FilmWelt: Mother!

„Mother!“ (2017) ist einer der seltsameren Filme, die ich in letzter Zeit gesehen habe. Auch die Kritik war sich bei einer Beurteilung des Werkes von Regisseur Darren Aronofsky, der auch das Drehbuch verfasst hat, nicht einig: Neben einer Nominierung für den Goldenen Löwen bei den Filmfestspielen in Venedig wurden Aronofsky und das Duo Jennifer Lawrence / Javier Bardem, die die Hauptrollen spielen, für jeweils eine Goldene Himbeere vorgeschlagen. Abseits der professionellen Rezensent:innen gehen die Meinungen ebenfalls auseinander – wobei die Tendenz eher positiv ist (z. B. 68% Zuspruch bei Rotten Tomatoes).

Gesamteindruck: 4/7


Unvergleichlich anders.

Vielfach ist über „Mother!“ zu lesen, dass weite Teile des Publikums den Film entweder hassen oder lieben würden, zwischen diesen Polen solle wohl nicht viel Platz sein. Wenn dem so ist, bin ich offenbar in der Minderheit: Auch, nachdem ich mir ein paar Tage Zeit gegeben habe, das Gesehene zu reflektieren, bin ich mir nicht sicher, was ich davon halten soll. Ist das Kunst oder kann das weg? Hat mich „Mother!“ unterhalten, erschreckt oder gelangweilt? Kann man aus dem Werk die eine oder andere Erkenntnis ableiten – oder hat das alles wenig bis nichts mit unserer Welt zu tun? Ich muss zugeben, dass ich mir schwertue, auch nur eine dieser Fragen zu beantworten.

Worum geht’s?
Ein Dichter und seine Muse leben seit Kurzem zurückgezogen in einem großen Haus – er leidet unter einer Schreibblockade, sie versucht ihn so gut wie möglich zu unterstützen und gleichzeitig das Domizil zu renovieren. Eines Tages steht ein Fremder vor der Tür und wird vom Dichter prompt eingelassen. Erst hat die Frau Vorbehalte gegen den unerwarteten Besuch, schließlich willigt sie aber doch ein. Als dann aber erst die Frau des Fremden, später auch noch deren Kinder auftauchen, gerät das Leben im Haus zusehends aus den Fugen…

Die Unsicherheiten beginnen bereits beim Versuch, ein Genre zu benennen: „Mother!“ ist weder ein echter Horrorfilm, noch würde ich ihn als (Psycho-)Thriller bezeichnen. Am ehesten passt der Titel noch in den Mystery-Bereich, daneben findet man neben Elementen der genannten Filmgattungen noch ein paar weitere Versatzstücke und liegt beispielsweise auch mit Begriffen wie Drama, Liebesfilm und Fantasy nicht völlig daneben. Ich denke, die Bezeichnung Mystery-Thriller wird dem Film im Endeffekt noch am ehesten gerecht, aber auch nur, weil sie recht vielfältige Interpretationsmöglichkeiten zulässt.

Unabhängig von diesen – zugegeben oberflächlichen – Schwierigkeiten wird schnell klar, dass wir es hier mit einem sehr speziellen Film zu tun haben. Weniger aufgrund des Inhalts, der erst im weiteren Verlauf immer mysteriöser wird, sondern zunächst vor allem aufgrund der Machart. Besonders die Kameraführung irritiert anfangs, weil sie leicht verwackelt, vor allem aber sehr nahe an der Hauptdarstellerin ist – zu nahe eigentlich und gern auch mal komplett frontal (oder – quasi umgekehrt – in ihrer Egoperspektive), was einige Zeit benötigt, um sich daran zu gewöhnen. Ungewöhnlich ist daran übrigens auch, dass die Kamera NUR der Hauptfigur folgt. Das schafft eine ganz eigene und selten auf diese Art gesehen Unmittelbarkeit: Das Publikum sieht und hört im Endeffekt nur, was die namenlose, von Jennifer Lawrence gespielte Frau auch mitbekommt. Was außerhalb ihres Blickfeldes passiert, bleibt optisch schemenhaft und akustisch unverständlich, ganz so, wie es auch im wirklichen Leben ist, wenn man Personen z. B. im Nebenraum undeutlich miteinander sprechen hört.

Abgesehen davon, dass sie normalen Sehgewohnheiten widerspricht, hat die eigenwillige Kombination aus Bild und Ton aber auch noch einen anderen Effekt: „Mother!“ fühlt sich fast schon klaustrophobisch an, gleichzeitig hat man ständig das Gefühl, etwas zu versäumen, das in der Peripherie des Bildausschnitts passiert. Vermutlich kommt daher der Eindruck, dass man – ganz real – das Unwohlsein und die Hilflosigkeit mit der Hauptfigur teilt. Diesen Aspekt würde ich tatsächlich als große Leistung des Films hervorheben, noch dazu, weil speziell die Wehrlosigkeit der Frau gegenüber ihrer Situation im Laufe der Handlung immer stärker zunimmt – und sich das auch auf den Zuseher/die Zuseherin überträgt, was eine sehr eigentümliche und stellenweise wirklich unerfreuliche Erfahrung ist.

An dieser Stelle seien übrigens zwei weitere Darsteller:innen genannt, die in diesem Film voll punkten können: Michelle Pfeiffer und Ed Harris spielen die Invasoren die in das beschauliche Privatleben des Paares eindringen. Beide schaffen es, ihren Figuren, die vordergründig ganz normalen Menschen entsprechen, eine ausgesprochen düstere und bedrohliche Aura zu verleihen. Auch das ist eine Leistung, die durchaus anerkennenswert ist und die die Spannung durchaus in die Höhe treibt – man will einfach wissen, was es mit diesen beiden Eindringlingen auf sich hat und verfolgt jeden Dialog entsprechend genau.

Zweite Halbzeit mit Längen.

All das deutet darauf hin, dass „Mother!“ ein innovativer und gut gemachter Film ist. Leider kann die Handlung meiner Ansicht nach nur bis zur Hälfte der rund zweistündigen Laufzeit mit der ambitionierten Technik mithalten. In der ersten Stunde rätselt man – wie oben angedeutet – noch mit, was es mit dem Haus und seinen Bewohner:innen sowie den ungebetenen Gästen auf sich hat. Ungefähr zur Halbzeit gibt es dann einen größeren Zeitsprung – und ab diesem Moment nehmen die Längen deutlich zu. Und das, obwohl der Film zunehmend irrational und fantastisch wird, was eigentlich die Spannung erhöhen sollte. Leider verliert sich „Mother!“ in immer groteskere Momente, ohne auch nur ansatzweise eine Möglichkeit zu bieten, an der man sich festhalten kann.

Höhepunkt ist die letzte halbe Stunde, die im Wesentlichen einer surrealen Achterbahnfahrt gleichkommt, deren Zweck im Kontext des bis dahin Gesehenen kaum zu entschlüsseln ist – zumindest ging es mir so, vielleicht habe ich auch etwas übersehen, wer weiß. So oder so habe ich jene Sequenz als höchst anstrengend empfunden – und auch als unbefriedigend, weil mir zum Schluss ziemlich egal war, was der Regisseur uns mit seinem Film überhaupt sagen wollte. Und das ist schade, denn alles, was davor behandelt wurde, hätte eigentlich Denkanstöße zur Genüge geboten – tatsächlich hat mir aber die zweite Stunde die Lust darauf genommen, weil sie dermaßen abgehoben war (beispielsweise findet plötzlich mitten im Haus eine Art Bürgerkrieg statt, inklusive Schusswaffen, Granaten, Tränengas usw.).

Manche Schreiber:innen wollten „Mother!“ ja als möglichen Oscar-Kandidaten sehen. Letztlich reichte es nicht einmal für eine Nominierung, was ich ehrlich gesagt wenig verwunderlich finde, was aber gleichzeitig auch kein Beinbruch ist, weil die Auszeichnung ohnehin eher fragwürdig ist (aber das ist eine andere Geschichte). Ich glaube allerdings nicht, dass man Kamera, Schnitt und Darsteller:innen viel vorwerfen kann, im Gegenteil, all diese Aspekte fand ich durchgehend gelungen – der Inhalt stinkt in der zweiten Hälfte aber dennoch ab, wenn man mir diese harsche Wortwahl verzeiht (die aber auch zeigt, dass ich wirklich enttäusch war). Für ein breiteres Publikum ist „Mother!“ aber so oder so nicht unbedingt geeignet, würde ich sagen. Wer gern mal einen etwas anderen Film sehen möchte, kann jedoch definitiv einen Blick riskieren.

Gesamteindruck: 4/7


Originaltitel: mother!
Regie:
Darren Aronofsky
Drehbuch: Darren Aronofsky
Jahr: 2017
Land: USA
Laufzeit: ca. 120 Minuten
Besetzung (Auswahl): Jennifer Lawrence, Javier Bardem, Michelle Pfeiffer, Ed Harris



MusikWelt: Hellfire Club

Edguy


Die Worte „Ladies and Gentlemen, welcome to the Freak Show!“ waren für mich immer ein Synonym für den beginnenden Niedergang der einst so großartigen Band Edguy. In der Rückschau umso mehr, anno 2004, als „Hellfire Club“ erschien, dachte ich zunächst noch an einen Ausrutscher. Dass es leider nicht mehr besser werden sollte, war damals natürlich niemandem bewusst – und schon gar nicht, dass man sich nur wenige Jahre später über ein Album, das wenigstens die Güte vorliegender Platte erreicht, freuen würde

Gesamteindruck: 4/7


Abwärtstrend.

Es ist schon merkwürdig: Als ich „Hellfire Club“ unlängst zum ersten Mal nach langer Zeit aufgelegt habe und eingangs zitierte Worte vernahm, hatte ich kein sonderlich gutes Gefühl. Dann ging die Musik los und schnell fragte ich mich, was ich damals eigentlich für ein Problem mit dem Album gehabt habe – nur, um wiederum wenige Minuten später feststellen zu müssen, dass der 7. Edguy-Longplayer mir als Ganzes tatsächlich nicht sonderlich schmeckt. Eine echte Achterbahnfahrt also? Naja, nicht wirklich – die Qualitäten von „Hellfire Club“ hat man nach den ersten zwei, drei Songs eigentlich gehört; der Rest der Platte fällt wahlweise unter „nett“ oder „generisch“ (a. k. a. „hab ich das nicht schon mal gehört?“).

