FilmWelt: Star Trek IV: Zurück in die Gegenwart

Der erste Ausflug ins Kino hatte die Crew der „U.S.S. Enterprise“ in ein ungewohnt düsteres Abenteuer geführt: „Star Trek: Der Film“ (1979) hatte so gut wie nichts von der Leichtigkeit, mit der die Serie „Raumschiff Enterprise“ (1966-1969) ähnliche Stories abgehandelt hatte. Mit den nachfolgenden Filmen änderte sich die Stimmung und man näherte sich im Verhältnis zwischen Humor und Drama wieder den Ursprüngen des Franchise an. Und dann kam „Star Trek IV: Zurück in die Gegenwart“ (1986), das noch einen Schritt weiter ging und das Roddenberry’sche Universum erstmals in Form einer reinrassigen Komödie präsentierte.

Gesamteindruck: 7/7


Beste 80er-Jahre-Unterhaltung.

Die Credits von „Star Trek IV“ bargen für mich – als damals jugendlichen Zuschauer, weit vor dem Internet-Zeitalter – eine echte Überraschung: Leonard Nimoy hatte als Regisseur eine Komödie inszeniert und war auch am Drehbuch beteiligt gewesen. Ausgerechnet er, den ich nur in der Rolle des vollkommen emotionslosen Spock kannte, hatte es geschafft, ein Millionenpublikum zum Lachen zu bringen. Ich konnte das damals einfach nicht mit jenem Nimoy (bzw. Spock), den ich über viele Jahre kennen- und verstehen gelernt hatte, zusammenbringen. Und sogar mit dem heutigen Wissen kann ich zu dieser Konstellation letztlich nur eines sagen: „Faszinierend“.

Worum geht’s?
Auf dem Planeten Vulkan bereiten sich Admiral James T. Kirk und seine Offiziere auf die Rückkehr zur Erde vor. Dort erwartet sie eine Gerichtsverhandlung, in der sie sich u. a. für die Entführung und Zerstörung der „U.S.S. Enterprise“ verantworten sollen. Soweit kommt es jedoch nicht: Die Erde wird – so erfährt man über Funk – von einer unbekannten Sonde angegriffen. Alle Versuche einer Kontaktaufnahme scheitern, eine Verteidigung scheint unmöglich. Die rettende Idee: Ein Zeitsprung, um zwei Buckelwale zu besorgen. Denn, so die Theorie, nur die im 23. Jahrhundert längst ausgestorbenen Meeressäuger sollen in der Lage sein, die Rufe der Sonde zu beantworten. Ein gewagtes Manöver, vor allem angesichts des ungewöhnlichen Fluggerätes, mit dem man seit der Vernichtung der „Enterprise“ unterwegs ist…

„Zurück in die Gegenwart“? Da klingelt es natürlich: Robert Zemeckis‘ Zeitreise-Komödie „Zurück in die Zukunft“ war 1985 erschienen, hatte weltweit über 380 Millionen Dollar eingespielt und gilt bis heute zu Recht als eines der filmischen Highlights der 1980er und weit darüber hinaus. Das soll nun nicht heißen, dass für den 4. Teil der „Star Trek“-Kinoreihe von jenem Blockbuster abgekupfert wurde; im Gegenteil, war man in „Raumschff Enterprise“ doch bereits in den 1960ern mehrfach durch die Zeit gereist. Es mag aber durchaus sein, dass erst der Mega-Blockbuster mit Michael J. Fox die Verantwortlichen bei Paramount Pictures überzeugt hatte, tatsächlich grünes Licht für das ungewohnte Format der Komödie zu geben. Der deutsche Verleih setzte dann freilich noch einen drauf, denn auf Englisch heißt „Zurück in die Gegenwart“ schlicht „The Voyage Home“, was nicht nur der per se stärkere Titel ist, sondern auch jegliche Verwechslung mit „Back to the Future“ ausschließt. Übrigens: Das 4. Abenteuer der „Star Trek“-Crew spielte 133 Millionen Dollar ein. Ein gigantischer Erfolg für Paramount – von Zahlen, wie sie „Zurück in die Zukunft“ erzielt hatte, konnte man indes nur träumen.

Mit Spaß die Welt retten.

Die Geschichte, die „Star Trek IV“ erzählt, ist auf den ersten Blick ganz klassisch: Es gilt, die Welt vor einer übermächtigen Bedrohung zu retten; dass nur unsere Helden dazu in der Lage sind, ist klar. Wie üblich wird die Handlung genutzt, um zentrale Probleme des Zeitgeschehens aufzugreifen – dazu gehörten in den 1980ern u. a. die fortschreitende Umweltverschmutzung und der immer noch nicht ausgestandene Kalte Krieg. All das ist nun nicht sonderlich innovativ und auch die Idee, mittels Zeitreise den Schaden zu reparieren, den die Menschheit durch ihr kurzsichtiges Verhalten angerichtet hat, ist kein Kniff, der noch nie dagewesen wäre. Gerade aus letzterem ergibt sich allerdings die Komik, von der der Film letztendlich lebt. Will sagen: „Star Trek IV“ mag sich dem einen oder anderen ernsten Thema widmen, eine Botschaft, die über ein recht allgemeines „seid doch nicht so grausam zu Mutter Natur!“ hinausgeht, verbirgt hier meines Erachtens jedoch nicht dahinter. Was nicht heißen soll, dass das ein unwichtiges Anliegen wäre – als „Star Trek“-Fan ist man diese relativ simple und geradlinige Ansprache jedoch nicht unbedingt gewohnt.

Letzten Endes gibt es gar nicht so viel über die Handlung von „Star Trek IV“ zu sagen. Der Film lebt – wie angemerkt – davon, dass die Protagonist:innen von einer für sie ungewohnten Situation in die andere stolpern. Mal schimpft Kirk wie ein Rohrspatz los, als er fast überfahren wird, dann wieder wundert sich Pille über die primitiven Methoden im hiesigen Krankenhaus, während Scotty versucht, mit einem altmodischen MS-DOS-PC zu hantieren. Und Spock? Der ist höchst verdutzt über Sprache und Gebräuche der Erdenmenschen des 20. Jahrhunderts. Neugierig ist er als Wissenschaftler freilich auch – und er versucht sich anzupassen, indem er sich beispielsweise in der Verwendung „farbiger Metaphern“ übt. Kurzum: Ein riesengroßer Spaß für jede:n, der:die auch nur ansatzweise etwas mit den Action-Komödien der 1980er anfangen kann. Angemerkt sei an dieser Stelle noch, dass der Film durchaus spannend ist, auch wenn man zugeben muss, dass echte Überraschungen fehlen.

Ungewohntes Terrain.

Das alles kommt freilich nicht von ungefähr: Produzent Harve Bennett und Regisseur Leonard Nimoy hatten von Anfang an geplant, ihr Werk leichtfüßiger und ohne die teils ausgesprochen düstere Dramatik der drei vorangegangenen Filme zu gestalten. Die frühen Versionen des Drehbuchs überzeugten die Paramount-Bosse jedoch nicht (aus ihnen wurde wohl nur das grundlegende Element der Zeitreise übernommen), es folgten mehrere Autoren-Wechsel, bis schließlich die Zusammenarbeit von Harve Bennett und Nicholas Meyer (der in „Star Trek II“ Regie geführt und am Drehbuch mitgewirkt hatte), zur Freigabe durch das Studio führte. Die Arbeitsteilung dürfte dabei recht strikt gewesen sein: Bennett zeichnete für jene Teile des Skripts verantwortlich, die vor dem Zeitsprung spielen, Meyer schrieb alles, was im San Francisco der 1980er passiert und brachte damit quasi nebenbei auch die gesamte Komik ins Drehbuch. Von Bennett kam außerdem das Ende, das wiederum leicht von Meyer überarbeitet wurde und damit als Gemeinschaftsprodukt der beiden gelten kann.

Noch ein Wort zur Personalsituation: Während Leonard Nimoy seit dem von ihm inszenierten „Star Trek III: Auf der Suche nach Mr. Spock“ (1984) nichts mehr von seinem zuvor gefassten Entschluss, die spitzen Ohren endgültig an den Nagel zu hängen, wissen wollte, war es diesmal William Shatner, den man nur mit geradezu fürstlichen Zuwendungen an Bord holen konnte. Angeblich waren seine finanziellen Forderungen sogar ausschlaggebend dafür, dass man sich im Hause Paramount dazu entschied, im TV künftig auf eine komplett neue Crew mit unbekannten, ergo günstigen, Schauspieler:innen zu setzen, was ab 1987 dann ja auch tatsächlich passierte. Woran das alles jedoch nichts ändert: Beide, sowohl Shatner als auch Nimoy, legen in vorliegendem Film eine grandiose Performance hin. Die Chemie stimmt speziell zwischen diesen beiden (wobei auch der Rest des Casts bestens drauf ist), vermutlich auch, weil sie ihre Rollen diesmal völlig anders anlegen dürfen. Wohl vor allem deshalb fällt es nicht ins Gewicht, dass „Zurück in die Gegenwart“ über keinen Bösewicht im eigentlichen Sinne verfügt.

Weiters erwähnenswert: Ein famoser Soundtrack, der unterstreicht, in welch ungewohnter Umgebung sich die sonst so schneidigen Sternenflotten-Offiziere befinden, die gute Qualität der Effekte – und natürlich der Drehort. Nun ist San Francisco per se ja keine sonderlich aufregende Location, in Verbindung mit der Story und den Charakteren wirkt die Stadt jedoch wie der optimale Hintergrund. Und auch aus heutiger Sicht weckt die Kulisse ein gutes und authentisches Gefühl von 1980er-Stimmung. Nostalgie? Mag sein, aber mir hat die Stimmung des Films in dieser Hinsicht wirklich gut gefallen.

Fazit: Ich glaube, „Zurück in die Gegenwart“ reizt das Maximum, das in „Star Trek“ in Sachen Humor möglich ist, aus. Leonard Nimoy schafft hier etwas, das man vermutlich auch bei Paramount nicht für möglich gehalten hätte: Er mischt Science Fiction, Action und – nennen wir das Kind beim Namen – Slapstick zu einem Cocktail, der einfach schmeckt und den maximalen Wohlfühlfaktor bietet. Dabei ist eines aber ganz wichtig festzuhalten: Dieses Werk schießt zu keinem Zeitpunkt über das Ziel hinaus und steht trotz der wohl ungewöhnlichsten Herangehensweise aller bis heute erschienen Filme voll und ganz im Geiste dessen, was „Star Trek“ ausmacht. Diesen Spagat hinzubekommen und damit auch noch großen Erfolg zu feiern ist wirklich aller Ehren wert.

Alles andere als die Höchstwertung wäre hierfür selbstredend zu wenig. Und auch, wenn ein kleines Stück zur herausragenden Qualität eines „Zurück in die Zukunft“ fehlt, würde ich „Zurück in die Gegenwart“ allen ans Herz legen, die etwas mit geradliniger und unterhaltsamer 1980er-Action anfangen können. „Star Trek“-Fans kommen ohnehin nicht daran vorbei.

Gesamteindruck: 7/7


Originaltitel: Star Trek IV: The Voyage Home.
Regie:
Leonard Nimoy
Drehbuch: Nicholas Meyer, Harve Bennett, Steve Meerson, Peter Krikes, Leonard Nimoy
Produktion: Harve Bennett
Jahr: 1986
Land: USA
Laufzeit: ca. 120 Minuten
Besetzung (Auswahl): William Shatner, Leonard Nimoy, DeForest Kelley, Jane Wyatt, James Doohan, Walter Koenig



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FilmWelt: Im Westen nichts Neues (2022)

„Im Westen nichts Neues“ (2022) ist die dritte Verfilmung des 1929 veröffentlichten, gleichnamigen Romans von Erich Maria Remarque. Nach zwei US-Produktionen (1930 und 1979) ist vorliegendes Werk die erste deutsche Verfilmung des Stoffes und ist zum Zeitpunkt dieser Rezension im Jänner 2023 für zahlreiche internationale Preise nominiert. Wieso meine eigene Bewertung weit weniger euphorisch ausfällt, versuche ich im Folgenden herauszuarbeiten.

Gesamteindruck: 4/7


Adaption mit Makeln.

Zu „Im Westen nichts Neues“ habe ich grundsätzlich eine besondere Beziehung: Das Buch habe ich zum ersten Mal – ausgerechnet! – während meines Wehrdienstes gelesen, wo eine sehr zerlesene Ausgabe auf der Wachstube lag. Die Lektüre hat mich so beeindruckt, dass ich es in zwei aufeinanderfolgenden Wachdiensten gleich zwei Mal gelesen habe – und bis heute alle ein, zwei Jahre wieder hervorkrame. Langweilig ist es mir bisher noch nie geworden und ich habe auch nicht das Gefühl, dass ich mich in den nächsten Jahren damit „überlesen“ könnte. Entsprechend hoch waren meine Erwartungen an vorliegenden Film, zusätzlich angestachelt durch sehr starke Bilder im Trailer.

Worum geht’s?
Nordfrankreich im 1. Weltkrieg: Als der 19-jährige Paul Bäumer an der Front ankommt, sind die Konfliktparteien längst in einen blutigen Stellungskrieg verstrickt. Schnell merkt Paul, der sich gemeinsam mit seinen Schulkameraden freiwillig gemeldet hat, dass es im Schützengraben ganz anders zugeht, als in den patriotischen Reden der Lehrerschaft. Zum Glück steht ihnen mit Stanislaus Katczinsky ein erfahrener Soldat zur Seite, mit dessen Hilfe die jungen Rekruten eine Chance haben, zumindest eine Zeitlang zu überleben. Und doch fällt einer nach dem anderen dem mörderischen Feuer zum Opfer…

Noch früher als der großartige Roman von Remarque hat mich die Verfilmung seines Werkes begeistert. Dabei spreche ich aber nicht vom Klassiker von 1930 (den habe ich erst viel später gesehen und war nicht so überwältigt, wie ich anhand der ihm zugeschriebenen Superlative eigentlich hätte sein müssen), sondern vom Fernsehfilm von 1979, u. a. mit Richard Thomas als Paul Bäumer und Ernest Borgnine als Stanislaus Katczinsky. Diese Arbeit von Regisseur Delbert Mann war prägend für mein erstes, konkretes Bild vom 1. Weltkrieg – und sie hat mein historisches Interesse an diesem Thema überhaupt erst geweckt. Und auch nach Ansicht des 2022er-Films bleibe ich dabei: Die Mann’sche Adaption ist die bis dato beste filmische Bearbeitung des Stoffes.

Technisch fein gemacht.

