollen mit viel Hingabe und Glaubwürdigkeit spielen. Wobei ich nicht verhehlen möchte, dass die Charaktere an sich nicht unbedingt eine Stärke von „Don’t Breathe“ sind: Letzten Endes verfügt der Film über keine wirklich sympathische oder anderweitig essenzielle Figur. Die gute Leistung der Schauspieler bezieht sich folgerichtig also vor allem auf die Darstellung von Emotionen, die ihnen allerdings – wie angedeutet – ausgezeichnet gelingt. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass „Don’t Breathe“ seine Spannung zwar durchgängig hoch hält, das aber großteils aus seiner Machart heraus, nicht, weil er Charaktere bietet, mit denen man sich identifizieren kann. Unumstrittener Star des Films ist übrigens Stephen Lang, der den blinden Kriegsveteran ausgesprochen furchteinflößend spielt.

Etwas zu viel des Guten.

Die Hochspannung, die „Don’t Breathe“ auszeichnet, speist sich auch aus einigen überraschenden Wendungen – denn natürlich ist unser blinder Kriegsveteran auch kein Heiliger. Überhaupt ist das Drehbuch überaus stark, wenn es darum geht, immer wieder noch einen drauf zu setzen, wie man so schön sagt. Das geht auch lange Zeit gut, nur ganz zum Ende hin hat man das Gefühl des „overbookings“, wie man es in der Wrestlingsprache nennt. Ein Wort, zu dem es leider keine Übersetzung gibt, die die Bedeutung wirklich umfasst. Es passt allerdings sehr gut, denn „Don’t Breathe“ übertreibt es auf der Zielgeraden mit seiner Schlagzahl: Was im Finale an Wendungen und Action auf den Zuschauer einprasselt, ist dann doch etwas zu viel des Guten. Ja, es ist ein Klischee – und doch passt es wie die Faust aufs Auge: Weniger wäre hier schlicht und einfach mehr gewesen.

Im Endeffekt ist das aber Kritik auf recht hohem Niveaus. Denn trotz der genannten Schwachpunkte, die ohnehin eher mit der Lupe zu suchen sind, ist und bleibt „Don’t Breathe“ definitiv einen Blick wert. Wir haben es hier mit einem der stärkeren Horrorfilme (ich finde übrigens eher, dass es ein Thriller ist) seiner Zeit zu tun – und das ist doch auch etwas, oder?

Gesamteindruck: 5/7


Originaltitel: Don’t Breathe.
Regie:
Fede Alvarez
Drehbuch: Fede Alvarez, Rodo Sayagues
Jahr: 2016
Land: USA
Laufzeit: ca. 90 Minuten
Besetzung (Auswahl): Jane Levy, Dylan Minnette, Stephen Lang, Daniel Zovatto, Franciska Töröcsik



FilmWelt: Pandorum

Es gibt diese Filme, bei denen man in der ersten Sekunde erkennt, ob sie den persönlichen Geschmack treffen – oder eben nicht. „Pandorum“, eine deutsch-britische (!) Produktion aus 2009 ist einer dieser Fälle, die mich mit der ersten Einstellung gepackt und unbändige Vorfreude in mir ausgelöst haben.

Gesamteindruck: 4/7


Raumkrankheit und Amnesie.

Leider ist „Pandorum“ aber auch einer jener Fälle, die es nicht schaffen, die in den ersten Minuten aufgebaute Erwartungshaltung vollständig zu befriedigen. Schade eigentlich, denn prinzipiell hätte der Film alles, was es braucht, um den geneigten SciFi-Fan zu begeistern: Ein riesiges Raumschiff voller Technik, eine lange Reise zu einem fernen Planeten, mysteriöse Fehlfunktionen, geheimnisvolle Kreaturen, einen Helden wider Willen – und doch gelingt es den Filmemachern nicht, diese hervorragenden Zutaten zu einem wirklich wohlschmeckenden Mix zu vereinen.

Worum geht’s?
An Bord des riesigen Raumschiffs „Elysium“ erwachen zwei Besatzungsmitglieder aus dem Hyperschlaf. Eine Nebenwirkung dieser speziellen Art des interstellaren Reisens ist partieller Gedächtnisverlust: Die Männer wissen zunächst nicht, wer und wo sie sind. Keine idealen Voraussetzungen also, um bevorstehende Aufgaben zu lösen – und die sind gewaltig, denn bald müssen die Astronauten feststellen, dass das Schiff gravierende technische Probleme hat. Und dass sie entgegen ihrer anfänglichen Vermutung keineswegs allein an Bord sind…

Die Idee des unsanften Erwachens aus dem Kälte-, Hyper- oder was-auch-immer-Schlaf ist mittlerweile ja fast ein Klassiker in der Science Fiction. Einer der Ausgangspunkte dürfte wohl „Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt“ (1979) sein. Und auch anderweitig hat sich der deutsche Regisseur Christian Alvart inspirieren lassen: So erinnert die ganze Atmosphäre neben genanntem Standardwerk von Ridley Scott frappierend an „Event Horizon – Am Rande des Universums“ (1997, Regie führte Paul W. S. Anderson, einer der Produzenten von „Pandorum“) und der Videospielreihe „Dead Space“ (ab 2008). Wir haben es hier also mit einer dreckigen und kaputten Zukunft zu tun, die ganz und gar nichts von „Star Trek“-Utopie hat. Umgekehrt habe ich das Gefühl, dass sich „Passengers“ (2016) in Hinblick auf die Handlung sehr stark an „Pandorum“ orientiert haben dürfte, im Vergleich aber geradezu klinisch rein wirkt.

Von der Technik her braucht sich „Pandorum“ auch hinter großen Produktionen nicht zu verstecken: Das von außen sehr hübsche und innen völlig heruntergekommene Raumschiff ist eine hervorragende Kulisse. Die mangelhafte Beleuchtung sorgt für gruseliges Ambiente, flackernde Bildschirme, kaputte Konsolen, Schläuche und Kabel, die aus Wänden hängen – für all das muss man den Verantwortlichen ein großes Lob aussprechen, ebenso für die Kameraarbeit, die den Wahnsinn, der das Schiff befallen hat, gut einfängt (aber auch nichts für Fans ruhiger Darstellungen ist). Der Sound passt sich dem an und sorgt dafür, dass man sich auch als Zuschauer kaum jemals sicher fühlt. Passend zu alledem sind auch die Kostüme bzw. generell die körperliche Darstellung der Figuren, die immer wieder von Blut und diversen Flüssigkeiten bedeckt durch enge Schächte kriechen.

