BuchWelt: Schlaflied

Cilla & Rolf Börjlind


„Schlaflied“, der vierte Fall des Ermittlerduos Tom Stilton und Olivia Rönning, behandelt mit Organhandel und Flüchtlingskrise zwei höchst aktuelle Themen, die jedes für sich eine Schande für die ach-so-zivilisierte Menschheit sind. Dafür gibt’s von mir Szenenapplaus; zu Begeisterungsstürmen vermag mich der schwedische Krimi jedoch nicht hinzureißen.

Gesamteindruck: 2/7


Ein Schlaflied für den Leser.

„Schlaflied“ ist das erste Buch des schwedischen Ehepaars Cilla und Rolf Börjlind, das ich gelesen habe. Wer nun denkt, dass meine Probleme mit diesem Werk daher rühren – immerhin kenne ich die Vorgeschichte der Ermittler nicht – täuscht sich. Ich denke nicht, dass entsprechende Vorkenntnisse den fast 600 Seiten starken Roman zu einem Pageturner gemacht hätten.

Worum geht’s?
Stockholm: Tausende Asylsuchende kommen an, die Behörden sind mit der Situation hoffnungslos überfordert. Unter den Flüchtlingen befinden sich viele unbegleitete Jugendliche – wie Akin und Gowon aus Nigeria, die Hoffnung schöpfen, als sie von einem scheinbar hilfsbereiten Mann zu einer vorübergehenden Unterkunft gebracht werden. Gleichzeitig wird in Wäldern ein halb vergrabener, grausam zugerichteter Junge gefunden. Die Kriminalpolizei beginnt zu ermitteln und muss bald erkennen, wie weit sich auch im beschaulichen Schweden das organisierte Verbrechen schon ausgebreitet hat

Falls sich jemand fragt, wieso meine Börjlind-Premiere ausgerechnet der 4. Roman einer Krimi-Reihe ist: Ich gestehe, dass ich von den Autoren noch nie etwas gehört habe, entsprechend stand keines ihrer Bücher auf einer meiner „zu lesen“-Listen. Allerdings kann ich an keinem offenen Bücherschrank vorbeigehen, ohne etwas mitzunehmen – und in diesem Fall war es eben „Schlaflied“, dessen Inhaltsangabe mir gefallen hat. Mittlerweile weiß ich natürlich, dass Cilla und Rolf Börjlind vor allem als Drehbuch-Autoren für Krimi-Serien tätig sind, ein Umstand, der mir vorher ebenfalls völlig unbekannt war. Apropos Serien: Ich kann mir gut vorstellen, dass sich aus „Schlaflied“ – charismatische Schauspieler vorausgesetzt – ein spannender Fernseh-Abend machen ließe.

Kühle Charaktere und ein paar Unwahrscheinlichkeiten.

In Buchform hatte ich hingegen auf verschiedenen Ebenen meine Probleme mit „Schlaflied“. Eines davon sind die Figuren, die einfach nicht vor meinem geistigen Auge lebendig werden wollten – und mir auch charakterlich nicht sonderlich gefallen haben. Nun könnte man das darauf schieben, dass ich die Teile 1 bis 3 der Serie nicht kenne, daher auch nicht weiß, ob und wie die Hauptpersonen dort beschrieben sind. Beurteilen kann ich jedenfalls nur vorliegendes Werk, was einerseits nicht ganz gerecht ist, andererseits aber doch wieder, weil das Buch per se schon so geschrieben ist, dass es für sich allein gelesen werden kann. So oder so: Ich bin mit keinem Charakter wirklich warm geworden, zu kühl und distanziert sind sie beschrieben. Am meisten konnte ich übrigens mit dem rumänischen Gangsterboss anfangen – wenn der nur in diesem Buch vorkommt, wovon ich ausgehe, könnte das wiederum meinen Verdacht bestätigen, dass es mir tatsächlich an Vorkenntnissen mangelt.

