FilmWelt: 1922

Im Vorfeld dieser Rezension habe ich mir angesehen, welche und wie viele Filme eigentlich auf Werken von Stephen King beruhen. Der Umfang dieser Liste ist an sich schon beeindruckend, geradezu unfassbar ist aber, dass es seit mittlerweile vier Jahrzehnten (!) kaum ein Jahr gibt, in dem nicht Geschichte des Meisters in irgendeiner Form auf Zelluloid gebannt wurde. Etwaige „Leerstände“ werden in der Regel durch umgebende Jahre locker wettgemacht; so gab es z. B. 2018 keine King-Verfilmung, dafür sind 2017 und 2019 nicht weniger als drei Serien und acht (!!) Filme erschienen. Darunter auch die von Publikum und Kritik weitgehend wohlwollend aufgenommene Netflix-Produktion „1922“.

Gesamteindruck: 5/7


Du sollst nicht töten.

Bei Verfilmungen von Romanen und Geschichten des US-Schriftstellers weiß man nie, was einen erwartet. Auf Vorlagen, die aus seiner Feder stammen, basieren einerseits so grandiose Filme wie „Shining“ (1980), „Die Verurteilten“ (1994, gilt gemeinhin als einer der besten Filme aller Zeiten) und „The Green Mile“ (1999). Andererseits gibt es jede Menge zu Recht in Vergessenheit geratene Machwerke wie „Werwolf von Tarker Mills“ (1983) oder „Der Rasenmäher Mann“ (1992). Und dann gibt es noch eine ganze Reihe von Umsetzungen, die – auf unterschiedlichstem Niveau und mal mehr, mal weniger werktreu – zwischen diesen Polen liegen. Dort würde ich auch das auf der gleichnamigen Novelle (2010 in der Sammlung „Zwischen Nacht und Dunkel“ erschienen) basierende „1922“ aus dem Jahr 2017 einordnen: Kein Meisterwerk aber eine grundsolide King-Verfilmung.

Worum geht’s?
Wilfred und Arlette James leben gemeinsam mit ihrem Sohn Henry als Farmer im US-Bundesstaat Nebraska. Das bescheidene Einkommen reicht gerade so, um die Familie über Wasser zu halten. Mit diesem entbehrungsreichen Leben gibt sich Arlette nicht mehr zufrieden – sie beschwört daher ihren Mann, das Land zu verkaufen und in die Stadt zu ziehen. Davon will Wilfred, dem das Leben auf seinem eigenen Land gefällt, nichts hören. So reift in ihm schließlich der Entschluss heran, seine Frau, die ihm mit Scheidung und Entziehung des gemeinsamen Sohnes droht, zu beseitigen…

Das zentrale Thema von „1922“ findet sich in verschiedensten Ausführungen und Nuancen immer wieder bei Stephen King: Das Unvermögen, zwischenmenschliche Probleme zu lösen und die Frage nach dem Umgang mit der eigenen Schuld. Manchmal verklausuliert der Autor derartige Fragestellungen stark, „1922“ ist allerdings vergleichsweise gradlinig: Die Ehefrau spurt nicht, will sich gar scheiden lassen und den Stammhalter gleich mitnehmen. Ein Mord ist die Folge; was aus heutiger Sicht absurd und eigentlich undenkbar erscheint. Und doch passiert das so oder so ähnlich praktisch täglich. 100 Jahre nach jenem Jahr 1922 und, wohlgemerkt, nicht nur in Nebraska, wo es „eben so ist, „wenn eine Frau verschwindet – das geht nur sie und den Ehemann etwas an“, wie im Film zynisch angemerkt wird. Die Schuldgefühle, die beim Täter relativ bald aufkommen, manifestieren sich bald nach dem – übrigens sehr explizit und realistisch dargestellten Mord – in übernatürlichen Phänomenen, die die Hauptfigur in den Wahnsinn zu treiben drohen. Auch das ist nicht untypisch für Stephen King.

Ein starkes Drehbuch.

Ein Innovationswunder ist „1922“ also nicht. Dass der Film trotzdem zu den besseren seiner Zunft gehört, hängt demnach mit anderen Faktoren zusammen, die nicht zwangsweise mit der Handlung zu tun haben.. Einer davon ist Hauptdarsteller Thomas Jane: Er verkörpert den hartgesottenen Farmer ausgesprochen realistisch. Auch, weil er in seiner verschlossenen und wortkargen Art nicht komplett unmenschlich wirkt, sondern immer einen Funken Emotion, vor allem Liebe zu seinem Sohn, im Hintergrund erahnen lässt. Eine wirklich großartige Leistung, die den Film über die gesamte Laufzeit und in verschiedenen Stadien des geistigen Verfalls hinweg, trägt.

Freilich wäre das ohne ein starkes Drehbuch nicht möglich – und hier hat Zak Hilditch, der auch für die Regie verantwortlich zeichnet, hervorragende Arbeit geleistet: Nach der üblichen Vorstellung der Charaktere, über denen von Anfang an eine kaum greifbare Düsterkeit zu brüten scheint, folgt relativ bald der blutige Höhepunkt. In den letzten zwei Dritteln des Films arbeitet Hilditch dann heraus, was ein solches Verbrechen auch mit dem Täter machen kann. Es ist faszinierend, dessen langsamen, aber unaufhaltsamen Abstieg in den Wahnsinn zu beobachten. Interessant auch, dass der Charakter kaum einen Anflug von Mitgefühl beim Zuseher zulässt – Wilfred James ist, gelegentlichen Anflügen von Sanftmut zum Trotz, ein brutaler Kerl, der es verdient, von seiner eigenen Tat eingeholt zu werden.

Außerdem im Haben zu verbuchen: Die Kameraarbeit, denn der Film ist außergewöhnlich gut fotografiert und zeigt wunderbar den Kontrast zwischen der weiten, sanften Landschaft und den harschen Charakteren, die sie bewohnen.

Nebenhandlung als kleiner Stolperstein.

Dass „1922“ trotz dieser guten Ansätze nicht voll punkten kann, liegt an der Nebenhandlung. Die dreht sich um Henry James, der, seines Vaters überdrüssig, selbst mit großer Schuld beladen und zu allem Überfluss auch noch schwer verliebt, im Laufe des Films irgendwann das Weite sucht. Freilich ohne Geld, sodass er sich gemeinsam mit seiner großen Liebe als eine Art „Bonnie & Clyde“ im Westentaschenformat als Bankräuber über Wasser hält. Diese Story, die wohl bewusst mit einem gewissen Augenzwinkern gedreht wurde, unterhält einigermaßen, greift aber meines Erachtens nicht zufriedenstellend mit dem der Haupthandlung ineinander. Dadurch entsteht das Gefühl, der Nebenstrang wäre vor allem dazu da, die Spielzeit zu verlängern. Das ist zwar kein Beinbruch, ein wenig zieht es die Qualität aber doch nach unten, wie ich finde.

Sehr solide King-Verfilmung.

Ich kenne die literarische Vorlage für „1922“ nicht. Mir war daher auch nicht klar, dass es sich dabei um keinen vollwertigen Roman, sondern eine Novelle handelt. Nach dem Abspann des Films hatte ich interessanterweise direkt das Gefühl, die filmische Umsetzung einer eher kurzen Geschichte gesehen zu haben; genau genommen war mein Eindruck, dass Zak Hilditch ein echtes Kunststück vollbracht hat: Dem Australier ist es gelungen, ein Erzähltempo zu finden, das sowohl der Novelle als auch dem Medium Film in Sachen Laufzeit haarscharf gerecht wird. Was ich damit meine: Bei Buchumsetzungen hat man häufig das Gefühl, dass gewisse Inhalte entweder aus zeitlichen oder aus dramaturgischen Gründen weggelassen (seltener: dazu erfunden) werden. „1922“ ist einer jener seltenen Fälle, in denen die Handlung offenbar genau ausreicht, um 1 ¾ Stunden Film zu füllen (unabhängig davon, was ich oben zur Nebenhandlung geschrieben habe). Mir ist natürlich bewusst, dass Kenner:innen der Novelle das eventuell anders sehen – dennoch hatte ich für meinen Teil den Eindruck, dass „1922“ in Sachen Tempo und Umfang selten gut gelungen ist.