Die Stimmung an Bord der „Elysium“ passt also. Zumindest für den Zuschauer – die Besatzung stolpert hingegen von einem Problem zum nächsten. Und das ist durchaus wörtlich zu verstehen: Das Drehbuch ist leider ein wenig holprig geraten, was „Pandorum“ letztlich viel vom guten Gefühl kostet, das über Atmosphäre, Ausstattung, Beleuchtung und Ton erzeugt wird. Dabei wären Anfangs- und Endpunkt der Geschichte, die Regisseur Alvart und Drehbuchautor Travis Millroy erzählen, aller Ehren wert. Nur das, was dazwischen liegt, wirkt zeitweise zusammengeschustert, wenig inspiriert und ab und an nicht unbedingt logisch.

Bleibt hinter den Erwartungen zurück.

Im Wesentlichen ist der Mittelteil von „Pandorum“ mehr Action als Science Fiction – die Protagonisten hetzen von einem Ende der „Elysium“ zum anderen, immer verfolgt von merkwürdigen Gestalten, die ein wenig an die Morlocks aus dem Wells-Klassiker „Die Zeitmaschine“ (1895) erinnern. Dazwischen gibt es immer wieder Dialoge, die zum Teil bemüht-philosophisch daherkommen (es stellt sich die Frage nach dem moralischen Kompass, wenn man einer der letzten Überlebenden der Menschheit ist), im Endeffekt aber nur an der Oberfläche kratzen. Das könnte man wohl verschmerzen, würde sich die Action nicht ziemlich hohl anfühlen – von „Alien“-Intensität kann bei „Pandorum“ jedenfalls nicht die Rede sein.

Und noch einen Punkt möchte ich erwähnen, der mich als Fan solcher Geschichten, wie sie die Inhaltsangabe von „Pandorum“ andeutet, massiv stört: Der Film ist in sich nicht so richtig logisch. Die Erklärungen für das Geschehen sind teils in Ordnung (ich mag es, wie die Crew auf einen Überlebenden trifft, der die Geschichte des Schiffs in die Wand graviert hat), alles in allem macht die Handlung aber nicht sehr viel Sinn. Für mein Gefühl fehlen ein paar erklärende Elemente, etwas, das über ein paar Nebensätze hinausgeht. Und dass einiges von dem, was im Schiff passiert, auf die titelgebende Raumkrankheit „Pandorum“ geschoben wird, ist mir tatsächlich etwas zu billig.

Abschließend noch ein Wort zu den Charakteren: Auch hier gibt es Luft nach oben. Die männlichen Hauptdarsteller Dennis Quaid und Ben Foster spielen ihre Rollen zwar gut, die Figuren selbst sind aber nichts, woran man sich länger erinnert. Ein wenig besser ist es mit der einzigen Frau in einer tragenden Rolle, aber letztlich kann auch Antje Traue nicht darüber hinwegtäuschen, dass Charakterzeichnung keine Stärke von „Pandorum“ ist.

Fazit: Ich hätte mir schlicht und einfach mehr von diesem Film erwartet. Man kann ihn sich selbstverständlich gut ansehen – der letzte Twist hat schon was für sich – und er ist technisch definitiv stark gemacht. Aber im Endeffekt ist er völlig zu Recht weder ein echter („Alien“) noch ein heimlicher bzw. zu seiner Zeit verkannter („Event Horizon“) Klassiker des Genres.

Gesamteindruck: 4/7


Originaltitel: Pandorum.
Regie:
Christian Alvart
Drehbuch: Travis Milloy
Jahr: 2009
Land: UK, Deutschland
Laufzeit: ca. 110 Minuten
Besetzung (Auswahl): Dennis Quaid, Ben Foster, Antje Traue, Cam Gigandet, Cung Le, Eddie Rouse



FilmWelt: V/H/S – Eine mörderische Sammlung

Ich habe mir in letzter Zeit abgewöhnt, Filmtrailer anzusehen. Die Inhaltsangabe muss reichen – und manchmal lese ich nicht einmal die zur Gänze durch. Im Falle von „V/H/S“ aus dem Jahr 2012 hätte ich mir jedoch besser eine Vorschau gönnen sollen, denn auf Found Footage hatte ich eigentlich wenig Bock. Kein Wunder, hatte ich doch zum Zeitpunkt, als ich mir diesen Streifen angesehen habe, zu viele ähnlich gemachte Filme in zu kurzer Zeit gesehen. Ein bisschen ist untenstehender Text also auch unter diesem Gesichtspunkt zu lesen – und doch hat „V/H/S“ auch ganz unabhängig davon Probleme, zu überzeugen.

Gesamteindruck: 3/7


Die Meta-Ebene.

Grundsätzlich sehe ich Found Footage und Mockumentaries gern. Allerdings muss man sich – ausgewiesene Fans mögen das anders sehen – vor einer „Überdosis“ hüten: Meiner Erfahrung nach hat man verwackelte Bilder und improvisierte Dialoge relativ schnell satt. Dass „V/H/S“ im Wesentlichen dem entspricht, was seit (1999) in regelmäßigen Abständen, zu Zeiten sogar inflationär, auf die Menschheit losgelassen wird, war mir anhand der Inhaltsbeschreibung allerdings nicht klar – wenn ich das gewusst hätte, hätte ich den Film etwas länger auf meiner Watchlist gelassen.

Abgesehen davon, dass ich anhand der Kurzbeschreibung nicht mitbekommen habe, dass „V/H/S“ dem Found Footage-Genre zuzuordnen ist, war mir auch nicht bewusst, dass es sich dabei im wahrsten Sinne des Wortes um eine „Sammlung“, wie es der deutsche Subtitel so schön beschreibt, handelt. Heißt: „V/H/S“ besteht aus mehreren Kurzfilmen verschiedener Regisseure, die über eine Rahmenhandlung (ebenfalls im Found Footage-Stil) lose miteinander verknüpft sind. Inhaltlich, so viel sei verraten, nehmen die Clips keinen Bezug aufeinander. Und, weil eventuell nicht jeder Interessierte damit rechnet (die Beschreibung liest sich nach Thriller): „V/H/S“ ist ein Horror-Film, der auch und vor allem übernatürliche Phänomene zeigt. Hätte ich all das gewusst, hätte ich den Film wohl etwas länger auf meiner umfangreichen Watchlist gelassen.