Dennoch gibt es auch Positives zu berichten, denn die Jungs um Sänger, Kreativkopf und Ober-Spaßvogel Tobias Sammet steigen mit einem fulminanten Doppelschlag in das Album ein: „Mysteria“ ist exakt einer jener Klasse Songs, die die Hessen für eine gewisse Zeit zu einem der bekanntesten und erfolgreichsten Acts in ihrem Bereich gemacht haben. Stampfende Riffs treffen auf einen super-eingängigen Refrain, die Geschwindigkeit ist hoch, der Text leicht zu merken, der Gesang melodisch, kurz: Alles bewegt sich genau im von der Fanbase erwarteten und gewünschten Bereich. Gut, der beste derartige Song, den Edguy in ihrer Karriere geschrieben haben, mag „Mysteria“ vielleicht nicht sein, auszusetzen gibt es daran im Endeffekt aber dennoch wenig. Direkt darauf folgt der stärkste Track der Platte, der musikalisch im Kontrast zu seinem Vorgänger steht und wohl auch auf einer Avantasia-LP eine gute Figur gemacht hätte: „The Piper Never Dies“ ist eine wunderbar geschriebene Nummer, eine Halb-Ballade mit den schönsten Gesangslinien, die man sich vorstellen kann. Speziell dem Prä-Chorus („Come and fly away with me…“) kann man eigentlich nur das Prädikat „grandios“ verleihen. 10 Minuten dauert dieser Ritt, was für meinen Geschmack genau die richtige Länge ist.

Keine Glanztat.

Bis hierhin (und den nächsten Song, „We Don’t Need A Hero“ nehme ich auch noch mit) frage ich mich bei jedem neuerlichen Durchlauf, ob ich in Hinblick auf oben- bzw. untenstehende Gesamtwertung nicht zu streng zu den Mannen aus Fulda bin. Leider rückt das Gros der restlichen Tracks die Welt wieder gerade und führt Edguy geradewegs in jene Gefilde, aus denen sie sich bis heute nicht befreien konnten: In die absolute Belanglosigkeit. Es ist auch fast egal, welchen der weiteren Songs ich mir anhöre, denn keiner will mich auch nur annähernd begeistern. Im Endeffekt gib es mit „King of Fools“ und „Lavatory Love Machine“ überhaupt nur zwei Nummern, von denen man nicht nach 10 Minuten vergessen hat, wie sie klingen, was aber nicht darüber hinwegtäuschen sollte, dass auch diese Track nur ein Abklatsch alter Edguy-Herrlichkeit sind.

Als Beispiel für die Probleme, die ich mit dem Album habe, seien die Refrains von „Under the Moon“ und „Rise of the Morning Glory“ genannt: Beide kann man schnell mitsummen oder -singen, beide gehen gut ins Ohr – und beide sind dermaßen generisch, dass man das Gefühl hat, man würde eine Pop-Scheibe hören. Wobei sie eigentlich auch dazu nicht taugen, denn richtigen Ohrwurm-Charakter haben sie letzten Endes auch nicht. Ähnliches gilt übrigens auch für die beiden Balladen (die Vorliebe von Tobias Sammet für die Ohrenschmeichler kennt man mittlerweile ja, weshalb die Tatsache, dass zwei davon auf einem Album stehen, per se kein Aufreger mehr ist): Sowohl „Forever“ als auch „The Spirit Will Remain“ kann man getrost vergessen. Edguy haben auch in dieser Hinsicht in den Jahren vor „Hellfire Club“ deutlich besseres, interessanteres und – vor allem – emotionaleres Material veröffentlicht.

Fazit: Eine Empfehlung für „Hellfire Club“ kann ich maximal für die aussprechen, denen auch die folgenden Alben gefallen haben. Wobei auch das so eine Sache ist, denn letztendlich ist vorliegende Platte ein Zwischenschritt, der weder den einen noch den anderen Teil der Hörer:innenschaft so richtig zufriedenstellen dürfte. Für mich persönlich markiert das 7. Album der Fuldaer jenen Kurswechsel, der sie in einen Bereich geführt hat, in den ich nicht mitkommen mag. Vier Punkte gibt es dennoch, das aber vor allem aus heutiger Sicht und im Wissen um das, was später folgen sollte. Ich denke, anno 2004 habe ich „Hellfire Club“ als schlimmen Ausrutscher empfunden und wäre nicht so gnädig mit der Bewertung gewesen.

Gesamteindruck: 4/7 


NoTitelLängeNote
1Mysteria5:456/7
2The Piper Never Dies10:077/7
3We Don’t Need A Hero5:315/7
4Down to the Devil5:283/7
5King of Fools4:224/7
6Forever5:413/7
7Under the Moon5:052/7
8Lavatory Love Machine4:264/7
9Rise of the Morning Glory4:403/7
10Lucifer in Love0:322/7
11Navigator5:234/7
12The Spirit Will Remain4:132/7
1:01:13

Edguy auf “Hellfire Club” (2004, AFM Records):

  • Tobias Sammet − Vocals, Keyboards, Organ
  • Jens Ludwig − Lead Guitars, Backing Vocals
  • Dirk Sauer − Rhythm Guitars, Backing Vocals
  • Tobias Exxel − Bass, Backing Vocals
  • Felix Bohnke − Drums
Bild von: metal-archives.com

Anspieltipp 1: The Piper Never Dies
Anspieltipp 2: Mysteria

FilmWelt: Snowpiercer

„Snowpiercer“ (2013) habe ich bis in den April 2022 schlichtweg ignoriert. Weil es aber mittlerweile eine Serie gleichen Namens gibt, die überall gelobt wird, wollte ich den Film sehen, bevor ich dort einsteige. Und, was soll ich sagen: „Snowpiercer“ hat mich, der ich ohne Vorkenntnisse herangegangen bin, ziemlich überrascht. Das ist heutzutage schon mal ein großer Pluspunkt – aber auch unabhängig davon kann das Werk des späteren Oscar-Preisträgers Bong Joon-ho durchaus überzeugen.

Gesamteindruck: 5/7


Comichafte Züge.

Im Zusammenhang mit „Snowpiercer“ kann ich mich an die eine oder andere Vorschau im Kino oder Fernsehen erinnern. Die dürften zeitlich ungefähr mit den ersten Trailern zur Serie „The Last Ship“ (2014-2018) zusammengefallen sein – und es kam, wie es kommen musste: Ich heftete beide Franchises unter „das ist doch das Gleiche, nur mit verschiedenen Transportmitteln“ ab, ohne dass ich das eine oder das andere jemals gesehen hätte. Ziemlich kurzsichtig? Mag sein, jedenfalls war genau das der Grund, wieso ich keine großen Erwartungen an „Snowpiercer“ hatte, obwohl ich eigentlich ein Fan endzeitlicher Science Fiction bin.

Worum geht’s?
Um der Erderwärmung endlich Herr zu werden, wird im Jahr 2014 damit begonnen, chemische Kältemittel in die obere Atmosphäre einzubringen. Das Experiment gelingt grundsätzlich, allerdings sind die Folgen dramatisch: Eine neue Eiszeit vernichtet fast alles Leben auf dem Planeten. Nur rund 1.000 Menschen haben die Katastrophe überstanden und sind seitdem im Zug „Snowpiercer“ zusammengepfercht, der auf einem globalen Schienennetz seine Runden zieht. An Bord herrscht ein striktes Klassensystem: Je weiter hinten im Zug man sich befindet, desto weniger Rechte hat man. Das will sich eine Gruppe von Menschen nach Jahren des Elends in den hintersten Waggons nicht mehr bieten lassen…

Was ich vorab nicht wusste: „Snowpiercer“ basiert auf einer französischen Graphic Novel namens „Le Transperceneige“ (deutsch: „Schneekreuzer“), die 1982 erstmals erschienen ist. Das ist auch der Hauptgrund für meine Verblüffung, denn anhand der Trailer hatte ich vermutet, dass der Film zwar eine etwas merkwürdige Prämisse hätte, an sich aber durchaus realistisch oder zumindest glaubwürdig wäre. Relativ schnell merkt man allerdings, dass „Snowpiercer“ eine ganze Reihe von Konzepten verarbeitet, die eher an Fantasy als an die Standard-Post-Apokalypse erinnern. Dieser Aspekt des Films wurde, zumindest meiner Erinnerung nach, in den Trailern geschickt verborgen. Ob das Absicht war oder nicht – oder ob ich einfach nicht genau hingesehen habe, kann ich heute freilich nicht mehr nachvollziehen. Fakt ist jedenfalls, dass ich eine andere Art von Film erwartet habe.

In seinen Mitteln unterscheidet sich „Snowpiercer“ folgerichtig recht stark von herkömmlichen Dystopien: Ein kilometerlanger Zug, angetrieben durch „die Maschine“, eine Art Perpetuum mobile, rast über ein Schienennetz, das die ganze Erde umspannt. Anhalten kann und darf er nicht; braucht er auch nicht, denn er ist ein in sich geschlossenes, sich selbst erhaltendes und versorgendes System (beispielsweise gibt es einen Waggon, der aus einem riesigen Aquarium zur Fischzucht besteht). Das allein ist schon ein sehr fantasievolles Gedankenspiel – dazu kommen dann noch die unterschiedlichen Zwecken dienenden und entsprechend eingerichteten Wagen (z. B. die Schule, in der die Kinder Loblieder auf die Maschine und Zugführer Wilford singen) und die nicht minder skurrile Bevölkerung.

Ein Comic ohne Komik.

Nun darf man „Snowpiercer“ trotz teilweise grotesker Szenen nicht als seichten Action-Reißer oder gar Klamauk abtun. Im Gegenteil, Regisseur Joon-ho setzt die Überzeichnung, die Comics und Graphic Novels seit jeher auszeichnet, so ein, dass sein Film fast noch düsterer wirkt, als es bei einer realitätsnäheren Produktion eventuell der Fall gewesen wäre. „Snowpiercer“ ist übrigens nicht unbedingt humorvoll: Man lacht gelegentlich aufgrund übertriebener, karikaturhafter Darstellungen; Thema und Dialoge bieten hingegen kaum Gelegenheit zum Schmunzeln, wobei man schon auch allenthalben auf Zynismus und Ironie trifft.

Wo sich der Film hingegen wenig von quasi-realistischen Dystopien unterscheidet, ist seine Kritik an autoritären Systemen und Zweiklassengesellschaften. Ob es zur Äußerung derselben nun besser ist, sie realistisch zu verpacken oder nachgerade absurder Überzeichnung zu arbeiten, wage ich nicht zu entscheiden. „Snowpiercer“ macht jedenfalls letzteres, was dem Film einen ganz eigenen Charme verleiht, den man in dieser Art selten zu sehen bekommt. Und: Bong Joon-ho nutzt zusätzlich Elemente sowohl der westlichen als auch der fernöstlichen Filmkunst, was den Eindruck, hier etwas völlig Neuartiges zu sehen, noch verstärkt. Da vergisst man dann schon mal, dass die Story per se nicht so richtig originell scheint, wobei der Twist am Ende durchaus gelungen ist. Generell besteht der Film aber aus einer Aneinanderreihung von Szenen, die davon handeln, wie sich die Protagonisten langsam aber sicher durch einen Waggon nach dem anderen in Richtung Lokomotive vorarbeiten.