Kein Problem ist es hingegen, der in „Schlaflied“ erzählten Handlung zu folgen – ganz unabhängig davon, ob man ein anderes Buch aus der Reihe kennt. Die Geschichte, die sich das Ehepaar Börjlind ausgedacht hat, ist im Endeffekt schnörkellos und man hat relativ früh Gewissheit, wohin sie sich entwickelt (schön fand ich übrigens, wie es am Ende die Auflösung des sehr rätselhaften Einstiegs gibt). Nun könnte man sagen, dass der Weg das Ziel ist, was oft genug auch stimmt. Im Falle von „Schlaflied“ sind die Wege bzw. Handlungsstränge auf den ersten Blick komplex, wenn sie zum Finale hin zusammenlaufen, stellt man jedoch fest, dass „umständlich“ die richtigere Beschreibung ist. Die Ermittler fahren und fliegen mal hierhin, mal dorthin, es passieren scheinbar bedeutende Dinge – und doch bleibt der schale Beigeschmack zurück, dass 400 Seiten locker genügt hätten, um „Schlaflied“ zu erzählen. Bezeichnend übrigens, dass ich in der Rückschau relativ lange überlegen musste, was es mit dem Titel des Romans auf sich hat, man kann sich also vorstellen, dass der entsprechende Teil der Handlung nicht gerade bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen hat. Einen Teil dieses Problems muss man aber der Übersetzung anlasten, denn das schwedische „Schlaf du kleines Weidenjunges“ ist der deutlich stärkere Titel.

Enttäuschend war für mich ferner, dass mir häufig nicht klar war, wie gewisse Ermittlungsergebnisse zustande gekommen sind – es ist, als würden den Beamten ihre Eingebungen zum Teil einfach so zufliegen. Das nimmt der Geschichte für mein Dafürhalten ein gerüttelt Maß an Glaubwürdigkeit. Dazu passt auch, dass manche Charaktere sehr merkwürdige und für mich kaum nachvollziehbare Entscheidungen treffen. Und: In „Schlaflied“ gibt es zumindest so viele Unwahrscheinlichkeiten, die für mein Dafürhalten nicht ausreichend erklärt werden, dass es mir negativ aufgefallen ist.

Fazit: Trotz grundsätzlich brauchbarer Geschichte ist „Schlaflied“ ein Buch, das man wohl nur Fans der Reihe um Tom Stilton und Olivia Rönning empfehlen kann. Ich denke nicht, dass ich ein weiteres Werk aus der Serie lesen werde, dazu war mir vorliegender Roman letzten Endes zu zäh und zu unspektakulär.

Gesamteindruck: 2/7


Autor: Cilla & Rolf Börjlind
Originaltitel: Sov du lilla videung.
Erstveröffentlichung: 2016
Umfang: ca. 570 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Taschenbuch

BuchWelt: Bad Fucking

Kurt Palm


Nein, in dieser Rezension geht es nicht um die Autobiografie eines Pornodarstellers – und auch nicht um die Bekenntnisse eines Callboys oder einer Prostituierten. Es geht ganz generell nicht um schlechte Erfahrungen bei der schönsten Nebensache der Welt, obwohl vorliegendes Buch die eine oder andere Andeutung in diese Richtung enthält. So kann man sich täuschen, wenn man nur den Titel liest.

Gesamteindruck: 4/7


Ein bisschen schräger Krimi.

So ganz kann ich die Verantwortlichen der Gemeinde Tarsdorf (Oberösterreich) nicht verstehen: Sie haben Ende 2020 beschlossen, das Örtchen Fucking in Fugging (im Gegensatz zum Roman kein Kurort, also ohne „Bad“) umzubenennen und diesen Beschluss mit 1. Jänner 2021 tatsächlich umgesetzt. Seither gibt es in Österreich zwei Orte mit Namen Fugging – und eine kultige Ortstafel weniger. Schade eigentlich, hier hätte sich doch mit einer findigen Marketing-Strategie ordentlich Geld verdienen lassen, oder? Ist nicht passiert, und durch die Umbenennung wird man wohl bald vergessen, dass der Titel dieses Buches nicht völlig frei erfunden ist.

