MusikWelt: The Savage Poetry

Edguy


Gesamteindruck: 5/7

Lösen wir mal etwaige Verwirrungen auf: „Savage Poetry“ (1995) war das in Eigenregie veröffentlichte Debüt-Album von Edguy, auf dem die teils noch minderjährigen Musiker bereits angedeutet hatten, wozu sie fähig waren. Ohne eine Plattenfirma fehlten jedoch die Möglichkeiten für eine professionelle Aufnahme, weswegen die Platte später neu eingespielt und anno 2000 als „The Savage Poetry“ über AFM veröffentlicht wurde. Alles klar soweit? 😉


Wilde Poeten.

Die Vermutung liegt nahe, dass der Sound nicht der einzige Grund für die Neuaufnahme gewesen sein dürfte. Denn wer „Savage Poetry“ von 1995 auflegt, kommt bei allem Songwriting-Talent nicht umhin, festzustellen, dass die Fähigkeiten an den Instrumenten und beim Gesang zumindest ausbaufähig waren. Ich nehme an, das wird für die Entscheidung, das Album neu einzuspielen, eine ebenso große Rolle gespielt haben wie der wenig ansprechende Mix. Kurios übrigens: Die Kombination aus Cover und Band-Logo der 1995er-Version wäre ohne weiteres Black Metal-tauglich gewesen. Irgendwie passend, wie sich damit der Kreis zum rauen Soundbild zu schließen scheint.

Wie jung und unerfahren Edguy waren, als sie vorliegende Songs eingespielt waren, hört man den Originalaufnahmen von 1995 deutlich an. Auf vorliegendem Album ist das anders: Nur der zweite Track, „Misguiding Your Life“, wirkt nach wie vor, als hätten die Musiker nicht richtig gewusst, was sie damit anstellen sollten. Der Song klingt nicht rund, im Refrain hakt es – und die Nummer kommt als Ganzes ein bisschen wie „leider haben wir es nicht besser hinbekommen, aber irgendwie mussten wir die Spielzeit halt voll bekommen“ rüber. Ein wenig gilt das in meinen Ohren auch für den Chorus des Rausschmeißers „Power and Majesty“, der ansonsten aber tadellos aus den Boxen kommt und einen schönen Schlusspunkt für „The Savage Poetry“ bildet.

An den übrigen Tracks finde ich wenig auszusetzen, sieht man davon ab, dass sie für Edguy-Verhältnisse relativ schnörkellos daherkommen. Das muss ja nichts Schlechtes sein, ich persönlich bevorzuge allerdings die symphonischeren Sachen, mit denen ich die Band in den 1990ern kennengelernt habe. Folgerichtig ist „Key to My Fate“ für mich der mit Abstand beste Song auf „The Savage Poetry“ und eine Nummer, die ich mir bis heute immer wieder anhören kann. Und das sogar mit einer gewissen Portion Wehmut, denn ein Track wie dieser ist Edguy nach „Mandrake“ (2001) leider nicht mehr gelungen. Ebenfalls im Haben zu verbuchen und sehr gut geschrieben: Der Opener „Hallowed“ und die schöne Ballade „Roses to No One“. Jeder dieser Songs hätte problemlos seinen Platz auf Alben wie „Theater of Salvation“ (1999) oder „Mandrake“ gefunden. Der Rest vom Schützenfest ist, wie angedeutet, relativ schnörkellos. Mit „Eyes of the Tyrant“ gibt es eine überlange Nummer, die ganz gut geschrieben ist, ansonsten ist alles eher unauffällig.

Aus der Zeit gefallen?

Retrospektiv wirkt „The Savage Poetry“ in der Chronologie der Edguy-Veröffentlichungen ein wenig aus der Zeit gefallen. Meiner Ansicht nach hätte das Album, so wie es in dieser Fassung klingt, entweder an Stelle des Debüts stehen können (denn bereits das Zweitwerk „Kingdom of Madness“, 1997, hatte eine ähnlich saubere Produktion), es hätte aber auch gut irgendwo zwischen „Mandrake“ (2001) und „Hellfire Club“ (2004) gepasst. Klingt im ersten Moment paradox, hat aber damit zu tun, dass „Hellfire Club“ meiner Ansicht nach eine Zäsur für den Sound von Edguy war. Mit diesem Album hatten die Hessen begonnen, sich vom Power Metal auf den Spuren von Helloween und HammerFall zu lösen und zaghafte Schritte Richtung Hard Rock zu unternehmen. Es tut hier nichts zur Sache, ob ich persönlich diese Entwicklung gut heiße – erwähnen möchte ich sie trotzdem, weil mir scheint, dass sie eine Art Rückbesinnung auf das ist, was Edguy bereits 10 Jahre zuvor auf „Savage Poetry“ gemacht haben.

Und so schließt sich auch dieser Kreis: „The Savage Poetry“ bietet die Edguy-Grandezza der 1990er, die mit „Mandrake“ (2001) leider ihr Ende fand, nimmt gleichzeitig aber auch vorweg, wohin sich die Band spätestens mit „Rocket Ride“ (2006) zu entwickeln begann. Interessant – wenngleich das 2000 natürlich noch überhaupt nicht absehbar war. Vergleicht man „The Savage Poetry“ übrigens mit Edguy-Alben nach 2006, muss man zugeben, dass vorliegendes Werk ihr mit Abstand bester Versuch in Sachen Hard Rock war. Das ist natürlich starker Tobak – und auch ein bisschen traurig, sowohl für die Band als auch für mich als Fan.

Ein abschließendes Urteil über die Notwendigkeit dieser Neuaufnahme maße ich mir nicht an, möchte aber doch festhalten, dass „The Savage Poetry“ dem Original in technischer Hinsicht deutlich überlegen ist. Neben dem nun professionellen Sound merkt man dem Album aber auch die nunmehr perfekte Beherrschung der Instrumente an. Geändert wurden außerdem ein paar Details im Songwriting, sodass man „The Savage Poetry“ praktisch nicht mehr anhört, dass die darauf zu hörenden Ideen bereits Anfang der 1990er entstanden sind. Wer nun denkt, dass eine solche Verbesserung selbstverständlich sei, möge sich an den sinnbefreiten Versuch von Manowar, ihren 1988er Meilenstein „Kings of Metal“ neu zu vertonen, erinnern.

Gesamteindruck: 5/7 


NoTitelLängeNote
1Hallowed6:146/7
2Misguiding Your Life4:054/7
3Key to My Fate4:347/7
4Sands of Time4:405/7
5Sacred Hell5:384/7
6Eyes of the Tyrant10:015/7
7Frozen Candle7:155/7
8Roses to No One5:436/7
9Power and Majesty4:535/7
53:03

Edguy auf “The Savage Poetry” (2000, AFM Records):

  • Tobias Sammet − Vocals, Keyboards
  • Jens Ludwig − Guitars
  • Dirk Sauer − Guitars
  • Tobias Exxel − Bass
  • Felix Bohnke − Drums
Bild von: metal-archives.com

Anspieltipp 1: Key to My Fate
Anspieltipp 2: Roses to No One

FilmWelt: Iron Sky: The Coming Race

„Iron Sky“ (2012) war Independent-Streifen, den ich überraschend gelungen gefunden habe: Die wahnwitzige und absurde Story hat sicher nicht jeden Geschmack getroffen, war gleichzeitig aber auch unterhaltsam und originell. Finanziell wird sich das Abenteuer – so nehme ich an – ebenfalls gelohnt haben; naheliegend also, dass ein Nachfolger her musste. Im Nachhinein betrachtet wäre es freilich besser gewesen, sich mit dem Achtungserfolg von 2012 zufrieden zu geben. Doch der Reihe nach…

Gesamteindruck: 1/7


Sie sind wieder da.

„Iron Sky: The Coming Race“ (2019) feierte sieben (!) Jahre nach „Iron Sky“ seine Premiere. Dabei wurde bereits 2012, also wirklich zeitnah, mit den Vorbereitungsarbeiten begonnen. Bald darauf konnte auch die (Teil-)Finanzierung sichergestellt werden (erneut per Crowdfunding), allerdings musste das Budget während der Produktion mehrmals erhöht werden, was für erhebliche Verzögerungen sorgte. Im Endeffekt schlug der Film dann mit Kosten von rund 17 Millionen Dollar zu Buche (10 Millionen mehr als noch Teil 1), der Löwenanteil dürfte für die Special Effects draufgegangen sein. Was für Hollywood-Verhältnisse nach Peanuts klingt, macht „The Coming Race“ zur bis dato teuersten finnischen Produktion überhaupt.

Worum geht’s?
30 Jahre, nachdem ein Atomkrieg die Erde unbewohnbar gemacht hat, fristen die letzten Reste der Menschheit ihr Dasein in der ehemaligen Nazi-Basis auf der Rückseite des Mondes. In der langsam zerfallenden Station macht sich Verzweiflung breit – bis sich plötzlich ein Raumschiff mit Flüchtlingen von der Erde nähert. Unter anderem an Bord: Der totgeglaubte Mondführer Kortzfleisch, der enthüllt, dass die Erde hohl ist und eine Zivilisation von außerirdischen Reptiloiden beherbergt, die Zugang zur mächtigen, unerschöpflichen und unsterblich machenden Vril-Energie besitzen…

Es ist ja wirklich nicht so, dass „The Coming Race“ eine tiefgründige Story erzählen würde. Das ändert allerdings nichts daran, dass ich nicht so richtig verstanden habe, was uns Regisseur Timo Vuorensola mit seinem Film sagen möchte. Und das, obwohl ich grundsätzlich an Verschwörungserzählungen interessiert bin und mir einbilde, ein einigermaßen fundiertes Laienwissen dazu zu haben: Reichsflugscheiben, Hohlerde und Reptiloiden – all das war und ist mir ein Begriff. Vom Roman „Das kommende Geschlecht“ (Edward Bulwer-Lytton, 1871, eng.: „The Coming Race“) hatte ich vor der Recherche zu dieser Rezension hingegen noch nie gehört. Ebenso wenig von den darin vorkommenden Vril-Ya mit ihren mysteriösen Kräften, was zur Folge hatte, dass ich mir nicht erklären konnte, was der Titel des Films überhaupt zu bedeuten hat (zumal das auch aus der Handlung nicht klar wird, wenn mich nicht alles täuscht). Man lernt freilich nie aus, ein wenig unglücklich scheint mir dieser recht obskure Mythos als Prämisse für einen Unterhaltungsfilm dennoch zu sein.

Katastrophale Fortsetzung.

Vielleicht liegt es ja daran, dass ich mir dermaßen schwer getan habe, Zugang zum zweiten Film aus dem „Iron Sky“-Universum zu finden. Letztlich bin ich gescheitert, denn mir war die Geschichte, wie sie hier erzählt wird, von Anfang an zu unlogisch, bruchstückhaft und verworren, um eine Identifikation zu ermöglichen. Das steht in krassem Gegensatz zu Teil 1, der für mein Gefühl durchaus logisch und sinnvoll war (innerhalb seiner eigenen Absurdität natürlich). Die Geschichte von „The Coming Race“ wirkt hingegen wie eine lahme, höchst oberflächliche und austauschbare Entschuldigung, um einen schnellen und seichten Actionfilm in einem von „Iron Sky“ relativ gut etablierten Setting zu produzieren. Ob das wirklich so geplant war? Ich wage es zu bezweifeln, zu gravierend scheint mir der qualitative Unterschied zwischen den beiden Filmen zu sein.

Doch auch wenn ich vielleicht zu viel Tiefgang von einem Film erwartet habe, der nicht mehr sein will, als eine unterhaltsame und leicht groteske Action-Komödie, finde ich „The Coming Race“ katastrophal schlecht. Neben der Problematik, dass der Film ein Bündel an Verschwörungstheorien zur Grundlage nimmt, ohne diese zu erklären oder gar kritisch zu hinterfragen, strotzt er nur so vor Ungereimtheiten. Spannung kommt maximal im ersten Drittel auf, danach gibt es eine bloße Aneinanderreihung simpler Action-Szenen inklusive lieblos hingeschluderter Popkultur-Referenzen (u. a. das Wagenrennen aus „Ben Hur“, das Gemälde „Das letzte Abendmahl“ von Leonardo Da Vinci, ein bisschen „2001: Odyssee im Weltraum“ hier, ein wenig „Ancient Aliens“ da). Alles schön und gut, die Verantwortlichen haben es halt schlicht nicht hinbekommen, zwischen diesen Anspielungen eine interessante und mitreißende Geschichte zu erzählen.

Film ohne Charakter.