Abschließend noch ein Wort zu den Darsteller:innen: „Snowpiercer“ ist stark besetzt, wobei einmal mehr die Antagonist:innen hervorstechen: Tilda Swinton und Ed Harris spielen ganz ausgezeichnet – erstere als eine Art Innenministerin, die zynisch und arrogant versucht, die Ordnung im Zug aufrecht zu erhalten. Harris taucht hingegen erst gegen Ende des Films auf, macht seine Sache als charismatischer Zugchef aber sehr gut, sodass man als Zuseher:in letzten Endes nicht so richtig sicher ist, ob man ihm nun böse sein muss oder nicht. Den Helden des Films gibt Chris Evans, dem ich persönlich hier das Prädikat „solide“ verleihen würde.

Fazit: „Snowpiercer“ ist eine bedrückende, aber durchaus unterhaltsame Endzeit-Vision, deren Stärken vor allem im unkonventionellen Szenario und in den schön gestylten und choreografierten Action-Szenen liegen. Die Story ist – wenngleich mit einer durchaus wichtigen Botschaft versehen – eher Mittelmaß, das Ende empfand ich gar als überhastet und nicht ganz stimmig. Ansonsten kann ich den Film aber allen empfehlen, die ansatzweise etwas mit der leicht schrägen Prämisse anfangen können. Sie machen mit „Snowpiercer“ definitiv nichts falsch – und jetzt bin ich gespannt auf die Serie.

Gesamteindruck: 5/7


Originaltitel: Snowpiercer.
Regie:
Bong Joon-ho
Drehbuch: Bong Joon-ho, Kelly Masterson
Jahr: 2013
Land: Südkorea, USA, Frankreich, Tschechien
Laufzeit: ca. 130 Minuten
Besetzung (Auswahl): Chris Evans, Song Kang-ho, Ed Harris, John Hurt, Tilda Swinton, Jamie Bell



FilmWelt: The Batman

Ich meine, irgendwo gelesen zu haben, dass „The Batman“ (2022) mit (oder trotz) seiner Laufzeit von 3 Stunden wie ein überlanger Vorspann wirkt. Stimmt, irgendwie. Und doch ist der erneute Reboot, ausgerechnet mit dem als romantischen Vampir bekannt gewordenen Robert Pattinson in der Hauptrolle, deutlich besser, als diese Zuschreibung nahe legt. Warum das so ist und was die zweifellos vorhandenen Schwächen des Films sind, versuche ich im Folgenden herauszuarbeiten.

Gesamteindruck: 5/7


Gotham noir.

Bevor wir zum Film kommen, sei mir eine Frage gestattet: Was soll das mit diesen ständigen Remakes, Reboots, Sequels und Prequels eigentlich? Für mein Gefühl hat die Wiederverwertung bekannten Stoffs in den vergangenen 10 Jahren (ich schreibe diesen Text im April 2022) geradezu groteske Ausmaße angenommen. Als Freund halbwegs konsistenter und kanonischer Geschichten kann man das eigentlich nicht gut heißen – wobei ich gleichzeitig konstatieren muss, dass das in diesem Fall die einzig vernünftige Herangehensweise an das früh gescheiterte DC Extended Universe sein dürfte. Am besten ist also, man vergisst Gedanken wie Wie verhält sich dieser Batman zu jenem aus „Justice League“? Wie zum Joker von 2019? und betrachtet jeden dieser Filme vollkommen für sich.

Worum geht’s?
Gotham City ist ein von Korruption und mafiösen Strukturen durchsetzter Moloch. Weite Teile der Polizei stehen auf der Lohnliste brutaler Gangster, die dadurch praktisch freie Hand in der Stadt haben. Die wenigen Beamten, die nicht käuflich sind, haben hingegen keine Chance, dem Verbrechen Herr zu werden. Es gibt allerdings einen Mann, der versucht, für Ruhe und Ordnung zu sorgen – indem er als maskierter Rächer allein und außerhalb des Gesetzes gegen die Schurken antritt. Viel scheint sein Kampf nicht zu bringen – bis er eines Nachts eher zufällig beginnt, die größeren Zusammenhänge zu erkennen…

Zur Einordnung dieses Werkes, das den Auftakt einer weiteren Reihe über den Dunklen Ritter bilden soll, muss man kurz auf bisherige Filme zu diesem Thema referenzieren: Meiner Ansicht nach steht dieser „The Batman“ in der Tradition der Filme von Tim Burton („Batman“, 1989 und „Batmans Rückkehr“, 1992), in denen Michael Keaton die Titelrolle inne hatte. Denn im Gegensatz zur Nolan’schen „The Dark Knight“-Trilogie (2005-2012, mit Christian Bale) lernen wir die Fledermaus diesmal als fertigen Rächer kennen. Über seine Jugend erfahren wir kaum etwas, das über Andeutungen hinausgeht, wie er zu seiner Ausrüstung gekommen ist und zu kämpfen gelernt hat, wird bestenfalls angerissen. Der (Anti-)Held ist hier ein gegebener Faktor in Gotham City – ganz so, wie er es in den alten Filmen und Serien war.

Und doch unterscheidet sich unser Mann von seinen frühen Inkarnationen – denn noch nie war Batman derart düster und ernst, wie ihn Matt Reeves inszeniert hat. Das hat wohl auch damit zu tun, dass die Zeiten, in denen ein Held ohne Persönlichkeit, vor allem aber ohne Tragik, auskommen musste, längst passé sind. Das war bereits an Nolans Filmen deutlich zu erkennen, „The Batman“ setzt noch zwei drauf: Einerseits suchen Regenmenge und Finsternis in Gotham City ihresgleichen, andererseits ist das Herz der Titelfigur so düster wie die Stadt selbst. „The Batman“ ist völlig humorlos, mehr noch als Christopher Nolan es seiner Trilogie zugestanden hat, die immerhin ein paar witzige One-Liner von Heath Ledger zu bieten hatte. Hier kann ich mich hingegen an keinen Moment erinnern, in dem sich der Hauptdarsteller auch nur der Anflug eines Lächelns abringt. Das betrifft übrigens auch die anderen Figuren: Wenn mal gelacht wird, dann wahlweise bitter oder verrückt, nie jedoch humorvoll.

Nicht falsch verstehen: Batman ist per se ein düsterer Held. Aber dieser Film erreicht eine Trostlosigkeit und eine Stimmung, die ich mir im Superhelden-Genre so nicht hätte vorstellen können. Dazu tragen verschiedene Faktoren bei: „The Batman“ spielt praktisch nur nachts, in Gotham City regnet es, wie erwähnt, fast immer in Strömen, generell wirkt die Stadt wie in Lethargie und Angst versunken. Und auch der Soundtrack sollte nicht vergessen werden, weil er die Atmosphäre noch verstärkt. Es gibt aber eine Sache, die ganz besonders aufs Gemüt schlägt: Die Darstellung des Mannes, der sich die Nächte als Rächer im Fledermauskostüm um die Ohren schlägt. Bruce Wayne ist hier eine Figur, die ihrem alter ego in Sachen Bitterkeit in nichts nachsteht. Seinen Reichtum, der ihm überhaupt erst die Möglichkeit gibt, auf Verbrecherjagd zu gehen, sieht man ihm – im Gegensatz zu seinen bisherigen Inkarnationen – überhaupt nicht an. Überhaupt scheint im das Geld völlig egal zu sein, er wagt sich auch als Bruce Wayne kaum in die Öffentlichkeit – und nicht einmal die bisher immer so unerschütterliche Beziehung zu seinem Butler/väterlichen Freund Alfred Pennyworth, gespielt von Andy Serkis (!), ist frei von Problemen.

Die erwähnten Punkte machen „The Batman“ nicht gerade zu einem leicht verdaulichen Werk. Dennoch hat mir die Atmosphäre des Films ausgesprochen gut gefallen, weil dadurch einem altbekannten Thema tatsächlich noch einmal eigenständiges Leben eingehaucht wird. An dieser Stelle sei noch eine Sache erwähnt, die vielleicht nicht jedem Publikum schmeckt: Der Film ist sehr „trocken“, vor allem was seine Figuren betrifft. Heißt: Sieht man von einem Fledermauskostüm ab, sind alle Charaktere wahnsinnig realistisch und haben nichts vom bunten und absurden Comic-Look früherer Werke. Das ist hochinteressant und rückt den Film in eine ganz andere Richtung, als man es bei diesem doch sehr plakativen Titel erwarten würde (gleiches galt meines Erachtens schon für „Joker“).

Charaktere und Story überzeugen nicht voll.

Allerdings – ich habe es ja eingangs angedeutet – heißt all das nicht, dass „The Batman“ ohne Schwächen daherkommt. Zwei Dinge fallen besonders ins Auge: Erstens fand ich abgesehen von der Titelfigur keinen Charakter sonderlich überzeugend, am ehesten konnte noch Jeffrey Wright als ehrenwerter Polizist Jim Gordon punkten. Beim Rest des Casts hatte ich das Gefühl, dass die Rollen hinter Batman und dem quasi-Bösewicht, der Gotham City selbst ist, zurückstehen mussten. Mit Zoë Kravitz ist zwar eine grundsätzlich gute Besetzung der Catwoman gelungen, andererseits hat mich dieser Charakter fast gar nicht berührt – zu sehr auf Action getrimmt und mit zu wenig Tiefgang kommt mir die Katzenfrau hier daher. Schade auch, dass die Schurken nicht punkten können – was aber wohl schwer war, wenn Batman selbst ein dermaßen ambivalenter Charakter ist wie hier. Paul Dano spielt den Hauptantagonisten Riddler und hat das Problem, dass er bis zum Ende sein Gesicht nicht zeigen darf. Der Gedanke war wohl, das durch die üblichen Rätsel und die verrückte-bedrohliche Stimme zu kompensieren. Während letzteres passabel geglückt ist, fand ich die Rätsel, immerhin die Stärke dieses vermeintlichen Bösewichts, viel zu unspektakulär und langweilig. Im Finale kann Dano dann zwar einigermaßen zeigen, was in ihm steckt, das entschädigt aber nicht für die Stunden davor. Die zwei anderen Schurken im Bund sind übrigens ein Mafia-Boss, der letzten Endes jedem Klischee entspricht – und der Pinguin, ebenfalls ein Mafioso, bei dem ich mir auch deutlich mehr Tiefgang gewünscht hätte. Mal sehen, ob in weiteren Filmen noch etwas dazu kommt – denn eigentlich haben wir hier mit Riddler, Catwoman, Pinguin und – ganz als letzten Auftritt – den Joker, die gesamte Herrlichkeit der wichtigsten Batman-Antagonisten versammelt.