Worum geht’s?
Eine Bande von Typen, die sich gerne selbst bei Straftaten filmen, wird von einem Unbekannten angeheuert. Der Job: In ein Haus, in dem nur ein alter Mann wohnt, einzubrechen und dort ein bestimmtes Videoband zu stehlen. Nach längerer Suche in dem heruntergekommenen Anwesen finden die jungen Männer schließlich einen Raum mit diversen Bildschirmen und einem Abspielgerät. Damit wollen sie die richtige Kassette finden – doch der Inhalt der Videos ist höchst verstörend…

Bei einer Bewertung von „V/H/S“ kann man auf drei Bereiche eingehen: Das Gesamtkonzept, die fünf Kurzfilme und die sie verbindende Rahmenhandlung. Am einfachsten scheint mir eine Beurteilung der einzelnen Clips zu sein, die sich die Protagonisten der Rahmenhandlung ansehen und deren Qualität zwischen gut und akzeptabel schwankt. Tatsächlich gelungen finde ich die zwei finalen Filme („The Sick Thing That Happened to Emily When She Was Younger“ und „10/31/98“), die auf deutlich subtileren Horror setzen als der teils recht blutige Rest des Materials. Vor allem „10/31/98“ ist ein spannendes Fundstück, eigentlich würden aber beide auf einen entsprechenden Langfilm neugierig machen (bitte nicht, dabei kommt sicher nichts Gutes raus). Vom Rest empfinde ich „Second Honeymoon“ zumindest als gut gespielt (neben „The Sick Thing…“ der einzige Kurzfilm mit memorablen Charakteren), die übrigen Schnipsel kann man sich gerne ansehen, Meisterwerke sind es allerdings nicht.

Neben diesen fünf Kurzfilmen gibt es eigentlich einen sechsten, der die Rahmenhandlung von „V/H/S“ darstellt. „Tape 56“, so der Titel, bildet den Einstieg in die Geschichte und auch zwischen den einzelnen Clips kehrt der Film immer zu den Einbrechern, die ein Tape suchen, zurück. Wie angedeutet ist die Story eher lose – eigentlich passiert nicht viel mehr, als dass die Protagonisten sich Videos ansehen. Was der Sinn der Sache ist, welches Tape genau gesucht wird und wie der Hausbesitzer überhaupt an das Material gekommen ist, erfährt man nicht. Übrigens endet „V/H/S“ nicht, wie man meinen könnte, mit einem erklärenden Beitrag aus „Tape 56“, sondern relativ unprätentiös mit dem Finale von „10/31/98“. Lediglich gemeinsam mit den Credits werden noch ein paar Szenen der Rahmenhandlung abgespielt (wiederholt). „Tape 56“ selbst ist ein eher nerviger Anfang für „V/H/S“, aber zumindest die Szenen im späteren Verlauf sind in Ordnung. Im Gegensatz zu den restlichen Clips gibt es hier allerdings das Problem, dass die Charaktere nie richtig zu sehen sind, was das Ganze noch flacher und sinnfreier wirken lässt, als es ohnehin schon ist.

Hätte deutlich besser sein können.

Und damit kommen wir zum Gesamtkonzept von „V/H/S“. Ich denke, dass der verantwortliche Produzent Brad Miska grundsätzlich eine gute Idee hatte: Found Footage gibt es häufig – eine Geschichte, in der im Found Footage-Stil, sozusagen auf Meta-Ebene, über das Auffinden und Ansehen solchen Materials berichtet wird, ist schon ein Alleinstellungsmerkmal. Leider zeigt „V/H/S“ aber auch die Probleme auf, die daraus entstehen und von denen ich zwei als verantwortlich für meine moderate Wertung identifizieren würde. Erstens ist die Rahmenhandlung nicht ausgereift: Zunächst gelingt es dem Film gut, Spannung aufzubauen – man möchte als Zuschauer unbedingt wissen, welches Tape gesucht wird, was darauf zu sehen ist, was es mit dem Hauseigentümer auf sich hat und was mit den Einbrechern passiert. Allein: Nichts davon wird erklärt. Dass einem nicht alles vorgekaut wird, ist normalerweise kein Fehler, hier ist es aber so, dass man nicht einmal einen kleinen Hinweis darauf bekommt, was von der ganzen Sache zu halten ist. Wenn man ganz streng ist, könnte man sagen, dass man unbedingt eine Rahmenhandlung gebraucht hat, um die Kurzfilme in dieser Form auf den Markt zu bringen – so richtig scheint aber niemand über mögliche Inhalte nachgedacht zu haben, was an verschwendetes Potenzial grenzt.

Daraus folgt zweitens, dass der Film zu lang ist. Found Footage ist per se anstrengend – das weiß wohl jeder, der mal bei der Geburtstagsparty seiner Tante alte Homevideos ansehen musste. In der Regel können Filme wie „Blair Witch Project“ (1999) oder „Cloverfield“ (2008) das über Handlung und Drehbuch kompensieren, die im Gegensatz zur auf Improvisation getrimmten Technik sehr wohl den üblichen Konventionen der Filmemacherei folgen. Wenn das nicht passiert, ist es eine gute Idee, die Laufzeit so kurz wie möglich zu halten („The Phoenix Tapes ’97“ aus dem Jahr 2016 ist ein solches Beispiel, das allerdings mit anderen Schwierigkeiten zu kämpfen hat). „V/H/S“ dauert ungefähr zwei Stunden, was zu viel ist, weil die Handlung kaum Möglichkeiten bietet, sich festzuhalten. Die einzelnen Filme haben nicht mal ansatzweise miteinander zu tun, sind qualitativ unterschiedlich, die Darsteller sind zu kurz im Bild (oder zu wenig charakterisiert), um sich mit ihnen zu identifizieren – und ein Aha-Erlebnis am Ende (oder vielleicht auch mal zwischendrin) fehlt. Damit ist klar, dass sich die zwei Stunden gelegentlich wie Kaugummi zu ziehen scheinen.