Was vorliegende Verfilmung betrifft, möchte ich zunächst die positiven Aspekte hervorheben: „Im Westen nichts Neues“ verfügt über fantastische production values, d. h. alles sieht großartig und sehr authentisch aus. Für den Dreh, der Großteils in Tschechien absolviert wurde (wie übrigens auch schon 1979), hat man augenscheinlich keine Kosten und Mühen gescheut, sodass man als Zuseher:in die erbärmlichen Zustände, unter denen hunderttausende Soldaten an der Westfront lebten und starben, fast am eigenen Leibe zu spüren meint: Dreck, Blut, das ständige Geschützfeuer, Hunger, Angst, Verzweiflung, Verwundung und der allgegenwärtige Tod – all das wurde meines Erachtens glaubwürdig und ohne Rücksicht auf das Wohlbefinden des Publikums inszeniert. Inklusive passender und überaus bedrückender Soundkulisse, unheilvoller Musik und starker Spezialeffekte.

Woran es ebenfalls wenig auszusetzen gibt, ist das Casting: Für die Hauptrolle hat man mit Felix Kammerer einen jungen Mann gefunden, dessen Gesicht perfekt in die Zeit passt, in der der Film spielt. In Hinblick auf die Nebenrollen hätte ich mir allerdings zumindest für den wichtigen Charakter Katczinsky einen etwas spezielleren Typen gewünscht – mag aber auch sein, dass ich hier zu sehr von der 1979er-Performance von Ernest Borgnine geprägt bin, der einen deutlich gereifteren und älteren „Kat“ gab. Welche Variante die „richtigere“ ist, kann ich nicht beurteilen, Fakt ist aber, dass sich Borgnine im Gegensatz zu Albrecht Schuch, der die Rolle 2022 spielt, deutlich stärker von seinen jungen Kollegen abhob. Man kann es auch so formulieren: Während Borgnine den „Kat“ eher als Vaterfigur anlegte, ist die Schuch’sche Version so etwas wie ein großer Bruder. Vom Rest der Darsteller bzw. Figuren ist mir eigentlich nur Daniel Brühl als Matthias Erzberger in Erinnerung geblieben (dazu etwas weiter unten mehr); mir ist insgesamt aber zumindest niemand negativ aufgefallen.

Eines möchte ich außerdem noch positiv hervorheben, bevor ich zur Kritik schreite: „Im Westen nichts Neues“ ist durchaus spannend inszeniert, was fast schon verwundert, sieht man sich die doch recht dünne Handlung – des Films, nicht des Romans! – an. Das liegt mitunter auch an der gefühlvollen und geradezu verschwenderisch schönen Bildkomposition, die auch in relativ langen Kamerafahrten kaum Längen aufkommen lässt. Ferner kann bzw. muss man – so seltsam und ungut es sich lesen mag – noch eines zugeben: Die häufig dargestellten, überaus brutalen Kampfhandlungen sind hervorragend choreografiert und von atemloser Spannung und Action geprägt. Mein Kompliment auch dafür an Regisseur Edward Berger und das Kamera-Team rund um den Briten James Friend: Eigentlich sind solche Sequenzen ja immer recht ähnlich, dennoch kommt hier zu keinem Zeitpunkt ein Gefühl von Übersättigung auf.

Meist weit weg von der Vorlage.

Die Frage, ob „Im Westen nichts Neues“ objektiv ein guter, vielleicht gar ein preiswürdiger Film ist, ist so leicht nicht zu beantworten. Ich habe die aus meiner subjektiven Sicht positiven Aspekte aufgezählt und glaube durchaus, dass z. B. Hauptdarsteller, Kamera, Schnitt, Ton oder andere technische Aspekte mit zum Besten gehören, das man aktuell im Genre sehen kann. Aber: Das Werk muss sich an seinem Titel messen lassen – und stellt mich als Verfilmung eines der wichtigsten (Anti-)Kriegsromane überhaupt nicht richtig zufrieden. So, jetzt ist es raus… und ich will natürlich versuchen, diese Einschätzung zu begründen.

Eines ist klar: Vorliegender Stoff wurde vorher zweimal sehr werkstreu verfilmt, was den Regisseur dazu bewogen haben mag, einige Dinge anders zu machen. Diesen Zugang verstehe ich einerseits, andererseits gibt es dennoch eine Vorlage, die aus bestimmten Gründen zu einem Klassiker geworden ist. Ich sage es ohne Umschweife: „Im Westen nichts Neues“ hat meines Erachtens über weite Strecken sehr wenig mit dem Roman zu tun und hat mich in dieser Hinsicht tatsächlich schwer enttäuscht. Dem Film fehlen – bis auf wenige Ausnahmen – praktisch ALLE Schlüsselszenen, die man mit der Geschichte von Remarque verbindet. Im Gegenzug stellt der Film einiges völlig anders dar, vor allem aber fügt er Sequenzen ein, die im Buch nicht vorkommen und die für mein Dafürhalten sogar dem Geist der Vorlage widersprechen.

Beginnen wir mit letzterem, also dem „Zusatzmaterial“: Ein wichtiger Aspekt bei Remarque ist die Konzentration auf die Perspektive des einfachen, unbekannten Soldaten. Die macht auch bei der Adaption von Edward Berger weite Teile der Handlung aus – als umso störender habe ich in der Folge jedoch jenen Ausflug in die hohe Politik empfunden, von dem Paul Bäumer abseits von Latrinengerüchten überhaupt nichts wissen konnte. So begleiten wir Matthias Erzberger in den Wald von Compiègne zu den Waffenstillstandsverhandlungen mit der französisch-englischen Delegation. Das mag grundsätzlich nicht unspannend sein, verwässert meiner Meinung nach aber einen essenziellen Aspekt des Romans: Die Soldaten als anonymer, bedenkenlos eingesetzter Spielball der Mächte, Menschenmaterial, das mal hier, mal dort eingesetzt wird, ohne über irgendwelche Hintergründe und Zusammenhänge informiert zu werden. Gerade diese Unwissenheit und der Verzicht darauf, sie im aufzuklären und einen Blick auf die politische Großwetterlage zu werfen, ist zu einem Gutteil dafür verantwortlich, dass der Roman dermaßen erschütternd wirkt. Darum finde ich diesen Exkurs des Films auch so entbehrlich; abgesehen davon, dass hier ein historisch verbrieftes Ereignis und reale Personen gezeigt werden, was nicht zum Rest der Handlung passt. Und auch, wenn der Versuch, zu zeigen, wie die Saat für den 2. Weltkrieg bereits 1918 gesät wurde, durchaus erwähnenswert ist, hat das alles schlicht und einfach nichts mit der Vorlage zu tun.

Der Film nimmt sich aber noch weitere Freiheiten heraus, die mitunter stark vom Roman abweichen. In den meisten Fällen passt das zwar besser, weil wir dabei – anders als beim Blick auf die Friedensverhandlungen – nicht die unmittelbare Umgebung der Hauptfigur verlassen. Was aber sehr merkwürdig anmutet: Die Handlung des Films scheint innerhalb weniger Monate (zwischen 1917 und dem Waffenstillstand im November 1918) stattzufinden. Nun wäre das an sich schon in Ordnung, im Buch finden sich ja ohnehin kaum Zeitangaben. Allerdings wirkt der Film dadurch – ganz im Gegensatz zu früheren Adaptionen, die auch in dieser Hinsicht stärker das Gefühl des Romans wiedergeben – übermäßig gerafft: Er konzentriert alles, was den Figuren widerfährt, ohne Not auf einen gefühlt viel zu engen Zeitrahmen, was reichlich unrealistisch anmutet; fast, als wäre das nur gemacht worden, um das Drama noch mehr zu steigern. Wer Remarques Vorlage kennt, hat dadurch eventuell sogar ein ernsthaftes Problem: Man weiß, wie viel eigentlich noch passieren „muss“, während man schon die Verhandlungen zum Waffenstillstand sieht – das hat zumindest mich auf gewisse Art nervös gemacht und mich bereits beim Ansehen befürchten lassen, dass im Endeffekt sehr viele wichtige Szenen fehlen werden. Das mag anderen Remarque-Kenner:innen ähnlich gegangen sein – oder ich bin zu streng, ich weiß es ehrlich gesagt nicht.

Der Regisseur scheint jedenfalls speziell die finale Tragödie, die sich rund um Paul Bäumer abspielt, in wenige Tage, ja Stunden Filmhandlung gepresst zu haben. Meines Erachtens keine gute Idee, weil eine solche Zuspitzung nicht so richtig zu Remarques Beschreibung des Krieges passen will. Was den Film bei mir mindestens einen Punkt kostet ist übrigens das Finale: Abgesehen davon, dass es im Roman ganz anders abläuft, hatte ich an dieser Stelle wohl das stärkste Gefühl von Effekthascherei. Ein letzter Großangriff, der kurz vor Inkrafttreten des Waffenstillstandes (11. November 1918) beginnt und die deutschen Truppen tief in die französischen Gräben eindringen lässt? Was hat das noch mit dem Schluss des Romans zu tun, auf den sich ja auch dessen Titel und damit auch der Name des Films beziehen, zu tun? Ich zitiere: „Er fiel im Oktober 1918, an einem Tage, der so ruhig und still war an der ganzen Front, daß der Heeresbericht sich nur auf den Satz beschränkte, im Westen sei nichts Neues zu melden.“ (Quelle: Remarque, Erich Maria: „Im Westen Nichts Neues“, Kiepenheuer & Witsch, 18. Auflage 2002, S. 197). Das, was im Film zum Schluss passiert, ist meines Erachtens das genaue Gegenteil eines Tages, an dem es im Westen nichts Neues zu vermelden gibt…

Es fehlt zu viel.

Neben dem, was „Im Westen nichts Neues“ der Romanhandlung hinzufügt, habe ich auch ein Problem mit dem, was weggelassen wurde. Von den zwölf Kapiteln, die das Buch umfasst, wird kaum eines vollständig (oder wenigstens über weite Teile) im Film thematisiert. Sogar eine der längeren Filmszenen, die Episode, in der Paul Bäumer gemeinsam mit einem französischen Soldaten im Granattrichter liegt, wird deutlich schneller abgehandelt, als man es sich erwarten würde, ist es doch gerade die Ausweglosigkeit und sich für den Protagonisten ewig hinziehende Länge der Situation, die man im Buch und auch in der 1979er-Verfilmung ständig zu spüren meint. Hier hat man hingegen den Eindruck, dass die Szene zwar für wichtig gehalten und deswegen aufgenommen wurde, man sie dann aber möglichst schnell abhandeln wollte. Ich mag mich freilich täuschen, mein Eindruck war jedenfalls so.

Davon abgesehen gibt es natürlich auch andere Szenen, Dialoge und Anspielungen, die man einordnen kann, wenn man das Buch kennt. Das ist zwar schön und gut, hilft aber nicht viel, wenn fast alle Schlüsselszenen fehlen, darunter die Ausbildung unter dem sadistischen Unteroffizier, die zeigen soll, was passiert, wenn man einfachen Menschen plötzlich Macht über andere gibt (und was der Unterschied zwischen Fronteinsatz und Exerzierdienst in der Kaserne ist), die Episoden, die das Elend der Feld- und Heimat-Lazarette zeigen, der Heimaturlaub bei den Eltern, in dem die immer breiter werdende Kluft zwischen Soldaten und Hinterland thematisiert wird usw. usf.

Ich verstehe schon, dass nicht jedes Kapitel des Buches erschöpfend behandelt werden konnte, das haben die alten Filme ja auch nicht gemacht – aber wie wenig „Im Westen nichts Neues“ in diesem Film letzten Endes steckt, hat mich schon ein wenig erschreckt, wenn ich ehrlich bin. Spannend wäre übrigens gewesen, im Film das Kapitel zu verarbeiten, in dem Paul Bäumer russische Kriegsgefangene bewachen muss. Denn das kam auch im 1979er-Film nicht vor (ob es in der 1930er-Adaption enthalten war, weiß ich ehrlich gesagt nicht mehr), wäre also eine Möglichkeit gewesen, etwas Neues zu machen und dabei werkstreu zu bleiben. Interessante Randnotiz: Die Eröffnungssequenz des Romans, der Streit mit dem Koch, der für 150 Mann gekocht hat, von denen nur noch 80 leben, kommt im Film erst als eine der letzten Szenen, was ich aber nicht negativ beurteilen würde.

Fazit: „Im Westen nichts Neues“ ist ein guter Antikriegsfilm. Ja, wirklich! Er verfügt über einen starken Cast und Bilder, die den Horror des Stellungskrieges in selten gekannter Intensität zeigen. Leider wird er jedoch seiner Vorlage nicht ansatzweise gerecht, was für mich Grund genug für eine deutliche Abwertung ist. Unter einem anderen Titel – und mit leicht adaptierter Handlung – hätte ich hier mindestens einen Punkt mehr springen lassen. So muss es für magere 4 reichen – sehr, sehr schade und enttäuschend, aber es hilft nichts: Wer sich einen großen Namen aussucht, muss sich auch daran messen lassen.

Gesamteindruck: 4/7


Originaltitel: Im Westen nichts Neues.
Regie:
Edward Berger
Produktion: Malte Grunert, Daniel Marc Dreifuss
Drehbuch: Lesley Paterson, Edward Berger, Ian Stokell
Jahr: 2022
Land: Deutschland, USA, Großbritannien
Laufzeit: ca. 150 Minuten
Besetzung (Auswahl): Felix Kammerer, Albrecht Schuch, Aaron Hilmer, Daniel Brühl, Moritz Klaus, Edin Hasanović



FilmWelt: Possessor

Den Körper eines anderen Menschen zu übernehmen und in dessen Gestalt allerhand Schindluder zu treiben ist ein verbreitetes Motiv in Literatur, Film und Fernsehen. Brandon Cronenberg versucht sich mit „Possessor“ (2020) an einer weiteren Variante. Dabei schreckt er, familientypisch möchte man sagen, auch nicht vor expliziten Gewalt- und Nacktdarstellungen zurück. Und doch wäre es zu einfach, sein folgerichtig mit einem FSK 18-Sticker versehenes Werk als reine Effekthascherei abzutun.

Gesamteindruck: 6/7


Der (fast) perfekte Mord.

Beim Namen des Regisseurs klingelt es beim geneigten Connaisseur spezieller Filmkunst natürlich: Brandon ist der Sohn von David Cronenberg. Der kanadische Altmeister (* 1943 und zum Zeitpunkt dieser Rezension nach wie vor aktiv) gilt spätestens seit den 1980ern als einer der Besten in den experimentellen Randbereichen von Horror- und Science Fiction. Mit „Possessor“ tritt der Sohn in die Fußstapfen des Vaters; und das nicht nur in Hinblick auf teils arg verstörende Bilder, sondern auch, was dessen spätere Hinwendung zu Psychologie und Drama betrifft.