Der zweite Kritikpunkt ist die Handlung, die – gelinde gesagt – ziemlich dünn und belanglos ist. Dass mir die erzählte Geschichte nicht so recht gefallen will, passiert mir bei den Superhelden-Filmen der vergangenen Jahre relativ häufig. Im Falle von „The Batman“ ist es nicht anders: Unsere Lieblingsfledermaus legt sich mit einigen Schurken an, meist im durchaus gut inszenierten und choreografierten Faustkampf. Ansonsten beklagt man die Schlechtheit der Welt und versucht, dagegen vorzugehen. Die Polizisten sind korrupt, die Bösewichte gemein, der Riddler spricht in Rätseln usw. Ich weiß ehrlich gesagt nicht so recht, was ich dazu sagen soll: All das ist durchaus solide, aber im Endeffekt wenig spektakulär oder gar tiefgründig.

Fazit: Trotz allem ansehen!

Paradoxerweise kann ich mich an kaum einen Film, zumal mit einer solchen Mammutspielzeit, erinnern, an dem mich die zwar solide, aber kaum nennenswerte Handlung (gleiches gilt für das Gros der Charaktere) so wenig gestört hat. „The Batman“ hat seine Stärken woanders: In den atmosphärischen Bildern und in der nachdenklich-griesgrämigen Hauptfigur. Beides ist dermaßen stark umgesetzt, dass ich dem Film trotz der genannten Schwächen eine hohe Wertung gebe – denn eines ist nicht wegzudiskutieren: „The Batman“ hat mich mit seiner Wucht über die volle Laufzeit gefesselt und nie richtig gelangweilt. Dass habe ich auch daran gemerkt, dass mir erst nach Verlassen des Kinos aufgefallen ist, dass mir der Film ja gar keine so beeindruckende Geschichte erzählt hat. Er endet ja auch nicht mit einem Sieg für den Helden – sondern einfach mittendrin, was den eingangs erwähnten Eindruck eines überlangen Vorspanns noch verstärkt.

Nun, ich bin tatsächlich etwas sprachlos, wenn ich meine Kritikpunkte mit untenstehender Wertung vergleiche. Und doch: Jede:r der/die mit dem dunklen Ritter etwas anfangen kann, sollte sich „The Batman“ unbedingt ansehen. Dermaßen film noir war Batman noch nie – und jetzt bin ich wirklich gespannt auf die Fortsetzung.

Gesamteindruck: 5/7


Originaltitel: The Batman.
Regie:
Matt Reeves
Drehbuch: Matt Reeves, Peter Craig
Jahr: 2022
Land: USA
Laufzeit: ca. 180 Minuten
Besetzung (Auswahl): Robert Pattinson, Zoë Kravitz, Jeffrey Wright, Paul Dano, Colin Farrell, Andy Serkis



FilmWelt: A. I. Rising

Die Fragen nach Wesen und Möglichkeiten künstlicher Intelligenz waren früher der Science Fiction vorbehalten. Heute ist das anders: Die ungelenken Droiden aus „Star Wars“ scheinen wirken fast schon rückständig und selbst Data aus „Star Trek: The Next Generation“ scheint bald von der Wirklichkeit überholt zu werden. „A. I. Rising“ (2018) stellt folgerichtig eine Maschine in den Mittelpunkt, die vor nicht allzu langer Zeit noch nicht denkbar gewesen wäre, heute aber nicht mehr so weit von der technischen Machbarkeit entfernt scheint.

Gesamteindruck: 3/7


Befreiung einer Sklavin.

Auch wenn es derzeit noch nicht ganz mit intelligenten (im Sinne von selbständig denkenden) Maschinen funktioniert, ist es absehbar, dass die Entwicklung eines maschinellen Bewusstseins so fern nicht mehr ist. Die Fragestellung für die weitere Zukunft muss also einen Schritt weitergehen und sich beispielsweise mit der Möglichkeit auseinandersetzen, intelligente Roboter mit Emotionen auszustatten. Doch was ist eine Maschine mit Intelligenz und Emotionen? Ist das überhaupt noch ein Roboter? Oder ist es eine Art Mensch? Ist die Erschaffung derartiger Wesen überhaupt erstrebenswert? Und wie werden wir, die wir Maschinen nur als mechanische Diener nutzen, mit ihnen umgehen? Derartige Fragen harren mittlerweile tatsächlich auch außerhalb der Science Fiction ihrer Beantwortung. „A. I. Rising“ versucht sich an diesem überaus komplexen Thema.

Worum geht’s?
Im Jahr 2148 sind die Ressourcen der Erde bis in den letzten Winkel ausgebeutet. Die Hoffnung der Menschheit liegt bei den Sternen – und dorthin, genauer nach Alpha Centauri, startet als Pionier der Kosmonaut Milutin. Damit seine Psyche auf der langen Reise keinen Schaden nimmt, wird ihm die Androidin Nimani zur Seite gestellt. Verschiedene Verhaltensmuster, aus denen frei gewählt werden kann, sollen in jeder Hinsicht für Zerstreuung sorgen. Allerdings reicht es dem einsamen Kosmonauten bald nicht mehr aus, nur vorgefertigte Programme abzuspulen…

Dass Pornodarstellerin Stoya eine der beiden Hauptrollen in „A. I. Rising“ spielt, mag Kalkül gewesen sein – zumindest ist aber davon auszugehen, dass ihr doch recht bekannter Name die Zielgruppe für den Film erweitert hat. Und tatsächlich wird niemand, der/die angesichts dieser Besetzung auf viel nackte Haut hofft, enttäuscht: Stoya verbringt – ohne dass ich es gestoppt hätte – mehr als die Hälfte ihrer Screentime unbekleidet. Und ja, um auch das gleich abzufrühstücken: Man bekommt Sexszenen zu sehen, Softcore natürlich, aber definitiv expliziter, als es in einem Film aus Hollywood vermutlich der Fall gewesen wäre.

Wer nun denkt, dass die Freizügigkeit der Hauptdarstellerin nur Mittel zum Zweck wäre, täuscht sich meiner Meinung nach jedoch. Denn auch, wenn es schwer fällt, muss man speziell als Mann zugeben, dass die Art, wie Nimani und Milutin die Reise verbringen, in weiten Teilen durchaus realistisch anmutet. Mit anderen Worten: Es hätte zwar vermutlich auch mit weniger nackter Haut funktioniert, jedoch wird gerade dadurch die bedrückende Atmosphäre von „A. I. Rising“ zusätzlich verstärkt – denn freudvoll und leidenschaftlich ist es nicht, was sich zwischen den Charakteren abspielt.

Besser gespielt als vermutet.

Freilich ist die Atmosphäre von „A. I. Rising“ vor allem der Optik in Zusammenspiel mit dem Soundtrack geschuldet. Aber, und das kann man nicht genug betonen: Die Leistung von Stoya trägt viel mehr dazu bei, als das Standard-Vorurteil gegenüber ihrem Brotberuf vermuten lässt. Einerseits erfordert es die Rolle der Androidin, eine Balance zwischen kalter Technik und menschlicher Wärme zu finden – denn genau das ist es ja, das derartige Roboter so unheimlich macht. Ich weiß nicht, ob sich eine Stoya anhand ihrer zum Teil sehr schwierigen Erfahrungen in der Pornoindustrie leichter damit tut; Tatsache ist aber, dass sie die distanzierte Maschine, die Gefühle nur auf Knopfdruck zeigt, sehr gekonnt portraitiert. Andererseits hilft ihr dabei meines Erachtens ihr Aussehen, dem die Attribute fehlen, die man landläufig bei einer Pornoqueen vermutet. Dadurch ist ihre Rolle optisch näher an einem natürlichen, menschlichen Erscheinungsbild und hat nichts von der automatisierten Sexpuppe, was die Unterscheidung zwischen Mensch und Maschine stark verschwimmen lässt. Fazit: Chapeau Stoya, wirklich gut gemacht!

Hauptdarsteller Sebastian Cavazza muss im Vergleich zu seiner zerbrechlich wirkenden Partnerin einen Charakter darstellen, der wenig Sympathisches an sich hat. Er ist ausgesprochen verschlossen und zeigt im Verlauf des Filmes immer widerwärtigere Verhaltensweisen. Das geht so weit, dass man auch zum Schluss hin, als man eigentlich das Gefühl hat, man müsse sich mit beiden Figuren identifizieren, keine Chance mehr hat, einen Zugang zu ihm zu finden. Ob das so beabsichtigt war, weiß ich nicht – ich denke aber, dass man das durchaus so machen kann, auch wenn der Film dadurch im Nachgang noch einmal düsterer wirkt, als während des ohnehin völlig humorlosen Verlaufs.

Nicht zu Ende gedacht.

All das klingt eigentlich vielversprechend und wird, wie angedeutet, in überzeugender Optik dargestellt (wer z. B. „Sunshine“, 2007, kennt, weiß ungefähr, wie „A. I. Rising“ aussieht). Dass mich der Film dennoch nicht überzeugen konnte, liegt einmal mehr am Drehbuch. Dabei ist die Prämisse eigentlich sehr interessant, wie an den von mir weiter oben aufgeworfenen Fragestellungen deutlich geworden sein mag. Nur macht „A. I. Rising“ zu wenig daraus, indem er sich voll und und ganz auf die problematische Liebesbeziehung zwischen Nimani und Milutin fokussiert. Und die ist, mit Verlaub, wenig spannend, weil vorhersehbar.

Einige Ansätze, die es wert gewesen wären, erkundet zu werden, sind ja vorhanden: So beginnt der Film beispielsweise mit dem starken Bild, dass der Kapitalismus die Erde komplett ausgebeutet hätte. Abgelöst wurde er offenbar durch ein sozialistisches Regime – was für die Handlung allerdings überhaupt keine Rolle spielt. Muss es auch nicht, aber dann wäre es besser gewesen, diese Tatsache ganz wegzulassen. Das vor allem auch, weil ein Raumschiff und eine Androidin, die Eigentum eines Großkonzerns sind, überhaupt nicht in meine Vorstellung eines sozialistischen Staates passen wollen…

Ein anderes Problem, an dem ich mich sogar noch mehr gestört habe: „A. I. Rising“ deutet technische Aspekte an, lässt sie dann aber völlig offen. Beispielsweise erfährt man nicht, wie lange die Reise nach Alpha Centauri dauern und welche Technologie sie überhaupt ermöglicht. Das hätte ich wichtig gefunden, um einschätzen zu können, wie lange sich die beiden Figuren überhaupt miteinander beschäftigen können und müssen – immerhin ist Alpha Centauri so weit weg, dass der Flug nach heutigen Maßstäben nicht in der Lebenszeit eines Menschen möglich sein kann. Die Bilder legen übrigens nahe, dass die Situation noch in unserem Sonnensystem völlig eskaliert, was die Frage aufwirft, wie man jemals hatte davon ausgehen können, dass ein Trip über mehr als vier Lichtjahre physisch und psychisch möglich wäre.