Worum geht’s?
Im beschaulichen und von der Welt und der österreichischen Politik nach einem Erdrutsch, der die Zufahrtsstraße verlegt hat, vergessenen Bad Fucking ist es mit der Ruhe vorbei: Ein Einsiedler wird tot in seiner Höhle gefunden, eine Horde Cheerleader steigt im einzigen Hotel der Gegend ab, ein Finanzskandal droht aufgedeckt zu werden – und der Dorfgendarm bereitet alles für die Rückkehr der Aale aus ihrem Laichgebiet in der Sargassosee vor

„Kein Alpenkrimi“ lautet der Claim, der unter dem Buchtitel am Umschlag von „Bad Fucking“ zu finden ist. Stimmt, irgendwie, obwohl das Buch durchaus Ansätze eines österreichischen Krimis hat: Ein Mord, eine Entführung, Korruption und Stalking – über all das lesen wir in diesem Buch, das 2013 von Kult-Regisseur Harald Sicheritz verfilmt wurde. Im ersten Moment klingt das fast nach business as usual, ist es zum Teil auch und dabei durchaus spannend geschrieben. Doch dieser Eindruck währt nur kurz, relativ schnell driftet „Bad Fucking“ ins Überzeichnete ab und wird im Laufe der Handlung immer grotesker.

Wirklich nur erfunden?

Man kann sich schon die Frage stellen kann, ob „Bad Fucking“ tatsächlich so überzeichnet ist wie angedeutet. Ist es z. B. so weit hergeholt, dass der Bürgermeister die Einnahmen aus dem Tourismus in vermeintlich vielversprechenden Hedgefonds verzockt? Ist es komplett unwahrscheinlich, dass der hiesige Zahnarzt ein Verhältnis mit seiner Putzfrau hat und anschließend von ihr erpresst wird? Zumindest gibt einem die regionale und überregionale Politik nicht unbedingt das Gefühl, dass das, was in Bad Fucking passiert, kein reales Vorbild hat. Überzeichnet? Ja, sicher. Ganz und gar erfunden? Wer weiß…

Unabhängig vom Wahrheitsgehalt ist „Bad Fucking“ jedenfalls angenehm und schnell zu lesen. Es gibt einiges an Lokalkolorit, es gibt durchaus schillernde, lebendige Charaktere. Die Komik kommt auch nicht zu kurz, wirkt allerdings ab und an etwas angestrengt. Dass man all das auch als durchaus berechtigte Kritik am vermeintlich idyllischen Landleben, aber auch an der österreichischen Politik lesen kann, liegt auf der Hand.

Überhastet wirkendes Finale.

Also alles gut? Mitnichten, daher auch nur 4 Punkte. Einerseits ist das Buch insgesamt etwas zerfahren. Es werden viele Themen angeschnitten – und das auf durchaus lesenswerte und lustvolle Weise. Dabei verzettelt sich der Autor meiner Meinung nach aber ein bisschen, sodass man am Ende den Eindruck hat, zwar viele gute Ansätze gelesen zu haben, von denen aber nur wenige gut ausgearbeitet wurden. Andererseits war ich mit dem Finale nicht gerade glücklich. Ich verstehe zwar, dass man ein solches Buch mit einem Knall enden lassen möchte – und auch, dass ein so grotesker Roman einen ebensolchen Schluss braucht. Dennoch ist die letzte Seite für mich deutlich zu früh gekommen, ich hätte gerne noch etwas mehr über die Ereignisse im ehemaligen Kurort gelesen.

Alles in allem sind das 4 von 7 Punkten – wer grundsätzlich etwas mit österreichischer Literatur anfangen kann, kann ruhig einen Versuch wagen. Schlecht ist „Bad Fucking“ keineswegs, es wirkt nur – und das nicht erst am Schluss – ein bisschen überhastet und eine Spur zu wenig ausgearbeitet. Zumindest für meinen Geschmack.

Gesamteindruck: 4/7


Autor: Kurt Palm
Originaltitel: Bad Fucking. Kein Alpenkrimi.
Erstveröffentlichung: 2010
Umfang: ca. 280 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Taschenbuch

BuchWelt: Graue Nächte

Arnaldur Indriðason


Ich weiß nicht genau, was es mit skandinavischen Krimis auf sich hat. Sie werden mir laufend im Netz, aber auch im realen Leben empfohlen, sind Bestseller – und ich habe kaum einen davon gelesen. Wenn ich es recht bedenke, ist „Graue Nächte“ überhaupt erst mein zweiter Versuch (nach der „Millenium“-Trilogie von Stieg Larsson).