Alles in allem würde ich daher sagen, dass gute 5 Punkte für dieses sehr solide Werk angemessen sind – und damit ist „1922“ definitiv unter den besten King-Verfilmungen einzureihen.

Gesamteindruck: 5/7


Originaltitel: 1922.
Regie:
Zak Hilditch
Drehbuch: Zak Hilditch
Jahr: 2017
Land: USA
Laufzeit: ca. 100 Minuten
Besetzung (Auswahl): Thomas Jane, Molly Parker, Dylan Schmid, Brian d’Arcy James, Kaitlyn Bernard



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FilmWelt: Es Kapitel 2

„Es“ (2017) habe ich als einen Film in Erinnerung, der der Romanvorlage von Stephen King einigermaßen gerecht wird und es dennoch schafft, sich vom ebenfalls ziemlich werkstreuen 1990er Fernsehfilm „Stephen King’s Es“ zu emanzipieren. Entsprechend gespannt war ich auf das zweite Kapitel der Neuverfilmung von Regisseur Andrés Muschietti.

Gesamteindruck: 2/7


In den Sand gesetzt.

Vorweg: Ich habe mir diesen Film zeitlich relativ isoliert angesehen: Kapitel 1 habe ich mir direkt nach Erscheinen im Jahr 2017 zu Gemüte geführt, die 1990er-Verfilmung zuletzt vor plus/minus 20 Jahren und dass ich das Buch gelesen habe, wird mittlerweile auch schon wieder 10 oder 15 Jahre her sein. Insofern bin ich nicht sicher, wie gut die jeweiligen Versionen wirklich waren – ich habe allerdings jede einzelne davon in positiver Erinnerung. Umso enttäuschter war ich ob der Qualität von „Es Kapitel 2“ (so übrigens die etwas merkwürdig anmutende Eigenschreibweise, sowohl auf Englisch als auch auf Deutsch).

Worum geht’s?
27 Jahre nachdem Es vom „Club der Verlierer“ in die Schranken gewiesen wurde, regt sich erneut das Böse in Derry. Mike Hanlon, mittlerweile Bibliothekar und als einziger nicht weggezogen, ruft den in alle Winde zerstreuten Club der Verlierer zurück in ihre alte Heimat, um sich erneut dem Kampf zu stellen und Es endgültig zu vernichten

„Es Kapitel 2“ kommt auf eine Laufzeit von 170 Minuten – das sind immerhin fast 3 Stunden, während „Es“ nur 135 Minuten dauerte. Wieso ich das erwähne? Nun, bei einem guten Film merkt man auch eine solche Länge nicht oder kaum. In vorliegendem Fall spürt man mit zunehmender Dauer jedoch jede einzelne Minute, was letztlich im Verbund mit gewissen technischen Schwächen zur katastrophalen Gesamtwertung führt. Sehr schade – ich wollte den Film unbedingt mögen, habe alle negativen Bewertungen für übertrieben gehalten – und wurde doch eines Schlechteren belehrt.

Kurzer Sidestep an dieser Stelle: Ich habe mich gefragt, was zur Entscheidung geführt hat, das monumentale Epos von Stephen King (meine Taschenbuchausgabe hat über 1.200 Seiten) als Film zu verarbeiten. Ich schreibe diese Rezension im März 2021 – und wenn es in den vergangenen fünf bis zehn Jahren eine Revolution im Bereich des Fernsehens gab, war das eindeutig der Aufstieg handlungsbetonter Serien, der mit der Verbreitung der Streaming-Dienste eng verknüpft ist. Meines Erachtens hätte man „Es“ durchaus als Serie konzipieren können, vielleicht sogar müssen (ähnliches gilt, sogar in noch stärkerem Ausmaß, für „Der Dunkle Turm“). Denn trotz der Überlänge, die man für einen Zweiteiler zur Verfügung hat, ist der Original-Stoff offenbar zu komplex, die Folge sind Verwässerungen/Auslassungen und – paradoxerweise – gleichzeitig fast unerträgliche Längen.

Das Gute zuerst.

Beginnen möchte ich aber mit den guten Nachrichten, die es durchaus gibt und die den Film vorm Totalabsturz bewahren. Zunächst ist festzustellen, dass Regisseur Muschietti beim Casting einen tollen Job gemacht hat. Der erwachsene „Club der Verlierer“ wird von Schauspielern verkörpert, denen man tatsächlich abnimmt, die ältere Version der Kinder aus Teil 1 zu sein. Vom Aussehen bis zum Habitus ist die Illusion, hier eine 27-jährige Entwicklung zu sehen, fast perfekt gelungen. Zweiter Pluspunkt: Pennywise-Darsteller Bill Skarsgård hat es weiterhin drauf und gibt dem Clown einen ganz eigenen, unheimlichen Charakter. Ich würde allerdings nicht behaupten, dass er seinem Vorgänger aus dem Jahre 1990 (gespielt von Tim Curry) überlegen ist – der war qualitativ auf gleichem Niveau, aber eben auf andere Art furchteinflößend. Schade ist allerdings, dass der schwedische Schauspieler viel zu wenig Screentime bekommen hat, ich hätte gern deutlich mehr von seiner Darstellung des Clowns gesehen.

Abgesehen von der Besetzung kann man außerdem den ersten der drei Abschnitte, in die der Film grob zerfällt, als durchaus gelungen bezeichnen. Hier wird einerseits die Rückkehr des Schreckens nach Derry gezeigt, andererseits das Erwachsenenleben des „Clubs der Verlierer“ in aller Kürze umrissen – bis hin zu ihrer Wiedervereinigung. Hier wird – durchaus erfolgreich – viel Spannung und Atmosphäre für den Rest des Films aufgebaut.

Eher komisch als furchteinflößend.

Leider verpufft die Wirkung direkt nach Beginn des zweiten Drittels. Hier erweist es sich meiner Ansicht nach als großer Fehler, die „Verlierer“ zu trennen und einzeln auf die Reise zu schicken. Denn eine der großen Stärken von „Es“ war die hervorragende Chemie zwischen den so unterschiedlichen Einzelcharakteren. Dieses Zusammenspiel geht dem zweiten Kapitel über weite Strecken ab, weil die Story es nicht zulässt. Problematisch daran ist, dass das, was jede der Figuren für sich erlebt, aus einer Aneinanderreihung substanzloser Jump-Scares besteht. Klar, es ist ein Horrorfilm, doch nicht einmal unter dieser Prämisse funktioniert „Es Kapitel 2“ richtig – im Gegenteil, es ermüdet mit zunehmender Dauer immer mehr, einzelne Personen dabei zu beobachten, ihre „Artefakte“ zu finden. Der Ablauf ist immer gleich, mit entsprechend vorhersehbaren Schreckmomenten; die Folge: dieser Teil des Films zieht sich wie Kaugummi. Erschwerend kommt hinzu, dass der CGI-Einsatz nicht nur massiv, sondern fast schon komödiantisch überzeichnet ist. Das fällt vor allem bei den Episoden, die sich um Beverly Marsh und Eddie Kaspbrak drehen auf. Bei beiden sind die Gestalten, die Es annimmt, um ihnen Angst einzujagen, so grotesk, dass man eher lacht, als sich zu erschrecken. Das ist wirklich ärgerlich, weil es die düstere Atmosphäre, die in Derry grundsätzlich herrscht, komplett konterkariert.

Wenn dann irgendwann der letzte Abschnitt des Films beginnt, ist die Geduld des Zusehers bereits arg strapaziert. Einerseits haben die Jump-Scares dank übermäßigem Einsatz und unfreiwillig komischer CGI ihren Horror bis dahin längst verloren, andererseits rächt sich nun die im zweiten Teil stiefmütterlich behandelte Interaktion zwischen den Charakteren. Heißt: Es ist einem fast schon egal, was mit den „Verlierern“ passiert, wenn es endlich ins Finale geht. Dass dann auch noch der Schlussabschnitt verhunzt ist, spielt letztlich kaum noch eine Rolle, vielmehr rundet es den durchwachsenen Gesamteindruck passend ab: Zunächst waten die Protagonisten gefühlt endlos durch die Kanalisation, dann gibt es den Showdown, der ebenfalls viel zu lange dauert und durch einen neuen Schwung übler Effekte vollends zugrunde gerichtet wird.