Oder gute Charaktere zu schreiben – denn das ist ein weiteres Problem von „The Coming Race“: Es gibt hier schlicht keine Figur, mit der man sich als Zuseher:in auch nur annähernd identifizieren kann. Am ehesten noch mit dem etwas tumben aber liebenswerten Soldaten Malcolm, der Rest der Truppe ist völlig beliebig. Das beginnt bei der Hauptfigur Obianaju Washington, genannt „Obi“ (wer ist bloß auf diese Idee gekommen?), die als Look- und Act-alike von Michael Burnham („Star Trek: Discovery“) rüberkommt. Und zwar so sehr, dass ich nachsehen musste, ob wir es hier mit der gleichen Schauspielerin zu tun haben (dem ist nicht so, Obi wird gespielt von der mir völlig unbekannten Lara Rossi).

Ihr zur Seite steht der klischeehafte, russische Pilot, dargestellt von Vladimir Burlakov: Ein tollpatschiges Improvisationstalent, das zu viel quasselt, das Herz aber am rechten Fleck hat. Aus jedem Dialog, aus jeder Szene mit ihm schreit der Film heraus, dass man den guten Sasha doch bitte, bitte mögen muss, genau wie Obi (natürlich!) lernt, ihn zu mögen und zu lieben. Das klappt aber nicht, zumindest bei mir nicht – er ist zu flach, zu sehr Abziehbild, um auch nur annähernd Identifikationsmöglichkeiten zu bieten. Das war übrigens eines der besonders irritierenden Erlebnisse bei der Sichtung von „The Coming Race“: Da ist dieser Typ, man weiß genau, man soll mit ihm mit fiebern und ihn sympathisch finden, selten wurde man von einem Drehbuch so darauf hingestoßen – und doch schafft man es nicht, rutscht sprichwörtlich immer wieder an diesem glatten Charakter ab.

Der Mangel an starken Held:innenfiguren wäre weniger schlimm, wenn der Film über interessante Antagonisten verfügen würde. Udo Kier als Mondführer Wolfgang Kortzfleisch wurde wohl vor allem aus der Versenkung geholt, um leichter an Teil 1 anknüpfen zu können. Der Haken: Ihm kann man nichts so richtig übelnehmen, was zu gleichen Teilen am Drehbuch und an der sanften Darstellung durch Kier liegen mag. Die übrigen Bösewichte befinden sich in der Hohlerde – und sind völlig nichtssagend. Merkwürdig erscheint mir, dass man ausgerechnet dem 2011 verstorbenen Apple-Gründer und langjährigen -CEO Steve Jobs eine relativ große Antagonisten-Rolle zugesteht bzw. dessen Unternehmenskultur relativ prominent aufgreift. Damit konnte ich als jemand, der noch im Leben eine iPhone hatte, überhaupt nichts anfangen. Nicht, dass ich nicht verstanden hätte, dass die Sekte des „Jobismus“ die quasi-religiöse Verehrung dieser Firma aufs Korn nimmt; ich fand es allerdings mäßig witzig, was auch hier am fehlenden Tiefgang liegen mag.

Interessanterweise stellt der Film übrigens die US-Präsidentin als Hauptschurkin dar – und nicht den ebenfalls von Udo Kier gespielten Adolf Hitler. Der bekommt am Ende natürlich auch sein Fett weg, aber bei mir hat dieser Auftritt einen faden Beigeschmack hinterlassen. Ich vermute, das hat damit zu tun, dass der „Iron Sky“-Hitler weder als richtig böse noch als völliger Trottel dargestellt wird, sondern als einer von vielen Antagonisten. Dabei ist Darstellung von Nationalsozialisten als Reptiloiden schon per se nicht ganz unproblematisch, erzeugt sie doch das ungute Gefühl, einer Relativierung: Instinktiv möchte man natürlich auch den hier präsentierten Hitler hassen, allerdings ist seine Rolle so nichtssagend geschrieben, dass er einem quasi egal ist. Das erzeugt im Nachgang eine Stimmung, die mir überhaupt nicht gefallen hat (ich gehe aber mal davon aus, dass das keine böse Absicht des Regisseurs war und eher meiner persönlichen Einstellung entspringt).

Schwach auf allen Ebenen.

Fast schon nicht mehr ins Gewicht fällt nach diesen Punkten, dass nicht einmal die finalen Kämpfe überzeugend oder gar spannend sind. Weder Hitler noch Kortzfleisch sterben einen auf irgendeine Weise herausragenden Tod. Das kann man schon so machen, um dem jedoch Sinn zu geben, hätte halt der Rest des Films deutlich stärker sein müssen. Im Übrigen ist „The Coming Race“ auch alles andere als gut gespielt. Das konnte man zwar auch über „Iron Sky“ sagen; allerdings ist das, was 2012 noch als weiterer Aspekt des B-Movie-Charmes durchgehen konnte, in der Fortsetzung völlig überzogen. Will sagen: „Iron Sky“ wirkte, als wäre das Schauspiel tatsächlich etwas unbeholfen, während man in „The Coming Race“ das Gefühl hat, dass hier mit Gewalt versucht wurde, eine ähnlich unbedarfte Atmosphäre zu schaffen. Das gelingt den Darsteller:innen und dem Regisseur allerdings nicht, sodass man sich ob der hölzernen Darbietung immer wieder peinlich berührt abwenden möchte.

Das Fazit folgt sogleich, zwei positive Aspekte von „The Coming Race“ möchte ich der Vollständigkeit halber aber auch erwähnen: Erstens verfügt der Film wie schon sein Vorgänger über eine herausragende Optik. Speziell die Mondbasis in ihrem halb verfallenen Zustand wurde großartig umgesetzt und lässt echte Endzeit-Stimmung aufkommen. Generell sind die Effekte stark, die Kosten dafür dürften aber hauptverantwortlich für das Überziehen des Budgets gewesen sein (was ich nicht ganz verstehe, denn so viel anders als das vergleichsweise günstige „Iron Sky“ sieht die Fortsetzung auch wieder nicht aus). Ein zweiter Pluspunkt ist die an sich völlig unverbrauchte Thematik. Die Hohlerde war beispielsweise in jüngerer Vergangenheit im „MonsterVerse“-Franchise ein Thema, insgesamt fühlen sich die Theorien, die die beiden „Iron Sky“-Filme streifen, sehr frisch und unverbraucht an. Umso bitterer, wie wenig vorliegendes Werk aus diesem Alleinstellungsmerkmal macht.

Fazit: 1,5 Stunden Quatsch.

Ich fasse zusammen: „Iron Sky: The Coming Race“ ist völliger Quatsch, dessen 1,5 Stunden Laufzeit einem mangels Handlung wie 30 Minuten vorkommen (wenigstens etwas…). Anfangs möchte man über gewisse Fehler und Ungereimtheiten noch hinwegsehen, relativ bald merkt man aber, dass der Film wirklich so schwach ist. Es gibt keine Spannung, keine Identifikation mit den Charakteren und auch das Schauspiel, das in Teil 1 über weite Strecken in Ordnung war, ist hier nicht der Rede wert. Und: Der Film beinhaltet keinerlei Kritik an den von ihm dargestellten Mythen, es sei denn, man sieht das Verlachen der Verschwörungsgläubigen per se als Form der Kritik. Kann man natürlich machen, blöderweise verfügt „The Coming Race“ aber weder über nachhaltigen noch über unmittelbaren Humor. Oder es ist nicht mein Geschmack, was natürlich auch sein kann. Keine Ahnung.

Meine Vermutung zu den genannten Problemen: Die lange Produktionszeit hat dem Drehbuch massiv geschadet, weil dadurch der Fokus verlorengegangen ist. Und/oder kurz vor der Veröffentlichung gab es soviel Druck auf die Verantwortlichen, dass eine vernünftige Nachbearbeitung nicht mehr möglich war. Anders kann ich mir das alles nicht erklären. Daher abschließend die gar nicht so ketzerische Frage: Wozu gibt es diesen Film überhaupt? Ich weiß es wirklich nicht. Gelohnt haben dürfte es sich jedenfalls nicht: Mittlerweile mussten sowohl die Produktionsfirma des Films als auch die des „Iron Sky Universe“-Franchise Konkurs anmelden. Und daran trägt die Qualität von „The Coming Race“ wohl ein gerüttelt Maß an Mitschuld, wage ich zu behaupten.

Gesamteindruck: 1/7


Originaltitel: Iron Sky: The Coming Race.
Regie:
Timo Vuorensola
Drehbuch: Dalan Musson
Jahr: 2019
Land: Finnland, Belgien, Deutschland
Laufzeit: ca. 95 Minuten
Besetzung (Auswahl): Lara Rossi, Vladimir Burlakov, Kit Dale, Udo Kier, Julia Dietze, Tom Green



FilmWelt: ARQ

An diese Stelle hätte ich im Wesentlichen den Text kopieren können, den ich in meiner Rezension zu „TAU“ (2018) als Einleitung geschrieben habe. Denn auch „ARQ“ (2016) ist so ein Werk, das mir beim gelangweilten Durchsehen meiner Netflix-Empfehlungen offenbar stark genug aufgefallen ist, um es meiner Watchlist hinzuzufügen. So etwas passiert bei mir ja recht schnell und hat zur Folge, dass jene Liste (und ihre Pendants bei anderen Diensten) zum Bersten gefüllt und damit alles andere als eine Entscheidungshilfe ist. Noch schlimmer: Trotz chronischen Zeitmangels zwingt mich die Liste sozusagen, Filme anzusehen, bei denen schon zu erahnen ist, dass sie unter „das war wohl nix“ fallen würden. „ARQ“ ist allerdings eine löbliche Ausnahme von dieser Regel.

Gesamteindruck: 5/7


Und täglich grüßt… der Tod.

Die Ähnlichkeit zwischen „TAU“ und „ARQ“ beschränkt sich übrigens nicht nur auf den in Versalien geschriebenen 3-Buchstaben-Titel. Beide Filme sind von Netflix produziert und spielen in einem einzigen Haus und drehen sich um ein klassisches Science Fiction-Phänomen: „TAU“ ist mit der Frage nach dem Wesen künstlicher Intelligenz näher an unserer Zeit, „ARQ“ nimmt sich mit der Zeitreise einem Thema an, das (noch?) keine Entsprechung in der Gegenwart hat. Mehr Gemeinsamkeiten gibt es allerdings nicht – sieht man davon ab, dass beide Filme andeutungsweise in einer dystopischen Zukunft zu spielen scheinen, was aber weder hüben noch drüben erschöpfend behandelt wird.

Worum geht’s?
Nur Sekunden, nachdem Renton aufgewacht ist, stürmen bewaffnete Männer sein Schlafzimmer, reißen ihn aus dem Bett und zerren ihn durch die Tür. Als sich der Überraschte zu wehren beginnt, stürzt er, bricht sich das Genick und… erwacht wieder in seinem Bett. Bevor er der neben ihm liegenden Hannah auseinandersetzen kann, was passiert ist – oder ob es nur ein Traum war – passiert es erneut: Bewaffnete dringen gewaltsam ins Schlafzimmer ein und nehmen ihn mit… wieder kommt Renton ums Leben, wieder erwacht er in seinem Bett und langsam dämmert ihm, dass diese merkwürdigen Ereignisse mit dem ARQ, einer von ihm erfundenen Maschine, zu tun haben könnten…

Die Suche nach möglichen Vorbildern für „ARQ“ fällt leicht: Hier ist z. B. ganz viel von „Und täglich grüßt das Murmeltier“ drin – oder, wenn man es etwas ernsthafter haben möchte, von der „Star Trek – The Next Generation“-Folge „Déjà Vu“. Die kam übrigens 1992, also noch ein Jahr vor der denkwürdigen Komödie mit Bill Murray, was zwar nichts mit „ARQ“ zu tun hat, mir bis vor wenigen Minuten aber überhaupt nicht bewusst war. Interessant. Zu genannten Werken könnte man ferner, um eine etwas neuere Variante zu nennen, „Edge of Tomorrow“ (2014) hinzufügen.

Es geht hier also, wie unschwer zu erkennen sein sollte, um das die Zeitschleife, eine spezielle Form der Zeitreise. Im Wesentlichen dreht sich alles darum, dass die Protagonist:innen in scheinbar endloser Wiederholung die immer gleiche Sequenz von Ereignissen durchleben. Dass sich die Charaktere entweder sofort oder nach und nach an vorangegangene Schleifen erinnern können und dieses Wissen nutzen, um die Ereignisse zu manipulieren, macht einen Teil der Faszination dieser Prämisse aus. Ziel ist es in der Regel, den Teufelskreis zu durchbrechen, was entweder gelingt, indem sich die Protagonist:innen selbst hinterfragen und zu einem besseren Individuum werden („Und täglich grüßt das Murmeltier“), indem sie eine Katastrophe verhindern („Déjà Vu“) oder eine andere, oft technische Lösung finden, indem sie z. B. die Zeitmaschine vernichten und damit die Welt wieder gerade rücken. Letzteres ist meines Erachtens das, was in „ARQ“ versucht wird, wobei der Film in dieser Hinsicht eher vage bleibt – aber dazu weiter unten mehr.