Gesamteindruck: 3/7


Dunkle Zeiten.

Falls jemand wissen möchte, warum ich ausgerechnet dieses Buch für meine zweite Erfahrung mit einem skandinavischen Krimi ausgewählt habe: Es lag so ‚rum. Also nicht bei mir, sondern auf einem Tisch vor einem Haus hier in Wien. „Zur freien Entnahme“, wie es so schön heißt. Und als eingefleischter Skandinavien- und Island-Fan dachte ich mir: „Warum nicht?“ und habe zugegriffen. Dass es sich dabei um den zweiten Teil einer Reihe um die Ermittler Flóvent und Thorsson handelt, wusste ich nicht – war aber kein Problem, das Buch ist auch ohne Vorkenntnisse problemlos lesbar.

Worum geht’s?
1943 ist Island von den Amerikanern besetzt. Die Stimmung zwischen Einheimischen und Soldaten ist häufig angespannt. Als in der Nähe einer halb-legalen Kneipe mitten in Reykjavík ein junger Mann brutal ermordet wird, übernehmen Kommissar Flóvent von der isländischen Polizei und der Kanadier Thorson von der Militärpolizei die Ermittlungen. Bald stellt sich die Frage, ob dieser Fall – und ein zweiter, an dem Flóvent gerade arbeitet – mit dem Krieg, der in Island so fern scheint, in Verbindung stehen

Mir hat „Graue Nächte“ ganz gut gefallen, vom Hocker gerissen hat mich das Buch allerdings nicht. Ich fange mal mit den positiven Aspekten an: Arnaldur Indriðason hat mit dem Island der 1940er Jahren einen Schauplatz gewählt, den man als Mitteleuropäer so gar nicht auf dem Schirm hat. Die Insel im Nordatlantik ist heutzutage zwar ein beliebtes Ziel für Touristen aus aller Welt, ihre jüngere Geschichte ist in unseren Breiten hingegen weniger bekannt. So gesehen sind Ort und Zeit der Handlung nicht nur ungewöhnlich, sondern machen den Leser nebenbei mit einigen interessanten Aspekten der Zeitgeschichte vertraut, darunter wie sich die Bevölkerung mit den ausländischen Soldaten arrangiert (oder auch nicht) und nationalsozialistische Tendenzen in Island.

„Graue Nächte“ ist letztlich aber kein Geschichtsbuch, sondern ein Krimi und muss auch als solcher funktionieren – vor allem, weil die Historie Islands im 2. Weltkrieg zwar schön angerissen, aber nicht allzu sehr vertieft wird. Muss natürlich auch nicht sein, ich wollte es nur angemerkt haben. Spannend ist jedenfalls, dass die Handlung zumindest teilweise nicht linear erzählt wird. Darauf kommt man erst im Laufe der Lektüre – und es ist tatsächlich einigermaßen befriedigend, wenn die Puzzlesteine mit der Zeit ein immer klareres Bild über die Abläufe ergeben. Es ist außerdem durchaus kurzweilig, zu lesen, wie die Ermittler an den Fall des so brutal ums Leben gekommenen jungen Mannes herangehen und dabei eher düstere Seiten der nordischen Beschaulichkeit aufdecken. Und auch der zweite Fall, der eher ein Nebenstrang der Handlung ist, ist gefällig inszeniert.

Kleinere Längen und wenig Charakterzeichnung.

