BuchWelt: Spuk in Hill House

Shirley Jackson


Abseits von Stephen King und einer gelegentlichen Rückkehr zu H. P. Lovecraft habe ich in letzter Zeit wenig unheimliche Literatur genossen – höchste Zeit also, sich mal wieder ordentlich zu gruseln. Die Suche nach einem geeigneten Schocker hat mich diesmal ins Internet geführt, wo man einen nachgerade unerschöpflichen Fundus an Literatur-Tipps jeglicher Couleur findet. Auf Listen mit Titeln wie „The Most Terrifying Books“ o. ä. tauchen immer recht ähnliche Werke auf – darunter auch vorliegendes Buch der amerikanischen Autorin Shirley Jackson. Weil mir die gleichnamige Netflix-Serie gut gefallen hat, nahm ich allen Mut zusammen um Hill House erneut zu erkunden.

Gesamteindruck: 3/7


Das Blut gefriert nur manchmal.

„Spuk in Hill House“ war zwar kein klassischer Spontankauf, wie aus der Einleitung deutlich wird, ein paar Überraschungen hatte das Buch aber dennoch gleich zu Anfang für mich parat. Bevor ich die erste Seite aufgeschlagen (oder wie man das bei einem eBook nennt) habe, habe ich zum Beispiel nicht bewusst mitbekommen, dass der Roman von einer Frau geschrieben worden ist. Eigentlich wäre das keine Erwähnung wert (Wieso sollte es nicht auch von einer Frau Horrorliteratur geben?), würde das Buch nicht schon 1959 veröffentlicht worden sein. Damals war das meines Erachtens noch nicht so selbstverständlich, wie es heute zumindest sein sollte. Und: Nicht nur die genannte Netflix-Serie basiert auf „Spuk in Hill House“, es gibt mit „Bis das Blut gefriert“ (1963) und „Das Geisterschloss“ (1999) sogar zwei mehr oder weniger erfolgreiche Filme. Das alles zeigt, dass an der häufigen Erwähnung auf Empfehlungslisten schon was dran sein dürfte, zumindest scheint für eine erhebliche Anzahl an Lesern, aber auch für diverse Filme- und Serienmacher eine gewisse Faszination von dem Stoff auszugehen.

Worum geht’s?
Der Anthropologe John Montague mietet für einige Wochen ein Anwesen, in dem es nicht mit rechten Dingen zugehen soll. Beim Aufspüren und Nachweisen übernatürlicher Aktivitäten sollen ihm drei Freiwillige helfen, die er aufgrund ihrer Sensitivität für derartige Phänomene ausgewählt hat – und die unterschiedlicher nicht sein können. Und tatsächlich merken die Hausgenossen bald, dass der schlechte Ruf, den Hill House in der ganzen Gegend genießt, nicht von ungefähr kommt

Ich muss ehrlich sagen, dass mich dieses Buch eher ratlos als verängstigt zurückgelassen hat. Die von mir gelesene, deutsche eBook-Ausgabe ist 215 Seiten eher dünn, dennoch habe ich erstaunlich lang für die Lektüre gebraucht. Das liegt meines Erachtens unter anderem am schwankenden Erzähltempo: Passiert im Haus nicht viel, ergehen sich die Figuren teilweise seitenlang in Erinnerungen und tauschen Erfahrungen aus ihrem Leben aus. Wenn es hingegen unheimlich wird, hat man den Eindruck, dass die Ereignisse im Zeitraffer ablaufen; ein bisschen erinnert das dann an das reale Gefühl von atemloser Panik. Ich weiß nicht, wie ich es besser beschreiben kann, aber wenn im Hill House Geister (oder was man dafür halten könnte) auftauchen, ist man kaum in der Lage, das Buch aus der Hand zu legen. Auch aus Angst, was man sehen oder hören könnte, wenn man sich nicht auf die Seiten konzentriert, die vor einem liegen. Klingt gut und furchteinflößend? Ist es auch, insofern kann ich sogar verstehen, wieso das Buch als besonders unheimlich gilt.

Zu wenig Horror.

Leider gibt es aber ein Problem: Im schmalen Umfang von „Spuk in Hill House“ sind nur zwei Szenen enthalten, die dem Leser tatsächlich auf diese Art und Weise einen tüchtigen, fast körperlich spürbaren Schrecken einjagen. Der Rest ist Psychologie und Philosophie, was gar nicht so schlecht wäre, aber einfach nicht dem entspricht, was ich mir hier erwartet und erhofft hätte. Das ist sehr schade – denn eigentlich hätte die Autorin eine perfekt aufgebaute, düstere Atmosphäre aufgebaut zur Verfügung gehabt. Das was sie daraus macht ist in wenigen Momenten schlichtweg genial, lässt im weit größeren Teil die unheimliche Stimmung jedoch wieder verpuffen.