Was vorliegenden Titel von den mir bekannten Beiträgen zur Zeitschleifen-Problematik unterscheidet, hat vor allem mit der Perspektive zu tun, die ich so noch nicht häufig (oder gar nicht) gesehen habe: Regisseur und Drehbuchautor Tony Elliot („ARQ“ ist der erste Langfilm des Serien-Spezialisten) gestaltet den Blickwinkel variabel. Das heißt, dass wir in der einen oder anderen Iteration zu sehen bekommen, was die Antagonisten machen, denen im Laufe der Handlung ebenfalls bewusst wird, sie immer wieder die gleichen Ereignisse erleben. Daraus ergeben sich trotz des naturgemäß repetitiven Charakters von „ARQ“ sehr interessante Differenzen in der gleichen Geschichte, was mir ungemein gut gefallen hat und eine erfrischende Neuerung in einem im Laufe der Jahre recht häufig beackerten Feld darstellt.

Ein starkes Drehbuch.

Aber auch abseits dieses Alleinstellungsmerkmals ist „ARQ“ stark, denn das Drehbuch hält jede Menge Twists parat, die nicht in jedem Fall mit der Zeitschleife zu tun haben, sondern vor allem in den Charakteren liegen. Ohne zu viel zu verraten: Das anfangs simpel wirkende Schema von Gut und Böse verschwimmt im Laufe der Handlung zusehends, was dem Film ein zusätzliches Spannungselement verleiht; man weiß nie so richtig, was einen in der nächsten Schleife erwartet. Das hätte ich so nicht erwartet, weil „ARQ“ ja eigentlich so aufgebaut ist, dass man meint, es ginge „nur“ darum, aus dieser Situation zu entkommen. Das ist aber nur ein Aspekt der Handlung, während sich der Rest in Thriller-Manier mit Täuschung und Verrat beschäftigt, was den Film letztlich doch recht deutlich von seinen Genregenossen abhebt.

Was mir außerdem sehr gut gefällt, ist die Art und Weise, wie der Film seine eigene Story konstruiert bzw. im Laufe der Schleifen re-konstruiert. Das wirkt auf mich sehr durchdacht und so, als hätte der Regisseur ganz genau gewusst, was er da tut. Dafür nimmt er anfangs sogar Frustmomente im Kauf – denn während z. B. „Und täglich grüßt das Murmeltier“ Story und Charaktere von Beginn an klar umreißt, erschließen sich die Gegebenheiten bei „ARQ“ schrittweise und nicht zwingend chronologisch. Heißt: In den ersten zwei, drei Szenen versteht man teilweise überhaupt nicht, worum es geht und wer die Figuren auf dem Schirm eigentlich sind. Eine mutige Entscheidung, die sich im Endeffekt aber lohnt, weil es durchaus befriedigend ist, wie die Puzzleteile nach und nach an ihren Platz fallen.

Was bei den Pluspunkten auch nicht unerwähnt bleiben sollte: „ARQ“ wurde zwar von Netflix produziert, das Budget war aber vergleichsweise gering. Der Großteil des Films spielt in einem einzigen Haus; dort fällt der budgetäre Aspekt nicht allzu sehr ins Gewicht, sieht man von (sehr seltenen) Splatter-Szenen ab, die etwas billig wirken (per se aber ganz gut zum Film passen). Gegen Ende hin geht es auch mal nach draußen, wo man zu Gesicht bekommt, was bis dahin nur in Dialogen angedeutet wurde: „ARQ“ spielt nach einer nicht näher genannten, weltweiten Katastrophe. Klar, dass die Machart des Films die Spannung, wie das Draußen wohl aussehen würde, in schwindelerregende Höhen treibt. Was man dann zu sehen bekommt, ist eher unspektakulär, ich denke aber, dass die Optik für die Mittel, die für diesen Film aufgewendet wurden, vollkommen in in Ordnung ist. Abgesehen davon ist hier die Handlung ohnehin wichtiger.

Ein paar Erklärungen zu wenig.

Ein bis dato unerkanntes Meisterwerk ist „ARQ“ trotz der genannten Vorzüge allerdings nicht. Dass Hauptdarsteller Robbie Amell mehr an einen Action-Helden als an einen genialen Wissenschaftler erinnert, ist zwar kein Beinbruch, stört die Atmosphäre aber tatsächlich ein wenig (seine Ex-Freundin Hannah wird hingegen sehr passend von Rachael Taylor verkörpert). Was mich hingegen wirklich gewurmt hat: „ARQ“ unternimmt nicht einmal den Versuch, zu erklären, wie die Zeitschleife eigentlich funktioniert. Man bekommt zwar ein recht billig aussehendes, merkwürdiges Gerät zu Gesicht, das wohl eine Art Perpetuum mobile sein soll, was es damit aber auf sich hat, muss man sich selbst zusammenreimen.

Ich verstehe schon, dass das nicht der Fokus der Handlung ist – ein wenig mehr „Fleisch“ hätte dem Film an dieser Stelle aber nicht geschadet. Hinzu kommen gewisse logische Ungereimtheiten – so laufen beispielsweise Uhren mit Fortdauer des Films sichtbar schneller, was meines Erachtens aber nicht von den Charakteren bemerkt werden dürfte, wenn die sich weiterhin in normaler Geschwindigkeit durch den Raum bewegen. Kleinlich? Mag sein, aber dadurch, dass es hier – im Gegensatz zu „Und täglich grüßt das Murmeltier“ – eine eindeutige, technische Komponente gibt, die den Zeitsprung auslöst, hätte ich mir dazu auch eine gewisse Pseudo-Wissenschaftlichkeit gewünscht.

Einen Punkt möchte ich noch ansprechen, bevor ich zum Fazit komme: Den Schluss von „ARQ“ fand ich enttäuschend. Um es deutlich zu sagen: Es wirkt, als hätte schlicht und ergreifend niemand eine Idee gehabt, wie man die Story vernünftig zu Ende führen soll. Ein Happy End war angesichts des allgemeinen Tenors wohl zu Recht keine Option, sodass man sich für eine zweitschlechteste Alternative entschieden hat: Das Ende ist offen, es geht also alles wieder von vorne los – ob das nun besser oder schlechter als die auf unterschiedliche Weisen aufgelösten Zeitschleifen anderer Werke ist, sei dahingestellt; meinen Geschmack hat es jedenfalls nicht getroffen, weil es sich merklich nach einer Verlegenheitsoption anfühlt.

Fazit: Sehenswert.

Ich würde „ARQ“ trotz der genannten Schwächen allen empfehlen, die eine Vorliebe für das Konzept der Zeitreise und ihrer Konsequenzen haben. Wie sehr die fehlende Wissenschaftlichkeit fehlt, hängt meines Erachtens stark vom persönlichen Geschmack ab. Ich gebe jedoch zu bedenken, dass mir selbst solche Dinge in der Regel sehr wichtig sind, ich „ARQ“ aber trotz ihrer Abwesenheit als spannend und unterhaltsam empfunden habe. Wer nicht so viel Wert darauf legt, alles möglichst lückenlos erklärt zu bekommen, wird an dieser Stelle ohnehin keine Probleme mit dem Film haben und erlebt einen spannenden Thriller, in dem nichts so ist, wie es anfangs scheint. Das dürfte sogar funktionieren, wenn man mit der Zeitschleifen-Thematik nicht warm wird, weil der Regisseur es meines Erachtens völlig unabhängig davon schafft, eine interessante und überraschende Geschichte zu erzählen.

Größter Wermutstropfen ist das Finale. Das ist eigentlich sogar recht konsequent, dennoch hinterlässt es das Publikum eher ratlos, weil das Gefühl dominiert, alles, was die Charaktere zuvor erlitten haben, wäre sinnlos gewesen. Ob das in diesem Ausmaß gewollt war, wage ich nicht zu beurteilen. So oder so: „ARQ“ ist definitiv sehenswert und hätte mit einem etwas … naja… „besseren“ Finale (was auch immer das heißen mag) mindestens einen Punkt mehr bekommen. Aber auch so sollten Science Fiction-Fans unbedingt einen Blick riskieren – es lohnt sich.

Gesamteindruck: 5/7


Originaltitel: ARQ.
Regie:
Tony Elliott
Drehbuch: Tony Elliott
Jahr: 2016
Land: USA, Kanada
Laufzeit: ca. 90 Minuten
Besetzung (Auswahl): Robbie Amell, Rachael Taylor, Shaun Benson, Gray Powell, Adam Butcher



FilmWelt: TAU

„TAU“ (2018) gehört zu jener Sorte Filme, die man nach einem beiläufigen Blick auf die Inhaltsangabe auf die Watchlist gibt. Dort setzt er dann – gemeinsam mit hundert ähnlichen Werken – sprichwörtlichen Staub an, bis man sich irgendwann doch zu einer Sichtung aufrafft und oft genug eine Enttäuschung erlebt. Inwiefern das in vorliegendem Fall zutrifft, versuche ich im Folgenden herauszuarbeiten.

Gesamteindruck: 2/7


Mensch und Maschine gegen Mensch.

Es ist kein neues Terrain, auf das sich Regisseur Federico D’Alessandro und Drehbuchautorin Noga Landau mit „TAU“ begeben. Moment, wer? Gute Frage, ich musste auch erst recherchieren… In aller Kürze: Der Name D’Alessandro ist (im Gegensatz zu Landau) zumindest mit großen Produktionen assoziiert. So hat unser Mann beispielsweise an Filmen wie „I Am Legend“ (2007), „Bird Box“ (2018) und einer stattlichen Zahl von Blockbustern aus dem Marvel-Universum mitgewirkt. Allerdings, und das ist die Crux und mithin der Grund, wieso mir der Name nicht geläufig war: D’Alessandro ist kein gelernter Regisseur, sondern in der Regel für das „storyboard“ verantwortlich, also für die grobe, visuelle Konzeption von Filmszenen. Eine wichtige Aufgabe, allerdings keine, die mit den Herausforderungen, denen sich ein Regisseur stellen muss, vergleichbar ist. Das schon mal zur Orientierung und Einordnung dessen, was ich in weiterer Folge über „TAU“ zu sagen habe.

Worum geht’s?
Julia, eine Kleinkriminelle, die sich mit Diebstählen und Hehlerei über Wasser hält, wird entführt und findet sich unversehens in einem futuristischen Haus wieder. Dessen Eigentümer Alex braucht Versuchskaninchen für ein nicht näher genanntes Projekt, das irgend etwas mit der Entwicklung künstlicher Intelligenz zu tun hat. In Abwesenheit ihres Entführers soll Julia, beaufsichtigt vom intelligenten und mit Emotionen ausgestatteten Computer TAU, verschiedene Aufgaben und Tests bestehen. Zunächst bleibt ihr nichts übrig, als sich zu fügen – bis sie eine Möglichkeit findet, das Vertrauen der Maschinenintelligenz zu gewinnen und sich mit ihm gegen Alex zu verbünden…

Auf dem Papier klingt die Prämisse von „TAU“ nicht schlecht, stellt sie doch die Frage nach dem Wesen von Intelligenz und der Bedeutung von Emotionen für Mensch und Maschine. Dieses Thema ist ein Klassiker der Science Fiction und angesichts jüngster Entwicklungen so aktuell wie nie zuvor in der Geschichte. So gesehen ist es auch kein Wunder, dass „TAU“ inhaltlich an Werke wie „2001: Odyssee Im Weltraum“ (1968), dessen Hommage „Dark Star“ (1974) und die eine oder andere Folge diverser Science Fiction-Serien (z. B. „Computer M5“ aus „Raumschiff Enterprise“) erinnert. In jüngerer Zeit stellten beispielsweise „Ex Machina“ (2015) oder, allerdings erst nach „TAU“, „I Am Mother“ (2019) ähnliche Themen zur Diskussion.

Diese Referenzen weisen darauf hin, was „TAU“ anhand seiner Prämisse hätte sein können. Leider – und damit nehme ich das Fazit vorweg – hinterlässt der Film im Gegensatz zu seinen vermeintlichen Vorbildern keinen bleibenden Eindruck. Er stellt zwar indirekt, also aus der Handlung heraus, wichtige Fragen, eine tiefschürfende Beantwortung, die uns neue Erkenntnisse bringen könnte, bleibt er jedoch schuldig. Letzten Endes muss man sogar konstatieren, dass es schwierig ist, eine Aussage über den Sinn dieses Films zu treffen. Ein ziemlich vernichtendes Urteil, das ich in weiterer Folge zu erklären versuche.