All das wäre gute Punkte wert, ganz überzeugen konnte mich der Autor aber dennoch nicht. Ein Grund dafür sind Längen, die sich trotz des relativ geringen Umfangs immer mal wieder einschleichen. Und: Die Handlungsstränge sind per se schon spannend, allerdings wirken sie gegen Ende hin nicht so richtig ausgereift und werden auch nicht ganz befriedigend zusammengeführt bzw. abgeschlossen. Und dann gibt es da noch die eine oder andere Unwahrscheinlichkeit, die zumindest mir nicht so richtig in den Kopf wollte – oder war es im 2. Weltkrieg normal, dass Unteroffiziere einen Vertreter der Militärpolizei dermaßen respektlos behandeln und der sich das gefallen lässt? Wir sind ja – zum Glück – weit von solch dramatischen Zeiten entfernt, aber wenn ich an meine Militärzeit zurückdenke, kommt es mir so vor, als ob sogar Offiziere ein mulmiges Gefühl gehabt hätten, wenn Vertreter der Militärpolizei aufgetaucht sind…

Abgesehen davon: Ich habe oben erwähnt, dass das Buch zwar Teil 2 einer Reihe ist, aber dennoch auch für sich gelesen werden kann. Das trifft zumindest auf die Kriminalhandlung zu. Nicht so sicher bin ich mir allerdings, was die Charaktere betrifft. Die zwei Ermittler sind zwar durchaus sympathisch, andererseits wirken sie nicht gerade tiefgründig. Ich kann natürlich nicht sagen, ob das ein generelles Versäumnis des Autors ist – oder ob sie in Band 1 der Reihe („Der Reisende“) genauer charakterisiert werden und das, was man in „Graue Nächte“ zu lesen bekommt, eine kleine, feine Fortentwicklung ist. Steht das Buch für sich, ist es jedenfalls sehr handlungsbezogen und baut eine im Allgemeinen eher düstere, aber gute Atmosphäre auf, mit der die Hauptfiguren nicht mithalten können.

Alles in allem ist „Graue Nächte“ für mich damit ein durchschnittliches Buch ohne große Stärken und mit ein paar kleineren Schwächen. Der historische Aspekt ist gut gelungen, wenn auch nicht sonderlich tiefschürfend, der Krimi wäre gut, hat aber mit Längen und einer nicht ganz zufriedenstellenden Auflösung zu kämpfen.

Gesamteindruck: 3/7


Autor: Arnaldur Indriðason
Originaltitel: Petsamo.
Erstveröffentlichung: 2016
Umfang: ca. 400 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Taschenbuch

BuchWelt: Abfangjäger

Hans-Peter Vertacnik


Ein merkwürdiger Zufall: Kurz bevor ich dieses Buch zu Ende gelesen habe, kam die leidige „Eurofighter-Affäre“, die die Republik Österreich seit bald 20 Jahren begleitet, wieder in die Medien. Einige Tage vorher gab es außerdem einen Terroranschlag in Wien und im Zuge der Ermittlungen kam zutage, wie verfilzt und politisch geprägt ein Teil der österreichischen Polizeistrukturen zu sein scheint. Beides sind Themen, die Autor Hans-Peter Vertacnik in seinem 2007 erschienen Roman „Abfangjäger“ zur Sprache bringt – mal mehr, mal weniger verklausuliert.

Gesamteindruck: 3/7


Zoff um Zoff.

„Abfangjäger“ ist der Debütroman von Hans-Peter Vertacnik, der bis dahin lediglich zwei Gedichtbände veröffentlicht hatte. Gleichzeitig bildet das Buch den ersten von zwei Romanen über Oberstleutnant Peter Zoff, seines Zeichens Leiter des Morddezernats in der steirischen Landeshauptstadt Graz. Potenzielle Leser dürfen also einerseits mit einem klassischen Krimi rechnen, der andererseits mit einer ordentlichen Portion Lokalkolorit angereichert ist. Wer das mag, vielleicht sogar in Graz oder Wien (kurioserweise ist der Großteil der Handlung in der Bundeshauptstadt angesiedelt) wohnt, wird sich schnell heimisch in „Abfangjäger“ fühlen. Die Spannung stimmt im Wesentlichen auch – allerdings gibt es ein paar andere Mängel, die recht gravierend ausfallen.