Es hätte eventuell dennoch für eine höhere Wertung reichen können – hätte Shirley Jackson nicht im letzten Drittel (oder ist es schon ab der Hälfte?) eine zusätzliche Person, die Frau von Dr. Montague, eingeführt. Ich bin mir nicht sicher, ob das als humoristische Auflockerung der dichten und bedrückenden Atmosphäre gedacht war – ich hätte die schrille und exzentrische Figur definitiv nicht gebraucht. Ich würde sogar sagen, dass dadurch ein Gutteil der vorher sorgsam aufgebauten Stimmung unwiederbringlich verloren geht. Eher als Randnotiz sei noch notiert, dass die Dialoge zum Teil höchst merkwürdig wirken. Ich habe auch nicht den Eindruck, dass das am Alter des Buches liegt – es ist aus meiner Sicht einfach so, dass weder die individuelle Sprache der Personen noch wie sie miteinander reden, sonderlich natürlich wirken. Woran das liegt, kann ich nicht genau festmachen, bei mir hat dieser Faktor jedenfalls ab und an für unfreiwilliges Schmunzeln gesorgt.

Alles in allem ist „Spuk in Hill House“ damit ein mittelmäßiges Buch. Exzellente (und das meine ich wirklich so!), atmosphärisch extrem dichte Schockmomente sind vorhanden, kommen aber viel zu selten vor. In Kombination mit der spät eingeführten und viel zu aufdringlichen Ehefrau des Anthropologen kann das leider nicht für eine bessere Wertung reichen. Sehr schade, ich wollte dieses Buch wirklich mögen.

Gesamteindruck: 3/7


Autor: Shirley Jackson
Originaltitel: The Haunting of Hill House.
Erstveröffentlichung: 1959
Umfang: ca. 215 Seiten
Gelesene Sprache: Englisch
Gelesene Version: eBook

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FilmWelt: Kong: Skull Island

Der Riesenaffe, seines Zeichens erstes Filmmonster der Geschichte, feierte anno 2017 seine Rückkehr auf die große Leinwand. Und „Kong: Skull Island“ ist tatsächlich ein großartiger Film geworden. Das war so nicht unbedingt zu erwarten – aber genau wie beim amerikanischen „Godzilla“ von 2014, der übrigens vom gleichen Team produziert wurde, hat man auch hier (fast) alles richtig gemacht. Sogar noch etwas besser.

Gesamteindruck: 6/7


Starker Reboot.

Die Geschichte um den Riesengorilla Kong, der bereits seit 1933 die Kinobesucher das Fürchten lehrt, ist ein Klassiker der Filmhistorie. Entsprechend gespannt war man vor dem Kinobesuch natürlich, wie eine zeitgemäße Adaption des alt-ehrwürdigen Stoffes aussehen würde. „Kong: Skull Island“ ist natürlich nicht die erste Variante, die dem Publikum in jüngerer Zeit vorgestellt wurde. Immerhin gab es mit „King Kong“ bereits 2005 eine tiefe Verbeugung vor dem Original, die von Peter Jackson sehr ansprechend in Szene gesetzt wurde. „Skull Island“ (2017) ist nun keine Fortsetzung von Jacksons Hommage, sondern eine gänzlich eigenständige Herangehensweise, dem alten Affen erneut Leben einzuhauchen.

Rein äußerlich zeigt sich das an einem wesentlich größeren und imposanteren Kong, der eher dem entspricht, was man aus dem 1933er Original kennt. Davon abgesehen sind die üblichen Zutaten enthalten: Die ständig in Nebel und Sturm verborgene Insel, die prähistorische anmutende Tierwelt, die seltsamen Ureinwohner hinter ihrem Schutzwall, die ach-so-zivilisierten Eindringlinge, die nichts Gutes auf die Insel bringen. Trotz dieser Berechenbarkeit ist „Kong: Skull Island“ erfrischend anders. Einerseits fehlt – und das ist in diesem Fall kein Verlust – die gesamte „der Affe und die weiße Frau“-Thematik, andererseits legt der Film den Fokus sehr stark auf die namensgebende Insel und lässt den üblichen Ausflug nach New York vollkommen außen vor. Hinzu kommt ein gutes Drehbuch mit brauchbaren Dialogen und ganz coole Charaktere.