Thema verfehlt.

„TAU“ enttäuscht auf mehreren Ebenen. So wirkt der Film beispielsweise auf mich, als hätte der Regisseur zwei Ideen gehabt: Einerseits sollte es um die Psychologie einer Entführung gehen, andererseits musste „irgendwas mit künstlicher Intelligenz“ rein; letzteres vielleicht als Reminiszenz an genannte Klassiker oder um brennende Fragen unserer Zeit zu diskutieren – ich weiß es nicht. Diese beiden Gedanken miteinander zu verbinden ist jedenfalls nicht so weit hergeholt und eine legitime Herangehensweise, die aber leider maximal im Aufbau des Films halbwegs funktioniert. Nach der Einführung der Grundidee und der ersten Vorstellung der Charaktere geht „TAU“ relativ schnell die Luft aus.

Ein Grund dafür ist, dass die Verantwortlichen sich offenbar nicht sicher waren, auf welche Weise sie die Gefahren überhaupt thematisieren sollen, die der Menschheit drohen könnten, wenn Maschinen intelligent und emotional werden. Mit anderen Worten: Die Frage nach dem Umgang mit künstlicher Intelligenz wirkt fast schon vorgeschoben und wie eine Art Anhängsel zur eigentlich favorisierten Entführungsgeschichte, die sich im Laufe des Films zu einer Art Romanze entwickelt.

Denn genau das passiert: Julia wird entführt, zeigt sich in Gefangenschaft zunächst widerspenstig, besinnt sich dann aber darauf, das Vertrauen ihrer Peiniger zu gewinnen, um so zu entkommen. Mit dem Einen gelingt ihr das nicht, zum Anderen kann sie schließlich tatsächlich eine Beziehung aufbauen. Das wiederum löst Streit unter den Schurken aus – was zu einem Finale führt, das ähnlich vorhersehbar ist, wie der eben beschriebene Rest. Einzige Besonderheit: Einer der Gegenspieler ist kein Mensch, sondern ein Computer – und ausgerechnet der lässt sich zu emotionalem Handeln hinreißen, während sein menschlicher Schöpfer kalt wie eine Maschine agiert. Theoretisch mag das nach einem interessanten Setting klingen, in Wirklichkeit ist es aber eine Themenverfehlung, weil der Film für mein Dafürhalten etwas Anderes verspricht.

Doch auch, wenn ich die Intention von „TAU“ fehlinterpretiert hätte, hat der Film mit ganz grundsätzlichen Schwächen zu kämpfen. So kommt das Drehbuch recht spannungsarm, teils unlogisch und auch lückenhaft daher: Was ist beispielsweise der Zweck der Experimente von Alex? Wie ist es möglich, „Schmerz“ bei einem Computer auszulösen? Warum kann eine allmächtige KI, die schreit, wenn man ihr „weh“ tut, zwar Geheimnisse für sich behalten, aber keine Türen öffnen? Überhaupt wirkt das Verhalten des Computers TAU häufig unglaubwürdig, auch dann, wenn man ihm eine Intelligenz unterstellt, die über das hinausgeht, was aktuelle Rechner leisten können. Nichts von alledem wird sinnvoll erläutert, sodass auch in dieser Hinsicht definitiv ein schaler Nachgeschmack bleibt. Auch wenn ich mich wiederhole: Es wirkt, als wäre das, was später zur künstlichen Intelligenz TAU werden sollte, ursprünglich für einen menschlichen Charakter geschrieben gewesen, der sich erst sträubt und schließlich nach und nach von seinem eigentlichen Opfer einlullen lässt.

Lustlose Darsteller:innen.

„TAU“ wird im Wesentlichen von drei Figuren bestimmt: Julia, gespielt von Maika Monroe, Antagonist Alex, den Ed Skrein darstellt – und, irgendwo zwischen diesen beiden Polen, der Computer TAU, gesprochen vom großartigen Gary Oldman. Ich würde das, abgesehen vielleicht von Skrein, eine durchaus passable Besetzung nennen, die der Regisseur allerdings nicht zu nutzen vermag. Einerseits, weil es ihm offenbar nicht gelungen ist, seine Schauspieler:innen richtig zur Arbeit zu motivieren: Weder Monroe noch Skrein legen meines Erachtens irgendeine Form von Leidenschaft in ihre Darbietung. Wer nun argumentiert, dass speziell der Bösewicht kalt und unnahbar sein muss, hat grundsätzlich schon recht – nur löst das fast schon gelangweilt wirkende Spiel von Ed Skrein keinerlei Emotionen bei mir aus. Weder finde ich ihn auch nur ansatzweise sympathisch, noch ist er einer dieser Schurken, die so gemein sind, dass man sie einfach hassen muss. Er ist schlicht und einfach nichtssagend, genau wie sein weiblicher Konterpart. Gary Oldman kann das auch nicht rausreißen, im Gegenteil: Durch die sanfte Emotionalität, die er – bzw. sein Synchronsprecher, das Original kenne ich nicht – in die Stimme von TAU legt, geht der KI völlig die berechnende Kälte einer Maschine ab, die in ähnlichen Filmen immer unbewusst mitschwingt. Ein bedrohlicher Computer ist TAU jedenfalls nicht, was wiederum an der Glaubwürdigkeit des gesamten Films rüttelt.

Doch auch, wenn die Schauspieler:innen recht lustlos agieren, würde ich ihnen nicht die Schuld an der mageren Wertung für „TAU“ geben. Viel gravierender sind – neben genannten inhaltlichen Schwächen – die für sie geschriebenen Dialoge, die sich nahtlos in die Oberflächlichkeit des Gesamwerks einreihen. Die Gespräche zwischen TAU und Julia sind anfangs noch halbwegs interessant und bieten auch eine gewisse Spannung (schafft sie es, den Computer auf ihre Seite zu ziehen?). Im Laufe der Handlung verflachen sie jedoch zusehends, wiederholen sich und sind kaum geeignet, das Interesse aufrecht zu erhalten. Eine wichtige Aussage vermag ich darin – wie auch im restlichen Film – kaum zu finden. Der Vollständigkeit halber sei abschließend erwähnt, dass das gelegentliche Geplänkel zwischen Alex und Julia bestenfalls Standard ist, den man, wie den Großteil der Handlung, aus praktisch jeder Entführungsgeschichte kennt.

Was bleibt als Fazit? Zunächst einmal mehr die Erkenntnis, dass Netflix-Produktionen oft stark fotografiert und sehr stylisch sind (so auch dieses Werk), über gute Effekte verfügen und sich in der Besetzung nicht vor anderen Titeln verstecken müssen. Gleichzeitig sind sie inhaltlich oft deutlich schwächer, als man erwarten würde – und das ist eben auch bei „TAU“ der Fall. Wenn man es ganz genau nimmt, macht der Film aus seiner Prämisse praktisch nichts, denn, brutal gesagt: Es hätte für die Handlung so gut wie nichts geändert, wenn statt einer künstlichen Intelligenz zwei menschliche Entführer am Werk gewesen wären. Heißt: Der Film „TAU“ hätte mit geringfügigen Änderungen auch ohne den Computer TAU funktioniert. Und das ist eigentlich ein verheerendes Zeugnis, dass sich letztlich auch in der Wertung niederschlagen muss.

Gesamteindruck: 2/7


Originaltitel: TAU.
Regie:
Federico D’Alessandro
Drehbuch: Noga Landau
Jahr: 2018
Land: USA
Laufzeit: ca. 100 Minuten
Besetzung (Auswahl): Maika Monroe, Ed Skrein, Gary Oldman



FilmWelt: Nerve

„Nerve“ (2016) ist eine Adaption eines gleichnamigen Romans, der 2012 veröffentlicht wurde. Die Idee, die dahinter steckt ist zwar nicht völlig neu: Bereits 1997 hatte „The Game“, u. a. mit Michael Douglas und Sean Penn, eine ähnliche Prämisse. „Nerve“ adaptiert diesen Stoff sehr clever und passt ihn so an, dass er den seit einigen Jahren herrschenden Trend zur Exposition in den Sozialen Medien voll und ganz trifft. Dazu passt auch die optische, technische und schauspielerische Umsetzung, die vor allem auf Action und Tempo setzt, in der aber trotz aller Leichtigkeit die Warnung vor gewissen Zuständen unserer Zeit ebenfalls Platz findet.

Gesamteindruck: 5/7


Die Zeit, in der wir leben.

Dass es in jüngerer Zeit verstärkt Tendenzen gibt, das komplexe Themengeflecht im Umfeld der Sozialen Medien filmisch zu thematisieren ist nicht verwunderlich: Kaum ein Bereich bestimmt das Leben junger und nicht mehr ganz so junger Menschen aktuell in diesem Ausmaß. Und: Es mag durchaus schöne Seiten diese Phänomens geben – für mein Gefühl überwiegen aber die Probleme, die daraus entstehen. Das scheinen u. a. auch viele Medienschaffende so zu sehen, wie man an Beiträgen wie „CAM“ (2018), „Follow Me“ (2020) und – vor allem – diversen Folgen von „Black Mirror“ (2011-2019) deutlich erkennen kann.

Worum geht’s?
„Nerve“ ist ein illegales Spiel für moderne Gladiator:innen: Wer sich als „Player“ anmeldet und die gestellten Herausforderungen annimmt, kann damit Geld verdienen und zum gefeierten Internet-Star werden. Denn die Bewältigung der Challenges wird einem voyeuristischen Publikum, den „Watchern“, direkt auf ihr Smartphone oder Tablet geliefert. Der Haken: Neben vermeintlich leichten und harmlosen Aufgaben nimmt man immer wieder auch an kriminellen, riskanten, oft sogar lebensgefährlichen Handlungen teil, um die sensationslüsternen Watcher bei der Stange zu halten. Und: Ist man einmal als Player dabei, gibt es kaum noch ein Zurück, wie auch Mauerblümchen Vee auf der Suche nach Geld und Anerkennung feststellen muss…

Die Story von „Nerve“ mag für ältere Semester unglaublich klingen. Wer aber auch nur ein bisschen verfolgt, was sich heute im Netz tut, wird sich eher fragen, ob die Handlung wirklich frei erfunden ist. Denn 2014 gab es beispielsweise die „Ice Bucket Challenge“, die anschaulich zeigte, wie Menschen dazu gebracht werden, vor einem Millionenpublikum eine Handlung durchzuführen, die in früheren Zeiten maximal der engste Freundeskreis beobachtet hätte. Immerhin ging es dabei aber um einen guten Zweck und (hoffentlich) ist dabei auch niemand zu Schaden gekommen. Anders bei der um 2018 erstmals in größerem Stil aufgetauchten „Tide Pod Challenge“: Bei diesem wohl am ehesten als Mutprobe zu bezeichnenden Internet-Phänomen nahmen (vorwiegend) Jugendliche vor laufender Kamera Waschmittel-Pods zu sich – was für den einen oder die andere mit einem Besuch im Krankenhaus geendet haben dürfte.

Diese zwei Beispiele zeigen, dass man „Nerve“ beim besten Willen nicht unterstellen kann, eine unglaubwürdige Geschichte zu erzählen. Im Gegenteil: Man wundert sich, dass das hier vorgestellte, freilich höchst fragwürdige, Geschäftsmodell bis dato nicht existiert. Oder gibt es so etwas wie „Nerve“ vielleicht schon irgendwo in den Abgründen des Internets – und wir wissen es nur (noch) nicht? Ich würde es zumindest nicht ausschließen wollen…

Inhaltlich braucht „Nerve“ rund 30 Minuten, um seine Charaktere einzuführen. Das gelingt auf relativ spielerische Art und sollte eigentlich den Großteil des Publikums (nicht nur die Influencer und YouTuber) ansprechen. Durchaus launig und unterhaltsam werden die Rollen vorgestellt, wobei es im Wesentlichen nur drei halbwegs detailliert gezeichnete Figuren gibt. Nach den ersten Challenges, die den Zuseher:innen (und auch den Charakteren) ein Gefühl für das Spiel geben, wird aus locker-flockiger Unterhaltung plötzlich bitterer Ernst. Ab hier gewinnt der Film deutlich an Spannung und Tiefgang – zumindest so lange er sich um die in meiner Vorstellung eigentlich zentrale Frage „Wie weit würdest du gehen?“ dreht. Das dürfte den Verantwortlichen dann aber, vermutlich der Vorlage geschuldet, ein bisschen zu wenig gewesen sein, sodass zum Schluss nicht nur der Ausbruch aus dem Spiel, sondern auch dessen Zerstörung zum Thema wird, was der Glaubwürdigkeit meines Erachtens schadet.