Fazit: Ich war froh, dass der Film nach knapp 3 Stunden vorbei war. Nicht, weil ich Angst hatte, sondern weil „Es Kapitel 2“ unsagbar schwerfällig um die Ecke kommt, dabei noch unfreiwillig komisch ist und viel (zu viel) Potenzial ungenutzt liegen lässt. Merkwürdig, ich frage mich, was hier passiert ist – muss wohl mal wieder das Buch lesen bzw. den alten Film sehen, um mir ein endgültiges Urteil erlauben zu können. Dieses Kapitel der „Es“-Saga werde ich mir jedenfalls nicht noch einmal antun.

Gesamteindruck: 2/7


Originaltitel: It Chapter Two.
Regie:
Andrés Muschietti
Drehbuch: Gary Dauberman
Jahr: 2019
Land: USA
Laufzeit: ca. 170 Minuten
Besetzung (Auswahl): James McAvoy, Jessica Chastain, Bill Hader, Isaiah Mustafa, Bill Skarsgård, Jay Ryan



BuchWelt: Die Körperfresser kommen

Jack Finney


Fast jeder wird zumindest dem Namen nach schon einmal von „Die Körperfresser kommen“ (im Original „The Body Snatchers“) gehört haben. Immerhin wurde der Stoff aus dem Jahre 1955 mehrfach verfilmt – erstmals übrigens bereits 1956, es folgten drei weitere Versuche (1978, 1993 und 2007). Mir selbst war bisher allerdings nicht bewusst, dass es sich dabei um Buchverfilmungen handelt, bis ich den Roman unlängst in einem offenen Bücherschrank hier in Wien entdeckt habe.

Gesamteindruck: 2/7


(K)eine unheimliche Invasion.

Ich möchte Autor Jack Finney nicht Unrecht tun, zumal ich keines seiner anderen Bücher kenne. Dennoch muss ich es leider sehr deutlich sagen: Im Falle von „Die Körperfresser kommen“ haben wir es meiner Ansicht nach jedoch mit einem jener Werke zu tun, die auf einer guten Idee basieren, in der Umsetzung jedoch an der schriftstellerischen Klasse scheitern. Ich denke, dass der Stoff an und für sich sogar für eine umfangreiche Handlung gereicht hätte; so, wie dieser Roman geschrieben ist, hätte es allerdings eine Kurzgeschichte locker getan. Und das, obwohl die deutsche Ausgabe ohnehin nur knapp 190 Seiten hat.

Inhalt in Kurzfassung
Als praktischer Arzt in einer amerikanischen Kleinstadt behandelt Dr. Miles Bennell alle möglichen Wehwehchen seiner Mitbürger. Als sich aber plötzlich Fälle von Menschen häufen, die behaupten, Angehörige und enge Freunde wären nicht mehr sie selbst sondern jemand anders, weiß der Landarzt nicht mehr weiter. Auch ein hinzugezogener Psychiater steht vor einem Rätsel – handelt es sich um einen Fall von Massenpsychose? Oder ist etwas Wahres dran und die braven Bürger wurden tatsächlich durch täuschend echt wirkende Duplikate ersetzt?

In der ersten Hälfte von „Die Körperfresser kommen“ macht der 1995 verstorbene US-Autor noch vieles richtig. Er führt die Figuren halbwegs brauchbar ein, wobei er nur der Hauptperson ein paar tiefergehende Wesenszüge verpasst – der Rest des ohnehin sehr überschaubaren Ensembles muss mit bestenfalls angedeuteten Charaktereigenschaften Vorlieb nehmen. Das ist zwar schade, stört aber gar nicht so sehr, auch, weil es ein bisschen an die Werke von E. A. Poe und H. P. Lovecraft erinnert, freilich ohne deren Qualität ansatzweise zu erreichen. Die Großmeister des amerikanischen Horrors standen vermutliche auch beim Versuch Pate, eine unheimliche und schwer greifbare Bedrohung aufzubauen. Und ja, auch hier schafft es Jack Finney einigermaßen, wenngleich nicht ansatzweise so gut wie seine vermeintlichen Vorbilder, eine beunruhigende Atmosphäre zu kreieren.

Für Poe und Lovecraft wäre es allerdings typisch gewesen, die Geschichte nach deutlich unter 100 Seiten enden zu lassen (wenn man ihre an einer Hand abzählbaren, längeren Werke außen vor lässt), gerne auch relativ offen und vor allem ohne Happy End. Das wäre auch für „Die Körperfresser kommen“ von Vorteil gewesen – und war vielleicht ursprünglich sogar so gedacht, denn eigentlich erschien die Geschichte zunächst in drei Teilen in einem Wochenmagazin. Ob sie dann eventuell aufgrund unerwarteten Erfolges „aufgeblasen“ wurde, entzieht sich meiner Kenntnis. Fakt ist aber, dass die zweite Hälfte des Werks, die sich mit dem Kampf des Helden gegen die unheimliche Bedrohung beschäftigt, wenig beeindruckend ausgefallen ist.

Schwerfällig und langatmig.

Im Wesentlichen kann ich meine Schwierigkeiten an zwei Punkten festmachen: Einerseits schafft es der Autor nicht, von der Tonalität der ersten Hälfte loszukommen. Der eher bedächtige Aufbau einer Geschichte ist ja durchaus etwas Positives, allerdings braucht es schon ganz viel Talent, um auf diese Weise die Spannung über den Höhepunkt bis zum Schluss aufrecht zu erhalten. Das scheint Jack Finney zu fehlen, dadurch wird das Buch spätestens ab der Hälfte sehr schwerfällig und mühsam zu lesen, was sich überhaupt nicht mit dem von Kampf und Flucht geprägten Inhalt dieses Abschnitts verträgt.

Andererseits gelingt dem Autor der Spagat zwischen nebulösen Andeutungen und handfesten Erklärungen nicht. Die Mischung, die er hier kredenzt, würde ich als inkonsequent und letztlich als gescheitert bezeichnen: Jack Finney versucht zwar, vieles zu erklären – das gelingt aber nicht, weil er dazu mehr ins Detail gehen müsste. Weil er das nicht tut (oder nicht tun kann, weil er zu wenig Seiten zur Verfügung oder vielleicht doch zu wenig Fantasie hatte), gibt es viele Ungereimtheiten und letztlich schlicht und einfach Frust beim Leser.

Zu diesen zwei Punkten kommt eine Sache, die fast eine Kombination aus den genannten Kritikpunkten ist: Die zweite Hälfte des Buches leidet auch daran, dass die vorher leidlich gut aufgebaute Atmosphäre kippt. Die „Körperfresser“ werden vom Autor selbst entzaubert und verlieren zusehends ihren Schrecken. Nicht, weil ihr Prinzip nicht grundsätzlich unheimlich wäre, sondern weil alles, was sie mit ihren Opfern tun, vor allem eines ist: Langweilig.

Fazit: Dieses Buch kann jeder, der einen der Filme kennt, mal anlesen. Ich selbst erinnere mich gar nicht, ob ich einen davon gesehen habe. Das sollte ich eventuell nachholen, würde mich nicht wundern, wenn zumindest einer davon deutlich besser wäre als seine Vorlage. Alle, die sich vom Roman echten Nervenkitzel erwarten, werden am Ende jedenfalls enttäuscht sein. Gnädige 2 Punkte, weil mir die erste Hälfte tatsächlich gefallen hat – und weil das Buch zum Glück relativ dünn ist.