Inhalt in Kurzfassung
Als Oberstleutnant Peter Zoff nach dem Mord eines Kollegen die Ermittlungen aufnimmt, ahnt er noch nicht, mit welchen Kreisen er sich anlegt. Denn die Spur, die er verfolgt führt nach ganz oben – bis in die höchsten Kreise der österreichischen Politik…

Fangen wir mit dem Positiven an: „Abfangjäger“ ist ein schnell zu lesendes, kurzweiliges Buch. Die Handlung hat die eine oder andere unerwartete Wendung und dem Autor gelingt es, die Spannung fast durchgängig auf hohem Niveau zu halten. Die meisten der rund 380 Seiten vergehen wie im Flug, teilweise mag man das Buch gar nicht aus der Hand legen, weil es Schlag auf Schlag geht. In der Hinsicht gibt es also wenig zu meckern: „Abfangjäger“ ist rasant, weiß zu unterhalten und ist die perfekte Lektüre für Zwischendurch.

Problembehaftetes Debüt.

Auf den zweiten Blick fallen allerdings ein paar Dinge auf, die eventuell der Unerfahrenheit von Hans-Peter Vertacnik als Autor geschuldet sein mögen; einen Teil davon hätte der Verlag bzw. das Lektorat allerdings ausbügeln können, ja sogar müssen, wie ich finde. Damit meine ich, dass z. B. der Wiener Stephansplatz im Buch durchgehend als Stefansplatz bezeichnet wird – so etwas muss doch eigentlich sofort auffallen. Und auch sonst sind Rechtschreibfehler keine Seltenheit, was ich allerdings nicht zu streng sehen möchte, weil das selbst in den größten Verlagshäusern immer wieder vorkommt. Ein Puzzlestein, der den Gesamteindruck schmälert, sind sie aber dennoch.

Noch gravierender sind Schwächen im Ausdruck, die mich mit zunehmender Lektüre immer mehr gestört haben. So wird zum Beispiel die Wiener U-Bahn stets als „Untergrundbahn“ bezeichnet oder das Handy durchgehend als „Mobiltelefon“ – auch in Dialogen, was besonders befremdlich wirkt, denn so spricht in der Realität kein Mensch. Ebenfalls in diese Kategorie fällt, dass unterschiedliche Figuren in den Dialogen immer wieder wortgleiche Formulierungen verwenden. Beispielsweise sagt fast jeder Charakter mindestens einmal „Mein Lieber…“. Bemühungen, den Personen verschiedene Ausdrucksweisen zu verpassen, sind kaum erkennbar.

Und: Das Buch ist zwischendurch immer wieder geprägt von einem gewissen Stakkato-Stil, von kurzen, abgehakten Sätzen, die mir einfach nicht gefallen wollen und das Lesevergnügen doch ein wenig schmälern. Passend dazu: Gefühlte 90% der im Buch erwähnten Namen bestehen aus sehr wenigen Buchstaben: Zoff, Abel, Voss, Reis, Kauz usw. Wenn das eine eigene Stilistik sein soll, verstehe ich den Witz an der Sache nicht, zumal der Rest der Namen ja normal ist (z. B. Eichinger). Das führt durch die Vielzahl an Figuren übrigens auch gerne zur Verwirrung, weil man irgendwann vergisst, wer überhaupt wer ist.

Apropos Figuren: Die Charaktere würde ich eher als zweckmäßig bezeichnen. Zumindest ist mit Hauptfigur Zoff aber eine starke Figur am Start, der es auch nicht an menschlichen Fehlern und Schwächen mangelt. Wobei man auch hier das Gefühl einer gewissen Oberflächlichkeit nie ganz los wird. Denn Zoff verhält sich zum Teil merkwürdig, was in Ordnung wäre, wenn es vernünftig erklärt würde. Das betrifft z. B. auch Dinge wie seine Eheprobleme, die … hmmm … einfach da sind. Warum, weshalb und wie damit umzugehen ist, wird nicht vernünftig dargestellt, was eine Identifikation stark erschwert.

Zu viel des Guten.

Der Autor war, so steht es in seinem Lebenslauf, früher selbst in leitender Position bei der Polizei tätig. Es ist also davon auszugehen, dass die im Roman beschriebenen Details der Ermittlungsarbeit durchaus realistisch dargestellt werden. Allerdings geht die Fantasie in „Abfangjäger“ an anderer Stelle komplett mit ihm durch: Die schiere Anzahl an Morden, darunter an Polizisten und sogar Politikern, spottet jeder Beschreibung. Das wäre meiner Ansicht nach nicht in diesem Ausmaß nötig gewesen, auch weil es die genannte Glaubwürdigkeit irgendwie zunichte macht und fast schon unfreiwillig komisch wirkt.