Kein tolles Finale.

Überhaupt möchte ich eben jenes Finale an dieser Stelle kritisieren: Eine ausgesprochen moralisierende Rede ist offenbar das Mittel der Wahl, um nicht die Macher:innen des Spiels, sondern dessen voyeuristische Zuseher:innen in die Pflicht zu nehmen. Die Intention mag nobel sein – ich persönlich halte das aber für keine gute Idee, allein schon, weil es dafür notwendig ist, die „Watcher“ an einem Ort zu versammeln, was die bis dahin geltenden Konventionen des Films konterkariert. Ohne Live-Publikum, das auch physisch anwesend ist, wäre eine derartige Rede aber nicht denkbar und schon gar nicht wirkungsvoll, sodass man um diesen Kniff wohl nicht herumgekommen ist.

Dabei wäre der Schluss per se sogar gut geschrieben: Das Spiel endet erst dann, wenn wirklich jemandem etwas passiert. Nur bleibt es dabei nicht – im Gegenteil, „Nerve“ hat ein richtiges happy end, was den Film tatsächlich einen Punkt in der Gesamtwertung kostet. Auch, weil er, um das überhaupt umzusetzen ebenfalls eine weitere fragwürdige Entscheidung in Sachen Glaubwürdigkeit treffen muss, indem er ein paar Nerds dieses hochprofessionell organisierte Spiel hacken lässt, ohne auch nur ansatzweise zu erklären, wie das überhaupt funktionieren soll. Schade – denn das wirkt deutlich einfallsloser, als ich es mir nach dem bis dahin Gesehenen erhofft hätte.

Technisch sehr stark.

Abschließend noch ein Wort zur technischen Seite: Für mein Gefühl schaffen die Regisseure Henry Joost und Ariel Schulman es praktisch perfekt, die Prämisse des Films jederzeit sichtbar zu halten. Alles an „Nerve“ wirkt zeitgemäß und modern: Von Anfang an stechen optische Spielereien wie eingeblendete Emojis, Chatfenster, bunte Wegweiser, verwackelte, durchs Smartphone gefilmte Szenen, aber auch die Kameraführung per se sowie der schnelle Schnitt hervor. Gemeinsam mit dem poppigen Soundtrack und den teils schnell gesprochenen Dialogen fühlt man sich zeitweise tatsächlich eher wie jemand, der/die die Kandidat:innen durch sein Smartphone bei ihren Challenges beobachtet. Genau das dürfte auch das Ziel gewesen sein, weil es dem realen Publikum den Eindruck vermittelt, in der moralisch höchst fragwürdigen Position des „Watchers“ zu sein. Das funktioniert grundsätzlich gut, wobei man nicht unerwähnt lassen sollte, dass „Nerve“ kein komplett mit Handkameras gedrehter Film ist, sondern schon auch traditionelle Szenen bietet. Ich denke aber, dass den Regisseuren hier eine sehr starke Mischung gelungen ist.

Erwähnenswert am Ende: Den Soundtrack habe ich oben als poppig beschrieben. Das ist an und für sich schon Geschmackssache – in „Nerve“ kommt hinzu, dass die Musik teilweise alles zuzukleistern scheint, was manche (also ich…) schon als störend empfinden könnten. Ähnliches gilt für die Dialoge, die dem Thema zwar angemessen sind, die man aber erst einmal verkraften muss.

Hauptkritikpunkt ist und bleibt allerdings das ziemlich süßliche Finale, mit dem ich so gar nichts anfangen konnte und das meines Erachtens ohne Not und eigentlich auch überhaupt nicht angebracht gewisse „alles halb so schlimm“-Vibes zu versprühen scheint. Schade drum, ohne dieses Ende hätte es eine höhere Punktezahl geben können – ein unterhaltsamer Film zu einem hochaktuellen Thema ist „Nerve“ aber allemal.

Gesamteindruck: 5/7


Originaltitel: Nerve.
Regie:
Henry Joost, Ariel Schulman
Drehbuch: Jessica Sharzer
Jahr: 2016
Land: USA
Laufzeit: ca. 95 Minuten
Besetzung (Auswahl): Emma Roberts, Dave Franco, Juliette Lewis, Emily Meade, Miles Heizer



FilmWelt: Road to Perdition

20 Jahre (!) hat es gedauert, bis ich das vielfach Oscar-nominierte „Road to Perdition“ (2002) erstmals gesehen habe – es hat sich einfach nie ergeben. Weil heute der Zugang zu Filmen dank Streaming so einfach ist, wie nie zuvor in der Geschichte, war die Zeit nun aber endgültig reif, diese Lücke in meinem Lebenslauf als Filmliebhaber zu schließen.

Gesamteindruck: 5/7


Der Killer und sein Sohn.

Im Vorfeld war ich der Meinung, „Road to Perdition“ wäre ein klassischer Mafiafilm in der Tradition von „Der Pate“ (1972), „Scarface“ (1983) & Co. Für das erste Drittel, vielleicht die erste Hälfte, der Laufzeit trifft das durchaus zu, später ändert sich dieser Eindruck, was an unterschiedlichen Details festzumachen ist. Dass der Film auf einer 1998 erstmals erschienen Graphic Novel gleichen Namens beruht, habe ich allerdings erst im Zuge der Recherche zu dieser Rezension festgestellt. Relevant für das Verständnis von „Road to Perdition“ ist diese Information zwar nicht, sie erklärt meines Erachtens jedoch die eine oder andere Eigenheit des Films und seiner Charaktere.

Worum geht’s?
Mike Sullivan führt ein Doppelleben: Zu Hause ist er treusorgender Ehemann und liebevoller Vater, beruflich erledigt er die Drecksarbeit für Mafiaboss John Rooney und schreckt dabei auch vor Mord nicht zurück. Bei einem seiner Aufträge wird Sullivans Sohn Michael jr., der sich unbemerkt im Kofferraum versteckt hat, Zeuge der brutalen Methoden der Gangster. Mitwisser kann das Syndikat freilich nicht gebrauchen, was Mike dazu zwingt, mit seinem Sohn die Flucht zu ergreifen. Gemeinsam durchqueren die beiden das Amerika der 1930er Jahre, immer bemüht, ihren Häschern einen Schritt voraus zu sein…

In Sachen Starpower steht „Road to Perdition“ den großartigsten Gangsterfilmen Geschichte kaum nach: Tom Hanks, Paul Newman († 2008, hier in seiner letzten Kinorolle) und der damals noch nicht allzu bekannte Daniel Craig sind ebenso am Start wie Jude Law, Jennifer Jason Leigh, der spätere Serienheld Tyler Hoechlin sowie der von mir sehr geschätzte Stanley Tucci. Mit einem solchen Aufgebot kann grundsätzlich nicht viel schief gehen – allerdings erscheint mir die Besetzung mancher Rollen recht unkonventionell: So muss man sich an einen ziemlich weinerlichen Daniel Craig gewöhnen, während Jude Law als eiskalter Auftragskiller auch nicht gerade eine seiner üblichen Rollen spielt. Und: Tom Hanks gibt hier den nettesten Verbrecher seit Kevin Costner in „Perfect World“. Überhaupt hat mich „Road to Perdition“ in Sachen Story und Charakterentwicklung stark an jene Clint Eastwood-Produktion von 1993 erinnert, das aber nur als Randnotiz.

In der Retrospektive wirken speziell Craig und Law so, als würden sie eine Rolle spielen, die eigentlich zum jeweils anderen passt. Tom Hanks ist hier ebenfalls ungewöhnlich unterwegs, er zeigt aber auch, wie wandlungsfähig er als Schauspieler war und ist. An dieser Stelle möchte ich dennoch anmerken, dass Hanks so ruhig, nachdenklich und introvertiert agiert, dass es schwerfällt, in ihm den kompromisslosen „Enforcer“ zu sehen, den er eigentlich spielt. Im Endeffekt ist das ein ähnlicher Grenzgang, wie wir ihn fast 10 Jahre zuvor im oben erwähnten „Perfect World“ erlebt haben – und wie Kevin Costner (zumindest sagt das meine leicht verblasste Erinnerung) schafft es Tom Hanks glücklicherweise, stets diesseits jener imaginären Grenze der Glaubwürdigkeit zu bleiben.

Wer spielt sonst noch mit? Jennifer Jason Leigh gibt in einer relativ kleinen Rolle eine unauffällige Ehefrau in diesem extrem männlich dominierten Film. Paul Newman ist hingegen ein starker Schurke – einerseits verleiht der Schauspieler seinem Charakter so gar nichts vom Typ „lieber Opa“, sondern umgibt ihn mit einer Aura von kalter Brutalität. Andererseits arbeitet der Altstar im Zusammenspiel mit Hanks gut die spezielle, Vater-Sohn-artige Beziehung zwischen beiden heraus, die den von Craig gespielten leiblichen Sohn zu einer sehr tragischen Figur macht. So gesehen passt dessen Auftritt wiederum ganz gut. Lediglich Jude Law wirkt bis zum Schluss relativ isoliert und fügt sich nicht so richtig ins Gesamtbild ein (was ich aber nicht dem Schauspieler, sondern dem Drehbuch zuschreiben würde). Das mag auch an der Optik seiner Rolle liegen: Mit langen Fingernägeln, schütterem Haar, gelblichen Zähnen, entsprechend geschminkt und gemessenen Bewegungen wirkt er wie der Tod persönlich, mithin wohl eine der stärkeren Reminiszenzen an das Comic-Vorbild, an das ansonsten vor allem gewisse Überzeichnungen, vor allem in Action-Szenen, angelehnt sein dürften.

Vorzüglich gemacht.

Was beim Ansehen von „Road to Perdition“ auch anno 2022 direkt auffällt: Der Film ist nicht nur stark besetzt, sondern vor allem gut ausgestattet und inszeniert. Speziell das über weite Strecken trostlos verregnete Bühnenbild mit vielen Anleihen aus dem Film noir weiß zu überzeugen. Hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang das eindrucksvolle Finale im strömenden Regen – viel besser hätte man das meines Erachtens nicht gestalten können; ähnliches gilt für die immer wieder faszinierenden Bilder von uniformen Menschenmengen mit Mantel und Hut. Dass „Road to Perdition“ so gut aussieht, ist neben den Regiekünsten natürlich auch und vor allem der Kameraarbeit zu verdanken, für die es den einzigen Oscar (bei 6 Nominierungen) gab. Seinen Oscar (insgesamt war es sein dritter) konnte Kameramann Conrad L. Hall allerdings nicht mehr persönlich entgegennehmen – er war wenige Wochen vor der Verleihung an Krebs verstorben.

Road to Familie.

Wenn Inszenierung, Ausstattung und Besetzung so stark sind, wo liegen dann die Schwächen von „Road to Perdition“? Für mein Dafürhalten sind es Drehbuch und Handlung, die nicht ganz mit dem beeindruckenden Rest mithalten können. Die Story selbst ist eine Mischung aus Thriller und Road Movie, wobei letzteres klar überwiegt, was man schon am Titel des Films erkennen kann. Auf der Straße lernen sich Vater und Sohn erst richtig kennen, was zwar keine große Überraschung, aber immerhin ganz gut gelungen ist. In manchen Momenten ist das Zusammenspiel von Hanks und Hoechlin großartig, oft kam es mir aber auch etwas hölzern und schwerfällig vor, was eventuell auch dem Drehbuch geschuldet sein könnte. Ich weiß nicht, wie es anderen Zuschauer:innen gegangen ist, ich hatte letzten Endes aber tatsächlich ein paar Schwierigkeiten, eine richtige Beziehung zu den Protagonisten aufzubauen.

In Sachen Drehbuch habe ich „Road to Perdition“ über weite Strecken als gut geschrieben erlebt. Es gibt hier allerdings eine Diskrepanz, die mich etwas gestört hat: Während die erste Hälfte des Films hart, brutal und düster rüberkommt, scheint es, dass Sam Mendes bzw. Drehbuchautor David Self ihr Werk im weiteren Verlauf mit ein wenig Humor auflockern wollten. Nicht falsch verstehen: „Road to Perdition“ ist zu keinem Zeitpunkt eine Komödie und es gibt ohnehin nicht viele derartige Szenen. Dennoch oder gerade deshalb ist mir der Abschnitt, in denen sich Vater und Sohn als Komplizen, die Geld von Al Capone (!) stehlen, über Wasser halten, als unpassend launig in Erinnerung geblieben.