Gesamteindruck: 2/7


Autor: Jack Finney
Originaltitel: The Body Snatchers.
Erstveröffentlichung: 1955
Umfang: ca. 190 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Hardcover

BuchWelt: Der Werwolf von Tarker Mills

Stephen King


Stephen King war mir bis vor kurzem lediglich als Autor klassischer Romane ein Begriff. Dass er stilistisch ab und an auch mal ungewöhnlich unterwegs ist, habe ich erstmals festgestellt, als ich unlängst die Internet-Fortsetzungsgeschichte „The Plant“ gelesen habe. Bald darauf fiel mir in einem „offenen Bücherschrank“ zufällig ein weiterer stilistischer Ausreißer des Meisters in die Hände. Wer, wie ich, noch nie etwas von „Der Werwolf von Tarker Mills“ gehört hat und einen typischen King erwartet, wird sich wundern, wenn er das Buch erstmals aufschlägt.

Gesamteindruck: 4/7


Bei Vollmond kommt der Wolf.

„Das Jahr des Werwolfs“ (dem Titel-Wirrwarr widme ich weiter unten einen Absatz) ist der Versuch, eine altmodische Kalendergeschichte zu erzählen. Heißt in diesem Fall: Die Handlung spielt innerhalb eines Jahres und teilt sich in zwölf Kapitel (= Monate) auf. Die ursprüngliche Idee war wohl – so ist es im Vorwort zu lesen – das Werk tatsächlich in Kalenderform herauszubringen. Dieses Vorhaben scheiterte, weil es Stephen King nicht schaffte, unter dem selbst auferlegten Limit von rund 500 Wörtern pro Kapitel zu bleiben. Für seine Verhältnisse sind die einzelnen Abschnitte dennoch extrem knapp gehalten, was „Das Jahr des Werwolfs“ zur bis heute kürzesten Veröffentlichung des Grusel-Autors macht.

Inhalt in Kurzfassung
In Tarker’s Mills [sic!] geht die Angst um: Eine grausige Mordserie lässt die Einwohner der US-Kleinstadt nachts Türen und Fenster verbarrikadieren. Doch alle Vorsichtsmaßnahmen helfen nichts – immer, wenn der Vollmond aufgeht, passiert etwas Schreckliches. Nur der junge, an den Rollstuhl gefesselte Marty kann sich einen Reim auf die verstörenden Ereignisse machen. Auf ihn hören will freilich niemand

Wer – wie bei Stephen King üblich – ausgefeilte Charaktere, bis ins letzte Detail beschriebene Orte und vielschichtige Handlungsstränge braucht, wird mit diesem Werk definitiv nicht glücklich werden. Das ist natürlich ein Zugeständnis an den arg eingeschränkten Platz, der der ursprünglichen Idee zugrunde liegt. Interessant ist in diesem Zusammenhang allerdings, dass der Bestseller-Autor es auch mit eher rudimentären Mitteln schafft, dem Leser sowas wie Tiefe vorzugaukeln. Dafür scheint es ihm beispielsweise zu reichen, Charaktereigenschaften lediglich anklingen zu lassen. Ich kann nicht erklären, wie King das genau macht – letztlich war ich nach der Lektüre im ersten Moment aber tatsächlich davon überzeugt, dass „Der Werwolf von Tarker Mills“ der Komplexität großer King-Werke gar nicht so viel nachsteht.

Starke Bild-Text-Komposition.

Bei genauerer Betrachtung ist es freilich etwas anders: Die von mir gelesene Ausgabe umfasst insgesamt gut 380 Seiten, davon erzählen allerdings nur 180 die Geschichte „Das Jahr des Werwolfs“. Und selbst die sind nicht ausschließlich mit Text gefüllt: Jedes Kapitel beginnt mit einer illustrierten Doppelseite und enthält ein weiteres Bild. Die Zeichnungen stammen vom 2017 verstorbenen Berni Wrightson (Comic-Fans vielleicht durch die DC-Serie „Swamp Thing“ bekannt). Ein Buch für Erwachsene, ausgestaltet mit Illustrationen? Ja, das wirkt im ersten Moment tatsächlich etwas befremdlich. Andererseits liegt vielleicht genau darin eine Erklärung für das oben beschriebene Gefühl, dass die Story mehr Tiefe besitzt, als sie eigentlich sollte. Denn Illustrationen und Text spielen nahezu perfekt zusammen und erzeugen eine ganz eigene Atmosphäre.

Handlungstechnisch ist „Das Jahr des Werwolfs“ denkbar einfach und fügt dem klassischen Werwolf-Mythos keinen neuen Aspekt hinzu. Das ist in der geforderten Kürze natürlich nicht zu erwarten und geht schon in Ordnung. Erwähnenswert finde ich hierzu im Übrigen, dass ich während des Lesens häufig das Gefühl hatte, Stephen King würde sich ganz extrem am Riemen reißen müssen, um nicht in seine übliche, detaillierte (manche sagen auch: ausufernde) Erzählweise abzudriften. Ich denke, ich hätte dieses Geschichte gerne auch als vollwertigen Roman gelesen – die Ideen dazu scheint der Autor offensichtlich gehabt zu haben, er durfte sie nur nicht ausformulieren. So zumindest mein Eindruck.

Wie heißt´s nu´?

Bevor ich zum Schluss komme, noch ein Wort zu den etwas verwirrenden Titeln, die in dieser Rezension vorkommen: Ursprünglich erschien „The Cycle of the Werewolf“ 1983. Auf den deutschsprachigen Markt kam die Novelle 1985 unter dem durchaus passenden Titel „Das Jahr des Werwolfs“. Die von mir gelesene Ausgabe beinhaltet zusätzlich das von Stephen King selbst verfasste Drehbuch zum Film „Silver Bullet“ (ebenfalls 1985). Der heißt in der deutschen Fassung „Der Werwolf von Tarker Mills“ – und damit schließt sich der Kreis. Hoffe ich. So ist auch zu erklären, dass rund 100 Seiten dieser Ausgabe aus dem Drehbuch zum gleichnamigen Film bestehen. Ein nettes Gimmick für alle, die sich für so etwas interessieren – für mich allerdings nicht. Ich habe ein oder zwei Seiten davon gelesen, mehr wollte ich mir dann nicht antun. Man merkt recht schnell, dass so ein Drehbuch nicht für die normale Lektüre geeignet ist – das mag anders sein, wenn man den Film kennt. Ich hätte es jedenfalls nicht gebraucht, aber man muss es ja zum Glück nicht lesen.

Fazit: Ich glaube, 4 von 7 Punkten sind hier angemessen. Ob man mehr, weniger oder gleich viel dafür gibt, wird in diesem speziellen Fall nicht so sehr davon abhängen, ob man mit Stephen King grundsätzlich etwas anfangen kann. Die Frage ist viel mehr, ob man mit einem solchen King was warm wird. Wer die typische Komplexität sucht, wird nicht fündig und sicher mindestens einen Punkt abziehen, wenn nicht sogar zur schwächsten Wertung greifen. Wer hingegen ein kurzweiliges (und kurzes) Büchlein, aufgewertet mit sehenswerten Illustrationen, zu schätzen weiß, kann vielleicht sogar über 5 Punkte nachdenken. Für mehr wird es wohl bei kaum jemandem reichen – auch weil das ursprüngliche Ziel der Kalendergeschichte letztlich nicht erreicht wurde und sich der Gruselspezialist damit ein bisschen zwischen die Stühle gesetzt hat.

Gesamteindruck: 4/7


Autor: Stephen King
Originaltitel: Silver Bullet.
Erstveröffentlichung: 1985
Umfang: ca. 380 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Taschenbuch

BuchWelt: Feuerkind

Stephen King


„Feuerkind“ aus dem Jahre 1980 gehört zwar nicht zu den ganz großen Werken von Stephen King, ein guter Roman ist es aber dennoch. Wer allerdings eine klassische Horror-Geschichte des Meisters erwartet, erlebt eine Überraschung: Vorliegendes Werk ist eher ein Thriller, versetzt mit Science Fiction und, ja, auch dem einen oder anderen Horror-Element. Der Schwerpunkt liegt aber definitiv woanders. Ein bisschen ungewohnt also, der Spannung tut das – wie bei King zu erwarten – freilich kaum Abbruch.