Es ist aber auch nicht erklärt, wie die Androidin eigentlich funktioniert bzw. welcher technische Fortschritt die Implementierung von Intelligenz und Emotionen ermöglicht hat. Der Film konzentriert sich fast völlig auf die Versuche des Kosmonauten, die Sicherheitsvorrichtungen zu überwinden und dadurch – wenn man so will – die Sklavin endgültig zu befreien. Auch hier: Man muss das nicht zwangsweise mit Technobabble erklären, sollte dann aber zumindest stärker auf die ethischen Implikationen, die sich daraus ergeben, eingehen. Leider passiert das nicht, im Gegenteil, die Dialoge sind ganz und gar nicht dazu angetan, das philosophische Dilemma dieser Situation zu adressieren.

Fazit: Meines Erachtens wäre eines von beiden notwendig gewesen, um „A. I. Rising“ zu einem wirklich guten Film zu machen: Mehr Technik oder mehr Philosophie. Beides kommt viel zu kurz, das Hauptaugenmerk liegt darauf, uns zu erklären, dass man auch eine Maschine nicht schlecht behandeln darf. Zumindest dann nicht, wenn die Möglichkeit besteht, dass sie dabei tatsächlich etwas empfinden könnte, das über die reine Simulation von Emotionen hinausgeht. Diese Lektion zu erteilen, schafft „A. I. Rising“ auch, bleibt dabei aber so oberflächlich, dass ich mich letzten Endes trotz guter Ansätze zu keiner besseren Wertung aufraffen kann. Symptomatisch, dass mein persönliches Highlight des Films der Hinweis auf die bereits 1942 von Isaac Asimov formulierten Robotergesetze ist – auch hier, ohne dass das dahinterliegende Konzept ausführlich behandelt wird.

Gesamteindruck: 3/7


Originaltitel: A. I. Rising.
Regie:
Lazar Bodroza
Drehbuch: Dimitrije Vojnov
Jahr: 2018
Land: Serbien
Laufzeit: ca. 85 Minuten
Besetzung (Auswahl): Sebastian Cavazza, Stoya, Marusa Majer



FilmWelt: Resident Evil

Den Namen „Resident Evil“ verbindet der/die passionierte Gamer:in zunächst mit der gleichnamigen japanischen Videospielreihe, die dem Genre des Survival Horrors zu weltweitem Durchbruch verholfen hat. Ich selbst kenne die Spieleserie allerdings nur dem Vernehmen nach, was wohl damit zu tun hat, dass ich nicht sonderlich Konsolen-affin bin und „Resident Evil“ anfangs vor allem dort groß war. Entsprechend gering die Vorkenntnisse, mit denen ich an den ersten Realfilm von 2002 herangegangen bin.

Gesamteindruck: 3/7


Zombies in der Tiefe.

Bevor wir zum Film kommen, sei erwähnt, dass sich die Marke „Resident Evil“ als ausgesprochen langlebig erwiesen hat und ferner eines der erfolgreichsten Beispiele für ein Franchise ist, das sich weit über seine Ursprungsplattform ausdehnen konnte. So gibt es allein in der Hauptreihe bis dato zehn Spiele (das zum Zeitpunkt dieser Rezension aktuellste stammt aus 2021), dazu diverse Remakes und Ableger. Weiters wurden unzählige Romane, Comics und Animationsfilme veröffentlicht – und, zwischen 2002 und 2016, eben auch sechs Realfilme. Ein Ende des Hypes ist derzeit nicht absehbar, 2021 startete z. B. mit „Resident Evil: Welcome to Raccoon City“ ein filmisches Reboot.

Worum geht’s?
Kurz nachdem Alice ohne sich an irgend etwa erinnern zu können in einer leeren Villa zu sich kommt, wird das Haus von einer Spezialeinheit gestürmt. Die Soldat:innen nehmen die junge Frau mit in den Hive, einen unterirdischen Forschungskomplex, in dem ein gefährliches Virus freigesetzt wurde. Die Aufgabe der Sicherheitskräfte: Den Zentralcomputer, der die Anlage abgeriegelt hat und außer Kontrolle geraten ist, zu deaktivieren…

Vorliegender Film dürfte der Startschuss gewesen sein, mit „Resident Evil“ einen internationalen Massenmarkt zu erobern. Diesen Versuch kann man nur als gelungen bezeichnen: Allein Teil 1 spielte weltweit über 100 Millionen Dollar ein (bei Kosten von rund 30 Millionen). Eine respektable Leistung, die von den Nachfolgern nochmals in den Schatten gestellt wurde, sodass die Serie als Ganzes weltweit fast 1,3 Milliarden (!) Dollar eingespielt hat. Diese Summe ist per se schon astronomisch – dass sie aber von Filmen, die auf Computerspielen basieren, erwirtschaftet wurde, ist alles andere als alltäglich.

Der Erfolg gibt den Verantwortlichen, allen voran Paul W. S. Anderson, der alle Drehbücher geschrieben und mit zwei Ausnahmen auch immer am Regiestuhl Platz genommen hat, also recht. Und ich will auch nicht bestreiten, dass „Resident Evil“ einiges richtig macht – so richtig vermag ich die Begeisterung jedoch nicht zu teilen. Ich frage mich übrigens, ob Fans der Spiele den Film generell anders (besser? schlechter?) wahrnehmen als Zuschauer:innen, die keine Ahnung von den Games haben. Bzw. ob letztere überhaupt einen nennenswerten Anteil am Publikum haben – das aber nur am Rande.

Ein passabler Vertreter seiner Zunft.

Fangen wir mit dem Positiven an: „Resident Evil“ dürfte tatsächlich eine der besten Spielverfilmungen sein, die es bis dato gibt – wer sehen möchte, was in der Hinsicht normalerweise abgeliefert wird, kann sich z. B. „Mortal Kombat“ (1995, ausgerechnet von Paul Anderson inszeniert, kommerziell allerdings ähnlich erfolgreich wie „Resident Evil“), „Double Dragon“ (1994), „Wing Commander“ (1999) oder – besonders übel – „Alone in the Dark“ (2005) geben. Im Falle von „Resident Evil“ hat es der Regisseur – im Gegensatz zu den genannten und einigen anderen Filmen – zumindest verstanden, die Atmosphäre der Vorlage zu konservieren. Speziell hervorheben möchte ich in diesem Zusammenhang Optik, Schnitt und Soundtrack, die zusammengenommen dem Gefühl eines Videospiels sehr nahe kommen. Und, auch wichtig: „Resident Evil“ funktioniert grundsätzlich auch dann, wenn der Film völlig isoliert von der Spielreihe betrachtet wird, Vorkenntnisse sind also nicht notwendig, um zu verstehen, was im Hive passiert.

Man könnte nun ganze Abhandlungen über die Schwierigkeiten schreiben, die die Umsetzung von Inhalten für verschiedene Medien mit sich bringt. Im Falle der Konvertierung eines Spiels in einem Film würde ich zusammenfassend meinen, dass es meist die Story ist, an der es sich spießt (die Kosten für Spezialeffekte dürften heute keine so große Rolle mehr spielen). Der Grund sollte einleuchten, auch wenn man noch nie ein Spiel in der Hand gehabt hat: Games sind immer interaktiv, d. h. man muss selbst etwas tun, um die Story voranzutreiben. Dabei ist nicht selten der Weg, auf dem diverse Aufgaben zu erfüllen sind, das Ziel. In einem Film sieht man hingegen passiv zu, wie hoffentlich interessante Charaktere etwas tun – entsprechend anders muss die Gewichtung unterschiedlicher Faktoren sein.

In Levels gedacht.

„Resident Evil“ ist in meiner Wahrnehmung großteils wie ein Spiel aufgebaut. Und nein, das ist nichts Gutes, jedenfalls nicht für einen Film. Ein Beispiel: Die Story, die der Film erzählt, mag für ein Spiel, in dem man sie selbst vorantreibt, reichen, weil dort der Fokus in der Regel ein anderer ist. Hier ist sie ärgerlich, weil wahlweise nebensächlich oder vorhersehbar. Oder: Der Aufbau der Forschungsanlage „Hive“ entbehrt jeder Logik, man kann sich nicht vorstellen, dass dort normalerweise Wissenschaftler:innen arbeiten. Der Komplex scheint nur dem Zweck zu dienen, es den Charakteren schwer zu machen, ihn zu durchqueren. Ganz ähnlich ist es mit den Problemen, die dabei zu lösen sind, denn die erinnern in ihrem fast schon modularen Aufbau an die Aufgaben, die man in einem linearen Shooter hat. Zusammengenommen macht all das „Resident Evil“ zu einem überaus schlichten, stellenweise arg berechenbaren Action-Reißer. Mehr will er vermutlich auch nicht sein, dennoch hat mich die gnadenlose Einfachheit des Films ziemlich ratlos hinterlassen. Oder, anders gesagt: Das hier mag einer der besten Versuche sein, ein Computerspiel auf die Leinwand zu bringen – zu einem guten Film wird „Resident Evil“ dadurch aber nicht.

Das größte Problem ist, dass der Film abseits seiner stimmungsvollen Optik und durchgehendem Geballer praktisch nichts zu bieten hat – das allerdings sind Dinge, an denen man sich sehr schnell sattgesehen hat, weil die Varianz fehlt. Eine spannende Geschichte und Charaktere, die mehr sind als bloße Stichwortgeber sucht man hingegen vergeblich. Wie gesagt, man darf von einem Actioner keine philosophische Tiefgründigkeit erwarten – aber das, was die Figuren in diesem Film von sich geben, ist einfach nur dümmlich, jedoch nicht auf die lustige Art: Eigentlich ist „Resident Evil“ komplett humorlos, unfreiwillig komisch sind allerdings die markigen Sprüche der bemüht coolen Eingreiftruppe. Sieht man davon ab, bleibt die Riege der Schauspieler:innen aber völlig blass, speziell die männlichen Figuren.