Fazit: „V/H/S“ ist definitiv nur für Found Footage-Fans eine grundsätzliche Empfehlung wert. Alle anderen werden wenig Freude damit haben, sogar, wenn sie z. B. „Blair Witch Project“ tolerabel finden. Wenn ich mich ganz weit aus dem Fenster lehnen möchte, würde ich sagen, dass es besser wäre, die fünf Kurzfilme für sich anzusehen – das geht schneller oder man bestimmt selbst, wie viel man davon ertragen kann. Und ob man die Rahmenhandlung nun mitbekommt oder nicht, macht keinen großen Unterschied. 3 von 7 Punkten lasse ich dennoch springen – es ist ja wie erwähnt nicht alles schlecht, nur das Gesamtkonzept geht einfach nicht so auf, wie es wohl gewollt war.

Gesamteindruck: 3/7


Originaltitel: V/H/S.
Idee:
Brad Miska
Jahr: 2012
Land: USA
Laufzeit: ca. 115 Minuten
Besetzung (Auswahl): Calvin Reeder, Lane Hughes, Adam Wingard, Helen Rogers, Hannah Fierman, Joe Swanberg



FilmWelt: Forbidden World

Die Überlegungen, welchen Film man sich als nächstes im Streamingdienst seines Vertrauens zu Gemüte führt, treiben oft merkwürdige Blüten. Von Mundpropaganda über Meister Zufall bis hin zu einem bombastischen Trailer oder – ganz profan – einer interessanten Inhaltsangabe kann alles dabei sein. In vorliegendem Fall waren es letzteres sowie die Sternewertung bei Amazon („Forbidden World“ ist zum Zeitpunkt dieser Rezension im Prime Abo kostenlos verfügbar), die mich zum Ansehen dieses mir bis dahin völlig unbekannten Werkes verführt haben.

Gesamteindruck: 2/7


„Wir haben Gott gespielt.“

Zunächst kurz zu den Formalitäten, die Kennern der B-Movie-Szene eventuell bekannt sein dürften: „Forbidden World“ ist einer von mehreren Titeln dieses Science Fiction-Films aus dem Jahr 1982. „Mutant“ und „Subject 21“ sind zwei weitere, die im Übrigen deutlich besser zum Inhalt passen, denn ein „verbotener Planet“ kommt in der Handlung eigentlich nicht vor. Im deutschsprachigen Verleih ist der Film auch als „Mutant – Das Grauen im All“ bekannt. Zu erwähnen ist weiters, dass es, ich vermute, aufgrund verschiedener Ekel- und Nacktszenen, verschiedene Schnittfassungen gibt, die Gesamtlänge schwankt dadurch zwischen 73 und 78 Minuten. Amazon Prime scheint die ungekürzte Ausgabe im Programm zu haben, wenn mich nicht alles täuscht.

Worum geht’s?
Eine isolierte Forschungsstation auf dem Planeten Xerbia sendet einen Notruf in die Galaxis: Ein Experiment ist außer Kontrolle geraten und die Wissenschaftler benötigen dringend Unterstützung bei der Eindämmung. Pilot Mike Colby eilt zu Hilfe – und muss bald feststellen, dass die Forscher eine höchst gefährliche Kreatur geschaffen haben, die sich gegen sie gewandt hat…

Die Story, die Regisseur Allan Holzman und Drehbuchschreiber Tim Curnen (mir persönlich sind beide völlig unbekannt) für ihren Produzenten Roger Corman, seines Zeichens bis heute Spezialist für B-Movies, erzählen, finde ich grundsätzlich gelungen. Wir haben es hier mit solider Science Fiction-Kost zu tun, die so oder so ähnlich zwar schon damals nicht ganz neu war, an deren Eckpunkten man aber kaum etwas aussetzen kann. Im Gegenteil, der kritische Ansatz (Zitat aus dem Film: „Wir spielen hier Gott!“) ist heute sogar aktueller denn je. Bei genauerer Betrachtung entpuppt sich die Handlung im Großen und Ganzen als eine Variante von „Das Ding aus einer anderen Welt“ (1951) mit Gore-Effekten, die weit über das hinausgehen, was man dort bzw. im ebenfalls ähnlich gelagerten „Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt“ (1979) zu sehen bekommt. Garniert ist das Ganze mit einer Portion Nacktheit, die keinerlei Relevanz für die Story hat, völlig aufgesetzt wirkt und wohl nur um ihrer selbst Willen eingebaut wurde.

Ein bisschen Ambialenz.

Irgendwo zwischen Soll und Haben würde ich – neben dem Verlauf der Geschichte – zwei Aspekte verbuchen: Zunächst ist „Forbidden World“ – im Rahmen der Möglichkeiten – gar nicht so schlecht gespielt (speziell im Vergleich zu anderen Filmen seiner Preisklasse, wozu auch die jüngsten Produktionen von Roger Corman zählen). Vor allem der leitende Wissenschaftler Dr. Hauser und dessen kettenrauchender Kollege Dr. Timbergen sind durchaus brauchbare Figuren und werden vor allem gut von Linden Chiles bzw. Fox Harris verkörpert. Den Rest der Truppe kann man hingegen gerade noch passable Leistungen attestieren, wobei hierbei wie üblich auch das Drehbuch zu berücksichtigen ist – dazu etwas weiter unten mehr.

Der zweite ambivalente Punkt betrifft die Ausstattung. Die in Teilen einen ausgezeichneten Eindruck, speziell das Innere und Äußere des Raumschiffs in der Anfangssequenz (und auch der Raumkampf) sowie die Forschungsstation stehen teureren Produktionen jener Zeit nicht viel nach. Eine kurze Recherche hat mir gezeigt, dass die Kulissen teilweise für Frühwerke von James Cameron (die ich bis dato noch nicht gesehen habe) zum Einsatz gekommen sein sollen, bei denen ebenfalls Roger Corman als Produzent fungierte. Ähnliches gilt – sogar in noch stärkerem Ausmaß – für die teils ausgesprochen ekelhaften Gore-Szenen, die überraschend realistisch wirken. Die Optik passt also, zumindest was die erwähnten Teile des Films betrifft. Auch hier folgt noch ein „Aber“.