Worum geht es?
Tasya Vos ist eine Auftragskillerin ganz besonderer Art: Statt ihren Opfern persönlich gegenüberzutreten, übernimmt sie mit Hilfe der Technik den Körper ihnen nahestehender Personen. Gefahr, dass sie – oder ihre Auftraggeber – dabei enttarnt werden, besteht nicht. Und doch gibt es ein Problem: Vos fällt es zunehmend schwerer, ihren Geist von dem des jeweiligen „Wirtes“ abzugrenzen…

Ich habe es in der Einleitung angedeutet: Die Prämisse von „Possessor“ ist nicht neu: Serien wie „Raumschiff Enterprise“ kennen beispielsweise eine Vielzahl von Variationen dieses Stoffes, darunter die (feindliche) Übernahme durch Telepathie, außerirdische Organismen, unbekannte Krankheiten oder wie in vorliegendem Fall technische Hilfsmittel. Wie genau die Maschine funktioniert, die es der Protagonistin ermöglicht, ihre Morde zu begehen, bleibt übrigens weitgehend unklar. Das spielt auch keine große Rolle; ohnehin sind die Erklärungen, die andere Produktionen dazu haben, oft unglaubwürdig bis lächerlich. Folgerichtig geht es in „Possessor“ also weder um das „Wie“, noch um die knifflige Suche nach der Mörderin – und auch ihre Opfer werden eher am Rand beleuchtet. „Possessor“ dreht sich vielmehr darum, was ein solcher „Job“ mit dem Geist beider betroffenen Personen anstellen mag.

Audiovisueller Horrortrip.

Optisch und akustisch ist das Werk über jeden Zweifel erhaben: Brandon Cronenberg ist ein wunderbar intensiver Film gelungen, dessen verstörende Ästhetik von fast schon psychotischen Schnitten und einem harten Soundtrack bestimmt wird. Was hier auf das Publikum einprasselt, ist stellenweise regelrecht unangenehm. Was ich aber ausdrücklich als Lob verstanden wissen möchte, löst es doch genau das Gefühl aus, dass auch die Figuren haben müssen, denen unbegreiflich bleibt, was überhaupt vorgeht.

Anzumerken ist an dieser Stelle auch, dass „Possessor“ seine extrem brutalen Momente hat. Das zwar gar nicht so oft, wie man meinen möchte; wenn es aber in die Vollen geht, dann zoomt die Kamera sofort ganz nahe heran, wodurch z. B. das Aufschlitzen einer Kehle fast schon körperliche Schmerzen auslöst. Dabei unterstützen auch die Effekte, die meines Erachtens eher praktisch sind und seltener aus dem Computer stammen heutzutage ein nicht zu unterschätzender Vorteil. Geradezu verschwenderisch wurde im Übrigen mit Kunstblut umgegangen, das in diesem Film besonders rot ist, was ebenfalls zur eigentümlichen Atmosphäre beiträgt.

Grandios gespielt.

Gar nicht genug loben kann man die Darsteller:innen, wobei aus meiner Sicht offen bleibt, wer hier überhaupt die Hauptrolle spielt. Denkt man darüber nach, zeigt sich besonders deutlich, wie stark der Film im eigenen Kopf wirkt: Die Erwartung ist ja, dass die von Andrea Riseborough sehr unterkühlt verkörperte Tasya Vos die wichtigste Figur im Ensemble ist. Sie wird uns auch als Hauptprotagonistin vorgestellt, hat bei genauerer Betrachtung aber gar nicht so viel Screentime. Vielmehr sind es die von ihr „Besessennen“, allen voran der von Christopher Abbott gespielte Colin Tate, die man deutlich häufiger zu Gesicht bekommt und die innerhalb der Handlung auch mehr zu tun haben

Diese Verwirrung legt meiner Ansicht nach eindrucksvoll Zeugnis über das handwerklichen Könnens aller Beteiligten ab: Man weiß als Zuseher:in ja, zu welchem Zeitpunkt Vos den Körper einer anderen Person übernimmt. Speziell m Falle von Tate hat man ab diesem Moment das Gefühl, als hätten auch Abbott und Riseborough den Platz getauscht. Die offensichtlichen Unterschiede zwischen den beiden blendet man im eigenen Geist quasi aus, so anders und merkwürdig spielt Christopher Abbott ab der „Übernahme“ seiner Figur. Ich weiß nicht, wie ich das besser und verständlicher beschreiben soll jedenfalls hat mir dieser Körpertausch wahnsinnig gut gefallen und das Spiel, vor allem von Abbott, ist wirklich bemerkenswert.

Nicht ganz perfekt.

Als futuristischer Psychothriller funktioniert „Possessor“ definitiv. Zwei Schwächen verhindern in meinen Augen aber eine noch bessere Wertung: Einerseits weist der Film die eine oder andere Länge auf, beispielsweise, wäre es nicht notwendig gewesen, den Mord an Tates Schwiegervater (Sean Bean in einer für ihn recht typischen Rolle, wie ich finde) so ausufernd zu erzählen.

Andererseits war es mir nicht möglich, das Gefühl, es würde etwas fehlen, komplett zu ignorieren: Cronenberg konzentriert sich stark auf die Psyche der Beteiligten und auch die Physis, also die Gewalt, kommt nicht zu kurz. Was allerdings maximal am Rande thematisiert wird, sind die Hintergründe: Warum wird überhaupt ein solcher Aufwand betrieben, um die Morde zu begehen? Was passiert danach, wie verändert sich dadurch die Welt? All das wird vergleichsweise rudimentär behandelt und wirft relativ viele Fragen auf. Mir ist schon klar, dass diese Dinge, für die Geschichte nicht allzu relevant sind; im Sinne eines glaubhaften worldbuildings wäre etwas mehr Information dennoch wünschenswert gewesen.

Trotz dieser kleinen Schwächen war und bin ich beeindruckt, was Brandon Cronenberg mit „Possessor“ auf die Beine gestellt hat. Ob das der Film ist, mit dem er aus dem übermächtigen Schatten seines Vaters treten kann, ist zum Zeitpunkt dieser Rezension, also immerhin zwei Jahre nach Veröffentlichung des Films, allerdings nach wie vor nicht klar. Ob das überhaupt ein Ziel von Cronenberg ist, auch nicht für mich als Zuseher spielt es aber ohnehin keine Rolle: So lange dabei Filme wie „Possessor“ herauskommen, die es schaffen, einem alten Thema neues Leben einzuhauchen, ist mir die Motivation der Person hinter den Kameras egal. Und darum kann ich abschließend nur eine Empfehlung aussprechen: Wer auch nur ansatzweise etwas mit dieser Materie anfangen kann, wird diese 105 Minuten definitiv nicht bereuen!

Gesamteindruck: 6/7


Originaltitel: Possessor.
Regie:
Brandon Cronenberg
Drehbuch: Brandon Cronenberg
Produktion: Fraser Ash, Niv Fichman, Kevin Krikst, Andrew Starke
Jahr: 2020
Land: USA, Großbritannien, Kanada
Laufzeit: ca. 105 Minuten
Besetzung (Auswahl): Andrea Riseborough, Christopher Abbott, Rossif Sutherland, Tuppence Middleton



FilmWelt: Die Wannseekonferenz

Die Schrecken der nationalsozialistischen Diktatur adäquat darzustellen, erfordert viel Fingerspitzengefühl, speziell, wenn man sich außerhalb des (Anti-)Kriegsfilms bewegt. Häufig konzentriert man sich dabei auf die Opfer oder Gegner des Regimes, was dem Publikum zumindest eine eindeutige Identifikationsfläche bietet – und damit ein vergleichsweise sicherer Weg ist. Und doch gibt es auch Filme, die die Täter in den Fokus stellen und wenig bis gar nichts vom Leid, das sie anrichten, zeigen. „Der Untergang“ (2004) ist ein Beispiel dafür, „Die Wannseekonferenz“ (2001) ein anderes.

Gesamteindruck: 6/7


Unvorstellbar.

Diese Rezension soll freilich kein Vergleich zwischen „Der Untergang“ und „Die Wannseekonferenz“ werden – auf einen wichtigen Unterschied möchte ich aber dennoch hinweisen: Weil „Der Untergang“ die letzten Tage des Dritten Reichs zeigt und Wahnsinn und Verzweiflung der Protagonisten sichtbar macht, ermöglicht er es dem Publikum, so etwas wie Genugtuung über das Ende dieser menschengemachten Hölle zu empfinden. Anders „Die Wannseekonferenz“: Hier sehen wir, wie die Proponenten des Regimes völlig unbefangen und fast schon beiläufig über das wohl größte Verbrechen sprechen, das die Welt bisher gesehen hat. Und nein, nicht einmal Reinhard Heydrich, unbestritten eine der schlimmsten Figuren, die das Regime hervorgebracht hat, wirkt hier wie ein Monster. Und das ist es, was „Die Wannseekonferenz“ so unbehaglich und bedrückend macht: Diese Leute waren überzeugt davon, das – aus ihrer Sicht – Richtige zu tun und hielten sich nicht für Böse.

Worum geht’s?
Berlin, 20. Januar 1942: 15 hochrangige Vertreter des nationalsozialistischen Regimes und der SS treffen sich in einer Villa am Wannsee zu einer streng geheimen Konferenz. Unter Vorsitz und auf Einladung von Reinhard Heydrich wird in knapp 90 Minuten erörtert, wie der bereits begonnene Holocaust an den Juden möglichst effizient fortzusetzen und zu koordinieren ist, um die angestrebte „Endlösung“ zu erreichen…

Zunächst ein paar Worte zur Einordnung: „Die Wannseekonferenz“ ist der zweite Fernsehfilm, der sich mit dieser Thematik befasst. Der Erste trug den gleichen Namen, war eine deutsche Produktion und stammt aus dem Jahr 1984. Eine weitere Variante, ebenfalls aus Deutschland, erschien Anfang 2022. Vorliegendes Werk ist demnach die bis dato einzige nicht-deutschsprachige Bearbeitung des Stoffes. Macht das einen Unterschied? Nun, ich würde sagen, dass es zumindest ein bisschen merkwürdig wirkt, wenn Schauspieler, die Deutsche spielen, synchronisiert werden – denn das hört sich nie völlig natürlich an. Dazu kommt, dass man die Hauptdarsteller aus ganz anderen Rollen kennt, was das Gefühl, dass etwas nicht zu 100% zu stimmen scheint, noch verstärkt. Großen Einfluss auf meine Bewertung Films hat das alles zwar nicht, erwähnt wollte ich es aber dennoch haben. Anmerkung am Rande: Oft bevorzugt man ja, sich Filme im Originalton anzusehen. Davon würde ich hier strikt abraten, denn Nazis, die schönstes british english sprechen, machen einfach überhaupt keinen Sinn.

Keine Dokoumentation.

Dass „Die Wannseekonferenz“ auf einer realen Begebenheit beruht, sollte bekannt sein. Was ich persönlich nicht wusste: Die historische Konferenz dauerte knapp 90 Minuten, was künstlerische Bearbeitungen, so auch vorliegendes Werk, häufig nutzen, um die Ereignisse in Echtzeit wiederzugeben. Daraus sollte man aber nicht schließen, dass solche Umsetzungen dokumentarischen Charakter hätten, obwohl das immer wieder zu lesen ist. Das Problem: Alles, was man heute über die Wannseekonferenz weiß, ist einem offiziellen Besprechungsprotokoll zu verdanken, das zufällig der Vernichtung entgangen war. Darin sind zwar die Inhalte der Konferenz notiert, nicht jedoch die direkte Rede der Teilnehmer. Von daher muss sich jede künstlerische Auseinandersetzung eine Vielzahl an Freiheiten nehmen, die zum Teil freilich auch der Dramaturgie des Mediums Film geschuldet sind.

Solange nun nicht der Anschein erweckt wird, die Aussagen wären historisch verbrieft oder es handele sich um eine Dokumentation, ist das durchaus in Ordnung. Dennoch möchte ich an dieser Stelle einen Kritikpunkt anbringen, der vor allem für das an historischen Tatsachen interessierte Publikum interessant sein mag: Regisseur Frank Pierson ist meiner Ansicht nach der Versuchung erlegen, eine Identifikationsfigur für das Publikum anzudeuten. Das soll nicht heißen, dass er einen echten Helden oder einen fiktiven Teilnehmer an der Konferenz erfunden hat; vielmehr schrieb er (oder war es der Drehbuchautor?) dem Staatssekretär der Reichskanzlei, Friedrich Kritzinger, die Rolle eines Zweiflers zu. Das lässt ihn – zumindest im Vergleich zu seinen Komplizen – fast sympathisch erscheinen, entspricht Historiker:innen zufolge jedoch nicht den Tatsachen und wirft ein viel zu günstiges Licht auf den Mann. Dass ausgerechnet er dafür gewählt wurde, mag im Übrigen damit zu tun haben, dass Kritzinger später als einziger Teilnehmer der Konferenz deren verbrecherischen Charakter zugegeben hatte.

Klar ist: Durch diese Charakterzeichnung wird „Die Wannseekonferenz“ etwas erträglicher (nicht im Sinne der allgemeinen Qualität des Films, sondern was das Wohlbefinden des Publikums betrifft). Nur kann das meines Erachtens schwerlich Sinn der Sache sein. Übrigens erliegt Oliver Hirschbiegel in „Der Untergang“ für mein Dafürhalten mit seiner Darstellung des SS-Arztes Ernst Günther Schenck einer ähnlichen Versuchung.

Bedrückendes Kammerspiel.

Unabhängig von der Kritik an historischen Ungenauigkeiten und dramaturgischen Anpassungen ist Frank Pierson ein sehr starkes Werk gelungen. Der Regisseur lässt die Charaktere auf eine Weise agieren, die sehr natürlich wirkt: Wir haben es hier vordergründig nicht mit Monstern, sondern schlicht und einfach mit Bürokraten zu tun, mit allen Implikationen, die das nach sich zieht. Zuständigkeiten werden diskutiert, Maßnahmen vorgeschlagen und verworfen, Kosten und Nutzen abgewogen – und all das in weitgehend ruhigen, gemessenen Worten. Dadurch ist der Film auch so glaubwürdig: Niemand der Anwesenden muss seine Gesinnung vor sich hertragen (auch wenn sie immer mal wieder angedeutet wird), man kennt sich und weiß, was man voneinander zu halten hat. Dadurch wirkt „Die Wannseekonferenz“ als würde man tatsächlich eine reale Besprechung beobachten, wie sie (freilich mit anderen Inhalten) auch heute noch in zig Firmen und Organisationen vorkommen mag.