Milla Superstar?

Glänzen, wenn man das denn so nennen möchte, kann vor allem Hauptdarstellerin Milla Jovovich, die man vorher eigentlich nur aus „Das fünfte Element“ (1997) kannte. Die Rolle der „Alice“ sollte die Karriere der Schauspielerin für die nächsten knapp 15 Jahre prägen; ich wage nicht zu beurteilen, ob die „Resident Evil“-Reihe Fluch oder Segen für ihre weiteren Hollywood-Ambitionen war. Fakt ist jedenfalls, dass Jovovich ihre Sache in vorliegendem Film ganz gut macht. Die Entwicklung ihres Charakters erinnert allerdings stark an die, den sie in „Das fünfte Element“ auch schon gezeigt hat: Vom zerbrechlich wirkenden Mädchen mit Gedächtnislücken hin zu immer mehr Selbstbewusstsein.

Abschließend und der Vollständigkeit halber noch ein paar Fragen, über die man nicht nachdenken sollte, wenn man „Resident Evil“ genießen möchte: Warum wird ein gefesselter Gefangener zu einer so gefährlichen Operation mitgenommen? Warum erklärt das Computerprogramm den „Eindringlingen“ bereitwillig, was sich zugetragen hat? Wieso vertraut die Truppe eben jenem Computer, der sie vorher noch beseitigen wollte? Nunja, ich habe es ja mehrfach angedeutet: Vielleicht ist es besser, einfach das Hirn auszuschalten und den Film als das zu sehen, was er ist: Ein Action-Streifen mit Horror- und Science Fiction-Elementen, der schnell, laut und ab und an etwas düster ist. Nicht mehr, aber auch nicht weniger und bei weitem nicht so schlimm wie vieles, das ähnlich aufgebaut ist. Ich glaube, 3 von 7 Punkten sind dafür gerechtfertigt.

Gesamteindruck: 3/7


Originaltitel: Resident Evil.
Regie:
Paul W. S. Anderson
Drehbuch: Paul W. S. Anderson
Jahr: 2002
Land: Deutschland, Großbritannien
Laufzeit: ca. 100 Minuten
Besetzung (Auswahl): Milla Jovovich, Michelle Rodríguez, Eric Mabius, James Purefoy, Martin Crewes



MusikWelt: Mandrake

Edguy


Für mein Dafürhalten befand sich Tobias Sammet anno 2001 auf dem Höhepunkt seines Schaffens: Kurz nach dem hervorragenden Debüt von Avantasia kam in jenem Jahr mit „Mandrake“ das fünfte – und für mich bis dato letzte unumstritten gute – Album von Edguy in die Läden. Beides konnte man damals Allen, die auch nur ansatzweise etwas mit Power Metal anfangen konnten, bedenkenlos empfehlen. Danach ging es – speziell für Edguy – zuerst langsam, dann leider immer schneller bergab.

Gesamteindruck: 6/7


Rundum gelungen.

Ein bisschen muss ich meine recht harsche Einleitung revidieren: „Mandrake“ und der Avantasia-Erstling „The Metal Opera“ stellen zwar für mich den Zenit in der Karriere von Tobias Sammet dar. Er selbst – und auch jener Teil des Publikums, der es gern etwas rockiger mag – werden das freilich anders sehen. Gerade bei Avantasia wurden die Kompositionen in der Folge deutlich komplexer und anspruchsvoller, was für die stetige Weiterentwicklung des Künstlers sprechen mag. Nur nutzt das alles nichts: Ich wollte Edguy immer so hören, wie sie bis inklusive „Mandrake“ geklungen haben. Dessen Nachfolger „Hellfire Club“ (2004) empfand ich damals übrigens als Ausrutscher, nicht wissend, wie sehr ich mich über den Folgejahren über ein Album jener Güte gefreut hätte. Aber ich schweife ab…

„Mandrake“ zeigt Edguy in einer Phase, in der der zweifelhafte Humor, der später einen immer größeren Anteil im Schaffen der Band ausmachen sollte, fast völlig außen vor bleibt. Einziger Hinweis auf die zukünftige Ausrichtung als Kasper-Truppe ist das unverdächtig betitelte „Save Us Now“. Das soll wohl eine Hommage an die Künste von Schlagzeuger Felix „Bum Bum“ Bohnke darstellen, zumindest interpretiere ich den Text über das „Highspeed Alien Drum Bunny“ so. Über die Lyrics kann man getrost geteilter Meinung sein, sie gar peinlich finden (was ich für übertrieben halte, so schlimm sind sie nicht), Fakt ist aber, dass der Song musikalisch über jeden Zweifel erhaben ist. Zumindest dann, wenn man sich nicht grundsätzlich an einer schnellen, super-eingängigen Nummer stört, deren Refrain man nach zweimal hören problemlos mitschmettern kann.

Große Hymnen allenthalben.

Musikalisch ist „Save Us Now“ nicht der einzige Song, der für den klassischen Edguy-Fan eine Kaufempfehlung in Reinkultur ist. Es wäre meiner Ansicht nach müßig, hier Track für Track durchzugehen, es reiht sich tatsächlich ein Highlight an das nächste; meine persönlichen Favoriten möchte ich dennoch kurz erwähnen: „Tears of a Mandrake“ als großartiger Opener mit unwiderstehlichem Refrain, das lange und titelgemäß leicht orientalisch angehauchte „The Pharao“ (ich liebe den Zwischenteil, der so oder so ähnlich auch von Avantasia sein könnte), der Vintage-Edguy-Track „Painting on the Wall“ sowie einer meiner Alltime-Faves der Fuldaer, „Fallen Angels“ mit einer teilweise sehr aggressiven Gesangsleistung von Meister Sammet. Im Haben sind aber auch fast alle anderen Songs zu verbuchen – übrigens glaube ich, dass das Gekreische im lässig riffenden „Nailed to the Wheel“ eine Ursache für die späteren Stimmprobleme des Sangeswunders gewesen sein könnte.

Eigentlich gibt es nur zwei Nummern, die ich nicht so richtig goutiere: Das finale „The Devil and the Savant“ scheint mir rückblickend einer der ersten Songs in der Edguy-Chronologie zu sein, die zeigen, dass die typische Formel der Hessen vielleicht doch nicht so unverwüstlich ist und mit Abnutzungserscheinungen zu rechnen ist. Prädikat: „Eh ganz nett aber gefühlt schon x-mal gehört“. Noch weniger warm werde ich aber mit der Pflichtballade, die auf den Namen „Wash Away the Poison“ hört und mir vor allem eines zeigt: Edguy haben auch in Sachen Herzschmerz den Bogen überspannt und längst alles gesagt, was es dazu zu sagen gibt. Ein klassischer Fall für die Skip-Taste also – dabei technisch aber durchaus passabel und gewohnt fehlerfrei umgesetzt. Uninspiriert und langweilig ist die Nummer halt dennoch; bei mir erweckt sie den Eindruck, nur auf dem Album zu sein, weil es keine Power Metal-Platte ohne einen derartigen Track geben kann und darf.

Von diesen Kleinigkeiten abgesehen: Volle Kaufempfehlung, wer Power Metal mag, macht mit „Mandrake“ definitiv nichts falsch und erhält einen bunten Strauß an eingängigen, schnellen und stellenweise richtiggehend epischen Hymnen. Zwar sind „Vain Glory Opera“ (1998) und „Theater of Salvation“ (1999) noch ein klitzekleines Bisschen besser, aber einer der stärksten Versuche von Edguy ist vorliegende Platte allemal.

Gesamteindruck: 6/7 


NoTitelLängeNote
1Tears of a Mandrake7:117/7
2Golden Dawn6:085/7
3Jerusalem5:276/7
4All the Clowns4:496/7
5Nailed to the Wheel5:415/7
6The Pharao10:377/7
7Wash Away the Poison4:403/7
8Fallen Angels5:157/7
9Painting on the Wall5:157/7
10Save Us Now4:376/7
11The Devil and the Savant5:264/7
1:04:29

Edguy auf “Mandrake” (2001, AFM Records):

  • Tobias Sammet − Vocals, Keyboards, Organ
  • Jens Ludwig − Lead Guitars, Backing Vocals
  • Dirk Sauer − Rhythm Guitars, Backing Vocals
  • Tobias Exxel − Bass, Backing Vocals
  • Felix Bohnke − Drums
Bild von: metal-archives.com

Anspieltipp 1: Fallen Angels
Anspieltipp 2: Painting on the Wall

FilmWelt: Go Trabi Go

Es kann durchaus lohnend sein, sich als Erwachsene:r mit Werken zu beschäftigen, die man zuletzt in der Kindheit genossen hat. Mindestens genauso oft ist der Film, das Buch oder das Spiel in der Erinnerung jedoch deutlich besser aufgehoben. So ist es mir leider auch mit „Go Trabi Go“ (1991) ergangen.

Gesamteindruck: 3/7


Gen Italien.

Vorausschicken möchte ich, dass ich nie eine emotionale Bindung zu diesem Streifen gehabt habe – ganz im Gegensatz zu „Ein toller Käfer“ (1968), um eine andere Komödie rund um des Menschen liebstes Fortbewegungsmittel zu nennen. Ich meine sogar, dass ich „Go Trabi Go“ nur ein einziges Mal vollständig gesehen habe, vermutlich irgendwann zwischen 1991 und 1994. Entsprechend lückenhaft war mein Gedächtnis in dieser Hinsicht – übrigens ebenfalls konträr zu „Herbie“, bei dessen jüngster Sichtung ich auch nach zig Jahren einen Großteil der Dialoge mitsprechen konnte.

Inhalt in Kurzfassung
Kurz nach der Wiedervereinigung Deutschlands macht sich Familie Struutz von Bitterfeld in Sachsen-Anhalt auf den Weg in ihren ersten Italienurlaub. Standesgemäß soll Trabant „Schorsch“ Vater Udo, Mutter Rita und Tochter Jacqueline nach Neapel bringen – immer auf den Spuren von Goethe, dessen „Italienische Reise“ Deutschlehrer Udo als Fremdenführer auserkoren hat. Klar, dass die Fahrt zu einem echten Abenteuer wird und eine Panne die nächste jagt… 

Ich will gar nicht lange drumherum reden: „Go Trabi Go“ hat mich anno 2022 ein- oder zweimal laut auflachen lassen, ein paar Mal habe ich geschmunzelt – mehr war es dann aber nicht. Die Geschichte ist denkbar flach, was bedeutet, dass der Film nur von seiner Situationskomik und ein wenig Lokalkolorit (wenn man das so nennen mag) lebt. Leider ist beides relativ dürftig, wobei ich zumindest den beteiligten Schauspieler:innen, die die sächsische Familie auf durchaus charmante Weise geben, keinen Vorwurf machen möchte.