Fazit: Es kommt nicht von ungefähr, dass 5 der 6 Oscar-Nominierungen für „Road to Perdition“ in „technischen“ Kategorien zu verzeichnen waren (Kamera, Szenenbild, Musik, Ton, Tonschnitt und, als einzige Ausnahme, die Nominierung als bester Nebendarsteller für Paul Newman). Wie mehrfach beschrieben sind das lauter Kategorien, in denen der Film vorbehaltlos glänzen kann. Er ist – und auch das habe ich angedeutet – inhaltlich ebenfalls gelungen und durchaus unterhaltsam; Schauspieler:innen, Charaktere und Inszenierung stimmen ebenfalls. Dennoch fehlt für mich das allerletzte Quäntchen, das ein wahres Meisterwerk auszeichnet. Anders gesagt: Die Teile fügen sich weitgehend nahtlos zusammen. Größer als ihre Summe will mir „Road to Perdition“ allerdings leider nicht erscheinen.

Gesamteindruck: 5/7


Originaltitel: Road to Perdition.
Regie:
Sam Mendes
Drehbuch: David Self
Jahr: 2002
Land: USA
Laufzeit: ca. 120 Minuten
Besetzung (Auswahl): Tom Hanks, Paul Newman, Jude Law, Daniel Craig, Tyler Hoechlin, Jason Tucci



FilmWelt: Veras Mantel

In den Abgründen einschlägiger Streaming-Portal finden sich neben haufenweise obskurer B- und C-Ware gelegentlich recht gutklassige Indie-Produktionen. Eine solche ist auch „Veras Mantel“ (2018), ein Film, den ich unlängst zufällig beim Durchforsten des Prime Video-Angebots von Amazon gefunden habe. Fast hätte ich die deutsche Produktion trotz interessanter Inhaltsangabe dennoch nie gesehen – zu durchwachsen schienen mir die Kritiken. Letztlich habe ich es nach einigem Hin und Her aber doch gewagt.

Gesamteindruck: 5/7


Ein anderes Leben.

Um es gleich vorweg zu nehmen: Ich habe es nicht bereut, gut 110 Minuten meines Lebens mit „Veras Mantel“ verbracht zu haben. Das bedeutet allerdings weder, dass es sich dabei um ein unentdecktes Meisterwerk handelt, noch dass dieser Film für ein breites Publikum geeignet ist. Ich weiß: Letzteres klingt verdächtig nach elitärem Gehabe, ist im Prinzip aber nur Ausdruck meines Unverständnisses für die meines Erachtens zu niedrigen Wertungen. Damit will ich wiederum nicht sagen, dass die Kritiker:innen unrecht hätten – es könnte aber schon sein, dass manche von ihnen mit falschen Vorstellungen an den Film des österreichischen Regisseurs Ronald Unterberger herangegangen sind.

Worum geht’s?
Schriftstellerin Vera Godin leidet an einer besonders schlimmen Form von Agoraphobie: Es ist ihr völlig unmöglich, das eigene Haus zu verlassen. Als ein mysteriöser Fan beginnt, die erfolgreiche Autorin zu stalken, alarmiert sie nach einigem Hin & Her die Polizei, die prompt einen Wachposten vor der Haustür abstellt. Im ersten Moment scheint sich die Situation dadurch zu entspannen, doch schon bald geschehen weitere, noch unheimlichere Dinge…

Im Wesentlichen lässt sich „Veras Mantel“ als Mystery-Thriller klassifizieren. Die Idee eines fanatischen Bewunderers, der dem Objekt seiner Begierde bedrohlich nahe kommt, ist per se natürlich nicht sonderlich originell. Ronald Unterberger, der das Drehbuch selbst verfasst hat, arbeitet allerdings auch mit übernatürlichen Elementen, was seinen Beitrag vage in Richtung „The Sixth Sense“ (1999) oder „The Others“ (2001) verschiebt, deren Klasse er aber nicht erreicht. Wobei man durchaus sagen kann, dass die unheimlichen Szenen von „Veras Mantel“, speziell was die Auftritte der „anderen Frau“ betrifft, tatsächlich furchteinflößend sind und einer Hollywood-Produktion kaum nachstehen.

Vom Publikum verkannt?

Dass dieser Film dennoch nicht über den Status eines Geheimtipps hinauskommt, liegt meines Erachtens vor allem an zwei Faktoren. Erstens ist „Veras Mantel“ auf allen Ebenen sehr ruhig: Es gibt kaum Filmmusik zu hören, die Ausstattung ist insgesamt sehr kühl und minimalistisch, die Szenenwechsel sparsam; generell wirkt alles sehr zweckmäßig und so, als solle nichts von der Hauptfigur und deren Zustand ablenken. Der zweite Faktor sind die Dialoge: „Veras Mantel“ steht in dieser Hinsicht in der Tradition vieler deutschsprachiger Produktionen, deren Sprache mehr an die des Theaters erinnert und relativ wenig mit dem zu tun hat, was man in der Regel aus dem Medium Film kennt. Und so ist es eben auch hier, wobei ich vermute, dass der Regisseur sein Werk mit Absicht so theaterhaft inszeniert hat, während es z. B. in „Tribes of Europa“ wie ein schusseliges Versehen wirkt.

Wer sich an die sehr nüchterne Ausstattung und die teils recht schwierigen Dialoge nicht gewöhnen kann oder will, wird – so meine Vermutung – eher nicht in der Lage sein, die sehr spezielle Atmosphäre des Films zu schätzen. Dabei empfinde ich gerade die als eine so große Stärke, dass sie mich als Zuseher auch über die etwas wirre Story hinwegsehen lassen kann. Denn der starke Kontrast zwischen der Agoraphobie der Hauptfigur, die das rettende „Draußen“ einfach nicht erreichen kann und dem Gefühl der Klaustrophobie, die der in einem einzigen Haus gedrehte Film beim Publikum auszulösen vermag, ist meines Erachtens eine sehr starke Leistung des Regisseurs.

Die Handlung selbst ist vor allem anfangs, genau genommen aber bis zum Schluss, schwer zu interpretieren. Das Finale versucht zwar, die Fäden zusammenzuführen und ein Aha-Erlebnis bzw. einen Twist zu generieren, wie man es aus den weiter oben erwähnten Hollywood-Streifen kennt. Leider muss man sich in der Praxis deutlich zu viel selbst zusammenreimen, hier lässt der Regisseur das Publikum ein wenig im Regen stehen. Denn das Ende ist bei einfachem Ansehen des Films meiner Meinung nach schwer bis überhaupt nicht zu entschlüsseln, was neben den genannten Punkten ebenfalls für negative Stimmung bei einigen Rezensent:innen gesorgt haben mag. Und auch ich, der ich „Veras Mantel“ über weite Strecken für gelungen halte, war zum Schluss eher ratlos und, ja, auch enttäuscht.

Eine Frage der Erwartungen.

Abschließend ein Wort zu den Schauspieler:innen: An deren Performance finde ich grundsätzlich wenig auszusetzen, vor allem Hauptdarstellerin Lea Faßbender macht einen grandiosen Job und trägt den Film praktisch im Alleingang. Ihr gelingt es hervorragend, den zunehmenden Verfall und die Isolation ihrer Figur nachzuzeichnen. Lobend erwähnen möchte ich außerdem Nico Josef Zitek, der Erik, den Ehemann der Hauptfigur spielt und dem es für mein Dafürhalten gut gelingt, die Schwierigkeiten einer solch unsymmetrischen Beziehung herauszuarbeiten. Wenig zu sagen hat Karoline Fritz alias „die andere Frau“, ich habe aber bereits weiter oben erwähnt, dass ihre Darstellung überaus unheimlich ist, was ebenfalls positiv hervorzuheben ist.

Wie man sieht, konnte ich „Veras Mantel“ durchaus einiges abgewinnen. Eine uneingeschränkte Empfehlung möchte ich aber dennoch nicht aussprechen – zu experimentell, zu speziell ist dieser Film. Ich würde allen, die überlegen, ihn anzusehen, den Rat geben, sich vorher zumindest ansatzweise über Hintergrund und Machart zu informieren. So sollte es möglich sein, abzuwägen, ob „Veras Mantel“ dem eigenen Geschmack entspricht. Wer das nicht tut, könnte möglicherweise eine Enttäuschung erleben, weil das einer dieser Fälle ist, in dem die Inhaltsangabe einen völlig falschen Eindruck vermittelt. Denn obwohl sie sachlich natürlich richtig ist, gibt sie keinerlei Aufschluss über die Eigenheiten, die diesen Film auszeichnen.

Gesamteindruck: 5/7


Originaltitel: Veras Mantel.
Regie:
Ronald Unterberger
Drehbuch: Ronald Unterberger
Jahr: 2018
Land: Deutschland
Laufzeit: ca. 110 Minuten
Besetzung (Auswahl): Lea Faßbender, Nico Josef Zitek, Karoline Fritz, Charlotte Ullrich, Leif Evers



FilmWelt: Shin Godzilla

Kaijū-Filmen liegt – zumindest auf den ersten Blick – immer eine ähnliche Prämisse zugrunde: Ein gigantisches Ungeheuer bringt Tod und Zerstörung über die Menschheit. Die Verwüstungen werden dabei höchst spektakulär dargestellt, was in der Regel auch den hauptsächlichen Unterhaltungswert ausmacht. Man sollte aber eines nicht vergessen: Bereits der originale „Godzilla“ (1954) hatte einen deutlich ernsteren Hintergrund (die atomare Bedrohungslage) als im Westen wahrgenommen. Und so ist es auch mit „Shin Godzilla“ (2016), dem ersten japanischen Godzilla-Streifen nach über 10 Jahren, der seinerseits Bezug auf aktuelle Ereignisse nimmt.

Gesamteindruck: 6/7


Monströse Katastrophe.

„Shin Godzilla“ (dt. etwa „Neuer Godzilla“) wird häufig als Allegorie auf die Nuklearkatastrophe von Fukushima (2011) gesehen. Damals hatte ein Seebeben einen verheerenden Tsunami ausgelöst, der rund 20.000 Menschen das Leben gekostet hat. Zu allem Überfluss wurde ein Kernkraftwerk in der Präfektur Fukushima schwer beschädigt, eine Kernschmelze war die Folge. Tausende mussten ihre Häuser verlassen, ob und wann sie zurückkehren können, ist nach wie vor ungewiss. So viel in aller Kürze zu dieser Tragödie – und ja, es macht tatsächlich Sinn, „Shin Godzilla“ als kritische Aufarbeitung des damaligen Geschehens zu betrachten. Aber auch ohne die Hintergründe zu kennen, kann man den 29. japanischen Film über die Riesenechse als einen der gelungensten Vertreter seiner Art betrachten.

Worum geht’s?
Als in der Bucht von Tokio das Meerwasser an einer Stelle zu kochen scheint, gibt es die verschiedensten Theorien – vom defekten Atom-Uboot bis hin zum unterseeischen Vulkan. Einer der eilig zusammengetrommelten Experten glaubt gar an ein großes, unbekanntes Lebewesen. Diese Ansicht wird zunächst nicht ernst genommen – bis sich schließlich tatsächlich ein gigantisches Monster unaufhaltsam seinen Weg durch die Millionenstadt zu bahnen beginnt…

Vorab noch ein Wort zum Hintergrund: Der bis „Shin Godzilla“ letzte japanische Film über das allseits beliebte Monster war „Godzilla: Final Wars“ aus dem Jahr 2004. Zehn Jahre später sollte das Ungetüm erneut die Leinwände unsicher machen – allerdings zum zweiten Mal in der Geschichte (nach der umstrittenen 1998er-Fassung von Roland Emmerich) nicht in Japan, sondern in den USA produziert. Der Erfolg des 2014er-Films war eindrucksvoll genug, um Rechte-Inhaber Tōhō zu überzeugen, seine ikonische Echse auch in deren Heimat auf der Leinwand wiederzubeleben. Das Publikum bestätigte dieses Ansinnen und machte „Shin Godzilla“ zum bis dato erfolgreichsten japanischen Film des Franchise. Zum Zeitpunkt dieser Rezension im Jänner 2022 steht „Shin Godzilla“ dennoch mehr oder weniger allein da: Tōhō hat zwar weitere Realverfilmgungen angekündigt, bisher lebt der japanische Godzilla im Gegensatz zu seinem amerikanischen MonsterVerse-Pendant jedoch leider nur im Anime-Bereich fort.

Kein purer Monster-Film.