Die Stärke des Films liegt im Gegensatz: Einerseits sehen wir das zahlengetriebene, fast schon überkorrekte Bürokratentum, das sich um Zuteilung von Mitteln und juristische Spitzfindigkeiten streitet. Andererseits ist stets sichtbar, worüber hier eigentlich diskutiert wird: Die möglichst effiziente Organisation der Ermordung von elf Millionen (!) Menschen. Letzteres wird aber über weite Strecken so beiläufig in die Besprechung eingebaut, dass die Konferenz den Eindruck einer Diskussion über ein völlig anderes, vielleicht sogar harmloses Thema erweckt.

Meiner Ansicht nach ist das die wahre Leistung des Films: Er streicht sehr plausibel heraus, dass allen Teilnehmern an der Konferenz völlig klar war, was in Deutschland bereits seit einiger Zeit passierte (der Holocaust hatte ja zu jenem Zeitpunkt längst begonnen). Mehr als das: Sie nahmen den Auftrag, dieses Verbrechen so effizient wie möglich zu machen, als völlig selbstverständlich wahr und äußerten maximal organisatorische Bedenken. Was an dieser Stelle noch festzuhalten ist: „Die Wannseekonferenz“ verurteilt und kommentiert nicht, sondern überlässt dem Publikum die Interpretation. Und jede:r, die:der diesen Film sieht, kann nur zu einem Schluss kommen: Was 1942 am Wannsee passiert ist, auf welche Art und Weise Menschen (!) dort millionenfachen Mord an anderen Menschen geplant haben, ist unvorstellbar. Wäre die Rolle von Friedrich Kritzinger etwas weniger versöhnlich (merkwürdiges Wort in diesem Zusammenhang) angelegt gewesen, hätte es die volle Punktzahl geben können. Aber auch so ist „Die Wannseekonferenz“ ein Film, der bis ins Mark erschüttert. Nicht trotz, sondern gerade wegen seiner ruhigen und unaufgeregten Erzählweise.

Gesamteindruck: 6/7


Originaltitel: Conspiracy.
Regie:
Frank Pierson
Produktion: Nick Gillott
Drehbuch: Loring Mandel
Jahr: 2001
Land: USA, UK
Laufzeit: ca. 95 Minuten
Besetzung (Auswahl): Stanley Tucci, Kenneth Branagh, Ben Daniels, David Threlfall, Owen Teale


FilmWelt: Star Trek III: Auf der Suche nach Mr. Spock

„Star Trek II: Der Zorn des Khan“ (1982) hatte mit einem echten Paukenschlag geendet: Spock, einer der beliebtesten Charaktere, hatte sein Leben gegeben, um Schiff und Besatzung zu retten. Der Schock war bei genauerer Betrachtung freilich nicht ganz so groß, gab es doch unverhohlene Hinweise auf eine mögliche Rückkehr des Mannes mit den spitzen Ohren und der unschlagbaren Logik. Und so kam 1984 der trefflich betitelte Film „Star Trek III: Auf der Suche nach Mr. Spock“ in die Kinos.

Gesamteindruck: 5/7


Logische Rückkehr.

Leonard Nimoy (1931-2015) hatte als Schauspieler eine ambivalente Beziehung zu einer der prägendsten Figuren der Science Fiction: Einerseits war er durch seine grandiose Verkörperung des stoischen Spock in der Serie „Raumschff Enterprise“ weltberühmt und zum Publikumsliebling geworden. Andererseits hatte er diese Rolle so sehr gelebt, dass es nicht nur den Fans, sondern auch ihm selbst zunehmend schwergefallen war, sich selbst von Spock abzugrenzen. So gesehen verwundert es nicht, dass es viel gutes Zureden (und eine üppige Gage) brauchte, um ihn für „Star Trek: Der Film“ (1979) erneut an Bord der „Enterprise“ zu holen. Für „Star Trek II“ konnte man Nimoy dem Vernehmen nach gar nur gewinnen, nachdem man ihm klargemacht hatte, dass Spock sterben würde – und auch er, Nimoy, damit endlich seine Ruhe hätte. Heute wissen wir, dass es ganz anders kam. Und der Rest ist Geschichte.

Worum geht’s?
Nach dem Kampf gegen Khan Noonien Singh humpelt die notdürftig zusammengeflickte „U.S.S. Enterprise“ zur Erde zurück. Doch nicht nur das Schiff ist beschädigt: Die Crew hat schwer am Verlust von Wissenschaftsoffizier Spock zu knabbern, der sich geopfert und damit alle anderen an Bord gerettet hatte. In dieser Zeit der Trauer erhält Admiral James T. Kirk überraschenden Besuch: Spocks Vater Sarek erklärt ihm, dass die unsterbliche Seele seines Sohnes zurück nach Vulkan gebracht werden müsse. Um das zu bewerkstelligen, gibt es nur einen Weg: Man muss den mittlerweile zum Sperrgebiet erklärten Genesis-Planeten, der im Nachgang der Schlacht gegen Khan entstanden war, aufsuchen und den Leichnam des gefallenen Kameraden bergen

Schon während der Produktion von „Der Zorn des Khan“ war Leonard Nimoys Interesse an Spock wieder aufgeflammt. Als er den fertigen Film zu Gesicht bekam, gab es kein Halten mehr: Der Schauspieler sagte direkt zu, seine Paraderolle auch in künftigen „Star Trek“-Produktionen verkörpern zu wollen. Doch damit nicht genug: Nimoy durfte „seine“ Rückkehr selbst inszenieren, indem er erstmals für eine Kinoproduktion am Regiestuhl Platz nahm (TV-Erfahrung hatte er in dieser Position bereits). Dass dieser Posten frei war, hatte mit dem Abgang von Nicholas Meyer zu tun, der mit seiner famosen Inszenierung von „Star Trek II“ die Kinozukunft des Franchise gerettet hatte. Dabei hatte er sich allerdings mit Studio und Produzent überworfen, die gegen seinen Willen – aber offenbar in weiser Voraussicht – die Hinweise auf Spocks Rückkehr überdeutlich in den Film eingebaut hatten.

Die Doppelbelastung für Nimoy dürfte sich allerdings in Grenzen gehalten haben: Der Name Spock steht zwar im Titel des Films, letztlich ist der Charakter aber nur wenige Minuten zu sehen, sodass man Nimoy in Wirklichkeit nicht einmal zum erweiterten Kreis der Hauptdarsteller zählen kann. Produziert wurde „Auf der Suche nach Mr. Spock“ erneut von Harve Bennett, der, tatkräftig von Nimoy unterstützt, auch für das Drehbuch verantwortlich zeichnete. Wobei Bennett selbst zugegeben haben soll, dass es nach den Indizien, die in „Star Trek II“ ausgelegt worden waren, nicht sonderlich schwer war, eine Story rund um die Rückkehr von Spock zu verfassen. Vor der Kamera gab es auch eine Änderung: Kirstie Alley kehrte nicht als Vulkanierin Saavik zurück, angeblich, weil sie Angst vor dem Nimoy’schen Schicksal hatte, was die Identifikation mit ihrer Rolle betraf (ihre finanziellen Forderungen sollen der andere Grund gewesen sein). Sie wurde, leider mehr schlecht als recht, durch Robin Curtis ersetzt. Den Bösewicht mimt hingegen ein Mann, der ein Jahr später mit „Zurück in die Zukunft“ zu echtem Weltruhm gelangen sollte: Christopher Lloyd (!) spielt den klingonischen Captain Kruge. Dass er im Vergleich zu Ricardo Montalbán, der im Vorgänger als Khan brilliert hatte, den Kürzeren zieht: Geschenkt, immerhin war und ist letzterer der bis heute der unbestritten beste Antagonist aller „Star Trek“-Filme.

Kurz(weilig).

Der Abschied von Spock war eine inszenatorische Meisterleistung von Nicholas Meyer: Noch heute muss ich jedes Mal, wenn ich die finalen Szenen von „Der Zorn des Khan“ sehe, mit den Tränen kämpfen. Und genau dort setzt „Auf der Suche nach Mr. Spock“ an – und zwar im wahrsten Sinne des Wortes, beginnt doch zum ersten und bis dato letzten Mal ein „Star Trek“-Film mit einer Rückblende. Der Kniff ist gut: Einerseits holt er neue Zuseher:innen gleich an Bord, andererseits lagen zwischen dem Kinostart der beiden Filme zwei Jahre, sodass es durchaus sinnvoll war, auch bei den Fans die Emotionen aufzufrischen. Das ist aus meiner Sicht durchaus gelungen und stimmt nahezu perfekt auf die düstere Grundstimmung ein, die auf der „Enterprise“ herrscht. Übrigens: Wer die deutsche Fassung sieht, wird feststellen, dass der Rückblick neu und teilweise mit anderem Text synchronisiert wurde.

Inhaltlich ist letzten Endes gar nicht so viel zu „Star Trek III“ zu sagen: Die Handlung selbst passt erneut auf einen Bierdeckel: Wir sehen die Rückkehr der Enterprise in ihren Heimathafen, erfahren, wo Spocks Seele „zwischengeparkt“ wurde und was (ungefähr) zu tun ist, um sie zu bergen. Danach erleben wir, wie die Crew allerlei Abenteuer bestehen muss, bis sie ihren Kameraden schließlich in die Arme schließen kann. All das wird uns sehr geradlinig und schnörkellos erzählt, was aber nicht heißt, dass der Film langweilig wäre. Im Gegenteil, wir haben es hier mit einem durchgehend kurzweiligen Werk zu tun, was fast schon überrascht, weil das Thema per se ungewöhnlich esoterisch, fast schon religiös anmutet. So gesehen war es sicher keine schlechte Entscheidung, die Erzählung an sich sehr einfach zu halten.

Dass man sich den Film so gut ansehen kann, hat viel mit der Balance zu tun, die Leonard Nimoy als Regisseur gelungen ist. Einerseits merkt man vielen Szenen seinen Hang zur Komödie an; freilich nicht in dem Ausmaß, wie man es aus dem ebenfalls von ihm inszenierten „Star Trek IV: Zurück in die Gegenwart“ (1986) kennt – es ist dennoch nicht zu leugnen, dass es in beiden Vorgängern deutlich weniger zu lachen gab als hier. Andererseits enthält „Star Trek III“ auch ein gerüttelt Maß an Ernsthaftigkeit und Drama. Das ergibt sich natürlich aus der Prämisse: Spock ist für seine Kameraden nach wie vor tot, sodass wirklich ausgelassene Stimmung unpassend gewesen wäre. Und dann sind da ja noch die Klingonen, die auch ein Wörtchen mitreden und sich „Genesis“, aus ihrer Sicht eine mächtige Waffe, unter den Nagel reißen wollen. Sie zeigen sich hier so bösartig wie noch nie – mit durchaus dramatischen Folgen, die vor allem den Charakter von Kirk formen. Oder formen würden, denn so richtig vermag man aus den zwei Traumata, die er durchleben muss, weder in diesem noch in den folgenden Filmen Kapital für die Entwicklung der Figur zu schlagen.

Fazit: Sehenswert.

Knapp über 100 Minuten dauert „Auf der Suche nach Mr. Spock“ und ist damit der bis dahin kürzeste „Star Trek“-Film. Er fühlt sich auch so an, was ich durchaus als Kompliment meine: Es scheint hier nichts Überflüssiges zu geben, umgekehrt hat man aber auch nie das Gefühl, das etwas fehlen würde. Eine rundum gelungene Sache also? Fast, alles in allem fällt Nimoys Kinodebüt gegenüber seinem Vorgänger dann aber doch ab. Dass es das eine oder andere Problem mit der …ähem… Logik gibt, ist nicht weiter schlimm, das war bei „Star Trek“ ja schon immer so. Es ist jedoch, so glaube ich, vor allem die Intensität, die fehlt. Alles wirkt ein wenig distanziert, an vielen Stellen meint man zu merken, dass sie anders umgesetzt wurden, als angedacht, was ihnen den Impact nimmt. Ein Beispiel: Die unmittelbare Reaktion von Kirk auf den Tod seines Sohnes ist ganz ausgezeichnet von William Shatner gespielt und gibt der Szene ordentlich Dramatik und Emotion. Man spürt förmlich, dass hier ein Mann bis ins Mark erschüttert wurde – bis man realisiert, dass a) vorher gar keine Beziehung zwischen Vater und Sohn aufgebaut wurde und b) es nicht lange dauert, bis Kirk wieder ganz er selbst ist.

Davon abgesehen empfinde ich „Star Trek III: Auf der Suche nach Mr. Spock“ aber als gelungenen Film. Bei weitem nicht der Beste der Reihe, aber dennoch ein Werk, das man sich immer und durchaus auch öfter ansehen kann. Faszinierend, Mr. Nimoy!

Gesamteindruck: 5/7


Originaltitel: Star Trek III: The Search for Spock.
Regie:
Leonard Nimoy
Drehbuch: Harve Bennett
Produktion: Harve Bennett
Jahr: 1984
Land: USA
Laufzeit: ca. 105 Minuten
Besetzung (Auswahl): William Shatner, DeForest Kelley, Christopher Lloyd, James Doohan, George Takei, Nichelle Nichols



FilmWelt: Star Trek II: Der Zorn des Khan

„Star Trek: Der Film“ (1979) hatte mit so vielen Problemen zu kämpfen gehabt, dass zunächst zweifelhaft war, ob es überhaupt eine Fortsetzung geben würde. Schließlich rang sich das Studio Paramount Pictures doch dazu durch und gab „Star Trek II“ in Auftrag. Viel Zutrauen dürfte man zunächst nicht gehabt haben: Die Entscheidung, den Film ins Kino statt nur ins Fernsehen zu bringen, fiel relativ spät, das Budget wurde im Vergleich zum Vorgänger drastisch reduziert und auch personell blieb kein Stein auf dem anderen. Zumindest hinter der Kamera – davor hatte sich das übliche Ensemble eingefunden, um sich einem alten Bekannten zu stellen.

Gesamteindruck: 7/7


Unerwartet intensive Action.

Fakt ist: „Star Trek: Der Film“ war kein finanzieller Flop, spülte er doch 140 Millionen Dollar in die Kassen von Paramount – inflationsbereinigt mehr, als jeder seiner Nachfolger bis zum Reboot von J. J. Abrams (2009). Dennoch herrschte Unzufriedenheit bei allen Beteiligten: Dem guten Einspielergebnis standen enorme Kosten von 44 Millionen Dollar gegenüber, die gesamte Produktion war überaus chaotisch gewesen und in der Folge hatten weder die Kritik noch das Publikum das Werk enthusiastisch aufgenommen. Es musste sich daher sowohl im Umfeld als auch inhaltlich Einiges ändern, sollte sich die Marke „Star Trek“ auch im Kino als echte Größe etablieren.