Gesamteindruck: 5/7


King auf Thriller-Pfaden.

Klar, „Feuerkind“ hat durchaus furchteinflößende Szenen zu bieten – beispielsweise, wenn Menschen nur durch Willenskraft in Flammen aufgehen oder ein Telepath seinem Gegner suggeriert, er wäre plötzlich erblindet. In solchen Szenen weiß Stephen King durchaus, Entsetzen beim Leser zu wecken. Allein: Das übernatürliche und unfassbare Böse, das in vielen anderen Romanen des Autors eine Rolle spielt, finden wir in diesem Buch nicht. Vielmehr ist es so, dass sich „Feuerkind“ nach ein wenig Science Fiction (bezüglich der experimentellen Droge) zu einer Art Polit-Thriller inklusive Kritik an der einen oder anderen US-Regierungsorganisation entwickelt.

Um sich etwas Geld zu verdienen, haben Andy McGee und seine spätere Frau Victoria als Studenten an einem Experiment teilgenommen. Dabei wurde ihnen eine neuartige Droge injiziert, die nicht nur kurzfristige Halluzinationen auslöste, sondern telepathische und telekinetische Fähigkeiten aktivierte. Einige Jahre später bekommen die beiden Nachwuchs – und bald stellt sich heraus, dass Tochter Charlene, genannt Charlie, ebenfalls übersinnliche Fähigkeiten hat. Die sind aber weit gefährlicher als das, was ihre Eltern können. Und auch viel nützlicher für eine geheimnisvolle Organisation…

An der Inhaltsangabe ist es vielleicht zu erkennen oder zumindest zu erahnen: In „Feuerkind“ umreißt Stephen King Fragen, die durchaus Bezug zur Realität haben. Einerseits geht es darum, wie Kinder mit außergewöhnlichen Fähigkeiten umgehen können und sollen – es gibt zwar keine Pyrokinese, wie sie im Buch beschrieben wird, dass es aber Kinder mit ungewöhnlich hohem IQ oder anderweitig hoch entwickelten Talenten gibt, ist nicht von der Hand zu weisen. Dass so etwas nicht spurlos an der kindlichen Psyche vorübergeht, weiß man heutzutage ebenfalls; ob das Anfang der 1980er auch schon so war, ist mir übrigens nicht klar. So oder so: King beschreibt in diesem Buch zumindest ansatzweise, welche Probleme das „anders sein“ mit sich bringen kann. Die Betonung liegt auf „ansatzweise“, ein Entwicklungsroman ist „Feuerkind“ nämlich nicht. Übrigens ist das ein Motiv, das bei King wiederum ziemlich häufig vorkommt – und das teilweise auch besser umgesetzt als in diesem Buch.

Dunkle Machenschaften.

Viel ausführlicher und tiefgehender ist ohnehin das zweite zentrale Thema. Die Protagonisten werden von einer dubiosen Organisation gejagt, deren Ziel es ist, die übersinnlichen Fähigkeiten nach Möglichkeit für den amerikanischen Staat nutzbar zu machen – und wenn das nicht gelingt, zu verhindern, dass es eine ausländische Macht schafft. In „Feuerkind“ heiligt dabei der Zweck die Mittel: „Die Firma“ (die auch in anderen King-Romanen erwähnt wird, im Original interessanterweise übrigens „The Shop“, also „Das Geschäft“ oder „Der Laden“) ist skrupellos, verfügt über praktisch unerschöpfliche Mittel und setzt diese auch ohne Bedenken ein.

Dieser Teil des Buches ist sehr ausführlich und berichtet detailliert von den Methoden, mit denen Die Firma (als Synonym für die US-Regierung zu verstehen) versucht, die Protagonisten gefügig zu machen. Daran ist natürlich nichts Übersinnliches – unheimlich ist es dennoch, weil es auch 40 Jahre nach Veröffentlichung von „Feuerkind“ kaum an Aktualität eingebüßt hat. Und das, obwohl King seinen Roman noch im Kalten Krieg geschrieben hat, als derartige Katz-und-Maus-Spiele zwischen den Supermächten einen ganz anderen Stellenwert hatten. „Feuerkind“ passt also sehr gut in seine Zeit, man möchte das Thema fast als typisch für die 1970er und 80er Jahre bezeichnen. Und doch hat man das Gefühl, dass es immer noch so oder so ähnlich ablaufen könnte, auch wenn sich der Gegner geändert hat und vielleicht nicht einmal mehr unbedingt im Ausland zu suchen ist.

Schnelle Lektüre – und fast ein Bachman…

Ein kurzer Sidestep an dieser Stelle: Nach der Lektüre habe ich mich gefragt, ob King jemals darüber nachgedacht hat, „Feuerkind“ unter seinem Pseudonym Richard Bachman zu veröffentlichen. Ich habe zumindest das Gefühl, dass das Werk auch sehr gut dorthin gepasst hätte, vielleicht sogar noch besser als zu King selbst. Denn Thematik und auch Stil haben mich bei der Lektüre zumindest ein wenig an „The Running Man“ erinnert, das aber nur am Rande.

„Feuerkind“ liest sich jedenfalls schnell und locker-flockig. Die knapp 480 Seiten meiner deutschsprachigen Ausgabe hatte ich wie im Fluge durch, Längen gibt es so gut wie nicht. Von daher: Es mag sicherlich bessere und akkuratere Thriller zu diesem oder ähnlichen Themen geben. Stephen King schafft es jedoch wie wenige andere, zu fesseln. Dabei ist sein Stil für mein Gefühl relativ trocken, manchmal auch etwas sperrig – und doch kommt man von seinen Büchern, wenn man sie einmal für sich entdeckt hat, kaum noch los.

Gesamteindruck: 5/7


Copyright: Verlag

Autor: Stephen King
Originaltitel: Firestarter.
Erstveröffentlichung: 1980
Umfang: ca. 480 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Taschenbuch

BuchWelt: Der Schwarm

Frank Schätzing


„Der Schwarm“, ein mit Auszeichnungen überhäufter Bestseller des deutschen Autors Frank Schätzing, lag jahrelang auf (bzw. mitten in) meinem Stapel ungelesener Bücher (SuB). Das Buch ist 2004 erschienen – und nun, ausgerechnet im „Seuchenjahr 2020“, bin ich erstmals dazu gekommen, es zu lesen. Und, soviel sei vorweggenommen, die knapp 1.000 Seiten haben sich durchaus gelohnt

Gesamteindruck: 6/7


Die Natur schlägt zurück.

Dass ich eingangs das für die ganze Welt sehr schwierige Jahr 2020 erwähne, hat einen Grund, der nicht nur mit der Corona-Pandemie zu tun hat. Wobei ich zunächst dran dachte, diese Verbindung zumindest ansatzweise herzustellen, denn auch im Buch kommt es zu einer Seuche, die unzählige Menschen dahinrafft; viel naheliegender ist allerdings ein anderes Ereignis, das kurz, nachdem ich „Der Schwarm“ zu Ende gelesen hatte, in den Nachrichten war: Offenbar häuften sich rätselhafte Attacken von Orcas auf Segelboote, wie u. a. hier berichtet wurde. Normalerweise hätte ich dieser Meldung nicht viel Bedeutung beigemessen – allerdings ist das tatsächlich etwas, das in Schätzings Roman praktisch 1:1 so vorkommt!