„Shin Godzilla“ beginnt ganz klassisch: Ewas ist faul in der Bucht von Tokio, Schiffe und Besatzungen verschwinden und relativ schnell erhaschen wir auch einen Blick auf etwas, das der Schwanz einer großen Kreatur zu sein scheint, die alsbald auch in ihrer ganzen Pracht auftaucht. Zwei Dinge fallen bereits in diesem Abschnitt des Films auf: Godzilla befindet sich anfangs noch in einem frühen Stadium seiner Entwicklung, sein (mehr oder weniger) bekanntes Erscheinungsbild manifestiert sich erst im Laufe der Zeit. Und: „Shin Godzilla“ mutet über weite Strecken wie eine Dokumentation an, beispielsweise indem Name und Funktion verschiedener Personen eingeblendet werden und ein Teil des Materials den Anschein erweckt, es handle sich dabei um Amateuraufnahmen oder Bilder aus „Bodycams“. Ob solche Stilmittel auch in älteren japanischen Godzilla-Streifen zum Einsatz gekommen sind, entzieht sich meiner Kenntnis; jedenfalls fühlt sich diese pseudo-dokumentarische Herangehensweise sehr modern an und passt vor allem auch ausgezeichnet zur Intention des Films.

Das führt mich direkt zum nächsten Punkt, der, sofern man sich darauf einlässt, das Gefühl des Realismus noch verstärkt: Dass es so etwas wie Godzilla gibt, wird hier weder als normal hingenommen, noch spielen Erklärungsversuche für die Herkunft eines solchen Monsters eine zentrale Rolle. Heißt: Im Gegensatz zu den meisten anderen Filmen dieser Art (inklusive der amerikanischen Varianten) wird das Monster von den Verantwortlichen als eine Art Naturkatastrophe gesehen. Einer solchen Herr zu werden mag teilweise gelingen, im Wesentlichen sind derartige Gewalten aber meist unaufhaltsam und man kann nur versuchen, die Schäden so gering wie möglich zu halten. Diese Sicht auf die Riesenechse ist – zumindest für mich – völlig neu und führt letzten Endes zu einem erfrischend anderen Filmerlebnis: Was löst eine Katastrophe epischen Ausmaßes im Verwaltungsapparat eines Landes aus? Wie organisiert die Regierung Krisen- und Einsatzstäbe, welche Verluste verursacht ein solches Ereignis für die Menschen, aber auch für die Wirtschaft?

So gesehen ist das Genre die eigentliche Überraschung (und das Alleinstellungsmerkmal) von „Shin Godzilla“: Wir haben es hier mehr mit einem Katastrophen- als einem Monsterfilm zu tun. Dafür spricht auch, dass der Gigant sehr indifferent betrachtet wird – und das betrifft einerseits die Charaktere im Film, andererseits aber auch die Zuschauer:innen. Godzilla ist in dieser Inkarnation weder gut noch böse, er ist einfach da, hat zwar sein bekanntes und furchteinflößendes Äußeres, ist aber letzten Endes nichts anderes als ein Sinnbild für einen Unglücksfall. Positiv hervorheben möchte ich an dieser Stelle übrigens, dass „Shin Godzilla“ nicht der Versuchung erliegt, seiner Titelfigur auch nur annähernd Züge eines Helden zu verleihen, wie das ja in vielen Filmen des Franchise der Fall ist. Man kann ihn aber auch nicht hassen – es ist also durchaus erstaunlich, wie gut es dem Drehbuch gelingt, einer dermaßen bekannten Figur einen völlig neuen Charakter zu verpassen.

Japanische Krisenpolitik im Fokus.

Apropos Drehbuch: Godzilla ist in diesem Werk nicht nur eine spektakuläre, sondern auch eine höchst wandlungsfähige Katastrophe, was letzten Endes der sich 2011 laufend ändernden Situation im Kernkraftwerk Fukushima entspricht. Mit diesem Kniff gelingt es Regisseur und Drehbuchautor Hideaki Anno in aller Deutlichkeit zu zeigen, wie hilflos ein schwerfälliger Staats- und Verwaltungsapparat einer Katastrophe unvorstellbaren Ausmaßes gegenüber steht. Wir sehen, wie die Entscheidungsträger:innen zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Politik hin- und hergerissen sind, wie sie zaudern und zögern, aber auch, wie sie gelegentlich durchaus im Sinne der Menschen handeln. Wir sehen ferner, wie klein und hilflos unsere Spezies gegenüber den Mächten der Natur ist – und was passieren kann, wenn wir diese manipulieren und glauben, das auch noch kontrollieren zu können. Ob Godzilla nun für eine menschengemachte oder eine Naturkatastrophe steht, scheint mir dabei nebensächlich zu sein, die Krux ist, dass das Leben von Millionen in einem solchen Fall von Menschen abhängt, die es nicht gewohnt sind, Entscheidungen ohne Blick auf den nächsten Wahltermin zu treffen. So gesehen könnte Godzilla auch gut für Covid-19 stehen, aber das würde hier zu weit führen…

Fazit: Empfehlenswert!

„Shin Godzilla“ hat zwei Vorzüge – einerseits die neuartige Herangehensweise an eine alt-ehrwürdiges Genre, andererseits seine Entsprechung in den Katastrophen unserer realen Welt und wie unsere Poltiker:innen damit umgehen. Im Übrigen – und das habe ich noch überhaupt nicht erwähnt – verfügt der Film über gute Schauspieler und schöne Effekte, wobei man bei letzteren definitiv keine US-Maßstäbe anlegen darf, sondern sich auf für uns übertrieben wirkende Fernost-Explosionen & Co. einstellen sollte. Nicht vergessen darf man außerdem, dass ein sehr starkes Drehbuch die Spannung praktisch durchgehend hoch hält.

Eineinhalb Kritikpunkte möchte ich auch nicht unter den Tisch fallen lassen: Am meisten hat mich tatsächlich das Aussehen von Godzilla gestört. Grundsätzlich durchaus gelungen, verstehe ich nicht, warum man dem Monster so merkwürdige, wie Fremdkörper wirkende Arme verpassen musste. Das passt aus meiner Sicht überhaupt nicht. Der halbe Kritikpunkt geht an das Finale: Der Film endet sozusagen im Nirgendwo, freilich nicht ohne das deutlich sichtbare Versprechen auf eine Fortsetzung. Das war so wohl auch zu erwarten, aber hier ist es – im Gegensatz zu ähnlichen Werken – tatsächlich so, dass wir einen bewegungsunfähigen Godzilla mitten in Tokio stehen sehen, bevor der Film abbricht. Das ist relativ unbefriedigend, würde ich sagen. Abgesehen von diesen kleinen Kritikpunkten ist „Shin Godzilla“ für mein Dafürhalten aber durchwegs sehenswert.

Gesamteindruck: 6/7


Originaltitel: シン・ゴジラ.
Regie:
Hideaki Anno
Drehbuch: Hideaki Anno
Jahr: 2016
Land: Japan
Laufzeit: ca. 120 Minuten
Besetzung (Auswahl): Rando Yaguchi, Hideki Akasaka, Kayoko Ann Patterson



FilmWelt: Tusk

Ich bin wahrlich kein Spezialist, was die Beatles betrifft – allerdings weiß ich, dass ihr Song „I am the Walrus“ (1967) sich teilweise auf das Gedicht „Das Walroß und der Zimmermann“ aus der „Alice im Wunderland“-Fortsetzung „Alice hinter den Spiegeln“ (1871, Lewis Carroll) bezieht. Was das mit vorliegendem Film aus dem Jahr 2014 zu tun hat? Der leidlich bekannte Song nichts, wobei ich mich frage, warum er im Soundtrack nicht auftaucht – dort hätte er eigentlich gut hingepasst.

Gesamteindruck: 4/7


„Wer will schon ein Mensch sein?“

Der Zusammenhang zwischen „Tusk“ und besagtem Gedicht ist, sieht man von einem kurzen Zitat ab, eher metaphysischer Natur und bezieht sich wohl vor allem auf die Absurdität, die beiden Beiträgen zugrunde liegt. So soll die Idee zu vorliegendem Film in einem Podcast von Regisseur und Drehbuchautor Kevin Smith (u. a. für die „Masters of the Universe“-Variante „Revelation“ verantwortlich) entstanden sein. In der SModcast-Folge „The Walrus and the Carpenter“ sprachen Smith und sein Co-Host Scott Mosier über eine Kleinanzeige, in der ein mietfreies Zimmer angeboten wurde – sofern sich etwaige Interessent:innen bereit erklärten, sich als Walross zu verkleiden. Ob diese Anzeige tatsächlich real existiert hat, entzieht sich meiner Kenntnis – jedoch ist diese Hintergrundgeschichte so absurd, dass sie schon wieder wahr sein könnte.

Worum geht’s?
Um ein Interview für seinen Podcast aufzunehmen, fliegt Wallace Bryton nach Kanada. Leider hat sein fix eingeplanter Gesprächspartner in der Zwischenzeit Selbstmord begangen, sodass der Podcaster gezwungen ist, nach Ersatz zu suchen. In einer kleinen Bar wird er schließlich fündig: Auf dem schwarzen Brett bietet ein geheimnisvoller Mann kostenlose Unterkunft an – sofern man bereit ist, seinen angeblich hochinteressanten Geschichten zu lauschen. Wallace beschließt, diese Gelegenheit beim Schopf zu packen und erfährt so unter anderem, wie ein Walross das Leben seines Gastgebers Howard Howe gerettet hat. Seither hat er eine regelrechte Besessenheit für diese Tiere entwickelt. Wie weit die geht, muss der überdrehte Podcaster bald schmerzlich erfahren…

„Tusk“ firmiert meist als Horror-Komödie. Ich will ganz ehrlich sein: Gelacht habe ich beim Ansehen dieser Produktion, die – wenig überraschend – nie ein Kino gesehen hat, eher selten. Es mag ein wenig Situationskomik geben und natürlich ist die Prämisse dermaßen absurd und überdreht, dass man zumindest darüber schmunzeln muss. Als Komödie würde ich „Tusk“ aber dennoch nicht bezeichnen, wobei die Zuordnung zu einem Genre generell schwierig ist. Body Horror trifft es wohl ganz gut, wobei es tatsächlich so ist, dass sich „Tusk“ deutlich weniger ernst nimmt als andere Genre-Vertreter. Im Endeffekt ist dem Werk jedenfalls ein Platz auf einer imaginären Liste der absurdesten und abstoßendsten Filme sicher.

Komödie oder nicht?

Für die Einordnung als Komödie sind meiner Ansicht nach vor allem zwei Punkte verantwortlich: Einerseits gibt es da zwei Podcaster, die sich über alles und jeden auf möglichst vulgäre Art lustig machen. Ich vermute, dass ich die falsche Zielgruppe bin, um das lustig zu finden – mich hat das überdrehte Gegacker daher mehr genervt als amüsiert, wie ich unumwunden zugebe. Interessanterweise ist ausgerechnet das, worüber junge Menschen im ersten Drittel von „Tusk“ mutmaßlich in Gelächter ausbrechen dürften, ein Punkt, an dem der Film durchaus Kritik übt: Die kaum vorhandene Grenze zwischen dem zwanghaft lustigen, überdrehten und arroganten Podcaster und dessen wahrem Ich. Für den Protagonisten führt das zu Beziehungsproblemen, die meiner Ansicht nach ein Thema sind, das mittlerweile eine ganze Generation beschäftigt und häufig auch belastet. Freilich bleibt „Tusk“ an dieser Stelle oberflächlich, dennoch ist lobend zu erwähnen, dass Kevin Smith sich dieser Problematik zumindest in Ansätzen annimmt.

Zweiter, angeblicher Humorfaktor: Johnny Depp. Mehr braucht man fast nicht zu schreiben, weil sich anno 2022 die meisten Leser:innen vorstellen können, wie das ewige Babyface hier agiert. Um es kurz zu machen: Depp mimt einen franko-kanadischen Ermittler, der seit Jahren herauszufinden versucht, was es mit immer wieder auftauchenden Körperteilen und seltsam verstümmelten Leichen auf sich hat. Ihren vermeintlichen Humor bezieht die Rolle aus dem Patentrezept, das seit mittlerweile 20 Jahren praktisch jeden Auftritt von Depp zu einer Variante von Captain Jack Sparrow (erstmals in „Fluch der Karibik“, 2003, gesehen) macht. In „Tusk“ kommt als zusätzliches Element der französische Akzent ins Spiel, was aber nichts an der Tatsache ändert, dass der eigentlich in angenehmem Tempo erzählte Film sich in jeder Szene mit Depp wie Kaugummi zu ziehen scheint. Meiner Meinung nach liegt das zu ungefähr gleichen Teilen am Charakter und am Schauspieler. Ersterer ist einfach nicht gut ausgearbeitet, zweiteren hat man schon viel zu oft so oder so ähnlich gesehen.

Bemühte Darsteller:innen.

Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet der mit Abstand bekannteste Darsteller den Gesamteindruck von „Tusk“ deutlich nach unten zieht. Bester Mann am Platz ist hingegen der 2017 verstorbene Michael Parks, am ehesten wohl durch eine Crossover-Nebenrolle in den Tarantino-Klassikern „From Dusk Till Dawn“ (1996) und „Kill Bill“ (2003) bekannt. Er verleiht dem mysteriösen Howard Howe trotz dessen Wahnsinns eine gepflegte und überaus intelligente Aura. Ich will jetzt nicht behaupten, dass das an Sir Anthony Hopkins‘ Hanibal Lecter heran reicht (dazu sind Drehbuch und Figur bei weitem nicht gut genug geschrieben), aber ganz daneben liegt man mit diesem Vergleich auch nicht. Es ist jedenfalls ein Vergnügen, Parks bei der Arbeit zu beobachten.

Die Hauptrolle spielt der mir persönlich unbekannte und laut Filmografie auch bislang kaum Oscar-verdächtige Justin Long (ich frage mich übrigens, was er gedacht hat, als er erstmals das Drehbuch von „Tusk“ in Händen hielt). Der macht seine Sache im Rahmen der Möglichkeiten, die ihm das Drehbuch bietet, überraschend ordentlich. Am Anfang trifft er mit seinem überdrehten Gehabe den Zeitgeist des Influcencertums ganz gut, auch wenn mich persönlich diese Art zu sprechen und sich zu geben – wie oben erwähnt – ziemlich nervt. Später im Film wird er vom Täter (naja, eigentlich eher vom Voyeur) zum Opfer und bringt für mein Dafürhalten die Verzweiflung ob seiner schrecklichen Lage durchaus überzeugend zum Ausdruck. Vor allem, weil ihm im Verlauf der Handlung dafür nur seine Mimik bleibt, alles andere verschwindet unter einem grotesken Walross-Outfit. Die weiteren Nebenrollen (gespielt von Génesis Rodríguez und Haley Joel Osment) sind nicht der Rede wert, tun aber immerhin nicht weh – und damit habe ich zu den Darsteller:innen auch schon viel mehr gesagt, als ich nach dem Ansehen von „Tusk“ erwartet hätte.

Verstörendes Martyrium.

Wer das berühmt-berüchtigte „The Human Centipide“ (2009) kennt, kann sich ungefähr vorstellen, wie sich „Tusk“ anfühlt. Im Gegensatz zum umstrittenen Streifen aus den Niederlanden weist Smith‘ Werk allerdings merklich höhere production values auf – das aber nur als Randnotiz, von einem Film, der für ein nennenswert großes Publikum interessant ist, kann man weder hier noch da sprechen. Was in beiden Titeln allerdings glaubhaft rüberkommt: Das äußerst ungute Gefühl des völligen Ausgeliefertseins. Die Opfer befinden sich jeweils in der Gewalt eines völlig gestörten Individuums, das die Fähigkeiten besitzt, ihren Körper nicht nur zu verstümmeln, sondern ihn gleichzeitig am Leben zu erhalten und sie dabei auch noch in völlige Abhängigkeit und Hilflosigkeit zu bringen. Das hat schon per se etwas unglaublich Brutales, hier kommt dann aber noch die absurde und groteske Transformation in eine Art Tier hinzu, die nur den Körper, nicht aber das Denkvermögen betrifft. Ich glaube, genau deshalb fühlen sich diese Filme dermaßen unangenehm an – als würde man etwas sehen, das nicht nur auf Zelluloid verboten ist, sondern nicht einmal gedacht werden darf. Dass es dabei nicht sonderlich realistisch zugeht, ist eigentlich von zweitrangiger Bedeutung.

Wenn das Verstören des Publikums ein Ziel von Kevin Smith war, muss ich sagen, dass ihm das zumindest bei mir gelungen ist. Das Martyrium, das der unbedarfte Blogger bei seiner Transformation in eine Walross erleiden muss, mag lächerlich wirken – und doch ist es, wie so häufig beim Body Horror: Hier steht kein Fantasiegeschöpf, kein Alptraum und kein böser Geist im Mittelpunkt, sondern ein Mensch erleidet bei vollem Bewusstsein ein schlimmes Schicksal. Und das sorgt für Übelkeit und Horror, zwar auf andere Art wie die klassische Geistergeschichte – aber dennoch verfehlt der Film das Ziel, Unbehagen auszulösen, nicht.

Besser als man ihn finden sollte.

Als Fazit bleibt mir zu sagen, dass für mich ein Film selten so schwer zu rezensieren war wie „Tusk“. Gleichzeitig muss ich tatsächlich zugeben, dass ich ihn deutlich besser finde, als ich eigentlich „darf“. Die Gründe: Das Grundtempo passt, Schauspieler und Drehbuch sind weitgehend in Ordnung, die Prämisse ist ungewöhnlich und auch die Spannung kommt nicht zu kurz. Klar, das hier ist kein Material für Oscar und Golden Globe und dürfte für ein eher kleines Publikum überhaupt in Frage kommen. Im Endeffekt ist es aber trotz allem ein durchaus unterhaltsamer Film, den ich als leidlich gelungenes Experiment abheften möchte. Und: Wenn Johnny Depp nicht wäre (oder sein Charakter anders angelegt wäre), hätte es eventuell sogar einen Punkt mehr geben können.

Gesamteindruck: 4/7


Originaltitel: Tusk.
Regie:
Kevin Smith
Drehbuch: Kevin Smith
Jahr: 2014
Land: USA
Laufzeit: ca. 100 Minuten
Besetzung (Auswahl): Michael Parks, Justin Long, Haley Joel Osment, Genesis Rodriguez



FilmWelt: Eat

Ich hab mich zum Fressen gern!

Ich habe selten einen Film mehr gesehen, bei dem ich mich so sehr zum Hinschauen überwinden musste, wie bei „Eat“ (2014). Dabei sind die Splatter-Szenen, in denen die Hauptfigur an ihren eigenen Gliedmaßen herumnagt, gar nicht so häufig; wenn sie aber eingesetzt werden, dann in einem Maß, das an die Grenzen dessen stößt, was ich persönlich ertragen kann. Leider ist das letzten Endes aber alles, was „Eat“ leistet (wenn man das überhaupt eine „Leistung“ nennen mag).

Gesamteindruck: 2/7


Fleischeslust.

Wie so oft stellt sich auch bei vorliegendem Werk die Frage, was der deutschsprachige Verleih mit der Wahl des Titels ausdrücken wollte. Den Film wortgetreu und durchaus sinnig (was ja nicht immer möglich ist) als „Essen“ zu bezeichnen, war offenbar zu naheliegend, daher blieb man bei „Eat“, stellte dem aber ein „Ich hab mich zum Fressen gern!“ als Untertitel zur Seite. Der Sinn dieser Aktion erschließt sich mir nicht, suggeriert die launig klingende Subline doch einen gewissen Humor. Der geht dem Film meiner Ansicht nach jedoch weitgehend ab; zumindest glaube ich nicht, dass er als Komödie gedacht war, wenn doch, ist das gründlich danebengegangen. Und das ist nicht das einzige Problem, wie wir im Folgenden sehen werden…

Worum geht’s?
Novella McClure ist eine von unzähligen jungen Frauen, die sich nach einer Karriere als Schauspielerin sehnen. Trotz aller Bemühungen und regelmäßiger Teilnahme an Castings wurde sie nach drei Jahren in Los Angeles allerdings noch nie für eine Rolle gebucht. Mittlerweile beginnen sich die Rechnungen zu stapeln. Und dann stellt die Verzweifelte zu allem Überfluss auch noch fest, dass sie Gefallen daran findet, Fleisch aus ihrem eigenen Körper zu essen…

Im ersten Moment klingt die Story, die uns Regisseur und Drehbuchautor Jimmy Weber in „Eat“ erzählen möchten, nach brauchbarem Stoff: Hollywood hat viele große Karrieren geschaffen, doch für jeden Marlon Brando, Brad Pitt und Leonardo DiCaprio gibt es tausende Novella McClures (hier könnte wohl auch der Name von Darstellerin Meggie Maddock stehen, die in der IMDB nicht einmal ein Foto hat), die auf der Strecke bleiben und über die niemand spricht. Der Glamour von Los Angeles hat also durchaus seine dunklen Seiten und man kann sich zumindest vorstellen, welchen physischen und psychischen Traumata und Belastungen speziell junge Frauen dort ausgesetzt sein müssen. Vor allem dann, wenn sie sich von den Verheißungen der Traumfabrik blenden lassen und nicht rechtzeitig erkennen, dass es nur ein verschwindend geringer Bruchteil nach ganz oben schafft.

Keine klare Botschaft.

Meiner Wahrnehmung nach hätte „Eat“ eine Metapher für all das sein sollen. Die Wirklichkeit sieht freilich anders aus: Sollte dieser Film tatsächlich eine tiefgründige Botschaft haben, kommuniziert er sie so ungeschickt, dass man eigentlich annehmen muss, es gäbe keine. Es gibt zwar zaghafte Andeutungen, dass ein Gutteil der Porno-Industrie aus jenen gescheiterten Schauspieler:innen hervorgeht – und auch dem Schönheitswahn von Hollywood wird alibihaft ein kleines Plätzchen eingeräumt. Diese durchaus kritikwürdigen Ansätze sind aber bei weitem kein zentrales Thema von „Eat“. Zumindest habe ich es nicht so empfunden, vielleicht auch deshalb, weil der Komplex „Hollywood und die Suche nach dem Glück“ hierzulande eher ein Nischendasein führt, was die Identifikation mit den Figuren letzten Endes deutlich erschwert.

Aber was ist „Eat“ dann eigentlich? Nun, für mein Dafürhalten ist dieser Film nichts anderes als der Versuch, mit explizitem Body-Horror zu schocken. Das gelingt durchaus, mehr passiert hier aber nicht. Wobei man es unfair wäre, zu behaupten, die unblutigen Szenen wären samt und sonders für die Tonne – sie werden letztlich aber fast vollständig von wenigen, dafür umso ekelhafteren Einstellungen, zugedeckt. Ein wenig erinnern Machart und Handlung – nicht jedoch die Atmosphäre – im Übrigen an den französischen Beitrag „In My Skin“ (2003), wobei die Darstellung des selbstverletzenden Verhaltens in „Eat“ deutlich brutaler ausfällt. Aber auch bei „In My Skin“ musste man sich teilweise zwingen, die Augen auf dem Bildschirm zu halten.

Merkwürdige Synchro.

Bevor wir zum Fazit kommen noch kurz zur Aufmachung: „Eat“ verfügt über einen halbwegs gefälligen, mir aber fast ein bisschen zu zwanghaft auf hip (bzw. das was Anfang der 2010er wohl hip gewesen ist) getrimmten Soundtrack. An der Kameraarbeit gibt es nichts auszusetzen, die Effekte sind ebenfalls weitgehend ok, auch, wen man sich manchmal fragt, wie sich der Regisseur die menschliche Anatomie wohl vorstellt.

Ein Punkt, den ich aber nicht unter den Tisch fallen lassen will und der sogar das erste ist, was beim Genuss der deutschsprachigen Fassung von „Eat“ auffällt: Die Synchronisation ist sehr merkwürdig, macht fast den Eindruck, hier wäre keines der großen Studios am Werk gewesen. Teilweise sind die Sprecher nicht nur schlecht gewählt (die Stimme des Psychologen Dr. Simon passt überhaupt nicht), sondern sie intonieren ihre Zeilen auch eher semi-professionell. Will sagen: „Eat“ hört sich nicht natürlich an, sondern man merkt deutlich, dass hier synchronisiert wurde, was bei einer professionellen Arbeit nur selten der Fall ist. Und das hat gar nicht so viel mit den teils dümmlichen Dialogen zu tun, die werden wohl im Original auch nicht viel besser sein… 😉

Fazit: Sollte es in „Eat“ eine Botschaft geben, die über leichte Andeutungen hinausgeht, hat mich diese nicht erreicht. Im Gegenteil, ich fand den Film zwar einigermaßen düster, letztlich aber viel zu dünn, um eine ordentliche Punktzahl springen zu lassen. Wer auf extremen Body-Horror steht, kann einen Blick riskieren, wird aber eventuell enttäuscht sein, weil die entsprechenden Szenen nur einen Bruchteil des Films ausmachen. Alle anderen müssen nicht unbedingt einschalten, neue Erkenntnisse sind hier nicht zu erwarten und auch der Unterhaltungswert ist eher gering einzuschätzen.

Gesamteindruck: 2/7


Originaltitel: Eat.
Regie:
Jimmy Weber
Drehbuch: Jimmy Weber
Jahr: 2013
Land: USA
Laufzeit: ca. 90 Minuten
Besetzung (Auswahl): Maggie Maddock, Ali Francis, Jeremy Make, Dakota Pike