Worum geht’s?
Unter dem Decknamen „Genesis“ haben Wissenschaftler:innen der Föderation eine Möglichkeit entwickelt, lebensfeindliche Welten innerhalb kürzester Zeit bewohnbar zu machen. Ein Praxistest steht noch aus – daher sucht das Raumschiff U.S.S. Reliant nach geeigneten, d. h. völlig unbelebten, Planeten. Auf einem vielversprechenden Kandidaten trifft die Crew, zu der u. a. Pavel Checkov gehört, auf den genetisch modifizierten Khan Noonien Singh. Der war dort vor Jahren von der U.S.S. Enterprise unter James T. Kirk ausgesetzt worden und sieht nun den Moment für seine Rache gekommen. Es gelingt ihm, die „Reliant“ zu übernehmen und Genesis zu stehlen, was wiederum Kirk und die „Enterprise“ auf den Plan ruft. Und so beginnt ein nervenaufreibendes Katz-und-Maus-Spiel im Weltraum…

Beginnen wir mit dem, was hinter den Kulissen passiert ist: Die wohl wichtigste Änderung war, dass der geistige Vater des Franchise, Gene Roddenberry, seinen Posten als Produzent verlor und praktisch keinerlei kreativen Einfluss nehmen konnte (er und Regisseur Robert Wise mussten als Sündenböcke für den vermeintlichen Misserfolg des ersten Kinofilms herhalten). Ihm folgte Harve Bennett, ein Mann, der eigentlich vom Fernsehen kam und bisher nichts mit „Star Trek“ am Hut gehabt hatte. Nachdem er zur Vorbereitung diverse Folgen „Raumschff Enterprise“ gesehen hatte, schrieb er die erste Story, die später mehrfach überarbeitet und schließlich von Nicholas Meyer, der auch die Regie übernahm, gemeinsam mit Jack Sowards fertig gestellt sowie in ein vernünftiges Drehbuch überführt wurde. Noch eine Randnotiz zum Personal: Bennett hatte für sich – ob mit Absicht oder aus Unerfahrenheit – die für das TV wichtige Rolle des Executive Producers festgelegt. Der fürs Kino deutlich prestigeträchtigere Credit des Producers fiel Robert Sallin zu, der eigentlich nur zur tatkräftigen Unterstützung Bennets verpflichtet worden war.

Ein Wort zum Budget: „Star Trek: Der Film“ hatte 44 Millionen Dollar verschlungen. Solche Summen wollte (und konnte?) Paramount nicht mehr aufbringen und stutzte das Budget auf ein Viertel (ca. 12 Millionen Dollar) zusammen. Wohl auch darum sehen wir hier einen völlig anderen Film mit vielen praktischen Effekten, echten Modellen usw. Das heißt übrigens nicht, dass „Star Trek II“ billig wirkt, im Gegenteil: Er ist optisch für mein Dafürhalten deutlich besser gealtert als sein Vorgänger und sieht immer noch ausgesprochen gut aus. Bei den Effekten ging man diesmal übrigens kein Risiko ein: Industrial Light & Magic wurden engagiert und lieferten auf erwartungsgemäß hohem Niveau (und pünktlich!) ab.

Richtige Entscheidungen am laufenden Band.

Ein großer Kritikpunkt an „Star Trek: Der Film“ war, dass man versucht hatte, eine für eine Fernsehserie geschriebene Story auf die epische Länge von 130 Minuten auszudehnen. Das Ergebnis war zwar nicht direkt langweilig, aber – mit Verlaub – sehr langatmig. Und das nicht nur aufgrund ausufernder Sequenzen, die augenscheinlich nur dazu dienten, das Publikum mit teuren Effekten zu beeindrucken: Die gesamte Erzählweise des Films war meiner Ansicht nach viel zu behäbig. Das ändert sich in „Star Trek II“ maßgeblich, obwohl dessen Handlung ebenfalls kaum über das hinausgeht, was man nicht auch in einer Folge der Serie hätte erzählen können. Den Unterschied macht die Inszenierung aus – konsequenter, actionreicher, spannender und dramatischer sind Schlagworte, die mir dazu einfallen. Dabei hilft freilich auch, dass der Film um rund 20 Minuten kürzer ist als sein Vorgänger, was ihn deutlich dichter und kompakter macht.

„Star Trek“-Fans werden auch schnell merken, welche Episoden Harve Bennett besonders beeindruckt haben müssen: „Der schlafende Tiger“ (im Original „Space Seed“, 1967), in dem die „Enterprise“ auf ein altes Raumschiff trifft, auf dem sich seit den 1990ern genetisch verbesserte Menschen im Kälteschlaf befinden – unter ihnen der große Antagonist des Films, Khan Noonien Singh. Die zweite offensichtliche Referenz ist die Episode „Spock unter Verdacht“ („Balance of Terror“, 1966): Hier liefern sich die „Enterprise“ und ein unsichtbares Schiff der Romulaner ein Gefecht, dass seinerseits wiederum vom Kriegsfilm „Duell im Atlantik“ (1957) inspiriert ist. Letzteres zeigt sich an der ungewohnt militaristischen Ausrichtung und Ausstattung von „Star Trek II“ (die dem humanistisch eingestellten Gene Roddenberry freilich gar nicht schmecken wollte). Ein kleines Beispiel dafür sind die neuen Uniformen (eine Idee von Robert Sallin), die erstmals in „Star Trek“ tatsächlich militärisch aussehen (und mir persönlich ausgesprochen gut gefallen).

Viele gute Entscheidungen wurden also von den Verantwortlichen für „Star Trek II“ getroffen. Das offensichtlichste Beispiel dafür ist der Antagonist: War V’Ger im Vorgänger noch eine Bedrohung, die bis zum Ende abstrakt und gesichtslos bliebt, stellte man Kirk & Co. diesmal einen Gegner aus Fleisch und Blut gegenüber. Allein das macht einen gewaltigen Unterschied – und dass man im Gegensatz zu V’Ger, der praktisch aus dem Nichts kam, einen direkten Anknüpfungspunkt in einer früheren Episode gefunden hat, vertiefte das Star-Trek-Universum, in dem bis dahin alles sehr isoliert passiert war, auf einen Schlag. Dabei enthält der Film gar nicht so viele Rückbezüge auf „Der schlafende Tiger“, man muss jene Folge nicht einmal gesehen haben, um sich auszukennen. Aber allein die Andeutung sorgt für ein entscheidendes Etwas, das im Vorgänger noch fehlte.

Nebenbei war damit gleich ein glaubwürdiges Motiv sowohl für den Antagonisten als auch für unsere Crew gefunden: Khan wurde Jahre zuvor seinem Schicksal überlassen, die „Enterprise“ ist nie, wie damals von Kirk versprochen, zurückgekehrt, um nach dem Rechten zu sehen, was wiederum den „Zorn des Khan“ legitimiert. Insofern ist auch sofort klar, dass Kirk die Verantwortung trägt und sich persönlich in der Pflicht sieht, seinen alten Feind zu stoppen. Schön ist in diesem Zusammenhang auch, dass man mit dem 2009 verstorbenen Ricardo Montalbán jenen Schauspieler verpflichten konnte, der schon 1967 den Khan verkörpert hatte. Abgesehen von dessen beeindruckender Präsenz – meines Erachtens ist er der mit Abstand beste Bösewicht aller Kino-Auftritte von „Star Trek“ und spielt hier auch Shatner & Co. an die Wand – sorgte das für weiteren Tiefgang: Beide Seiten sind bei ihrem Aufeinandertreffen in gleichem Maße gealtert und gereift, der eine (Khan) gehärtet im Exil, der andere (Kirk) verunsichert, seit er als Admiral mehr Zeit hinter dem Schreibtisch als an Bord eines Raumschiffs verbringt.

Bestens aufgelegter Cast.

Die schauspielerischen Leistungen in „Der Zorn des Khan“ sind meiner Ansich tnach über jeden Zweifel erhaben (das waren sie aber auch schon im ersten Film, was man nicht unter den Tisch fallen lassen sollte). Ricardo Montalbán habe ich bereits lobend erwähnt, der Mexikaner ist aus meiner Sicht tatsächlich bester Mann am Platz. Aber auch William Shatner (Kirk), Leonard Nimoy (Spock) und DeForest Kelley (McCoy) sind bestens aufgelegt und spielen hier deutlich befreiter auf, als es im ersten Film der Fall war. Klar: Das liegt auch am Drehbuch, das in „Star Trek: Der Film“ eine einander mittlerweile fremd gewordene Crew darstellen wollte. Hier haben sie es leichter, weil ihre Rollen durch die vorangegangenen Ereignisse wieder zusammengefunden haben; die Chemie entspricht damit fast wieder jener, die man aus der Serie kennt. Dennoch schwingt auch hier ständig das Thema des Älterwerdens mit, das auch im Vorgänger ein Motiv war, diesmal aber besser ausgearbeitet wurde. Gerade William Shatner mimt den mitten in einer Midlife-Crisis steckenden Kirk sehr stark. Was in dieser Hinsicht übrigens auch hilft: „Star Trek II“ ist bei all seiner Brutalität ein deutlich weniger verbissener Film, der sich zwischendurch auch mal einen Witz erlaubt, was ebenfalls dem Spirit der Original-Serie entspricht, wie ich finde.

Außerdem erwähnenswert: Wie schon bei „Star Trek: Der Film“ hat sich Leonard Nimoy sehr bitten lassen, noch einmal die spitzen Ohren anzulegen. Überreden ließ er sich mutmaßlich erst, nachdem ihm das durch Jack Sowards adaptierte Drehbuch vorgelegt wurde – mit dem bekannten Finale, zu dem ich weiter unten noch ein paar Anmerkungen habe. Zu den Nebenrollen ist vergleichsweise wenig zu sagen: Die erweiterte Hauptbesetzung (James Doohan als Scott, Nichelle Nichols als Uhura, Walter Koenig als Chekov und George Takei als Sulu) macht ihre Arbeit gewohnt gut und hat sogar vergleichsweise viel zu tun. Aber auch der restliche Cast ist gut besetzt, stellvertretend seien hier Kirstie Alley (als Saavik in ihrer ersten Kinorolle zu sehen), Bibi Besch (Carol Marcus) und Judson Scott (der Khan-Untergebene Joaquim) genannt. Nur mit Merritt Butrick (David Marcus) hatte ich Schwierigkeiten – er bringt das merkwürdige Verhältnis zu Kirk, das sich im Laufe des Films entspinnt, nicht so richtig glaubwürdig rüber. Mag aber auch sein, dass das Drehbuch zu wenig wert auf die Ausarbeitung dieser Beziehung legt; so oder so stimmt die Chemie zwischen den beiden Rollen (oder zwischen den zwei Schauspielern?) nicht richtig.

Angesichts des ikonischen Duells zwischen Kirk und Khan – Shatner und Montalbán sind sich am Set übrigens kein einziges Mal begegnet – gerät die Story um das „Genesis-Projekt“ nahezu völlig in den Hintergrund. Und doch ist es wichtig – allerdings eher für den nachfolgenden Film (1984), dessen Handlung fast nahtlos anschließt. Hier ist „Genesis“ hingegen nur Mittel zum Zweck und untermauert die Wichtigkeit der Auseinandersetzung, die den Kern von „Star Trek II“ ausmacht. Und die ist überaus gelungen: Einerseits gibt es diverse Psychospielchen, in denen die Hauptdarsteller fühlbar alles geben. Höhepunkt ist die Situation, in der Khan dem auf einem leblosen Planeten festsitzenden Kirk in Aussicht stellt, dort zurückgelassen zu werden, was im berühmt-berüchtigten „Khaaaan!“ endet. Shatner’sches overacting? Ja, irgendwie schon, hier aber ausnahmsweise vollkommen passend. Andererseits kann man sich keineswegs über fehlende Weltraumaction beklagen: Das Gefecht zwischen „Enterprise“ und „Reliant“ ist zwar bei weitem nicht die größte, aber dafür die am stärksten inszenierte Schlacht aller bis heute erschienen „Star Trek“-Filme.

Spoiler: Schock-Moment im Finale.

All das ist ungewohnt brutal, stellenweise sogar blutig, vor allem aber durchgehend (!) spannend und unterhaltsam. Nun noch ein paar Worte zum Finale – sollte es tatsächlich jemanden geben, der den Film noch nicht gesehen hat, sollte er:sie jetzt besser nicht weiterlesen, es folgen Spoiler!

Man sollte ja meinen, die Zerstörung der „Reliant“ wäre das perfekte Ende für „Star Trek II“: Das Gute hat gesiegt, Khan wurde gestoppt, das auch als Waffe einsetzbare Genesis-Projekt sichergestellt. Doch dann zündet Khan mit seinem letzten Atemzug das „Genesis-Projektil“, die schwer beschädigte „Enterprise“ droht in einer Druckwelle zu verglühen. Es folgt der absolute Schocker: Spock eilt in den Maschinenraum, um den Antrieb zu reparieren, schafft es – und kommt dabei ums Leben. Ein unerhörter Vorgang, noch nie war in „Star Trek“ ein Hauptcharakter gestorben. Und ja, ich gebe es zu: Bei der abschließenden Verabschiedungsszene („Von meinem Freund kann ich nur dieses sagen: Von allen Seelen, die mir begegnet sind auf meinen Reisen, war seine die… menschlichste.“) muss ich bis heute jedes Mal eine Träne zerdrücken. Und so weiß man am Ende nicht, ob man sich mit der Crew der „Enterprise“ freuen soll: Khan ist besiegt, aber zu welchem Preis? Sieht man Kirk, Spock und McCoy als drei Teile des selben Charakters (was durchaus legitim ist), muss man konstatieren, dass es Khan tatsächlich gelungen ist, seinen Feind nahezu tödlich zu verwunden – und in dieser nachdenklichen und traurigen Stimmung endet „Star Trek II“.

Dazu noch etwas Hintergrundinfo: Dieses Finale war es, das Leonard Nimoy, der nach wie vor stark darunter litt, dass er, Nimoy, in der Öffentlichkeit mit seiner Rolle, Spock, gleichgesetzt wurde, dazu bewegt hatte, wieder an Bord der „Enterprise“ zu gehen. Ursprünglich war der Tod des Publikumslieblings auch endgültig gewesen, Hinweise auf eine mögliche Rückkehr fehlten weitgehend. Es kam jedoch anders, wobei ich nicht sicher bin, ob Nimoy selbst es so wollte, weil ihm die Dreharbeiten doch ordentlich Spaß gemacht hatten – oder ob es einzig und allein von Studio und Produzent so entschieden wurde. Jedenfalls wurde das Finale nach den ersten Probevorführungen entschärft und gegen den Willen von Nicholas Meyer durch Produzent Harve Bennett die bekannten Indizien zur Rückkehr von Spock ergänzt.