Die Frage ist nun: Reicht das alles für einen brauchbaren Film? Meine diplomatische Antwort: Jein. Eines ist klar: „Forbidden World“ ist ein B-Movie, daran führt kein Weg vorbei. Aber selbst wenn ich das berücksichtige, kann ich die doch sehr hohe Amazon-Wertung (4 von 5 Sternen bei 289 Bewertungen ist schon eine Hausnummer!), die noch höher wäre, gäbe es nicht eine Reihe von Verrissen aufgrund einer mutmaßlich technisch minderwertigen DVD-Veröffentlichung, nicht nachvollziehen. Wer aber ausgewiesener Fan relativ obskurer B-Filme ist, kann wohl den einen oder andere Punkt addieren. Denn eines muss ich auch ganz ehrlich zugeben: Die von mir etwas weiter oben genannten, positiven Features findet man in diesem Segment auch nicht so häufig in dieser Güte.

Ist und bleibt B-Ware.

An sich gibt es ja verschiedene Möglichkeiten, an Budget-Produktionen heranzugehen. Man kann Filme wie diesen entweder als pure Trash-Unterhaltung sehen, man kann aber auch das Improvisationstalent in technischer und inhaltlicher Hinsicht zu schätzen wissen. Egal, wie man es betrachtet – „Forbidden World“ ist meiner Meinung nach ein Werk, das zwischen den Stühlen sitzt. Ein Beispiel ist die Technik: Ich habe etwas weiter oben Effekte und Ausstattung gelobt – das Kreaturen-Design ist hingegen einfach nur billig und schlecht gemacht (und sieht nicht annähernd so aus wie auf dem Film-Cover). B-Movie hin oder her: Das Monster, das die Station terrorisiert, ist alles andere als furchteinflößend, im Gegenteil, es sorgt für unfreiwillige Lacher. Man kann vielleicht schon die Problematik, die sich daraus ergibt, erahnen: „Forbidden World“ wäre eigentlich ein ernsthafter Film. Wenn das Schmunzeln, das sich zwischendurch immer wieder in das Gesicht des Zuschauers schummelt, beabsichtigt war, ist das meines Erachtens misslungen, weil man immer an unfreiwilligen Humor denkt.

Schlimmer sind freilich die Probleme mit Drehbuch und Darstellung. So mag die Story zwar grundsätzlich gut sein, der Film macht aber wenig daraus, das über rohe Gewalt hinaus geht. Die Erklärungen zum fremdartigen Lebewesen machen wenig bis keinen Sinn, die Charaktere verhalten sich unlogisch, die gesamte Geschichte wirkt, als hätte man sie nur deshalb auf Action ausgelegt, weil man nicht recht wusste, wie man die angedeuteten Problemstellungen moralischer Natur angehen sollte. Dazu kommt der gesamte Aufbau, der früh auf den einzelnen Überlebenden und seine Gespielin hinausläuft. Und ja, ich weiß, dass man als Science Fiction-Fan immer wieder über hanebüchenen Unsinn hinwegsehen kann und muss – aber dieses Werk hat leider das Problem, dass man die Tiefgründigkeit, die angedeutet wird, erwartet – und zu keinem Zeitpunkt bekommt.

Nichts für Feminist:innen.

Ein Punkt, bei dem ich nicht recht wusste, wie ich ihn einordnen soll, sind die Frauenrollen in „Forbidden World“. Es mag revisionistisch anmuten, wenn man die Darstellung der beiden Damen per se kritisiert, denn bis weit in die 1980er wurden Frauen auch in großen Produktionen kaum jemals als gleichberechtigte Heldinnen abgebildet; obwohl es durchaus auch abseits der „Alien“-Reihe Ausnahmen gab, immerhin sind beispielsweise die Nebendarstellerinnen in den vor Männlichkeit nur so strotzenden Schwarzenegger-Highlights „Conan der Barbar“ (1982) oder „Predator“ (1987) alles andere als willenlose Püppchen. Ich bin ferner nicht der Meinung, dass jeder Film zwangsweise eine starke weibliche Rolle aufweisen muss. Was aber in „Forbidden World“ gemacht wird, ist schon harter Tobak: Der ach so charismatische Held (in Wirklichkeit finde ich den Charakter nicht sonderlich sympathisch) kommt auf die Forschungsstation, dort gibt es nur zwei weibliche Wesen, die ihm natürlich sofort verfallen, was mit fast schon Porno-artigen „Dialogen“ und entsprechender Mimik und Gestik untermalt wird. Und damit nicht genug: Abseits der nackten Haut beschränken sich die Damen darauf, aus vollem Halse kreischend durch die Station zu rennen, immer in die Arme der sie vermeintlich beschützenden Männer.

Heute wäre eine solche Darstellung – zum Glück – kaum noch möglich, es sei denn in einer Persiflage. Ob „Forbidden World“ eine solche ist, entzieht sich meiner Kenntnis, für mein Gefühl nimmt sich der Film dafür allerdings eine Spur zu ernst (s. o., ich meine damit übrigens keine Ernsthaftigkeit á lá „Alien“, sondern eher die humorlose Leichtigkeit diverser Action-Kracher). Bei einem aktuellen Film müsste es dafür jedenfalls eine massive Abwertung geben, in vorliegendem Falle ist es eine Frage der Sichtweise: Auf einer Meta-Ebene könnte man Filme wie diesen auch als historisches Dokument sehen, als eine Art Zeitzeugnis für die Darstellung von Frauen in Action- und Science Fiction-Filmen bis ins späte 20. Jahrhundert. Denn dafür ist „Forbidden World“ durchaus ein Beispiel, würde ich sagen – und gleichzeitig davon ausgehen, dass die Darstellung von Weiblichkeit im Erscheinungsjahr noch relativ wenig bis keinen Anlass zur Kritik gegeben haben dürfte.