Ein Kind seiner Zeit.

Im wesentlichen dürften zwei Faktoren ausschlaggebend dafür sein, dass „Go Trabi Go“ mich nicht (mehr) abgeholt hat. Erstens ist der Film schlichtweg ein Kind seiner Zeit: Als er erschienen ist, war nicht nur der Westen etwas völlig Neues für die Menschen, die bis dahin hinter dem eisernen Vorhang gelebt hatten; umgekehrt hatte man – speziell auch hier in Österreich – kaum jemals einen „Ossi“ gesehen. Der fahrbare Untersatz, das Urlaubsoutfit und, vor allem, der merkwürdig anmutende Dialekt waren damals völlig ungewohnt. Und, so albern das aus heutiger Sicht klingen mag: Es war unterhaltsam anzusehen, wie sich die Sachsen mit Staunen durch „unsere“ Welt bewegt haben. Wobei ich gleich einschränken möchte, dass das eine sehr subjektive Sichtweise auf den Film ist, denn in Wirklichkeit werden die Unterschiede zwischen Ost und West kaum behandelt; mehr als dass die Familie über ihr Auto und ihre Sprache als ostdeutsch zu identifizieren ist, ist es im Endeffekt nicht, der Rest spielt sich eher im Kopf des Publikums ab. Und genau das hat für die westlichen Zuschauer:innen des Jahres 1991 noch funktioniert – heute fällt es ungleich schwerer, weil die Charaktere praktisch keine Tiefe haben und rein über ihre Herkunft aus dem Osten definiert sind.

Der zweite Kritikpunkt, der mir heute sofort ins Auge springt, während ich ihn Anfang der 1990er ignoriert (oder nicht erkannt) habe, hat mit Inszenierung und Drehbuch zu tun: „Go Trabi Go“ scheint auf den ersten Blick eine Art Roadmovie zu sein – das wäre aber viel zu hoch gegriffen, dafür fehlt es dem Film an Charakteren, es fehlt ihm aber auch an einem Drehbuch, das über eine bloße Aneinanderreihung von Sketches hinausgeht. Was in diesen Einzelszenen passiert, ist ab und an recht witzig, insgesamt aber arg vorhersehbar – und vor allem auch sehr brav. Bezeichnend, dass die einzige ernste Aufnahme eine Ohrfeige für die Tochter beinhaltet, etwas, das man heute in einem solchen Film wohl nicht mehr zeigen würde, zumindest nicht auf diese Art. Ich weiß übrigens nicht mehr, wie ich besagte Szene in den 1990ern empfunden habe – heute hat sie ein sehr mulmiges Gefühl erzeugt, weil sie so leichthin in einer bis dahin klamaukig, flach und harmlos dahinplätschernden Komödie platziert wurde.

Immerhin: Gute Musik.

Zum Abschluss möchte ich noch zwei positive Punkte hervorheben (dass die Darsteller:innen ihre Sache sehr gut machen, habe ich ja schon geschrieben): „Go Trabi Go“ wurde an diversen Originalschauplätzen gedreht, was durchaus für schöne Bilder sorgt, die den Film zu einem gewissen Teil sogar tragen. Noch besser gelungen – und mir überhaupt nicht mehr präsent gewesen – ist jedoch die Musik. Speziell den Titelsong, „Westward Ho“ von John Parr und das von Claudia Schmutzler alias Jacqueline Struutz gesungene „Gates of Eden“ (im Original von Eena) verpassen dem Film einen Teil des genannten Roadmovie-Feelings, das sein Inhalt eigentlich gar nicht hergibt.

Mittlerweile weiß ich, dass Hauptdarsteller Wolfgang Stumph damals Kabarettist war und „Go Trabi Go“ auf einem seiner Programme basiert – daher kommt wohl auch die szenenhafte Inszenierung des Films. Letztlich glaube ich, dass die Story auf der Bühne, vorgetragen von Stumph selbst, deutlich besser wirken dürfte, als vorliegender Realfilm. Der, so mein Fazit, ist jedoch bestenfalls mittelprächtig gelungen. Wer ihn damals gesehen hat, kann seine Erinnerung auffrischen – essenziell ist „Go Trabi Go“ aber weder als Komödie, noch als historisches Anschauungsmaterial zur Wiedervereinigung.

Gesamteindruck: 3/7


Originaltitel: Go Trabi Go.
Regie: Peter Timm
Jahr: 1991
Land: Deutschland
Laufzeit: ca. 90 Minuten
Besetzung (Auswahl): Wolfgang Stumph, Marie Gruber, Claudia Schmutzler, Dieter Hildebrandt



FilmWelt: The Tomorrow War

Obwohl inhaltlich ganz anders gelagert, hat mich „The Tomorrow War“ (2021) ähnlich konsterniert hinterlassen wie unlängst „The Midnight Sky“ (2020). Alle Zutaten sprechen für einen Film, den ich mögen müsste – und doch bleibt nach dem Ansehen eine ganz eigene Form der Ernüchterung zurück: Das Gefühl, dass eine große Chance vertan wurde und ich einen Film gesehen habe, der so viel besser hätte sein können, nein: müssen!

Gesamteindruck: 3/7


Zurück aus der Zukunft.

Es mag schon sein, dass meine Ansprüche zu hoch sind: „The Tomorrow War“ will vermutlich nichts anderes sein, als ein flotter, unterhaltsamer Action-Reißer. Ist er auch, zumindest in Teilen. Gleichzeitig bringt er aber eine gewisse Ernsthaftigkeit mit, die Hoffnung nach etwas weckt, das über die oberflächliche Alien-Hatz hinausgeht. Diese selbst geschürte Erwartung erfüllt er jedoch nicht, sodass die Enttäuschung umso größer ist – zumindest bei mir. Und ich glaube nicht, dass ich damit in der Minderheit bin, wenn ich mir die Kritiken so ansehe.

Worum geht’s?
2022 erscheint aus dem Nichts eine Gruppe von Soldat:innen und weiß Schreckliches zu berichten: In wenigen Jahren wird die Erde von Außerirdischen angegriffen, gegen die kein Kraut gewachsen scheint. Glücklicherweise konnte man eine Zeitmaschine bauen, mit deren Hilfe die dezimierten Streitkräfte der Zukunft mit Rekrut:innen aus der Gegenwart aufgefüllt werden können. Die Ausfallsquote ist allerdings gewaltig, sodass immer mehr Bürger:innen zwangsrekrutiert und in den zunehmend hoffnungslosen Kampf geschickt werden. Unter ihnen auch James „Dan“ Foster, Veteran des Irakkrieges und Wissenschaftler. Gemeinsam mit einer Gruppe von mehr oder weniger Freiwilligen bleibt ihm nichts anderes übrig als ebenfalls den Zeitsprung zu wagen…

Die Prämisse von „The Tomorrow War“ mag im ersten Moment recht frisch klingen. Im Verlauf des Films zeigt sich jedoch schnell, dass sich Regisseur Chris McKay und Drehbuchautor Zach Dean munter bei anderen, mitunter sehr bekannten Werken bedient haben. Vor allem drei Filme dürften beim Genuss vorliegenden Werkes umgehend vor dem geistigen Auge der geneigten Zuseher:innenschaft auftauchen: „Independence Day“ (1996), „Starship Troopers“ (1997) und „Edge of Tomorrow“ (2014). Wie diese drei setzt auch „The Tomorrow War“ vorwiegend auf militärische Action im Kampf gegen eine zahlenmäßig weit überlegene und äußerst aggressive Rasse von Außerirdischen, die so gar nichts mit E.T. oder Mr. Spock zu tun haben. Der im Filmtitel betonte Zeitreise-Aspekt wird dabei schnell zur Nebensache, sodass wir es auch hier letzten Endes „nur“ mit dem Versuch zu tun haben, die bösen Aliens in ihre Schranken zu weisen.

Der mangelnden Eigenständigkeit würde ich übrigens gar nicht primär die Schuld am schwachen Gesamteindruck geben. Wobei es schon hineinspielt, dass einem die Vorbilder dermaßen ins Gesicht springen und man dadurch – bewusst oder unbewusst – ständig Vergleiche zieht. Dabei stellt man dann fest, dass „The Tomorrow War“ dort witzig sein will, wo „Starship Troopers“ zynisch ist, dort vage bleibt, wo „Edge of Tomorrow“ clever ist und dort langweilt, wo „Independence Day“ Gefühle weckt. Ich weiß, diese Aufzählung war jetzt nicht vollständig und genau; ich glaube aber, sie schafft ein gutes Gefühl dafür, was „The Tomorrow War“ meines Erachtens fehlt.

Mindestens 30 Minuten zu lang.

Was noch gut gelungen ist, ist der Einstieg: Ohne viel Brimborium werden der Protagonist und seine Verhältnisse vorgestellt, die Zeitreisenden treffen schnell ein und auch der durchaus beeindruckende Blick in die post-apokalyptische Zukunft lässt nicht lange auf sich warten. Dort wird munter gekämpft (wie üblich scheinen die Aliens zunächst unbesiegbar, später fallen sie immer leichter den Waffen der Menschen zum Opfer) und alles nimmt seinen zwar sehr erwartbaren, aber doch einigermaßen unterhaltsamen Lauf. Hier sei auch noch angemerkt, dass der Humor, den Hauptdarsteller Chris Pratt speziell in der ersten Stunde oder so mit seiner Mimik einbringt, durchaus gelungen ist.

Ist dieser Teil des Films, ich schätze, er nimmt ungefähr ein Drittel der 140 Minuten Laufzeit ein, vorbei, wird es zäh. Einerseits weil es dann laufend mehr vom Gleichen gibt, d. h. die anfangs noch frischen Kämpfe mit den Whitespikes ermüden zusehends. Andererseits muss der Film dann – natürlich! – eine problematische Beziehung des Helden thematisieren. Der gesamte damit zusammenhängende Ablauf ist gleichzeitig vorhersehbar und übertrieben melodramatisch (mit einer starken Schlagseite zum Pathos). Diese beiden Punkte sorgen im Verbund dafür, dass „The Tomorrow War“ mindestens (!) eine halbe Stunde zu lang ist; die Überlänge, die inhaltlich überhaupt nicht gerechtfertigt ist, nimmt dem Film praktisch die gesamte Wucht. Mit ein paar Tagen Abstand beginnen meine Erinnerung tatsächlich stark zu verblassen, mit einer Ausnahme: Der Zeitsprung in die Zukunft, der bereits in der Eröffnungssequenz angeteasert wird, ist aus meiner Sicht die mit Abstand stärkste Szene des gesamten Werkes. Der gesamte Rest ist zwar gefällig, zum Teil aber auch austauschbar und nichtssagend.