So wurde diesem epochalen Ereignis leider viel vom beabsichtigten Impact genommen, weil man die Kinobesucher:innen (die in den 1980ern ohnehin noch anders tickten) nicht mit einem negativen Gefühl entlassen wollte und eine Fortsetzung (mit Nimoy) bereits absehbar war. Ich persönlich hätte ich es lieber gesehen, wenn man den Zuschauer:innen nicht ganz so offensiv mitgegeben hätte, dass das Ende von Spock nur temporär war – und so sah es auch Regisseur Meyer. Der war übrigens auch höchst verärgert, weil man, angeblich ohne mit ihm zu sprechen, den Titel des Films von „Das unentdeckte Land“ (ja, richtig gelesen!) in „Der Zorn des Khan“ geändert und damit jegliche Überraschung in Hinblick auf den Antagonisten im Keim erstickt hatte. Nach diesen Affronts wollte Meyer verständlicherweise nicht an „Star Trek III“ mitwirken, aber das ist eine andere Geschichte.

Fazit: Unbedingt ansehen!

Alles in allem bietet „Star Trek II“ viel gelungene Action, eine durchdachte, spannende Geschichte und gute, glaubwürdige Charaktere, die nahezu perfekt gecastet wurden. Bemerkenswert ist aber noch ein Punkt: Wie schon die Regisseure und Autoren früherer „Raumschiff Enterprise“-Folgen brachte auch Nicholas Meyer ein gerüttelt Maß an literarischen Referenzen in seinem Film unter. Viele Motive von William Shakespeare und Herman Melville lassen sich hier finden: Freundschaft und Alter, Tod und Wiedergeburt, das Streben nach Rache – all das ist, mal mehr, mal weniger verklausuliert, in „Der Zorn des Khan“ enthalten. Und, wie soll es anders sein: Auch hier gelingt es dem Regisseur, genau das rechte Maß zu finden, sodass man unterm Strich nur sagen kann: Ein rundum gelungener Film, der zu Recht als einer der besten – wenn nicht der beste überhaupt – seines Franchise gilt. Und damit kann es nur die Höchstwertung und die absolute Empfehlung geben, sich dem Zorn des Khan auszusetzen.

Gesamteindruck: 7/7


Originaltitel: Star Trek II: The Wrath of Khan.
Regie:
Nicholas Meyer
Drehbuch: Nicholas Meyer, Jack B. Sowards
Jahr: 1982
Land: USA
Laufzeit: ca. 113 Minuten
Besetzung (Auswahl): William Shatner, Leonard Nimoy, DeForest Kelley, Ricardo Montalbán, James Doohan, George Takei



FilmWelt: Star Trek: Der Film

Wir schreiben das Jahr 1979: Die letzte Folge der Serie „Star Trek“ (bei uns besser bekannt als „Raumschiff Enterprise“) war 1969 veröffentlicht worden, neuen Stoff aus dem von Gene Roddenberry erdachten Universum hatte es – abgesehen von einer kurzlebigen Zeichentrick-Serie – also seit zehn Jahren nicht mehr gegeben. Entsprechend hoch müssen die Erwartungen an den ersten Kinofilm der legendären Crew gewesen sein. Und „Star Trek: The Motion Picture“ wurde tatsächlich ein finanzieller Erfolg – so richtig überzeugen konnte er allerdings weder Kritik noch eingefleischte Trekkies.

Gesamteindruck: 3/7


Eine Maschine sucht ihre Schöpfer.

Ich habe vorliegenden Film bis vor kurzem nur ein einziges Mal gesehen: Meine Eltern müssen ihn Ende der 1980er in einer Videothek (!) ausgeliehen haben, weil sie wussten, dass ich ein großer Fan von „Raumschiff Enterprise“ war. Meine Großmutter (!!) hatte mir die Serie ursprünglich näher gebracht und Oma, Mama und ich waren höchst gespannt, auf die filmischen Abenteuer unserer Held:innen. Leider glaube ich auch, dass das tatsächlich unser letzter gemeinsamer Versuch war, denn der Film hatte so gut wie nichts mit dem gemein, was wir aus unserer geliebten Serie kannten. Den beiden Damen war das nachhaltig zu viel, sodass sie bei allem, was „Star Trek“ künftig bringen sollte, nicht mehr an Bord waren. Ich selbst habe mich nicht abschrecken lassen und blieb dem Franchise treu. Dass „Star Trek: Der Film“ alles andere als leichte Kost war und ist, habe ich allerdings unlängst, rund 30 Jahre nach meinem ersten Versuch, erneut feststellen müssen.

Worum geht’s?
Die U.S.S. Enterprise liegt nach einer Runderneuerung im Trockendock, als ein Notfall eintritt: Eine riesige Energiewolke, die alles vernichtet, was ihr in den Weg kommt, bewegt sich auf die Erde zu. Die Enterprise ist das einzige Raumschiff in der Nähe und wird auf einen Abfangkurs geschickt. Das Kommando übernimmt der mittlerweile zum Admiral beförderte James T. Kirk, sehr zum Leidwesen des eigentlichen Captains Will Decker. Nachdem diejenigen aus der alten Crew, die nicht mehr an Bord waren, eingesammelt wurden, macht man sich auf den Weg, um herauszufinden, was es mit der fremden Macht auf sich hat…

Vorweg ein paar Worte zur Entstehungsgeschichte: 1969 war „Raumschiff Enterprise“ nach nur drei Staffeln und ständig schlechter werdenden Quoten eingestellt worden. Das war aber keineswegs das Ende, denn das verantwortliche Studio Paramount Pictures verkaufte die Serie an private und lokale Sender in den ganzen USA. Die nahmen sie mit Handkuss und spielten sie teils zur besten Sendezeit, was letztlich den Erfolg brachte, der der Erstausstrahlung versagt geblieben war. Und mehr als das: „Star Trek“ begann, sich zum gigantischen Kult entwickeln und fand schnell auch ein internationales Publikum. Dieser späte und unerwartete Durchbruch brachte Paramount schließlich dazu, laut über die Zukunft eines Franchise, das man eigentlich schon aufgegeben hatte, nachzudenken.

Zeitdruck allenthalben.

Der erste Versuch einer Fortsetzung war die eingangs erwähnte Zeichentrick-Serie (bei uns bekannt als „Die Enterprise“, zur besseren Unterscheidung von der späteren Prequel-Realserie „Enterprise aber meist „The Animated Series“ genannt). Die wurde zwar vom Original-Cast eingesprochen, stieß aber dennoch auf wenig Interesse beim Publikum und wurde 1974 nach nur 22 Folgen abgesetzt. Überlegungen, es danach mit einem Realfilm zu versuchen, wurden zunächst verworfen und man entschied sich, es mit einer weiteren Realserie zu probieren. Die Arbeiten für „Star Trek: Phase II“ sollten 1977 beginnen, was auch passierte (übrigens ohne Spock-Darsteller Leonard Nimoy, der keine Lust mehr auf die Rolle und sich obendrein mit Paramount überworfen hatte). Kurz, bevor es tatsächlich mit dem Dreh losgehen sollte, revidierten die Studio-Bosse ihre Meinung erneut und kündigten im März 1978 – wohl ermutigt durch den Erfolg von „Star Wars“ – den ersten „Star Trek“-Kinofilm an (mit Nimoy, den man mutmaßlich mit einer stattlichen Gage und der Aussicht auf Kino-Ruhm geködert hatte). In ihrer unermesslichen Weisheit buchten sie auch gleich die Kinos, die Premiere musste daher unter allen Umständen am 7. Dezember 1979 stattfinden.

Der Zeitdruck war also von Anfang an enorm und es gab – neben vielen kleinen – zwei ganz große Sorgenkinder: Das Drehbuch und die Spezialeffekte. Für ersteres wurde das Skript des für „Phase II“ geplanten Pilotfilms in höchster Eile adaptiert. Glaubt man den Gerüchten, ging das soweit, dass die Schauspieler:innen teilweise erst am Set erfuhren, was in der für diesen Tag gültigen Version des Drehbuches stand. Was die Special Effects betrifft, musste man selbstverständlich kleckern und nicht klotzen, denn man wollte in dieser Hinsicht keinesfalls das Nachsehen gegenüber „Star Wars“ (oder auch „Alien“, der früher im Jahr 1979 erschienen war) haben. Leider war die Firma, die dafür engagiert worden war, heillos überfordert, was aber fatalerweise erst sehr spät bemerkt wurde. Die Folge: Auch hier mussten massive Verzögerungen hingenommen werden.

So kam es, wie es kommen musste: Der eigentlich sehr erfahrene Regisseur Robert Wise hatte keine Chance mehr, sein Werk so zu schneiden, wie er es ursprünglich geplant hatte; er schaffte es gerade noch, eine einigermaßen vorzeigbares Produkt abzuliefern, sah das Ergebnis aber selbst immer eher als Rohfassung und nie als fertigen Film. Der Legende nach brachte er die noch feuchten Filmrollen persönlich wenige Minuten vor der Premiere im Kino vorbei. Zufrieden war mit diesem Ergebnis keine:r der Beteiligten, dennoch sei an dieser Stelle erwähnt, dass „Star Trek: Der Film“ kein finanzieller Misserfolg war: Der Film spielte weltweit an die 140 Millionen Dollar ein, inflationsbereinigt deutlich mehr, als jeder seiner Nachfolger mit Ausnahme des ersten J. J. Abrams-Reboots (2009). Dass Paramount dennoch nicht zufrieden war, lag an den Kosten von 44 Millionen Dollar, ein auch nach modernen Maßstäben ausgesprochen üppiger Betrag (der sich übrigens auch draus erklärt, dass dem Film ein großer Teil der für die Pre-Production von „Phase II“ angefallenen Kosten zugerechnet wurde, warum auch immer). So kam es, dass das Werk als Flop verbucht wurde, was schließlich darin gipfelte, dass „Star Trek“-Schöpfer und Produzent Gene Roddenberry in Ungnade fiel.

So viel zum überaus chaotischen, aber auch sehr interessanten Hintergrund; dass ich um diesen weiß, habe ich übrigens dem Podcast „Trek am Dienstag“ zu verdanken, der mich überhaupt erst dazu gebracht hat, mir a) den Film wieder anzusehen und b) über die Entstehungsgeschichte nachzudenken. An dieser Stelle daher eine ausdrückliche Hörempfehlung!

Eine laaaange Folge „Raumschiff Enterprise“.

Das waren jetzt recht umfangreiche Ausführungen, die ich aber als notwendig erachte, um das Gesehene besser einordnen zu können. Freilich schützt das den Film vor einer inhaltlichen Kritik – und zu der komme ich nun endlich, beginnend mit der Handlung. Wie erwähnt, haben wir es mit einer Geschichte zu tun, die ursprünglich als Pilot zu einer TV-Serie geschrieben worden war. Und das merkt man allen Ecken und Enden… Nicht falsch verstehen: Grundsätzlich ist schon interessant, was hier passiert, es ist allerdings nichts, was für einen abendfüllenden Spielfilm, von dem man eine gewisse Tiefe erwartet, ausreicht. Dafür ist mir die Handlung schlicht und einfach zu dünn bzw. zu wenig ausgearbeitet. Übrigens wird hier ein Thema behandelt, das so ähnlich schon in der „Raumschiff Enterprise“-Folge „Ich heiße Nomad“ (Staffel 2, 1967) aufgegriffen worden war. Gerade dadurch wird umso deutlicher, wie kompakt die Serie ihre Geschichten dargestellt hat – eine Eigenschaft, die dem Film aus genannten Gründen fast völlig abgeht.

Und hier kommen wir zur anderen Seite der Medaille: Die Spezialeffekte, die einerseits überaus gelungen und nach wie über jeden Zweifel erhaben sind (sieht man von einer gewissen psychedelischen Ästhetik ab, die man heute wohl nicht mehr so bringen würde). Für die Spannung und den Unterhaltungswert des Films sind sie andererseits jedoch Gift: Fast wirkt es, als hätte man entweder so viel wie möglich davon in die Endfassung aufnehmen müssen, um Publikum und das geldgebende Studio nachhaltig zu beeindrucken. Mag auch sein, dass nur so die gewünschte Laufzeit von gut zwei Stunden erreichbar war – oder es war eine Kombination aus beidem, gepaart mit dem Zeitmangel, der es z. B. nicht zuließ, zusätzliche Charakter-Szenen zu drehen. So oder so: Gerade durch den ausufernden Einsatz der Effekte – ich spreche vor allem von den berühmt-berüchtigten Flügen in die Wolke, die man nur als „langatmig“ bezeichnen kann – fällt auf, wie wenig sonst im Film passiert.

Zu den Charakteren ist zu sagen, dass interessante Geschichten, beispielsweise um Spock, der seine menschliche Seite immer mehr zu akzeptieren scheint oder Kirk, der eine Art Midlife-Crisis durchlebt (und dessen Rolle kaum noch mit seiner ursprünglichen Ausrichtung in Einklang zu bringen ist), nicht so richtig auserzählt werden. Das hat mithin vielleicht auch mit der optischen Pracht zu tun, die fast alles andere in den Hintergrund drückt. Dabei wäre es bitter nötig gewesen, die Figuren (neu) zu erklären: Es gab vor diesem Film 10 Jahre lang kein nennenswertes „Star Trek“. Für das Publikum waren die Charaktere also nach wie vor so, wie sie 1969 abgetreten waren. Der Kinofilm zeigt uns aber ganz andere Figuren, die älter geworden sind und sich auseinander gelebt haben. In diesem Zusammenhang muss man auch bedenken, dass die Serie kaum Charakter-Entwicklung kannte, es wurde ja praktisch nach jeder Folge ein Reset durchgeführt. Und hier gibt es dann eine sichtlich gealterte Crew zu sehen, die nicht nur untereinander, sondern auch vom Publikum entfremdet daher kommt. Heute würde man das das Schicksal unserer Held:innen in den Jahren zwischen Serie und Film vermutlich mit einer Romanreihe erklären, die das Publikum vor Genuss des Films „abholen“; daran war 1979 freilich noch nicht zu denken.

Positives und Fazit.

Trotz dieser doch recht herben Kritik gibt es auch Positives zu berichten. So ist „Star Trek: Der Film“ beispielsweise technisch gut gemacht: Die Spezialeffekte habe ich erwähnt, hinzu kommen der hervorragende Soundtrack, die starke Dialogregie und die tolle Kameraarbeit inklusive Bildkomposition. Führt man sich oben beschriebene Entstehungsgeschichte vor Augen, ist es umso beeindruckender, wie wenig man filmtechnisch an diesem Werk auszusetzen findet. Doch auch das macht es noch einmal auffälliger, wie sehr die Hintergrundgeschichte unter Wert verkauft wird. Und man kommt nicht umhin, sich zu fragen, was wohl gewesen wäre, hätte man über ein einem solchen Mammutprojekt angemessenen Zeitrahmen verfügt. Dem war leider nicht so und daher müssen wir – ich wiederhole mich – mit einer stellenweise unerträglich aufgeblasenen Handlung, die halt nur für eine Folge einer TV-Serie reicht, vorlieb nehmen.