All das ändert freilich nichts daran, dass der Plot insgesamt ohnehin recht dünn ist und die Rollen (bis auf die zwei weiter oben genannten) kaum Charakter besitzen. Damit wenigstens der strahlende Held etwas mehr Charakter bekommen hätte, hätte es wohl einen deutlich stärkeren Gegenpart gebraucht – sei es durch eine etwas tiefgründigere Figur bei den Wissenschaftler:innen (da hätte sich tatsächlich eine der Frauen angeboten) oder durch ein deutlich beängstigenderes Monster. Weil nichts davon vorhanden ist, reicht es bei mir für großzügige 2 von 7 Punkten. Ich habe tatsächlich schon schlechtere Filme gesehen – und in seiner Kategorie macht „Forbidden World“ sowohl technisch als auch in den Grundzügen der Handlung relativ viel her.

Anmerkung am Schluss: Die Filmmusik würde ich fast schon als „kultig“ bezeichnen. 80er-Synthies, die zu merkwürdig anmutenden Bildüberlagerungen wummern – das ist tatsächlich allerfeinstes B-Movie-Material!

Gesamteindruck: 2/7


Originaltitel: Forbidden World (aka „Mutant“ aka „Subject 20“).
Regie:
Allan Holzman
Drehbuch: Tim Curnen
Jahr: 1982
Land: USA
Laufzeit: ca. 80 Minuten
Besetzung (Auswahl): Jesse Vint, Dawn Dunlap, June Chadwick, Linden Chiles, Fox Harris, Michael Bowen



FilmWelt: Split

Der unlängst von mir hier auf WeltenDing behandelte Horrorfilm „The Visit“ (2015) war vielen Kritikern zufolge die Rückkehr von Regisseur M. Night Shyalaman (u. a. „The Sixth Sense“, „Unbreakable“) zu alter Stärke. Ganz so großartig fand ich jenen Film zwar nicht, aber er war zumindest solide. Ähnliches würde ich auch dem ein Jahr später erschienen „Split“ attestieren.

Gesamteindruck: 4/7


Wir sind viele.

Wie bei den meisten seiner Filme zeichnet der US-Regisseur mit indischen Wurzeln auch bei „Split“ sowohl für Regie als auch Drehbuch verantwortlich. Der geneigte Kenner Shyalaman’scher Filmkunst weiß also ungefähr, was ihn erwartet: Ein Thriller mit düsterer Grundstimmung, ein paar Horror-Elementen und dem einen oder anderen Twist, der für offene Münder sorgt.

Worum geht’s?
Nach einer Geburtstagsparty werden drei Teenager von einem Mann betäubt und entführt. Sie kommen in einem Kellerraum zu sich und stellen bald fest, dass ihr Entführer unter einer dissoziativen Identitätsstörung leidet: Sie haben es also nicht mit einer, sondern einer ganzen Reihe von Persönlichkeiten zu tun. Was ihnen zunächst Angst einjagt, entpuppt sich schließlich als Chance, zu entkommen – denn nicht alle Identitäten sind ihnen feindlich gesinnt

Wie so oft bei Shyalaman ist „Split“ eine Genre-technisch Achterbahnfahrt: Der Film täuscht zunächst eine Mischung aus Teenie-Slasher und Torture Porn an, geht dann in Richtung Psychodrama, nur um gegen Ende mit übernatürlichen Elementen aufzuwarten, die den bis dahin sehr realistisch wirkenden Aufbau ad absurdum führen. Diesen Balance-Akt meistert der Regisseur recht gut, sodass sich Fans seiner Filme mit Sicherheit gut von ihm bedient fühlt. Ich selbst bin nicht ganz so überzeugt, wobei ich vorausschicken möchte, dass „Split“ alles andere als ein schwaches Werk ist.

Die Idee, die dem Film zugrunde liegt, ist gut – wobei man auch klar sagen muss, dass die dissoziative Identitätsstörung (DIS), an der der Protagonist leidet, auch schon in anderen Werken thematisiert wurde (noch häufiger übrigens die ähnlich gelagerte Schizophrenie). Ein wenig Bauchweh hat man bei solchen Dingen natürlich immer, stellen die entsprechenden Filme doch Menschen, die an derartigen Störungen leiden, gerne mal als Verbrecher dar, was die Realität nicht widerspiegelt. Diese Diskussion könnte man freilich über viele filmisch verarbeitete Themen führen, was ich aber hier und jetzt definitiv nicht tun möchte. Klar erwähnt sei jedenfalls, dass „Split“ vor allem am Ende deutlich macht, dass es ein Werk der Fiktion ist und nur am Rande mit der realen DIS zu tun hat.

Ein starker Darsteller.

Den Großteil seiner Faszination zieht „Split“ meiner Ansicht nach aus der starken Leistung von Hauptdarsteller James McAvoy. Den Schotten kennt ein breites Publikum wohl vor allem als die junge Version des eigentlich von Sir Patrick Stewart gespielten Professor X aus diversen X-Men“-Filmen. McAvoy gelingt es sehr gut, die verschiedenen Persönlichkeiten, die sich seiner Figur bemächtigt haben, zu verkörpern – jede davon, die im Film zu sehen ist, hat ihre eigene, sehr spezielle Note, was neben dem Drehbuch vor allem der Leistung des Schauspielers zu verdanken ist. Im Vergleich dazu bleiben die Nebenrollen leider relativ blass. Am besten gefallen hat mir die Rolle der Therapeutin, die sich von ihrem Patienten so weit einlullen lässt, dass sie jede Vorsicht vergisst (gespielt von der eher selten in Hollywood-Produktionen zu sehende Betty Buckley), der Rest des Ensembles (bzw. der von ihnen gespielten Charaktere) fällt eher unter „ferner liefen“. Vor allem die drei gefangenen Mädels habe ich als reinstes Klischee empfunden (ja, alle drei!).