Hauptdarsteller ist und bleibt jedoch der riesige Affe. Und hier unterliegt der Film nicht dem in „Godzilla“ (2014) kritisierten Phänomen: Bereits in der ersten Szene von „Skull Island“ wird klar, wer die größte Attraktion auf der Insel ist – man muss nicht stundenlang warten, um dann mit wenigen Monster-Szenen abgespeist zu werden. Kong ist sehr präsent, zum Glück aber dennoch nicht so sehr, dass sich Abnützung einstellt. Die Effekte such übrigens, nicht nur was Kong selbst betrifft, ihresgleichen, ohne dass man das Gefühl eines ständigen Overkills hat. Der Affe sieht unglaublich gut aus, seine Bewegungen sind trotz seiner unglaublichen Größe geschmeidig, die Kämpfe ansprechend. Dazu kommt ein furchteinflößender Dschungel, bevölkert von gefährlichen Urzeit-Kreaturen. Untermalt wird all das von einem grandiosen Soundtrack, der perfekt in die Zeit der Handlung (kurz nach dem Vietnam-Krieg) passt. Noch ein Punkt der auffällt: „Skull Island“ bietet zahlreiche größere und kleinere Anspielungen auf andere Filme, beispielsweise „Apocalypse Now“, was schon der Blick aufs Filmposter deutlich macht. Auch das sorgt durchaus für gute Laune, sodass man letztlich von einem rundum gelungenen Gesamtpaket sprechen kann.

Ein abschließender Tipp: Es gibt eine Post-Credit-Szene, die man sich jedenfalls ansehen sollte. Denn dadurch wird enorme Vorfreude auf weitere Monster-Filme geschürt.

Gesamteindruck: 6/7


Originaltitel: Kong: Skull Island
Regie: Jordan Vogt-Roberts
Jahr: 2017
Land: USA
Laufzeit: 119 Minuten
Besetzung (Auswahl): Tom Hiddleston, Samuel L. Jackson, John Goodman, Brie Larson,



 

FilmWelt: Der Hobbit: Eine unerwartete Reise

Viel wurde im Vorfeld über die Verfilmung von „Der Kleine Hobbit“ (1937, J. R. R. Tolkien) geschrieben und spekuliert. Ein Gutteil davon war natürlich Kalkül und dem Hype um die Filmtrilogie – und letztlich auch dem Erfolg – keineswegs abträglich. In einem solchen Fall schrillen beim skeptischen Zuschauer natürlich die Alarmglocken, denn zu oft erweist sich ein angebliches Meisterwerk als Rohrkrepierer. Im Falle von „Der Hobbit – Eine unerwartete Reise“ können aber auch die kritischsten Zuseher und die größten Tolkien-Fans beruhigt zugreifen: Der Film ist hervorragend.

Gesamteindruck: 7/7


Verdiente Vorschusslorbeeren.

Auf die Geschichte, die dem Film zugrunde liegt, einzugehen, ist in einer Rezension eigentlich nicht notwendig. Es reicht zu sagen, dass Peter Jackson sich sehr genau an die Romanvorlage hält – deren Kürze kommt ihm hier zugute, denn im Gegensatz zu „Der Herr der Ringe“ musste er beim „Hobbit“ nichts weglassen und nur manche Szenen ändern. Allzu grobe Eingriffe in die Handlung des Buches gibt es in „Eine unerwartete Reise“ aber nicht. Eine Befürchtung im Vorfeld war eher umgekehrter Natur – wie sollte es der ambitionierte Regisseur schaffen, ein so kurzes Kinderbuch in einen epischen Mehrteiler für die Leinwand zu verwandeln?

Die Antwort erscheint – zumindest mir als Tolkien-Fan – plausibel: Jackson hält sich nicht nur an die Romanvorlage sondern verknüpft das Ganze mit weiteren Informationen, die im „Kleinen Hobbit“ nicht vorkommen, wohl aber in „Herr der Ringe“ (und teils sogar im „Silmarillion“) erklärt werden. Ein Beispiel ist „Der Weise Rat“ mit Saruman (wieder grandios gespielt vom 2015 verstorbenen Sir Christopher Lee in einer seiner letzten Rollen) und Galadriel, der im „Kleinen Hobbit“ maximal in einem Nebensatz erwähnt wird, während man in „Herr der Ringe“ erfährt, dass der Rat parallel zu Bilbos Reise nicht untätig war. Ähnlich ist es mit dem Auftritt von Radagast, der allerdings in keiner Buchvorlage die Festung im Düsterwald erkundet. Derartige Verknüpfungen gibt es viele – dadurch entsteht ein ausgesprochen homogenes und in sich stimmiges Gesamtbild, das das von Tolkien geschriebene Buch (das auch als solches eher isoliert da steht) im Endeffekt sogar übertrifft. Positiver Nebeneffekt ist, dass man so ein Wiedersehen mit alten Bekannten feiern kann. So vergeht die lange Spielzeit natürlich wie im Fluge.