Inhalt in Kurzfassung
Auf den Weltmeeren und an den Küstenlinien häufen sich merkwürdige und tödliche Ereignisse: Quallen- und Algeninvasionen, Angriffe durch sonst so friedliche Wale, Tsunamis, die durch die Destabilisierung des Meeresbodens ausgelöst werden und Krabben, die gefährliche Bakterien an Land tragen. Zunächst als Zufall abgetan, wird nach und nach klar, dass es einen Zusammenhang zwischen den Geschehnissen gibt – oder steckt gar ein Plan zur Vernichtung der Menschheit dahinter? Eine Gruppe von Wissenschaftlern unterschiedlichster Disziplinen versucht unter Hochdruck, das Geheimnis zu lüften…

Frank Schätzing ist mit „Der Schwarm“ ein echter Pageturner gelungen. Primär hat das natürlich mit dem Stil zu tun: Der Autor schafft es mit scheinbarer Leichtigkeit, Cliffhanger an Cliffhanger zu reihen – und zwar ohne dermaßen plakativ und simpel zu wirken wie beispielsweise Dan Brown. Dabei sind die Kapitel bei Schätzing in weiten Teilen ähnlich kurz, was die Spannung praktisch über die gesamte Distanz sehr hoch hält. Anders als beim genannten Brown führt das im Falle von „Der Schwarm“ aber nicht zu einem „gehetzten“ Gefühl beim Lesen im Gegenteil, man hat nie den Eindruck, Frank Schätzing würde nur an der Oberfläche kratzen, um möglichst schnell durch die Kapitel toben zu können. Angenehm ist auch, dass der deutsche Autor es hinkriegt, trotz weitgehenden Verzichts auf Nebenhandlungen einiges an Tiefgang zu erzeugen. Ja, es gibt ein bisschen Gefühl und den einen oder anderen Schauplatz, den es nicht unbedingt gebraucht hätt, insgesamt liegt der Fokus aber klar darauf, die Handlung voranzutreiben.

Das allein würde schon für eine gute Wertung reichen – vorausgesetzt man kann mit einer Mischung aus Technik, Science Fiction, Naturkatastrophen und einer kleinen Prise Philosophie etwas anfangen. Für mich ist aber noch erstaunlicher, wie Frank Schätzing diese Zutaten zu einem beeindruckenden Gesamtwerk verquickt. Alles greift hier sehr gut ineinander, speziell aber die Verbindung aus realer Naturwissenschaft bzw. Technologie (hier seien als Beispiele Genetik und Meeresbiologie genannt) mit den fantastischen Elementen einer bisher unbekannten Intelligenz ist ausgezeichnet gelungen. Wenn ich einen Vergleich ziehen müsste, würde ich „Der Schwarm“ in einer ähnlichen Kategorie wie „DinoPark“ (Michael Crichton, 1990) einordnen – ebenfalls ein Techno-Thriller par excellence.

Science, Fiction und Philosophie.

Wenn man einen Kritikpunkt finden möchte, muss man wohl am ehesten bei den Charakteren suchen. Es gibt mehrere Hauptpersonen (übrigens schreckt Schätzing nicht davor zurück, die eine oder andere liebgewonne Figur sterben zu lassen), von denen mich aber nur wenige voll und ganz überzeugen können (speziell der norwegische Biologieprofessor Sigur Johanson ist ein Sympathieträger). Gepatzt hat der Autor zwar nicht direkt – man merkt aber recht deutlich, dass in „Der Schwarm“ die Wissenschaft die Hauptrolle spielt, garniert mit einer Prise Philosophie. Wirklich störend empfinde ich aber vor allem das Fehlen eines vernünftigen Bösewichts. Zwar stellt sich im Laufe der Handlung heraus, dass nicht alle am gleichen Strang ziehen, allerdings sind diejenigen Charaktere, die zweifelhafte Motive an den Tag legen, nichts als ein großes Klischee. An dieser Stelle kann man sich durchaus fragen, ob es überhaupt einen Antagonisten gebraucht hätte – aus meiner Sicht hätte „Der Schwarm“ auch ohne diesen Twist sehr gut funktioniert; und dann hätten wir uns die ausgelutschte Mär von den bösen Militärs und Geheimdienstlern sparen können.

Abgesehen von dieser Schwäche, die mir vorkommt, als hätte Frank Schätzing einfach etwas zu viel in seinem Buch unterbringen wollen, kann ich wenig an „Der Schwarm“ aussetzen. Freilich darf man nicht vergessen, dass die Ideen, die der Autor in diesem Roman diskutiert, nicht unbedingt neu sind. Er lässt seine Figuren selbst Filme wie „Independence Day“ (1996) und „The Abyss“ (1989) erwähnen (vor allem mit zweiterem gibt es schon einige Gemeinsamkeiten), mein erster Gedanke war hingegen das Buch „Solaris“ von Stanisław Lem aus dem Jahr 1972.

Dennoch: „Der Schwarm“ ist meines Erachtens eigenständig genug – und wirkt allein deshalb ordentlich nach, weil die Geschichte (vermutlich) in unserer Gegenwart spielt, durch die umfangreiche Recherche wissenschaftlich plausibel wirkt und – nicht zuletzt – das sehr aktuelle Problem der globalen Umweltverschmutzung auf dramatische Weise aufgreift. Dass Schätzing zusätzlich darüber philosophiert, wie man mit Lebewesen, mit denen wir absolut nichts gemeinsam haben, Kontakt aufnehmen könnte (darum auch meine Assoziation mit „Solaris“), ist hingegen ein Lieblingsthema der ernsthaften Science Fiction und sollte bei deren Fans sehr gut ankommen.

Ich finde beide Aspekte ausgesprochen gelungen, sodass ich 6 von 7 Punkten vergebe. Für die Höchstwertung reicht es nicht ganz, weil ich während der Lektüre ab und an das Gefühl hatte, Schätzing hätte etwas zu viel gewollt und manchmal nicht ganz genau gewusst, wie er alles unterbringen soll. Spannend, schnell lesbar und gleichzeitig zum Nachdenken animierend bleibt „Der Schwarm“ dennoch.

Gesamteindruck: 6/7


Autor: Frank Schätzing
Originaltitel: Der Schwarm.
Erstveröffentlichung: 2004
Umfang: ca. 1.000 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: E-Book

BuchWelt: The Plant

Stephen King


Mit „The Plant“ hat Bestseller-Autor Stephen King ein interessantes Konzept verfolgt: Die ersten drei Teile des Fortsetzungsromans erschienen 1982 bis 1985 in limitierter Form als eine Art Weihnachtsgeschenk für Freunde und Familie. Danach ruhte das Werk, bis King Anfang 2000 begann, „The Plant“ in überarbeiteter Form im Internet zu veröffentlichen und fortzusetzen. Insgesamt gibt es zum Zeitpunkt dieser Rezension (2020) sechs Teile, die auf der Website des Autors als kostenloser Download verfügbar sind. 

Gesamteindruck: 6/7


Vielen Dank für die Blumen…

Vorweg eine Anmerkung für alle Interessenten: In den Untiefen des Internets findet man die eine oder andere deutschsprachige Version von „The Plant“. Eine offizielle Übersetzung existiert allerdings nicht; ich habe versuchsweise ein deutschsprachiges PDF angelesen, bin dann aber schnell wieder davon abgekommen. Einerseits, weil Stephen King im Original ohnehin leicht lesbar ist und Übersetzungen ihrer Vorlage sowieso selten gerecht werden. Andererseits weil es in meinem Fall so war, dass nur die Teile 1 und 2 einigermaßen brauchbar übersetzt waren. Der Rest las sich wie durch den automatischen Google Translator gejagt – und war es vermutlich auch. Daher: Einfach mal an das Original ranwagen, wenn man des Englischen halbwegs mächtig ist – es lohnt sich!

Inhalt in Kurzfassung
Wie jeder Verlag erhält auch die reichlich heruntergekommene Firma Zenith House immer wieder unaufgefordert eingesandte Manuskripte zwielichtiger Autoren. In einem dieser zweifelhaften Roman-Entwürfe entdecken die Lektoren verstörende Fotos, die auf einen Ritual-Mord hinweisen könnten. Die Polizei wird eingeschaltet, was dem abgelehnten Möchtegern-Autor naturgemäß sauer aufstößt. Er schwört Rache – und schickt den Verlegern zunächst eine kleine Topfpflanze. Im Laufe der Zeit beginnt das Gewächs ein merkwürdiges Eigenleben zu entwickeln…

Leider bezeichnet Stephen King das Projekt mittlerweile als Fehlschlag, es sieht also derzeit nicht danach aus, dass „The Plant“ jemals fertiggestellt wird. Ich persönlich fände es schade, wenn wir es hier tatsächlich mit der Unvollendeten von Stephen King zu tun hätten – aber noch ist aber nicht aller Tage Abend, denn der Autor hat die Pflanze ja schon einmal in eine jahrzehntelange Ruhephase geschickt. Die Hoffnung auf eine Fortsetzung lebt also.