Dass der Film vor allem von seiner Hauptfigur lebt, bedeutet in diesem Fall leider nichts Gutes für Drehbuch und Handlung. Ganz so schlimm, wie das im ersten Moment klingt, ist es natürlich nicht – ein besseres Prädikat als „solide“ würde ich „Split“ jedoch nicht verpassen wollen. Dabei sehe ich, wie so oft, nicht den einen, großen Fehler, sondern es ist eher die Summe an Kleinigkeiten, die den Gesamteindruck nach unten ziehen. Ein Beispiel sind die Dialoge, die zwischen gut (wenn der Protagonistin von seiner Therapeutin befragt wird oder wenn sein kindliches Ich mit einer seiner Gefangenen verhandelt) und belanglos schwanken. Ähnlich ist es mit dem Drehbuch: Man hat das Gefühl, dass der Regisseur sich nicht entscheiden konnte, welches Tempo er seinem Film verpassen wollte. Die Diskrepanz zwischen ruhigem Aufbau und der unvermittelt schnellen Action im letzten Abschnitt hat mich jedenfalls etwas ratlos zurückgelassen.

Verlässt sich sehr auf den letzten Twist.

Was die Handlung betrifft, kann ich die ganz großen Lobeshymnen ehrlich gesagt nicht nachvollziehen. Ab und an kommt schon Spannung auf, weil man aber relativ früh im Film erfährt, worunter die Hauptfigur leidet, ist zumindest in dieser Hinsicht kein Aufreger dabei. Meist geht es also um die Versuche seiner drei Opfer sich zu befreien – entweder selbst oder indem sie sich seiner Persönlichkeiten bedienen, die ihnen zum Teil gewogen sind. Ersteres ist, mit Verlaub, ziemlich langweiliges Standardprogramm. Die Verhandlungen mit den anderen Identitäten sind hingegen ganz gut gelungen – so richtig befriedigend empfand ich sie aber nicht, hatte eher das Gefühl, dass in dieser Hinsicht deutlich mehr möglich gewesen wäre. Schade eigentlich: Im Allgemeinen hat man bei „Split“ fast durchgehend den Eindruck, dass der Film nicht mit ganzer Konsequenz zu Ende gedacht wird. Alles wirkt so, als hätten gute Ideen etwas mehr Zeit zum Reifen benötigt.

Letzten Endes haben mir zwei Szenen so gut gefallen, dass „Split“ bei mir trotz allem noch eine passable Wertung bekommt: Einmal findet eines der Mädchen eine Aufzeichnung, in der sich verschiedene Persönlichkeiten des Protagonisten zu Wort melden – das ist spannend und zeigt, dass das Potenzial deutlich höher gewesen wäre. Der zweite Wohlfühlfaktor ist natürlich der finale Twist, auf den sich der ganze Film sehr stark zu verlassen scheint. Und ja, es stimmt, der allerletzte Take schlägt wirklich ein wie eine Bombe (zumindest bei denen, die einen bestimmten, älteren Film von M. Night Shyalaman kennen). Zwar meine ich, irgendwo im Hinterkopf eine kleine Stimme gehört zu haben, die mir weismachen wollte, dass bewusste Szene ein wenig aufgesetzt wirkt (als hätte man gewusst, dass der Film ohne sie vielleicht nicht so lang in Erinnerung bleiben würde), aber dieses Stimmchen kann man auch gut ignorieren.

Fazit: Vier Punkte für einen Film, der gut und solide ist, sein Potenzial für mein Gefühl aber zu keinem Zeitpunkt so richtig abrufen kann. Die Fantasy-Elemente im letzten Drittel muss man erst einmal verdauen, aber in Anbetracht des letzten Twists machen sie schon Sinn. Ohne den wären sie hingegen vollkommen fehl am Platze gewesen, was mir als Zuseher übrigens die ganze Zeit im Kopf herumgespukt ist und vielleicht auch minimalen Einfluss auf die Gesamtwertung hat.

Gesamteindruck: 4/7


Originaltitel: Split.
Regie:
M. Night Shyamalan
Drehbuch: M. Night Shyamalan
Jahr: 2016
Land: USA
Laufzeit: ca. 120 Minuten
Besetzung (Auswahl): James McAvoy, Anya Taylor-Joy, Betty Buckley, Haley Lu Richardson, Jessica Sula, Bruce Willis



FilmWelt: Das Werwolfspiel

Manche Rezensenten scheinen mit einer falschen Vorstellung an diesen Film heranzugehen: Das titelgebende Werwolfspiel existiert wirklich – dabei handelt es sich, genau wie im Film dargestellt, um ein Rollen-/Gesellschaftsspiel, in dem Mitspieler identifiziert werden müssen, die die Rolle eines Werwolfs zugelost bekommen haben. Es gibt also keinen Grund, enttäuscht zu sein, wenn in „Das Werwolfspiel“ niemandem bei Vollmond Haare und lange Zähne wachsen.

Gesamteindruck: 2/7


Die Werwölfe vom Wienerwald.

Wenn man noch nie etwas von vorliegendem Streifen gehört hat, ist das nicht verwunderlich. „Das Werwolfspiel“ ist eine Low Budget-Produktion aus Österreich, für Regie und Drehbuch zeichnet Johanna Rieger verantwortlich, die auch eine der Hauptrollen spielt. Dass ich selbst – durchaus mit einer Affinität zu Indie-Kram ausgestattet – überhaupt darauf aufmerksam geworden bin, hat vor allem mit dem eingangs erwähnten Spiel zu tun: Ich bin gelegentlicher Teilnehmer bei einer Online-Variante, habe auf der Suche nach neuen Spielerrunden gegoogelt und irgendwo in den Untiefen der Suchmaschinenergebnisse war vorliegender Film vertreten. Anders hätte ich ihn wohl nie entdeckt – er ist zum Zeitpunkt dieser Rezension im Prime-Abo von Amazon enthalten, dort aber so gut versteckt, dass wohl nicht allzu viele User zufällig darüber stolpern dürften.

Worum geht’s?
In einem abgelegenen Haus im Wald treffen sich einige ehemalige Schulkameraden erstmals nach vielen Jahren wieder. Geplant ist eine Partie des Rollenspiels „Die Werwölfe von Düsterwald“. Schon nach wenigen Minuten reißen alte Gräben wieder auf – und Realität und Spiel beginnen sich zusehends zu vermischen…

Wer „Das Werwolfspiel“ allen Widrigkeiten zum Trotz findet, sieht einen Film, der sehr speziell ist, so viel kann man zumindest festhalten. Zunächst das Positive: Die Idee, ein eigentlich harmloses Gesellschaftsspiel in eine Art Slasher zu verwandeln, in dem die Beteiligten nach und nach auch in der Realität dezimiert werden, ist gut. Vielleicht sogar einzigartig – zumindest fällt mir aus dem Stegreif kein Film ein, der dieses Thema hat. Dass dahinter eine Art Rache-Geschichte steckt, ist zwar vorhersehbar, aber durchaus legitim und damit keineswegs negativ. Ein zweiter Pluspunkt ist die musikalische Untermalung, die ausgezeichnet zu Idee und Schauplatz passt (letzterer ist übrigens ebenfalls gut gewählt und für den Film adaptiert).