Nun aber zu meinem Fazit, das gar nicht so einfach zu ziehen ist: Ja, „Abfangjäger“ ist tatsächlich unterhaltsam geschrieben, allerdings ist eher der Weg das Ziel. Denn die Story selbst ist letztlich nicht der Rede wert bzw. ist die Auflösung wenig zufriedenstellend. Vor allem kommt das titelgebende Fluggerät so gut wie nicht vor und die Hintermänner bleiben weitgehend unerkannt. Abgesehen davon ist die Kritik an der österreichischen Klüngelpolitik zwar da, aber bei weitem nicht so ausgereift, wie man sie sich erhoffen würde. Dazu war der Mut vielleicht nicht groß genug – oder die Ideen haben letztlich doch gefehlt. So oder so: Ich hatte zum Schluss keineswegs das Gefühl, dass alle Fäden sinnvoll miteinander verknüpft wurden.

Wer vorhat, „Abfangjäger“ zu lesen, darf sich darauf einstellen, für ein paar Stunden gut unterhalten zu werden. Das ist schön und gut – mehr sollte man sich davon aber nicht erwarten. Der Roman hat ausgeprägte stilistische Schwächen und lässt an echtem Tiefgang vermissen. Wer sich daran nicht stört, kann der Gesamtwertung einen Punkt hinzufügen. Bei mir reicht es knapp für 3/7.

Gesamteindruck: 3/7


Autor: Hans-Peter Vertacnik
Originaltitel: Abfangjäger.
Erstveröffentlichung: 2007
Umfang: ca. 380 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Taschenbuch

BuchWelt: Der Fall des Lemming

Stefan Slupetzky


„Der Fall des Lemming“ ist trotz streckenweise haarsträubender Skurrilität ein leicht und schnell zu lesendes Buch. Schwarzer Humor wechselt sich mit interessanten Wendungen ab und den Detektiv beim bemühten Kombinieren und zufälligen Stolpern über Wahrheiten und in Fettnäpfchen zu beobachten macht einfach Freude.

Gesamteindruck: 6/7


Schwarzer Humor auf österreichisch.

Auf den ersten Blick könnte man meinen, bei Stefan Slupetzkys „Lemming“ handelt es sich um einen nachgemachten „Brenner“ (Wolf Haas). Zu ähnlich verlaufen die Karrieren der beiden Hauptfiguren (Kripo – Detektivbüro – Privatdetektiv). Auch die Fälle, in die die beiden in sich gekehrten Einzelgänger verwickelt werden, sind ähnlich verzwickt, brutal und voller Wendungen. Zuguterletzt haben beide Autoren das Talent, das typisch Österreichische nahezu perfekt einzufangen und zu zelebrieren.

Ein billiger Abklatsch also? Mitnichten, allein der Schreibstil ist ein völlig anderer. Slupetzky schreibt „normal“, verwendet den österreichischen Dialekt und umgangssprachlichen Satzbau lediglich ab und an in der direkten Rede. Auch dass der Autor ein Wiener ist und als solcher die hiesige Seele bestens zu beschreiben weiß, ist ein sehr gutes Unterscheidungsmerkmal. Dazu kommt ein pechschwarzer Anstrich des Ganzen, der zwar auch bei Wolf Haas vorhanden ist, bei Slupetzky aber wesentlich subtiler wirkt.

Die Höchstwertung bleibt dem 1. Band der „Lemming“-Reihe nur verwehrt, weil die Auflösung des Falles nicht ganz meine Erwartungen erfüllt hat – hier hätte ich etwas mehr Finesse erwartet. Dennoch eine Empfehlung für Freunde des österreichischen Krimis, den man mittlerweile schon fast als eigenes Sub-Genre bezeichnen kann.

Gesamteindruck: 6/7


Autor: Stefan Slupetzky
Originaltitel: Der Fall des Lemming – Eine Wiener Mordgeschichte.
Erstveröffentlichung: 2004
Umfang: ca. 260 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Taschenbuch