Gute Figuren, unterhaltsame Story.

Abseits der interessanten Veröffentlichungsstrategie ist „The Plant“ ein klassischer King. Zumindest fast – die Story selbst ist eigentlich typisch, wenngleich nicht ganz so ernst, wie man es normalerweise gewohnt ist. Der große Unterschied zu anderen Romanen des Autors ist die Form: „The Plant“ ist ein Sammelsurium aus Briefen, Tagebucheinträgen und ähnlichen Schriftstücken. Erinnert z. B. an Bram Stoker’s „Dracula“, das sehr ähnlich aufgebaut ist. Mir gefällt diese Variante von King, denn er schafft es, seine Hauptpersonen hinreichend unterschiedlich klingen zu lassen. Natürlich, es ist immer noch Stephen King, der da schreibt, aber die Unterschiede sind dennoch akzentuiert genug, um die Illusion aufrecht zu erhalten, wir hätten es hier mit realen und grundverschiedenen Menschen zu tun.

Dass dem so ist, ist auch der wie üblich hervorragenden Charakterzeichnung des Autors zu verdanken. Ich war mir anfangs nicht sicher, ob das gelingen würde, wenn wie in diesem Fall kein allwissender Erzähler in der dritten Person über Ereignisse berichtet und Charaktere beschreibt. Man darf ja nicht vergessen, dass es kaum glaubwürdig ist, wenn in einer Tagebuchaufzeichnung ein Charakter einen anderen, mit dem er schon lange bekannt ist, bis ins Detail beschreibt. Das macht Stephen King zum Glück auch nicht – ihm gelingt es, durch immer mal wieder eingestreute Kleinigkeiten und Beobachtungen die Figuren plastisch und lebendig wirken zu lassen.

Form und Figuren sind also schon mal sehr gut gelungen – doch wie sieht es mit der Handlung aus? „The Plant“ soll wohl eine Persiflage auf das Horror-Genre sein, was mir aber gar nicht so sehr aufgefallen ist. Nun gut, ganz so grausig wie sonstige Horror-Visionen des Meisters ist die zunächst noch kleine und schwächlich wirkende Pflanze nicht gerade. Aber die Art und Weise, wie sich die Geschichte entspinnt und Fahrt aufnimmt ist durchaus gelungen, wie ich finde. Die Folge ist, dass der Roman trotz (oder gerade wegen) seiner kurzen Kapitel und der ungewohnten Form ein echter Pageturner ist. Ich hätte nicht gedacht, dass King so gut in der Lage sein würde, die „Fragmente“, aus denen „The Plant“ besteht, zu einer Geschichte zu formen, die wie aus einem Guss wirkt. Muss eine interessante Übung für den Meister gewesen sein.

Fazit: Ich habe grundsätzlich wenig bis gar nichts an „The Plant“ auszusetzen. Freilich ist es schwierig, zu bewerten, ob das Gesamtbild stimmig ist, wenn die Geschichte nicht abgeschlossen ist. Daher auch die geringere Punktezahl: Es gibt naturgemäß eine Menge loser Fäden, bei denen völlig offen ist, ob King sie zu einem befriedigen Abschluss bringen kann bzw. gebracht hätte, wenn er weiter geschrieben hätte. Verdammt… ich würde wirklich zu gerne wissen, wie es weitergeht – vielleicht erhört Stephen King seine Fans ja doch noch und weckt die Pflanze aus ihrem Winterschlaf. Was bisher darüber zu lesen ist hätte sich definitiv eine Fortsetzung und einen würdigen Abschluss verdient.

Gesamteindruck: 6/7


Autor: Stephen King
Originaltitel: The Plant.
Erstveröffentlichung: 1982
Umfang: ca. 300 Seiten
Gelesene Sprache: Englisch
Gelesene Version: E-Book

BuchWelt: The Running Man

Richard Bachman (alias Stephen King)


„The Running Man“ (zu deutsch „Menschenjagd“) ist das vierte Buch, das US-Schriftsteller Stephen King unter seinem Pseudonym Richard Bachman veröffentlicht hat. Für mich war dieses Werk aus dem Jahre 1982 mein erster Bachman-Roman und ich war sehr auf die Unterschiede zwischen King und seinem Pseudonym gespannt. 

Gesamteindruck: 6/7


Flotte aber düstere Medienkritik.

Richard Bachman liest sich tatsächlich etwas anders als Stephen King. Im Falle von „The Running Man“ äußert sich das meiner Ansicht nach nicht nur in Hinblick auf den Schreibstil – auch inhaltlich unterscheidet sich dieses Buch recht deutlich von dem, was der Bestseller-Autor unter seinem echten Namen bis zu diesem Zeitpunkt veröffentlicht hatte. Denn „The Running Man“ hat praktisch nichts mit den Horror-Geschichten zu tun, für die King im Veröffentlichungsjahr allseits bekannt war. Dieses Buch ist vielmehr eine ausgesprochen düsterer Zukunftsroman – und verbreitet als solcher nicht weniger Unbehagen als „Carrie“, „Shining“ und wie sie alle heißen.

Inhalt in Kurzfassung
Benjamin Richards ist verzweifelt: Seine Tochter ist schwer krank, die dringend notwendigen Medikamente kann sich der Arbeitslose trotz aller Bemühungen nicht leisten. Die einzige Möglichkeit, doch noch irgendwie zu Geld zu kommen, sieht er in der beliebten Fernsehshow „The Running Man“, in der Kandidaten von professionellen Jägern verfolgt und getötet werden. Die Höhe des Gewinns richtet sich dabei nach der Anzahl der Stunden, die ein Teilnehmer sich vor seinen Häschern verbergen kann – schafft er es, einen Monat zu überstehen, gewinnt er den Jackpot und sein Leben…

An der Inhaltsangabe mag man es erkennen: Als Richard Bachman verzichtet Stephen King in „The Running Man“ vollständig auf die für ihn typischen übernatürliche Elemente. Dadurch liest sich dieses Werk erschreckend realistisch – heute, anno 2020, vielleicht sogar mehr noch als Anfang der 1980er Jahre. Der Protagonist lebt in einem Amerika, das durch Misswirtschaft und Umweltzerstörung völlig am Boden liegt. Demokratie existiert nicht, Menschenrechte ebenso wenig, nur wer Geld hat, erhält Zugang zu Bildung und medizinischer Versorgung. Kommt einem irgendwie bekannt vor, oder? Und auch das Setting mit verschiedenen Gameshows, die der verzweifelten Masse einen scheinbaren Ausweg aus ihrer Misere bieten, ist nichts, was uns fremd ist.

Glücklicherweise wird heute im Reality TV (noch?) nicht gemordet, aber ich habe das Gefühl, dass es der Schritt von „Big Brother“, „Ich bin ein Star – holt mich hier raus“ und „Schwiegertochter gesucht“ bis zu „The Running Man“ kleiner ist, als uns lieb sein kann. Übertrieben pessimistisch? Mag sein, aber ich glaube, in den 1980ern hätte auch niemand erwartet, dass sich Mitglieder einer vermeintlichen Unterschicht wenige Jahre im TV dermaßen vorführen lassen würden, nur um den einen oder anderen Cent zu verdienen. Und vor allem, dass jemals ein Publikum für derartige Absonderlichkeiten existieren würde. Folgerichtig ist dieses Buch eine harsche, düstere und zynische Kritik, nicht nur an den modernen Massenmedien, sondern auch an denen, die sich am dort Dargebotenen ergötzen.

Mehr Bachman als King.