Die Schauspieler wurden gut gewählt, auch wenn einige Zwerge (siehe Kili, Fili und der von Richard Armitage gespielte Anführer Thorin Eichenschild) für mein Gefühl ein bisschen zu „menschlich“ aussehen. Insbesondere Martin Freeman in der Hauptrolle ist aber ein wahrer Glücksgriff für diesen Film. Die Figuren, die die Schauspieler verkörpern, haben – mit wenigen Ausnahmen – das Problem, im Buch so gut wie nicht beschrieben zu werden. Das betrifft eigentlich alle Zwerge (mit Ausnahme von Thorin und Balin). Nachdem das Buch an dieser Stelle einfach nicht deutlicher ist, bin ich umso mehr vom Job, den Peter Jackson und sein Team gemacht haben, begeistert. Prinzipiell halte ich lediglich die große Zahl an Gefährten zwar für problematisch, aber dafür kann der Regisseur nichts, so ist die Vorlage nun einmal. Zumindest sind die Zwerge optisch ausgesprochen fantasievoll und mit Liebe fürs Detail gestaltet worden. Die Dialoge wurden großteils 1:1 aus dem Buch übernommen, sind also zum Teil sehr einfach gestrickt aber immerhin authentisch.

Drehbuch, Handlung und Besetzung sind also mehr als in Ordnung – aber wie sieht es mit der Technik aus? Zunächst ist der Soundtrack zu beachten, der erwartungsgemäß episch ausfällt. Allein für das Lied der Zwerge („Misty Mountains Cold“), dessen Melodie auch das Hauptthema ist, hat sich Howard Shore höchstes Lob verdient. Quasi nebenbei wurden auch immer wieder Versatzstücke aus den „Herr der Ringe“-Filmen eingebaut, somit entsteht auch hier Homogenität und das Gefühl eines großen Ganzen. Dem steht die Optik in nichts nach. Zumindest, wenn man dem Stil, den man mittlerweile aus „Herr der Ringe“ kennt, grundsätzlich etwas abgewinnen kann. Die Effekte sind gut und professionell – mit einer Ausnahme: Das Tempo ist speziell bei den Kämpfen sehr hoch, was in Verbindung mit dem neuen Bildformat (48 Bilder pro Sekunde) ein gewöhnungsbedürftiges Seherlebnis zur Folge hat. Das fällt zwar irgendwann nicht mehr auf, es bleibt aber der Beigeschmack, dass es Jackson mit der Action ein wenig übertreibt, um die Technik richtig auszureizen.

Der Film ist – trotz der Kinderbuchthematik – ernst und düster genug, um nahtlos an „Herr der Ringe“ anschließen zu können. Es gibt praktisch keine Längen, Technik, Drehbuch und Charaktere stimmen. Klare Höchstwertung für den ersten von drei „Hobbit“-Teilen. Haare in der Suppe gibt es tatsächlich nicht sehr viele zu finden. Eventuell hätte man auf den von Kaninchen gezogenen Schlitten von Radagast verzichten können. Ansonsten fällt mir beim besten Willen kein gröberer Kritikpunkt ein. Als Tolkien-Fan muss man halt – wie bei Buchverfilmungen üblich – mit einigen, in diesem Fall kleinen, Änderungen zur Vorlage leben.

Noch eine kurze Schlussbemerkung: Eigentlich ist es schade, dass Jackson zunächst „Herr der Ringe“ verfilmt hat und nun einen so episch ausgedehnten „Hobbit“ nachschiebt. Ich denke, mit der „Hobbit“-Erfahrung hätte der grundsätzlich wesentlich tiefergehende Stoff von „Herr der Ringe“ noch besser auf der Leinwand zur Geltung kommen können, eventuell auch in mehr als drei Teilen. Aber diese Spekulation ist sowieso müßig – „Der Hobbit – Eine unerwartete Reise“ ist einfach ein exzellenter Film.

Gesamteindruck: 7/7


Originaltitel: The Hobbit: An Unexpected Journey
Regie: Peter Jackson
Jahr: 2012
Land: USA/UK/Neuseeland
Laufzeit: 169 Minuten (Kino), 182 Minuten (Extended Edition)
Besetzung (Auswahl): Martin Freeman, Ian McKellen, Richard Armitage, Cate Blanchett, Hugo Weaving, Christopher Lee