Mehr kann ich aber leider nicht im Haben verbuchen. Im Gegenteil, „Das Werwolfspiel“ hat mit grundlegenden Schwierigkeiten zu kämpfen. Am leichtesten ist noch über die Tonprobleme hinwegzusehen, die speziell am Anfang des Filmes verhindern, dass man die eröffnenden Dialoge versteht. Interessanterweise macht sich diese Problematik, die ich auf das angespannte Budget zurückführe, nur beim Ton, nicht aber in der Optik bemerkbar. Gravierender und für den schwachen Gesamteindruck ausschlaggebend sind aber ohnehin andere Probleme – die aus meiner Sicht gröbsten betreffen Handlung und Drehbuch, Charaktere sowie die Darsteller.

Grundsätzliche Schwierigkeiten.

Beginnen wir vielleicht mit den Darstellern. Mir ist natürlich klar, dass ein Film wie „Das Werwolfspiel“ gewisse Grenzen hat, was die Besetzung betrifft. Ich möchte den Schauspielern (von denen mir übrigens kein einziger bekannt vorher bekannt war) auch überhaupt nicht zu nahe treten, aber das, was hier geboten wird, tut dem Film wahrlich keinen Gefallen. Das beginnt bei unbeholfen wirkenden Bewegungsabläufen und findet in der über weite Strecken unnatürlichen Sprechweise seinen Höhepunkt. Die Darsteller scheinen immer wieder zu vergessen, dass sie vor einer Fernsehkamera stehen – und nicht auf einer Theaterbühne. Nicht alle, wohlgemerkt, aber im Großen und Ganzen ist „Das Werwolfspiel“ völlig übertrieben gespielt und intoniert, was den Film unfreiwillig komisch macht. Beides ist bei deutschsprachigen (also nicht synchronisierten) Serien der jüngeren Vergangenheit übrigens immer mal wieder ein Kritikpunkt (jüngst z. B. bei „Tribes of Europa“), aber so eklatant ist es mir noch nie untergekommen. Zur Ehrenrettung der Mimen sei gesagt, dass ich vermute, dass sie auch mit den eher angerissenen als ausführlich gezeichneten Charakteren zu kämpfen hatten. Die Figuren sind so angelegt, dass man als Zuschauer schon eine gewisse Tiefe hineininterpretieren könnte – ein Vergnügen ist das in diesem Falle aber nicht, wenn ich ganz ehrlich sein soll. Zu vieles bleibt angedeutet und zweideutig, allerdings nicht auf eine gute Art.

Leider können Handlung und Drehbuch diese Probleme nicht kaschieren. Im Gegenteil – „Das Werwolfspiel“ wirkt, als hätte die Regisseurin nicht gewusst, was sie mit ihrer guten Idee machen soll – eine Geschichte ist höchstens in Andeutungen vorhanden. Und selbst die sind verwirrend und in sich nicht schlüssig, sodass der Film zu keinem Zeitpunkt richtig in flow kommt. Ich habe mir jedenfalls sehr schwer getan, die Hintergründe zu durchschauen. Nun kann man sagen, dass das auch in großen Produktionen ab und an so ist, oft auch mit Absicht, weil der Weg sozusagen das Ziel ist. Wenn das hier die Absicht gewesen sein sollte, ist das leider völlig misslungen und der Film wirkt zerfahren bzw. nicht zu Ende gedacht. Ein bisschen mag das sogar mit dem dilettantisch anmutenden Schnitt zu tun haben, der eine Abgrenzung gewisser Szenen nicht sauber hinbekommt. Und: Wie der „Werwolf“ es letztlich schafft, seine Morde zu begehen, bleibt ein ebenso großes Rätsel wie das Wieso. Die Puzzleteile fügen sich am Ende einfach nicht befriedigend zusammen.

Gerade letzteres ist meines Erachtens das größte Manko von „Das Werwolfspiel„. Ich habe ja mehrfach das schmale Budget angesprochen – die Einschränkungen und Abstriche, die das mit sich bringt, sind mir zwar nicht im Detail bekannt, mir ist aber klar, dass daraus mannigfaltige Schwierigkeiten entstehen. Dennoch gibt es – auch für Zuseher, die grundsätzlich zu schätzen wissen, dass es Filme wie diesen gibt – eine gewisse Grenze für die Qualität (die ist gerade im Independent-Bereich übrigens meist inhaltlicher und kaum jemals technischer Natur). „Das Werwolfspiel“ hangelt sich an diesem Bereich (eigentlich ist es ja keine scharfe Grenze) entlang, hat neben der Idee durchaus seine Momente und ist zwischendurch immer mal wieder spannend. Leider fehlt am Schluss der so wichtige Moment der Erkenntnis, der alle anderen Probleme, die ich genannt habe, vergessen machen würde. Weil der letzte Twist nicht (oder nicht gut) kommt, summieren sich die großen und kleinen Mängel soweit, dass ich beim besten Willen nicht mehr als 2 von 7 Punkten geben kann.

Wer jeden österreichischen Film gesehen haben muss, kann natürlich einen Blick riskieren – alle anderen, egal ob Fans der „Werwölfe von Düsterwald“ oder nicht, sollten es sich zweimal überlegen, bevor sie hier 1 1/2 Stunden ihres Lebens investieren.

Gesamteindruck: 2/7


Originaltitel: Das Werwolfspiel.
Regie:
Johanna Rieger
Drehbuch: Johanna Rieger
Jahr: 2013
Land: Österreich
Laufzeit: ca. 95 Minuten
Besetzung (Auswahl): Johanna Rieger, Anton Frisch, Markus Zett, Stefanie Frischeis, Rita Hatzmann