„The Running Man“ ist mit rund 300 Seiten vergleichsweise kurz ausgefallen. Entsprechend schnell ist man damit durch, was aber nicht nur am Umfang liegt, sondern auch am Stil: King/Bachman schildert die Geschehnisse in hohem Tempo, teils sind die Kapitel nur ein oder zwei Seiten lang. Daran wird auch ein großer stilistischer Unterschied zwischen King und seinem alter Ego deutlich: Während Veröffentlichungen von Stephen King im Allgemeinen durch einen extrem hohen Detailgrad und genaueste Beschreibungen von Personen, Landschaften und Verhaltensweisen bestechen, ist in „The Running Man“ alles sehr knapp gehalten. Klar, dass dadurch die Lektüre wesentlich flüssiger wird und auch für diejenigen zu empfehlen ist, denen King normalerweise zu sperrig daherkommt. Das bedeutet umgekehrt aber keineswegs, dass dieses Buch oberflächlich ist. Im Gegenteil, der Autor versteht es, der von ihm geschaffenen Welt durch bloße Andeutungen und Randbemerkungen eine ungeahnte Tiefe zu verleihen, die sich freilich mehr im Kopf des Lesers als auf den Seiten des Buches abspielt. Das Ergebnis ist, dass „The Running Man“ trotz seiner Kürze erstaunlich lange nachhallt, was freilich auch mit der erwähnten Realitätsnähe und seiner prophetischen Kraft zu tun haben mag. Alles in allem würde ich sagen, dass „The Running Man“ tatsächlich nur ansatzweise ein Buch von Stephen King, dafür mit Fug und Recht ein Roman von Richard Bachman ist. Aber das nur am Rande, viel wichtiger ist und bleibt, dass dieses Werk vor allem eines ist: Clever und flott inszenierte Medienkritik, die gerade uns modernen Reality-TV-Zusehern ein erschreckendes Spiegelbild vorhält.

Dass es nicht ganz für die Höchstwertung reicht, ist einem kleinen Paradoxon geschuldet: Im Vorwort erwähnt King die gleichnamige 1987er-Verfilmung des Stoffes. Das aber nicht unbedingt positiv, denn der Film hat bis auf die Grundprämisse und den Namen des Helden recht wenig mit dem Buch gemein. Vor allem, so King, unterscheidet sich der von Arnold Schwarzenegger verkörperte Ben Richards maßgeblich von der von ihm erdachten Figur. Dem stimme ich nur bedingt zu, denn im Roman ist der Held zwar als Typ „wie du und ich“ charakterisiert. Allerdings wird sein Überlebenskampf mit Fortschreiten der Handlung heftiger – und gleichzeitig werden sein Entkommen in letzter Sekunde und die Strategien, die er dafür aus dem Hut zaubert, immer abenteuerlicher. Letztlich muss ich King also widersprechen: Der überlebensgroße Held aus dem Film ist seinem Ben Richards aus dem Roman in vielen Momenten näher, als der Autor zugeben möchte.

Kleiner Exkurs zum Schluss: Im Vorwort der von mir gelesenen 1996er-Ausgabe schildert der Autor außerdem, wieso das Bachman-Pseudonym für ihn wichtig war und ist. Im Wesentlichen scheint – so die Quintessenz – Richard Bachman Dinge sagen zu dürfen, die Stephen King so nie schreiben würde. Ich kann dem ehrlich gesagt nicht ganz folgen – wie oben beschrieben gibt es zwar stilistische und inhaltliche Unterschiede zwischen King und Bachman, ich hätte in „The Running Man“ nun aber nichts gefunden, dass ich mir nicht auch von King so hätte vorstellen können, sieht man mal vom Fehlen jeglicher Horror-Elemente ab. Aber das wird der Meister selbstverständlich besser wissen als ich.

Gesamteindruck: 6/7


Autor: Stephen King
Originaltitel: The Running Man.
Erstveröffentlichung: 1982
Umfang: ca. 300 Seiten
Gelesene Sprache: Englisch
Gelesene Version: E-Book

BuchWelt: The Stand – Das letzte Gefecht

Stephen King


„The Stand“ wird immer mal wieder als Stephen Kings bestes Werk beschrieben. Dieser Ansicht kann ich nicht so recht zustimmen, was natürlich eine Frage des persönlichen Geschmacks ist. Mir gefällt beispielsweise „Es“ wesentlich besser. Dennoch ist es so, dass dem Amerikaner hier ein Epos über den Kampf zwischen Gut und Böse gelungen ist, das eine unheimliche Kraft entfaltet, die ich persönlich so nicht erwartet hätte.

Gesamteindruck: 5/7


Mächtiges Epos mit einigen Längen.

Im Großen und Ganzen lebt Stephen Kings 1978er-Roman „The Stand“ von zwei Elementen: Zum einen ist die Beschreibung einer quasi-postapolkalyptischen Welt ausgezeichnet gelungen. Dieses Thema ist zwar an sich nicht neu, aber der Autor setzt es auf völlig eigene Art um – ein nahezu völlig entvölkerter Kontinent, auf dem aber die gesamte Technik noch da ist und funktioniert, regt die Fantasie entsprechend stark an. Der zweite wichtige Punkt sind Kings Charaktere. Wer bereits Werke des Amerikaners kennt, weiß, was ihn hier erwartet: Klug und behutsam aufgebaute Figuren, die aus ihrem Alltag direkt in eine immer chaotischer werdende Welt geworfen werden und damit umzugehen lernen. Was das betrifft ist tatsächlich alles im grünen Bereich, auch wenn dem erfahrenen King-Leser einige Personen recht bekannt vorkommen werden.

Was allerdings nicht verschwiegen werden darf: Die vorliegende Fassung enthält durchaus einige Längen, die zwar gerade noch erträglich sind, aber dennoch nicht wegdiskutiert werden können. Ob das an der „erweiterten“ Fassung liegt weiß ich nicht, da ich die Original-Ausgabe nicht kenne. Denn ursprünglich wurde „The Stand“ als einzelner Band veröffentlicht. Ich selbst habe eine zweibändige Edition, herausgegeben vom Verlag Bastei-Lübbe gelesen. Dort steht im Vorwort, dass die Originalausgabe gekürzt war – vorwiegend, weil es der damalige Verlag so wollte. Wie auch immer: King geht ab und an mit seiner – immer schon recht ausgeprägten – Art, sich in Details zu verlieren, einen Schritt zu weit. An diesen Stellen wünscht man sich eine Straffung der Handlung, wobei es aber kein einziges Mal so weit kommt, dass man quer liest.

Wesentlich problematischer als diese Ausschweifungen ist meines Erachtens jedoch der Schluss, der im Vergleich zum Gesamtwerk wenig ausgearbeitet wirkt. Im Kontrast zum insgesamt eher gemächlichen Aufbau geht gegen Ende plötzlich alles sehr schnell und auch nicht ganz nachvollziehbar vonstatten. Schade ist auch, dass der Autor zwar die „Guten“ und ihre Bemühungen sehr ausführlich beleuchtet, die Gegenseite aber ziemlich vernachlässigt. Dabei sollte es auch dort durchaus interessante Charaktere geben, über die man wesentlich mehr erfahren möchte. Grund dafür ist auch, dass King bei der Gruppe um „Mutter Abagail“ (deren Rolle sich mir übrigens auch nicht so wirklich erschließt) zeitweise viel zu tief in den Klischee-Topf greift. Wenn beispielsweise die amerikanische Nationalhymne voller Inbrunst abgesungen wird und dabei kein Auge trocken bleibt, hat das für mich schon etwas von unfreiwilligem Humor. Wobei ich mir vorstellen könnte, dass amerikanische Leser gerade solche Anwandlungen lieben.

Trotz der angesprochenen Kritikpunkte halte ich „The Stand“ für durchaus lesenswert. Fans des amerikanischen Kult-Autors wissen ohnehin was sie erwartet, King-Hasser werden sich auch mit diesem Werk nicht bekehren lassen. Neulingen sei vielleicht ein etwas leichter verdaulicher Einstieg wie „Friedhof der Kuscheltiere“ empfohlen. 5 Punkte jedenfalls für einen Roman, der nicht Kings allerbester ist, seine wirklich schwachen Bücher aber locker hinter sich lässt.

Gesamteindruck: 5/7


Autor: Stephen King
Originaltitel: The Stand.
Erstveröffentlichung: 1978
Umfang: ca. 1.400 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Taschenbuch