Ein Sidestep noch zu Technik und Ausstattung: Meine Erinnerung an den Film vor diesem Rewatch war das Gefühl eines ausgesprochen finsteren Werks. Nicht in inhaltlicher Hinsicht (wobei die Story auch eher düster daher kommt), sondern im wahrsten Sinne des Wortes: Innen- und Außenaufnahmen schienen mir damals dermaßen mangelhaft ausgeleuchtet, dass mir allein dadurch viel an Unterhaltung vergällt wurde. Ob das daran liegt, dass es im heimischen Wohnzimmer zu hell war? Ich weiß es nicht, bei meiner jüngsten Visite auf der Enterprise ist mir dieses Problem allerdings nicht untergekommen. Was mir die neuerliche Sichtung aber bestätigt hat: Die Uniformen, die die Crew hier trägt, sind mit die schlimmsten Klamotten im gesamten SciFi-Genre. Unglaublich.

Nun bleibt noch die Frage zu beantworten, ob ich diesen Film letztlich mag. Schwierig, sagen wir es vielleicht so: Ich habe es nicht bereut, ihn endlich mal wieder gesehen zu haben, fand ihn sogar deutlich besser, als ich ihn in Erinnerung hatte. Wiederholen werde ich dieses Erlebnis in nächste Zeit jedoch nicht, denn ich muss offen und ehrlich zugeben, dass mir „Star Trek: Der Film“ einfach zu anstrengend ist. Er ist nicht nur lang, sondern wirkt künstlich in die Länge gezogen; da hilft auch die durchaus brauchbare Inszenierung diverser Szenen und Dialoge wenig. Gleichzeitig fehlt es weitgehend an Action, alles wirkt sehr langsam und behäbig. Das wäre kein Problem, wenn man hier ein ordentliches Drama erleben würde – doch auch das ist aus meiner Sicht nur bedingt der Fall. Klar, es geht um das Älterwerden, um menschliche Gefühle und um die Erneuerung alter Freundschaften, die nicht gepflegt wurden. Leider wird das alles nicht sonderlich tiefgehend behandelt, man hat ständig das Gefühl, das etwas fehlt. Apropos „fehlt“: Dem Film geht meines Erachtens außerdem zumindest ein kleines Quäntchen Humor ab. Nicht, dass ich gerne Slapstick gesehen hätte, aber das hier ist schon unglaublich ernsthaft, was dem Ganzen angesichts seiner inhaltlichen und optischen Schwere gar nicht guttut und eigentlich auch völlig untypisch für „Star Trek“ ist.

Sollte man sich den Film also ansehen? Ja, ich denke, das kann und sollte man durchaus tun, jedenfalls wenn man generell etwas mit dem „Star Trek“-Franchise anfangen kann. Ich fand und finde es schön, dass man hier Charaktere sieht, die im Vergleich zur TV-Serie gereift sind und die sich entwickelt haben. Sie passen so viel besser auf die große Leinwand – es ist nur ewig schade, dass man uns so wenig von dieser Entwicklung zeigt. Im Gegensatz zu den folgenden Filmen, die in praktisch jeder Hinsicht besser sind – und vielleicht ist das auch ein Verdienst dieses Films: Es wurde Erfahrung gesammelt, die bei der Inszenierung einiger echter „Star Trek“-Klassiker helfen sollte. Das hilft vorliegendem Werk freilich nur bedingt, weswegen es punktemäßig bei mir nur für eine Durchschnittswertung reicht.

Gesamteindruck: 3/7


Originaltitel: Star Trek: The Motion Picture.
Regie:
Robert Wise
Drehbuch: Harold Livingston
Jahr: 1979
Land: USA
Laufzeit: ca. 130 Minuten
Besetzung (Auswahl): William Shatner, Leonard Nimoy, DeForest Kelley, James Doohan, George Takei



FilmWelt: Rubikon

In ihrem Langfilm-Debüt erzählt Regisseurin Magdalena „Leni“ Lauritsch eine Story, die nicht unbedingt neu ist: Die Welt geht unter, es gibt nur wenige Überlebende, die fortan miteinander klarkommen müssen. Hat man so oder so ähnlich gerade in jüngerer Vergangenheit mehr als einmal gehört, gesehen und gelesen. Dennoch übt „Rubikon“ durch die Kombination aus kleinem Ensemble und außergewöhnlicher Umgebung einen ganz speziellen Reiz aus.

Gesamteindruck: 4/7


Bleiben oder gehen?

Als ich den Trailer von „Rubikon“ erstmals gesehen habe, hätte ich nicht gedacht, dass es sich um eine österreichische Produktion handelt: Die Kulissen der namensgebenden Raumstation, auf der praktisch die gesamte Handlung spielt, stehen für mein Dafürhalten keinem Hollywood-Set nach; ähnliches gilt für die Außenaufnahmen, die z. B. bei einem Weltraumspaziergang keine Wünsche offen lassen. Und das bei einem Budget, über das man in den USA wohl nur milde lächeln würde.

Worum geht’s?
In nicht naher Zukunft pfeift unser Planet aus dem letzten Loch – vor allem die vergiftete Atmosphäre macht der Menschheit schwer zu schaffen. Auf der ehemaligen ISS, die mittlerweile als ausgebaute, private Station namens „Rubikon“ um die Erde kreist, forscht man an Möglichkeiten, Algen zur Gewinnung sauberer Luft zu nutzen. Dorthin sind Konzern-Söldnerin Hannah Wagner und der Wissenschaftler Gavin Abbott unterwegs. Kurz nach ihrer Ankunft ereignet sich weniger Kilometer weitere unten dramatisches: Der gesamte Globus verschwindet unter einer offenbar hochtoxischen, braunen Wolke. Für die Astronaut:innen stellt sich nun die Frage, ob sie für immer an Bord der autarken Station bleiben – oder ob sie trotz gewaltiger Risiken und technischer Probleme versuchen, die rettenden Algen zur Oberfläche zu bringen…

Technisch gibt es an „Rubikon“ – wie eingangs angedeutet – nichts auszusetzen. So ist beispielsweise die Raumstation sehr stimmig eingerichtet und wirkt sehr plausibel für eine relativ nahe Zukunft (abgesehen von der künstlichen Schwerkraft, die nicht erklärt wird). Überhaupt beeindruckt die im Verhältnis zum Budget ausgezeichnete Tricktechnik, die Außenaufnahmen – Station, umgebender Weltraum und die erst blaue, dann toxisch-braune Erde – jederzeit realistisch darstellt. Freilich wäre das alles wenig wert, wenn „Rubikon“ nicht auch inhaltlich punkten könnte. Glücklicherweise kann man auch an dieser Front Entwarnung geben: Leni Lauritsch, die zusammen mit Jessica Lind auch das Drehbuch geschrieben hat, ist tatsächlich ein gutklassiges Science Fiction-Drama gelungen. Klar, die Geschichte selbst und auch die Art und Weise, wie die Handlung aufgebaut ist und die Dialoge funktionieren, sind nicht bahnbrechend neu. Das ändert aber nichts daran, dass „Rubikon“ durchaus zu unterhalten weiß; zumindest dann, wenn man über ein paar Schwächen hinwegsehen kann.

Bevor wir dazu kommen, möchte ich direkt zwei Punkte ansprechen, die Lob verdienen: Einerseits ist „Rubikon“ für mein Dafürhalten sehr gut gespielt. Den drei Darsteller:innen, die praktisch den gesamten Film tragen, nimmt man sowohl Dialoge als auch Körpersprache in jeder Szene voll und ganz ab. Andererseits gelingt es dem Film durchaus, Neugier auszulösen: Man fragt sich als Zuschauer:in, was auf der Erde passiert ist, kann aber – genau wie die Astronaut:innen – nur Vermutungen anstellen. Diese Ungewissheit nagt die ganze Zeit über und wird auch nie so richtig aufgelöst, was den einen oder die andere enttäuschen mag, aus meiner Sicht aber sehr gut zum Inhalt passt – und vor allem auch glaubwürdig ist, weil es in Wirklichkeit wohl ganz genauso wäre.

Zwei Kritikpunkte.

Leider ist aber nicht alles Gold, was glänzt. Größtes Manko von „Rubikon“ ist die fehlende Spannung an Bord der Station: Es passiert schlicht zu wenig, das überrascht oder einen großen Denkanstoß liefert. Nicht falsch verstehen – dass Lauritsch nicht auf atemlose Action setzt, ist aller Ehren wert. Im Gegenzug stellt der Film ja auch große Fragen nach Moral und Ethik in den Raum. Allerdings kratzt die Diskussion über derartige Themen kaum an der Oberfläche, was sehr schade ist. Hier hätte ich mir beispielsweise deutlich mehr vom zwischenzeitlichen Kontakt zu überlebenden Konzern-CEOs erhofft, aus dem leider viel zu wenig gemacht wird. Vor allem aber hängt das Grundproblem des Films ziemlich in der Luft, indem das Für und Wider einer Rückkehr zur Erde nur sehr vage (und für mein Gefühl vor allem aus technischer Sicht) behandelt wird. Hier wirkt es fast, als hätte den Filmemacherinnen die letzte, zündende Idee – oder der Mut? – für eine tiefergehende, philosophische Auseinandersetzung gefehlt.

Die zweite Schwierigkeit, die ich mit „Rubikon“ habe, hat mit dem Drehbuch zu tun: Die Schauspieler:innen agieren zwar glaubwürdig, gleiches gilt allerdings nicht für die von ihnen verkörperten Figuren, die ihre Meinung und die Ausrichtung ihres moralischen Kompasses gerne mal völlig ansatzlos ändern. Ich verstehe schon, dass bei einem so kleinen Ensemble notwendig sein kann, um die Handlung voranzutreiben – allerdings hätte das etwas subtiler umgesetzt werden müssen; so wird dann doch wieder ein Glaubwürdigkeitsproblem daraus. Paradox? Irgendwie schon, und doch wirkt es auf mich, als hätte man jedem Charakter vorsichtshalber gleich eine ganze Bandbreite an Eigenschaften – die einander gerne auch diametral gegenüber stehen – zugeschrieben. Und dann auch noch auf Teufel komm raus versucht, diese im Film unterzubringen. Ich nehme an, dass das auch der Grund ist, wieso man sich mit keiner der Figuren so richtig identifizieren kann.

Letzten Endes glaube ich aber trotz meiner Kritikpunkte, dass es ich für Science Fiction-Fans lohnen kann, „Rubikon“ anzusehen. Leni Lauritsch greift hier ein relativ bekanntes Thema ohne viel Tamtam und großes Feuerwerk auf. Das hat schon einen gewissen Charme, der vielen Hochglanz-Produktionen aus den USA völlig abgeht. Von daher: Ansehen und selbst ein Urteil bilden; ich selbst habe den Kino-Besuch jedenfalls nicht bereut.

Gesamteindruck: 4/7


Originaltitel: Rubikon.
Regie:
Madalena Lauritsch
Drehbuch: Magdalena Lauritsch, Jessica Lind
Jahr: 2022
Land: Österreich
Laufzeit: ca. 110 Minuten
Besetzung (Auswahl): Julia Franz Richter, George Blagden, Mark Ivanir



FilmWelt: Prey

Die Ankündigung eines neuen Films aus dem Predator-Universum habe ich mit gemischten Gefühlen aufgenommen: „Predator“ (1987) und „Predator 2“ (1990; ja, auch den!) fand ich großartig, über alles, was danach gekommen ist (inklusive der „Alien vs. Predator“-Crossovers), kann man getrost den Mantel des Schweigens hüllen. Ob es „Prey“ (2022 und damit genau 35 Jahre, nachdem Arnold Schwarzenegger erstmals dem außerirdischen Trophäenjäger gegenüber stand, erschienen) gelingt, an alte Qualitäten anzuknüpfen, versuche ich im Folgenden zu klären.

Gesamteindruck: 5/7


Keine leichte Beute.

Der Titel „Prey“ (deutsch: „Beute“) lässt vermuten, dass das Vertrauen in die Strahlkraft einer einst so mächtigen Marke nicht allzu groß gewesen dürfte – immerhin haben wir es hier mit dem ersten Film der Reihe zu tun, der nicht direkt am Namen als Predator erkennbar ist. Vielleicht ist es aber auch eine Art Neustart, der die verkorksten Jahre, die nach „Predator 2“ folgten, vergessen machen soll? Ich weiß es nicht, im Endeffekt spielt es für die Bewertung aber auch keine große Rolle.

Worum geht’s?
Nordamerika im 18. Jahrhundert: Für die junge Comanche Naru ist in ihrem Stamm die Rolle als Heilerin vorgesehen. Sehr zu ihrem Unmut, ist sie doch eine talentierte Jägerin, was aber kaum jemand ihrer Gefährt:innen zu erkennen vermag. Als sie eines Tages eine merkwürdige, feurige Erscheinung am Himmel sieht, glaubt sie die Zeit gekommen, den Beweis für ihre Jagdkunst anzutreten. Was sie nicht weiß: Eine unheimliche Kreatur ist ebenfalls auf der Suche nach Beute…

Man ist ja leider ein gebranntes Kind, was die Weiterführung klassischer Filmreihen ist: Egal, ob „Predator“, „Alien“, „Terminator“, „Indiana Jones“ oder „Stirb Langsam“ – praktisch alles aus der Hochzeit des Action-Kinos wurde nach zwei, drei Filmen gnadenlos gegen die Wand gefahren. Und auch jeder spätere Versuch, eines dieser Franchises für ein moderneres Publikum attraktiv zu machen, scheiterte grandios. Eine detaillierte Analyse dieses Missstandes würde den Rahmen einer Rezension freilich sprengen; nichtsdestotrotz erklärt obige Aufzählung vielleicht, warum ich dermaßen überrascht war, nachdem der Abspann von „Prey“ nach gut anderthalb kurzweiligen Stunden über meinen Bildschirm flimmerte: Nie hätte ich erwartet, dass es überhaupt möglich wäre, dieses Kind der späten 1980er/frühen 1990er im Jahr 2022 so trefflich fortzuführen.

Gute Entscheidungen.

Dass „Prey“ so überzeugend um die Ecke kommt, ist einer Reihe guter Entscheidungen durch Regisseur Dan Trachtenberg (u. a. „10 Cloverfield Lane“) und Drehbuchautor Patrick Aison zu verdanken. So ist beispielsweise die Gestaltung als Prequel in der Regel hochgefährliches Terrain, weil dadurch fast zwangsläufig Probleme mit der Kontinuität entstehen, die speziell älteren Fans sauer aufstoßen (siehe u. a. die Alien-Prequels oder die Star Trek-Serien „Enterprise“ und „Discovery“). Im Falle von „Prey“ ist dem nicht so, weil Zeit und Ort der Handlung so gewählt wurden, dass aufgesetzt wirkende Referenzen auf spätere Filme kaum möglich sind. Anachronismen, die vor allem das alte Publikum übelnehmen könnte, werden dadurch fast ausgeschlossen (eine kleine Anspielung auf „Predator 2“ ist dennoch drin, die wurde allerdings sehr schön eingebaut). Unabhängig davon ist die Form des Prequels in diesem Fall wohl die beste und glaubwürdigste Methode, mit dem Film tatsächlich back to the roots zu gehen.