Tiefgang: Angedeutet, aber nicht geliefert.

Es gibt noch zwei inhaltlichen Entscheidungen, die ich erwähnen möchte, weil ich mich bereits beim Ansehen gewundert, im Nachhinein sogar darüber geärgert habe. Ich habe eingangs angedeutet, dass „The Tomorrow War“ bei aller Leichtigkeit ab und an sehr ernst sein kann, denn der Film reißt zumindest an zwei Stellen Themen an, deren tiefergehende Behandlung lohnend gewesen wäre. So hätte ich für meinen Teil jedenfalls gern mehr über die Implikationen und Paradoxien der Zeitreise erfahren – vor allem fand ich das Konzept der „Flöße“, die, fix miteinander verbunden, sozusagen auf dem Fluss der Zeit vorantreiben, eine schöne Metapher und ein sehr eigenständiges Konzept. Leider werden alle Fragen dazu – und auch zur Technik der Zeitmaschine per se – völlig ausgeblendet. Der Film macht in dieser Hinsicht überhaupt nichts aus seiner Prämisse und ist generell um keine Auflösung der Logikprobleme bemüht, die sich Genre-typisch zwangsläufig ergeben.

Der zweite Aspekt, der angeteasert, dann aber bestenfalls oberflächlich gestreift wird, ist die Psyche: Der Großteil der Menschen, die ohne große Ausbildung in die Schlacht geworfen werden, sind Zivilist:innen ohne militärische Erfahrung. Der Krieg selbst wird durchaus brutal dargestellt, die Verluste sind hoch, es kommen aber auch immer ein paar Überlebende zurück, die meist körperlich und/oder geistig unter den Folgen ihres Einsatzes leiden. In einer Szene wird sogar eine Therapiesitzung für traumatisierte Veteran:innen gezeigt (und auch dem Hauptcharakter bekommt der Krieg psychisch nicht gut). Diesen Themenkomplex greift der Film grundsätzlich mit starken Bildern auf, er schafft es tatsächlich, das Trauma glaubhaft und einfühlsam darzustellen, soweit man das als Außenstehende:r beurteilen kann. Leider nimmt das gefühlte fünf Minuten der Gesamtlaufzeit ein, danach formiert man sich neu und wird endgültig zur Superheld:innen-Truppe, die einem Ende entgegen sprintet, dass man auch ohne Kristallkugel lange vorher erahnen kann. So, als wäre nichts gewesen – und das hat mich wirklich gewurmt.

Weniger (oder anders) wäre mehr gewesen.

Nicht falsch verstehen: Ein Action-Film, wie „The Tomorrow War“ vorrangig einer ist, braucht die genannten Aspekte eigentlich nicht, um zu funktionieren. Es wäre meiner Ansicht nach jedoch besser gewesen, komplett darauf zu verzichten, statt Tiefgang, denn es überhaupt nicht gibt, anzudeuten. Denn, nochmal: Zeitreise-Problematik und Kriegstrauma werden so gut und glaubhaft dargestellt, wie man es selten in einem Film sieht, der einen völlig anderen Fokus hat. Dass das nach wenigen Sekunden vorbei ist, hat bei mir ein überwältigendes Gefühl der Enttäuschung hinterlassen. Mag sein, dass ich mich hier zu sehr auf Details kapriziere, dennoch ist das das, was mir emotional am deutlichsten von „The Tomorrow War“ in Erinnerung geblieben ist. Das – und der Eindruck, der Regisseur hätte es vielleicht gern anders gemacht und auch gekonnt, aber man hat ihn nicht gelassen.

Alles in allem halte ich „The Tomorrow War“ für einen passablen Actionstreifen mit ein, zwei nachdenklichen Passagen, die aber nicht mehr als Staffage sind. Unabhängig davon leidet er unter einigen melodramatischen Szenen und einer viel zu langen Laufzeit, sodass man letzten Endes sagen muss, dass er auch als gewollt (?) seichtes Popcorn-Kino nicht richtig funktioniert. Einmal kann man ihn sich schon ansehen – für multiple Durchgänge (ich weiß gar nicht, wie oft ich z. B. „Starship Troopers“ gesehen habe!) reicht es meiner Ansicht nach bei weitem nicht.

Gesamteindruck: 3/7


Originaltitel: The Tomorrow War.
Regie:
Chris McKay
Drehbuch: Zach Dean
Jahr: 2021
Land: USA
Laufzeit: ca. 140 Minuten
Besetzung (Auswahl): Chris Pratt, Yvonne Strahovski, Betty Gilpin, J. K. Simmons, Sam Richardson



FilmWelt: Alexandra’s Project

Eine Warnung vorweg: Wer sich „Alexandra’s Project“ (2003) ansieht, darf keinen auf Hochglanz polierten Film erwarten. Im Gegenteil, das Wort „Projekt“ im Titel wirkt im Nachhinein fast wie ein Hinweis auf die Indie-Anmutung des Werkes, das dadurch aber gleichzeitig eine ganz eigene, selten gesehene Atmosphäre erhält. Für ein breites Publikum scheint mir die australische Produktion jedoch weder optisch oder akustisch, noch inhaltlich geeignet.

Gesamteindruck: 5/7


„Schluss machen“ per Video.

Die Handlung von „Alexandra’s Project“ ist über weite Strecken sehr geradlinig (erst gegen Ende gibt es einen Twist). Im Verbund mit der sehr reduzierten Technik bedeutet das, dass der Film praktisch komplett von seiner Prämisse und vor allem von überzeugenden und glaubwürdigen Darsteller:innen getragen werden muss. Das gelingt ihm meines Erachtens gut, wobei man klipp und klar sagen muss, dass ein Film kaum weiter von einer massentauglichen Präsentation entfernt sein könnte. Ob das stört oder nicht, liegt letzten Endes am persönlichen Geschmack; wer etwas mit ungewöhnlichem und reduzierten Programmkino anfangen kann, sollte jedenfalls einen Blick riskieren.

Worum geht’s?
Auf den ersten Blick scheinen Steve und Alexandra eine ganz normale Beziehung zu führen: Er geht täglich zur Arbeit in sein Büro, sie schmeißt den Haushalt und kümmert sich um die zwei Kinder. Doch unter der Oberfläche brodelt es. Steve ahnt davon nichts – und ist zunächst hoch erfreut, als er an seinem Geburtstag ins verlassene Zuhause kommt und als Überraschung ein Video vorfindet, auf dem er seine Frau auf eine Weise zu sehen bekommt, wie er sie noch nicht kannte. Doch bald werden die Aufnahmen bedrohlich und immer düsterer…

Regisseur Rolf de Heer hat einen sehr reduzierten Film geschaffen: Im Wesentlichen kommt er mit einem männlichen und einer weiblichen Hauptdarsteller:in aus, die fast die gesamte Laufzeit über in einem einzigen Raum agieren. Übrigens kaum jemals miteinander, zumindest nicht so, wie man sich das gemeinhin vorstellt (etwas mehr dazu weiter unten). Dieser Minimalismus setzt sich in der Technik fort: Die Kameraarbeit beschränkt sich auf relativ wenige Einstellungen, das Bild ist generell weit von High Definition entfernt und erinnert qualitativ und auch in Bezug auf die Perspektiven an Filme aus den 1970ern. Das gilt in verstärktem Maße auch für den Ton, der roh und unbearbeitet klingt, so, als wäre kein professionelles Equipment zum Einsatz gekommen. Anmerkung am Rande: Ich habe „Alexandra’s Project“ in der deutschen Synchronisation gesehen, ob das Werk auch im Original so eigentümlich klingt, kann ich nicht beurteilen.

Unklare Verhältnisse.

Inhaltlich nimmt sich die australische Low-Budget-Produktion dem Problem einer lieb- und freudlosen Ehe an. Gewisse Andeutungen lassen außerdem, wenn auch vage, auf seelische, vielleicht sogar körperliche Gewalt schließen. So scheint es zumindest zu sein – denn eigentlich bekommen wir als Zuseher:innen keine schwierige Ehe zu sehen, zumindest nicht live: In „Alexandra’s Project“ berichtet die Titelfigur ihrem Mann mittels Videobotschaft, wie es ihr in der Ehe geht. Ob das die Wahrheit ist oder nicht, lässt sich für das Publikum nicht abschließend beurteilen, denn es gibt im Film keine Interaktion zwischen den Eheleuten. Heißt: Wie Protagonist Steve ist man dazu verdammt, die Erzählung von Alexandra am Bildschirm zu verfolgen, ohne Möglichkeit, einzugreifen oder nachzufragen. An gewissen Reaktionen des Ehemannes meint man zwar zu erkennen, dass die Vorwürfe seiner Frau nicht gänzlich erfunden sind – einen Beweis dafür bleibt der Film jedoch schuldig. Zumal die Videoaufnahmen mit der Zeit immer verstörender werden und zeigen, dass die Ehefrau auch kein stilles Wässerchen ist – oder zu sein scheint. Klare Position für eine der beiden Figuren wird meines Erachtens bis zum Schluss nicht bezogen.

Doch auch, wenn die Handlung von „Alexandra’s Project“ an sich nicht kompliziert ist, ist es mir letzten Endes nicht gelungen, zu entschlüsseln, was genau der Regisseur mit diesem Film aussagen wollte. Und: Ich bin mir ganz und gar nicht sicher, ob mir diese Herangehensweise an das Thema gefällt oder nicht. Was ich aber ungeachtet dessen zu Protokoll geben kann: „Alexandra’s Project“ hat eine spannende Prämisse und setzt diese höchst unkonventionell um. Das allein reicht mir, um den Film als „sehenswert“ abzuheften und ihn mit 5 von 7 Punkten relativ hoch zu bewerten.

Ich betone allerdings nochmals, dass man schon einiges an Geduld und vor allem die Vorliebe für eine sehr spezielle, fast ein wenig altertümlich anmutende Ästhetik mitbringen muss, damit man überhaupt in die Verlegenheit kommt, sich über den Inhalt Gedanken zu machen. Wer es soweit schafft, kann dann in Ruhe darüber nachdenken, was der Regisseur mit diesem außergewöhnlichen Film erreichen wollte.

Gesamteindruck: 5/7


Originaltitel: Alexandra’s Project.
Regie:
Rolf de Heer
Drehbuch: Rolf de Heer
Jahr: 2003
Land: Australien
Laufzeit: ca. 100 Minuten
Besetzung (Auswahl): Gary Sweet, Helen Buday, Bogdan Koca, Samantha Knigge, Jack Christie