Erwähnenswert ist in Sachen Entscheidungen ferner, dass die Verantwortlichen darauf verzichten, den Antagonisten durch ausufernde Erklärungen zu entzaubern (siehe auch hier die Alien-Prequels). Heißt: In „Prey“ verhält sich der außerirdische Jäger so, wie man es erwartet; er hat die üblichen Waffen am Start, wirkt aber dennoch etwas urtümlicher als seine späteren Artgenossen. Das alles schließt sich wunderbar und nahtlos an die Darstellung an, die man aus Teil 1 und 2 kennt. Wobei man sich an dieser Stelle ganz leise fragen darf, wieso sich die Technik eines so fortschrittlichen Wesens in über 200 Jahren anscheinend kaum weiterentwickelt hat – aber das nur am Rande, eventuell hat die Ausrüstung vor allem rituelle oder traditionelle Bedeutung und „darf“ sich deshalb kaum ändern.

Was wollen die Fans?

Was mich an „Prey“ neben den genannten Faktoren aber fast am meisten beeindruckt hat: Dan Trachtenberg scheint verstanden zu haben, was das Publikum wirklich von einem Predator-Film erwartet (während man beim Gros der Filme nach 1990 nicht umhin kommt, den Verantwortlichen Geldmacherei mit einem großen Namen zu unterstellen). Eigentlich ist es fast schon erschreckend einfach: Predator war schon immer ein lupenreines Action-Franchise. Klar, wer wollte, konnte Teil 1 als mehr oder weniger tiefsinnige Verarbeitung des amerikanischen Vietnam-Traumas lesen. Vorwiegend waren „Predator“ und „Predator 2“ aber schlicht und einfach zur Unterhaltung gedacht.

Der Rest? Beiwerk, aber dennoch da, was den Filmen trotz der knallenden Fassade immer Herz und Seele verliehen hat, die den späteren Produktionen abgeht. Und so ist es auch mit „Prey“: Wenn man möchte, kann man den Kampf Predator vs. Kriegerin auf verschiedene Weise interpretieren. Beispielsweise könnte es sich dabei um eine Auseinandersetzung einer selbstbewussten Frau mit toxischer Männlichkeit handeln. Oder man sieht darin ganz allgemein den Kampf der amerikanischen Ureinwohner:innen gegen die technische und zahlenmäßige Überlegenheit der weißen Eroberer. Oder als Befreiung der Heldin Naru aus der von ihren Stammesgenoss:innen erwarteten Rolle.

All das ist möglich – genauso ist es, wie angedeutet, aber auch legitim, „Prey“ als einfachen, höchst unterhaltsamen Actionfilm. als Popcorn-Kino im besten Sinne, zu lesen. Das mag von den Anhänger:innen aktueller Filme und Serials belächelt werden, ich persönlich finde diese Herangehensweise allerdings sehr erfrischend: Man hat das Gefühl, dass die Action zählt und alles andere Beiwerk ist und der Regisseur somit genau das macht, wofür diese Filmreihe früher stand. Dennoch fühlt sich „Prey“ deutlich moderner als seine Pendants aus 1987 und 1990 an, ohne der Seelenlosigkeit aktuelle Produktionen anheim zu fallen. Genau vermag ich nicht zu erklären, woran das liegt – für mein Dafürhalten ist es jedenfalls eine außergewöhnliche Leistung.

Überraschend gut ohne zu überraschen.

Was das alles im Umkehrschluss bedeutet, ist klar: In „Prey“ gibt es keine ausgefeilten Dialoge (es wird generell wenig gesprochen) und das Drehbuch ist in weiten Teilen bis ins Detail vorhersehbar. Letzteres ist vermutlich der Kritikpunkt, der am häufigsten in Zusammenhang mit „Prey“ auf den Tisch kommen dürfte: Dan Trachtenberg orientiert sich so stark an „Predator“, dass man zeitweise fast von einer Kopie sprechen muss. Vielleicht ist aber genau das die Stärke eines Films, der genau weiß, was er sein will, was er kann – und was er tunlichst vermeiden sollte. Wahrscheinlich ist das wirklich die Krux: Mir war über die gesamte Länge (schön übrigens, dass man sich auf 100 Minuten beschränkt und das ganze nicht auf zwei Stunden oder mehr aufgeblasen hat) bewusst, dass „Prey“ Fan-Service par excellence ist. Gestört hat mich das allerdings zu keiner Sekunde, was den Film krass von vielen aktuellen Remakes, Prequels und Relaunches unterscheidet.

Anmerkung an dieser Stelle: Die Action ist hervorragend choreografiert, die Kämpfe entsprechend spektakulär; die Effekte sind gut (sieht man von den Raubtieren ab, speziell bei CGI-Bär musste ich schmunzeln), der Antagonist furchteinflößend. Und, was auch noch erwähnt werden muss: „Prey“ ist abseits der Action geradezu herausragend fotografiert und vertont. Selten wirkte ein amerikanischer Wald dermaßen düster, kühl und unheimlich.

Ganz kommt „Prey“ letztlich zwar nicht an die Filme heran, die den Ruhm der Predator-Reihe begründet haben. Dennoch ist Dan Trachtenberg der mit Abstand beste Versuch seit 1990 gelungen, diesen Stoff zu adaptieren. Wenn das das Niveau künftiger Filme aus dem Franchise sein soll, könnte man von mir aus gern damit weitermachen – etwas, das ich mir bisher bei kaum einem Versuch, so alte Schinken in die Moderne zu holen, wünschen würde.

Gesamteindruck: 5/7


Originaltitel: Prey.
Regie:
Dan Trachtenberg
Drehbuch: Patrick Aison
Jahr: 2022
Land: USA
Laufzeit: ca. 100 Minuten
Besetzung (Auswahl): Amber Midthunder, Dane DiLiegro, Dakota Beavers, Stormee Kipp



FilmWelt: Die Farbe

Wie sein großes Vorbild Edgar Allen Poe (1809-1849) war Howard Philips Lovecraft (1890-1937) ein großartiger Erzähler von Schauergeschichten. Seine Stories lesen sich auch heute noch fantastisch, weitgehend entziehen sie sich allerdings – wie jene von Poe – einer filmischen Adaption. Probiert wird es freilich dennoch immer wieder – so ist vorliegendes Werk beispielsweise die bereits vierte Verfilmung von Lovecrafts Kurzgeschichte „Die Farbe aus dem All“ (1927). Zwei weitere Versuche, den Stoff auf Zelluloid zu bannen, folgten 2017 und 2019; so richtig erfolgreich war allerdings keines dieser Projekte.

Gesamteindruck: 6/7


Die Darstellung des Unvorstellbaren.

Warum Poe und Lovecraft als nahezu unverfilmbar gelten, ist schnell erklärt: Einerseits verzichten beide in ihren Geschichten auf explizite Gewalt, strahlende Helden und atemlose Action, was die mögliche Zielgruppe für einen Horrorfilm empfindlich reduziert. Andererseits – und das wiegt deutlich schwerer – liegt der Fokus beider Autoren auf einer sich langsam aufbauenden Atmosphäre des Wahnsinns. Der manifestiert sich vorwiegend im Inneren der Protagonist:innen, was an sich schon schwer darstellbar ist (oder zumindest überdurchschnittlich begabte Schauspieler:innen braucht). Hinzu kommt, dass es kaum detaillierte Beschreibungen der schrecklichen Wesenheiten gibt, denen die Charaktere begegnen.

Worum geht’s?
Der junge US-Amerikaner Jonathan Davis reist Mitte der 1970er Jahre nach Deutschland. Dort, irgendwo in der Nähe eines einsamen Dorfes mitten in den fränkischen Wäldern, ist sein Vater verschwunden. Vor Ort stößt Davis auf eine merkwürdige Geschichte, die mit dem Aufschlag eines Meteoriten viele Jahre zuvor ihren Ausgang nahm. Gemeinsam mit dem Bauer Armin Pierske, der Davis‘ Vater kurz nach dem 2. Weltkrieg kennengelernt hatte, versucht der Amerikaner, dem Geheimnis auf die Spur zu kommen…

H. P. Lovecraft schafft es in seinen Geschichten, die Lesenden durch vage Andeutungen in Schrecken zu versetzen. Will sagen: Gerade das, was er nicht schreibt, regt die Fantasie auf unheimliche Weise an. Daraus folgt, dass der Versuch, das, was die Lovecraft’schen Figuren in den Wahnsinn treibt, im Detail darzustellen, scheitern muss. Denn diese absolut unbegreifliche Fremdartigkeit wird eine Kamera niemals in dem Maße einfangen können, wie es die Fantasie des:der Leser:in tut. Und so ist es auch mit der namensgebenden Farbe, die letztlich keine Ähnlichkeit zu irgend etwas, das wir kennen aufweisen darf, wenn wir der Geschichte folgen, die als Vorbild für diesen Film dient.

Dieses grundlegende Problem war sicher auch Regisseur Huan Vu klar. Ich nehme jedenfalls an, dass das der Hauptgrund gewesen sein dürfte, wieso er sich für einen schwarz-weiß-Film entschieden hat. Klar, das passt zunächst schön zum Setting in den 1970er Jahren, in denen das Farbfernsehen noch in den Kinderschuhen steckte. Vor allem ermöglicht es diese Idee jedoch, die Farbe angemessen darzustellen: An das monochrome Bild hat man sich nach ein paar Minuten gewöhnt; wenn dann plötzlich ein Farbkleks (übrigens irgendwo zwischen violett und rosa) auftaucht, wirkt das tatsächlich völlig fremdartig und unheimlich.

Schauwerte wie die Großen.

Dass „Die Farbe“ meines Erachtens eine der besten Lovecraft-Adaptionen überhaupt ist, hat aber nicht nur mit der Idee, den Film überwiegend in schwarz-weiß darzustellen, zu tun. Hervorzuheben ist auch, dass das Werk trotz seines Indie-Status über Schauwerte verfügt, die sich nicht hinter weit größeren Produktionen zu verstecken brauchen: „Die Farbe“ ist technisch auf sehr hohem Niveau, wobei ich vermute, dass monochrome Bild geeignet ist, vieles zu kaschieren – auch, weil es nicht nur schwarz-weiß, sondern generell auf „alt“ getrimmt ist, was z. B. die Kameraführung betrifft. Dennoch muss man das erst einmal so hinbekommen, denn Bild, Ton und Schnitt sind völlig stimmig und wirken zu keinem Zeitpunkt so, als hätten sich die Verantwortlichen damit übernommen.

Was auch nicht unterschätzt werden sollte: „Die Farbe“ ist – speziell in den Hauptrollen – gut besetzt und stark gespielt. Die mir persönlich völlig unbekannte Riege agiert überaus glaubwürdig; nur an einer Stelle gibt es einen Effekt, den man auch von anderen deutschen Produktionen (z. B. „Tribes of Europa“) kennt: Wenn der Held in einem Wirtshaus mit zwei anderen Gästen spricht, spielen diese beiden so, als wären sie auf einer Theaterbühne. Das lässt diesen Trilog wie einen Fremdkörper wirken. Schade – Beinbruch ist es allerdings auch keiner, denn davon abgesehen findet man kaum etwas an der Leistung der Damen und Herren auszusetzen.

Das alles wäre freilich wenig wert, wenn es dem Regisseur nicht gelungen wäre, die doch recht kurze Story so zu inszenieren, dass sie eine Laufzeit von 90 Minuten füllt. Auch an dieser Front finde ich wenig zu meckern: Der Film ist insgesamt so ruhig, wie man es von einer Lovecraft-Adaption erwarten muss. An den richtigen Stellen gibt es mal mehr, mal weniger dosierten Horror. Alles ist stark auf die Charaktere – speziell auf den Dorfbewohner Armin Pierske (hervorragend gespielt von Michael Kausch) – fokussiert. Das Grauen, das das isolierte Örtchen befallen hat, manifestiert sich eher unterschwellig: Auch wenn es den einen oder andern durchaus schockierenden Ekel-Effekt gibt, sieht man eher, wie z. B. eine Bäuerin ein wenig durch die Gegend torkelt, was erst einmal nach nichts klingt, hier aber eine unheimlichere Wirkung entfaltet, als man meinen mag.

Nicht für jedes Publikum.

Ob das alles für jemanden, der:die das Werk des umstrittenen US-Autors nicht kennt, spannend ist, kann ich nicht beurteilen. Lovecraft-Puristen mögen hingegen enttäuscht sein, weil „Die Farbe“ nicht ganz werkstreu ist – und ich muss zugeben, dass auch ich zunächst Probleme damit hatte, dass die Handlung in die 1970er Jahre versetzt wurde. Umgekehrt ist es aber verständlich, denn so (und durch weitere Anpassungen) war es möglich, die Handlung nach Deutschland zu versetzen, was letzten Endes glaubwürdiger ist, als so zu tun, als befände man sich in den USA, wo Lovecrafts Geschichte ja eigentlich spielt. Das allein schon wegen der Schauspieler:innen, denen man ihre deutsche Herkunft jederzeit anmerkt.

Fazit: Mir hat „Die Farbe“ sehr gut gefallen und ich würde den Film allen, die etwas mit der Literatur von H. P. Lovecraft anfangen können, empfehlen. Für diejenigen, die eine Vorliebe für Indie- und Arthouse-Produktionen mitbringen, mag der Film auch ohne Kenntnis der literarischen Vorlage von Interesse sein. Für ein Massenpublikum ist er vermutlich nichts, was wiederum ganz gut zum Werk des Autors passt, das sich sicher auch nicht für jeden Geschmack eignet. Wer es dennoch – oder gerade deshalb – versuchen möchte, sieht hier meiner Meinung nach eine der bis dato besten Lovecraft-Adaptionen überhaupt, vom typischen Anfang bis hin zu einem Ende, das jede Menge Interpretationsspielraum lässt und wenig bis nichts erklärt.

Gesamteindruck: 6/7


Originaltitel: Die Farbe.
Regie:
Huan Vu
Drehbuch: Huan Vu
Jahr: 2010
Land: Deutschland
Laufzeit: ca. 90 Minuten
Besetzung (Auswahl): Michael Kausch, Ingo Heise, Erik Rastetter, Jonas von Lingen, Marco Leibnitz